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Émile Verhaeren – Die geträumten Dörfer

Gedichte

Émile Verhaeren, Die geträumten Dörfer, Insel Verlag, Leipzig, 1911
Deutsche Nachdichtung von Erna Rehwoldt



DER SCHIFFER

ES war schon lang,
daß der Schiffer, die Hände am Ruder,
in den Zähnen ein Schilf, mit der Strömung rang.

Doch sie, die jenseits der Wellen
nach ihm gerufen, ach, stand
in den Fernen, wo jenseits der Wellen
sie rückwärts im Nebel schwand.

Die Augen der Fenster am Strand
und der Türme Gesichter waren
auf sein Mühn und sein wildes Gebaren,
auf seiner Muskeln Beharren
und Widerstand gewandt.

Ein Ruder zerbrach,
und die Flut trieb es weiter,
mit schweren Wogen dem Meere nach.

Sie, deren Ruf er vernahm
durch Wind und durch Nebeldecken,
schien flehender noch die Arme zu recken
und banger nach ihm, der nicht näher kam.

Mit dem letzten Ruder, das er besaß,
kämpfte der Schiffer so wütend, daß
ein Krachen durch seinen Körper ging
und daß sein Herz sich bang in Fieber und Graun verfing.

Das Steuer zerbrach mit heftigem Stoß,
und die Fluten trieben
es, einen Lumpen, in des Meeres Schoß.

Große Augen im Fieberbrand,
starrten die Fenster am Strand,
starrten die Türme, wie Witwen, die gerade
von tausend zu tausend Jahren bewachen die Flußgestade,
beharrlich und weise
auf den tollen Mann, dessen tolle Reise
noch immer und immer kein Ende fand.

Doch die Entfernte, die
aus Nebels Grund nach ihm schrie,
reckte das Haupt in würgendem Schrecken
nach dem Unbekannten der großen Strecken.

Als sei er aus Erz, stand der Schiffer fest
unter dem fahlen Gewitterjoch;
um das letzte Ruder die Hände gepreßt,
traf er die Flut, schlug er die Fluten doch.
Seine alten verzauberten Blicke glühten
von den Fernen, die ihnen Lichter sprühten,
aus deren kalten Himmeln voll Gram
und Klage noch immer die Stimme kam.

Das letzte Ruder zerbrach,
und die Flut trieb es weiter,
einen Strohhalm, dem Meere nach.

Mit ermatteten Armen sank
der Schiffer gramvoll auf seine Bank,
zermürbt und zerbrochen; ein Strudel stieß
gegen das Boot; er wandte
still sich um und erkannte
den Strand, den er nicht verließ.

Die Fenster, die Türme am Strand,
große Augen, sahn unverwandt
auf ihn und wußten Bescheid
um seine Inbrunst und seine Nichtigkeit.
Aber der Alte ließ mitleidslos
für nur Gott weiß wie lange Zeit
das grüne Schilf nicht aus den Zähnen los.


DER REGEN

LANG in endlosen Fäden rieselt der Regen
unermüdlich aus grauen Himmelsgehegen,
mit grauen Fäden die grünen Fenster zu fegen,
der unendliche Regen,
der lange Regen,
der Regen.

Er zerfaserte sich seit gestern nacht
aus der Wolken lumpigen Massen,
die der Himmel schwarz überdacht.
Er streckte sich langsam, gelassen
über die Straßen seit gestern nacht
und ist auf allen Pfaden und Wegen
zugegen.

Wo Meilenstrecken
sich an Feldern vorbei in die Landschaft recken,
an der Straßen unendlich gekrümmten Spuren
ziehn dampfend, mühselig und lastenstill,
dunkel wie ein Begräbnisprofil,
mit gewölbten Verdecken die Fuhren.
In die Furchen, die nebeneinander schleichen,
die langsam nachts des Himmels Rand erreichen,
ist mit klopfenden Schlägen
durch Stunden das Wasser geglitten,
und die Bäume weinen, die Hütten,
auf die er rieselte, die ihn litten,
den langen, zähen, unfaßbaren Regen.

Durch die verfaulten Deiche gießen
Flüsse sich herrisch über die Wiesen,
wo Heu treibt und wo die kriegerischen
Sturmschläge um Erlen und Weiden zischen;
riesige, schwarze Rinder brüllen,
halb aus dem Wasser, ein Drohn in des Himmels verwüstete Hüllen;
der Abend kommt; seine Schatten schwirren
über Ebenen und Dickichten, die sich verirren;
und immer in gleichem Guß
fällt der lange Regen, der Regen,
fein und dicht wie Ruß.

Der lange Regen,
der Regen mit seinen gleichförmigen Strichen,
mit seinen zwingenden, ordentlichen
Nägeln webt Masche auf Masche das Kleid
von Not und von blasser Dürftigkeit
für die Häuser, die Hecken, die Weiden,
für die Dörfer, grau und alt und bescheiden:
Wäsche und arme entfärbte Fetzen,
die sich zersetzen
und verderben, auf Stangen gehängt;
blaue Taubenhäuser ans Dach gedrängt;
trübe Fensterscheiben, deren Lücken
Pflaster von schwarzen Papieren flicken;
Häuser, wo schnurgrade Regentraufen
auf Steingiebeln zum Kreuz ineinanderlaufen;
einsam ragende, gramvolle Mühlen,
die Hörnern gleich in den Grund sich wühlen;
Türme, Kapellen der Nachbarschaft:
der lange Regen,
der Regen
ermordet euch in seines Winters Haft.

Der Regen,
der Regen, endlos und wasserbehaart,
mit seiner Fäden und Runzeln Schriften,
der lange Regen
der alten Triften,
unaufhörlich und frosterstarrt.

DIE FISCHER

DAS Land ist in flockigen Dunst gefaucht,
der sich zu Polstern schichtet,
der Läden und Schwellen verdichtet
und an den Ufern raucht.

Ein Aas nach dem andern hebt
aus dem Fluß sich voll Gift und Seuche;
an des Himmels Ende begräbt
man allmählich des Mondes Leiche.

In ihren Kähnen, in stummem Beharren,
groß von spärlichem Licht umzittert,
sitzen trotzig, alt und verwittert
die Fischer, die diesen Strom befahren;
die für geheimnisvoll nächtlichen Fund,
seit gestern Dämmrung sich ausgebreitet,
ihre schwarzen Netze geleitet
in den schlechten und schweigenden Grund.

In der Tiefe lauert unsichtbar
vereint der bösen Geschicke Schar
auf sie mit Raubtierbegier
und wird mühsam gefischt von ihnen,
die der Arbeit vertrauend dienen
in Nebel und Nachtgewirr.

Unten fern läutet Mitternacht
mit hartem Hammer die Totenwacht;
Mitternacht läutet von Turm zu Turm,
Mitternacht, herbe im Herbstessturm,
müde Mitternacht.

Von verdächtigen Lumpen nur sind die Glieder
der schwarzen Fischer bedeckt;
sehr langsam leckt,
Tropfen auf Tropfen, Zacken auf Zacken,
aus vertragenem Hut in ihren Nacken
des Nebels Gefieder
nieder.

Über die Dörfer, die Hüften kam
die Kälte und machte sie starr und lahm;
nahm die Nußbäume, die Weiden gefangen,
die mit den Stürmen des Ostens rangen.
Kein Gebell, das im Wald erklingt,
und kein Schrei in der Mitternachtsleere
die sehr feuchte schwere
Asche ganz durchdringt.

Und stetig, stumm und gewissenhaft
sind am Werk sie in Nachbarschaft;
jeder fischt nur, soviel er muß,
ohne Hilfe und ohne Gruß.

Und der erste holt sich in straffen Netzen
all seines Elends krüpplige Fetzen;
und einer fischt in leichtfertigem Zug
aus dem Grund der Krankheiten schlammiges Tuch;
und einer öffnet weit seine Reusen
den Leiden, die drohend vorüberreisen;
und der letzte endlich am Ufer bückt
nach den Trümmern sich, die seine Reue schickt.

Der Fluß, von Biegung zu Biegung fallend
und gegen die Spitze der Deiche wallend,
sucht – wer kündet, seit welcher Zeit? –
die Horizonte der Müdigkeit.
Aus der Haut der schwarzen Moräste trieft
am Ufer langsam nächtliches Gift;
und die Nebel sind Vliese und breiten
sich auf der Häuser Niedrigkeiten.

In ihren Kähnen, wo nichts sich rührt,
wo selbst keine Pechfackelflamme irrt,
um mit großen blutigen Ringen
des Nebels weißen Filz zu umschlingen,
hält der Tod, der sein Schweigen herniederläßt,
die alten Fischer des Wahnsinns fest.

Die Einsamen sind sie in Nebelschicht,
dicht beisammen, und sehn sich nicht;
ihre Arme sind matt vom Fang,
und ihr Werk ist ihr Untergang.

O sagt, wenn mitten durch ihre Nacht
ihre Stimmen einander Trost gebracht!

Aber sie bleiben vergrämt, erstarrt,
den Rücken gehöhlt und die Stirne hart;
nur von dem Lichtlein scheu beschienen,
auf dem Flusse, regungslos, neben ihnen.
Wie Blöcke von Schatten heben
sie sich aus Nebelgeweben;
und ihre Augen sehn
nicht, wie jenseits der sickernden Ketten
berauschend und stark wie Magneten
herrlich die Sterne stehn.

Die schwarzen Fischer der schwarzen Qual
sind die unendlich Verlornen im All,
zwischen den Ebenen, dem Totenläuten
und den fernen Unsichtbarkeiten;
in ihrer Seele einförmigen Schacht
regnet die feuchte Herbstmitternacht.

DER MÜLLER

DER alte Müller der schwarzen Mühle ruht
in einem Grund von Schierling und Schutt;
man begrub ihn bei Winter und Frost
eines Abends, scharf von Nordost.

Auf dem Spaten des Gräbers lag
heftig, schielend und falsch der Tag;
um das Loch strich ein Hund in verwirrtem Lauf
und bellte gegen das Licht hinauf.

Eine gleitende Spiegelung, reiste
der Spaten bei jedem Stoß,
biß die Erde, versank und gleißte
in ihrem gebändigten Schoß.

Die Sonne fiel unter verdächtigen Schatten.

Wie ein Rieseninsekt
stand der Totengräber in Himmelsmatten
zum Kampfe gegen die Furcht gereckt.
In seinen Händen bebte der Spaten,
und Risse durchfuhren den Grund;
wie er sich auch mühte, weit
gähnte vor ihm der Schlund,
der mit der Dämmrung wuchs in Unaufhaltsamkeit.

Da unten im Dorf
hatte keiner dem Müller ein Laken geliehn.

Da unten im Dorf
hatte um ihn kein Gebet sich an Gott geschmiegt.

Da unten im Dorf
wollte keiner für ihn den Glockenstrang ziehn.

Da unten im Dorf
war keiner, der seinen Sarg gefügt.

Die Häuser, die Hütten, deren Gesicht
nach dem Kirchhof sich wandte, hatten bang
alle, um nichts zu erblicken, dicht
ihre Läden gesenkt die Straße entlang.

Und das Grausen kam, um den Gräber zu packen
vor dem Toten da ohne Leichenlaken,
um den unversöhnlich der Haß
und die Furcht noch in aller Adern saß.

Auf seinem Hügel, gramvoll in Abendstille,
hatte der Müller der alten Mühle
einst gelebt in stetem Verstehn
mit den Ebenen, dem Raum, den Weiten
und den tollen Orkangeleiten,
die um die Mähne des Nordsturms wehn.
Sein Herz hatte lang dem zugehört,
was die Lippen, aus Schatten und Gold gewoben,
der Sterne oben
der Ewigkeit Horcher gelehrt.

Die Wüste der Heide, strenge und bleich,
umgab ihn mit jenem Zauberreich,
in dem für die Seelen die Dinge erwachen,
mit ihnen reden, sie weise machen.
Die großen Ströme, die alles, was lebt, durchmessen,
suchten mit ihrer Kraft sich Eingang in sein Wesen,
bis seine Seele, keusch und einsam wie sein Land,
die Gärung und den Gang der Welt in sich empfand.

Die ältesten Leute wußten nicht mehr,
seit wann, vom Dorf fern verschlagen, er
da unten verharrt
und auf den Flug, das Vorüberstreichen,
auf die Fahrten, die Feuerzeichen
der Wolken gestarrt.

Er erschreckte sie durch die Stille,
aus der ohne Laut
sich sein Dasein gebaut;
er erschreckte sie durch die Augen von Gold,
die seine Mühle
jäh und gewaltig durch die Nacht gerollt.

Und es drang zu keinem die Kunde
von seiner Leidens- und Sterbestunde;
nur die vier Flügel,
mit denen er gegen das Unbekannte
wie mit ewigen Bitten rannte,
reckten sich schwarz, bewegungslos
und unverrückbar, ein Siegel
und ein Kreuz, das ein Schicksal schloß.

Der Totengräber sah den Schatten und seine Wellen
wie Volksmengen schwellen
und das Dorf mit geschlossenen Fensterscheiben
in schwindende, schmelzende Fernen treiben.

Das Fieber, das rings auf der Lauer lag,
hielt die Einsamkeit mit seinen Schreien wach;
der Wind zog in schwarzen und braunen Hüllen
wie ein Mensch vorüber mit Sinn und Willen;
in Tücke und Hast nahm das Unbestimmte
der Horizonte Gestalt und ergrimmte,
bis der Gräber den Spaten irgendwohin
warf mit stierem Blick und verwirrtem Sinn
und entfloh wie ein Dieb, den die Nacht erschreckt
und nach ihm unermeßliche Arme reckt.

Dann war
die Ebene ganz in des Schweigens Gewalt,
und in der Erde wuchs noch riesengroß der Spalt.
Alles lag tot und starr.
Nur die Weiten, die niemals zur Ruhe gelangen,
durchdrangen
ihre Flächen von Schatten und Nord
mit dem Toten dort,
um dessen Leben ihr Geheimnis spann,
bis es erstarkend in den großen Plan
der Fernen reichte und zu Höhn hinan.

DER SCHNEE


SCHNEE fallt ohne Unterlaß.
In armen, langen Wollenfäden fällt
er auf das arme, langgestreckte Feld,
kalt in Liebe und heiß in Haß.

Der Schnee fällt unbeirrt,
eintönig, wie die Sekunde
sich in die nächste verliert;
der Schnee fallt Stunde auf Stunde
über die Scheunen, über die Häuser,
immer eintöniger, immer leiser,
und deckt in Myriaden die Kirchhofshügel
mit dichtem, weißen, verschwiegenen Siegel.

Der bösen Jahreszeit Schurzfell wird
da oben gelöst und geschüttelt;
das Schurzfell der Leiden rüttelt
der Sturm, der über den Dörfern schwirrt.

Nun geht der Frost bis auf die Knochen;
an die Hütten und an die Herzen pochen
Elend und Schnee, alle beide;
zu den kalten Herden, den glutlosen Seelen
geht der schwere Schnee im schimmernden Kleide,
zu den Seelen, die welken in dumpfigen Höhlen.

An den unendlich gewundenen Wegen
sind in Todesschweigen die Dörfer gelegen;
der großen Bäume verschlungener Reigen
winkt, von kristallener Last gebogen,
sacht mit salzbehangenen Zweigen;
dicht von weißem Moos überzogen,
tauchen die alten Mühlen wie Fallen
am Himmel auf, wundersam;
und unten kämpfen Giebel und Dächer
tapfer gegen des Sturmes Fächer
schon, seit November kam;
indes noch immer auf die armen Weiten
die großen, langen, schweren Flocken gleiten.

Und der Schnee zieht seine unendliche Strecke
über jeden Weg und in jede Ecke;
der ewige Schnee mit dem Leichentuch
zieht blaß im blassen Begräbniszug
blutlos, begehrend und unfruchtbar
im flatternden Vagabundenhaar
durch den Winter der Welt auf immerdar.

DER SCHREINER

DER Schreiner, ältester Weisheit voll,
zieht und zeichnet Quadrate und Kreise
beharrlich, damit er beweise,
wie es die Seele beginnen soll,
daß sie gewissen Einblick erhält
in die zweifellosen Gesetze der Welt.

Sein Schild, ein riesiger Kompaß, schmückt
sein Haus im Dorf da unten und zückt
als Wappen zwei spitze Zeiger von Gold,
blank wie aus der strahlenden Sonne geholt.

Mit Händen, die fest sind, behend und stet,
bereitet der Schreiner sich sein Gerät;
auf Dunkel streut er noch Dunkelheit,
indes seine Blicke, klar hinter Brillen,
gerad und scharf auf sein Wirken zielen,
auf Kleinigkeit über Kleinigkeit.

In seinen vergitterten Fenstern weilt
das Licht nur zu kleinen Quadraten geteilt,
und sein Laden, der alt wie er selbst ist, muß
leben vom Lebensüberdruß.

Er ist der Gewohnheit Untertan,
die über sein Hirn das Grübeln spann,
solang seine stumpfen und geistesleeren
eintönigen hundert Jahre währen.

Kärglich mit ein paar armen Maschinen,
mit Zeichen, die schirmend zugleich ihm dienen,
mit kupfernen Zirkeln und hölzernen Kegeln,
mit eines frommen alten Buches Regeln,
mit dem Kreuz, das er mitten hindurchzieht quer,
sagt der Schreiner das Weltall her.

Er hat sich Tag über Tag gekränkt,
die Augen alt und den Geist beschränkt;
er hat Anhängsel und Winkel ersonnen,
hat Federn, in denen die Tücke schnellt,
in sein schwierig verbautes Werk versponnen
und auf den Gipfel Gott gestellt.

Er hobelt seine Beweise zurecht
und schneidet jede Antwort entzwei;
und seiner Gründe Raserei
durchbohrt der Nächte Goldgeflecht.

Er lehrt in Sprüchen; er kündet
das Rätsel des Daseins, begründet,
wie es kommt, daß der Stoff sich findet.

Er blinzelt in die nie erforschten Flammen,
gibt ihnen stützend einen neuen Namen
und glaubt, daß Wahrheiten der Erde kamen.

Er ist der Meister in Wechselgesprächen;
er kann den menschlichen Geist zerbrechen
und ihn teilen in feindliche Flächen;
er hat den Menschen sauber geglättet,
mit übertriebnen Gründen gekettet
und in sein starres System gebettet.
Mit dem Schreiner Tor an Tor
wohnen der Arzt und der Pastor,
die sich Beweise, die stets miteinander streiten,
aus seiner Arbeit, die sie nicht durchschaun, erbeuten.

Keine Unmöglichkeit mehr blieb,
die er nicht in sein Schubfach trieb;
nach einer trüben Glaubensstrenge
fügt sie sich seiner Weisheit Enge.

Sein beflissenstes, bestes Geleite?
Die schwankenden Leute, die stammelnden Leute,
die für kärgliches Kupfergeld
bei ihm ihr letztes Labsal bestellt.

Er lebt von dem Schild, das sein Dorfhaus ziert,
von dem Kreis und dem Gold, das darüber irrt,
er gibt nur auf den kreischenden Laut noch acht
des Glöckleins, das seine Tür bewacht.

Er schnitt und er feilte früh und spät
eine Wissenschaft, die aus Trotz besteht;
ein Wissen, das eng im Kirchspiel gefangen
ohne Glanz ist und ohne Bangen.

So daß mit dem Tag, an dem er stirbt,
auch sein Werkzeug zerbricht und verdirbt;
und seine Kinder spielen
mit der Ewigkeit, die er gebaut und besaß
durch das Lineal und das Winkelmaß.

DER TÜRMER

GLEICH dem Brüllen geblendeter Rindertruppen
heult aus dem Abend, in Angst und Stammeln,
der Sturm.

Und über den schwarzen Giebelgruppen,
die im Dämmern sich um die Kirche sammeln,
brennt von Blitzen gestreift der Turm.

Verstört, mit offnem Mund, dem kein Schrei
entfährt, stürzt der alte Türmer herbei;
und der Schläger, der schwer
an die Glocke fällt,
regelt und zählt
den Wahnsinn, der
seine Schläfen quält.

Der Turm
schwenkt auf seinem First das Kreuz durch den Dunst
und schleudert weif in des Himmels Strecken
glühend die Mähne der Feuersbrunst.
Lodernd leuchtet der nächtliche Flecken.
Die Gesichter der jäh auftauchenden Massen
füllen mit Furcht und Geschrei die Straßen;
und die Mauern, die alle blinken und scheinen,
trinken Blut mit den schwarzen Steinen.

Der alte Türmer wirft mit mächtigem Läuten
seine Verzweiflung in die unendlichen Weiten.

Der Turm
wächst auf dem Horizont, der sich wiegt,
und in purpurnen Lichtern fliegt
er über Seen und Moor;
seine Schiefern – Schwingen, die kühn
schwebende, flatternde Funken sprühn, –
fliehn in der Nacht durch der Wälder Tor.
Aus schwarzen Gründen
tauchen Strohdächer und entzünden
sich hell, und im Sturze des Firstes fällt
das Kreuz in den Hügel von Schutt und Glut,
der die christlichen Arme voll Wut,
als ein Opfer, ihm zerrt und quält.

Der alte Türmer läutet so stark er kann,
als fielen seinen Gott die Flammen an.

Im Turm
höhlt das Feuer einen Trichter, dessen
Flammen steigend schon den Stock gewinnen
und das Gewölbe schon durchwehn, darinnen
die Glocke springt und schnellt, von ihrem Zorn besessen.
Unter langen und tollen Geschrei
flattern Eulen und Krähen vorbei;
mit den Köpfen gegen die Fenster drängend
und im Rauch sich den Flug versengend,
werden sie jählings matt und erschreckt
tot im Schwellen der Menschenwellen
zum Grund gestreckt.

Der alte Türmer schaut die Hände von kochendem Gold
der Feuersbrunst, die seine Glocken holt.

Der Turm
ist wie ein Dickicht von roten Gebüschen,
dessen Zweige lohn
und sich gezückt in die Klangdämpfer mischen;
das wilde, zuckende Feuer hat schon
wie ein rankender Pflanzenbogen
sich um Bretter und Bohlen gezogen
und um der riesigen Balken Reihn,
von denen die Glocken läuten und ihre Tollheit schrein.

Der alte Türmer läßt in Bangen und Todesqualen
für seinen eigenen Tod seine sterbenden Glocken schallen.

Den Turm,
von Schutt und Asche nun grau,
trifft ein Stoß, der entscheidet,
der seinen Bau
in zwei Teile von oben bis unten schneidet.
Wie ein Schrei, der Gewalt erleidet,
reißt das Läuten ab.
Der alte Glockenturm scheint, ganz schwarz auf einmal, zu zittern;
wie in Gewittern
hört man das Grollen
der Glocken rollen
ins Erdreich herab.

Der alte Türmer hat sich nicht geregt.

Und die Glocke, die mit machtvollem Stoß
den Boden traf und ihn als Sarg umschloß,
hat ihn im Fallen in sein Grab gelegt.

DIE ALTE


BLÄTTER fallen über die Wege
wie abgeschnittene Hände hin;
fallende Blätter überziehn
Fluren, Wiesen und des Walds Gehege.

Leis trippelt die Alte nun
mit der Krücke über die Heide;
Kopf und Gestalt umhüllt beide
das Mäntelchen von Kattun.

Maulwürfe, Wiesel, Ratten und Mäuse
gehen mit und unterhalten sich leise;
Stämme und Dickicht erwachen und leben;
Reiher und silberne Tauchenten schweben
vor ihr und regen das Flügelheer
kriegerisch, schimmernd, bedeutungsschwer.

Keiner weiß um ihr Heimatland.
Eines Sonntags hat ein Zigeunerchor,
auf Landstraßen wandernd, sie wiedererkannt.
Ob ihre Ränke dereinst die goldenen Nixen umwarben?
Nichts ist gewiß, als daß ihre Hände, die Blumen verdarben,
in versunkenen Zeiten einst ein Priester beschwor.

Sie hat seitdem sich ihr Los erwählt
auf dem Hügel, der über der Ebene hält.
Jeder weiß, daß ihr Blick auf die Höfe zielt
durch die verstaubenden Fensterscheiben,
wenn sie nachts mit den wirren Strähnen, dem Treiben
ihrer Güte und ihres Grolles spielt.

Ihr Dach scheint ein Vogel, den Sturmgewalt
arm und zermalmt an die Dünen schlug,
daß er gekrümmt und mit lahmem Flug
sich voll Zorn in den Sand gekrallt.

Von Nebel unendlich durchdrungen,
fallen die Blätter wie Hände
auf Wege und Niederungen
ohn Ende.

Sie geht, ob man sie liebe oder hasse,
unbeirrt ihres Schicksals Straße;
sie kann zum Rätsel, zur Klarheit werden
nach ihren unbestimmten Gebärden;
sie sieht Freude und Qualen stumm.
Die, deren Aug verborgne Tiefen mißt,
werden euch sagen, warum
sie die Seele des Landes ist.

Seele voll Schwermut, trotzige Seele in Waffen,
die, über den Abgrund gebeugt, verlornes Geheimnis entsiegelt,
die sich in den zersprungnen Spiegeln spiegelt,
in denen toter Weisheit Schätze schlafen;
Seele, die Morgendunst und Abendnebel umfluten,
Seele, von tückischem Haß, von lauernder Liebe durchglüht,
die unterwegs zum Bösen oder Guten
wie eine Plündrung durch die Lande zieht.

Von Nebel unendlich durchdrungen,
fallen die Blätter wie Hände
auf Wege und Niederungen
ohn Ende.

Die Alte weiß, daß man sie rufen wird,
wenn Verzweiflung wild über jene irrt,
die auf Erden nur noch in die weißen,
grausigen Knochen des Elends beißen;
wenn Keime von Krankheit auf Nordostschwingen
durch die Ritzen des Tores dringen
und auf den schläfrigen Hof sich senken
und nie mehr an den Abschied denken;
oder wenn scharfe Gewittergeschütze,
flackernde Lichter und bleiche Blitze
von Kopf bis zu Fuß die Stämme der alten,
kraftumgürteten Linden spalten.
Die Alte kennt alles, was gelingt,
ohne daß Gott seine Hilfe bringt;
und sie weiß, wie mächtig das Schweigen ist,
das seine Leidenschaften verschließt
und aus Augen, die grau sind, scheu und kalt,
seine Blicke wirft wie aus dem Hinterhalt.

Die Alte geht weiter; ihr Schatten,
der großgeflügelte, zieht
durch Dunkel und Dickicht mit.
Und Wiesel, Feldmäuse, Ratten
laufen unheimlich, ihr Untertan,
flink, wie ihr Wink es wollte,
als Herolde
voran.

Jeder Wirbelsturm, jedes Wetter gärt
in ihrem Hirn, eh es die Welt durchfährt.
Die Alte glaubt sich erhaben, gefeit,
wie ein Ding, das gemacht ist aus Ewigkeit,
in Einklang mit den Wäldern, Wassern, Flächen;
aus ihrem Haß und ihrem Mitleid brechen
die Strömungen, nach denen von den Dingen
und den Geschicken sich die Wandlungen verschlingen.

Wenn sich nachts um der Dünen Schultern die kalten
und glatten Haare des Mondes falten,
wacht sie auf bei der Lichter Blauen
und zückt ihren Willen weit über Meilen und Auen.
Nach den alten Ländern mit Mitternächten von Feuern
fühlt sie verzaubert ihre Seele steuern,
so machtvoll, daß sie oft die Zukunft kündet,
daß sie die Freude und das Leid ergründet,
die mit den dunkeln und den lichten Zeichen
schwarz oder golden durch die Wolken streichen.

Von Nebel unendlich durchdrungen,
fallen die Blätter wie Hände
auf Wege und Niederungen
ohn Ende.

Und erlag sie des Todes Tücke,
wird die Tochter, wird die Schwester der Alten
auf denselben Wegen den Rundgang halten,
in demselben Kleid, mit derselben Krücke.
Eine andere Stimme spricht
dann das Wort, das jene vergaß;
denn die hundertjährige Alte,
die über die Dörfer wallte,
setzt sich fort ohne Unterlaß.

DAS SCHWEIGEN

SEIT der Sommer den letzten Schlag geführt
durch der Wolken Scheide,
hat das Schweigen sich nicht gerührt
aus der Heide.

Ringsum spielen die Türme all
in den Fernen mit ihren Glocken Ball;
ringsum streifen wandernd Gefährte,
müde mit dreifacher Last beschwerte;
ringsum an der Tannengehege Rand
knirscht das Rad durch die Furche im Sand;
aber kein Laut und kein Lärmen trifft
den Raum, dessen Strecken der Tod vertieft.

Seit sich der Sommer verzog mit seiner Donner Gewicht,
rührte das Schweigen sich nicht.
Und die Heide, in die sich die Abende tauchen,
führt es weiter, jenseits von Sandbergketten
und von Dickichten, endlos und unbetreten,
bis dahin, wo die fernsten Fernen rauchen.

Selbst die Winde rauschen nicht aus den Zweigen
der alten Lärchen da, wo das Schweigen
starr im Moor, das der Schlaf versiegelt,
seine unfaßbaren Augen spiegelt;
nur die Wolken auf ihrer Reise
streifen mit stummen Schatten es leise,
oder von großen Vögeln ein Zug
schwebt hoch oben mit zögerndem Flug.

Seit dem letzten versengenden Blitzesstreich
drang nichts ein in des Schweigens Reich.

Und die seinen riesigen Raum durchschritten,
ob sich um sie Morgen ob Abend spannte,
haben alle das Unbekannte,
dessen Fieber sie überkam, gelitten.
Eine Kraft der höchsten und weitesten Reiche,
bleibt es ununterbrochen das gleiche.
Dunkle Mauern von schwarzen Tannen verlegen
den Blick nach den fernen Hoffnungswegen;
große verträumte Wacholder lassen
wie ein Graun den stockenden Wandrer erblassen;
in tückischen Linien und Krümmungen schleichen
Pfade, die verzwickt sind wie Zeichen;
und die gleißende Sonne spielt
mit dem Spiegel, nach dem die Verirrung zielt.

Seit des Blitzes gewittergeschmiedetes Schwert
zuletzt es traf, hat aus den vier Ecken der Heide
sich das herbe Schweigen nicht weggekehrt.

Die alten Hirten, auf die ein Jahrhundert gefallen,
und ihre Hunde, die uralt wie in Lumpen zerfallen,
sehen es oft durch die lautlosen Weiten
auf den Dünen von Gold, die Schaffen verbrämen,
still in die Nacht, ein Ungeheures, gleiten,
so daß die Wassersich, versteckt im Moore, schämen,
daß die Heide erbleicht und sich dichter verhüllt,
daß jedes Blatt an jedes Strauches Rand
lauscht und der sterbenden Sonne Brand
den Schrei erstickt, der wild aus seinen Lichtern quillt.

Und unter dem Stroh ihrer Hütten spüren
alle die Weiler, die es berühren,
seinen fernen und furchtbaren Bann;
regungslos, ist es ihr Herr und Tyrann.
Tief von Ohnmacht und Angst durchdrungen,
ducken sie sich, von ihm bezwungen,
wie auf der Lauer, und sehn es grauend,
wenn durch Nebel, die mild auseinanderfließen,
wie Augen, groß aus dem Monde schauend,
seine Rätsel silbern ihr Licht ergießen.

DER TOTENGRÄBER

IM Garten,
dem ewig grünenden, der Erstarrten,
gräbt ein Mann der Erde Trockenheit
seit allezeit.

Ein paar gebrechliche Weiden klagen,
ein paar Blumen weinen nicht weit von ihm,
daß um sie wie ein ewiges Ungestüm
Regen, Sturm und Gewitter schlagen.

Den rauhen tückischen Boden umgeben
gähnend an allen vier Ecken Gräben;
die Kälte des Winters fährt
wie ein Schnitt in den Stein; doch in des Sommers Schweigen,
im Juni, hört man, das im Grunde gärt,
des Todes Leben, aus den Särgen steigen.

Der Totengräber mißt längst nicht mehr
im Verstreichen
die Zeiten aus, seit denen er
die Erde füllt mit seines Elends Leichen.

Und Tag für Tag auf schmerzvoller Bahn
kommen die weißen Särge an;
von den fernsten verlorensten Dörfern ziehn
sie endlos herbei und suchen ihn
durch die unermeßlichen Flächen;
nahn, von schwarzgekleideten Leuten geleitet,
und enden erst, wenn der Tag verscheidet,
um mit des Morgens Graun von neuem aufzubrechen.

Der Totengräber hört das Sterbeläuten
aus den müden Himmeln und den fernsten Weiten
seit alten, nie mehr erforschten Zeiten.

Die weißen Särge schleppen seine Qualen:
sein Sehnen, das sich wild zum Tod des Abends kehrt,
sein Leid und seine Tränen, deren Fallen
sein frommes Linnen ihm blutend und bang versehrt;

Erinnerungen mit verstaubten Blicken
kommen von fern durch langer Stunden Zug,
gesandt von der Furcht, in der ihre Seelen ersticken;
sein Stolz kommt auch, den er in Stücke schlug;

sein Heldentum, das keine Antwort hörte;
sein erschlaffender Mut, von schwerer Rüstung besiegt;
und seine Tapferkeit, die ganz von Wunden verstörte,
in deren Augen schon gärend und drohend Verwesung liegt.

Der Totengräber sieht mit der Särge weißen Gewichten
sich gerade auf ihn die langsamen Wege richten.
Da sind die klarsten von den Gedanken, die ihm gehört,
alle vereinzelt, von seiner Lauheit zerstört.

Da liegt das Lieben, das einst aus Tau und aus Reinheit kam,
in lüsternen Spiegeln gespiegelt voll Grauen und Scham.
Da liegen die Eide, die er stumm sich selbst gelobt und geglaubt,
leer und erloschen, – Juwelen, aus einem Kronreif geraubt.

Da liegt sein Wille, der sprühte wie Blitzeslauf,
hilflos am Boden und richtet sich nie wieder strahlend auf.

Der Totengräber gräbt beim Sterbeläuten
die Ecke, um die Buchs und Taxus gleiten,
seit alten und nie mehr erforschten Zeiten.

Da ist sein Traum, aus Leichtsinn und Freude entsprungen,
den er durch der Wissenschaft dunkelnden Abend geschwungen;

den wie mit Glutflügeln er mit Federn und Flammen zierte,
den er dem Wahnsinn entriß, der schillernd vorüberschwirrte;

den er hinauswarf in unerreichbare Weifen
zum Kampf mit des Himmels goldnen Unmöglichkeiten
und der aus dem Schweigen der unüberwindbaren Hallen,
die er nicht streifte, wieder hernieder gefallen.

Mit magerm Arm, dem die Kraft entwich,
gräbt Spatenstich über Spatenstich
der Totengräber die Trockenheit
der müden Erde, – seit welcher Zeit?

Und hier sieht er, schmerzvoll auf seine Reue gekehrt,
die Verzeihung, denen, die unrecht hatten, verwehrt,

und sieht all die Bitten, die stummes Weinen betaut,
in seiner Brüder Augen von ihm ohne Mitleid geschaut;

sieht die Schläge, geführt gegen die Armen und Stillen,
wenn sein Hohn sie verlacht, die bang in die Kniee fielen;

sieht die finstre Verleugnung, den Spott, der so scharf gezielt,
wo ihm Ergebung im Dunkeln die Hände entgegenhielt.

Der Totengräber birgt müd und bang
sein brennendes Leid in der Glocken Klang;
unter Spatenstichen auf Spatenstich
spaltet todermattet die Erde sich.

Und die Selbstmorde sieht er, in Furcht und Entsetzen verfemt,
wenn vor der vergeltenden Stunde die entscheidende Stunde sich schämt;

und das Verbrechen mit seinen Greueln, von denen,
die sie berühren, seine flüchtigen Finger, brennen;

und seine Besessenheit, die in ihm siedet und braust
und will, daß er Der ist, dem vor sich selber graust;

und das wilde Erschrecken und der Zweifel mit grundlosen Fernen
und der Wahnsinn mit seinen weißen, marmornen Augensternen.

Das Hirn zermartert vom Klang der Glocken,
wirft der Totengräber, ohne zu stocken,
die Erde und ihre Trockenheit
Spaten um Spaten auf seine Vergangenheit.

Er sieht die getöteten Tage und sieht die der Gegenwart,
alles schon dämpfend, was jung und kühn in der Zukunft harrt;

durch deren Hände, die beweglich und grausam sind,
schon Tropfen auf Tropfen das Blut seines Herzens rinnt;

deren Gebiß, das sicher faßt und zerreibt,
die Gestalt der Zukunft zerfleischt, bis nur das Skelett noch bleibt;

die ihm in Särgen all seine Vorsätze zeigen,
die ungeboren schon dem Tode zu eigen.

Der Totengräber hört aus den Weiten
immer dumpfer das Glockenläufen
durch die Gelände des Nordens schreiten.

Ach könnten die bangen verzauberten Glocken
eines Tages ihr Läuten stocken!
Kämen der Toten endlose Züge nicht mehr
mit der Reue über die Straßen her!

Aber Särge auf Särge dehnen
sich, gefolgt von Gebet und Tränen,
machen Halt, wo die düstersten Hügel ragen
und ziehn weiter, auf Bahren von Menschenschultern getragen,
ihren trüben eintönigen Gang,
die Felder, die Hecken, die Höfe entlang
dem Unbekannten zu, aus dem Entsetzen klang.

Und der alte Mann, dem keine Stütze sich bot,
der verfolgt ist von der Unendlichkeit Särgen,
hat die Erde nur, ihn zu verbergen,
seinen zerstückelten, vielfachen Tod.

Und seine Finger richten in Wirrnis und Fieber
seit Zeiten, die kein Erinnern faßt,
ein Kreuz auf darüber
voll Hast.

DER STURM

ÜBER der Heide Unendlichkeit
trompetet der Sturm, daß November naht;
über der Heide unendliche Strecken
schreit
der Sturm, der schwer gegen Dörfer und Flecken
schlagend sich zerreißt und kasteit,
der Sturm,
den rasend November entsendet hat.

In den Brunnen am Hof
knirschen Eimer, knirschen Gewinde
wie Scherben;
in den Zisternen am Hof
knirschen Eimer, knirschen Gewinde
und kreischen, als finde
in ihrer Schwermut sich das ganze Sterben.

Der Sturm rafft neben des Flusses Lauf
die toten Blätter der Birken auf,
des Novembers jagender Sturm;
der Sturm zerstört in den Ästen
Nester mit scharfem Biß;
der Sturm rüttelt Eisen; der Sturm braust bis
zu der fernen Schneewolken Festen;
gegen des alten Winters Bann
wütend, fällt er sie wütend an,
der Sturm auf der wilden Novemberbahn.

In den ärmlichen Ställen nicken
und klappern die Luken mit ihren Flicken,
die bunt sind und blaß von Papier und Glas.
Und auf dem Hügel von schwärzesten Gras
mäht die alte Mühle von unten nach oben,
von oben nach unten wie Blitzesstoben
in Gram und Groll
den Sturm, der November verkündigen soll.

Strohdächer, die alt und erschöpft sich quälen,
humpelnd dicht um den Kirchturm geschart,
werden erschüttert auf ihren Pfählen.
Gegen die alten Dächer schlägt hart,
daß sie stöhnen, der Sturm,
der Novembersturm;
auf dem Kirchhof bringt er die Kreuze zu Fall,
und die Kreuze, die Arme der Toten all,
stürzen wie ein Vogelschwarm wund,
schwarz und erschlagen herab zum Grund.

Den Sturm, der durch den November rast,
den Sturm,
saht ihr ihn, habt ihr ihm aufgepaßt?
Stießt ihr auf ihn
am Kreuzweg der dreihundert Straßen?
Hat er gekeucht und vor Kälte geschrien?
Habt ihr ihn gesucht,
den Sturm der Irrfahrt, der Furcht, der Flucht?
Saht ihr den Mond in dieser Nacht ihn fassen,

den er niedergestreckt,
als die alten, vom Elend zernagten,
demütigen Dörfer verzagten
und schrien
wie Tiere Schrein, wenn sie Gewitter schreckt?

Über der Heide Unendlichkeit,
durch den Raum, den niemals sein Rasen mißt,
schreit
und trompetet der Sturm, daß November ist.

DER IRRFAHRER

ALS der Knecht, vom Hof verwiesen,
den Blick verstört und das Herz zerrissen,
floh über des Tores Schwelle,
entfloh
aus lichter Hülle auch der Herrin Seele.

Die Tote, deren ganzes Wesen so
dem blonden Knecht gehört, den ihre Liebe meinte,
ward abends aufgebahrt bei Lärm und Pracht;
das weiße Wachs der großen Kerzen weinte
neben des schwarzen stolzen Sarges Nacht.

Darauf schloß der Erde Rinde
dicht sich über ihrer Sünde;
und der Pächter, der müde sein Haus betrat,
entschlummerte auf ihrer Lagerstatt.

Von Antwerpen bis Trebizonde durchmaß
der tolle Knecht die Welt, und sein Haß
ging mit in das Land, wo neues Gold
aus den Händen in die Gehirne rollt
und berauscht wie ein starker Wein.

Jahre und lange Jahre lang
trank er das Gold wie Gift in sich hinein,
daß es in seinen Adern die Rache
kochender, unversöhnlicher mache.

Ein Tag kam, der ihn zwang,
nach seinem Glockenturm, nach seines Landes Flächen
blutrünstig von Gold wieder aufzubrechen.

Der Hof lag in Verlassenheit,
seitdem die zögernde Hand der Zeit
auch über den Pächter den Tod gestreut.

Da regte
der blonde Knecht geduldig seine Hände;
sorgfältig breitete er um das Haus,
um morsche Mauern und verfaulte Wände
das Blumenkleid der alten Tage aus.
Er zierte weiß das Haus und grün die Türen
und ließ um offne Fenster Läden klirren;
er ließ von Licht umhüllt
den Giebel scheinen durch des Weinstocks Lohn,
und im Gemach,
wo Liebe sich und dann der Tod erfüllt,
richtete er das Bett hoch auf wie einen Thron.

Tage gingen langsam den Tagen nach;
als es Herbst war, ließen mit Zögern und Stocken
von ihren Türmen die Glocken
den Tag ihm frei, der von Erinnrung sprach.

Der blonde Knecht ging auf den Kirchhof hin
und suchte Sie in ihrem Grab,
in deren Blicken es nur Licht für ihn,
in deren Herzen es nur Klarheit gab.
Er richtete sie vor sich auf, so groß
und hoch im Leichentuch, das sie umschloß,
und wie erschreckt von seiner Tat, die fast
ihm heilig schien, floh er mit seiner Last.

Er trug das geliebte Skelett ans Bette
und legte es sanft auf das weiße Leinen;
der dicken Würmer fließende Kette
wollte ihm wie ein Gewand erscheinen,
das in Schleifen und Ringen die Hüften umgab:
die langen, rotschimmernden Haare, verrissen,
erstarrt und zerrieben im Grab,
wurden warm unter seinen Küssen.
In seinen Armen, die sie nicht vergessen,
hielt er die Tote fest wie einst zur Zeit der Freude,
und auch die Gegenwart ward voll von ihrem Wesen.

Des Zimmers stiller Raum blieb ihnen gut;
und seine Seele, zart wie feine Seide,
umgab die Schlummernde in weicher Flut.

Die Lampe wollte gern den klarsten Schimmer schenken;
sie wußte wohl von jenem Jahr der Liebe
und brannte hold, als ob das Angedenken
erloschnen Glücks durch ihre Flammen stiebe.
Die großen Schränke, die in alten Nischen
mächtig standen wie ernsthafte Zeugen
von Einst und Jetzt und der Zeit dazwischen,
blickten starr in gebietendem Schweigen;
und das Kleinod heimlichster Wonnen lag
sicher gehütet in ihrem Fach.

Da ward dem blonden Knecht sein Leben klar;
er wußte es in diesem Augenblick,
daß sein Geschick
mit dieser Stunde nun vollendet war.

Seine Hände fühlten sie nicht,
und seine Augen sahen sie nicht;
aber durch lauschende Stille hin
klangen bebende Liebesworte,
und vor der Leiche lag er auf den Knieen;
vor ihr, vor ihr, die Alles ihm gewesen
und die nun lebend war, weil Liebe, unermessen,
herabstieg bis an ihres Grabes Pforte
und sie dem Tag, dem lichten, wiedergab.

Tief beugte er sich über sie herab,
als hoffte er, ein altes Wort zu hören,
und sprach dann fort, indem er Antwort gab.
Die Stirne schien ein Lichtschein zu verklären;
die kleinen Füße, deren Nägel sich
groß und gespenstisch durch die Laken rissen,
deckte er zu, daß sie kein Frost umstrich.
Dann trieb es ihn, sie wiederum zu küssen:
den zarten Hals, das schmale Schulternpaar,
die Brust, die nun vom Tod verwüstet war.
Er schluchzte laut, als sei sein Geist verbannt
im Meer des Lichts, das seine Sehnsucht fand;
und lange trank sein ungestümer Mund
an ihren Zähnen sich sein Dürsten wund.
Und Blumen, die sie zwischen grünen Hecken
in alter Zeit gesäet, wollten sie nun bedecken,
in Dankbarkeit die Seelen zu ihr strecken,
und dufteten so sehr;
wie Pilger, die zu teuren Stätten wallen,
ließen die Rosen ihre Blätter fallen,
daß sie sich in die toten Hände stahlen
und ihre Finger küßten, traumesschwer.

Und draußen hielten hohe Pappeln Wacht;
das Mondlicht reckte ihres Schattens Speere,
damit er sicherer das Haus bewehre
in der feuchten Oktobernacht.
Zu hoch, um seinen großen Flug zu schauen,
durchstrich ein Vogelzug die Wolkenauen
und wandte sich weifer, sacht;
indes auf dem Hof und an den Straßen
in den Fenstern schon Morgenlichter saßen,
blutende Wunden im Herzen der Nacht.

Als die Dämmrung nahte, jung und klar,
um mit Licht den Morgen vollzugießen,
Tagesaugenlider aufzuschließen,
schien der blonde, tolle Knecht zu wissen,
daß die Geliebte tot und daß ihn ihre Seele
erwarte, wo er nicht war.
Er warf die armen Blumen auf die Schwelle
und stieg ins Bett und legte wild und stolz
das Feuer an sein welkes Holz.

Die Flamme zögerte noch; sie kroch
träge, wie von Reue gezügelt,
und schlug dann in herrischen Zungen hoch,
lodernd, verbrämt und triumphbeflügelt
und ward allmächtig wie Sturmesrasen.
Klar sprach der blonde Knecht zum letztenmal
die Worte aus, die alles Leben fassen,
und legte sich, nun alles ringsum lohte,
unter das Leichentuch und in die Tote.

Und die Feuersbrunst trieb über die Dächer
des Hofes ihre gewaltigen Flammen
und schlug über Mauern und Fenstern zusammen
in wildem furchtbaren Riesenfächer.
Und Menschen gingen zur Messe im Morgenrot
und wußten nichts von der Erde Not
und daß im Verrinnen der Nacht ein Mann
ihrem ewigen Schöße Gewalt getan.

DER SEILER

IN seinem Dorf, das den Deichen zu Füßen liegt,
deren Müdigkeit sich darüberschmiegt,
um in das Meer sacht zu gleiten,
verbindet vorsichtig im Rückwärtsschreiten
der Seiler, der weiße, der seherische,
der fernen Fäden verwirrtes Gemische,
das seine Hand in Behutsamkeit
heranzog aus der Unendlichkeit.

Da unten
in dieses Abends innigen, müden Stunden
hört man nicht mehr als eines Rades Knarren;
von unsichtbarer Hand wird es gefahren;
und über die ebenmäßigen Rechen,
die Punkt auf Punkt durch die Straßen stechen,
breitet ununterbrochen
freundlich der Hanf seine klaren
Ketten durch Tage und Wochen.

Mit armen Fingern, die flink geblieben
und die bangen, das Gold zu zerstieben,
das des Lichtes Gang in ihr Mühen spann,
zieht, soweit sich Gehöfte und Häuser schieben,
der Seiler, der weiße, der seherische,
tief aus des Abends Gewühl und Gezische
die Horizonte zu sich heran.

Die Horizonte? Sie sind weit:
Reue, Zürnen, Haß und Streit;
sie sind voll schrecklichen, schluchzenden Schalls,
die Horizonte von ehemals,
klar oder krampfverzerrt
aus der Vergangenheit, Gebärden gleich, gekehrt.

Einst ging das Leben irr, in dichten Schlaf verschlossen,
durch Abende, durch Morgen, die Dämmrung kaum verließ,
als nach dem lichten Land, wo Milch und Honig flossen,
den goldnen Pfad der Ferne die Rechte Gottes wies.

Einst hing das Leben riesengroß und drohend
an wilder Hengste Mähne, deren Tritt,
bei jedem Hufschlag groß von Blitzen lohend,
unendlich mit des Raums Unendlichkeiten stritt.

Das Leben schaute einst, inbrünstig und erweckend,
des Himmels und der Hölle Kreuze, rot und weiß,
durch Blut und durch den Glanz der Rüstungen sich reckend,
nach ihrem Himmel suchen und ihrem Siegespreis.

Einst wand das Leben schäumend sich in Krämpfen,
voll Sturmgeläut, Verbrechen und Klage Schlag auf Schlag,
durchzuckt von Krieger- und von Mörderkämpfen,
indessen toll und prächtig der Tod darüberlag.

An der Felder von Flachs und von Weiden Rand,
auf dem Weg, in die tiefste Ruhe gebannt,
läßt, soweit Gehöfte und Häuser stehn,
der Seiler, der weiße, der seherische,
tief aus des Abends Gewühl und Gezische
die Horizonte durch seine Hände gehn.

Die Horizonte? Sie sind weit:
Arbeit, Forschung, Inbrunst, Streit;
die Horizonte zeigen vorüberfliegend
auf eilender Fahrt
in den Spiegeln der Abende liegend
das trauernde Bild der Gegenwart.

Hier tost und wogt ein wilder Ball von Feuern,
mit dem ein Bund von Weisen ringt, gewillt,
Götter zu stürzen und den Traum des Weltalls zu erneuern,
auf den der große Kampf der Wissenschaften zielt.

Hier ist ein Raum, wo die genau erkannte,
gerichtete Erfahrung feststellt, daß
leblose Luft das Firmament sich spannte
und daß der Tod aufkeimt im winzigsten Gelaß.

Hier sind Fabriken, wo rot die Materie siedet,
zittert und rollt, in Keller eingezwängt,
in denen stöhnend sich das neue Wunder schmiedet,
das bald die Nacht, die Zeit, den Raum verdrängt.

Hier steht ein Schloß, erschlafft von Bau und Maßen,
von dem Jahrhundert matt, das lastend auf ihm liegt,
aus welchem Stimmen, groß von Graun und Rasen,
bang das Gewitter rufen, das toll vorüberfliegt.

An der Straße, die stumm und gerade geht,
mit dem Blick, der noch nach dem Lichte steht,
das scheidend um Häuser und Höfe rann,
zieht der Seiler, der weiße, der seherische,
tief aus des Abends Gewühl und Gezische
die Horizonte zu sich heran.

Die Horizonte? Sie sind weit:
Licht, Erweckung, Hoffen, Streif;
die Horizonte, die in der Zukunft Falten
hell wie Hoffnungen sich gestalten
jenseits der Gestade,
die im Abend glühn durch Wolkenpfade.

Da oben in der reinsten Ferne lenken
zu goldner Höhe blau zwei Stufenreihn die Flucht;
beide erklimmen sie das Träumen und das Denken,
die auf getrenntem Pfad den gleichen Flur gesucht.

Da oben bleicht der Blitz von Stoß und Gegensätzen;
sacht öffnet sich des Zweifels trübe Hand;
die Regeln, deren Feuer sich in Fetzen
bekämpften, einen sich und wissen sich verwandt.

Da oben zielt der Geist nicht mehr auf Scheingebilde
und weiß des Todes Jenseits. Ruhig schlägt
das Herz und fühlt, wie eine große Milde
in ihrer Hand des Schweigens Schlüssel trägt.

Da oben wird der Gott, der jede Seele füllte,
stark und in Strahlen allen offenbar,
die je niedergekniet, wo die innige demutumhüllte
Liebe oder des Schmerzes Heiligkeif war.

O Frieden, schimmernder, der auf die Abendweiten
des Glückes Maß aus lichten Schalen sprüht,
nun aus der grauen Luft gleich ferner Hoffnung Scheiten
der Sterne nächtlich großer Brand erglüht!

In seinem Dorf, das den Deichen zu Füßen liegt,
deren Müdigkeit sich darüberschmiegt,
zieht bis in der wühlenden Ferne Bann
der Seiler, der weiße, der seherische,
Häuser und Höfe entlang das Gemische
der Horizonte zu sich heran.

DER SCHMIED


SEIT Zeiten, die fern sind und namenlos,
steht der Schmied gewaltig und groß
an der Straße, dicht bei den Saaten;
auf seinem Amboß dampfen die Taten
von Stahl und Eisen in Kampf und Tumult,
und er schmiedet machtvoll die blassen Klingen,
die riesenhaften, der großen Geduld.

Wer mit ihm in seinem Dorfwinkel haust
und den Haß in verschlossener Faust verwahrt,
weiß, warum der Schmied unverrückt
an seiner Arbeit flickt und stückt
und am Werk ohne Hader und Hassen
gelassen
verharrt.

Aber die in fruchtlosem Schwärmen
über den Grund der Fernen fegen
und vor leeren Gebüschen lärmen,
die fiebern und die sich erregen,
sehn in Mitleid halb, halb in Verdacht
in seine Augen, die das Schweigen mild gemacht.

Durch den Gang von Tagen und Wochen
müht der Schmied sich ununterbrochen.

Er warf in seiner Kohlenpfanne Glut
die dumpfe, jahrhundertjährige Wut
und des Trotzes erstickten Schall;
und, Herr seiner selber, sperrte
er in die Pfanne, die goldverklärte,
Aufruhr und Zürnen und Haß und Qual,
damit sie den Schimmer, damit sie die Härte
gewännen vom Blitz und vom Stahl.

Furchtlos und rein
beugt seine Stirn sich auf des Feuers Schein
und strahlt auf einmal; denn die lichten Flammen
fügen zur Krone sich vor ihm zusammen.
Seine eigensinnigen Hände ballen
sich groß und fest wie um künftige Qualen
um die Hämmer, die schon von Verwandlungen strahlen;
und die Kraft seiner Muskeln reckt
sich dem Sieg zu, den noch sein Traum bedeckt.

Er hat sie gezählt, die unaufzählbaren Leiden:
nichtige Worte, damit sich die Armen bescheiden;
Stolze, die blind die andern zu führen begehren
und falscher Apostel gallbittre, verhärtete Lehren;
die Gerechtigkeit, blind von Texten zu Texten sich kehrend,
und das Bangen, schamlos jeden Gedanken entehrend;
große fordernde Arme überall an der Dienstbarkeit Kette,
in der Felder Gesundheit und im Fieber der Städte;
das Dorf, vom endlosen schwarzen Schatten des alten
drohenden Kirchturms wie von einer Sense gespalten;
arme Leute, auf denen die armen Strohdächer lasten,
bis auf den Knieen sie bittend nach Almosen tasten;
das Elend, das kaum noch zuckend in seinen Nöten
schon die Waffe ergreift, die bestimmt ist, sich morgen zu röten;
das Recht, nach seiner Kraft zu leben und weiter zu wachsen
verkümmert in der Gesetze Gittern und Faxen;
männlicher Freude und männlicher Zärtlichkeit Strahl
erstickt in den Fingern, den würgenden, der Moral;
die Gifte all, die des Gewissens Quellen,
die diamantnen, färben und entstellen;
und dann: ob sich auch Schwur auf Schwur erneut,
für die, die man erdrückt und die man scheut,
das gleiche Elend: gestern, morgen, heut.

Der Schmied weiß wohl, wieviel
man verrät an den Verträgen,
und er ist seit langem still;
der Tag der Tat wird nahn mit seinen Schlägen.
Er ist der Beharrer, den nichts zerbricht,
der siegt oder tot zu Boden fällt,
der sein Menschenbewußtsein so hoch und licht
zwischen den Zähnen des Willens hält;
dessen Wille vermöchte, daß Diamanten
wichen vor ihm mit zerbröckelnden Kanten,
und vermöchte, im Schöße der Nacht an die großen
Regeln der rollenden Welt zu stoßen.

Und hört er, Tropfen auf Tropfen,
an den Amboß die Tränen klopfen
all der Herzen, die nicht so gelind,
nicht so ruhig wie seines sind,
so weiß er, daß dies ungeheure Grollen,
diese Verzweiflungen, von einer Liebe bang,
für einen fernen Tag die Maße finden wollen,
damit man messen wird die neue Zeit entlang;
und daß der goldene Hebel, nach dem die Dinge sich regen,
sich wenden wird, dem Licht der Wandlungen entgegen.
Nur ist aus den Nächten, auf die sich Finsternis senkt,
die Stunde zu wählen, die diese Minuten schenkt.

Daß man ihr fernes Läuten vernimmt,
einem Schritt gleich, hastend und unbestimmt,
soll still das Lärmen sein und still das Wesen,
und keine Fahne soll mehr wehn im Wind der Thesen,
und man soll lauschen und das Streiten lassen.

Die Stillen werden diese Stunde fassen.
Kein Wunder wird am Himmel glühn und gleißen,
kein Menschengott den Weltraum an sich reißen.

Die Menge und ihr Zorn, der stärker ist als sie,
weil er das Feuer ist, das aus dem Blicke
der großen Träume bricht und der Geschicke,
stellt dann erbarmungslos die neue Harmonie,
das neue Weltall auf, nach dem ihr Dürsten schrie.
Die Blut- und Schattenspuren werden schwinden;
sanft, stark und groß wird man die neue Ordnung finden,
die unverfälscht dereinst das Leben selbst sein wird.

Der Schmied, dessen Hoffnung sich nie verirrt
in Zweifel und Angst, sieht so nah
sie vor sich stehn, als wäre sie schon da,
die Zeit, die neu und schlicht das Leben deutet
und rein den Frieden durch die Menschheit läutet:
Dann wird der Mensch kein Wolf sein, der unstät
zum Biß bereit nach seinem Bruder späht;
dann wird die Liebe, deren reichste Tiefen
von Zärtlichkeit noch unter Hüllen schliefen,
auch den Enterbten Seligkeiten bringen;
die Säcke, prall von Gold, wird man zum Bluten zwingen
an einem Abend, der von Recht und Inbrunst rot und groß;
verschwinden wird dann Bank, Comptoir, Spelunke, Schloß;
alles wird licht und schlicht sein, wenn der Stolz erschlagen
und wenn der Mensch, anstatt nach selbstischen Zwecken zu fragen,
die eine unsterbliche Seele ihm hütet in ewiger Schale,
sein aus allen geschöpftes Leben fortgibt an alles und alle;
Worte, deren Klarheit noch keine Bücher künden,
werden, was schwarz und sinnlos schien, ergründen;
der Schwache wird sein Teil haben vom ganzen Leben
und wird es lieben, – und aus den Geweben
der Stoffe wird vielleicht sich Gott ergeben.

Mit dieses flammenden Glaubens Leuchten,
dessen Glanz keine Jahre scheuchten,
läßt am Weg, der die Saaten umzieht,
der starre aufrechte Schmied
den Hammer fallen und steigen.
Als wollt er den Stahl der Seelen durchdringen,
so hämmert er machtvoll die großen Klingen,
die riesenhaften, von Geduld und Schweigen.

DIE BRENNENDEN SCHOBER

IM Grund des Abends glüht das Firmament,
und der Glocken zerschmetterndes Läuten gellt
gegen die vier Mauern der Welt.

Ein Schober brennt! –

Über die Straßen, die Gänge drängt sich die Menge,
durch der Dorfgassen Enge zwängt sich der Menge Gedränge,
und zum Winseln ist der Hofhunde Heulen verstellt.

– Ein Schober brennt! –

Die Flamme brummt und zermalmt und spaltet,
bricht aus den Fetzen, die sie entfaltet,
oder schleppt sich krumm und gewunden
wie schimmerndes Haar, langsam aufgebunden,
und wird auf einmal ruhig und rückt
weiter fort, verbirgt sich, und reckt sich drohend
und spreizt sich, in Gold und in Schutt weit lohend,
durch die schwarze Nacht, die ihr Leuchten schmückt.

– Auf einmal flammt ein andrer Schober auf! –

Er ist groß, und wie ein Bündel von Schlangen,
rot und giftig zusammengefegt
sind die Flammen, die rasend und aufgeregt
auf die Dörfer, die Äcker, die Weiler gelangen,
wo von Fenster zu Fenster gefangen
flackernd und rot ein Licht sich regt.

– Ein Schober brennt! –

Die unendlichen Felder flüchten erschreckt und verraten ;
über den Mooren, über den Saaten
hebt sich von Lichtern gekrönt das Laub;
gebäumte Hengste wiehern dem Unheil entgegen,
große Vogelschwärme zögern im Fluge und legen
mit erstickten Schrein sich in Glut und Staub;
der Boden stöhnt auf, und der Tod
ist da; in ihren Gelenken
hält ihn die Feuersbrunst und läßt nicht ab zu schwenken
und peitscht ihn auf, wenn er zu schwinden droht.

Und Schweigen folgt der Furcht, als durch die Nacht
gewaltig auf dem müden Firmament
ein neues Feuer sich im Dämmrungsschoß entfacht.

– Ein Schober brennt! –

An den Ecken stehn Leute in wirrem Kreise
fahl mit verzauberten Gesten herum;
die Kinder schrein, und die Greise
heben entwurzelte Arme stumm
nach der Flammen Geleucht und Gegleiße;
und von fern in verbissenem Schweigen stieren
auf das Tanzen der Funken mit blöden Blicken die Irren.

– Ein Schober brennt! –

Die Luft ist ein loderndes rotes Gebraus;
erloschen und tot sieht der Himmel aus,
geschlossen sind die Lider seiner Sterne.
Vor sich flüchtende Goldkiesel jagend,
fährt der Wind durch die Schleier der Ferne.
Das Feuer wird Lärm, der in Flammen klagend
und heulend prallt an des Echos Schild,
gegen des Flusses Ufer, daran
jäh sich ein Jenseits aufgetan,
leuchtend klar wie ein Traumgebild.
Die ganze Ebene ist nur Schutt und Glut und Lüge
und Gold und Blut, – und der Aufruhr faßt
den Tod in der Luft und braust durch der Wolken Gefüge
so wild und so wütend, als trüge
er den Himmel selber von dannen, eine zitternde Beute und Last.