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Sophie Alberti – Lucrezia

Novellistische Skizze

Sophie Alberti, Lucrezia, Aus: Leipziger Sonntagsblatt. Herausgegeben von Albert Traeger, 3. Jg., 1861, No. 44, S. 345ff. und 355ff

Ein schöner Sommerabend gehört unstreitig zu den höchsten Genüssen, welche uns die Natur zu bieten vermag. Wenn nach der glühenden Hitze des Tages die Sonne ermüdet noch einmal zurück blickt und dann langsam sinkt – wenn die blauen duftigen Schatten nur hier und dort durch sanfte, wunderbar schön gefärbte Lichter unterbrochen werden, wenn die Wasser, die schauernd im Abendschein erglühen, eine erfrischende Kühle aushauchen, dann ist es meist überall so still auf der weiten Erde wie in einem Tempel; Berg und Thal, Wald und Feld ruhen in so tiefem Frieden da, als sei die ganze Natur im Gebet versunken.

Und die Menschen? Selten ist einer, der in solcher Weihestunde die Welt mit ihrer Lust und Eitelkeit vergißt, der still an einen Baum gelehnt die Hände faltet und anbetend sagt: »Gott, Du bist groß!«

Auf dem Plateau der Eisenbahnhalle war ein reges Treiben, Eine bunte Masse, im Leben »beau monde« genannt, wogte bei den sanften, melodischen Klängen italienischer Musik auf- und nieder.

Bei dem coquetten Tact Strauß'scher Walzer plauderte man mit oder ohne Geist von den tausend Kleinigkeiten, die im Laufe eines Tages passiren und die, wenn die chronique scandaleuse nicht besseren Stoff bietet, ausreichen müssen; und obgleich ein solches Zauberbild seligsten Abendfriedens sich vor den Augen der Versammelten ausbreitete, so schien doch Niemand darauf zu achten. Ueberall hörte man nur von Pferden, Hunden, von Theater, Tänzerinnen und Moden sprechen.

Officiere und Löwen lagen nachlässig auf den Stühlen umher, mit einer Blasirtheit, welche Mitleid erregen konnte, um sich blickend; Damen in eleganter Toilette wandelten auf und ab, sich besser betrachten zu lassen; Champagnerpfropfen knallten, und dazwischen gellte von Zeit zu Zeit das Pfeifen einer ankommenden Locomotive.

Die Herren waren ungehalten und murrten; die Eisenbahn hatte aus der benachbarten Stadt keine hübschen Gesichter herüber geführt, und diese Aussicht allein hatte sie vermocht sich nach dem Plateau zu begeben. Man hoffte noch auf den letzten Zug, welcher aus der nahen Residenz eintreffen sollte, und als er heran brauste, eilte Alles hinab auf den Perron, um, das Lorgnon im Auge, die Ankommenden zu mustern.

An dem Geländer des Plateau lehnte ein junger Mann, den das wirre, bunte Treiben rings umher wenig zu interessiren schien. Er blickte träumend auf die Stadt, welche in geringer Entfernung zu seinen Füßen lag wie ein Klein-Venedig, und sein Auge folgte sinnend den hübschen bewimpelten Booten, welche langsam über die tiefblaue, spiegelklare Fluth dahin zogen.

Daß Jemand an seine Seite getreten war, hatte er wohl kaum bemerkt, bis Jener sagte:

»Vincenz, Träumer, muß man Dich erst aufrütteln, wenn man von Dir beachtet sein will?«

Der Angeredete fuhr auf, wandte sich um, und reichte seinem Freunde stumm die Hand.

»Du hast mich wirklich aus recht hübschen Träumen gerissen«, begann er nach einer Weile.

»Und die waren?«

»Echte Traumgebilde. Das heißt, unklar und leicht vorüber gleitend; ich konnte sie nicht fassen, aber der Eindruck, den sie auf meine Seele machten, blieb, und er ist schön – so schön, daß ich glaube, es wird mir heute noch ein großes Glück zu Theil.«

In dem Augenblick schwebte ein Frauenbild vorüber, wundersam hehr und schön.

Vincenz ergriff den Arm des Freundes, preßte ihn krampfhaft und flüsterte:

»Da ist es! – Wie schön, wie stolz ist dieses Antlitz! Komm, komm!« rief er, nachdem er der Fremden wie erstarrt nachgeblickt, und zog nun den Freund hastig mit fort: »komm, ich muß in ihre Nähe! Siehe, von solchen Augen habe ich geträumt, und ich will in ihnen weiter träumen.«

Lächelnd folgte der ältere der beiden jungen Männer dem Ungestümen; er kannte ja Vincenz als einen Schwärmer, der ein hübsches Mädchen wie eine Gottheit betrachtete, aber auch ziemlich häufig mit seiner Gottheit wechselte, immer versichernd, daß die neueste die schönste sei. So konnte der Freund sich nicht enthalten, ihm eine spöttische Bemerkung über seine Flatterhaftigkeit zuzuflüstern.

»Schweig!« rief Vincenz erröthend, »ich bekenne meinen Fehler, welcher nebenbei ziemlich harmlos ist, da es sich bis jetzt nur auf die Bewunderung des Künstlers und nicht auf die Liebe des Mannes erstreckte, denn die hat noch keine Frau zu fesseln vermocht; Das war aber, weil ich noch nie die Rechte gefunden. Wer könnte bei solcher Schönheit wie diese vor uns unbeständig sein; es giebt nichts Schöneres, und sie wird daher meine Gottheit ewig bleiben.«

Und sie war schön, diese Gottheit!

»She walks in beauty, like the night«

sang Byron einst und er mußte sie im Traume gesehen haben. Reiches schwarzes Haar, wundervoll geschnittene schwarze Augen, Beides dunkel wie die Nacht, ein edles, fein geformtes Gesicht, dessen Teint freilich etwas tief, aber von der höchsten Klarheit und Frische war, und eine Gluth in diesen Zügen, wie sie nur die Tochter des Südens besitzt. Sie war ganz in Schwarz gekleidet, sie hüllte sich förmlich in schwarze seidene Stoffe. Ihre hohe Gestalt vereinte Majestät und Grazie, die ganze Erscheinung war schaurig schön.

»Sie gleicht einer Königin der Nacht«, flüsterte Vincenz dem Freunde ins Ohr, als sie in ihrer Nähe Platz genommen hatten. »Wie Wetterleuchten steigt es zuweilen in diesen Augen auf – wehe Dem, welchen ein solcher Blitz träfe. Dann wieder ist die Nacht mild und weich. Es liegt jetzt eine Melancholie in diesem Antlitz, die mich weinen machen könnte.«

Der ältere Freund blickte den jungen Mann prüfend an, er hatte ihn schon oft in Ekstase gesehen und ruhig die Ergüsse seiner Bewunderung über schöne Frauen mit angehört, mit dem Bemerken, man müsse seiner Künstlernatur Etwas zu Gute halten, und wo der Maler zu schwärmen aufhöre, da fahre der Dichter fort; heute aber schien ihm Vincenz denn doch in ganz ungewöhnlicher Weise erregt.

»Ich werde uns ein gutes Beefsteak und eine Flasche Wein bestellen, vielleicht bringen diese mehr realen Genüsse Dich wieder in das rechte Gleichgewicht zurück«, sagte er gutmüthig, sich erhebend, um den Auftrag einem Kellner zu geben. Vincenz aber warf ihm einen Blick zu, der deutlich genug ausdrückte, wie solches Ansinnen jetzt in diesem Augenblick ihn empöre.

»Nun gut, so schlürfe Nectar aus ihren Augen und nähre Dich vom Hinschauen auf ihre Schönheit, erlaube aber, daß ich, eine weniger ätherische Natur, nicht um der Freundschaft willen Hungers sterbe. Aengstige Dich nicht, daß ich mich in die Nähe Deiner Gottheit wagen werde, vor ihren Augen zu bekunden, daß ich nur ein Sterblicher bin, der zur rechten Stunde ein gutes Abendbrod dem Hinstarren selbst auf die schönste Frau vorzieht.«

Mürrisch entfernte sich der Freund von Vincenz, der ihn heute besonders gern gehen sah und nun durch keine Anrede mehr gestört sich ganz in das Anschauen der Fremden vertiefte. Er vergaß wo er war, er sah nur sie; er hörte nicht die weichen Töne der Musik, nicht das ununterbrochene Schmatzen rings umher, er saß ganz still und unbeweglich, und leise flüsterte er in Gedanken das schöne Lied des edlen britischen Sängerfürsten:

:»She walks in beauty, like the night«.

Aber es war nicht der Träumer allein, welcher von der hohen Schönheit der Neuangekommenen betroffen und entzückt war. Die Damen bemerkten nicht ohne Neid, wie die Herrenwelt sich mehr und mehr in den Zauberkreis der Königin der Nacht zog. Niemand kannte die Fremde und man gefiel sich in den seltsamsten Vermuthungen. Einer wollte eine neu engagirte italienische Sängerin in ihr erkennen; ein Anderer hatte von einem unermeßlich reichen Creolen gehört, welcher mit seiner jungen Frau in der Residenz eingetroffen, und meinte diese vor sich zu sehen, kurz, man benutzte die Ungewißheit, um über die Herkunft der Fremden zu phantasiren.

Sie war in Begleitung eines jungen Mannes, der wohl für einen sehr vornehmen Creolen gelten konnte, und einer anderen Dame, die durch eine ungemeine Ähnlichkeit mit Recht für ihre ältere Schwester gehalten wurde. An diese schmiegte sich ein Kind an, das aus der dunklen Gruppe wie ein Stern hervor glänzte; ein Seraphsköpfchen, blond, mit blauen Augen und einer Gesichtsbildung, welche an Raphael's Engel erinnerte. Es war keines jener Kinder, die lachend und lärmend umher springen, es lehnte sich vielmehr lieblich sinnig meist an die Mutter – mit diesem Namen benannte es die ältere der beiden Damen – und schaute hinein in ihre großen schwarzen Augen, als ob sie das schönste Bilderbuch seien.

Die Fremde schien die Huldigungen, welche ihr von allen Seiten dargebracht wurden, gar nicht zu bemerken, mindestens beachtete sie dieselben nicht. Sie sprach Wenig, wenn sie sprach, französisch, sonst saß sie still da und schaute sinnend hinaus in den schönen Abend. Nur zuweilen, wenn ihr Blick auf Vincenz traf und sie immer in seine dunklen, beredten Augen hinein sah, fuhr sie leise zusammen und erröthete leicht. Er blickte dann wohl momentan, aus Furcht, ihr mißfällig zu werden, nach einer anderen Seite hin, aber bald folgten feine Augen wieder dem einen Ziele.

In seiner Seele gestalteten sich die ihn überfluthenden Gedanken zu einem Gedicht, welches, wenn es auch nicht eines seiner besten, doch warm und tief empfunden war.

Du zürntest mir – ich hab' es wohl geseh'n –


Daß meine Augen stets die Deinen fanden,
Sag', kennst Du nicht in jenen fernen Landen
Die Mär vom Lotos in des Mondlichts Weh'n?
Du kennst sie, wohl, so wirst Du mich verstehn.
Es zieht mich hin mit übermächt'gen Banden,
Und müßten meine Augen auch versanden,
Ich hieß sie doch den Weg zu Deinen gehn.
Du magst mir zürnen, und ich kann's nicht lassen,
Du magst mich tödten – ruhig will ich bieten
Dir meine Brust; doch eh' ich werd' erblassen,
Will ich noch einmal Himmelsnectar saugen
Aus Deinen frommen, gottgeweihten Augen,
Die meines Lebens tiefstes Räthsel riethen.


Es dunkelte indessen immer mehr; farbige Lampen wurden angezündet, und in die Töne der Musik mischte sich das Jubeln der unten versammelten Menge; denn auf dem freien Platze vor dem Plateau wurde ein großartiges Feuerwerk vorbereitet. Doch auch der Beginn dieses Schauspieles vermochte Vincenz nicht aus seinem Versunkensein zu erwecken; er hatte sich mit dem Rücken gegen das Geländer gelehnt, und die Leuchtkugeln, welche er sah, spiegelten sich in den Augen der Königin der Nacht.

Die Menge verlief sich, nur die mit der Eisenbahn herbeigekommenen warteten auf den Abgang des letzten Zuges, welcher sich heute seltsamer Weise verspätete. Es war schon tief in der Nacht, die Stadt lag vom Glanze des Mondes umflossen da, einer zauberhaft schönen Insel gleich, die sich aus den Wassern erhob; kleine Bote, in denen man dem Feuerwerk vom Strome zugeschaut, zogen leise darüber hin, ab und zu wurde Gesang daraus vernehmbar, der sich aber mehr und mehr verlor – und eine tiefe Stille verbreitete sich, seltsam abstechend gegen das frühere laute Treiben.

Vincenz war der Unbekannten, ganz als müsse es so sein, auf den Perron gefolgt. Das Zeichen zur Abfahrt ertönte – nie war der Pfiff schriller und weher durch seine Seele gefahren. Noch einmal traf ihn das dunkle Auge, er verbeugte sich tief und ehrfurchtsvoll, ohne sehen zu können, ob man es bemerkt habe oder ihm danke. Dann ging er langsam nach Hause.

Er schrieb noch bis tief in die Nacht hinein einen Brief, den er am anderen Morgen absandte.


Eine Woche war nach jenem Abend vergangen, der für Vincenz so entscheidend zu sein schien, und noch immer und unaufhörlich wurde er von der Erinnerung an die Unbekannte verfolgt; glücklich war er nur in solchen Momenten, da ihr Bild recht lebhaft vor seine Seele trat, sonst trieb ihn ein seltsam unstätes Wesen hin und her. Der leichte fröhliche Gang war verschwunden, düster schritt er durch die Straßen dahin; sein Auge, von dem er oft selbst gesagt: »Es schweift umher, als sei seine Heimath in den Blicken schöner Mädchen«, lag still unter den langen schwarzen Wimpern. Es hatte seine Heimath gefunden, und sie ach so schnell wieder verloren.

In jener Nacht hatte er seinem Bruder geschrieben:

»Robert, ich habe einen schönen seligen Abend gehabt und nur die Erinnerung daran macht es mir möglich, die Nacht, in der ich jetzt lebe, zu ertragen. Wie mir die Sonne heute untergegangen, wird sie mir vielleicht nie wieder aufgehen; denn sie beleuchtete mit ihren letzten Strahlen ein Glück, welches mir unendlich hoch und schön schien, vielleicht noch schöner, weil es so kurz war. Du bist jetzt beneidenswerth in meinen Augen, denn während ich hier sitze, geängstigt und doch beseligt durch Gefühle, die ich nie empfunden, weilst Du vielleicht, ohne es zu ahnen, in der Nähe einer Frau, die wieder zu sehen meine höchste und einzige Sehnsucht ist. O, durchstreife die Straßen der Residenz und suche sie! Ich kann jetzt noch nicht fort von hier, aber lange halte ich es nicht aus. Stunden ist es erst, seit ich sie verloren, und ich kann nach meiner Trauer ermessen, was es heißen will, Tage von ihr entfernt zu sein; wie es möglich sein soll das Leben zu ertragen, ohne die Aussicht, sie wieder zu finden, darüber vermag ich nicht klar zu denken. Aber ich muß, ich werde sie finden; und deshalb bin ich entschlossen, alle Ketten zu brechen, die mich hier fesseln. Ich habe mich lange nach Freiheit gesehnt, habe lange gefühlt, daß, wenn ich etwas Ordentliches in meiner Kunst leisten will, ich frei sein muß, ungebunden durch jene Schranken, welche vielleicht gerade in dem Moment, da der Genius mich beglückt, den Lehrer in die Schulanstalt rufen, dort meist unbefähigten Kindern Unterricht zu ertheilen, einen Unterricht, der nach meiner Ansicht und Erfahrung wenig erfolgreich, meist ganz nutzlos für das spätere Leben ist, und somit auch für mich sehr unerquicklich wird. Haben nun auch schon lange diese kleinlichen beengenden Verhältnisse mich bedrückt, so fühle ich es doch erst jetzt mit unabweisbarer Macht, daß die Freiheit das höchste Gut ist. Schilt mich nicht, Robert, wenn ich Das, was ich durch Jahre von Mühen erlangt habe, hingebe, um einem Wesen nach zu eilen, welches mir fast wie ein Phantom vorüber geschwebt ist. Wenn Du es auch von Deinem praktischen Standpunkte aus unrecht findest – zürne mir nicht! Ich kann nicht anders.«

So und noch viel Mehr schrieb Vincenz dem Bruder, aber gerade Das, was ihm bei der Aufsuchung der Unbekannten vielleicht hätte nützen können, ihre eigenthümliche Schönheit, das fremdartige Aussehen ihres Begleiters, das goldlockige Kind der anderen Dame, diese Kennzeichen vergaß er zu erwähnen. Kein Wunder, daß Robert trotz der vielen flehentlichen: »Suche, finde sie!« den Brief bei Seite legte und die Ankunft des Bruders erwartete.

Vincenz war nach der Hauptstadt übersiedelt, und wenn Robert ihn auch herzlich willkommen hieß, so verhehlte er ihm trotzdem nicht, daß er einen unbesonnenen, geradezu tadelnswerthen Schritt gethan, indem er die Verhältnisse gelöst, welche ihm durch Unterrichtgeben in der Zeichenkunst und Malerei ein wenn auch bescheidenes Auskommen verschafft hatten. Bald aber sah der ältere, bedächtige Bruder ein, daß hier jedes Reden und Ermahnen nutzlos war; ihm erschien Vincenz in der unseligen Schwärmerei für die Unbekannte, welche ihn mit einer gegen alle Vernunft streitenden Macht ergriffen, wie ein Kranker, aber einer, dem von anderer Seite her nicht zu helfen sei, der allein sich durchkämpfen mußte durch die Krisis oder in ihr untergehen würde. Wie es möglich war, daß ein Herz, und noch dazu ein solch leicht bewegtes Künstlerherz wie das seines Bruders, durch einen Blick sich so in Fesseln schlagen ließ, um nun blind für die übrige Welt zu sein, wie ein einmaliges Sehen über ein ganzes Menschenschicksal entscheiden sollte, das war ihm freilich unbegreiflich, aber trotzdem mußte er sich eingestehen, daß eine seltsame Veränderung mit Vincenz vorgegangen war.

Suchend durchirrte Dieser die Straßen, zu allen Fenstern starrte er hinauf, in alle Equipagen richtete er den forschenden Blick, im Theater und Circus, in Concerten und Vorlesungen war er zu finden, die Augen ruhelos umher sendend, ob er sie nicht erspähe, die Eine, die Königin der Nacht, welche Alles überstrahlte, was er je von Schönheit gesehen oder geträumt. Pinsel und Palette ruhten; er hatte sich bemüht die Züge der Unbekannten auf die Leinwand zu bannen, aber so lebhaft ihr Bild vor seiner Seele stand, es wurde ihm diesmal unmöglich auch nur ein annähernd gutes und ähnliches Portrait zu geben. Unmuthig wandte er sich ab von seiner Kunst, die ihm sonst werth und heilig gewesen; und als Tag auf Tag verstrich und all sein Forschen erfolglos war, bemächtigte sich eine tiefe Muthlosigkeit seines ganzen Seins.

O wie Robert sich bemühte ihn heraus zu reißen aus dieser unseligen Verblendung, die ihn eigentlich einem Phantom nachjagen ließ, wie er ihm vorstellte, daß die Unbekannte wohl längst die Stadt verlassen und wer weiß in welchen fernen Landen weile. Alles vergeblich! Vincenz schlug alle derartigen Vorstellungen mit der einen bestimmten Aeußerung nieder:

»Sie ist hier, weilt in diesen Mauern, ich weiß es, besser, ich fühle es, und verlaß Dich darauf, ich finde sie.«

»Und wenn Du sie wirklich gefunden, was dann?«

»Dann?!« Ein fast blendender Sonnenglanz erhellte die jetzt so müden Züge des jungen Mannes, der Ausdruck eines so unsäglichen Glückes strahlte aus seinen Augen, daß Robert's Herz unwillkürlich gerührt ward durch diese Zeichen eines Gefühles, welches er Schwärmerei und Jener Liebe nannte, das aber jedenfalls tiefer und mächtiger war, als er bis jetzt geglaubt. »Dann«, fuhr Vincenz fort, »ist Alles gut, dann werde ich wieder leben an ihrer Seite – oder sterben, wenn sie mich verstößt.«

»Wenn sie nun verheirathet ist, Vincenz? Kein Ehrenmann wird seine Augen zum Weibe eines Anderen erheben.«

»Sie ist frei – ich fühle, daß sie frei ist.«

»Welches seltsame Vorgefühl, man könnte sagen, welche Allwissenheit, Dir plötzlich geworden ist«, entgegnete Robert nicht ohne Spott. »Und wenn selbst Deine Vermuthungen richtig wären, was willst Du ihr bieten, Du, ein armer Maler?«

»Fürs Erste nur ein Herz, eine Liebe, wie sie reiner und heißer vielleicht nie in eines Menschen Brust lebte, später einen Namen, der wetteifern soll mit den besten Namen, welche man in meiner Kunst mit Auszeichnung genannt, und dann ein Leben durch meine Liebe zu einem Paradiese gemacht.«

»Bis Du dieses Eden erreichst, werdet Ihr Beide alt und grau geworden sein, und Schnee wird sich auf die Locken Deiner Königin der Nacht gelegt haben, die ich übrigens zu allen Teufeln wünsche«, rief Robert zornig. »Soll ich es ruhig mit ansehen, wie aus einem frischen fröhlichen Burschen, wie Du trotz Deiner Schwärmerei und Genialität doch immer einer warst, der das Herz stets an der rechten Stelle hatte, solch ein sentimentaler, krankhafter Narr wird, wie Du es nächstens werden mußt, welcher, einem Bilde nachjagend, endlich in sein eigenes Verderben läuft – und Das um einer Frau willen, die vielleicht eine Abenteurerin ist.«

»Robert!« rief Vincenz drohend, den flammenden Blick aus den Bruder gerichtet, »Du vergißt, daß Du von der Frau sprichst, die ich liebe und die ich nimmer ungestraft beleidigen lassen werde. Uebrigens«, fügte er milder hinzu, »sieht man, daß Du sie niemals gesehen hast, um nur annähernd einen solchen Verdacht zu hegen.«

Nach diesen Worten verließ Vincenz das Zimmer, aber diese Unterredung hatte die Folge, daß er sich noch mehr von dem Bruder zurück zog, der überdies, im Auftrage seines Handlungshauses, eine weite Reise unternehmen mußte und, wenn auch mit schwerem Herzen und widerstrebend, doch seiner Pflicht folgend, die Hauptstadt verließ, in welcher Vincenz sich nun ganz allein überlassen blieb.


Es war ein schöner stiller Herbsttag, mit blauem Himmel und Sonnengold, als Vincenz in einem der entlegenen Theile des weltberühmten Parkes wandelte. Jener duftige Hauch, jenes poetische Träumen, welche besonders im Herbste der Natur eigen, waren über sie gebreitet. In den hohen Laubkronen der majestätischen Bäume flüsterte ein leiser Wind, und einzelne welke Blätter rieselten sacht nieder zu den Füßen des einsamen Wanderers, welcher still und in sich versunken dahin schritt. Seine Augen hingen am Boden, sie forschten nicht mehr suchend umher; als müßten sie einmal ausruhen von dem unaufhörlichen Spähen, so lagen sie still unter den gesenkten Lidern. Es war als ob die Leidenschaft, welche ihn rastlos vorwärts getrieben, jetzt schwiege, als ob seine aufgeregte Seele, die angespannten Nerven sich einmal ruhen wollten nach langem Kampfe.

Nein, er suchte sie jetzt nicht – und gerade jetzt fand er sie.

Ein Geräusch, wie von einem mit rasender Eile daher kommenden Pferde, ein lauter Angstschrei riß ihn aus seinen Träumen. Ein wild gewordenes Roß, welches der Reiter vergeblich zu zügeln bemüht war, sprengte heran. Von der Reitbahn abbiegend, flog es nach den Bäumen hin, unter denen ein goldgelocktes Kind spielte, welches entsetzt von dem Boden aufsprang, doch wie von Schreck gelähmt wieder zur Erde sank, während eine schwarz gekleidete Dame von der Bank, auf welcher sie geruht, vorwärts stürzte. Aber schneller noch als sie war Vincenz gewesen, mit eigener Lebensgefahr und nicht ohne eine erhebliche Verletzung davon zu tragen, gelang es ihm, das Kind zu retten, welches er der Dame überreichte; dann sank er von Schmerz überwältigt in die Kniee, indessen er mit einem unbeschreiblichen Blick zu ihr aufschauend flüsterte:

»Gott, ich danke Dir, daß ich sie endlich gefunden habe, nun muß Alles gut werden!«

Nacht legte sich auf seine Sinne, kein Wort trat mehr über seine bleichen Lippen; aber war in diesem Jubelruf, welcher seiner tiefsten Seele entstieg, nicht Alles gesagt? Bedurfte es Mehr, daß sie verstand, was sie diesem Manne war, dessen Augen an jenem Abend so unverwandt auf ihr geruht hatten, daß sie fast unwillkürlich zuweilen jenes seltsamen Blickes gedacht? Ihr ahnte, daß aus diesem Begegnen sich wieder Schmerz und Trauer entwickeln werde, und war sie nicht fast schon dem Schmerze erlegen, der ihr junges Leben verwüstet, ihr Herz fast gebrochen hatte? Eine innere Stimme wollte sie gemahnen zu fliehen, aber konnte sie den vor Schmerz Besinnungslosen, welcher ihr diesen nicht zu vergeltenden Dienst geleistet, seinem Schicksal überlassen? Nimmer. Und als Vorübergehende herbei eilten und zur Hülfe bereitwillig fragten, wohin man ihn bringen solle, war es da nicht nur natürlich, daß sie ihr Haus bezeichnete, welches ganz in der Nähe lag?

In einem mit allem Luxus der Jetztzeit ausgestatteten Gemache erwachte Vincenz aus seiner Ohnmacht; verwundert schaute er um sich in den fremden prachtvollen Räumen. Die Strahlen der blendenden Sonne waren durch schwere rothseidene Vorhänge gedämpft, und das Zimmer wurde von jenem rosigen Dämmerlichte erfüllt, welches auf poetische Naturen einen so eigenthümlichen Reiz ausübt; von diesem lichteren Grunde hob sich die edle hohe Gestalt der Unbekannten in ihrer vollen hehren Schönheit ab. Schaurig schön hatte Vincenz sie damals genannt, als es oft wie Wetterleuchten über ihr bleiches Antlitz zuckte, heute aber, mit dem Ausdruck himmlischer Milde, innigen Dankes darauf, gemahnte ihn dieses Angesicht an das einer Murillo'schen Madonna.

Sie hatte noch nicht geredet, doch ihre Augen bekundeten ihm ihr tiefes Mitgefühl mit seinen Schmerzen und wie einem ausgesprochenen Worte erwiderte er:

»Ich leide nicht – nein, ich leide nicht mehr – jetzt ist Alles gut.«

Einfache Worte, doch der Blick, welcher sie begleitete, ließ sie erbeben.

Der herbei gerufene Arzt hatte den verletzten Fuß verbunden, aber auf das Strengste jede Veränderung der Lage verboten, an ein Fortbringen aus dem Hause sei fürs Erste nicht zu denken; denn nur bei der höchsten Vorsicht könnten nachtheilige Folgen für die Zukunft verhindert werden.

Mit edler Einfachheit und Herzlichkeit hatte die junge, Frau Vincenz gebeten, ihr Haus für die nächste Zeit als das seinige zu betrachten, eine Bitte, auf welche er nur zu gern eingegangen war.

Seinem Bruder schrieb er:

»Robert, ich habe sie gefunden – gefunden! und in mir ist Ruhe. Nicht jenes maaßlose Sehnen schwellt mehr mein Herz, nicht jene sinnverwirrende Leidenschaft durchwühlt meine Brust, eine himmlische Ruhe und Zuversicht sind in meine Seele gezogen. Kannst Du nachfühlen, wie dem Wanderer ist, der lange auf öder Straße, bald ermattet von der Sonne Gluth, bald erstarrt von des Winters eisigem Hauche einher irrte, seine Brust von tiefem Sehnen nach der Heimath erfüllt, und der nun endlich diese Heimath fand, aber schöner, herrlicher als er sie je sich vorgestellt – dann mußt Du wissen wie mir ist. Erinnerst Du Dich unserer fröhlichen Kindheit in dem hellen, lieben Vaterhause, in welchem wir sorgenlos dem Leben entgegen wuchsen, gedenkst Du besonders des Jubels, mit dem wir alljährlich das Christfest begrüßten, welches in unserer Familie so gar herrlich und feierlich begangen wurde? Alle jene Gefühle, welche ich durch die Mühen und Sorgen des Lebens längst erstorben wähnte, sind wieder in mir wach geworden. In mir ist Jubel, aber ein heilig stiller, in mir flammen tausend Freudenkerzen, Weihnacht ist es in meiner Seele.

Wenn ich Abends die Augen zum Schlummer neige, da ist es mir, als träte die selige Mutter zu mir heran, wie sie an des Knaben Bett trat, damit ich in ihrer Nähe mein schlichtes Kindergebet sprach. Wenn sie nicht kam – Das war meine härteste Strafe. Die einfachen Worte jenes Gebetes, welche ich vergessen glaubte, treten jetzt wieder über meine Lippen; Robert, ich kann wieder beten, mit reinem Herzen beten! – Und Das hat sie bewirkt, sie, über die ich weiter nicht sprechen kann; selbst dem treuen Auge des Bruders vermag ich jetzt nicht mehr das Allerheiligste meiner Seele zu enthüllen. – Aber ängstige Dich nicht um mich – es wird Alles gut werden, nein, es ist schon Alles gut.«


Einige Wochen waren vergangen und immer noch weilte Vincenz in dem gastlichen Hause, dessen Herrin sich stets gleich rücksichtsvoll und gütig zu ihm erwies. Vom Arzt und von der Bedienung hörte er sie Madame François nennen, und das reizende goldlockige Kind, welches stets in ihrer Gesellschaft, nannte sie liebe Tante Lucia. Er hatte ihr seine ganze Lebensgeschichte mitgetheilt, von seiner glücklichen sorglosen Kindheit an, im kleinen lieben Pfarrhause im stillen Dörfchen, bis zu seinem Leben in der benachbarten Stadt. Was ihn plötzlich bewog, dort alle Bande zu brechen und nach der großen Metropolis überzusiedeln, davon hatte er Nichts erwähnt, aber bedurfte es hier noch der Worte? In dem einen Jubelruf: »Gott sei gelobt, daß ich sie endlich gefunden!« da war ja Alles ausgedrückt.

Keine Silbe hatte Lucia seine tiefe glühende Liebe verrathen, nur das Gedicht, welches an jenem ersten Abend seiner Seele entströmt, hatte er in eines der Bücher gelegt, aus welchem sie ihm zuweilen vorlas, am anderen Tage war es verschwunden, aber von keiner Seite wurde seiner Erwähnung gethan. Ja, Lucia wußte was sie ihm sei, wenn auch die tiefe, fast andächtige Ruhe, die große Unbefangenheit, mit welcher er ihr gegenüber stand, zu den heißen, flammenden Blicken, die sie an jenem Abend auf dem Plateau und bei dem Wiedersehen getroffen, einen so auffallenden Gegensatz bildeten, daß die junge Frau zuweilen schwankte und irre wurde, ob sie recht gesehen, oder besser, richtig gefühlt hatte, ob nicht vielleicht die Bewunderung, welche ihre Schönheit dem Künstler eingeflößt, sich in ein wärmeres Gewand gehüllt, wie es bei solchen schwärmerischen, poetischen Naturen, wie die von Vincenz, nicht unmöglich war. Wenn sie zu diesem letzten Abschluß gekommen, dann war es ihr, als müsse sie sich freuen, Gott danken – aber unwillkürlich füllten ihre Augen sich mit Thränen und ein leises Weh zog durch ihre Brust.

Hätte Lucia bestimmt gewußt, daß die Ruhe des jungen Mannes aus der großen unerschütterlichen Zuversicht entsprang, ihr Beider Sein könne nicht getrennt werden; einer Liebe, wie der seinen, müsse es gelingen, Gegenliebe zu erwerben; einem Streben wie das, welches ihn jetzt erfüllte, werde es erreichbar sein, Ruhm und Namen zu erwerben – hätte Lucia von alle Dem eine Ahnung gehabt, da wäre vielleicht doch noch früher das Wort des Scheidens gesprochen, und da er nicht gehen konnte, würde sie das Haus gemieden haben. Sie aber dachte jetzt nicht in die Zukunft hinein, auch die Vergangenheit störte momentan nicht den friedlichen Zauber der Gegenwart. Und auch in ihr Herz, welches niemals Glück gekannt, wollte diese Himmelsblume sich einranken, dort Wurzel zu schlagen.

Sie hatte mit keinem Worte ihrer Vergangenheit erwähnt; Vincenz wußte Nichts von ihrem Leben, Nichts, als daß sie Witwe sei; denn die kleine Isabelle hatte einst von dem verstorbenen Onkel geredet. Lucia sprach das Deutsch rein und fließend, wenn auch mit etwas fremdem Accent, und auf seine einzige Frage, wo sie geboren sei, hatte sie Italien als ihr Heimathland genannt.

Vincenz wußte Nichts von ihr, als was er selbst mit eigenen Augen sah, und Das war freilich genug, um sein Herz in immer stärkere Fesseln zu schlagen. Waren ihm auch keine Einblicke in Lucia's Verhältnisse gestattet, wußte er Nichts von ihrem früheren Leben, so hatte ihre Innerlichkeit sich doch wenigstens theilweise in den Ansichten und Grundsätzen kund gethan, die sich in ihren Gesprächen entwickelten. Und es war eine eben so große als reine Seele, die sich vor ihm erschloß. Vincenz war kein Neuling in der Welt, er war viel mit Frauen in Berührung gekommen; schon seine Stellung als Lehrer hatte ihn in manchen Familien heimisch gemacht, wodurch er auch den Damen vom Hause näher trat, als es wohl sonst bei unseren oberflächlichen gesellschaftlichen Beziehungen geschieht. Er hatte manches brave, liebliche Mädchen, manche kluge, edle Frau kennen gelernt, aber hochherziger und großartiger bei aller Einfachheit, echt weiblicher als Lucia war ihm noch keine erschienen. Und dabei lag über ihrem Thun und Wesen jene vornehme Grazie, für die seine Seele durchaus nicht unempfindlich war. Kein Schimmer von Gefallsucht, auch nicht der leiseste Wunsch, ihn an sich zu fesseln, war ihm je bei ihr entgegen getreten, sie war eben sie selbst, Das war genug.

»Tante, was wird die Mama sagen, wenn sie zurück kommt«, rief Isabelle eines Tages, indem sie bewundernd in Lucia's Antlitz schaute, »sie wird Dich kaum wieder erkennen. Schön warst Du immer, doch zuweilen zum Fürchten schön, jetzt siehst Du aber gerade so mild und gütig aus, wie die Madonna zu Hause in der kleinen Kapelle, und ich habe Dich noch einmal so lieb, Herzenstante.«

Was des Kindes rosiger Mund gesprochen, Das bestätigte, wenn auch schweigend, Vin­cenz' Blick, welcher dabei von Glück strahlte. War es zu verwundern, daß er die Holdseligkeit, den Liebreiz, welcher mehr und mehr sich über Lucia's ganzes Wesen ergossen, als ein Ergebniß eines friedlicheren glücklicheren Inneren betrachtete, und Dies zu seinen Gunsten deutete?

In ihren Gesprächen, die neben dem Erörtern ernster, wichtiger Lebensfragen sich auch viel mit der Kunst und besonders mit der Malerei beschäftigten, entwickelte Lucia tiefe Einsicht und reiche Kenntnisse, welche auf weiten Reisen, durch eigene Anschauung erworben sein mußten, und die sie nun mit Klarheit und Verständniß dem jungen Maler mittheilte, welcher gespannten Ohres lauschte, und auch hierin von ihr lernte, wie er ihr überhaupt schon außerdem so Viel verdankte.

Sobald sein Fuß hergestellt, verließ Vincenz das schöne friedliche Landhaus, in welchem ihm Tage der Seligkeit erblüht waren, wie sie reiner und ungetrübter ihm wohl schwerlich das Leben je wieder bieten konnte. Er selbst fühlte, daß es noch einen Zustand höheren Glückes geben könne, aber nimmer einen, der mehr ruhige Zufriedenheit in sich berge. Er fragte Lucia nicht, ob er wieder kommen dürfe; es wäre ihm gewesen, als hätte er um die Erlaubniß bitten sollen, leben, athmen zu dürfen.


Schon am nächsten Abend stand er wieder vor der Pforte; langsam schritt er den Gang des Gartens entlang, in welchem noch einige Spätblumen blühten und besonders noch Rosen und Reseda ihren würzigen Hauch in die feuchte, warme Herbstluft sandten. Im Salon brannten schon die Lampen, aber die Vorhänge waren noch nicht niedergelassen, und Vincenz erblickte Lucia, die am Tische saß, während die kleine Isabella auf einem Stuhle an ihrer Seite kniete und mit der Tante zugleich einen Brief las. Der Lauscher blieb auf der Treppe stehen, seine Augen überblickten den lieben heimathlichen Raum, in welchem ihm so manche glückliche Stunde verflossen, aber bald kehrten sie zu Dem zurück, was das   Schönste darin war, zwei holdselige Menschengestalten, auf deren Antlitz sich der Eindruck, welchen das Schreiben  hervor brachte, in verschiedener Weise widerspiegelte. Auf  dem Gesicht der jungen Frau lag ein Schatten von  Trauer, als sie den Brief beendet hatte, an welchem Isabelle noch studirte mit immer größer werdenden, vor Freude strahlenden Augen; und während in Lucia's Herzen eine Stimme sprach: »Sie kehrt zurück, mich zu holen in ferne Lande, nun heißt es scheiden von meinem Glück – von ihm«, während lautlos schon in dieser Seele ein bitterer Kampf gekämpft wurde, jubelte das Kind:

»Mama, meine liebe Mama kommt zurück, und nun reisen wir Alle zusammen fort, fort hier aus dem kalten Norden, zum schönen weichen Süden hin!«

Mit diesen Worten war Isabelle dem jungen Maler entgegen gesprungen, der nach der Meldung des Dieners eintrat, und nachdem sie ihm noch einmal die frohe Kunde mitgetheilt, aus Furcht er könne sie nicht recht verstanden haben, eilte sie von dannen, ihrer Bonne das Ereigniß zu verkünden.

Von jähem Schreck überwältigt, ganz unvorbereitet durch den harten Schlag getroffen, stand Vincenz mitten im Zimmer, einen Blick auf Lucia richtend, welcher deutlicher sprach als Worte. Es schien ihm unmöglich, daß nun Alles zu Ende sein sollte, ein Schauder durchrieselte ihn bei diesem Gedanken, es war, als solle er lebend in sein Grab steigen. Jetzt war es vorbei mit der friedlichen Ruhe, mit der stillen glückseligen Zuversicht, welche, seit er Lucia wieder gefunden, in seinem Herzen gewaltet hatten, jetzt wurde es von bitteren Qualen zerrissen, und seine tiefe, leidenschaftliche Liebe drohte nun mit einem Male alle Fesseln der Zurückhaltung zu sprengen. Ein so milder, herzzerreißender Schmerz zuckte in seinen Mienen, daß Lucia, davor erbebend, ihr Antlitz in ihren Händen barg.

Aber er zog die Hände zurück, er hielt sie so fest in den seinen, daß der harte Druck den weichen Fingern wehe that; und mit einer Stimme, die vor gewaltiger Bewegung rauh und tonlos klang, fragte er:

»Sie gehen von hier, Lucia, um wann wiederzukehren?«

»Niemals!«

»Niemals! Aber Sie werden mir sagen, wohin Sie gehen, werden mir gestatten, wenn ich erst einen Namen in der Welt habe, auf den Sie mit Stolz blicken können, zu Ihnen zu kommen, um Sie zu werben – Sie heim zu führen als Weib.«

In die letzten Worte legte sich eine solche Gluth, eine solche Innigkeit der Liebe, daß sie ihr Herz tief rührten.

Aber sie bewegte verneinend das edle Haupt und entgegnete leise:

»Hier scheiden sich unsere Wege, um sich nie wieder zu einen.«

Vincenz ließ ihre Hand los, er trat einen Schritt zurück, höher richtete sich seine schlanke Gestalt empor; der feste, unerschütterliche Wille eines Mannes flammte gebietend in seinen Augen, daß Lucia zum ersten Male ein leises Beben erfaßte, als könne sie wider ihre bessere Einsicht ihm und seinem Willen unterthan sein müssen.

»Lucia«, sagte er jetzt vollkommen ruhig, »diesem schnellen Ausspruch kann ich mich nicht fügen, kein Mensch giebt so ohne Kampf sein Leben dahin, und hier handelt es sich um mehr als mein Leben – um meine Liebe. Sagen Sie, was steht zwischen uns? Ist es Ihr Herz, welches mich von sich stößt, dann muß ich gehen – werde gehen.«

Eine glühende Röthe flog über das blasse Antlitz, aber die Lippen weigerten sich noch die Lüge auszusprechen.

»Welche Hindernisse sonst zwischen uns treten könnten, ich werde sie besiegen. Sie haben mich vielleicht bis jetzt für einen schwachen, schwärmerischen Knaben gehalten, Lucia, doch ich will Ihnen zeigen, daß ich ein Mann bin, und was ein braver Mann für seine Liebe zu thun vermag, Das hat wohl schon häufig die Erfahrung gezeigt, und ich werde den Besten meines Geschlechtes stolz zur Seite treten.«

Sie stand wie gebannt von diesem Herr­scherblick; das Verhältniß hatte sich ganz geändert. Bis dahin sie die Herrin, die angebetete Gebieterin, von der ein Wink genügt hätte, blinden Gehorsam zu erlangen; nun aber, da es sich um das Aufgeben seiner Liebe handelte, war Vincenz mit einem Sprunge aus seiner früheren Zurückhaltung und Ruhe getreten. Ob sein Charakter sich plötzlich so kraftvoll entfaltet, wie ja oft ein Strahl hinreicht, die noch schlummernde Knospe zur Blüthe zu treiben, und ein Moment genügt, um über ein ganzes Menschenleben zu bestimmen – oder ob seine schwärmerische, exaltirte Natur nur einen plötzlichen Aufschwung nahm, eben so schnell wie er gekommen vorüber gehend?

Noch einmal tönte die Frage an Lucia's Ohr wie ein gebietendes Wort, welchem Aufschluß werden muß:

»Was steht zwischen Ihnen und mir? Man muß den Feind kennen, welchen man bekämpfen will, und meiner Liebe wird Nichts widerstehen. Fürchten Sie Zurückgezogenheit und Armuth an meiner Seite? Wenn ich zu Ihnen trete, dann werde ich Ihnen bieten, was den Ansprüchen einer vernünftigen edlen Frau genügen kann.«

Ein vorwurfsvoller Blick lag in ihren Augen, ob solchen Verdachtes, und leise erwiderte sie:

»Ich bin reich – sehr reich – ich hätte genug für uns Beide.«

»Und was trennt uns dann? Ich erkenne nur ein Hinderniß an. Sprich es aus, Lucia, daß Du mich nicht liebst – schicke mich fort – in den Tod«, setzte er kaum hörbar hinzu.

Eine bange Stille schwebte in dem Zimmer; hörbar klopften die Herzen der Beiden. Endlich legte Lucia die eine Hand über ihre Augen, die andere hob sie langsam auf, und nach der Thür deutend, entrang das eine Wort sich ihrer Brust: »Geh!«

Vincenz taumelte zurück – sprachlos wandte er sich von ihr, doch ehe er die Schwelle überschritt, zauderte er. Es konnte nicht Wahrheit sein, er mußte einen Ruf hören, einen Wink erspähen, der ihn zurück beschied. Er blickte sie an, die Vielgeliebte; noch in derselben Stellung, wie eine zu Stein gewordene Menschengestalt, stand sie dort, die eine Hand noch gehoben, die andere ihre Augen beschattend, aber um ihren Mund zuckte eine so unermeßliche Trauer, eine solche Zerbrochenheit lag in der sonst so stolzen Gestalt, daß er fühlte, ihr Herz litt nicht minder als das seine unter dem harten Scheidespruch.

»Du wagst es nicht mich anzublicken bei der Lüge, welche Du gesprochen, Lucia, denn wenn dieses »Geh!« bedeuten soll, daß Du mich nicht liebst, so ist es eine Unwahrheit, und wenigstens vermögen Deine Augen nicht zu lügen. Und nun zum letzten Male flehe ich Dich an: Sprich es aus, was zwischen uns treten will, uns Beiden – ja, ich wage es zu sagen, unser Glück raubend. Stoße mich nicht von Dir; von all den Herzen, welche Deine siegreiche Schönheit Dir noch zu Füßen legen wird, kann doch keines Dich so lieben, so hoch und werth halten wie das meine.«

»Meine Vergangenheit steht zwischen uns, tritt zwischen mich und jedes Glück«, hauchte sie tonlos.

Sein Blick drang bis in ihr innerstes Herz, und ernst und zuversichtlich erwiderte er:

»Setze Dich nicht selbst herab, Du reinste der Frauen, was könntest Du gethan haben, das Dich von einem braven Manne schiede?«

Sie richtete sich stolz empor, indem sie entgegnete:

»So meinte ich es nicht, ich selbst habe Nichts gethan, dessen mein Herz und Gewissen mich als Schuld anklagten; dennoch aber giebt es Verhängnisse, welche so schwer und dunkel sind, Schicksale, welche so hart und unerbittlich auf einem Menschen lasten, daß sie nicht nur die Gegenwart vernichten, nein, daß sie bis in die Zukunft hinein reichen, mit ihrer düsteren Macht allem Glück hindernd in den Weg tretend, unheilbringend noch in der Rückwirkung. Einem solchen Schicksal fiel ich zum Opfer, es zerstörte mein Leben, ich will kein zweites Wesen in das Dunkel verflechten.«

»Meine Liebe wird Licht werfen in die Nacht, auch Dir soll noch das Glück erblühen, Dir und mir, ich fürchte mich vor Nichts, was mich durch Dich treffen könnte – es giebt Nichts, was mich von Dir schiede, meine Lucia!«

Sie war in einen Sessel gesunken, überwältigt von innerer Bewegung. Süße, wunderbare Stimmen wurden in ihrer Brust wach. War es möglich, daß die dunkle Macht, die Kette, von einem feindseligen Geschick gewoben, welche sie für unzerreißbar hielt, gelöst werden könnte? War seine Liebe wirklich stark genug, die Schrecken jener Vergangenheit zu bannen, wollte die Zukunft sie vergessen machen, was sie erlitten, schuldlos erlitten? Bei diesen Gedanken strahlte ein so heller Freudenglanz aus ihren Zügen, daß Vincenz, dessen Blick sie nicht verließ, jubelnd meinte, der Sieg sei gewonnen. – Plötzlich aber verdüsterte sich ihr Antlitz, ein seltsamer, fremdartiger Ausdruck nahm Besitz davon, Blitze sprühten aus den nachtschwarzen Augen, wie Wetterleuchten fuhr es über ihre Mienen, in denen sich Bitterkeit, fast Haß kund that. War es die Vergangenheit, welche wieder den Arm ausstreckte, die Ahnung besserer Zeiten zu verwischen; hatte die Erinnerung von Neuem die dunklen Gebilde herauf beschworen, welche jetzt an Lucia vorüber zu ziehen schienen; denn sie bewegte abwehrend die Hand, sie fuhr über ihre Stirn dahin, als könne sie damit verwischen, was vor ihr aufstieg, aber sie strich nur die schweren dunklen Haarflechten, welche Stirn und Wange einfaßten, zurück, der Ausdruck der Angst und Qual war nicht so leicht zu vertilgen.

»Wie fremd Sie mir plötzlich erscheinen, Lucia, mich an ein Bild gemahnend, das ich immer grausig schön genannt: »Lucrezia Bordoni, die Giftmischerin, wie sie ihren Anklägern gegenüber steht.« Niemals früher ist mir diese Ähnlichkeit aufgefallen, aber in diesem Augenblick ist sie frappant.«

Ein Blitz schoß aus ihren Augen zu ihm herüber, und ihr Angesicht ward noch bleicher.

»Sie brauchen nicht zu zürnen über den Vergleich«, fuhr Vincenz fort, »die Schönheit dieser Frau ward ja fast unvergleichlich genannt, und diesen Reizen verdankt sie es gewiß nur, daß sie ihrem gerechten Schicksal entging.«

»Und welches war nach Ihrer Ansicht das gerechte Schicksal?«

»Tod für ihre Frevelthat, Tod für den Mord des Gatten.«

»So sind Sie so gewiß, daß sie das Verbrechen beging – und das Urtheil der Geschworenen?«

»War ein unrichtiges. Doch Sie wissen, die Geschworenen neigen sich stets mehr der Milde zu, sie lassen auch das Gefühl mitsprechen, wo bei dem Richter nur der kalte Verstand, das Gesetz entscheidet; und gut, daß es so ist, denn lieber mögen zehn Schuldige der Strafe entgehen, als daß ein Unschuldiger verurtheilt wird. Wie hier bei diesem Proceß, welcher damals die Welt beschäftigte, eine Freisprechung möglich war, wie bei solchen unwiderleglichen Beweisen der Schuld dies Urtheil gefällt werden konnte, Das ist nicht nur mir, sondern Allen, welche sich für den außergewöhnlichen Criminalfall interessirten, unerklärlich gewesen. Man konnte damals nur annehmen, daß die Jugend und Schönheit der Angeklagten die Geschworenen zu ihren Gunsten bestimmt oder geradezu so verblendet habe, daß sie nicht mehr Recht vom Unrecht zu unterscheiden vermochten. Ich erkenne der Schönheit eine große Macht zu, so weit aber würde diese sich mir gegenüber doch nicht erstrecken.«

»Und Sie sind ganz fest von der Schuld überzeugt, Sie halten es nicht für möglich, daß es Verhältnisse giebt, so verwirrt und dunkel, daß Nichts sie zu erhellen vermag, daß sie Räthsel bleiben müssen hier auf Erden? Sie halten es für undenkbar, daß das Verdict der Jury richtig war? Sie hätten die Angeklagte verdammt, auch wenn sie vor Ihnen gestanden mit dem einfachen Ausspruch: »Ich bin unschuldig an der That«. Sie hätten es gethan, denn Sie sind von ihrer Schuld überzeugt?«

»Wie von meinem Leben; kein ehrenhafter unparteiischer Mensch könnte da geschwankt haben. Aber wir sind von unserem Gespräche abgekommen, welches so wichtig –«

»Nein, wir sind gerade zum Ende gelangt – zum letzten Ende«, rief die junge Frau aus ihrem starren Sinnen jäh empor schreckend. »Vincenz, ich – ich bin jene Lucrezia!«

Er starrte sie an – das zurück gestrichene Haar, welches sie in ihrer Erregung noch mehr aus dem Gesicht entfernt, ließ die Aehnlichkeit noch deutlicher hervor treten, kein Zweifel mehr! Vincenz sprang empor, doch mit einem dumpfen Schmerzensschrei fiel er in seinen Sessel zurück, dort in einer todtengleichen Betäubung liegend. Lucia eilte zur Glocke, aber sie schellte nicht, es schien ihr besser, Niemanden Zeuge dieses peinlichen Auftrittes sein zu lassen. Besaß sie denn nicht die Macht, ihn zum Leben zurück zu bringen, wenn sie ihn rief mit ihrem Herzen? Sie benetzte Stirn und Schläfe mit frischem Wasser, sie näherte das Glas seinen Lippen und rief seinen Namen mit einer Innigkeit der Liebe, welche ihn erwecken mußte. Ja, ihre Stimme hatte die Macht, ihn aus der Erstarrung zu reißen, ein seltsamer Blick traf sie, der immer wilder und unheilvoller wurde, als er auf das Glas fiel. Mit leidenschaftlicher Heftigkeit schleuderte er ihre Hand mit dem Glase fort, indem es sich mit zischenden, höhnenden Lauten aus seiner Brust rang:

»Willst Du mich auch vergiften, Lucrezia?«

»Vincenz, beim allmächtigen Gott, ich bin unschuldig!«

Ein wildes, irres Lachen antwortete diesem Schrei ihrer Seele; dann stürzte er in die Nacht hinaus.

Arme Lucrezia!

Damals freigesprochen – jetzt gerichtet, gerichtet von ihm! Jenes Todesurtheil wäre Gnade gewesen gegen Das, welches jetzt über sie verhängt war, damals wäre nur ihr Leben gefordert, welches wenig werth für sie hatte nach Dem, was sie an des ungeliebten, ihr aufgedrängten Gatten Seite und mehr noch durch seinen Tod gelitten; jetzt war ihr Herz gebrochen, und zwar durch ihn, der es zum ersten Male zum Leben gerufen.


Aus dem hitzigen Fieber, welches Vincenz wochenlang am Rande des Grabes hielt und nur langsam von ihm wich, wurde er doch nur halb dem Leben zurück gegeben; denn Nacht hatte sich auf seine Sinne gelegt, und die früher so lachende, freudenreiche Welt war für ihn mit einem dunklen Schleier überschattet. Die fixe Idee, man wolle ihn vergiften, hatte so vollständig Besitz von ihm genommen, daß der Bruder, der ihn bei seiner Rückkehr schon krank fand, sich gezwungen sah, ihn einer Privatheilanstalt zu übergeben. Wie er in diesen Zustand gekommen, blieb Robert unbekannt; denn selbst in den wildesten Phantasien hatte der Kranke seiner Beziehungen zu Lucrezia nicht erwähnt, und Robert hütete sich wohl, eine Frage zu thun, welche vielleicht noch mehr Stürme herauf beschwor. Schon vor seiner Abreise hatte Vincenz in seiner unseligen Schwärmerei für die Unbekannte ihm Besorgniß eingeflößt, er fürchtete damals schon, daß die Ueberreizung seines Geistes einen unglücklichen Ausgang nehmen müsse; was nun aber solch unheilvolles Ende herbei geführt, konnte Robert nicht enträthseln und von keiner Seite ward ihm Aufschluß. Lucrezia war ihm nicht einmal dem Namen nach bekannt, und bei dem Kranken schien die Vergangenheit seiner Erinnerung ganz entschwunden, und nur die eine Idee füllte seinen engen Gesichtskreis.

Bei dem Arzte, in dessen Familie Vincenz aufgenommen war, ließ sich eines Tages in der Dämmerstunde eine tief verschleierte Dame melden, welche sich als eine Verwandte des Kranken ausgab und in die Hände des Doctors eine bedeutende Summe nieder legte, mit der Bitte, sie zum Besten des jungen Mannes zu verwenden und es an Nichts fehlen zu lassen, was ihm Hülfe und Erleichterung in seinem Leide verschaffen könne. Zu gleicher Zeit mußte der Arzt ihr die tiefste Verschwiegenheit geloben, damit ihr Thun, wie sie sagte, nicht den Stolz der anderen minder begüterten Angehörigen verletze. Der würdige Mann verpfändete sein Ehrenwort, ihre Wünsche in jeder Hinsicht zu erfüllen, und hielt redlich sein Gelübde. Die Unbekannte schied, den Trostspruch mit sich nehmend, daß Vincenz, wenn nicht Alles trüge, von der unseligen fixen Idee geheilt und dem Leben zurück gegeben werden würde.

Als der erste Schnee seine weichen Flocken hernieder streute, da waren die Fensterladen in der hübschen Villa im Parke geschlossen, und die schwarze schöne Dame mit dem goldlockigen Engelchen an ihrer Seite, welche so manches Vorübergehenden Aufmerksamkeit erregt, war von dannen gezogen.


Sechs Jahre sind verflossen. Wieder ist es ein solcher milder feuchter Herbstabend, da die Blätter schon zu den Füßen des Wanderers rascheln, und aus dem kleinen Garten, welcher vor einem hübschen Landhause in der Nähe jener Stadt liegt, die wie eine Insel aus den blauen Wassern sich erhebt und zuweilen Klein-Venedig genannt wird, steigen noch die Düfte von Rosen und Reseda auf. Der Himmel ist wolkenverhangen – es ist gerade wieder ein Abend wie jener, als Vincenz von Lucrezia schied. Einige Fenster des Erdgeschosses sind in dem Hause erleuchtet, und da die Läden noch nicht geschlossen sind, so ist nicht nur der Einblick gestattet, es fallen auch einige freundliche Lichtstrahlen in den Garten hinaus und spielen auf den Blättern des wilden Weines, welcher mit seinen röthlichen Gewinden die Veranda malerisch umrankt.

In dem hübschen comfortablen Wohnzimmer entrollt sich dem Blick ein anmuthiges Familienbild. Ein junges glückliches Eltern­paar sitzt dort beisammen. Zur Seite des Vaters kniet auf einem Stuhle ein vielleicht drei Jahre alter munterer Knabe, welcher von Jenem den ersten Unterricht in der Zeichnenkunst erhält, wobei der junge Raphael in spe so kühne und originelle Striche macht, daß der Lehrer sich des herzlichsten Lachens nicht erwehren kann. Neben ihm sitzt die junge Mutter, in deren Armen ein zweites, viel jüngeres Kind schlummert. Sie ist eine echt weibliche Gestalt, blond und rosig, wie man sich gern ein Gretchen denkt – deren Namen sie auch trägt – mit sinnigen blauen Augen, welche mit unsäglicher Liebe und Hingebung auf ihrem Gatten weilen. Diesen klaren Augensternen gelang es, die Nacht des Irrsinnes von Vincenz' Geist zu scheuchen, seine Seele aus ihrer Umdüsterung wieder zum Lichte zu führen. In jener schweren Zeit, da Keiner Macht über den Kranken hatte, war es Gretchen allein, die mit ihm umzugehen verstand. Nur aus ihrer Hand nahm er Speise und Trank, sie allein besaß die Gewalt, die dunklen Gebilde, welche ihn beunruhigten, zu bannen. Nur durch ihre unendliche Fürsorge und Aufopferung wurde er eigentlich geheilt.

Und daß nach menschlicher Berechnung Vincenz als gerettet und vollkommen genesen betrachtet werden konnte, dafür gab das beste Zeugniß, daß jener berühmte Arzt die Hand seiner Tochter vertrauensvoll in die des jungen Mannes legte, als dieser kam, um sie zu werben, durch die das Leben erst wieder wirkliches Leben für ihn war. Ueber seine Vergangenheit sprach er nie, wenigstens nur die Tage seiner glücklichen Kindheit berührend. Ob die Erinnerung an eine spätere Zeit ganz verwischt war, ob gerade die Ursache zu seiner Krankheit, durch die Geistesnacht, welche darauf folgte, völlig seinem Gedächtniß entschwand?

Ueber dem Hause des jungen Paares waltete das Glück. Friede und Liebe herrschte darin, und auch die Güter, welche das Leben verschönen, waren ihnen nicht zu kärglich zugemessen. Vincenz hatte durch ein Bild, welches eben so gut in der Composition als charaktervoll in der Ausführung war, sich einen Namen erworben, der immer mehr sich geltend machte, als seinen Gemälden selbst in der Zeit, da die Kunst darnieder lag, nie die Käufer fehlten; und weil schon mehrere seiner Bilder ins Ausland gewandert waren und neue Bestellungen gemacht wurden, so blickten auch die einheimischen Kunstliebhaber mit größerer Achtung auf ihn und waren geneigt ein Bild zu bestellen bei einem Maler, der so viel begehrt wurde. Und so zog der Wohlstand immer mehr ein in dem kleinen schmucken Häuschen in der Vorstadt.

An jenem trüben, warmen Herbstabende stand an den Stamm einer Linde gelehnt, welche das Haus im Sommer beschattete, eine schlanke hohe Frauengestalt und blickte hinein in das friedliche Innere, ließ Herz und Auge weilen bei dem Bilde, welches so treu die Reize einer lieben trauten Heimath zeigte. Ueber die Wangen der Einsamen, Heimathlosen rollten ein paar große schwere Thränen, aber ihre Lippen flüsterten einen Segensspruch.

Lucrezia war Vincenz mit ihrer Fürsorge stets gefolgt, sie hatte ihn selbst aus jenen fernen Landen her nie aus den Augen verloren, und ihre Hand war es, welche manches Hinderniß aus seinem Wege entfernte, ihn ebnend nach besten Kräften. Anfangs hatte sie es nicht ohne tiefen Schmerz, ja selbst nicht ohne Neid gesehen, wie Gretchen den Platz einnahm, der ihr einst bestimmt war, und die Fragen hatten sie verfolgt Tag und Nacht und ihr Herz zermartert und ihr Hirn fast verbrannt, ob Vincenz sie ganz vergessen, ob die Krankheit nicht nur seine Liebe, sondern selbst die Erinnerung an diese verlöscht habe – oder ob er sie, trotz der Versicherung ihrer Unschuld, für schuldig halte und somit die Kraft fand, sie ganz aus seinem Herzen zu reißen. O dieser Gedanke, wie er sie gequält ohne Unterlaß! Aber je mehr ihre Seele sich läuterte und dem Irdischen abwandte, desto mehr kamen auch jene quälenden Fragen zur Ruhe, desto leichter wurde es ihr, mit dankbarer Liebe auf Gretchen zu blicken und sie seinen guten Engel zu nennen.

Jetzt, da sie sich nun mit eigenen Augen überzeugt, daß er glücklich in den Hafen gelangt war, daß treue sorgende Liebe ihn umgab, jetzt wollte sie scheiden aus dieser Welt, welche ihr so bittere Wunden geschlagen; in den kühlen, stillen Mauern eines jener Klöster, dessen Schwestern sich durch thatkräftiges, segensreiches Wirken auszeichnen, wollte sie Ruhe suchen, hoffte sie Frieden zu finden. Lucrezia hatte abgeschlossen mit dem Leben in der Welt, selbst der einzige heiße Wunsch, Vincenz ihre Unschuld darzulegen an dem schweren Verbrechen, dessen eine grausige Verkettung von Umständen sie geziehen, selbst dieser Wunsch erstarb vor der Furcht, durch eine Erinnerung an jene Zeit einen Mißklang, wenn nicht gar Schlimmeres in diese glückliche Ehe zu bringen. Schon einmal hatte sie unheilvoll in sein Leben eingegriffen, nicht zum zweiten Male durfte das wach gerufene Andenken an sie einen dunklen Schatten hinein werfen und Trauer in dieses stille friedenreiche Haus bringen, von dem sie weinend schied, es Gottes und seiner heiligen Engel Schutz empfehlend.

In einem Ursulinerkloster nahm Lucrezia den Schleier, um als Schwester Regina in mancher glaubenslosen, dunklen Seele das Licht des Glaubens anzuzünden, manchem vor Schmerz zuckenden Herzen Trost zu bringen, manches Sterbelager leicht zu machen. Wer auch hätte es besser vermocht, Leidende zu trösten, mit ihnen zu weinen, und sie zu lehren, wie man sein auferlegtes Kreuz würdig trägt, als sie, deren Herz sich fast verblutet hatte an Schmerzen, wie sie so schwer und heiß selten auf ein armes Menschenherz gehäuft werden, als sie, die fast erlegen war unter ihren Qualen, bis ihre Seele doch Frieden fand in Gott.