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J. D. H. Temme – Ein tragisches Ende

Kriminalnovellen

J. D. H. Temme, Ein tragisches Ende, Mit einem Nachwort von Reinhard Hillich und Illustrationen von Günter Lück (Beides aus urheberrechtlichen Gründen weggelassen oder unkenntlich gemacht), Verlag Das Neue Berlin, Berlin, o. J.



Auch eine Karriere

Die kleine Provinzstadt war in einer gewissen Aufregung. Es hatte sich etwas begeben, was für sie ein Ereignis war.

Die kleine Provinzstadt war und ist noch eine preußische Beamtenstadt. Fünf- bis höchstens sechstausend Einwohner, und davon über tausend königliche Beamte. Verteilt an ein Oberlandesgericht, eine Regierung, ein Konsistorium, an ein Land- und Stadtgericht, ein Landratsamt, eine Polizeidirektion, soundso viele Rezeptionen usw. Verteilt an alle diese Behörden als Präsidenten, Direktoren, Räte, Assessoren, Referendare, Schalterbeamte und Unterbediente und wie die technischen Namen weiter heißen, bis zu dem Ofenheizer hinunter, der einem Fremden das neue Sitzungszimmer mit der neu eingerichteten russischen Heizung zeigt und dabei mit der vollen Wichtigkeit des Beamten sagt: »Hier halten wir Sitzung, und hier heizen wir ein!«

Wenn ein Prinz des Königshauses ankommt oder abreist, so ist es ein Ereignis für die Residenz.

Wenn in einer kleinen Beamtenstadt ein neuer Beamter ankommt oder ein alter Beamter abgeht, so ist es ein Ereignis für die kleine Stadt. Ist es gar ein Rat, der sogar in die Residenz berufen ist, so ist es ein Ereignis, das die kleine Stadt wohl in eine gewisse Aufregung versetzen kann.

Der Rat Hartwig von dem Oberlandesgericht der kleinen Provinzstadt war von dem Justizminister nach Berlin berufen. Vorläufig nur als Hilfsarbeiter im Ministerium; aber es war kein Zweifel, daß er nächstens zum Wirklichen Vortragenden Rat werde befördert, als Geheimer Justizrat definitiv werde angestellt werden. Er war noch ein junger Mann; er gehörte zu den tüchtigsten Räten des Oberlandesgerichts; er war gewandt, und vor allem, er war ehrgeizig.

In Berlin sollte ein neues Strafgesetzbuch für die königlich-preußischen Staaten gemacht werden. Man hat bekanntlich schon seit dem Jahre 1827 daran gearbeitet. Im Jahre 1851 ist es endlich fertig geworden. In dieser ganzen Zeit mußte die Arbeit fast alle zwei Jahre umgeworfen, verändert, erneuert werden.

Zur Ausarbeitung eines neuen Entwurfs war der Oberlandesgerichtsrat Hartwig nach Berlin berufen.

Seine Berufung war ein Ereignis. Seine Abreise war es erst recht.

Er wollte mit der Schnellpost abreisen, die auf der Tour nach Berlin jeden Abend um zehn Uhr durch das Städtchen kam.

Es war erst halb zehn Uhr abends. Dennoch war der Posthof schon gefüllt mit Personen, die den Rat wollten abfahren sehen.

Er selbst war noch nicht da. Das Kollegium, dem er bisher angehörte, gab ihm ein feierliches Abschiedsessen in dem Gasthofe, der Post gerade gegenüber. Von dem Posthofe aus sah man die hell erleuchteten Fenster des Gasthofes; von den erleuchteten Fenstern des Gasthofes sah man in den Posthof.

Bei dem Abschiedsessen waren die Präsidenten, die Kollegen, die näheren Freunde des Rats.

Im Posthofe waren die übrigen Personen, die ihn noch sehen, noch sprechen, noch begrüßen, sich ihm noch empfehlen wollten. Das letztere wollten wahrscheinlich noch alle, die da waren. Ein Rat, welcher Vortragender Rat im Ministerium wird, ist ein sehr wichtiger Mann, den man sich zum Freunde, zum Gönner, zum Beschützer erhalten muß. Auf ihn hört der betreffende Departementsrat im Ministerium, der Minister selbst, wenn es sich um Beförderung, um Gehaltsverbesserung, um Zulage, um einen Orden handelt. An dem Rat Hartwig selbst hatte man das Beispiel. Wäre er nicht der Universitätsfreund des Geheimen Justizrats Ewald im Justizministerium gewesen, der selbst bekanntlich eine so schnelle Karriere gemacht hatte und, so jung er noch war, beim Ministerium alles galt, wer weiß, ob er, trotz allen seinen Talenten, Kenntnissen, Fähigkeiten, sich auf dem Wege nach Berlin mit einer so hohen Bestimmung befinden würde.

Drüben in dem Saale des Gasthofes, in welchem das Abschiedsessen stattfand, war es an der Tafel laut gewesen. Es wurde auf einmal still dort. Dann vernahm man eine einzelne Stimme. Sie sprach lange. Wie sie sprach, konnte man im Posthofe nicht verstehen. Aber etwas wußte man davon.

»Das ist die letzte Abschiedsrede, die ihm gehalten wird.«

»Der Herr Chefpräsident selbst hält sie.«

»Es ist eine große Ehre für ihn.«

»Er macht auch eine bedeutende Karriere.«

»Und ist noch so jung. Höchstens ein- oder zweiunddreißig Jahre alt, und schon Rat im Ministerium.«

»Oho, vorläufig erst Hilfsarbeiter.«

»Er wird schon bald Wirklicher Rat werden.«

»Freilich, bei seinen Verdiensten.«

Ein langer, finsterer Mensch mischte sich in das Gespräch.

»Verdienste? Welche Verdienste hätte er denn?«

Der lange Mensch war ein malkontenter Auskultator, den der Rat Hartwig als Examinator zweimal durch das zweite Examen hatte fallenlassen. Er war wohl nicht da, um sich dem Rat zu empfehlen.

»Welche Verdienste er hat? Ist das nicht schon ein Verdienst, in so jungen Jahren Rat zu sein?«

»Durch Kriechen geworden zu sein?«

»Wo hat er gekrochen?«

»Fragt, wo hat er nicht gekrochen? Schon als Auskultator hatte er nur den einen Gedanken, Karriere zu machen. Wenn der Präsident einen Vortrag hielt, so trat er dicht an dessen Stuhl, als wenn es sein Tod wäre, ein Körnlein von der Weisheit zu verlieren, die über die hohen Lippen perlte. Wenn ein junger Rat oder Assessor vortrug, trieb er Allotria. Später, als Assessor, als Rat, hat er je eine andere Meinung gehabt als die des Präsidenten? Und wenn er sie hatte, so wußte er, daß es die des Ministers war.«

»Verleumdung, Verleumdung!« rief man rings um den malkontenten Auskultator.

»So? Ist auch das eine Verleumdung, daß er neulich, als der Geheime Rat Ewald von Berlin hier war, gegen diesen, der doch sein Universitätsfreund ist, untertänig war, wie er nur gegen den Minister selbst hätte sein können? Dem allein hat er diese Berufung zu verdanken.«

»Der Ewald ist ein Ehrenmann, das weiß jeder.«

»Gewiß ist er das. Aber der Schmeichelei ist jeder Mensch zugänglich.«

»Wenn der Rat Hartwig kein brauchbarer Mann wäre, würde man ihn nicht in das Ministerium berufen haben.«

»Ja, ja, das ist es. Brauchbar, ein brauchbarer Mann! Da habt Ihr das rechte Wort getroffen. Brauchbar muß man sein, wenn man eine Karriere machen will. Brauchbar zu allem, zu allem sich brauchen lassen. Das sind die Leute, und von der Sorte ist er!«

Wir müssen unsere Leser ausdrücklich bitten zu beachten, daß dieser malkontente Auskultator zu einer Zeit malkontent war, die weit hinter der jetzigen Zeit zurückliegt.

Und in derselben Zeit trug sich auch die folgende Szene zu.

Seitdem ist vieles in der Welt anders geworden. Ganz kann die Welt sich freilich nicht ändern.

Die Rede des Präsidenten war zu Ende. Ein lautes, donnerndes dreimaliges Hoch zeigte ihren Schluß an.

Gleich darauf hörte man hinten in der Straße ein Posthorn schmettern.

»Die Schnellpost! Die Schnellpost kommt!«

Hunderte von dienstfertigen und sich empfehlen wollenden Beinen setzten sich in Bewegung, zuerst die Nachricht in den Gasthof zu bringen.

»Die feigen Bedientenseelen«, sagte der malkontente Auskultator.

Die Schnellpost kam in den Hof gefahren.

Von drüben aus dem Gasthofe kam die ganze Tischgesellschaft. Die dienstfertigen Beine kehrten mit ihr zurück.

An der Spitze des Zuges war der Rat Hartwig. Die beiden Präsidenten hatten ihn in ihrer Mitte. Hinter ihnen folgten die übrigen Beamten nach Rang und Anciennität. In einem ordentlichen Beamtenstaate muß das alles ordentlich sein.

Man gelangte zu dem Postwagen.

»Teurer Herr Kollege«, sagte der Chefpräsident, »Gott sei mit Ihnen und schenke Ihnen eine glückliche Karriere.«

»Und denken Sie an Ihre hiesigen Freunde zurück«, sagte der Vizepräsident.

»Und an Ihre zahlreichen Verehrer«, sagte der älteste Rat.

»Verehrter Herr Kollege, ich empfehle mich Ihrem wohlwollenden Andenken«, sagte der zweite Rat.

»Ich empfehle mich Ihnen gehorsamst«, der folgende. »Ganz gehorsamst«, der darauf folgende.

So empfahlen sich alle Räte.

Sie schüttelten ihm bieder und freundschaftlich die Hand.

Die Assessoren bückten sich submiß.

Und so weiter.

Auch der Ofenheizer des Kollegiums war da. Er küßte dem jungen Rat die Hand.

Er war schon am Morgen bei ihm gewesen mit einem dringenden Anliegen.

»Gnädiger Herr Rat, ich hätte wohl noch eine große Bitte an Sie.«

»Sprechen Sie dreist, lieber Ofenheizer.«

»Sehen Sie, Herr Geheimer Rat, da ist der Botenmeister, der hat eine Frau, und die ist die Frau Botenmeisterin. Und ich bin bloß simpler Ofenheizer, und da meint meine Frau, ich könnte doch auch wohl Ofenheizermeister werden und sie Frau Ofenheizermeisterin, und da nun ein ehrliebender Beamter auch seine Karriere machen will, so wollte ich Sie recht freundlichst gebeten haben, ob Sie nicht bei des Herrn Justizministers Exzellenz ein gutes Wörtchen für mich einlegen wollten.«

»Ich werde Sie gewiß in Berlin nicht vergessen, lieber Ofenheizer«, hatte der Rat freundlich erwidert.

Der Mann wollte ebenfalls am Postwagen sich noch in Erinnerung bringen.

Der Rat Hartwig war über alle diese Beweise von Liebe, Freundschaft und Verehrung sehr gerührt.

Bevor er in den Wagen stieg, wandte er sich zu der versammelten Menge zurück.

Sein Gesicht glänzte vor Glück, vor Dankbarkeit, vor Wehmut.

»Meine hochverehrten Gönner und hohen Vorgesetzten . . .«

Die beiden Präsidenten wehrten mit den Händen ab.

»Nicht mehr«, sagte herablassend der Chefpräsident.

Aber der junge Rat ergriff die abwehrenden Hände, als wenn er sie küssen wolle.

Das wurde wieder abgewehrt. »Immer, immer«, rief er. »Ja, meine hochverehrten Vorgesetzten, meine geehrten Kollegen, meine Freunde, ja, Sie alle meine Freunde, Sie sehen mich hier gerührt, tief ergriffen. Ich kann keine Worte finden, Ihnen allen, ja allen, meinen Dank auszudrücken. Wie habe ich so viel verdient, so viel Huld, so viel Freundschaft, so viel . . .«

Ein hundertstimmiges rauschendes Hoch brach los, ließ ihn nicht vollenden.

Der begeisterte Ofenheizer hatte es zuerst angestimmt.

Der junge Rat wurde einmal unterbrochen. Das Ende der ausgebrochenen Begeisterung abzuwarten, um sich dann nochmals in Rührung zu versetzen, das hätte nur ein guter Komödiant vermocht. Er wollte rasch in den Wagen springen, auf dessen Bock der Postillon schon lange genug wartete.

Er wurde zurückgehalten.

Als er sich umsah, blickte er in ein altes, ernstes, strenges, etwas kummervolles Gesicht.

Ein alter Rat des Kollegiums stand neben ihm. Ein Mann von etwas altertümlichen Grundsätzen, daher auch von seinen jüngeren Kollegen oft verspottet. Seine Grundsätze waren zugleich die der Milde; die Kollegen hatten ihm daher den Beinamen des philanthropischen Narren gegeben.

Er nahm, trotz seines strengen Blickes, mit einer gewissen Herzlichkeit die beiden Hände des jungen Rats. Mit tiefem Ernst aber sprach er: »Junger Kollege, Sie sind zu einem ebenso schwierigen als wichtigen Werke in die Hauptstadt berufen. Sie haben alles Zeug, es zu lösen, wenn Sie mit festem Willen eins festhalten: die Gewissenhaftigkeit. Nur das, was Sie in Ihrem innersten Gewissen für Recht erkennen, nur das lassen Sie auch Recht werden. Daran halten Sie und an den Gedanken an das Volk, für welches die Gesetze gemacht werden, nicht aber an Gunst und Gnade von oben. Und nun sei Gott mit Ihnen und mit Ihrem Tun.«

Der junge Rat saß schon im Wagen, um einer Fortsetzung solcher Predigt zu entgehen.

»Fort!« rief der Kondukteur von seinem Sitze. Der Postillon hieb auf die Pferde.

Der Wagen flog davon.

Hurras folgten ihm noch so lange, als man meinen konnte, sie seien im Innern des Wagens zu hören.

»Ja, er wird eine bedeutende Karriere machen«, versicherte noch einmal der Chefpräsident den Zurückgebliebenen. »Er hat alles dazu, Talent, Kenntnisse, hohe Gönner und vor allem Gewandtheit.«

»Und wenn ihm das Gewissen fehlt«, sagte der alte, mürrische Rat, »so hat er doch nichts.«

Der junge Rat Hartwig fuhr unterdes seiner hohen Bestimmung in Berlin entgegen.

Er saß im Coupé des Postwagens allein. Er hatte also sich und seinen Gefühlen keinen Zwang anzutun.

Er war zuerst verdrießlich. Verdrießlich?

Dieser grobe alte Narr! Gewissen, Gewissenhaftigkeit! Was sollte das heißen? Seit dem Tage meines Eintritts in den Staatsdienst stehe ich in allen Konduitenlisten als das Muster eines ordentlichen, gewissenhaften Beamten. Aber ich weiß, was er meint! Diese Rigoristen! Wenn man an sich selbst, an seine Karriere denkt, das ist ihnen ein Verbrechen. Nur auf das Volk und immer auf das Volk soll man sehen. Nie nach oben, nur immer nach unten. Darum hat er auch keine Karriere gemacht. Nicht einmal einen Orden, nicht einmal eine erbärmliche Zulage! Nein, nein, mein philanthropischer Herr Narr, ich halte es anders!

Damit wurde er wieder vergnügt. Also nach Berlin! Aber zuerst machen wir es uns behaglich.

Er zog eine elegante, mit feiner Stickerei versehene Zigarrendose hervor, nahm eine Zigarre heraus, nahm aus einem kleinen, glänzend polierten Messingbüchschen ein Zündhölzchen, strich es geschickt, daß es nach dem ersten Strich brannte, zündete die Zigarre an und begann behaglich zu rauchen. Dann brachte er Zigarrendose und Büchschen wieder an ihren Platz.

Er war ein sehr ordentlicher Mensch, selbst im Rauchen, obwohl er ein leidenschaftlicher Zigarrenraucher war.

Und während er behaglich rauchte, fuhr er in seinem Selbstgespräche fort.

Also nach Berlin, nach der Hauptstadt! Ins Ministerium! Der Staub der Provinz wäre abgeschüttelt! Des kleinen Städtchens, der der spießbürgerlichen Kollegenschaft! Ha, wie sie höflich, wie sie untertänig waren! Wie sie krochen! Selbst die Präsidenten! Vor vier Wochen noch so vornehm! Ja, ja! Ins Ministerium. Zwar nur als Hilfsarbeiter! Aber zu welchem wichtigen Werke! Der alte Narr hatte recht; es ist die wichtigste Arbeit, die jetzt dem Ministerium vorliegt. Ein Strafgesetzbuch für den ganzen Staat; selbst für die Rheinprovinzen, die nur von ihrem französischen Rechte wissen wollen. Sie müssen sich krümmen. – Wie kann ich mich da auszeichnen! Es kann nicht fehlen; übers Jahr bin ich Geheimer Justizrat – schon Vizepräsidentenrang! Dann Geheimer Ober! Gleich einem Chefpräsidenten! Dann mache ich einmal eine Besuchsreise hierher. Wie sie sich ärgern, wie sie kriechen werden. Und dann Wirklicher Geheimer Oberjustizrat! Oder Präsident des Obertribunals! Eine vortreffliche Stelle! Mit dem Prädikat Exzellenz! Und – wer weiß – man hat zwar noch keine Beispiele, aber warum sollte es nicht sein können, warum sollte der König nicht auch einmal aus einem ausgezeichneten, treuen, verdienten Obertribunalspräsidenten einen Justizminister machen können?

Er rauchte in behaglichem Schweigen seine Zigarre weiter.

»Nur klug, nur klug!« sagte er noch zuweilen.

Dann schlief er glücklich ein. –

Er kam am zweiten Tage in Berlin an. Stolz fuhr er durch das stolze Tor.

»Fortan hier! Es geht doch nichts über eine große Residenz. Und welche Stellung werde ich hier einnehmen . . .«

Er stieg im Hôtel de Brandenbourg am Gendarmenmarkte ab. Es war – damals – der vornehmste Gasthof Berlins und lag im Mittelpunkte des vornehmsten Teils der Stadt.

Wohin gehe ich nun zuerst? Zu meinem Freunde Ewald? Er hat mich dem Minister empfohlen! Allein was für Dank bin ich ihm da am Ende schuldig? Der Minister war schon längst auf mich aufmerksam geworden. Durch mich selbst! Durch meine Arbeiten – die Konduitenlisten. Man muß die Leute nicht verwöhnen; zumal den Ewald. Er ist ohnehin etwas hochmütig, anmaßend. Sogar eitel! Er hat so jung die Karriere gemacht. Da überhebt er sich. Mußte man ihm doch ordentlich den Hof machen, als er zum Besuch in der Provinz war. Und wir waren doch so genau bekannt auf der Universität. Und übers Jahr bin ich, was er ist. – Ich gehe nicht zu ihm. – Später! Zum Abend. – Heute ist Mittwoch, der Empfangstag des Ministers. Ich melde mich gleich. – Nachher kann ich ja im Vorbeigehen bei Ewald einsprechen.

Er kleidete sich an. Schwarzer Frack, hoher, glänzend gebürsteter schwarzer Zylinderhut, glänzende lackierte Stiefel, weiße Krawatte, weiße seidene Weste, weiße Glacéhandschuhe. Er war untadelhaft.

So erschien er im Vorzimmer des Ministers. Er war in der Hauptstadt bekannt. Er hatte hier ein Jahr lang studiert! Er hatte sich längere Zeit zum dritten Examen hier aufgehalten. Er war später manchmal hingereist. Er hatte dann auch jedesmal sich dem Minister vorgestellt. So war er auch in dem Vorzimmer des Ministers bekannt.

Ja, die Vorzimmer der Minister sind an den Audienzabenden immer voll. Wieviel Unglück, wieviel Elend, wieviel Opfer des Unrechts, aber auch wieviel Frechheit, Schikane, Verfolgungssucht hat dort zu klagen und anzuklagen!

Der neue Hilfsarbeiter des Ministeriums fand das Vorzimmer des Ministers schon sehr gefüllt. Ein anderer hätte besorgt sein können, zwei bis drei Stunden warten zu müssen, bis die Reihe, angemeldet zu werden, an ihn komme.

Er sah mit einem leichten, stolzen Lächeln auf die harrende Menge.

»Oberlandesgerichtsrat Hartwig, von Seiner Exzellenz befohlen!« sagte er zu dem mit der Anmeldung beauftragten Kanzleidiener.

»Ich werde den Herrn Oberlandesgerichtsrat sofort melden.«

Der Diener ging in das Kabinett des Ministers.

Schon nach einer Minute kam er zurück, zugleich eine ältliche Dame herausbegleitend, deren Audienz beendigt oder abgebrochen war.

»Herr Rat Hartwig!«

Der Diener öffnete die Tür weiter.

Der junge Rat schritt mit einem stolzen Lächeln in das Kabinett.

Der Minister war bekanntlich ein sehr höflicher und, was man auch von ihm sagen mag, im Grunde des Herzens ein wohlwollender Mann. Das neue Strafgesetzbuch war sein Steckenpferd.

»Seien Sie mir willkommen, Herr Rat Hartwig. Ich schätze mich glücklich, einen so tüchtigen Mann fortan in meinem Ministerium zu sehen.«

Der junge Mann bückte sich bis zur Erde, glücklich und wirklich gerührt. Wer hat nach solch einem Empfange seine Karriere nicht gemacht? »Exzellenz, Sie überhäufen mich mit Gnade.«

»Lassen wir das. Ich pflege meine Mitarbeiter als meine Freunde zu betrachten. Setzen Sie sich. Das Vorzimmer ist zwar noch voll, aber einige Augenblicke muß ich doch mit Ihnen sprechen. – Morgen ist Konferenz des Ministeriums, morgen früh um acht. Sie könnten dann gleich eintreten. Sie melden sich hier, beim Kanzleidiener. – Sie haben sich mit dem Gegenstande Ihrer neuen Arbeiten doch schon vertraut gemacht?«

»O gewiß, Exzellenz! Wie werde ich nicht?«

»Es ist ein wichtiger Gegenstand; ich halte ihn für den wichtigsten der ganzen Gesetzgebung. Ein tüchtiges Strafgesetzbuch hält Recht und Sitte, hält die Regierung, hält den ganzen Staat zusammen.«

»Ich bin ganz der Ansicht Eurer Exzellenz.«

»Die bisherigen Entwürfe hatten meinen Beifall nicht, sie trafen nicht all jene Gesichtspunkte. Von Ihnen wünsche ich einen völlig neuen Entwurf.«

»Meine schwachen Kräfte . . .«

»Ich werde Ihnen freie Hand darin lassen. Nur einige allgemeine Gesichtspunkte werde ich Ihnen andeuten, meinen Standpunkt. Ich liebe im ganzen gewiß die Milde. Man muß sie aber nicht zu weit treiben. Das ist der Fehler unseres Landrechts. Die Kriminalpolitik fordert eine gewisse Strenge der Gesetze. Kommen dann auch für den einzelnen Fall Härten heraus, so ist um so wohltätiger und wirkungsreicher die Gnade des Königs da.«

Es waren dies in der Tat die Ansichten des Ministers. Man findet sie häufig, auch bei den wohlwollendsten Staatsmännern.

»Ich bin glücklich über solche erhabenen Grundsätze«, sagte der Rat Hartwig. »Wie leicht wird es mir werden, nach ihnen zu arbeiten.«

»Das Nähere darüber morgen. Sie entschuldigen mich. Ich bin heute sehr in Anspruch genommen.«

Der neue Hilfsarbeiter des Ministers schied entzückt.

Mein Glück ist gemacht! – Welches Wohlwollen! – Strenge Grundsätze! Ja, ja, er hat recht. Es ist auch meine Ansicht immer gewesen. Die Masse muß im Zaum gehalten werden. – Wir werden uns schon verständigen, alte Exzellenz! – Nun zu Ewald! Zu meinem – Kollegen! Nun, nach dem Empfange kann ich es in einem halben Jahre schon sein!

Der Geheime Justizrat – kurzweg Geheimrat genannt – Ewald war ein braver Mensch, ein ausgezeichneter Beamter. Etwas Bürokrat, aber von den edelsten Gesinnungen. Er war noch jung, er hatte früh eine bedeutende Stellung gewonnen. Aber wie er sie nur seiner eminenten Tüchtigkeit zu verdanken hatte, so überhob er sich nie in ihr. Freilich hatte er ein etwas trockenes, kaltes Äußere. Aber sein Herz war ebenso warm wie sein Kopf hell.

Er empfing den alten Universitätsfreund mit Herzlichkeit.

Seit den Universitätsjahren hatten sie sich wenig gesehen. Die beamtliche Karriere hatte den einen in diese, den andern in jene Gegend des weitläufigen Staates verschlagen. Der redliche, gerade Ewald kannte daher seitdem den Freund nur aus dessen allerdings stets vorzüglichen Arbeiten. Die Wut, Karriere zu machen, zeigt sich selten schon auf der Universität.

Die beiden Freunde blieben den Abend beisammen.

Sie sprachen über allerlei, über Vergangenheit und Zukunft, auch über die Aufgabe des neuen Hilfsarbeiters im Ministerium.

»Der Minister hat gewiß schon mit dir darüber gesprochen? Sie liegt ihm sehr am Herzen.«

»Er hat mir schon seine Ansicht mitgeteilt. Ich freue mich, daß ich mich mit ihm in völliger Übereinstimmung befinde.«

»In der Tat?«

»Er will ein strenges Gesetzbuch.«

»Ich weiß es, leider. Und auch du?«

»Du wärst nicht der Ansicht?«

»Milde Gesetze haben stets milde Sitten hervorgebracht.«

»So sagt auch unser alter, närrischer Philanthrop. Aber höchstens könnte man umgekehrt sagen: milde Sitten fordern milde Gesetze. Und wo findest du nun milde Sitten in unserer Populace?«

»Werden denn die Gesetze für die Populace gemacht?«

»Die Strafgesetze allerdings. Gegen das Gesindel, gegen die rohe, gemeine Masse. Sie muß in Zucht gehalten werden. Und das kann nur durch Strenge geschehen.«

»Hartwig, sind das deine eigenen, innerlichen Ansichten, oder willst du Karriere mit ihnen machen, weil der Minister sie hat, oder vielmehr indem du meinst, der Minister habe sie?«

»Aber gewiß sind es meine Ansichten. Ich bin nicht der Mann, meine Überzeugung für eine Karriere zu opfern.«

»Das letzte freut mich. Der Minister hat allerdings zuweilen unrichtige Ansichten; aber er gibt gern besserer Überzeugung nach. Du wirst viel über ihn vermögen, und mir wird es hoffentlich gelingen, dir eine bessere Überzeugung beizubringen. Ich habe bei allen Gesetzen, zu denen ich mitgewirkt habe, in erster Linie mir vorgestellt, ich hätte sie für mich und meine Verwandten und Freunde gemacht, und ich wolle mich selbst und sie danach gerichtet sehen.«

Der neue Hilfsarbeiter erschrak über solche Ansichten.

»Um des Himmels willen, wie könnte ich mich auf eine Linie mit verbrecherischem Gesindel setzen?«

»Es gibt unglückliche Verbrecher.«

»Ah bah!«

»Gar edle!«

»Aber in der Tat, Ewald, ich begreife dich nicht mehr. Verbrecher ist Verbrecher. Die Strafe muß ihn treffen. Und strenge Strafen müssen ihn treffen. Nur dadurch, daß er weiß, daß sie ihn treffen, wird er vom Verbrechen abgeschreckt, besonders die rohe, gemeine Masse, das Volk. Aber ich sehe, daß wir uns ereifern, und das ist nicht gut. Es ist ohnehin schon spät. Wahrhaftig, meine Uhr zeigt schon auf elf. Da wird es beinahe Mitternacht, bis ich in mein Hotel komme.«

Er brach auf.

»Gute Nacht, Freund.«

»Gute Nacht, Hartwig. Ich hoffe doch noch, dich zu bekehren.«

»Nimmermehr. Nur strenge Gesetze halten das Volk in Furcht, und in Furcht muß die Masse gehalten werden. Gute Nacht.«

Damit ging er.

Der Geheime Rat Ewald wohnte am Schiffbauerdamm, zwischen der Unterbaum- und Marschallbrücke, nicht weit von der letzteren.

Als der Rat Hartwig auf die Straße trat, hatten die Nachtwächter schon seit einer Weile elf Uhr gepfiffen. Die Straßenlaternen brannten noch.

Nach elf Uhr nachts sind auch die belebtesten Straßen Berlins schon leer und still. In jenem entlegenen Teile der Stadt war es völlig leer. Der Rat sah sich allein in der Straße. Kein anderes menschliches Wesen war darin. Auch in der Ferne war es still.

Es war eine milde und klare Herbstnacht.

Der Rat entfernte sich ein paar Schritte von der Wohnung seines Freundes. Dann zog er sein elegantes Zigarrenetui hervor, nahm eine Zigarre heraus, zündete ein Streichhölzchen und an diesem seine Zigarre an, steckte Zigarrendose und Streichholzbüchschen wieder in die Tasche, begann behaglich die Zigarre zu rauchen und setzte rauchend und schlendernd seinen Weg fort, der Marschallbrücke zu.

Daran, daß zu damaligen Zeiten das Rauchen auf den Straßen Berlins bei zwei Taler Strafe verboten war, dachte der Rat wohl nicht, und daß Gendarmen, Polizeisergeanten und Nacht­wächter auf nichts erpichter Jagd machten als auf brennende Zigarren und Tabakspfeifen, das wußte er wohl nicht – oder auch, er hatte es vergessen.

Er dachte an ganz etwas anderes.

Der Ewald ist ein arroganter Mensch geworden. Die rasche Karriere hat ihn aufgeblasen. Natürlich. Alle Welt macht ihm den Hof, will durch ihn poussiert sein. Aber ich werde mir das nicht mehr von ihm gefallen lassen. Bisher mußte man einige Rücksicht nehmen. Aber in einem halben Jahre bin ich soviel wie er. – Ich habe ihm auch gedient. Es war deutlich genug gesprochen, als ich an den alten, närrischen Philanthropen erinnerte. Ich werde mir nichts mehr von ihm bieten lassen. – Und Gesetze für mich machen? Lächerlich!

Er war bis auf wenige Schritte an die Luisenstraße gekommen. Er verließ das Trottoir der Straße, um querüber rechts auf die Marschallbrücke zuzugehen.

Lächerlich! wiederholte er. Für das Volk werden die Gesetze gemacht. Und diese Masse muß man im Zaume halten. Das Volk muß immer in Furcht leben, sonst überhebt es sich ebenfalls, wird übermütig. – Dafür macht man die Gesetze! Dafür!

»Halt!« rief ihn eine Stimme an, und es rasselte dumpf klirrend neben ihm.

Der junge Rat wollte erschrocken auf die Seite springen. Er konnte nicht, er fühlte sich von einer kräftigen Faust festgehalten.

Ein Nachtwächter hatte mit Horn und Pfeife und Waffe an der Ecke des Schiffbauerdammes und der Luisenstraße auf Posten gestanden. Der Rat hatte nicht ihn, desto genauer hatte er den Rat mit der brennenden Zigarre bemerkt. Als der Verbrecher gegen das Rauchverbot ihm nicht mehr entgehen konnte, sprang er auf ihn zu.

»Sie roochen uf de Straße. Sie sind arretiert.«

Der Rat war, wie gesagt, erschrocken.

»Ich rauche?« rief er in seinem Schreck, und die Zigarre entfiel seinen Händen.

»Oh, Männeken, Sie wollen leugnen? Das hilft Ihnen nichts. Das hätten Sie klüger anfangen müssen. Ein routinierter Verbrecher sind Sie noch nicht. Der hätte das brennende Corpus delicti ein paar Schritt weiter in die Spree geworfen.«

Er hob die brennende Zigarre auf.

Den armen Rat überlief es siedendheiß und eiskalt. Ein Verbrecher sollte er sein; nur noch nicht ein routinierter. Das Corpus delicti zu seiner Überführung war wohlverwahrt. Das traf ihn, ihn, der im Begriffe stand, ein neues Strafgesetzbuch zu machen, der noch soeben feierlich erklärt hatte, Strafgesetze mache man nur gegen das gemeine Volk!

Aber er kam wieder zur klaren Besinnung. Er hatte nur verbotswidrig geraucht. Das war eine einfache Polizeikontravention. Noch lange kein Verbrechen. Und es war auf der Stelle abzumachen. Er wußte: Die Strafe betrug zwei Taler. Mit deren Bezahlung war die Sache abgemacht, und es krähte kein Huhn oder Hahn weiter danach. Sein Name wurde nicht einmal bekannt. Das war die Hauptsache: Sein Name wurde nicht bekannt.

Der arme Rat wußte nicht alles.

»Ich denke nicht daran zu leugnen«, sagte er stolz. »Die Strafe beträgt zwei Taler, nicht wahr?«

»Akkurat zwei Taler.«

»Hier, Freund, sind die zwei Taler, und nun lassen Sie mich gehen.«

»Oh, oh, was denken Sie?«

»Nun, was soll es noch mehr?«

»Hören Sie, Männeken, ick überzeuge mir, daß Sie sich in einem beklagenswerten Irrtum befinden.«

»Die Strafe beträgt doch nur zwei Taler, und die sind hier.«

»Nein, Gutester, so verhält sich die Sache nicht. Sie scheinen mir für die Strafkasse anzusehen, und die bin ick doch nich. Ich bin man bloß der vereidete Denunziant, und die Strafkasse ist Molkenmarkt Nummer zwei.«

»So geben Sie die zwei Taler dahin.«

»Sie sind noch immer in einem dicken Irrtum. Sehen Sie, die Sache verhält sich folgendermaßen. Ick mache meinen Rapport bei die betreffende Abteilung des Polizeipräsidiums. Dann erhalten Sie eine Vorladung für diese nämliche Abteilung.«

»Eine Vorladung?« rief der Rat, dem eine entsetzliche Ahnung aufging.

»Eine schriftliche Vorladung, worin Ihr Name, Ihr Stand und Ihre Wohnung deutlich geschrieben stehen, und die Stunde, in welcher Sie vor die gedachte Abteilung zu erscheinen haben, um sich zu verantworten oder zu sehen, wie man Sie in die gesetzliche Strafe zu verurteilen habe. Sehen Sie, Männeken, so schreibt das Gesetz es vor.«

»Das ist ein zweifelhaftes Gesetz«, stöhnte der Rat.

»Wohlersonnen in dem hohen Justizministerium. Nun, Männeken, seien Sie so gütig, und geben mir Ihren Namen nebst Charakter oder Stand und Wohnung an, und wenn Sie sich gleich legitimieren können, so können Sie auch gleich ruhig nach Hause gehen und schlafen den kleinen Schrecken aus.«

Es war wahrlich kein kleiner Schreck, der den armen Rat ergriffen hatte. Seinen Namen, seinen Namen, sollte er angeben, Oberlandesgerichtsrat Hartwig, Hilfsarbeiter im Königlichen Justizministerium! So sollte er vorgeladen werden! Er, der Mann, der ein neues Strafgesetzbuch für den preußischen Staat machen wollte, wegen Übertretung eines Strafgesetzes. Er sollte auf dem Polizeipräsidium erscheinen, dort öffentlich mitten unter Vagabunden, Bettlern, liederlichen Dirnen und Bummlern aller Art in deren Gegenwart als Angeschuldigter vernommen werden! Wenn der Minister das erfuhr! Und mußte er es nicht erfahren?

Er verlor den Kopf.

Auch der Klügste kann den Kopf verlieren; der Klügste erst recht.

Allzu scharf macht schartig.

»Nun, Ihren Namen, guter Herr?«

Der Rat hatte einen Bekannten in Berlin gehabt, der ihm dort zuweilen kleine Geschäfte besorgt hatte und der vor einem Jahre verstorben war. Weise hatte er geheißen, und er war Kammergerichtsassessor gewesen.

So wird es gehen, sagte der Rat zu sich. Der Tote kann nicht mehr kompromittiert werden. Und was weiß dieser dumme Nachtwächter davon, daß er tot ist! Der Titel wird ihm imponieren. So komme ich aus der verdammten Affäre heraus.

»Nun, Männeken, wird's bald?«

»Ich heiße Weise«, sagte der Rat.

»Vorname?«

»Eduard.«

»Schön! Stand?«

»Kammergerichtsassessor.«

»Ah, die Kammergerichtsassessoren sind brave Leute, geben einem oft einen Denunziantenanteil zu verdienen. Ihre Wohnung, Herr Kammergerichtsassessor?«

Den Rat durchfuhr ein neuer Schreck.

Alle Teufel, der Kerl sprach von sofortiger Legitimation. Legitimieren kann ich mich nicht. Wenn es ihm nun einfiele, mich zu meiner Wohnung zu begleiten!

Aber er hatte auch gleich ein Beruhigungsmittel.

Er darf seine Straße hier auf lange Zeit nicht verlassen; weit darf er also nicht mit mir gehen. Eine recht weit entfernte Wohnung; so werde ich ihn los.

»Belle-Alliance-Platz Nummer fünf«, sagte er keck.

»Schön! Nun Ihre Legitimation?«

»Ich habe leider meine Karte vergessen.«

»Auch keine andern Papiere bei sich?«

»Zu meinem Unglück nichts.«

»Das ist wirklich ein Unglück für Ihnen, Gutester. Dann müssen Sie zum Molkenmarkt Nummer zwei.«

»Sie könnten mich ja zu meiner Wohnung begleiten.«

»Nein, bestes Herrchen, ick darf meine Straße hier nicht verlassen.« Der Rat atmete auf.

»Aber da sehe ick jerade einen Gendarmen des Weges kommen. Der wird sich gern die Ehre geben, Ihnen nach Ihrer Wohnung zu begleiten. He, Herr Gendarm!«

Die Herbstnacht hatte, zumal so nahe am Wasser, begonnen, recht frisch und kühl zu werden. Aber dem armen Rat schoß plötzlich der Schweiß so warm und so reichlich aus allen Poren, daß er bald keinen trockenen Faden mehr am Leibe hatte.

Er erkannte auf einmal in vollem Umfange, was er getan hatte.

Zuerst war er nur ein einfacher Polizeikontravenient gewesen. Seine Übertretung war mit einer kaum nennenswerten Buße von zwei Talern abzumachen. Die Vorladung vor das Polizeipräsidium war etwas unangenehm; aber eine Zigarre auf der Straße auszulöschen, vergißt so mancher anständige Mensch; ähnliches wie ihm war gewiß auch schon hochgestellten Beamten begegnet, und selbst der Minister, der ihm zudem wohlwollte, hätte am Ende nur darüber gelacht.

Aber zu dieser einfachen Polizeiübertretung hatte er ein wirkliches Vergehen hinzugefügt. Er hatte, dem Nachtwächter gegenüber, sich einen falschen Namen beigelegt, und es war ihm nur zu bekannt, daß nach der Allerhöchsten Kabinettsordre vom 30. Oktober 1816 jeder, der sich eines fremden Namens bedient, mit einer Geldbuße bis zu fünfzig Talern oder nach Erwägung des Richters mit einem verhältnismäßigen Arrest bestraft werden soll. Wenn aber die Beilegung des fremden Namens in betrüglicher Absicht geschehen war, so sollte gar die Strafe des Betruges eintreten, Verlust der Nationalkokarde und Zuchthaus. Und hatte er sich nicht den falschen Namen beigelegt in der Absicht, den Staat um die Strafe von zwei Talern zu betrügen?

Der Teufel hat mich verblendet! rief es voll Verzweiflung in ihm.

Der angerufene Gendarm war herangekommen.

»Was gibt es hier?«

»Was es hier gibt, Herr Gendarm? Eine strafbare Zigarre.«

»Ah, dieser Herr hat auf der Straße geraucht?«

»So ist es, geehrter Herr Gendarm, und das Corpus delicti ist in meinen Händen. Und da dieser Herr ein Kammergerichtsassessor ist, der seine Unkenntnis unserer Strafgesetze mit zwei Talern bezahlen muß, aber keine Visitenkarte oder andere Legitimationsschriften bei sich führt, so wollte ich Ihnen gebeten haben, Herr Gendarm, ihn ein klein wenig nach seiner Wohnung zu begleiten, die für mich etwas zu weit gelegen ist.«

»Sie haben geraucht, Herr Assessor?« fragte der Gendarm den Rat.

»Ja.«

»Und können sich nicht legitimieren?«

»Nicht hier.«

»Dann hat der Mann da recht. Es tut mir zwar leid, aber Sie müssen schon erlauben, daß ich bis zu Ihrer Wohnung mit Ihnen gehe.«

Der Gendarm sprach so sehr höflich; jedes seiner Worte wurde in einem Tone gesprochen, der so sehr um Entschuldigung bat, ein so aufrichtiges Bedauern ausdrückte. Der Mann der bewaffneten Macht hatte dabei ein so mildes, freundliches Aussehen, und zugleich zeigte das Licht der Gaslaterne in seinem blassen Gesicht eine gewisse stille Trauer, und wenn man näher hineinblickte, so konnte man so leicht glauben, den Mann müßten geheime Sorgen drücken; wahrscheinlich Nahrungssorgen; wenn man zugleich ferner bedachte, daß ein Gendarm monatlich nur sechzehn Taler Löhnung erhält und davon sich und seine Familie ernähren und Tag und Nacht auf den Beinen sein, also durch manchen Schnaps und manches Glas Bier für seinen sauren Dienst sich konservieren muß, und das alles in dem teuren Berlin!

Dem Rat wurde es wieder leicht ums Herz. Er atmete frei auf. Er bekam wieder Mut. Mit dem höflichen Menschen, mit dem armen Teufel, werde ich schon eher fertig werden als mit dem groben Nachtwächter.

»Wo wohnen Sie, Herr Assessor?« fragte der Gendarm.

»Belle-Alliance-Platz Nummer fünf«, antwortete wieder mutig, aber höflich der Rat.

»Darf ich dann bitten?« Sie gingen; anfangs schweigend. So überschritten sie die Marschallbrücke, passierten die Kleine Wilhelmstraße, durchschritten quer die Linden und kamen in die Wilhelmstraße.

In der Wilhelmstraße war es dem Rat sehr wehmütig ums Herz. Dort lag das Justizministerium – nicht das jetzige, ein anderes. – Als er das große, dunkle Hotel sah, in dem alle die Gesetze gemacht wurden, in dem er ein neues Strafgesetzbuch machen sollte, ein recht umfassendes und recht strenges, um das Volk gehörig in Furcht zu erhalten, da mußte er unwillkürlich tief und schwer aufseufzen. Er ging still und leise an der Seite seines Gendarmen, als wenn des Herrn Justizministers Exzellenz im Fenster läge und ihn, den von einem Gendarmen als halber Gefangener durch die Straßen Geführten, sehen oder hören könnte.

Als er aber vorüber war und von dem Hotel aus seine Stimme nicht mehr gehört werden konnte, vermochte er nicht länger an sich zu halten.

»Stehen Sie schon lange in Berlin, Herr Gendarm?«

»Seit vier Jahren.«

»Und wo waren Sie früher?«

»In Litauen.«

»Das soll ein fruchtbares Land sein!«

»Ein fruchtbares Land, Herr Kammergerichtsassessor, und alles so billig.«

Der Mann kam ihm ja entgegen.

»Sie sehnen sich wohl dahin zurück?«

»Der Dienst dort war beschwerlicher, besonders an der Grenze.«

»Ich glaube es wohl.«

»Aber wenn ich bedenke, wie teuer hier alles ist . . .«

»Ja, in Berlin ist es sehr teuer.«

»Wenn man Familie hat, kann unsereiner hier fast gar nicht auskommen.«

»Sie haben eine Familie?«

»Eine Frau und vier kleine Kinder.«

»Mein Gott, da wird es Ihnen allerdings schwer werden.«

»Ja, gewiß.«

Der Rat sah sich um. Sie gingen ganz allein in der breiten Wilhelmstraße. Kein Mensch war zu sehen oder zu hören. Die Mitternacht war so still, so verschwiegen; die Gaslaternen brannten so zutraulich; der Gendarm war so höflich und freundlich; er hatte eine Frau und vier Kinder zu ernähren und war so arm und sah selbst so, beinahe so verhungert aus. – Die Verführung war zu groß.

Sie hatten den Wilhelmplatz erreicht. Dort links, seitab war der nächste Weg zu dem Hotel de Brandenbourg am Gendarmenmarkte. Warum den ohnehin schon müden Gendarmen noch weiter bis zu dem weiten Belle-Alliance-Platz führen?

»Herr Gendarm!«

»Was wäre Ihnen gefällig, Herr Kammergerichtsassessor?«

»Kann ich ein Wort im engsten Vertrauen zu Ihnen sprechen?«

»Warum nicht!«

»Ich habe es mit einem Ehrenmanne zu tun?«

»Ich hoffe es.«

»Herr Gendarm, ich bin nicht Kammergerichtsassessor.«

»So? Und was sind Sie dann, wenn ich fragen darf?«

»Ich heiße auch nicht Weise, wie ich dem Nachtwächter angegeben habe.«

»Sondern?«

Der Gendarm blieb immer höflich und freundlich.

»Ich bin der Oberlandesgerichtsrat Hartwig aus . . .«

»Darauf kann man sich verlassen?«

»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort darauf.«

»Sehr schön.«

»Ich wohne auch nicht Belle-Alliance-Platz Nummer fünf.«

»Sondern?«

»Ich logiere im Hotel de Brandenbourg am Gendarmenmarkte.«

»Ein schöner Gasthof.«

»Und ich bin erst heut hier in Berlin angekommen.«

»Sind also noch unbekannt hier?«

Der brave Mann kommt mir ja immer entgegen, jubelte es in dem Rat. »Ich kannte wenigstens manches nicht, so das unglückliche Rauchverbot.«

»Ich kann es mir denken.«

»Herr Gendarm!«

»Was befehlen der Herr Oberlandesgerichtsrat?«

»Ihr Name?«

»Müller.«

»Lieber Herr Müller, ich muß Ihnen noch mehr mitteilen. Ich bin als Hilfsarbeiter in das Justizministerium berufen.«

»Ah, gratuliere gehorsamst.«

»Der Herr Minister hält viel auf mich. Er ist mit dem Polizeipräsidenten bekannt, mit dem Herrn Kriegsminister befreundet; wenn Sie einmal eine Bitte an Ihre Herren Vorgesetzten haben sollten, so um Zulage etwa, ich würde mir ein Vergnügen daraus machen, einem so braven Manne nützlich zu sein.«

»Der Herr Oberlandesgerichtsrat sind sehr gütig. Eine Zulage kann ein armer Gendarm, der Familienvater ist, immer gebrauchen.«

»Und um Ihnen gleich meine Teilnahme zu beweisen: hier, nehmen Sie dieses – der Winter nahet, die Kinder bedürfen warmer Kleider; ich kenne die Bedrängnisse eines Familienvaters ohne Vermögen. Nehmen Sie, und dann gute Nacht, lieber Herr Müller. Sie werden müde sein. Sie brauchen mich nicht weiter zu begleiten.«

Er drückte dem Gendarmen zwei Fünftalerscheine in die Hand, sagte noch einmal herablassend freundlich gute Nacht und wollte den Weg links über den Wilhelmplatz nach dem Gendarmenmarkt einschlagen.

Der Gendarm hatte die beiden Scheine angenommen. Er besah sie im Laternenlicht, dann sagte er: »Nicht doch, Herr Oberlandesgerichtsrat.«

Er sprach die Worte höflich und freundlich wie immer.

»Hätten Sie noch etwas zu wünschen, lieber Herr Müller?«

»Nur noch eins, geehrter Herr Oberlandesgerichtsrat, daß Sie die Güte haben, mir zur Stadtvogtei zu folgen.« Zugleich faßte der freundliche Gendarm höflich, aber sehr fest den Arm des Rats.

Der Oberlandesgerichtsrat Hartwig, der neue Hilfsarbeiter im Justizministerium zur Abfassung eines neuen Strafgesetzbuchs für die gesamten königlich-preußischen Staaten, war wie vom Donner gerührt.

»Wohin?« rief er. »Zur Stadtvogtei?«

»Ohne Zweifel.«

»Aber Sie haben ja die zehn Taler angenommen!«

»Als Corpus delicti, geehrter Herr Oberlandesgerichtsrat.«

Wieder ein Corpus delicti gegen den armen Rat.

»Aber warum denn gleich zur Stadtvogtei? Ich kann mich ja legitimieren.«

»Morgen.«

»Jetzt gleich. Ich trage Briefe an mich bei mir.«

»Morgen.«

»So begleiten Sie mich wenigstens nur bis zu meinem Gasthofe. Ich kann Ihnen dort die vollsten Beweise geben.«

»Morgen«, wiederholte der freundliche Gendarm.

»Aber, mein Gott, ich bin doch kein Vagabund!«

»Ich glaube das nicht.«

»Warum denn sofort in das Gefängnis? Gar in das Kriminalgefängnis?«

Der freundliche Gendarm wurde sehr ernst.

»Mein Herr«, sagte er, »Sie haben heute zuerst verbotswidrig auf der Straße geraucht. Sie haben sich dann einen falschen Namen beigelegt. Zuletzt haben Sie gar noch gewagt, mich, einen ehrlichen Mann, auf eine niederträchtige Weise bestechen zu wollen, um mich zu einer Pflichtwidrigkeit, zu einer Schlechtigkeit zu verführen. So haben Sie, fast in einem Atem, dreimal das Gesetz überschritten. Sie sind ein Verbrecher. Ich muß Sie an das Kriminalgericht abliefern.«

Er war ein Verbrecher, zuletzt sogar ein recht gemeiner Verbrecher, der einen armen, ehrlichen Beamten durch Bestechung zu einem Dienstverbrechen hatte verführen wollen, was notwendig schimpfliche Kassation zur Folge hatte. Der Gendarm mit seinen einfachen, ernsten Worten hatte es ihm so wahr gesagt.

Er war vernichtet. Es war vorbei mit ihm. Er fühlte es.

Er konnte nicht mehr gehen.

Zum Glück kam eine verspätete Droschke von der Leipziger Straße her.

Der Gendarm rief sie an.

»Molkenmarkt Nummer drei!« sagte der Gendarm.

Die entsetzlichsten Worte, die man in Berlin hören kann.

Der Rat mußte bitterlich weinen.

Es war zu spät.

Er erkannte vieles. Auch die Strenge der Gesetze.

Es war zu spät.

Der Gendarm lieferte ihn am Molkenmarkt Nr. 3 in die Gefängnisse der Stadtvogtei ab.

* * *

Am andern Morgen war Konferenz des Justizministeriums.

Sämtliche Rate des Ministeriums waren in dem großen Sitzungssaale versammelt.

Der Justizminister trat ein und nahm seinen Platz ein.

»Bevor wir unsere Arbeiten beginnen, meine Herren«, sagte er mit seiner gewohnten Höflichkeit, »erlauben Sie mir, den Oberlandesgerichtsrat Hartwig einzuführen. Er wird die Ehre haben, vorläufig als Hilfsarbeiter des Ministeriums, fortan gemeinschaftlich mit Ihnen zu wirken. Er ist ein ausgezeichneter junger Mann.« – Er klingelte, ein Kanzleidiener erschien.

»Der Herr Oberlandesgerichtsrat Hartwig. Er wird im Vorzimmer warten.«

Der Kanzleidiener entfernte sich und kehrte gleich wieder zurück.

»Der Herr Rat Hartwig ist noch nicht da. Aber in diesem Augenblick bringt ein Bote vom Kriminalgericht ein Schreiben an Eure Exzellenz.« Er überreichte dem Minister ein verschlossenes Schreiben.

»Vom Direktor des Kriminalgerichts«, sagte der Minister. Er öffnete das Schreiben und las es. Erst leise für sich, dann laut, mit den Zeichen des höchsten Erstaunens und einer leisen Verlegenheit.

»Ew. Exzellenz habe ich eine sehr unangenehme Anzeige zu machen. In der heutigen Nacht ist ins Gefängnis der Stadtvogtei der Oberlandesgerichtsrat Hartwig aus . . . eingeliefert. Er hat sich mehrfacher Verbrechen schuldig gemacht. Wegen verbotswidrigen Rauchens auf der Straße von einem Nachtwächter angehalten, hat er sich, um der Strafe zu entgehen, einen falschen Namen beigelegt und demnächst, in der gleichen Absicht, einen Gendarmen mit zehn Talern zu bestechen versucht. Der og. Hartwig sagte mir, daß er als Hilfsarbeiter in dem Ministerium Ew. Exzellenz von Hochdemselben heute morgen acht Uhr in der Konferenz eingeführt werden solle. Ich muß es darum für meine Pflicht erachten, Ew. Exzellenz sofort diesen gehorsamsten Bericht zu erstatten; um zugleich etwa besondere Maßnahmen Hochdemselben anheimzustellen.«

Der Minister antwortete sofort. Er hatte seine kleine Verlegenheit überwunden.

»Dem Rechte muß selbstverständlich sein voller Lauf gelassen werden. Kann es unter Schonung der Verhältnisse geschehen, so würde mich das befriedigen.«

Der Rat Hartwig wurde zu der gesetzlichen Strafe verurteilt. Der Sache wurde die möglich wenigste Publizität gegeben. Öffentliches Gerichtsverfahren hatte man damals noch nicht.

Ich weiß nicht, was später aus dem ehemaligen Oberlandesgerichtsrat Hartwig geworden ist. Hilfsarbeiter im Justizministerium wurde er nicht, und das neue Strafgesetzbuch für die königlich-preußischen Staaten ist auch ohne ihn streng geworden.



Ein tragisches Ende

Eine Kriminalgeschichte und doch keine

1

Der Racheschwur

In dem großen Hause Molkenmarkt Nr. 3 befanden sich in einem kleinen Zimmer zwei Treppen hoch zwei Personen, ein kleiner runder Mann mit einem roten Gesicht und ein langer, hagerer Mann mit einem blassen Gesicht.

Das große Haus am Molkenmarkt Nr. 3 zu Berlin ist bekanntlich das Kriminalgerichtsgebäude oder, wie der Berliner sagt, das Kriminalgericht.

Die Stube, in welcher die beiden Männer sich befanden, war eine Verhörstube des Kriminalgerichts. Sie war es. Jetzt gibt es schon seit mehreren Jahren keine Verhörstuben mehr. Das neue öffentliche mündliche Strafverfahren mit einem Staatsanwalt und mit Geschworenen hat auch die Verhörstube mit ihren Inquirenten abgeschafft und dafür Instruktionszimmer mit einem Instruktionsrichter eingeführt, in denen übrigens genauso verfahren wird wie in den Verhörstuben des alten schriftlichen Inquisitionsprozesses.

Der kleine runde Herr mit dem roten Gesicht war der Inquirent der Verhörstube, der Kriminalgerichtsrat oder, wie seine Untergebenen zu ihm sagen mußten, Stadtgerichtsrat Pannemann.

Der lange, hagere Mann mit dem blassen Gesicht war sein Kriminalprotokollführer Köpke.

Der Kriminalgerichtsrat war soeben in die Verhörstube eingetreten, hatte Hut und Stock und Handschuhe abgelegt und sich an seinen Arbeitstisch begeben. Auf diesem lagen, musterhaft geordnet, seine Arbeiten für den heutigen Tag; auf der einen Seite die Akten, in denen zu dekretieren, auf der anderen die, in denen zu inquirieren war. Köpke hatte sie musterhaft geordnet, er hatte auch, wie immer, noch mehr getan. Die »Decernenda« hatte er schon »abdekretiert«; der Rat mußte nur seinen Namen darunterschreiben; ob er sie auch durchlesen wollte, stand in seinem Belieben. In den »Terminakten« hatte der fleißige Protokollführer die Protokolle schon fertig gemacht. Der Rat mußte nur noch die vernommenen Personen wieder vorkommen, ihnen die Protokolle vorlesen lassen und sie befragen, ob es so richtig sei.

Dies war indes nicht in allen Sachen so. Denn, wie gesagt, der Kriminalgerichtsrat hatte die wichtigeren sich zur eigenen Bearbeitung vorbehalten. Köpke mußte sie ihm obenauf legen.

Der Kriminalgerichtsrat Pannemann besah zuerst das Aktenstück, das oben auf den Terminakten lag, also mutmaßlich zu seiner eigenen Bearbeitung stand. Er wurde überrascht, und zwar angenehm überrascht.

»Piepritz?« rief er. – »Piepritz!« sagte der Protokollführer Köpke.

»Und bestätigt?«

»Bestätigt.«

»Gottlob, Gottlob! Köpke, klingeln Sie.«

Über dem Arbeitstische hing eine Schnur, die zu einer Klingel in den Verhörgängen führte. Köpke zog dreimal die Schnur. Die Verhörstube führte in dem Gange, an dem sie lag, die Nummer drei. Ein Kriminalgerichtsdiener trat ein. – »Den Piepritz«, befahl der Kriminalgerichtsrat. – »Zu Befehl, Herr Stadtgerichtsrat.« Der Diener ging zurück.

Der Kriminalgerichtsrat war so freudig aufgeregt, daß er keine Akten weiter ansehen konnte. Er ging in der kleinen Stube auf und ab.

Der Protokollführer faltete einen Bogen Papier und schrieb, den Eingang ins Protokoll darauf.

»Köpke!« sagte der Rat wichtig und vergnügt, »ich bin recht neugierig.«

Köpke nickte mit dem Kopfe, zum Zeichen, daß er es glaube.

Er war mit Schreiben beschäftigt, und der Rat, der selbst gern viel sprach, hatte es nicht gern, wenn andere sprachen.

»Der wird Augen machen, Köpke.« – Köpke nickte.

»Es hat mich auch Mühe genug gekostet. Was habe ich dem Kerl zusetzen müssen.« – Köpke nickte wieder. »Warum antworten Sie mir nicht, Köpke?«

»Ja, er war sehr zähe«, sagte Köpke mit einer melancholischen Stimme.

»Ich habe ihn dennoch zur Überführung gebracht. Indizium auf Indizium, alle so fein, so delikat« – der Rat schnalzte mit der Zunge – »und doch so fest. Ich umstrickte ihn, wie einen Aal in einem Fischernetze. Ja, ja, ein glatter Aal war der Kerl; aber ich bin ihm doch Meister geworden. – Soll ich Ihnen die Wahrheit sagen, Köpke?«

»Ja, Herr Stadtgerichtsrat.«

»So recht habe ich selbst an die Schuld des Menschen nicht geglaubt.«

»Ich auch nicht, Herr Stadtgerichtsrat.«

»Aber sehen Sie, Köpke, er ist ein so alter und so oft bestrafter Dieb und hat so oft gestohlen, ohne daß er bestraft ist. Ist er hier auch unschuldig, so hat er durch hundert andere Verbrechen die Strafe doppelt, dreifach verdient.«

Köpke nickte.

»Und ein Exempel mußte an ihm statuiert werden, und darum gab ich mir auch so viele Mühe mit dem Menschen; ich selbst. Und gottlob, ich hatte die Genugtuung, daß das Kriminalgericht meinen Indizienbeweis für genügend annahm und ihn verurteilte, und jetzt hat es auch der Ober-Appellationssenat bestätigt. – Fünfzehn Jahre! Und gar mit Besserungsdetention! Eine lange Zeit! Er wird sich verwundern. Ich bin recht neugierig.«

Die Tür ging auf. Der Kriminalgerichtsbote führte einen Gefangenen herein.

Der Kriminalgefangene Piepritz war in den vierziger Jahren, ein kleiner schmächtiger Mensch, mit einem eingefallenen erdfahlen Gesicht und mit verschleierten, eidechsenartig schillernden Spitzbubenaugen. Er hatte seit seinem zwölften Jahre die meiste Zeit seines Lebens in Untersuchungsarrest und in Zuchthäusern zugebracht.

Er trat mit einem langsamen, ruhigen Wesen und einem unbeweglichen Gesicht in die Verhörstube. Ob er jemanden darin ansah, ob er etwas darin suchte, ob er überhaupt auf irgend etwas achtete, konnte man bei den völlig verschleierten Augen nicht sehen. Nur einen stillen Trotz konnte man an ihm bemerken.

Der Kriminalgerichtsrat redete ihn an. Mit den ersten Worten amtlich ernst; bald konnte er aber seine vergnügte Stimmung nicht mehr verbergen.

»Piepritz, dein zweites Urteil ist gekommen. Es soll dir publiziert werden. Was meinst du wohl, wie es ausgefallen ist?«

Der Gefangene schwieg trotzig.

»Du sagst nichts, Piepritz? Du hast wohl eine Ahnung?«

Der Gefangene antwortete mit jener heiseren Stimme des Schnapses aus früherer und der Gefängnisluft aus späterer Zeit: »Wenn es nach Recht und Gerechtigkeit geht, Herr Kriminalrat, so bin ich freigesprochen.«

»Wenn es nun nicht so wäre, bester Piepritz?«

Der Kriminalgerichtsrat war von Herzen ein grundguter Mensch, dem es auch wahrlich an Gerechtigkeitsgefühl nicht fehlte. Aber die lange Gewohnheit des Inquirierens hatte namentlich in zweierlei Weise eigentümlich auf ihn eingewirkt. Einerseits ergriff ihn gerade vermöge seines Gerechtigkeitsgefühls gegenüber den strengbindenden Vorschriften der Kriminalordnung über den Beweis, durch den es den Verbrechern so sehr leicht gemacht war, »sich durchzulügen«, manchmal ein zäher Eigensinn, gleichsam eine stille Wut, den leugnenden Verbrecher zu überführen, durch Indizien über Indizien »den frechen Lügner« wie einen »glatten Aal« zu umstricken und zu fangen. Andererseits, wenn er endlich seinen Zweck erreicht hatte, so bestand seine hauptsächliche Freude darin, mit dem armen überführten Inquisiten wie die Katze mit der Maus zu spielen.

»Aber wenn es nun nicht so wäre, bester Piepritz?« fragte der Kriminalgerichtsrat.

»Herr Kriminalrat, noch gibt es in Preußen Gesetze und gerechte Richter.«

»Du könntest dich doch irren, guter Piepritz.«

»Da drinnen, Herr Kriminalrat?«

»In deiner Freisprechung.«

»Na, lassen Sie hören.«

»Dein erstes Urteil ist lediglich bestätigt worden.«

»Lassen Sie es mir vorlesen, wie es Vorschrift ist«, sagte trotzig der Gefangene.

Der Rat mußte vorlesen.

»In der Kriminaluntersuchungssache gegen den Arbeitsmann Leonhard Friedrich Wilhelm Piepritz aus Berlin hat der Ober-Appellations­senat des Kammergerichts den Akten gemäß für Recht erkannt, die Erkenntnis des Kriminalgerichts zu Berlin vom 3. März 18. . lediglich dahin zu bestätigen, daß der Inquisit Leonhard Friedrich Wilhelm Piepritz wegen zweiten gewaltsamen und zugleich dritten Diebstahls außerordentlich mit fünfzehn Jahren Strafarbeit und Detention in der Strafanstalt bis zu seiner nachgewiesenen Besserung zu bestrafen ist. Von Rechts wegen . . .«

Damals dachte man bei der Strafe noch an Besserung des Verbrechers. Jetzt ist alles »absolute Strafrechtstheorie«.

Der Gefangene hatte der Vorlesung mit seinem ganzen unbeweglichen Trotze zugehört.

»Soll ich dir auch die Entscheidungsgründe vorlesen?« fragte der Kriminalgerichtsrat. »Du kannst es nach dem Gesetze verlangen.«

»Inkommodieren Sie sich nicht, Herr Rat. Ich weiß doch, daß ich meine Strafe nur Ihnen zu verdanken habe.«

Der Rat rieb sich die Hände.

»Ja, ja, Freund Piepritz, du warst klug, recht klug, aber . . .«

»Aber wir sprechen uns wieder, Herr Kriminalrat. Fünfzehn Jahre sind zwar eine lange Zeit.«

»Ja, ja, eine recht lange Zeit!«

»Aber sie gehen vorüber, Herr Kriminalrat.«

»Und vergiß auch die Besserungsdetention nicht, bester Piepritz.«

»Oh, Herr Kriminalrat, was die anbetrifft, so werde ich vom ersten Tage an im Zuchthause mich so bessern, daß ich keine Stunde länger sitzen muß als meine fünfzehn Jahre. Und wissen Sie auch, warum, bester Herr Kriminalrat? Um genau nach fünfzehn Jahren mit Ihnen wieder sprechen und Ihnen dafür danken zu können, daß ich so lange Zeit im Zuchthause mich habe bessern müssen.«

Der Mensch hatte, während er diese Worte mit seinem vollen ruhigen Trotze drohend sprach, die verschleierten Augen weit geöffnet. Es waren ein Paar große hellgrüne Augen. Sie schossen Blitze auf den Kriminalgerichtsrat.

Der arme Rat sah sie vielleicht zum ersten Male in seinem Leben. Er mußte sich den Angstschweiß von der Stirn wischen.

»Köpke, haben Sie das Protokoll fertig?« fragte er.

Köpke hatte das Protokoll fertig. Er las es dem Inquisiten vor. Der Inquisit unterschrieb es ruhig.

Dann erhielt der Gerichtsdiener einen Wink, ihn abzuführen.

Aber in der Tür drehte sich der Gefangene noch einmal um.

»Ich komme nach Spandau, Herr Kriminalrat?«

»Als schwerer Verbrecher, ja.«

»Und wann werde ich abgeführt?«

»Morgen.«

»Also morgen über fünfzehn Jahre, Herr Kriminalrat. Vergessen Sie mich nicht!«

Er verließ das Zimmer.

»Das ist ein gefährlicher Mensch, Köpke«, sagte der Kriminalgerichtsrat. »Fünfzehn Jahre sind gottlob eine lange Zeit!«

Köpke nickte mit dem Kopfe.

Dem Kriminalgerichtsrat aber war der Schreck in die Beine gefahren. Er mußte sich auf seinen Stuhl setzen und lange ausruhen, bevor er seine Arbeit wieder beginnen konnte.

Der Gefangene wurde in seine Zelle zurückgeführt. Er hatte bisher allein darin gesessen. Bei seiner Rückkehr traf er einen Mitgefangenen.

Es war ein kleiner, verwachsener, sehr häßlicher Mensch, der aber gewandt aussah und außerordentlich listige Augen hatte.

Der Gefangene Piepritz kannte ihn nicht. Er betrachtete ihn eine Weile aufmerksam. Dann redete er ihn an: »Wie heißen Sie?«

»Friedrich Schulze ist mein Name.«

»Mir unbekannt. Sind Sie schon öfter hier gewesen?«

»Es ist das erste Mal.«

Piepritz sah Friedrich Schulze mit einiger Geringschätzung an. »Weshalb sitzen Sie?«

»Ich soll einen Bauern um zehn Silbergroschen betrogen haben.«

Piepritz sah den Menschen mit ungemeiner Verachtung an. »Darum!« Dann schien ihm ein Gedanke gekommen zu sein. »Höre Er mal, Er wird hier nicht lange sitzen.«

»Meinen Sie?«

»Unterbreche Er mich nicht. Höchstens vierzehn Tage, und wenn Er sogleich zugesteht, kaum acht Tage.«

»Sie raten mir zum Geständnis?« fragte verwundert Friedrich Schulze.

»Was ist daran gelegen, ob so ein Lump, der nur Bauern betrügen kann, ein Geständnis ablegt oder nicht. Einen zweiten oder dritten Betrug gibt es ja nicht, und also immer nur drei bis vier Wochen Gefängnis. Aber Er kennt mich?«

»Sie sind der Leonhard Piepritz?«

»Ja, der bin ich«, sagte der Dieb stolz, »und ich habe Ihm einen Auftrag zu geben. In acht oder vierzehn Tagen wird Er, wie ich sage, freikommen. Dann gehe Er zu meiner Frau, Mulackgasse Nummer dreizehn, vier Treppen auf dem zweiten Hofe, nach hinten, und sage Er ihr, daß ich fünfzehn Jahre bekommen hätte . . .«

»Fünfzehn Jahre!« rief Friedrich Schulze.

»Na, falle Er mir nicht in Ohnmacht. Er wird in seinem Leben keinen zweiten gewaltsamen und zugleich dritten Diebstahl begehen. Aber unterbreche Er mich nicht wieder und höre Er zu, Er geht also zu meiner Frau und sagt ihr das, und zugleich sagt Er ihr, sie solle recht bald nach Spandau kommen und mir Tabak bringen. Hat Er verstanden?«

»Ja, Herr Piepritz.«

»Und nun schere Er sich in seine Ecke dort.«

Der Aristokrat macht sich nirgends mit dem Proletarier gemein.

Am andern Tage wurde Leonhard Piepritz zur Verbüßung seiner fünfzehnjährigen Strafarbeit zum Zuchthause in Spandau transportiert.


2

Die Rückkehr des Rächers

Genau fünfzehn Jahre und ein Tag waren seit jener Urteilspublikation verflossen.

Auf der breiten Chaussee, die von Charlottenburg durch den Tiergarten nach Berlin führt, ging ein Wanderer dem Brandenburger Tor zu.

Er ging allein. Es war ein schmächtiger, blasser Mensch. Das Gesicht war aufgedunsen; der übrige Körper war klapperdürr. Er war bekleidet mit langen Beinkleidern und kurzer Jacke, beide von grauem Zwillich. Auf dem Kopfe trug er eine alte Mütze, deren Farbe nicht mehr zu erkennen war, in der Hand einen Stock.

Ein Berliner, der ihn sah, erkannte leicht in ihm einen aus dem Zuchthause zu Spandau entlassenen Sträfling.

Piepritz hatte seine fünfzehnjährige Strafarbeit in dem Zuchthause zu Spandau verbüßt. Er hatte auch während seiner ganzen Strafzeit sich ruhig und der Hausordnung gemäß betragen und täglich unverdrossen sein Pensum Wolle abgespult. So konnte er, ohne daß es einer Nachdetention zu seiner Besserung bedurfte, mit dem Ablauf des Tages seiner Strafarbeit auch als gebessert entlassen werden. Er war heute entlassen und auf dem Rückweg nach Berlin, nach Hause.

Fünfzehn Jahre sind eine lange Zeit. Der Kriminalgerichtsrat Pannemann hatte es gesagt. Leonhard Piepritz hatte es erfahren. Die Zeit kommt einem noch einmal so lang vor, wenn man nach fünfzehn Jahren vor den Toren seiner Heimatstadt steht, in der man eine Frau, Kinder, Freunde und Bekannte zurückgelassen, von denen allen man in langen Jahren nichts erfahren hat. So war es dem Sträfling Piepritz in Spandau ergangen.

In den ganzen fünfzehn Jahren war er keinen Tag, keine Stunde aus den Mauern des Zuchthauses zu Spandau gekommen, hatte er von seiner Familie und von seinen Freunden nichts gesehen und nichts gehört. Weder war seine Frau selbst gekommen, um ihm Tabak zu bringen, noch war sonst jemand im Zuchthause gewesen, der ihm Nachricht von ihr und seinen Kindern gebracht hatte. In der ersten Zeit seiner Haft waren zwar noch Sträflinge aus Berlin in das Zuchthaus zu Spandau eingeliefert; sie hatten aber von den Seinigen nichts gewußt. Späterhin war die Strafanstalt zu Moabit bei Berlin für die schweren Berliner Verbrecher eingerichtet, und die leichteren wurden nach Brandenburg, nach Sonnenburg oder nach der Lichtenburg gebracht. Nach Spandau kam keiner mehr. In Spandau blieb nur der alte Stamm aus der früheren Zeit, der mehr und mehr ausstarb.

So war er auch ohne Kunde von dem geblieben, was sich während seiner langen Haft außerhalb seiner Familie in der Welt zugetragen hatte. Im ganzen bekümmerte ihn das freilich wenig. Doch hatte einzelnes näheren Bezug auf ihn, und darauf hatte er denn sehr angelegentlich geachtet. Dazu gehörte namentlich die Nachricht, daß im Jahre 1848 eine Revolution in Berlin war, welche die Gendarmerie abgeschafft und dafür eine Bürgerwehr und Schutzmänner, die man auch Konstabler nenne, eingeführt habe, beide aus Bürgern und anderen geborenen Kindern Berlins bestehend. Besonders war ihm dabei gesagt, daß die Schutzmänner sehr freundliche Menschen seien, die runde Hüte trügen, wie ein Lord vom Mühlendamm oder ein Geheimrat aus dem Geheimratsviertel, und den Leuten auf der Straße auf ihre Anfragen sehr höflich Bescheid geben und ihnen Platz machen oder ihnen sonst in ihren Angelegenheiten mit Rat und Tat an die Hand gehen müßten. Vor den Gendarmen, die das Einbrechen und Stehlen hinderten, hatte er stets einen großen Respekt gehabt. Aber vor den Bürgern und anderen Einwohnern Berlins, die sich so oft hatten bestehlen lassen!

Pah, sagte er, jetzt kann man ja am hellen Tage in der Leipziger Straße einbrechen.

Seine Nachrichten, die er erhalten hatte, reichten übrigens nur bis in das Jahr 1848. Seitdem aber war kein neuer Sträfling nach Spandau gekommen, und außer den Sträflingen sah er dort nur die Aufseher, die mit ihm über solche Sachen nicht sprachen.

Es war ein heller, warmer Sommernachmittag, als er auf der Charlottenburger Chaussee durch den Tiergarten dem Brandenburger Tore zuging. Zu beiden Seiten der Chaussee grünte der Wald so lustig, so dunkel, so duftig. An den Spalieren des Großen Sterns blühten bunte Blumen. Tausende von Spazierenden zu Fuße, zu Pferde, zu Wagen durchzogen die Chaussee, den Großen Stern, den Kleinen Stern, die schattigen Alleen, die zu beiden Seiten der Chaussee in den Wald führten. Alle waren so heiter, so fröhlich wie der helle Sommernachmittag.

Der entlassene Sträfling achtete auf das alles nicht. Sein Sinn war nur auf Berlin gerichtet. Was sollte er auch im Tiergarten, zumal mit seinen aristokratischen Gesinnungen? Er gab sich nur mit Einbrüchen ab; ein Taschendieb war ihm noch verächtlich, und höchstens ein elender Taschendiebstahl ließ sich unter den Spaziergängern machen. Nur manchmal sah er sich um, ob er unter den Leuten nicht irgendeinen Bekannten finde. Und das hatte folgenden Grund.

Bei seiner Entlassung aus dem Zuchthause hatte er das vorschriftsmäßige Reisegeld im Betrage von einem Silbergroschen und drei Pfennigen erhalten. Nahe vor den Mauern des Zuchthauses war er an einem Bäckerladen vorbeigekommen, in welchem frisch gebackene Semmeln weiß und duftend auslagen. Seit fünfzehn Jahren hatte er nichts als schwarzes, grobes, saures Kommißbrot gesehen. Ein süßes Verlangen bemächtigte sich seiner, und er kaufte sich für sein ganzes Geld die weißen schönen Semmeln. Er dachte an seine Familie, von der er seit fünfzehn Jahren kein Wort vernommen hatte. Er hatte sie frisch und gesund verlassen; seine Frau in ihrem besten Alter; seine Kinder, zwei Mädchen von fünf und drei Jahren, blühend und munter. Lebten sie noch? Was machten sie? Wo waren sie? Seine Frau hatte ihm den Tabak nicht geschickt, warum nicht? Er dachte an den Kriminalgerichtsrat Pannemann, dem er die langwierige erlittene Haft zu verdanken hatte. Lebte der noch? War er noch im Amt? Dachte er noch an ihn?

Er erreichte den Platz vor dem Brandenburger Tor. Auch hier alles wie sonst. Die Droschken, Fiaker und Charlottenburger an der Mauer; Spaziergänger und müßige Schauer überall, Bürger wie Soldaten, der alte Invalide mit dem Leierkasten; ein Meerschweinchen und Panorama.

Ein Neues war da, was er früher nicht bemerkt hatte, ein Affe, ein hübsches, zierliches, behendes Ding in rotem Jäckchen und mit weißem Federhut, der allerlei Sprünge und Künste machte.

Aber der Sträfling stutzte, als er den Führer des Affen sah, einen kleinen, verwachsenen, häßlichen Menschen, der viel Ähnlichkeit mit dem Affen hatte.

Den Menschen muß ich schon gesehen haben! Ist es nicht der Bauernbetrüger Friedrich Schulze, dem ich die Bestellung wegen des Tabaks an meine Frau aufgetragen hatte? Der Kerl sieht zwar nicht mehr schäbig aus wie damals; sein Rock ist ganz, und er hat gar ein vornehmes Gesicht, und wahrhaftig, er spricht ein Kauderwelsch, als wenn er ein Franzose oder Italiener wäre. Aber dennoch! – Ich muß es wissen.

Unter den Spazierenden waren ihm eine Menge ernster Männer in blauen bürgerlichen Überröcken, einen Soldatenhelm auf dem Kopfe, aufgefallen; sie zogen überall zwischen den Leuten umher. Vor fünfzehn Jahren waren sie noch nicht dagewesen. Er hatte auch später nichts von ihnen gehört. Plötzlich besann er sich auf die Bürgerwehr. Richtig, so wird es sein. Sie sind von der Bürgerwehr, die da drinnen die Torwache hat. Er kombinierte weiter. Sie kommen also oft hierher und müssen also den Affenführer kennen, der gewiß ebensogut seinen festen Stand hier haben wird wie der Invalide mit seinem Leierkasten.

Er redete einen der Männer an. »Entschuldigen Sie, ich sehe hier noch immer den unsterblichen Invaliden mit seinem Leierkasten.«

»Was wollen Sie damit sagen?« versetzte gemessen der Mann in dem blauen Überrock und dem Helm.

»Nichts. Aber ich wollte Sie nur fragen, ob der Affe da auch ein Berliner Kind ist.«

»Höre Er!«

»Und täglich hierher kommt? Das heißt mit seinem Führer.«

»Affen ohne Führer werden hier nicht geduldet.«

»Auch keine Maulaffen?«

»Wenn Er sich nicht im Augenblick fortmacht, so werde ich arretieren.«

»Oho, dazu ist die Bürgerwehr nicht da.«

»Schutzmann Kaiser!« rief der Mann mit dem Helme einem der andern behelmten Männer zu. »Kommen Sie mal her!«

Da ging dem Sträfling ein Licht auf.

Also das ist ein Schutzmann, und so sind die Schutzmänner. Er verlor sich in der Menge, ehe die Schutzmänner sich wieder nach ihm umsahen, und setzte seinen Weg in die Stadt fort. Als er unter der stolzen Viktoria durchgegangen war, sah er freilich; daß er auch in betreff der Torwache sich geirrt hatte. Die Alexander-Grenadiere hatten sie noch ganz wie sonst, sie standen nur hinter hohen eisernen Gittern.

Seine Wohnung war in der Mulackgasse. Dort war sie wenigstens vor fünfzehn Jahren gewesen. War sie noch dort? Er wußte es nicht. Er mußte es versuchen.

Das Haus Nr. 13, in dem er gewohnt hatte, war noch da. Auch die beiden Höfe noch, und im zweiten Hofe die vier schmalen, dunklen Treppen, die zu seinen zwei Stuben geführt hatten.

Er klopfte an die Tür.

Drinnen in der Stube regte sich etwas, langsam, schwerfällig. Die Tür wurde geöffnet.

Eine dicke, feuerrote Frauengestalt stand vor dem Sträfling.

»Grundgerechter Gott! Hole der Teufel dich alten Esel.« So rief die dicke, feuerrote Frau und wollte dem Sträfling die Tür vor der Nase zuschlagen.

Aber er hatte seine Frau erkannt: Er war zu Hause, und in seinem eigenen Hause ließ er sich die Tür nicht vor der Nase zuschlagen. Er drang mit der Frau in die Stube.

Und nun lebte auch auf einmal – leider muß es gesagt werden – jener russische Sinn in ihm auf. Er lenkte die ersten Schritte in seinem Hause nach fünfzehnjähriger Trennung nach dem alten Wandschranke, in welchem die Flasche stehen mußte. Sie stand noch da, halb gefüllt. Ein »kühner Griff«, ein herzhafter Zug, und sie war geleert bis auf den letzten Tropfen.

Die dicke Frau kreischte, heulte, schimpfte. »Spitzbube, Räuber! Mein sauer erworbenes Gut. Ja, es ist eine Schande für mich, einen solchen Mann zu haben; ließest dich von so einem dummen Inquirenten herumkriegen! Keinen von deinen Kameraden konnten sie mehr überführen. Daher hat die Regierung auch zuletzt diese Inquirenten abgeschafft und dafür die Staatsanwälte mit ihren Geschworenen eingeführt!«

Leonhard Piepritz war, nachdem er seine Wohnung und seine Frau wiedergefunden, sentimental geworden.

»Höre, Gattin, auf den Inquirenten kommen wir nachher. Sprechen wir jetzt von Familiensachen. Wo sind unsere Kinder?« »Aus der ältesten«, brummte die Frau, »der Dörthe, ist nichts geworden. Sie dient als Mädchen für alles.«

»Hm, hm, ein Mädchen für alles ist hier nichts. Aber weiter, die Lotte?«

»Die Person? Sie ist eine vornehme Dame geworden, hat seidene Kleider und seidene Kissen auf dem Sofa und silberne Messer und Gabeln. Aber ich darf ihr nicht mehr vor die Augen kommen, der hochmütigen Person, und ihre eigene Mutter läßt das Rabenkind verhungern.«

»Ja, ja, so geht es wohl in der Welt. Aber verhungert bist du noch nicht.«

»Das verdanke ich« – die Frau sprach es doch etwas zögernd – »einem braven Freunde, der in meiner Not sich meiner angenommen hat.«

»So? Und wer ist dieser brave Freund?«

Man sah es der Frau an, daß sie sich plötzlich einen frechen Mut zusammengesucht hatte.

»Schlechter Mensch«, rief sie, »nach deinem dritten Kinde hast du dich noch mit keinem Worte erkundigt.«

Der Sträfling war wie aus den Wolken gefallen. »Ein drittes Kind hätte ich?«

»Nun ja, unser Jüngstes, unser Sohn, der kleine Leonhard – aber was verwunderst du dich denn? Es ist ein allerliebster Junge geworden, der seine arme Mutter nicht im Stiche gelassen hat und dem sie ihre Ernährung, ihr Alles verdankt.«

Sie horchte nach der Tür und Treppe hin, als wenn sie dort etwas höre. Sie wurde unruhig.

In der Tat kam etwas die Treppe herauf, mit behenden, raschen Schritten. Rasch wurde auch die Tür aufgerissen, und es erschienen darin zwei lebende Wesen, ein kleiner, verwachsener, häßlicher Mensch und ein zierlicher, behender Affe in rotem Jäckchen mit weißem Federhut.

»Alle Donnerwetter!« rief der Sträfling. Er erkannte den Affen und den Affenführer von dem Platze vor dem Brandenburger Tor.

Er erkannte aber auch noch mehr.

»Ha, Weib, ist das der brave Freund, der in deiner Not sich deiner angenommen hat?«

»Nun ja.«

»Um dessentwillen ich keinen Tabak erhalten habe?«

»Er hat mich ernährt, für die Sträflinge muß der Staat sorgen.«

»Dieser Elende, der nur den Mut hat, einen dummen Bauern um ein paar Sechser zu prellen; der sein unwürdiges Dasein nur durch Heldentaten fristet, die ihm vierzehn Tage einbringen; der in Ohnmacht fällt, wenn er von einem ehrlichen Einbruche und von fünfzehn Jahren Zuchthaus hört! Weib, einem solchen schäbigen, buckligen Schufte, der eher einem Affen als einem Menschen ähnlich sieht, ihm konntest du mich zum Opfer bringen, ihm konntest du meine Kinder anvertrauen und dich selbst, du ehrvergessene Gattin?«

Dann wandte er sich an den Affenführer.

»Und du miserabler, buckliger Friedrich Schulze, der du jetzt nicht einmal mehr den Mut zu deinen elenden Betrügereien hast und ein gemeiner Italiener und Affenführer geworden bist, hast du denn nie an meine Rache gedacht?«

Der Affenführer Friedrich Schulze schien ein sehr gutmütiger Mensch zu sein.

»Lieber Herr Piepritz«, sagte er wehmütig, »wenn Sie wüßten, daß nach dem neuen Strafgesetzbuch der Betrug im Rückfalle gerade so schwer bestraft wird wie der Diebstahl, so würden Sie nicht so mit mir sprechen.«

Der Sträfling war aufmerksam geworden.

»Ein neues Strafgesetzbuch? Gilt denn das alte Landrecht nicht mehr?«

»Ist abgeschafft.«

»Und wie wird jetzt der dritte gewaltsame und zugleich vierte Diebstahl außerordentlich bestraft?«

Friedrich Schulze lachte.

»Wir haben jetzt keinen gewaltsamen Diebstahl mehr und keinen dritten und keinen vierten – es ist alles nur Rückfall – und keine außerordentliche Strafe und nichts von dem alten Kram mehr.«

Der Sträfling wurde sehr nachdenklich.

»Kennst du das neue Strafgesetzbuch, Friedrich Schulze?«

»Was die Kapitel von Betrug und Diebstahl betrifft, in- und auswendig.«

»Du kannst vor der Hand hier bleiben.«

»Ohne Gefahr?«

»Wenn ich dich aus dem Fenster werfen will, werde ich es dir früh genug vorher anzeigen.«

Der Friede war geschlossen.

Darüber ergab sich eine possierliche Szene.

Der Affe, der mit Friedrich Schulze gekommen war, hatte sich zuerst, bei dem Anblicke des fremden Mannes, etwas scheu hinter die Tür zurückgezogen. Von dort hatte er dann mit seinen klugen Augen sehr aufmerksam den Gang des Gesprächs verfolgt.

Auf einmal sprang er laut lachend hervor.

»Eine rührende Familienszene!« rief er. »Mutter, das ist wohl der Alte aus dem Zuchthause, von dem du uns zuweilen erzählt hast?«

Im ersten Augenblick hatte sich der entlassene Sträfling Leonhard Friedrich Wilhelm Piepritz über den lachenden und sprechenden Affen erschrocken.

Dann aber kam er bald zu der richtigen Erkenntnis und ergab sich mit großer Resignation in das Erkannte. Er hatte heute schon so viel erkannt, und fünfzehn Jahre Zuchthaus sind eine vortreffliche Schule der praktischen Philosophie.

»Ach, ach«, sagte er. »Der Bursche ist also wirklich ein Berliner Kind, und gar mein – höre, Gattin, ist dieser Affe vielleicht jener allerliebste Junge, unser drittes Kind?«

»Du hast es getroffen, lieber Piepritz.«

»Soso! Wirklich ein charmanter junger Mensch! Und so verständig! Andere junge Menschen werden Affen, und er wird aus einem Affen ein Mensch. Das ist lobenswert. Nur etwas zurückgeblieben ist er für sein Alter. Nun, auch sein Führer ist ein schwächliches Wesen.«

So wurde der Sträfling Leonhard Piepritz nach fünfzehnjähriger Abwesenheit in seiner Wohnung und von seiner Familie empfangen.

Aber der Empfang hatte plötzlich einen Gedanken in ihm erweckt, einen Gedanken, der ihm freilich in den fünfzehn Jahren selten aus dem Sinn gekommen sein mochte.

»Ein hübsches Metier«, sagte er, »das ihr den Jungen habt ergreifen lassen.«

»0 ja«, erwiderte Friedrich Schulze. »Es kommen hier so viele ausgekleidete Türken, Araber, Azteken, Armenier und andere Wilde an, die sogar mit dem alten Humboldt in der Oranienburger Straße ihr Wildsch sprechen konnten; und es ziehen jährlich so viele echte Berliner Kinder als Tiroler und Steyerische Natursänger, als russische Grafen und dergleichen weiter in der Welt umher, daß wir auf den Gedanken kamen, der Junge da könne als Affe sein Glück machen. Anlagen hatte er dazu.«

»Und auch ein ganz konvenables Äußere«, fiel der Sträfling ein.

»So machten wir denn, daß wir zu einem echten Affenfell kamen. Der Kleine mußte aus dem zoologischen Garten einen Affen von seiner Größe stehlen.«

Der Sträfling geriet in lebhafte Freude.

»Was? Der Junge selbst?«

»Wie ich sage.«

Friedrich Schulze fuhr fort. »Wir ließen ihm dann ein Jäckchen und einen Federhut machen. Die Natur der Affen hatte der Kleine schon im zoologischen Garten studiert. Ach, Herr Piepritz, Sie glauben nicht, wie diese wilden Tiere dort die Berliner Jugend bilden. – Ich selbst wurde darauf ein Italiener, und seitdem gehen wir auf den Platz vor dem Brandenburger Tor, wo er neben dem alten Invaliden mit dem Leierkasten seine Kunststücke macht. Es ist ein recht hübscher Verdienst. Nur leider im Winter nicht. Dann muß man sich in anderer Art zu helfen suchen.«

»In welcher Art helft ihr euch denn?«

Der Affe nahm selbst das Wort. »Im Winter«, sagte er lachend, »gehe ick vor's Hallesche Tor und lasse mir bessern.«

»Du stiehlst also auch andere Sachen als Affe, Bursch?«

»Wie sich's trifft.«

Die Augen des Sträflings leuchteten wie von stolzer Vaterfreude.

»Du bist ja ein kapitaler Kerl. Mit dir wird man etwas machen können. – Aber nun zur Sache. Lebt der Kriminalrat Pannemann noch?«

»Er lebt noch.«

»Noch im Amte?«

»Er hat seinen Abschied genommen. Er konnte sich in die neumodischen Geschworenengerichte nicht finden.«

»Wie geht es ihm sonst?«

»Ganz gut. Er wohnt noch in seinem alten Hause in der Köpenicker Straße, hat eine gute Pension, ist sehr geizig geworden und hütet mit seinem Affen seine Schätze.«

»Mit seinem Affen? Das wollte ich wissen. Er hat also seinen Affen noch?«

»Sie kennen diese alte Liebhaberei des Mannes?«

»Halb Berlin kannte sie schon vor fünfundzwanzig Jahren. Darum fragte ich ja so genau nach dem Jungen hier.«

»Was haben Sie vor, Herr Piepritz?«

Der Sträfling wurde wieder sentimental. »Dieser Mensch«, sagte er, »hat durch seine Tücke und Listen mich unglücklich gemacht. Ihm allein habe ich es zu verdanken, daß ich die schönste Zeit meines Lebens im dumpfen, feuchten, entehrenden Kerker habe zubringen müssen. Ich habe ihm Rache geschworen. Ein ehrlicher Kerl hält seinen Schwur. – Friedrich Schulze, was hat der Junge heute als Affe verdient? Rücke heraus damit! Frau, hole dafür Braten und saure Gurken und süßen Kümmel, und bei Tafel werden wir überlegen.«


3

Die Vorbereitungen zur Rache

Les anciens militaires finessent par radoter, sagt Friedrich der Große. Der große König muß es verantworten, wenn es nicht wahr ist. Er hat ja ohnehin schon genug zu verantworten . . . Und andererseits kann ihm das Preßgesetz nicht beikommen.

Von den alten Kriminalisten sagt man, daß sie zuletzt tiefsinnig und meist menschenfeindlich und menschenscheu, dabei zänkisch, boshaft, Plagegeister für ihre Umgebung werden. Ein finsterer kriminalistischer Geist gehe mit ihnen überall, schlafe mit ihnen, stehe mit ihnen auf, esse und trinke mit ihnen. Ein verzweifeltes Verhängnis! Der Verbrecher wird nach einer philosophischen Anschauung durch die erlittene Strafe gereinigt, gesühnt. In den alten Kriminalrichter, der ihm die Strafe auferlegt hat, zöge der Fluch hinein! So werfen italienische Banditen auf stürmender See den Mönch, nachdem sie ihm ihre Sünden gebeichtet und von ihm die Absolution erhalten haben, als einzigen im Schiffe noch vorhandenen, den Sturm des Himmels provozierenden Sündenbock gemütlich über Bord.

Es gibt indes noch alte Kriminalisten, die anders sind. Zu ihnen gehörte der Kriminalgerichtsrat Pannemann in Berlin. Er war immer ein braver, treuer und tätiger Beamter gewesen und ein gerechter Richter. War er auch kein großer Geist, so war zu jener Zeit auch in Preußen die Kriminalrechtspflege eine sehr einfache. Die Wissenschaft hatte zwar schon angefangen, das einfache Recht und Rechtsbewußtsein zu verlassen und absolute philosophische Systeme aufzustellen, nach denen ein Fall wie der andere, trotz aller menschlichen und moralischen Verschiedenheit jedes einzelnen, beurteilt und nur durch abstrakte logische Haarspaltereien Unterschiede herbeigeführt werden sollten. Aber die praktische Rechtspflege hatte ihren einfachen, gerechten, die Strafwürdigkeit des einzelnen Falles erforschenden Weg noch nicht verlassen. So war es denn in Preußen Grundsatz geworden, zu Kriminalrichtern nur die sogenannten »schwächeren Subjekte« zu bestellen. Für verzwicktere, für schwierige Fälle waren noch immer ein paar ausgezeichnete Talente da, die »Karriere« machen wollten und sich deshalb zu den talentierten Kriminalrichtern hatten versetzen lassen. Sie drängten sich nach solchen causes célèbres. Zu einer gewissen Zeit rannten sie sich beinahe die Füße ab nach Untersuchungen gegen die Demagogen und demagogischen Umtriebe. Wer damals namentlich in Berlin in das Vorzimmer eines Gerichtspräsidenten oder gar des Justizministers kam, der konnte dort stets eine Anzahl junger Männer finden, in eleganter Kleidung, in gemessener Haltung, mit freundlichen, submissen und sehr verschwiegenen Gesichtern, nur unter sich zuweilen eifersüchtige, feindliche Blicke wechselnd. Es waren junge Räte oder Assessoren, die nun die Rolle eines Inquirenten, Dezernenten oder Referenten oder sonst eine Funktion in einer Demagogenuntersuchung applizierten, auf der Leiter zu künftigen Geheimrats- und Präsidentenstellen. Nichts Neues unter der Sonne! wird der jüngere geneigte Leser sagen.

Der Kriminalgerichtsrat Pannemann war mit dem alten Kriminalwesen verwachsen. Als in Folge der Revolution im Anfange des Jahres 1849 ein neues, das »Französische« Strafverfahren eingeführt wurde, könnte er sich in das »neumodische Wesen« nicht finden. Und als die Einführung auch eines neuen Strafgesetzbuches in Aussicht stand, nahm er seinen Abschied. Er sagte, es sei eine Gewissenssache für ihn, ferner einem System zu dienen, das seinen Ansichten von Gerechtigkeit so geradezu widersprach.

Er war ein Berliner Kind. Er hatte einiges ererbtes Vermögen, er hatte, durch einfaches Leben, von seinem Gehalte sich ein hübsches Kapital dazu gespart. Er besaß ein eigenes Haus in der Köpenicker Straße, mit einem Garten, der bis an die Spree ging.

Er war Junggeselle!

Wie angenehm konnte er bei dem allen in Berlin leben! Er hatte früher schon, trotz seiner Einfachheit und Sparsamkeit, recht angenehm gelebt. Zweimal die Woche hatte er das Theater besucht, an den anderen Abenden ging er zu Weißbier. Die übrige Zeit des Tages brachte er, die paar Stunden für das Kriminalgericht abgerechnet, zu Hause zu, mit Frühstück, Mittagessen und Nachtessen, mit seiner alten Haushälterin, seinen Blumen und einem Affen sich beschäftigend.

So lebte er weiter, nachdem er seinen Abschied genommen hatte. Freilich mit einigem Unterschiede. Die Revolution, von 1848 war, abgesehen von jenen Veränderungen in der Strafrechtspflege, nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Er hatte sie verabscheut als eine Untergrabung aller bestehenden Verhältnisse, besonders auch der Kreditverhältnisse. Die Revolution mit ihren Umstürzen hatte im ersten Augenblick sein so lange und so sorgsam erspartes Vermögen in Gefahr gebracht. Er war seitdem ängstlich darum besorgt. Wo alles, der ganze »Staat« selbst, in Gefahr war, umgestürzt zu werden, da konnten auch Bankierhäuser fallen; er zog alle seine bei Bankiers ausstehenden Kapitalien zurück. Ja selbst andere, die soliden steinernen Häuser in der großen Steinmasse Berlins konnten einfallen: er kündigte alle Hypothekenkapitalien, die er auf Berliner Häusern stehen hatte. Er konnte natürlich nicht wagen, das Geld wieder auszuleihen. So mußte er es in seinem Hause verwahren. Er bewachte es ängstlich. Ein ängstlicher Geldverwahrer wird ein Geizhals. Er wurde ein großer, mißtrauischer Geizhals, zum Kaffee nahm er keinen Zucker, zum Nachtessen keinen Wein mehr. Er ging weder ins Theater noch zu Weißbier. Er ging überhaupt nicht mehr aus dem Haus.

Er lebte in diesem allein mit seiner Haushälterin und seinem Affen. Er lebte mit beiden ein sonderbares Leben. Während er mehr und mehr darbte, hatten die beiden Überfluß. Aus alter Gewohnheit hatte er nie gewagt, ihnen von dem, was sie immer gehabt hatten, auch nur das Geringste zu entziehen. Dazu kam folgendes: Die alte Haushälterin keifte fortwährend mit ihm, und er hätte mehr als Keifen riskiert, wenn er ihr etwas entzogen hätte. Der Affe dagegen bedarf näherer Erwähnung.

Etwas Wahres muß doch wohl daran sein, daß alte Kriminalisten zuletzt wenigstens zänkisch werden. Der Kriminalgerichtsrat Pannemann war es sogar schon vor seiner Pensionierung geworden. Er war es zugleich mit jener Katzennatur geworden, die gleichfalls ein alter Inquirent sich so leicht aneignet und mit der er schon bei jener Urteilspublikation den armen Piepritz hatte zappeln lassen. Mit seiner Haushälterin konnte er nicht zanken; sie war selbst so zänkisch. Da hatte er eines Tages vor seiner Tür einen herumziehenden Affen gesehen, und wie das Tier geneckt wurde von seinem Herrn, von Straßenjungen, von Vorübergehenden, wie es sich darüber erboste, aber immer klug und liebenswürdig blieb und geduldig und gehorsam gegen seinen Herrn und nur, wenn dieser es ihm erlaubte, einem Straßenjungen in die Haare fiel und Ohrfeigen gab und .den Kopf zerzauste. Das war etwas für ihn. Er kaufte den Affen. In den ersten vierzehn Tagen prügelte er ihn regelmäßig jeden Morgen eine halbe Stunde durch. Als alter Kriminalrichter war er Menschenkenner; er kannte also auch die Affennatur. Nachdem er sich so zum Herrn und Meister des Tieres gemacht und sich der Geduld und Unterwürfigkeit desselben versichert hatte, begann er mit ihm zu zanken. Im allgemeinen, wie man Affen zu necken und auszuzanken pflegt. Im besonderen aber liebte er es, vollständige Kriminaluntersuchungen mit ihm aufzuführen. Die diebische Natur des Tieres gab ihm die Gelegenheit dazu. So wurde der Affe in seiner Wohnung arretiert; es wurde nach dem gestohlenen Gute bei ihm Haussuchung gehalten; er wurde in die Stadtvogtei gebracht, zum Verhör vorgeführt, mit den Strafen offenbarer Lügen vor Gericht bekannt gemacht, verhört, wegen frecher Lügen gezüchtigt, überführt und zu Strafarbeit verurteilt, jedesmal nur außerordentlich, da das verstockte Tier nicht eingestehen wollte, manchmal auch freigesprochen. Es war eine Freude, wie verständig sich der Affe dabei benahm.

Das Gerücht ging, daß der Kriminalgerichtsrat Pannemann, seitdem er den Affen hatte, im Inquirieren sich bedeutend vervollkommnet habe, und ein Berliner Kriminalist soll, angesichts der jungen Kammergerichtsassessoren, die immer gelehrter, aber immer schlechtere Inquirenten wurden, einmal in allem Ernste den Vorschlag gemacht haben, für die jungen Herren solche Affenuntersuchungsschulen zu errichten.

So lebte der Kriminalgerichtsrat Pannemann in seinem Hause in der Köpenicker Straße in Berlin.

Von seinem Leben war manches bekannt geworden. Seine Affenliebhaberei, sein Reichtum und sein Geiz waren schon lange allgemein bekannt. Nur wo er sein Geld hatte, das wußten bloß er und sein Affe. Die verschwiegene Haushälterin erriet es vielleicht. Mancher Berliner Dieb dachte gewiß darüber nach.

Der Kriminalgerichtsrat Pannemann saß in seiner Wohnstube, deren Fenster auf die Straße führten. Hinter ihr lag seine Schlafstube, mit den Fenstern nach dem Garten hin. Beide Stuben waren durch eine Tür verbunden. Neben der Wohnstube war, gleichfalls durch eine Tür mit dieser verbunden, eine geräumige Kammer; sie war lediglich für den Aufenthalt des Affen bestimmt. Sie war für das Tier niedlich eingerichtet, mit lebenden Bäumen in Kübeln und toten Bäumen, die durch eiserne Klammern in dem Boden befestigt waren. Der Affe konnte springen und klettern nach Herzenslust. In einer Ecke stand ein großer, fester, eiserner Käfig mit einem weichen Lager darin.

Es war Nachmittag.

Die Türen zu der Schlafstube des Rats und zu der Kammer des Affen standen offen. Der Rat saß am Fenster und las die Vossische Zeitung. Er las sie lange mit großer Ruhe. Auf einmal wurde er unruhig. Er war zu den vermischten Nachrichten gekommen.

»Ei, ei«, sagte er. »Das ist fatal, recht fatal.«

Er las die Stelle, die er gelesen hatte, noch einmal leise, dann laut.

»Ein erfreuliches Zeichen der wohltätigen Folgen unseres verbesserten Gefängniswesens und besonders auch des frommen Eifers unserer Gefängnisbeamten ist folgendes: Vorgestern abend ist nach Verbüßung einer fünfzehnjährigen Zuchthausstrafe ein Individuum in die Residenz zurückgekehrt, das zu seiner Zeit zu den verwegensten, gefährlichsten und berüchtigsten Dieben unserer Residenz gehörte. Frühere Gefängnis- und Zuchthausstrafen hatten ihn nie zu bessern vermocht. Gegenwärtig ist er aber als ein so gebesserter, reumütiger und christlich gesinnter Mensch zurückgekehrt, daß er nicht nur gestern sofort bei der Polizei, sondern auch ganz aus freiem, innerem Antriebe sich bei dem Vereine für die entlassenen Sträflinge und bei zwei Missionsgesellschaften gemeldet und um Arbeit beziehungsweise um die Erlaubnis gebeten haben soll, an den gemeinschaftlichen Betstunden mit teilnehmen zu dürfen. Gestern ist seiner Bitte willfahrt worden.«

»Vorgestern?« sagte der Kriminalgerichtsrat. »Gerade vorgestern? Fünfzehn Jahre! Grade fünfzehn Jahre! Es ist leider richtig. Das ist der Piepritz! Kein Zweifel! Und ich sollte an ihn denken, wenn er zurückkomme! Wie schnell gehen doch so fünfzehn Jahre um! Und fromm ist der gefährliche Mensch gar zurückgekommen! So fromm! Das ist sehr fatal, sehr fatal!«

Aber das kommt alles von diesen nichtswürdigen neuen Gesetzen. Alles soll jetzt anders sein, französisch, französisches Recht, französische Jurisprudenz. Darum keine Besserung und auch keine Besserungsdetention mehr. Sonst hätte der Mensch ja noch seine anderthalb Jahre gebessert werden müssen.

Man sieht, wie der alte Kriminalgerichtsrat in seinem besonderen Ärger und allgemeinen Vorurteil der neuen Gesetzgebung Unrecht tat.

Aus der Kammer nebenan kam der Affe des Kriminalgerichtsrats. Es war ein großes, aber zierliches Tier, schon etwas alt und daher grämlich aussehend, aber auch klug, falsch und gewandt. Die Züge des Alters abgerechnet, hätte man viel Ähnlichkeit zwischen ihm und dem Affen Leonhard Piepritz den Jüngeren finden können.

Er hatte seinen Herrn sprechen hören. Er steckte neugierig den Kopf durch die Tür. Als er den Rat nachdenklich sah, kam er näher zu ihm, legte ihm den Kopf auf die Knie und sah ihn wie fragend an.

»Braves, armes Tier«, sagte der Rat wehmütig. »Du bleibst mir noch mit deinem Diebsgelüste, deinem Mute und deinen Krallen. Du wirst uns alle beschützen.«

Unter den uns allen verstand er wohl nur sich und seine Schätze.

»Ach«, fuhr er fort, »es wäre jetzt die Zeit unserer gewöhnlichen Promenade im Garten. Aber heute wirst du sie allein machen müssen. Wenn der gefährliche Mensch wieder frei ist und gar Betstunden besucht, dann kann man sein bißchen Armut nicht sicher genug verwahren.«

Der Rat war sehr betrübt. Er ging in sein Schlafzimmer, öffnete ein Fenster, gab dem Affen einen Wink, und das kluge, gut gewöhnte Tier war mit einem Satze draußen im Garten.

Der Garten des Rats war zwar nicht sehr breit, aber er erstreckte sich in einer ziemlichen Länge bis unmittelbar an die Spree. Er war überall mit Obstbäumen, frei und in Spalieren, besetzt, fast überladen, so daß man auch von dem Hause aus ihn nicht übersehen konnte.

Der Affe des Rats mochte die Mitte des Gartens erreicht haben, als er plötzlich seine Schritte anhielt.

Nicht weit von sich sah er, unmittelbar vor einem dichten Spalier von Birnbäumen, einen anderen Affen, der sein Zwillingsbruder hätte sein können, wenn er nicht ein jüngeres, behenderes Aussehen und besonders ein lebhafteres Auge gehabt hätte.

Der fremde Affe war ganz ungeniert damit beschäftigt, von den kleinen Birnbäumen die unreifen Früchte abzulesen und sie in einen großen leinenen Sack zu stecken, den er neben sich an der Erde liegen hatte. Manchmal kroch er selber in den Sack hinein, als wenn er nachsehen wollte, wie viele Birnen er schon gesammelt habe; er verschwand in dem großen Sack ganz.

Der Affe des Kriminalgerichtsrats hatte bei diesem Anblick gestutzt; dann war er über den frechen Diebstahl empört. Er wollte entrüstet auf den unverschämten Dieb zuspringen.

In demselben Augenblick sah dieser ihn, erschrak, erschrak heftig und nahm feige Reißaus hinter das Spalier, seinen Sack im Stiche lassend.

Desto kühner und stolzer ging der Affe des Kriminalgerichtsrats auf den Sack zu, besah, befühlte und beroch ihn zuerst von außen, machte ein sehr grämliches und zorniges Gesicht, als er sich überzeugte, daß der Sack schon beinahe halb voll war, und kroch dann hinein, um noch genauer den verübten Diebstahl zu konstatieren.

Als er in dem Sacke verschwunden war, wurde dieser mit einer starken Schnur, die um seine Öffnung lief und die der arme Affe nicht wahrgenommen hatte, durch eine unsichtbare Gewalt zusammengezogen.

Gleich darauf kehrte der fremde Affe hinter dem Spalier zurück, besah den zugezogenen Sack, das Zappeln des gefangenen Affen darin, lachte und sagte verächtlich: »Schafskopf, du willst ein Affe sein!«

Dann kamen auch der alte Leonhard Piepritz und Friedrich Schulze hinter dem Spalier hervor, nahmen schweigend den Sack auf und entfernten sich damit, von dem lachenden Affen gefolgt, nach dem Wasser zu.

Nach wenigen Augenblicken sah und hörte man nichts mehr von ihnen.

Etwa eine Stunde später war der Kriminalgerichtsrat mit dem Nachsehen der Schlösser, Türen und Fensterladen fertig. Er ging an die Tür seines Zimmers, die auf den Flur führte.

»Rieke!« rief er durch die Tür.

Vor der Tür erschien seine alte Haushälterin, mager, verdrießlich, keifend, wie alle Haushälterinnen alter Junggesellen; nur sehr sauber.

»Rieke, holen Sie doch den Balthasar aus dem Garten.«

Wie könnte eine solche alte Haushälterin einen Befehl empfangen, ohne zu knurren?

»Es ist eine Sünde«, knurrte sie, »daß der Mensch auch noch den Diener eines Tieres machen muß.«

»Na, na, Rieke, ich kann ihn auch selbst holen.«

»Habe ich gesagt, daß Sie das sollen? Aber eine Schande ist es und bleibt es.«

Sie ging.

Aber nach zehn Minuten kam sie mit erschrockenem Gesichte zurück.

»Herr Stadtgerichtsrat, der arme Affe . . .«

»Der Balthasar? Was ist mit ihm?«

»Tot!«

»Rieke, Sie redet doch nicht in der Tat irre?«

»Tot, Herr Stadtgerichtsrat, mausetot. Ich durchrannte den ganzen Garten, ich rief seinen Namen in alle Gänge, in alle Spaliere in alle Bäume hinauf. Er war nicht zu sehen, nicht zu hören. Ich rief in die Nachbargärten hinüber; keine Antwort. Da kam ich auf einen schrecklichen Gedanken. Ich laufe an die Spree. Da liegt er am Ufer; die Beine weit von sich gestreckt, die Zunge weit . . .«

»Höre Sie auf, Rieke. – Tot! Das ist ein schrecklicher Tag für mich! Gerade heute tot! Das überlebe ich nicht.«

Der alte Mann war sehr niedergeschlagen. Er war in seinem Sessel zurückgesunken. Man mußte Mitleid mit ihm haben.

Selbst der Alten verging das Keifen: »Trösten Sie sich, Herr Stadtgerichtsrat; ein Affe ist wieder zu bekommen.«

»So einer nicht, Rieke.«

Er verfiel in ein finsteres Grübeln.

Aber ein alter Kriminalist bleibt Kriminalist. Er erhob sich, mühsam genug.

»Begleite Sie mich in den Garten, Rieke. Wir müssen den Tod konstatieren.«

Sie gingen zusammen in den Garten. Unterwegs war er still und nachdenkend. Die Haushälterin wollte ihn trösten.

»Laß mich in Ruhe«, sagte der Kriminalgerichtsrat. »Ich denke darüber nach, ob der Balthasar sich etwa selbst könne ums Leben gebracht haben. Die Selbstmorde sind seit einiger Zeit häufig in Berlin.«

»Aber ein unvernünftiges Tier, Herr Stadtgerichtsrat.«

»Es kann auch an die kommen, Rieke! Bei diesen neuen Gesetzen . . .«

»Aber kann man sich selber den Hals umdrehen, Herr Stadtgerichtsrat?«

»Mir ist noch kein Fall vorgekommen. Aber das war unter dem Allgemeinen Landrecht. Also der Hals ist ihm umgedreht?«

»Von vorn nach hinten.«

»Dann ist ein gewaltsamer Tod durch fremde Hand verübt, also ein Verbrechen!«

Sie kamen an das Ufer der Spree. Sie fanden den Affen. Er lag da, tot, mit umgedrehtem Halse, wie die Haushälterin gesagt hatte.

»Ja, Rieke, hier ist ein Verbrechen verübt, ein scheußliches Verbrechen. Das kommt von diesen neuen Gesetzen. Sie verderben die Welt täglich mehr.«

»Ich werde sogleich dem Staatsanwalt drüben Anzeige davon machen«, sagte die Haushälterin.

Da fuhr der Kriminalgerichtsrat wütend auf. »Dem da? Unterstehe Sie sich! Ich jage Sie aus dem Dienst. Gar keine Anzeige soll gemacht werden. Gar keine Untersuchung sollen sie einleiten. Von den Leuten sollte ich mich vernehmen, verhören lassen? Nimmer! Wir wollen für ein ehrliches Begräbnis des armen, treuen Balthasar sorgen, und dann . . . ach, wenn ich es nur selbst überlebe.«

»Und Sie wollen gar nicht nachforschen lassen, von wem der nichtswürdige Mord ausgegangen ist?«

»Ach, Rieke, ich habe eine entsetzliche Ahnung. Heute, nein vorgestern vor fünfzehn Jahren . . .« Er brach in großer Traurigkeit und Niedergeschlagenheit ab.

Die Haushälterin erschrak. Sie war seine langjährige Vertraute.

»Der Piepritz!« rief sie.

»Ja, er ist seit vorgestern wieder hier. Es steht sogar schon in der Vossischen. Das hier ist sein Machwerk! Und nur der Anfang seiner Taten. Ach, Rieke, ich kann Ihr nicht sagen, wie mir das Herz schwer ist. Es steht uns noch großes Unglück bevor.«

Er ging in das Haus, in seine Stube zurück. Er war sehr angegriffen; er konnte sich nur mühsam fortschleppen. In seiner Stube setzte er sich in den großen Sorgenstuhl, der am Fenster stand. Die Haushälterin, die einmal in die Stube kam, erschrak, als sie ihn sah. Durch das rote Gesicht zogen sich violette Striche; der Kopf – einen kurzen Hals hatte der Rat immer gehabt – war zwischen die Schultern hinuntergesunken und hing schlaff nach vorn herüber; seine Augen waren wie von Glas. Er sah aus wie ein Mensch, der jeden Augenblick einen Schlaganfall zu befürchten hat.

»Soll ich zum Doktor schicken, bester Herr Stadtgerichtsrat?« fragte die Haushälterin leise. Sie war von dem Anblick so ergriffen, daß sie nicht einmal laut zu sprechen wagte.

Er schüttelte abwehrend mit dem Kopfe, zugleich bezeichnend, daß er allein sein wolle.

Sie mußte gehen.

Er lag lange in seinem hinfälligen, völlig apathischen Zustande.

Auf einmal wurde er lebendig. Er horchte plötzlich auf; sein Kopf richtete sich empor; seine Augen leuchteten.

Draußen auf der Straße, unmittelbar unter seinem Fenster, wurden die Töne eines Instruments laut, das eine Art von Dudelsack zu sein schien. Schnalzen mit der Zunge begleitete die Töne. Dazwischen rief eine etwas fremdartig sprechende Stimme: »Allons, Melchior! Lustig, mein Braver. Mache deine Kunststücke vor den verehrten Herrschaften.« – Lautes jugendliches Gelächter folgte.

Alles, was er hörte, brachte schnell neue Lebenskräfte in den Kriminalgerichtsrat. Er mußte auch sehen. Er sprang auf, an das Fenster. Welch ein Schauspiel hatte er!

Ein kleiner häßlicher Mensch mit einem Buckel ließ einen großen, hübschen, gewandten Affen tanzen. Die gesamte Straßenjugend der Köpenicker Straße hatte sich schnell als Publikum, als »Herrschaften«, um ihn versammelt.

»Den schickt mir der Himmel!« rief der Kriminalgerichtsrat. »Und so gerade zur rechten Zeit. Was hätte ich heute Nacht allein anfangen sollen? Wer hätte wachen, wer hätte mich beschützen sollen? Der Mensch hat einen festeren Schlaf als das schläfrigste Tier! Und welchem Menschen kann man trauen? Zumal jetzt, seit der Revolution!«

Er nahm sich nicht einmal die Zeit, die zierlichen Sprünge und hübschen Kunststücke des Affen zu bewundern. Er riß hastig das Fenster auf.

»Versteht Er Deutsch?« rief er dem Führer des Affen zu.

»Ein wenig, gnädigster Herr!« radebrechte der Kerl.

»Ist Ihm der Affe verkäuflich?«

»Für gute Bezahlung verkaufe ich alles.«

»Komme Er mal zu mir herein; mit dem Affen.«

Der Affenführer und der Affe kamen in das Haus.

Die Straßenjugend machte lange Gesichter hinter ihnen her.

Wie zwinkerten und lachten Affe und Führer einander zu, als sie allein und unbemerkt in dem Hausflur waren.

Der Kriminalgerichtsrat ließ sie in seine Stube treten. Er besah den Affen genauer.

Das Gesicht hatte so feine, zarte Knochen, einen so graziösen Körper, eine so reine, glatte Haut; seine Augen waren so klug, und doch so treu und beinahe ordentlich bescheiden. Die Schelmerei in diesen Augen, wenn sie einmal auf die Seite blickten, sah der Kriminalgerichtsrat freilich nicht. Der alte Mann war entzückt. »Wie heißt das Tier?« fragte er.

»Melchior, Euer Gnaden.«

»Melchior? Meiner hieß Balthasar. Auch das ist eine gute Vorbedeutung. Wie alt ist er?«

»Drei Jahre.«

»Er kann also noch lange leben?«

»Fünfzig bis sechzig Jahre wenigstens.«

»Ist er bösartig?«

»Tout doux, gnädiger Herr. Sie können ihn befühlen, wie Sie wollen. Er tut Ihnen nichts.«

Der Kriminalrat befühlte ihn auch. Der Affe hielt ganz still, wie mit Wohlbehagen.

»Welch ein reizendes Tier«, sagte der Kriminalrat, aber leise für sich, um den Preis nicht zu verderben. Und wie konnte er vorhin springen; auch Kraft muß er haben.

»Er wäre also nicht abgeneigt, das Tier zu verkaufen?«

»Für gutes Geld verkaufe ich ihn.«

»Was fordert Er?«

»Gnädiger Herr, der Affe kann partoutement alles, was Sie wollen, das heißt, was man vernünftigerweise von einem vernünftigen Affen verlangen kann. Er kann tanzen, zu Tische sitzen, bei Tisch aufwarten, aus einem Glase trinken, die Violine spielen . . .«

»Genug; sage Er mir, was Er für das Tier verlangt.«

»Er bringt mir des Tags seine drei Taler ein, das macht des Jahres, die Sonntagsfeier abgerechnet, neunhundert Taler bar; also ein Kapital von ungefähr zwanzigtausend Talern.«

»Redet Er irre?« fragte der Kriminalgerichtsrat erschrocken.

»Zwanzigtausend Taler wäre er unter Brüdern wert. Aber da in dieser Welt das Verdienst nie belohnt wird, so will ich ihn Euer Gnaden für fünfhundert Taler lassen.«

»Er ist ein Narr.«

»Bedenken Euer Gnaden, was dieser ausgezeichnete Affe versteht. Er kann zu Tisch sitzen, aufwarten . . .«

»Das kann jeder Affe.«

»Die Violine spielen auch?«

»Fordere Er vernünftig.«

»Vierhundert Taler denn.«

»Keine dreihundert?«

»Dreihundert. Aber keinen Groschen billiger. Es ist mein letztes Wort.«

Der Mensch machte Miene zu gehen.

Der Rat wurde ängstlich.

»Die Rieke ist ja nicht da«, sagte er, »und ich brauche ihr nicht zu sagen, wieviel ich bezahlt habe. Dreihundert Taler! Es ist schweres Geld. Aber es bringt sich wieder ein. Doppelt!«

Er ging in seine Schlafstube und kam nach einer Minute mit drei Kassenanweisungen, jede zu hundert Talern, zurück. Er legte sie dem Affenführer hin.

Dieser strich sie ein.

»Ein schlechtes Geschäft«, sagten sie dann beide seufzend, aber beide im Herzen lachend.

»Wohin befehlen Euer Gnaden das Tier?« fragte der Führer.

»Vorläufig in den Käfig dort, bis wir uns näher kennengelernt haben.«

Er führte den Affen in die Kammer, neben der Wohnstube und dort zu dem großen eisernen Käfig.

In diesen wurde der Affe eingesperrt.

Darauf nahm der Führer Abschied von seinem Tiere, einen wahrhaft väterlichen, der auch den Rat rührte.

»Betrage dich hier immer ordentlich, mein teurer Melchior, und sei treu und redlich gegen deinen neuen Herrn, bei dem du es gut haben wirst. Und nun gehab dich wohl.«

Er reichte dem Affen die Hand. Der Affe legte zierlich seine rechte Vorderpfote hinein. Seine Augen waren betrübt.

Der Führer ging mit seinen dreihundert Talern.

Der Rat war glücklich. Er schien alle Sorgen und Angst vergessen zu haben.

»Welch ein schönes Tier! Und wie stark und wie klug. So ordentlich menschlich kluge Augen. Man kann sich nicht satt an ihm sehen.«

Die Haushälterin kam. Sie mußte an seiner Freude teilnehmen.

»Nicht wahr, Rieke, ein herrliches Tier? – Der arme Balthasar war doch schon zu alt geworden. Und nur fünfzig Taler kostet er. Spottwohlfeil.«

Die Alte freute sich, daß ihr Herr wieder wohlauf war. »Gottlob, Herr Stadtgerichtsrat, nun ist ja alles wieder gut.«

Sie ging mit leichterem Herzen an ihre Geschäfte.

Auch der Affe schien sich behaglich zu fühlen. Er hatte sich in seinem Käfig bald eingerichtet, als wenn er darin zu Hause wäre. Er machte sich sein Lager zurecht und kletterte und sprang an den Stangen auf und ab; er aß Birnen, knackte Nüsse, pfiff, schnitt Gesichter.

Der Rat wollte sich ausschütten vor Lachen und vor Freude. Aber auf einmal machte er ein sehr ernstes und strenges Gesicht.

»He, Bursch«, sagte er mit ebenso ernster und strenger Stimme. »Jetzt müssen wir in einem andern Tone miteinander reden. Deine Verbrechen dürfen nicht länger ungestraft bleiben.«

Er holte aus einer Ecke eine ungeheure Peitsche hervor, vollkommen von der Gestalt und dem Kaliber jener Peitsche, welche bis zum Jahre 1848 zur Züchtigung der Sträflinge gebraucht wurde. Damit kehrte er zu dem Käfig zurück.

Der Affe hatte verwundert das plötzlich ernste und strenge Gesicht des Rats gesehen. In seinen Augen zeigte sich einige Besorgnis, als er ihn mit der schweren Peitsche zu sich zurückkehren sah.

Dem Rat entging das nicht. Er lachte vergnügt.

»Wie heißt du, Bursch?«

Dem Affen brach unnatürlich genug und doch so natürlich der Angstschweiß aus. Er mußte die Augen niederschlagen.

»Oh, mein Sohn, du kannst mich nicht ansehen? Ja, ja, ich glaube es wohl! Das ist das böse Gewissen, Leonhard Piepritz!«

Der Affe fuhr bei dem Namen zusammen, als wenn ihn etwa ein toller Hund gebissen habe.

In einer ähnlich bedenklichen Lage war der Affe wohl noch nicht gewesen, und wenn er, wie seine ängstlichen Augen und der perlende Angstschweiß auf seiner grauen Stirn es in der Tat anzuzeigen schienen, ein denkender Affe war, so mußte er es klar genug erkennen. Er war allein, ohne Hilfe, in einem fremden Hause; eingeschlossen in einen festen Käfig, den ein Löwe nicht hätte erbrechen können; gegenüber einem Manne, der trotz seines Alters noch kräftig genug aussah und zudem mit jener fürchterlichen Peitsche bewaffnet war; zur Not stand dem Alten die Haushälterin mit ihrem keifenden Aussehen und ihren langen Nägeln zur Seite; andere Domestiken waren gewiß auch noch im Hause.

Welches Los erwartete ihn, wenn er erkannt war? Von Affeninquisitionen wußte der Affe nichts.

»Da bin ich schön in der Patsche«, knurrte er zwischen den Zähnen. »Wer vor dem Halleschen Tore wäre und sich da könnte bessern lassen.«

»Hast du verstanden?« wiederholte der Inquirent strenger.

»Ja!« wollte es dem Affen entfahren. Aber er zog ein unartikuliertes Geheul vor.

»Hole der Teufel die Schufte, die mich in die Patsche gebracht haben«, brummte er zwischen den Zähnen.

»Was sagst du da?« rief der eifrige Inquirent. »Sprich deutlicher!«

Der Affe wischte sich mit beiden Vorderpfoten den Schweiß von der Stirn.

»Nun, wird's bald?« Der Rat erhob drohend seine Peitsche.

»Ich bin entdeckt!« knurrte der Affe. Er war überzeugt, daß er verraten, entdeckt sei. Nur Trotz konnte ihm, wie er meinte, noch helfen. Er wies dem Rat trotzig die Zähne.

Mancher Bursch hat in solcher Weise schon seinen Inquirenten dekontenanciert. Der Veteran Pannemann in der Köpenicker Straße ließ sich nicht aus der Fassung bringen.

»Aha«, sagte der Rat, »du willst keine Antwort geben? Das wird dir nicht helfen, Bursche.«

Und ein entsetzlicher Peitschenhieb folgte diesen Worten. Der Affe flog vor Schmerz in die Höhe.

»Bin ich entdeckt? Ist der Kerl ein Verrückter?«

Es war gleichgültig. Der Käfig war verschlossen. Er war unter allen Umständen in der Gewalt des alten Mannes.

Trotz half ihm hier nicht mehr. Er machte ein trauriges, flehentlich bittendes Gesicht; er fuhr mit der Pfote nach den Augen, wie um Tränen wegzuwischen.

Der Kriminalgerichtsrat wurde vergnügt, in seine Freude mischte sich Rührung.

»Endlich«, sagte er, »und gerade wie der gute Balthasar. Ganz so. So ist es recht, mein Bursche, du fühlst Reue, du bist auf dem Wege, wieder ein besserer Mensch zu werden. Morgen wollen wir das Verhör fortsetzen.«

Er war wirklich von den Ereignissen des Tages sehr angegriffen; er mußte sich in seine Stube zurückbegeben, um auf dem Sofa auszuruhen.


4

Die Ausführung der Rache

Es war Mitternacht.

Der Kriminalgerichtsrat Pannemann schlief.

Er war früh sehr ermüdet und erschöpft zu Bett gegangen.

Den Affen hatte er in dem Käfig gelassen. So war es auch mit Balthasar des Nachts gehalten worden. Er vertraute zwar dem Affen alle seine Schätze und deren Bewachung an, aber nicht sein Leben. Man hat Beispiele, sagte er, daß auch der beste Affe plötzliche Anfälle von Mordlust bekommt; in einem solchen Augenblicke könnte er mich im Schlafe erwürgen.

Der Kriminalgerichtsrat schlief fest.

Er wurde geweckt.

»Herr Stadtgerichtsrat, wachen Sie auf.«

Die Stimme sprach leise, ängstlich. Aber desto stärker wurde der Arm des Rates gerüttelt.

Er erwachte.

»Wer ist da?« fuhr er aus dem Schlafe.

»Still, still. Sprechen Sie um Gottes willen leise.«

Die alte Haushälterin Rieke stand mit einer kleinen Blendlaterne und mit völlig verstörtem Gesicht vor seinem Bett.

»Sie, Rieke? Was hat Sie?«

»Sprechen Sie um des Himmels willen leiser, damit er uns nicht hört.«

»Wer, Rieke?«

»Der Affe, Herr Stadtgerichtsrat.«

»Der Affe? Was ist mit ihm?«

»Er spricht da mit jemandem.«

»Wer? Der Affe?«

»Der Affe. Aber schreien Sie nicht so.«

»Sie redet irre, Rieke.«

»Aber ich schwöre es Ihnen zu. Herr Stadtgerichtsrat, das ist kein Affe. Das ist entweder der leibhaftige Teufel . . .«

»Es gibt keinen leibhaftigen Teufel, Rieke . . .«

»Ich weiß es leider, daß Sie ein Gottesleugner sind, Herr Stadtgerichtsrat, der in keine Kirche geht; sonst könnten Sie solche gotteslästerlichen Redensarten nicht führen und den leibhaftigen Teufel leugnen. Aber, Herr Stadtgerichtsrat, wenn dieser Affe nicht der Teufel ist, so weiß ich nicht, was er ist. Ein Affe ist er nun mal nicht; denn ein Affe kann nicht sprechen.«

»Hat Sie denn wirklich gehört, Rieke, daß er sprach?«

»Gewiß.«

»So erzähle Sie.«

Rieke erzählte: Sie hatte nicht schlafen können. Auch sie war zu sehr aufgeregt gewesen. Der gefährliche Dieb Piepritz wieder da; der arme Affe Balthasar jämmerlich erdrosselt; ihr armer Herr einmal fast dem Tode nahe. Da hörte sie ein sonderbares Geräusch; es war zwischen elf und zwölf. Sie schlief im Entresol nach dem Garten zu. Es kam ihr vor, als wenn leise vorn an der Straße die Haustür geöffnet, und dann, als wenn unten im Hause leise gesprochen werde. Unten lagen die Zimmer des Rates nebst der Kammer des Affen. Sie horchte eine Weile; das Sprechen dauerte fort. Verstehen konnte sie nichts. Die Sache wurde ihr immer verdächtiger; sie stand zuletzt auf. Sie öffnete ohne Geräusch ihre Tür und lauschte hinaus auf den Flur. Sie konnte jetzt deutlicher hören. Sie unterschied die Stimme eines Mannes und eines Knaben. Beide waren etwas heiser, besonders eigentümlich die des Knaben. Sie sprachen in der Nähe der Kammer, in der der Affe war und die auch eine auf den Hausflur führende Tür hatte. An dieser Tür schien gesprochen zu werden. Verstehen konnte sie auch jetzt nichts. Nur einmal glaubte sie zu hören, wie die Mannsstimme sehr ärgerlich die Worte: Dummer Junge! aussprach. Darauf hatte sie deutlich gehört, wie in das Schloß der Tür, ganz unzweifelhaft der Tür an der Kammer des Affen, ein Schlüssel eingesteckt und damit in dem Schlosse gedreht wurde. Jetzt hatte sie sich zu ihrem Herrn aufgemacht. Die Blendlaterne hatte die vorsichtige Alte des Nachts immer bei sich.

Der Kriminalgerichtsrat war unter ähnlichen Verbrechensattentaten alt geworden, freilich nur unter solchen, die von anderen und gegen andere verübt worden waren. Aber die täglichen Mitteilungen darüber hatten ihn doch damit vertraut gemacht. Er blieb völlig ruhig und besonnen, vielleicht eben weil die Gefahr einmal da war, und bei dem gleichzeitigen Gedanken an den entlassenen Sträfling Piepritz, der schon Betstunden besuchte.

»Es ist kein Zweifel, Rieke, das sind Diebe. – Der Piepritz! Ich konnte gefaßt darauf sein.«

»Aber sie haben von der Straße her ordentlich die Haustür aufgeschlossen, Herr Rat.«

»Und was soll das sagen, Rieke?«

»Da sind doch die Nachtwächter!«

»Ach, Rieke, und wenn Schildwachen vor der Tür ständen! Am Leipziger Platz wohnten einmal zwei Generäle der Infanterie und ein Generalleutnant. Sie hatten zusammen fünf Posten vor den Türen, und dennoch wurde mitten zwischen allen diesen Schildwachen gestohlen und eingebrochen und eingestiegen, ja einmal das ganze Zinkdach des Hauses abgenommen und fortgetragen. Solche Leute sehen mit sehenden Augen nichts. Nur eins begreife ich nicht, Rieke, wenn es an der Tür des Affen war . . .«

»Dort war es, Herr Stadtgerichtsrat.«

»Daß sich der Affe nicht gerührt hat.«

»Ach, Herr Stadtgerichtsrat, das ist es ja eben. Die eine Stimme, die des jungen Burschen, schien mir direkt aus der Kammer des Affen zu kommen. Und da kann nur der Affe gesprochen haben.«

»Rieke«, sagte der Rat strenge, »damit bleibe Sie mir vom Leibe. Gehe Sie jetzt in meine Wohnstube, damit ich aufstehen kann. Aber leise, und schiebe Sie die Blende der Laterne zu. Die Tür von der Kammer des Affen ist nur angelehnt.«

Die alte Haushälterin tat, wie ihr befohlen war.

Der Rat stand auf, kleidete sich rasch notdürftig an, nahm ein Paar geladene Pistolen, die er immer an seinem Bette hängen hatte, unter den Arm und trat in die Tür, die aus der Schlafstube in das Wohnzimmer führte.

Dicht vor dieser Tür stand die Haushälterin. Sie hatte sich nicht weiter in das Zimmer hinein gewagt.

»Pst, pst!« winkte sie so leise als möglich dem Rat zu.

Sie zog ihn in die Schlafstube zurück.

»Die Stimme ist wahrhaftig in der Kammer des Affen.«

»Welche Stimme?«

»Die des Knaben.«

»Es ist nicht möglich, Rieke.«

»Und dann habe ich auch noch so einen anderen sonderbaren Ton gehört. Es ging mir durch Mark und Bein.«

»Und was war das, Rieke?« »Als wenn drinnen gefeilt werde, und zwar an den Stangen des Käfigs, in dem der Affe sitzt.«

»Und die andere Stimme ist noch draußen?«

»Ich hörte sie noch soeben dort.«

»Ach, Rieke, dann ist der eine Dieb drinnen. Wie könnte auch ein Affe feilen?«

»Aber, Herr Stadtgerichtsrat, warum sollten die Diebe den Affen loslassen wollen?«

»Warum haben sie den Balthasar heute ermordet?«

Der Rat ging wieder in sein Wohnzimmer. Weit wagte auch er sich nicht hinein. Das war aber auch nicht nötig.

Schon gleich an der Tür hörte er das Feilen. Es geschah unzweifelhaft an einem der eisernen Stäbe des Affenkäfigs.

Nach einer Weile wurde eine Pause gemacht. Dann sprach eine heisere Knabenstimme. Sie kam ebenso unzweifelhaft von demselben Käfig. Sie sprach leise, aber der Rat verstand die Worte:

»Eine verdammte Arbeit! Ich komme nicht zum Ende.«

Eine heisere Mannsstimme antwortete. Sie war draußen an der Tür der Affenkammer. Dem Rat schlug das Herz, als er sie hörte und erkannte. Es war die Stimme des entlassenen Sträflings Leonhard Piepritz.

»Beeile dich, Junge!« sagte die Stimme, ebenso leise als dringend und befehlend. »Meine Nachschlüssel helfen nicht. Drinnen steckt ein Riegel vor der verfluchten Tür. Einen Centrumbohrer habe ich nicht. Wer konnte auch an solches Malheur denken! Mach nur schnell. Es war mir, als hätte ich schon jemanden im Hause schleichen hören.«

An der Stange wurde wieder gefeilt.

Der Kriminalgerichtsrat kehrte in seine Kammer zurück.

Er hatte die Überzeugung, daß Diebe in seiner Wohnung seien.

»Höre Sie meinen Plan, Rieke. Wir gehen jetzt beide rasch in mein Wohnzimmer. Sie reißt da gleich die Fensterladen auf und schreit durch das Fenster auf die Straße, so laut Sie kann: Diebe, Räuber, Mörder! Ich dringe unterdes in die Kammer des Affen, um den jungen Dieb dort zu fangen. Gefahr ist nicht dabei. Der Bursch ist in der Kammer allein, meine Pistolen sind geladen, und die Türen nach dem Flur sind alle von innen verriegelt. Hat Sie Mut, Rieke?«

»Ich bin dabei«, sagte die brave Haushälterin, die ihrem Herrn nicht nachstehen wollte.

Der Kriminalgerichtsrat spannte die Hähne seiner beiden Pistolen, steckte Zündhütchen auf die Kamine, nahm die eine Waffe unter den Arm und die andere schußfertig in die Hand und ging so wieder in sein Wohnzimmer. Die Haushälterin folgte ihm mit der offenen Laterne. Beide gingen rasch. Sie mußten sowohl in der Kammer nebenan als im Hausflur gehört worden sein. Man vernahm kein Feilen und kein Sprechen mehr.

Die Haushälterin stürzte zu den Fenstern, um sie aufzureißen und in die Straße zu schreien.

Der Rat stürzte mit seinen gespannten Pistolen in die Kammer des Affen. Er hatte die Tür weit aufgerissen. Die Haushälterin hatte ihre Laterne auf einen gerade der Tür gegenüberliegenden Tisch gesetzt. Derselbe Schein des Lichts fiel voll in die Kammer.

Der Rat sah sich erstaunt, verdutzt, beinahe erschrocken darin um. Es war kein anderes lebendes Wesen darin als er selbst und der Affe, der in seinem Käfig war. Er sah in alle Ecken, aber kein drittes Geschöpf, das Leben und Atem hatte, weder einen Menschen noch einen Affen. Er untersuchte die auf den Flur führende Tür; sie war verschlossen, der Riegel war noch vorgeschoben. Er untersuchte den Käfig des Affen; er war gleichfalls fest verschlossen; der Schlüssel hing an seiner alten Stelle. Er holte aus der Wohnstube die Laterne; er leuchtete damit überall umher; er entdeckte nichts weiter, als was er schon gesehen hatte.

Der Affe lag zusammengekauert auf seinem weichen Lager in dem Käfig, ganz natürlich, wie der Rat hundertmal den Affen Balthasar hatte liegen sehen. Er schien ruhig und fest zu schlafen.

Der Kriminalgerichtsrat glaubte es.

»Der hat einen festen Schlaf«, sagte er, doch nicht ohne Verwundern und Kopfschütteln.

In diesem Augenblicke hatte die Haushälterin die Fensterladen aufgerissen und schrie mit ihrer klaren, lauten, keifenden Stimme wütend in die dunklen Straßen und in die stille Mitternacht hinein.

»Diebe! Räuber! Mörder! Hilfe! Hilfe!«

Im Nu waren ringsumher zwanzig Fenster aufgerissen, ein halbes Dutzend Nachtwächter auf den Beinen.

Die Polizei in Berlin war doch nicht so schlecht geworden, wie der malcontente Rat sie machte.

»Wo sind die Räuber? Wo sind die Mörder?«

»Hier, hier! Hilfe, Hilfe!«

Es entstand auf der Straße und am Hause ein greulicher Tumult.

Der Affe wurde auch dadurch nicht geweckt; er schlief ruhig weiter.

Der Rat schüttelte mehr bedenklich als verwundert den Kopf.

»Solch einen festen Schlaf hat der Mensch nicht einmal!« sagte er. »Wie ist denn das? Warte, Schlafratz!«

Er holte aus der Ecke die ungeheure Züchtigungspeitsche hervor. Er trat damit an den Käfig. Er führte damit durch die aufrechtstehenden Stäbe einen derben Hieb auf den Affen.

»Himmeldonnerwetter!« rief der Affe, hochaufspringend.

Der Rat flog zurück bis in sein Wohnzimmer.

»Rieke«, rief er, »der Affe spricht.«

Er fiel erschöpft in seinen Sessel.

Der Nachtwächter des Reviers hatte den Schlüssel zu der Haustür. Er hatte sie aufgeschlossen. Man war in das Haus gedrungen, Nachtwächter, Polizeisergeanten, Gendarmen. Der diensteifrige Staatsanwaltsgehilfe war ihnen bald gefolgt. Man hatte ebenso umsichtig als schnell gehandelt. Unter der Treppe verborgen hatte man den alten Dieb Leonhard Piepritz gefunden, der nicht mehr hatte entfliehen können. Er wurde festgenommen.

Der Staatsanwalt begann sofort zu inquirieren.

Zuerst den festgenommenen alten Dieb Piepritz.

»Wie heißt Er?«

»Leonhard Piepritz, Herr Staatsanwalt.«

Friedrich Schulze hatte den alten Meister mit der neuen Gesetzgebung und deren Institutionen bereits völlig vertraut gemacht.

»Piepritz ist Er? Ich meinte, Er habe sich gebessert und wolle fortan nur auf den Wegen des Rechts gehen.«

»Jawohl, Herr Staatsanwalt, das ist mein fester Wille mit Gott, und darum eben sehen Sie mich hier.«

»Darum? Unterstehe Er sich nicht, die Autoritäten zum besten halten zu wollen.«

»Gott soll mich behüten, Herr Staatsanwalt. Ich weiß, daß Sie der Wächter des Gesetzes sind, und Sie werden mir daher recht geben, daß ein Vater, der seinen verlorenen Sohn aufsucht, um ihn in das väterliche Haus zurückzuführen, auf den Wegen des Rechts wandelt.«

»Aber Er ist hier als ein Dieb ergriffen.«

»Nur mein Kind habe ich hier gesucht.«

»Warum verkroch Er sich denn bei der Ankunft der Polizei?«

»Nicht erst bei der Ankunft der Polizei. Schon früher hatte ich mich verborgen, als ich hörte, daß Räuber und Mörder im Hause seien.«

»Und vor den Räubern und Mördern fürchtet Er sich?«

»So ist es, hochgeehrtester Herr Staatsanwalt.«

Der Staatsanwalt war noch neu in der Residenz. Er hatte in der Provinz gute Dienste geleistet, und darum war er in die Residenz versetzt. Aber die Berliner Diebe kannte er noch nicht.

»Wo ist denn Sein Kind?« fragte er mit zweifelndem Kopfschütteln.

»In jener Kammer, Herr Staatsanwalt. Dort wird mein armes Kind schändlich gefangen gehalten.«

Der Staatsanwalt begab sich in die Kammer des Affen. Er fand hier nur den Affen, der in seinem Käfig lag und wieder zu schlafen schien.

Er kehrte zu dem alten Diebe zurück, in die ehemalige Arbeitsstube des Kriminalgerichtsrats; sie hatte man zu seinem Inquisitionsbüro improvisiert. »In jener Kammer ist nur ein Affe.«

»Das ist mein Kind, mein beklagenswertes Kind!«

»Ich rate Ihm . . .! Wenn Er bei solchem frechen Hohne verbleibt, so lasse ich Ihn sofort in Aufbewahrungsarrest bringen.«

»Fragen Sie ihn nur, bester Herr Staatsanwalt. Ich beschwöre Sie.«

»Wen soll ich fragen?«

»Den Affen, mein Kind.«

»Mensch!«

»Ich beschwöre Sie.«

Der Dieb sprach mit solchem Ausdruck die Wahrheit!

Der Staatsanwalt ging zum zweiten Male in die Kammer des Affen. Aber ganz allein. Er wollte sich wohl nicht kompromittiert haben, wenn der Affe nicht der Sohn des Diebes war.

Er trat an den Käfig des Affen. Er beleuchtete von allen Seiten das Tier. Er sah einen veritablen, fest schlafenden Affen. Dennoch, seine Pflicht forderte es, und er war ja allein, redete er ihn an.

»Du, wenn du wirklich ein Mensch bist, so stehe auf und gib Antwort.«

Der Affe rührte sich nicht.

»Ich dachte es wohl«, sagte der Staatsanwalt. »Das ist ein frecher, verstockter Bursch; gegen den muß man die strengsten Maßregeln gebrauchen.«

Er sprach von dem alten Diebe.

Der Affe mochte, namentlich in der Erinnerung an den bereits erhaltenen Peitschenschlag, an etwas anderes denken. Er sprang auf.

»Hier bin ich! Was soll ich?« rief er mit seiner dünnen, heiseren Stimme.

Der Staatsanwalt flog zurück von dem Käfig, aus der Kammer.

Solche Lagen können freilich die deutsche Praxis wie die französische Jurisprudenz verwirren.

Aber der Staatsanwalt war noch ein junger Mann, und er erholte sich eher als der emeritierte Inquirent.

Er begab sich wieder zu dem Affen. Er inquirierte diesen. Dann wieder den alten Dieb. Dann die Haushälterin. Jene sagten ihm nicht viel. Diese wußte nicht viel. So erfuhr er folgendes:

Der alte Piepritz blieb dabei, daß er nur hergekommen sei, um sein Kind zu befreien, das Friedrich Schulze, der es zum Affen erzogen, wider seinen Willen als Affen verkauft habe. Daß er durch Hilfe eines Nachschlüssels in das Haus des Rats gekommen sei, gestand er zu, dies sei aber an und für sich kein Verbrechen, und eine verbrecherische Absicht leugnete er.

Der junge Piepritz gestand ein, daß er bei diesem Verbrechen zugegen gewesen, er wollte aber nur darum still geschwiegen haben, weil Friedrich Schulze ihm mit furchtbaren Mißhandlungen gedroht habe.

Die alte Haushälterin erzählte den Tod des alten, die Erwerbung des neuen Affen, die Versuche des alten Piepritz, mit einem Nachschlüssel die Kammertür zu öffnen, die des jungen, durch Feilen sich aus seinem Kerker zu befreien. Alles in unzweifelhafter Absicht, den Rat zu bestehlen, dessen Geld sich hauptsächlich in der Kammer des Affen befinde und von dem alten Affen Balthasar dort verwahrt und bewacht sei.

Nachschlüssel und Feile wurden aufgefunden, auch die klaren Spuren der damit gemachten Versuche.

Darauf begab sich der Staatsanwalt zu dem Kriminalgerichtsrat.

Der alte Mann hatte sich von dem Schreck, dem Arger, der Angst und was sonst alles ihm heute abend und nacht in die Glieder gefahren war nicht erholen können. Er lag erschöpft, halbschlummernd, in seinem Sessel. Der Anblick des Staatsanwalts machte ihn wieder lebhafter. Vielleicht auch die Erregung seines Zorns.

»Welches ist Ihre Ansicht von der Sache?« fragte ihn höflich der Staatsanwalt.

»Nach unserem ehrlichen Preußischen Rechte«, antwortete der Berliner Kriminalgerichtsrat, »liegen offenbar genug schwere Verbrechen vor.«

»Ich erlaubte mir die Frage eben mit Beziehung auf unser Preußisches Strafgesetzbuch.« »Ein solches französisches Gesetz nennen Sie preußisches Recht?«

»Ah, ich bedaure, auch Sie in dem beklagenswerten Irrtum zu sehen, den die Böswilligkeit zu verbreiten und zu unterhalten sucht, daß unsere neue Gesetzgebung keine nationale sei.«

»Kennt Ihre neue Gesetzgebung denn vielleicht auch Betrug und Diebstahl?«

»Gewiß.«

»Nun, dann werden Sie wissen, welche Verbrechen hier heute stattgefunden haben.«

Der Staatsanwalt zuckte höflich bedauernd die Achseln.

»Dürfte ich bitten, mir dafür Data anzugeben?«

»Nach dem, was meine Haushälterin mir gesagt, hat sie Ihnen alles mitgeteilt.«

»Sie wissen dem nichts hinzuzusetzen?«

»Nichts.«

»So bedaure ich aufrichtig, daß hier in keiner Art der Tatbestand eines Verbrechens vorliegt.«

Der Kriminalgerichtsrat fuhr wie konvulsivisch in die Höhe; man konnte nicht unterscheiden, ob mehr vor Schreck oder mehr vor Zorn.

»Was, Herr . . .? Was, kein Verbrechen?«

»Wie gesagt, ich bedaure.«

Der junge Beamte blieb, dem alten Manne gegenüber, immer höflich.

Der alte Kriminalist wurde heftiger.

»Ist hier nicht ein frecher gewaltsamer Diebstahl gegen mich versucht?« rief er.

»Das neue Gesetz kennt nur einen ausgezeichneten Diebstahl, freilich im ganzen mit denselben Kriterien des früheren gewaltsamen.«

»Nun, hat der Dieb denn nicht in der Absicht, mich zu bestehlen, seinen Burschen oder Affen in mein Haus gebracht?«

»Es ist möglich. Indessen, wenn es auch erwiesen wäre, das wäre kein Verbrechen.«

»Auch kein Versuch?«

»Auch noch kein Versuch. Nach dem Strafgesetzbuch wie nach der richtigen Theorie ist strafbarer Versuch nur eine solche Handlung, welche einen Anfang der Ausführung eines Verbrechens enthält.«

Der Kriminalgerichtsrat jammerte.

»Von einer solchen Theorie wußten wir zu unserer Zeit nichts. Wenn der Verbrecher etwas getan hatte, offenbar in der Absicht, ein Verbrechen auszuführen, so straften wir ihn, und das hatte er verdient. Und nun solche Spitzfindigkeiten! Aber weiter, hat denn der alte Dieb nicht mit Nachschlüsseln meine Haustür geöffnet, und ist er nicht so, offenbar in diebischer Absicht, in mein Haus gedrungen«?

Der Staatsanwalt zuckte wieder die Achseln.

»Auch das ist noch kein Anfang der Ausführung.«

Dem Kriminalgerichtsrat brach der Schweiß aus. »Großer Gott, großer Gott!« sagte er, »Aber, mein Herr, der Mensch hat auch mit seinen Nachschlüsseln die Stube jener Kammer zu öffnen versucht. Ist Ihnen auch das kein strafbarer Versuch des Diebstahls?«

»Darüber ließe sich streiten.«

»Mit ihm?«

»Im Gerichte.«

»Es ist Ihnen selbst also zweifelhaft, ob das ein Verbrechen sei.«

»Sehr.«

»Ihnen, der Gesetze so genau kennen muß und kennt? Und dennoch würden Sie jenen Menschen deshalb anklagen? Er soll bestraft werden für etwas, von dem Ihnen sogar zweifelhaft ist, ob es strafbar sei?«

Der Staatsanwalt zuckte die Achseln.

»Allerdings, Herr Rat«, sagte er. »Die Tür, an welcher der Mensch jene Versuche machte, war inwendig so fest verriegelt, daß kein Operieren mit dem Nachschlüssel sie zu öffnen vermochte. Das geben Sie zu?«

»Gottlob war es so«, stöhnte der Rat. »Sonst wäre ich ein armer bestohlener Mann.« »Also war ein jedes solches Operieren ein durchaus untaugliches Mittel, das gar nicht zu dem verbrecherischen Zwecke des Menschen, also auch nicht zur Ausführung des Verbrechens führen konnte.«

»Gottlob«, sagte der Rat wieder.

»Und da nun das Gesetz zum Tatbestande des strafbaren Versuchs eine Handlung fordert, die einen Anfang der Ausführung des Verbrechens enthält, zu dieser Ausführung also führen kann, so werden Sie mir wieder zugeben . . .«

»Großer Gott, großer Gott!« rief der Rat. »Das nennt man das Recht! – Aber«, fuhr er lebhafter fort, »der Affe, der Bursch, war doch auch ein Mittel zu dem Diebstahl, und der Junge hat schon gefeilt, und er konnte leicht die Stange durchfeilen und aus dem Käfig kommen und dann den Riegel der Tür zurückschieben und dann . . .«

»Aber, mein Herr, er war doch nur bis zum Feilen gekommen, und das war noch keine Versuchs-, sondern erst eine Vorbereitungshandlung. Die neuere Doktrin unterscheidet darin sehr frei . . .«

»Hol die neuere Doktrin der . . . aber, Herr Staatsanwalt . . .«, und der Kriminalgerichtsrat spielte mit sicherem Triumphe seinen letzten Trumpf aus. »Aber, daß ich betrogen bin, niederträchtig betrogen, das werden Sie mit aller Ihrer neuen Jurisprudenz und Theorie und Doktrin mir doch nicht abstreiten können.«

»Betrogen?« lächelte der Staatsanwalt verneinend.

»Hat man mir nicht einen Menschen für einen Affen verkauft?«

»Gewiß.«

»Wider besseres Wissen?«

»Unzweifelhaft.«

»Für dreihundert Taler?«

»So ist es.«

»Nun, mein Herr, bin ich denn nicht um dreihundert Taler betrogen worden?«

»Ich bedaure, um keinen Silbergroschen.«

»Wie, wie, auch das nicht?«

»Zu einem Betruge gehört die wirkliche Veranlassung eines Irrtums in der betrügerischen Absicht, nicht bloß die Benutzung eines schon in dem Betrogenen vorhandenen Irrtums. Jener Bursch hat nun aber das Geschäft eines auf den Straßen und öffentlichen Plätzen tanzenden und spielenden Affen schon lange getrieben, ehe man daran dachte, Sie mit ihm zusammenzubringen. Man hat also nur einen bereits vorhandenen Irrtum gegen Sie benutzt.«

»Himmel! Himmel!«

»Abgesehen davon kommt auch hier jenes jugendliche Alter des Burschen in Betracht; er selbst also ist unschuldig. Und darüber, daß sein Vater zu dem Verkaufe mitgewirkt habe, steht gar nichts fest.«

»Also auch nicht betrogen wäre ich?«

»Wie gesagt, ich bedauere . . .«

»Das bedauern Sie noch, daß ich nicht um meine dreihundert Taler geprellt bin?«

»Dagegen«, sprach der Staatsanwalt mit erhöhter Stimme weiter, »läßt sich nicht leugnen, daß hier an sich das schwere Verbrechen der Freiheitsberaubung vorliegt; der Bursch ist ohne seinen rechtsgültigen Willen, also widerrechtlich, gefangen gehalten worden. Sie haben ihn gar in einen Affenkäfig eingesperrt, ihn auch außerdem wie einen Affen behandelt . . .«

Der Kriminalgerichtsrat wurde leichenblaß.

»Großer Gott, nun soll ich gar der Verbrecher sein . . .«

»Ich spreche das noch nicht aus. Ich sage nur, daß objektiv das Verbrechen der Freiheitsberaubung vorliegt. Um Sie dessen anklagen zu können, mußte ich vorher . . .«

Der alte Berliner Kriminalist fuhr in seinem Sessel hoch empor.

»Allmächtiger Gott! Die Diebe haben mich nicht bestehlen wollen. Ich bin nicht um meine dreihundert Taler betrogen worden! Kein Verbrechen ist gegen mich begangen! Aber ich, ich könnte eins begangen haben! Ich könnte als Verbrecher auf die Anklagebank kommen!« Das war für den alten Mann zuviel. Das Blut schoß ihm heftig zum Kopfe.

»O Zeit! O Gesetze! O Recht!«

Seine Sinne hatten sich offenbar verwirrt. Er fiel in seinen Sessel zurück. Er war tot.



Seidene Strümpfe

Ich war Staatsanwalt in Berlin. Ein Berliner Staatsanwalt lernt allerlei Menschen und allerlei Dinge kennen.

Eines Morgens ließ sich ein Herr Müller bei mir melden.

Der »Kladderadatsch« hatte damals seinen Schulze und Müller noch nicht erfunden. Schulze und Müller waren daher zwar keine eigentlichen Eigennamen mehr, aber doch noch immer, auch in Berlin, sehr reputierliche Namen, auf die namentlich ein Berliner Bürger sich etwas zugute halten konnte.

Ich ließ den Herrn Müller eintreten.

Er war ein stattlicher Mann.

Und diesen stattlichen Mann hatte ich schon oft gesehen, und auch eine große Anzahl meiner Berliner Leser werden, wenn ich ihn beschreibe, sich seiner erinnern. Sie haben nur seinen Namen nicht gewußt, wie ich ihn bis zu jenem Tage nicht gewußt habe.

Der Herr Müller war ein großer, etwas steifer Mann, ziemlich korpulent. Er konnte in der Mitte der fünfziger Jahre stehen. Er war noch außerordentlich rüstig.

Sein Gesicht hatte den Ausdruck einer großen Würde. Es war etwas breit und voll und auch etwas rot. Seine Würde lag in den sehr gemessenen, unbeweglichen Falten und in dem strengen Blick des Auges unter starken, buschigen Augenbrauen, dieses Auge konnte aber auch Feuer sprühen.

Die Augenbrauen waren schon ziemlich grau. Die spärlichen Haare, die seine sehr hohe Stirn nicht mehr bedeckten, waren ganz weiß.

Seine Kleidung entsprach dem würdevollen Ausdruck seines Gesichts. Eine dicke, weiße Halsbinde, die den unteren Teil des Kinns mit einfaßte; eine weiße Weste; blauer Reitfrack mit blanken, übergoldeten Knöpfen, hellgraue, kurze Beinkleider; Stulpstiefel; an diesen kleine silberne Sporen; in den Stiefeln gelbe seidene Strümpfe.

Die ganze Bekleidung war sehr sauber; es saß alles wie angegossen. Sehr zierlich waren die silbernen Spörchen. Die hellgelben Stulpen hingen mit einer gewissen Koketterie über den fast regelmäßig gefältelten schwarzen, glänzenden Stiefelschäften. Aus den Stulpen sahen noch koketter die dunkelgelben seidenen Strümpfe hervor.

Der Herr Müller hatte ein besonders schönes Bein, und er wußte es.

Er trat mit einer gewissen Aufregung zu mir ein, die seinem ordentlichen Aussehen nicht recht entsprach. Er gab sich freilich Mühe, sie zu bekämpfen.

»Herr Staatsanwalt«, begann er, und seine wichtig zurückgehaltene Stimme und seine gemessene Sprache stimmten wieder zu seinem Aussehen. »Herr Staatsanwalt, ich habe Ihnen leider ein schweres Verbrechen anzuzeigen.«

Unter den buschigen Augenbrauen leuchtete ein finsterer Blick hervor.

»Ein sehr schweres Verbrechen, Herr Staatsanwalt«, wiederholte er nachdrücklicher, während seine Augen mich noch finsterer anblickten.

»Teilen Sie es mir mit«, sagte ich zu ihm.

»Es ist hier in Berlin verübt worden. Hier, in dieser Haupt- und Residenzstadt.«

»Wann, mein Herr?« – »Gestern abend.« – »Wer?« »Wer?« fuhr er auf. »Ja, wo? In einer großen Gesellschaft, in einem glänzenden Kreise. – Ah, verzeihen Sie mir, wenn ich in Feuer, wenn ich in Hitze gerate. Es war der Schmach zuviel.«

Er zog ein sehr sauberes, buntseidenes Taschentuch hervor, womit er sich den Schweiß von der hohen, roten Stirn wischte.

»Haben Sie die Güte«, sagte ich unterdes zu ihm, »mir die Sache mit Ruhe und Ordnung vorzutragen.« – »Ja, ja, Herr Staatsanwalt. Sie sehen, ich ringe schon um Fassung. Es wird mir gelingen.« – »So beginnen Sie.« – »Beginnen? Wo? Aber doch! Herr Staatsanwalt, sehen Sie diese Beine an.« – »Ich sehe sie.« – »An ihnen ist ein schauderhaftes Verbrechen verübt.« – »An Ihren Beinen?« – »An diesen meinen leiblichen Beinen.« – »Gestern abend?«

»Gestern abend, in einer glänzenden Gesellschaft.« – »Aber ich finde an Ihren beiden Beinen keine Verletzung.« – »Wie, Herr Staatsanwalt, einen Schimpf, einen Affront, unerhört in den Annalen dieser Haupt- und Residenzstadt, dieser Hauptstadt der Intelligenz und Bildung, nennen Sie keine Verletzung?« – »Beginnen Sie mit Ihrer Erzählung, Herr Müller.« – »Sogleich, aber erlauben Sie mir vorher . . .«

Ich unterbrach ihn. Wollte ich mit ihm weiter oder vielmehr zum Anfang kommen, so mußte ich anders verfahren. »Sie heißen Müller?« fragte ich ihn. – »Friedrich Carl Müller.« – »Ihr Stand?« – »Ich habe nie nach Rang und Stand gestrebt«, erwiderte er sehr stolz. – »Ihr Geschäft dann?« – »Ich führe kein Geschäft.« – »Vielleicht haben Sie eine Beschäftigung?« – »Ich lebe von meinen Renten.« – »Ah, also Rentier!« – »Und Berliner Bürger und Hauseigentümer!« – »Sie waren gestern abend in einer Gesellschaft?« – »Von Herren und Damen. Ja, Herr Staatsanwalt, selbst Damen waren bei diesem schauderhaften Verbrechen zugegen.« – »Und der Täter war?« – »Einer meiner ältesten und treuesten Freunde. Ich hielt ihn wenigstens dafür. Aber, oh, wie kann der Mensch sich täuschen!« – »Sein Name?« – »Dorner, Carl Friedrich Dorner. Gleichfalls Berliner Bürger und Hauseigentümer. Übrigens Seifensieder, und jetzt muß ich ihn auf das Zuchthaus bringen. Aber wer hat es gewollt, er . . .«

»Worin besteht sein Verbrechen?« – »Herr Staatsanwalt, ist Ihnen das Verbrechen der Concussion bekannt?« – »Gewiß.«

»Die Concussion, die Erpressung, wird dadurch begangen, daß jemand, um sich selbst oder einem dritten einen Vorteil zu verschaffen, einen andern nötigt, etwas zu tun oder zu dulden oder zu unterlassen. Ist es nicht so, Herr Staatsanwalt?« – »So ungefähr ist es.« – »Und sie wird nach unserem guten ehrlichen Landrecht bedroht wie Diebstahl.« – »Wollen Sie nicht endlich zur Sache kommen?« – »Sogleich. – Wenn aber Gewalt an der Person verübt wird, ist die Strafe die des Raubes. Ist es nicht auch so?« – »So sagt das Gesetz.« – »Gewalt an der Person. Zu der Person gehört auch das Bein. Nun hören Sie zu, Herr Staatsanwalt.«

Ich atmete auf. Endlich! dachte ich. Aber ich kam aus dem Regen in die Traufe.

»Ich habe einen Sohn, Herr Staatsanwalt.« – »Aber nicht Ihr Sohn ist der Verbrecher.« – »Aber er gehört zu dem Verbrechen.« – »Wie?« – »Friedrich Heinrich ist sein Name. Er ist fünfundzwanzig Jahre alt. Rentier und Hauseigentümer wie ich, von seiner seligen Mutter her. Aber er macht mir vielen Verdruß.«

»Das alles gehört zu dem gegen Sie verübten Verbrechen?«

»Alles. Und noch mehr. Ich habe auch eine Nichte.«

»Auch sie gehört zu dem Verbrechen?«

»Sie erst recht. Sie ist die eigentliche Ursache, der eigentliche Beweggrund der Tat. Sophie Charlotte Henneke ist ihr Name. Ihr Alter ist neunzehn Jahre. Und mein Unglück ist, daß sie sehr schön ist. So hat mein Sohn sich in sie verliebt und will sie heiraten.«

»Haben Sie an der jungen Dame etwas auszusetzen, mein Herr?«

»An ihrer Person nichts, Herr Staatsanwalt.«

»An ihrem Rufe oder an ihrem Betragen etwa?« – »Gott behüte.« »Ihr Sohn liebt die Dame?« – »Liebt sie.« – »Sie vielleicht ihn nicht?« – »Oh, vielleicht mehr als er sie, wenn das möglich wäre.« – »So begreife ich in der Tat nicht . . .«

Er runzelte die Stirn und zog finster die Augenbrauen zusammen.

»Herr Staatsanwalt, der Vater des Mädchens hat einen Garnhandel.« – »Ein anständiges Geschäft.« – »Und ist Kaufmann Littera A.«

»Also ein bedeutendes Geschäft!«

»Ich sage Ihnen, Herr Staatsanwalt, der Mann überhebt sich. Er ist ein hochmütiger, aufgeblasener Mensch.«

»Sie fürchten, daß seine Geschäfte oder sein Aufwand über seine Kräfte hinausgehen?«

»Nicht im geringsten. Er hat Vermögen. Er arbeitet und lebt solide.«

Ich begriff wirklich den Herrn Müller immer weniger.

»Und trotz alledem wollen Sie die Verbindung Ihres Sohnes mit der Dame nicht zugeben?« fragte ich ihn.

Seine Augen sprühten Funken.

»Niemals, niemals, niemals! Dieser Mensch, dieser Garnhändler Henneke, Kaufmann Littera A, dieser aufgeblasene Kommerzial, der mit seinem frechen Spotte meine Person, dieses Bein, ja, dieses unschuldige Bein, das sogar seinem eigenen Schwager gehört, verhöhnt hat, er soll niemals den Triumph erleben, daß seine Tochter die Schwiegertochter des Bürgers und Hauseigentümers Friedrich Carl Müller werde.«

Er streckte stolz sein Bein in den dunkelgelben seidenen Strümpfen und den hellgelben blonden Stiefelstulpen vor.

Ich hatte seine »ganze Geschichte«. Er brauchte sie mir nicht mehr »weitläufig« zu erzählen. Es spielte wirklich ein kleiner Roman mit.

Ich wurde neugierig, endlich auch das »schauderhafte, empörende Verbrechen« zu erfahren.

»Darf ich jetzt endlich bitten, auf die Tatsachen des gestrigen Abends zu kommen?«

»Ja, Herr Staatsanwalt, wir sind an der Schwelle dieses schrecklichen Abends angelangt. Also gestern abend war große Gesellschaft, und zwar, wie gesagt, von Herren und Damen.«

»Bei wem?«

»Bei dem Geheimen Registraturrat Hasemann. Herr Geheimrat ließ er sich zwar nennen, aber Sie wissen, Herr Staatsanwalt, was solche Geheimräte sind. Jeder will sich hier überheben, nicht bloß der Garnhändler; schon der Ausschreier, der Gerichtsbote . . .«

»Verlieren Sie nicht den Faden Ihrer Erzählung, Herr Müller.«

»Sie haben recht. Also es war große Gesellschaft. Zuerst wurde Tee getrunken, und dabei geschah noch nichts; man aß nur Kuchen. Dann wurde eine Pause gemacht, auf dem Klavier gespielt und gesungen. Unterdes schon machte sich der Verbrecher auf eine hinterlistige Weise an mich heran.« – »Welcher Verbrecher, Herr Müller?«

»Nun, wer anderes als jener Carl Friedrich Dorner, der heuchlerische Freund? Er kam gleisnerisch an mich heran.

›Ah, Müllerchen, auch hier?‹

›Wie du siehst, lieber Dorner‹, antwortete ich ihm.

›Verdammt langweilig, solch ein Tee.‹

›Man muß sich zu amüsieren suchen.‹

›Bei lauwarmem Spülwasser und dem Nordostheulen dieses Gesanges?‹

Sie sehen schon, Herr Staatsanwalt, den Charakter dieses Menschen, dem selbst unsere Berliner gesellschaftlichen Institutionen nicht heilig sind. Und er ist doch ein geborener Berliner und will Berliner Bürger und . . .«

»Bleiben Sie bei der Sache, Herr Müller.«

»Ja, Herr Staatsanwalt. – Ich ging auf seine Invektiven nicht ein und antwortete ihm ruhig: ›Das Nachtessen folgt ja, das wird uns entschädigen.‹

Da sah er mich auf einmal mit einer so recht tückischen Freundlichkeit an.

›Ach, lieber Müller, wir werden doch hoffentlich Tischnachbarn werden.‹

›Ich würde mich freuen‹, sagte ich.

Dann sah er heuchlerisch auf meine Beine. Er hat mir, im Vorbeigehen bemerkt, Herr Staatsanwalt, nie mein allerdings wohlgeformtes Bein gegönnt.

›Ei, Müllerchen‹, sagte er. ›Du hast dich ja heute ordentlich herausgeputzt.‹

›Ich wüßte nicht‹, erwiderte ich ihm.

Ich konnte das mit Recht sagen, Herr Staatsanwalt. Mein Bein war bekleidet ganz wie heute. Ich trage es immer so. Und heute habe ich sogar dieselben Stiefel und Strümpfe angelegt, die ich am gestrigen Abende trug, damit Sie das Corpus delicti vollständig vor Ihren beamtlichen Augen sehen.« – »Weiter, Herr Müller!«

»Ja, weiter, Herr Staatsanwalt.« – Seine Worte ergriffen mich so sonderbar. Er sprach sie mit einem so eigenen Tone; sein Blick auf mein Bein war so unheimlich, so unaussprechlich. Ich wurde unruhig. Ich mußte an allerlei denken.

Auf einmal besann er sich. Er stockte. Dann fuhr er in einem leiseren, aber wichtigeren Tone fort, zwischen jedem Satze eine Pause machend.

»Herr Staatsanwalt, jeder Mensch hat seine Eigentümlichkeiten!« – »Die Philosophie nennt sie Idiosynkrasien.« – »Nicht jede Idiosynkrasie ist ein Verbrechen?« Er sah mich fragend an. »Nein«, sagte ich. – »Nicht einmal eine Untugend, ein Laster?« – »Nein.«

»Herr Staatsanwalt, kennen Sie den Herrn Baron von Buch?«

»Aber, Herr Müller, bleiben Sie bei der Sache oder vielmehr, kommen Sie endlich einmal zu der Sache.«

»Ich bin dabei, ich bin mitten darin. Also, ich wiederhole meine Frage, kennen Sie unseren berühmten Landsmann, Gelehrten und Reisenden, Leopold von Buch?«

»Aber was hat der Herr von Buch mit Ihrer Geschichte zu tun?«

»Viel, sehr viel, alles. Hören Sie zu.«

»Reden Sie, mein Herr.«

Er hob pathetisch an. »Leopold von Buch, der berühmteste Gelehrte der neueren Zeit nächst seinem Freunde Alexander von Humboldt, hat die Gewohnheit, seine Reisen meist zu Fuße zu machen. Er hat auch ferner die Gewohnheit, in seinen Stiefeln nur seidene Strümpfe zu tragen. Und immer – er liebt kein großes Gepäck – nimmt er nur ein einziges Paar seidene Strümpfe mit. Auch auf die längsten Reisen nur das eine Paar. Und damit muß er auskommen und kommt auch aus. Das macht er aber so: Will er nur eine kleine gewöhnliche Reise machen, so sagt er zu seinem Kammerdiener: ›Friedrich, gehe in den Laden und hole mir ein Paar seidene Strümpfe von gewöhnlicher Länge, die mir bis an das Knie gehen.‹

Soll die Reise länger dauern, so heißt es: ›Friedrich, ein Paar seidene Strümpfe, die über das Knie, bis auf die Mitte der Schenkel reichen.‹

Wenn er aber sagt: ›Friedrich, ein Paar seidene Strümpfe, die bis an den Leib reichen‹, dann geht es zu einer Reise um die Welt.

Und warum die Unterschiede, Herr Staatsanwalt?

Die Strümpfe, auch die seidenen, zerreißen immer zuerst unten in den Stiefeln, nicht oben. Nur kann der Herr von Buch nicht in Strümpfen gehen, die ihm unten an den Füßen durchlöchert sind. Wenn ihm daher seine Strümpfe unten zerrissen sind, so schneidet er die beschädigte Spitze ab, zieht dagegen den Strumpf von oben mehr herunter und kann nun unten den Fuß in den Strumpf einwickeln. Das wiederholt er, solange der Strumpf vorhält. Wenn die Reise beendigt ist, ist auch der Strumpf zu Ende.«

»Das ist die Idiosynkrasie des berühmten Herrn von Buch.«

»Ich habe eine andere, Herr Staatsanwalt. Auch ich muß seidene Strümpfe tragen, wie Sie sehen. Aber nur oben am Bein. Unten der Fuß hebt die Schranke eines Strumpfes nicht; er muß in dem Stiefel sich frei bewegen, frei wie – wie . . .«

»Der Vogel in der Luft!«

Er fuhr fort: »Das ist meine Idiosynkrasie, Herr Staatsanwalt. Und ich frage Sie, ob sie ein Laster, ein Verbrechen ist.«

»Ich denke nicht, Herr Müller.«

»Es freut mich, daß ein Ehrenmann so von mir denkt. Um so mehr kann ich mit voller Verachtung der frechen Verleumdung jenes Seifensieders Dorner entgegentreten, daß ich zu geizig sei, vollständige Strümpfe zu tragen, und aus Eitelkeit oben aus den Stiefeln die seidenen Kappen hervorblicken ließe, damit die Leute Gott weiß was denken könnten. Herr Staatsanwalt, ich bin ein Mann, der kein Verschwender ist und das Seinige zusammenhält, wie ein ordentlicher Bürger muß. Aber Geiz, Herr Staatsanwalt, der schnöde Geiz ist fern von mir, und auf Anstand habe ich stets gehalten.«

Dann fuhr er fort: »Und nun, Herr Staatsanwalt, kann ich zu dem schauderhaften Attentat gegen meine Person übergehen. Tee und Kuchen waren verzehrt. Klavierspiel und Gesang waren zu Ende. Ein paar Gedichte wurden noch deklamiert. Da wurden endlich die Türen des Speisesaals geöffnet. Jeder Herr nahm seine Dame. Ich hatte die Ehre, eine Geheime Hofrätin zur Tafel zu führen. Eine Geheime Hofrätin, Herr Staatsanwalt, kann sich schon mit mehr Recht Geheimrätin nennen lassen als eine Geheime Registraturrätin. Also ich führe meine Dame zur Tafel. Aber bedenken Sie sich meinen Schrecken. Ich helfe zuerst meiner Dame sich setzen.

›Ich bin Ihnen sehr verbunden, Herr Müller‹, sagt sie.

›Bitte gehorsamst, Frau Geheimrätin.‹

›Ich freue mich überhaupt auf das Glück Ihrer Nachbarschaft, Herr Müller.‹

›Glück und Ehre meinerseits, Frau Geheimrätin.‹

Unterdes habe auch ich mich gesetzt, und nun blicke ich auf.

Und was sehe ich? An dem nämlichen Tische? Und der Tisch war so schmal, keine drittehalb Fuß breit! Er saß mir gerade gegenüber, jener Seifensieder Dorner, und er sah mich an, mit einem Blicke, so höhnisch und freundlich – Herr Staatsanwalt, es war ein Blick aus dem tiefsten Pfuhl der Hölle.

›Ah, ah‹, sagte er, ›da sind wir ja doch Nachbarn geworden, lieber Freund Müller.‹ Ich hätte ihm gern erwidert: Der Teufel ist dein Freund! Aber man muß nie den Anstand verletzen. Ich antwortete ihm nichts.

›Du bist nicht guter Laune, Freund Müller?‹ fragte er spöttisch.

›Es gibt‹, antwortete ich ihm kalt, ›Augenblicke im menschlichen Leben . . .‹

›Ah, und das sagst du an der Seite einer so liebenswürdigen Dame wie die Frau Geheimrätin!‹

Ich mußte deutlicher mit dem Menschen sprechen. ›Meine Seite geniert mich nicht. Aber dieser Tisch ist so schmal.‹

Er lachte laut auf. Dann beugte er sich zu mir über den Tisch herüber und flüsterte mir leise zu: ›Dein Witz war vortrefflich, Freund Müller. Schmaler Tisch, schmale Kost! Aber diese armen Beamten! Was wollen sie machen? Sie haben lange Zeit, bis sie Berliner Hauseigentümer und Rentiers werden und seidene Strümpfe tragen und einen breiten und guten Tisch führen können!‹

Der Schurke hatte mich treuherzig machen wollen. Und es war ihm geglückt.

Ich nickte ihm arglos zu, daß er recht habe. Unterdes hatte er sein scheußliches Verbrechen schon begonnen. Während er sich zu mir vorbeugte, hatte er mit dem Ellbogen an seine Gabel gestoßen, sie war unter den Tisch gefallen.

›Wenn ich ein Jude wäre‹, sagte lachend der Judas, ›so dürfte ich nicht mehr essen. Du weißt das doch?‹

Damit bückte er sich unter den Tisch, als wenn er die Gabel wieder aufnehmen wolle. Auf einmal fühle ich was an meinem Bein. Dieses linke Bein, da war es.

›Bist du an meinem Beine?‹ fragte ich ihn.

›Ich suche meine Gabel‹, sagte er.

Seine Hände krabbelten an meinem Stiefel herum.

›Aber mein Bein ist keine Gabel‹, sage ich.

›Aber es muß auf meiner Gabel stehen‹, erwiderte er.

›Ich fühle aber nichts.‹

›Strecke es nur aus.‹

›Ich strecke es aus.‹

Da haben seine beiden Hände meinen Stiefel umklammert, hinten an dem Hacken die eine, vorn an den Zehen die andere.

›Was machst du?‹ frage ich ihn in entsetzlicher Ahnung.

›Ich suche meine Gabel.‹

›Aber das ist ja mein Stiefel.‹

Meine Ahnung wurde zur Gewißheit. Aber es war zu spät.

Ein furchtbarer, ein höllischer Ruck, und er hatte mir den Stiefel ausgezogen, und ich saß mit bloßem Beine da; das obere Ende des seidenen Strumpfes reichte nur bis zu der Wade hinab; da unten war der Fuß unbedeckt, nackt!«

Der Herr Müller machte eine Pause. Er sah mich mit einem wütenden Blicke an, zugleich mit jener Herausforderung, welche verlangte, daß ich ebenfalls in Zorn, in Entrüstung geraten solle. Dann fuhr er fort.

»Herr Staatsanwalt, so saß ich da! Dieses linke Bein unbedeckt! In seiner vollen Blöße! Der seidene Strumpf, nein, nur das obere Ende eines seidenen Strumpfes, vom Knie bis zu der Wade reichend. Da unten . . .! Es war fürchterlich! Und das in jener glänzenden Gesellschaft, gar unter Damen! An meiner Seite eine Geheime Hofrätin! Nicht weit von mir sogar eine Geheime Ober . . .! Etwas weiter ein Königlicher Major! Und da hinten in der Ecke der Garnhändler Littera A.

Herr Staatsanwalt, denken Sie sich meine Lage. Und es war so verdammt hell in dem Saal! Man konnte eine Stecknadel an der Erde sehen.

Und nun denken Sie ferner: Viele der Anwesenden kannten mich, mein besseres, mein wirkliches Selbst. Sie wußten, daß jene Ausstreuungen, ich sei geizig, nur boshafte Verleumdungen waren. Aber viele kannten mich so nicht, und wenn die mich in diesem Zustande sahen, mußte nicht der Schein gegen mich sprechen?

Und daß sie mich, daß sie alle mich in diesem Zustande der schaudervollsten Blöße erblicken sollten, darüber ließ das stille, aber satanische Hohngelächter des Seifensieders mir keinen Zweifel. Ich sah ihn mir gegenübersitzen, ruhig, nur mit jenem innerlichen Hohngelächter, die Gabel in der Hand, aber meinen Stiefel sah ich nicht.

›Wo hast du meinen Stiefel?‹ flüsterte ich ihm zu. Ich dankte jetzt Gott, daß der Tisch so schmal war. Der Schurke wollte anfangs gar leugnen. – ›Deinen Stiefel? Was weiß ich von deinem Stiefel?‹ – ›Du hast ihn mir ausgezogen.‹ – ›Du bist ein Narr. Ich habe meine Gabel gesucht, die mir entfallen war. Sieh, hier ist sie.‹ – ›Meinen Stiefel hast du mir ausgezogen.‹ – ›Du träumst. Was geht mich dein Stiefel an.‹ – ›Den linken.‹ – ›Weder den linken noch den rechten.‹ – ›Gib ihn mir wieder. Ich will ihn zurückhaben.‹ – Da gestand er. Aber, oh, der Spitzbube, nur um einen neuen Streich des heillosesten Verrats gegen mich auszuführen. Er machte ein freundliches und huldigendes Gesicht. – ›Nun wohl denn. Ich habe einen kleinen Scherz gemacht.‹ – ›Ein verdammter kleiner Scherz!‹ – ›Als ich da unten nach der Gabel suchte, kam mir auf einmal der Witz in den Sinn.‹ – ›Ein sehr dummer Witz.‹ – ›Verzeihe mir ihn, lieber Müller.‹ – ›Gib mir augenblicklich meinen Stiefel wieder.‹ – ›Ich will ihn sogar selbst dir wieder anziehen. Ich bin dir das schuldig.‹ – ›Mach nur geschwind.‹ – ›Auf der Stelle.‹ – So wußte er mich noch einmal zu täuschen. Mit einem Raffinement und einem kalten Blute sondergleichen ließ er diesmal seinen Löffel unter den Tisch fallen. Dann bückte er sich, als wenn er ihn aufnehmen wollte. Ich hielt ihm arglos meinen Fuß hin.

Der Bediente präsentierte unterdes eine Pastete.

Man muß gegen Damen höflich sein, Herr Staatsanwalt, und so hielt ich denn meiner Nachbarin, der Geheimen Hofrätin, den Teller, damit sie sich bequemer von der Pastete nehmen könne. Dabei streckte ich in Gedanken auch den anderen, den rechten Fuß, aus, an dem ich wohlverwahrt meinen Stiefel trug. Und nun geschah das Unerhörte. Wieder ein höllischer Ruck – ›Himmeldonnerwetter!‹ schrie ich laut auf. Der Teller flog mir aus der Hand an den großen Präsentierteller des Bedienten, dem Bedienten flog der große Präsentierteller aus beiden Händen. Alles flog halb auf die Erde, halb auf meinen Rock. Und, Herr Staatsanwalt, ich trug einen neuen schwarzen Frack. Aber daran dachte ich nicht. – Meine Nachbarin flog wütend auf, sie hatte ein neues seidenes Kleid an.

›Herr, Sie können sich auch in acht nehmen!‹ rief sie.

Die Wirtin flog herbei.

›Es ist doch kein Unglück geschehen, meine Liebe?‹

›Dieser Herr wird mir nur das seidene, neue, teure Kleid ruiniert haben.‹

Das war zum Glück ein Irrtum. Die beiden Damen besahen sich das Kleid genau. Sie fanden kein Fleckchen daran. Sie wurden wieder freundlich.

›Was war Ihnen denn, Herr Müller?‹

Aber ich war ganz konsterniert. Was mir war, durfte ich nicht sagen, und etwas anderes wußte ich nicht zu sagen.

Und mir gegenüber saß der schurkische Seifensieder und biß in die Pastete ein, als wenn nichts in der Welt passiert wäre.

Ich zitterte vor Wut, und so mußte ich mein Stück der Pastete hinunterwürgen! Mit meinen beiden bloßen, nackten Beinen, Herr Staatsanwalt! Kennt die Geschichte einen solchen Zustand? Und ich durfte kein Wort sagen, nicht einmal eine Miene verziehen. Kein Mensch durfte ahnen, in welchem Zustand der Verzweiflung ich dasaß.

Und der Seifensieder mir gegenüber tat noch immer, als wenn nichts passiert sei. Ich wollte ihn ein paar Mal anreden. Ich konnte ihm nur leise zuflüstern. Er stellte sich, als ob er mich nicht höre, und fing ein Gespräch mit seiner Nachbarin an.

Ich saß in einer Höllenangst. Mir schmeckte kein Essen und kein Trinken. Die Tafel näherte sich ihrem Ende. Der Augenblick des Aufstehens, der fürchterlichsten Entdeckung, war nicht mehr fern.

›Was ist Ihnen, lieber Herr Müller?‹ fragte meine Nachbarin.

›Oh, nichts, nichts, Frau Geheimrätin.‹

›Der Schreck hat Sie vorhin doch nicht zu stark angegriffen.‹

›Oh, nicht im geringsten.‹

›Sie sehen so blaß aus. Ich würde bedauern, wenn ich durch meine kindische Angst zu Ihrem Erschrecken mit Veranlassung gegeben hätte.‹

›Ich bitte untertänig.‹

›Aber was hatten Sie denn eigentlich gehabt?‹

Denken Sie sich, Herr Staatsanwalt, da hatte der Schurke noch die Frechheit, sich in dieses Gespräch zu mischen. Und in welcher Art!

›Gnädige Frau, das kann ich Ihnen sagen!‹ rief er mit seiner höllischen Freundlichkeit.

Ich meinte, der Schlag sollte mich rühren.

›Nun, Herr Dorner, was war es?‹

›Du erlaubst es doch, Müller?‹ fragte mich der Schuft.

Ich meine, ich versinke in die Erde.

›Sagst du ein Wort‹, flüstere ich ihm über den Tisch zu, ›so ermorde ich dich.‹

Er trieb dennoch seine Bosheit weiter.

›Also du erlaubst es. Ja, sehen Sie, Frau Geheimrätin, Sie bemerkten doch vorhin, wie mir mein Löffel entfiel?‹

›Ich erinnere mich.‹

›Und wie ich ihn unter dem Tische suchte?‹

›Ja, ja.‹

›Da sah ich nun zu meinem Erstaunen . . .‹

›Was sahen Sie?‹

›Raten Sie einmal.‹

›Wie kann ich das raten.‹

›Es gibt Menschen mit sonderbaren Gewohnheiten.‹

›Nun?‹

›Mancher Mensch hat auch eine besondere Eitelkeit.‹

›Aber was sahen Sie, Herr Dorner?‹

›Ja, was ich sah! – Aber entschuldigen Sie, verehrte Frau Geheimrätin, da erhebt sich der Herr Major, um unserer liebenswürdigen Wirtin einen Toast zu bringen. Nachher, wenn Sie erlauben.‹

Sehen Sie, Herr Staatsanwalt, das war mein Glück, dieser Toast des Königlichen Majors auf die liebenswürdige Wirtin.

Aber nun war es auch die höchste Zeit für mich. Bald nach dem Toast mußte die Tafel aufgehoben werden. Ich mußte mich wieder an den Schurken wenden.

›Dorner‹, flüsterte ich ihm zu. – Diesmal hörte er mich.

›Was willst du?‹ – ›Wirst du nun mit deinem Scherze bald ein Ende machen?‹

›Mit welchem Scherze?‹ – ›Wo hast du meine Stiefel?‹ – ›In meiner Tasche.‹ – ›Was?‹ – ›In meinen Rocktaschen. In jeder einen.‹ – ›Aber Mensch, was tust du damit in deinen Taschen?‹ – ›Ich verwahre sie.‹ – ›Warum? Warum?‹ – ›Um der Welt zu zeigen, welch ein alter, schmutziger Geizhals du bist.‹

Ja, Herr Staatsanwalt, das waren seine Worte, seine eigenen schändlichen Worte.

›Mensch‹, sagte ich zu ihm, ›bringe mich nicht in Verzweiflung.‹ – ›Und dann?‹ lachte er höhnisch. – ›Du kennst mich nicht.‹ – ›Ich kenne dich doch, du bist ein alter Geizhals, und so soll alle Welt dich kennenlernen.‹ – Ich gab ihm gute Worte.

›Lieber Dorner, nicht wahr, du machst jetzt dem Spaß ein Ende?‹

›Oh, du bittest mich?‹ – ›Ja, ich bitte dich.‹

›Da wirst du mich zugänglich finden.‹ – ›Das wundert mich nicht.‹

›Aber unter einer Bedingung.‹ – ›Sei kein Tor.‹

›Nur unter der einen Bedingung.‹ – ›Laß sie hören.‹

›Du hast einen Sohn!‹ – ›Friedrich Heinrich.‹

›Er ist ein braver Mensch.‹ – ›Gewiß.‹

›Und der alte Henneke hat eine Tochter.‹

Herr Staatsanwalt, da hatte ich auf einmal das ganze schauderhafte Verbrechen.

Also darauf hatte er es abgemünzt. Ich erbebte. Ich erbebte bis in die tiefste Tiefe meines Innern.

›Nein, nein!‹ rief ich.

›Was‹, erwiderte der ränkevolle Schurke, ›du willst leugnen, daß der Garnhändler Henneke eine Tochter hat?‹

›Ich weiß es ja‹, sagte ich, ›sie heißt Sophie Charlotte.‹

›Richtig. Gestehst du auch ein, daß sie ein braves Mädchen ist?‹

›Ich weiß nichts gegen sie.‹

›Und daß dein Sohn sie liebt und sie ihn?‹

›Aber es wird nichts daraus, sage ich dir.‹

›So bleiben deine Stiefel in meinen Taschen.‹

›Dorner, lieber Dorner, sei vernünftig.‹

›Ich bin vernünftig. Aber du bist ein alter, geiziger, eitler, eigensinniger Tor.‹

›Schimpfe, soviel du willst, aber laß von der Bedingung ab.‹

›Nimmermehr!‹

Da war der Toast des Königlichen Majors zu Ende. Es wurde mit den Gläsern angestoßen. Auch ich mußte anstoßen, und der Schuft hielt mir zu allererst sein Glas hin, mit seinem satanisch-grinsenden Lächeln, und sagte: ›Nun, Bruderherz?‹

Noch fünf Minuten! Dann wird aufgebrochen. Es ist die Sitte des Hauses. Der Angstschweiß brach mir aus.

›Sie sind so entsetzlich blaß, Herr Müller‹, sagte die Geheime Hofrätin zu mir.

›Es ist hier so heiß, Frau Geheimrätin.‹

›Noch vier Minuten‹, sagte der Seifensieder. ›Willst du auf meine Bedingung eingehen?‹

›Aber du hast sie mir noch nicht genannt.‹

›Es ist da nicht viel zu nennen. Hier, ich habe die Sache gleich hübsch zu Papier gebracht. Unterschreib das, und alles ist in Ordnung.‹

Er zog ein Papier aus der Tasche. Er reichte es mir. Auch eine Bleifeder legte er mir gleichzeitig in die Hand. Der Schurke hatte an alles gedacht, alles vorher überlegt. Nie, Herr Staatsanwalt, ist ein prämeditierteres Verbrechen begangen.

Ich las das Papier. Ich sollte darin feierlich erklären, daß ich meine väterliche Einwilligung gebe zu der ehelichen Verbindung meines Sohnes Friedrich Heinrich Müller mit dem Fräulein Sophie Charlotte Henneke. Die Haare standen mir zu Berge.

›Nimmermehr!‹ rief ich.

Die Geheime Hofrätin sah mich ängstlich an. Ich mußte wirklich aussehen wie eine Leiche. Ein Stein hätte Erbarmen mit mir haben müssen. Dieser Seifensieder hatte es nicht.

›Noch drei Minuten!‹ sagte er.

Ich fühlte, wie mir kalt wurde am ganzen Leibe. An den Füßen fing es an. An den nackten Füßen, mit denen ich da saß. Nur noch drei Minuten, dann war es vorbei!

›Dorner, lieber Dorner‹, flehte ich.

›Schreib, Judas!‹ rief der Schurke. Er konnte in diesem Augenblick an Schillers Wallenstein denken!

Es wurde mir kälter, Herr Staatsanwalt, immer kälter. Es wollte mir schon an das Herz treten. Da nahm ich die Bleifeder und schrieb meinen Namen unter das Papier und verschrieb mich dem Teufel.

›Hier, du Mensch, du Barbar. Nun gib meine Stiefel heraus.‹

Der Schuft sah genau nach, ob ich auch meinen vollen, ordentlichen Namen geschrieben hätte. Dann steckte er das Papier ein, und dann langte er in seine Rocktaschen, in denen er richtig meine Stiefel stecken hatte, zog sie heraus, und langte sie mir unter dem Tische zu. Und in dem Augenblicke, als die Tafel aufgehoben wurde, hatte ich sie glücklich angezogen.

Ich war gerettet, aber um welchen Preis, Herr Staatsanwalt, um welchen Preis? Vermögen Sie das zu fassen? Um vor einer schändlichen, niederträchtigen Schmach gerettet zu werden, meine Ehre verkauft, einem Seifensieder zur Beute geworden, an einen Menschen gefesselt, der meine Ehre angegriffen hatte. Und das nicht genug, mein Sohn an diesen nämlichen Menschen als Schwiegersohn verkauft. Mein einziges Kind!« – Hier endete der Herr Müller.

Ich hatte den letzteren Teil seiner Erzählung ruhig angehört. Ich hatte mich nicht mehr gegen die Ungeduld, desto mehr gegen die Lachlust wehren müssen. Ich hatte es gekonnt. Ich konnte es auch noch.

»Und was erwarten, was wünschen Sie von mir?« fragte ich ihn ruhig, wie ich ihn angehört hatte.

Er sah mich erstaunt an.

»Herr Staatsanwalt, zuerst meine Freiheit, meine Ehre, mein Kind zurück, jenen Schein, jene Schrift, deren Unterzeichnung mir durch alle Künste der Hölle abgenötigt ist.«

»Und dann?«

»Und dann Bestrafung des elenden Verbrechers. Das erwarte ich. Darauf trage ich an, darauf trage ich an bei dem Wächter des Gesetzes.«

Und diesmal sah er mich mit einem stolzen, triumphierenden Blicke an.

Und jetzt, ich versichere es meine Leser, war ich in keiner beneidenswerten Lage.

Einerseits konnte ich in dem Vorfalle keine eigentliche Concussion, auch kein anderes Verbrechen erkennen. Die juristischen Gründe wollen meine Leser mir erlassen. Mindestens war ich bei meinem täglichen Studium der Gesetze im Zweifel, ob ein Verbrechen begangen ist, wie sollte ich da verlangen, daß der Täter habe wissen müssen, daß er ein Verbrechen begangen und sich strafbar gemacht habe, wie sollte ich ihn da auf Strafe anklagen? Ich hatte stets im entgegengesetzten Sinne gehandelt. Dazu kam der kleine Herzensroman, der in die Sache hineinspielte. Fragte ich mich, so mußte ich mir, unter herzlichem und innerlichem Lachen, gestehen, daß ich an der Stelle des »höllischen Seifensieders« wahrhaftig in ähnlicher Weise hätte handeln können, um der verletzten Eitelkeit des alten Toren zum Trotze die Verbindung der jungen Leute herbeizuführen. Eine gerichtliche Aufnahme der Sache mußte aber das so lose geknüpfte Band – sofort – völlig wieder zerreißen.

Dagegen hatte ich es – Respekt vor allen Müllers und Schulzes der Christenheit – mit einem ebenso heftigen, reizbaren und leidenschaftlichen als zähen Narren zu tun. Welche Mühe, welcher Kampf, um ihn zu überzeugen und zu beruhigen, und doch welche Unwahrscheinlichkeit eines Erfolges!

Ich mußte unterdes den Kampf aufnehmen. Am meisten rechnete ich dabei auf eine nichts weniger als juristische Waffe.

»Herr Müller, was Ihren ersten Antrag betrifft, so können Sie ihn bei mir nicht vorbringen.«

»Sind Sie nicht der Wächter des Gesetzes?« unterbrach er mich hastig.

»Gewiß, jedoch nur für Kriminalsachen. Jene Schrift kann aber nur der Zivilrichter im Wege des Zivilprozesses für ungültig erklären.«

Er sah mich verdutzt an. »Das ist gesetzlich?«

»So verordnet es das Gesetz.«

Er machte eine heftige Gebärde.

»Ich hoffe, Sie setzen keinen Zweifel in meine Worte, Herr Müller.«

Er verbeugte sich. Er war wenigstens ein höflicher Narr.

»Aber die Strafe!« rief er dann. »Der verdienten Strafe darf er nicht entgehen.«

»Der verdienten gewiß nicht, weder er noch irgendein anderer, der schuldig ist.«

»Ich erwarte es.«

»Und dazu erlauben Sie mir ein paar Fragen. Sollte der Herr Dorner nur aus eigenem Antriebe gehandelt haben?«

Er stutzte. Es tauchte etwas in ihm auf, woran er früher nicht gedacht hatte.

»Wieso, Herr Staatsanwalt?«

»Sollte nicht der Herr Henneke mit ihm im Einverständnis gewesen sein, gar eine Verabredung mit ihm getroffen haben?«

Seine Augen leuchteten.

»Gewiß, gewiß, Herr Staatsanwalt. Ich warf einmal meine Augen auf diesen Garnhändler Littera A, und ich begegnete einem Blick, ja einem Blick, den ich jetzt verstehe.«

»Und was meinen Sie von der Wirtin? Sollte es bloßer Zufall gewesen sein, daß der Herr Dorner Ihnen gerade gegenüber saß?«

»Herr Staatsanwalt, Sie regen da einen Gedanken in mir an. – Ja, ja, es war ein großes, höllisches Komplott.«

»Und dann war auch am Ende Ihr Sohn mit in dem Einverständnis?«

»Ha, mein eigener Sohn! Oh, es ist kein Zweifel! Kein Zweifel! Auch die Geliebte!«

»Sie alle müßten also mit zur Untersuchung gezogen werden.«

Da stutzte er wieder, aber in anderer Weise als vorher. Er wurde unruhig.

»Alle, Herr Staatsanwalt?«

» Unzweifelhaft.«

»Auch die Frau Geheime Registraturrätin, die Wirtin?«

»Unbedenklich. Vielleicht gar die Frau Geheime Hofrätin, denn wenn ich bedenke . . .«

»Hm, hm! Und auch mein eigener Sohn?«

»Völlig ohne Zweifel!«

»Herr Staatsanwalt!«

»Herr Müller?«

»Und wir haben jetzt öffentliches Verfahren?«

»Wir haben öffentliches Verfahren, Herr Müller.«

Er wurde unruhiger. Aber noch einmal kam ihm ein Lichtstrahl.

»Allein, Herr Staatsanwalt, aus Gründen der Sittlichkeit muß nach dem Gesetz die Öffentlichkeit ausgeschlossen werden.«

»Was hat das mit Ihrer Sache zu tun?«

»Herr Staatsanwalt, sollten Sie es nicht für unanständig halten, in einer Gesellschaft mit bloßen Füßen zu erscheinen?«

»Es kommt auf die Gesellschaft an.«

»In einer anständigen, zivilisierten Gesellschaft.«

»Es käme auf die erscheinende Person an.«

»Ich verstehe Sie nicht, Herr Staatsanwalt.«

»Ein kleiner Bettlerknabe zum Beispiel, der barfuß in die vornehmste, auf dem Lande promenierende Gesellschaft träfe und um eine Gabe bäte, würde den Anstand nicht sehr verletzen.«

»Aber ich, Herr Staatsanwalt?«

»Ein gesetzter Mann wie Sie, ein Rentier, ein Berliner Bürger und Hauseigentümer – allerdings.«

»Sehen Sie, Herr Staatsanwalt!«

»Aber was folgt daraus, Herr Müller?«

»Eine Unanständigkeit, also eine Unsittlichkeit!«

»Aber nur eine Unanständigkeit, die ganz allein Sie anginge.«

»Ich verstehe Sie wieder nicht, Herr Staatsanwalt.«

»Herr Müller, ein Dieb, der stiehlt, handelt der nicht unanständig, unsittlich?«

»Aber gewiß.«

»Enthält nicht zuletzt jedes Verbrechen eine Verletzung der Sittlichkeit?«

»Ja, ja.«

»Nach Ihrer Ansicht könnte also keine einzige Untersuchung öffentlich verhandelt werden.«

»Ja, Herr Staatsanwalt, dieser Ansicht bin ich auch, als sittlicher Berliner Bürger und Hauseigentümer.«

»Das Gesetz ist indes anderer Meinung, und ich werde allerdings bedauern, daß, wenn Ihre Sache zur Anklage kommt, Ihre Stulpstiefel und diese seidenen – Halbstrümpfe öffentlich werden vorgelegt werden, und daß wahrscheinlich auch Sie oder der Herr Dorner von dem Gerichte werden aufgefordert werden, den Akt des Ausziehens der Stiefel unter dem Tische in Gegenwart der Richter und vor dem Publikum zu wiederholen.«

Er war sehr blaß geworden, vielleicht blasser als am gestrigen Abend in der Gesellschaft der Frau Geheimen Registraturrätin.

»Herr Staatsanwalt«, rief er entsetzt, »das alles könnte, müßte geschehen?«

»Wie ich Ihnen sage.«

Er war in sehr große Angst geraten. Er trat unruhig nachdenkend von einem Fuße auf den andern. Er warf sorgenvolle Blicke auf seine Füße, auf die blanken Stulpstiefel, die halbseidenen Strümpfe, die doch keine Strümpfe waren. Auf seiner Stirn perlte wieder dicker Schweiß. So kämpfte er lange mit sich. Endlich hatte er einen Entschluß gefaßt.

Und er war doch nicht ganz der leidenschaftliche und zähe Narr, für den ich ihn gehalten hatte.

»Herr Staatsanwalt, können Sie das, was ich Ihnen mitgeteilt habe, noch amtlich ignorieren?«

»Vollkommen.«

»Wollen Sie es auch?«

»Nach dem Gesetze und meiner Überzeugung muß ich es sogar.«

»Und Sie wollen es auch so für sich, so privatim ignorieren?«

»Gewiß, auch das.«

Es war ihm leichter geworden. Und nun hatte er sich auch ein Herz gefaßt. Er nahm meine Hand.

»Herr Staatsanwalt, ich hätte noch eine Bitte.«

»Welche, Herr Müller?«

»Wollen Sie mir die Ehre erzeigen, auf die Hochzeit der beiden zu kommen?«

»Das war ein braves Wort, Herr Müller!«

Und der Herr Müller war wirklich ein braver Mensch, trotz alledem.

Er war es. Er ist tot. Sonst hätte ich Ihnen diese Geschichte nicht erzählt, obgleich er Müller hieß.



Wer war der Mörder?

Ich war Direktor der Kriminalbehörde in N. Eines Tages, im Sommer, meldete sich des Morgens ein Bauer aus der Gegend bei mir. Es war ein kräftiger Greis mit schneeweißem Haar. Nie werde ich den Ausdruck des Schmerzes in dem gefurchten Gesicht vergessen.

»Herr Kriminaldirektor, der königliche Förster von Winkelhorst hat heute nacht meinen Sohn erschossen. Es war mein einziger.«

Er hatte mit trockenen Augen anheben können. Als er die Worte sprach: »Es war mein einziger«, stürzten ihm die Tränen unaufhaltsam aus den Augen.

Ich ließ ihn sich sammeln. Dann forderte ich ihn auf zu erzählen.

Es war ein sehr einfacher Hergang, den er mir mitteilte. Vorfälle solcher Art kamen damals leider des öfteren vor; nicht bloß in jenen Revieren, nicht bloß in jener Provinz. Ein trauriges Gesetz hatte sie im ganzen Lande hervorgerufen. Der alte Bauer hatte geschlagenes Holz in dem königlichen Forst gekauft. Sein Sohn war mit einem Knecht hingefahren, um es aufzuladen und abzuholen. Während sie beim Aufladen waren, war der Revierförster herzugekommen. Es war Holz an mehrere Personen verkauft worden. Die verschiedenen verkauften Haufen lagen in Reihen beisammen. Der Förster behauptete, der Sohn des Bauern lade einen fremden größeren Haufen auf, und verlangte, wieder abzuladen. Der junge Bauer behauptete in seinem Recht zu sein. Der Förster bestand auf seinem Befehl und erklärte, ihn mit Gewalt durchsetzen zu müssen und zu wollen. Der junge Bauer entgegnete, Gewalt mit Gewalt zurückweisen zu wollen. Der Förster kam näher. Der Bauer streckte ihm drohend seine Axt entgegen. Der Förster legte sein Gewehr auf ihn an und forderte ihn auf, die Axt aus der Hand zu legen. Nimmer! rief der Bauer. Der Förster wiederholte die Aufforderung; er werde sonst schießen. Das möge er einmal wagen, ruft der Bauer, seine Axt schwingend. Der Förster schießt den jungen Bauern nieder.

So erzählte der Vater des Erschossenen selbst mir den Hergang. Ihm hatte denselben der Knecht so erzählt, der zugegen gewesen war.

Er verlangte von mir die Bestrafung des »Mörders«. Die Forstbeamten würden alle Tage übermütiger; ein Menschenleben werde von ihnen für nichts mehr erachtet. In diesem Falle liege ein offener, vorher ruhig überlegter Mord vor. Sein Sohn sei dem Förster bekannt gewesen. Er sei ein wohlhabender Bauer, der für ein paar Stücke Holz wohl aufkommen könne. Wie da, wenn auch sein Sohn wirklich das unrechte Holz aufgeladen, das Erschießen desselben zu rechtfertigen sein könne? Gegen die Übergriffe, gegen die Brutalität der Beamten müsse endlich einmal Gerechtigkeit geübt werden.

Hatte der alte Mann recht? Ich glaube, keiner meiner Leser möchte daran zweifeln wollen.

Ich mußte dennoch zu seinem Begehren den Kopf schütteln.

Der Förster war nach dem Gesetz völlig in seinem Recht gewesen. Er hatte gehandelt, wie er nach dem Gesetz handeln durfte, nach seiner Instruktion vielleicht gar handeln mußte.

Ich sagte es dem Bauern.

In den alten Augen gesellten sich zu den Tränen des Schmerzes Tränen des Zornes.

»Welche Gesetze! Welches Recht!« rief er.

Der Vorfall mußte dennoch gerichtlich untersucht werden, um, wie das Gesetz sagte, zu ermitteln, ob ein Mißbrauch der Waffe von Seiten des Forstbeamten stattgefunden habe. Zu der Untersuchung war ein Oberforstbeamter zuzuziehen.

Es war, wie die Sache lag, eine bloße Formalität. Aber das Gesetz schrieb sie einmal vor, und – konnte sich doch noch ein Umstand ermitteln lassen, der die offenbare Roheit, die jedenfalls vorlag, auch als eine ungesetzliche, strafbare Handlung darstellte! Dem verletzten allgemeinen Rechtsbewußtsein gebührte dann die strengste rechtliche Genugtuung. Dies veranlaßte mich, selbst die Untersuchung zu führen.

Ich begab mich unter Zuziehung des Oberforstmeisters der Regierung an Ort und Stelle in den Forst.

Die Untersuchung blieb ohne ein anderes als das von Anfang an vorauszusehende Resultat. Jener Umstand ließ sich nicht ermitteln. Der Förster hatte vollkommen nach seinem gesetzlichen Recht gehandelt. Kein Strafgesetz und kein Strafgericht konnte ihm beikommen. Sein Vorgesetzter, der Oberforstmeister, konnte sich sogar nicht enthalten, ihm eine Belobigung seines zwar strengen, aber durchaus amts- und pflichtmäßigen Verhaltens zu erkennen zu geben.

Aber etwas anderes sollte die Untersuchung mir eintragen: ein Rätsel des Lebens und des Herzens zu lösen.

Es war des Nachmittags, als ich an dem Forsthause Winkelhorst anlangte. Der Sommertag war warm. Im Forst war es frisch und schattig. Ich war des langen Fahrens überdrüssig geworden und machte daher die letzte halbe Stunde bis zum Forsthaus zu Fuß. Der Wagen fuhr in einiger Entfernung hinter mir her.

Das Forsthaus lag völlig einsam, mitten im Walde. Nur ein mäßiger Garten schloß sich ihm von der Rückseite an, und ein kleiner freier Platz lag vor ihm; wohin sonst das Auge blickte, sah es nur Wald, nur dichte, hohe Bäume.

Tiefe Stille herrschte im Hause und rundumher, als ich ankam.

Das Haus war hell, freundlich, wohlerhalten. Große Hirschgeweihe prangten stattlich über der Tür, große Jalousien zierten die Fenster; Geisblatt und Reben rankten hinauf. Im Garten blühten Flieder und Rosen und Schneebaum und hinten auf langen Beeten Erbsen und Frühbohnen.

Zwischen den Blumen und Blüten spielte munter ein Kind, ein bildschöner Knabe von fünf Jahren.

Aber langsam, gesenkten Hauptes wandelte zwischen ihnen umher eine schöne, blasse Frau, auf die Blumen nicht achtend. Ich war stehengeblieben, das Bild zu betrachten, das mich auf einmal wehmütig stimmte. Ich mußte länger stehenbleiben.

Hinter dem Hause und dem Garten war ein alter Mann aus dem Wald getreten. Er war auf den Garten zugegangen. Die Frau hatte ihn gesehen, ging ihm entgegen und öffnete ein Pförtchen, das sich an der Rückseite des Gartens befand. Er trat zu ihr in den Garten.

»Bist du allein, Marianne?« fragte er.

»Ja, Christian.«

»Und wie geht es dir?«

»Wie du siehst.«

Der Alte schüttelte traurig den weißen Kopf. »Wie könnte es hier auch gut gehen!« sagte er dann.

Sie hatten mich bis dahin beide noch nicht gesehen; in dem Augenblick aber kam mein Wagen herangefahren, sie sahen auf, und nun gewahrten sie auch mich. Die Frau schien heftig zu erschrecken. Sie sprach schnell ein paar leise Worte zu dem alten Manne. Er warf einen mißtrauischen Blick zu mir herüber. Sie ging nach dem Hause hin, während er bei dem spielenden Kinde zurückblieb.

Sie hatte mir entgegengehen, mich empfangen wollen.

Ich ging ebenfalls auf das Haus zu.

In der Tür begegnete sie mir. Sie war in der Nähe noch schöner, die feinen Züge, aber auch das tiefe und doch stille Leiden in dem blassen Gesicht traten klarer hervor.

Erschrocken war sie nicht mehr, aber eine gewisse Scheu und Verwirrung sprach sich noch in ihrem Wesen aus.

»Sie sind der Herr Kriminaldirektor?« fragte sie mich.

»Ja, Madame.«

Sie teilte mir nun mit, der Oberforstmeister sei schon vor einer Stunde angekommen. Er habe noch andere, dringende Geschäfte in dem Forst gehabt und dazu ihren Mann, den Förster, mitgenommen. Dieser lasse sich entschuldigen, daß er nicht auf mich gewartet habe. Ihr Mann habe seinem Vorgesetzten folgen müssen. Ich würde die beiden in dem Forst an der Stelle treffen, wo das Unglück geschehen sei. Ein Knecht werde mich hinführen. Sie lud mich indes ein, vorher einen kleinen Imbiß zu nehmen.

Alles hatte sie mit einer außerordentlich weichen Stimme gesprochen, in einer gebildeten Sprache, ihre Scheu hatte sie nur halb überwinden können. Um so weniger glaubte ich, ihre Einladung annehmen zu dürfen.

Es schien ihr in der Tat leichter zu werden. Sie rief nach dem Knecht, der mich führen sollte. Aber der Mensch war nicht da. Sie wurde verlegen.

Darüber kam der alte Mann, der im Garten mit ihr gesprochen hatte.

»Ich werde den Herrn führen, wenn Sie nichts dagegen haben, Frau Försterin«, erbot er sich.

Vorhin hatte er sie Marianne und du genannt.

Sie war im Zweifel, ob sie sein Anerbieten annehmen sollte.

»Der Rückweg würde dir beschwerlich werden, Christian. Du müßtest ihn zu Fuß machen.«

»Ich kann es ja, Gottlob, noch.«

Er ließ keine Einwendungen mehr gelten und setzte sich zu dem Kutscher auf den Bock.

Ich fuhr mit ihm ab.

Beim Abschied sah die Frau mich endlich an. Aber die großen, tiefblauen Augen senkten sich forschend in die meinigen.

Aber warum? Welches Geheimnis ruhte oder wühlte in dem Innern dieser jungen, schönen, trauernden Frau?«

»Die Frau Försterin ist kränklich?« fragte ich unterwegs den alten Mann.

»Die Gesündeste ist sie nicht«, antwortete er kurz.

»Ihr wohnt hier in der Nähe?«

»Ja.«

»Schon lange?«

»Ja.«

Er hatte offenbar keine Lust, sich mit mir in ein Gespräch einzulassen. Ich fragte ihn daher nicht weiter. Auch er war ein Stück Rätsel. Einmal mußte ich ihn doch noch fragen.

Wir fuhren in dem Forst, fast in einem Halbbogen, an einem langen, weiten Bruche vorbei, dessen grauer, mitunter offen schlammiger Boden nur in einzelnen Gruppen Bäume, Erlen, trug. Der alte Mann hatte oft mit so eigentümlichen Blicken in den Bruch, auf die Erlen geschaut. Nachdem wir beinahe eine Stunde gefahren waren, fiel an einer Krümmung des Weges sein Blick auf einmal wie erschrocken auf einen andern Gegenstand. Es war ein einfaches, schwarzes hölzernes Kreuz, das unmittelbar am Wege stand. Aus dem Winkel seines Auges schien er dann plötzlich und unwillkürlich nach mir zurückzublicken.

»Was bedeutet das Kreuz?« fragte ich ihn.

»Hier ist einer erschlagen worden«, antwortete er wieder kurz.

»Schon lange?« fragte ich dennoch weiter.

»Es sind sieben Jahre.«

»Und wer hat das Kreuz gesetzt?«

»Ich.«

»Der Erschlagene war ein Bekannter von Euch?«

»Ja, Herr.«

»So könnt Ihr mir die Geschichte erzählen?«

»Sie haben sie ja in Ihren Akten.«

»Wie hieß der Erschlagene?«

»Felsener. Er war Forsteleve hier.«

»Und sein Mörder?«

Der alte Mann antwortete mir nicht. Er schien in Erinnerungen und in Schmerz versunken zu sein.

Ich wiederholte meine Frage.

»Ein Wilddieb«, sagte er kurz, fast unverständlich.

Ich mußte wieder auf weitere Fragen verzichten.

Wir erreichten die Stelle, an der, wie die Försterin gesagt hatte, das Unglück geschehen war.

Ein neues Rätsel oder vielmehr der letzte Teil des Rätsels sollte mir entgegentreten.

Der Oberforstmeister und der Förster waren schon da. Den Oberforstmeister kannte ich, den Förster Wolf sah ich zum ersten Male.

Es war ein kleiner, magerer Mann, in der Mitte der dreißiger Jahre, mit einem blassen Gesicht, schmalen Lippen, grauen Augen, schwarzem, kurzgeschorenem, hartem Haar. Sein Blick war unstet, aber wie von einem in ihm brennenden Feuer, einer unruhigen Schwärmerei hin und her getrieben. Er machte einen unangenehmen Eindruck.

Wie war dieser Mann zu jener schönen, leidenden Frau gekommen? War er ihr Leiden? War er der Schlüssel zu ihrem Rätsel? Oder war er ein neues Rätsel?

Ich hatte ihn über die Niederschießung des jungen Bauern zu vernehmen. Er erzählte offen, ohne irgendeinen Rückhalt, den ganzen Vorfall. Aber in welch sonderbarer, seltsamer Weise!

»Ich habe ihn erschossen. Ich habe ihn mit ruhigem, kaltem Blute niedergeschossen. Er wollte mir nicht gehorchen. Er widersetzte sich mir. Er erhob seine Axt drohend gegen mich. Da war es nach dem Gesetze mein Recht und meine Pflicht, ihn niederzuschießen. Es tat mir leid, daß ich es mußte. Es war ein Menschenleben. Es war ein redlicher Mensch, nur etwas roh war er immer gewesen. Ich überlegte bei mir, ob ich es denn müsse. Ich wollte es gewiß ungern. Aber das Gesetz forderte es von mir. Und es waren andere Leute in der Nähe, Zeugen des Vorfalls. Der Verstorbene war von seinen Genossen geachtet, sein Beispiel war für sie maßgebend. Sie hätten ihm nicht beigestanden, denn er war im Unrecht, und sie sahen es ein. Aber es wäre für immer mit der amtlichen Autorität in dem Forst vorbeigewesen, wenn ich nachgegeben, wenn ich nicht den Mut gehabt hätte, zu tun, was mein Amt, was meine Pflicht von mir forderte. Das alles überlegte ich mir. Es blieb mir keine Wahl. Ich bat Gott in meinem Herzen um Verzeihung, wenn ich eine Sünde dadurch beginge, daß ich dem Gesetze gehorchte, das der König gegeben, das ich beschworen hatte. Dann schoß ich ihn nieder.«

Das war seine Auslassung. Sie kam aus seinem Innersten. Es war kein Wort Verstellung darin. Es war die Überzeugung und die Wahrheit des furchtbarsten Fanatismus, des still und kalt und spitzfindig Grübelnden und dann zum Äußersten Fähigen.

Daß jene arme Frau – sie mußte mir zuerst wieder einfallen – mit diesem Menschen hatte unglücklich werden müssen, das war keine Frage. Aber was hatte sie mit ihm verbinden können? Und wie war er das geworden, was er war?

Einmal meinte ich, auch er sei mitten in der ruhigen, klaren Auseinandersetzung seines fanatischen Tuns plötzlich heftig in seinem tiefsten Innern vor etwas zusammengeschreckt, und ich glaubte dann auch in seinen Augen denselben scheuen, ängstlichen Blick zu bemerken, den seine Frau und der alte Christian verstohlen auf mich geworfen hatten. Aber im Augenblicke nachher war er wieder vollkommen ruhig und klar.

Es konnte keine Untersuchung gegen ihn eingeleitet, sein Verhalten mußte als ein gesetzmäßiges anerkannt werden.

Aber jene Fragen über den Mann blieben mir unbeantwortet. Jenes ganze dreifache Rätsel des einsamen, stillen, freundlichen Forsthauses blieb mir ungelöst.

Freilich nicht lange, nur wenige Tage.

Der Zufall spielt so oft wunderbar im Leben.

In N. befand sich zugleich, getrennt von dem Kriminalgericht, die Strafanstalt der Provinz.

Eines Tages, bald nach dem Vorfall, kam gegen Abend der Geistliche der Strafanstalt, ein alter, würdiger Mann, zu mir.

Er komme in einer wichtigen Angelegenheit, sagte er. Ein alter Sträfling, Friedrich Sander mit Namen, liege im Sterben und habe ihn vor einer Stunde zu sich rufen lassen, um ihm seine letzte Beichte abzulegen. Er komme unmittelbar von ihm.

Der Name Friedrich Sander war mir bekannt. Der Mann war früher ein frecher, oft bestrafter Wilddieb gewesen und zuletzt wegen Ermordung eines Forstbeamten zu dreißigjähriger Zuchthausstrafe verurteilt worden. Er verbüßte diese Strafe in der Strafanstalt seit ungefähr sechs Jahren. Näheres war mir über ihn, sein Verbrechen und seine Untersuchung nicht bekannt. Er war schon seit einigen Jahren rechtskräftig verurteilt und in die Strafanstalt abgeliefert, als ich nach N. versetzt wurde. Nur so viel wußte ich noch, daß er den Mord bestritten hatte, daß ihm dieser auch nicht vollständig hatte bewiesen werden können und daß er daher, da wegen des mangelnden vollen Beweises die ordentliche Strafe des Gesetzes, die Todesstrafe, nicht gegen ihn erkannt werden durfte, nach den damals bestehenden Gesetzen zu jener dreißigjährigen Zuchthausstrafe verurteilt worden war – sie kam, da er zur Zeit der Tat schon einige vierzig Jahre zählte, einer Verurteilung auf Lebenszeit gleich.

»Hat er Ihnen in seiner Sterbestunde den Mord bekannt?« fragte ich den Geistlichen.

»Nein«, war die Antwort, »er hat mir im Gegenteil auch in dieser letzten Stunde noch beteuert, daß er unschuldig sei.«

Ich mußte ein ungläubiges Gesicht machen.

»Die recht verstockten Verbrecher, Herr Pfarrer, können nur mit einer Lüge auf den Lippen sterben. Sie selbst werden es oft genug erfahren haben.«

»Leider. Und ich erkannte es. Gerade diese Erfahrung hat mich aber um so mehr gelehrt, die Wahrheit von der Heuchelei auf dem Totenbett zu unterscheiden.«

»Und bei Sander glauben Sie Wahrheit gefunden zu haben?«

»Ja.«

»Darf ich Sie um das bitten, was er Ihnen gesagt hat?«

»Über das Verbrechen selbst hat er nur wenig gesprochen. Er beteuerte mir nur seine Unschuld, und als ich aus der Art und Weise, wie er dies tat, die Überzeugung zu gewinnen glaubte, daß er wirklich kein Mörder sei, hielt ich es für meine Pflicht, sofort Ihnen, Herr Direktor, die Anzeige zu machen. Ist Sander nicht der Mörder, so ist es ein anderer, und die Ermittlung des rechten Mörders ist um so mehr geboten, als ein Unschuldiger schon so manches Jahr für ihn hat büßen müssen. Diese Ermittlung steht aber Ihnen zu, und der geübte Kriminalrichter wird den Sterbenden zweckmäßiger befragen können, als ich es vermocht hätte. Darum bin ich hierhergeeilt.«

Der brave Geistliche hatte recht.

»Kann Sander noch bis morgen leben?« fragte ich ihn.

»Der Arzt gibt ihm höchstens noch eine Stunde.«

So mußte auch ich eilen, und ich konnte leider nicht vorher die in der Registratur des Kriminalgerichts befindlichen Akten zur Hand nehmen, um das Nähere des Verbrechens kennenzulernen und danach meine Fragen an den Sterbenden zu richten.

Ich begab mich mit dem Geistlichen in die Strafanstalt.

Sander lag in einer engen Krankenstube allein. Nur ein Wärter war bei ihm.

Wie traurig ist ein Sterbegemach! Seine Schrecken lernt nur der kennen, der es in Kerkern und Gefängnissen betreten hat. Da liegt der Sterbende in der grauen, nackten, engen Zelle und sieht nichts als die grauen, nackten Wände und den Tod, der vor ihm steht, seine Hand nach ihm ausstreckt und ihm alle seine Verbrechen, sein ganzes Leben der Sünde vorhält. Wohin er blicken mag, da sieht er den Tod, und wenn er auch die Augen schließt, er sieht ihn nur um so schrecklicher, um so drohender. Und niemand ist da, der ihn schützen, den er zu seiner Hilfe in seiner Einsamkeit herbeirufen kann. Kein Vater, keine Mutter, kein Bruder, keine Schwester, kein Gatte, kein Kind, kein Freund. Es ist so einsam um ihn und so kalt und doch so heiß. Ein Wärter ist bei ihm, aber es ist ein Kerkerknecht, der den Tod nicht abwarten kann, und er setzt sich abseits, um nicht zu sehen und nicht gesehen zu werden; so kann er ungestört schlafen. Wenn er erwacht, wird es vorbei und ein Spitzbube oder Mörder wird weniger in der Welt sein.

Der alte, oft bestrafte Wilddieb und verurteilte Mörder kämpfte nicht mit den Schrecken und Qualen jenes Todes. Die Aussage hatte ihn sehr schwach gemacht. Er atmete langsam und schwer. Der Tod stand an seinem Lager. Er wußte es, aber er kämpfte nicht mit ihm. Er konnte ihn ruhig erwarten.

Das ruhige Todesantlitz, der fast glänzend klare Blick des Mannes ergriffen mich ungewöhnlich.

»Sie sind der Herr Direktor?« fragte er mich hastig, als ob er fürchte, der Tod könnte ihn eher abrufen, bevor er sich ausgesprochen hätte.

»Ihr habt mir etwas zu sagen?« erwiderte ich ihm.

»Ja, Herr. Sie müssen es auch noch von mir hören, daß ich an dem Tode des Forsteleven unschuldig bin. Ich kann darum ruhig sterben. Ein Wilddieb bin ich gewesen. Aber ich habe meine Strafe dafür gehabt, und der liebe Gott wird mir da die paar Hasen und Rehe nicht nachrechnen, die ich hier auf Erden geschossen habe. Er läßt ja alle Jahre so viele groß werden und nicht allein für den König und die Forstleute. Da kann auch einmal ein armer Mann mit seinem Weib und seinen Kindern . . . Aber von dem Forsteleven wollte ich Ihnen sagen und daß ich an dem unschuldig bin.«

Ein heftiger Husten unterbrach ihn. Er hatte sich aufgeregt und zu schnell und zu laut gesprochen.

Aber jedes Wort, jeder Laut seiner Stimme war mir ein wunderbarer Zeuge und Bürge dafür gewesen, daß er die Wahrheit gesprochen habe.

Der Husten ging vorüber. Er hatte sich wieder erholt. Ich ermahnte ihn, langsamer und ruhiger zu sprechen.

»Habt Ihr den rechten Mörder gekannt?« fragte ich ihn dann.

»Ich glaubte es«, antwortete er. »Aber nur Gott kennt ihn bis jetzt.«

»Nanntet Ihr niemanden zu den Akten?«

»Ei ja. Aber er war der Unrechte.«

»Wen nanntet Ihr?«

»Den alten Förster. Aber er ist es nicht.«

»Und Ihr nanntet ihn doch?«

»Ich hielt ihn dafür. Ich mußte es. Noch vor einer halben Stunde.«

Er mußte wieder einhalten. Sein Atem war schwächer geworden.

»Seit einer halben Stunde?« fragte ich ihn dann, als er sich wieder erholt hatte.

»Herr Direktor«, sagte er langsamer, beinahe feierlich, »wenn man so nahe vor dem Tode steht, dann ist man doch ein anderer Mensch. Es wurde mir vorhin auf einmal so klar hier im Kopfe, und da sah ich alles so lebendig vor mir und Dinge, an die ich in meinem ganzen Leben nicht gedacht hatte. Sonst hatte ich nur immer an den alten Förster denken können. Recht klar war es mir niemals gewesen. Und nun auf einmal sah ich die ganze Geschichte vor mir, den . . .«

Er hatte sich doch wieder angestrengt. Er war sehr matt geworden. Der Glanz seiner Augen wurde wie eine hin und her irrende Flamme. Der Tod mußte sehr nahe bei ihm stehen.

Ich sah ihn gespannt an.

»Den Ermordeten sah ich«, führ er matt und langsam fort, »und mein Gewehr – und den Mörder – und – aber es war nicht der Alte – und auch sie sah ich – ja, sie, die . . .«

Seine Stimme war leiser, schwächer geworden, zuletzt unverständlich. Dann versagte sie ihm ganz. Sein Auge brach. Er röchelte noch einmal tief auf und war tot.

»Ist da ein Mörder gestorben?« fragte mich der Geistliche.

»Nein«, mußte ich antworten.

»So werden meine Gebete für seine arme Seele um so eher Erhörung finden.«

Er drückte dem Toten die Augen zu und verharrte im Gebete bei ihm.

Ich ließ mir am anderen Morgen die Akten geben, nach denen Friedrich Sander als Mörder verurteilt war. Sie enthielten folgendes:

Mitten im Walde lag das Forsthaus Winkelhorst. Vor sieben Jahren wohnten darin der alte Förster Hartmann, seine einzige Tochter Marianne, ein königlicher Jäger, Gottfried Wolf, ein Forsteleve Alfred Felsener, ein alter Knecht Christian Baumann und eine Magd.

Der Förster war Witwer.

Seine Tochter war ein schönes, blühendes Mädchen von achtzehn Jahren.

Der Jäger Wolf war schon seit drei Jahren da; er war dem manchmal von der Gicht geplagten und steif gewordenen Förster zur Aushilfe beigegeben.

Der Forsteleve Felsener war erst seit ungefähr einem halben Jahr in dem Forst und im Forsthause. Er war der Sohn eines verstorbenen höheren Forstbeamten, der gleichfalls die Forstkarriere einschlagen wollte, dazu den praktischen Dienst von unten auf durchmachen mußte und zu diesem Zweck in den Winkelhorster Forst zu dem als tüchtigen Forstmann bekannten Förster Hartmann sich hatte versetzen lassen.

Das Forsthaus lag einsam im Walde.

Der nächste bewohnte Ort war das eine gute halbe Meile entfernte große Kirchdorf Holzhausen.

Holzhausen war der gesellige Vereinigungspunkt für die rundumher wohnenden Honoratioren, für Gutsbesitzer, Kaufleute, Pfarrer, Beamte. Auch der Förster Hartmann gehörte dazu.

Seine Tochter Marianne war eine Zierde des ländlichen Gesellschaftskreises. Mit ihrer Jugend und Schönheit verband sie Anmut des Herzens und Bildung des Geistes. Der Pfarrer in Holzhausen hatte sie unterrichtet. Später war sie noch ein Jahr in der Hauptstadt der Provinz in einer Pension gewesen.

Der Forsteleve Felsener wurde von dem Förster in die Gesellschaften zu Holzhausen mitgenommen. Der schöne, gewandte, einer der angesehensten Beamtenfamilien der Provinz angehörige junge Mann, der, zugleich vermögend, schon jetzt unabhängig war und als Beamter eine bedeutende Laufbahn vor sich hatte, war dort gern gesehen. Ebenso gern ging er hin. Freilich nur, wenn auch Marianne, die Tochter des Försters, da war. Ohne sie sah man ihn nicht in Holzhausen; mit ihr war er immer da.

Manche hatten den Kopf darüber schütteln wollen. Was daraus werden solle? Der vornehme, reiche, gebildete junge Mann denke doch nicht daran, der einfachen, wenn auch für ihre Verhältnisse leidlich gebildeten Tochter eines kaum bemittelten, subalternen Unterförsters seine Hand zu reichen. Es werde kein gutes Ende nehmen. Andere meinten dagegen, der junge Mann sei durch und durch brav, und die Liebe mache alles gleich. Mit den beiden jungen Leuten selbst hatte niemand über ihr Verhältnis gesprochen; ebenso nicht mit dem alten Förster; man wußte daher nicht, wie er zu dem Verhältnis stand, ob er nur überhaupt Kenntnis oder Ahnung davon habe.

Freilich, bestand denn wirklich irgendein Verhältnis zwischen den beiden jungen Leuten? Man schloß dies ja nur aus jenem Beisammensein.

Am 24. Juni wurde in Holzhausen die Kirchweihe gefeiert.

Die Honoratioren der Umgegend hatten sich dazu alljährlich auf einem gemeinschaftlichen Balle in dem ersten Wirtshause des Dorfes zusammengefunden.

So geschah es auch in diesem Jahr.

Auch aus dem Forsthause Winkelhorst waren sie da: der alte Förster, seine Tochter Marianne, der Forsteleve Felsener und heute auch der Jäger Gottfried Wolf.

Der Jäger hatte für gewöhnlich an den geselligen Vereinigungen in Holzhausen keinen Anteil genommen. Er war ein einfacher Jäger, der in dem in mannigfacher Beziehung über ihm stehenden Kreise sich nicht recht heimisch fühlte; dabei war er still und in sich zurückgezogen. Indessen war er ein tüchtiger Forstmann und Beamter, und der Förster schätzte ihn sehr. Auf außerordentliches Verlangen war er heute mitgegangen.

Alle vier hatten sich gemeinschaftlich auf den Weg gemacht. Es war Nachmittag. Der Junitag war wunderschön, und der Weg führte immer durch den schattigen Forst. So gingen sie zu Fuß.

Alfred Felsener, der Forsteleve, hatte am Morgen noch erklärt, daß er nicht von der Partie sein werde. Kurz nach Mittag hatte er aber durch den Postboten einen Brief erhalten, nach dessen Durchlesen er den Förster gebeten hatte, doch mitgehen zu dürfen. Der Brief sei von seiner Mutter, hatte er gesagt, und enthalte eine sehr angenehme Nachricht für ihn.

Diese Mitteilung wurde durch sein Äußeres und durch sein Benehmen bestätigt. Er war den ganzen Abend auf dem Balle in der muntersten Laune. In seinen Augen glaubte man ein ganz besonderes Glück zu lesen. Er tanzte nur mit Marianne, die gleichfalls heute besonders glücklich zu sein schien.

Schon um zehn Uhr des Abends hatte der Förster Hartmann mit den Seinigen den Ball und Holzhausen verlassen. Die Gicht meldete sich, hatte er gesagt, da müsse er früh Ruhe suchen. Er hatte den anderen anheimgestellt, noch zu bleiben, aber sie hatten sämtlich vorgezogen, ihn zu begleiten.

Sie hatten gemeinschaftlich den Rückweg angetreten. Felsener und Marianne waren zusammen gegangen. Felsener hatte sie geführt. Der Förster, bei dem der Jäger geblieben war, war ihnen in einiger Entfernung gefolgt.

Am Forsthause waren sie alle vier wieder zusammengetroffen.

Den anderen hatte auffallen wollen, daß Felsener jetzt stiller als vorher war. Marianne war ihnen sogar etwas verlegen vorgekommen. Sie hatten indes nicht weiter darauf geachtet.

Um elf Uhr waren sie an dem Forsthause angelangt. Der alte Hausknecht hatte gewacht, um sie in das Haus einzulassen. Sie waren alle vier in die Wohnstube der Familie eingetreten.

Der Forsteleve Felsener hatte dort alsbald erklärt, er habe noch keinen Schlaf und wolle noch ein Stündchen den Forst begehen. Die Nacht sei mondhell, da sei doppelt auf Wilddiebe zu rechnen, die die Forstbeamten noch auf dem Balle in Holzhausen glauben würden. Der alte Förster hatte ihn nur noch gefragt, in welche Gegend des Forstes er gehen wolle. Er hatte geantwortet: »Nach dem Erlenmoor hin.« Dann war er auf seine Stube gegangen, sich umzukleiden.

Zehn Minuten später hatte ihn der Hausknecht wieder aus dem Hause hinausgelassen. Er hatte sein Doppelgewehr bei sich getragen. Es mußte genau um ein Viertel auf zwölf Uhr sein.

Die anderen hatten schon kurz vorher sich jeder in sein Zimmer zum Schlafen begeben. Der Knecht hatte sich nach der Entfernung Felseners ebenfalls schlafen gelegt. Er schlief in einer Kammer unten im Hause, nach dem Garten hin. Felsener hatte beim Weggehen zu ihm gesagt: »Wenn ich zurückkomme, wecke ich Euch, Christian, damit Ihr mir die Haustür öffnet.«

»Gut, Herr«, war die Antwort des Knechtes.

Das waren die letzten Worte, die er, die jemand zu ihm gesprochen hatte.

Um halb ein Uhr in der Nacht hatten zwei der Holzhauser Ballgäste, ein Gutsverwalter aus der Gegend mit seinem erwachsenen Sohn, den Rückweg nach Hause angetreten, in einem Kabriolett, das der Verwalter selbst fuhr. Der Weg führte sie durch den Forst, der sich bis dicht an das Dorf Holzhausen hinzog. Sie waren schon eine Viertelstunde lang gefahren, als sie auf einmal einen Schuß fallen hörten.

Wilddiebe! war der Gedanke beider. Um die Wilddiebe hatten sie sich beide nicht zu bekümmern. Sie fuhren daher ruhig ihres Weges weiter. Der Verwalter hatte nun gerade zufällig auf seine Uhr gesehen. Sie hatte ihm – in dem hellen Mondlichte deutlich – genau drei Viertel auf eins gezeigt.

Im Weiterfahren hatten sie nur davon gesprochen, in welcher Gegend des Forstes der Schuß gefallen sein möge.

Beim Erlenmoor, waren sie beide der Ansicht, ungefähr eine Viertelmeile von ihnen entfernt. Ihr Weg führte sie so, daß sie der Stelle, wo nach ihrer Meinung der Schuß gefallen war, auf eine halbe Viertelmeile sich nähern mußten; dann, indem sie seitwärts weiterfuhren, entfernten sie sich wieder davon.

Als sie eben den nächsten Punkt erreicht hatten, hörten sie plötzlich einen Menschen rasch durch die Holzung laufen. Er lief auf ihren Weg zu, der sich quer durch den Forst zog, und mußte daher diesen Weg passieren. Sie hielten den Wagen an. Der Mensch sprang hinter ihnen, ungefähr dreißig Schritte von ihnen entfernt, aus der Holzung, in den Weg hinein, überflog diesen in Hast und verschwand in der Holzung, die auf der anderen Seite sich an den Weg wieder anschloß.

Es war klarer Vollmond. Das Licht fiel voll auf in den Weg.

Sie hatten die Gestalt des Menschen deutlich erkannt: Er war ein großer, breitschulteriger Mann in einem kurzen, gelblichgrauen Oberrock und mit einer dunklen Schirmmütze. Sein Gesicht hatten sie nicht erkennen können.

Der Wilddieb! war ihr erster Gedanke gewesen.

Der Mensch kam aus der Gegend, in welcher sie den Schuß hatten fallen hören.

Aber er trug weder Gewehr noch Jagdtasche. Das war ihnen zwar aufgefallen, doch brachten sie es mit seiner hastigen, wilden Flucht in Verbindung.

Er wird über seinem Verbrechen ertappt worden sein, da hat er alles im Stich gelassen und nur sich zu retten gesucht.

Das regte zugleich etwas anderes in ihnen an.

Wer mag ihn ertappt haben? Aus dem Forsthause waren sie alle auf dem Balle. Sie waren zwar schon früh fort, sollte aber doch noch einer in der späten Nacht in den Forst gegangen sein?

Der Verwalter war mit dem alten Förster bekannt, der Sohn war mit dem Forsteleven bekannt geworden. Sie sahen sich beide an: Wenn wir den, der es ist, überraschten! Wir haben noch eine Flasche Wein im Wagen. In zehn Minuten müssen wir bei ihm sein. Es führt ein fahrbarer Weg hin. Die Nacht ist so schön.

Der Vater drehte mit dem Wagen um. Sie fuhren fünfzig Schritte zurück. Dort bog ein Weg in die Richtung nach dem Erlenmoor hinab. Sie schlugen ihn ein.

Er führte sie in das tiefste Dickicht des Waldes. Auf den Weg fiel auch hier voll das helle Mondlicht; aber zu beiden Seiten war tiefdunkle, schwarze Finsternis. Still war es überall umher. Sie horchten nach allen Seiten, aber sie vernahmen keinen Laut.

Hier muß es ungefähr gewesen sein, meinten sie.

Da scheute auf einmal das Pferd. Es wollte zur Seite springen. Dann stand es wie gebannt. Es zitterte.

Was ist denn das? Da muß etwas im Wege liegen. Sie sahen beide hin. Mitten im Wege lag etwas. Ein Mensch lag da, ausgestreckt, unbeweglich. Sie sprangen aus dem Wagen zu ihm. Er lag mit dem Gesicht auf der Erde.

»Mein Gott!« rief, von einer furchtbaren Ahnung, von einem heftigen Schreck ergriffen, der Sohn.

Er hob den Menschen auf. Er hatte sich nicht geirrt. »Felsener!« rief er. »Er ist tot. Er ist erschossen!«

Es war der Forsteleve Alfred Felsener, den sie gefunden hatten. Er lag tot in seinem Blute. Ein Schuß hatte ihn mitten in die Brust getroffen. Das Blut floß noch hervor. Der Körper war noch warm, aber das Leben war unwiederbringlich fort. Sie standen vor einer Leiche. Der Verwalter sah auf seine Uhr. Es war fünf Minuten nach eins. Gerade zwanzig Minuten waren verflossen, seitdem sie jenen Schuß gehört hatten.

Es war der Mordschuß! Darüber konnte kein Zweifel sein.

Wer war der Mörder? Jener Mensch in dem kurzen, gelblichgrauen Rock, der hinter ihnen quer über den Weg gelaufen war? Aber warum, wenn er seinen Verfolger getötet hatte, war er ohne Gewehr und Jagdtasche gewesen? War er vielleicht doch noch verfolgt durch jemanden, der in der Begleitung des Erschossenen gewesen war? Dann mußte dieser jeden Augenblick von der vergeblichen Verfolgung zurückkehren.

Sie warteten einige Minuten. Sie hörten nichts. Sie riefen laut in den Wald hinein, aber es blieb alles still. Es kam niemand.

Was nun?

Der Verwalter war ein verständiger, besonnener Mann.

»Einer von uns muß bei der Leiche bleiben. Ich werde es tun. In meinem Alter fürchtet man sich nicht mehr. Du fährst sofort zu der Försterei und zeigst den Vorfall an. Dort müssen sie zuerst die Sache wissen. Den Weg weißt du. Es geht zwar in einem weiten Bogen um das Erlenmoor herum, wenn du aber gut zufährst, kannst du in drei viertel Stunden dort sein.«

Der Vater blieb bei der Leiche.

Der Sohn fuhr zum Forsthause. Er jagte das Pferd. Genau wie der Vater gesagt hatte, zehn Minuten vor zwei Uhr kam er dort an. Der Tag dämmerte schon.

Er hielt ungefähr zwanzig Schritte vom Hause, band die Zügel des Pferdes an einem Baumast und ging zu dem Hause.

Die anschlagenden Hunde des Försters hatten ihn schon angekündigt. Als er an die Haustür trat, wurde sie von innen geöffnet.

Der Knecht Christian Baumann stand darin. Er sah den Fremden, den er nicht kannte, verwundert an, denn er hatte den zurückkehrenden Forsteleven erwartet. Schon seit einer halben Stunde hatte er gewacht. »Was wünschen Sie?« fragte er ihn.

»Wann ist der Herr Felsener ausgegangen?«

»Es konnte ein Viertel auf zwölf sein. Er wollte, wie er sagte, in den Forst gehen.«

»Er liegt ermordet in dem Forst. Dahinten am Erlenmoor.«

»Herr, um Gottes willen!«

Mit dem Ausruf des Knechtes vermischte sich ein Schreckensruf oben im Hause. Die Hunde hatten auch den Förster und seine Tochter geweckt. Diese hatten draußen eine fremde Stimme gehört und waren aufgesprungen, an ihre Fenster, hatten sie geöffnet, hatten die entsetzliche Todesbotschaft vernommen. Beide schliefen oben.

Der alte Förster kam heruntergestürzt. Er war leichenblaß. Der junge Mann mußte ihm erzählen. Zu der Erzählung kam der Jäger Wolf. Er schlief unten im Hause. Auch er war durch die Hunde geweckt worden, und die ungewöhnliche Unruhe hatte ihn vor die Tür geführt. Die Schreckenskunde erfüllte auch ihn mit Entsetzen. Wer kann der Täter sein?

Der Sohn des Verwalters erzählte von dem flüchtenden Menschen in dem kurzen, gelblichgrauen Rock.

»Der Wilddieb Sander!« riefen der Förster und der Jäger wie aus einem Munde.

Marianne war nicht heruntergekommen. »Mein Kind!« rief der Förster, als sie nicht kam. Er eilte zu ihr hinauf und fand sie in Ohnmacht. Er brachte sie ins Leben zurück. Die Magd, die ihm gefolgt war, half ihm.

Dann mußte er einer andern Pflicht folgen. Sie rief ihn zu dem Toten. Der Jäger mußte ihn begleiten. Sie fuhren mit dem Sohn des Verwalters zu der Mordstelle.

Der Verwalter hielt dort noch Wache bei der Leiche. Es hatte sich unterdes nichts zugetragen.

Man hielt zunächst Rat, was weiter zu tun sei, und wurde bald einig. Der Verwalter sollte zu der etwa zwei Meilen entfernten Gerichtsstadt fahren, um dem Gericht Nachricht zu geben. Die drei anderen wollten bleiben, teils zur Wache bei der Leiche, teils um Spuren des Verbrechens in der Gegend zu suchen.

Der Verwalter fuhr ab.

Der Jäger mußte bei der Leiche bleiben. Der Förster und der Sohn des Verwalters gingen, die Umgegend zu durchsuchen.

Der Förster selbst ordnete es so an. Er könne nicht bei der Leiche bleibendes sei ihm schrecklich. Der Kamerad müsse den toten Kameraden bewachen.

Der helle Tag war schon längst angebrochen.

Der Förster und sein Begleiter brauchten nicht lange zu suchen. Zweihundert Schritte von der Unglücksstätte war im Walde eine Lichtung. An deren Rand fanden sie ein frisch geschossenes, halb ausgeweidetes Reh. Es mußte am Abend vorher oder noch in der Nacht geschossen worden sein. Der Wilddieb, der es erlegt – nur auf einen Wilddieb war zu schließen –, mußte über der Arbeit des Ausweidens ertappt worden sein. Er hatte die Flucht ergriffen und das Tier im Stich gelassen, mit diesem zugleich seine Jagdtasche. Eine alte, zerrissene Jagdtasche lag zehn Schritte weiter an einem Baum.

Die Jagdtasche Sanders! rief der Förster, als er sie sah.

Wer konnte noch zweifeln, daß der berüchtigte, verwegene Wilddieb der Mörder sei?

Das Gericht kam. Es gewann bald dieselbe Überzeugung, und erhebliche neue Umstände bestätigten diese.

Der Verstorbene hatte fünf Rehposten in der Brust; zwei davon hatten das Herz selbst getroffen. Der Tod mußte unmittelbar nach dem Schuß eingetreten sein.

Eine gleiche Ladung Rehposten aber fand man in dem halb ausgeweideten Tier. Ein noch halbgefüllter Beutel mit Blei lag in der bei dem Reh zurückgelassenen Jagdtasche.

Sämtliche Kugeln wurden miteinander verglichen. Sie glichen einander vollkommen, dem Metall, der Größe, der Form nach. Das Gericht, hatte gleichzeitig eine Deputation zu der etwa eine Meile von dem Ort der Tat entfernten Wohnung Sanders abgeschickt, um ihn zu verhaften und eine Haussuchung zu machen.

Man hatte bei ihm rohes Blei und eine Kugelform gefunden. Beides paßte wieder vollständig zu den aufgefundenen Kugeln. Ein Gewehr und eine Jagdtasche waren dagegen nicht bei ihm zu finden gewesen. Das Gewehr hatte er wohl absichtlich beseitigt, damit die frischen Spuren des Schießens ihn nicht verraten konnten.

Es war kein Zweifel, der Wilddieb war der Mörder. Einiges blieb allerdings dunkel.

Der Ermordete lag mitten im Wege. Sein Gewehr, ein Doppelgewehr, lag bei ihm, der Riemen hing noch über seiner Schulter. Beide Hähne waren in Ruhe, beide Läufe geladen. Alles nötige zu dem Schlusse, daß er, ohne Arg vorangehend, aus einem Hinterhalt niedergeschossen worden war. Er war ruhig seines Weges gegangen, und zwar wahrscheinlich von der Försterei her. Der Schuß mußte ferner ganz aus der Nähe gekommen sein, und in der Tat fanden sich, nur dreißig Schritte von der Leiche entfernt, an einem Erlenbusche der Boden zertreten, Zweige verbogen und Blätter zerknickt. Der Mörder hätte dort auf der Lauer gestanden, sein Opfer gerade auf sich zukommen lassen und ihm die tödliche Ladung in die Brust gesandt.

Wie nun aber paßten diese Umstände, wenn der Wilddieb der Mörder war? Warum verließ er das halb ausgeweidete Tier, ohne dabei gesehen worden zu sein? Der Erschossene konnte noch nicht einmal eine Ahnung davon gehabt haben, daß ein Wilddieb und überhaupt jemand in der Nähe sei, sonst hätte er sein Gewehr nicht so ruhig über seiner Schulter hängenlassen. Warum hatte ferner der Wilddieb nach dem Schuß das Tier und selbst seine Jagdtasche, die ihn sogar als Mörder verraten mußte, zurückgelassen?

Man hatte indes Erklärungsgründe. Die Nacht war still gewesen. Der Dieb hatte mit seinem stets lauernden Ohr den Schritt des Beamten schon in der Ferne vernehmen können. Dieser nahte sich ihm. Sander ging ihm leise entgegen und stellte sich hinter dem Erlenbusch auf. Er erkannte den Forstbeamten und mußte sich sagen, daß dieser auch die Lichtung betreten werde, auf die er in fast gerader Richtung zuschritt. Seine neue Wilderei war dann entdeckt. Er hatte, schon oft bestraft, diesmal eine sehr lange Strafe zu erwarten. Zudem ist jeder Forstbeamte der natürliche Todfeind jedes Wilddiebes. Er schoß ihn nieder. Warum er dann später dennoch das Wild und gar die Jagdtasche im Stich ließ! Wer konnte wissen, welcher Zufall, welcher plötzliche Schreck, Gewissensangst oder was sonst ihm auf einmal die Besinnung raubte, ihn in die wilde Flucht von dem Orte seines Verbrechens jagte?

So blieb der Verdacht gegen ihn bestehen, und sein Benehmen in der Untersuchung konnte ihn nur festigen.

Er leugnete anfangs ganz und gar, in dem Forst gewesen zu sein. Die Jagdtasche habe ihm einmal gehört, sei ihm aber schon vor langer Zeit gestohlen worden. Er habe auch schon seit langer Zeit gar kein Gewehr mehr besessen. Seit seiner letzten Bestrafung habe er nie wieder gewildert. Erst als der Verwalter und dessen Sohn seine Gestalt und Kleidung wiedererkannt hatten und zugleich durch seine Nachbarn festgestellt war, daß er noch bis in die jüngste Zeit im Besitze der Jagdtasche und eines Gewehres gewesen sei, gestand er zu, daß er sich in der Nacht des Mordes in dem Forst befunden und daß er auch das Reh erlegt und dessen Ausweidung begonnen habe.

Und jetzt machte er auf einmal folgende Angaben: Während er mit dem Ausweiden des Tieres beschäftigt gewesen, habe er sein Gewehr und seine Jagdtasche zehn Schritte davon an einen Baum gestellt. Auf einmal, mitten in seiner Arbeit, habe er ein Geräusch vernommen, nahe bei sich, an dem Baume. Er habe aufgeschaut, da habe ein Mensch an dem Baum gestanden, vor seinem Gewehr, selbst ein Doppelgewehr in der Hand, dieses auf ihn anschlagend. Er sei erschreckt aufgesprungen. Er habe den Förster Hartmann erkannt. Der Förster habe kein Wort gesprochen, ihn nur drohend angeblickt. Sein Leben sei in der Hand des Försters gewesen. An einen Widerstand habe er nicht denken können. Nur ein rascher Sprung, eine schnelle Flucht konnte ihn retten. Während der Förster den zweiten Hahn aufzog, bückte er sich, und mit einem schnellen Satze war er hinter einer Buche. Alles hinter sich im Stich lassend, flüchtete er weiter. Nachdem er ungefähr fünf Minuten gelaufen war, hörte er in derselben Gegend, aus der er sich entfernt hatte, einen Schuß fallen. Es sei ihm vorgekommen, als wenn sein eigenes Gewehr abgeschossen werde. Warum? Das habe er sich nicht erklären können. Nachher, als er den Mord erfahren, sei es ihm freilich klargeworden.

Warum der Förster aber den Eleven sollte erschossen haben, wie der alte, brave Mann, der stets treue, redliche Beamte, in seinen alten Tagen sollte zum Mörder geworden sein an einem Mann, der ihm nichts getan, den er geachtet, sogar immer mit einer gewissen Ehrerbietung behandelt habe, das könne er sich allerdings auch jetzt nicht erklären; aber wer könnte wissen, was die beiden untereinander gehabt hätten?

Bei seinen Angaben verblieb er gleichwohl um so hartnäckiger, je mehr ihm das Widersinnige und Freche derselben vorgehalten wurde. Er habe den alten Förster genau erkannt, wenn er auch von dem Gesicht nur wenig habe sehen können. Die blaue Dienstmütze mit dem großen Lederschirm sei tief in das Gesicht gedrückt gewesen. Aber es sei die Mütze des Försters gewesen, sein dunkelgrüner Rock, seine breitschultrige Gestalt, sein grauer Schnurrbart.

Der Förster leugnete. Er leugnete mit der Ruhe eines guten Gewissens. Er konnte ja auch der Täter nicht sein, schon aus mehreren physischen Gründen.

Die Stelle, an welcher der Forsteleve erschossen worden war, lag zwar in gerader Linie nur etwa eine dreiviertel Stunde von dem Forsthause entfernt. Diese gerade Linie führte aber mitten durch das sogenannte Erlenmoor, durch welches kein Pfad ging, das völlig unzugänglich war. Nur auf einem großen Umweg, um das Moor herum, konnte man zu dem Forsthause gelangen, und um diesen Weg zurückzulegen, bedurfte ein guter Fußgänger mindestens anderthalb Stunden. Im angestrengtesten Laufen war der Weg in einer Stunde kaum zurückzulegen. Das alles wurde durch Versuche und Anschauung von dem Gericht festgestellt. Das Moor namentlich zeigte zwar auf kurze Strecken von zehn oder zwölf Schritten einen Boden, auf dem man, wenn er auch schwankte, vorsichtig vorangehen konnte, dann aber stand man sofort wieder entweder vor einem offenen, schlammigen Morast von unergründlicher Tiefe oder vor einer so dünnen Erddecke, daß sie mit einem Stock, der wiederum keinen Grund fand, ohne alle Mühe zu durchstoßen war; ein Mensch, der dahin trat, hätte auf der Stelle in die Tiefe sinken müssen.

Nun standen aber folgende Tatsachen fest: Felsener hatte um ein Viertel vor zwölf in der Nacht das Forsthaus verlassen. Der Verwalter und sein Sohn hatten den unzweifelhaft von dem Mörder herrührenden Schuß um drei Viertel eins gehört. Die Uhr im Forsthaus und die des Verwalters stimmten fast auf die Minute. Zwischen dem Fortgehen Felseners und dem Schuß lagen also genau anderthalb Stunden. Gerade so lange brauchte ein Fußgänger, um von dem Forsthaus zu der Mordstelle zu gelangen. Als Felsener ausging, war aber der Förster noch zu Hause. Der Knecht war auch noch eine Viertelstunde wach geblieben, und er hatte niemanden das Haus verlassen hören, auch sonst kein Geräusch vernommen. Der rüstigste Fußgänger hätte aber sicher den Forsteleven nicht erreichen, geschweige ihm so zuvorkommen können, daß er zuerst den Wilddieb überraschte, diesem sein Gewehr abnahm und darauf erst seinem Opfer auflauerte. Bei dem alten, steifen, von der Gicht geplagten Förster war vollends nicht daran zu denken.

In gleicher Weise sprach ein anderes. Zehn Minuten vor zwei Uhr in der Nacht kam der Sohn des Verwalters an der Försterei an, also gerade eine Stunde und fünf Minuten nach dem Schuß. Der Förster war da, er hatte in seiner Nachtkleidung am Fenster gestanden. Der Knecht hatte schon seit einer halben Stunde gewacht, auf die Rückkehr Felseners wartend, aber ohne das geringste Geräusch zu vernehmen. Das alles machte eine Täterschaft des Försters geradezu physisch unmöglich.

Was so für den Förster sprach, mußte übrigens mit gleicher Überzeugung für jeden anderen Bewohner des Forsthauses sprechen, namentlich auch für den Jäger Wolf, wenn überhaupt auf diesen irgendein Verdacht hätte fallen können.

Der Wilddieb Sander blieb in der allgemeinen Überzeugung der Täter, auch in der des erkennenden Gerichts. Seine Bezichtigung gegen den Förster wurde für ein neues Anzeichen seiner Schuld angesehen. Er wurde als der Mörder des Forsteleven Felsener, beim Mangel eines die ordentliche Strafe bedingenden vollen Beweises, außerordentlich zu einer dreißigjährigen Zuchthausstrafe verurteilt. Er mußte die Strafe antreten. Der Tod erst erlöste ihn von ihr.

Wer war der Mörder? Hatte er eine gerechte Strafe verbüßt? Für die Welt war er mit seiner Schuld hinter den Mauern des Zuchthauses begraben gewesen.

Es zu prüfen, zu erforschen, zu untersuchen lag in meiner Hand, in meiner unabweisbaren Pflicht. Die ruhigen, klaren Versicherungen des Sterbenden, die laute Stimme, die in meinem Innern für ihn sprach, legten mir schon diese Pflicht auf. Dazu kamen manche Oberflächlichkeiten der im ganzen umsichtig und sorgfältig geführten gerichtlichen Untersuchung.

Dazukam endlich jenes dreifache Rätsel des stillen Forsthauses Winkelhorst, die schöne, blasse Frau, der fanatische hagere Mann, der verschlossene Greis, der in dem Forste meinen Führer gemacht hatte. Seit acht Tagen drückte es mich. Sollte ich die Auflösung jetzt finden?

Die Frau war Marianne, die Tochter des Försters Hartmann. Ihr Mann, der Förster Wolf, war jener Jäger Gottfried Wolf, der zur Zeit des Mordes Mitbewohner des Forsthauses, an demselben Tage mit auf dem Balle in Holzhausen gewesen war, über den die Untersuchungsakten aber außerdem fast nichts enthielten. Auch der alte Mann, der mich geführt hatte, er konnte nur der Knecht Christian Baumann sein, war in jener Untersuchung eine wichtige Person gewesen.

Der alte Förster war tot.

Er war nicht der Mörder gewesen, hatte der sterbende Wilddieb versichert. Einen anderen hatte er anklagen wollen. Auch von ihr hatte er gesprochen. Wen hatte er darunter verstehen können? Wer war der Mörder? Der, den der Wilddieb für den alten Förster hatte halten können?

Ich mußte die frühere Untersuchung wiederaufnehmen, eine neue einleiten.

Ich machte dazu meinen Plan. Vor allem war mir daran gelegen, den kalten, berechnenden, sich beherrschenden Förster, den mißtrauischen, verschlossenen alten Christian Baumann zu überraschen. Auch die leidende Frau.

Nur in dem Forsthause war der Mörder oder wenigstens seine Spur zu entdecken. Wahrscheinlich der Mörder selbst. Jeder konnte dort der Schuldige sein, nicht bloß der Förster.

Ich fuhr mit einem Protokollführer und Exekutor nach dem Forst hinaus.

Ich nahm meinen Weg über das Dorf Holzhausen. Es war ein Pfarrdorf. Zunächst wollte ich bei dem Geistlichen dort über die Bewohner des Forsthauses Erkundigungen einziehen, die ich anderswo so genau und zuverlässig nicht erlangen konnte.

Es war nachmittags, als ich in dem Dorfe ankam. Ich ließ den Wagen mit dem Protokollführer und Exekutor zu dem Wirtshause fahren und begab mich zum Pfarrer.

Er war ein etwas vorsichtiger und zurückhaltender Mann.

Über die Ermordung des Forsteleven wollte er nichts wissen, als was zu seiner Zeit aus der gerichtlichen Untersuchung bekannt geworden ist. Der Wilddieb Sander sei demnach und werde noch jetzt von der allgemeinen Meinung für den Täter gehalten.

Der alte Förster Hartmann sei durch den Vorfall so angegriffen worden, daß er seinen Posten nie wieder recht habe versehen können. Nach Jahr und Tag habe er pensioniert werden müssen. Zu seinem Nachfolger sei der Jäger Wolf, ein äußerst tüchtiger und gewissenhafter Forstbeamter, schon früher bestimmt gewesen und dann ernannt worden.

Der alte Förster habe mit Leib und Seele an dem Forsthause und an dem Forst gehangen, wo er über vierzig Jahre lang gelebt und gewirkt. Dem neuen Förster hätte er weichen müssen. Aber Wolf hatte schon seit Jahren ein Auge auf die Tochter des alten Försters geworfen; nachdem er dessen Posten erlangt hatte, war er mit seiner Bewerbung hervorgetreten. Sie hatte seiner Bewerbung Gehör gegeben. Ob sofort, ob gern oder was vorhergegangen ist, davon wußte niemand etwas. Allerdings hatten die Leute den Kopf geschüttelt und gemeint, das schöne, gebildete Mädchen passe nicht zu dem unansehnlichen Manne, der nichts als ein gewissenhafter Forstbeamter sei. Andere hatten auch davon gesprochen, daß sie den erschossenen Forsteleven nicht vergessen könne, mit dem sie etwas gehabt haben müsse. Gewiß war dabei, daß sie seit dem Morde eine ganz andere geworden war. Früher blühend, stets heiter und munter, hatte man sie seitdem nur bleich und trauernd und nie wieder lächelnd gesehen. Indes, sie hatte die Ruhe und Zufriedenheit, das Glück ihres Vaters in seinen alten Tagen in ihrer Hand. Wenn sie den Förster heiratete, so konnte der alte Mann in dem Forste, in dem Forsthause bleiben. Sie heiratete den Förster.

Und ihre Ehe sei keine unglückliche geworden, meinte der Geistliche. Die Frau sei still, man sehe sie nie fröhlich, aber das sei so ihre Art und wohl noch die Nachwirkung jenes Unglücks, der Mann übe immer strenge seine Pflicht und sei zudem von Jahr zu Jahr gottesfürchtiger geworden. Und von einem Streit, von einem Unfrieden, ja nur von einem Mangel an Liebe unter den Gatten habe man nie etwas vernommen.

Das waren die dürftigen Nachrichten des Geistlichen. Sie gaben mir für meine Nachforschungen keinen Anhalt.

Ich durfte dennoch, wie begreiflich, weder zurücktreten noch meine Hoffnungen, nach irgendeiner Seite in der Sache klareres Licht zu gewinnen, aufgeben. Namentlich durch genauere und eingehendere Vernehmungen der damaligen Bewohner des Forsthauses mußte ich es erlangen können.

Der größte Fehler der früheren Untersuchung hatte darin bestanden, daß kein genaues Befragen darüber stattgefunden hatte, ob in der Nacht des Mordes jemand die Försterei verlassen habe und wo die Bewohner im Hause sich damals befunden hatten. Der Jäger, der jetzige Förster Wolf, war nur nebenbei, die Tochter des Försters, Marianne, war gar nicht vernommen worden; die Vernehmung des Knechtes Baumann war eine höchst oberflächliche gewesen. Man hatte auf den Umstand darum kein Gewicht gelegt, weil man bei der Entfernung der Mordstelle von dem Forsthause den Täter unmöglich in dem letzteren glaubte finden zu können. Aber die Berechnung dieser Entfernung beruhte auf der Annahme, daß es gar keinen Weg durch das Erlenmoor gebe. Und hatte man dies mit der notwendigen Sorgfalt zu ermitteln gesucht? Gerade jene sonderbaren Blicke des alten Baumann in dem Moor, als er mich auf Geheiß des Försters in den Forst führte, wollten Zweifel in mir erregen. Einen klaren Grund konnte ich mir selbst nicht angeben. Der Geistliche wollte von einem Weg, den es durch das Moor gebe, nie gehört haben. Auch hier war ich zuerst auf den alten Knecht angewiesen.

Ihn mußte ich zu allererst vernehmen, und gerade ihn mußte ich überraschen, wenn ich etwas von ihm erfahren wollte. Er selbst war wohl nicht der Täter, er hätte dann dem Ermordeten nicht das Kreuz gesetzt. Aber mit welcher Liebe hing er, wie ich noch vor wenigen Tagen selbst gesehen hatte, an der jungen Frau, und zwischen dieser leidenden Frau und dem Ermordeten »war etwas gewesen«, und der Jäger Gottfried Wolf war ein Jahr nach dem Morde ihr Gatte geworden.

Dann war noch ein Umstand unaufgeklärt geblieben: der Brief, den der Ermordete kurz vor seinem Tode von seiner Mutter erhalten hatte. Er war in den Akten nicht wieder erwähnt. Was hatte er enthalten? Wo war er geblieben?

Der alte Baumann wohnte, wie der Geistliche mir gesagt hatte, in einem einsamen Hause im Wald nahe dem Dorfe Holzhausen.

Ich beschloß, zunächst dahin zu fahren.

Beinahe hätte ich meinen Entschluß geändert. Als ich von dem Pfarrer zu dem Wirtshause zurückkehrte, teilte mein Kutscher mir mit, daß vor einer Weile der Förster Wolf, den er vor acht Tagen gesehen hatte, vorbeigekommen sei. Der Förster habe auch ihn, den Wagen und die Pferde erkannt, sei stutzig geworden und auffallend schnell weitergegangen.

Sollte ich ihm folgen, ihm in dem Forsthause zuvorkommen? Aber das, was ich von Baumann zu erfahren hoffte, mußte die Grundlage all meines Tuns im Forsthause bilden, und hatte ich nicht auch Veranlassung, dem Förster bei dem alten Manne zuvorzukommen?

Ich fuhr schnell zu diesem. Er war zu Hause und eben mit der Korbflechterei beschäftigt. Von meiner Ankunft hatte er keine Ahnung gehabt. Er erschrak heftig, als er mich sah.

Ich durfte ihm keine Zeit lassen, sich zu besinnen. Den Umstand, der mir am meisten am Herzen lag, mußte ich zuerst vorbringen, das andere gab sich dann von selbst.

Aber ich hatte es mit einem verschlossenen und zugleich zähen alten Mann zu tun.

»Christian Baumann, Ihr kennt das Erlenmoor?«

»Ich, Herr?«

»Wie werdet Ihr es nicht kennen? Wie lange lebt Ihr hier in dem Forste?«

»Seit fünfzig Jahren.«

»Und Ihr solltet nicht jeden Steg darin kennen? Jeden Baum? Nicht gar jede Erle in dem Moor dahinten?«

Er wurde verwirrt.

»Wenn der Herr mich so fragt . . .«

»Also, Ihr kennt das Moor?«

»Nun ja.«

»So könntet Ihr mich auch hindurchführen?«

»Hindurch?«

»Durch das Moor.«

»Der Weg geht nur herum.«

»Alter Baumann, seht mir einmal ehrlich ins Gesicht. Ihr könnt es doch? Ihr seid immer ein ehrlicher Mann gewesen.«

Er konnte mir nicht ins Gesicht sehen.

»Wie, Christian Baumann?«

»Was wollen Sie von mir, Herr?«

»In Euren alten Tagen, wo einer anfängt, mehr als sonst an das andere Leben zu denken, an den ewigen Richter, da könnt Ihr nicht einmal vor mir, dem weltlichen Richter, Euer Auge erheben?«

Er machte den Versuch, mir in die Augen zu sehen.

»Christian Baumann, es gibt einen Weg, der geradezu mitten durch das Moor führt.«

»Ja, Herr«, sagte der alte Mann leise.

»Nach der Försterei hin.«

»Herr, Herr . . .!«

Der Angstschweiß rann ihm von der tief gefurchten Stirn. »Ihr könntet mich den Weg führen.«

»Muß es sein? Muß es?«

»Es hängt von Euch ab.«

»Muß es sein?«

»Die Försterin war Eure Herrin?«

»Ich diente schon bei ihrem Großvater.«

»Ihr seid ihr zugetan?«

»Sie ist eine brave Frau, und sie ist auf meinen Armen, unter meinen Augen groß geworden.«

»Sie ist eine unglückliche Frau!«

Er sah mich forschend an.

»Und ihr Unglück kommt von dem Tage her, da jener junge Mann erschossen wurde.«

»Herr!« unterbrach er mich erschrocken.

»Dem Ihr dahinten in dem Forst das Kreuz gesetzt habt.«

»Herr, wer hat Ihnen das gesagt?«

»Ist sie nicht seit jenem Tage die unglückliche Frau?«

»Ja, aber . . .« Er stockte.

»Ihr wollt sagen: aber sie ist nicht die Mörderin?«

»Herr Gott, wie kommen Sie auf den Gedanken?«

»Wenn sie es nun doch wäre? Wenn der wahre Mörder nicht der Wilddieb Sander wäre? Wenn er in dem Forsthause zu suchen wäre? Durch das Moor führt ein gerader Weg dahin. Man muß in einer halben Stunde hinkommen können. Wer könnte er sein? Ihr seid es nicht.«

»Nein«, sagte er wieder leise.

»War es der alte Förster?«

»Nein, nein!« rief er eifrig.

»Wer bleibt da noch übrig?«

Er sah in unbeschreiblicher Unruhe und Verwirrung vor sich nieder.

»Der Förster Wolf und seine Frau«, fuhr ich fort.

»Nein, nein, Herr, um Gottes willen, nein.«

»Christian Baumann. Ihr mußtet vorhin zuletzt der Wahrheit die Ehre geben, und darauf konntet Ihr mir ehrlich in die Augen sehen. Wie ist es jetzt?«

»Darf ich mich setzen, Herr?« bat der alte Mann. »Aber fragen Sie mich nicht mehr.«

»Setzt Euch. Ruht Euch aus. Und denkt unterdes darüber nach, warum ich Euch frage und Euch fragen muß. Ein anderer ist wegen jenes Mordes verurteilt. Und wenn er unschuldig verurteilt worden ist?«

Er hatte sich gesetzt. Aber er mußte wieder aufspringen. Er kämpfte mit sich und konnte keinen Entschluß fassen. Zuletzt hatte er sich doch entschieden. Er trat vor mich mit bleichem, aber heiterem Gesicht.

»Herr, fragen Sie mich nicht mehr. Sie erfahren kein Wort mehr von mir. Ich will es mit Gott abmachen. Mag kommen, was will.«

Er hatte seinen felsenfesten Entschluß ausgesprochen, man sah es ihm an. Und es war etwas Großes in diesem Entschluß des alten, an seinen Gott, an ein ewiges Leben, an Belohnung und an Strafe in jenem Leben glaubenden Mannes. Er wollte die Strafe auf sich nehmen, aber nicht zum Verräter werden.

An wem nicht? Den Verbrecher kannte er, darüber war kein Zweifel. Wen wollte er nicht verraten?

Es war aber nicht daran zu zweifeln, daß ich nichts mehr von ihm erfahren würde.

Ich brach seine Vernehmung ab.

Ich mußte weiter, nach dem Forsthause selbst. Es war ein saurer Weg für mich.

Der alte Mann erschrak, als er sah, wie mein Wagen die Richtung dahin einschlagen wollte.

»Herr, Herr, Sie wollen nach dem Forsthause? – Sie wollen, ich sehe es. Oh, die arme Frau! Wenn Sie wüßten, was sie gelitten hat, was sie leidet! Müssen Sie denn hin? Wegen des armen Erschossenen?«

»Ich muß«, sagte ich ihm. »Oder könntet Ihr mir etwas angeben, das mich auf einen anderen Weg führte?«

Er sah traurig vor sich hin. »Verfahren Sie gnädig mit der unglücklichen Frau!«

Der Mörder war in dem Forsthause zu finden. Sollte ich ihn finden? Wer war es?

Der Wagen fuhr ab.

Der alte Mann sah uns mit einem fast trostlosen Gesicht nach, als wenn nun alles vorbei wäre.

Wir mußten scharf um eine Ecke biegen. Ein Mensch floh in dem Augenblick schnell in das Buschwerk neben dem Weg.

»War das nicht der Förster Wolf?« fragte ich den Kutscher.

»Ich meine auch, ihn erkannt zu haben«, sagte der Kutscher. »Ja, ja, er war es gewiß.«

Was sollte ich jetzt tun? Der Förster war uns gefolgt. Er hatte in der Nähe gewartet, bis ich mit der Vernehmung des alten Mannes zu Ende sei. Er wollte ihn über diese aushorchen. Müßte ich ihn nicht daran hindern?

Nein! Ich mußte nun eilen, vor ihm im Forsthause anzukommen, seine Frau allein zu treffen. Ich war dann meiner Sache um so gewisser. Es war eine schreckliche Hoffnung, die in meinem Herzen zitterte, eine entsetzliche Gewißheit, der ich entgegenging.

Die Sonne warf ihre letzten Strahlen in die Zweige der hohen Eichen und dunklen Tannen, als ich an dem Forsthause ankam. Es war wieder einsam bei dem mitten im Walde gelegenen Hause, still und einsam, wie vor acht Tagen. Auf dem weichen Waldweg war der Wagen ohne Geräusch herangefahren. In dem Hause bewegte sich bei unserer Ankunft nichts. Man mußte uns nicht gehört haben.

Die Tür des Hauses war verschlossen. Bevor ich klopfte, ging ich um das Haus herum; vielleicht war jemand im Garten, vielleicht die blasse Frau selbst.

Im Garten war sie nicht. Aber als ich an einem offenen Fenster vorbeigehen wollte, hörte ich eine Stimme, einen leisen, flüsternden Ton, und eine Kinderstimme antwortete ihr.

Das Fenster war zu ebener Erde.

Ich hatte meinen Schritt angehalten. Ich mußte durch das Fenster sehen, und wenn es ein Verbrechen gewesen wäre.

Ich blickte in ihr Schlafgemach. Es standen zwei Betten darin; ein größeres, es war noch mit einer weißen Decke belegt; in einem kleineren lag ihr Kind, der schöne Knabe mit den langen, hellblonden Locken. Sie hatte ihn zu Bett gebracht und saß auf einem Schemel vor ihm. Die Mutter sagte ihm sein Abendgebet vor, das Kind sprach es nach. Dann ließ sie seine Händchen los und legte sie auf die Decke des Bettchens. Sie selbst blieb noch vor dem Bettchen sitzen, und sie legte die Hände vor ihr Gesicht. Ihr Haupt aber bewegte sich bald so sonderbar, und ich sah auch, warum. Sie schluchzte und suchte das Schluchzen zu unterdrücken, damit der Knabe nicht davon erwachen sollte, und doch konnte sie sich von dem Kinde nicht trennen. Ich meinte zu sehen, wie die Tränen durch die Finger rannen.

Ja, sie war eine arme, unglückliche Frau, die schwer und entsetzlich noch immer litt, und wenn sie jeden Abend so an dem Bettchen sitzen und weinen mußte – das Herz wollte mir brechen.

Wie war mir mein Amt in diesem Augenblick so schwer!

Ich kehrte leise von dem Fenster zurück und klopfte an die Haustür.

»Mein Mann ist nicht zu Hause«, sagte sie.

»Madame, ich wünsche zuerst nur mit Ihnen zu sprechen.«

Ich mußte mein Verhör mit ihr beginnen. Ich glaube, ich war bleich wie die Frau. Das Herz war mir schwer.

Mein Protokollführer war mir gefolgt.

»Madame«, hob ich an, »der Wilddieb Sander ist vorgestern gestorben.«

Sie hatte sich mir gegenüber gesetzt. Sie fuhr auf. Dann auf einmal holte sie tief Atem. War ihr durch die Nachricht eine Last vom Herzen genommen. Es konnte in mehr als einer Hinsicht so natürlich sein, antworten konnte sie mir gleichwohl nicht.

»Sie wissen, Madame«, fuhr ich fort, »er war als Mörder des Forsteleven Felsener verurteilt.«

»Ich weiß es«, sagte sie sehr leise.

»Er war verurteilt, obwohl er geleugnet hatte.«

»Ja.«

»Er hatte Ihren Vater verdächtigen wollen.«

»Oh, mein Herr, mein Vater war so unschuldig – er war der bravste Mensch.«

»Ich weiß es, Madame. Sander hat auch in seinem letzten Augenblick zwar noch immer den Mord von sich abgelehnt, aber nicht mehr Ihren Vater beschuldigt, sondern . . .«

Sie hing mit den Augen, die zu erlöschen drohten, an meinen Lippen.

»Madame, ehe ich weiter von ihm spreche, muß ich einige Fragen an Sie richten. Sie wurden in der früheren Untersuchung gegen Sander gar nicht vernommen?«

»Nein. Es muß nicht für notwendig gehalten worden sein.«

»Es wäre besser geschehen. Erhebliche Umstände wären dann aufgeklärt worden. Sie waren an dem Abend vor dem Morde mit Felsener im Gasthaus gewesen?«

»Mit ihm und auch mit meinem Vater und meinem jetzigen Mann.«

»Haben Sie damals mit ihm gesprochen?«

»Gewiß.«

»Auch mit ihm allein? Ohne Zeugen?«

Eine leise Röte zog über das blasse Gesicht. »Es ist möglich.«

»Können Sie mir mitteilen, was er Ihnen sagte?«

»Nach so langer Zeit!«

»Er hatte an dem Tage einen Brief von seiner Mutter erhalten?«

Sie wurde auf einmal glühend rot. »Ja«, konnte sie kaum antworten.

»Hat er über den Inhalt des Briefes mit Ihnen gesprochen?«

»Ja.«

»Können Sie mir den Inhalt wiederholen?«

Sie hatte sich gefaßt. Die Glut war aus ihrem Gesicht gewichen. Sie schien mir einen Mut, einen Entschluß anzuzeigen, der plötzlich in ihr gereift war.

»Herr Kriminaldirektor«, sagte sie, und auch der Ausdruck ihrer Stimme war entschieden geworden. »Der Brief betraf ein Geheimnis, zu dessen Veröffentlichung ich mich um so weniger berechtigt halte, als auch die Schreiberin, die arme Mutter des unglücklichen Felsener, unterdes gestorben ist.«

Eine leise Freude, ein kleiner Triumph über ihre Fassung und Entschiedenheit wollte in meinem Herzen auftauchen. Das Herz des Menschen muß manchmal den Beruf verleugnen.

Aber ich mußte fortfahren, ich mußte noch über den Brief Auskunft zu erhalten suchen.

»Wissen Sie, wo jener Brief geblieben ist?«

Es schien mit ihrer Fassung schon wieder vorbei zu sein. Die eine unschuldige Frage hatte sie ihr geraubt.

Was war das?

Aus ihrem Gesicht entwich der Rest der Röte. Sie hatte keine Antwort.

»Der Brief«, fuhr ich fort, »wurde weder bei der Leiche noch unter den Habseligkeiten Felseners gefunden.«

»Nein«, hauchte sie.

»Hatte Felsener ihn Ihnen gegeben?«

»Nein, nein!«

Sie rief es heftig, wie abwehrend.

Was war mit dem Briefe? Da lag ein Geheimnis vor, das ich bisher nicht geahnt hatte.

»Hatte Felsener Ihnen den Brief auch nicht gezeigt?«

»Nein«, sagte sie wieder bestimmt.

»Sie haben ihn auch später nicht gesehen?«

Sie antwortete wieder nicht, sie war wieder in einer peinlichen Unruhe.

Sie konnte nicht lügen, die unglückliche Frau. Sie konnte aber auch die Wahrheit nicht sagen.

Aber mußte sie denn die Wahrheit sagen? Sie war die Mörderin, oder ihr Mann war es. Das war ja mein eigener Verdacht, gerade das, was ich durch die neue Untersuchung ermitteln wollte. Konnte ich sie denn zwingen, Zeugnis gegen sich selbst, die Gattin, Zeugnis gegen den Gatten abzulegen? Ich hatte meiner Pflicht Genüge getan. Ich hatte sie nach Umständen gefragt, die nach allen Seiten ein Licht über das Verbrechen verbreiten konnten, auch für sie, auch für ihren Mann, die schon zum Gegenstande der früheren Untersuchung hätten gemacht werden sollen. Sie hatten in ihrem Resultat freilich nur den Verdacht gegen sie oder ihren Gatten fester begründet. Aber eben darum durfte ich nicht weiter in sie dringen. Jede fernere Frage konnte nun direkt auf ihre oder ihres Mannes Schuld gerichtet sein. Zu einem Zeugnis darüber durfte ich sie nicht zwingen. Den Beweis dafür mußte ich auf anderem Wege suchen: durch nochmalige Vernehmung des alten Baumann, wie leid auch der Mann mir tat, durch Befragung der Magd, die früher im Hause gedient hatte.

»Madame«, sagte ich, »ich verzichte auf fernere Fragen an Sie. Ich bedaure nur, daß ich Ihnen Ihr Leiden nicht abnehmen kann. Doch eine Bitte habe ich noch. Sollte einmal dieser Druck, der auf Ihnen lastet, zu schwer für Sie werden – die Stunde kann kommen mit der ganzen zwingenden Gewalt der Wahrheit und des Rechts, dann werden Sie in mir zwar den Richter, aber auch den Freund finden, der, soviel es in seinen Kräften steht, Sie trösten und aufrichten wird.«

Sie war zusammengebrochen und weinte laut. Ihr Gesicht hatte sie mit beiden Händen bedeckt. Sie riß die Hände von dem Gesicht fort und starrte mich an. Sie sprang auf, zu mir hin.

Sie wollte gestehen. Sie wollte mir alles sagen. Eine Angst ergriff mich.

Da wurde an die Tür der Stube geklopft.

»Herein!« rief mein Protokollführer, als kein anderer es tat.

Der alte Christian Baumann öffnete die Tür. Er sah bleich aus, aber ernst, fast feierlich. »Marianne, kann ich dich allein sprechen? – Darf ich, Herr?« fragte er mich.

»Ihr dürft.«

Die Frau verließ mit ihm das Zimmer.

Ich blieb. Es mußte etwas vorgefallen sein. Ich wollte wissen, was es war.

Schon nach wenigen Minuten kehrte die Frau allein zurück. Sie war bleich wie vorher, doch sie war gefaßt.

Sie schritt auf mich zu.

»Mein Herr, jene Stunde, von der Sie eben sprachen, ist schon gekommen. Auch ich hatte ihr seit Jahren mit so banger Sorge entgegengesehen. Daß sie einmal kommen müsse, konnte ich es mir verhehlen? Sie ist jetzt in ihrer ganzen Schwere da. Erfahren Sie von mir die Wahrheit. Der Wilddieb war nicht der Mörder. Mein Mann war es. Eine wilde Eifersucht auf den unglücklichen Felsener hatte schon lange an ihm gezehrt, um so heftiger, je leidenschaftlicher und dennoch je verschlossener er war. Am Abend des Mordes hatte er mich und Felsener belauscht. Wir hatten auf kurze Zeit den Ballsaal in Holzhausen verlassen und einen Gang durch den Garten gemacht. Felsener hatte mich darum gebeten. Er hatte nachmittags den Brief von seiner Mutter erhalten. Er wollte mir seinen Inhalt mitteilen. Sie hatte ihm ihre Einwilligung zu seiner Verbindung mit mir gegeben. Welch glückliche Minute war das! Ja, wir liebten uns. Und hinter uns stand der Verrat! Am andern Morgen wollten wir meinen Vater um seine Einwilligung bitten. Wir waren ihrer gewiß.

In der Nacht war Felsener eine Leiche.

Wie das Verbrechen verübt wurde? Mein Mann kannte einen geheimen, um mehr als die Hälfte kürzeren Weg, der durch das Erlenbruch nach der Försterei führte. Er hatte durch einen Zufall erfahren, daß der Wilddieb Sander an jenem Abend am Ende des Moors auf dem Anstand sein werde, und hatte Felsener einen Wink davon gegeben. Felsener ging hin. Mein Mann ging ihm nach, in Rock und Mütze und mit dem Gewehr meines Vaters, die unten in der Stube hingen. Er schlief unten im Hause und konnte sich durch sein Fenster entfernen. Durch das Moor kam er Felsener zuvor. Er überraschte den Wilddieb, nahm sein Gewehr und erschoß damit Felsener. Hätte er das Gewehr des Wilddiebes nicht bekommen, so war das meines Vaters zu der Tat bestimmt. Das Gewehr des Wilddiebes versenkte er im Moor. Auf dem kurzen Weg durchs Moor war er bald wieder zu Hause, durch sein Fenster, von dem Knecht unbemerkt, in seiner Stube.

Wie ich das Verbrechen erfahren habe? Mein argloses Herz hatte keine Ahnung gehabt, obwohl mein Mann schon bald nach unserer Verheiratung oft Augenblicke einer quälenden, unerklärlichen Angst hatte. Da gebar ich einen Knaben. Es war sein Kind, aber es trug die Züge des Ermordeten. Anfälle von Verzweiflung ergriffen ihn jetzt oft. Eines Tages sah ich in seinen Händen einen Brief, in den er hineinstarrte. Er wollte ihn vor mir verbergen. Dann sprang er auf. Nein! rief er, ich kann es nicht mehr ertragen. Hier, lies; kennst du diesen Brief? – Es war der Brief, den Felsener am Nachmittag vor seinem Tode von seiner Mutter erhalten hatte. Er hatte ihn auf seiner Brust getragen. Mein Mann hatte ihn gesucht und zu sich genommen, während er bei der Leiche wachte. In seiner wilden, über den Tod des Gegners hinausdauernden Eifersucht hatte er sich nicht von ihm trennen können. Eifersucht und Gewissensangst zwangen ihn unwiderstehlich, mir das Geständnis seiner entsetzlichen Tat abzulegen.

Wie ich seitdem gelitten habe! Er war mein Gatte; er war der Vater meines Kindes; er war ein Mörder, der Mörder meines Geliebten, meines Verlobten!

Und jetzt? Der alte Christian bringt mir soeben die Nachricht, daß der Unglückliche sich selbst den Tod gegeben habe, vor einer halben Stunde, nachdem er mit ihm gesprochen hatte.«

Sie war tief erschöpft.

Es war später Abend geworden.

Ich nahm still ihre Hand und führte sie in die Stube nebenan, in der ihr Knabe schlief und ihr Bett stand.

Sie sank vor dem Bettchen des Kindes in die Knie.

Ich verließ sie.

Das Verbrechen kann nur Unglück gebären. Warum am meisten für den Unschuldigen?



Das Herz im Recht

Ein alter und ein junger Herr saßen beisammen.

Sie verhandelten eine Sache, und der alte Herr wollte den jungen Herrn zu etwas bereden.

»Aber es ist gegen die Gesetze, was Sie von mir verlangen«, sagte der junge Herr.

»Aber es ist gegen das Recht, was Sie tun wollen«, sagte der alte Herr.

Der junge Herr war ein junger Staatsanwalt.

Der alte Herr war ein pensionierter Kriminalrichter.

Die Sache, die sie verhandelten, war folgende:

In der Stadt wohnte eine Frau von etwas zweideutigem Rufe. Sie unterhielt eine Weinwirtschaft, die meist von jungen Herren besucht wurde, deren Ruf auch nicht immer der beste war.

In ihrer Wirtschaft hatte sie stets hübsche Kellnerinnen. Diese zogen meistens die Gäste an. Das stand fest.

Etwas Weiteres war allerdings nicht bewiesen, und Wirtin und Wirtschaft standen nur im Rufe der Zweideutigkeit.

Die Wirtin war eine Zeit zu Verwandten in einen entfernten kleinen Ort gereist. Als sie zurückkehrte, brachte sie ein junges Mädchen von kaum siebzehn Jahren aus diesem Dorfe mit. Das Kind war ihre Nichte, eine arme Waise, bildhübsch, die Unschuld selbst, aber auch die Unerfahrenheit selbst. Sie mußte im Hause der Tante die Dienste einer Kellnerin verrichten, wie die anderen Kellnerinnen des Hauses.

Nach drei Wochen hatte sie heimlich ihre Tante verlassen. Sie hatte zugleich nicht nur ihre eigenen wenigen und wertlosen Sachen, sondern auch eine goldene Brosche und ein Paar goldene Ohrringe ihrer Tante mitgenommen, die diese ihr geliehen und künftig ihr zu schenken versprochen hatte, wenn sie sich fleißig zeige und die Gäste mit ihr zufrieden seien. Das Mädchen hatte die Sachen sofort bei einem Goldarbeiter, dem sie dieselben für ihr Eigentum ausgegeben, verkauft und hatte dann mit der nächsten Post nach ihrer Heimat zurückreisen wollen. Auf dem Wege zum Posthause wurde sie verhaftet. Die Tante hatte der Polizei Anzeige gemacht.

Die Polizei übergab sie der Staatsanwaltschaft.

Der Staatsanwalt sollte die Anklage wegen Hausdiebstahls gegen sie erheben.

Die Strafe, die sie zu erwarten hätte, wenn die Anklage erhoben wurde, war Zuchthaus, mindestens einjähriges Gefängnis.

Der junge Staatsanwalt wollte die Klage erheben.

Darüber verhandelte der alte Kriminalrat mit ihm. Der ehemalige Kriminalbeamte wollte den gegenwärtigen bereden, die Klage nicht anzustellen. Dieser meinte, er handle dann gegen die Gesetze; jener erwiderte ihm, er verletze das Recht.

»Die Gesetze enthalten das Recht, sind das Recht«, sagte der Staatsanwalt.

»Hm, nicht immer«, versetzte der Kriminalrat.

»Am Ende auch in diesem Falle nicht?«

»Unzweifelhaft auch in diesem Falle nicht! Analysieren wir ihn.«

»Das Mädchen – der Richter in ihrem Heimatorte, ein alter Universitätsfreund von mir, hat mir über sie geschrieben; er ist zugleich ihr Vormundschaftsrichter.

Er bittet mich, mich für sie zu verwenden; in dem ganzen Orte findet das Kind die lebhafteste Teilnahme, das innigste Bedauern, sie ist unschuldig, ehrlich, brav . . .«

»Und sie hat hier gestohlen!« unterbrach der Staatsanwalt den alten Rat.

»Sie ist eine arme, vater- und mutterlose Waise!«

»Macht das ihr Verbrechen weniger strafbar?«

»Die Tante ist eine schlechte Person.«

»Auch schlechte Personen stehen unter dem Schutze des Gesetzes.«

»Sie hat das Mädchen unter Vorspiegelungen hierhergelockt.«

»Das Mädchen war dadurch nicht zu einem Diebstahl berechtigt.«

»Das arme Kind entdeckte hier bald, in welchem Hause, in welcher Gesellschaft, in welchen Händen sie war, Sie war hier hilf- und schutzlos. Ihre Unschuld, ihre Ehre litten sie nicht mehr in dem Hause. Sie mußte es verlassen!«

»Aber sie durfte nicht vorher darin stehlen!«

»Sie kannte hier niemanden, sie hatte keinen Pfennig in ihrem Vermögen, um nach Hause zurückzukommen.«

»Sie konnte sich Geld borgen.«

»Von wem? Sie kannte hier niemanden, hören Sie!«

»Von der Polizei.«

»Um ihre Tante zu denunzieren?«

»Sie hätte dadurch zugleich einer sittlichen Pflicht Genüge geleistet.«

»Pah, junger Herr und Staatsanwalt!« sagte der alte Herr. »Aber gehen wir weiter. Die Tante, die das Mädchen betrogen hatte, hatte eine sogar gesetzliche Verpflichtung, sie, und zwar kostenfrei, in ihre Heimat zurückzuschicken.«

»Das hebt ihren Diebstahl nicht auf.«

»Die mitgenommenen Sachen waren ihr von der Tante zum Eigentum versprochen. Sie hatte treu und redlich gedient. Das Kind konnte sie schon als sein Eigentum betrachten.«

»Aber sie waren es noch nicht.«

»Bedenken Sie alle diese Umstände; versetzen Sie sich in die Lage des Kindes; denken Sie, Sie hätten in ähnlicher Lage eine Tochter.«

»Ich würde sie, wenn auch mit blutendem Herzen, der Staatsanwaltschaft und den Gerichten übergeben.«

»Hat denn das Recht kein Herz mehr?« rief der alte Kriminalbeamte.

»Das Recht ein Herz?« sagte verwundert der junge Kriminalbeamte.

»Sie verstehen das wohl nicht?«

»Nein.«

»Ah, darf ich Ihnen eine kleine Geschichte erzählen? Sie ist aus der alten Zeit des Rechts. Damals hatte das Recht noch ein Herz.«

»Ich bitte um Ihre Erzählung.«

Der Kriminalrat erzählte: »Es ist schon dreißig Jahre her, auch wohl länger – wir waren damals noch schwedisch. Ja, mein Herr Staatsanwalt, das deutsche Land ist von allerlei Leuten beherrscht worden, und es ist noch so. Nun, zu jener schwedischen Zeit hatten wir hier noch keine französischen Staatsanwälte – nehmen Sie mir das Wort nicht übel; Sie sind zwar ein braver deutscher Mann und dienen auch einer deutschen Regierung, der wir, Gott sei Dank, jetzt wieder angehören, aber dieses Staatsanwaltwesen nach französischem Muster gefällt mir nicht.

Zu jener Zeit also wohnte hier in der Stadt, hinten an der Mauer, nicht weit vom Bollwerk, ein Schiffszimmergesell namens Bergmann.

Der Mann hatte eine Frau und fünf Kinder. Es ging den Leuten eben nicht zum besten.

Die Frau war keine gute Wirtin und lief lieber in der Nachbarschaft herum und wußte mehr in anderen Häusern Bescheid als in ihrem eigenen; und der Mann konnte mit keinem Menschen Frieden halten und zankte sich entweder mit seinem Mitgesellen oder seinem Meister herum.

So mußte er bald den einen, bald den anderen Dienst verlassen, und die Folge war, daß oft genug die Kinder kein Brot im Hause hatten und andere Leute, die von ihrer Not erfuhren, sich ihrer annehmen mußten, wenn sie nicht verhungern sollten.

Die Kinder, sage ich. Der Mann, wenn er keine Arbeit hatte, trieb sich in den Wirtshäusern herum, für die ein liederlicher Mann immer ein paar Groschen aufzutreiben weiß; die Frau fand eine Tasse Kaffee und ein Stück Brot bei den alten Weibern, denen sie Neuigkeiten zutrug.

Einstmals hatte der Mann wieder Arbeit. Der Schiffsbaumeister Krause hatte ihn in seinen Dienst genommen.

Dieser Krause war ein reicher Mann, aber auch ein Mann, der sich auf seinen Reichtum etwas einbildete; er war als hochmütig verschrien; dabei war er ein kurz angebundener und derber, roher Gesell, der namentlich mit seinen Arbeitern nicht viele Umstände machte, bei der geringsten Veranlassung rechts und links mit Schlägen um sich warf und, wenn die nicht halfen, die Leute aus dem Dienst jagte.

Dafür verdienten seine Arbeiter aber auch ein gutes Stück Geld bei ihm.

Der Arbeiter Bergmann war schon ein ganzes Jahr bei ihm gewesen. Der hohe Verdienst hatte ihn gehalten; die Derbheit und Roheit seines Herrn hatten ihm auch wohl imponiert.

Er hatte in der ganzen Zeit mit keinem Menschen Streit angefangen.

Das mochte wieder andererseits seiner Frau imponiert haben; sie nahm sich wenigstens etwas mehr der Wirtschaft an; dazu kam, daß ihre älteste Tochter unterdes herangewachsen war und ihr helfen konnte.

So war es inzwischen wenigstens einigermaßen besser geworden. Viel Geld war darum zwar im Hause noch immer nicht, aber die Kinder brauchten doch nicht mehr zu hungern.

Freilich, am Samstagabend, wenn der Vater seinen Wochenlohn nach Hause brachte, mußten sie jedesmal sehr und manchmal mit Schmerzen warten.

Da wurde ihnen an einem Samstagabend der Vater, anstatt daß er ihnen Geld nach Hause brachte, von fremden Leuten halb tot ins Haus getragen.

Zwei Arbeiter, die spät aus dem Wirtshause gekommen und am Bollwerk entlanggegangen waren, hatten ihn im Wege liegend gefunden, mit dem Kopfe in einer Regenpfütze, aus der nur eben das Gesicht hervorgesehen hatte; der übrige Körper hatte quer über dem Weg gelegen, so daß sie beinahe über ihn gefallen wären. Sie hatten zuerst gemeint, es sei ein Toter; als sie den Körper aber noch warm fühlten, hatten sie ihn aufgehoben und erkannt, daß er nur ein Halbtoter sei. Er war mit Blut bedeckt; der Schädel war arg zerschlagen, ein Arm gebrochen. Die Personen, die ihn so mißhandelt und vielleicht gar hatten totschlagen wollen, hatten ihn wahrscheinlich auch für tot gehalten und deshalb mit dem Kopf in die Pfütze geworfen. Die beiden Arbeiter, die ihn fanden, hatten ihn erkannt und in sein Haus getragen.

Der Jammer war hier groß, auch das Unglück. Die Frau verlor den Kopf. Die Tochter lief zu einem Arzt. Der Arzt erklärte die Verletzung für lebensgefährlich und gab wenig Hoffnung; unter allen Umständen könne der Patient die notwendige Behandlung und Pflege nur im Spital erhalten. Dahin wurde er noch an demselben Abend geschafft.

Vorher kam er zur Besinnung und konnte seiner Frau mitteilen, was mit ihm geschehen war.

Er hatte am Abend, beim Ablöhnen für die Woche, Streit mit seinem Herrn bekommen. Der Herr hatte ihm einen Vorwurf über seine Arbeit gemacht, mit Unrecht, wie er behauptete. Er hatte dem Herrn Widerworte gegeben, heftige, grobe, wie er selbst zugestand. Der Herr hatte ihn auf der Stelle aus dem Dienst gejagt. In seinem Zorn, Ärger und Verdruß war er in das Wirtshaus gegangen.

Dahin kamen auch bald zwei seiner bisherigen Mitgesellen. Sie fingen Streit mit ihm an; er beschimpfte sie und ihren Herrn.

Sie waren vor ihm fortgegangen. Als darauf auch er das Wirtshaus verlassen hatte, um nach Hause zu gehen, war er unterwegs von den beiden Gesellen überfallen worden. Sie hatten mit dicken Knitteln wie blind auf ihn eingehauen. ›Das ist für dein Schimpfen, du wirst nicht wieder ehrliche Leute zu Schelmen machen!‹ hatten sie dabei gerufen. Er hatte sich nicht wehren, kaum Hilfe rufen können und hatte bald die Besinnung verloren.

Die Stelle, an der dies geschehen war, war am Abend einsam. Die beiden Gesellen hatten ihm dort aufgelauert. Ob sie ihn hatten zu Tode schlagen wollen, war allerdings sehr zweifelhaft. Er behauptete es. Der reiche, hochmütige Schiffsbauer habe sie dazu gedungen, behauptete er dabei.

Der erste Gang der Frau am andern Morgen war zum Hospital, um zu sehen, ob ihr Mann noch lebte. Er lebte noch, aber es stand sehr schlecht mit ihm.

Ihr zweiter Gang war zum Polizeiherrn der Stadt.

Die Stadt, Herr Staatsanwalt, hatte damals auch ihre eigene Justiz, ihre Stadtpolizei, ihr Stadtgericht, wie es hieß. Von der Staatsregierung von Stockholm schickte man ihr damals keine Staatsanwälte und keine anderen Staatsbeamten für ihre eigenen Angelegenheiten. Der Magistrat der Stadt, frei von ihr gewählt, verwaltete alle Angelegenheiten der Stadt. Ein Stadtrat war Stadtrichter, ein anderer Polizeiherr.

Polizeiherr war damals der Senator Schwarz. Er, war ein kleiner, runder Mann, Schwarzing nannten ihn daher die Leute. Und den Namen hatte und behielt er, obwohl er ein strenger Mann war, nicht viele Worte machte und nicht gern viele Worte anhörte, die Leute barsch anfuhr und nicht mehr tat, als er gerade mußte. Manche behaupteten, er tue auch das, was er tun müsse, nicht einmal immer, auf keinen Fall gern. Freilich war er kein junger Mann mehr, und das Alter ist gern bequem.

Zu dem Manne ging die Frau gleich vom Hospital. Sie wurde vorgelassen, obwohl es Sonntagmorgen war. Sehr freundlich empfing er sie aber eben nicht.

›Was hast du?‹

›Herr Senator, sie haben mir gestern meinen Mann totgeschlagen.‹

›Oho, Frau, tot? – Davon hätte ich hören müssen.‹

›Er lebt zwar noch . . .‹

›Ist also noch nicht tot. Gehe mir nicht wieder mit der Wahrheit durch. Hörst du?‹

Zu der Gesellenfrau sagte der strenge Ratsherr du; zu einer Meistersfrau hätte er Sie gesagt; das Sie kam damals aus dem Munde eines Ratsherrn an wenig Leute.«

Der Staatsanwalt hatte auch eine Bemerkung. »Es waren damals patriarchalische Zustände«, sagte er etwas spöttisch.

Er hätte seinen Spott besser für sich behalten.

»Hm, ja«, erwiderte der alte Kriminalrichter, »und patriarchalischen Firlefanz will man jetzt wiederherstellen. Indessen, lassen Sie mich fortfahren.

›Nun‹, fragte der Senator dann die Frau, ›wer hat deinen Mann so totgeschlagen, daß er noch lebt?‹

›Die beiden Brüder Nolten.‹

›Erzähle. Aber mach es kurz. Es ist Sonntag. Ich muß zur Kirche.‹

Die Behörden der Stadt gingen damals des Sonntags zur Kirche wie andere ordentliche und fromme Staatsbürger.

Die Frau erzählte. Kurz vielleicht wohl nicht. Er hörte sie wohl auch nicht mit großer Geduld an. Aber er erfuhr genug von ihr. Anderes mochte er auch schon wissen.

›Du kannst gehen‹, sagte er, als sie zu Ende war.

›Und die beiden Noltens und der reiche Krause, der sie gedungen hat?‹ fragte die Frau.

›Das ist meine Sache, Frau‹, sagte der Ratsherr.

›Ja, ja, Herr Senator, aber Sie werden die Mörder doch einsperren und vor Gericht ziehen lassen, damit sie ins Zuchthaus kommen?‹

Der Senator war, wie gesagt, ein strenger, er war aber auch ein bequemer Herr. In diesem Augenblicke mochte die Bequemlichkeit überwiegen. Er wollte die Frau los sein – er wollte ja, wie ein ordentlicher Beamter der Stadt, zur Kirche. Da durfte er sich in einen Streit mit der Frau nicht einlassen; geradezu aus dem Hause mochte er die Frau nicht werfen, deren Mann und Ernährer lebensgefährlich mißhandelt war; mit Güte kam er am besten fort. Er dachte auch wohl an etwas anderes, wie er ja schon anderes zu wissen schien.

›Höre, Frau‹, sagte er, ›solange dein Mann lebt, sind die Leute keine eigentlichen Mörder. Wir warten daher besser mit der Anklage und dem Arretieren, bis er tot ist. Dann sind sie richtige Mörder, und dann werden wir sie schon fassen. Gehe du jetzt nach Hause, und sowie dein Mann tot ist, komme wieder und mache mir die Anzeige.‹

Die Frau wollte noch etwas dagegenreden.

Er machte ihr sein strengstes Gesicht.

›Ich muß zur Kirche. Geh!‹

Sie ging.

Hm, Herr Staatsanwalt«, unterbrach der alte Kriminalrat seine Erzählung, denn er war noch lange nicht fertig, »hm, das könnte jetzt wohl nicht passieren.«

»Es wäre geradezu unmöglich«, sagte der junge Staatsanwalt. »Es wäre schnurstracks gegen die Gesetze.«

»Das war es, strenge genommen, auch schon damals.«

»Und doch wollen Sie es verteidigen?«

»Ich weiß das noch nicht. Sie selbst sollen später darüber urteilen. Ich bemerke jetzt nur, daß ich von einem Unterschiede zwischen Gesetz und Recht sprach. Indessen, um auf die volle Unmöglichkeit für die gegenwärtige Zeit zurückzukommen, welche Sie erwähnten, so erlaube ich mir doch, Sie daran zu erinnern, wie Sie vor noch wenigen Monaten den adligen Gutsbesitzer nicht anklagten, der einen Tischler seines Dorfes, welcher die Bezahlung einer Rechnung von dem gnädigen Herrn verlangte, einsperren und dann durch seine Hände vom Hofe jagen ließ, daß der arme Mensch sechs Wochen lang wahrhaftig vom Tode nicht weit entfernt war.«

»Herr Kriminalrat«, erwiderte darauf der Staatsanwalt mit großer Wichtigkeit, »die Tatsache ist vollkommen richtig; Sie haben nur vergessen zu erwähnen, daß ich durch einen ausdrücklichen Befehl des Justizministers verhindert wurde, die Anklage zu erheben. Der Herr Justizminister nahm die Verantwortlichkeit auf sich; da konnte ich nicht weiter für die Sache aufkommen.«

»Hm, hm«, meinte der alte Kriminalrat, »also der Justizminister kann jetzt die Gesetze aufheben und hat wohl das Recht dazu.«

Der Staatsanwalt zuckte die Achseln.

»Nach der Verfassung! Die Kammern können ihn ja in Anklagezustand versetzen.«

»Herr Staatsanwalt!« sagte der pensionierte Beamte.

»Herr Kriminalrat?«

»Hole die Verfassung der Teufel. Da lobe ich mir doch die gute alte Zeit und den Ratsherrn Schwarz oder Schwarzing, wie sein Diminutivum im Munde des Volkes hieß, mit seiner Bequemlichkeit, seiner Eigenmacht und seiner . . . Aber lassen Sie mich fortfahren. Die Eigenmacht des braven Mannes müssen Sie erst noch kennenlernen. Also . . .«

»Herr Kriminalrat«, unterbrach ihn der Staatsanwalt, »bevor Sie fortfahren, eine Bitte.«

»Und welche?«

»Äußern Sie sich nicht wieder so wegwerfend über unsere Verfassung.«

»Potzwetter, Sie müßten sonst wohl gar mich anklagen?«

»Schmähungen der Gesetze sind allerdings im neuen Strafgesetzbuch verboten.«

»Alle Heiligen, und da würde Ihr Herr Justizminister die Anklage gegen mich nicht verhindern. Aber beruhigen Sie sich. Ich werde mich zusammennehmen.

Also der Ratsherr war zur Kirche und die Frau war nach Hause gegangen. Und der Ratsherr kehrte nach der Kirche wohl zu seinem Hause zurück, um sich zu Mittag den Sonntagsbraten in der Sonntagsruhe wohlschmecken zu lassen. Und die Frau und ihre Kinder hatten des Mittags viele Tränen und ein wenig trockenes Brot, freilich mit dem Salz ihrer Tränen dabei, und das hatten sie noch lange Zeit.

Aber zu dem Ratsherrn kam sie lange Zeit nicht wieder.

Ihr Mann war im Spital nicht gestorben. Er war vielmehr geheilt, und eines Tages kehrte er frisch und gesund und kräftig aus der Heilanstalt nach Hause zurück. Freilich war mehr als ein Vierteljahr darüber vergangen.

Er konnte wieder arbeiten; und er fand auch wieder Arbeit. – Bei einem andern Bauherrn als dem Herrn Krause.

Aber was sollte nun mit dem reichen Herrn Krause und den Brüdern Nolten werden, die unzweifelhaft von dem ersteren, wenn auch nicht geradezu gedungen, doch zu ihrer Tat aufgehetzt waren?

›Wenn dein Mann tot ist, dann komm wieder‹, hatte der Rats- und Polizeiherr zu der Frau gesagt, ›dann werden wir sie schon fassen.‹

Ihr Mann war nicht gestorben, nicht tot; er war vielmehr frisch und gesund wie je, noch besser sogar, denn infolge seiner Behandlung und Lebensweise im Spital hatte seine ganze Natur sich geändert, und wie er ein friedfertiger Mensch geworden war, hatte er zugleich einen entschiedenen Widerwillen gegen den Branntwein bekommen.

Das alles konnte aber nicht verhindern, daß die Verbrecher zu ihrer wohlverdienten Strafe gezogen wurden; denn ein Verbrechen lag doch einmal vor. So meinte die Frau.

Und sie ging wieder zu dem Ratsherrn.

›Guten Morgen, Herr Senator.‹

›Was willst du?‹

›Herr Senator; was soll es nun mit dem Herrn Krause und den beiden Nolten werden?‹

›Ist dein Mann tot?‹

›Nein, Herr Senator, er ist wieder gesund geworden.‹

›Und kann er wieder arbeiten?‹

›Ja, Herr Senator.‹

Da fuhr der Ratsherr auf: ›Weib, was willst du mehr? Danke Gott, daß du deinen Mann gesund wiederhast, daß er wieder arbeiten kann und daß ihr wieder Brot im Hause habt. Geh, ich habe mehr zu tun.‹

Die Frau stand wie erstarrt.

›Aber, Herr Senator, sie hatten doch meinen Mann halbtot geschlagen, und ganz totschlagen haben sie ihn wollen.‹

›Geh, sagte ich dir‹, wiederholte der Ratsherr.

›Da beschwere ich mich.‹

›Unterstehe dich!‹

›Es muß doch Recht im Lande geben.‹

Der kurz angebundene Ratsherr war schon aufgestanden, um sie beim Arme zu nehmen und ihr die Tür zu zeigen.

Sie kam ihm zuvor. Aber in der Tür mußte sie doch noch zurückrufen: ›Ja, ja, der Krause ist ein reicher Mann, und wir sind arme Leute.‹

›Das Donnerwetter soll dich, Weib!‹

Aber sie war schon fort, und der Ratsherr war viel zu bequem, ihr nachzueilen. Er hielt auch wohl zuviel auf sich.

Höheren Orts Beschwerde führen konnte die Frau nicht. ›Unterstehe dich!‹ hatte der Ratsherr ihr drohend zugerufen, und sie wußte, was das zu bedeuten hatte. Sie mußte aber doch noch einen Versuch machen.

Sie ging zu dem Stadtrichter.

›Herr Stadtrichter, vor einem Vierteljahre haben sie meinen Mann halbtot geschlagen.‹

Der Ratsherr und Stadtrichter war auch ein kleiner Mann, aber kein runder und kein bequemer, dagegen fleißig und human und gerecht und höflich gegen alle Leute, gegen hoch und gering.

›Ich weiß es, Frau Bergmann‹, sagte er. ›Und Ihr Mann ist ja auch gottlob wieder gesund geworden.‹

›Ja, Herr Stadtrichter, aber was soll nun mit den Verbrechern werden?‹

›Wieso, liebe Frau?‹

›Sie müssen doch ihre Strafe haben.‹

›Ja, da müssen Sie sich an den Polizeiherrn wenden.‹

›Von dem komme ich.‹

›Was hat er Ihnen gesagt?‹

›Ich solle Gott danken, daß ich meinen Mann wiederhätte.‹

›Er will also nicht anklagen?‹

›Nein.‹

Der Stadtrichter zuckte die Achseln. ›Da kann auch ich in der Sache nichts tun. Wo kein Kläger ist, da ist kein Richter, das ist ein altes Recht. Ich bin nur Richter.‹

›Aber dann klage ich selbst, Herr Stadtrichter.‹

›Sie, liebe Frau? Der Mann kann wohl für die Frau, die Frau kann aber nicht für den Mann klagen. Das ist das Recht in der ganzen Welt. Ja, wenn Ihr Mann gestorben wäre . . .‹

Damit hatte auch der Polizeiherr sie vertröstet.

Die Frau ging. ›Ich sehe, daß ich kein Recht bekommen‹, sagte sie. Aber sie sagte es nicht laut, sondern nur für sich; denn der Stadtrichter war ein höflicher Mann und hatte sie höflich behandelt.

Aber sie hatte recht, nicht wahr, Herr Staatsanwalt?« fragte der Kriminalrichter der alten Zeit den Kriminalbeamten der neuen Zeit.

»Ich hoffe, Sie zweifeln selbst nicht daran«, erwiderte der Staatsanwalt.

»Wir werden sehen, denn meine Geschichte ist noch nicht zu Ende. Lassen Sie mich weitererzählen.

Ein paar Tage später ließ der Ratsherr Schwarz den Zimmergesellen Bergmann zu sich kommen. ›Du heißest Bergmann?‹

›Christian Bergmann, Herr Senator.‹

›Du warst früher in Arbeit bei dem Schiffsbaumeister Krause?‹

›Ja, Herr Senator, und ich bin aus dem Dienste gekommen, weil . . .‹

›Schweig und antworte mir nur auf meine Fragen! Du hattest ihm Bauholz gestohlen!‹

›Ich? Herr Senator!‹

›Du hattest es verkauft, um dafür in die Wirtshäuser laufen und faulenzen zu können?‹

›Herr Senator!‹

›Lege dich nicht aufs Lügen, Mensch!‹

Der Ratsherr sah den Mann mit seinem strengsten Gesichte und seinen durchdringendsten Augen an, denn er hatte in seinem strengen Gesichte sehr durchdringende Augen.

›Herr Senator‹, stotterte der Zimmergeselle.

›Was?‹

›Machen Sie mich nicht unglücklich. Ich habe wieder einen so guten Dienst. Ich bin im Hospital ein anderer Mensch geworden, und es soll in meinem Leben nicht wieder geschehen.‹

›Das hoffe ich‹, sagte der Senator. ›Sonst würdest du mich anders kennenlernen. Du kannst gehen.‹

›Die Sache soll also tot bleiben, Herr Senator?‹

›Geh!‹

Der Mann ging mit leichtem Herzen, und das war auch schnurstracks gegen die Gesetze, Herr Staatsanwalt.«

»Hm!« sagte diesmal der Staatsanwalt, und er setzte nichts hinzu.

»Aber lassen Sie mich weiter fortfahren«, sagte der Kriminalrat. »Wieder einige Tage später – denn der bequeme, dicke Herr liebte nicht viele Arbeit auf einmal – ließ der Ratsherr Schwarz den Sohn des Herrn Krause zu sich kommen.

Der reiche Herr Krause, hatte einen Sohn, der ungefähr drei- oder vierundzwanzig Jahre alt war, künftig das große Geschäft seines Vaters übernehmen und schon jetzt darin arbeiten sollte. Die Zukunft ist in Gottes Hand. Die Gegenwart aber hat der Mensch in seiner eigenen. Der junge Karl Krause war ein hübscher, kecker Mensch, der gern in lustiger Gesellschaft war, und ein junger Mensch, der wußte, daß er einen reichen Vater hatte und daß sein reicher Vater in den hübschen und lebhaften Sohn vernarrt war und daß er also mit ihm machen konnte, was er wollte, freilich keine dummen Streiche. Er arbeitete nicht, weder im Kontor noch auf den Bauplätzen seines Vaters, sondern trieb sich mit seinen lustigen Freunden herum, wo es ein Vergnügen gab, hielt sich schöne Pferde, ritt spazieren, erholte sich von der Strapaze im Austernkeller; tanzte auf den Bällen bis in den hellen Morgen, schlief bis in den hellen Mittag hinein und stärkte sich dann wieder bei Wein und Austern. Er verschmähte natürlich auch andere Vergnügungen nicht.

Ihn hatte der Polizeiherr zu sich kommen lassen.

›Was wünschen Sie von mir, Herr Senator?‹

›Wünschen, junger Mensch? Höre und merke es dir, wenn ich jemanden . . .‹

›Herr Senator, dürfte ich nicht bitten, mich Sie zu nennen?‹

Der Ratsherr fuhr auf. Er fuhr leicht auf.

›Was, Bursche!‹

Aber er mäßigte sich. Er mußte hier seinen Grund dazu haben. ›Höre, Junge, ich habe dich als kleines Kind gekannt und immer du zu dir gesagt, und so werde ich auch jetzt tun. Und nun höre mich!‹

Der junge Herr hatte keine Einwendung mehr.

Der Ratsherr fuhr fort: ›Wie alt bist du jetzt?‹

›Ich werde nächstens vierundzwanzig Jahre alt.‹

›Soso? In den vierundzwanzig Jahren deines Lebens hast du noch sehr wenig getan – ich meine Gutes.‹

›Ich bin noch nie in die Hände der Polizei gefallen, Herr Senator.‹

›Ei, mein Junge, du bist keck. Aber du hättest hundertmal hineinfallen können, wenn wir nicht hundertmal die Augen gegen dich zugedrückt hätten. Wenn ich nun das nicht mehr täte?‹

›Sie können mich nur mit Geld strafen, Herr Senator.‹

›Auch anders, mein Bursche. Und höre, wenn du mir das Mädchen verführst, so schaffe ich dich ins Zuchthaus – in das Zuchthaus! Hast du mich verstanden?‹

Der junge Mann wurde blaß und rot. ›Welches Mädchen, Herr Senator?‹

›Verstelle dich nicht, du weißt es wohl, die Anna Bergmann.‹

Der junge Mann blieb verlegen. Mit seiner Keckheit war es auf einmal vorbei. ›Was wüßten Sie von dem Mädchen, Herr Senator?‹

›Daß sie eine brave Person ist, der du leichtsinniger Bursche die Ehe versprochen hast. Ist es so?‹

›Es ist so.‹

›Und die du hoffentlich nicht verführen wirst?‹

›Nein, nein, Herr Ratsherr!« rief der junge Mann eifrig.

›Wolltest du sie denn wirklich heiraten?‹

›Wenn ich dürfte, gewiß.‹

›Siehst du, welch ein leichtsinniger Gesell du bist? Wer verspricht einem Mädchen die Ehe, das er nicht heiraten darf?‹

Der junge Mann hatte keine Antwort.

›Und warum darfst du sie nicht heiraten?‹

›Mein Vater will es nicht, weil sie nichts hat und eine Gesellentochter ist.‹

›Du sollst ein reiches Mädchen nehmen, welches dir ebenbürtig ist – das ist ganz vernünftig von deinem Vater.‹

›So sagt er auch.‹

›Und wenn er das nicht sagte, so möchtest du die Anna zur Frau haben?‹

›Ich heirate sie auf der Stelle.‹

›Und würdest ein ordentlicher Mensch?‹

›Herr Senator, viel getaugt und viel getan habe ich bis jetzt nicht, wenn ich auch gottlob keinen einzigen schlechten Streich gemacht habe. Aber wenn die Anna meine Frau wäre, dann würde ich der ordentlichste Mensch von der Welt werden. An dem Mädchen hängt mein Herz.‹

»Warum sagst du das deinem Vater nicht?‹

›Ich habe es ihm gesagt, er will mir nicht glauben.‹

›Er muß seinen Grund dazu haben. Ich aber rate dir noch einmal, verführe mir das Mädchen nicht. Den Leuten ist schon genug Leid von eurem Hause widerfahren. Du kannst gehen!‹

Den Tag darauf ließ der strenge Polizeiherr das junge Mädchen zu sich kommen, von dem er mit dem jungen Manne gesprochen hatte.

Sie war ein bildhübsches Kind von siebzehn Jahren, bescheiden, schüchtern, bei jedem Worte über und über rot werdend.

Zu dem Ratsherrn trat sie mit blassem Gesichte ein. Sie redete nicht und konnte sich nicht denken, was er von ihr wolle, und er empfing sie mit seinem strengen Gesichte.

›Wie hast du den jungen Krause kennengelernt?‹

An die Frage hatte sie wohl am wenigsten gedacht; sie konnte keine Silbe antworten.

›Nun, kannst du nicht sprechen?‹

›Was soll ich Ihnen sagen, Herr Ratsherr?‹

›Wo du den jungen Krause kennengelernt hast.‹

›Auf dem Schiffsbauplatze seines Vaters, Herr Ratsherr!‹

›Was hatte der träge Bursche auf dem Bauplatze zu tun?‹

›Ich weiß es nicht.‹

›Und was hattest du da zu tun?‹

›Ich brachte meinem Vater das Essen.‹

›Und fingst nebenbei eine Liebschaft mit dem jungen Menschen an.‹

Sie konnte wieder nichts antworten.

›Und dein sauberer Vater machte den Kuppler zwischen euch beiden?‹

›Nein, nein, Herr Ratsherr‹, rief nun das Mädchen eifrig. ›Wir sahen uns nur heimlich, wenn mein Vater schon wieder bei der Arbeit war, auf der andern Seite des Holzes.‹

›Schöne Geschichten sind das! Und das erzählst du, als wenn es nichts wäre? Wie konntest du dich hinter deines und seines Vaters Rücken mit einem solchen Menschen einlassen?‹

Sie schwieg wieder.

›Mit einem solchen Müßiggänger?‹

Sie hatte auch darauf keine Antwort.

›Mit einem Bruder Lustig, einem Taugenichts, einem Mädchenjäger, der dich verführen will?‹

Das Mädchen wurde wieder eifrig, eifriger als vorher.

›Das ist nicht wahr!‹ rief sie.

›Was ist nicht wahr?‹

›Daß er ein Mädchenjäger ist und daß er . . .‹

›Nun?‹

›Und daß er mich verführen will.‹

›Und was will er denn?‹

›Er will mich heiraten.‹

›Potztausend! Und du möchtest ihn wohl auch heiraten?‹

›Wenn es anginge‹

›Das glaube ich. Ein armes Mädchen, das nichts hat und nichts ist, möchte gewiß den reichen und angesehenen jungen Herrn Krause gern zum Manne haben.‹

›Nein, nein, Herr Ratsherr.‹

›So? Und was wäre es? Du hast ihn wohl recht lieb?‹

›Wahrhaftig, und am liebsten wäre es mir, wenn er gar nichts hätte wie ich.‹

›Dafür wird er sich bedanken. – Aber wie lange dauert denn eure Liebschaft schon?‹

›Schon ein dreiviertel Jahr.‹

›Und wissen deine Eltern davon?‹

›Kein Sterbenswort. Ich wäre unglücklich, wenn sie es erführen.‹

›Warum?‹

Sie schwieg wieder.

Diesmal hatte der Ratsherr selbst eine Antwort für sie, und er zeigte, daß der städtische Polizeiherr wohl in den Herzen löblicher Bürgerschaft zu lesen wußte.

›Ich will es dir sagen. Weil der junge Mensch ein völliger Narr war, der meinte, er könne eine so arme Dirne, wie du bist, die Tochter eines der geringsten und schlechtesten Arbeiter seines Vaters, die ihrem Vater des Mittags das Essen auf den Bauplatz bringt, die könne er, der Sohn des reichen und hochmütigen Bauherrn, heiraten, und der nun vor seinen Vater hintrat und von ihm verlangte, er solle ihm die Einwilligung zu seinem törichten Vorhaben geben, und weil darauf der Haß seines Vaters gegen den deinigen folgte und weil du wohl wußtest, was deine Eltern und sonst andere Leute nicht wußten, wie vielen Anteil eure einfältige Liebschaft an dem Unglücke deines Vaters hatte. He, ist es so? Habe ich recht?‹

Das Mädchen konnte nur bitterlich weinen. Aber sie mußte doch den strengen Ratsherrn ansehen, und ihre Augen fragten ihn, warum er denn das alles ihr sage und was er dabei habe, daß er sie so quäle.

Er aber sagte ihr nur: ›Nun, du tust mir leid; du scheinst wirklich ein braves Mädchen zu sein! Aber bleibe das; das wollte ich dir sagen; darum ließ ich dich rufen. Laß dich nicht weiter mit dem jungen Menschen ein, damit es keinen Ärger gibt. Du kannst gehen.‹

Damit mußte auch sie gehen.

Der Ratsherr ließ endlich aber noch jemanden zu sich rufen; das war der Schiffsbauherr, Herr Krause.

Ich brauche Ihnen den reichen, stolzen und so hochmütigen Mann nicht näher zu schildern. In der Bürgerschaft galt sein Wort; wenn er auf seinem Bauplatze erschien, zitterte alles vor ihm.

So erschien er vor dem Ratsherrn, der freilich nicht vor ihm zitterte.

Der Polizeiherr war aber höflich gegen ihn. ›Setzen Sie sich, Herr Krause.‹

Einem der anderen einen Stuhl anzubieten, daran hatte er nicht im entferntesten gedacht.

Der Herr Krause setzte sich. ›Sie haben mich rufen lassen, Herr Senator.‹

›Ja, Herr Krause, ich wollte etwas mit Ihnen überlegen!‹

Der Herr Krause sah ihn ruhig fragend an.

›Sie gehören zu den gewichtigsten und ehrenwertesten Bürgern der Stadt, Herr Krause.‹

›Ich freue mich, das auch von Ihnen zu hören, Herr Senator.‹

›Ich erkenne das um so mehr an, Herr Krause, als Sie alles, was Sie sind, nur sich selbst zu verdanken haben.‹

›Ich habe mich heraufgearbeitet, Herr Senator.‹

›Nicht wahr, Sie fingen mit nichts an?‹

›Mit nichts als mit Fleiß und mit Ehrlichkeit, Herr Senator.‹

›Als armer und einfacher Zimmergesell?‹

›Hm, ja.‹

›Und als Gesell schon hatten Sie geheiratet, und Ihre Frau war die Tochter eines ebenso armen und einfachen Zimmergesellen?‹

›Hm, hm, ja!‹

›Aber sie war ehrlich und fleißig wie Sie, und der Herr segnete euren Fleiß und eure Tätigkeit?‹

›Das tat er, Herr Senator.‹

›Und Ihre Frau ist Ihnen noch immer lieb, obwohl ihr Vater nur ein armer Zimmergesell war?‹

›Gewiß, gewiß, Herr Senator. Ich war es ja auch nur.‹

Er sagte es eifrig. Aber auf einmal wurde er unruhig, als wenn er zuviel gesagt habe.

Der Ratsherr aber fuhr fort: ›Nun, das freut mich, Herr Krause. Wenn Eheleute sich liebhaben, das ist viel wert, besonders in Zeiten des Unglücks; sie tragen es dann miteinander.‹

Der Senator sprach dies so sonderbar, so Unglück weissagend; er sah den Herrn Krause so sonderbar dabei an.

Der reiche, stolze Bauherr wurde unruhiger, und seine Unruhe hatte einen anderen Grund, als daß er eben zuviel gesagt habe.

›Ja, ja‹, erwiderte er nur.

›Und‹, sagte der Ratsherr, ›das Unglück kann kommen wie der Dieb in der Nacht. Es pflegt auch so zu kommen.‹

Der Herr Krause antwortete nichts.

›Was hatten Sie doch vor einem Vierteljahr mit dem Bergmann, Herr Krause?‹ fragte der Ratsherr.

Der Bauherr erblaßte. Es war da, was seine Unruhe befürchtet hatte.

›Ich, Herr Senator?‹

›Ja, Sie!‹

›Der Mensch war schlecht in der Arbeit gewesen. Ich hielt ihm das vor. Anstatt Besserung zu versprechen, wurde er grob. Ich entließ ihn, und das war alles.‹

›Hm, das war wohl nicht alles. An demselben Abend wurde der Mann heimlich und hinterlistig überfallen, lebensgefährlich mißhandelt, für tot liegengelassen oder vielmehr absichtlich in eine Pfütze geworfen, damit er nichts mehr verraten könne. Nur durch ein Wunder ist er am Leben geblieben. Sie sagen nichts darauf, Herr Krause?‹

›Ich habe davon gehört, Herr Senator.‹

›Weiter nichts? Die beiden Menschen, die ihn überfielen, waren Ihre Arbeiter, Herr Krause.‹

›Ja.‹

›Und sie waren dazu – gedungen will ich nicht sagen, aber verführt, aufgehetzt, angestiftet.‹

Der Herr Krause mußte vor sich hin sehen.

›Und‹, fuhr der Ratsherr fort, ›ich habe die Burschen vorgehabt, bisher nur so für mich, und sie haben mir den genannt, der sie angestiftet habe, Sie seien es gewesen, Herr Krause.‹

Der Herr Krause sah wieder auf. ›Es ist schlechtes Volk, diese Nolten, Herr Senator, sie wollen sich mit meinem Namen decken.‹

›Und Sie haben sie doch noch in Ihrem Dienste?‹

›Ich wußte es nicht.‹

›Hm, hm, Herr Krause, so wüßte ich auch noch von all den Sachen, welche die Weiber der beiden Burschen von Ihnen und Ihrer armen Frau bekommen haben, damit sie schweigen sollten. – Soll ich Ihnen auch das sagen?‹

Dem Bauherrn lief der Schweiß von der Stirn.

Der Ratsherr fuhr fort: ›Wissen Sie, welche Strafe nach den Gesetzen einem solchen Verbrechen folgt?‹

›Ich kenne die Gesetze nicht, Herr Senator.‹

›Drei Jahre Zuchthaus, mindestens!‹

Der Herr Krause fuhr zusammen.

›Für die Täter wie für die Anstifter! Sie sind gleich strafbar.‹

Der Herr Krause hatte keine Erwiderung.

›Und die Frau hat schon geklagt.‹

Den Bauherrn litt es nicht mehr auf seinem Stuhle.

›Und ich kann die Klage nicht mehr zurückweisen; es tut mir leid. Einer der ehrenwertesten Bürger der Stadt ins Zuchthaus! Für alle Zeit ehrlos! Ausgeschlossen von aller Gemeinschaft mit ehrlichen Menschen! Mit ihm seine brave Familie beschimpft, die Frau, die Kinder!‹

›Herr Senator‹, fragte sehr niedergeschlagen der Herr Krause, ›ließe die Sache sich nicht in Güte abmachen?‹

›Ich wüßte nur ein Mittel!‹ antwortete der Ratsherr.

›Und welches?‹

›Lassen Sie Ihren Sohn die Tochter des Mannes heiraten!‹

Der reiche, stolze Bauherr fuhr noch einmal auf. ›Was? Das will das Gesindel?‹

›Das Gesindel will es nicht‹, erwiderte ruhig der Ratsherr. ›Aber ich will es. Die Eltern des Mädchens wissen von nichts. Das arme Mädchen hätte wohl schlimme Tage im Hause gehabt, wenn sie auch das gewußt hätten. Ich allein mache Ihnen den Vorschlag, Herr Krause, um Sie nicht im Zuchthaus zu sehen.‹

›Die Tochter des Zimmergesellen‹, rief der Bauherr.

›Sie waren ja selbst Zimmergesell, Herr Krause, und Ihre Frau?‹

›Herr Senator, gibt es kein anderes Mittel?‹

›Nein!‹

›Na, so mag der Junge sie nehmen.‹

›Geben Sie mir Ihre Hand darauf, Herr Krause?‹

›Hier, Herr Senator.‹

›Wir sind fertig, Herr Krause.‹

Damit war auch der Herr Krause entlassen, der gedemütigte, reiche und stolze Bauherr.

Die arme Anna Bergmann wurde darauf die Schwiegertochter des reichen Herrn Krause, und sie vertrug sich mit ihm und ihrer Schwiegermutter; und mit ihrem Mann lebt sie noch heute friedlich, und sie haben Kinder und Kindeskinder um sich.

Und ich bin jetzt mit meiner Erzählung zu Ende, Herr Staatsanwalt. Und die Moral von der Geschichte?«

Mit der Frage schloß der alte Kriminalrat.

Der Staatsanwalt hatte keine Antwort darauf. Er sah nachdenklich vor sich hin.

Der Kriminalrat aber sagte: »Ich will es Ihnen sagen, Herr Staatsanwalt. Die Moral von der Geschichte ist eben das, was ich Ihnen durch sie beweisen wollte. Gesetz und Recht sind zweierlei. Das Gesetz ist ein starrer, toter Buchstabe. Das Recht ist das Lebendige in jedem einzelnen Falle, in dem einen anders als in dem andern, wenn auch das Gesetz für beide das gleiche ausspricht und nur aussprechen kann. Das ist eben das Herz des Rechts. Das Herz hat aber nur der Mensch, nicht der Buchstabe. Daher schaden schlechte Gesetze nichts in den Händen braver Beamter; die besten Gesetze geben aber auch keinen Schutz, wenn schlechte Beamte sie handhaben.«

Nun glaubte der Staatsanwalt doch auch eine Moral von der Geschichte gefunden zu haben.

»Ah, Sie meinen, früher habe es bessere Beamte gegeben als jetzt?«

»Gott soll mich behüten!« sagte der Kriminalrat. »Im Gegenteil, ich hoffe gerade in diesem Augenblicke einem Beamten gegenüberzustehen, den ich so hoch stellen kann wie einen der besten der früheren Zeit. Meine Klientin, Herr Staatsanwalt?«

Der Staatsanwalt war doch auch wohl auf weitere Gedanken gekommen. »Was soll ich für sie tun?« fragte er.

»Ah, Sie wollen also etwas für sie tun?«

»Alles, was sich mit den Gesetzen vereinigen läßt.«

»Mit dem Rechte, Herr Staatsanwalt!«

»Und mit dem Gesetze, Herr Kriminalrat.«

»Meinetwegen auch. Lassen Sie uns nachsehen. Nach dem Gesetze hat das Mädchen einen Hausdiebstahl begangen?«

»Ja.«

»Der nur auf den Antrag der bestohlenen Hausherrin bestraft werden kann?«

»Freilich. Aber die Frau hat den Antrag gestellt.«

»Sie kann ihn jedoch zurücknehmen!«

»Aber Sie wissen, daß sie nicht will. Sie selbst haben ja den vergeblichen Versuch bei ihr gemacht.«

»Ich bin nur ein alter Tidevant, der bei solchen Weibern gar keine Autorität mehr hat. Aber machen Sie den Versuch, Ihnen wird es gelingen.«

»Ich? Meine Stelle gestattet mir das nicht. Ich bin nur Ankläger.«

»Ja«, sagte der alte Kriminalrat, »da haben wir wieder das Gesetz ohne das Herz. Junger Herr, fassen Sie sich einmal ein Herz, nur zum zehnten Teile, wie mein alter, braver Polizeiherr Schwarzing es getan hätte. Lassen Sie das Weib vorkommen, halten Sie ihr ihre Hartherzigkeit, ihren schlechten Ruf, ihren noch schlechteren Lebenswandel vor; machen Sie ihr einmal recht die Hölle heiß. Sie tun ein gutes und gerechtes Werk.«

Der Staatsanwalt sträubte sich nicht mehr.

»Ich werde den Versuch machen«, sagte er.

»Und Gott wird seinen Segen dazu geben.«

Und so geschah es.

Schon am folgenden Tage konnte der Kriminalrat das Mündel seines Freundes diesem zurückschicken.

Auch sie ist eine brave und glückliche Frau geworden. Was wäre aus ihr geworden, was hätte aus ihr werden müssen, wenn sie ins Zuchthaus gekommen wäre?



Die Hallbauerin

In dem früheren Fürstbistum Münster war, wie damals in fast allen deutschen Ländern, bis zu seiner Besitznahme durch Preußen im Jahre 1802 die Gerichtsbarkeit mit der Verwaltung verbunden. Der Richter hatte zugleich die Polizei, die Umlage und Erhebung der Steuern, Gewerke- und Gewerbesachen, kurz, fast alle jene Angelegenheiten zu besorgen, mit denen ein Land regiert zu werden pflegt. Indes regierte man freilich damals nicht den zehnten, vielleicht nicht den zwanzigsten Teil soviel wie heutzutage. Die Gerichte waren teils landesherrliche, teils adelige. Die letzteren, auf dem Lande die meisten, führten verschiedene Benennungen: die bedeutendsten hießen Haugerichte oder, wie im Münsterland der Name gebräuchlich war, Gogerichte. Der Richter, der sie verwaltete, hieß Gaugraf, Gograf, auch plattdeutsch Gogreve. Der münstersche Adel gehört wie zu dem ältesten, so auch zu dem reichsten und angesehensten Adel Deutschlands. Das Gogericht manches Freiherrn erstreckte sich über ein Gebiet von vielen tausend Einwohnern. Der Gograf, der ihm vorstand, der es verwaltete, war, zumal da er neben der Rechtspflege auch alle jene anderen obrigkeitlichen Funktionen und Rechte auszuüben hatte, ein angesehener Mann. Er verwaltete oder eigentlich regierte, namentlich da, wo der Gerichtsherr nicht zu Hause war, wie ein unumschränkter Herr. Manchmal auch, wenn der Gerichtsherr da war; denn der Gograf war fest, auf Lebenszeit, unter Genehmigung und Garantie des Landesherrn, des Fürstbischofs, angestellt. Er übte unmittelbar die Gewalt aus; er war ein wissenschaftlich gebildeter Mann. Der freiherrliche Gerichtsherr dagegen, der auf seinem Gute saß, hatte in der Regel, außer in den noblen Passionen, eben keine große Ausbildung erhalten und selten auch die Lust, sich um andere Angelegenheiten zu bekümmern, zumal um Beschwerden seiner Bauern und sonstigen Hintersassen über die Gografen. Dazu kam, daß im Laufe der Zeiten manche Gografschaft erblich geworden war. Der älteste oder sonst am nächsten befähigte Sohn des Gografen hatte studieren müssen, er war nach Beendigung seiner Studien dem Vater adjunktiert worden und trat nach dessen Tod ganz in das Amt ein. So waren Amt und Familie manchmal seit Jahrhunderten miteinander verwachsen. Man wußte gar nicht mehr, daß es jemals anders gewesen ist; man konnte sich nicht denken, daß es jemals anders werden könne.

Zu den bedeutendsten Gogerichten des Münsterlandes gehörte das zu Sanden. Ich glaube nicht, daß meine Leser den Ort in einer Geographie oder auf einer Landkarte noch antreffen werden; einen Grund wüßte ich ihnen wahrhaftig nicht dafür anzugeben, wenn sie ihn nicht eben in der nachfolgenden Tatsache finden wollen.

Vorstand des Gogerichts zu Sanden war in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts der Gograf Schirmer. Er war ein sehr strenger, aber auch ebenso gerechter Mann. Er war wegen seiner Strenge ebensosehr gefürchtet als wegen seiner Gerechtigkeit allgemein geachtet. Er konnte also unumschränkter Herr in der Gaugrafschaft, in »seinem Gogericht«, sein, und er war es; denn der Gerichtsherr war seit Menschengedenken nicht in der Heimat gewesen. Das Gericht gehörte einem Zweige der alten münsterschen freiherrlichen Familie von Droste an, der schon seit mehreren Generationen in Österreich lebte; der gegenwärtige Freiherr war österreichischer Gesandter in Neapel. Der Gograf Schirmer regierte in solcher Weise gleich einem absoluten Landesherrn. Aber es gab in dem ganzen Gogerichte keinen Menschen, der sich über irgendeinen unberechtigten Eingriff, über irgendeine Eigenmacht von seiner Seite beklagen konnte. Über Härte glaubte wohl mancher klagen zu können; aber wenn er seine Beschwerde einem Unparteiischen oder Unbefangenen vortrug, so wurde es diesem leicht, ihn zu überzeugen, daß der Gograf zwar nach der Strenge der Gesetze, aber auch nur nach dieser verfahren habe.

Der Gograf Schirmer gehörte zu denjenigen Beamten, die das Amt von ihren Vorfahren ererbt hatten. Sein Vater war Gograf zu Sanden gewesen, sein Großvater war es gewesen, sein Urgroßvater und so weiter, soweit die Archive des Gogerichts reichten. Er selbst sollte indes das Amt nicht vererben, er hatte keinen Sohn.

Er war verheiratet, ob glücklich oder nicht glücklich, das war eine wohl nicht zu lösende Frage. Er zählte schön einige dreißig Jahre, als er zur Ehe schritt. Früh seinem etwas kränklichen Vater adjunktiert, dann selbständiger Verwalter des Amtes, war er immer vollauf mit Geschäften beladen gewesen, und er hatte kaum Zeit gehabt, an das Heiraten zu denken. Auch keine rechte Gelegenheit, denn zu den freiherrlichen Töchtern, die in der Gegend lebten, durfte der freiherrliche Beamte seine Augen nicht erheben, und andere junge »Frauenzimmer« der Umgegend standen zu tief unter ihm. Damals hatte die Französische Revolution noch nicht nivelliert, und man hatte noch sehr strenge Begriffe und Urteile über Mißheiraten. Da hatte er zu einer Zeit eine Geschäftsreise nach Münster zu machen und dort mehrere Wochen sich aufhalten müssen. Seine Geschäfte betrafen Geldangelegenheiten seines Gerichtsherrn, des österreichischen Gesandten in Neapel. Sie brachten ihn mit den ersten Rentiers und Bankiers zusammen, und diese brachten ihn wieder in die ersten Gesellschaften Münsters, freilich nur in die bürgerlichen. Denn, wie gesagt, es fehlte noch das Nivellement der Französischen Revolution, und der münstersche Adel war äußerlich, auch durch seinen Umgang, auf das strengste kastenmäßig von den Bürgern geschieden. Selbst nur eine annähernde Vermischung beider Stände durch die höchsten Spitzen des einen und etwaige untere Sprossen des anderen wäre zu jener Zeit ebensowohl eine soziale als selbst politische Unmöglichkeit gewesen. In Münster konzentrierte sich damals mehr, als zu anderer Zeit der Adel des Landes. Es hatte dort der Fürstbischof seine Residenz. Die Fürstbischöfe Münsters waren gerade in jener Zeit österreichische Erzherzöge. Das alles hatte großen Reichtum und auch großen Aufwand nach Münster gezogen, nicht bloß in die adligen, auch in die bürgerlichen Kreise und Gesellschaften.

In diese bürgerlichen Gesellschaften der Hauptstadt des Landes wurde der Gograf Schirmer eingeführt. Er war ein sehr wohlgestalter Mann in der vollen Blüte und Kraft des männlichen Alters. Er wußte sich mit sicherer, selbst feiner Sitte zu benehmen. Den tüchtigen, gewandten Juristen und Geschäftsmann hatte der in der Umgegend von Sanden wohnende Adel oft zu Rat und Tat in Anspruch genommen. Er war bei solchen Gelegenheiten zu der adligen Tafel gezogen; selbst bei der gnädigen Frau zum Tee war er manchmal, wie man jetzt an den Höfen sagt, befohlen worden. Zu dem allen war er ein sehr wohlhabender, gar ein reicher Mann; seine Vorfahren waren nicht umsonst ein paar hundert Jahre lang Gografen zu Sanden gewesen.

Die jungen Damen der Gesellschaft – in der Hauptstadt hießen sie damals schon Damen – behandelten ihn begreiflicherweise mit großer Aufmerksamkeit. Unter ihnen zeichneten sich und zeichneten ihn besonders die Töchter eines reichen Bankiers aus, der zugleich den Titel eines hochfürstlichen Geheimrats führte. Thresette Lindemann war zwar nicht mehr ganz jung, sie zählte sechs- bis siebenundzwanzig Jahre. Aber sie war eine Schönheit, und sie hatte ihre Schönheit sehr zu konservieren gewußt. Es war ihr in ihren noch jüngeren Jahren viel der Hof gemacht von jungen Domherren in Münster und von jungen, namentlich preußischen Lieutenants in den Bädern von Pyrmont und Hofgeismar. Allein, ist es eine Schuld einer jungen und schönen Dame, wenn ihr der Hof gemacht wird? Und weiter wußte man zuletzt der schönen Dame nichts nachzusagen. Wohl aber war sie die Zierde, und zwar die liebenswürdigste Zierde, der Zirkel Münsters.

Der Gograf Schirmer konnte der Auszeichnung der ersten Dame des bürgerlichen Münsters nicht widerstehen. Er zeichnete bald auch sie aus. Nach einem halben Jahre war die schöne Thresette Lindemann Frau Gogräfin Schirmer.

Freilich hieß es einige Zeit nachher, der Geheime Rat Lindemann habe in der letzteren Zeit bedeutende Verluste gehabt, und er mußte sich sehr zurückziehen. Als er ein paar Jahre nachher starb, fand sich, daß er arm gestorben war; aber das war ein Unglück, für das die schöne Thresette Lindemann nicht konnte. Freilich ließ die Frau Gogräfin sich dadurch nicht abhalten, jeden Sommer in die Bäder zu gehen und jeden Winter ein paar Monate Gesellschaften, Konzerte und Maskenbälle in Münster mitzumachen; aber ihr Mann war ja ein reicher Mann, und seine Zinsen und sein Amtseinkommen wurden durch solche Reisen und Vergnügungen und den Putz und anderen Aufwand, den sie erforderten, noch lange nicht aufgezehrt. Zwar war auch die junge Frau in den Bädern wie in Münster immer von einem großen Schwärm von Anbetern umgeben, und im Frühjahr und im Herbste kamen, anfangs nach und nach, später regelmäßig, Husarenlieutnants und Domherren nach Sanden geritten und gefahren, bloß um der Frau Gogräfin ihre Verehrung zu bezeigen und ihr die Zeit des einsamen Landlebens zu verkürzen. Allein, ist es denn etwas Unnatürliches, oder muß man gerade etwas Schlimmes dabei denken oder sofort Vorwürfe bei der Hand haben, wenn eine junge, schöne und liebenswürdige Frau jung, schön und liebenswürdig gefunden wird? Blieb sie dieses alles doch auch für ihren Mann. Und im übrigen war der Gograf weder durch die Reisen noch durch die Besuche viel geniert; denn daß er seinen Geschäften sich entziehe, verlangte seine Frau durchaus nicht. Und der Geschäfte hatte er eine solche Menge, daß er vom Morgen bis zum Abend hinlänglich damit zu tun hatte, und er nahm sich ihrer mit einem solchen Eifer an, daß man meinen konnte, er habe für nichts anderes Sinn mehr als für seine Geschäfte, und daß er zuletzt in der Tat für nichts anderes Sinn mehr hatte.

So führten die beiden Eheleute nicht nur ein recht regelmäßiges, sondern auch für beide Teile recht angenehmes und jedenfalls durchaus friedliches Leben miteinander. Und dieses Leben beschränkte sich nicht etwa auf die erste Zeit ihrer Ehe, solange die Frau Gogräfin noch eine junge Frau war, sondern es erhielt sich auch spätere Zeit, ja, es bestand noch, als die Frau Gogräfin bereits zwei- oder dreiundfünfzig und der Gograf mithin ein- bis zweiundsechzig Jahre zählte. Das hatte aber folgenden Grund: Die Frau Gogräfin hatte ihrem Mann, wenn auch keinen Sohn, doch schon gleich in den ersten Jahren ihrer Ehe zwei Töchter geschenkt, die zu ebenso schönen und liebenswürdigen Damen heranwuchsen, wie ihre Mutter war. Indem nun zugleich die Mutter, wenn eben nicht immer jung, doch schön und liebenswürdig geblieben war, bis die Töchter in solcher Weise herangewachsen waren, so wurde auch das Anbeten sowohl in den Bädern, in den Gesellschaften und auf den Bällen Münsters als auch auf dem Amtshause zu Sanden nicht im geringsten unterbrochen. Und die Zahl der Anbeter nahm nicht etwa ab, nahm vielmehr zu, indem zu den älter gewordenen Domherren und zu Rittmeistern, Majoren oder gar Obersten avancierten Lieutenants wieder jüngere Domherren und neue Lieutenants hinzukamen– und andererseits der Gegenstand ihrer Anbetung nicht bloß die schöne Frau, sondern auch ihre schönen Töchter waren. Nur seit einiger Zeit waren auf einmal die Anbeter ausgeblieben, sowohl für die Mutter als für die Töchter. Das mußte seine besonderen Ursachen haben, über die man freilich nicht viel erfahren konnte, vielleicht aber desto mehr sprach. Die Mutter hatte sich mit den Töchtern im vorletzten Winter ungewöhnlich lange in Münster aufgehalten. Es war dann im Frühjahr ein ungewöhnlich reges Leben in Sanden gewesen, nicht bloß bei Tage, denn bis tief in die lauen und duftigen Mainächte hinein hatte man in dem großen Amtshausgarten und selbst in dem daranstoßenden und größeren Park des freiherrlichen Schlosses Musik und Gesang, Tanz und Gelächter gehört, und manche Leute wollten auch leises Seufzen und Liebesgeflüster vernommen haben. Das dauerte, bis man im Sommer nach Pyrmont aufbrach. Nach Beendigung der Badesaison wurde noch eine Reise gemacht. Im Herbst erst war man nach Sanden zurückgekehrt. Aber die Rückkehr war nicht ganz so lustig wie die Abreise gewesen. Marianne, die jüngste Tochter, kam krank heim und ließ sich im eigentlichen Sinne des Wortes außer in ihrer Stube gar nicht mehr sehen. Mit ihrer Gesundheit fehlte auch die Zahl der Anbeter, die auf ihren Anteil kam. Die Mutter war fortwährend verstimmt, unruhig, manchmal wie von einer inneren großen Angst aufgejagt, auch von ihren Anbetern fehlten deshalb mehrere. Ludmilla, die älteste Tochter, blühte zwar noch voll in ihrer Schönheit und in ihrem Antlitze, aber sie hatte einen anderen, zuletzt noch weit größeren Fehler heimgebracht als Mutter und Schwester. Sie legte nämlich sehr deutlich an den Tag, daß aus dem bisherigen Spielen ein Ernst werden, daß einer von ihren Anbetern sie heiraten müsse; sie wollte gnädige Frau werden. Das entfernte ihre Anbeter noch mehr.

Nur die frivolsten blieben. Und auch für diese war bald kein Bleibens mehr, und in dem Amtshause zu Sanden, in dem schönen Amtsgarten und in dem freiherrlichen, Parke wurde gar keine laute Fröhlichkeit und noch weniger leises Liebesgeflüster gehört. Das aber hatte folgenden Grund: Zu Schloß und Amt Sanden gehört das Dorf Sanden. In dem Dorfe Sanden wohnte ein alter Musikus, Hallbauer mit Namen. Er hatte – denn er war jetzt Invalide – viele Instrumente gespielt, vorzüglich aber die Trompete; er hieß daher unter den Leuten der alte Trompeter. Musikanten erwerben gewöhnlich nicht viel oder können selten das Erworbene zusammenhalten. So war es auch dem alten Trompeter ergangen. Er besaß zwar, von seinem Vater ererbt, ein eigenes Haus mit einem Gärtchen dabei, aber außerdem blutwenig. Doch hatte er eine sehr schöne Tochter, und in Köln am Rheine lebte von ihm eine Schwester, der es dort gut ging und die ihn unterstützte. Diese nahm auch seine, schöne Tochter Anna zu sich, als das Mädchen siebzehn Jahre alt war, um sie etwas Ordentliches lernen zu lassen, Nähen und Schneidern, daß sie künftig ihr Brot sich selber verdienen könne. Nachdem die Tochter vier Jahre fort gewesen war, würde der alte Trompeter blind und überhaupt körperlich sehr hinfällig. Das war der Tochter nach Köln am Rheine gemeldet, und eines Tages erschien im väterlichen Hause zu Sanden Anna Hallbauer, um bei ihrem alten, elenden Vater zu bleiben und ihn zu hegen und zu pflegen. Sie tat das mit der hingehendsten, treuesten kindlichen Liebe. Wenngleich sie nun schon darum ein sehr eingezogenes Leben führte und außer ihrem Hause und Garten fast nur in der Kirche, und zwar nur in der wenig besuchten Frühmesse, gesehen wurde, so hatte sie doch nicht vermeiden können, die besondere Aufmerksamkeit gewisser Personen auf sich zu ziehen.

Haus und Garten des Musikus Hallbauer lagen dicht hinter dem großen Garten des Amtshauses, in welchem der Gograf Schirmer mit seiner Familie wohnte. Jener kleine und dieser große Garten waren nur durch einen schmalen Wiesenraum voneinander getrennt. Anna Hallbauer war in demselben Herbst in das väterliche Haus zurückgekehrt, in welchem Frau und Töchter des Gografen teils verstimmt, teils krank, teils sonst unliebenswürdig, aber immer noch mit einigen Anbetern zurückgekommen waren. Diese letzteren hatten auf ihren Promenaden in dem Amtshausgarten nebenan in dem kleinen Trompetergärtchen die Musikantentochter gesehen, wenn sie die Weintrauben für ihren Vater oder eine Aster für sich pflückte. Anna Hallbauer war ein sehr schönes Mädchen, schöner als die schöne Gogräfin und ihre beiden Töchter zusammen; denn sie hatte vor diesen zugleich etwas voraus, was ihr, vielleicht selbst in den Augen frivoler Husaren- und anderer Lieutnants, einen ganz besonderen Reiz verleihen mußte: Ihr ganzes Wesen war mit der liebenswürdigsten, anspruchslosesten Sanftmut und Sittsamkeit wie übergossen. Dem bloßen Sehen der Herren waren bald sehnsüchtige, dann dreistere, darauf dringende Blicke gefolgt, und als nun trotzdem diese alle nicht erwidert, nicht einmal beachtet wurden, endlich verstohlenes Einschleichen in den kleinen Garten, verstohlen freilich bloß gegenüber den Bewohnern des Amtshauses. Die Musikantentochter war nur eine Landschöne. Sie war zwar längere Zeit in einer großen Stadt gewesen, und sie kam mit dem vollen Anstande und in der geschmackvollen Kleidung einer Großstädterin zurück, aber die große Stadt war das gerade damals sehr unheilige heilige Köln. Und warum kehrte das Landmädchen mit solchem Anstande und so aufgeputzt wie eine Stadtmamsell auf das Land in das arme väterliche Haus zurück? Anna Hallbauer hatte die Eindringlinge entschieden zurückgewiesen, sie hatte mit ihrem Vater, mit dem Amtshause gedroht. Allein das half nur für den Augenblick; das Landmädchen hätte es mit vornehmen Herren zu tun. Eines Tages indes sollte ihre Drohung mit Vater und Amtshaus zu gleicher Zeit erfüllt werden.

Es war ein heller Herbsttag. Anna hatte ihren Vater in das Gärtchen geführt: er saß in der Sonne hinter einem dichten Rebengeländer. An der anderen Seite des Geländers stand sie, nach ihren Herbstblumen zu sehen. Von drüben her aus dem Amtsgarten hatte sie einer der Offiziere vom Amtshause gesehen; er hatte aber auch, nur sie, nicht den Vater gesehen. Gewandt und leise hatte er Hecken und Zäune übersprungen, und ehe das Mädchen nur seine Nähe ahnte, stand er vor ihr. Sie erschrak und wollte fliehen; er hielt sie zärtlich fest. Aber das alles hörte der blinde Musikant auf der anderen Seite, und der grobe Trompeter rief sehr zornig und laut dem Husaren zu, er solle sich augenblicklich wieder hinscheren, woher er gekommen sei, dort, auf dem Amtshause, habe er ja Liebeleien genug. In dem Amtsgarten war unbemerkt hinter ihm hergekommen die schöne Gografentochter Ludmilla. Sie hatte seine Sprünge über Zäune und Hecken bemerkt; sie war ihm bis an die Grenze des Amtsgartens gefolgt und hatte die groben Worte des Trompeters gehört. Um ihr Unglück, aber auch ihren Zorn, ihre Wut voll zu machen, war gerade dieser Offizier ihr treuester Anbeter und derjenige, auf den sie die festesten Heiratshoffnungen gesetzt hatte. Der arme Mensch kam bei seiner Rückkehr aus dem Trompeter- in den Amtsgarten aus dem Regen in die Traufe. Genau bekannt wurde nicht, was zwischen ihm und der Dame vorgefallen war. Genau bekannt wurde auch nicht, was er darauf mit den anderen fremden Herren verhandelt haben mochte, die sich mit ihm im Amtshause auf Anbetung noch befanden. Aber er reiste noch denselben Abend ab und mit ihm seine näheren Bekannten. In den nächsten zwei Tagen folgten ihm die sämtlichen übrigen.

So war das Amtshaus zu Sanden auf einmal sehr leer und still geworden. Die arme Marianne blieb krank und ließ sich nach wie vor nicht sehen. Die Mutter und Ludmilla wurden immer verstimmter; die Mutter zugleich immer unruhiger, als wenn sie irgendein großes Unglück zu befürchten habe. Unter solchen Umständen ging sie, als der Winter kam, nicht einmal nach Münster, das erste Mal nicht seit mehr als fünfundzwanzig Jahren. Auch Ludmilla ging daher nicht hin, von der kranken Marianne verstand es sich von selbst.

Das war ein trauriger Winter in dem Amtshause zu Sanden. Der alte Gograf nur wurde ihn nicht gewahr. Er lebte schon lange einzig und allein für seine Geschäfte.

Der traurige Winter war vorüber. Ein nicht besseres Frühjahr war ihm gefolgt; es nahte sich gleichfalls seinem Ende. Dieses Ende sollte eine Veränderung für die Familie Schirmer bringen.

Es war an einem Nachmittag zu Ende des Monats Mai. Der Gograf Schirmer hatte wie gewöhnlich bis Mittag in der Amtsstube gearbeitet. Mit dem Glockenschlag zwölf war er nach Hause gekommen; die Amtsstube befand sich in einem Nebengebäude des Amtshauses. Das Mittagessen hatte schon bereitgestanden; er hatte es mit seiner Frau Und Ludmilla – Marianne lag wie immer krank in ihrer Stube – verzehrt, er hatte dann seinen Mittagsschlaf gehalten und war wieder mit Frau und Tochter in dem Familienzimmer, um den Kaffee einzunehmen.

Der Gograf, obwohl schon im Anfange der sechziger Jahre, war noch ein sehr rüstiger, kräftiger Mann. Er war groß und stark gebaut und hielt sich noch völlig gerade; sein Haar fing kaum an, in den Spitzen sich etwas grau zu färben. Die Züge seines etwas starkknochigen Gesichts zeigten eine gewisse Strenge, wohl eigentlich nur die Gewohnheit der Strenge, denn im tieferen Grunde bemerkte man sogar den Ausdruck von Gutmütigkeit. Er schien zu denjenigen Beamten zu gehören, die von Natur sogar mild sind, aber keine Pflicht und in ihrer Pflichttreue zuletzt dann keine andere Gewohnheit mehr kennen, als die volle Strenge des Gesetzes zu vertreten. Daher sind sie dann aber auch oft außer ihrem Amte desto nachgiebiger, oft gerade am meisten in ihrer Familie.

Wie der Gograf seine Rüstigkeit, so hatte die Gräfin noch immer ihre Schönheit bewahrt. Ihre Taille war fein, ihre Gesichtszüge waren regelmäßig, ihr Teint war rein und durchsichtig geblieben, ihre Zähne waren vollständig und blendend weiß. Sie war vielleicht ein wenig zu mager geworden, und ihr Blick war leidend sehnsüchtig. Aber das war keine Magerkeit und leidende Sehnsucht, die nach dem Genüsse der Freuden des Lebens zum Himmel hindeuten, man glaubte vielmehr eine neue Sehnsucht gerade nach jenen Freuden des Lebens zu gewahren, und das gab, man kann es nicht leugnen, der schön gebliebenen Frau einen Reiz.

Ludmilla war so schön und so reizend, daß man, wenn man angesichts ihrer frischen Schönheit solche Betrachtungen hätte anstellen mögen, sich sagen mußte, im Alter der Mutter werde sie vielleicht noch schöner sein als diese jetzt.

Der Gograf rauchte bei seiner Tasse Kaffee. Ludmilla las in einem Roman. Die Gogräfin war in Nachsinnen versunken. Sie mußte etwas auf dem Herzen haben. Ludmilla schien dies übrigens zu wissen, denn sie sah von ihrem Buche manchmal nach der Mutter hin, als wenn sie diese fragen wolle, ob es denn noch nicht bald Zeit sei.

Es war Zeit.

»Lieber Schirmer«, hob die Gogräfin zu ihrem Manne an, »Mariannes Zustand will sich noch immer nicht bessern.«

»Leider nicht«, erwiderte der Gograf, »was ist das nur mit dem Kinde?«

»Ich begreife es auch nicht. Weiß doch selbst der Amtsphysikus nicht, was er daraus machen soll. Aber anders muß es mit ihr werden.«

»Das muß es.«

»Ich hatte schon daran gedacht, den Medizinalrat aus Münster kommen zu lassen; allein, er ist doch ein zu alter Mann. Die jungen Ärzte dort haben noch keine Erfahrung. Es wird daher nichts übrigbleiben, als daß ich diesen Sommer mit dem Kinde das Opfer einer Badereise bringe.«

Der Gograf sah seine Frau eigentümlich an.

Sie fuhr schnell fort: »Nicht nach Pyrmont oder Hofgeismar. Ich wollte mit ihr nach Ems gehen. Der Aufenthalt soll dort traurig sein, denn das Bad ist nicht in Aufnahme, aber nach allem, was ich darüber gehört und gelesen habe, paßt es für den Zustand Mariannens, und der dortige Brunnenarzt ist als einer der ausgezeichnetsten Ärzte bekannt.«

Der Gograf sah seine Frau wieder an; diesmal etwas mißtrauisch und daher nur von der Seite. Er fand in der Tat keinen Hintergedanken in ihrem Auge.

»Du meinst also wirklich, Thresette?«

»Wenn du nichts dagegen hättest!«

»Wie könnte ich für das Wohl unseres Kindes!«

»Ludmilla begleitet uns natürlich?«

»Ich habe nichts dagegen.«

»Und wann könnten wir abreisen? Ich fürchte, wir haben schon zu lange gezögert.«

»Ich habe nichts dagegen, daß ihr abreist, sobald ihr alle eure Anstalten getroffen habt.«

»Deren sind nicht viele, zumal da es sich ja nur um die Genesung der Kranken handelt.«

»Desto besser.«

»Also vielleicht schon in der nächsten Woche, wenn du nicht etwas anderes bestimmen möchtest?«

Der Gograf wollte antworten, als rasch und laut an die Türe geklopft wurde. Ein Untervogt des Gerichts trat in das Zimmer. Der Mann trat mit einem wichtigen, etwas feierlichen und doch auch wieder etwas verstörten Gesicht ein.

»Herr Gograf«, begann er, »da ist soeben eine große, schreckliche Entdeckung gemacht worden.«

»Sofort heraus damit, Vogt, ich liebe die Umwege nicht.«

»In dem Teiche hinter dem herrschaftlichen Parke, Sie wissen, Herr Gograf, gerade an dem kleinen Tannenwäldchen, hat man die Leiche eines neugeborenen Kindes gefunden.«

»Was? Was?« rief der Gograf, in seinem Diensteifer aufspringend.

Ludmilla bemächtigte sich ein natürliches Entsetzen, sie mußte ihr Buch auf die Seite legen.

Die Gogräfin war leichenblaß geworden. Sie wollte, wie um ihre Blässe zu verbergen, eine Tasse Kaffee zum Munde führen; aber ihre Hände zitterten so heftig, daß sie die Tasse nicht aufheben konnte.

Der Gograf in seinem Eifer und Ludmilla in ihrem Entsetzen hatten die Angst der Frau nicht bemerkt.

»Ein Kindesmord?« rief der Gograf. »Das ist unerhört im Gogericht. Davon hat man seit Menschengedenken nicht gehört. Und nun gar hier in Sanden selbst! Berichtet das Nähere, Vogt.«

Der Vogt berichtete das Nähere. Es bestand nur in wenigem: Hinter dem freiherrlichen, an dem Schlosse gelegenen Park befand sich ein kleines Tannenwäldchen; hinter dem Tannenwäldchen lag ein Teich von mäßigem Umfange, auf allen Seiten mit dichtem, aber niedrigem Gebüsch umgeben. Der Teich war früher der herrschaftliche Fischteich gewesen, seitdem aber die Herrschaft abwesend war, schon seit mindestens zwei Menschenaltern nicht mehr benutzt worden, weder als Fischteich noch zu einem anderen Zwecke. Er lag daher, zumal in einer einsamen Gegend, wohin selten jemand kam, völlig vernachlässigt und wüst. Sein Wasser war schlammig und wegen des üppig darin wuchernden und hoch daraus hervorragenden Schilfes kaum zu sehen; an seinen Ufern wuchs das Gebüsch wild und undurchdringlich. Es war selten, daß jemand sich ihm nahte; vielleicht kamen des Jahres kaum drei oder vier Menschen in seine Nähe. An dem Tage, an welchem der Untervogt dem Gografen seinen Bericht abstattete, waren zufällig einige Knaben in das dichte Gebüsch gegangen, um nach späten Vogelnestern zu suchen. Sie hatten dabei auf dem Wasser zwischen dem Schilfe das Pfeifen von Wasserhühnern gehört; neugierig hatten sie sich durch das Gebüsch hindurchgedrängt bis unmittelbar an das Wasser. Als sie dieses erreicht, hatten sie nicht weit von sich in dem Schilfe etwas gesehen, was ihnen wie eine Kinderhand vorgekommen war. Sie hatten sich näher herangemacht und die nackte Leiche eines kleines Kindes entdeckt. Erschrocken waren sie fortgelaufen. Zufällig hatten sie in der Nähe den Vogt getroffen, sie hatten ihm Anzeige von ihrer Entdeckung gemacht, und er hatte sich von ihnen zu dem Teiche führen lassen. Er hatte gefunden, was sie ihm mitgeteilt, die Leiche eines neugeborenen Kindes, männlichen Geschlechts, völlig nackt.

Der Gograf hatte den Bericht mit dem Eifer, aber auch mit der Ruhe des Dienstes, namentlich als besonnener Kriminalbeamter, angehört.

»Habt Ihr Spuren einer Verletzung an der Leiche entdeckt?« fragte er den Vogt.

»Eine Wunde zwar nicht, Herr Gograf; um den Hals des Kindes war aber noch ein starker Bindfaden befestigt.«

»Hatte die Leiche schon lange im Wasser gelegen?«

»Sie war schon stark in Fäulnis. Sie kann immer schon ein halbes Jahr dagelegen haben.«

»Wo habt Ihr die Leiche gelassen?«

»Ich habe sie an das Ufer des Teiches gelegt und Wache dabeigestellt, um unterdes hier die Anzeige zu machen.«

»Ihr habt recht gehandelt, Vogt. Kamen Leute herbei?«

»So ziemlich. Die Knaben hatten die Sache im Dorfe bekanntgemacht.«

»Was sagten die Leute? Auf wen rieten sie?«

»Man riet hin und her.«

»Sprach man Namen aus? Der erste Laut der Volksstimme bei einer solchen Begebenheit ist ganz besonders zu beachten.«

»Man nannte nur einen Namen, Herr Gograf. Es war auch nur einer, der ihn aussprach, und auch keiner von den anderen wollte etwas davon wissen.«

»Nun, welcher Name wurde genannt?«

»Die Trompeterstochter . . .«

»Hm, hm«, sagte der Gograf.

Die leichenblasse Gogräfin aber war aufgesprungen. »Nein«, sagte sie hastig, »hütet euch vor einem ungerechten Verdacht.« Ruhiger fügte sie hinzu: »Es ist unrecht von den Leuten, so ohne allen Beweis den Namen eines unbescholtenen Mädchens auszusprechen.«

Auch Ludmilla war aufgestanden. »Unbescholten nennst du die Person, Mutter?« sagte sie scharf. »Ein Frauenzimmer, das ohne Mutter lebt und junge Männer bei sich aufnimmt.«

»Hast du Beweise?« fragte die Mutter beinahe gereizt.

»Durften nicht die Offiziere ungeniert zu ihr in den Garten kommen?«

Der Gograf brach das Gespräch zwischen Mutter und Tochter ab. »Nur einer, Vogt«, wandte er sich an diesen, »sprach von dem Mädchen? Wer war es?«

»Der Stellmacher Knübbel.«

»Redete er von Beweisen?«

»Er meinte, er könne mancherlei sagen.«

»Vogt«, befahl der Graf, »holt sofort den Gerichtsschreiber und zwei Schöffen auf das Amt, bestellt zugleich den Amtsarzt und den Amtsphysikus dahin und wartet Ihr dann ebenfalls dort. In einer halben Stunde werde ich dasein, um mich mit dem Gerichtspersonal an Ort und Stelle zu begeben und das Weitere zu veranlassen. Den Stellmacher Knübbel laßt sogleich hierher zu mir kommen.«

Der Vogt ging.

Der Gograf maß mit großen Schritten das Zimmer; er machte schon seinen Inquirentenplan. Wenn auch seit Menschengedenken das Verbrechen eines Kindesmordes in seinem Gerichtsbezirke nicht verübt worden, so waren darin doch manche andere, mitunter auch schwere Verbrechen vorgekommen, und der Gograf hatte sich durch deren Untersuchung, durch Ermittlung des Tatbestandes wie durch Überführung der Täter im ganzen Münsterlande den Ruf eines sehr tüchtigen und gewandten Inquirenten, zugleich aber auch eines zwar strengen, aber stets besonnenen, gemäßigten und, soweit die Gesetze es gestatteten, selbst humanen Mannes erworben.

Seine Frau unterbrach sein Nachdenken und seine Pläne. »Schirmer«, sagte sie mit einer Aufregung, die sie nicht ganz zu unterdrücken vermochte, »du wirst in einer so wichtigen, schweren Angelegenheit nicht bloßen Gerüchten vertrauen, nicht wahr?«

»Gewiß nicht, Thresette«, antwortete der Gograf. »Darum eben habe ich den Knübbel zuerst hierherbestellen lassen. Ich will ihn allein, ohne Einmischung des Gerichts, befragen.«

»Er wird gewiß nichts gegen das Mädchen vorbringen können.«

»Ich hoffe es; sie pflegt ihren Vater mit treuer, kindlicher Liebe.«

Ludmilla zuckte etwas höhnisch die Achseln.

Die Mutter sah es.

»Ludmilla«, sagte sie zu der Tochter, »gehe zu Marianne und trage Sorge, daß sie nicht das geringste von der Sache erfahre. Sie ist so reizbar, ihr ganzes Nervensystem ist so krankhaft erregt, daß diese schreckliche Nachricht, die uns Gesunde schon so sehr angegriffen hat, den nachteiligsten Einfluß auf sie ausüben müßte.«

Die Tochter ging.

»Schirmer«, sagte, als sie fort war, die Frau zu ihrem Manne, »diese unglückliche Geschichte veranlaßt mich zu einer Bitte an dich. Ich fürchte in der Tat für Mariannen, wenn sie davon erführe. Wirst du nichts dagegen erinnern, wenn wir noch in dieser Woche abreisen?«

»Im Gegenteil, Thresette«, antwortete der Gograf, »ich teile ganz deine Befürchtung.«

Auch die Gogräfin verließ das Zimmer.

Einige Augenblicke später trat in dieses der Stellmacher Knübbel. Er hatte das Aussehen eines schlichten, ehrlichen Landhandwerkers. So bewies er sich auch.

»Knübbel«, redete ihn der Graf an, »Ihr habt die Leiche des Kindes gesehen?«

»Ja, Herr Gograf.«

»Haltet Ihr dafür, daß ein Mord begangen, ist?«

»Die Schnur lag noch um den Hals, Herr Gograf.«

»Habt Ihr Verdacht auf jemanden?«

»Ehrlich gesagt, nein, Herr Gograf.«

»Knübbel, Ihr habt einen Namen genannt.«

»Herr Gograf«, sagte der Mann mit Wärme und mit Zeichen der Reue, »ich hatte in dem ersten Augenblicke, in dem ersten Schrecken zuviel gesagt. Vergeben Sie es mir. Man kann sich leicht einmal vergessen. Ich weiß nichts, gar nichts gegen das Mädchen.«

»Ihr meint doch die Tochter des Musikus Hallbauer?«

»Die nämliche. Ich weiß wahrhaftig nichts von ihr.«

»Wie war Euch denn ihr Name über die Lippen gekommen?«

»Ich hatte einmal gehört, daß sie in Köln einen Bräutigam habe, der bald kommen werde, sie abzuholen. Er sollte schon im Winter kommen, wie die Leute sagten, ist aber immer ausgeblieben, hat nichts von sich hören lassen, soviel man weiß, und da kam mir denn in dem ersten Schreck der dumme Gedanke.«

»Das war alles?«

»Das ist alles, Herr Gograf. Und dann . . .«

»Und dann?«

»Der Teich, in dem das Kind gefunden wurde, liegt vom Dorfe über eine Viertelstunde, und in der Nähe ist nur das Schloß des Barons und das Haus des Trompeters.«

»Und dieses Amtshaus!« setzte der Graf hinzu.

»Gewiß, Herr Gograf, und ich sehe immer mehr ein, wie unrecht ich hatte. Vergeben Sie es mir, und vergessen Sie das übereilte Wort ganz. Ich könnte in meinem Leben keine Ruhe mehr haben, wenn ich die Schuld davon trüge, daß dem Mädchen nur das geringste Leid geschehe.«

Wieviel Unheil sollte dennoch sein übereiltes Wort anstiften.

»Es ist gut, Knübbel, Ihr könnt gehen«, sagte der Gograf zu ihm. »Nehmt auf ein andermal Eure Zunge besser in acht.«

Der Stellmacher ging.

Der Gograf folgte ihm bald, um sich in die Amtsstube zu begeben. Im Vorhause begegnete ihm seine Frau.

»Du kannst dich beruhigen, Thresette«, sagte er ihr im Vorbeigehen, »der Stellmacher wußte nichts gegen das Mädchen. Er gestand selbst, daß er ein übereiltes Wort gesprochen habe.«

»Das freut mich«, erwiderte leichthin die Gogräfin.

Beide gingen ihren Geschäften nach. Die Gogräfin traf Anstalten zu ihrer baldigen Abreise, der Gograf begab sich mit den anderen Gerichtsbeamten zu dem Teiche, um den objektiven Tatbestand des vermutlichen Verbrechens festzustellen.

Der Tatbestand eines verübten Kindesmordes wurde wenigstens bis zu hoher Wahrscheinlichkeit ermittelt. Die vorgefundene Leiche zeigte ein neugeborenes, vollständig ausgetragenes Kind; die Schnur, die noch eng und festgebunden um den Hals lag, gab unzweideutig genug zu erkennen, daß sie in der Absicht festgebunden war, das Kind zu erdrosseln. Allerdings war bei dem hohen Grade der Verwesung, in welcher der Leichnam sich bereits befand, nicht mehr festzustellen, ob das Kind in solcher oder anderer Weise wirklich getötet und nicht vielmehr dennoch eines natürlichen Todes gestorben war, ja nicht einmal, ob es überhaupt lebendig geboren sei. Allein ein hoher Grad von Wahrscheinlichkeit mußte, wie gesagt, nach allen feststehenden Umständen hierfür sprechen. Auch nach der Versicherung des Arztes konnte übrigens die Leiche schon seit einem halben Jahre, vielleicht noch länger, fast den ganzen verflossenen Winter hindurch, in dem Wasser gelegen haben.

Von einer Täterin wurde nicht die geringste Spur entdeckt, gegen niemanden wurde irgendein Verdacht erhoben. Das ungewöhnliche Ereignis hatte das ganze Dorf Sanden herbeigezogen, Männer, Frauen und Kinder. Kein Mensch wußte etwas von einem gefallenen Mädchen in dem Dorfe oder in der Umgegend. Kein Mensch konnte gegen ein Mädchen nur den leisesten Verdacht aussprechen, daß man davon geredet habe, es sei nicht richtig mit ihr. Es gibt in Westfalen manche Gegend, wo noch jetzt eine solche Reinheit der Sitten herrscht

Der Gograf mußte sich darauf beschränken, dem Amtsvogt und sämtlichen Untervögten gemessene Befehle zur Vornahme der genauesten und sorgfältigsten weiteren Nachforschungen zu erteilen. Das war das Resultat eines zweitägigen gründlichen und umsichtigen Inquirierens von Seiten des Gografen. Der Name Anna Hallbauer war dabei kein einziges Mal wieder genannt.

An demselben Tage war die Gogräfin mit ihren beiden Töchtern nach dem Bade Ems bei Koblenz abgereist.

Vierzehn Tage lang hatte man in der Angelegenheit, die gleichwohl fortwährend ungeschmälert die allgemeine Aufmerksamkeit beschäftigte, nichts Neues ermittelt, namentlich nichts über einen Urheber des Verbrechens. Da erschien eines Morgens der Küster des Dorfes bei dem Gografen. Die Küster gehören meist zu den halbgebildeten Menschen, die in keine Klasse der Leute hineinpassen, unter denen sie leben, indem sie für die einen zuwenig, für die anderen zuviel wissen. Sie sind deshalb auch meist närrische Käuze und Menschen, die sich in alles mischen, was sie nichts angeht. So war auch der Küster zu Sanden. Das entdeckte Verbrechen des Kindesmordes war ihm durch den Kopf gegangen, noch mehr, daß kein Urheber ermittelt war. Es war ihm, wie er sagte, als müsse er jetzt jedes Frauenzimmer in der Gemeinde für das Verbrechen verantwortlich machen, das doch nur von einer begangen sein könne. Er wollte das Verdienst haben, diese eine, die rechte, zu ermitteln. Der Stellmacher Knübbel hatte einmal den Namen Anna Hallbauer ausgesprochen. Das Mädchen war in Köln gewesen. Er, der Küster, hatte eine Verwandte in Köln. An diese schrieb er. An dem Tage, als er bei dem Gografen erschien, hatte er Antwort erhalten. Er teilte diese pflichtschuldigst dem Gografen mit. Diese Verwandte schrieb nicht viel Gutes von dem Mädchen: Anfangs, als Anna Hallbauer nach Köln gekommen, habe diese sie manchmal besucht; sie sei ein ordentliches, sittsam bescheidenes Mädchen gewesen. Später aber sei sie hochmütig, eitel geworden, habe, anstatt ordentlicher, solider bürgerlicher Kleidung, allerlei Fähnchen auf dem Leibe getragen, sei immer seltener und zuletzt gar nicht mehr zu ihr gekommen; und sie, die Verwandte des Küsters, habe nun gehört, daß sie ein leichtfertiges Geschöpf geworden sei, sich namentlich mit einem Buchdruckereibesitzer abgegeben habe und von diesem im Stiche gelassen sei. Verführt und verlassen habe sie denn zuletzt nach Sanden zurückkehren müssen.

Dies berichtete der Küster dem Gografen. Dem Gografen fielen wieder die Worte seiner Tochter Ludmilla bei dem ersten Nennen des Namens Anna Hallbauer in dieser Geschichte ein. Es fiel ihm ein, daß dieser Name doch einmal der zuerst genannte sei; und noch jetzt war er der allein genannte. Er, der vorsichtige Beamte, der er war, empfahl dem Küster das tiefste Stillschweigen und beschloß, wiewohl im stillen, weitere Nachforschungen anzustellen.

Allein der Küster hatte nicht stillschweigen können. Er hatte hier und da, bald beim Schnäpschen mit einem Gevatter, bald beim Kaffee mit einer Gevatterin von seinem Briefe aus Köln gesprochen und so zuerst ein leises und vereinzeltes, dann aber ein allgemeines, lautes Gespräch erregt, nach welchem die Trompeterstochter in schrecklicher Weise, nach einigen sogar mit unmittelbarer Hilfe des leibhaftigen Satans, am Teiche hinter dem Schloßgarten ihr Kind umgebracht und in das Wasser geworfen habe. Dem Gografen wurde alles dieses Geschwätz brühwarm von berufenen und unberufenen Leuten zugetragen, von seinem Amtsvogte, von den Untervögten, von dem Küster, von andern. Es enthielt aber keine Tatsachen, und der verständige Beamte gab nichts darauf.

Allein, das Geschwätz war zuletzt auch einer alten, tauben Bäuerin zu Ohren gekommen, und als diese es mühsam vernommen und verstanden hatte, schlug sie die Hände über dem Kopfe zusammen und erzählte eine schreckliche Geschichte, in welcher denn freilich auch Tatsachen enthalten waren. Zu Ende des vorigen Herbstes war die alte Frau einmal spät in der Nacht von ihrer verheirateten Tochter, die seitab vom Dorfe in der Bauerschaft wohnte, zurückgekehrt. Es war ein kaltes und stürmisches Wetter gewesen; der Wind hatte geheult, und hinten in den Wäldern hatte man die alten Eichen krachen gehört; vom Himmel war der Schnee so dicht und so dick gefallen, daß man keine zehn Schritte weit hatte sehen können. Ihr Weg hatte sie zuerst an dem Amtshausgarten und dann an dem Hause des Trompeters vorbeigeführt. Als sie dieses hinter sich gehabt, hatte sie rechts an dem Schloßgarten vorbei in das Dorf nach Hause gehen wollen. Auf einmal, hinter dem Hause des Trompeters, sah sie vor sich eine schneeweiße Gestalt, die bald langsam, bald geschwind vor ihr her ging und sich zuletzt links zu dem Teiche am Schloßgarten wandte, wo sie verschwand. Sie hatte die Gestalt für ein Gespenst gehalten, denn es war bekannt, daß in dem herrschaftlichen Schlosse eine weiße Jungfrau umgehe, die auch wohl des Nachts sich weiter in die Heide hinein begebe. Deshalb war die Frau auch der Gestalt nicht gefolgt, ja, sie hatte nicht einmal gewagt, von der Geschichte zu erzählen, da sie damals oft in der Nacht zu ihrer kranken Tochter mußte und sie gefürchtet hatte, wenn sie von dem Gespenst erzähle und so diesem neugierige Leute auf den Weg locke, so möge es ihr dafür einen Schabernack antun. Sie hatte übrigens die Erscheinung später nie wieder gesehen.

Auch das wurde dem Gografen hinterbracht. Er selbst befragte die alte Frau. Sie bestätigte ihm alles wörtlich.

Bei dem Manne der strengen Pflicht war jetzt eine sehr ernste Stunde gekommen. Anna Hallbauer hatte in Köln den Ruf eines leichtsinnigen Lebenswandels zurückgelassen, sie sollte sogar von einem Liebhaber verlassen sein. Sie war plötzlich, freilich unter dem plausiblen Vorgeben, ihren blinden Vater zu pflegen, nach Hause zurückgekehrt, sie hatte hier sehr eingezogen gelebt und geflissentlich vermieden, sich vor den Leuten sehen zu lassen. Umgang hatte sie mit niemandem im Dorfe gehabt. Dagegen hatte seine, des Gografen eigene Tochter fallenlassen, daß Offiziere zu ihr in das Haus gekommen seien. Vor einem halben Jahr war eine bleiche Gestalt in stürmischer Herbstnacht einsam, mit schwankendem Gange auf dem Wege von ihrer Wohnung nach dem Teiche gesehen worden. Um dieselbe Zeit mußte, nach dem Befunde des Arztes, die Leiche des ermordet gefundenen Kindes in den Teich geworfen sein.

Der Gograf suchte einen halben Tag nach einem Entschlüsse. Er schlug die »Peinliche Gerichtsordnung« von Kaiser Karl V. auf, er studierte in allen Kommentaren zu diesem Gesetzbuche; er ging bis auf Matthäi, bis auf den alten Carpzov, selbst bis auf Damhouder zurück. Es blieb ihm nichts anderes übrig; ein Verdacht war einmal gegen eine bestimmte Person erhoben; dieser Verdacht mußte weiter verfolgt werden, bis er wieder verschwand oder zur Gewißheit wurde. Der Gograf ließ den Amtsvogt zu sich rufen.

Wie der Gograf in seinem Bezirke der Chef aller Regierungsgewalten war, so war der Amtsvogt sein Unterchef für die eigentliche vollziehende Gewalt, also eine sehr angesehene Person, freilich dennoch immer ein Subalternbeamter. Er erhielt deshalb auch in jener Zeit der strengen Etikette von seinem Vorgesetzten nicht das Prädikat Herr und wurde nicht mit Sie, aber auch nicht mit Ihr, sondern mit Er angeredet.

»Amtsvogt«, sagte der Gograf zu dem Beamten, »ich habe einen Auftrag an Ihn, den eigentlich der Untervogt ausführen sollte. Es ist aber ein rücksichtsvolles und menschliches Vorgehen nötig, und darum wende ich mich an Ihn. Er kennt die Gerüchte gegen die Hallbauerin in betreff des ermordeten Kindes. Nach den Rechten muß die Person nunmehr vernommen werden: es liegt aber noch nicht so viel vor, daß sie arretiert werden kann. Hole Er sie daher einfach zu mir ab, mit dem Andeuten nur, daß ich mit ihr zu sprechen habe. Beileibe sage Er ihr nicht den Grund des Vorführens.«

Der Amtsvogt entledigte sich seines Auftrags ganz im Sinne seines Vorgesetzten. Er brachte die Hallbauerin zum Amte. Der Gograf wartete ihrer hier. Bei ihm war nur der Gerichtsschreiber. Die gewöhnlichen beiden Gerichtsschöffen hatte er nicht zugezogen; denn wenn er auch ein Verhör anstellen wollte, so war dies doch noch kein eigentliches Kriminalverhör vor besetzter peinlicher Bank.

Anna Hallbauer erschien in der Gerichtsstube. Sie war eine große, schöne Gestalt. Ihr feines, blasses Gesicht zeichnete sich, wie ihre ganze Erscheinung, besonders durch ein bescheidenes, beinahe melancholisches Wesen aus. Sie bewegte sich übrigens mit städtischem Anstande, so wie auch ihre Kleidung eine zwar einfache, aber doch kleidsam gewählte städtische war. Sie trat dem Anschein nach sehr unbefangen, wenngleich mit dem Ausdrucke einiger Neugierde vor den gestrengen Richter, der sie zum ersten Mal sah und auch sie nicht ohne Neugierde betrachtete.

»Ich habe einige Fragen an Sie zu richten«, hob der Gograf zu ihr an. »Ich erwarte von Ihr, daß Sie mir mit der vollen Wahrheit antworte.«

»Ich werde Ihnen nur die Wahrheit sagen«, antwortete das Mädchen in bescheidenem Tone.

»Wie lange war Sie in Köln?«

»Etwas über vier Jahre.«

»Bei wem war Sie dort?«

»Bei meiner Tante, der verwitweten Klempnermeister Klöpper.«

»Hat Sie immer bei der gewohnt?«

»Nur die ersten zwei Jahre. Sie hatte mich das Schneidern lernen lassen, und darauf bezog ich eine eigene Wohnung.«

»Lebte Sie dort allein?«

»Ich wohnte allein; ich arbeitete aber den Tag über in den Häusern bei den Familien.«

»Hatte Sie Bekanntschaften?«

»Welche Bekanntschaften?« fragte das Mädchen mit einigem Zögern.

»Ich meine von jungen Männern.«

Anna Hallbauer errötete. »Nein«, sagte sie, aber wieder zögernd.

»Es ist doch davon gesprochen?«

»Ein junges Mädchen, das allein wohnt, zumal in einer großen Stadt, ist dem Gerede der Leute oft ausgesetzt. Aber darf ich wissen, Herr Gograf, warum Sie alle diese Fragen an mich richten?«

Der Gograf besann sich ein paar Sekunden; dann sagte er, indem er sie fest und scharf anblickte, mit erhöhter Stimme: »Hat Sie von dem Kindesmorde gehört, der hier vor einigen Wochen an das Tageslicht gekommen ist?«

Anna Hallbauer wurde plötzlich sehr blaß. »Mein Gott, Herr Gograf . . .!« Sie schwieg mit allen Zeichen eines tiefen, unruhigen Nachdenkens.

»Nun«, sagte der Gograf, »hat Sie davon gehört?«

»Ja, Herr Gograf«, antwortete sie wieder etwas dreister.

»Hat Sie die Fügung Gottes erkannt, daß das verübte Verbrechen nach langer Zeit doch noch zur Kenntnis der Menschen, auch des Richters, kommen mußte?«

Das Mädchen schien sich von ihrer plötzlichen Unruhe völlig wieder erholt zu haben. »Also darum, Herr Gograf, stellen Sie jene Frage an mich?«

»Darum«, sagte strenger der Gograf, »und wenn ich bedenke, wie Sie hier zuerst rot und dann auf einmal blaß wurde . . .«

Das Mädchen richtete sich stolz vor dem Richter auf. »Herr Gograf«, unterbrach sie ihn.

Aber er ließ sie nicht weitersprechen.

»Höre Sie mich ohne Unterbrechung an. Doch vorher beantworte Sie mir noch eine Frage. Ist Ihr kein Wort davon zu Ohren gekommen, daß Sie allgemein als die Kindesmörderin bezeichnet wird?«

Anna Hallbauer konnte sich kaum mehr aufrecht halten, sie wurde leichenblaß.

»Ich?« rief sie. »Ich wäre eine Kindesmörderin?«

Ihr Erschrecken, ihr Ausruf zeigten, daß sie von der Beschuldigung, die schon so lange und so allgemein gegen sie gerichtet war, tatsächlich nichts wußte. Es konnte dies erklärlich erscheinen, wenn man bedachte, daß sie ihre Wohnung kaum verließ und daß sie so wenig wie ihr blinder Vater mit irgendeinem Menschen Umgang hatte. Man konnte es aber auch nicht wohl glaublich finden und ihr Benehmen als Verstellung auslegen, wenn man erwog, wie das schon seit Wochen herumlaufende, in die geringste Hütte und bis zum kleinsten Kinde gedrungene Gerücht gerade zu der Person, die es unmittelbar betraf, nicht sollte gelangt sein. Dem Gografen, der fast nur in dem Gerüchte gelebt hatte, mochte das mindestens nicht wahrscheinlich sein.

»Hallbauerin«, sagte er, »spiele Sie nicht die Unbefangene, wo man Sie schwerlich für unbefangen halten kann. Durch solche Verstellung kann Sie nur Ihre Sache verderben.«

»Aber ich schwöre Ihnen«, rief das Mädchen, in Tränen ausbrechend, »daß ich aus Ihrem Munde das erste Wort über einen so schändlichen Verdacht gehört habe.«

Der schuldbewußte Verbrecher hat in der Regel nur dann Tränen, wenn er durch ein Geständnis sein Gewissen erleichtern will, selten, solange er verstockt leugnet. Der Gograf schien einzusehen, daß er in seinem Vorwurfe der Verstellung zu weit gegangen sein mochte. Er lenkte ein. »Weiß Sie sich denn ganz rein?« fragte er.

»Ich sollte einen Mord begangen haben, Herr Gograf?« rief sie empört. »Ich sollte sogar mein eigenes Kind ermordet haben?«

Die letzten Worte machten den erfahrenen Inquirenten stutzig.

»Hat Sie in Köln einen Buchdrucker gekannt?« fragte er rasch. Er mußte einen sehr wunden und empfindlichen Fleck getroffen haben. Das Mädchen wurde verändert, sie mußte die Augen niederschlagen, sie konnte ihn nicht mehr ansehen; sie hatte keine Antwort.

»Wird Sie mir antworten«, sagte er. »Aber spreche Sie die Wahrheit.«

»Ja«, antwortete das Mädchen leise.

»Ei, vorhin wollte Sie ja gar keine Bekanntschaft mit einem Mann gehabt haben?«

»Sie fragten mich nach mehreren Männern«, entgegnete die Verhörte; aber den Vorwurf der Frage, den sie vorhin noch mit vollem weiblichen Stolz zurückgewiesen hatte, konnte sie jetzt durch ihre Antwort kaum noch hervorheben.

»Sie will mir durch Spitzfindigkeiten entgehen«, warnte der Gograf, »das ist nicht der Weg der Unschuld.«

»Ich schwöre Ihnen, Herr Gograf . . .«

»Schweige Sie. Wie ist der Name des Buchdruckers?«

»Alphons Fausting.«

»Woher?«

»Aus dem Elsaß.«

»Wo ist er jetzt?«

»Er mußte nach seiner Heimat zurückkehren.«

»Wann?«

»Bei meiner Zurückkunft hierher.«

»Hat Sie ihn längere Zeit gekannt?«

»Zwei Jahre lang.«

»Und er hat Sie verführt?«

»Nein, Herr Gograf«, antwortete Anna Hallbauer, indem sie dem Richter wieder klar in das Auge sehen konnte.

»Sie hat auch mit keinem andern Manne in näherer Verbindung gestanden?«

»Nein, Herr Gograf.«

»Und Sie hat kein Kind geboren?«

Nein, Herr . . ., wollte die Hallbauerin sagen, aber auf einmal mußte sie vor dem scharfen, durchbohrenden Blicke des strengen Inquirenten wieder die Augen niederschlagen, und die Worte erstarben ihr auf der Zunge.

»Eine Lüge richtet Sie zugrunde«, ermahnte und drohte der Richter.

Das Mädchen zitterte heftig.

»Werde ich eine Antwort bekommen?« fragte der Gograf.

Sie konnte nicht antworten.

»Ich fordere Sie auf, mir zu antworten. Sie hat sich lange genug bedacht. Ich habe Ihr nur noch eins zu erwähnen: eine Unwahrheit auf meine Frage müßte notwendig noch heute an den Tag kommen. Der Arzt ist bei der Hand . . .«

Das Mädchen erwachte aus einem ängstlichen Nachdenken. »Herr Gograf, dürfte ich Sie ein paar Augenblicke allein sprechen, ohne den Herrn Gerichtsschreiber?«

»Das Gesetz gestattet es nicht.«

»Nur für ein paar Worte. Sie werden Ihnen alles aufklären, Sie werden sich überzeugen . . .«

»Sie bittet mich umsonst, ich darf den Gerichtsschreiber nicht entfernen.«

Das Mädchen faßte einen Entschluß. »Nun wohl, Herr Gograf, ich will die Wahrheit sagen. Ja, ich bin Mutter.«

»Unglückliche«, sagte der Richter – nein, nicht der Richter, aber der Mensch, der ein junges, frisches Leben mit dem Ausdrucke der Güte, der Sanftmut, der Liebe, als Richter aber auch alle die entsetzlichen Folgen vor sich sah, welche das Bekenntnis für die Arme dem Gesetze gemäß nach sich ziehen mußte.

Aber Anna Hallbauer hatte sich stolz wieder erhoben. »Ich bin keine Verbrecherin, Herr Gograf«, sagte sie. »Ich bin nicht einmal vor Gott eine Sünderin. Der Vater meines Kindes, Alphons Fausting, ist mein mir christlich angetrauter Ehemann.«

Der Graf sah sie ungläubig an. »Und wo hat Sie Ihr Kind?«

»Mein Mann hat es mit sich genommen.«

»Wann?«

»Bei seiner Abreise von Köln.«

»Wohin?«

»In seine Heimat.«

»Sie hat mir das Elsaß als seine Heimat genannt, das Elsaß ist groß.«

»Er war aus Straßburg gebürtig.«

»Und dahin hat er das Kind mitgenommen?«

»Er wollte es zu seiner Schwester bringen.«

»Wann hat Sie das Kind geboren?«

»Im September vorigen Jahres, am achtzehnten September.«

»Also noch in Köln, nicht hier?«

»Ich habe Ihnen ja gesagt, daß mein Mann, als er Köln verließ, das Kind mit sich nahm.«

»Wann verließ er Köln?«

»Gleichzeitig mit mir, im Oktober vorigen Jahres.«

»Sie überließ ihm also Ihr Kind, da es kaum einige Wochen alt war?«

»Ja«, sagte traurig die Hallbauerin.

»Und das soll ich Ihr glauben?«

»Die Not zwang uns.«

»Hallbauerin«, sagte der Gograf nachdrücklicher, strenger, »ich will noch nicht sagen, daß Sie mir da ein Märchen aufgetischt hat, obwohl das, was Sie vorbrachte, ganz den Fabeln gleicht, die man, freilich nur von den schlechtesten Subjekten, in gleicher Lage so oft vor Gericht hören muß. Aber wenn Sie mir nicht Stück für Stück Ihre Angaben beweisen und namentlich Ihr Kind zur Stelle bringen kann, so wird Sie selbst einsehen, daß man Ihr nicht glauben kann, daß Sie vielmehr den Verdacht, von welchem Sie sich reinigen will, in sehr hohem Grade gegen sich verstärkt hat.«

Anna Hallbauer wurde wieder unruhig; »Ich habe Ihnen kein unwahres Wort gesagt«, versicherte sie dennoch.

»Wo will Sie«, inquirierte der Gograf weiter, »mit dem Alphons Fausting getraut sein?«

»In Köln.«

»In welcher Kirche?«

»Ein Pater Franziskaner hat uns getraut.«

»In welcher Kirche?«

»In seiner Klosterkirche.«

»Es gibt mehrere Franziskanerklöster in Köln. Wie hieß jenes?«

»Das weiß ich nicht, es liegt in der Severinstraße.«

»Wie hieß der Pater?«

»Pater Franziskus.«

»Hat Sie einen Trauschein?«

»Mein Mann hat ihn mitgenommen.«

»Warum versah Sie sich mit keinem?«

»Ich hielt es nicht für nötig.«

»Hat Sie keinen andern Beweis für Ihre Trauung bei der Hand?«

»Nein, Herr Gograf.«

»Besinne Sie sich. – Keinen einzigen?«

»Nein.«

»Weiß Ihr Vater darum?«

»Nein.«

»Sie hat ihm Ihre Verheiratung verschwiegen?«

»Ja«, sagte Anna Hallbauer wieder leise, im Ton des Einsehens ihres Unrechts.

»Warum verschwieg Sie ihm eine so wichtige Sache, auf die Sie ohne seine Einwilligung sich gar nicht hätte einlassen sollen?«

»Ich hatte sehr triftige Gründe dazu.«

»Waren Zeugen bei Ihrer Trauung?«

»Nein.«

»Auch das nicht! Hat Sie Ihr Kind taufen lassen?«

»Ja.«

»Wo?«

»Der Pater Franziskus hat es getauft.«

»Gleichfalls in der Klosterkirche?«

»Nein, in meiner Wohnung zu Köln.«

»Waren dabei Zeugen?«

»Nein.«

»Weiß sonst jemand von der Existenz, von dem Leben des Kindes?«

»Eine alte Frau, die bei der Geburt zugegen war.«

»Ihr Name?«

»Ich weiß nur, daß sie die alte Lene hieß.«

»Ihre Wohnung?«

»In der Püttstraße zu Köln. Die Frau lebt aber nicht mehr. Ich habe vor einigen Wochen die Nachricht erhalten, daß sie gestorben sei.«

Anna Hallbauer hatte bei jeder Frage mehr und mehr die Farbe gewechselt, jede Antwort nur mit leiserer und ungewisserer Stimme abgeben können, als wenn sie von der Überzeugung der Unwahrscheinlichkeit ihrer Angabe völlig erdrückt werde.

»Und alle diese Märchen soll ich glauben?« sagte der Gograf strenge. »Eine heimliche Heirat, eine heimliche Taufe! Zeugen, die gestorben sind oder weder Namen noch Wohnort haben!«

Die Beschuldigte erhob sich noch einmal. Sie hatte den Mut zu einem neuen Geständnisse gefaßt.

»Herr Gograf«, sagte sie, »meine Angaben mögen allerdings wie Märchen klingen, aber Sie würden sie wahr finden, wenn Sie meine und meines Mannes eigentümliche Verhältnisse kennten.«

»Teilen Sie mir diese mit.«

»Ich muß Ihnen ganz die Wahrheit sagen, Herr Gograf, ich bin heimlich getraut. Ich mußte mein Kind heimlich zur Welt bringen, ich mußte es heimlich taufen lassen; mein Mann mußte schon wenige Tage nach der Geburt sich damit heimlich entfernen. Das alles hatte seinen Grund einfach in folgendem: Meine Tante ist eine schlechte Frau, die mit vornehmen Herren zu Köln in Verbindung steht. Darum hatte sie auch mich zu sich kommen lassen. Ich wurde, das erst gewahr, als ich schon längere Zeit dort war. Sie wollte mich an einen und mehrere verkuppeln. Ich leistete ihr Widerstand, aber ich war in ihrer Gewalt. Da konnte ich mich zuletzt nur noch dadurch retten, daß ich aus ihrem Hause entfloh. Hierher nach Hause zurück konnte ich nicht; meine Tante, die so vielen mächtigen Beistand hatte, hätte mir nachsetzen lassen. In der großen sündhaften Stadt kannte ich nur einen Menschen, dem ich mich ohne Gefahr anvertrauen konnte. Es war ein braver junger, Mann, der Schriftsetzer Fausting, dem ich immer des Mittags begegnet war, wenn er von der Arbeit und ich aus der Lehrstunde bei der Schneiderin kam, und den ich so näher hatte kennengelernt. Zu ihm ging ich, er nahm mich auf und verbarg mich; denn meine Tante ließ durch die Polizei überall nach mir suchen. Ich wollte bei ihm abwarten, daß ich sicher zu meinem Vater zurückkehren könne. Aber das zog sich hin; auch hatten Fausting und ich uns lieb. Wir suchten Rat bei einem alten Freunde und Landsmann von ihm, dem Pater Franziskus in dem Franziskanerkloster in der Severinstraße, und er wußte mit uns nur ein Mittel. In der Lage, in welcher ich war, durfte ich bei Fausting nicht länger bleiben. Zu anderen Leuten konnte ich nicht gehen, ohne meiner Tante verraten zu werden. Fausting hatte sein Auskommen und konnte eine Frau ernähren, zwar vorläufig nur notdürftig, aber sein Vater besaß in Straßburg eine eigene Buchdruckerei, die er dem Sohn abzutreten versprochen hatte. Wir konnten uns daher heiraten. Allein dies hätte auf dem gewöhnlichen Wege viele Weitläufigkeiten und Aufenthalt gemacht; es konnte gar nicht geschehen, ohne daß meine Tante es vorher gewahr wurde. Sie hätte mich zurückgefordert, und alles war verloren. Da entschloß sich der Pater Franziskus, uns heimlich zu trauen. Wir konnten nun christlich und ehrenhaft beieinander bleiben. Aber um meine Sicherheit stand es nicht besser. Der Pater Franziskus hatte, was wir vorher nicht recht bedacht hatten, schwere Strafe zu befürchten, wenn es herauskam, daß er uns getraut habe; ich konnte daher nur in der tiefsten Verborgenheit mit meinem Manne leben. Köln verlassen konnten wir auch nicht, der Vater meines Mannes wollte nicht sogleich sein Geschäft abtreten; anderswo konnte mein Mann kein Unterkommen finden. Das dauerte so, bis mein Kind zur Welt kam. Der Pater Franziskus mußte es heimlich taufen. Unterdes mußte meine Tante doch Nachricht erhalten haben, daß ich noch in Köln sei. Mein Mann erfuhr, daß mir von der Polizei nachgespürt werde. Wir entschlossen uns daher, uns vorderhand auf einige Zeit zu trennen. Mein Mann sollte nach Straßburg reisen, um zu sehen, ob sein Vater ihm nicht die Buchdruckerei übertrage; ich sollte unterdes zu meinem Vater zurückkehren, der zudem meiner Hilfe bedürftig war. Unser Kind konnte ich nicht mitnehmen, man hätte es als ein uneheliches, mich als eine schlechte Dirne betrachtet. So nahm es mein Mann mit, um es einstweilen in Straßburg bei seiner verheirateten Schwester unterzubringen. Jetzt wissen Sie alles, Herr Gograf.«

Anna Hallbauer schloß ihre Erzählung. Sie schloß wie mit einem leichten Herzen, als ob das volle Geständnis ihrer Lage je den Verdacht des Verbrechens von ihr abgewälzt haben müsse.

Dieser Meinung schien der Gograf nicht zu sein. Er sah sie nachdenkend, zweifelnd an, als wenn er fragen wollte, ob sie die Tugend und Unschuld oder das Verbrechen, das Laster, die Heuchelei selbst sei. Er mochte noch kein Urteil fällen wollen und schüttelte bedenklich den Kopf. Dann ging er, tief nachsinnend, einige Male in der Stube auf und ab. Aus seinem Gesichte verschwand unterdes mehr und mehr der Ausdruck der Milde und des Mitleids, der seither, trotz manchen Unterbrechungen des Zweifels und der Strenge, darin vorgeherrscht hatte. Es zeigte zuletzt nur noch strenge Kälte, nichts mehr von dem fühlenden Menschen, nur noch das gefühllose, unempfindliche, starre Gesetz. Hielt er jetzt alles, was die Hallbauerin ihm gesagt hatte, für hinterlistige Heuchelei, für frechen Lug und Trug der Verbrecherin? Oder hatte, nachdem es bei ihm einmal unabweislich feststand, daß er eine so strafrechtlich Verdächtige vor sich habe, gegen welche unter allen Umständen, sei sie schuldig oder unschuldig, notwendig das Gesetz walten müsse, die Überzeugung von dieser Notwendigkeit ihn in der Tat nur zum Beamten, zu dem starren Vollzieher des unerbittlichen Gesetzes gemacht, der kein Gefühl mehr haben dürfe, auf den auch die Überzeugung von der Heuchelei und Frechheit keinen anderen Eindruck mehr machen dürfe, als welchen das Gesetz gestatte, fordere? Der Gograf gehörte zu dieser Gattung von Beamten.

»Hallbauerin«, wandte er sich mit jener Gesetzeskälte an seine nunmehrige Inkulpatin, »hat Sie mir noch etwas zu sagen?«

»Nein, Herr Gograf, ich habe Ihnen jetzt alles gesagt.«

»So höre Sie mich an, der Richter kann nur nach Beweisen urteilen. Danach steht Ihre Sache nunmehr so: Ein Verbrechen des Kindesmordes liegt hier vor, es ist hier in der Nähe, es ist sogar gerade in der Nähe Ihrer Wohnung verübt worden. Gleich nach seiner Entdeckung wurde, gleichsam wie durch Gottes Stimme, Ihr Name genannt. Gegen keine einzige andere Person hat sich nur die entfernteste Spur eines Verdachts ermitteln lassen. Sie hat mir heute, jedoch erst nach mehrfachen Widersprüchen, bekannt, daß Sie ein Kind geboren, daß Sie das Kind heimlich geboren, daß das Kind bald nach seiner Geburt verschwunden ist. Dies alles ist etwa zu derselben Zeit geschehen, in welcher hier das ermordete Kind in das Wasser geworfen ist. Sie behauptet nun zwar, daß Sie das Kind nicht hier, sondern in Köln geboren, daß Sie verheiratet sei, daß Ihr Mann das Kind mit sich genommen. Aber all diese Umstände sind völlig unerwiesen. Sie hat mir, um ihnen nur einen Schein von Glaubwürdigkeit geben zu können, einen noch unglaublicheren Roman erzählt.«

»Aber sie können«, unterbrach ihn die Inkulpatin, »sie werden bewiesen werden.«

»Es ist möglich, es ist auch nicht möglich. Bis dahin bleibt Sie verdächtig, und demnach fordert das Gesetz, daß ich Sie in Haft nehme, bis die Beweise erhoben sind und die Wahrheit Ihrer Schuld oder Unschuld vollständig ermittelt ist. Gerichtsschreiber, lassen Sie die Inkulpatin Anna Hallbauerin, verdächtig der Ermordung ihres Kindes, in das Gefängnis abführen.«

Das war ein Resultat, das die Unglückliche nicht erwartet hatte. Sie sank zusammen. »Mein Vater!« rief sie. »Was soll aus meinem blinden Vater werden?«

»Man wird für ihn sorgen, wie es sich gebührt«, sagte der Gograf. »Es möchte denn«, setzte der vorsichtige Kriminalrichter hinzu, »sich ergeben, daß er an Ihrem Verbrechen beteiligt wäre.«

»Mein Vater, mein armer, alter Vater ein Verbrechen? Er ist unschuldig wie ich. Um Gottes Barmherzigkeit, tun Sie ihm nichts.«

»Wenn er unschuldig ist, wird ihm nichts geschehen.«

»Er ist es, und auch meine Unschuld wird der Gott des Lichts und des Rechts an den Tag bringen.«

Sie wurde zum Gefängnis abgeführt.


* * *


Die Kriminaluntersuchung war, in Form der sogenannten Generalinquisition, gegen Anna Hallbauer eingeleitet.

Der Gograf Schirmer führte sie mit der Gründlichkeit, Rechtlichkeit und Umsicht des gewandten und pflichtgetreuen, aber auch mit der vollen Energie des strengen Krimmalrichters. Sie ergab Erfolge, die nicht zugunsten der Inkulpatin sprachen, vielmehr vielfach zum Nachteile gedeutet werden mußten. Der Gograf stellte Nachforschungen nach allen jenen Gegenden und Orten an, die zu den Angaben der Verdächtigen nur irgendwie in Beziehung standen. Diese Angaben bestätigten sich nicht; sie konnten entweder nicht bewiesen werden oder wurden gar geradezu widerlegt.

Die Witwe Klöpper in Köln, die Tante der Hallbauerin, wies die Beschuldigungen, ihrer Nichte als boshafte, undankbare Verleumdung zurück, und die Polizei in Köln stellte ihr ein gutes Zeugnis aus, worauf freilich auch der Gograf nicht viel Gewicht legte. Die damalige Sittenlosigkeit der rheinischen Metropole war ihm bekannt, ebenso die Regionen, in denen sie vorzüglich herrschte, und die Macht dieser Kreise. Den Domherrn, den die Aussage der Hallbauerin betraf, hatte sie nicht einmal benennen können; die Tante hatte seinen Namen vermieden. Wäre er aber auch bekannt geworden, weitere Ermittlungen wären nicht die Folge gewesen.

.Demgegenüber war das Zeugnis der Witwe Klöpper insofern noch besonders beschwerend für die Angeschuldigte, als jenes zugleich den Grund der Verleumdungen ihr Nichte dahin ergab, daß diese eine liederliche Person gewesen, die gern den Mannsleuten nachgelaufen sei und die, als sie, die Tante, sie deshalb strenger gehalten, sich heimlich von ihr entfernt habe. Sie habe sie vergebens zu ermitteln gesucht, endlich aber ihre Bemühungen aufgeben müssen, nachdem sie erfahren, daß das Mädchen sich ganz dem Laster in die Arme geworfen. Beweise hierfür konnte sie nicht angeben, andererseits konnte aber auch die Beschuldigte keinen Beweis für einen ordentlichen Lebenswandel, den sie in Köln geführt, beibringen. Daß sie mit einem Buchdrucker namens Fausting zusammen gelebt, wurde durch die Besitzer der Häuser, in denen sie gewohnt, festgestellt. Über ihr sittliches Verhalten aber konnten diese keine Auskunft geben, da sie sich nicht darum bekümmert hätten, der Aufenthalt auch immer nur ein kurzer gewesen sei. Das letztere wurde von der Angeschuldigten dadurch erklärt, daß sie, um den Nachstellungen der Tante zu entgehen, öfter die Wohnungen habe wechseln müssen. Damit wollte sie auch erklären, daß sie ihre Wohnung stets in den entlegensten, zuweilen gar in den berüchtigten Gassen gehabt hatte.

Der erheblichste, gegen die Hallbauerin sprechende Umstand war der, daß in keiner Weise ihre Trauung mit dem Buchdrucker Fausting nachzuweisen war. Die Personen, welche sie während ihres Zusammenlebens mit demselben gekannt, wußten nichts davon, daß sie dessen Frau gewesen, und weder sie selbst noch er hatten sich dafür ausgegeben. Sie führte als Grund dafür wieder an, daß sie als Frau des Fausting leichter der Entdeckung ausgesetzt gewesen sei. Das Franziskanerkloster in der Severinstraße existiert zwar, es hatte auch ein Mönch, der Pater Franziskus aus Straßburg im Elsaß, darin gelebt. Allein dieser war schon seit Neujahr tot, und er hatte weder jemandem mündlich mitgeteilt noch eine schriftliche Notiz hinterlassen, daß er irgend jemals eine Trauung vorgenommen habe. Der Umstand, daß die Inkulpatin auch hier einen bereits Verstorbenen als Zeugen angegeben, mußte einen nicht geringen, neuen Verdachtsgrund gegen sie darstellen. Zwar war der Mönch seit ihrer Abwesenheit von Köln gestorben, aber wie leicht konnte sie auch abwesend seinen Tod erfahren haben, wenngleich sie das bestritt.

Endlich war sie auch nicht imstande zu beweisen, daß sie in Köln ein Kind zur Welt gebracht oder wo ihr Kind geblieben sei. Daß eine alte Frau namens Lene in der letzten Zeit mit ihr verkehrt, wurde als richtig befunden, weiter aber in dieser Beziehung nichts ermittelt. Die Angeschuldigte hatte sich vor den Leuten wenig blicken lassen, man hatte sie fast nur des Abends im Dunkeln gesehen, und man hatte daher auch nicht einmal auf ihren Körperzustand achten können.

Von Alphons Fausting war keine Spur aufzufinden, er hatte Köln zu gleicher Zeit mit der Angeschuldigten verlassen. Es hieß, er sei in seine Heimat nach Straßburg gegangen. Aber alle weiteren Nachrichten von ihm fehlten. Sein Vater hatte allerdings in Straßburg eine Druckerei besessen, es war ihm aber in letzter Zeit schlecht gegangen, seine Gläubiger hatten ihm sein gesamtes Eigentum verkaufen lassen, und der alte Mann war darauf vor Gram gestorben. Dies war im Herbst des verflossenen Jahres gewesen, ungefähr um dieselbe Zeit, da sein Sohn von Köln in Straßburg hatte eintreffen können. Eine Schwester Faustings war in Straßburg verheiratet gewesen, an einen Franzosen; sie war aber schon kurz vor dem Tode des Vaters mit ihrem Manne fortgezogen, wie es hieß, in das Innere von Frankreich. Weiter wußte man nichts von ihr.

Das war es, was in der bisherigen Untersuchung ermittelt war. Erwägt man die damaligen mangelhaften Zustände der polizeilichen Einrichtungen wie der internationalen Beziehungen, so wird man sich sagen müssen, daß weitere Nachforschungen nach dem, was noch im dunkeln geblieben war, notwendig fruchtlos ausfallen mußten.

Nach allem blieb ein Verdacht auf der Angeschuldigten haften. Es stand fest, daß sie, ziemlich in der Zeit dieses Verbrechens, Mutter eines Kindes geworden und daß dieses Kind nach ihrer eigenen Angabe spurlos verschwunden war. Sie hatte sowohl über dessen Verbleiben als Geburt und über manche andere Umstände Angaben gemacht, die nicht im geringsten zu erweisen, vielfach sogar sehr unwahrscheinlich waren. Sie hatte einen Roman aufgestellt, das allergefährlichste für einen Angeschuldigten. Dazu hatte sie gleich zu Anfang des Verfahrens mit der Wahrheit zurückgehalten, sich sogar in Widersprüche verwickelt. Endlich kam nicht unerheblich in Betracht die Aussage der alten, tauben Bäuerin, welche die weiße Gestalt nach dem Teiche im Schloßgarten sich hatte bewegen sehen. Die Frau hatte zwar in der Angeschuldigten jene Gestalt durchaus nicht wiedererkennen können, aber sie blieb dabei, daß die Erscheinung von der Richtung des Hallbauerschen Hauses hergekommen sei, und es ermittelte sich auch auf näheres Befragen, daß sich der Vorfall zu Ende Oktober, möglich auch zu Anfang November, kurze Zeit nach der Rückkehr der Hallbauerin von Köln, ereignet habe.

Und was konnte die Angeschuldigte allen diesen Verdachtsgründen gegenüberstellen? Daß sie bei ihrer ersten Vernehmung nur aus Befangenheit und weiblicher Scham anfangs mit der Wahrheit zurückgehalten, hatte einen Schein für sich. Wenn sie aber im weiteren nur vorbringen konnte, es sei eine sonderbare unglückliche Verknüpfung von Umständen, die es ihr unmöglich machen, ihre Behauptungen zu erweisen, so konnte und mußte der Inquirent mit Recht ihr dagegen bemerklich machen, daß es eine der gewöhnlichsten Ausreden der Verbrecher für ihre Lügen sei, es verfolge sie ein besonderes Unglück, daß sie ihre Angaben nicht beweisen könnten.

Der Standpunkt des Strafprozesses war zu jener Zeit in Deutschland bezüglich des Beweises der, daß eine Strafe nur auf vollen Beweis erkannt werden konnte, voller Beweis aber nur dann angenommen wurde, wenn mindestens zwei völlig glaubwürdige Zeugen übereinstimmend die Tat selbst und direkt gegen den Angeschuldigten bekundeten oder wenn der Angeschuldigte über diese ein vollständiges gerichtliches Bekenntnis ablegte. Fehlte ein solcher Beweis, so konnte nur noch Verdacht dasein, und es wurde je nach der Stärke dieses Verdachts entweder auf Tortur oder auf einen Reinigungseid erkannt. Überstand der Beschuldigte die Tortur, ohne ein gültiges Bekenntnis abzulegen, oder leistete er den Eid, so wurde er freigesprochen; leistete er den Eid nicht, so verfiel er der Tortur.

In der Untersuchungssache gegen die Hallbauerin war der Richter, der Gograf Schinner, der auch den Blutbann hatte, im Zweifel, ob er auf die Tortur oder auf den Reinigungseid erkennen solle. Ein unerwarteter Umstand gab den Ausschlag.

Die Schnur, die am Hals der Kindesleiche gefunden worden, war ein gewöhnlicher Bindfaden; sie hatte zu weiteren Ermittlungen nicht führen können. Außerdem hatte man trotz der sorgfältigsten Nachforschungen weder in dem Teiche noch später in der Hallbauerschen Wohnung irgendeinen Gegenstand aufzufinden vermocht, der zu einer Entdeckung oder Überführung des Urhebers des Verbrechens dienen konnte. Während der Untersuchung aber, nach einem heftigen Gewitter, welches in der Nacht stattgefunden und das Wasser des Teiches aufgewühlt, hatten Leute am andern Morgen zufällig auf dem Teiche ein Stück weißer Leinewand schwimmen sehen, es herausgefischt und dem Gerichte übergeben. Dieses Stück Leinewand, grob und zerrissen, trug auch Spuren einer Zerstörung an sich, die darauf schließen ließen, daß sie von einem Stein oder einem ähnlichen Gegenstand herrührten, so daß man zu dem weiteren Schlüsse berechtigt wurde, in diese Leinewand eingewickelt und an einen Stein befestigt, sei die Kindesleiche in den Teich geworfen worden. Andererseits war, trotz jener Beschädigungen, in der Leinewand noch ein eingezeichneter Buchstabe zu erkennen. Zwar nicht ganz genau, denn man konnte zwischen einem lateinischen F und S schwanken, indem gerade in der Mitte, wo der Strich eines F sich befinden mußte, eine Lücke vorhanden war. Allein der Richter glaubte sich um so mehr für den Buchstaben F entscheiden zu müssen, als bei einer Nachsuchung unter den Sachen der Inkulpatin sich Namenseinzeichnungen fanden, die aus einem mit jenem Buchstaben, soweit er noch da war, sehr ähnlichen F bestanden. Die Erwiderung der Angeschuldigten, daß das lateinische F und S bis auf den Mittelstrich des F bei Einzeichnungen in Leinewand gewöhnlich dieselbe Form hätten, auch daß diese Buchstaben, die fast überall nach einem und demselben gedruckten und sehr verbreiteten Muster gezeichnet würden, wurde dagegen als gewichtslos angesehen.

Der Gograf Schirmer zog seinen Kommentar der »Peinlichen Gerichtsordnung« zu Rate; und als gewissenhafter Richter konnte er zu keinem andern Resultate der bisherigen Untersuchung gelangen als zur Erkennung der Spezialuntersuchung gegen die Hallbauerin – und demnächst weiter zu folgendem Urteil:

»Gestalten Anna Margareta Christiana Hallbauerin der Tötung ihres wahrscheinlich im Monate Oktober des vergangenen Jahres neugeborenen Kindes durch mancherlei in deren Akten vorhandenen Indizien also genugsam beschwert und verdächtig erscheint, daß man der ihr angeschuldigten unmenschlichen Tat zu derselben sich wohl versehen kann; gestalten ferner, wider Missetäter, welche der wider sie vorhandenen schweren Anzeigungen ohnerachtet zu freiwilligem Geständnis nicht zu bewegen sind, peinliche Erforschungsmittel anzuwenden, die boshafte Taten verabscheuende und aller Eifer in Ergründung der Wahrheit vorschreibende Gerechtigkeit erfordert, so ist derowegen die Inquisitin Anna Margareta Christiana Hallbauerin nochmalen in Güte, jedoch im Beisein des Scharfrichters mit seinen für Peinlichkeit gehörigen Werkzeugen, zum Geständnis der reinen Wahrheit unter der Verwarnung, daß sie ihrem Leibe keine vergebliche Marter zuziehen möge, allen Ernstes zu vernehmen und sodann zu befragen:

1. Ob nicht Inquisitin um die Oktoberzeit des vergangenen Jahres ihr neugeborenes Kind getötet und den Körper desselben dem Teiche an dem freiherrlichen Schloßgarten zu Sanden dem Wasser übergeben habe;

2. ob nicht und welche Anstifter oder Gehilfen Inquisitin zu solchem Verbrechen gehabt habe.

Dafern aber gleichwohl Inquisitin bei ihrem bisherigen Leugnen beharren sollte, ist sie dem Scharfrichter dergestalt zu übergeben, daß dieser sie möge ausziehen, zur Marterbank führen, die Daumenstöcke anlegen und damit wirklich zuschrauben, auch, wo diese nichts fruchten sollten, die spanischen Stiefel anlegen und damit ebenermaßen zuschrauben, jedoch daß es für dieses Mal dabei verbleibe und mit Inquisitin Weiteres nicht fürgenommen werde, wobei dann dieselbe über vorstehende zwei Artikel zu vernehmen. Im Fall nun Inquisitin auf diese Weise zur Bekennung der reinen Wahrheit gebracht werden sollte, ist ihr solche des anderen oder dritten Tages danach an ordentlicher Gerichtsstelle und vor besetzter Gerichtsbank wieder vorzuhalten und allen gebührenden Fleißes niederzuschreiben. Ergeht darauf, und wenn solches geschehen, die Inquisitin auch mit ihrer Verteidigung gehört worden, ferner, was Recht ist. Von Rechts wegen.«

Es war nach den Gesetzen und nach dem Gerichtsbrauch ein mildes Urteil.

Als es der Hallbauerin eröffnet war, rief sie: »So wahr ein Gott im Himmel ist, ich bin unschuldig!« Dann fiel sie in Ohnmacht.

Die Erinnerung an die Folter und ihre Greuel ist schnell verschwunden. Daumenstöcke oder Daumenschrauben sind zwei eiserne Stäbe, welche durch eine Schraube miteinander verbunden sind. Zwischen sie wurde der Daumen der Länge nach gesteckt und nun die Schraube angezogen und dadurch der Daumen gepreßt und gequetscht, bis der Inquisit ein Geständnis ablegte oder in Ohnmacht fiel und das Bewußtsein verlor oder der Richter es für notwendig erachtete, von dieser geringeren Marter der Tortur zu einer schwereren, noch schmerzhafteren überzugehen. Spanische Stiefel, Beinstöcke, Beinschrauben bestehen in einem breiten eisernen Bande, in der Gestalt eines Steigbügels, in welchem gleichfalls eine Schraube angebracht ist. Es wurde dem Inquisiten in der Art um die Wade gelegt, daß ein eiserner oder hölzerner Querriegel über das Schienbein lief. Durch das Anziehen der Schraube wurde nun der innere Raum der Stiefel allmählich verengt, oder, wie der Kunstausdruck war, »die Stiefel wurden zugeschnürt«, und Waden und Schienbein würden so auf das schmerzhafteste gedrückt und gequetscht. Um den Schmerz lebhafter zu erhalten, »damit nicht bei zu lange anhaltenden Schmerzen eine völlige Unempfindlichkeit entstehe«, öffnete man die Stiefel von Zeit zu Zeit und schnürte sie nach Augenblicken wieder zu, auch pflegte wohl der Henker durch Klopfen darauf, das »Klappern« genannt, ihre Wirkung zu erhöhen.

Es waren acht Tage seit der Eröffnung des »Erkenntnisses auf die peinliche Frage« an Anna Hallbauer verflossen, als fast das ganze Dorf Sanden in später Abendzeit, gegen Mitternacht hin, noch wach und in Aufregung war. Es war eine stille, unterdrückte, unheimliche Aufregung. Die Leute lagen in den Fenstern oder standen in der ruhigen warmen Augustnacht vor den Häusern der Straße. Aber niemand sprach ein Wort, oder man flüsterte nur leise. Wenn das Flüstern einmal zu laut werden wollte, wurde angelegentlich Stille geboten. Alles horchte; man horchte in die Nacht, in die Ferne hinein, man wollte keinen Laut verlieren. Wenn aber ein Laut vernommen wurde, fuhr alles zusammen, und man hörte ängstliche Töne des Grausens und des Mitleids der Horchenden. Es waren aber auch entsetzliche Laute, die durch die Stille der Mitternacht das Ohr der Horchenden trafen.

Viele Einwohner des Dorfes standen in der Nähe des Amtshauses beisammen. Von dem Amtshause her kamen jene Laute des Entsetzens, und die dort beisammenstanden, hörten sie deutlich, sie brauchten nicht erst zu horchen. Das Amtshaus lag am Ende des Dorfes; es war die Dienstwohnung des Amtmanns. Nicht weit von demselben stand das kleinere Gebäude, worin auch die gerichtliche Amtsstube und unter dieser, in einem tiefen Keller, die sogenannte Marterkammer war, in welcher die zur Tortur erforderlichen Werkzeuge aufbewahrt lagen und die Folter selbst vollzogen wurde. Keinem mit peinlicher Gerichtsbarkeit versehenen Gerichte durfte damals die Marterkammer fehlen.

In der Marterkammer wurde gefoltert. Aus der Erde heraus, drang das Angst- und Wehgeschrei der Gefolterten. Diesen Schmerzenstönen horchten mit blassen Gesichtern die Bewohner des Dorfes Sanden. Die Anwendung der Tortur war im Gogerichte Sanden immer ein seltenes Ereignis gewesen, und immer hatte sie die einfachen, sittlichen Landleute mit Schaudern und Entsetzen erfüllt. Heute sollte dies besonders der Fall sein. Nur freche, verstockte und hartherzige Diebe und ähnliche Verbrecher hatte man früher in der Marterkammer unter den Händen des Henkers stöhnen und schreien hören. Heute waren es die Schmerzenslaute eines jungen, schwachen Weibes, die das Ohr der Lauschenden zerrissen.

Anna Hallbauer hatte auch nach der Publikation jenes Urteils kein Bekenntnis ihrer Schuld abgelegt. War sie unschuldig? Oder, da sie wohl wußte, daß die Strafe des Kindesmordes Enthauptung durch die Hand des Scharfrichters war, war ihre Liebe zum Leben zu groß, als daß sie sich entschließen konnte, ihre Schuld einzugestehen? Das eine oder das andere sollte ja noch erwiesen werden durch die Folter, durch den Versuch, ob das schwache Weib dem furchtbarsten körperlichen Schmerze nicht erliegen müsse, ob dieser sie nicht zwingen müsse, selbst unschuldig sich dem Tode durch Henkershand zu überliefern.

Der Gograf hatte den Scharfrichter von Münster kommen lassen. Der Scharfrichter, »der Vetter des Richters«, war zwar zu jener Zeit keine seltene Person; selbst die Höfe der Fürsten konnten ihn nicht entbehren, und noch im Jahre 1836 konnte man in dem Adreßkalender der Stadt Königsberg in Preußen einen »Hofscharfrichter« aufgeführt finden. Aber das Gogericht Sanden hatte es bis zu einem eigenen Scharfrichter nicht gebracht.

Der Scharfrichter von Münster war schon seit vier Tagen da. Nach Vorschrift des Urteils war die Inquisitin in seiner und der Marterwerkzeuge Gegenwart zuerst nochmals in Güte befragt worden. Sie war bei der Beteuerung ihrer Unschuld geblieben. In der nächsten Nacht – die Folter wurde gewöhnlich des Nachts vollstreckt – war sie in die Marterkammer geführt worden. Sie hatte das Bewußtsein verloren, als sie in dem dumpfen, nur dunkel erleuchteten Keller den Gografen und den Gerichtsschreiber und hinter ihnen den Scharfrichter mit seinen Henkersknechten und vor ihnen ausgebreitet die Werkzeuge der Marter, alles nur auf sie wartend, gesehen hatte. Man hatte sie wieder zu sich gebracht und sie noch einmal in Güte befragt; sie hatte Gott, die Engel und alle Heiligen zu Zeugen ihrer Unschuld aufgerufen. Der Scharfrichter hatte ihr die Daumenschrauben angelegt, einer seiner Knechte die Schrauben angezogen, ein anderer die Inquisitin gehalten. – Doch ich will meine Leser nicht martern mit der Beschreibung der Marter jener »Gerechtigkeit«. Und es ist nur die Beschreibung, nein, es ist nur die Andeutung einer Beschreibung von dem, was man damals schon seit vielen Jahrhunderten und noch viele Jahre lang tagtäglich in dem zivilisierten Europa »als Recht« tat. Wie vieles, wenn auch nicht gleiches, so doch ähnliches, muß noch heutzutage in dem nämlichen zivilisierten Europa den nämlichen Namen des Rechts führen!

Anna Hallbauer liebte das Leben und hatte so viel Recht dazu. Sie hatte einen Vater, dem sie Stütze und Pflegerin war; wenn sie die Wahrheit gesagt, so hatte sie einen geliebten Gatten und ein teures Kind. Und dann, sie war noch so jung! Aber der entsetzliche Schmerz überwand die Liebe zum Leben. – Sie bekannte.

»Hört auf, hört auf«, rief sie, »ich will alles bekennen, was Ihr wollt!«

»Hört auf«, befahl der Gograf dem Henker.

Aber dieses Aufhören bestand nach dem Rechte nicht darin, daß der Henker mit dem Foltern nachließ, sondern nur darin, daß er nicht zu stärkeren Martern überging. Die Schmerzen der Gefolterten dauerten fort.

»Was hast du zu bekennen?« fragte sie der Gograf. Die Inquisitin konnte nach dem Gerichtsgebrauche nur mit du angeredet werden. »Hast du dein Kind um das Leben gebracht?«

Die Hallbauer schauderte.

»Ja!« preßte sie hervor.

Konnte das elende, schwache, zartorganisierte Weib anders?

»Hattest du Gehilfen?«

»Nein!«

»Besinne dich! Auch auf diese Frage ist die Folter gegen dich erkannt.«

»Nein, nein! Ich will sterben. Ich will, ich muß ja! Aber kein anderer soll um meinetwillen unschuldig leiden.«

»Henker, fahrt fort.«

»Ja, ja!« schrie die Unglückliche.

»Also du hattest Gehilfen?«

»Ja, ja, wenn es nicht anders sein kann.«

»Du sollst, du darfst nur die Wahrheit sprechen! Wer hat dir geholfen?«

»Mein Mann«, sagte die Unglückliche.

Sagte sie es im Wahnsinne des Schmerzes oder in der Überzeugung, daß ihr Mann weit fort, daß sein Aufenthalt nicht einmal bekannt, daß er jedenfalls für den Arm der Gerechtigkeit in Sanden unerreichbar sei?

Wie viele tausend ähnliche unwahre Bezichtigungen hat der Schmerz der Folter ausgepreßt!

»Nicht auch dein Vater?« fragte der Gograf noch.

»Nein, um Gottes willen, nein!«

Der Gograf besann sich einen Augenblick. »Dem richterlichen Urteile ist Genüge geschehen«, sagte er dann. »Man führe die Inquisitin in ihre Haft zurück.«

Die Gerichtsknechte mußten die halb Leblose in ihr Gefängnis tragen.

Nach dem Gesetze durften in der Marterkammer keine weiteren Fragen ah sie gestellt werden. Man mußte sich mit ihrem einfachen Bekenntnis begnügen. Erst am zweiten oder dritten Tage nachher, wie es auch ausdrücklich in dem Urteile vorgeschrieben war, wenn der Schmerz nicht mehr unmittelbar einwirkte, durfte, und zwar in der ordentlichen Gerichtsstube, ein ausführliches Verhör über das in der Folterkammer abgelegte Geständnis mit ihr vorgenommen werden. Dies müßte zu dem Zwecke geschehen, um ein völlig gültiges Geständnis, die sogenannte Urgicht, von ihr zu erhalten. Die Inquisitin war an dem zweiten Tage zu dem Verhör vorgeführt. Die Liebe zum Leben war mit ihrer vollen Gewalt in das arme Weib zurückgekehrt; sie wollte, sie konnte nicht sterben, so jung, durch die Hand des Henkers. Sie widerrief ihr Geständnis, ihre Bezichtigung.

Nach dem Gesetze wie nach dem Urteile müßte die »Peinlichkeit« mit ihr, fortgesetzt werden. Es war nur damals ein Zweifel unter den Kriminalisten darüber, ob diese Fortsetzung mit Wiederholung derjenigen Marter, unter welcher das Geständnis abgelegt war, oder sogleich mit dem Weitergehen zu der erkannten schwereren Marter beginnen müsse. Der Gograf hatte sich für jene Meinung als die mildere entschieden. Die mildere! Mit neuer Zerbrechung der schon zerbrochenen Gliedmaßen sollte wieder angefangen werden.

Der Scharfrichter von Münster hatte, in Erwartung des möglichen Ausbleibens der »Urgicht«, in Sanden verbleiben müssen.

Die Nacht, in welcher die Bewohner des Dorfes Sanden teils im Dorfe an ihren Häusern, teils in der Nähe des Amtshauses entsetzt den Tönen eines entsetzlichen Schmerzes lauschten, hatte die Inquisitin Anna Hallbauer wieder in die Marterkammer geführt, wo Richter, Gerichtsschreiber, Henker und Marterinstrumente ihrer harrten.

Die Peinigung dauerte schon eine halbe Stunde. Wie oft hatte in dieser Zeit heller, fürchterlicher Schmerzensruf die Luft durchschnitten, in der weiteren Entfernung durchzittert, in der stillen, dunklen Nacht doppelt Grauen und Entsetzen erregend! Ein Beweis, daß die Unglückliche noch immer den Widerruf ihres Bekenntnisses nicht zurückgenommen hatte.

Es war eine Pause entstanden. Einen letzten, furchtbaren, das Herz der Horchenden zuschnürenden Schrei hatte man gehört. Darauf war es still geworden. Die Leute standen überall lautlos, in Angst, in Furcht, selbst in Hoffnung – in einer unbestimmten Hoffnung. Hatte der Gograf, obwohl die Inquisitin kein Bekenntnis abgelegt, die Folter als nur noch fernere nutzlose Grausamkeit einzustellen befohlen? Oder hatte die Inquisitin von neuem bekannt? Oder hatte gar ein plötzlicher Tod der zu Tode Gemarterten allen ihren Leiden und Qualen ein Ende gemacht?

Auf einmal ertönte ein neuer Schrei aus der Tiefe der Marterkammer hervor. Die Leute fuhren zusammen, noch tief hinten im Dorfe.

»Das ist der spanische Stiefel!« flüsterte man sich mit angehaltenem Atem zu.

Der Schrei wiederholte sich, lange anhaltend; er wollte nicht aufhören.

Die Menschen in der Nähe des Amtshauses wichen unwillkürlich zurück.

Zu ihnen trat jemand, der einsam in der Nacht auf der vorbeiführenden Landstraße daherkam.

»Was gibt es hier, ihr Leute?« fragte der Wanderer in fremd klingender deutscher Mundart.

»Eine Kindesmörderin wird dort peinlich befragt«, antwortete man ihm.

Den Ausdruck kannte damals jedermann.

Der fremde Wanderer war ein kräftiger junger Mahn mit einem hübschen, frischen, von einer gewissen freudigen Hoffnung strahlenden Gesichte. Sein Gesicht erbleichte wie von einer finsteren Ahnung, als er die Antwort vernommen hatte.

»Wer ist die Unglückliche?« fragte er hastig.

»Eine Frauensperson aus dem Dorfe, Hallbauerin heißt sie.«

Der kräftige junge Mann wäre beinahe umgesunken. »Anna Hallbauer? Anna, eine Kindesmörderin? Das ist nicht wahr!« rief er.

»Kennt Ihr sie, Landsmann?«

Der Fremde antwortete nicht. Er stürzte an das Gittertor, das den Amtshaushof von der Straße trennte; es war verschlossen. Er riß und schüttelte vergeblich daran und mußte aufhören.

In der Marterkammer war es still geworden, kein Schrei drang mehr daraus hervor. Durch die Stille der Nacht hörte man ein Schlagen von Türen.

Hatte man endlich die Unglückliche zu Tode gemartert?

Die Menschen draußen vor dem Amtshausplatze standen in ängstlich gespannter Erwartung, auch der Fremde, der still und ruhig wie die anderen geworden war.

Nach einer Weile wurden Gestalten auf dem Amtshofe sichtbar. Einer aus der Menge rief durch das Gittertor hinüber: »Was ist's mit der Hallbauerin?«

»Je nun«, antwortete eine träge Stimme, wahrscheinlich die eines während der Marter schläfrig gewordenen Gerichtsknechts, »je nun, was wird's sein? Sie hat mal wieder gestanden, und da hat das Gericht die peinliche Frage für heute aufgehoben.«

Die Menge zerstreute sich. Als man sich nach dem Fremden umsah, war er verschwunden.

Das war kurz nach Mitternacht gewesen. Etwa vier Stunden später, als die erste Morgenröte den Himmelsrand streifte, war ein junger Mann vorsichtig über die Mauer gestiegen, die von allen Seiten den Amtshof umschloß. Es war der Fremde, der in der Nacht vergeblich das Gittertor zu öffnen versucht hatte. Im Innern des Hofes angelangt, hatte er sich nicht minder vorsichtig nach dem Gebäude der Amtsstube gewandt, eine Zeitlang nach Mauer und Fenster hinaufgeblickt und endlich in. der Mitte zwischen zwei nebeneinander befindlichen schwervergitterten engen und schmalen Fenstern haltgemacht. Zu einem der Fenster kletterte er an der Mauer hinan; er klopfte einige Male leise an das alte, verwitterte Glas; er rief den Namen Anna, bekam aber keine Antwort. Durch das trübe, dicke Glas in der Mauer zu sehen war nicht möglich, auch wenn die Schatten der Nacht schon völlig entschwunden gewesen wären. Der junge Mann verließ das Fenster. Er kletterte an dem zweiten nebenan hinauf. Er klopfte auch dort leise an, rief auch dort den Namen Anna in den dunklen Raum hinein und hörte in diesem sich etwas bewegen. »Anna!« rief er lauter.

Eine schwache Stimme antwortete, aber es waren unverständliche Laute, die er vernahm. Er erkannte gleichwohl die Stimme.

»Anna, Anna«, rief er, »ich bin's, Alphons.«

»Alphons!« schrie die Stimme in dem Kerker auf; laut, durchdringend, aber mit der letzten Anstrengung ihrer erschöpften Kraft.

Der junge Mann hatte seine Vorsicht vergessen, er schlug mit der Faust in das Fenster, daß die Scherben klirrend in den Kerker hineinflogen.

»Anna, mein Weib, du lebst noch, du bist den Martern der Unmenschen nicht erlegen?«

»Ich lebe, Alphons, aber unser Kind! Wo ist es, lebt es?«

»Es lebt.«

»Ist es hier?«

»Ich mußte es in Straßburg zurücklassen.«

»0 eile, fliehe, Alphons, hole es.«

»Ich führe dich zu ihm, Anna. Ich bin gekommen, dich abzuholen. Ich habe mir endlich nach den ungeheuersten Schwierigkeiten und Anstrengungen eine Existenz in meiner Heimat verschaffen können; ich führe dich hin. Ich befreie dich aus dem Kerker.«

»Unglücklicher«, rief die Frau, »fliehe und hole unser Kind. Sie würden dich wie mich ermorden, als seinen Mörder.«

»Aber, Anna, es lebt!«

»Du kennst diese Unmenschen nicht, du kennst diese Grausamkeit nicht, die sie Gesetz, die sie ihr Recht nennen.«

Der junge Mann lachte trotz seines Schmerzes.

Aber die Unglückliche rief ihm flehend zu: »Ich beschwöre dich, Alphons, eile, unser Kind herbeizuschaffen, wir sind sonst beide verloren. Wisse, ich habe in dem Wahnsinn des Schmerzes heute schon zum zweiten Male mich und dich als die Mörder unseres Kindes angegeben. Verzeihe es mir, Alphons! Ich konnte nicht anders. Oh, wenn du diese furchtbaren Qualen kenntest! Aber eile, ich beschwöre dich!«

Der junge Mann lachte nicht mehr, er wollte mit ernsten Gründen der unglücklichen Frau das Unmögliche einer Gefahr für ihn und eines ferneren Verfahrens gegen sie auseinandersetzen. Ein Geräusch dicht hinter ihm, ein derber Griff, der ihn aus dem Fenster riß, unterbrachen ihn. Zwei Gefängnisknechte, wahrscheinlich geweckt durch das Klirren der eingeschlagenen Scheiben, hielten ihn und führten ihn, seines Sträubens und Protestierens ungeachtet, zum vorläufigen Verwahrsam in das Amtsgebäude ab.


* * *


Etwa sechs Wochen später saß der Gograf Schirmer eines Morgens sehr nachdenklich, dem Anscheine nach zugleich verstimmt, in seiner Stube. Er war nicht in seiner Amtsstube, er hatte keine Akten vor sich. Sein Nachdenken mochte daher etwas anderes als Geschäfte, wenigstens nicht diese allein, betreffen und so auch seine Verstimmung andere Gründe als bloß geschäftliche haben. Dergleichen Gründe lägen in der Tat nicht fern. Es war im Anfange des Monats Oktober, zu Ende des Monats Mai war seine Familie nach dem Bade Ems abgereist, und noch immer war sie nicht zurück. An eine solche lange Abwesenheit der Seinigen war nun zwar der Gograf seit langen Jahren gewohnt, allein diesmal dauerte die Abwesenheit aus dem Grunde so lange, weil der Gesundheitszustand seiner jüngsten Tochter Marianne sich noch immer nicht gebessert, nach den Briefen der Mutter vielmehr sogar sich verschlimmert hatte. Marianne war die Lieblingstochter des Gografen, sie hatte ein sanfteres, sinnigeres Gemüt, sie hatte mehr Liebe und Anhänglichkeit an den Vater gezeigt, als dies bei der leichtsinnigeren, der Mutter ähnlicherer! älteren Tochter Ludmilla der Fall gewesen war. Die traurigen Nachrichten über sie hatten ihn um so mehr betrübt. Dazu war er seit einiger Zeit noch in eine besondere Unruhe versetzt und zwar gleichfalls durch die jüngere Tochter und um derentwillen.

Er hatte, außer, der Zeit der gewöhnlichen Korrespondenz seiner Frau, einen Brief aus Ems empfangen, der bloß einige Zeilen von seiner Tochter Marianne enthielt. Die Zeilen hatten nur eine kurze, aber desto angelegentlicher vorgetragene Anfrage ausgesprochen. Zufällig habe sie von einer Dame aus Münster, welche durch Ems gereist, erfahren, daß in Sanden gegen eine Person eine Untersuchung wegen Kindesmordes schweben solle. Die Dame habe ihr nichts Näheres darüber mitteilen können, sie, Marianne, bitte ihren Vater nun dringend, daß er ihr doch Nachricht geben möge, aber nur ihr, nicht auch der Mutter und Schwester.

Wozu wollte die Kranke diese Nachricht? Warum schrieb sie besonders und so dringend darum? Warum so geheimnisvoll, daß Mutter und Schwester nichts davon erfahren sollten? Der Gograf hatte auf das alles keine Antwort; er war nicht der Mann, der mit Nichtbeteiligten über Amtssachen sprach, er hatte daher über die Untersuchung der Hallbauerin nie etwas nach Ems geschrieben. Und da die Seinigen keine Domestiken von Hause dorthin mitgenommen, auch sonst mit der Heimat nicht korrespondierten, so war es erklärlich, daß ihnen von der Untersuchung gar nichts bekannt geworden war. Der kranken, lieben Tochter antwortete der Gograf, indem er ihr den Stand der Untersuchung mitteilte und daß er hoffe, sie bald zu Ende zu bringen.

Es waren beinahe vierzehn Tage vergangen, seitdem er diese Antwort nach Ems abgeschickt hatte. Er hatte an demselben Morgen, an welchem er nachdenklich und verstimmt in seiner Stube saß, einen Brief von seiner Frau erhalten, der ihn in eine neue, größere Unruhe versetzt hatte. Die Gogräfin fragte bei ihm an, was er denn an Marianne geschrieben, diese habe dieser Tage einen Brief von ihm erhalten, der sie in die heftigste Aufregung versetzt und ihren Zustand in hohem Grade verschlimmert habe; sie liege seitdem in Fieber und phantasiere fast fortwährend. Den Brief habe sie sofort zerrissen und die Stücke verbrannt; über seinen Inhalt wolle sie nichts mitteilen.

Der Gograf mochte zu einem Resultate seines Nachdenkens nicht gelangen können, er stand mit einem schweren Seufzer auf und verließ, noch immer nachsinnend, die Stube. Er verließ auch das Wohnhaus und begab sich quer über den Hof nach dem Seitengebäude, in welchem die Amtsstube war. Und sowie er dieses Gebäude betreten hatte, war er auf einmal ein anderer Mensch, war er wieder nur Beamter, der strenge Richter. Kein Zug von trübem Nachdenken mehr in seinem Gesichte. Er setzte sich in der Amtsstube auf seinen gewöhnlichen Platz; er nahm ein mächtiges Aktenstück vor, das dort auf dem Tische für ihn bereitlag. Ein Untervogt war ihm beim Eintreten gefolgt und still und steif an der Türe stehengeblieben, um ehrerbietig die Befehle des gestrengen Herrn Gografen zu empfangen.

»Der Gerichtsschreiber und die Schöffen sollen kommen«, befahl der Gograf.

Der Vogt entfernte sich. Nach einer Minute traten der Gerichtsschreiber und die beiden Gerichtsschöffen, die zur besetzten peinlichen Gerichtsbank gehörten, ein, hinter ihnen wieder der Vogt.

»Inquisit Alphons Fausting ist vorzuführen«, befahl der Gograf weiter.

Der Vogt entfernte sich noch einmal. Nach einiger Zeit wurde durch ihn und den Gefängnisknecht der Inquisit hereingeführt. Die beiden Unterbeamten verließen auf einen Wink des Gografen das Gerichtszimmer.

Alphons Fausting hatte seit sechs Wochen, beschuldigt der Teilnahme an dem von der Hallbauerin verübten Kindesmorde, in den Gefängnissen des Amtshauses gelegen, er hatte in dieser Zeit vieles gelitten und erduldet. Gleichwohl erschien der kräftige junge Mann nicht geschwächt oder gar verfallen. Nur die gewöhnliche Blässe, welche ein längerer Aufenthalt in der dumpfen Gefängnisluft mit sich führt, lag auf seinem Gesichte. Im übrigen war seine Haltung gerade, sein Gang fest, und seine schwarzen, lebhaften Augen hatten nichts von ihrem Glänze und von ihrer Lebhaftigkeit verloren. Ihr ruhiger, klarer, furchtloser, fast stolzer Blick zeigte zugleich, wie die Kraft seines Körpers mit einer großen Kraft des Willens in Verbindung stehe. Sein ganzes Wesen verriet überhaupt einen Mann, der mehr innere und äußere Bildung besaß, als man selbst nach seiner Beschäftigung als Buchdrucker – in der damaligen Zeit – bei ihm voraussetzen konnte.

»Inquisit Alphons Fausting«, redete der Gograf mit der ruhigen, kalten Strenge des Inquirenten den Inquisiten an, der als solcher auch dem du des Richters verfallen war, »die Generaluntersuchung ist gegen dich abgeschlossen, die Spezialinquisition ist bereits eingeleitet. Du bist auch schon auf Artikel vernommen. Überall hast du das dir zur Last gelegte schwere Verbrechen abgeleugnet, gleichwohl sprechen nicht wenige sehr schwere Indizien gegen dich, und es hat daher das Urteil auf die peinliche Frage wider dich erlassen werden müssen. Bevor ich dir nun dasselbe publiziere, wollte ich noch einmal in Güte versuchen, ein Bekenntnis der Wahrheit von dir zu erhalten. Zu diesem Zwecke habe ich dich vorführen lassen. Solltest du noch immer verstockt bleiben, so würde ich dir alsdann sofort das Urteil publizieren müssen, und noch in heutiger Nacht würde, da der Scharfrichter gerade hier anwesend ist, mit der Tortur gegen dich verfahren werden müssen.«

Ruhig, wie der Richter gesprochen hatte, antwortete ihm der Inquisit: »Herr Gograf«, sagte er, »ich bin unschuldig, ich war ebenso völlig unschuldig wie das arme Geschöpf, mein Weib, das Sie nun schon seit beinahe fünf Monaten mit Ihren Martern hier quälen. Sie wollen auch mich jetzt auf die Folterbank spannen, Sie wollen auch mich durch den körperlichen Schmerz zwingen, daß ich gegen mich selbst und damit zugleich gegen mein braves Weib zum Lügner werde, daß ich uns beide unschuldig dem Schafott überliefere. Aber, Herr Gograf, Sie werden bei mir Ihren Zweck nicht erreichen. Sie haben keine schwache Frau vor sich, in welcher der furchtbare augenblickliche Schmerz selbst die unendliche Liebe zum Leben unterdrücken konnte. Ich widerstehe Ihren Qualen allen. Sie werden mich in Ihrer Folterkammer zu Tode martern können, aber ein Geständnis werden Sie nie von mir erpressen. Jetzt tun Sie, was Sie wollen. Hören Sie nur noch ein Wort von mir: Einst wird meine und meines Weibes Unschuld klarwerden; dann werden Sie selbst in Verzweiflung das Blut der Unschuldigen, das Sie vergossen haben, über Ihr Haupt rufen.«

Durch das feste, eiserne Gesicht des Gografen zog sich unwillkürlich eine Blässe. Es war ihm in seinem Amte vielleicht noch nie widerfahren. Wären ihm plötzlich die Briefe der Mutter und der Tochter in das Gedächtnis gekommen? Aber in welcher Verbindung standen sie denn mit den Worten des Inquisiten?

Ein menschliches Gefühl hatte nur für einen Augenblick in die geschäftlichen Gedanken des Richters sich eindrängen können.

»Inquisit«, sagte er, »ich folge meiner Amtspflicht, sie gebietet mir, noch einmal vor jenem Wege der Strenge, in Güte dir die sämtlichen Verdachtsgründe vorzuhalten, welche gegen dich vorliegen. Höre mir ruhig zu und antworte auf meine Fragen. Du hast einräumen müssen, mit der Inquisitin Anna Hallbauer über Jahr und Tag wie Mann und Frau zusammen gelebt zu haben. Ist es so?«

»So ist es«, antwortete Alphons Fausting, »aber wir waren getraut; wir sind Mann und Frau.«

»Du hast das nicht bewiesen, du hast es nicht einmal wahrscheinlich machen können.«

»Es ist ein Unglück für uns, daß der fromme Pater gestorben ist, der uns getraut hat, und daß ich später auf meinen Reisen in Frankreich den Trauschein verloren habe; aber meine Schwester hat beschworen, daß ich ihr ihn gezeigt, daß sie ihn gelesen hat.«

»Was jenes Unglück betrifft, Inquisit, so berief auch die Hallbauerin sich darauf, berufen sich alle Verbrecher darauf, wenn sie ihre Lügen nicht beweisen können. Deine Schwester aber, die jetzt ermittelt ist, hat nur ein Papier gesehen, das sie für einen echten Trauschein gehalten hat, für dessen Echtheit jedoch nichts feststeht. – Doch weiter. Du hast einräumen müssen, daß die Anna Hallbauerin im September vorigen Jahres ein Kind, einen Knaben, geboren hat. Dieses Kind aber ist spurlos verschwunden.«

»Herr Gograf«, sprach lebhaft der Inquisit, »das Kind ist nicht verschwunden. Meine Schwester, mein Schwager, die Sie früher nicht hatten ermitteln können, haben es mit einem Eide bekräftigt, daß ich ihnen im November vorigen Jahres mein Kind, das wir nicht fremden Leuten in Köln überlassen wollten, das meine Frau hierher nicht mit sich nehmen konnte und das ich unter den größten Beschwerden mit mir geführt hatte – daß ich ihnen dies Kind überbracht habe. Es lebt noch bei ihnen, wie die dortige Obrigkeit bestätigt hat.«

»Aber«, entgegnete ruhig wie immer der Gograf, »niemand hat behaupten, geschweige beschwören können, daß jenes Kind das Kind der Hallbauerin sei.«

»Wessen Kind sollte es denn sein, Herr Gograf?«

»Darum hat das Gericht sich gesetzlich nicht zu kümmern, um so weniger, als nach den Zeugnissen der Polizei in Köln feststeht, daß du dort einen sehr leichtsinnigen Lebenswandel geführt hast.«

»Oh, diese polizeilichen Zeugnisse!«

»Doch genug über diesen Gegenstand«, fuhr der Gograf fort, »alle deine Angaben über ein gesetzmäßiges Verhältnis zu der Hallbauerin werden schon durch einen Umstand widerlegt, daß du beinahe ein ganzes Jahr lang von ihr entfernt Warst, ohne ihr nur die geringste Nachricht über dich und euer angebliches Kind zukommen zu lassen.«

»Das hatte seinen natürlichen Grund«, antwortete der Inquisit. »Ich hatte mit meiner Frau verabredet, daß ich ihr erst dann Nachricht von mir geben wolle, wenn ich ihr und mir ein gesichertes Auskommen verschafft hätte und zugleich imstande sei, sie in unser neues Hauswesen einzuführen. Ich ging, nachdem ich mein Kind untergebracht hatte, nach Paris; Ich habe dort viel arbeiten müssen, bevor es mir gelang, mir eine auskömmliche Stellung zu verschaffen. Und bin ich darauf denn nicht sofort hierhergekommen? Ist nicht der Beweis der, daß Sie mich schon seit sechs Wochen hier in Haft halten? Wie wäre ich hierhergekommen, wenn es anders gewesen wäre, wenn ich mich des Verbrechens schuldig gefühlt hätte, dessen ich hier angeklagt werde?«

»Inquisit«, ermahnte der Gograf, »berufe dich nicht zu deiner Verteidigung auf etwas, was so klar und dringend für deine Schuld spricht. Wurdest du nicht in dem Augenblicke ergriffen, als du sogar den strafbaren Versuch machtest, deine Mitschuldige den Händen der Gerechtigkeit zu entreißen?«

»Großer Gott«, rief der Mann, »welche Gesetze des Denkens gelten in diesen Räumen, die man die Räume des Rechts nennt!«

»Laß mich fortfahren«, sagte der Gograf, »das Kind der Hallbauerin, nach deinem und ihrem eigenen Zugeständnisse euer beider Kind, war verschwunden. Aber hier, unweit der Wohnung der Hallbauerin, wurde die Leiche eines ermordeten, neugeborenen Kindes aufgefunden, und die Hallbauerin hat nach langem hartnäckigem Leugnen bekennen, müssen, daß es die Leiche ihres Kindes sei, ihres von ihr mit deiner Beihilfe ermordeten Kindes. Was hast du darauf zu erwidern?«

»Was ich darauf zu erwidern habe«, entgegnete mit dem Tone schmerzlicher Bitterkeit der junge Mann, »nur Ihre eigenen Worte, Herr Gograf. Ja, die Unglückliche hat dieses Bekenntnis ablegen müssen, die fürchterlichsten, die unmenschlichsten Martern und Qualen haben das arme, schwache Weib endlich gezwungen, sich als Mörderin zu bekennen.«

»Sie hat in der ›Urgicht‹ alles bestätigt«, sagte der Gograf, »wiederholt aus freien Stücken, unter keiner Einwirkung des Schmerzes.«

Der Inquisit lachte bitterer. »Ich kenne diese jämmerliche ›Urgicht‹«, rief er, »dieses empörende Blendwerk, das die Rechtsgelehrten erschaffen haben, um die Welt und ihre eigenen Gewissen durch die Lüge zu beruhigen, daß ein freiwillig und frei abgelegtes Geständnis vorliege, auf dessen Grund sie nun die Beute, die sie nicht aus ihren Krallen lassen, wollten, doch zuletzt dem Arme des Henkers überliefern können. Das ist auch eine von den Freiheiten, mit denen die Welt betrogen und geknechtet wird. Was wäre das Los des unglücklichen Weibes gewesen, wenn sie nicht in jener ›Urgicht‹ das Bekenntnis wiederholt hätte, das die Schmerzen der Folter ihr abgepreßt haben? Daß man sie zum dritten Male auf die Folterbank geschleppt und gepeinigt hätte, bis sie bekannte, daß man alsdann die dritte ›Urgicht‹ von ihr gefordert und, wenn sie nochmals widerrufen, sie zum vierten Male durch die Tortur gezwungen hätte und so immer fort, bis der Tod mitleidig ihr die Freiheit und die Ruhe und den Frieden geschenkt hätte. Das wäre die Folge gewesen, Herr Richter, hätte sie jene ›Urgicht‹ verweigert, auf die Sie so viel Gewicht legen. Sie wollte sie dennoch verweigern, ihr unschuldiges, reines Herz konnte den Gedanken nicht ertragen, daß die Welt sie als eine Verbrecherin verdammen, daß sie mich ebenfalls falsch bezichtigt habe. Und dann – die Arme wollte so ungern von diesem Leben scheiden, von ihrem Kinde, von mir. Aber da habe ich, ich selbst, ihr zugeredet, daß sie nicht widerrufen, daß sie auch bei ihrer falschen Bezichtigung gegen mich verbleiben solle. Ich glaubte ja auch damals noch, wenngleich nicht an menschliche, doch an einsichtige Richter, deren Verstand von der Raserei eines Gesetzesparagraphen nicht geblendet werden könne. Ich hoffte, durch mein Zeugnis, durch das Zeugnis meiner Angehörigen, vor allem durch Wiederherbeischaffung des Kindes jenes lächerliche Lügennetz, das Sie einen Indizienbeweis nennen, zerreißen zu können, zerreißen zu müssen, durch Beweise, welche für die Vernunft klarer seien, die nur der Unvernunft nicht einleuchten konnten. Ich habe mich auch darin geirrt. Sei es! Fahren Sie fort, Herr Richter, Herr Gograf, wie Sie diese Sache mit Ihren verrotteten alten Gesetzen und verknöcherten neuen Lehrbüchern in der Hand begonnen und ausgesponnen haben. Übergeben Sie uns dem Henker, und rufen Sie die Blutschuld über sich und Ihr und der Ihrigen Häupter.«

Der junge Mann schwieg mit einem stolzen Blicke; es war ein Blick des erhebendsten Bewußtseins der Unschuld. Aber das Gesetz sah ihn nicht, mithin durfte auch der Richter ihn nicht sehen.

»Inquisit«, sagte mit der Ruhe und Würde des Gesetzes der Gograf, »Inquisit, solche Deklamationen vermögen das Recht nicht zu alterieren. Die Inquisitin Hallbauerin hat in der ›Urgicht‹ ihr Bekenntnis gegen sich selbst und gegen dich wiederholt. Die ›Urgicht‹ ist nach den Gesetzen vollständig gegen den, der sie ablegt, beweisend. Andererseits bildet aber die freie, ohne andere Beihilfe erfolgte Bezichtigung von seiten eines geständigen Inquisiten ein nahes Indizium gegen den Bezichtigten. Es liegen also der Anzeigen genug gegen dich vor, welche die peinliche Frage rechtfertigen, ja fordern. Was hast du dawider anzubringen?«

»Herr Gograf«, entgegnete der junge Mann kalt, »ich habe Ihnen bereits gesagt, Sie können mit mir machen, was Sie wollen, aber eine Frage möchte ich mir doch an Sie erlauben. Die unglückliche Mutter soll ihr Kind hier in Sanden getötet haben, nicht wahr?«

»So ist es anzunehmen«, versetzte der Gograf, »da die Leiche hier gefunden ist; so hat die Hallbauerin auch zugestanden.«

»Das Verbrechen soll verübt sein im Oktober vorigen Jahres?«

»Bald nach der Rückkehr der Hallbauerin; ihre eigene Aussage lautet so.«

»Herr Gograf, Sie haben mir schon früher entgegengehalten, daß ich erst seit dem Ende des Monats November einen Aufenthalt anderswo, namentlich in meiner Heimat, hätte nachweisen können. Ich darf mich also Ihren Gesetzen nach nicht darauf berufen, daß ich gleichzeitig mit Anna von Köln, aber in völlig verschiedener Richtung als sie, abgereist bin. Aber fragen darf ich Sie, Herr Gograf, ob denn zu jener Zeit, im ganzen Monat Oktober, überhaupt nur jemals vor, dem Tage meiner hiesigen Gefangennehmung ein einziger Mensch mich hier oder auf viele Meilen in der Gegend gesehen hat?«

»Nach den Gesetzen«, bemerkte ruhig der Gograf, »kann das nicht für nötig erachtet werden.«

»Nach den Gesetzen? Muß nach den Gesetzen ich beweisen, daß ich nicht hier war? Gilt denn hier nicht das Gesetz der Vernunft, nach welchem man dem Verbrecher zu allererst beweisen müßte, daß er an dem Orte, wo er das Verbrechen verübt haben soll, auch anwesend gewesen sei!«

Der Gograf zuckte die Achseln. »Inquisit«, sagte er, »ich habe die Gesetze hier gegen die Inquisiten zur Anwendung zu bringen, nicht aber mit diesen über sie zu streiten. Das Geständnis deiner Mitschuldigen in Verbindung mit den anderen Indizien qualifiziert dich zur Tortur. Hast du sonst noch etwas anzuführen?«

»Nein, Herr Gograf, ich könnte Sie zwar noch fragen, warum, wenn ich das Kind töten half, nicht ich, sondern die kranke, schwache Anna in der stürmischen Herbstnacht die Leiche in den Teich trug, wie Sie mir vorgehalten haben; ich könnte noch manche ähnliche Frage stellen, aber was hilft es mir gegenüber demjenigen, was Sie Ihr Gesetz und Recht nennen? Eröffnen Sie mir jenes Urteil, das Sie für mich fertig haben. Oder meinetwegen sparen Sie sich auch die Mühe, ich weiß ja ohnehin den Inhalt, und lassen Sie mich sofort auf Ihre Torturbank führen. Der Scharfrichter von Münster ist ja schon hier.«

Die Gesetzesruhe des Gografen war nicht zu erschüttern. »Auf jene Frage«, sagte er, »könnte ich einfach antworten, daß wohl die Hallbauerin die Gegend hier kannte, aber nicht du. Wenn du im übrigen weiter nichts anführen willst, so werde und muß ich nunmehr zur Eröffnung des wider dich erlassenen Urteils schreiten. Gerichtsschreiber, verlesen Sie das Urteil.«

Der Gerichts Schreiber verlas das Erkenntnis. Es lautete ähnlich wie das gegen die Hallbauerin: Gegen den Inquisiten seien sehr viele und darunter sehr triftige Indizien vorhanden, durch die Bezichtigung der geständigen Inquisitin Anna Hallbauerin sogar ein nahes; es sei mithin wider Inquisiten mehr als ein halber Beweis erfüllt und daher die Anwendung der peinlichen Frage als notwendig indiziert, welche darauf zu richten, ob er nicht der Anna Hallbauerin in der von dieser vollbrachten Tötung ihres neugeborenen Rindes eine tätige Hilfe geleistet habe., Hierüber soll Inquisit vorab nochmalen in Güte, nach beweglichem Zureden jedoch in Gegenwart des Scharfrichters und der zur Peinlichkeit gehörenden Werkzeuge vernommen, wenn aber auch solches fruchtlos bleiben sollte, ohne weiteres zur Marterbank geführt und dem Scharfrichter zur peinlichen Frage übergeben werden. Diese peinliche Frage war indes für den Inquisiten anders bestimmt als für die Hallbauerin. Es hieß nämlich in dem Erkenntnisse weiter: »Dieweilen nun aber Inquisit ein sehr kräftiger, muskulöser und strammer Mensch, derselbe auch in denen Verhören zum öftern sich berühmt, man solle nicht meinen, daß man in ihm ein schwaches Weib wie die Hallbauerin vorhabe, welches man ohne sonderliche Beschwerde zu einem Bekenntnisse habe zwingen können, er lasse sich weder durch Daumenschrauben noch durch spanische Stiefel erschrecken; nach denen allem folglich wohl sich zu ihm zu versehen, daß die einfachen Grade der Tortur bei diesem verstockten und verhärteten Menschen zu einem gedeihlichen Ziele nicht führen werden. Als wir hiermit erkannt und verordnet, einmal, daß jene benannten ersten Grade der peinlichen Frage sofort mit der sogenannten bambergischen Tortur zu verbinden, und zum anderen, falls auch dieses nicht fruchten möchte, der Inquisit weiter mit dem gespickten Hasen auf der Leiter auszuspannen sei« und so weiter.

Alphons Fausting hatte die Vorlesung des Erkenntnisses unbeweglich angehört. Es war ihm darauf nochmals in Gegenwart des Scharfrichters und angesichts der Mordwerkzeuge desselben in Güte und beweglich zugeredet worden; er hatte sich einfach auf seine Unschuld berufen. Es hatte sich hierauf das Gericht mit dem Scharfrichter und dem Inquisiten in die Marterkammer begeben, wo die Henkersknechte schon warteten. Der Inquisit wurde hier dem Scharfrichter übergeben.

In diesem Augenblick wurde eilig an die starke eichene Tür der Marterkammer geklopft. Einer der Gerichtsknechte öffnete die Tür, der Bediente des Gografen stand draußen und wünschte dringend seinen Herrn zu sprechen. Der Gograf trat in die Tür, unwillig über die Unterbrechung.

Soeben, meldete der Bediente, sei vor dem Amtshause in einer Extrapost Seine Exzellenz, der Gutsherr, mit noch einem jüngeren Herrn vorgefahren. Die beiden Herren seien ausgestiegen und in das Amtshaus gegangen, und Seine Exzellenz lassen den Herrn Gografen bitten, sich sogleich zu ihnen zu bemühen.

Der Gograf schien einen Augenblick unschlüssig zu sein, ob er über den Besuch den richterlichen Akt, der ohne seine Anwesenheit nicht fortgesetzt werden konnte, unterbrechen solle, unterbrechen dürfe oder nicht. Aber es war der Besuch seines Gerichtsherrn. Er befahl, mit jedem weiteren Vorhaben einstweilen einzuhalten, und begab sich in das Amtshaus zu seinen Gästen.

Der Freiherr von Droste war ein schöner, noch rüstiger Greis. Man erkannte in ihm sofort den gewandten, mehr als gewöhnlich gebildeten Diplomaten. Sein Begleiter war sein Sohn, Attaché bei der österreichischen Gesandtschaft in Paris, ein junger Mann mit einem sehr lebhaften und geistreichen Gesichte, der aber, wenigstens äußerlich, noch viel von seinem lebhaften und geistreichen Wesen ablegen mußte, wenn er der Diplomat werden wollte, der sein Vater war.

»Sie entschuldigen, lieber Gograf«, sagte der Gesandte, »daß ich Sie ohne weiteres in Ihrem Hause überfallen habe. Mein Schloß steht wüst und leer, bei Ihnen war ich einer freundlichen Aufnahme gewiß. Außerdem hat mein Sohn eine Bitte an Sie, und hitzig und ungeduldig, wie die Jugend einmal ist, konnte er kaum den Augenblick erwarten, sie bei Ihnen anzubringen.«

Der junge Freiherr begann auch sofort mit seiner Bitte. »Es soll ein junger Mann namens Fausting bei Ihnen in Untersuchung stehen?«

»Zu Befehl, Herr Baron.«

»Wessen wird er beschuldigt?«

»Der Beihilfe zu einem von seiner Zuhälterin verübten Kindesmorde.«

»Also in der Tat: Alphons?« rief der junge Freiherr.

»Der Herr Baron kennt den Menschen?«

»Ich habe ihn in Paris kennengelernt. Er war für die Druckerei der Gesandtschaft beschäftigt. Es war ein durchaus braver Mensch. Ich hielt ihn keines Verbrechens fähig, ich kann das auch jetzt nicht.«

Der Gograf teilte die bisherigen Ergebnisse der Untersuchung mit.

»Und jetzt?« fragte der junge Freiherr.

»In diesem Augenblicke sollte mit dem Inquisiten die peinliche Frage beginnen.«

»Sie wollen wirklich zur Tortur gegen ihn schreiten?«

»Das Gesetz befiehlt es.«

»Das Gesetz?« rief lebhaft der junge Mann. »Es ist ein Gesetz der Unvernunft, des Wahnsinns.«

»Es ist ein Gesetz, Herr Baron«, sagte ruhig, aber in der vollen Überzeugung des Rechts, der Gograf, »das bei allen zivilisierten Völkern gilt.«

»Eine entsetzliche Zivilisation! Aber Sie haben unrecht, mein Herr. Der edle Jesuit Friedrich von Spee konnte in seiner verfinsterten Zeit freilich nur vergebens seine Stimme erheben, aber mit desto mehr Erfolg verdammt die neuere Philosophie diese Barbarei; Thomasius und Beccaria schon vor längeren Jahren, jetzt auch der freimütige Sonnenfels in Wien.«

»Es sind Ideologen und Neologen«, zuckte der Gograf die Achseln, »die mit ihren neuen Lehren schwerlich das alte, feste Gebäude des Rechts niederreißen werden.«

»Aber hat denn nicht schon im Jahre siebzehnhundertvierzig Friedrich der Große von Preußen in seinen Staaten, auch hier in Ihrer nächsten Nachbarschaft, die Folter aufgehoben?«

»Vergessen Sie darüber nicht, Herr Baron, daß sie dagegen überall anderswo noch besteht. Und was Preußen betrifft, so bin ich fest überzeugt, daß man sie dort schon wieder einführen wird, wenn auch unter einem anderen Namen, wie das dort öfters geschieht.«

»Überall, sagen Sie, mein Herr? In England hat man die Tortur niemals gekannt.«

»Traurig genug, Herr Baron. Gestatten Sie mir, Ihnen zu wiederholen, was darüber ein ausgezeichneter Rechtsgelehrter sagt: ›In England ist bis dato die Tortur noch nicht gebräuchlich; daselbst muß das gerügte oder angeklagte Verbrechen allezeit mit Zeugen völlig bewiesen oder, in Ermangelung dessen, der Angeklagte absolviert werden, da denn ein passionierter Zeuge leicht einen Menschen in das Reich der Toten schaffen kann.‹«

»Das hat nur ein deutscher Rechtsgelehrter sagen können!« rief der Freiherr.

»Die deutsche Rechtsgelehrtheit ist die gründlichste und ehrlichste der Welt.«

»Oh, leider so gründlich, daß ihr die Vernunft, und so ehrlich, daß ihr das Bewußtsein ihrer Unvernunft abhanden gekommen ist. Wie, mein Herr, haben denn Ihre Rechtsgelehrten gar kein Verständnis für den Unsinn, der darin liegt, einen Menschen, den man mit dem Tode, oft nur gar mit dem Zuchthause bestrafen will, den man aber nicht bestrafen kann, weil es an Beweis gegen ihn, an seinem Geständnisse fehlt, so lange zu martern, bis er seinen Geist aufgibt, bloß zu dem Zwecke, um jenes Geständnis von ihm zu erhalten? Warum tötete man da nicht gleich?«

»Er kann auch die Tortur überdauern«, bemerkte der Gograf.

»Um sein Leben lang ein elender Krüppel zu bleiben!«

Der Gesandte hatte sich während dieser von der einen Seite so lebhaft und von der anderen so ruhig geführten Unterredung mit den schönen Blumen beschäftigt, die in den Fenstern der Stube standen; nur von Zeit zu Zeit hatte ein feines spöttisches Lächeln gezeigt, daß und welchen Anteil er an dem Gespräche nahm. Er wandte sich zu den Streitenden.

»Maximilian«, sagte er zu seinem Sohn, »du hast in deinem nicht recht diplomatischen Eifer die Hauptsache aus den Augen verloren. Laß mich sie in deinem Namen verfolgen. Lieber Gograf, aus Ihrer eigenen Darstellung der Untersuchung habe ich die Überzeugung gewonnen, daß, nehmen Sie es mir nicht übel, für jeden Menschen, der nicht eben ein Jurist ist, nur ein sehr schwacher, im Grunde gar kein Beweis vorliegt, ein Beweis etwa wie ein von Karten aufgebautes Haus, das der leiseste Hauch über den Haufen wirft.

Der Unbefangene sieht nur eine gewisse Anzahl vereinzelter Tatsachen, von denen keine einzige im entferntesten auf irgendein, am allerwenigsten auf das angeklagte Verbrechen hinweisen kann und die miteinander nicht in der geringsten Verbindung stehen. Sie haben sie gleichwohl, und zwar als ebenso viele einzelne Beweismomente, zusammen verbunden, willkürlich, künstlich, gewaltsam. In dieser Verbindung haben Sie dann jenes Phantom gefunden, das Ihre Wissenschaft einen halben Beweis nennt, als wenn eine und dieselbe Tatsache, die Schuld eines Menschen, zugleich halb wahr und halb nicht wahr sein könnte. Auf Grundlage dieses halben Beweises gab Ihre Wissenschaft, freilich an der Hand barbarischer Gesetze vergangener Jahrhunderte, Ihnen die Autorisation zu jener Unmenschlichkeit, die man Folter nennt. Sie preßten dadurch ein Geständnis hervor, das Ihre Wissenschaft, wiederum aller Vernunft zum Trotze ein freies nennt. Und nun hatten Sie sich aus nichts einen von Ihrer Wissenschaft und Ihrem Rechte sogenannten vollen Beweis geschaffen, auf dessen Grundlage Sie jetzt mit gutem Gewissen eine völlig Unschuldige als eine voll überwiesene Verbrecherin dem Henker übergeben können. Das ist noch nicht genug. Jenes auf der Folter erpreßte Geständnis macht nach der Weisheit Ihrer Gesetze und Ihrer Rechtslehrer auch einen halben Beweis gegen einen unschuldigen Dritten; dieser soll danach halb überführt sein, an einem Verbrechen teilgenommen zu haben, das zu einer Zeit begangen ist, als er Hunderte von Meilen davon entfernt war. Der halbe Beweis autorisiert Sie auch gegen ihn zu der Folter. Er wird, er muß bekennen, und Sie haben zwei Opfer für den Henker. Und wie war das alles möglich? Sie sind ein redlicher, gewissenhafter Mann, lieber Gograf; es gibt keinen redlichem Richter. Sie sind ein verständiger Mann, Sie gehören zu den scharfsinnigsten Juristen. Und gäbe es einen gewissenhafteren und noch scharfsinnigeren Richter als Sie, er hätte ganz wie Sie gehandelt. Wie war jenes alles, wie wäre dieses möglich gewesen? Schlechte Gesetze und eine in Unnatur sich ergehende Wissenschaft können keine andern Früchte tragen. Ich streite deshalb auch nicht mit Ihnen in der Sache, die uns beschäftigt. Aber lassen Sie mich die Bitte meines Sohnes unterstützen. Mein Sohn verbürgt sich für den Angeklagten, den er als einen braven Menschen kennengelernt hat. Er verbürgt sich in gleicher Weise für die angeklagte Frau, die jener schon in Paris meinem Sohne als seine angetraute brave Frau bezeichnet hat. So dächte ich denn, Sie ließen die ganze Sache auf sich beruhen, setzten die beiden Leute in Freiheit und reponierten Akta, wie es ja in Ihrer Gerichtssprache wohl heißt.«

Der Gograf hatte sich sehr zusammennehmen müssen, um bei jenen Angriffen gegen sein Recht und sein Verfahren seine Ruhe zu bewahren. Er hatte es sich gewiß zum öftern sagen müssen, daß ein hochstehender ausgezeichneter Diener des Kaisers so zu ihm sprach, der zudem sein Gerichtsherr war. Die zuletzt an ihn gestellte Zumutung war ihm aber doch gar zu exorbitant chevaleresk.

»Exzellenz«, erwiderte er, zwar mit einer sehr ehrerbietigen Verbeugung, aber eifriger, lauter, als es sich für den strengen Mann des Gesetzes wohl schicken mochte, »Sie verlangen eine Unmöglichkeit von mir.« Ruhiger setzte er hinzu: »Ich darf hier nur dem Gesetze folgen; das allein ist meine Pflicht, gnädiger Herr.«

Der lebhafte, noch nicht diplomatisierte junge Freiherr hatte seine Ungeduld lange bemeistert. Bei diesen Worten konnte er es nicht mehr. »Mein Herr«, rief er, »vergessen Sie nicht, daß Sie hier nur der Gerichtshalter sind, nicht der Gerichtsherr.«

Der Gograf sah ihn mit seiner ganzen richterlichen Würde an. »Der Gerichtsherr«, sagte er ruhig, »kann, wenn ich mich vergehe, mich meines Amtes, aber er kann mich nie meiner Pflicht entbinden.«

»Wohlan«, versetzte heftig der junge Herr, »so entbinde ich Sie Ihres Amtes. Mein Vater hat mir Sanden übertragen. Ich bin jetzt hier Gerichtsherr.«

»Maximilian«, rief mit ernstem Vorwurfe und zugleich entschieden befehlend der Gesandte, »Maximilian, du nimmst das unbedachte Wort zurück!«

Der junge Freiherr konnte es nicht mehr zurücknehmen.

Der Gograf wollte ihm etwas erwidern, als auf einmal die Tür geöffnet wurde; der Bediente trat ein und überreichte ihm einen Brief.

Der Gograf sah die Aufschrift und erblaßte. »Von Mariannen?« sagte er unwillkürlich laut, in großer Unruhe. Er wollte gegenüber seinem Besuche den Brief zurücklegen.

»Lesen Sie vorher«, sagte der aufmerksame und höfliche alte Diplomat.

Der Gograf riß das Siegel auf, er durchflog die Zeilen. Leichenblässe bedeckte sein Gesicht, einen Augenblick mußte er sich an dem Stühle halten, an dem er stand, dann nahm er all seine Kraft zusammen. »Herr Baron«, sagte er, »ich nehme die Entlassung an, die Sie mir gegeben haben; Exzellenz, ich bitte Sie, die Bestimmung Ihres Herrn Sohnes zu genehmigen.«

Der alte Diplomat und der junge Freiherr überzeugten sich, daß nicht das unbedachte Wort des letzteren, daß nur der Inhalt des Briefes und nur ein tieferschütternder Inhalt desselben den Gografen zu seiner plötzlichen Bitte könne veranlaßt haben.

»Lassen Sie uns die Sache abbrechen«, sagte der Gesandte.

»Ich beschwöre Sie, Exzellenz!«

»Später.«

Der Gograf hatte keine Ruhe mehr. Noch in derselben Stunde gab er an die beiden Freiherren in förmlicher und feierlicher Urkunde seine Entlassung ein mit dem ausdrücklich hervorgehobenen Bemerken, daß er sich schon in dem nämlichen Momente, da der jüngere Freiherr jene Worte gesprochen, als seines Amtes entlassen betrachtet habe.

Wollte der Mann des Gesetzes sein amtliches Gewissen beschwichtigen? Der tote Buchstabe des Gesetzes kann viel aus einem Menschen machen, auch aus dem bravsten.

Der Inhalt jenes Briefes wurde nie bekannt. Der Gograf reiste noch in der Nacht, nachdem er seine dringendsten Angelegenheiten geordnet, von Sanden ab. Er war nach Ems gereist und hatte sich dort nur eine halbe Sturide aufgehalten. Er hatte mit seiner kranken Tochter Marianne allein gesprochen, dann war er sofort mit ihr weitergereist. Seine Frau hatte er nicht sprechen wollen. Der älteren Tochter Ludmilla hatte er freigestellt, ob sie bei ihm oder der Mutter bleiben wolle. Sie war bei der Mutter geblieben. Die kranke Marianne brachte er in ein Kloster in Frankreich, er selbst blieb dort in der Nähe. Nach Sanden war er nie zurückgekehrt, freilich auch die Gogräfin nicht. Die beiden Gatten haben sich nie wiedergesehen.

Die Hallbauerin und ihr Mann Alphons Fausting wurden in Freiheit gesetzt, der Prozeß gegen sie wurde niedergeschlagen. Sie zogen nach Straßburg, wo die arme Frau mit ihrer gelähmten Hand das Kind, das sie umgebracht haben sollte, an das weinende Herz drückte. Das Geschäft des jungen Mannes blühte auf. Er konnte es nicht unbedeutend erweitern, als ihm nach mehreren Jahren von den Gerichten unerwartet ein Vermächtnis ausgezahlt wurde, das ihm und seiner Frau ein Gograf Schirmer aus dem Münsterlande hinterlassen hatte.