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Hermine Villinger – Aus dem Fexenreich

Novelle

aus: Hermine Villinger, Aus unserer Zeit, Verlag von Adolf Bonz & Comp., 1897, S. 115ff.

Auf dem Platze vor dem neueröffneten Sulden-Hotel bewegte sich eine bunte Gesellschaft von kahlgeschorenen Touristen in abgetragenen Loden-Anzügen, aus denen die bloßen Kniee heraussahen, und von jenen eleganten Erscheinungen männlichen und weiblichen Geschlechts, wie sie sich gewöhnlich in großen Hotels für teures Geld sehen zu lassen pflegen.

Allein merkwürdig! – die schönsten, zwischen ihren bauschigen Ärmeln fast verschwindenden Frauengestalten, die allerkarriertesten Gigerl – nichts dergleichen machte Eindruck in Sulden!

Wer nicht alle Tage von irgend einer Spitze herunterkam mit von der Gletscherluft zerschundener Nase, von der die Hautfetzen hingen, der galt nichts, hatte überhaupt nicht mitzureden, wenn er auch sonst im gewöhnlichen Leben, sei’s durch äußere oder innere Eigenschaften, einen wahren Glanz um sich zu verbreiten pflegte. Manchesmal schon war in dem kleinen Damen-Salon der Versuch gemacht worden, das Gespräch auf die neueste Mode oder Tageslitteratur zu bringen; aber da brauchte nur wieder einer zu kommen, der auf allen Vieren an einer Steilwand hinauf oder über irgend einen Grat geklettert war, da saßen sie alle, wie auf den Mund geschlagen, und lauschten notgedrungen dem Erzählen von Gefahren, die sie nicht bestehen mochten oder konnten, dafür aber zwanzigmal des Tages zu hören bekamen.

Das kleine Thal lag jetzt im Schatten, während das oben am Waldesrand stehende Sulden-Hotel sich noch der letzten Strahlen der untergehenden Sonne erfreute. Die, welche herumstanden und sich in lebhaften Erörterungen über jene höchsten Spitzen ergingen, würdigten die große Lieblichkeit der nächsten Umgebung keines Blickes.

Nur die einsame Frau etwas abseits auf einer Bank schien sich dem Zauber dieses Anblicks hinzugeben. Langsam durchstreifte ihr Blick das Wiesenland und folgte dem brausenden Suldenbach, der sich am Ende des Thals dem wilden Geröll der Fels- und Eisabstürze entwand, in ewigem Ungestüm dem Ausgange des Thales zueilend. Dort stand das Kirchlein St. Gertraut und erhob seine Glockenstimme, um der kleinen Suldengemeinde den englischen Gruß zu verkünden.

Die Männer des Thales waren soeben schwer bepackt, versehen mit Eispickel, Seil und Steigeisen aus dem Führerzimmer des Hotels getreten; ihr lustiges Lachen und Schwatzen verstummte aber sofort beim Klange der Glocke, und sie alle zogen den Filz und standen still, so lang das Glöcklein läutete.

Dann ging’s um so lebhafter her; die Touristen eilten herbei, und jeder hatte noch etwas mit seinem Führer zu besprechen, oder vergessene Dinge für dessen Rucksack herbei zu holen.

Die Frau auf der Bank hatte sich beim Nahen der Führer erhoben und deren Reihen gemustert; sie grüßten sie alle. Einer allein, der älteste von ihnen, jener Hans Vinzera, der mit dem berühmten Erforscher des Ortlergebietes zuerst den mächtigen Bergriesen bestiegen, der Mann kam auf die Dame zu und sagte, ihr treuherzig die Hand drückend: »Werd’ schon auf die Lisel acht haben, brauchen sich nicht zu sorgen!« Sie sah in sein gutes Gesicht. »Ich weiß, ich weiß, ich bin ja auch unbesorgt; – aber leiden Sie’s ja nicht, wenn sie tollkühn sein will! – Eigentlich bin ich doch immer in Todesangst!«

Der alte Hans lachte. »Is unnötig, ganz unnötig,« versicherte er, »da kommt sie schon!»

Ja, da kam sie! – Wer auf dem Platze stand, wandte sich nach ihr hin, um der kühnen jungen Bergsteigerin, Suldens neuester Berühmtheit, seine Bewunderung zu zollen.– Ein kurzer grauer Lodenrock, ein weißes Flanellhemd, über dem, nach Führerart, die lose Jacke hing, ein grauer Filz über einem braunroten Gesichtchen mit mächtigen Augen, – so kam sie, trotz der nägelbeschlagenen Bergschuhe dahergeflogen in die Arme ihrer Mutter.

 »Muß dich wieder allein lassen, aber es ist eben gar so schön da oben, so unbeschreiblich schön. – Leb’ wohl!«

Sie grüßte, übermütig den Hut schwenkend, und schritt davon; der Hans folgte hinten nach.

»Es scheint wie ein Rausch über die Menschen zu kommen in dieser hohen Luft,« murmelte die Mutter des jungen Mädchens vor sich hin, nachdem sie ihrer Tochter nachgeschaut und wieder auf ihrem alten Sitz Platz genommen.

Sie hob das Auge zu den jetzt verblaßten Spitzen der Schneeberge, die das Thal im Süden gegen die übrige Welt abschlossen, und blieb mit dem Blick an der Königspitze hängen, die in ihrem faltigen Schneemantel alle übrigen gekrönten Häupter an hehrer Majestät überragte.

»Auch da will sie hinauf,« seufzte die einsame Frau, »aber sei’s drum! – Jeden Wunsch will ich meiner Lerche erfüllen, daß sie mir nur nie das Jubeln – das Aufjauchzen verlerne!«

»Gnädige Frau!«

Sie fuhr zusammen und blickte auf. Neben ihr stand ein schlanker, fein gekleideter Mensch.

Die Angeredete streifte ihn nur mit einem kurzen und unfreundlichen Blick; ebenso zeigte das Kopfnicken, womit sie die Bitte des jungen Mannes, neben ihr Platz nehmen zu dürfen, erwiderte, keine Spur von Verbindlichkeit.

Er lächelte. – »Ich scheine auch diesmal nicht gelegen zu kommen. – Ich habe offenbar kein Glück in der Wahl meiner Stunden – vielleicht überhaupt kein Glück –.«

Er hielt inne; da aber die Gegenbeteuerungen ausblieben, zuckte er kaum merklich mit der Achsel und ging ohne Umschweife auf sein Ziel los.

 »Es sind nun schon vierzehn Tage, Frau Werner, daß ich das Glück genieße, bei Tisch an der Seite Ihrer ebenso eigenartigen als reizenden Tochter sitzen zu dürfen. Das gnädige Fräulein sagte mir, daß Sie zwei Monate hier zu bleiben gedächten – darf ich nun –? Gestatten Sie mir, verehrteste Frau? – Eben das unbefangene reine Gemüt dieses Mädchens, das Ursprüngliche, so ganz und gar Unverfälschte; – ich kenne ihr ganzes Leben – daß sie fünf Jahre, während der langen Krankheit ihres Vaters im Institut war und seither auf dem Lande lebt; ihr Entzücken, endlich nach Herzenslust mit Menschen verkehren zu können, und was sie über diesen oder jenen denkt – das alles hat sie mir rückhaltlos erzählt; – kurz, sie ist durchsichtig wie klares Wasser, dem man bis auf den Grund sieht und sehen darf. – Ist es daher ein Wunder, gnädige Frau, wenn ein Mann es als höchstes Glück erachtet, sich diesen Schatz erringen zu dürfen?«

Der junge Mann schwieg und beugte sich ein wenig vor, sein fragendes Auge auf die Gesichtszüge der neben ihm sitzenden Dame heftend. Sie blieben steinern, und er räusperte sich ein wenig und meinte, seine Stimme noch mehr dämpfend: »Ich begreife, ich begreife ja sehr gut – es muß einer Mutter nicht wenig schwer fallen, das einzige Kind – und solch ein Kind – herzugeben. – Aber einmal muß es ja doch sein; – und wenn mich nicht das Benehmen Ihrer Tochter – allerdings nur ein klein wenig – berechtigt hätte –. Ich habe ihr von meiner künftigen Laufbahn gesprochen. Ich habe vor, ins Konsulat zu treten – eine glänzende Karriere ist mir dort so gut wie sicher, so daß sich meine Aussichten nicht glücklicher, nicht vorteilhafter –«

»Und sonst, Herr Assessor, was bringen Sie sonst meiner Tochter mit?« klang es fragend von den Lippen der neben ihm sitzenden Frau.

»Sonst? Wie ich soeben sagte, meine Verhältnisse sind die denkbar –«

»O nicht so!« wehrte sie. »Ich meine, was für eine Jugend, was für eine Vergangenheit? Ist sie auch so durchsichtig wie klares Wasser, dem man auf den Grund sieht – und sehen darf?«

»Aber erlauben Sie, das ist doch – darnach fragt man doch nicht beim Mann!«

»O, ja, ich thu’s! Daß man’s nicht thut, das eben ist das Unrecht; ich warte nur auf Ihre Antwort, Herr Assessor!«

»Gnädige Frau, ich kenne das Leben – ich habe meine Jugend genossen; allein an der Seite einer reinen Frau –«

»Haben Sie schon eimnal gehört,« unterbrach sie ihn, »daß ein schlechter Apfel in der Gemeinschaft mit guten Äpfeln gesund wird? Es ist allemal umgekehrt der Fall, die guten werden schlecht.«

»Es ist dies ein Thema,« meinte der Assessor, »das sich für eine Frau doch eigentlich wenig eignet.«

»Was sollte sich für eine Mutter mehr eignen, als daß sie sich um das Glück ihres Kindes sorgt?«

»Sie werden sich also grundsätzlich zwischen Ihre Tochter und einen Mann stellen, der nicht das Glück hat, ein unerfahrener Jüngling zu sein? – Erlauben Sie,« fügte er, sich erhebend, hinzu, »das sind Frauen-Emancipations-Ideen!«

»Sie irren sich,« erwiderte Frau Werner, »ich bin nur ein schwer geprüftes Weib, das sein Kind vor dem gleichen Schicksal bewahren möchte!«

 Der junge Mann empfahl sich, ganz so, als habe er soeben die angenehmsten Dinge gesagt bekommen, und die blasse Frau lehnte sich in ihre Bank zurück und schloß die Augen – nur ein paar Minuten lang; aber in dieser Zeit zog ihr ganzes unglückseliges Frauendasein an ihrem Geist vorüber: wie sie jung war und schön, hervorragend schön, und Stephan Werner, der reiche Fabrikanten-Sohn, sie in ihrem Vaterstädtchen entdeckte. Das erste Gefühl, das er ihr einflößte, war Furcht, Scheu. – Warum folgt man diesen inneren Stimmen nicht? Aber man läßt sich bereden, verführen. O und wie er es verstand!

»Er hat zwar ein wenig toll gelebt in der Jugend, aber eine brave Frau wird ihn bald in Ordnung bringen,« sagte der Vater und gab seine Tochter hin.

Doch der Mann blieb, wie er war; und sie war zu brav, zu ehrbar und schwerfällig, um sich in seine Art zu finden. Er verhöhnte die Kleinstädterin und lebte, wie es ihm gefiel. Dann kam die Krankheit, die fünf Jahre dauerte. Gebrochen an Geist und Körper zog Frau Werner nach des Gatten Tod mit ihrem Kinde aufs Land. Aber sie war keine Natur, der das Vergessen leicht wurde; sie kam über die Verbitterung, die an ihrem Gemüt zehrte, nicht weg; nur das Kind – ja, des Kindes Glück, darin bestand ihre Aufgabe. –

Die Tischglocke hatte längst ihren weithin schallenden Ruf ertönen lassen, als die in sich versunkene Frau sich endlich erhob und langsam dem Hause zuschritt. Ihr Anzug war sehr einfach und matronenhaft; nur ein wenig Fülle, und ihr Gesicht wäre noch schön gewesen; nun war es scharf.

Frau Werner und ihre Tochter sahen oben an der ersten der sechs langen Tafeln im Speisesaal, von wo aus man des herrlichen Blickes auf die gen Süden gelegenen Hauptgletscher genoß. Lisel hatte sich die Vergünstigung ausgebeten, diesen Platz nicht wechseln zu müssen, und was Lisel wollte, das geschah; und so erfreuten sie sich des immer gleich schönen Anblicks, indes die Menschen um sie her fast alle Tage wechselten. Nur der Assessor wich, seit sie in Sulden weilten, nicht von Lisels Seite.

Frau Werner warf zuweilen einen Blick über den leeren Stuhl ihrer Tochter weg nach dem Gesicht des jungen Mannes. Es war ihm nichts zu entnehmen; seine Aufmerksamkeit ihr gegenüber war sich gleich geblieben. Im Innern lächelte er über die sentimentale Kleinstädterin und nahm sich vor, sie als Schwiegermutter gründlich von ihren Verrücktheiten zu heilen.

Ist denn nicht irgend ein anderer da? fragte sich Lisels Mutter und sah sich nach einem Antlitz um, das ehrlich und offen und unverdorben, im stande sein könne, den lebenserfahrenen Großstädter in den Schatten zu stellen, im Fall es ihr nicht möglich war, ihre Tochter zur Abreise zu bewegen.

Endlich aber fand sie sich gezwungen, der lebhaft raisonierenden Stimme ihr gegenüber Gehör zu schenken; es saß da ein dünnes wunderliches Männchen mit einem vorsintflutlichen Hemdenkragen und rötlichbrauner Perücke, dem nichts in Sulden recht war. Erst hatte er an einen jungen Mann hingeschwatzt, als er jedoch dem Blick der ihm gegenübersitzenden Frau begegnete, machte er sie ohne weiteres zur Vertrauten seiner Angelegenheiten.

 »Sulden, Verehrteste, das Sulden von jetzt und das Sulden von früher – wie Tag und Nacht! – Solitudo – ja wohl, hat sich ’was mit der gepriesenen Einsamkeit – ist aus damit! – ein Raubnest und Fexennest, mit Modeartikeln männlichen und weiblichen Geschlechts! – Besitze zweiundsechzig Denksteine mit der Aufschrift des jungfräulichen Bodens, den mein Fuß im Laufe der Jahre in jenen höheren Regionen zuerst betrat. – Diese zweiundsechzig Steine stehen in einem eigens zu diesem Zweck verfertigten Eckschrank meines Studierzimmers. – Ach richtig! ich habe Ihnen ja nicht einmal gesagt, wer ich bin: Baudirektor Meyer und der junge Mann da – Baupraktikant Schwert. – Aber beurteilen Sie uns nicht nach unseren Namen! – Schwert könnte allenfalls auf mich passen, denn jeden möchte ich durchbohren, der in dieses staubige, verdorbene, verfexte und verhexte Sulden –«

»Aber Sie sind doch auch da!« fiel ihm der junge Mann in die Rede.

»Hm ja,« brummte er, »natürlich! weil ich eben auch ein Esel bin!«

»Ich bitte, etwas mehr Respekt vor meinem Vorgesetzten!« wendete der Praktikant ein.

 Der alte Mann lachte. »Intimität bringt den Respekt um; wir sind schon gar lang beisammen, ich und der Herr Baudirektor. – Was da!« fuhr er auf, als der junge Mann sich ein Viertel Wein bestellen wollte, »das ist meine Sache! – Sie, junge Person, eine Flasche Roten – alle Tage eine Flasche Roten – und nicht vergessen! Seit acht Tagen steige ich da mit meinem lieben Führer, dem Peter Dangl, in Eis und Schnee und Lawinenrinnen herum, und nirgends eine Stelle, nirgends ein Plätzchen, wo nicht schon so ein verfluchter Bergfez seinen einfältigen Stiefel hingesetzt hätte!«

Man war am Nachtisch, und der Direktor hatte noch immer seine volle Flasche vor sich; Frau Werner bemerkte, wie der Baupraktitant einen kurzen Seitenblick nach der Wasserflasche that, aber die darnach ausgestreckte Hand schnell wieder sinken ließ. Sie erriet sofort die Situation: der Mensch hat Durst und getraut sich nicht, einzuschenken, aus Furcht, der Vorgesetzte könne es bemerken und für eine Mahnung an seine Weinflasche halten. Der junge Mann ist nicht gewandt, er kommt aus kleinen, vielleicht unfreien Verhältnissen; der Direktor hat ihn natürlich mitgenommen, wie sollte er sonst in dieses teure Hotel geraten? – Ein frisches, offenes Gesicht, der Mund beinahe kindlich. – Frau Werner betrachtete die Stirn, die hoch war und gescheit, und erfreute sich an dem Glanze der braunen, Heiterkeit ausstrahlenden Augen. – Ach, Heiterkeit, harmlose, herzliche Heiterkeit, die sie so früh verloren und nie wieder gewonnen!

Sie konnte nicht umhin, einen Vergleich zwischen den beiden, in ihrer Nähe sitzenden jungen Männern anzustellen, der durchaus zu des Assessors Ungunsten ausfiel. Allein zwei Wienerinnen unten am Tisch, eine Engländerin und nicht weniger als vier Berlinerinnen belehrten sie auf das augenscheinlichste, daß elegante, feine Lebensform ganz andern Eindruck macht, als schlichtes, ungewandtes Gebahren, mochte dahinter sein, was da wollte,

»Blinde Jugend,« seufzte Frau Werner in sich hinein.

»Jammervolle Tischgesellschaft!« sagte sich der Assessor, als er den Speisesaal verließ, »alter einfältiger Schwätzer – ein Mensch, der mit dem Messer ißt! Wie kann man denn mit so jemand verkehren? – Und diese petrificierte mütterliche Tugendheldin!«

Er streckte sich mit einem »Ah!« der Erleichterung in einem Fauteuil im Damensalon aus: »Mit der Frau Mama wird endgültig gebrochen, mein lieber Schatz! Es thut mir leid, aber ich kann dir nicht helfen!«

Der Direktor machte noch einen kleinen Spaziergang mit seinem jungen Praktikanten.

»Ja, die Luft, die Luft da oben! Das ist freilich kein leerer Wahn,« erklärte er. »Zu denken, daß jetzt alles auf einem Flächenraum von etlichen tausend Quadratmeilen schwitzt, wie nicht gescheit, und ich da oben friere, regelrecht friere – es ist ein Hochgenuß! Übrigens unsere Nachbarin bei Tisch, die arme Seele! macht sie Ihnen nicht auch den Eindruck von jemand, der einmal fromm gewesen, und dessen heißeste Bitte der liebe Gott nicht erhört hat? Nun schmollt sie mit ihm und läßt ihre Unzufriedenheit an allen seinen Kreaturen aus.

»Nur nicht an ihrer Tochter,« sagte der junge Mann, »an der scheint sie nichts auszusetzen zu haben!«

Der Direktor lächelte. »Es wäre ein Wunder, wenn es anders wäre! Sie meinen doch jenes große, schöne Mädchen, das alle Führer Lisel nennen?»

»Und die daherkommt, als habe sie der ganzen Welt zu befehlen, und –«

»Nun, und?« fragte der Direktor. »Damit sind Sie am Ende nicht einverstanden, entspricht nicht ihrem Ideal der Weiblichkeit, was? ›Niedergeschlagene Augen, stilles Walten‹ und so weiter! Herrgott, Sie lassen doch auch die Berge hoch und nieder sein, wie’s ihnen beliebt, und die Blumen wachsen in leuchtender Pracht oder in bescheidenen Farben! – Warum sollen denn die Menschen immer sein, wie’s uns beliebt!«

Der junge Mann warf lachend sein blondes Haar aus der Stirn, »Sehr wahr – sehr!«

Der Direktor klopfte ihm auf den Arm. »Lieber, langer Mensch, warum glauben Sie denn, daß ich den alten Eller drunten, bei dem ich zehnmal hinter einander gewohnt, warum glauben Sie denn, daß ich den in Stich gelassen und in diesem eleganten Tempel der Unnatur meinen Aufenthalt genommen habe? Nur Ihretwegen! Sie sind ein genialer Kopf und bauen und bauen und bauen und bilden sich ein, es sei ganz gleichgültig, ob sie dabei Ihren Mitmenschen auf die Hühneraugen treten oder nicht. – Uns gegenüber am Tisch, da sitzt so einer, dem guckt die feine Lebensart aus jedem Rockfältchen heraus; Herrgott, wie uns der Mensch verachtet! – Ich bin ein alter Mann, ich finde mich darein!«

»Ich auch!«

»Nein, Sie haben im Gegenteil Ihre Augen aufzumachen und etwas zu lernen! Sie sitzen da immer bei Ihrer Mutter, und die macht’s genau so, wie die Frau Werner, und hat nichts an ihrem Sohn auszusetzen. Aber ich! Da ist ein gutes Herz und ein bedeutender Kopf und ein ganz unmanierlicher Mensch drum herum. – Der gegenüber, was der für ein Herz hat, weiß ich nicht, und es ist ihm auch noch nicht der Mühe wert gewesen, mir seine geistige Bedeutung zu offenbaren; aber warten Sie nur, sobald sich’s um ein Frauenzimmer handelt, hat der das Glück und nicht Sie!

»Herr Direktor – ich –«

»Sprechen Sie es nicht aus, mein junger Freund, denn ich will nicht hören, daß Ihnen das einerlei ist! – Jenes Mädchen, jene Lisel, sehen Sie, die gefiel’ mir für Sie!«

»Sonst nichts?« murmelte Schwert und wurde rot wie ein junges Mädchen.

Und der alte unbarmherzige Mensch fuhr fort: »Ich bitte Sie um’s Himmels willen, spielen Sie sich nicht auf den in allen Schauspielen und Romanen bereits abgeleierten Helden hinaus, kein reiches Mädchen heiraten zu wollen! Sie sind auch reich mit Ihrem Wissen und Ihrer ungeschwächten Herzensfrische. – So, und nun wird mir’s zu kalt, mein Lieber! Und falls Ihnen der alte Mann zu wenig Umstände gemacht haben sollte, so denken Sie: er ist bald siebzig – da nimmt man sich die Zeit nicht mehr, lang, wie die Katz’, um den Brei zu gehen!«

Er lief davon, aber der junge Mann rannte ihm nach und drückte ihm die Hand. Dann eilte er, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, die breiten Treppen des Hotels hinauf, in sein Zimmerchen. Dies war so klein, daß er sich bei jeder Bewegung, die er machte, entweder am Bett oder am Waschtisch stieß, was ihn aber nicht hinderte, mit einem wahren Feuereifer herum zu rennen und allerlei Dinge herbei zu holen, die er in seinen Rucksack stopfte. Dann fuhr er in seinen Lodenrock; noch die nägelbeschlagenen Schuhe, Alpenstock und Eispickel, und, vor der Thüre sich scheu umsehend, eilte er wie ein Dieb aus dem Haus, und noch bis über die Gamben-Höfe lief er wie einer, der sich verfolgt wähnt.

Als er den schmalen Weg zum Ebenwand- Ferner betrat, kam hinter dem Ortler der Mond zum Vorschein, und immer lichter ward’s, je höher der nächtliche Wanderer stieg; zum Himmel aber ragten, wie weiße Gespenster aus dem Dunkel der Nacht, die hehren Häupter der Alpen.

Und der junge Mann breitete die Arme aus und jauchzte in die todesstille, wunderbare Nacht hinein; und es war, als ob dieses Aufjubeln aus einer freudedurchschauerten Menschenbrust der ganzen, stillen, heiligen Natur zu Herzen ging, denn sie sandte den Gruß in dreifachem Echo zurück.

Der junge Mann war stehen geblieben und hatte gelauscht, dann rief er ein »Dank’ schön!« für die Antwort und schritt rüstig weiter.

Der Mond beleuchtete seinen Pfad, der zunächst in jähem Zickzack sich aufwärts wand, worauf die zweite Hälfte über kolossale Moränenfelder führte. –

Karl Schwert befand sich in Sulden auf der ersten Reise seines Lebens; daß sie ihn gleich in eine sechstausend Fuß hohe Luft führte, unter Menschen, denen, nach ihrem ganzen Gehaben zu schließen, nichts ferner zu liegen schien, als die Notwendigkeit, sich irgendwie einzuschränken, das gab ihm, der nie anders als in ärmlichen Verhältnissen gelebt, in der neuen Umgebung nicht gerade ein Gefühl der Sicherheit oder des Behagens. – Und wie hatte er sich auf diese Reise gefreut! Er hatte sein gutes, am Herde stehendes ›Mutterle‹ aufgenommen und war mit ihr, wie ein Wirbelwind, durch die schmale Küche getanzt; dann setzte er die halb Lachende, halb Scheltende behutsam nieder und las ihr das Schreiben seines Vorgesetzten vor, der ihn zu einer Reise nach Tirol einlud.

»Siehste, Mutterle,« sagte er, »jetzt kommt’s! Seit meiner Kindheit freu’ ich mich unausgesetzt auf irgend ein großes, unermeßliches Glück – da haben wir nun den Anfang!«

Denn obwohl sie froh und zufrieden mit einander lebten, zu einer Reise, nicht einmal zur allerkleinsten, hätte der Gehalt des jungen Baupraktikanten ausgereicht, da sie beide davon leben mußten.

Die Mutter hatte das kleine Vermögen, das ihr nach dem Tode ihres Mannes geblieben war, an die Erziehung des einzigen Sohnes gewandt; ein hartes Ringen, Einteilen und Sorgen, bis er endlich so weit war, auf eigenen Füßen zu stehen, mit einem Gehalt von zweitausend Mark. Wenig zum Leben und doch für die beiden anspruchslosen Menschen unendlich viel. Karl entwarf einen ganzen Schlachtplan, was die Mutter und er sich nun alles gönnen wollten.

Sie fuhr ihm durch den dichten, blonden Haarschopf.

»Du kindischer Kerl, sobald wir etwas erübrigt haben, mußt du eine Reise machen! – Das ist das allernotwendigste, daß du endlich einmal ein Stückchen Welt siehst!« –

Und jetzt war die Reise da! Unverhofft war das Glück gekommen, und Karl Schwert stand zwischen Gletscher- und Schneeriesen und starrte in den leuchtenden Mond.

»Wenn ich nur nicht mehr hinunter müßte in das lärmende Haus mit den gewandten, lebesicheren Menschen! Es ist mir unter ihnen, als wären mir die Ellbogen an den Leib gewachsen! – Und dieses Fortschleichen in der Nacht, wenn ich meine Touren mache – als ging ich auf schlechten Wegen! – Aber wie soll ich denn jedesmal einen Führer zahlen können, woher denn? – ›Mein Beutel steht Ihnen jederzeit zur Verfügung!‹ – Ja, das hat er freilich gesagt, der gute Herr Direktor! Aber verlangen, um etwas bitten, das kann nur einer, der selber geben kann! – Geben können, geben können! Ach, wie demütig wollt’ ich geben! – Wie weiß ich, was Nehmen heißt!«

Er stand jetzt oben, einige hundert Schritte von der Schaubachhütte entfernt; dann sich niederstreckend, legte er seinen Rucksack unter den Kopf und wickelte sich in seinen Mantel. Er lag so, daß er gerade in den mondbeschienenen Sulden-Gletscher schaute, das Ziel seiner Wanderung.

»Dort, ja dort ist alles gut!« murmelte er. »Den Schnee unter den Füßen und tief unten die Welt! Da reichen sie nicht hinauf, die Fangarme enger drückender Verhältnisse! da ist’s aus mit den Vergleichen, und alles ist mein, was ich erreiche, was ich erzwinge durch eigene Kraft!«

Er atmete noch ein paarmal tief auf und schlief dann ein, von nichts gestört in der nächtlichen Stille der Bergeseinsamkeit. –

Er war besser daran, als das Touristenvolk drinnen in der Hütte. Sie war überfüllt; mehr als vierzig Menschen wollten ein Unterkommen; aber die Pritschen in dem langen, schmalen Schlafraum reichten nicht aus. Nachdem die Führer, so gut es eben ging, noch etliche Lagerstätten auf der Erde, zwischen den beiden Pritschenreihen errichtet, war endlich jeder untergebracht, und man hoffte in Ruhe ein paar Stunden hinzubringen. Aber da unten im Mittelreich hieß es auf einmal: »Sie, Herr, wenn Sie mir noch einmal mit Ihren Füßen gegen den Kopf stoßen –«

»Ruhe!«

»Ja wohl, prost die Mahlzeit! Wenn einer nachtwandelt und wie ein Geist im Mondschein herumsteigt –«

»Haltet ihn, haltet ihn!«

Etliche fielen über einen her, der sich energisch zur Wehr setzte. »Ich will ja nur meine Latschen; meine Latschen sind mir abhanden gekommen!«

»Was gehen uns Ihre Latschen an! Legen Sie sich aufs Ohr, Sie, und rühren Sie sich nicht mehr!«

»Überhaupt, wer jetzt noch muckst, fliegt unwiderruflich hinaus!«

Minutenlange Stille, dann ein leises, säuselndes Atmen, das allmählich anschwoll und sich plötzlich mit einem kreischenden Laut in ein kraftvolles, alle Begriffe übersteigendes Schnarchen verwandelte.

»Herrgott, bringe einer die Sägemühle zum Stillstehen!« platzte ein wütende Stimme los.

Schon hatten sich drei auf den friedlich Schnarchenden gestürzt. Er fuhr mit beiden Füßen und einem: »Ist’s Zeit?« von seiner Pritsche herunter auf jene, die auf der Erde lagen. Sie brüllten gleich Besessenen, und der Unglückliche hüpfte wie eine Heuschrecke von einem Lager ins andere.

»Sich zu sagen,« ließ sich eine Stimme vernehmen, »daß man jetzt in seinem guten Bett liegen und prächtig schlafen könnte, statt in einer Gesellschaft von Bergfexen –«

»Sind Sie keiner?«

»Nein!«

»Was sind Sie denn?«

»Major.«

»Auch ein Sterblicher!«

»Stimmt!« gab der Major zu.

»Jetzt aber, meine Herren –«

»Ja, jetzt kann’s losgehen!«

Welch ein Labsal! Große wirkliche, absolute Stille, fünf, zehn Minuten lang. Man atmet auf, man legt sich zurecht und die schlafbedürftigen Augen fallen zu. Da mit eins: Tritte! Großer, allgütiger Himmel, und was für Tritte gingen da auf dem Bretterboden über dem Schlafraum hin! Wie viele hundert Nägel staken in diesen Schuhen, und was für eine Art von Kerl befand sich in diesen Ungeheuern!?

»Auch keine Balleteuse,« meinte einer, worauf ein schallendes Gelächter losbrach.

In dieses platzte ein Wütender herein: »Diese albernen Bemerkungen, diese einfältigen, abgeschmackten –«

»Sie machen ja selber eine!«

»Schafskopf!«

»Hinaus mit jedem, der jetzt noch den Mund aufthut!«

»Also mit Ihnen!«

Jetzt schrien sie alle durcheinander, und Grobheiten und Unverbindlichkeiten sausten nur so durch den Raum.

»Puh, und die Luft!« hieß es. »Das Fenster auf, Sie, he!«

»Unterstehen Sie sich,« ließ sich eine Stimme vernehmen, »ich habe Zahnweh!«

»Das ist Privatsache, darum kann nicht eine ganze Gesellschaft –«

»Hurra, da giebt’s ein Handgemenge!«

»Licht! Licht!«

»Aber, meine Herren, vergessen Sie denn ganz und gar, daß wir nur durch eine dünne Wand von einer schönen jungen Dame getrennt sind?«

Diese hatte sich längst entfernt und war auf den Fußspitzen durch den Vorderraum der Hütte ins Freie geschlichen.

Die nächtliche Wandererin war Lisel. Es durchfuhr sie wie ein geheimnisvolles Glück, ganz und gar allein zu sein, von niemandem behütet und bewacht. Und auch sie jauchzte auf und streckte die Arme wie trunken dem leuchtenden Mond entgegen.

Dann ging sie ein paar Schritte weiter, leise singend, ganz bezaubert. Plötzlich stand sie still, – da lag jemand! Sie beugte sich ein wenig vor, um den Schläfer zu betrachten. Er war ihr nicht fremd; sie hatte dieses Gesicht schon gesehen, drunten im Hotel.

»Richtig!« sprach sie lächelnd vor sich hin, »es ist der, der mir nicht den Hof macht! – Wart’ nur, dafür sollst du aber auch belohnt werden, wie ein braver Junge es verdient!«

Und sie legte ihm sachte eine Tafel Schokolade auf die Brust und machte sich davon.

Es war gegen Mittag; Frau Werner spazierte vor dem Hotel auf und ab und wartete auf ihre Tochter. Den ganzen Morgen hatte sie mit ihrem Feldstecher den Sulden-Gletscher beobachtet und auch richtig einige schwarze Punkte darauf entdeckt. Eine kugelrunde, kleine Dame im Morgenkleid, die weißen Haare schlicht gescheitelt, hatte sich der einsamen Frau angeschlossen.

»Ich sehe Ihnen nun schon eine halbe Stunde zu, wie Sie dort hinüberstarren und sich um Ihre Tochter ängstigen; ich bitte, was soll ihr denn mit dem alten Hans passieren? – So ein Führer steht wie ein Fels. Da giebt’s ganz andere Dinge, um die man sich zu sorgen hätte: so ein junges Ding allein unter so vielen Herren, eine unbegreifliche Sitte im Hochgebirge! Unter solchen Verhältnissen verliebt man sich unwiderruflich.«

»Meine Lisel,« wollte Frau Werner einwenden.

»Ach was, Ihre Lisel! Ihre Lisel ist auch ein Mädchen. Du großer Himmel! Meine Mutter hat mich jeden Morgen nach dem Ball gefragt: ›Thusnelda, in wen hast du dich diesmal wieder verliebt?‹ und ich habe ihr regelmäßig den Rechten unterschlagen. – Wissen Sie übrigens, daß ich jetzt in Ihre Nachbarschaft komme bei Tisch? Ich halte es nicht länger aus, da, wo ich sitze, ich bitte Sie, mitten unter dem Touristen-Volk! Jeden Tag kommt ein anderer vom Ortler herunter, und ich muß Schritt für Schritt den Auf- und Abstieg und alle Hindernisse und Gefahren mit anhören, ob ich will oder nicht. Gestern fragte mich einer: ›Sind Sie auch oben gewesen, gnädige Frau?‹ ›Genau ein dutzendmal,‹ gebe ich zur Antwort. ›Aber das ist ja großartig, großartig!‹ ruft er aus. ›Nicht wahr,‹ sage ich, ›nicht wahr? Wollen Sie vielleicht eine Locke?‹ – Ich habe der hübschen Grety einen Gulden gegeben und ihr gesagt: ›Setzen Sie mich neben den Herrn Baudirektor Meyer!‹ Der Mann hat immer sein Perückchen schief sitzen, aber ich habe den Narren an seinem verschrumpften Gesichtchen gefressen! Warum der nur ledig geblieben ist? Ich bin immer unglücklich, wenn ich nette ledige Menschen in der Welt herumlaufen sehe; glauben Sie, daß man ihn noch zum Heiraten bringen könnte?«

»Aber, liebe Frau Konsul,« sagte Frau Werner, »was denken Sie! Als ob verheiratet sein das höchste Glück auf Erden wäre!«

»Sind Sie etwa vom Gegenteil überzeugt?« meinte die kleine Frau. »Ich bitte Sie, von den vielen unglücklich verheirateten Frauen, die ich kenne, hat noch keine einzige den Wunsch geäußert, ihre Töchter möchten ledig bleiben! Oder wäre es vielleicht der Ihre, Frau Werner?«

Diese gab keine Antwort, und da im nächsten Augenblick sämtliche auf dem Vorplatze befindliche Herren ihre Köpfe nach dem zum Hotel heraufführenden Weg wandten, schloß Frau Werner, daß jetzt ihre Lisel kommen müsse, was denn in der That auch der Fall war.

Rüstig ausschreitend – denn wie hätte sie, angesichts all der Leute, die ihr entgegensahen, eingestehen oder zeigen mögen, daß sie todmüde war – betrat sie an der Seite des Assessors, der ihr entgegengegangen war, den Vorplatz des Hauses. An ihrem Hute prangten Blumen, wie sie in Sulden nicht wuchsen, und ebenso an ihrer Brust. Frau Werner gab dieser Anblick einen förmlichen Stich durchs Herz.

Doch sie war eine sehr schwache, vorsichtige Mutter; sie wollte ihrem Kinde nicht weh thun, aber auch seinen Widerspruch nicht hervorrufen.

»Lisel,« sagte sie, während diese ihr prächtiges Haar kämmte, »Kind, Kind, wie bist du entstellt! Die Haut hängt dir geradezu in Fetzen von den Wangen, und dein Näschen ist wie in Purpur getaucht!«

»Ja, wundervoll!« bestätigte Lisel nickend, »und doch hat noch eben der Assessor zu mir gesagt, wenn ich komme, gehe die Sonne auf. – O, Mutter, ein reiches Mädchen ist ein armes Geschöpf!«

Frau Werner sah ein wenig zerstreut auf die Blumen, denen Lisel auf einmal einen Stoß ver- setzte, daß sie auf die Erde flogen.

»Siehst du, Mutter, das ist das Erbärmliche, daß mich jeder immer gleich heiraten will, aber ans Kennenlernen denkt keiner! Zwei sind nun schon von hier abgereist, die mich mit einer Erklärung auf die Folter spannten; der eine hat drei Tage gewartet, nachdem er mir vorgestellt war, der andere nur zwei.«

»Und wer wird jetzt an die Reihe kommen?« forschte Frau Werner.

Lisel wurde rot: »Vielleicht der Assessor! – Aber ich kenne ihn doch wenigstens schon vierzehn Tage.«

»Und ist er dir angenehm?«

»Ja, wenn ich das wüßte! – Ich glaube, ich fürchte mich ein wenig vor ihm. Er hat so sonderbare Augen, und dann wieder freut es mich, daß er mir den Hof macht und mir’s zeigt, daß nur ich für ihn da bin – ich ganz allein!«

»Kind,« warnte Frau Werner, »nimm dich in acht, spiele nicht mit ihm, es könnte dich reuen; ich glaube nicht, daß dieser Mensch ein Charakter ist!«

»Auch möglich!« seufzte Lisel.

Ihre Mutter schaute sie besorgt an.

»Du bist nicht heiter, mein Liebling; fehlt dir etwas?«

»Ja, jemand, der mich beim Schopf nähme und einmal recht schüttelte!«

Frau Werner sah einen Augenblick ganz betroffen drein; dann meinte sie begütigend: »Du bist müde, weiter nichts.«

»Nein, Mutter, lege mir nicht immer alles zum Guten aus, ich bin wirklich und wahrhaftig widerwärtig!« – »Pfui!« sagte sie zu sich selber in den Spiegel, »pfui du! – So, und jetzt komm zu Tisch!«

Sie kamen gerade dazu, wie der Baudirektor, in jeder Hand eine Serviette, vom untersten Ende des Tisches heraufgeschossen kam und vor seinen alten Platz Posto faßte, wo er ungesäumt die dortliegenden Servietten auf die Seite schaffte.

»Aber,« wandte die Kellnerin ein, »ich bitte, ein paar junge Herren sind an der Reihe, hier zu sitzen.«

»Die jungen Herren können sich meinetwegen auf die Königspitze setzen,« erklärte der Direktor, »dies ist mein Platz und bleibt’s, so lange ich hier bin; kommen Sie, Schwert!«

»Und auf die andere Seite vom Herrn Baudirektor komme ich, einfach ich – so!«

Da saß sie schon, die Frau Konsul, in einem hellgelben Foulard-Kleid mit weißen Spitzen, die Haare, die sie am Morgen schlicht und nett getragen, jetzt hoch aufgekämmt, zu unzähligen kleinen Löckchen gekräuselt. Sie nahm so viel Platz ein, daß der Direktor neben ihr fast auf die Hälfte des seinen reduziert war. Ganz zornig sah er unter seinem roten Perückchen hervor, das ihm tief in die Stirn gesunken war, und Lisel verbiß mit Mühe das Lachen, so überaus komisch kam ihr die neue Tischgesellschaft vor.

Der alte Herr hatte wieder seine volle Weinflasche vor sich stehen, und der junge Mann an seiner Seite schenkte sich in aller Stille ein Glas Wasser nach dem anderen ein. Frau Werner, die das bemerkte, sah Schwert mit einem Blick so ausgesprochenen Mitgefühls an, daß diesem unwillkürlich das Blut in die Stirn trat.

Dann wandte sie sich an den alten Direktor: »Die Herren scheinen keine Weintrinker zu sein? Ich sehe Sie nie einschenken.«

»Ich trinke überhaupt keinen Wein,« fiel ihr Schwert so heftig ins Wort, daß Frau Werner ganz erschrocken den Blick senkte, während Lisel jetzt erst den schroffen Sprecher ins Auge faßte und in ihm den Schläfer außerhalb der Schaubachhütte erkannte.

»Sie kommen ja auch von einer größeren Tour?« wandte sie sich an den jungen Mann.

»Nicht der Rede wert!« gab er zur Antwort.

Sie hatte schon eine Entgegnung auf den Lippen, allein der Assessor begann, ihr etwas zuzuflüstern, und die Bemerkung unterblieb.

Es war nie etwas Außergewöhnliches, was ihr der junge Herr zu ihrer Linken zu sagen hatte; nach der Art zu schließen, wie er es that, hätte man indessen meinen können, er teile dem Mädchen die tiefsten Geheimnisse seines Herzens mit. Er sah niemand als sie; was um ihn her gesprochen wurde, ging ihn nichts an.

Und heute – merkwürdig! – noch nie war Lisel diese Ausschließlichkeit, deren Gegenstand sie war, so aufgefallen, wie heute.

»Nein, nein, Herr Assessor,« sagte sie deshalb ganz besonders laut, damit alle sie hörten, »ich begreife Sie nicht: hier sein und keine Touren machen wollen, das ist mir ganz und gar unfaßlich, denn es giebt überhaupt nichts Herrlicheres auf der Welt, als Gletscherluft!«

»Darüber ließe sich vielleicht streiten,« bemerkte der Assessor.

»Nein, Sie können es nicht bestreiten, denn Sie waren nie oben!« ereiferte sich Lisel.

Er lächelte. »Gut, ich werde jene Luft einmal auf ihre Herrlichkeit hin prüfen, aber wehe Ihnen –«

»O, Sie halten’s gar nicht mehr im Thale aus, wenn Sie einmal oben waren! Was war das für eine Nacht –! Über dem Sulden-Gletscher stand der Mond – ich kann’s nicht beschreiben, wie schön das war! – Ich weckte den Hans, und wir sind fast eine Stunde vor den anderen zum Sulden-Gletscher aufgebrochen. Nur einer war uns zuvorgekommen; im Schnee zeigten sich frische Fußstapfen. Hans meinte, es müsse ein rechter Wagehals sein, der sich da ohne Führer hinauftraute.«

Lisel heftete den Blick auf den jungen Praktikanten gegenüber; aber der aß darauf los, als ginge ihn die ganze Geschichte nichts an, und Lisel ergriff ein grenzenloses Erstaunen, daß es in Sulden einen Menschen gab, der nicht mit seinen Touren renommierte. Das war ihr da oben noch nicht vorgekommen, das reizte sie im höchsten Grade.

Inzwischen erging sich die Frau Konsul, bis an die Ohren in ihrer Serviette steckend, mit Lust über das Behagen, das darin bestehe, all die hohen Spitzen, auf denen sich das Fexenvolk zu Tode kraxele, ohne Mühe von unten anzusehen.

Sie hatte die Eigentümlichkeit, während des Sprechens ihre Nasenlöcher ganz merkwürdig aufzublähen. Diese waren überhaupt das Wichtigste in ihrem ganzen Gesicht. Was andere Leute mit ihren Augen sahen oder mit ihren Ohren hörten, das schienen bei dieser Frau allein die Nasenlöcher wahrzunehmen und sowohl ihren Ärger als ihre Freude auszudrücken. Jetzt richtete sie dieselben wie zwei Flintenläufchen auf die junge Lisel.

»Das Steigen ist überhaupt nicht jedermanns Sache, liebes Kind! Ich zum Beispiel könnte es einfach nicht ertragen.«

»Das Steigen ist für jeden Menschen gesund!« behauptete Lisel.

Alles lachte über die Sicherheit, mit der sie diesen Ausspruch that.

»Nun,« wandte sich die Konsulin mit gekränkter Miene an den Direktor, »das nenne ich auch eine Erziehung, über so etwas zu lachen!«

»Ei,« meinte er, »warum soll man sich nicht dieser frohen Sicherheit freuen? Sie geht uns ja bald verloren, und was an ihre Stelle tritt, macht uns das Leben nicht eben heiterer.«

»Wie?« fragte Lisel, »was meinen Sie damit?«

Der alte Herr lächelte. »Sie unterscheiden doch von hier ganz leicht die größeren und kleineren Schneespitzen; nicht wahr? Es sind ja nur wenige. Nun kommen Sie aber einmal hinüber auf die andere Seite des Ortlers, auf die Stilfserjoch-Straße –«

»Da war ich schon!« rief Lisel.

»Haben Sie dort auch all die kleinen Spitzen so leicht herausgefunden, wie hier?«

»Nein, denn ich war zu hoch und habe zu viele Spitzen übersehen; das machte mich irre.«

»Da haben wir’s, mein Kind! Wir werden alt – das heißt, wir steigen, gewinnen an Übersicht, und unsere Gesichtspunkte vermehren sich; wir sehen nicht mehr nur einen Menschen, uns selbst, dem das Bergsteigen vortrefflich bekommt. Wir stehen still und kennen nun Hunderte mit ihren Leiden und Bresten, und ein Ausspruch, wie der aus Ihrem achtzehnjährigen Munde, wird uns nicht mehr über die Lippen kommen.«

Lisel sah den Sprecher betroffen an. »Da muß ja eigentlich die Jugend dem Alter unausstehlich vorkommen!«

Der alte Herr lachte, »Zuweilen vielleicht; aber wir waren ja selber so, und die klug sind, vergessen es nicht.«

Die Thür flog auf, und die Herren Touristen kehrten von ihren Ausflügen zurück. Da ging’s los: »Was haben Sie gemacht?« – »Und Sie?« »Und Sie?«

Es hagelte nur so von Sulden-, Schönthan- und Ortler-Spitzen.

»O, die Bande!« schalt die Frau Konsul, »in meinem ganzen Leben sieht mich dies Sulden nicht wieder! – Bitte, bitte, ist es möglich, auch nur sein eigenes Wort zu hören?«

»Nein, es ist nicht möglich!« brauste der Direktor auf, in dessen Gesicht sich längst tausend Zornesfalten gebildet. »Wie soll es denn bei diesem Geschrei möglich sein! Gehe ich nach Sulden, um mir das Trommelfell sprengen zu lassen? Kann keiner von einem Berge kommen, ohne darüber ein Gekrähe anzuheben, wie eine Henne um ein Ei? Kann es sich nicht droben ausschreien, das verflixte Fexenpack, statt uns die Speisestunde zur Höllenqual –«

»Ei, Herr Direktor!« rief Lisel über den Tisch, »wo bleibt denn Ihre Duldsamkeit?«

Der alte Herr nickte ihr mit einem köstlichen Angenzwinkern zu.

»Glauben Sie, ich habe sie mit Löffeln gefressen? Jeder hat nur sein bestimmtes Maß, das irgendwo ausgeht, und dann ist’s einem am allerwohlsten.«

Er machte, daß er fortkam, und draußen schlossen sich ihm, während er rauchte, die Konsulin und Frau Werner an.

Lisel war von einer Anzahl Touristen umringt, und sie teilten einander in tadellosen Fachausdrücken die Abenteuer ihrer Unternehmungen mit.

Der Assessor stand gelangweilt daneben und rauchte.

Frau Werner übersah das alles und freute sich im stillen.

Gott sei Dank, daß der Mensch nicht auch noch ein kühner Bergsteiger ist!

Nein, sie hatte es nicht leicht in Sulden; sie kam nie aus den Sorgen heraus. Befand sich Lisel droben in den Schneebergen, war sie freilich sicher vor dem Assessor; aber der Mutter bangte vor den Gefahren, die ihrem Kinde drohten. Und war die Lisel da, so war der Assessor um den Weg.

Die Konsulin überraschte den Direktor mit der Bemerkung: »Man müßte jeden Junggesellen mit Gewalt verheiraten. Um Sie ist es ewig schade! Ich bin überzeugt, Sie hätten Ihre Frau unaussprechlich glücklich gemacht! Es wäre eine Ehe geworden, die jeden zur Bewunderung hätte hinreißen müssen! Finden Sie das nicht auch, Frau Werner?«

»Ich bin sehr vorsichtig in der Beurteilung von Ehen,« erwiderte diese.

»Ich bitte,« rief die Konsulin aus, »wer wird so lange an Vergangenes denken! Sehen Sie mich an, meine Liebe! Mein erster Mann war ein Tyrann, mein zweiter ein Egoist – und ich bin doch vergnügt!«

»Bravo!« sagte der Direktor, während die Konsulin mit der Bemerkung, sie müsse jetzt ihr Mittagsschläfchen machen, in ihrem gelben Kleide wie eine leuchtende Sonne über den Platz schritt.

»Sie sagten ›bravo‹ auf diese Gesinnungsart hin –?« bemerkte verwundert Frau Werner.

»Wissen Sie,« unterbrach sie der alte Herr, »das ist eine von den Robusten, und solche Leute muß es auch geben.«

»Aber so ohne jede, ohne jede –«

»Ach was, Verehrteste! Wir können mit ziemlicher Bestimmtheit annehmen, daß einer, der unsere Tugenden nicht hat, auch von unseren Fehlern verschont geblieben ist. Diese Frau ist vergnügt; ein Vergnügter aber ist immer ein schätzbares Mitglied der menschlichen Gesellschaft!«

»Eine kleine Anspielung, nicht wahr, auf meine nicht gerade heitere Gemütsart?« meinte Frau Werner. »Ich leide ja selbst darunter; allein nicht nur das Traurige, was ich erlebt, die Sorge um mein Kind, und daß ihr ein ähnliches Schicksal beschieden sein möchte –«

»Ja, und der einstigen Enkelin am Ende auch!« unterbrach der alte Herr sie lachend. »O, über die hochlöbliche Eigenschaft, sich im voraus über alle möglichen Dinge zu grämen!«

»Freilich,« meinte Frau Werner, »wenn man’s ändern könnte! Ich kenne mich; ich weiß, wie schwach ich diesem Kinde gegenüber bin. Ich könnte ihr nichts abschlagen – ich habe sie im Geiste schon grenzenlos unglücklich gesehen!«

»Verehrteste, Ihre Lisel hat ein paar ganz große, kluge Augen im Kopf; die kommt mir vor wie jemand, der weiß, was er will!«

»Das ist wahr!« gab Frau Werner zu.

»Nun also; sie wird wählen, und den, welchen sie wählt, den hat sie verdient!«

In diesem Augenblicke bemerkte Frau Werner, daß Lisel und der Assessor allein beisammen waren, und sie verabschiedete sich rasch von dem alten Herrn und stand einen Moment später an der Seite ihrer Tochter, deren Arm sie nahm.

Der Assessor zeigte sich verbindlich wie immer; aber seine Augen redeten eine andere Sprache; wie er sich auch bemühte – und er war kein Neuling im Erhaschen günstiger Gelegenheiten – diese Frau kam immer zur unrechten Zeit! Hier mußte etwas gethan werden!

Und es geschah, daß der Assessor einen längeren Nachmittagsspaziergang mit der Frau Konsul unternahm, nach welchem sie strahlend vor Unternehmungslust im Speisesaal erschien.

Bei Tische nickte sie erst Lisel, dann dem Assessor zu, legte ihre reich beringte Hand auf die Brust und erklärte bedeutungsvoll: »Auch ich war in Arkadien!«

»Was will sie nur? Ich möchte ihre Nase mit Brotkügelchen bombardieren!« murmelte Lisel.

»Thun Sie’s doch!« flüsterte ihr der Assessor zu; »Sie dürfen alles!«

»Glauben Sie?« Lisel sah auf und begegnete dem Blick des Praktikanten; hatte er gehört, was sie sprachen?

»Finden Sie auch, daß ich alles darf, was ich will?« fragte sie ihn.

»Es kommt darauf an, was Sie wollen,« erwiderte er.

»Sind Sie nicht ein wenig pedantisch?«

»Sogar außerordentlich!«

»Da muß man sich also vor Ihnen in acht nehmen?«

»Weshalb sollte man das müssen?«

»Nun, es ist immer unheimlich, zu fühlen, daß der Herr Nachbar nicht mit einem einverstanden ist. Oder ist es Ihnen einerlei, was man von Ihnen denkt?«

»Vollkommen!«

»Was sagt er da, was sagt er da?« mischte sich der Direktor in die Unterhaltung. »Er gehört nämlich zu den widerwärtigen Menschen, die ihre Tugenden verleugnen und mit ihren Lastern prahlen. Eine sehr verderbliche Eigenschaft; denn wenn wir es alle so machten, wer möchte dann noch unter den Menschen herumlaufen?«

»Ja, und nicht wahr, es liegt Geringschätzung darin,« ereiferte sich Lisel, »Geringschätzung gegen die anderen?«

»Natürlich!« bekräftigte der Alte. »Nehmen wir nur, wie er mit mir umgeht, wenn ich zum

Beispiel ganz außer mir zum Bureau hereinpoltere, dies oder jenes müsse unverzüglich gemacht werden, und so weiter und so weiter, da zieht dieser Mensch die schon fertige Zeichnung aus dem Pulte, und ich alter Knabe stehe wie ein begossener Pudel vor ihm da. – Er errät meine Wünsche, bevor sie mir überhaupt eingefallen sind, und ich kann wohl sagen, es ist eine Aufgabe, einem so heimtückischen Menschen gegenüber die Würde des Vorgesetzten zu bewahren!«

Alles lachte; der junge Mann aber sah das kleine zornschnaubende Männchen mit einem so herzinnigen, die tiefste Ehrfurcht verratenden Lächeln an, daß jedem ein Licht aufging, hier müsse das denkbar schönste Verhältnis bestehen.

Und die Konsulin beugte sich vor und rief dem Praktikanten mit einem mütterlichen Lächeln die Versicherung zu: »Auch Sie müssen sich hier verlieben! Ich weiß Ihnen ein sehr hübsches und wohlhabendes Mädchen. Was aber Sie anbelangt –« jetzt ging’s auf den Direktor – »O, Sie Ungeheuer, warum haben Sie keine Frau glücklich gemacht?«

»Aus Schönheitsgefühl, Verehrteste, um meine Häßlichkeit nicht auf meine Kinder zu übertragen, – Sie haben gewiß recht gesunde Kinder?«

»Ja, Gott sei Dank, gesund, und was die Hauptsache ist, alle verheiratet!«

Der Direktor lachte, wünschte wohl gespeist zu haben und rannte mit seinen kurzen Schrittchen davon. –

Die Luft war frisch und kalt, und es erging sich prächtig auf dem elektrisch beleuchteten Platz vor dem Hause.

Frau Werner, die ein wenig erkältet war, zog es vor, in den Damensalon zu gehen, und wollte Lisel bei sich behalten.

Allein die Konsulin: schmeichelte ihr das Mädchen ab.

»Ich nehme sie unter meine Fittiche; es wäre geradezu kränkend, wenn Sie mir das Kind nicht auf ein halbes Stündchen anvertrauten; länger bleibe ich nicht draußen.«

Kaum waren sie vor dem Hause einmal auf und ab gegangen, gesellte sich der Assessor zu ihnen, und die Konsulin verschwand.

Lisel hatte das deutliche Gefühl, daß sie fort müsse, daß es ein Unrecht sei, hinter dem Rücken ihrer Mutter allein mit diesem Menschen zusammenzubleiben. Aber – war’s Neugier oder sonst etwas, sie blieb. Auch schämte sie sich, Ängstlichkeit zu verraten, und sagte daher ganz keck: »Ein herrlicher Abend!«

»Vielleicht könnte man jetzt endlich zu Worte kommen,« begann der Assessor, indem er versuchte, Lisel ein wenig der zu großen Helle zu entführen, die in der nächsten Umgebung des Hauses herrschte.

Es klang nicht ganz natürlich, als sie erwiderte:

»Es kommt mir fast vor, als unterhielten Sie sich nicht bei Tische, und ich höre dem alten Herrn fürs Leben gern zu!«

»Ich weiß jemand, dem ich lieber zuhörte!«

Lisel erschrak; es lag etwas in dem Tone dieser Stimme, was sie veranlaßte, sich schleunigst nach ihrer Mutter umzusehen.

»Sie haben recht!« flüsterte er, »hüten Sie sich vor mir, denn ich bin nicht wie jener Tugendhafte, der lieber eine Grobheit sagt, als daß er sein Inneres verriete. Er liebt Sie, so gut wie ich und irgend einer.«

Sie wollte auffahren, aber er nahm lächelnd ihre Hand und legte sie in seinen Arm: »Das merkt ein Mann dem andern an; jener Tugendbold wartet auf nichts, als auf den Augenblick, sich Ihnen zu erklären. Seine Grobheit ist nichts als Eifersucht – und er hat keine Lebensart. Mein Gott, warum soll der arme Teufel Sie nicht lieben? Sie sind jung, schön und reich! Glauben Sie nie einem Mann, der Ihnen versichert, der Reichtum sei ihm Nebensache. Es ist nicht wahr! Ich wäre Ihnen ohne diesen nie nahe getreten, denn ich könnte Ihnen das Leben nicht bieten, auf das Sie Anspruch machen müssen und dürfen. Sie passen nicht in enge Räume und kleinliche Verhältnisse; Sie sollen einen Kreis beherrschen, der Sie bewundert. Ein Mann muß an Ihrer Seite stehen, der Sie anbetet und versteht, – Dieser Mann –« er hielt inne und streichelte leise ihre Hand, und Lisel wußte sich nicht zu helfen. Sie stand unter einem Bann; sie fühlte, sie war verloren; sie hätte laut aufschreien mögen und mußte still an der Seite dieses Menschen hingehen und auf seine Worte hören.

»Dieser Mann« wiederholte er, »möchte ich sein, obgleich ich das Unglück habe, Ihrer Mutter zu mißfallen. Der Willen einer Mutter ist viel, aber die Liebe eines Mannes ist mehr, und ich bin kein Mann, mit dem man spielt, den man anzieht und dann mit einem ›Nein‹ abfertigt. – Ich hoffe, hoffe auf ein ›Ja‹, – Ich warte!« fügte er mit einem leidenschaftlichen Beben der Stimme hinzu.

»O, nicht gleich,« stammelte das junge Mädchen, »Ich kann nicht! – Ich kenne Sie noch nicht! – Nur so lange ich noch da oben bin – nur so lange noch – möchte ich frei sein.«

Sie weinte, und ihre Hand suchte sich zitternd aus seinem Arm zu lösen, er aber gab sie nicht frei: »Der kleine wilde Vogel zittert um seine Freiheit, die vier Wochen sollen ihm noch geschenkt sein; aber den Ring da von Ihrem kleinen Finger fordere ich als Pfand. – Sie sind gebunden! Du gehörst nicht mehr dir selber an, mein Kind! – Verstehst du, was das heißt?«

»Ich – ich glaube!« preßte sie hervor, riß sich los und lief davon.

Es war ihre Mutter, die ihr in den Weg trat, und die sie beinahe umgeworfen hätte.

»Was ist denn,« rief Frau Werner aus, »du bist ja ganz erregt – wo ist denn die Frau Konsul?«

Die besorgte Frau schaute sich um, aber der Assessor war verschwunden, und mittlerweile hatte sich Lisel gefaßt. Nein, ihre Mutter sollte nichts erfahren von dem, was geschehen! Es hätte sie ja grenzenlos unglücklich machen müssen, sie, die nie gestattet, daß ihre Tochter auch nur einen Augenblick mit einem Manne allein sprach.

»Komm,« bat sie schmeichelnd, »laß uns noch ein wenig zum Direktor sitzen! – Es ist mir nicht möglich, schon zu Bette zu gehen.«

Der alte Direktor saß vor dem Hause, dicht in seinen Mantel gewickelt, und Schwert hatte noch den seinen über des Vorgesetzten Kniee gelegt.

Beide Herren rauchten, sahen in die schöne Nacht und sprachen kein Wort.

Lisel im höchsten Grade erregt und von keinem anderen Gedanken erfüllt, als zu vergessen, richtete ihr Augenmerk auf einen jener lächerlich herausgeputzten Salontiroler, wie sie zuweilen in Sulden auftauchten, zum großen Ergötzen der anwesenden Gäste.

Lisel ließ es an Spott nicht fehlen; ja, sie war so erfinderisch in köstlichen und drolligen Vergleichen und Ausdrücken, daß ihre Mutter wieder einmal nicht umhin konnte, ihr kluges Töchterchen zu bewundern.

Plötzlich schaute Lisel dem alten Herrn neben ihr ins Gesicht und betroffen über dessen Ausdruck fragte sie schüchtern: »Habe ich etwas nicht recht gemacht?«

»Spotten ist nie recht!« gab der Direktor zur Antwort. »Was hat Ihnen jener Mensch gethan?«

»Aber – er ist doch lächerlich!«

»Ihnen! Einem anderen bin ich lächerlich, und es freut mich auch nicht, wenn er mich zur Zielscheibe seines Spottes ausersieht. Ich habe einmal so etwas erlebt, so geringfügig es war, und obwohl es schon acht oder neun Jahre her sein mögen, ich habe es nicht vergessen. Es war in Karlsruhe; ich saß nahe am Mühlburgerthor, auf einer Bank unter den Kastanienbäumen, als ein Rudel halbwüchsiger Mädchen des Weges daher kam und sich auf die nächste Bank setzte. Gott weiß warum, sie hatten wohl Langeweile, und da war ihnen der erste beste gerade recht, um ihr Mütchen an ihm zu kühlen. Habe sie denn auch in Gottesnamen recht nach Herzenslust lachen und spotten lassen, und als ich genug hatte und meiner Wege gehen wollte, stürzten sie mir wie eine Herde kreischender Spatzen entgegen. Nun, ich sah sie an, und sie haben den alten Mann unbehelligt ziehen lassen. Aber die Sache ist mir in Erinnerung geblieben. Mein Vater hatte uns von klein auf eingeschärft: einen Erwachsenen ausspotten und ein Tier quälen, sind verabscheuungswürdige Verbrechen.«

Er konnte nicht weiter sprechen, Lisel war in lautes Schluchzen ausgebrochen und hatte plötzlich eine seiner Hände erfaßt und einen Kuß darauf gedrückt: »Ich war eines jener Mädchen,« stieß sie hervor. »Ich weiß es noch ganz genau. Wir lebten damals in Karlsruhe – nicht wahr, Mutter? – bis nach dem Tode des Vaters.«

»Ei, ei,« meinte der alte Herr, mit der Hand über den Scheitel des Mädchens streichend »sieh ’mal an, so treffen wir uns wieder! War auch ein voreiliger Schluß damals, zu glauben, aus solchen Kindern könne niemals ’was Gutes werden!«

Lisel schüttelte das Haupt: »Es ist auch nichts Gutes aus mir geworden. – Ja, wenn jemand da gewesen wäre, der mir solche Dinge gesagt hätte! Aber, man hat mich spotten lassen – man hat mich spielen lassen, und – jetzt habe ich verspielt!«

»Aber Kind, wie kannst du dich und mich so bitter anklagen!« sagte Frau Werner.

Lisel erhob sich und reichte dem alten Herrn die Hand: »Gute Nacht!«

Richtig, da stand auch der Praktikant; der hatte wohl die ganze Zeit über dagestanden! Lisel reichte ihm ebenfalls die Hand; es war ihr, als müsse sie sich heute abend von allen guten, ehrlichen und wahren Menschen verabschieden. Sie winkte noch einmal zurück und schritt gerade in dem Augenblick davon, als sich der Assessor der Gruppe näherte. Es blieb ihm nun nichts anderes übrig, als auf der Bank neben dem Direktor Platz zu nehmen.

»Aus der sprüht etwas,« murmelte der alte Herr, dem jungen Mädchen nachblickend. »Jawohl, aus der sprüht etwas!« wiederholte er, indem sein Blick sowohl den Assessor als den Praktikanten streifte.

»Keine bequeme Ehefrau, weder für einen, der sein Ideal der echten Weiblichkeit im braven Hausmütterchen sucht, von dem niemand redet, noch für einen, der seinen Salon mit einer eleganten Dame auszuschmücken wünscht. Keine dieser beiden Schablonen-Existenzen wird sie befriedigen. – Die will wahrhaft leben, das heißt, sich entwickeln!«

»Ah so!« fiel der Assessor dem alten Mann in die Rede, »ich glaube gar, Sie reden der Frauen-Emanzipation das Wort?«

»Was in der Luft liegt, geht uns immer etwas an,« meinte der alte Herr mit einem feinen Lächeln, »auch wenn wir wie der Vogel Strauß die Augen hartnäckig schließen. Als zu Anfang unseres Jahrhunderts die Aufhebung der Leibeigenschaft stattfand, welch ein Geschrei und Dagegeneifern! Heute, wer kann sich’s noch anders denken, als wie es ist?«

»Es soll also ein Weiberregiment losgehen?« warf der Assessor ein und lachte laut auf.

»Vielleicht!« meinte der alte Herr.   »Und dann kommt eines Tages die Männer-Emanzipation; es muß immer etwas kommen in der Welt. Ich habe schon so manches erlebt, mein Lieber; ich sperre mich nicht mehr!«

»Aber wir, nicht wahr, Herr Praktikant,« wendete sich der Assessor an diesen, »wir stehen noch so mitten drin, wir wollen nichts mit jener Sorte berufsbehafteter Mädchen zu thun haben?!«

»Hm,« warf der alte Herr schnell dazwischen, »der Beruf wäre noch das Wenigste; aber es kommt da noch etwas anderes in Betracht, was manchem vielleicht unbequem werden könnte: die Wahl des denkenden, mit offenem Blick ins Leben schauenden Mädchens fällt anders aus, als die des Gänschens, mit seiner künstlich konservierten Kinder-Unschuld. Hier könnte die Herrschaft der bisher sogenannten gefährlichen Männer einen kleinen Stoß erhalten, und das wäre kein Unglück – die Wahlen fielen gediegener aus.«

»So, glauben Sie? O, mein lieber Herr Direktor, Weib bleibt Weib!« erklärte der Assessor und wünschte den Herren eine gute Nacht.

»Na, hoffentlich wirst du anlaufen, mein Lieber!« murmelte der Direktor hinter ihm drein.

»Ich glaube nicht,« sagte sein junger Begleiter und rückte dem Vorgesetzten ein wenig näher.

Der alte Herr klopfte Schwert auf die Schulter. »Denken Sie nicht, daß das immer Liebeserklärungen sind, die ihr der Mensch da ins Ohr flüstert. Wenn er ihr nur ein bißchen Salat anbietet, meint man, es handle sich um eine Schnitte seines Herzens. Nun ja, schon möglich, daß ihr der elegante Mensch einigermaßen imponiert; macht ’was aus, wenn einer so mit jeder Gebärde, mit jedem Blick ausdrückt: ich sehe nur dich, ich höre nur dich! Und dann gegenüber so ein Stock wie Sie! – Nein, um Gottes willen, jetzt nur keine Rede, keine Versicherungen! Ich kenne Ihren edlen Stolz! Hüllen Sie sich darein und frieren Sie, wenn der Kerl uns das Mädchen wegfischt! Da will ich neulich den verunglückten Führer Alois besuchen. Vor seinem Hof steht ein Dutzend Kinder, ›Was giebt’s?‹ frag’ ich. ›Die Lisel ist drin,‹ ›So!‹ Ich geh’ hin und schau’ durchs Fenster. Richtig! da sitzt sie am Bett des Kranken und sitzt und sitzt und plaudert, und die Leut’ stehen um sie herum, und ’s ist eine Herrlichkeit! Bevor sie geht, drückt sie der Frau ’was in die Hand, und fort ist sie! – Sehen Sie, das braucht ja der Assessor alles nicht! Sie ist eine Natur, und ihm genügt eine schöne reiche Puppe, – Herrgott, wenn Sie, mein junger Freund, und diese Lisel ein Paar würden!«

Schwert versuchte zu lachen. Der alte Herr aber erhob sich mit den Worten: »Lieber, wenn man etwas Tüchtiges thun kann, so muß man’s um Gottes willen nicht versäumen!«

Am anderen Morgen ereignete sich etwas Seltsames. Der Assessor und der Baupraktikant begegneten sich im Führerzimmer; keiner der beiden war noch in diesem Raume gesehen worden. Sie begrüßten einander kühl, und jeder setzte sich an einen anderen Tisch, wo sie mit etlichen Führern den Frühschoppen tranken. Darnach trafen sie sich noch draußen, und es blieb ihnen nichts anderes übrig, als einträchtlich neben einander herzuwandeln.

Drunten auf der Wiese wurde das Heu aufgeladen, und die Lisel in ihrem weißen Kleid stand unter einer Schar Dorfkinder, tollte sich mit ihnen herum und warf sie ins Heu; und zuletzt thronte sie hoch oben auf dem Wagen und leitete ihn selber über die Wiese hin. Da erblickte sie die beiden Männer am Weg oben, und es war aus mit all ihrer Freude, und sie wußte es wieder: ich gehöre nicht mehr mir selber an – ich bin gebunden! Und ist es denn wahr, ist es denn wahr? Warum gehe ich nicht zu ihm hin und sage es ihm? Nein, es ist nicht wahr! Was hat dieser Mensch an sich, das mir den Willen lahmt? – O, nur fort – fort – heraus aus alle dem – hinauf zur Königsspitze!

Was dort geschehen sollte, das wußte sie freilich nicht.

–     –     –     –     –     –     –     –     –    –     –

Frau Werner ging über die abgemähten Wiesen neben dem Suldenbach hin. Lisel war vor zwei Stunden zur Schaubach-Hütte aufgebrochen, um an anderen Morgen die Königspitze zu besteigen.

Die einsame Frau war in tiefen Gedanken; sie hatte eine Unterredung mit dem Direktor gehabt, die damit anfing, daß sie sich ein wenig über den Praktikanten beklagte, der ihr geflissentlich aus dem Wege gehe und ihre freundlichen Fragen nur mit kurzen, unverbindlichen Antworten lohne.

»Ja, warum reden Sie auch mit ihm, wie mit einem kranken Huhn?« hatte der alte Herr herausgepoltert. »Wem Adlersschwingen gewachsen sind, der erträgt die Sprache des Mitleids nicht, auch wenn ihm jene großstädtischen Gewohnheiten abgehen, die von sorgenlosen Verhältnissen mit sich gebracht werden.«

»O, das besticht mich nicht!« fiel ihm Frau Werner in die Rede; »im Gegenteil! ich hätte zum Beispiel gar keine Freude – wenn meine Tochter – wenn dieser Assessor –.«

»Ja, für den ist Ihre Lisel zu gut! Ob sie aber den anderen, ich meine meinen jungen Praktikanten, verdient, das wird sich zeigen!«

Wenn auch Frau Werner unter dem Eigenwillen ihres Kindes oft zu leiden hatte, so war doch in ihren Augen jeder andere verpflichtet, in Lisel eine Vollkommenheit zu sehen, an der schlechterdings nichts auszusetzen war. »Sie stellen,« sagte sie daher mit einem Lächeln gekränkten Mutterstolzes, »Ihren Schützling ja sehr hoch, Herr Direktor!«

»Mit Recht! Er ist ein hervorragend begabter Mensch, und er ist gut und bescheiden; er lebt nur für seine Mutter.«

»Ist sie Witwe, ohne andere Kinder?«

»Ja.«

»Da wird sie sich am Ende nicht von ihm trennen wollen?«

»Hätten Sie das vor, bei Ihrer Tochter zu bleiben, auch wenn sie verheiratet ist?!«

»Unbedingt! Auch meine Eltern sind mir nachgezogen, und wenn ich sie nicht gehabt hätte –«

»Wären Sie vielleicht eine glücklichere Frau geworden! Ja, meine Verehrteste, Sie sind eine blinde, ganz und gar in Bewunderung für Ihr Kind aufgehende Mutter! Wehe dem Schwiegersohn, der es Ihnen an Blindheit und Bewunderung nicht gleich thut! Was aber gefordert wird, wird bald als Zwang empfunden, und so bricht manches Glück zusammen. Ich für meine Person halte nichts von einer Mutterliebe, die sich nicht in den Schatten zu stellen vermag; bei Schwerts Mutter ist das nicht zu befürchten.«

Frau Werner war eine Natur, die über alles grübelte, und so dachte sie auch jetzt auf ihre Weise über die Dinge nach, die ihr der alte Herr gesagt. Wohl war sie eine schwache Mutter, die ihr Kind ungebührlich bewunderte. Unwillkürlich mußte sie zurückdenken. Auch sie war das viel bewunderte Töchterchen schwacher Eltern gewesen, und sie hatte die Huldigungen, die man ihr zollte, als etwas Selbstverständliches hingenommen. Dann kam der Mann, und seine Bewunderung war keine so unbedingte. Er wollte sie anders haben, und sie, überzeugt, daß sie recht war, wie sie war, empörte sich gegen diese Zumutung. Sie ging immer mehr zu ihren Eltern, und der Mann ließ sie gewähren; und eines Tages stand sie an zwei Gräbern, und niemand bewunderte sie mehr.

»Und hat diese Bewunderung nicht eigentlich mein Dasein vergiftet?« sprach sie mit einemmale laut vor sich hin. Ja, ja, sie hatte sich immer für etwas Besonderes gehalten, und sie war nichts Besonderes. Um keines Menschen Freundschaft, um keines Menschen Interesse hatte sie sich bemüht, denn niemand würdigte sie so, wie die Eltern es thaten, niemand war so mit ihr einverstanden, wie diese es waren.

Sie fuhr zusammen. »Ich bin vielleicht mit schuldig an dem Leichtsinn meines Mannes!«

Und dann, hatte sie nicht an ihrem Kinde gehandelt, wie ihre Eltern an ihr gehandelt hatten? Nur, daß sich die gesunde Natur Lisels gegen das Gift sträubte, das die Mutter ihr einzugeben bemüht war. Lisels Wunsch, daß jemand sie beim Schopf nähme und schüttele, war das nicht ein Auflehnen gegen diese beständige mütterliche Bewunderung ?

»Es hat mich getroffen!« murmelte Frau Werner; »aber ich war mir noch nicht klar, ich wußte es noch nicht. Jetzt weiß ich es! Der alte Herr hat mir die Binde von den Augen gerissen. Ich wollte, o, ich wollte, jener liebe, blonde Mensch liebte mein Kind! Ihm würde ich sie anvertrauen! – Und dann – gewiß, ich ziehe mich zurück! Wenn es seine Mutter kann, ich kann es auch! Ich will jene Frau kennen lernen, ich will überhaupt Menschen suchen; man braucht Menschen!«

Sie schaute auf. Es kam da jemand mit purpurrotem Gesicht und völlig atemlos über die Wiese gelaufen. Die Konsulin war’s! Sie winkte schon von weitem und stolperte fast über ihre eigenen Füße.

»Meine Liebe,« überfiel sie die einsame Frau, »ach, meine Liebe, ich kann nicht länger schweigen, es ist mir ganz unmöglich! Ich muß es Ihnen sagen! Bitte, was kann ich dafür, daß mein Herz ein solches Interesse an allen Liebesleuten nimmt? Ich muß etwas thun! Ich muß sie unter meine Fittiche nehmen! Es ginge mir gegen die Natur, nichts zu thun! Und bitte, liebe Frau Werner, aber es ist der Welt Lauf; alle Mütter werden angeführt – jetzt ist es an Ihnen! Ich weiß es und habe es schrecklich lange für mich behalten, und jetzt muß es heraus: Der Assessor ist auch auf die Königsspitze und morgen Abend haben wir in Sulden ein Brautpaar zu begrüßen! Ich, ich gratuliere jetzt schon, meine liebe Frau Werner!« schloß sie völlig atemlos ihren Bericht.

Lisels Mutter war totenblaß geworden.

»Der Assessor auf der Königsspitze?« murmelte sie, ohne weiter auf die geräuschvolle Frau an ihrer Seite zu achten. »Mein Kind, mein Kind!«

»Mein Gott, aber wozu rennen Sie denn?« rief die keuchende Konsulin und suchte sich an Frau Werners Arm festzuhalten. »Ich komme Ihnen ja gar nicht nach!«

Sie stand schon allein.

»Lauf du nur,« sprach sie hinter der Voraneilenden her, »auf die Königsspitze kommst du doch nicht! Mein Gott, diese Mütter! Jede will den Schwiegersohn nach ihrem Sinn haben und erhebt ein Gezeter, wenn so ein junges Wurm nach eigenem Geschmack heiraten will!«

Sie rief ein paar Kinder herbei, die auf der Wiese spielten.

»Holt mir grüne Lärchenzweige aus dem Wald, so viel ihr schleppen könnt und bringt sie hinauf ins Hotel.«

»So!« dachte sie und rieb sich die Hände, »jetzt wird in aller Stille des Assessors und der Lisel Thüre mit Grünem geschmückt, und dann werde ich jedem sagen, daß ich es schon lang gewußt habe. – Ja, was ist denn los?« unterbrach sie sich.

Da kam vom Hotel der Direktor, gestiefelt und gespornt, mit seinem Peter Dangl den Weg herunter. Und Frau Werner begleitete den alten Herrn, der eifrig auf sie einredete. Die Konsulin hörte gerade noch, wie er versicherte: »Ich werde zur Zeit oben sein, nur ruhig!«

»Ja, was, Herr Direktor, wohin denn noch so spät?« schrie sie den alten Herrn an, »das ist ja ganz unverantwortlich, in Ihrem Alter so in die Nacht hinein aufzubrechen!«

»Beruhigen Sie sich! Ich nehme einen Esel bis zur Schaubach-Hütte!« sagte der alte Herr und rannte an ihr vorbei.

»Ja und dann?« schrie sie ihm nach.

»Dann? Nun, dann gilts, daß mir keiner zuvorkomme. Ich habe wieder eine Eroberung im Sinne, wissen Sie!«

»Nein,« wendete sich die Konsulin an Frau Werner, die mit all ihren Gedanken bei dem alten Herrn war, »nun bitte ich Sie, nun hat er’s wieder auf einen jungfräulichen Boden abgesehen! Er wird sich noch den Tod holen mit seiner Kraxelei! Wenn er morgen Abend zurückkommt, lasse ich ihm eine Wärmflasche ins Bett stecken, Schleimsuppe, ein Beefsteak mit Kompot und eine Flasche Wein, das kriegt er, und dann muß er gleich schlafen! – Nun, wie ist’s, meine liebe Frau Werner, haben Sie sich ein wenig ins Unabänderliche gefunden?«

Die neben ihr stehende Frau Werner nickte, indem ihr Blick immer noch die kleine, bewegliche Gestalt des Direktors verfolgte, der nun auf einem Esel saß und zurückwinkte, bis er verschwand. –

Lisel war am anderen Tag mit ihren zwei Führern noch vor Sonnenaufgang auf den Hang zum Königsjoch emporgeklettert. Der Aufstieg war ein äußerst beschwerlicher gewesen, den aber der Neuschnee, in dem man Fuß fassen konnte, einigermaßen begünstigte. Am oberen Grat des Joches gab’s viel Eisarbeit, und jeder Tritt er- forderte die vollste Kraft und Aufmerksamkeit. Lisel, den Eispickel in der Hand, mit Steigeisen an den Füßen und an ihren Führer angeseilt, befolgte gehorsam jeden Wink des alten Hans, der hauptsächlich vor dem Zurückschauen warnte. Mit einemmale bemerkte er: »Wir sind nicht die ersten heute da hinauf.«

Lisel nickte; sie hatte sie längst beobachtet, die frischen Fußstapfen im Schnee, und ihre Gedanken darüber gehabt.

»Nur stad!« mußte der alte Hans alle Augenblick sagen, »nur stad!«

Und endlich standen sie oben auf dem Schnee-Plateau der Königspitze! Lisel atemlos, kaum im stande, sich gegen den von allen Seiten auf sie eindringenden Sturm zu behaupten; unwillkürlich streckte sie die Hand nach ihrem Freunde Hans aus und schloß einen Moment die Augen.

»Guten Morgen auf der Königspitze!« rief eine Stimme dicht in ihrer Nähe. »Kommen Sie schnell! Hier an dieser Ecke am Felsen sind Sie geschützt!«

Es war Schwert, und Lisel folgte ihm.

»Kommen Sie von der Schaubach- oder der Beckmann-Hütte?« fragte sie.

»Von keiner von beiden,« gab er zur Antwort, »ich finde das Übernachten in diesen Räumen schrecklich.«

»Darum hat mir Hans den Willen thun müssen, und wir haben die Beckmann-Hütte genommen. Das halbe Hotel ist zur Schaubach- Hütte aufgebrochen, und wir hatten’s ganz still, nicht wahr, Hans?«

Dieser nickte, indem er ein paar Plaids für sie ausbreitete.

Schwert hatte sich etliche Schritte von dem Mädchen entfernt ausgestreckt und teilte sich mit seinem Führer friedlich in ein robustes Frühstück, das ihnen herrlich mundete. Plötzlich aber ließ er alles liegen und stehen und sprang auf, dem jungen Mädchen winkend.

Im nächsten Augenblick hingen die Blicke der beiden jungen Leute in völliger Selbstvergessenheit an einem goldenen Wölkchen, das langsam hinter der Ortlerspitze hervorkam. Noch eine Minute und alles leuchtete in purpurner Pracht, und aus der Ferne erhoben sich glitzernd die Schneealpen, und dahinter lag die Welt im blauen Dunst.

Ein Rausch erfaßte die beiden Menschen.

Liesel liefen die Thränen über die Wangen. »Man wird ganz – ganz anders hier oben!« stammelte sie.

Schwert sah sie mit einem strahlenden Lächeln an, und sie nickten einander zu und saßen dann still beisammen und schauten das Schauspiel des werbenden Tages an, und wie sich die strahlende Sonne auch in die dämmernden Thäler senkte.

Der Hans hatte, wie ein sorgender Vater, ein reichliches Frühstück vor seinem Schützling ausgebreitet, und Lisel war hungrig und langte wacker zu.

Vor ihnen führte eine schmale Lawinenrinne jäh hinab, unten mit einem grünen Wiesenfleckchen abschließend, das seltsam aus der Umrahmung hervorstach.

»Man sollte nicht mehr hinunter müssen!« sagte Lisel. »Man sollte hier oben ein kristallenes Haus bauen, ganz und gar durchsichtig, daß man immer das Herrliche sähe!«

»Aber die Menschen, die dann kämen!« meinte der junge Mann.

»O, wir ließen nur den Herrn Direktor herauf,« erklärte Lisel, löste ein Stück Schokolade aus dem Stanniol und brach es entzwei. Sie teilen doch mit mir?«

Er nahm’s, sah es aufmerksam an und murmelte leise: »Lind-Schokolade.« Da fiel ihr ein: »Eine solche Tafel habe ich ihm schon einmal gegeben,« und indem sie sich selber ermahnte: »Führe ihn nicht in Versuchung,« fragte sie auch schon: »Kennen Sie diese Schokolade?«

»Ja! Ich bekam einmal eine solche Tafel von einem unbekannten Christkindchen beschert.«

»Und Sie haben sich keine Mühe gegeben, es kennen zu lernen?«

Da sah er sie an, »Wenn das Christkindchen Lust hat, kann es sich offenbaren.«

Lisel errötete und es ging ihr wie ein Stich durch die Seele: »Der Assessor ist ein Verleumder! Hat er nicht gesagt, dieser Mensch warte nur auf die Gelegenheit, mir eine Erklärung zu machen?«

Doch was war das?! – Sie hatte sich vergessen, eine kurze selige halbe Stunde lang, und jetzt, als sie aufblickte, stand er, dessen sie eben als Verleumder gedacht, vor ihr!

Der Assessor war da im Schnee heraufgekommen, mühevoll, und gab sich die erdenklichste Mühe, so wenig erschöpft wie möglich drein zu sehen, was ihm aber nur schlecht gelang.

In weniger als fünf Minuten saß Lisel auf einem bequemen Kissen, über ihr balancierte ein roter Schirm, der im Schnee stak, und sie aß von einen silbernen Tellerchen kandierte Früchte. Der Assessor bediente sie und that so, als seien sie beide ganz allein und nicht ein dritter da. Und rings um sie her eine herrliche Gletscherwelt, auf die er noch keinen Blick geworfen hatte!

Lisel saß da, wie gelähmt, wie von einem bösen Geist in Bann gethan, und wagte nicht, die Augen aufzuschlagen. »Für ein kurzes Spiel ein ganzes Leben der Pein! Ist das nicht zu hart?« sprach es in ihrem Innern. »O, warum kann ich gegen die Macht dieses Menschen nicht aufkommen? Was ist das? Was ist das?«

Da hüstelte er, und sie blickte in die Höhe, – Sie sah ihn sitzen, müde und bleich, der Wind riß ihm das peinlich gescheitelte Haar auseinander. Sie wußte selber nicht, wie ihr geschah, aber der Zauber war gebrochen! Der Mächtige, Sichere, er bot da oben den Anblick eines fröstelnden, beinahe ängstlichen Mannes! Der andere aber saß dort so ruhig, so vertraut mit der scharfen Gletscherluft, so eins mit dem Bilde rings um ihn her!

Da flog das silberne Tellerchen in den Schnee, und das Mädchen sprang auf, den ersten besten Stock vom Boden aufraffend, und schaute die beiden Männer mit sprühenden, blitzenden Augen an.

»Wer folgt mir nach?!« Und fort sauste sie, die Lawinenrinne hinunter, stehend, auf den Stock gestützt, wie der Blitz!

Sie hatte das gelernt beim alten Hans – so jäh freilich war’s nie gegangen, als hinunter zur grünen Wiese!

Doch da! – Ein Entsetzen erfaßte das Mädchen! Wo war sie nur hingekommen? Da unten war’s ja schwarz, schwarz wie die Nacht, und eine Spalte that sich auf, unabsehbar!

Ein schweres Atmen, ein heiseres Keuchen, und jemand sauste an ihr vorbei, – sie sah nicht, wer, sie fiel und rutschte liegend weiter mit geschlossenen Augen. – Dann gab’s einen Ruck!

»Das Ende!« schrie sie unwillkürlich.

»Nein, nein! – Mut, Mut!«

Wer sprach da? Was war das für ein warmer Hauch, der ihr über’s Gesicht hinging?

Ein Antlitz, seltsam starr und versteinert, beugte sich über sie hin.

Sie wollte sich aufrichten.

»Um Himmels willen, nicht rühren! Da unten ist der Abgrund! Wir können nichts thun, wir müssen warten!«

Lisel erhob das Haupt, jetzt erkannte sie ihn; der Mensch, der vor ihr kniete und zu ihr sprach, war Schwert!

»Gott sei Dank!« stammelte sie, und das Gesicht auf ihre Kniee legend, brach sie in ein krampfhaftes Schluchzen aus. –

Schwert beobachtete die drei Männer, die langsam und sicher ihre, mit Steigeisen bewaffneten Füße in die Rinne setzten und so herunterkamen. Zum Glück stand die Sonne noch nicht hoch genug, um das Abtauen des Schnees zu befördern, sonst – eine Lawine von oben, und sie wären alle verloren gewesen!

Aber die wackeren Männer waren zur Stelle, bevor es zu spät wurde, und in weniger als zehn Minuten war alles zum Aufstieg bereit.

Rechts von der Rinne, über einen Felsenkamm ging’s, und dann die Gletscherwand hinan. Der junge, kräftige Hans-Sepp schlug die Stufen ein; von Zeit zu Zeit stieß er einen kurzen Ruf aus, dann warf sich alles aufs Gesicht, und ein Regen von Stein- und Eisstücken ging über sie weg.

Zuweilen sank Lisel vor Erschöpfung in die Kniee, aber der alte Hans riß sie immer wieder auf.

»Mut, Mut!« tröstete er, »jetzt sind wir gleich oben am Schnee, und dann sind wir fein heraus.«

Schwert redete und scherzte hinter ihnen mit den Führern, als ob nichts wäre, als habe er nicht noch soeben sein Leben für ein anderes aufs Spiel gesetzt. – Aber in seiner Stimme zitterte etwas, und das hörte, das fühlte nur sie.

Endlich kletterten sie über den das Schneeplateau und den Gletscher scheidenden Felshang, und jetzt hieß es rasten.

Nichts glich der Sorgfalt, mit der die rauhen Gebirgsleute das erschöpfte Mädchen umgaben. Der eine legte ihr seinen Rucksack unter den Kopf, der andere deckte ihr seine Jacke über die Füße; sie nötigten ihr einen Schluck Cognac auf und setzten sich dann alle um sie herum.

»Ja, die Lisel,« hieß es, »die kann’s!«

»Brav hat sie sich gehalten, die Lisel!«

»Ich bitte euch,« wehrte sie, »ich habe euch alle in Lebensgefahr gebracht! Was habt ihr für mich gethan!«

Sie lachten auf:

»War gar nix! – Ja freilich, der Herr dort, das ist schon ’was gewesen! – Ja, das war ’was!« gaben sie einstimmig zu.

Schwert stand an ein Felsstück gelehnt, die Hände in den Taschen, und pfiff.

Aber als ihr Blick ihn suchte – großer Gott, konnte eine menschliche Brust so viel Seligkeit fassen, wie sie aus seinen Augen strahlte?!

 Nein, es war nicht ratsam, einen zweiten Blick nach jenem Menschen hin zu thun.

Plötzlich schrie er laut auf und schwenkte die Arme.

»Hurra! Hurra!«

Da oben, am Kamm des Schneeberges, bewegte sich etwas her, ein wunderliches Gespann, das einer stehend leitete und aus dem ein kleines vermummtes Köpfchen ragte, das sich lebhaft hin und her bewegte.

»Das ist der Direktor,« freuten sich die Führer, »das ist der Dangl mit seinem Direktor!«

Und sie schrien und winkten dem alten Herrn entgegen, der wie der Wind über die Schneefläche heruntergejagt kam und dann schimpfend und polternd seinem Plaid entstieg.

»Also das ist der jungfräuliche Boden, den ich im Schweiße meines Angesichts zu erobern hoffte, und auf dem sich’s die halbe Hotelgesellschaft bequem gemacht?«

Er schaute sich nach allen Seiten um, »Wo sind denn die anderen?«

»Es fehlt niemand,« behauptete der alte Hans, »und wir wären auch schon lang herunter, aber die Lisel hat einen kleinen Seitensprung gemacht. – Ja, ja, und ’s wär’ leicht um sie geschehen gewesen – ohne den jungen Herrn.«

»So!« Der Direktor sah sich die beiden an und nickte dann vergnügt vor sich hin, »Auf nach Valencia!« kommandierte er.

Und die ganze Gesellschaft setzte sich in Bewegung.

Es dunkelte, als man an der Schaubach-Hütte ankam.

Dort wartete ihrer ein Führer, der ihnen mit einem Esel entgegengeschickt worden war.

Der Assessor habe das im Sulden-Hotel so angeordnet; er hatte dort ausgerichtet, die Gesellschaft habe noch einen kleinen Umweg unternommen, der ihm zu weit gewesen sei.

»Und das schickt er der Lisel,« fügte der Führer seinem Berichte hinzu und übergab dem Mädchen ein kleines Päckchen, »und der Herr Assessor läßt recht schön grüßen.«

Nach kurzer Rast ging’s beim herrlichsten Mondschein den schmalen Pfad ins Suldenthal hinunter, voraus die Lisel auf einem Esel, den Schwert am Zügel führte.

 Der Herr Direktor kam erst weit hinten nach; der alte Herr behauptete steif und fest, sein Esel sei die Bosheit selbst, und er müsse daher sämtliche Führer um sich haben, falls ein Unglück passiere.

Zum alten Hans sagte er: »Ihr wißt, die zwei da vorne muß man jetzt allein lassen!«

Und dann ließ er sich erzählen, was eigentlich auf dem Hoch-Plateau der Königspitze geschehen war.

Einstweilen war zwischen den beiden jungen Menschen, die man sich selber überlassen hatte, noch kein Wort gesprochen worden.

Mondesglanz lag über der seltsamen Gruppe, deren Schatten an der Felswand oder über den Boden hinhuschten.

Schwert schritt gesenkten Hauptes dahin, und Lisel wußte genau, in dem Augenblicke, als ihr der Führer das Päckchen mit einem Gruß vom Assessor überreichte, hatte sich’s über ihres Lebensretters Züge wie ein Schatten gelegt – und seither hatte er sie nicht wieder angesehen.

Sie mußte reden, und sie wollte auch, aber es war nicht leicht; das Herz klopfte ihr bis hinauf in den Hals, und eigentlich hätte sie lieber geweint und –.

Aber nein, es mußte sein!

»Diesen Ring,« hob sie zitternd an, »hat mir der Assessor soeben geschickt – er gehört mir. – Ich muß Ihnen seine Geschichte erzählen – sonst verstehen Sie ja nicht – was ich – was ich gethan. – – Es hat mir geschmeichelt, daß dieser Mensch sich für mich interessierte. Er hatte so etwas Glänzendes, Sicheres. – Ja, es ist wahr, ich ließ mir von ihm den Hof machen – und ich habe ihn mir schon von vielen andern auch machen lassen. Aber der – ! – Vorgestern Abend nahm er mir den Ring vom Finger – ich sei gebunden – er sei kein Mann, mit dem man spiele, – und was er noch sagte. – Ich wollte nicht – o nein! Ich war unglückselig, aber ich war wie gelähmt – denn ich fühlte mich schuldig – und darum machtlos. – – Aber wie er nun da heraufkam – da war ich auf einmal wieder ich selber. – Es hat mich ergriffen, ich weiß nicht wie! Hinaus hab’ ich müssen, aus alle dem – und ich hab’s gewußt: der geht nicht mit! Ich hab’s gewußt« – fügte sie kaum hörbar hinzu, »der andere thut’s!«

Da wurde es still auf dem schmalen Pfad des mondbeschienenen Ebenwand-Ferners, und es waren mit einemmale ganz veränderte und wechselvolle Schattenbilder, die da über den Weg und längs der Wände hinhuschten – Schattenbilder von zweien, die sich umschlungen hielten, und deren Häupter immer und immer wieder wie in eins zusammenschmolzen.