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Hermine Villinger – Die Bas

Novelle

aus: Hermine Villinger, Aus unserer Zeit, Verlag von Adolf Bonz & Comp., 1897, S. 225ff.

Der Schnee lag wie ein Leichentuch über den Schwarzwald hingebreitet; daß das Leben aber trotzdem in dem verschneiten Thal und auf der windgepeitschten Hochebene unverdrossen weiter pulsierte, bewiesen die schlanken Rauchsäulchen, die überall aus den tiefdachigen, beinahe der Erde gleichen Höfen zum Himmel stiegen.

Nur ein Hof oben auf dem Hochplateau gab trotz der Mittagszeit kein Lebenszeichen von sich; ein krächzender Rabe saß auf dem unwirtlichen Kamin und sah sich hungrig in der Welt um.

Die Ortschaft bestand aus einigen dreißig, ziemlich weit auseinander liegenden Häusern, die sich von dem breiten Rücken der Hoch­ebene hinab ins Thal zogen. Der Hof aber, den der Rabe zu seinem Auslugpunkte ersehen, war der entlegenste; nicht einmal ein Weg war zu dessen Thüre gebahnt, und die kleinen Fenster waren über und über mit Eisblumen bedeckt; drinnen aber sang jemand, eine jugendliche Stimme, heiser und zittrig, wie von der Kälte geschüttelt. Zuweilen schwieg sie, dann ließ sich ein Laut vernehmen, ähnlich dem des Raben auf dem Dache: »Sing, Finle, sing« – und der jammervolle Gesang hub von neuem an.

Die alte Frau, die den schönen, stattlichen, aber unbeschreiblich vernachlässigten Hof bewohnte, hieß im ganzen Ort die Bas; sie bildete den Hauptgesprächsstoff der Leute wegen ihres Reichtums, den jeder nach Herzenslust übertrieb, und wegen ihres Geizes und ihrer Vergangenheit; sie zählte sechsundachtzig Jahre, und die Sage ging von ihr, sie sei in ein teuflisches Gelächter ausgebrochen, als der Mann ihr tot im Hause lag; das und der goldgelbe Schimmer, der über ihrem weißen Haar lag, trug ihr den Übernamen – die Hex’ – ein.

 Die alte Frau saß auf ihrem Bett auf der Ofenbank; sie hatte sich die Federdecke um die Schultern gezogen, und ihr Kopf war so vielfach umwickelt, daß von dem kleinen zusammengeschrumpften Gesicht nur die rote, scharf gebogene Nase zu sehen war. Sie zählte aus einem, aus Flicken zusammengesetz­ten Beutel große Silberstücke in ihren Schoß, wobei sie hörbar atmete; von Zeit zu Zeit blickte sie mißtrauisch nach der wunderlich vermummten Gestalt hin, die singend und strickend in der düsteren, ungeheizten Stube auf und ab rannte, in der jeder Hauch zu sehen war, der von den Lippen der beiden Menschen kam.

»Warum ich auf einmal so schlecht seh’ –« murmelte die Alte, wiederholt mit der Hand nach dem linken Auge fahrend, dessen Deckel ihr tief und völlig regungslos auf die fahle Wange fiel; wie denn überhaupt die ganze linke Seite des Gesichtes den Eindruck machte, als sei die Alte vom Schlage gerührt worden.

Aber sowie der Gesang verstummte, fuhr sie auf: »Sing, Finle, sing« – und als rede sie mit sich selber, setzte sie hinzu: »Wenn’s singt, hört’s das Geld nit klirren –«

Ein gar helles kindliches Lachen erfüllte den Raum: »Ich hör’s doch, Bas –« gleich darauf aber ging die Stimme in einen weinerlichen Ton über: »Es geht nimmer, Bas, ich kann nimmer stricken und kann nimmer singen, die Händ’ fallen mir ab vor Kält’, und’s Herz g’friert mir ein: ich geh’ ’nüber zur Nachbarin, die Heisler gönnt mir schon ein Plätzle am Ofen, daß ich mich wieder auftauen kann –«

 »Du gehst nit,« fuhr die Alte auf, »ich leid’s nit, wirst schon sehen, ich verklag’ dich beim Bürgermeister –«

»Möcht’ ihn am liebsten gleich selber holen,« sagte das Finle, »damit er sieht, wie ich’s hab’, denn verfrieren brauch’ ich nit, wenn ich auch nur eine eingesteigerte Wais’ bin –«

»Ja freilich, möchtst mir all’ mein Holz ver- brennen,« brummte die Alte.

»Friert Ihr vielleicht nit?« unterbrach sie das Mädchen, »schaut nur Eure Nas’ an, völlig blaurot ist sie –«

»So, so,« die Bas kicherte listig in sich hinein, »vor meinen Hunderttausend bucken sie sich doch, und wenn meine Nas’ schwarz wär’ –«

»Was!« schrie das Finle auf, »hunderttausend habt Ihr!«

Die Alte schrak zusammen: »Wer sagt das? Wer hat das gesagt?«

»Nun Ihr, wer denn sonst?«

»Ich, ich hätt’s gesagt, ich selber?«

»Ja freilich, und laßt mich so frieren und schickt Euer Anverwandtes, die Heisler, weg, die Euch mit aufgehobenen Händen angefleht, ihr aus der Not zu helfen – schickt sie weg und habt hunderttausend, und seid doch schon so alt, Bas, sechsundachtzig –«

»Hundert will ich werden, hundert,« schrie die alte Frau und versuchte umsonst, sich von ihrem Bett zu erheben.

»Meinetwegen zweihundert,« sagte das Finle und reichte ihr die Hand zur Hilfe, dabei sah sie der alten Frau ins Gesicht und schrie laut auf: »Seht Ihr aber kurios aus, Bas, der linke Augendeckel hängt Euch ja bis auf den Backen herunter; gebt acht, der ist Euch verfroren, das ist die Straf’ Gottes –«

Die Bas fuhr mehrmals mit der Hand nach dem Auge, griff aber immer daneben: »Du bist schuld,« keuchte sie, »du bist schuld, wenn ich nit alt werd’, denn du hast die Heisler ’reingelassen, und da hat’s mich angewandelt, ich weiß noch, da ist mir’s auf einmal so sonderbar worden, so dunkel vor den Augen, und seither bin ich krank, ja wohl, ich bin krank – mach’ ein Feuer an, Finle, ein gutes Feuer, stopf’ hinein, was du kannst, denn ich bin krank –«

Das Finle war schon bei der Arbeit, und es dauerte keine zwei Minuten, knisterte und prasselte es im Ofen wie besessen; das Mädchen hockte auf der Erde und sah den züngelnden Flammen zu, die durch die Ritzen des Ofenthürchens leuchteten und einen hellen Schimmer auf das runde Kindergesicht mit dem kleinen kecken Stülpnäschen und der kurzen Oberlippe warfen.

»O, du heilige Mutter Gottes,« meinte sie, ihre blauroten Hände dicht an den Ofen haltend, »wenn ich hunderttausend hätt’, ich thät gewiß nit frieren –«

Die Alte humpelte wie eine Verzweifelte durch die Stube: »Wie stopf’ ich ihr nur den Mund, wie stopf’ ich ihr nur den Mund?« mur- melte sie vor sich hin.

 Das Finle lachte hell auf:

»Gebt mir was zu essen, dann ist er gestopft –«

Die Bas griff nach dem Kopf: »Wer hat was von Stopfen gesagt!«

»Ihr selber – Herrgott, seid Ihr aber heut’ kurios, mir gruselt’s beinah –«

Die alte Frau schlürfte zu dem altersge- schwärzten Schrank, in der dunkelsten Ecke der Stube:

»Ich hol’ dir was, Finle, ich hol’ dir was, aber versprich mir’s auf Ehr’ und Seligkeit, daß du mir die Heisler nimmer ’reinläßt, daß du’s keinem Menschen verraten thust von meinen Hunderttausend.«

Das Finle schwor: »Auf Ehr’ und Fröhlich- keit –« das zweite Wort etwas undeutlich aus- sprechend, denn sie mußte der Alten alle paar Tage etwas zuschwören, und um ihrer Seligkeit nicht verlustig zu gehen, hatte sie sich die kleine List ersonnen, dafür ein ähnlich lautendes Wort zu sagen.

Die Bas stierte in den offenen Schrank hinein:

»Ich hab’ ’was wollen, was hab’ ich denn nur wollen?«

 »Mir ’was zu essen geben,« rief das Finle, indem es aufsprang und mit vorgestrecktem Hals in das Innere des Schrankes lugte.

»Geh weg, geh weg, du keck’s Ding,« fuhr die Alte auf, »ein Stückle Brot kannst haben und ein Stückle Käs –«

»Ich halt’ nit Wort, wenn’s nit ein ordent­liches Stück Brot ist,« handelte das Finle.

Die Bas ächzte laut, während sie das Brot vom Laib schnitt, gerad’ als ging es ihr von der Seele; statt des Käses reichte sie jedoch dem Finle ein großes Stück Wurst hin, und das junge Ding eilte damit vor den prasselnden Ofen und ließ es sich herrlich schmecken.

»Ach,« seufzte sie, nachdem sie schon bald fertig war, »ist das gut, ist die Wurst gut!«

»Ich hab’ dir doch keine Wurst gegeben?« alterierte sich die Alte und ging zu ihrem Schrank zurück. Das Finle schob den letzten Bissen in den Mund:

»Hab’ mir’s gleich gedacht, die Bas hat sich geirrt!« und sie brach in ein so herzliches Gelächter aus, daß es wie Musik durch die düstere Stube tönte.

Aber die Alte war wütend: »Dumm’s Ding, immer lachen, immer lachen, sonst kannst nix –«

»Nun, das ist halt so verteilt in der Welt, der eine hat’s Lachen, der andere hat’s Geld – o du heilige Mutter Gottes, wenn ich das noch dazu hätt’, dann wüßte’ ich gleich, was ich thät’.«

Ein plötzlicher Ernst flog über ihre Züge, und als in demselben Augenblick von draußen an die Thür gepocht und ihr Name gerufen wurde, schoß ihr die Röte wie eine Flamme ins Gesicht, denn es war die Stimme dessen, an den sie gedacht hatte. Nun war ihr plötzlich warm, sie entäußerte sich der entstellenden Hüllen, glättete wie unwillkürlich die vielfach geflickte Schürze und nestelte an den Bändern ihrer kleinen schwarzen Haube herum. Dabei ließ sie die Alte keinen Moment aus den Augen, sich rücklings dem Fenster nähernd, während die Bas in ihrem Schrank herumkramte, immer etwas wollte und gleich darauf vergaß, was es war.

Das Finle stand jetzt am Fenster, öffnete eine kleine Spalte und rief hinaus:

»Ich darf nit aufmachen, Jakob, sie hat den Riegel vorgeschoben –«

 »Ich bitt dich um alles in der Welt, Finle,« tönte es im Flüsterton zurück, »laß mich ein, ’s ist das letzte – ich muß mit der Bas sprechen –«

»Nun, so komm,« meinte das Mädchen, »den Kopf kann sie mir nit abreißen –«

Sie schob den Riegel zurück, und der Nachbarsohn trat über die Schwelle; er war ein blutjunger Mensch mit auffallend schönen, aber verhärmten, erschlafften Zügen; in den Augen, die von dunklen Rändern umrahmt waren, flackerte ein unstätes, krankhaftes Feuer.

»Bas,« sprach er, und der Ton seiner Stimme zitterte.

Sie fuhr herum und starrte ihn an wie einen Geist:

»Du – was willst du noch bei mir – fort – wir zwei haben in Ewigkeit nix mehr miteinander zu thun –«

»Aber Bas,« unterbrach er sie, »es ist ja heut’ ’s erstemal, daß ich überhaupt ’s Wort an Euch richt’ – Ihr sollt mich ja nur anhören –«

Sie fuchtelte mit den Händen in der Luft herum, da ihr plötzlich die Worte fehlten, und deutete nach der Thüre. Aber das Finle that so, als verstünde sie nicht, und der Jakob fuhr zu sprechen fort:

»Ihr habt die Mutter fortgeschickt – sie wär’ gewiß nit gekommen und ich auch nit, wenn uns ’s Messer nit an der Kehl’ stünd’ –«

»Ich helf’ nit, ich helf’ nit,« keuchte die Alte, »ich werd’ so dumm sein –«

»Und habt so viel Geld, so viel Geld,« fiel ihr ’s Finle ins Wort.

»Du strick und sei still,« fuhr sie die Bas an, und das Mädchen, um sie nicht noch mehr aufzubringen, nahm die Arbeit zur Hand und strickte wie eine Verzweifelte darauf los.

Es war fast, als habe die Bas die Anwesenheit des Burschen vergessen; sie nahm auf ihrem Bett Platz und riß sich die Haube vom Kopf, daß ihr das gelblich-weiße Haar tief in die Stirne fiel, und fing an, sich leidenschaftlich den Kopf zu kratzen und dabei zu stöhnen:

»Wie Feuer brennt’s, wie Feuer –«

»Sie ist heut nit recht, sie ist noch nie so sonderbar gewesen,« flüsterte das Finle dem Burschen zu.

Es war zum erstenmal, daß er der alten Frau so nah gegenüberstand; zwischen ihr und den Seinen war nie ein Wort gesprochen, nie ein Gruß gewechselt worden; die Eltern gingen dem bösen Blick der Bas sorgsam aus dem Weg, die Kinder fürchteten sich vor ihr.

»Was habt Ihr eigentlich gegen uns, Bas?« fragte die Stimme des Burschen in die augen- blickliche Stille hinein, »unsre Großmutter war doch Eure Schwester –«

»Still von der,« die Alte hielt sich den Kopf mit beiden Händen.

»Bas«, hub der Jakob wieder an, »seit vierzehn Tagen – seit der Vater gestorben ist, bin ich in kein Bett gekommen, Tag und Nacht steh’ ich in der Werkstatt’, ich und der Chri­stian, aber es thut’s nit – es thut’s nit – wir sind halt siebene, und außer dem Christian und mir noch kein’s aus der Schul’ – mit Vaters Krankheit ist der letzte Sparpfennig drauf gegangen, und nun sind die vierhundert Mark fällig, die der Vater aufgenommen, wie er die Werkstätt’ vergrößert hat; es ist der letzte Termin; wenn wir sie nit zahlen, wird uns der Hof versteigert; an wen soll ich mich denn wenden? Jeder weiß, daß wir von Euch nix zu erwarten haben, daß Ihr Euer Geld der Kirche vermacht habt –«

»Ja wohl, der Kirch’, alles der Kirch’,« frohlockte die Alte und setzte sich die Haube wieder zurecht; »alles der Kirch’ –«

»Und sie hat hunderttausend,« stieß das Finle hervor, indes ihm die dicken Thränen über die Wangen liefen.

Des Burschen Augen flimmerten seltsam auf: »Und hilft uns nit und laßt uns den Hof über dem Kopf versteigern, daß wir da sitzen wie die Raben auf freiem Feld – verkommen in Not und Elend –«

»Ist’s jetzt so weit, ist’s jetzt aus mit dem großen Glück?« murmelte die Alte, »darauf hab’ ich gewartet, denn Ihr habt’s nit anders verdient –«

 Dem Jakob schoß die Zornesröte ins Gesicht, aber er nahm sich zusammen:

»Wenn  der  Vater  am  Leben  geblieben  wär’ –«

»Der war’s,« unterbrach sie ihn, »der mich hineingetrieben in mein elendiges Leben und mir die Schwester vorgezogen –«

»Aber das war ja der Großvater,« unterbrach sie der Bursche.

Finle lachte: »Heut ist sie ganz wirr,« flüsterte sie dem Burschen zu, »sie hat sogar den Käs mit der Wurst verwechselt.«

In dem Burschen hämmerte die Ungeduld: »Daheim warten sie,« fuhr er die Alte an, »Ihr habt so viel und braucht’s doch nit – – Bas, um Gottes Barmherzigkeit willen, gebt mir vierhundert Mark – helft uns aus der Not, Bas –«

Sie sah ihm starr ins Gesicht:

»So hast mich angeschaut, gerad’ so bös – damals, wie ich mit dir ’tanzt hab – weißt nimmer?«

»Kann mich nit erinnern,« knirschte der Bursche, während das Finle, das vorhin bei seinen Worten in lautes Schluchzen ausgebrochen war, jetzt unbändig in sein Strickzeug hinein kicherte.

Die Bas starrte unverwandt den Burschen an:

 »›Jakob, hab’ ich zu dir gesagt, Jakob, ich halt’s nimmer aus, ich hab’ dich gern –‹«

Der Bursche wollte sie unterbrechen, aber sie ergriff ihn beim Rock:

»›Ich mag die Roten nit – ich mag die Roten nit‹ – das hast mir zur Antwort ’geben und bist hin’gangen und hast die Schwester genommen.«

»So laß doch die alten Zeiten,« unterbrach er sie, aber sie schrie und stöhnte nur um so lauter:

»Ach das Glück, das große Glück mit anschauen müssen – du verfluchter Mensch,« – sie ballte die Faust gegen ihn, »’s ganze Leben hast mir verdorben – schlecht gemacht hast mich, daß ich hingangen bin und hab’ den Obereckbauern genommen, den rohen Kerl – aber Geld hat er gehabt, viel Geld, und gehauen hat er mich auch – nit lang, nit lang –,« sie lachte listig auf, »hab’s ihm eingetränkt – wohl, wohl – hab’ ihm die Medizin nit ’geben, wie er im Fieber gelegen ist. – Ja wohl, es ist Sündengeld, ich weiß, es ist Sündengeld, drum will ich’s der Kirch’ vermachen, die Kirch’ hilft nur ins Himmelreich – die Kirch’ kriegt alles –«

Der Jakob begann plötzlich zu zittern: »Ist’s denn noch nit geschehen, habt Ihr ’s Testament noch nit gemacht?«

Die Alte fuhr auf:

»Wer sagt das, was will der Mensch! schielt er nit nach meinen Schlüsseln? – Jesus im Himmel, wo sind meine Schlüssel, meine Schlüssel, wer hat sie mir gestohlen?«

»Wer soll sie denn gestohlen haben?« fragte das Finle und half der Bas das Bett durchsuchen; die Schlüssel fanden sich, und die Alte hielt sie mit beiden Händen fest, und zwischen ihrem kurzen Atmen brach sich ein eigentümliches Pfeifen Bahn.

Der Bursche war ein paar Schritte zurückgetreten, in die Nähe jener dunklen tiefen Ecke, wo der Schrank und die Truhe standen, die die alte Frau immer wieder mit dem Blick suchte. Den Burschen hatte sie vergessen, aber dem Mädchen, das strickend am Tisch lehnte und sie anstarrte, rief sie ein heftiges: »Sing, Finle, sing, Finle –« zu; denn zuweilen flackerten ihre dem Erlöschen nahen Gedankenkräfte wieder auf; in einem solchen Moment wurde ihr plötzlich klar, daß sie laut dachte, und darum ruhte sie nicht, bis das Finle sang. Es fiel ihr nichts andres ein, als ein heiteres Schulliedchen, das sie mit heller Kinderstimme gedankenlos heruntersang; dabei suchten ihre Augen bald den Jakob, dessen Gesicht so gei­sterhaft aus dem Halbdunkel leuchtete, bald die laut vor sich hinsprechende alte Frau, und ein tiefes Unbehagen erfaßte die junge Kreatur. Allein sobald sie einen Augenblick mit ihrem Gesang innehielt, stieß die Alte ein ungeduldiges: »Sing, sing, Finle« – hervor, und diese fing von neuem an:


Vöglein im hohen Baum,
Klein ist’s, ihr seht es kaum –
Singt doch so schön –


Der Bursche aber und das alte Weib, die hörten nichts von der unschuldvollen heiteren Weise; in ihnen sangen ganz andere Gewalten.

»Ich geh’ ja, ich geh’ auf der Stell’,« rang es sich von den Lippen der Alten, »ich will meine ewige Glückseligkeit gewiß nit verscherzen, aber hart ist’s, o ’s ist hart – all’ das viele schöne Geld – das viele schöne Geld –«

Wie oft schon war sie auf dem Weg ins Pfarrhaus wieder umgekehrt, entsetzt, verzweifelt über dem Gedanken – es gehört nicht mehr dir, mit deinem Namenszug giebst du alles hin – es ist nicht mehr dein, sobald du unterschrieben hast –

Sie schluchzte, ohne daß ihre alten Augen mehr Thränen hatten, sie raufte sich das Haar, und ihr wüster Kampf rief ein tiefes Grauen in dem singenden Finle hervor. Sie dachte immer wieder: Gott sei Dank, daß ich nit allein mit ihr bin, daß der Jakob in der Stub’ ist – die hat’s gewiß mit dem Teufel zu thun – und singend und strickend ging sie zu dem Burschen hin und stieß ihn an: »Was hast nur?«

Er gab ihr keine Antwort, er war mit sich eins: die Alte durfte das Haus nicht verlassen, sie war ja verrückt – so viel wußte er, daß das Testament eines Verrückten nicht gültig war – und wenn sie jetzt zum Pfarrer ging, was wußte der, ob sie bei Sinnen war oder nicht – dem Jakob brauste es in den Ohren: Hunderttausend, hunderttausend! Und alles die Kirch’, und sie, die nächsten Anverwandten nichts – nichts – der Not, dem Elend überlassen –

Er heftete den Blick wie verzehrend auf die alte Frau, die endlich einen Entschluß gefaßt zu haben schien, denn sie erhob sich ächzend und ging zum Kleiderrechen an der Thüre; sie riß den Mantel herunter mit der dick wattierten Kapuze, die sie über den Kopf zog. Dann schrie sie nach ihrem Schirm, den ihr das Finle holte.

»Es schneit ja so arg,« sagte das Mädchen, »müßt Ihr denn gerad’ jetzt fort?«

»Ja, ja,« nickte die Bas, »zum Pfarrer, zum Pfarrer –«

»Soll ich nit mit Euch gehen?«

»Nein, nein, du hütst mir mein Sach’! – Jesus,« schrie sie plötzlich auf, »wo hab’ ich meine Schlüssel hingelegt, wo hab’ ich sie hingelegt –«

Das Finle holte sie von der Ofenbank: »Ich thät’ sie mir anbinden, Bas, das ist ein ewig’s Geschrei –«

Aber der Alten waren Schirm und Schlüsselbund zu viel für die schwachen, zitternden Hände.

»Ich laß den Schirm da,« murmelte sie vor sich hin, legte aber den Schlüsselbund auf die Kommode und kam dann zur Thür geschlürft.

Da stand der Jakob; er stand so breit da, mit geballten Fäusten; das Finle hatte schon zweimal etwas zu ihm gesagt, er hörte nicht. Jetzt stieß er sie weg und trat der Bas, die zur Thüre hinaus wollte, in den Weg:

»Ihr geht nit,« schrie er sie an, »Ihr bleibt daheim –«

Sie hatte seine Gegenwart ganz vergessen und kannte ihn nicht mehr, aber sie schrie wie am Messer: »Dieb! Dieb!« und wollte sich an ihm vorbeidrängen. Da hielt er sie an den Schultern fest, und sie keuchte: »Jetzt bringt er mich um, er bringt mich um!«

»Um Gottes willen, Jakob,« schrie das Finle, »was hast du vor?«

»Gerechtigkeit,« stammelte er, »ich will Gerechtigkeit machen, wenn’s keine giebt.«

Das Finle umfaßte ihn: »Laß, laß« – da er aber die Alte nur um so fester hielt, bückte sich das Mädchen plötzlich und biß ihn in die Hand; er ließ los und im nächsten Augenblick fiel die Thüre hinter der Alten ins Schloß; er wollte ihr nach und schleuderte das Finle, das die Klinke festhielt, auf die Seite; das Mädchen fiel zur Erde, mit dem Kopf gegen das Tisch­ende, das Blut schoß ihr übers Gesicht, und sie blieb regungslos liegen. Der Bursche starrte auf sie nieder, er kam plötzlich zu sich, hob sie auf und trug sie aufs Bett am Ofen; er holte einen Krug mit Wasser vom Gesimse, netzte ein Tuch und hielt es dem Mädchen gegen die Stirne; er that es mit zitternden Händen und laut klopfendem Herzen und rief sie wiederholt beim Namen. Finle schlug die Augen auf, sah ihn einen Moment wie sich besinnend an und sprang dann in die Höhe:

»Jesus, die Bas, was ist mit der Bas?«

»Sie ist fort,« sprach er dumpf, »aber dir hab’ ich ein Leid gethan –«

»Das macht nix, wenn nur der Bas nix geschehen ist – mußt nit solche Augen machen nach der Thür, Jakob,« setzte sie mit bittendem Tone hinzu, »mußt mir jetzt ein bißle helfen, gelt?«

Sie tauchte einen frischen Lappen ins Wasser und legte ein Tuch darüber; das mußte er ihr am Hinterkopf festbinden.

»So, und jetzt holst mir die Stricket dort vom Tisch her und giebst schön auf den Knäuel acht, der liegt unterm Stuhl; muß mich tummeln und den Strumpf zu End’ stricken, sonst krieg’ ich heut abend nix zu essen; ja, ich hab’s just nit wie eine Prinzeß –«

Sie lachte kurz und hell auf und hub an zu stricken, der Jakob setzte sich neben sie auf die Ofenbank; die Ellenbogen auf den Knieen, starrte er mit düsteren Blicken auf den rissigen Fußboden.

»Nix erreicht, nix erreicht,« sprach er in leisem, bitterem Tone.

»Freilich, ach freilich,« seufzte das Finle. Er sah sie an: »Findest du’s denn gerecht, daß wir so leer ausgehen? Hat’s bravere Leut’ geben als die Eltern? Gerad’ hat der Vater die Werkstatt’ angebaut, und ’s Geschäft will einen Aufschwung nehmen, stirbt er uns weg –«

»Ja, ’s ist hart, ’s ist hart,« nickte das Finle.

»Zu denken,« sprach er weiter, »wenn sie jetzt gestorben wär’, wenn sie den Geist aufgegeben hätt’ –«

»Denk’s nit aus,« unterbrach ihn das Mädchen, »was hat sie denn gehabt von ihrem Sündengeld? sie war nie froh; man muß es mit angesehen haben, wie sie gelebt hat – immer in der Todesangst, man nimmt ihr ’was; den ganzen Tag hab’ ich müssen stricken und singen, daß ich’s nit soll klappern hören, wenn sie ihr Geld zählt. Oder sie ist am Fenster gesessen, stundenlang und hat hinausgestiert mit Augen wie eine Hex’, daß man’s ihr angesehen – jetzt denkt sie wieder bös von allen Menschen. Und in der Nacht, da kam sie mir mit ihren harten Fingern so übers Gesicht gefahren: ›Bist noch da, Finle, bist noch alleweil da –‹«

Der Jakob seufzte: »Wenn sie mir nur wenigstens die vierhundert Mark ’geben hätt’, daß wir nit vom Hof fort müßten – wir sind doch so angesehene Leut’ gewesen, Finle, und jetzt –«

Er sprang auf und schritt durch die Stube, die Hände in den Taschen, den Blick unruhig nach allen Seiten werfend; mit eins stand er vor der Kommode: »Da sind ja die Schlüssel!«

Er hatte sich bemüht, ganz ruhig zu sprechen, aber der unsichere, zitternde Ton seiner Stimme fuhr dem Finle durch alle Glieder.

»Jesus im Himmel,« schrie sie auf, »wenn das die Bas entdeckt, ich geh’ sie ihr bringen –«

Aber der Jakob hielt die Schlüssel fest: »Jetzt – jetzt könnt’ ich sie holen, die vierhundert Mark –«

Das Finle stand mit aufgehobenen Händen vor ihm: »Nein, das thust nit, das thust nit!«

Seine Augen sahen sie wie verglast an, während seine Hände fieberhaft mit dem Schlüsselbunde spielten:

»Von rechtswegen,« murmelte er, »von rechtswegen gehört ja doch alles uns –«

Finle hatte ihn am Arm ergriffen, und als er sie zurückstoßen wollte, wandte sie ihm das kleine, verbundene Gesicht zu: »Erheb’ nit wieder die Hand gegen mich, Jakob,« bat sie mit zitternder Stimme, »werf mich nit noch einmal hin, ’s hat recht weh gethan, ich hab’ dir’s nur nit sagen wollen –«

Sie zog den Widerstrebenden zum Ofen, »auch ’s Stehen kommt mich schwer an, so sitzt mir der Schreck noch in den Gliedern –«

Sie sank auf die Bank, umfaßte seine niederhängende Hand und lehnte den Kopf gegen seinen Arm.

»Ich sag’ nit, daß die vierhundert Mark nit dir gehören – von rechtswegen gehört alles dir – von rechtswegen! ja, was müßt da nit alles sein! Was hab’ ich denn verbrochen, daß ich’s so wenig gut hab’ auf der Welt und von kleinauf eine Wais’ war und just hab’ müssen von der Bas eingesteigert werden; dreimal hat sie mich blutig geschlagen, und alleweil singen sollen, wenn einem der Magen knurrt – gelt, das war doch gewiß auch nit von rechtswegen, daß ich’s so ’troffen hab’ im Leben, denn in der Religionsstund’ haben wir doch gelernt, daß der lieb’ Gott aller Menschen Vater ist, ob sie hoch oder nieder stehen –«

»Es ist halt keine Gerechtigkeit,« murmelte der Bursche und suchte seine Hand frei zu machen.

Aber das Finle hielt ihn fest: »Meinst, das hab’ ich nit auch manchmal denkt, meinst, ich hätt’ der Hex’ nit gern oft einen rechten Streich gespielt? Aber nur von ihren Kartoffeln hab’ ich gestohlen, Geld hab’ ich nie keins angerührt, sonst hätt’ sie mich beim Herrn Pfarrer verklagt, und schau, Jakob –«

Sie sah zu ihm auf und suchte seinen Blick:

»An deinem Einsegnungstag, wie du aufgestanden bist in der Kirch’ – der erste von allen und hast dein’ Sach’ so schön gesprochen, so klar und laut – damals hab’ ich mir gesagt – so eine Brave, wie der Jakob ein Braver ist, willst auch einmal werden und die Erst’ sein an deinem Ehrentag, gerad’ wie er – und schau, wenn wir jetzt auch die zwei Ärmsten sind, du und ich – darum wollen wir doch, so Gott will, alleweil im Leben die zwei Ersten bleiben – meinst nit auch, Jakob?«

Er hatte sich von ihr auf die Bank niederziehen und die Schlüssel aus der Hand nehmen lassen; in sein blasses Gesicht war eine tiefe Röte gezogen, und er sagte leise, stockend:

»Finle, ich muß mich ja vor dir schämen –«

Sie lachte, während ihr die Thränen aus den Augen schossen: »Vor mir, vor mir sich schämen wollen, nein, so ’was G’spaßiges – aber ich lauf’ ihr schnell nach und bring’ ihr die Schlüssel – ach Gott, ach Gott, ich bin ja so froh, mir ist’s gerad’, als könnt’ ich jetzt einen Stern vom Himmel ’runter bitten –« sie wandte sich noch einmal um:

»Weißt, vielleicht rührt’s die Bas, wenn ich ihr die Schlüssel bring’ und – und –«

 Der Bursche hörte nur noch ihr kurzes, von einem Schluchzen unterdrücktes Auflachen, und fort war sie. Dem Jakob flog’s durch den Sinn, wie oft er seine Mutter hatte sagen hören: »Das Finle drüben hat so ein feines helles Lachen und ist doch das ärmste Geschöpf auf der Welt –«

»Das Finle,« murmelte er, »ja wohl, das Finle, in Lumpen geht’s und hat so ein braves Herz – das ’rumgestoßene Waisle muß mir, mir sagen, was rechtschaffen und ehrlich ist – so ’was kann an einen ordentlichen Menschen kommen – das hatt’ ich in meinem Leben nie ’glaubt, wenn ich’s nit erlebt hätt’ –«

Er fuhr sich mit der Hand über die Stirne, eine große Erschöpfung hatte sich seiner bemächtigt, er sollte hinüber zur Mutter und konnte sich nicht entschließen:

»Ach, so viel Kreuz, so viel Kreuz« stöhnte er, der Kopf sank ihm auf die obere Ofenbank: »Die Ärmsten und die Ersten,« sprach er lallend, »Finle, ich muß mich ja vor dir schämen –«

Da war ihm plötzlich, als stoße er mit der Hand gegen einen Gegenstand, der klirrte, und es fuhr ihm durch alle Glieder: da lagen sie noch, die Schlüssel, das Finle hatte sie nicht mitgenommen – sie lagen noch da – und abermals erfaßte es ihn – er wollte nicht, er schrie, er stöhnte, aber es war, als drücke ihm jemand die Schlüssel in die Hand – er hielt sie, und sie blinkten ihn an, sie hatten einen gelblich roten Schimmer, die alten, rostigen Schlüssel, ähnlich dem Haare der Bas, »Vater, Vater,« keuchte der Jakob, »du hast auf dein Totenbett gesagt, ich sei tüchtig, ich sei brav – es ist nit wahr, Vater, ich kann’s nit – es ist stärker als ich –«

Er kniete vor der Truhe und sah die vielen Beutel, die vielen schweren Beutel – schön geordnet, einer neben dem andern standen sie da, und er griff zu. Aber der Beutel hatte ein Loch, erst draußen vor der Thüre sah er’s, der Jakob – überall, hinter ihm lagen die Thaler; und immer neue fielen, den ganzen Weg entlang, klirr, klirr – er wollte sie aufheben, aber sie entglitten immer wieder seinen Fingern, und dabei lachten sie, ganz hell und lustig, wie’s Finle lachte; er hob den Fuß und trat auf sie, da kam Blut; überall, der ganze Boden war voll Blut; in den Lüften aber kreisten die Raben, und mit einemmale fuhr’s ihm wie ein Dolchstich durch die Seele, denn sie schrieen: »Dieb! Dieb!« mit derselben krächzenden Stimme, wie die alte Frau, und alle Leute hörten’s; sie standen herum und zeigten auf ihn, und er las es ihnen an den Lippen ab: Der Jakob Heisler hat aufgehört, ein angesehener Mensch zu sein – da legte sich’s ihm kalt übers Gesicht, und er freute sich: Gottlob, das ist der Tod –

Im nächsten Augenblick schlug er die Augen auf; das Finle stand vor ihm, aschfahl, am ganzen Körper zitternd:

»Hab’ ich’s gethan?« flüsterte er.

Sie gab ihm keine Antwort, sie sank neben ihm nieder; ein-, zweimal versuchte sie zu sprechen, plötzlich ergriff sie seine Hand:

»Erschrick’ nit, erschrick’ nit, Jakob, aber ’s ist jetzt alles ganz anders – ganz anders – ich bin in ’n Tod ’nein erschrocken –«

Sie atmete tief, während ihr die Kniee schlotterten:

»Sie war schon fast unten – ich hinter ihr her und denk’ noch: wie lauft sie kurios, und muß lachen – über einmal dreht sie sich wie um sich selbst, und ich hör’ sie schreien: Meine Schlüssel, meine Schlüssel, Herr Jesus, meine Schlüssel’ –

›Da sind sie,‹ ruf ich, ›da sind sie,‹ und wie ich hinkomm’, liegt sie steif und starr im Schnee und – und – die Leut’ bringen sie hinter mir her –«

Der Jakob wiederholte wie im Traum: »Die Leut’ bringen sie –«

Das Finle sah ihn an: »Sie ist tot –«

»Tot!« Der Bursche stürzte mit einem lauten Aufschrei in die Kniee, er umfaßte das zitternde Geschöpf vor ihm, er preßte das Gesicht in ihren Schoß.

»Du, du,« stieß er unter heftigem Schluchzen hervor, »so lang ich leb’ – wir gehen nimmer von’ ander – Finle, Finle – du Engele Gottes –«

Sie streichelte ihm das Haar, die Farbe war in ihr erschrockenes Gesicht zurückgekehrt, er erhob das Haupt, und sie sahen sich an, alles was sie gelitten, was um sie her vorging, vergessend. –

Hinter ihnen wurde die Thüre aufgemacht, und langsam, die Schritte gedämpft durch den Schnee an den Füßen, trugen die Männer den Leichnam der alten Frau über die Schwelle; durch die weit offene Thüre fluteten die Strahlen der untergehenden Sonne, und sie goß ihr feuriges Winterlicht über das weißlichgelbe Haar der Toten, das ihr in langen, wirren Strähnen vom Haupte hing.