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Jules Verne - Die Blockadebrecher

A. Hartleben Verlag, Wien, Pest, Leipzig, Band 19, 1877.

Übertragen von Martha Lion. Die Illustrationen stammen von Jules-Descartes Férat (1819-1889).

Erstes Capitel.

Die Delphin.

Der erste Fluß, der unter den Rädern eines Dampfers schäumte, war der Clydefluß, und zwar geschah dies im Jahre 1812. Das Boot hieß die Komet und versah mit einer Schnelligkeit von sechs (engl.) Meilen pro Stunde regelmäßigen Dienst zwischen Glasgow und Greenock. Seit jener Zeit sind wohl über eine Million Steamer oder Packetboote den schottischen Strom auf- und abgefahren, und die Bewohner der großen Handelsstadt haben nachgerade Gelegenheit gehabt, sich mit den Wundern der Dampfschiffahrt vertraut zu machen.

Trotzdem befand sich am 3. December 1862 eine ungeheure Volksmenge, die aus Rhedern, Kaufleuten, Arbeitern, Seeleuten, Manufacturisten, Frauen und Kindern bestand, in Glasgow auf dem Wege zum Kelvin-Dock, einem großen Schiffsbauplatz, der den Herren Tod und Mac Gregor gehörte. Der letztere dieser beiden Namen beweist zur Genüge, daß auch die berühmtesten Abkömmlinge der Highlanders unter die Industriellen gegangen sind und die alten Vasallen der ehemaligen Clans zu Hüttenarbeitern gemacht haben.

In Zeit von wenigen Minuten hatten die Schaulustigen ihr Ziel erreicht, und nun ergoß sich ein wahrer Menschenstrom über die unermeßlichen Werften am rechten Ufer des Clyde; kein Platz auf den Kais, keine Wharfmauer, ja nicht einmal die Dächer der Magazine blieben von Neugierigen unbesetzt.

Der Grund dieser allgemeinen Aufregung war durchaus keine seltene Ceremonie, es sollte ganz einfach ein Schiff von Stapel gelassen werden, und doch konnte man annehmen, daß dies für die Bewohner von Glasgow kein ungewöhnliches Ereigniß sei. War an der Delphin – so hieß das von den Herren Tod und MacGregor erbaute Fahrzeug – etwas so ganz Besonderes? Offen gestanden: nein! es war ein großes Schiff wie andere auch, von 1500 Tonnen Gehalt, in Eisenblech erbaut, bei dem alle Einrichtungen nur darauf hinausliefen, eine vorzügliche, schnelle Fahrt zu erzielen; seine Hochdruckmaschine, die aus den Werkstätten einer Lancefield-Schmiede hervorgegangen war, besaß 500 Pferdekraft und setzte zwei Zwillingsschrauben in Bewegung, die auf jeder Seite des Hinterstevens in den dünnen Partieen des Hintertheils lagen und von einander vollkommen unabhängig waren. Es ist dies eine neue Anwendung des von Herrn Dudgeon aus Millwal erfundenen Systems, das den Schiffen große Schnelligkeit verleiht und ihnen die Möglichkeit gestattet, auf sehr beschränktem Raum zu schwenken. Was den Tiefgang der Delphin anbetraf, so waren die sachverständigen Beobachter darüber einig, daß er sehr gering sein müsse, und schlossen daraus, daß das Schiff nur für Fahrwasser mittlerer Tiefe bestimmt sei. All diese Eigenthümlichkeiten konnten jedoch nicht das allgemeine Interesse rechtfertigen, das die Einwohnerschaft von Glasgow an ihm nahm, denn Alles in Allem genommen, zeichnete sie sich vor vielen anderen Dampfern nicht aus.

War bei ihrem Ablauf vielleicht ein mechanisches Hinderniß zu überwinden? Auch das nicht; der Clyde hatte schon manch Fahrzeug von stärkerem Tonnengehalt in seine Gewässer aufgenommen, und der Stapellauf der Delphin mußte demnach auf die allergewöhnlichste Weise von Statten gehen.

Als sich die Ebbe bemerklich machte, wurden die Vorkehrungen getroffen, Hammerschläge fielen im Tact auf die Keile nieder, die den Schiffskiel heben sollten, ein Zittern theilte sich schon jetzt dem ganzen massiven Bau mit; die gleitende Bewegung entwickelte sich mehr und mehr, wurde dann schneller und schneller, und in wenigen Augenblicken verließ die Delphin den sorgfältig eingeseiften Stapel und tauchte, ringsum weißen Gischt aufspritzend, in den Clyde. Sein Hintertheil stieß gegen den Schlammboden des Flusses, dann hob sie sich auf einer riesigen Woge und hätte, von ihrem Schwunge fortgerissen, an den Kais der Werften von Govan zerschellen können, wären nicht all ihre Anker zugleich mit furchtbarem Geräusch hinunter gelassen, und ihr Lauf hierdurch gehemmt worden.

Der Stapellauf war vollständig gelungen, und die Delphin wiegte sich jetzt ruhig auf den Fluthen des Clyde. Alle Zuschauer klatschten dem Fahrzeuge Beifall zu, als es von seinem natürlichen Element Besitz ergriffen hatte, und von beiden Ufern erschallte ein Hurrahrufen, das nicht enden wollte.

Weshalb denn aber all dies Geschrei und Bravorufen? Jedenfalls wären die Leidenschaftlichsten unter den Zuschauern in Verlegenheit gerathen, wenn sie den Grund zu ihrem Enthusiasmus hätten angeben sollen; woher rührte also die besondere Theilnahme, die diesem Schiff gezollt wurde?

Lediglich von dem Geheimniß, das seine Bestimmung umhüllte. Niemand hatte eine Ahnung, welcher Art von Handelsverbindungen es dienen sollte, und wenn man die Gruppen von Neugierigen befragt hätte, wären die verschiedenartigsten Vermuthungen hierüber an den Tag gekommen.

Die Bestunterrichteten, oder die es doch zu sein glaubten, kamen überein daß dies Dampfboot in dem schrecklichen Kriege, der zu jener Zeit die Vereinigten Staaten Nordamerikas decimirte, eine Rolle spielen solle. Zu weiteren Schlüssen aber verstiegen auch sie sich nicht, und ob die Delphin ein Kaperschiff oder zum Transport bestimmt, ob sie ein Schiff für die Südstaaten oder die nordstaatliche Marine war, blieb unerforschlich.

Die Einen riefen »Hurrah« und versicherten Jeden, der es hören wollte, daß die Delphin auf Rechnung der Südstaaten gebaut sei.

»Hip! Hip! Hip!« schrieen wieder Andere und schwuren Stein und Bein darauf, daß nie bis jetzt ein so schnelles Schiff an den amerikanischen Küsten gekreuzt hätte.

Was hier die Menge anzog, war also das Geheimnißvolle, Unbekannte; denn um genau zu wissen, was man von der Bestimmung der Delphin zu halten habe, hätte man eben Associé oder doch zum mindesten der intime Freund des Hauses Vincent Playfair u. Co. in Glasgow sein müssen.

Letzteres galt als ein reiches, bedeutendes und intelligentes Handelshaus, dessen Inhaber von den sogenannten Tobacco Lords abstammten, die einst den schönsten Viertel der Stadt erbaut hatten und ihren angesehensten, ältesten Familien angehörten. Diese ingeniösen Kaufleute hatten in Folge der Unionsacte die ersten Comptoirs in Glasgow begründet, indem sie einen Handel mit Virginia- und Maryland-Tabak begannen; sie sammelten unermeßliches Vermögen und schufen einen neuen Mittelpunkt für den Handelsverkehr. Bald erhoben sich auch Spinnereien und Schmelzhütten auf allen Seiten der Stadt, und in wenigen Jahren stieg der Wohlstand auf den höchsten Punkt; Glasgow war eine Industrie und Manufacturstadt geworden.

Das Haus Playfair hatte von dem unternehmenden Geiste seiner Vorfahren nichts verloren; noch immer stürzte es sich in die kühnsten Operationen und hielt die Ehre des englischen Hauses hoch. Sein jetziges Oberhaupt war Vincent Playfair, ein Mann in den fünfziger Jahren, der bei allen Dingen wesentlich den praktischen und positiven Gesichtspunkt in's Auge faßte, aber trotzdem von kühnem Temperament – kurz, ein echter Vollblutrheder. Nichts, was außerhalb der commerciellen Fragen lag, ja nicht einmal die politische Seite der Geschäfte, machte Eindruck auf ihn, nichtsdestoweniger aber bildeten Loyalität und strenge Rechtlichkeit einen Hauptzug seines Charakters.

Der Gedanke an den Bau und die Ausrüstung der Delphin war jedoch nicht seinem Hirn entsprungen, sondern dankte seine Entstehung Herrn James Playfair, den wir hiermit die Ehre haben, als den etwa 30-jährigen Neffen des alten Herrn und einen der tüchtigsten Skipper der Handelsmarine vorzustellen.

Als James Playfair sich eines Tages mit seinem Onkel in dem Tontine-Coffee-Room unter den Arcaden des Stadtsaales befand und dort mit großem Eifer die amerikanischen Zeitungen studirt hatte, legte er Herrn Vincent folgenden, sehr abenteuerlichen Plan vor:

»Onkel, wir könnten in einem Zeitraum von höchstens zwei Monaten zwei Millionen gewinnen.«

»Und was würde der Einsatz sein?« fragte Onkel Vincent.

»Ein Schiff mit Ladung.«

»Weiter nichts?«

»Nun, etwa noch die Haut des Kapitäns und der Mannschaft, aber das wird nicht mit in Rechnung gebracht.«

»Diese Erörterung wäre näher zu erörtern,« bemerkte Onkel Vincent, der diesen Pleonasmus liebte.

»Alles bereits erörtert!« rief James Playfair. »Hast Du die Tribune, den New-York Herald, die Times, den Enquirer of Richmond und die American Review gelesen?«

»Zwanzig Mal zum Mindesten, lieber Neffe.«

»Und bist Du auch der Ansicht, daß der Krieg unter den Vereinigten Staaten noch lange währen wird?«

»Noch sehr lange sogar.«

»Du weißt, Onkel, wie sehr diese Kämpfe ganz Großbritannien, besonders den Handel von Glasgow schädigten?«

»Und des Specielleren noch die Interessen des Hauses Playfair u. Co.,« fügte Onkel Vincent seufzend hinzu.

»Das ist Thatsache,« bestätigte der junge Kapitän.

»Es ist das mein täglicher Ärger, James, und ich denke mit Schrecken der commerciellen Unglücksschläge, die dieser Krieg nach sich ziehen wird. Nicht, als ob das Haus Playfair schwanken könnte, lieber Neffe, aber seine Correspondenten können es im Stich lassen. Ach diese Amerikaner! Ob sie nun Sklavenzüchter oder Abolitionisten sind, meinetwegen können sie Alle zum Teufel fahren!«

Herr Vincent Playfair hätte so nicht sprechen dürfen, weil überall die große Humanitäts-Principienfrage über die persönlichen Interessen die Oberhand behalten muß; man konnte ihm jedoch nicht Unrecht geben, wenn die rein commercielle Seite der Frage Berücksichtigung fand. Der wichtigste Stoff des amerikanischen Exportgeschäfts fehlte auf dem Markte von Glasgow gänzlich; der »Cotton Famine« wurde von Tag zu Tage drohender, und Tausende von Arbeitern sahen sich gezwungen, von Almosen zu leben. Glasgow besitzt 25 000 mechanische Professionisten, die vor dem amerikanischen Kriege 625 000 Meter Baumwolle täglich, und das will sagen 50 000 000 Pfund jährlich spannen. Hiernach möge man die industriellen Störungen beurtheilen, die in der Stadt hervorgerufen wurden, als das Webematerial fast gänzlich ausging, stündlich wurden Fallissements erklärt, in allen Werkstätten mußte die Arbeit eingestellt werden, und unter den niederen Schichten der Bevölkerung wütheten Hungersnoth und verheerende Krankheiten.

Durch den Anblick dieses entsetzlichen Elends war James Playfair auf seinen kühnen Plan gekommen.

»Kostet es was es wolle,« sagte er, »ich werde Baumwolle besorgen.«

Da er aber ebenso wie sein Onkel Vincent »Geschäftsmann« war, beschloß er, die Operation in Gestalt eines Tauschhandels zu entriren.

»Onkel Vincent, soll ich Dir meinen Gedanken näher auseinander setzen?«

»Dieses Vorhaben wäre näher zu erörtern, James.«

»Wir müssen erstens ein Schiff von großer Tragfähigkeit und schnellstem Gange bauen.«

»Das ginge ja wohl an.«

»Und dann hätten wir es mit Kriegsmunition, Lebensmitteln und Kleidungsstücken zu befrachten.«

»Das würde sich dann schon machen.«

»Ich selbst übernehme den Oberbefehl auf dem Steamer, wir laufen allen Schiffen der nordstaatlichen Marine an Schnelligkeit den Rang ab und brechen die Blokade in einem der südlichen Häfen.«

»Du könntest Deine Ladung theuer an die Conföderirten verkaufen; sie werden dergleichen brauchen,« sagte der Onkel.

»Ja natürlich, und dann gedenke ich mit einer Ladung Baumwolle zurück zu kommen …«

»Die sie Dir umsonst geben werden.«

»Das habe ich mir auch gedacht, Onkel Vincent; wird's gehen?«

»Ja wohl. Wirst Du aber durchkommen?«

»Mit einem guten Schiffe, ja.«

Ich will Dir eins expreß dazu bauen lassen. Aber wie steht's mit der Mannschaft?«

»Darum keine Sorge! ich brauche nur so viel Leute, um manoeuvriren zu können; wir wollen die Nordstaatlichen ja nur in ihrem Lauf überholen und uns nicht mit ihnen herumschlagen.«

»Überholen sollt Ihr sie,« erklärte Onkel Vincent sehr entschieden. »Jetzt sage mir aber, James, welchen Punkt der amerikanischen Küste Du Dir zu Deiner Operation ausersehen hast.«

»Bis jetzt ist schon die Blokade von New-Orleans, Willmington und Savannah durchbrochen worden, ich meinestheils denke geradeswegs in Charleston einzuziehen. Kein englisches Fahrzeug ist noch in sein Fahrwasser vorgedrungen, mit Ausnahme der ›Bermuda‹ höchstens. Ich werde es genau so machen wie sie, und wenn mein Schiff geringen Tiefgang hat, werde ich einen Weg einschlagen, auf dem mir die nordstaatlichen Schiffe nicht folgen können.«

»Charleston ist mit Baumwolle vollgepfropft, das ist erwiesen,« hub Onkel Vincent nach einer kleinen Pause wieder an. »Man soll sie sogar verbrennen, nur um sie aus dem Wege zu schaffen.«

»Das hat seine Richtigkeit,« bestätigte James; »außerdem ist die Stadt fest umzingelt, und es fehlt Beauregard stark an Munition; er wird mir meine Ladung ohne allen Zweifel mit Gold aufwiegen.«

»Schön, mein lieber Neffe, und wann gedenkst Du abzufahren?«

»In sechs bis sieben Monaten; ich brauche lange Nächte, Winternächte, um leichter durchzukommen.«

»Ich will Dir das Schiff zu rechter Zeit fertigstellen, Neffe.«

»Also abgemacht, Onkel?«

»Abgemacht.«

»Unter Discretion?«

»Discretion – versteht sich!«

Und fünf Monate nach dieser Unterredung wurde ein Steamer, dessen Bestimmung Niemand kannte, von den Werften von Kelvindock abgelassen – es war die Delphin.

Zweites Capitel.

Ankerlichten

Die Ausrüstung der Delphin nahm nicht viel Zeit in Anspruch; ihre Betakelung war fertig, sie mußte nur noch adjustirt werden. Die Delphin führte drei Schoonermasten, und dies war fast als überflüssiger Luxus anzusehen, denn er rechnete nicht auf den Wind, um den nordstaatlichen Kreuzern zu entkommen, sondern nur auf die mächtige Maschine in seinen Seiten, und er that Recht daran.

Gegen Ende December wurde die Delphin in der Bucht des Clyde geprobt, und es war schwer zu bestimmen, ob er den Kapitän oder den Erbauer mehr zufrieden stellte. Der neue Steamer glitt prächtig dahin, und das »Patent Log« zeigte eine Schnelligkeit von siebenzehn Meilen in der Stunde, was bis jetzt weder bei einem englischen, französischen noch amerikanischen Schiffe erreicht worden war. Bei einem Wettlauf mit den raschesten Fahrzeugen, bei einem Match zur See hätte die Delphin jedenfalls um mehrere Längen gewonnen.

Am 25. December sollte die Befrachtung vor sich gehen, und der Steamer legte sich zu diesem Zweck an den Steam-boat-Kai, etwas unterhalb der Glasgow-Bridge, der letzten Brücke, die vor seiner Mündung über den Clyde führt. Ungeheure Wharfs waren dort mit Kleider-Magazinen, Waffen und Munition gefüllt, welche Vorräthe so schnell wie möglich in den Rumpf der Delphin übergingen. Diese Ladung verrieth nun freilich die Bestimmung des Schiffes, und das Haus Playfair konnte nicht länger sein Geheimniß verschwiegen halten. Kein amerikanischer Kreuzer war gegenwärtig in den englischen Gewässern signalisirt worden, und da die Abfahrt der Delphin nahe bevorstand, mußte doch auch die Mannschaft angeworben werden. Auch hierbei war es natürlich nöthig, daß das Schweigen gebrochen wurde, denn wenn man die Leute einschiffte, mußte man ihnen doch auch ihre Bestimmung und das Ziel der Reise mittheilen. Man forderte, daß sie ihre Haut zu Markte tragen sollten, und solch Verlangen war nur gerechtfertigt, wenn man ihnen reinen Wein darüber eingeschenkt hatte, wie und zu welchem Zweck.

Die Bestimmung des Schiffes hielt indessen Niemanden von der Reise zurück; der Sold war hoch, und jedem Manne wurde von vornherein ein Antheil an dem Unternehmen zugesichert. James Playfair hatte nur zu wählen, denn es erschienen bewährte, tüchtige Seeleute in Menge, und man mußte gestehen, er wählte mit schnellem Auge und richtigem Verständniß, nach Verlauf von vierundzwanzig Stunden waren die Namen von dreißig Matrosen in die Bemannungsliste eingetragen, die der Yacht Ihrer allergnädigsten Majestät Ehre gemacht haben würden.

Die Abreise der Delphin wurde auf den 3. Januar festgesetzt, und schon am 31. December war sie bereit; ihr Rumpf war mit Munition und Lebensmitteln angefüllt, die Kammern strotzten von Kohlen, kurz, Nichts hielt sie mehr zurück.

Am 2. Januar befand sich James Playfair an Bord und überschaute noch einmal mit dem Blick eines Kapitäns sein Schiff, als ein Mann am Hinterdeck an der Öffnung im Schiffsborde erschien und den Skipper zu sprechen wünschte. Ein Matrose führte ihn auf die Brücke.

Es war ein kräftiger, breitschulteriger Mensch mit sehr rothem Gesicht, hinter dessen harmlosem, fast einfältigem Ausdruck ein gewisser Fonds von Schlauheit und Munterkeit verborgen zu sein schien. Man sah bald, daß er in seemännischen Gebräuchen nicht bewandert war, auch blickte er um sich wie Jemand, der noch nicht viel auf ein Schiffsverdeck gekommen ist, trotzdem aber suchte er sich das Ansehen eines alten Seebären zu geben, betrachtete das Takelwerk der Delphin und schlenderte nach Art der Matrosen.

Als er vor dem Kapitän stand, sah er ihm fest in's Auge und fragte:

»Kapitän James Playfair?«

»Ja, was wünschest Du von mir?«

»Möchte mich an Bord einschiffen.«

»Ich habe keinen Platz mehr. Die Mannschaft ist vollzählig.«

»Ein Mann mehr wird Nichts schaden; im Gegentheil.«

»So, meinst Du?« sagte James Playfair, und sah ihn scharf an.

»Ja, das meine ich,« antwortete der Matrose.

»Wer bist Du denn?«

»Ein schlichter Seemann, ein starker Kerl und ein entschlossener Kumpan, dafür stehe ich gerade. Ein paar so kräftige Arme, wie ich sie Ihnen hier präsentire, sind an Bord gewiß nicht zu verachten.«

»Es giebt noch mehr Schiffe als die Delphin, und andere Kapitäne wie James Playfair, warum kommst Du gerade hierher?«

»Weil ich an Bord der Delphin und unter Kapitän James Playfair dienen will.«

»Ich kann Dich nicht brauchen.«

»Einen kräftigen Mann kann man immer brauchen, wenn ich meine Kräfte einmal mit drei oder vier von den Stärksten Ihrer Mannschaft messen soll …«

»Du gehst ja drauf los!« meinte James Playfair; »wie heißt Du?«

»Crockston, zu dienen.«

Der Kapitän trat einige Schritte zurück, um den Herkules, der sich ihm auf so »achtkantige« Weise vorstellte, besser zu mustern. Haltung, Wuchs und matrosenhaftes Ansehen straften seine Ansprüche auf Kraft nicht Lügen; man sah sofort, daß er ungewöhnlich stark und zu Allem entschlossen war.

»In welchen Meeren bist Du gefahren?« fragte Playfair.

»So ziemlich überall.«

»Und Du weißt, was die Delphin dort unten zu thun hat?«

»Darum gerade will ich mit.«

»Nun, Gott straf' mich, wenn ich mir solchen Kerl entgehen lasse; frage nach dem Obersteuermann, Mr. Mathew, und laß Dich von ihm einschreiben.«

Nach diesen Worten erwartete James Playfair, daß sein Mann Kehrt machen und sich nach dem Vordertheil des Schiffes begeben würde, aber weit gefehlt, Crockston rührte sich nicht von der Stelle.

»Nun, hast Du mich verstanden?« fragte der Kapitän.

»Ja wohl, Herr Kapitän, aber das ist noch nicht Alles; ich wollte Ihnen noch einen Vorschlag machen.«

»Ach was! ärgere mich nicht, ich habe keine Zeit, mich länger mit Dir aufzuhalten,« rief James ungeduldig.

»Ich werde Sie nicht weiter aufhalten, Herr Kapitän, ich wollte Ihnen nur sagen – ich habe einen Neffen.«

»Da hat er einen netten Onkel, das muß wahr sein!«

»Nun, nun!« begütigte Crockston.

»Wirst Du bald zu Ende kommen?« fragte der Skipper; er war nachgerade verdrießlich geworden.

»Ja, Herr Kapitän, die Sache verhält sich so: wenn man den Onkel nimmt, muß man den Neffen auch mitnehmen.«

»So, wirklich?«

»Ja, das macht man gewöhnlich so, Einer geht nicht ohne den Andern.«

»Erkläre Dich deutlicher; wer und was ist Dein Neffe?«

»Ja, sehen Sie, Herr Kapitän, es ist ein junger Mensch von fünfzehn Jahren, dem ich mein Handwerk beibringe. Er hat recht guten Willen und wird gewiß einmal einen tüchtigen Seemann abgeben.«

»Potz Tausend, Meister Crockston, Du hältst wohl gar die Delphin für eine Schiffsjungenschule?«

»Verachten Sie nicht die Schiffsjungen, Herr Kapitän, es hat einmal Einen gegeben, aus dem ist der Admiral Nelson geworden, und noch Einen, aus dem wurde der Admiral Franklin.«

»Potz Blitz! Freund, Du könntest mir gefallen. Bringe Deinen Neffen her, aber wenn sein Onkel solch ein tüchtiger Kerl nicht ist, wie er vorgiebt, wird er's mit mir zu thun bekommen. Mach Dich fort und sei in einer Stunde wieder hier.«

Crockston ließ sich das nicht zwei Mal sagen, er grüßte ziemlich linkisch und begab sich auf den Kai zurück. Eine Stunde später traf er mit seinem Neffen, einem Bürschchen von vierzehn bis fünfzehn Jahren, wieder ein. Der kleine Kerl sah sehr furchtsam und erstaunt aus und schien eine ziemlich zarte Constitution zu haben, von den körperlichen Eigenschaften seines Onkels hatte er jedenfalls nicht viel geerbt. Crockston mußte ihm sogar schon jetzt Muth einsprechen:

»Nur immer dreist und munter,« raunte er ihm zu, als sie auf's Verdeck stiegen, es ist immer noch Zeit zum Umkehren.

»Nein, nein!« rief der Kleine, »Gott bewahre uns davor!«

Noch an demselben Tage wurden der Matrose Crockston nebst seinem Lehrling John Stiggs in die Bemannungsliste der Delphin eingetragen.

Am folgenden Morgen um fünf Uhr waren die Feuer unter den Kesseln kräftig geschürt, das Verdeck bebte unter den Schwingungen des Kessels, und der Dampf entwich zischend durch die Ventile. Die Stunde der Abfahrt war gekommen.

Eine Menge Volks drängte sich trotz der frühen Tageszeit auf den Kais und auf der Glasgow-Bridge, um zum letzten Mal den Steamer zu grüßen, und auch Vincent Playfair hatte sich eingefunden, um sich von Kapitän James zu verabschieden und ihn zu umarmen; er benahm sich wie ein alter Römer aus längst vergangener Zeit; seine heroische Fassung verließ ihn keinen Augenblick, und die beiden kräftigen Küsse, die er seinem Neffen rechts und links auf die Wangen applicirte, ließen auf eine große Seele schließen.

»Reise glücklich, James,« lauteten seine Abschiedsworte, »reise schnell und kehre noch schneller wieder heim. Besonders aber vergiß nicht, die Situation auszunutzen; verkaufe so theuer wie möglich und kaufe billig wieder ein; die Achtung Deines Onkels soll Dir dann gewiß sein.«

Nach dieser letzten Anempfehlung, die aller Wahrscheinlichkeit nach dem »Handbuch des perfecten Kaufmanns« entlehnt war, trennten sich Neffe und Onkel, und alle Besucher verließen das Schiff.

Crockston und John Stiggs standen neben einander auf der Schanz, und der Matrose sagte zu dem Kleinen:

»Du sollst es sehen, Alles geht prächtig. In zwei Stunden sind wir auf hoher See, und ich ahne, daß uns die ganze Reise nach Wunsch gehen wird, nun wir mit dem Anfang solch gutes Glück gehabt haben!«

Statt aller Antwort drückte der Lehrling seinem Onkel die Hand.

James Playfair gab den letzten Befehl zur Abfahrt.

»Ist voller Dampf?« fragte er den Obersteuermann.

»Ja, Herr Kapitän.«

»Die Ankertaue aufwinden!«

Das Manoeuvre wurde sofort ausgeführt, die Schrauben setzten sich in Bewegung, die Delphin ging zwischen den Schiffen, die im Hafen lagen, hindurch und entschwand bald den Augen der Menge, die ihr noch mit einem letzten Hurrah einen Gruß nachsandte.

Die Fahrt aus dem Clyde ging leicht von Statten; man kann wohl behaupten, daß dieser Fluß von Menschen und zwar von Meisterhand geschaffen sei. Seit sechzig Jahren hat er, Dank den Baggern und dem unaufhörlichen Ausschlämmen, mindestens fünfzehn Fuß an Tiefe gewonnen, und seine Breite zwischen den Kais der Stadt ist verdreifacht worden. Bald verlor sich der Wald von Masten und hohen Schornsteinen in Rauch und Nebel, das Geräusch der Schmiedehämmer und der Äxte von den Schiffswerften erlosch in der Ferne, und auf Schiffsbauplätze und Werkstätten folgten Landhäuser, Villen und Lustschlösser. Die Delphin mäßigte jetzt ihre Dampfkraft und machte ihre Evolutionen zwischen den Deichen, die den Fluß höher als seine Ufer eindämmen und ihm oft nur sehr enges Fahrwasser gewähren. Es ist dies ein Übelstand, der nur von geringer Bedeutung ist, da die Tiefe für einen schiffbaren Fluß wichtiger ist, als die Breite. Der Steamer glitt, von einem vorzüglichen Lootsen des Irländischen Meeres geführt, ohne Stockung zwischen den schwimmenden Bojen, den Säulen von Stein und von »Biggings« dahin, auf deren Spitze das Fahrwasser durch dort angebrachte Baken bezeichnet wird. Bald kam das Schiff auch über den Marktflecken Renfrew hinaus, und nun, am Fuße der Hügel von Kilpatrick, wurde der Clyde breiter und ergoß sich vor der Bucht von Bowling, in deren Hintergrund sich die Mündung des Canals öffnet, der Edinburgh mit Glasgow vereinigt.

Endlich sah man auch vierhundert Fuß hoch das Schloß Dumbarton, wie es seine vom Nebel halb verwischten Umrisse von dem Firmament abhob, und bald darauf tanzten und schwankten die Schiffe am linken Ufer des Hafens unter den von der Delphin aufgewühlten Wogen. Noch einige Meilen weiter, und man kam an Greenock, der Vaterstadt von James Watt, vorüber. Die Delphin befand sich nun an der Mündung des Clyde und an dem Eingang des Busens, durch den er seine Wasser in den Nordcanal ergießt. Dort verspürte er die ersten Wellenbewegungen des Meeres und fuhr an dem malerisch schönen Küstenstrich der Insel Arran entlang.

Das Vorgebirge von Cantyre, das sich quer in den Canal erstreckt, wurde umschifft, und man bekam die Insel Rattelin in Sicht; der Lootse begab sich jetzt in seiner Schaluppe auf den kleinen Kutter zurück, der auf der See kreuzte, und die Delphin, jetzt wieder der Autorität des Kapitäns unterstellt, schlug nördlich von Irland eine von Schiffen weniger frequentirte Straße ein und befand sich, nachdem ihr die letzte europäische Küste aus dem Gesicht geschwunden war, allein auf der Höhe des Meeres.

Drittes Capitel.

Auf hoher See.

Die Delphin hatte eine gute Bemannung, zwar keine Kampfmatrosen oder Entermatrosen, aber lauter Leute, die gut zu manoeuvriren verstanden; es waren sämmtlich entschlossene Männer, aber auch sämmtlich mehr oder weniger gewinnsüchtig; sie jagten dem Glück und nicht dem Ruhme nach. Es lag ihnen äußerst wenig daran, ihre Flagge zu zeigen oder gar, sie mit Kanonenschüssen zu vertheidigen; auch wäre ihnen dies letztere wohl schwer geworden, denn die ganze Artillerie an Bord bestand aus zwei kleinen Drehbassen, die nur dazu geeignet waren, Signale zu geben.

Die Delphin schoß außerordentlich rasch durch die Wellen; sie erfüllte auf's Schönste alle Hoffnungen ihrer Erbauer wie auch des Kapitäns und hatte bald die Grenze der britischen Gewässer hinter sich gelassen. Übrigens war kein einziges Schiff in Sicht und die weite Straße des Oceans vollständig frei; außerdem hätte aber auch kein Fahrzeug der nordstaatlichen Marine die Delphin unter englischer Flagge angreifen dürfen, wenn es ihm natürlich auch freistand, dem Dampfer zu folgen und ihn am Durchbrechen der Blokadelinie zu hindern. Doch James Playfair hatte, eigens um solch eine Verfolgung zu vermeiden, Alles beim Bau seines Schiffes auf Schnelligkeit berechnet und manchen anderen Vorzug geopfert, um diesem Hauptgesichtspunkt gerecht zu werden.

Für alle Fälle wurde an Bord genaue Wache gehalten, trotz der Kälte befand sich fortwährend ein Mann im Mastwerk, der bereit war, das fernste Segel, das am Horizont auftauchte, zu signalisiren. Als der Abend hereinbrach, ließ James Playfair dem Obersteuermann, Mr. Mathew, die genauesten Instructionen zukommen.

»Lassen Sie Ihre Wachen nicht zu lange auf dem Mastkorbe,« empfahl er ihm; »die Kälte kann sie sehr leicht überwältigen und in solcher Lage ist an scharfe Beobachtung nicht zu denken. Die Leute müssen sich häufig ablösen.«

»Ganz Ihrer Meinung, Herr Kapitän,« stimmte Mr. Mathew bei.

»Ich empfehle Ihnen noch besonders Crockston zu diesem Dienst, der Kerl behauptet, ein vorzügliches Auge zu haben; wir wollen seine Aussage auf die Probe stellen. Übergeben Sie ihm die Frühwache während der Morgennebel, und wenn irgend Etwas vorkommen sollte, benachrichtigen Sie mich sofort.«

Nach diesen Worten zog sich James Playfair in seine Cajüte zurück, während Mr. Mathew Crockston kommen ließ und ihm die Befehle des Kapitäns mittheilte.

»Du wirst Dich morgen früh um sechs Uhr nach dem Beobachtungsposten auf dem Fockmast begeben.«

Crockston gab keine eigentliche Antwort, sondern begnügte sich damit, einen Ton, der allenfalls ein affirmatives Grunzen vorstellen konnte, hervorzustoßen; aber kaum hatte Mr. Mathew den Rükken gewandt, als er sehr beunruhigt vor sich hinbrummte und schließlich ausrief:

»Was in aller Welt meint er eigentlich mit seinem Fockmast?«

In diesem Augenblick trat der Neffe, John Stiggs, auf dem Deck zu ihm heran.

»Nun, mein wackrer Crockston, wie geht Dir's?« begann er.

»Nun, es geht nur soso, lala,« erwiderte der Onkel. »Der Racker von Boot schüttelt sich hin und her wie ein Hund, der seine Flöhe los werden will; mir wird schon ganz schlimm und übel.«

»Armer Freund,« sagte mitleidig der Lehrling, indem er Crockston mit einem dankbaren Blick ansah.

»Und wenn ich denke, daß ich bei meinem Alter die Seekrankheit bekomme! Ach, was ich doch für ein altes Weib bin! Das Alles mag indeß noch angehen, davor habe ich keine Bange; es soll aber irgendwo hier herum sogenannte Fockmasten geben, die mir jetzt zu schaffen machen …«

»Du guter Crockston, und das Alles für mich …«

»Und für ihn,« fiel Crockston ein. »Aber kein Wort darüber, John; wir wollen unsere Hoffnung auf Gott setzen, er wird Sie nicht verlassen.«

Nach dieser Unterredung begaben sich John Stiggs und Crockston auf den Matrosenposten zurück, und der Seemann schloß seine Augen erst zum Schlaf, als er sah, daß der junge Lehrling ruhig in der engen Cajüte, die ihm angewiesen war, schlummerte.

Am andern Morgen um sechs Uhr erhob sich Crockston von seinem Lager, um den bezeichneten Posten einzunehmen; er begab sich auf das Verdeck und erhielt vom Obersteuermann den Befehl, auf das Mastwerk zu steigen und genauen Ausguck zu halten.

Der Seemann sah zuerst etwas unentschieden aus, dann aber schien er einen plötzlichen Entschluß zu fassen, denn er machte eilig Kehrt und steuerte flott auf das Hintertheil der Delphin los.

»Heda, wo willst Du hin?« rief der Obersteuermann.

»Natürlich wohin Sie mich schicken,« antwortete Crockston.

»Ich habe Dir gesagt, Du sollst auf den Fockmast gehen.«

»Hm, ja, ich gehe ja schon,« erwiderte der Matrose mit unerschütterlicher Ruhe und machte sich wieder nach dem Deckzimmer zu auf den Weg.

»Höre, Kerl, willst Du mich hier foppen?« rief Mr. Mathew übel gelaunt; »oder gedenkst Du den Fockmast auf dem Besanmast zu suchen. Du sähst mir gerade aus wie ein Cockney, der nichts davon versteht, einen Seising zu schlingen oder ein paar Taue zu splissen! An Bord von welcher Schute bist denn Du gefahren, alter Freund? Zum Fockmast sage ich, Du Esel, zum Fockmast.«

Die wachehabenden Matrosen waren bei den Worten des Obersteuermanns herzugeeilt und konnten sich eines schallenden Gelächters nicht erwehren, als Crockston, vollständig fassungslos, wieder nach dem Mitteldeck zurückkam.

»Ja so!« sagte er und schaute am Mast empor, dessen Ende sich ganz unsichtbar im Morgennebel verlor. »Ja so! Da oben soll ich hinaufklettern?«

»Ja,« sagte ungeduldig Mr. Mathew, »beeile Dich nur; beim heiligen Patrik, ein nordstaatliches Schiff hätte Zeit, sein Bugspriet mit unserer Takelage zu verwickeln, ehe dieser Taugenichts an seinen Posten kommt. Nun, wird's endlich?«

Crockston sagte kein Wort und schwang sich mühsam auf die Verschanzungen; dann fing er an, mit ausnehmender Ungeschicklichkeit, wie Jemand, der nicht weiß, was er mit seinen Händen und Füßen machen soll, die Wantung zu erklimmen. Als er endlich am Fockmast angekommen war, blieb er, statt sich leicht hinauf zu schwingen, unbeweglich stehen und klammerte sich krampfhaft an das Takelwerk, wie wenn er vom Schwindel ergriffen wäre. Mr. Mathew erstaunte über eine solche Unbeholfenheit; das Blut stieg ihm vor Zorn zu Kopfe, und er befahl Crockston, sofort wieder auf's Verdeck herab zu steigen.

»Der Kerl ist nie in seinem Leben Matrose gewesen!« wandte er sich an den Bootsmann; »sehen Sie doch einmal nach, Johnston, was er in seinem Bündel hat.«

Der Bootsmann begab sich eilig nach dem Matrosenposten.

Crockston suchte indessen mit vieler Mühe wieder herunter zu kommen, aber er glitt mit einem Fuße aus und purzelte unsanft auf's Verdeck nieder.

»O, Du Süßwassermatrose! Du ungeschickter Tölpel!« rief Mr. Mathew ihm als Trost zu; »weshalb, in aller Welt, bist Du an Bord der Delphin gegangen? Für einen tüchtigen Seemann giebt sich der Kerl aus und kann nicht den Fockmast vom Besanmast unterscheiden! Warte, wir wollen ein Wörtchen mit einander reden!«

Crockston erwiderte nichts; er stand, den Buckel herausgekehrt und den Kopf gesenkt, da, wie Jemand, der sich darein ergiebt, alle Unbill des Schicksals auf sich einstürmen zu lassen. Eben jetzt kam der Bootsmann von seiner Inspicirung zurück.

»Dies ist absolut Alles, was in dem Bündel dieses verdammten Bauern zu finden war; eine Brieftasche mit verdächtigen Briefschaften,« rapportirte er.

Mr. Mathew nahm das Ding an sich und warf einen Blick auf die Papiere.

»Briefe mit dem Stempel der Vereinigten Staaten von Nordamerika, sagte er, Mr. Halliburtt aus Boston! Ein Abolitionist! ein Nordstaatlicher … Kerl, Du bist ein Spion, Du hast Dich an Bord geschlichen, um uns zu verrathen! Nun, warte! wir wollen Dir Deine Schliche austreiben, Du sollst die neunschwänzige Katze zu kosten bekommen! Bootsmann, benachrichtigen Sie den Kapitän, und ihr Anderen bewacht hier den Schuft.«

Crockston hatte ein Gesicht gemacht, wie ein eingefleischter Teufel, als all diese Complimente auf ihn einstürmten, aber kein Wort kam über seine Lippen; man hatte ihn an das Gangspill gebunden, so daß er weder Hände noch Füße regen konnte.

Wenige Minuten später trat James Playfair aus seiner Cajüte und kam auf das Mitteldeck zu, Mr. Mathew trat ihm sofort entgegen und setzte ihn von dem Gange der ganzen Angelegenheit in Kenntniß.

»Was hast Du darauf zu erwidern?« fragte James Playfair, der nur mit Mühe seinen Ärger zurück hielt.

»Nichts,« antwortete Crockston.

»Was hast Du auf meinem Schiffe thun wollen?«

»Nichts.«

»Was denkst Du, daß ich jetzt mit Dir machen werde?«

»Nichts.«

»Wer bist Du? – nach diesen Briefen zu schließen, ein Amerikaner?«

Crockston gab keine Antwort.

»Bootsmann, fünfzig Hiebe mit der neunschwänzigen Katze hier diesem Menschen!« rief James Playfair; »wird die Portion groß genug sein, Crockston?«

»Das wird man ja sehen,« antwortete der Matrose, ohne eine Miene zu verziehen.

»Heran, Ihr da!« commandirte der Bootsmann.

Sofort entblößten zwei kräftige Matrosen Crockston seiner wollenen Bluse, ergriffen das furchtbare Instrument und schwangen es schon, um die Operation zu vollziehen, als plötzlich der Lehrling John Stiggs außer sich und blaß wie der Tod auf das Verdeck stürzte.

»Kapitän, Kapitän!« rief er.

»Ah so, der Neffe,« bemerkte James Playfair.

»Herr Kapitän,« schluchzte der Kleine hervor, nachdem er seine Aufregung so weit bekämpft hatte, daß er reden konnte, »lassen Sie Crockston nicht schlagen, ich will Alles sagen, was er verschweigen wollte. Ja, es ist wahr, er ist ein Amerikaner, er und auch ich – wir alle Beide. Wir sind auch Feinde der Sklavenhalter, aber Spione sind wir nicht, Herr Kapitän, und nichts liegt uns ferner, als die Delphin zu verrathen und sie den nordstaatlichen Schiffen zu überliefern.«

»Was habt Ihr dann hier zu suchen gehabt?« fragte der Kapitän mit strenger Miene, indem er den Knaben von Kopf bis zu Fuß musterte.

Der Kleine zögerte ein wenig mit der Antwort, dann sagte er mit fester Stimme:

»»Herr Kapitän, dürfte ich wohl einige Minuten unter vier Augen mit Ihnen sprechen?«

Während John Stiggs sich zu dieser Bitte entschloß und sie dem Kapitän vortrug, hatte dieser ihn fortwährend genau beobachtet, das junge, sanfte Gesicht des Lehrlings, seine eigenthümlich sympathische Stimme, die Zartheit seiner Händchen, die sogar unter einer Lage Ruß kenntlich war, seine großen Augen, deren Erregtheit ihren sanften Ausdruck nicht beeinträchtigen konnte, kurz, das ganze Ensemble ließ einen Gedanken in dem Kapitän aufkommen, den er von Minute zu Minute mit größerer Gewißheit verfolgte.

Als John Stiggs seine Bitte ausgesprochen hatte, schaute Playfair fragend auf Crockston, der als Erwiderung nur mit den Achseln zuckte; dann sah er forschend zu dem Lehrling hinüber, aber dieser konnte den Blick des Kapitäns nicht ertragen, denn er erröthete heftig und schlug die Augen nieder.

»Kommen Sie,« sagte James Playfair zu ihm.

John Stiggs folgte seinem hohen Vorgesetzten auf's Hinterdeck, und hier öffnete der Kapitän die Thür zu seiner eigenen Cajüte, stellte sich an den Eingang und sagte mit höflich einladender Handbewegung:

»Haben Sie die Güte einzutreten, Miß.«

John Stiggs, der vorher bleich gewesen war vor innerer Erregung, erröthete bei dieser Anrede über und über, und zwei große Thränen rannen aus seinen Augen.

»Bitte, beruhigen Sie sich, Miß,« sagte jetzt James Playfair mit bei weitem sanfterer Stimme, »und theilen Sie mir gefälligst mit, welchem Umstande ich die Ehre verdanke, Sie an Bord zu haben.«

Das junge Mädchen zögerte einen Augenblick mit der Antwort, als aber ein gütiger Blick des Skippers ihr neuen Muth eingeflößt hatte, entschloß sie sich zu reden:

»Herr Kapitän, ich wollte meinen Vater aufsuchen, er ist in Charleston; da aber die Stadt vom Lande her eingeschlossen und von der See aus blokirt ist, war es unmöglich durchzudringen, und ich befand mich nahezu in Verzweiflung. Da erfuhr ich, daß die Delphin die Blokade brechen wollte, und bot Alles auf, was in meinen Kräften stand, um mit auf Ihr Schiff zu kommen. Bitte, verzeihen Sie mir, daß ich ohne Ihre Einwilligung gehandelt habe, Herr Kapitän, aber wenn ich Ihnen mein Verlangen offen dargelegt hätte, würden Sie es mir aller Wahrscheinlichkeit nach verweigert haben.«

»Gewiß würde ich das,« bestätigte rückhaltlos James Playfair.

»Dann habe ich also doch wohl daran gethan, Sie nicht darum zu bitten,« fügte die junge Dame mit festerer Stimme hinzu.

Der Kapitän schlug die Arme übereinander und schritt einige Mal in seiner Cajüte auf und ab, dann blieb er stehen und begann von Neuem sein Verhör:

»Wie ist ihr Name?«

»Jenny Halliburtt.«

»Ihr Vater ist, wenn ich aus der Adresse der aufgefangenen Briefe schließen darf, aus Boston?«

»Demnach befindet sich dieser Mann des Nordens in einer Stadt des Südens, im Kriegsgetümmel der Vereinigten Staaten.«

»Mein Vater ist gegenwärtig Gefangener, Herr Kapitän; er hielt sich bei den ersten Flintenschüssen des Bürgerkrieges, und als die Unionstruppen von den Conföderirten aus Fort Sumter vertrieben wurden, in Charleston auf. Die Ansichten meines Vaters gaben ihn dem Haß der Sklavenhalter preis, und so wurde er auf Befehl des Generals Beauregard gegen alles Völkerrecht in Charleston eingekerkert. Was mich betrifft, so befand ich mich damals in England bei einer alten Verwandten, die vor Kurzem aber gestorben ist, und so war es jetzt mein sehnlichster Wunsch, mit dem Beistand des treuesten Dieners unserer Familie nach Charleston zu gelangen, um dort die Kerkerhaft mit meinem Vater zu theilen.«

»Und wer ist Mr. Halliburtt?« fragte James Playfair.

»Mein Vater ist ein loyaler, braver Journalist,« antwortete Jenny, indem sie ihr Auge stolz erhob, einer der ehrenwerthesten Redacteure der Tribune und unerschrockener Vertheidiger der Schwarzen.«

»Ein Abolitionist also!« rief der Kapitän heftig; »einer von den Männern die unter edelklingendem Vorwande ihr Vaterland mit Ruinen bedeckt und mit Blut gedüngt haben.«

»Herr Kapitän, Sie beschimpfen meinen Vater!« erwiderte Jenny Halliburtt erbleichend, »vergessen Sie nicht, daß nur ich ihn hier vertheidigen kann.«

Eine hohe Röthe stieg dem jungen Kapitän in die Wangen, und ein Gefühl der Scham, aber auch des Zornes bemächtigte sich seiner. Vielleicht schwebte ihm schon eine harte Erwiderung auf der Zunge, aber er beherrschte sich noch zu rechter Zeit und ging, indem er das Gespräch abbrach, nach der Thür seiner Cajüte und öffnete sie.

»Bootsmann!« rief er hinaus.

Dieser eilte sogleich herbei.

»Diese Cajüte gehört von jetzt an Miß Jenny Halliburtt; sorgen Sie dafür, daß mir eine Hängematte im Hintergrund des Deckaufbaues eingerichtet wird; weiteres ist für mich nicht von Nöthen.«

Der Bootsmann schaute überrascht auf den jungen Lehrling, der ihm soeben unter weiblichem Namen vorgestellt war; aber auf ein Zeichen James Playfair's entfernte er sich sofort.

»Und nun, Miß, haben Sie die Güte, sich hier als zu Hause anzusehen,« sagte der junge Kapitän der Delphin, machte Fräulein Jenny Halliburtt eine Verbeugung und zog sich zurück.

Viertes Capitel.

Crockston's Bosheiten.

Bald war die ganze Mannschaft in Miß Halliburtt's Geschichte eingeweiht, denn Crockston nahm keinen Anstand, sie überall zu erzählen. Er war auf Befehl des Kapitäns vom Gangspill losgebunden worden und hatte mit großer Befriedigung gesehen, wie die neunschwänzige Katze wieder in ihre Behausung zurückkroch.

»Ein nettes Thierchen,« meinte er »– besonders wenn es schläft.«

Sobald der treue Diener wieder auf freien Fuß gesetzt war, stieg er in die Matrosenkammer hinab, nahm ein kleines Felleisen und überbrachte es Miß Jenny; das junge Mädchen konnte nun wieder Frauenkleider anlegen, blieb aber heute den ganzen Tag in ihrer Cajüte eingeschlossen und erschien nicht wieder auf Deck.

Was Crockston's Seemannsdienste anbetraf, so war es an den Tag gekommen, daß er nicht mehr davon verstand, als der erste beste Stallknecht; man mußte wohl oder übel darauf verzichten, daß er sich an Bord nützlich machte.

Indessen durchdampfte die Delphin mit großer Schnelligkeit den Atlantischen Ocean; seine beiden Schrauben durchwühlten die Fluthen mit ungeheurer Macht, und die Wache an Bord wurde mit großer Vorsicht und Aufmerksamkeit versehen. Am Tage nach der geschilderten Scene, die das Incognito der Miß Jenny verrieth, ging Kapitän James Playfair schnellen Schrittes auf der Brücke auf und ab. Er hatte keinen Versuch gemacht, sich dem jungen Mädchen wieder zu nähern, oder die Unterhaltung vom vorigen Tage mit ihr wieder aufzunehmen.

Während seines Spaziergangs bemerkte er, daß Crockston ihm wieder und immer wieder in den Weg kam und ihn mit einer Grimasse unverkennbarer Befriedigung angrinste. Augenscheinlich wünschte er mit dem Kapitän zu plaudern, denn er zeigte eine Beharrlichkeit ihn anzustarren, die diesen endlich verdroß.

»Was, zum Teufel, willst Du von mir?« redete er ihn endlich an; »der Kerl dreht sich um mich herum, wie ein Schwimmer um die Boje! was soll das heißen?«

»Nehmen Sie's nicht für ungut, Herr Kapitän,« sagte Crockston blinzelnd und zog seinen Mund von einem Ohr bis zum andern, »ich hätte Ihnen wohl etwas zu sagen.«

»Nun wird's bald?«

»O, Herr Kapitän, es ist nichts Besonderes; ich wollte Ihnen nur einmal rundheraus sagen, daß Sie im Grunde ein wackerer Mann sind.«

»So! warum denn im Grunde?«

»Im Grunde und auch auf der Oberfläche, Herr Kapitän.«

»Es ist gut, Du kannst Dir Deine Complimente sparen.«

»Keine Complimente, Herr Kapitän; die werde ich Ihnen erst machen, wenn Sie Alles fertig gebracht haben.«

»Wie denn ›Alles fertig‹?«

»Nun, wenn Ihre Aufgabe zu Ende ist, meine ich, Herr Kapitän.«

»So! ich hätte also eine Aufgabe zu erledigen?«

»Natürlich, Herr Kapitän! Sie haben mich und das Fräulein an Bord aufgenommen – gut. Sie haben Miß Halliburtt Ihre Cajüte gegeben – gut, sehr gut! Sie haben mir das Kätzchen geschenkt – sehr angenehm, ganz ausgezeichnet, Herr Kapitän! Sie wollen uns direct nach Charleston fahren! das ist herrlich! aber Alles ist das doch nicht, Herr Kapitän.«

»Wie, noch nicht Alles?« rief James Playfair, über solch anspruchsvolles Gebahren erstaunt.

»Gewiß nicht, Herr Kapitän,« entgegnete Crockston mit seinem listigen Blinzeln; »der Vater von Fräulein Jenny wird da unten gefangen gehalten.«

»Nun, und?« …

»Nun, und wir müssen doch den Vater befreien.«

»Den Vater der Miß Halliburtt soll ich befreien?«

»Gewiß, Herr Kapitän; ein ehrenwerther Mann, ein muthiger Bürger, unser Herr Halliburtt? es lohnt schon, daß man für ihn Etwas riskirt.«

»Höre Crockston,« sagte James Playfair nach einer kleinen Pause, »Du scheinst mir ein Spaßvogel erster Sorte zu sein! aber wenn ich Dir rathen soll, so merke Dir ein für alle Mal: ich habe keine Lust, mit Dir meine Scherze zu machen.«

»Sollen Sie auch nicht, Herr Kapitän, ich spreche im vollsten Ernst. Mein Vorschlag mag Ihnen zuerst wohl abgeschmackt scheinen, aber wenn Sie sich Alles überlegt haben, werden Sie zu der Ansicht kommen, daß Sie nicht anders handeln können.«

»Du behauptest also, ich müßte Mr. Halliburtt befreien?«

»Gewiß, Herr Kapitän; Sie werden von General Beauregard seine Freilassung fordern, und er wird sie Ihnen nicht verweigern.«

»Und wenn er sie mir nun verweigert?«

Diese Querfrage des Kapitäns setzte Crockston keinen Augenblick in Verlegenheit:

»Dann wenden wir eben ein Kraftmittel an,« meinte er, ohne sich zu besinnen, »und entführen den Conföderirten ihren Gefangenen vor der Nase.«

»So?« rief James Playfair, empört über diese Zumuthung; »nicht genug, daß ich durch die nordstaatliche Flotte dringe und die Blokade von Charleston breche, soll ich auch noch unter den Kanonenschüssen der Forts wieder meine Rückreise antreten, und das Alles weshalb? Um einen mir wildfremden Herrn, einen Abolitionisten, den ich verabscheue, zu befreien, einen Federfuchser, der sich damit begnügt, Tinte zu verspritzen, statt sein Blut für's Vaterland zu vergießen!«

»Ein Kanonenschuß mehr oder weniger wird der Delphin nichts schaden, Herr Kapitän,« bemerkte Crockston.

»Verstehe mich recht, Meister Crockston,« sagte jetzt Playfair: »Unterstehe Du Dich noch einmal, mir von dieser Geschichte zu sprechen, so schicke ich Dich für die ganze Dauer der Fahrt in den untersten Schiffsraum; dort kannst Du lernen, Deine Zunge besser im Zaum zu halten.«

Der Amerikaner machte sich eiligst aus dem Staube, murmelte aber, als er eine Strecke entfernt war, vergnügt vor sich hin:

»Ich bin durchaus nicht unzufrieden mit dieser Unterhaltung! Die Sache ist jetzt eingefädelt und wird sich machen!«

Als James Playfair von einem Abolitionisten, den er verabscheue, gesprochen hatte, war seine Zunge, wie man wohl zu sagen pflegt, mit ihm durchgegangen. Er war nichts weniger als ein Anhänger der Sklaverei, aber er mochte nicht zugestehen, daß die Sklavenfrage die vorwiegende in dem Bürgerkriege der Vereinigten Staaten sei, trotzdem Präsident Lincoln dies in den formellsten Ausdrücken erklärt hatte. Behauptete er vielleicht, daß die Südstaaten – acht gegen sechsunddreißig – principiell Recht hatten, sich abzusondern, da sie sich doch freiwillig dem Bundesstaat angeschlossen hatten?

Auch das nicht; er war gegen die Männer des Nordens eingenommen, und zwar weil sie, ehemalige Brüder, sich von der gemeinsamen Familie losgerissen hatten, eigentlich Engländer, die eben nur für gut befunden hatten zu thun, was er, James Playfair, jetzt bei den conföderirten Staaten billigte. So weit die politischen Ansichten des Kapitäns, vor allen Dingen aber war ihm der amerikanische Krieg persönlich lästig, und er hegte ein Gefühl der Erbitterung gegen Diejenigen, von denen er ausging. Nach alledem begreift man wohl, weshalb James Playfair den Vorschlag, einen Vertheidiger der Sklaven zu befreien und gegen die Conföderirten, seine Handelsfreunde, zu agiren, mit solcher Indignation aufnahm.

Gleichwohl konnte er sich die Insinuationen Crockston's nicht ganz aus dem Sinn schlagen, und als Miß Jenny am folgenden Morgen ein wenig auf das Verdeck kam, konnte er ihr nicht gerade in das Gesicht schauen.

Und abgesehen von allem Andern, war das schade, denn das junge Mädchen sah mit ihrem hübschen blonden Haar und dem sanften, verständigen Blick so lieblich aus, daß sie immerhin einen wohlgefälligen Blick von dem dreißigjährigen jungen Mann verdient hätte. Aber James konnte sich in ihrer Gegenwart einer gewissen Verlegenheit nicht erwehren; er fühlte, daß sie eine große, edelmüthige Seele besaß, die in der Schule des Unglücks gereist war, und begriff, daß sein Schweigen dem jungen Mädchen gegenüber die Verweigerung ihrer liebsten Wünsche bedeutete. Was Miß Jenny anbetraf, so suchte sie den Kapitän weder auf, noch vermied sie ihn; doch kam sie während der ersten Tage überhaupt sehr wenig aus ihrer Cajüte heraus und wäre wohl nie auf den Gedanken gekommen, James Playfair anzureden, hätte nicht Crockston eine Kriegslist ersonnen, um die beiden Parteien einander zu nähern.

Der würdige Amerikaner war, wie schon erwähnt, ein treuer Diener der Familie Halliburtt; er hatte von Jugend auf im Hause seines Herrn gelebt und war ihm und der Familie desselben grenzenlos ergeben. Verstand und Muth waren seinem Geiste in eben so hohem Maße eigen, wie seinem Körper die Kraft; außerdem wohnte ihm eine gewisse Elasticität bei, die ihn die Ereignisse dieses Lebens mit einer besondern Philosophie anschauen ließ und die Entmuthigung von vornherein aus seinem Geistesleben verbannte. Selbst den ungünstigsten Conjuncturen pflegte Crockston noch eine gute Seite abzugewinnen, und überall wußte er sich aus der Affaire zu ziehen.

Dieser Mann nun hatte es sich in den Kopf gesetzt, Mr. Halliburtt zu befreien, zu seiner Rettung die Delphin und Kapitän Playfair zu benutzen und dann nach England zurückzukehren. So dachte er, wenn auch das junge Mädchen keinen andern Zweck hatte, als ihren Vater aufzusuchen und seine Gefangenschaft zu theilen. Crockston hatte deshalb den Plan gefaßt, den Kapitän entschiedener in die Angelegenheit zu verflechten, und wie wir bereits gesehen haben, eine erste Salve bereits abgefeuert, freilich bis jetzt ohne den gewünschten Erfolg.

»Miß Jenny und der Kapitän müssen sich durchaus verständigen,« brummte er vor sich hin; »wenn sie während der ganzen Fahrt in dieser Weise mit einander schmollen, kann nichts aus meinem Plan werden. Sprechen müssen sie und mit einander discutiren und streiten; vor allen Dingen aber muß er mit ihr plaudern, und ich will mich hängen lassen, wenn James Playfair nicht im Lauf der Unterhaltung dazu kommt, selbst das vorzuschlagen, was er mir verweigert hat.«

Als aber Crockston sah, daß Jenny und Playfair sich gegenseitig aus dem Wege gingen und vermieden, gerieth er mehr und mehr in Verlegenheit.

»Wie wär's, wenn man die Sache forcirte?« fragte er sich. Und am Morgen des vierten Tages trat er selbstzufrieden lächelnd und sich die Hände reibend in die Cajüte von Miß Halliburtt.

»Gute Nachricht, Miß, gute Nachricht! Wenn Sie wüßten, was der Kapitän soeben mit mir für Pläne geschmiedet hat! Wirklich ein sehr vortrefflicher junger Mann, sehr brav, wirklich!«

»Wie,« rief Jenny, »deren Herz heftig zu klopfen begann, er hat mit Dir über unsere Angelegenheiten gesprochen und mit Dir Pläne gemacht?« …

»Mr. Halliburtt zu befreien, ihn den Conföderirten zu entführen und dann mit ihm nach England überzusetzen.«

»Ist das wirklich wahr?«« rief Jenny aus.

»Wie ich Ihnen schon sagte, Miß; ein edles Herz, dieser Kapitän Playfair! Aber so sind die Engländer, entweder ganz gut oder ganz schlecht. Nun, auf meine Dankbarkeit kann er rechnen, ich würde mich von jetzt an für ihn in Stücke hauen lassen, wenn er's wünschen sollte.«

Jenny war innig erfreut, als sie Crockston so reden hörte. Sie hätte nie gewagt, einen Plan zur Befreiung ihres Vaters zu machen, und jetzt wollte gar der Kapitän der Delphin sein herrliches Schiff nebst Mannschaft auf's Spiel setzen, um ihr dazu behilflich zu sein!

»Ja, so ist er,« fügte Crockston noch schließlich hinzu, »und ich dächte, Miß Jenny, solch Benehmen wäre schon einen Dank von Ihrer Seite werth.«

»O mehr, viel mehr als meinen Dank,« rief das junge Mädchen begeistert! »meine Verehrung und Freundschaft für immer!«

Und sie verließ sofort die Cajüte, um James Playfair aufzusuchen und ihn ihrer überquellenden Gefühle zu versichern.

»Nun ist die Kugel im Rollen,« murmelte der Amerikaner, »wir wollen hoffen, daß sie schneller und schneller läuft und endlich am Ziel ankommt.«

James Playfair ging Nichts ahnend auf den Deckzimmern spazieren und war nicht wenig überrascht und erstaunt, als er das Fräulein in tiefer Bewegung, thränenden Auges auf sich zukommen sah. Sie streckte ihm sogleich ihre Hand entgegen und rief, indem sie ihn voll und dankbar anschaute:

»Wie innig danke ich Ihnen, Herr Kapitän, für Ihren Edelmuth gegen mich, eine Fremde, die solche Aufopferung nie erwartet haben würde.«

James Playfair machte ein Gesicht, wie Jemand, der nicht begreifen kann, um was es sich handelt.

»Ich weiß wirklich nicht, Miß …« begann er.

»O doch! Herr Kapitän,« rief Jenny; »Sie wollen meinetwillen so vielen Gefahren Trotz bieten, vielleicht gar Ihr eigenes Interesse schädigen und haben doch schon so viel für mich gethan, indem Sie mir auf Ihrem Schiffe eine Gastlichkeit gewährten, auf die ich nicht im Mindesten ein Recht hatte.«

»Verzeihen Sie, Miß Jenny,« nahm jetzt James Playfair das Wort, »ich versichere Ihnen, daß ich Ihre Worte nicht verstehe; ich habe mich gegen Sie benommen, wie sich jeder wohlerzogene Mann gegen eine Dame benehmen würde, aber meine Handlungsweise verdient weder so viel Erkenntlichkeit, noch irgendwelche Danksagungen.«

»Herr Playfair,« sprach Jenny in unerschütterlichem Glauben an ihre Sache, »Sie suchen vergeblich, sich meinem Dank noch länger zu entziehen; Crockston hat mir bereits Alles mitgetheilt.«

»Ah so!« sagte Kapitän Playfair ein wenig gedehnt, »Crockston hat Ihnen Alles mitgetheilt? Aber dann begreife ich, offen gestanden, noch viel weniger, was Sie aus Ihrer Cajüte hervorgelockt hat, um mich Worte hören zu lassen, die …«

Als der junge Mann so sprach, war er in nicht geringer Verlegenheit; er erinnerte sich noch sehr genau an die brutale Art und Weise, mit der er den Amerikaner abgewiesen hatte, aber Jenny ließ ihm zum Glück keine Zeit, sich weiter zu erklären, und unterbrach ihn mit den Worten:

»Herr James, ich hatte von vornherein nur die Absicht, nach Charleston zu reisen, und hoffte, daß die Sklavenhalter dort, so grausam sie auch sein mögen, mir nicht verweigern würden, das Gefängniß mit meinem Vater zu theilen.

Auf eine mögliche Rückkehr nach England hätte ich nie gehofft; da aber Ihr Edelmuth so weit geht, daß Sie meinen armen gefangenen Vater befreien und Alles zu seiner Rettung versuchen wollen, seien Sie meiner aufrichtigsten Dankbarkeit versichert und gestatten sie mir, Ihnen die Hand zu reichen.«

James wußte nicht, was er zu alledem sagen, wie er sich dabei benehmen sollte; er biß sich auf die Lippen und wagte die Hand des jungen Mädchens nicht anzunehmen. Natürlich sah er, daß Crockston ihn »compromittirt« hatte, um ihm den Rückzug abzuschneiden, und doch kam es ihm nicht in den Sinn, sich in eine so böse Geschichte, wie die Befreiung Mr. Halliburtt's füglich werden konnte, zu verwickeln.

Andererseits konnte er sich nicht entschließen, die Hoffnungen, die das arme Mädchen gefaßt hatte, mit grausamem Schlage zu vernichten; wie konnte er diesen Händedruck ablehnen, den sie ihm in so herzlichem Freundschaftsgefühl zugedacht hatte? Er brachte es nicht über das Herz, die Thränen der Dankbarkeit, die jetzt ihren Augen entströmten, in Thränen der Scham und des Schmerzes zu wandeln.

So versuchte denn der junge Mann, ausweichend zu antworten und sich die Freiheit seiner Handlungsweise für die Zukunft vorzubehalten.

»Miß Jenny,« begann er und nahm ihre kleine Hand in die seine, »glauben Sie mir, daß ich thun werde, was in meinen Kräften steht, um …«

Aber bei dem sanften Druck ihres Händchens fühlte er, wie sein Herz weich wurde und seine Gedanken sich verwirrten; die Worte, um auszudrücken, was er sagen wollte, fehlten ihm in diesem Augenblick, und er stammelte nur unbestimmte Ausdrücke, wie:

»Miß … Miß Jenny … für Sie …«

Der Amerikaner hatte unterdessen von ferne gestanden und die Beiden beobachtet; jetzt rieb er sich die Hände und brummte vor sich hin:

»Es wird etwas! wahrhaftig, es wird etwas! Ich glaube beinahe, es ist schon was geworden!«

Wie sich James Playfair aus dieser verlegenen Situation ohne jeden Zwischenfall herausgeholfen haben würde, ist wohl eine schwer zu entscheidende Frage; aber zum Glück für ihn, wenn auch nicht für sein Schiff, ließ sich in diesem Augenblick die Stimme des Matrosen vom Mastkorbe vernehmen:

»He! Officier von der Wache!«

»Was giebt's?« fragte Mr. Mathew.

»Ein Segel vor dem Winde!«

James Playfair verabschiedete sich eilig von dem jungen Mädchen und stürzte in die Wantung des Besanmastes.

Fünftes Capitel.

Die Kugeln des Irokesen und Miß Jenny's Beweisgründe.

Die Reise der Delphin war bis jetzt sehr glücklich und mit staunenswerther Schnelligkeit von Statten gegangen, es war dies das erste Schiff, das sich in Sicht zeigte und von der Wache signalisirt wurde.

Die Delphin befand sich gerade unter 32° 15' Breite und 57° 43' Länge westl. von dem Meridian von Greenwich, sie hatte also bereits drei Fünftel ihrer Fahrt zurückgelegt. Seit achtundvierzig Stunden bedeckte ein Nebel, der jetzt zu steigen begann, die Wasser des Oceans; wenn die Delphin auch ihrerseits von diesem Nebel begünstigt, das heißt verborgen wurde, so hinderte derselbe sie andererseits, das Meer auf eine weite Fläche hin zu beobachten, und sie konnte, um sich so auszudrücken, Bord an Bord mit Schiffen fahren, die sie allen Grund hatte zu meiden.

Dieser letztere Fall war nun eingetroffen, denn das signalisirte Schiff befand sich in einer Entfernung von kaum drei Meilen vor dem Winde.

Als James Playfair die Kreuzhölzer erreicht hatte, bemerkte er auf einer lichten Stelle deutlich eine große, nordstaatliche Corvette, die mit vollem Dampfe arbeitete und auf die Delphin zusteuerte, um ihr den Weg abzuschneiden.

Nachdem der Kapitän das Schiff sorgfältig beobachtet hatte, stieg er wieder auf's Verdeck herab und ließ seinen Obersteuermann kommen.

»Was halten Sie von diesem Schiff, Herr Mathew?« begann er.

»Ich kann nichts anderes annehmen, Herr Kapitän, als daß es ein Dampfer der nordstaatlichen Marine ist, der unsere Absichten beargwöhnt.«

»Über seine Nationalität ist allerdings kein Zweifel mehr möglich da, sehen Sie!«

Wirklich wurde soeben an der Gaffel auf der Corvette die Sternflagge der Vereinigten Staaten von Nordamerika aufgezogen, und ihre Echtheit mit einem Kanonenschuß verificirt.

»Das ist so viel wie eine Einladung, unsere Farben zu zeigen,« sagte Mr. Mathew. »Das können wir ja thun, wir brauchen uns ihrer nicht zu schämen.«

»Aber zu welchem Zweck, Mr. Mathew? Unsere Flagge würde uns nicht decken und die Leute keinen Augenblick davon abhalten, uns ihren Besuch abzustatten. Nein, ich halte es für besser, darauf zuzufahren.«

»Und wir müssen eilen,« versetzte Mr. Mathew; »wenn mich meine Augen nicht trügen, habe ich diese Corvette schon in der Umgegend von Liverpool bemerkt, wo sie sich aufhielt, um den Bau einiger Fahrzeuge zu überwachen. Ich will nicht Mathew heißen, wenn auf dem Gemälde ihres Taffrail nicht Der Irokese steht.

»War es ein guter Segler?«

»Mit einer der Besten von der ganzen nordstaatlichen Marine?«

»Wie viel Kanonen führt er?«

»Acht.«

»Oho!«

»Verlassen Sie sich darauf, Kapitän,« erwiderte Mathew mit ernsthaftem Ton; »von den acht Kanonen gehen zwei auf Angeln, die eine, ein Sechzigpfünder, steht auf der Schanze, die andere, ein Hundertpfünder, auf dem Verdeck? beide gezogen.«

»Teufel!« rief James Playfair, »es sind Parrotts; sie tragen drei Meilen weit!«

»Drei Meilen und weiter, Kapitän.«

»Nun, Herr Mathew, ob es nun Hundertpfünder oder Vierpfünder sind, ob sie drei Meilen oder fünfhundert Meilen weit tragen, wenn wir schnell genug fahren, um ihren Kugeln zu entgehen, kann uns das gleichgiltig lassen. Wir wollen diesem Irokesen zeigen, was ein Dampfer vermag, der eigens zum Schnellfahren gebaut ist. Lassen Sie die Feuer schüren.«

Der Obersteuermann übermittelte sofort dem Ingenieur die Befehle des Kapitäns und bald wirbelten schwarze Rauchsäulen über den Schornsteinen des Steamers.

Diese Symptome schienen dem Geschmack der Corvette nicht zu behagen, denn sie gab der Delphin ein Zeichen back zu legen. Aber James Playfair kümmerte sich um diese Anweisung äußerst wenig und änderte die Richtung seines Schiffes nicht im Geringsten.

»Jetzt wollen wir sehen, wozu sich der Irokese entschließen wird, er hätte die schönste Gelegenheit, seinen Hundertpfünder zu versuchen und zu erproben, wie weit er trägt. Allen Dampf beigesetzt!«

»Gut!« meinte Mr. Mathew, »wir werden bald schöne Grüße bekommen.«

Als der Kapitän auf das Deckzimmer zurückkam, sah er Miß Halliburtt, die ruhig neben dem Geländer saß.

»Miß Jenny,« wandte er sich an sie, »wir werden sehr wahrscheinlich von der Corvette, die Sie dort vor dem Winde sehen, verfolgt werden, und da sie sich uns voraussichtlich mit Kanonenschüssen verständlich machen wird, erlaube ich mir, Ihnen meinen Arm zu bieten, um Sie in Ihre Cajüte zurückzuführen.«

»Ich sage Ihnen meinen besten Dank, Herr Playfair,« antwortete das junge Mädchen, indem es ruhig zu dem Kapitän aufblickte, »aber ein Kanonenschuß macht mich nicht erzittern.«

»Die Sache kann aber trotz der Entfernung gefährlich werden, Miß.«

»O! ich bin nicht zu dem furchtsamen Mädchen erzogen worden, für das Sie mich zu halten scheinen, wir werden in Amerika an Alles gewöhnt, und ich versichere Ihnen, daß ich bei den Kugeln des Irokesen ruhig und ohne Furcht bleiben werde.«

»Sind Sie muthig, Miß Jenny.«

»Wenn Sie das zugeben, werden Sie mir auch gestatten, hier bei Ihnen zu bleiben; nicht wahr, Herr Playfair?«

»Es liegt mir fern, Ihnen Etwas zu verweigern, Miß Halliburtt,« erwiderte der Kapitän, als er die ruhige Sicherheit des jungen Mädchens sah.

Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, als aus den Verschanzungen der nordstaatlichen Corvette ein weißer Dampf aufstieg, aber bevor das Krachen bis zur Delphin herüberschallte, schoß ein cylindro-konisches Projectil, das sich mit wirbelnder Geschwindigkeit um sich selbst drehte, auf den Steamer zu. Man konnte das Geschoß auf seiner Bahn verfolgen, da es sich mit relativer Langsamkeit fortbewegte, denn die Projectile kommen weniger rasch aus der Mündung gezogener Kanonen, als aus jeder anderen mit glattem Rohr.

Als das Projectil nur noch in einer Entfernung von zwanzig Klaftern stand, senkte sich seine Flugbahn sehr merklich, und es streifte die Wogen, indem es auf seinem Wege eine Reihe kleiner Wasserfälle bildete; dann gerieth es in neuen Schwung, sprang wieder bis zu einer gewissen Höhe empor, ging über die Delphin fort, indem es den Steuerbordarm der Fockraa durchschnitt, fiel dreißig Klafter jenseits des Schiffes wieder herab und versank in den Fluthen.

»Teufel!« rief James Playfair, »vorwärts! vorwärts! die zweite Kugel wird nicht lange auf sich warten lassen.«

»Nun, es bedarf schon einer gewissen Zeit, um solch ein Geschützstück wieder zu laden,« bemerkte Mr. Mathew.

»Das ist wahrhaftig interessant mit anzusehen,« meinte Crockston, der wie ein ganz unbetheiligter Zuschauer mit übereinandergeschlagenen Armen der Scene beiwohnte. »Und dabei muß man sich nun sagen, daß unsere Freunde uns mit solchen Zusendungen beehren.«

»Ah! Du bist es!« rief James Playfair, indem er den Amerikaner vom Kopf bis zu den Füßen maß.

»Ja, freilich, Herr Kapitän,« erwiderte der Amerikaner, ohne sich im Geringsten aus dem Concept bringen zu lassen; »ich will mir auch mit ansehen, wie die braven Nördlinger schießen. Nicht übel, wahrhaftig, gar nicht übel!«

Die Antwort des Kapitäns wäre wohl ziemlich unverblümt ausgefallen, aber eben jetzt wurde seine Aufmerksamkeit abgelenkt, denn ein zweites Projectil schlug quer durch die Steuerbord-Wölbung in's Meer.

»Ausgezeichnet!« rief James Playfair; »wir haben schon zwei Kabellängen vor dem Irokesen voraus. Deine Freunde fahren wie auf einer Boje, Meister Crockston, hörst Du?«

»Das kann ich nicht bestreiten,« versetzte der Amerikaner, »und zum ersten Mal in meinem Leben ist mir das sehr angenehm.«

Eine dritte Kugel blieb weit hinter den beiden ersten zurück, und in weniger als zehn Minuten war die Delphin außer Schußweite der Kanonen auf dem Corvettendampfer.

»Das wiegt alle Patent-logs der Welt auf, Herr Mathew,« sagte James Playfair mit großer Befriedigung. »Dank diesen Kugeln wissen wir nun, was wir an Schnelligkeit leisten können. Lassen Sie jetzt die Feuer im Hintertheil mäßigen, wir wollen Feuerungs-Material nicht unnöthig verschwenden.«

»Sie haben ein gutes Schiff unter Ihrem Commando,« wandte sich jetzt Miß Halliburtt an den jungen Kapitän.

»Ja, Miß Jenny, die Delphin legt mit Bequemlichkeit ihre siebenzehn Knoten zurück, und noch ehe sich heute der Tag zu Ende neigt, werden wir diese Corvette der Nordstaaten aus dem Gesicht verloren haben.«

James Playfair übertrieb nicht, als er so die nautischen Vorzüge seines Fahrzeuges rühmte; die Sonne war noch nicht untergegangen, als die Mastspitzen des amerikanischen Schiffes hinter dem Horizont verschwanden.

Miß Halliburtt's Benehmen bei diesem Zwischenfall hatte dem Kapitän ihren Charakter von einer ganz andern Seite gezeigt, auch war das Eis der kühlen Zurückhaltung mit der Stunde gemeinsamer Gefahr dahingeschmolzen, und der Verkehr zwischen Kapitän Playfair und seiner jungen Reisegefährtin gestaltete sich von nun an bei Weitem zwangloser und angenehmer, ihre Unterhaltungen wurden immer häufiger und von längerer Dauer.

Jenny Halliburtt zeigte sich dem jungen Kapitän mehr und mehr als ein ruhiges, kraftvolles Mädchen, das verständig nachdachte, nach Art der Amerikaner freimüthig ihre Gedanken aussprach, sich so ziemlich über Alles, was ihr zugänglich war, ihre eigene Ansicht bildete und diese mit einer Überzeugung zur Geltung brachte und vertheidigte, die James Playfair in manchen Beziehungen unwillkürlich beeinflußte.

Die junge Dame war ihrem Vaterlande mit großer Liebe ergeben und verfocht begeisterungsvoll die Idee der Union, sowie ihre Überzeugung in Bezug auf den amerikanischen Krieg.

Es geschah bei solchen Gelegenheiten mehrmals, daß James Playfair ihr nicht sogleich zu entgegnen wußte, denn oft fanden sich die Ansichten des »Geschäftsmannes« in argem Dilemma; Jenny griff sie oft mit schonungslosem Nachdruck an und wollte auf keinen Compromiß eingehen. Anfangs discutirte James sehr eifrig und versuchte die Conföderirten gegen die Nordstaatlichen zu vertheidigen und zu beweisen, daß das Recht auf Seite der Secessionisten sei; auch versicherte er, daß Leute, die freiwillig eine Vereinigung eingegangen seien, sich auch ebenso wieder trennen könnten. Das Fräulein aber wollte in diesem Punkte nicht nachgeben; sie bewies, daß die Sklavenfrage in diesem Kampf der Amerikaner des Nordens gegen die des Südens als die Hauptsache zu betrachten sei, daß es sich weit mehr um die Principien der Sittlichkeit und Humanität, als um die der Politik handle, und James mußte ihre Behauptungen zugeben, ohne die seinigen aufrecht halten zu können.

Übrigens begnügte er sich bei diesen Erörterungen meistens damit, zuzuhören; ob er hiebei mehr von den Beweisgründen Miß Jenny's hingerissen wurde oder von dem Zauber ihrer Rede und ihres Wesens, mag dahingestellt bleiben; schließlich aber mußte er anerkennen, daß die Sklavenfrage im Kriege der Vereinigten Staaten ein hauptsächliches Moment sei, und daß sie als ein letzter Überrest barbarischer Zeiten gelöst werden müsse.

Indessen, wie schon erwähnt, die politische Meinung des Kapitäns war ihm nicht von großem Belang, und vielleicht hätte er noch weit ernstere Ideen Argumenten geopfert, die in so fesselnder Form vorgetragen wurden; er gab also seine Ansichten auf diesem Gebiet leicht auf. Aber hiermit war es noch nicht genug; Miß Jenny griff direct seine nächsten Interessen an und opponirte gegen die Handelsbestimmung der Delphin, in Bezug auf die Kriegsmunition, die er den Conföderirten zuführte.

»Ja, Herr James,« erklärte Miß Halliburtt eines Tages, »die Dankbarkeit gegen Sie kann mich nicht daran hindern, offen und freimüthig meine Meinung auszusprechen, im Gegentheil: gerade weil Sie ein tüchtiger Seemann und gewandter Kaufmann sind, und weil das Haus Playfair seiner Ehrenhaftigkeit wegen weit und breit berühmt ist, bedaure ich um so mehr, daß es mit dieser Operation gegen seine Principien verstößt.«

»Wie!« rief James, »Sie behaupten, daß das Haus Playfair kein Recht hätte, bei dieser Gelegenheit seine Handelsinteressen wahrzunehmen?«

»Gewiß behaupte ich das; die Delphin führt den Unglücklichen, die in offener Empörung gegen die geordnete Regierung des Landes begriffen sind, Kriegsmunition zu, und das heißt so viel, als einer schlechten Sache Waffen leihen.«

»Nun, Miß Jenny, ich will nicht weiter mit Ihnen über das Recht der Conföderirten disputiren, aber meine Entgegnung ist, daß ich Geschäftsmann bin und mich als solcher von den Interessen meines Hauses leiten lasse, ich suche überall Gewinn, wo er sich bietet.«

»Das gerade ist sehr tadelnswerth, Herr James,« fiel das junge Mädchen ein; »der Gewinn entschuldigt nicht. In diesem Augenblick, wo Sie den Leuten des Südens die Mittel liefern, einen verbrecherischen Krieg fortzusetzen, sind Sie ebenso strafbar, als wenn Sie den Chinesen Opium lieferten, der sie zu Thieren erniedrigt.«

»Nein, Miß Jenny, dies Mal sind Sie aber wirklich zu schroff, und ich kann nicht zugeben …«

»Was ich sage, ist vollkommen richtig, Herr Kapitän, und wenn Sie die Sache objectiv ansehen, und über die Folgen Ihrer Handlungsweise nachdenken wollten, für die Sie in den Augen jedes Urtheilsfähigen verantwortlich sind, so werden Sie mir auch in diesem Punkte Recht geben müssen.«

James Playfair stand bei diesen Worten des jungen Mädchens ärgerlich und ein wenig consternirt da. Er verabschiedete sich ohne ein weiteres Wort, denn er wußte auf solche Beweisgründe Nichts zu erwidern, und schmollte eine halbe Stunde, wenn es hoch kam, ein Stündchen, um dann wieder zu Fräulein Jenny zurückzukehren und sich ihren Beweisgründen und ihrem liebenswürdigen Lächeln von Neuem auf Gnade und Ungnade zu ergeben.

Kurz, obgleich Kapitän James Playfair es sich selber nicht eingestand, war seine Unabhängigkeit dahin, und man konnte ihn nicht mehr »den Herrn nächst Gott« an Bord seines Schiffes nennen.

Auch die Angelegenheiten Mr. Halliburtt's schienen sich zu Crockston's großem Jubel äußerst günstig zu gestalten, der Kapitän war augenscheinlich entschlossen, Alles in's Werk zu setzen, was zur Befreiung von Miß Jenny's Vaters dienen konnte, und sollte auch die Delphin darüber Ladung und Mannschaft auf's Spiel setzen und der Zorn des würdigen Onkels Vincent heraufbeschworen werden.

Sechstes Capitel.

Das Seegatt der Insel Sullivan.

Zwei Tage nach der Begegnung mit dem Irokesen befand sich die Delphin auf der Höhe der Bermudas-Inseln und hatte daselbst eine gewaltige Windsbraut auszuhalten. Diese Breiten werden häufig von außerordentlich heftigen Orkanen heimgesucht und sind in Folge dessen durch Unglücksfälle berühmt; Shakespeare hat diese Gegenden zum Schauplatz der aufregendsten Scenen seines Dramas: »Der Sturm«, in dem Ariel und Caliban sich um die Herrschaft der Fluthen streiten, gemacht.

Die Windstöße waren furchtbar, und James Playfair gab einen Augenblick dem Gedanken Raum, auf Mainland einer der Bermudas-Inseln, anzulegen, wo die Engländer einen Militärposten haben, doch hätte dies einen argen Querstrich durch seine Pläne gemacht. Glücklicherweise zeigte sich die Delphin während dieses Unwetters als ganz vortrefflich, und nachdem er einen ganzen Tag vor dem Orkan geflohen war, konnte er seine Fahrt in der Richtung nach der amerikanischen Küste wieder aufnehmen.

Aber wenn die Leistungen der Delphin James Playfair zufrieden stellten, so war er von dem Muth und der Kaltblütigkeit des jungen Mädchens nicht minder entzückt; Miß Halliburtt hatte die schlimmsten Stunden des Orkans bei ihm auf dem Verdeck zugebracht, und der Kapitän mußte sich mehr und mehr gestehen, daß eine leidenschaftliche, tiefe Liebe zu dem jungen Mädchen ihn ergriffen hatte.

»Ich kann es nicht leugnen,« sagte er, »das tapfere Mädchen hat mehr Einfluß über mich und mein Thun erlangt, als ich je für möglich gehalten hätte; ich beuge mich vor ihr, wie ein Schiff vor dem Sturm, ja ich fühle, daß ich mich ergeben muß. O, was würde Onkel Vincent sagen! Was macht die Liebe aus uns! ich glaube, ich wäre im Stande, diese ganze verwünschte Ladung Contrebande in's Meer zu werfen, wenn Jenny es von mir verlangte.«

Zum Glück für das Haus Playfair u. Co. forderte indessen Miß Halliburtt dies Opfer nicht; trotzdem aber war der arme Kapitän ihr mit Leib und Seele ergeben, und Crockston, vor dem sein Herz dalag wie ein aufgeschlagenes Buch, rieb sich ein Mal über das andere mit solcher Vehemenz die Hände, daß er sich die Epidermis zerscheuerte.

»Jetzt haben wir ihn im Schlepptau,« brummte er vergnügt vor sich hin, »und ich will darauf wetten, daß mein Herr, ehe noch acht Tage vergehen, in der besten Cajüte an Bord der Delphin installirt ist.«

Obwohl Miß Jenny sich darüber klar wurde, was sie in dem jungen Kapitän für Gefühle wach gerufen hatte, und ob ihr Herz ihm gleichfalls entgegenschlug? Das vermochte Niemand zu sagen und am wenigsten James Playfair. Das junge Mädchen hielt sich vollkommen reservirt, wie das bei ihrer amerikanischen Erziehung nicht anders zu erwarten war, und ihr Geheimniß blieb tief in ihrem Herzen verborgen.

Während die Liebe bei dem Kapitän so rasche Fortschritte machte, dampfte die Delphin mit nicht geringerer Geschwindigkeit auf Charleston zu.

Am 13. Januar signalisirte die Wache Land auf zehn Meilen Entfernung im Westen, eine niedrige Küste, die mit der Wasserlinie am Horizont fast verschwamm. Crockston schaute scharf aus, und als er Morgens um neun Uhr einen Punkt an einer lichten Stelle des Firmaments erspähte, rief er aus:

»Der Leuchtthurm von Charleston!«

Wäre die Delphin bei Nacht hier angekommen, so würde dieser hundertundvierzig Fuß über der Meeresfläche gelegene Thurm schon seit mehreren Stunden bemerkt worden sein, denn der Glanz seines Drehlichts zeigt sich vierzehn Meilen weit.

Nachdem die Lage der Delphin durch diese Wahrnehmung genau bestimmt war, blieb James Playfair nur noch übrig, sich zu entscheiden, durch welches Fahrwasser er in die Bucht einlaufen wollte.

»Wenn sich uns nicht besondere Hindernisse in den Weg legen, können wir binnen drei Stunden in den Docks des Hafens und in Sicherheit sein.«

Die Stadt Charleston liegt an einem Wasserbecken, das sieben Meilen lang und zwei Meilen breit, und in das die Einfahrt ziemlich schwierig ist, da es sich zwischen der Insel Morris im Süden und der Insel Sullivan im Norden stark verengt. Zu der Zeit, als die Delphin versuchte, die Blokade zu brechen, gehörte die Insel Morris schon den Truppen der Nordstaatlichen, und General Gillmore ließ dort Batterien aufpflanzen, welche die Rhede, bestreichen konnten und sie somit beherrschten. Die Insel Sullivan hingegen war in den Händen der Conföderirten, die in dem Fort Moultrie Stand hielten. Demnach war es für die Delphin sehr vortheilhaft, so nahe wie möglich an den nördlichen Gestaden hinzustreifen und so das Feuer der Batterien von der Insel Morris zu vermeiden.

Man kann auf fünf verschiedenen Einfahrten in das Wasserbecken gelangen; erstens durch das Seegatt der Insel Sullivan, dann das nördliche Seegatt, ferner das Seegatt Overall, dann das Hauptseegatt, und endlich das Seegatt Lawford; dies Letztere darf jedoch nur dann von Fremden befahren werden, wenn sie ausgezeichnete Sachverständige an Bord haben und ihre Schiffe mit weniger als sieben Fuß Tiefgang fahren. Das nördliche Seegatt und das Seegatt Overall waren gegenwärtig von den nordstaatlichen Batterien eingeschlossen, der Gedanke, sie zu passiren, mußte also von vornherein aufgegeben werden. Hätte James Playfair sich einen Weg wählen können, so würde er sein Schiff in das Hauptseegatt gelenkt haben, da dies das Beste, und nach vorzüglichen Karten leicht zu verfolgen ist; aber man mußte sich wohl oder übel den Umständen anbequemen und nach der Lage der Dinge entscheiden.

Übrigens kannte der Kapitän auf das Genaueste alle Geheimnisse und Gefahren der Bucht, die Tiefe ihrer Gewässer bei Ebbe und Fluth und ebenso ihre Strömungen; er war also im Stande, sein Fahrzeug mit vollkommener Sicherheit durchzubringen, sobald es nur in eine der engen Wasserrinnen eingelaufen war; die große Frage hieß nur: Wie hineinkommen?

Jedenfalls war dies Manoeuvre nicht auszuführen, ohne eine große Seetüchtigkeit und die specielle Kenntniß der Delphin und seiner Eigenschaften.

Es kreuzten gerade zwei nordstaatliche Fregatten in den Gewässern von Charleston, und Mr. Mathew verfehlte nicht, sie alsbald der Aufmerksamkeit des Kapitäns zu signalisiren.

»Es scheint, als wollten sie uns fragen, was wir in diesen Gewässern zu suchen haben.«

»Nun, wir werden ihnen die Antwort schuldig bleiben,« versetzte James Playfair; »sie werden die Folgen ihrer Neugier allein zu tragen haben.«

Inzwischen steuerten die Kreuzer mit vollem Dampf auf die Delphin los, während diese ihre Fahrt ruhig fortsetzte und nur darauf bedacht war, sich außer Schußweite ihrer Kanonen zu halten. Um indessen Zeit zu gewinnen, bediente sich James Playfair der List, südwestlich zu steuern, damit man glauben sollte, die Delphin beabsichtige, sich in die Fahrwasser der Insel Morris zu begeben; dort aber befanden sich Batterien und Kanonen, von denen eine einzige Kugel hinreichend gewesen wäre, um die Delphin in den Grund zu bohren. Die Nordstaatlichen ließen deshalb die Delphin ruhig nach Südwesten laufen, ohne besonders lebhaft Jagd auf sie zu machen, und begnügten sich damit, sie zu beobachten.

So verging eine Stunde, ohne daß sich die respective Lage der Schiffe veränderte. Übrigens hatte James Playfair, um eine Täuschung über den Gang der Delphin zu begünstigen, das Spiel der Schieber mäßigen lassen und fuhr nur mit geringer Dampfkraft; man hätte jedoch an den dicken Rauchwirbeln, die aus den Schornsteinen drangen, sehen können, daß er ihr Maximum an Druck und demzufolge auch an Geschwindigkeit zu erlangen suchte.

»Sie werden nicht wenig erstaunt sein, wenn wir ihnen plötzlich unter den Händen davongleiten,« dachte James Playfair.

Und wirklich, als sich der Kapitän der Insel Morris ziemlich nahe und vor einer Linie Kanonen sah, deren Tragweite ihm unbekannt war, wechselte er plötzlich seine Richtung, ließ sein Schiff um sich selbst schwenken und fuhr nordwärts, während die Kreuzer zwei Meilen vor dem Wind hinter ihm zurückblieben. Als diese das Manoeuvre sahen und die Absicht des Steamers begriffen, begannen sie eine sehr entschiedene Verfolgung der Delphin, aber vergebens, es war zu spät. Der schnelle Dampfer gewann ihnen unter voller Thätigkeit seiner Schrauben bald den Rang ab und näherte sich wieder der Küste; es pfiffen zwar noch einige Kugeln hinter ihr her, aber die Nordstaatlichen verschossen ihre Projectile umsonst, sie tauchten schon auf halbem Wege von ihrem Ziel in die Fluthen. Um elf Uhr Morgens fuhr der Steamer dicht an der Insel Sullivan vorüber und steuerte, von seinem geringen Tiefgange begünstigt, mit voller Dampfkraft in das enge Fahrwasser hinein. Hier befand er sich vollkommen in Sicherheit, denn kein nordstaatlicher Kreuzer hätte es wagen dürfen, ihm in dies Seegatt zu folgen, das bei niedrigem Wasserstande nicht über elf Fuß tief ist.

»Nun wahrhaftig!« rief Crockston, »das hätte ich mir schwerer gedacht.«

»O, die Gefahr ist noch nicht vorüber, Meister Crockston,«« entgegnete James Playfair, »wir sind zwar glücklich hineingekommen, aber die Hauptschwierigkeit liegt im Auslaufen.«

»Bah!« erwiderte der Amerikaner, »darüber mache ich mir keine Sorge; mit einem Schiff wie die Delphin und einem Kapitän wie Sie, Herr James Playfair, läuft man ein und aus, ganz nach Belieben.«

James Playfair untersuchte, mit dem Fernglase in der Hand, aufmerksam die zu verfolgende Straße. Er hatte ausgezeichnete Küstenkarten vor sich, die ihm gestatteten, ohne Hinderniß und Zögern vorwärts zu gehen.

Als die Delphin glücklich in das enge Seegatt, das sich längs der Insel Sullivan hinzieht, eingelaufen war, steuerte James eine Strecke, indem er die Mitte des Forts Moultrie West-halb-Nord peilte, bis sich im Nord-Nord-Osten das an seiner düsteren Farbe erkennbare Schloß Pickney auf einem isolirt liegenden Inselchen, »Shute's Folly«, zeigte. Auf der andern Seite dampfte er an dem Hause des Forts Johnson vorüber, das um zwei Grad nördlich von dem Fort Sumter offen daliegt.

In diesem Augenblick wurde die Delphin von einigen Kugeln begrüßt, die von den Batterien der Insel Morris abgefeuert wurden, ohne ihn jedoch zu erreichen. Er setzte seine Fahrt fort, ohne auch nur um ein Haar breit abzuweichen, ging vor Moultrieville vorbei, das am äußersten Ende der Insel Sullivan liegt, und lief in die Bucht ein. Bald ließ er auch das Fort Sumter zur Linken und wurde durch dasselbe vor den nordstaatlichen Batterien maskirt.

Dies in dem Kriege der Vereinigten Staaten berühmte Fort liegt über drei Meilen von Charleston und ungefähr eine Meile von jeder Seite der Bucht entfernt, es ist ein abgestutztes Fünfeck, auf einer künstlichen Insel, von Granit aus Massachusetts erbaut, dessen Aufführung zehn Jahre gedauert und mehr denn 900 000 Dollars gekostet hat.

Aus diesem Fort wurden am 13. April 1861 Anderson und die nordstaatlichen Truppen verjagt, und gegen dasselbe der erste Schuß der Separatisten abgefeuert. Die Massen von Eisen und Blei, mit denen es sodann von den Kanonen der Nordstaatlichen beworfen wurde, entziehen sich jeder Schätzung. Das Fort leistete jedoch beinahe drei Jahre lang Widerstand und fiel erst einige Monate nach der beschriebenen Durchfahrt der Delphin unter den dreihundertpfündigen Kugeln der gezogenen Parrot-Kanonen, die General Gillmore auf der Insel Morris aufpflanzen ließ; damals aber stand es noch in seiner vollen Kraft, und die Fahne der Conföderirten schwebte über dem ungeheuern Pentagon von Granit.

Als das Fort passirt war, kam die Stadt Charleston, zwischen den beiden Flüssen Ashley und Cooper hingelagert, in Sicht; sie bildete eine scharf hervortretende Spitze.

James Playfair steuerte mitten durch die Bojen, die das Seegatt bezeichnen, und ließ den Leuchtthurm von Charleston südsüdwestlich liegen; jetzt flatterte an der Gaffel seines Schiffes lustig die Flagge Englands.

Nachdem die Delphin die Boje der Quarantaine auf Steuerbordsseite gelassen hatte, rückte er frei in der Bucht vor. Miß Halliburtt stand auf dem Deck und schaute gedankenvoll auf die Stadt, in der ihr Vater gefangen gehalten wurde; ihre Augen schwammen in Thränen.

Endlich wurde auf den Befehl des Kapitäns der Gang des Schiffes gemäßigt; die Delphin dampfte an den Batterien des Südens und Ostens vorüber, und bald warf sie ihren Anker am Kai in dem »North-Commercial Wharf«.

Siebentes Capitel.

Ein General der Südstaaten.

Als die Delphin an den Kais von Charleston ankam, war sie von einer großen Volksmenge mit stürmischem Hurrah begrüßt worden. Die Einwohner dieser von der Seeseite so strenge blokirten Stadt waren seit lange nicht mehr den Besuch europäischer Schiffe gewohnt und fragten sich erstaunt, was dieser große Steamer, der so stolz die Flagge Englands wehen ließ, in ihren Gewässern wolle. Als man aber den Zweck seiner Reise erfuhr, und weshalb er das Fahrwasser von Sullivan durchbrochen hatte, als sich das Gerücht verbreitete, daß ihre Seitentheile eine ganze Ladung Kriegscontrebande enthielten, nahm das Beifallsrufen und Freudengeschrei kein Ende.

James Playfair setzte sich, ohne einen Augenblick Zeit zu verlieren, mit dem General Beauregard, dem Commandanten der Stadt, in Verbindung. Dieser empfing den jungen Kapitän der Delphin mit großer Zuvorkommenheit, denn er sah dem Ersatz an Uniformen und Kriegsmunition für seine Armee mit Freuden entgegen. Es wurde zwischen den beiden Herren abgemacht, daß die Ausladung des Schiffes unverzüglich vor sich gehen sollte, und zahlreiche Arme kamen hierbei den englischen Matrosen zu Hilfe.

Bevor James Playfair noch sein Schiff verließ, hatte er von Miß Halliburtt die dringendsten Weisungen in Betreff ihres Vaters erhalten; der junge Kapitän stellte sich ihr vollständig zu Gebote.

»Sie können auf mich rechnen, Miß Jenny, hatte er zu dem jungen Mädchen gesagt, ich werde thun, was in meinen Kräften steht, um Ihren Vater zu retten; und ich hoffe, daß diese Angelegenheit keine übersteiglichen Schwierigkeiten bieten wird; ich werde noch heute mit dem General Beauregard zusammenkommen und von ihm zu erfahren suchen, in welcher Lage er sich befindet; ob er auf Ehrenwort frei umhergeht oder wie ein Gefangener gehalten wird; ein directes Verlangen aber gedenke ich in dieser Beziehung heute noch nicht an den Commandanten zu stellen.«

»Mein armer, lieber Vater, klagte Jenny; er hat keine Ahnung davon, wie nahe ich ihm bin. Ach, warum kann ich nicht in seine Arme eilen?«

»Noch ein wenig Geduld, Miß Jenny; bald werden Sie Ihren Vater umarmen. Verlassen Sie sich darauf, daß ich mit der größten Aufopferung, dabei aber auch als verständiger Mann mit Überlegung handeln werde.«

Nachdem James Playfair die kaufmännischen Interessen seines Hauses wahrgenommen hatte, die Ladung der Delphin dem General überliefert und ein ungeheurer Vorrath von Baumwolle zu äußerst niedrigem Preise eingekauft war, brachte er das Gespräch auf die Ereignisse des Tages.

»Sie glauben also auf den Triumph der Sklavenhalter?« fragte er den General Beauregard.

»Ich zweifle nicht einen Augenblick an unserm ganz definitiven Siege, und was speciell Charleston anbetrifft, so wird die Armee Lee's wohl binnen Kurzem die Einschließung aufheben. Was läßt sich übrigens von den Abolitionisten erwarten? Wenn wirklich, was jedoch nie der Fall sein wird, die Handelsstädte Virginiens, der beiden Carolinas, Georgiens, Alabamas und Mississippi in ihre Gewalt fielen, was dann? sie würden Herren des Landes sein, ohne es doch besetzen zu können, und so würde ihr Sieg, wenn es nämlich zu einem solchen käme, sie nur in Verlegenheit bringen.«

»Und sind Sie Ihrer Soldaten ganz sicher?« fragte der Kapitän; »fürchten Sie nicht, daß Charleston einer Belagerung müde werden könnte, die die Stadt ruinirt?«

»Nein! wir haben keinen Verrath zu fürchten, übrigens würden die Verräther erbarmungslos geopfert werden, und ich selbst würde mit Feuer und Schwert die Stadt zerstören, wenn ich in ihr die geringste unionistische Bewegung entdeckte. Jefferson Davis hat mir Charleston anvertraut, und Sie können sich versichert halten, daß die Stadt in treuen Händen ist.«

»Haben Sie Gefangene von den Nordstaatlichen?« fragte James Playfair, der hiermit an dem interessanten Gegenstand der Unterhaltung anlangte.

»Ja, Kapitän,« lautete die Antwort des Generals; »in Charleston wurde der erste Schuß in diesem Kriege abgefeuert; die Abolitionisten, welche sich gerade hier befanden, versuchten Widerstand zu leisten, unterlagen aber und werden jetzt als Kriegsgefangene hier zurückgehalten.«

»Sind ihrer viele?«

»Etwa hundert.«

»Gehen sie frei in der Stadt umher?«

»Ich gestattete das bis zu dem Tage, wo eine Verschwörung unter ihnen entdeckt wurde; es war ihrem Rädelsführer gelungen, sich mit den Belagerern in Verbindung zu setzen; ich habe natürlich sofort die gefährlichen Gäste einkerkern lassen, und mehrere Gefangene werden ihre Zelle nur verlassen, um sich auf den Glacis vor zehn Kugeln der Conföderirten zu stellen.«

»Wie, sie sollen erschossen werden?« rief der junge Kapitän unwillkürlich von einer Bewegung ergriffen, die er mit Mühe zurückhielt.

»Ja, und vor Allem ihr Rädelsführer; es ist ein sehr entschlossener, in einer belagerten Stadt geradezu gefährlicher Mensch. Ich habe seine Correspondenzen der Präsidentschaft in Richmond übersandt, und in einem Zeitraum von acht Tagen wird zweifelsohne sein Schicksal besiegelt sein.«

»Wer ist der Mann, von dem Sie soeben sprechen?« fragte James Playfair, scheinbar mit vollkommener Gleichgiltigkeit.

»Ein Journalist aus Boston, ein enragirter Abolitionist und gewissermaßen die rechte Hand Lincoln's.«

»Wie heißt er?

»Jonathan Halliburtt.«

»Der arme Teufel!« meinte James, der sich Gewalt anthun mußte, um seine Erregung zu beherrschen. »Wie sehr er auch sein Schicksal verdient haben mag, man kann doch nicht umhin, ihn zu bedauern. Sie glauben also, er wird erschossen werden?«

»Ich zweifle keinen Augenblick daran,« erwiderte Beauregard; »wir wehren uns, so gut wir können. ›C'est la guerre!‹«

»Man muß sich so objectiv wie möglich zu derartigen Scenen stellen,« sagte der Kapitän; »überdies werde ich, wenn die Hinrichtung stattfindet, sehr wahrscheinlich nicht mehr in der Stadt sein.«

»Wie! Sie denken schon wieder an Ihre Abreise?«

»Ja, Herr General; ich bin vor allen Dingen Geschäftsmann, und meine Handelsinteressen gebieten mir in See zu stechen, sobald meine Baumwollenladung gestaut ist. Es ist mir zwar gelungen, glücklich nach Charleston hineinzukommen, die Hauptfrage bei meinem Unternehmen bleibt aber doch, wie ich wieder herauskomme. Die Delphin ist ein gutes Schiff und kann es in Bezug auf Schnelligkeit mit allen Fahrzeugen der nordstaatlichen Marine aufnehmen, aber eine hundertpfündige Kugel in ihrem Lauf zu überholen, würde ihr doch schwer werden, und solch ein Stück Eisen in ihrem Rumpf oder ihrer Maschine könnte meinen kaufmännischen Combinationen einen argen Fehlschlag bereiten.«

»Ganz wie es Ihnen am Besten scheint, Herr Kapitän,« bemerkte Beauregard, »ich habe Ihnen in solcher Lage keinen Rath zu ertheilen und würde an Ihrer Stelle wahrscheinlich wie Sie handeln. – Übrigens hat der Aufenthalt in Charleston wenig Angenehmes, und eine Rhede, auf der es so häufig Bomben regnet wie bei uns, ist den Schiffen nicht geradezu zu empfehlen. Reisen Sie also ab, wann Sie für gut finden. Aber eine Nachfrage werden sie mir erlauben; wie verhält es sich mit der Macht und Zahl der nordstaatlichen Schiffe, die vor Charleston kreuzen?«

James Playfair befriedigte, so gut er konnte, die Wißbegierde des Generals und verabschiedete sich von ihm im besten Einvernehmen. Dann kehrte er mit sorgenschwerem Herzen über die soeben empfangenen Nachrichten nach der Delphin zurück.

»Was werde ich Miß Jenny sagen,« fragte er sich; »soll ich sie vollständig über die schreckliche Lage, in der Mr. Halliburtt schwebt, aufklären, oder ist es besser, das arme Kind in Unkenntniß über die Gefahr zu lassen, in der ihr Vater schwebt?«

James Playfair war in diesen Überlegungen noch zu keinem Resultat gekommen, als plötzlich Crockston auf seinem Wege neben ihm auftauchte; der würdige Amerikaner hatte ihm, seit er das Schiff verließ, nachgespürt und hier aufgelauert.

»Wie steht's, Herr Kapitän?«

James Playfair sah Crockston mit einem gewissen starren, unheilverkündenden Blick an, und dieser begriff sofort, daß er keine günstigen Nachrichten erhalten würde.

»Haben Sie mit Beauregard über ihn gesprochen?« fragte er.

»Ja,« antwortete zurückhaltend James Playfair.

»Und haben Sie ihn über Mr. Halliburtt ausgeforscht?«

»Er hat mir selber von ihm erzählt.«

»Nun Herr Kapitän?«

»Kann man Dir Alles anvertrauen, Crockston?«

»Ja, Herr Kapitän, Alles!«

»Nun, um mich kurz zu fassen, General Beauregard hat mir mitgetheilt, daß Dein Herr in spätestens acht Tagen erschossen werden soll.«

Ein Anderer wäre bei dieser Nachricht zornig aufgelodert oder hätte sich von seinem Schmerz hinreißen lassen, aber unser Amerikaner, der niemals unschlüssig war, lächelte nur verächtlich und sagte:

»Bah, was thut's?«

»Kerl, bist Du des Teufels?« rief James Playfair. »Ich sage Dir, daß Mr. Halliburtt in acht Tagen erschossen werden soll, und Du antwortest mir: Was thuts?«

»Freilich, Herr Kapitän; was thut's, wenn er in sechs Tagen an Bord der Delphin ist, und wir in sieben Tagen auf hoher See schwimmen?«

»O, jetzt verstehe ich Dich,« sagte James Playfair und drückte Crockston die Hand. »Ich sehe, Du bist ein entschlossener Mann; ich meinestheils würde mich, Onkel Vincent und der Ladung der Delphin zum Trotz, für Miß Jenny in die Luft sprengen lassen.«

»Nicht von Nöthen, Herr Kapitän, das käme nur den Fischen zugute,« erwiderte der Amerikaner. »Die Hauptsache ist jetzt, Mr. Halliburtt zu befreien.«

»Das wird aber seine Schwierigkeiten haben!«

»Wird so schlimm nicht sein!« rief Crockston.

»Es handelt sich darum, mit einem streng bewachten Gefangenen in Beziehung zu treten.«

»Nun freilich!«

»Und eine fast unmögliche Entführung in's Werk zu setzen!«

»Bah,« meinte Crockston, »ein Gefangener sinnt mehr darauf zu entfliehen, als sein Kerkermeister daran denkt, ihn zu bewachen, also müßte es eigentlich jedem Gefangenen gelingen, das Weite zu suchen, alle Chancen sind für ihn. Und auch Mr. Halliburtt wird mit unserer Hilfe entkommen.«

»Ich hoffe, Du behältst Recht, Crockston.«

»Wie immer, Herr Kapitän.«

»Aber wie werden wir die Sache einfädeln? wir müssen einen Plan machen und allerlei Vorkehrungen treffen.«

»Ich werde nachdenken, Herr Kapitän.«

»Aber wenn Miß Jenny erfährt, daß ihr Vater zum Tode verurtheilt ist, und daß der Befehl zu seiner Hinrichtung jeden Tag eintreffen kann …«

»Sie muß es eben nicht erfahren.«

»Ja, wir wollen es ihr verbergen, es ist so besser für sie und für uns.«

»Wo ist Mr. Halliburtt eingekerkert?« fragte Crockston.

»In der Citadelle.«

»Vortrefflich! Aber jetzt kommen Sie mit an Bord, Herr Kapitän!«

Achtes Capitel.

Die Flucht.

Miß Jenny saß auf dem Deckzimmer der Delphin und erwartete ungeduldig die Rückkehr von James Playfair, und doch konnte sie, als er ihr endlich gegenüberstand, kein Wort hervorbringen, und nur ihre Blicke sprachen die Frage aus, die ihr Mund verschwieg.

James Playfair theilte nun, von Crockston unterstützt, dem jungen Mädchen mit, was er über die Einkerkerung ihres Vaters erfahren hatte. Er sagte ihr, daß er Beauregard vorsichtig über die Kriegsgefangenen ausgeforscht, aber bald gemerkt habe, daß der General ihnen nicht günstig gestimmt sei.

»So hielt ich es für angemessen,« fuhr er fort, »mit meinen Wünschen zurückzuhalten und mich von den Umständen leiten zu lassen. Da Mr. Halliburtt nicht frei in der Stadt umhergehen darf, wird seine Flucht allerdings größere Schwierigkeiten bieten, aber ich hoffe doch mit Bestimmtheit, mein Ziel zu erreichen. Ja, ich schwöre Ihnen, Miß Jenny, daß die Delphin die Rhede von Charleston nicht verlassen soll, ohne daß Ihr Vater mit an Bord ist.«

»Danke, Herr James,« sagte Jenny, »meinen wärmsten, innigsten Dank!«

James Playfair fühlte, wie ihm des Herz bei diesen Worten stürmisch klopfte. Er näherte sich feuchten Blickes dem jungen Mädchen und hätte vielleicht, von der Macht des Augenblicks überwältigt, seine Gefühle für Jenny verrathen; aber Crockston sprang gleichsam dazwischen und rief:

»Nichts für ungut, Herr Kapitän, aber für Rührung haben wir jetzt keine Zeit; es ist noch Viel zu verabreden und zu beschließen.«

»Hast Du einen Plan gefaßt, Crockston?« fragte die junge Dame.

»Natürlich! ich habe immer Pläne, das ist meine Specialität,« antwortete der Amerikaner.

»Aber ob auch immer gute, das bleibt noch dahingestellt,« bemerkte der Kapitän.

»Diesmal ist mein Plan ausgezeichnet,« versicherte Crockston, »so ausgezeichnet, daß alle Minister in Washington keinen besseren ersinnen könnten. Er ist eigentlich so gut, als wenn Mr. Halliburtt schon hier an Bord wäre.«

Crockston sprach mit solcher Zuversicht und Treuherzigkeit, daß nur ein ungläubiger Thomas noch Mißtrauen in seine Worte hätte setzen können.

»Wir sind bereit zu hören,« sagte James Playfair.

»Gut. Sie, Herr Kapitän, verfügen sich zum General Beauregard und bitten ihn um eine Gefälligkeit, die er Ihnen gewiß nicht verweigern wird, Sie bitten ihn nämlich um Erlaubniß, einen liederlichen Kerl, den Sie an Bord haben, einen Strolch, der während der Überfahrt Ihre Leute zur Empörung aufgehetzt hat, während Ihres hiesigen Aufenthaltes in der Citadelle einschließen zu dürfen. Bei Ihrer Abreise gedächten Sie ihn wieder an Bord zu nehmen und nach England zurückzufahren, um ihn dort dem Landesgericht zu überliefern.«

»Gut, das läßt sich wohl machen,« sagte lächelnd James Playfair, »Beauregard wird mir solche Bitte gewiß nicht abschlagen.«

»Davon bin ich überzeugt, Herr Kapitän.«

»Mir fehlt dazu nur eins,« meinte James Playfair.

»Und das wäre?«

»Nun, der Strolch.«

»Der Strolch steht vor Ihnen, Herr Kapitän.«

»Wie? der abscheuliche Kerl …?«

»Bin ich, Herr Kapitän, es darf Ihnen aber nicht unangenehm sein.«

»O, Du muthiges, treues Herz!« rief Jenny und drückte mit ihren kleinen Händchen die großen harten Hände des Amerikaners.

»Jetzt verstehe ich Deinen Plan,« rief Playfair »und bedaure nur, daß ich nicht Deine Stelle einnehmen kann.«

»Jeder nach seiner Kunst und seinen Gaben, Herr Kapitän,« erwiderte Crockston; »wenn Sie meine Rolle als Strolch spielen sollten, würden Sie sehr in Verlegenheit gerathen, während das bei mir nicht der Fall sein wird. Sie werden später genug zu thun haben, um uns unter den Kanonenschüssen der Conföderirten aus der Rhede zu steuern; dergleichen Aufgaben würden mir wohl schwerlich gelingen.«

»Gut, Crockston, nur weiter!«

»Also ich bin in der Citadelle und sehe mich genau um. Das Weitere muß dann vom Zufall abhängen; davon seien Sie aber überzeugt: ich werde meine Sache nicht schlecht machen. Sorgen Sie unterdessen nur dafür, daß die Geschäfte in Ordnung kommen und die Ladung der Delphin beendigt wird.«

»Was frage ich jetzt nach Geschäften?« rief James Playfair, »dergleichen ist gegenwärtig Nebensache!«

»Wie so? durchaus nicht! was würde dazu Onkel Vincent sagen? Unsere Gefühle und Handelsoperationen können ja Hand in Hand gehen; auch müssen Sie die Geschäfte gehörig wahrnehmen, damit kein Argwohn aufkommt. Wie ist's? können Sie in Zeit von sechs Tagen fertig sein?«

»Ich will es so einrichten.«

»Halten Sie die Delphin zum 22. Januar beladen und zur Abfahrt bereit. Sodann schicken Sie am Abend desselben Tages ein Boot mit Ihren besten Leuten nach White-Point, an das Ende der Stadt, mit der Weisung, dort bis neun Uhr zu warten, und Sie werden Mr. Halliburtt und seinen Diener daselbst erscheinen sehen.«

»Aber wie wird es Dir möglich sein, Mr. Halliburtt zu befreien und dabei auch selbst zu entkommen?«

»Das überlassen Sie mir, Herr Kapitän.«

»Du willst Dein Leben auf's Spiel setzen, um meinen Vater zu retten, lieber Crockston!« rief Jenny.

»Beunruhigen Sie sich nicht um mich, Miß Jenny, wenn ich bitten darf, ich setze durchaus gar Nichts auf's Spiel.«

»Wann soll ich Dich einschließen lassen?« fragte James Playfair.

»Wenn irgend möglich, noch heute; Sie verstehen, Herr Kapitän, ich demoralisire Ihre Leute, es ist keine Zeit zu verlieren.«

»Soll ich Dich mit Geld versorgen? es könnte Dir in der Citadelle vielleicht nützen.«

»Geld, um den Kerkermeister zu bestechen, meinen Sie? Nein, das ist zu theuer, und, nehmen Sie's nicht übel, Herr Kapitän, auch zu einfältig. Wenn man dergleichen anfängt, behält der Kerkermeister das Geld und den Gefangenen obendrein; und der Mann hat Recht! Nein, mein Mittel ist sicherer. Aber ein paar Dollars nehme ich an, man muß zu Zeiten auch ein Gläschen trinken können.«

»Respective den Kerkermeister berauscht machen.«

»Nein, Herr Kapitän, auch das nicht. Ein berauschter Kerkermeister würde mir Alles verderben. Lassen Sie mich nur machen, ich habe schon meine Idee.«

»Hier, mein lieber Crockston, nimm diese zehn Dollars.«

»Zehn Dollars sind zu viel, Herr Kapitän, ich werde Ihnen das Übrige seiner Zeit wieder herausgeben.«

»Bist Du nun bereit?«

»Ja, Herr Kapitän, bereit, um ein Erzstrolch zu werden.«

»Dann vorwärts!«

»Crockston,« sagte das junge Mädchen mit bewegter Stimme, »Crockston, Du bist doch der beste Mensch auf der ganzen Welt.«

»Das glaube ich schon,« antwortete der Amerikaner, indem er hell auflachte; »aber Ihnen, Herr Kapitän, möchte ich noch etwas Wichtiges anempfehlen.«

»Nun?«

»Im Fall der General Ihnen vorschlagen sollte, Ihren Strolch hier in Charleston hängen zu lassen – Sie wissen, alte Soldaten pflegen in solchen Dingen nicht viel Federlesens zu machen – so antworten Sie ihm, daß Sie sich's noch überlegen wollten.«

»Das verspreche ich Dir.«

Noch am nämlichen Tage wurde Crockston zum großen Erstaunen der Mannschaft, die nicht mit in's Geheimniß gezogen war, an Händen und Füßen gebunden und von etwa zehn Seeleuten an's Land gebracht. Eine halbe Stunde später kam er in der Citadelle von Charleston an und wurde, trotz heftigen Widerstandes von seiner Seite, in die Gefangenen-Liste eingetragen.«

Während dieses und dem darauffolgenden Tage betrieb Kapitän Playfair mit großer Eile die Ausladung der Delphin, und die Bevölkerung der Stadt wohnte der interessanten Operation in großen Mengen bei und legte hier und da mit Hand an, indem sie den Matrosen half und ihnen Artigkeiten erwies. James Playfair ließ jedoch seinen Leuten nicht viel Zeit, das freundliche Entgegenkommen der Amerikaner zu erwidern; er trieb sie mit förmlich fieberhafter Hast an, die Arbeit zu beschleunigen, wozu die Seeleute allerdings den Grund nicht ahnten.

Drei Tage später, am 18. Januar, wurden die ersten Baumwollenballen im Schiffsrumpfe aufgestapelt. Obgleich dies für James Playfair gegenwärtig keine Frage von großer Wichtigkeit war, muß hier doch erwähnt werden, daß das Haus Playfair u. Co. ganz vorzügliche Geschäfte machte, da es die ganze Masse von Baumwolle, welche in den Wharfs von Charleston lagerte, zu sehr geringem Preise erstanden hatte.

Von Crockston hatte man keine Nachricht mehr erhalten, und Jenny befand sich in größter Sorge und Aufregung. Wenn das arme Mädchen auch keine Klage laut werden ließ, so sprach doch ihr Blick und der niedergeschlagene Ausdruck ihres lieblichen Gesichts deutlicher als viele Worte. James Playfair suchte sie, so gut er vermochte, zu trösten und zu beruhigen.

»Ich habe das beste Vertrauen auf Crockston, er ist Ihnen mit unerschütterlicher Treue ergeben, sagte er; und Sie, Miß Jenny, die Sie ihn so viel länger kennen als ich, müßten sich doch jetzt beruhigen können. Ehe noch drei Tage vergehen, werden Sie Ihren Vater umarmen, glauben Sie es mir auf mein Wort.«

»Ach, Herr James, wie werde ich Ihnen je so viel Aufopferung danken können? wie wird es meinem Vater und mir möglich sein, Ihnen Ihre Güte zu lohnen?«

»Das werde ich Ihnen sagen, Miß Jenny, wenn wir uns in englischen Gewässern befinden,« antwortete der junge Kapitän.

Jenny sah ihn einen Augenblick fragend an und schlug die Augen nieder, dann zog sie sich in ihre Cajüte zurück.

James Playfair hatte gehofft, daß das junge Mädchen, bis ihr Vater in Sicherheit sei, Nichts von der furchtbaren Gefahr seiner Lage erfahren würde, aber während des letzten Tages erlangte sie durch die Indiscretion eines Matrosen Kunde von dem wahren Sachverhalt. Die Antwort aus dem Cabinet zu Richmond war mit einer Estafette, welche die Vorpostenlinie durchdrungen hatte, am Abend angekommen; sie enthielt das Todesurtheil des Bürgers Jonathan Halliburtt, und dieser sollte am andern Morgen in der Frühe erschossen werden. Die Kunde von der bevorstehenden Hinrichtung hatte sich schnell in der Stadt verbreitet und wurde von einem der Matrosen der Delphin an Bord gebracht. Der Mann theilte die vermeintliche Neuigkeit seinem Kapitän mit, ohne zu ahnen, daß Miß Halliburtt sich in Hörweite befand.

Die junge Dame schrie herzzerreißend auf und stürzte bewußtlos auf dem Verdeck zusammen, worauf James Playfair sie in ihre Cajüte trug und es durch die angestrengtesten Bemühungen dahin brachte, daß sie wieder zum Leben zurückkehrte.

Als sie wieder die Augen aufschlug, schaute sie auf den jungen Kapitän, der ihr mit einem Finger auf den Lippen strenges Schweigen gebot. Sie gewann es über sich, ruhig zu bleiben und die Aufwallungen ihres heftigen Schmerzes zu bezwingen. Als James Playfair sah, daß sie sich ein wenig erholt hatte, neigte er sich herab und flüsterte ihr zu:

»Jenny, in zwei Stunden wird Ihr Vater in Sicherheit und hier bei Ihnen sein, und wenn ich meinen Tod bei seiner Rettung finden sollte.«

Dann verließ er die Cajüte und sprach vor sich hin:

»Jetzt muß er um jeden Preis entführt werden und wenn seine Freiheit mit meinem Leben und mit meiner ganzen Mannschaft erkauft würde!«

Endlich war die entscheidende Stunde gekommen; die Delphin hatte am Morgen den letzten Theil seiner Baumwollenladung eingenommen, und alle Kohlenkammern waren mit Brennmaterial angefüllt. In zwei Stunden konnte das Schiff die Anker lichten; James Playfair hatte sie bereits aus dem »North-Commercial-Wharf« herausgelootst und auf die Rhede gebracht, und so wie die Fluth, die um neun Uhr Abends voll sein mußte, eintrat, konnte die Reise vor sich gehen.

Als James Playfair Miß Halliburtt verließ, schlug es gerade sieben Uhr; die Vorbereitungen zur Abfahrt mußten in's Werk gesetzt werden. Bis jetzt war das Geheimniß zwischen ihm, Jenny und Crockston strenge gewahrt worden, aber nun hielt er es für geeignet, Mr. Mathew in die Situation einzuweihen, und er that dies sofort.

»Zu Befehl,« antwortete Mr. Mathew, ohne die geringste weitere Bemerkung zu machen. »Also um neun Uhr?«

»Ja; lassen Sie die Feuer anzünden und kräftig in Brand setzen.«

»Zu Befehl, Herr Kapitän.«

»Die Delphin ruht auf einem Nothanker; wir werden unser Ankertau durchhauen und abdampfen, ohne nur eine Secunde Zeit zu verlieren.«

»Ganz recht.«

»Lassen Sie an der Spitze des großen Mastes eine Laterne befestigen, die Nacht ist dunkel, und es steigt Nebel auf. Wir dürfen nicht in Gefahr laufen uns zu verirren, wenn wir an Bord zurückkommen. Lassen Sie Vorsicht halber von neun Uhr ab die Schiffsglocke läuten.«

»Ihre Befehle werden pünktlich ausgeführt werden, Herr Kapitän.«

»Und nun lassen Sie das Gig fertig machen, Herr Mathew,« fügte James Playfair hinzu; »bemannen Sie es mit unseren kräftigsten Männern, wir werden sogleich nach White-Point abfahren. Ich empfehle Ihnen noch Miß Jenny während meiner Abwesenheit; Gott behüte uns, Herr Mathew.«

»Gott behüte Sie, Herr Kapitän,« sagte der Obersteuermann. Sodann gab er die nöthigen Befehle zur Bemannung des Boots und zur Heizung der Kessel. In wenigen Augenblicken bestieg James Playfair, nachdem er Jenny noch ein Mal Lebewohl gesagt hatte, sein Gig und konnte noch, als er abstieß, wahrnehmen, wie Ströme schwarzen Rauches sich in der dunkeln, nebligen Atmosphäre verloren.

Es war außerordentlich finster; der Wind hatte sich gelegt, und eine vollkommene Stille herrschte auf der weiten Rhede, die Fluth schien im Schlummer zu liegen. Einige kaum erkennbare Lichter zitterten hier und da durch den Nebel.

James Playfair stand am Steuer und lenkte sein Boot mit sicherer Hand nach White-Point zu; er hatte etwa zwei Meilen bis dorthin zu machen. Während des Tages hatte James seine Aufnahmen vollständig festgestellt, so daß er die Spitze von Charleston in gerader Linie erreichen konnte.

Als das Gig mit seinem Vordertheil White-Point berührte, schlug es an der St. Philippskirche acht Uhr.

James hatte jetzt noch eine Stunde vor dem von Crockston festgesetzten Moment zu warten; der Kai war vollständig verödet, nur der Posten der Süd- und Ost-Batterie ging in einer Entfernung von zwanzig Schritten auf und ab. James Playfair zählte ungeduldig die Minuten; wie langsam und schwerfällig schienen sie ihm hinzugehen!

Um halb neun Uhr hörte James endlich ein Geräusch von nahenden Schritten, er befahl seinen Leuten mit eingelegten Rudern zu warten, und begab sich etwa zehn Schritte vorwärts. Aber hier traf er auf einen Posten Küstenwächter, etwa zwanzig Mann, die soeben die Runde machten. Der Kapitän zog einen Revolver aus dem Gürtel, er war fest entschlossen, sich im Nothfall mit der Schußwaffe zu vertheidigen. Was konnte er jedoch gegen diese Soldaten machen?

Nun kam der Anführer der Wache auf ihn zu, er hatte das Boot bemerkt und fragte:

»Was ist das für ein Boot?«

»Das Gig der Delphin.«

»Und Sie sind? …«

»Kapitän James Playfair.«

»Ich glaubte, Sie seien schon abgereist und befänden sich bereits im Fahrwasser von Charleston.«

»Ich bin zur Abreise fertig … ich sollte sogar schon unterwegs sein aber …«

»Aber?« fragte ungeduldig drängend der Anführer.

Ein plötzlicher Gedanke stieg in dem Kopf des Kapitäns auf, er erwiderte ruhig:

»Ich habe einen von meinen Matrosen in der Citadelle einsperren lassen und hätte ihn beinahe vergessen. Zum Glück dachte ich im letzten Augenblick noch daran und habe soeben Leute abgeschickt, um ihn zu holen.«

»Aha, der liederliche Kerl, den Sie nach England zurücktransportiren wollen?«

»Derselbe.«

»Wir hätten ihn ebenso gut hier hängen können,« sagte der Wachthabende und lachte über seine Bemerkung.

»Davon bin ich überzeugt, es ist aber doch besser, daß die Dinge ihren regelmäßigen Gang gehen.«

»Nun, Glück auf, Herr Kapitän! und hüten Sie sich vor den Batterien auf der Insel Morris.«

»Danke, ich bin unbesorgt. Da ich ein Mal durchgekommen bin, denke ich auch ohne Unfall wieder herauszukommen.«

»Glückliche Reise!«

»Besten Dank.«

Die Truppe entfernte sich wieder, und der Strand hüllte sich abermals in tiefe Stille.

In diesem Augenblick schlug es neun Uhr, das war der verabredete Moment. James fühlte, wie sein Herz zum Zerspringen klopfte – ein Pfiff ließ sich hören – der Kapitän erwiderte sofort mit einem gleichen Zeichen. Dann wartete er, empfahl seinen Matrosen mit einem Zeichen der Hand Schweigen und horchte mit vorgebeugtem Haupt in die Dunkelheit hinaus. Plötzlich erschien eine Männergestalt, die in einen weiten Tartan gehüllt war und sich spähend nach allen Seiten umblickte. James eilte auf ihn zu:

»Mr. Halliburtt?«

»Ich bin's,« lautete die Antwort.

»Gott sei Dank!« rief der Kapitän. »Steigen Sie sofort ein, wir haben keinen Augenblick Zeit zu verlieren. Wo ist Crockston?«

»Crockston?« fragte Mr. Halliburtt im Tone höchsten Staunens. »Wen meinen Sie damit?«

»Nun, den Mann, der Sie befreit und hierher geführt hat.«

»Mich hat nur der Kerkermeister der Citadelle hierher begleitet,« antwortete Mr. Halliburtt.

»Der Kerkermeister?« James Playfair wußte nicht, was er nach diesen Aussagen denken sollte, und tausend Befürchtungen stürmten auf ihn ein.

»Der Kerkermeister! nun ja natürlich! das wäre mir der Rechte dazu gewesen, ließ sich plötzlich eine wohlbekannte Stimme vernehmen. Der Kerkermeister schläft wie ein Murmelthier in meiner Zelle.«

»Crockston, Du! Du bist's!« rief Mr. Halliburtt.

»Keine weitläufigen Aufklärungen jetzt, mein Herr; in wenigen Minuten werden Sie Alles erfahren. Es handelt sich um Ihr Leben, eilen Sie!«

Die drei Männer nahmen im Boote Platz.

»Vorwärts!« befahl der Kapitän.

Die sechs Ruder fielen zugleich in ihre Dollen.

»Holt an die Riemen!« gebot James Playfair; und das Gig glitt schnell und geräuschlos wie ein Fisch durch die Wogen von Charleston-Harbour.

Neuntes Capitel.

Zwischen zwei Feuern.

Das Gig flog, von den sechs starken Ruderern geführt, pfeilschnell auf den Wassern der Rhede dahin, der Nebel verdichtete sich mehr und mehr, und James Playfair konnte sich nur mit großer Mühe auf der Linie seiner Aufnahmen halten. Crockston hatte sich vorne in's Boot gestellt, und Mr. Halliburtt saß hinten, neben dem Kapitän; er hatte in der ersten Überraschung, seinen Diener wiederzufinden, mit ihm sprechen wollen, es war ihm jedoch dringend Schweigen geboten.

Als aber das Boot einige Minuten später auf hoher Rhede war, entschloß sich Crockston, zu sprechen; er wußte wohl, wie so manche Fragen sich jetzt in Mr. Halliburtt's Innern drängen mußten.

»Ja, mein lieber Herr,« begann er jetzt, »unser Kerkermeister befindet sich in diesem Augenblicke in meiner Zelle; er brachte mir mein Abendessen, und ich war so undankbar, ihm dafür zwei tüchtige Faustschläge, einen in's Genick und einen auf den Magen als Narcoticum zu verabreichen. Darauf habe ich mir seine Kleider und das Schlüsselbund angeeignet und mich daran gemacht, Sie aufzusuchen, was mir auch alsbald gelang. Wie ich Sie dann vor den Augen der Soldaten fort und aus der Citadelle führte, brauche ich nicht weiter zu erzählen. Die ganze Sache machte sich sehr leicht und einfach.«

»Und meine Tochter?« fragte Mr. Halliburtt.

»Miß Jenny erwartet uns an Bord des Schiffes, das uns jetzt nach England bringen soll.«

»Wie! meine Tochter ist hier? sie erwartet mich?« rief der Amerikaner und sprang in großer Erregung von seinem Sitz auf.

»Ruhig, Mr. Halliburtt!« mahnte Crockston. »Noch wenige Minuten, und wir sind gerettet.«

Das Boot schoß mit großer Schnelligkeit, aber ein wenig auf's Gerathewohl, durch die Finsterniß dahin, denn James Playfair konnte die Laterne der Delphin nicht bemerken; er war zweifelhaft über seine Richtung, und die Dunkelheit war so dicht, daß die Matrosen nicht das Ende ihrer Ruder erkennen konnten.

»Nun, Herr James?« fragte Crockston.

»Wir müssen bereits über anderthalb Meilen zurückgelegt haben. Siehst Du nichts, Crockston?«

»Nein, und ich habe doch scharfe Augen. Aber ich habe keine Sorge, wir werden schon ankommen … und in der Citadelle haben sie noch keine Ahnung …«

Crockston hatte seine Worte noch nicht beendet, als plötzlich eine Rakete in die Luft emporzischte und hoch oben verschwand.

»Ein Signal!« rief James Playfair.

»Teufel!« fluchte Crockston, »das muß von der Citadelle ausgehen.«

Eine zweite, und gleich darauf eine dritte Rakete stiegen in derselben Richtung auf wie die erste, und alsbald wurde dasselbe Signal eine Meile vor dem Boot wiederholt.

»Das kommt von dem Fort Sumter,« rief Crockston, »und bedeutet, daß ein Gefangener entflohen ist. Schnell darauf losgerudert. Alles ist entdeckt!«

»Holt fest an, Matrosen!« feuerte James Playfair seine Leute an. »Die Raketen haben mir die Fahrstraße erhellt, und ich habe die Delphin in einer Entfernung von kaum achthundert Yards bemerkt. Halt! jetzt höre ich auch die Schiffsglocke. Tüchtig darauf los; wenn wir in fünf Minuten an Bord sind, sollen zwanzig Pfund Euer sein.«

Die Matrosen fuhren in größter Schnelligkeit mit dem Gig davon; es schien fast über die Fluthen hinzuschweben. Aller Herzen schlugen heftig. Soeben war ein Kanonenschuß von der Stadtseite her abgefeuert, und Crockston hörte mehr als er sah, wie ein Körper auf zwanzig Faden Entfernung von dem Boot schnell vorbeifuhr. Es mußte eine Kugel gewesen sein.

Nun begann die Glocke der Delphin aus voller Macht zu läuten; das Boot näherte sich – noch wenige Ruderschläge, und man legte bei. Einige Secunden darauf sank Jenny ihrem Vater in die Arme. Das Gig wurde sofort aufgehißt, und James Playfair stürzte auf das Verdeck.

»Herr Mathew, haben wir vollen Dampfdruck?«

»Ja, Herr Kapitän.«

»Lassen Sie das Ankertau durchhauen, und dann mit größtmöglichster Schnelligkeit vorwärts!«

Wenige Minuten später trieben die beiden Schrauben den Dampfer nach dem Hauptfahrwasser und brachten ihn so aus der gefährlichen Nähe des Fort Sumter.

»Wir können nicht daran denken, das Fahrwasser der Insel Sullivan zu wählen,« erklärte James Playfair dem Obersteuermann Mr. Mathew; »wir würden direct durch das Feuer der Conföderirten müssen. Fahren wir also möglichst nahe an der rechten Rhede hin, und lassen wir uns eine Salve von den Batterien der Nordstaatlichen gefallen. Haben Sie einen zuverlässigen Mann am Steuer?«

»Ja, Herr Kapitän.«

»Lassen Sie die Laternen und die Schiffslichter auslöschen; wir führen schon zu viel, viel zu viel Licht an dem Reflex der Maschine mit uns; das aber können wir nicht ändern.«

Während dieser Unterredung fuhr die Delphin mit fast unglaublicher Schnelligkeit dahin; als sie jedoch schwenken mußte, um die rechte Seite von Charleston-Harbour zu erreichen, mußte sie einem Seegatt folgen, das sie für kurze Zeit wieder in die Nähe des Fort Sumter brachte, und sie befand sich keine halbe Meile von dem gefährlichen Punkt entfernt, als es plötzlich in allen Schießscharten des Forts aufleuchtete, und mit entsetzlichem Getöse ein eiserner Orkan über den Steamer hinwegfegte.

»Zu früh, Ihr Hauptkerle, zu früh!« rief James Playfair und lachte laut auf. »Vorwärts! Herr Ingenieur! wir müssen zwischen zwei Feuern hindurch.«

Die Heizer schürten von Neuem die Gluth, und die Delphin erzitterte unter den Anstrengungen der Maschine, als wollte sie voneinander bersten.

In diesem Momente ließ sich ein zweites Krachen hören, und ein neuer Hagel von Projectilen pfiff hinter dem Steamer her.

»Zu spät, Ihr Dummköpfe!« rief der junge Kapitän mit Donnerstimme.

Crockston stand gleichfalls auf dem Deckzimmer und rief wohlgemuth:

»Eins wäre passirt. Nur noch ein paar Minuten, und wir sind mit den Conföderirten fertig.«

»Du scheinst zu glauben, daß wir von dem Fort Sumter nichts mehr zu fürchten haben?« fragte James.

»Ja, aber dafür Alles von dem Fort Moultrie am äußersten Ende der Insel Sullivan. Von dort aus droht uns jedoch nur eine halbe Minute lang Gefahr, und wenn man uns treffen will, muß der geeignete Augenblick wahrgenommen und richtig gezielt werden; wir kommen nahe.«

»Gut! die Lage des Fort Moultrie wird uns gestatten, gerade in das Hauptseegatt einzulaufen! Also Feuer! Feuer!«

Im nämlichen Augenblick, und als ob James Playfair das Feuer selbst commandirt hätte, wurde das Fort von einem dreifachen Blitz erhellt. Man vernahm ein furchtbares Getöse, und gleich darauf krachte es gewaltig an Bord des Steamers.

»Dies Mal haben sie getroffen!« meinte Crockston.

»Herr Mathew, was giebts?« rief der Kapitän seinem Obersteuermann, der auf dem Verdeck stand, zu.

»Der Klüverbaum in See.«

»Haben wir Verwundete?«

»Nein.«

»Nun, dann zum Teufel mit dem Mastwerk, gerade in das Fahrwasser! gerade! und steuern Sie auf die Insel zu.«

»Die Sklavenhalter geprellt!« rief Crockston; »wenn wir schon Kugeln in unser Gerippe bekommen sollen, wollen wir nordstaatliche haben; die sind leichter zu verdauen!«

Wirklich war die Gefahr noch nicht vorüber, denn wenn auch die größten Geschützbatterien erst einige Monate später auf die Insel Morris gebracht wurden, so konnten die dort befindlichen Kanonen und Mörser ein Schiff, wie die Delphin, doch mit Leichtigkeit in den Grund bohren.

Die Nordstaatlichen auf der Insel so wie auch die Blokadeschiffe waren durch die Salven auf den Forts Sumter und Moultrie alarmirt worden. Die Belagerer konnten zwar nichts von diesem nächtlichen Angriff, der nicht ihnen zu gelten schien, begreifen, sie mußten sich jedoch bereit halten, ihn zu erwidern, und hielten sich dazu bereit.

Das Alles bedachte James Playfair, als er in dem Fahrwasser der Insel Morris vorwärts dampfte, und er hatte Grund zur Besorgniß, denn nach Ablauf einer Viertelstunde wurde hier und da die Finsterniß von Lichtern erhellt, und ein Schauer kleiner Bomben fiel um den Steamer nieder, so daß das Wasser hoch auf und bis über seine Verschanzungen spritzte. Einige dieser Geschosse fielen sogar auf dem Verdeck der Delphin nieder, aber glücklicher Weise mit ihrer Grundfläche nach unten, so daß die furchtbare Gefahr für das Schiff vorüberging.

Eigentlich wurden diese Bomben in der Absicht geschleudert, daß sie in hundert Stücke zerspringen und dann eine Fläche von hundertundzwanzig Quadratfuß mit einem griechischen Feuer bedecken sollten, das durch nichts zu löschen war und zwanzig Minuten lang brannte. Eine einzige dieser Bomben hätte ein Schiff in Brand stecken können, wenn sie sich nämlich bewährten; zum Glück für die Delphin aber waren sie erst neuerdings erfunden und noch sehr unvollkommen construirt. Wenn die Bomben in die Luft geschleudert waren, hielt eine falsche Rotationsbewegung sie mit dem Boden nach unten geneigt, so daß sie mit der Grundfläche niederschlugen und nicht mit der Spitze, in welcher der ganze Percussionsapparat enthalten war. Einzig und allein dieser Constructionsfehler rettete die Delphin von einem gewissen Verderben. Der Fall dieser an und für sich nicht besonders gewichtigen Bomben verursachte dem Schiffe keinen großen Schaden, und er setzte unter dem Druck des übertriebenen Dampfes seinen Weg rüstig fort.

In diesen gefährlichen Augenblicken nahten sich dem Kapitän trotz seiner gegentheiligen Befehle Mr. Halliburtt und dessen Tochter. James Playfair wollte Beide nöthigen, wieder in die Cajüte zurückzukehren, aber umsonst – Jenny bestand darauf, zur Seite des Kapitäns bleiben zu wollen.

Mr. Halliburtt hatte soeben von Jenny erfahren, wie großherzig und voller Edelmuth sein Retter sich gegen sie gezeigt habe; er drückte dem Kapitän nur schweigend die Hand.

Die Delphin dampfte nun mit enormer Geschwindigkeit dem hohen Meere zu, er hatte nur noch drei Meilen in diesem Fahrwasser zurückzulegen, um in die Fluthen des Oceans zu gelangen; zeigte sich sein Weg an der Einfahrt frei, so war er gerettet. James Playfair kannte, wie schon erwähnt, alle Geheimnisse der Bucht von Charleston auf das Genaueste, und er lenkte mit unvergleichlicher Sicherheit sein Schiff durch Finsterniß und Klippen.

Schon glaubte er, die Gefahren seiner kühnen Unternehmung überwunden zu haben, als ein Matrose vom Hinterdeck herrief:

»Ein Schiff!«

»Wo?« fragte James.

»An Backbord.«

Der Nebel war gestiegen, und man konnte in Folge dessen eine große Fregatte bemerken, deren Manoeuvres augenscheinlich darauf gerichtet waren, das Fahrwasser zu versperren und der Delphin ein Hinderniß in den Weg zu legen. Man mußte sie an Schnelligkeit überholen, und um dies zu ermöglichen, die Maschine zu noch größerer Geschwindigkeit bringen. Gelang dies nicht, so war Alles verloren.


»Holen an Steuerbord! ganz!« donnerte der Kapitän. Dann stürzte er auf die Brücke über der Maschine. Er ließ hier eine der Schrauben hemmen und schwenkte nun mit fabelhafter Geschwindigkeit, in so kurzem Radius, daß es schien, als habe die Delphin sich um sich selbst gedreht. Auf diese Weise hatte er vermieden, auf die nordstaatliche Corvette zu stoßen, und rückte, genau wie sie, nach dem Eingange in das Fahrwasser vor. Jetzt war der Sieg nur noch eine Frage des Wettrennens, und James Playfair sagte sich, daß die glückliche Lösung derselben mit der Rettung Jenny's, seiner selbst und der ganzen Mannschaft identisch sei.

Die Fregatte war der Delphin noch um ein Bedeutendes voraus, aber man sah an den Strömen schwarzen Rauchs, die ihren Schornsteinen entströmten, welche Kraft sie einzusetzen gedachte, um sie zu überholen. Kapitän James Playfair war nicht der Mann danach, ohne heißen Kampf zu unterliegen.

»Wie steht's?« schrie er dem Ingenieur zu.

»Auf dem Maximum des Druckes,« antwortete Mr. Mathew; »der Dampf entweicht durch alle Ventile.«

»Belasten Sie die Ventile,« befahl James Playfair.

Das Commando wurde ausgeführt, und zwar auf die Gefahr hin, das ganze Fahrzeug in die Luft zu sprengen.

Die Delphin begann noch schneller dahinzuschießen; die Kolbenstöße folgten sich mit entsetzlicher Hast; alle Grundplatten der Maschine bebten unter den Stößen, die einander überstürzten – es war ein Moment, in dem auch das ruhigste, kühlste Herz erzittern mußte.

»Das Feuer forcirt, noch immer mehr forcirt!« rief James Playfair.

»Unmöglich,« entgegnete der Ingenieur, »die Ventile sind hermetisch verschlossen und unsere Feuer voll bis oben hin.«

»Füllen Sie sie mit weingeistgetränkter Baumwolle; wir müssen um jeden Preis an dieser verwünschten Fregatte vorbei und sie überholen!«

Bei diesem Befehl sahen die unerschrockensten Matrosen einander an, aber sie zögerten nicht, ihn auszuführen.

Einige Ballen Baumwolle wurden in den Maschinenraum hinuntergeworfen, einem Fasse Weingeist der Boden ausgeschlagen und dieser Brennstoff dann, nicht ohne Gefahr, in die weißglühenden Feuerschlünde eingeführt. Das Brüllen des Feuers war bereits so stark, daß die Heizer einander nicht mehr verstehen konnten; die Feuerthüren wurden weißglühend; die Kolben flogen auf und nieder wie an einer Locomotive; die Manometer gaben eine fast unglaubliche Spannung an.

Der Steamer flog über die Wellen dahin; ihre Fugen krachten, ihre Schornsteine spieen Flammenströme empor, die sich mit den Rauchwirbeln vermischten; die Delphin wurde von einer rasenden, wahnsinnigen Schnelligkeit fortgerissen, der Raum zwischen ihr und der Fregatte verringerte sich, schwand dann gänzlich, und jetzt ging der Steamer an dem feindlichen Schiff vorbei, sie hatte sie überholt.

»Gerettet!« jubelte der Kapitän.

»Gerettet!« frohlockte triumphirend die Mannschaft.

Schon war der Leuchtthurm von Charleston im Südwesten nicht mehr deutlich sichtbar, der Glanz seines Feuers erbleichte und man fing an zu glauben, daß alle Gefahr überstanden sei, als eine Bombe, die von einem auf hoher See kreuzenden Kanonenboot abgefeuert war, pfeifend durch die Finsterniß dahinfuhr. Man konnte an dem Zünder, der eine Feuerlinie hinter sich zurückließ, ihre Spur verfolgen, und es war dies ein Moment der Angst, der jeder Schilderung spottet, Niemand sprach ein Wort oder ließ einen Ausruf der Furcht oder des Schreckens hören; aber die verstörten Augen hingen mit furchtbarer Erwartung an der von dem Projectil beschriebenen ballistischen Curve. Man konnte nichts thun, um dem Geschoß auszuweichen, und nach Verlauf einer halben Minute fiel es mit entsetzlichem Geräusch auf das Verdeck der Delphin nieder.

Die Seeleute flüchteten in namenlosem Schrecken nach dem Hinterdeck, und Keiner von ihnen wagte, sich der Bombe auch nur einen Schritt zu nähern, während der Zünder mit unheimlichem Knistern weiter brannte.

Da lief ein einziger Mann muthig auf die furchtbare Zerstörungsmaschine los, nahm die Bombe, die tausend Funken aus ihrem Zünder hervorsprühte, in seine kräftigen Arme und schlenderte sie mit übermenschlicher Anstrengung über Bord. Dieser Mann war Crockston.

Kaum hatte das Projectil die Oberfläche des Wassers erreicht, als ein entsetzlicher Krach erfolgte.

»Hurrah! Hurrah!« schrie enthusiastisch die ganze Mannschaft der Delphin, Crockston aber stand vergnügt bei Seite und rieb sich die Hände.

Einige Zeit darauf durchfuhr der Steamer rasch die Wasser des Atlantischen Oceans; die amerikanische Küste verschwand in der Finsterniß, und die Feuer, die sich fern am Horizont kreuzten, verkündeten, daß zwischen den Batterien der Insel Morris und den Forts von Charleston-Harbour ein größerer Angriff stattfand.

Zehntes Capitel.

Saint-Mungo.

Bei Sonnenaufgang des folgenden Morgens war die amerikanische Küste vollständig verschwunden, nicht ein einziges Schiff zeigte sich am Horizonte, und die Delphin, die nach und nach ihre Schnelligkeit mäßigte, fuhr ruhiger auf die Bermudas-Inseln zu.

Von der Fahrt über den Ocean ist wenig zu berichten, kein Unfall unterbrach ihren regelmäßigen Verlauf, und zehn Tage nach der Abreise von Charleston bekam man die Küste Irlands in Sicht.

Was sich nun zwischen dem jungen Kapitän und Miß Jenny zutrug, werden selbst die wenigst Scharfsehenden errathen; und wie konnte Mr. Halliburtt sich besser für den aufopfernden Muth seines Retters dankbar beweisen, als dadurch, daß er ihn zum Glücklichsten aller Sterblichen machte? James Playfair hatte nicht abgewartet, bis man sich in englischen Gewässern befand, um dem jungen Mädchen und ihrem Vater von den Gefühlen seines Herzens Kunde zu geben, und wenn man Crockston glauben darf, so nahm Miß Jenny dies Geständniß mit glückseligem Lächeln entgegen.

So ereignete es sich, daß am 14. Februar des Jahres 1863 eine große Volksmenge unter den kolossalen Gewölben der Kathedrale Saint-Mungo in Glasgow versammelt war. Man sah unter ihnen Seeleute, Geschäftsmänner, Industrielle und Beamte, kurz Mitglieder aller Stände und Professionen.

Unser alter Crockston mußte heute als Trauzeuge bei Miß Jenny, die im Brautstaat prangte, fungiren. Der brave Amerikaner hatte sich höchst feierlich in einen apfelgrünen Frack mit blanken Knöpfen geworfen. Onkel Vincent stand stolz neben seinem Neffen.

Kurz, man feierte die Hochzeit von James Playfair aus dem Hause Vincent Playfair u. Co. zu Glasgow und Miß Jenny Halliburtt aus Boston.

Die Ceremonie wurde mit angemessenem Glanz vollzogen; Jeder kannte die Geschichte der Delphin, und Jeder war der Ansicht, daß die Aufopferung des jungen Kapitäns hier ihren gerechten Lohn fand. Nur er allein behauptete, daß er über Verdienst beglückt sei.

Am Abend dieses Tages fand ein großartiges Souper, dem ein pompöser Ball folgte, bei Onkel Vincent statt; und was das Gastmahl anbetraf, so verdient Crockston's Ausnahmeleistung rühmende Erwähnung: er verrichtete wahre Wunder eines guten Appetits!

Unter die in Gordan-Street versammelte Menge ließ Onkel Vincent zu Ehren des denkwürdigen Tages eine beträchtliche Masse Schillinge vertheilen.

Überall fand das frohe Fest den ungetrübtesten Wiederhall, was man, nebenbei bemerkt, nicht immer von Feierlichkeiten dieser Art sagen kann. Man freute sich sowohl des eigenen Vortheils wie des Glücks der zunächst Betheiligten.

Als spät am Abend die Gäste sich verabschiedet hatten, küßte James Playfair seinen Onkel auf beide Wangen.

»Nun, Onkel Vincent?« fragte er.

»Nun, lieber Neffe?«

»Bist Du zufrieden mit der reizenden Ladung, die ich an Bord der Delphin mit heimgebracht habe?«

Und er wies auf seine liebenswürdige junge Frau.

»Ich sollte meinen!« rief der würdige Kaufherr. »Ich habe meine Baumwolle mit dreihundertfünfundsiebenzig Procent Gewinn verkauft!«

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