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Karoline Stahl – Verlust und Ersatz.

Erzählung

aus: Inländisches Museum, Herausgegeben von Carl Eduard Raupach, Johann Joachim Christian Schünmann Verlag, Dorpat, 1821, S. 80ff.

Theodor war von der Wiege an ein Günstling des Geschickes. Von reichen, angesehenen Eltern geboren, im Ueberflusse auferzogen, geschmeichelt von Allen die ihn umgaben, schützten ihn nur seine Herzensgüte und sein Ehrgefühl vor der Verdorbenheit, die nur zu oft das Loos der Jünglinge ward, die sich in einer Lage der seinigen gleich, befanden. Das schönste Mädchen der Stadt wurde seine Braut, und im Rausche des Glückes versetzte der Ueberseelige sich unter die Götter. Eine kurze Entfernung von Julien schien ihm eine Ewigkeit zu seyn, und so kehrte er jetzt nach einer Jagdparthie, die ihn auf einige Tage aus ihrer Nähe gezogen, mit sehnsüchtiger Hast zurück. Ehe er noch das elterliche Haus betreten hatte, flog er zu ihr. Er ging in ihr Zimmer wie sonst, aber ernst trat ihm die Mutter entgegen und verlegen und kalt grüßte Julie aus der Ferne. Er war sich keiner Schuld, die eine so ungeheure Aenderung hervorbringen konnte, bewußt, desto tiefer schmerzte ihn dieser Empfang. »Mein Mann wünscht Sie zu sprechen;« rief ihm die Geheimerathin zu, als er Julien, die das Zimmer verließ, nacheilte, um eine Erklärung zu verlangen. »Gehn Sie zu meinem Vater,« sagte die Braut mit kaltem Ton, der sein Inneres erstarren ließ und war schnell entschwunden. »Gott!« rief der Träumende, den jetzt der erste Schmerz ergriff, der das Sonnenlicht seines heitern Lebens trübte; »Gott, kann Julie so sprechen?« und in seinem Innern sprach es nach: ist sie es die mit inniger Liebe noch vor wenig Tagen an meinem Herzen lag, mit Betheurungen die mich zum glücklichsten Sterblichen erhoben? Ist sie es, auf deren unwandelbare Treue ich eine Welt gebaut hätte? – Er bemerkte kaum das verlegne, fremdhöfliche Betragen des Geheimenrathes, der von der Notwendigkeit sprach, die ihn jetzt zwinge, sein gegebnes Wort zurückzunehmen. Er wußte nicht, wie er aus dem Zimmer, aus dem Hause kam, und erwachte erst aus seiner starren Betäubung in der elterlichen Wohnung, von den lauten Ausbrüchen eines wilden Schmerzes der Mutter, die ihm entgegen stürzte. Da lag der Vater blaß und entstellt, und der Tod streckte schon die kalte Hand nach dem gewissen Raube aus. Theodor warf sich in verzweiflungsvoller Angst über den Sterbenden, der in seinen Armen das Leben verhauchte. Der reichste der großen Stadt war plötzlich der ärmste geworden, denn die Schulden überwogen jede Vorstellung und so hatte Juliens Vater nichts eiliger zu thun, als die beschlossene Verbindung zu zerreissen. Schonung war hier nicht nöthig, wo das Schicksal nicht schonte, und laute Verwünschungen der betrognen Gläubiger ertönten. Julie liebte nur Glanz und Ansehn, und wie diese von dem Verarmten schieden, schied auch ihre Liebe von ihm. Den Vater warf der Gram schnell auf das Krankenlager, das er nicht mehr verließ. Keiner der ausgesandten Boten hatte Theodoren, der fröhlich umherschwärmte, getroffen, und so kehrte dieser ohne Ahndung zurück, um in einer Stunde die Geliebte und den Vater zu verlieren. Was er noch verlor, konnte er nach diesem ungeheuren Opfer ruhiger ertragen. Aber bald folgte die zu tief ergriffne Mutter dem Gatten in das Grab nach, und dieser letzte Schlag der eisernen Hand des Geschickes rief den Träumenden ins Bewußtseyn zurück. Schaudernd blickte er um sich. Verlassen, verrathen und betrogen stand er einsam da, und jeder Augenblick gab seinem wunden Herzen neue Qualen, denn grausam ließen ihn die Menschen die Unvorsichtigkeit des Vaters empfinden, die diesen und mit ihm so viele Andere stürzte. Monate, die dem Glücklichen sonst unberechnet dahin geflogen, zogen nun langsam, mit schwerem Drucke über Theodors Haupt hinweg. Jede Stunde ließ ihn ihr Gewicht fühlen, und sein banger Blick sahe das Grab, seine letzte Zuflucht noch in unerreichbarer Ferne vor sich liegen. Am tiefsten verwundete die entsetzliche Täuschung sein Gefühl. Er konnte die Unwürdige nicht mehr achten, aber er konnte nicht vergessen, was seine ganze Seele erfüllt hatte. Der dumpfe Trübsinn, der ihn gefangen hielt, und den nur der stechende Schmerz qualvoller Erinnerungen unterbrach, ließ ihn nicht an seine Zukunft, nicht an das denken, wovon er künftig sein Leben fristen könne. Endlich kam mit dem letzten Thaler, den er sein nannte, auch die Besonnenheit ihm wieder. Er raffte sich empor, ergriff Hut und Stock, und eilte mit der Morgensonne durch die noch unbelebten Straßen dem Thore zu, und durch dieses hinaus in die Welt, die ausgebreitet vor dem Heimathlosen lag, und ihm nicht, wie sonst im rosigen Schimmer entgegen strahlte, sondern in eiskalten, grauen Nebelwolken umfloß. Mehrere Tage war er schon einsam fortgegangen. Es trieb ihn nur, sich so weit als möglich von der Vaterstadt zu entfernen. Er bedachte nicht, daß keine Kluft, sey sie noch so groß, die Erinnerung zurückhält, uns zu folgen, um uns zu quälen oder zu beseeligen. Eine drückende Sonnenhitze machte, dem Ermüdeten das Gehen fast unmöglich, und er suchte den Schatten des kühlenden Waldes und eine Quelle, den brennenden Durst zu stillen. Mehrere Stunden lag Theodor auf dem weichen Rasen hingestreckt; und lauschte dem Gesange der Waldvögel. Weich und wehmüthig ließ er die Bilder entflohener seeliger Tage, wie die der furchtbaren, vor seinem Innern vorüberziehen, und barg das Angesicht von glühenden Thränen übergossen, unter Blumen, die ungesehen hier erblühten und wieder starben. Schon rollte der Donner, es leuchteten Blitze durch dunkle Wolken, und es rauschten die Wipfel der hohen Bäume. Ein heftiger Donnerschlag und der strömende Regen erweckten Theodora. Er stand auf, um wo möglich eine menschliche Wohnung zu erreichen oder doch eine Scheune, im Nothfalle auch eine Höhle im Walde, da er aus diesem vielleicht nicht so bald einen Ausweg finden konnte. Die Größe desselben war ihm unbekannt, und er wußte den Weg nicht mehr zu finden, der ihn von der Heerstraße hierher geleitet hatte. Immer tiefer neigte sich der Tag, finster ward der Wald, den nur flammende Blitze erhellten. Theodor irrte umher, durchnäßt, schaudernd , glühend. Er hatte seit dem Morgen nichts gegessen, und selbst sein Frühstück, (eine vertrocknete Brodrinde) war so mäßig gewesen, daß es ihn nur vor der Gefahr des Hungertodes bewahrte, aber nicht sättigte. Das peinliche Gefühl der tiefsten Dürftigkeit, die ihm, selbst wenn er eine Herberge erreichte, jede Erquickung versagte, selbst ein bequemes Nachtlager, – erhöhte sein Leiden, und so, von Innen und von Außen bestürmt, brach er fast zusammen unter der Last, die auf ihn lag. Es mochte wohl tief um Mitternacht seyn, als Theodor, nachdem er lange auf einem Steine gesessen, sich endlich wieder aufraffte und weiter ging, denn der noch immer strömende Regen, den die durchnäßten Bäume auf ihn herabschütteten, ließ ihn hier keine Erhohlung finden. Er klagte in der Qual der Verzweiflung die Vorsehung der Grausamkeit an, und wünschte sehnsüchtig den Tod herbei, ihn von einem martervollen Leben zu erlösen. Der schwache Widerschein ferner Blitze, zeigte ihm endlich eine freie Aussicht. Der Wald hörte auf, und ein Dorf war in der Nähe, das der unglückliche Pilger mit großer Anstrengung erreichte. Aber in dem Wirthshause war jeder Winkel fast schon überladen von Fuhrleuten und Wanderern, die das Ungewitter hieher gejagt hatte, und dem Ankömmling wurde die Aufnahme versagt. Empört über die Härte des Wirthes, der ihn unbarmherzig zurückstieß, aber zu tief gebeugt, um noch neue Versuche bei den übrigen Bewohnern des Dorfes anzustellen, betrat Theodor den nahen Kirchhof, um hier, wo so viele ermattete Erdenwaller von der langen drückenden Schwüle ihrer Tage ruheten, auch ein Ruheplätzchen zu finden, sey es auch im Beinhäuschen, welches neben dein Eingange war. Er kroch auch wirklich unter die niedrige Bedachung, aber ein unerträglicher Modergeruch trieb ihn wieder hinaus bis zum Eingange der Kirche, wo er auf die steinernen Stufen niedersank, und endlich der Schlaf mitleidig sich seiner erbarmte, und ihn in tiefe Vergessenheit senkte. Die Morgensonne trocknete schon lange an der durchnäßten Kleidung des Schlummernden, und bestrahlte freundlich sein blasses Angesicht, um mit ihrer lieblichen Wärme die entflohenen Blüthen, die es sonst rosigt schmückten, wieder hervor zu locken. Endlich erwachte Theodor, und mit dem ersten Blick, den er umher warf, erwachten auch das klare Bewußtseyn seiner beängstigten Lage in ihm. Die Härte der Menschen, die er in dieser Zeit der bittern Prüfung tausendfach empfunden hatte, raubte ihm gänzlich das Vertrauen zu ihnen, und machte es ihm, um das Gefühl seiner Lage noch zu erhöhen, unmöglich, Zuflucht bei ihnen zu suchen, und ihnen seine oft schon angebotnen und immer unfreundlich zurückgewiesenen Dienste anzubieten. Langsam erhub er sich von dem Steinlager, dessen Härte er erst jetzt bemerkte, und warf das heiße, eingesunkne Auge irrend umher. Siehe, da stand unfern von ihm eine liebliche jugendlich blühende Mädchengestalt im Gewande der Trauer. Das zarte Roth ihrer Wangen färbte sich höher, als er sie erblickte, und sie nun, da er schwieg, gezwungen war, ihn anzureden, um ihm nützlich zu seyn. Lange schon war Alwine, die jeden Morgen das Grab der theuren Mutter, die hier seit wenigen Monden schlummerte, mit frischen Blumen schmückte, in der Nähe des Schlummernden, den sie mit Erstaunen hier bemerkt hatte. Was konnte ihn hieher geführt haben, wenn es nicht die Noth war, und daß diese es veranlaßt habe, ward ihr durch die lebhafte Erinnerung an die Schilderung, die ein junger Handwerksmann ihrem Vater vor kurzem von seinen ausgestandenen Drangsalen machte, nur zu wahrscheinlich. Doch schien die Kleidung und überhaupt das ganze Aeußere des jungen Wanderers, auf einen hohem Stand hinzudeuten. Sehnlich wünschte sie von ihm bei seinem Erwachen um Hülfe angesprochen zu werden, um ihm diese nach ihren Kräften zu gewähren. Doch Theodor schwieg, und so milde auch die Liebliche aus tiefblauen Augen mit seelenvoller Güte ihn anblickte, so hätte er hier am wenigsten über die Lippen bringen können, was ihn beängstete, und zu einem Gespräche anderer Art war seine Seele zu voll. Er neigte sich flüchtig, und ging schweigend an ihr vorüber. Der Ausdruck des Schmerzes, des tiefen Harmes, der aus seinem Auge sprach, und über sein Wesen sich ergossen, machte dem tieffühlenden Mädchen das stumme Scheiden zur Qual, und vermochte sie, ihre Schüchternheit überwindend, zu der leisen Frage: ob wohl das Ungewitter der verfloßnen Nacht ihn hieher geführt habe; dann, setzte sie eilig hinzu: im engen Wirthshause würde er wohl schwerlich ein Plätzchen haben gewinnen können. Die freundliche Rede, der Blick voll Güte, trafen Theodors Inneres wohlthuend. Er blieb und gestand, sie habe die Wahrheit getroffen. »So erlauben Sie denn«, sprach Alwine milde und bittend, »daß ich sie zu meinem Vater begleite, denn nach dieser entsetzlichen Nacht, die Sie unter freiem Himmel zubrachten, wird Ihnen die Ruhe und so Manches nöthig seyn, das Sie an diesem Orte vergebens suchen würden.« Dankbar neigte sich Theodor, aber sein Gefühl ließ sich nicht in Worte kleiden, und eine tiefe Rührung, die ihn ergriffen, machte ihm das Reden unmöglich. Seine holde Begleiterin führte ihn an das Ende des Dorfes in eine schöne ländliche Wohnung. Er betrat ein nettes, freundliches Zimmer, wo er Platz auf dem Sopha nehmen mußte, um von dem harten Lager auszuruhen. Geschäftig bereitete Alwine das Frühstück. Sie konnte nicht genug eilen, ihn zu erquicken, und es schmeckte ihm trefflich nach dem langen Fasten und den harten Entbehrungen, zu denen ihn die tiefste Noth gezwungen. Bald erschien auch der Vater. Eine zahlreiche Familie wohnte hier eingezogen, aber wie es schien, zufrieden. Nur der Verlust der Gattin und Mutter trübte diese Zufriedenheit, und täglich ward das Grab der Unvergeßlichen von den Ihrigen besucht und geschmückt. Theodor nahm die freundliche Einladung, hier einige Tage auszuruhen, dankbar an. Die Erinnerung an das Familienglück im elterlichen Hause erwachte in ihm; aber die unsäglich bittere Empfindung, daß es unwiderbringlich für ihn verloren war, besiegte die süße Wehmuth. Ach! sie deckte ja der Basen, die ihm so theuer waren, und – o schrecklicher Gedanke! – so manche Verwünschung betrogner Wittwen und Waisen, die ihr kleines Eigenthum vertrauungsvoll ihnen liehen, tönte, ihnen noch nach in die Stille des Grabes! Und Julie! – Die Wolke der Schwermuth, die über das Gesicht des Fremdlinge lag, das irrende Auge, das vergebens Etwas zu suchen schien, erregten lebhaft das Mitgefühl nicht allein in Alwinens Herzen. Auch der Vater wünschte, und aus bessern Gründen als aus blosser Neugierde, die näheren Verhältnisse des Leidenden zu kennen. Eine offne Aufforderung, den Zweck seiner Reise, wie seinen Namen zu nennen, ward Theodoren eines Tages mit Theilnahme und Herzlichkeit vorgetragen, und mit dem Anerbieten, ihm so nützlich als möglich zu seyn, begleitet. »Ich selbst,« fügte der brave Hausvater hinzu – »habe so viele und so bittere Erfahrungen gemacht, daß jeder Leidende mir um so inniger mit mir verbunden erscheint, und es meinen Herzen ein Bedürfniß geworden ist, zur Erleichterung seines Schicksals etwas beizutragen. Warme Theilnahme ist ja dem wunden Herzen auch wohlthätig. Ich ward von einem Freunde, auf dessen Rechtlichkeit und Klugheit ich eine Welt gebaut hätte, um mein ganzes Eigenthum betrogen, und sank von Reichthum und Ansehn, wie sie diese zu geben pflegt, plötzlich in die tiefste Dürftigkeit herab. Der Tod eines Verwandten, welcher bald nachher starb, und dessen Erbe ich wurde, gab mir dieses kleine Gut, das mich und die Meinen nun ernährt. Gram und Entbehrungen raubten mir die theure Gattin, und meinen Kindern die beste der Mütter. – »Aber«, setzte er nach einem wehmüthigen Schweigen hinzu: »Sie sagten mir ja, daß Sie aus D. kamen; der Fall des Falmerschen Hauses mit allen seinen Folgen muß ja Ihnen auch bekannt seyn. Was ward aus der Wittwe und dem Sohne? – Theodor schrack zusammen. Er stand auf und sprach von tiefem Schmerz ergriffen: »Die Wittwe folgte dem unglücklichen Manne nach. Der Sohn – irrt heimatlos umher. Ihn treffen die Verwünschungen aller Unglücklichen, die es durch den Sturz seines Glückes wurden.« – Eine brennende Röthe bedeckte jetzt seine erblichenen Wangen, und er suchte seinen Hut und Reisestab, um von einem Hause zu scheiden, wo er nur peinliche Empfindungen erregen konnte. Alwine senkte tiefer das Haupt, um die Thränen des wärmsten Mitgefühles zu verbergen. Es rührte sie innig, was er fühlte, und die peinliche Empfindung, die ihn nach dieser Entdeckung so sichtbar ergriff. Ihr Vater konnte nur in der ersten Aufwallung hart seyn. Seine angeborne Güte ließ ihn alles verzeihen. Schweigend verließ er nach Theodors Erklärung das Zimmer, um nicht, wider seinen bessern Willen, an dem Gaste die Schuld des Vaters durch unfreundliche Aeußerungen zu rügen. Der Scheidende nahte der Bewegten um ihr ein kurzes Lebewohl und seinen innigen Dank zu sagen. Eine heiße Thräne fiel von ihren glühenden Wangen auf ihre Hand, die er faßte. »Alwine!« rief er, von einem nie gekannten Gefühl ergriffen, beseelt von einer schönern, heiligern Empfindung, alt die leichte Liebe für Julie ihm je gegeben. »Alwine! diese Thräne erhebt mich wieder aus dem Nichts, in das ich mich herab gestürzt fühlte. Bessere Gefühle erwachen in meinem verödeten Innern, und mein gesunkener Glaube richtet sich mächtig empor. Sie sind der Engel, der mich mir selbst wieder giebt, und mich mit dem Schicksal versöhnt.« Verstummend deckte er ihre Hand mit Küssen, und floh dann von hinnen. Alle Wonnen und Schmerzen der Liebe wogten stürmisch in Alwinens Herzen, und sie eilte in den Garten, in die dunkelste Laube, um ungesehen weinen zu können. Ihr Vater, der indessen das Haus verlassen halte, und nachdenkend unter den Bäumen, die es beschatteten, wandelte, begegnete dem Fliehenden, welcher, ohne ihn zu bemerken, rasch an ihm vorüber eilen wollte. »Wohin?« rief er ihm zu, ihm den Weg vertretend. »Hinaus in die Welt«, entgegnete der tief bewegte Jüngling; – »hinaus aus dieser seeligen Wohnung des Friedens in die Stürme des Lebens! Ich fühle neue Thatkraft in mir erwachen, und die starre Unthätigkeit muß enden! Ich eile zur Armee. Vielleicht kann ich noch nützlich werden; vielleicht endet auch eine Kugel mein Leben.« – Bergmann schüttelte bedenklich das Haupt, »Junger Mann«, sprach er wohlwollend: »ich würde Ihren Entschluß nicht tadeln, wäre er die Folge reifer Ueberlegung und einer entschiednen Neigung für den Stand, den Sie wählen wollen. So aber ist er nur durch eine heftige Aufwallung entstanden, und zu spät würden Sie ihn bereuen. Folgen Sie mir und bleiben noch länger in meinem Hause. Ich werde alle meine Kräfte aufbieten, Ihnen zu Ihrem Fortkommen behilflich zu seyn. – »Großmüthiger, edler Mann«! rief Theodor, außer sich von den widersprechendsten Empfindungen, die in seinem Innern wogten. – »Ruhig, ruhig! sprach Bergmann, und besonnen, lieber Freund! Ich wäre ja hart und ungerecht, wenn ich jetzt noch in Ihrem Unglücke das meinige an Ihnen rächen wollte, an Ihnen dem Schuldlosen. Danken auch Sie der Vorsehung, die Sie aus dem Schooße des Glückes riß, um Ihr Herz durch Leiden zu veredlen und Sie zu zwingen, sich von einem vergnügungssüchtigen Müssiggänger zum nützlichen, thätigen Weltbürger zu erheben. – »Ich fühle es tief«, rief Theodor ergriffen, »ich fühle es tief, wie wenig ich es noch verdiente, glücklich zu seyn! Ich zürnte der Vorsehung, und ein thörigter Stolz vermehrte den Druck meiner unglücklichen Verhaltnisse. Blieben mir nicht Jugend, Gesundheit, selbst so mancherlei Kenntnisse, und ich irrte trostlos umher, ohne Muth das harte Schicksal je wieder versöhnen zu können! Lassen Sie mich nun gehen! Mit einem gebesserten, veredelten Herzen scheide ich von Ihnen, und das ist Ihr Werk!« – Er riß sich los, und stürmte fort. Er mochte wohl eine Stunde gegangen seyn, ohne irgend einen Gegenstand vor oder neben sich bemerkt zu haben, als ein lautes Halt! ihn aus seinen Träumen riß. Ein Wagen hielt an seiner Seite, aus demselben sprang hastig ein Mann, den er gestern im Bergmannschen Hause sahe. Theodor starrte den zu ihm Eilenden an, sich besinnend, woher er ihn kenne, denn sein Inneres war verworren. – »Wie freue ich mich«, sprach der Baron von Stein, Theodors Arm fassend – »wie sehr freue ich mich, Sie getroffen zu haben! Ich sah Sie gestern bei Bergmann; Sie verriethen so viel Neigung für die Landwirthschaft, so viele Kenntnisse in diesem Fache, daß heute in aller Frühe, als der plötzliche Tod meines hochbejahrten Gutsverwalters mich unangenehm überraschte, sogleich in mir der Wunsch erwachte, Sie in seiner Stelle zu sehn. Ich eilte deshalb zu Bergmann, in der Hoffnung, Sie noch in seinem Hause zu finden.« – Wer wie Theodor, von Geld und allen Aussichten entblößt, umherirrte, wird seine Empfindungen bei dieser plötzlichen überraschenden Hülfe der Vorsehung begreifen. Er fuhr mit dem Baron auf dessen Gut, und übernahm, freudig gestärkt durch diese Zeichen der Versöhnung seines Schicksales, mit Eifer seine neue Geschäfte. Er benahm sich so gut, daß er in kurzem der Liebling des Barons wurde, und, da der Gerichtshalter, ein bejahrter Mann, freiwillig seine Stelle aufgab, ward diese ihm zu Theil. Theodor hatte früher, aus Neigung eine Universität besucht, nicht ahnend, daß sein dortiger Aufenthalt, der, obgleich größtentheils dem Vergnügen gewidmet, doch nicht ohne Nutzen blieb, dem reichen Jüngling einst noch Früchte tragen würde. Diese glückliche, unerwartete Veränderung entflammte aber mächtiger in seinem Herzen seine Neigung zu Alwinen. Er glaubte nicht an ihre Liebe, nur an ihre himmlische Güte, die ihn auf ewig gefesselt hatte, die sich in jedem ihrer Blicke und Handlungen aussprach, und so deutlich im letzten Augenblicke dem Unglücklichen verrieth. Julie hatte ihn nicht geliebt, ihn furchtbar getäuscht. Das ließ ihn fürchten, auch bei Alwinen keine Gegenliebe zu finden, und nur dieser Güte, die ihn bezauberte, nicht aber ihrem Herzen eine freundliche Aufnahme danken zu müssen. Er betrat mit unruhig klopfendem Herzen das Bergmannsche Haus, um die edlen Menschen bekannt mit der glücklichen Wendung seines Schicksales zu machen. Der freundliche Empfang, die herzlichste Freude Aller bei seiner Erzählung bewährten ihm ihre innige Theilnahme, und eine süße Rührung erfüllte sein Herz. Alwine mied verschüchtert seine Blicke, um nicht die tiefe Bewegung, die sie bei seinem Anblick ergriffen, zu verrathen. Es ward Abend. Einsam wandelte Theodor unter blühenden Bäumen. Der milde Abendwind, überschüttete ihn mit ihren fallenden Blüthen, und kräuselte sie spielend umher. Vom See tönte noch der Ruderklang eines Nachen, und eine Flöte klagte im waldbekränzten Thale. Er blickte empor zum Sternen-Himmel, mit heiligem Dankgefühl.

Wie war es nun so anders mit ihm als im Lenze des vorigen Jahres; und doch lebte in seinem Herzen ein heißes, unbefriedigtes Sehnen. – Alwine trat ihm, seine Gegenwart nicht ahnend, entgegen. Schweigend ging er an ihrer Seite. Der aufgehende Mond erleuchtete die blasse Geliebte, und versilberte die Thräne, die das schönste Auge füllte. Wie ergriff ihre Rührung sein Herz! Vor ihnen lag der Kirchhof, in dessen Mitte die Mutter ruhte, und an ihrem Grabe suchte einst der Verlassene eine Schlummerstätte. Lebhaft stand die Erinnerung vor Beiden. »Alwine! rief Theodor, und faßte die Hand der lieblichen Gefährtin: ach, Alwine! Sie ahndeten nicht, Sie kannten nicht die furchtbare Größe meines Unglücks! Glaube, Liebe, Hoffnung hatten mich verlassen; konnte ich noch mehr verlieren? Was ist das Leben ohne diese festen Stützen in allen Bedrängnissen, die uns treffen! Sie, die mit himmlischer Güte mich mir selbst wiedergaben, die tief zerrissene Brust mit zarter Milde heilend! – Sie, die Schöpferin meines Glückes – werden Sie dem Verwegnen zürnen, ihn verwerfen, wenn seine stumme Liebe endlich Worte findet, um Ihnen sagen zu können, daß, ohne die Erfüllung seiner heißen Wünsche, es für ihn keine Zufriedenheit giebt, und die Erde ihm nichts bieten kann, ihm zu ersetzen, was Sie ihm versagen? Alwine senkte erbebend den thränenschweren Blick, und als sie ihn endlich mit holdem Erröthen zu dem Freunde erhub, zog dieser sie mit seeligem Entzücken an seine Brust.


Segnend umfing der Vater das glückliche Paar.

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