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Alexander Swietochowski – Er und Sie

Erzählung

aus: Polnische Erzähler, Eine Anthologie der neueren polnischen Erzähler, zusammengestellt und übersetzt von B. Rogatyn, Verlag von J. Otto, Prag, 1904, S. 383-402


I.

»Sie täuschen sich, gnädige Frau. Unzweifelhaft hat es bis heute keinen Menschen gegeben, der die Wahrheit seiner Überzeugungen niemals durch eine Lüge oder durch Schweigen verhüllt hätte. Ich will noch weiter gehen; es hat keine Mutter gegeben, die es gewagt hätte einen solchen Menschen zu gebären.«

»Ich wäre die erste, es zu wagen.«

»Ebenso wie ich Rothschild’s Vermögen unter die Armen verteilen möchte. Sie opfern leicht, was Sie nicht besitzen, was Ihnen nicht ans Herz gewachsen ist: das Kind. Solchen Versicherungen kann man nur Glauben schenken, wenn sie nicht Opferwilligkeit auf fremde Kosten bedeuten.«

»Welch seltsame Übertreibung!«

»Durchaus keine Übertreibung, wenn anders es Ihnen nicht gleichgültig wäre, ob Ihr Kind an dem Dunst des Weihrauchs oder am Galgenstrick erstickte. Übrigens kann man das leicht durch ein Beispiel erproben. Denken wir uns, daß Sie ein kleines Söhnchen haben, welches den einen Ihrer Gäste fragt, wie er sich seine Perrücke befestigt, dem anderen seine aufgeknöpfte Weste zeigt und dem dritten erzählt, wie Mama und Tante sich über seine Unbeholfenheit lustig machten – was machen Sie, wenn Sie diese aufrichtigen Bekenntnisse vernehmen? Sie schreien den Kleinen an, führen ihn aus dem Salon und verbieten ihm unter Androhung schwerer Strafen, ähnliche Reden zu führen. Gesetzt ferner, das Kind würde mit der Zeit ein Fabrikant, ein Kaufmann, ein Schriftsteller, ein Beamter, ein Feldherr, ein Minister und daß er dann anfängt zu Seinesgleichen, zu Geringeren und zu höher Stehenden die Wahrheit zu sagen. Was wird aus ihm werden? Als Kaufmann wird er seine Kunden verscheuchen, als Beamter seine Stellung verlieren – vielleicht noch etwas mehr. Er würde zugrunde gehen, bevor er noch eine ausgesprochene Haarfarbe bekäme. Ich sage ihnen, daß, wenn ich Assekuranzbeamter wäre, ich sein Leben nicht versichern würde. Solch ein Mensch ist ein Wolf, den ein jeder zu jeder Zeit und überall töten und noch eine Prämie dafür fordern darf.«

»Natürlich, wenn er alle beleidigen würde ...«

»Was heißt beleidigen? Ihm würde nicht Boshaftigkeit, sondern Aufrichtigkeit den Mund öffnen. Und wenn er auch öfters irrte, wäre es seine Schuld, ungenügend unterrichtet zu sein? Aber er würde ja Ehre, Hab und Gut, Freiheit, Leben gerade wegen der gerechten Worte einbüßen. Sie, gnädige Frau, geben sich gar keine Rechenschaft davon, wie nothwendig die Lüge ist zur Erhaltung des sozialen Baues. Sie steckt so tief in der menschlichen Natur, daß sogar Moses es nicht gewagt hat, sie in seinen Zehn Geboten zu untersagen. Und das Gebot der gegenwärtigen Zeit hat Feuerbach vortrefflich ausgedrückt, dessen Worte ich niemals vergessen werde: »Wer jetzt die Wahrheit spricht, der ist frech und verstößt gegen die Sitte, wer gegen die Sitte verstößt, ist unmoralisch. Die Wahrheit ist die Immoralität unserer Zeiten.« »Wenn ich eine Hand voll Wahrheiten hätte,« sagt Fontenelle, »würde ich mich fürchten, sie zu öffnen.« Ja, so, gnädige Frau, das ist kein Paradoxon.«

»Wenn aber eines Tages alle Menschen anfangen würden, einander die Wahrheit zu sagen ...«

»Wissen Sie, was daraus entspränge? Eine Revolution, und zwar eine allgemeine. Ein heftiger Kampf zwischen Familien, Freunden, Bekannten, Untergebenen und Vorgesetzten. Wenn es einmal dahin käme, möchte ich Ihnen raten, abzureisen und in der Ferne zu warten, bis der Sturm sich legt.«

»In dem, was Sie sagen, liegt mehr Humor als Wahrheit.«

»Durchaus nicht. Ich versichere Ihnen, daß Sie selber keine volle Stunde aushalten würden, die Wahrheit über ... sich selber zu hören.«

»Bitte, sagen Sie, was Sie denken.«

»Gehen Sie mit dem Beispiel voran, Gnädigste, Sie sind ja viel kühner als ich.«

»Gut, aber ich bitte um Nachsicht.«

»Ich werde mich zu überwinden wissen.«



II.

»Als ich Sie zum erstenmale sah, machten Sie mir den Eindruck eines Spans, den man ins Feuer legen muß, um sich zu überzeugen, ob er Harz enthält und brennen kann. Ohne die Erklärungen von Seiten der Bekannten würde ich mich über Ihre Frau gewundert haben, daß sie sich einen solchen trockenen Lebenspräparat auserwählt hat. Gewöhnlich öffnet die erste Tür zu unserem Herzen einem jeden der äußere Anblick. Wem die Augen Halt gebieten, der muß schon das Tor mit Gewalt zu erbrechen suchen. Sie aber erschienen mir sehr häßlich. Die Frau ist gewiß weniger sinnlich veranlagt als der Mann, aber weit sensibler als er. Daher kommt es, daß nicht nur einem gewöhnlichen Schäfchen, sondern auch einer vernünftigen Emancipierten im ersten Augenblick ein schöner und prächtiger Widder besser gefällt. Das dauert sehr kurz, aber es äußert sich stark. Sie sind zu hager, zu gelb, haben zu dünnes Haar und zu rothe Hände, als daß Sie einer Frau vom Sehen gefallen könnten.«

»Da wir die Wirkungen der gesprochenen Wahrheit erproben, muß ich eingestehen, daß, obgleich ich in Bezug auf meine äußere Erscheinung niemals Illusionen gehegt habe, mich doch Ihre Worte sehr schmerzlich verletzen.«

»Schämen Sie sich!«

»Bitte, nur weiter.«

»Zu einem Ihrer Freunde riefen Sie, auf mich weisend, aber so unvorsichtig, daß es jemand hörte: Wenn man sie in die Lotterie setzen würde, ich würde ein Los kaufen und wünschen, zu gewinnen. Eine Frau ist wie ein Eichhörnchen, knackt die härteste Nuß, holt sich das wohlschmeckende Körnchen und wirft die Schale fort. Obgleich also ihre Bemerkung brutal war, hab ich sie doch mit Vergnügen in Erfahrung gebracht und in mir entstand der Wunsch, Sie kennen zu lernen. Nach dem Essen setzten Sie sich zu mir und hatten auf dem Bart ein Stückchen Mohrrübe. Sie können lachen, ich lache ja auch darüber, aber dieser Speiserest auf Ihrem Bart stimmte mich wieder boshaft. Alles, was Sie sprachen, kam mir drollig vor, und als Sie sich entfernten, fragte ich die Hausfrau: Hat denn der keine Serviette gehabt? Doch – antwortete sie – aber das ist ein Stück Philosoph. Ein Philosoph mit der Mohrrübe. Ist das nicht köstlich?«

»In der Tat ...«

»Diese Erinnerung ist nicht nach Ihrem Geschmack, aber ich soll ja aufrichtig sein. Nebenbei will ich bemerken, daß Sie jetzt, da in Ihren Mienen Unzufriedenheit und gespielte Heiterkeit gegen einander ankämpfen, wahrhaft bemitleidenswert aussehen. Einige Wochen später trafen wir auf dem Landsitz meiner Schwester zusammen. Ich weiß nicht, ob Sie sich noch erinnern, wie wir in zahlreicher Gesellschaft einen Spaziergang nach dem Walde machten, wo ein Bienenschwarm hauste. Man stritt, ob es gefährlich wäre, die Bienen zu reizen, und Sie wollten uns vom Gegenteil überzeugen und schüttelten den jungen Baum, auf dem sie saßen. Ein Teil des Schwarmes stürzte sich auf Sie. Als ich Ihre Sprünge sah, und wie Sie unter verzweifeltem Schreien sich bei den gestochenen Stellen anfaßten, lachte ich so, daß ich mehr Tränen vergoß, als jemals vor Freude. Ganz angeschwollen liefen Sie nach dem Edelhofe, aber ein Schäferhund bemerkte Ihre Flucht und setzte Ihnen nach. Wieder gab es einen komischen Kampf, der damit endete, daß der Hund mit einem Fetzen schwarzen Tuchs zu seinem Herrn zurückkehrte, während Sie weiter gingen und die schimmernden Spuren der Niederlage an Ihrer Kleidung forttrugen. Ach, wie schrecklich kicherte ich damals. Hätte man Ihnen Denkmäler in allen fünf Weltteilen errichtet, ich würde nicht aufgehört haben zu lachen, obgleich ich Abends zusammen mit den anderen Anteilnahme heuchelte.«

»Während unserer ganzen Bekanntschaft haben Sie also nichts anderes an mir bemerkt, als das Stückchen Mohrrübe auf meinem Bart und die komischen Scenen mit dem Hund und mit den Bienen?«

»Keineswegs. Ich erzähle Ihnen bloß die Eindrücke, die der Anstand zu verbergen befiehlt. Im Gegenteil, ich gebe zu, daß ich auch andere wahrnahm. Als ich Sie nach langer Zeit wiedersah, war es im Konzert, und Sie saßen vor uns an der Seite einer schönen Frau. Sie unterhielten sich mit ihr viel und mit Interesse. Ich fing einige Sätze auf, die mich beschäftigten. Ich würde spanisch lernen, sagten Sie, wenn ich sicher wäre, in dieser Sprache ein wunderbares Gedicht zu finden, welches noch in keine andere Sprache übersetzt wurde. Ebenso würde ich die Liebe lernen, wenn ich meinte, durch ihre Vermittelung eine in kein anderes Gefühl bisher übersetzte Sensation zu erleben.

Es gibt gewisse feine Reize des Gefühls, erwiderte die Dame, die ebenso, wie gewisse Reize der Poesie nur im Original genossen werden können. Mag sein, antworteten Sie, aber lohnt es sich wirklich um eines einzigen Gedichtes willen eine Sprache und um einer einzigen Frau willen das Lieben zu lernen? Gewiß, war die Antwort. Zugegeben, sagten Sie, aber nur was die Bücher anbetrifft, denn diese wählen sich ihre Verehrer wenigstens nicht aus, sondern gehören allen in gleichem Maße, aber die Frauen ... Wenn ich mich zum Beispiel in Sie verliebte, was würde mir das nützen? Das Rasen und die vergeblichen Seufzer haben für mich keinen Reiz und auf Gegenliebe kann ich doch nicht rechnen, denn Sie haben ihr Herz gewiß an einen anderen verschenkt ... Leben Sie wohl, rief die Dame mit einem Lächeln, erhob sich und bot dem neben ihr sitzenden Greis den Arm. Sie beginnen den Inhalt eines Buches zu analysieren, das Sie nicht gelesen haben, und von dem sie kaum die Einbanddeckel kennen. Sie ging. Ich fragte Sie, wer das wäre. Schon geschieden, flüsterten Sie, und noch nicht verlobt. Aber immer gefährlich, sogar für Ehemänner, bemerkte ich. Darauf erwiderten Sie: Meine Frau liebt nur alle Heiligen im Himmel und alle Geistlichen auf Erden, ich aber gehöre jedenfalls nicht in diesen Kreis und achte seine Grenzen. Diese ihre unvorsichtige Äußerung verriet mir, wie weit Sie bei der schönen Unbekannten sogar der allernotwendigsten Zurückhaltung vergessen haben. In Ihren Augen glänzte der Widerschein inneren Feuers, die Stirn legte sich sinnend in Falten und auf den Lippen bebte zuweilen ein bitteres Lächeln. Ich verspürte Eifersucht.«

»Über wen?«

»Nach und nach ...«

»Bitte, gehen Sie meiner Frage nicht aus dem Wege.«

»Das werde ich auch nicht tun. Nach und nach gelang es mir, Sie zu beruhigen und zu interessieren. Wer auf die Klänge der Musik lauscht, bemerkten Sie heiter, während er mit einer schönen und klugen Frau spricht, der beleidigt die Kunst und tut so, wie einer, der auf eine Statue von Michel Angelo in seinem Salon eine Lampe hinstellt. Ich möchte gerne wissen, sagte ich etwas gereizt, ob ich in Ihren Augen eine häßliche und dumme Frau oder – eine Lampe bin. Die Gattinnen meiner Freunde, antworteten Sie, bilden für mich eine besondere Art von Wesen, ohne abstoßende Fehler und ohne anziehende Reize. Ich habe sie gern, aus Pflicht, auch wenn ich sie nicht aus Überzeugung gern haben mag. Oder – auch umgekehrt ... Zum Glück war mein Mann von der Symphonie in Anspruch genommen und schlug mit dem Fuße den Takt, sonst hätte er meine ungewöhnliche Aufregung wahrgenommen. Eine gewisse Art von intelligenten und angenehmen Männern kann, so lächerlich sie auch sind, wenn sie schweigend dasitzen, doch beim Sprechen und Bewegen sehr gefährlich werden. Und Sie sprachen damals bald leidenschaftlich, bald höhnisch, immer aber so berauschend, daß ich langsam vom Schwindel erfaßt wurde. Es gibt Männer, und zu dieser Sorte gehören Sie eben, die uns Frauen unaufhörlich hypnotisieren, häufig ohne bestimmten Zweck. Ihren Worten entströmt ein reizender, aber scharfer und betäubender Duft, dem die Frau nicht widerstehen kann. Sie haben mich damals nicht angegirrt, aber wenn Sie von mir beim Nachhausegehen verlangt hätten ... daß ich an meinen Mann vergesse, ich weiß nicht, ob ich die Kraft gehabt hätte, Ihnen zu sagen, daß Sie lügen, wenn Sie sich seinen Freund nennen.«

»Und was hat Sie kuriert?«

»Beinahe die ganze Nacht verbrachte ich mit Nachdenken und gelangte zu dem Schluß, daß wenn die Gesellschaft ihre einzelnen Mitglieder und deren Einflüsse auf einander genau kennen würde, sie verpflichtet wäre, Individuen wie Sie aus ihrer Mitte zu verbannen. Denn besser ist ein Fuchs als ein Moschustier, das an den Nasen zerrt. Ich war überzeugt, daß Sie die Frauen narkotisieren, ohne sie zu lieben, und daß Sie sich an ihrem Liebeswahn weiden, ohne sie zu begehren, wie Satan sich an der menschlichen Sünde erfreut. Trotzdem wünschte ich Sie sobald als möglich zu sehen. Und ich sah Sie, wieder in Gesellschaft der schönen Unbekannten. Als Sie meiner ansichtig wurden, verabschiedeten Sie sich von ihr. Ich war darüber sehr erfreut, und noch mehr, als Sie zu mir sagten: Sie fragten mich vor einigen Tagen, wer dieses schöne Wesen sei, nun das ist eine Encyklopädie der Pariser Romanwitze. Als ich mich damals nach dem Konzert von ihr empfahl, ging ich zu Ihnen. Heute erinnerte sie mich daran mit der Bemerkung, daß ein Mann, der einer fortgehenden Dame nicht nachblickt und ihr nicht einige Schritte folgt, damit beweist, daß er für sie nichts als Höflichkeit hat. Das ist reine Pariser Philosophie.«

»Wie genau Sie sich aber meine Worte gemerkt haben.«

»Ich war nämlich auf die Dame eifersüchtig ... Ihretwegen.«

»Meinetwegen? Danke schön.«

»Sie haben zum erstenmal meine Hand geküßt. Küsse sind algebraische Zeichen, denen man bestimmte Werte substituieren muß, damit sie etwas ausdrücken. Was Sie ...«

»Was ist Ihr Wunsch?«

»Was mein Wunsch ist ... während ich in Ihr versuchungsvolles Gesicht blicke, in Ihre flammenden Augen, und dabei eine wonnige Ohnmacht im ganzen Leib verspüre ...«

»So!«

»Nein! Ich will die Wahrheit nicht sagen. Lieber will ich mich Ihrer Regel unterwerfen, als ... Ich habe verloren. Mein Mann klingelt. Wie gut, daß er kommt.«



III.

»Es war nicht Ihr Mann; nur die Zeitung.«

»Schade!«

»Was droht Ihnen eigentlich?«

»Beschämung.«

»Worüber? weil Sie es nicht über sich bringen konnten, die ganze Wahrheit zu sagen?«

»Ich habe zu viel gesagt.«

»Ich will Sie beruhigen, indem ich mehr sage.«

»Um Gottes willen ... nein!«

»Ich bitte, mir das Sprechen nicht zu verbieten, da sonst unsere Unterhaltung ein gewöhnlicher Roman, aber kein psychologisches Experiment mehr wäre.«

»Mir gebricht es an Mut.«

Jetzt habe ich ihn allein nötig. Übrigens seien Sie ruhig. Das wird ein ganz unschuldiges heidnisches Johannisfeuerchen sein, über welches wir springen werden, ohne uns hinein zu stürzen. Ich werde Ihnen behilflich sein.«

»So?«

»Sie wundern sich? Sie dachten wohl, daß ich auf die Knie sinken und Ihnen meine Liebe bekennen würde, indem ich die Ihre entschuldige? Keineswegs. Sie sind für mich weder eine Göttin, noch eine Sünderin, sondern eine in der Lüge erzogene und durch Erfolge kühn gemachte Frau, die glaubte, ohne zu irren, das ganze Alphabet der Wahrheit hersagen zu können, aber schon bei den ersten Silben stecken geblieben ist. Ihre Andeutungen würden für einen Verführer genügen, um Ihnen ein wenig den Kopf zu verdrehen, aber nicht für mich, um Sie zu bewundern. Wenn aber meine Augen Leidenschaft verraten, so kann ich sie zunächst bändigen, sodann könnte vielleicht die Frau darüber triumphieren, aber die Gattin des Freundes darf ohne Furcht bleiben. Obgleich, wie Sie behaupten, meine Lippen ein entnervendes Bisam ausströmen, so habe ich mich doch Euch Frauen gegenüber niemals einer Hinterlist bedient, und die Unschuld habe ich nicht geliebt.«

»Das ist ein eigenartiger Geschmack.«

»Aber wohl begründet. Die Mehrheit der Frauen opfert sich, fehlt, bricht auf ganz naive, nichtbewußte Weise die eheliche Treue. Daher schmeckt jede verbotene Frucht fad oder bitter. Gewöhnlich nimmt der Roman folgenden Verlauf: Der Mann bestürmt, die Frau ergibt sich, aber nach jeder Attaque verfällt sie in Trauer und nach dem endgültigen Sieg in Verzweiflung. Sie fordert keck zum Zweikampf heraus, aber wenn der Gegner sie trifft und sie eine Wunde am Körper entdeckt, bricht sie in Tränen aus: ich habe nicht geglaubt, daß die Pistole geladen war. Ich bitte Sie, verlohnt es sich, mit einem Kinde sich zu schlagen, welches glaubt, daß in dem Lauf der Pistole sich ein Brotkügelchen befindet? Ebenso wenig lohnt es sich, eine Frau verliebt zu machen, die glaubt, die Liebe beginne mit einem Seufzer vor Zeugen und endige mit einem Seufzer ohne Zeugen? Auf allen Gebieten unseres Lebens werden die Wachteln von einem Haufen von Habichten erwürgt, die sich am liebsten auf ihre Beute stürzen, wenn diese am wenigsten gegen die Gefahr gerüstet ist. Das sind die tolerierten Diebe weiblicher Unschuld, die Pensionärinnen, selbständig gewordene Fräulein oder junge Gattinnen alter Männer um ihre Tugend betrügen. Die Opfer fallen, weil sie nicht wissen, daß ein Kuß nur die Begierde stachelt, aber nicht Befriedigung der Begierde gewährt, daß der Mann sich nur selten damit begnügt, Weine verschiedener Marken zu kosten, sondern meist ein Trinker ist, der den Kelch bis zur Neige leeren möchte.«

»Gut. Aber was hat das für eine Beziehung zu mir?«

»Nur eine ganz mittelbare. Ihr Herz könnte ich stehlen, aber ich will nicht. Sobald ich merke, daß eine Frau unter dem Eindruck wärmerer Worte unwillkürlich weich wird, nachgibt und zu einem Opfer bereit ist, nach dessen Vollziehung ihr die Schamröte ins Gesicht und die Vorwürfe ins Gewissen kommen werden, lasse ich sie stehen. Das ist ein Minderjähriger, der hundert Rubel braucht und dem Wucherer einen Schuldschein auf tausend ausstellt. Solche Geschöpfe, die ihre Männer im Waggon oder auf dem Dampfer verraten und dann aus Zerknirschung über die Sünde die musterhaftesten Frauen werden – können höchstens für Dummköpfe einen Reiz haben. Ich könnte eine Frau lieben und sie in der Liebe bis zum Äußersten führen. Aber eine, die genau wüßte, wohin die Reise geht und nicht reuevoll auf den durchmessenen Weg zurückblicken würde. Sie aber, gnädige Frau, gehören nicht zu diesen.«

»Natur hat mich längst erschaffen, Sie aber wollen mich noch einmal umschaffen.«

»Sie haben sich zu wenig ohne Spiegel beobachtet. Während Sie über die Mohrrübe auf meinem Bart so belustigt waren, beobachtete ich genau Ihre Worte, Ihr Lächeln und Ihre Metamorphosen. Auf demselben Ausflug, welcher mich der Lächerlichkeit preisgab, haben Sie Ihrem Cousin erlaubt, Sie gehörig zu beweihräuchern. Der Jüngling log wie ein Höfling. Er sagte z. B., daß Sie ihn an die Zmi- chowska1 erinnern, obgleich in Ihrem Wesen gerade so viel Poesie liegt, wie in jenem Vers-lein, welches Sie der Schwester ins Stammbuch schrieben, und welches der Anlaß zu jenem Vergleich war! Sie waren ihm dankbar, denn Sie halsten und küßten ... Ihren Gatten, der gerade bei diesem Kompliment hinzukam. Ich überzeugte mich damals, welch eine Menge überzuckerten und duftenden Blödsinnes eine verständige Frau vertragen kann, und wie billig sie diese Ware zu kaufen begehrt. Es hätte scheinen können, daß, nachdem Sie alle diese Artigkeiten und Komplimente von Ihrem Cousin in Empfang genommen, die gnädige Heimzahlung nur von der passenden Gelegenheit abhängen würde. Aber als er Sie abends auf dem Balkon ersuchte, doch länger mit ihm zu bleiben, antworteten Sie: »Seitdem ich meinem Gatten vor dem Pfarrer Treue zugeschworen habe, gedenke ich, keinem beim Mond Liebe zuzuschwören.«

»Das haben Sie gehört?«

»Der enttäuschte Cousin kehrte in das Zimmer zurück, wo wir beide übernachten sollten, und rief voll Entzücken: Ein göttliches Weib! Umgekehrt, bemerkte ich, ein menschliches. Sie spinnt das Liebesnetz nicht aus fest geschnürten Maschen, sondern aus zarten Knötlein, die man mit einem Zug lösen kann. Er wurde nachdenklich, aber er hat nachher gewiß meine Bemerkung vergessen, denn ein Beweis blieb in seinem weichen Hirn ebensowenig stecken, wie ein Nagel im härtesten Wasser.«

»Und was hatte ich nach Ihrer Meinung tun sollen?«

»Ihm sagen, entweder: Sie wollen mich in den Himmel erheben, damit ich beim Sinken das Gleichgewicht auf der Erde verliere? Das ist für Ihre Naivität gerade genug, aber für meine Besonnenheit zu wenig. Oder aber: Ich liebe Sie, ohne Illusion und ohne Scham.«

»Aber ich liebte ihn ja gar nicht.«

»Weder ihn, noch den Künstler, bei dessen Geigenspiel Sie vor Entzücken vergingen, noch nachher den Literaten, der seine aus Phrasen Slowacki’s und Musset’s geflochtenen Kränze zu Ihren Füßen legte, noch die anderen Verehrer, noch mich. Alle versetzten Sie bloß in einen süßen Halbschlummer, in dem der schweifenden Phantasie alles erlaubt ist, weil sie keine nachträgliche Strafe zu gewärtigen hat. Die Welt zieht die Frau nur für den Leib zur Rechenschaft, ihre Seele bleibt frei. Euere Herzen gleichen zuweilen einem gemeinsamen Weideplatz, der Jäger kann dort etwas erbeuten und der Ochse einen Bissen Nahrung für sich finden.«

»Auch mein Herz?«

»Der bloße Gedanke, daß ich es so meinen könnte, hat Sie erbleichen lassen. Nein, das wollte ich nicht sagen, obgleich mich die Wolke auf dem Antlitz einer Frau ergötzt, die soeben noch überzeugt war, vor keinem blendenden Sonnenstrahl das Auge schließen zu müßen. Warum Sie, gnädige Frau, warum Sie so keck die Wahrheit herausforderten? Weil Sie überzeugt waren, daß ich mich Ihnen furchtsam mit einem Strauß von Schmeichelworten nahen würde, wofür Sie mich gerne mit einem bezaubernden Lächeln belohnen wollten. Sie schritten bisher durch ein Spalier von Verehrern, die nur Schreie der Bewunderung ausstießen, und nun zürnen Sie, daß der letzte in der Reihe mit seinen Stacheln Ihr Triumphgewand zerrissen habe. Das habe ich vorausgesehen. Solange die Frau einen falschen Zopf trägt, solange sie ihre Gedanken durch die Rede, ebenso wie die Formen ihres Körpers durch die Kleidung fälscht, kann sie die Wahrheit nicht lieben, nicht einmal ertragen. Nicht sonderlich fähig aber dazu dürfte die schöne und junge Gattin eines bejahrten und abgelebten Mannes sein, die ihre Rettung sicherlich weniger der Kraft ihrer Tugend, als der Schwäche der Attaquen verdankt.«

»Genug, mein Herr, das ist eine Beleidigung!«

»Sie behaupten also, daß vor einem Augenblicke Ihr und nicht mein Widerstand es gewesen ist, der Sie vor dem gefährlichen Wurf schützte? Wozu haben Sie denn die Ankunft Ihres Gatten herbeigesehnt? Ich habe sehr viel Stärke an den Tag gelegt, denn ich habe nicht nur Ihren Versuchungen, sondern auch meinem eigenen, sehr heftigen Verlangen Stand gehalten.«

»Die Temperatur Ihrer Begierden ist nicht so hoch, um einer großen Kühlung zu bedürfen.«

»Da irren Sie sich aber. Wenn ich Sie ansehe, laufen mir unaufhörliche Schauer durch die Nerven.«

»Schauer des Widerwillens?«

»Der Leidenschaft.«

»Unbeschadet dessen, was Sie gegen mich gesprochen?«

»Haben meine lächerlichen Sprünge im Kampfe mit dem Hunde und den Bienen Sie etwa abgehalten, zu mir sich hingezogen zu fühlen? Übrigens habe ich niemals behauptet, daß Sie nicht fähig wären, einem die Sinne zu berauschen ...«

»Ich muß bitten ... hiefür gibt es Spezialistinnen, mit denen ich moralisch nichts gemein habe.«

»Ich begreife diesen Entrüstungsausbruch, wie alle früheren, denn wer die Wahrheit spricht, peitscht die Ohren der Hörer mit Disteln. Regen Sie sich nicht auf, ich habe einen solchen blasphemischen Vergleich gar nicht gewagt, aber ich glaube, daß der Mann die Frau überhaupt nur mit den Sinnen liebt.«

»Ein jeder Mann, eine jede Frau?«

»Ohne Ausnahme. Ich leugne nicht, daß er ihren Verstand, ihren Edelmut und andere Vorzüge schätzen kann, aber das ist nur die Hochachtung des Menschen für den Menschen, nicht aber die Liebe des Mannes zur Frau. Können Sie sich das Gefühl der Liebe bei einem Manne vorstellen, der überzeugt ist, seine weise und tugendhafte Frau sei abstoßend häßlich? Das wäre ebenso unnatürlich, wie die Konservierung eines häßlichen, baufälligen Hauses, weil es eine Bildergalerie enthält.«

»Warum aber werden gebildete und gute Frauen eher geliebt?«

»Weil das schönste Bauwerk mehr Wert ist mit einer Bibliothek oder einer Galerie, als ohne eine solche. Der rein architektonische Wert, um den es sich bei der Frau vor allen Dingen handelt, bleibt von diesen Zugaben unabhängig.«

»Und an mir gefällt Ihnen dieses rein Architektonische, wie Sie sich ausdrücken?«

»Allerdings. Aber an einer Pfirsich, zum Beispiel, lobt niemand den Geschmack oder den Duft besonders, sondern man delektiert sich an dem Ganzen. Und an Ihrer Persönlichkeit scheide ich kein einziges, nicht einmal das ätherischeste Element aus, um es besonders anzubeten, sondern ich bewundere das Ganze ... mit den Sinnen.«

»Ach, immer nur mit den Sinnen.«

»Wozu soll ich das leugnen? Hat mich denn die Natur mit anderen Trieben ausgestattet, als die übrige Menschheit? Ich habe solche, wie sie sie mir gegeben hat, wie sie sie allen Männern gegeben hat. Nach dem Muster vieler anderer könnte ich sagen, daß ich für Ihren Verstand, Ihren Takt, Ihren Witz und so weiter Hochachtung empfinde, allein das wäre eine Lüge. Ob Sie genau das Datum der Entdeckung Amerikas im Gedächtnisse bewahren, ob Sie die Armen unterstützen, ob Sie Milton kennen, weiß ich nicht, aber ich kenne den Blick Ihrer Augen, weiß, wie Ihre Nasenflügel unruhig zucken, daß Ihr Mund lockt und reizt, daß die ganze Gestalt Anmut ausdrückt und Wonne verheißt. Man müßte keine empfänglichen Nerven besitzen, um ...«

»Warum lieben Sie mich also nicht, wenn auch nur auf Ihre Weise?«

»Ich liebe Sie ... auf meine Weise.«

»Und Sie verlangen von mir gar kein Opfer?«

»Gar keines, denn Sie würden es unbewußt gewähren und dann bitterlich beweinen.«

»Davon will ich nichts mehr hören, daß Sie mich für ein Kind halten.«

»Nun, was würden Sie mit ihren Pflichten einer Gattin anfangen?«

»Pflichten einer Gattin? Aber ich, ich ... liebe ja meinen Gatten gar nicht.«

»Ach, ich bitte sehr; die Gleichgültigkeit für den Gatten ist gewöhnlich bei der Frau die Folge, nicht die Ursache der Untreue. So manche geht auf den Ball und wäre empört, wenn man behauptete, sie liebe ihren Mann nicht, und auf dem Rückwege beichtet sie der Freundin, daß sie ihn eigentlich niemals geliebt hat. Diese Umstimmung bewirkt zuweilen ein einziger Walzer oder ein Mazur, den man mit einem hübschen jungen Mann getanzt hat.«

»Warum gehen Sie nicht konsequent bis ans Ziel und entfernen nicht die Ausnahmen von Ihren grammatikalischen Regeln des weiblichen Herzens? Wozu sagen Sie: manche, in der Regel, öfters? Sagen Sie doch lieber eine jede, stets, ohne Ausnahme; die Regel würde dadurch mehr abgerundet und nicht um ein Haar weniger unsinnig.«

»In diesem Falle wäre sie erst recht unsinnig, denn ich kenne selber Ausnahmen, die zu annullieren doch nicht in meiner Macht steht.«

»Wo haben Sie eigentlich Ihre Beobachtungen angestellt? Offenbar in sehr tiefen Regionen ...«

»Im Gegenteil, ziemlich hoch oben. Ich habe in der Tat viele Verhältnisse angetroffen, die äußerlich dauerhaft waren, aber auch viele innerlich morsche. Ich habe eine Menge Ehepaare gekannt, die wie zwei Bücher verschiedenen Inhaltes aussahen, die der Buchbinder, nämlich der Geistliche, in einen Band gebunden hatte. Sie halten zusammen, tragen einen gemeinsamen, mit goldenen Lettern aufgedrückten Titel. Ein Ehepaar – blickt man eben aufmerksamer hinein – wird man gleich gewahr, daß die Inhalte einander widersprechen, so daß man sie ganz gut von einander trennen und in andere Verbindungen einstellen konnte. Sie, gnädige Frau, lieben Ihren Gatten nicht, und doch sind Sie formell eine treue Gattin geblieben und für die Welt werden Sie es auch weiter bleiben, es sei denn, jemand würde Ihre vertraulichen Bekenntnisse belauschen und stadtkundig machen. Und worauf gründet sich Euer Bund? Auf einer Lüge. Sagen Sie heute Ihrem Gatten offen, wie Sie denken, und morgen verläßt er Sie. Unsere fürsorglichen Mütter wissen, was sie tun, indem sie ihren Töchtern eine anständige Heuchelei als Lebensregel empfehlen.«

»Sie nützen fürchterlich meine paar unüberlegte Worte aus ...«

»Ich nütze aus? Wozu? Brauche ich etwa Ihren Zorn oder ist er mir angenehm? Nicht ich, sondern die Wahrheit, die Sie herausgefordert haben, ist so grausam. Aber trösten Sie sich mit meiner Regel, die den Frauen in dieser Beziehung gleiche Rechte einräumt. Denn was lügen die Frauen nicht alles? Naivität, Alter, Liebe, Mutterschaft, kurz, alles. Zeigen Sie mir eine einzige, die gestehen würde, sich einen Zahn eingesetzt zu haben oder daß sie seit einem Monat Hoffnung hat, Mutter zu werden. Nach so vielen Jahrhunderten ununterbrochener Verehrung bringt Ihr Frauen dieses Laster mit auf die Welt, halb schon als Instinkt. Oftmals ist das keine ausgeklügelte Heuchelei mehr, sondern eine unbewußte Unart. Ich kannte eine Mutter, deren Gatte seine Mündel bestohlen hatte und die die Hand ihrer Tochter einem anständigen Manne verweigerte, weil sein Vater Sequestrator war. Nur die büßende Magdalena fühlt sich nicht würdig, auf die Sünderin einen Stein zu werfen.«

»Sie verlangen also, daß das Laster vor aller Welt seine Nacktheit enthülle.«

»Ich verlange höchstens, daß es sich nicht in den Schein der Tugend hülle und daß es nicht frech und zugleich dumm auftrete. Nach meiner Ansicht besteht das ganze Verbrechen einer sogenannten gefallenen Frau in der Lüge.«

»Sie sind nicht im stande, Gedanken zu klären, sondern nur sie zu zerfetzen und zu verzerren. In dieser halbstündigen Unterredung haben Sie um mich herum einen gähnenden Abgrund ausgehöhlt und mich wankend auf einer Felsenspitze zurückgelassen, von der ich weder heruntersteigen, noch auf einen sicheren Boden herunterspringen kann, und Sie spotten über meinen Irrtum, da ich hoffte, daß Sie der Herunterstürzenden die Arme öffnen würden. Hatte ich mich nicht durch ein paar unachtsame Worte verraten, ich würde jetzt über die Sophismen lachen, aus denen Sie für die Frauen einen Strick drehen wollen. Nun bin ich wehrlos. Aber das ist kein allzu großer Triumph für Sie, daß Sie mir den Kopf umnebelt haben; ein Gläschen starken Weines kann dasselbe Kunststück vollbringen. Aber ... ich werde nüchtern werden.«

»Es wäre mir lieber, wenn das sofort einträte, sonst müßten wir scheiden, ehe ich Sie überzeugt habe, daß ich Sie liebe.«

»Auf Ihre Weise.«

»Natürlich. Auf meine Weise.«

»Nennen Sie Ihr neuartiges Gefühl, wie Sie wollen, nur nicht Liebe, denn ... ich gewinne meinen Humor wieder. Das ist eine Blatter auf dem übergymnastizierten Hirn, aber kein Trieb eines warmen, zappelnden Herzens.«

»Und dennoch ist es echte, weil sinnliche Liebe.«

»Mein Herr, die Sinne sind blind, Ihre Liebe aber scheint sogar im Schlafe die Augen nicht zu schließen.«

»Was würden Sie von einem Menschen halten, der aus Entzücken über die Florentinische Madonna sie aus der Pittischen Galerie entwendete und in seinem Schlafzimmer aufhinge? Sie würden sagen, daß in ihm der Dieb den Ästhetiker besiegt hat. Nichts anderes tut der, welcher aus Liebe zu einer fremden Frau sie verführt. Eva ist, wie Adam, zunächst ein Mensch, kann also viele allgemein-menschliche Eigenschaften besitzen, kann gelehrt, wohltätig, talentiert tugendhaft sein und so weiter. Sodann ist sie ein Weib, wie Adam ein Mann, das heißt, sie ist ein Wesen, das in dem anderen Geschlechte gewisse Gefühle erregt. Welcher Art sind diese Gefühle? Ästhetische. Eine häßliche Frau, oder besser, die, welche mir mißfällt, ist für mich ein Mensch; erst die schöne oder die, welche mir gefällt, ist ein Weib. Und ein Weib liebt der Mann nur mit den Sinnen, und wenn einer das Gegenteil behauptet, so lügt er mit Vorbedacht oder unbewußt. Ein überzeugendes Beispiel sind Sie eben, gnädige Frau. Sie waren stets von einem Schwarm von Verehrern umgeben. Übertragen wir nun alle Ihre intellektuellen und moralischen Vorzüge auf eine ehrwürdige Matrone oder auf einen Mann. Würde dieser Kreis von Verehrern, der heute von Ihrem Verstand und Ihren Gefühlen entzückt ist, beisammen bleiben? Was mich anbetrifft muß ich gestehen, daß Sie zwar ein gewöhnlicher Mensch, aber eine ganz ungewöhnliche Frau sind. Wenn ich aber ein schönes Bild, sei es ein Werk der Kunst oder der Natur, sehe, so erfreue ich mich daran, ohne es dem Besitzer rauben zu wollen. Warum sollte ich einer fremden Gattin gegenüber mich anders verhalten? Gewiß empfinde ich Lust, sie ausschließlich zu besitzen, ebenso wie ich die Florentinische Madonna allein für mich besitzen möchte. Aber ich kann mich mit dem Verstand diesem Verlangen widersetzen. Im Vergleiche mit den Millionen ästhetischer Genüsse, die mir zuteil werden, wiegt ein Augenblick tierischer Befriedigung so wenig, daß es sich nicht verlohnt, darüber zum hinterlistigen Dieb zu werden, eine Gattin unglücklich zu machen, das Leben des Gatten zu brechen und die Schuld an einem ruinierten Familienglück auf sich zu laden.«

»Das ist sehr ... ideal.«

»Nur vernünftig. Seien wir konsequent. Im ganzen Leben können mir mehr oder weniger dreißig Ehefrauen begegnen, die mir gefallen. Sie werden doch nicht behaupten, daß ich allen ihren Ehemännern Hörner aufsetzen müßte. Vom idealen Gesichtspunkte wäre ich freilich verpflichtet, allen Gefühlen außerhalb des legitimen Ehebundes zu entsagen; ich müßte fügen, daß ich keine außer meiner eigenen Frau bewundere, um insgeheim mit einer jeden einen Roman anzuspinnen. Das wäre ein sehr ehrenwerter Betrug, den ich aber nicht verüben will. Ich fühle menschlich und spreche daher auch menschlich, und ich glaube, keinen dadurch zu kränken, daß ich, von meiner eigenen gottesfürchtigen und aussätzigen Frau nicht über die Maßen angezogen, ein ästhetisches Vergnügen darin finde, mit anderen zu verkehren. Wenn das Blut zuweilen heftiger aufbraust, so weiß ich es zu zügeln. Wozu habe ich denn den Verstand?«

»Und doch sagten Sie vorhin, daß Sie in der Liebe zu einer Frau bis an das äußerste Ende gehen könnten.«

»Wenn sie frei wäre ... sonst müßte sie den Mut haben, dem, der ihr vertraute, alles zu bekennen.«

»Ha, ha, ha! Sie würden die Welt in Brand stecken der Wahrheit wegen. Das ist ein Fanatismus, der mit den Verhältnissen der Wirklichkeit nicht rechnet. Sie verlangen, daß eine Frau, die vielleicht Kinder hat, welche sie liebt, dem Gatten ihre Liebe zu einem anderen beichten solle, den möglicherweise dieselben Bande fesseln und der sie nicht heiraten kann, daß sie unnützerweise zwei Familien zerstöre und obendrein durch ihre Aufrichtigkeit das totschlage, was sie unter dem Schleier des Geheimnisses erhalten kann. Nein, das ist ein Recept für Wahnwitzige. Andererseits werden Sie nicht leugnen, daß diese Menschen ein natürliches Recht haben, sich zu lieben, die Arme nach einander auszustrecken, nach einem gemeinsamen Leben zu verlangen, nach geheimnisvollen, verstohlenen Genüssen ...«

»Das ist eine ganz andere Angelegenheit. Die Liebe zwischen einem verheirateten Mann und der Gattin eines anderen, die der Verstand nicht zu unterdrücken vermag und die Flucht nicht offenbar zu machen erlaubt, ist ein Unglück, und das Unglück hat seinen eigenen Codex, den der Verzweiflung.«

»Werden wir einmal davon sprechen?«

»Nein. Niemals.«

* * * * * * * *


1 Eine berühmte polnische Dichterin.