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Hermine Villinger – Revisors

Novelle

aus: Hermine Villinger, Aus unserer Zeit, Verlag von Adolf Bonz & Comp., 1897, S. 199ff.

Wenn der Herr Revisor durch die drei Gassen und über den Platz zu seinem Bureau schritt, machte er den Eindruck eines von seinem Werte durchdrungenen Angestellten. An seinem vertragenen, fadenscheinigen Überzieher haftete kein Stäubchen, und der braune Filzhut, obzwar er nach allen Richtungen hin Lichter warf, war in der Fasson völlig tadellos geblieben, denn der Herr Revisor richtete es so ein, daß er die Bekannten, die ihm auf der Straße begegneten, immer erst erkannte, wenn er sie schon fast im Rücken hatte, so daß er bloß noch rasch mit der Hand zum Hut zu fahren brauchte.

 In seinem Amte war er ein zuverlässiger, unermüdlicher Arbeiter; nur glaubte er alles besser zu wissen als sein Vorgesetzter, mit dem er sich im Innern genau auf eine Stufe stellte, denn der Ursprung seiner demokratischen Anwandlungen war allein der, daß er lieber befohlen als gehorcht hätte.

Zu Hause war er dann der Herr; kaum erschien er im Hausflur, trat schon die allzeit gehetzte Frau aus der Küche, nahm ihm sorgfältig Hut und Mantel ab, und der Gatte fuhr mit einem Gekrächze in seinen Schlafrock, dessen Rücken eine bunte Musterkarte bildete von allen möglichen Farben und Stoffen, die einst in der Familie gangbar gewesen. Dann schritt der Revisor in dem langen, düsteren Raume, der zugleich Eß- und Wohnzimmer war, auf und ab, die Hände in den Hosentaschen und gab sich seinen schwarzen Gedanken hin; denn er litt an einer chronischen Angst, nicht auszukommen, an der quälenden Vorstellung, seine Kinder möchten mißraten; die Jüngste sagte von ihm, wenn er mit seiner gedankenschweren Stirne so dahinschritt: »Der Vater nagt wieder am Hungertuch.«

Dabei schleiften ihm die Quasten des Schlafrockes nach, und eine allerliebste kleine Katze hatte ihr Vergnügen dran, immer wieder aus einer Ecke heraus, auf diese Quasten loszuschießen und sich so fest daran zu haken, daß sie der gestrenge Herr wohl oder übel mit hinter sich her schleifen mußte. Er fuhr dann freilich wütend herum, das Kätzchen verkroch sich, um aber schon im nächsten Augenblick sein possierliches Treiben von neuem zu beginnen. Die älteste Tochter, die sich aufs Lehrerinnenexamen vorbereitetes und am Fenster saß, hinter einem Tisch mit Heften und Büchern, sah immer wieder mit mühsam unterdrücktem Lachen dem Kampf zwischen Vater und Kätzchen zu, sich dabei die Hände gegen die Ohren pressend, denn eine jüngere Schwester, die eben der Schule entlassene Hedwig, saß am Klavier und haspelte mit ihren dünnen, blutlosen Händen eine Etüde herunter. Sie war vom Vater zur Klavierlehrerin bestimmt worden, weil es sich gerade schickte, daß ein Jugendbekannter des Revisors, ein Hofmusikus, ihr und dem Bruder die Stunden um ein billiges erteilte.

Der Herr Revisor blieb von Zeit zu Zeit am Fenster stehen und lauschte vorgebeugten Hauptes in den kleinen, unwirtlichen Hof hinaus, und wenn die kratzenden Töne eines fernen Cellos recht vernehmlich an sein Ohr schlugen, so war er zufrieden und nahm seinen sorgenvollen Spaziergang, mit dem ausgelassenen Kätzchen im Gefolge, wieder auf.

Kurz nach zwölf Uhr erschien die zweite Tochter, die Telegraphistin, und mit ihr die jüngste, die noch zur Schule ging; sie warf sich mit lautem Jubelgeschrei auf die Erde nieder, um mit dem Kätzchen zu spielen.

 »Du sollst lernen und dich setzen,« fuhr sie der Vater an.

»Ich bin den ganzen Morgen gesessen,« begehrte die Kleine auf, »und das Kätzle hat mir die Anni angeschafft, damit ich eine Freud’ hab’.«

»Fratz,« knirschte sie der Vater an, ließ sie jedoch gewähren.

Sie, das Nesthäkchen, war die einzige von den Geschwistern, die dann und wann ein wenig Freiheit genoß; Schwester Anni wirkte ihr die nötige Spielzeit aus; sie hatte keine gehabt, ihre zarten, schmalen Schultern waren von früh auf über die Gebühr belastet gewesen, und sie sah mit ihren neunzehn Jahren nicht reifer und entwickelter aus, als zähle sie sechzehn; ein verkümmertes Knöspchen, das nur der Sonne bedurfte, um aufzubrechen.

Kurz vor halb eins verließ sie das Zimmer mit den Worten: »Ich will den Füchsle holen,« und eilte die paar Treppen hinauf, in die Dachkammer zum Bruder. Er und sein Handwerk – er war zum Hofmusikus bestimmt, da er in der Schule nicht nachkam – standen selten in Einklang mit einander, und das Gekratze, das er seinem Instrument entlockte, wobei jämmerliche Seufzer und heulende Töne seinem Munde entfuhren, bildeten eine nicht eben harmonische Musik, die diesem Schmerzensgemach entquoll.

So fand ihn die Schwester meistens und wußte ihn immer zu trösten, indem sie ihm das fuchsrote Haar streichelte oder die Thränen von den Wangen trocknete; manchmal steckte sie ihm auch irgend etwas Süßes in den Mund, was immer den besten Erfolg hatte. Aber der Stoßseufzer des armen geplagten Buben blieb doch derselbe: »Ach, wenn ich doch lieber Hausknecht als Hofmusikus werden dürfte!«

Zu Mittag gab’s eine dicke Suppe mit Würsten und Kartoffeln, und der Hausherr würzte das Mahl mit seinen schwarzen Gedanken, die ihm am Seelenfrieden nagten.

»Großer Gott, Anni,« hub er an, »ich bin überzeugt, du fällst im Examen durch, und was dann? Habe ich einen Pfennig für außergewöhnliche Fälle übrig? Wenn’s glatt geht, reicht’s, weiter aber nicht; ja, ja, ein Angestellter, daß Gott erbarm! Da meinen die Leut wunder was; aber jeder Arbeiter, jeder Handwerker kann sich einmal einen vergnügten Tag machen, unsereins nie, nie! Wie laufen die Mädel vom Anstreicher Wehrle herum, sechs Federn auf einem Hut!«

»Es sind Blumen, Vater,« belehrte ihn die Kleine.

»Meinetwegen Kohlköpf’!« brummte der Vater.

Anni aber dachte: »Und doch erlaubt der Vater nicht, daß der arme Füchsle ein Handwerk ergreift, schilt nur immer auf seinen Stand und ist doch hochmütig drauf; wie hat er getobt, als ich ihm sagte, ich möchte am liebsten ein besseres Kindermädchen oder eine Stütze der Hausfrau werden. Was, hat’s geheißen, eine Revisorstochter! Eine Revisorstochter! Ach und wie viel wohler wäre mir, ich dürfte mich mit Kindern abschleppen, oder treppauf, treppab laufen, statt ewig still sitzen und auswendig zu lernen.«

In den andern Mädchen regte sich nichts; sie waren zu bleichsüchtig und zu müde, um überhaupt einen Willen zu haben; und die Mutter mit ihrem ängstlichen, gezogenen Gesichtsausdruck, der von einem beständigen Kostenüberschlagen erzählte, sie überließ in Gottesnamen dem Mann das Reden und bewies ihre Liebe durch ihr nimmermüdes Kleiderwenden, Flicken einsetzen und Strümpfe stricken.

»Ja, und die beiden dort,« seufzte der Revisor, und sein Blick streifte die zwei kummervollsten Gestalten am Tisch, die Musikanten, »die kommen auch nicht weiter – es muß mehr geübt werden, mehr geübt –«

»Aber sie üben ja schon vier Stunden im Tag,« wagte Anni zu erinnern.

»Das ist nichts,« fiel ihr die Jüngste ins Wort, »es muß sich mindestens zu Tod geübt werden.«

»Ja, du übermütiger Fratz,« wandte sich der Revisor an seine Jüngste, »jetzt kommt’s auch an dich, jetzt heißt’s, was soll aus dir werden?«

»Ich weiß es schon,« behauptete die Kleine.

»So, nun was denn?«

Sie sprang auf, setzte sich die kleine Katze auf den Kopf, verneigte sich bis auf die Erde und erklärte: »Eine schöne Empfehlung und ich verrat’s nicht!«

Die Schwestern lachten, auch die Mutter; der Vater schnitt ein Gesicht und räusperte sich; im Innersten thaten ihm ja seine armen, geplagten Kinder selber leid, aber merken lassen durfte man’s nicht, denn verwöhnte Kinder arten aus. »Das giebt alles Lumpe,« sagte er von den Schulkameraden seines Sohnes, wenn er sie auf der Gasse spielen sah.

Eines Tages aber sollte er das erste, freudige Resultat seiner Mühen und Sorgen und unausgesetzten Predigten erleben: Anni hatte ihr Lehrerinnenexamen bestanden und war sofort an der Schule in Oberau, drei Stunden von den Ihren entfernt, angestellt worden.

So fuhr sie denn zum erstenmal in ihrem Leben zur Heimatstadt hinaus in die Fremde, und zwar recht schweren Herzens, denn Eltern und Geschwister kamen ihr entsetzlich hilflos und verlassen durch ihr Weggehen vor; sie allein wußte ja, was sie alles heimlich für die Ihrigen gethan oder ihnen aus dem Wege geräumt; wer that das jetzt? Sie hatte zwar den größern Schwestern die Kleine ans Herz gelegt, daß sie sich ihrer annähmen und die nötige Spielzeit auswirkten, damit das Kind heiter und gesund bleibe. Und ihr, der jüngsten, empfahl sie den Bruder, sie möge ihn in seiner Dachkammer zuweilen besuchen, ihm Gesellschaft leisten und ihn trösten, wenn ihn die Verzweiflung überkomme.

Aber auch die eigene Zukunft machte ihr Sorgen; sie war so klein und schmächtig, hatte zeit ihres Lebens gehorchen und sich ducken müssen, wo sollte sie nun mit einemmale den Mut hernehmen, die nötige Strenge, um sich vor einer Schule voll Bauernkinder in Respekt zu setzen.

Als sie jedoch in das kleine Oberau einfuhr, war’s plötzlich mit aller Zaghaftigkeit vorbei, und eine unbeschreibliche Freudigkeit erfüllte ihre junge Seele. Das kleine Dorf lag wie im Brautschmuck vor ihr da, die Häuser fast versteckt zwischen den duftig blühenden Obstbäumen, ein paar Hühner gackerten, ein Kätzlein, das sie an das eigene zu Haus erinnerte, sprang über den Weg. Dem jungen Geschöpf zog’s wie eine beglückende Ahnung durch die Seele: es giebt auch Friede in der Welt, nicht nur Sorgen und Angst, nicht vorwärts, oder nicht auszukommen.

Sie bezog eine große, geräumige Dachstube beim Bürgermeister, gegenüber dem Kronenwirtshause.

Ein paar Tage nach ihrer Ankunft saß sie an ihrem kleinen Tisch am Fenster und schrieb nach Hause. Es war Sonntag, vor ihr stand ein Fliederstrauß, den ihre lieben, freundlichen Kinderaugen immer wieder mit Entzücken betrachteten.

»Meine lieben Eltern!

Wenn Ihr’s doch nur alle so gut hättet, wie ich es hier getroffen; von Überanstrengung keine Rede; denkt Euch, ich gehe sogar des Abends ein wenig spazieren, was mir freilich ganz sündhaft vorkommt. Sie, Fräule, ruft der Bürgermeister, so oft er mich oben am Fenster sitzen sieht, gehe Sie an d’ Luft, daß Sie rote Backe kriege! –

Die Kinder sind freilich noch nicht ganz zutraulich und scheinen zu merken, daß ich ein wenig verlegen vor ihnen bin; am unfreundlichsten sind aber die Weiber; neulich hörte ich eine sagen: Wir sind halt einen Lehrer gewöhnt, was kann man denn von so einem Weibsbild erwarten.

Aber außer der Schule habe ich’s wundervoll; Ihr solltet nur sehen, wie ich eingerichtet bin; mein Bett ist vorzüglich; ich habe einen Schrank, eine Komode und einen Tisch; ich darf mir auch Blumen aus dem Garten des Bürgermeisters holen, so viel ich will. Besonders gut ist die Kronenwirtin, bei der ich für zwanzig Pfennig einen großen Teller Suppe und ein Stück Fleisch bekomme. Ich werde voraussichtlich außerordentlich viel ersparen, und das soll meinen Geschwistern zu gut kommen.«

Aber die Schulzeit war in der That eine Leidenszeit für Anni.

Der Lehrer, der früher an ihrem Platz gesessen und mit dem Lineal auf den Tisch geschlagen, hatte einen ganz anderen Eindruck gemacht, als die kleine Lehrerin mit ihrem schüchternen Stimmchen; sie mußte die Thüre schließen, sonst liefen ihr die Kinder mitten aus der Stunde fort. Einmal bestrafte sie zwei vorwitzige, kleine Mädchen, indem sie ihnen befahl, in die Ecke zu stehen; sie verweigerten den Gehorsam, und die junge Lehrerin holte sie aus der Schulbank und schob sie an den Ort ihrer Bestimmung. Als sie des Nachmittags wieder zur Schule gehen wollte, wurde sie unter der Thür des Kronenwirtshauses von zwei Weibern abgefaßt, die sie streng zur Rede stellten, was sie sich mit ihren Kindern unterstanden habe. Anni war so verblüfft, daß ihr nicht gleich eine Antwort einfiel; über ihr aber, aus einem Fenster der Krone, ließ sich plötzlich eine männliche Stimme vernehmen:

»Nun, was soll denn den Kindern geschehen sein?«

Die Weiber wurden ein wenig verlegen: »Sie braucht sie nicht wegen nix ins Eck zu stellen,« meinte eine.

»Ich will euch was sagen, geht heim,« belehrte sie der junge Kronenwirt, welcher Aufforderung sie ohne den geringsten Widerstand nachkamen.

Der Alt-Kronenwirt war gestorben, und der einzige Sohn des Hauses war eben aus Paris zurückgekommen, wo er sich zum tüchtigen Koch ausgebildet hatte. Er war ein manierlicher, netter und guter Mensch, der sich mit allerlei großen Ideen trug, für die sich jedoch die konservative und bedächtige Mutter nicht zu erwärmen vermochte.

»Ich mach’ nimmer mit,« fiel sie ihrem Emil ins Wort, wenn er mit seinen Plänen loslegte, »ich paß’ nicht mehr in die neumod’sche Welt, dazu mußt du dir eine Frau suchen.« –

Das wollte er auch, allein vorderhand war er ganz Teilnahme für die kleine, schmächtige Lehrerin gegenüber, die so oft mit rotgeweinten Augen zum Mittagessen kam, das man ihr im Herrenstübchen der Krone servierte.

»Sind sie wieder unbändig gewesen, die Rangen?« fragte er eines Tages, indem er die Suppe und ein schönes Stück Braten vor das junge Mädchen hinsetzte.

»Ach ja,« seufzte Anni, »es war wieder recht arg heut’ - aber,« setzte sie errötend hinzu, »Braten – das ist nicht ausgemacht.«

»Sie müssen es schon so hinnehmen,« sagte Emil, »es ist heut’ nichts anderes da.«

Das ging nun so fort, Anni bekam alle Tage etwas Besseres, und mußte es eben hinnehmen, da Emil mit seinem ehrlichen Gesicht versicherte, es sei nichts anderes da. Auch Ratschläge gab er ihr, wie sie fester auftreten und die Kinder tüchtiger strafen müsse; am empfindlichsten sei ihnen das Nachsitzen; sie sollte es einmal versuchen.

Die Gelegenheit, Emils Vorschlag in Anwendung zu bringen, ließ nicht auf sich warten; Anni erklärte eines Morgens der ungebärdigen Kinderschar: »Ihr bleibt heute alle bis zwölf Uhr da, und wir lesen.«

»Aber wir essen um elfe!« schrien sie durch- einander.

»Das ist mir einerlei, ihr bleibt bis um zwölf, und seid ihr nicht auf der Stell’ still, so bleibt ihr bis um ein Uhr da.«

Es entstand ein großer Tumult; Anni starrte in ihr Buch und gab sich die erdenklichste Mühe, streng und hart auszusehen; in Wahrheit war ihr das Weinen nah; sie brachte es jedoch dahin, es wurde gelesen. Eine halbe Stunde ging so herum, als jemand die verschlossene Thüre des Schulzimmers zu öffnen suchte, und eine Stimme fragte: »Warum kommen unsere Kinder nicht heim?«

Anni öffnete ein Fenster und rief hinaus: »Wer ist da und was wollen Sie?« Ein paar Weiber versammelten sich vor dem Schulhaus. Warum die Kinder nicht heimkommen? fragten sie barsch. »Weil sie unartig waren und nachsitzen müssen.« »Das leiden wir nicht,« hieß es, »wir haben’s Ihnen schon lange sagen wollen, Sie sind uns zu jung, wir wollen wieder einen Lehrer haben, zu dem man auch Zutrauen haben kann.« – »Ich bin gar nicht mehr so jung,« versicherte Anni, ganz blaß vor Erregung, »und außerdem bin ich hier vom Staat angestellt, und niemand hat etwas in der Schule zu sagen als ich.« – »Hoho, der Hochmut, der Hochmut,« hieß es, »nein, so was darf man nicht hingehen lassen.«

»Was giebt’s da?« ertönte plötzlich die Stimme des jungen Kronenwirts, der wie aus den Wolken gefallen mitten unter dem erregten Weibervolk stand, »was habt denn ihr da zu suchen?«

»Sie will uns lehren, wir hätten ihr nichts zu sagen,« hieß es, »so eine dürre Mamsell, so eine miserable –« »Und jetzt will ich euch was sagen,« unterbrach sie der Emil, »dem Staat war sie dick genug, denn es hat noch nirgends gestanden, daß der Verstand im Fett sitzt; dagegen, wer eine Person beleidigt, die die Obrigkeit angestellt hat, der kommt ins Loch; macht also, daß ihr weiter kommt und muckst euch nimmer, sonst zeig’ ich euch an, und die Mütter von Oberau werden vom Gendarm ge- holt.«

Für die junge Lehrerin aber hatten von diesem Tage an die Prüfungen ein Ende; die Mütter von Oberau wußten nun, mit wem sie’s zu thun hatten und ließen das Ansehen der Lehrerin gelten, und die Kinder folgten ihrem Beispiel. Anni kam jetzt alle Tage mit lachenden Augen ins Herrenstüble der Krone; der Emil erzählte ihr von seinen Plänen, von dem schönen Hotel, das er bauen wollte, droben im Wald; die harzige Tannenluft, der freie Ausblick und die beträchtliche Höhe eigneten sich nach seiner Meinung prächtig zu einer Sommerfrische, und er, Emil, habe genug gelernt in der Fremde, um zu wissen, wie’s die Herrschaften brauchten. Und Anni erzählte von den Ihren daheim, von den Eltern, die sich sorgten und mühten, von den armen Geschwistern, die unter dem Joch einer unliebsamen Berufsthätigkeit seufzten, und sie schloß allemal mit Augen, die voller Thränen standen: »Es ist und bleibt mein einziger Kummer, daß ich’s allein von allen so gut haben soll.«

Bei Revisors ging’s in der That seit Annis Abwesenheit mit jedem Tage schlimmer; sie wußten selber nicht, was es war, was so in ihnen wogte und tobte und immer wieder zu Kämpfen Anlaß gab; aber mit Anni war die milde Ölspenderin gewichen, die allezeit die Herzen besänftigt und heranziehende Unwetter im Keim erstickt hatte.

 Der Musikus, der den Füchsle unterrichtete, riß ihm fast die Ohren ab und beklagte sich alle Tage über die Talentlosigkeit des Sohnes; und der Revisor war und blieb der Meinung, diesem Mangel sei einzig nur mit Schlägen abzuhelfen. Schließlich erfaßte den Buben eine solche Verzweiflung, daß er seiner, ebenfalls unter dem Joch der Musik seufzenden Schwester Hedwig den Vorschlag machte: »Du, wir wollen uns ein Stück vom rechten Zeigefinger abhauen, dann hat’s Üben ein End’.« Sie meinte: »Ja, wenn’s nicht weh thät’.« »Bewahr’, ich mach’ dir’s vor,« erklärte er ruhig entschlossen.

Im Hof, vor dem Holzstall, legte er den Finger auf einen Klotz und schlug ohne langes Besinnen mit dem Beil darauf los. Es gab eine tiefe Klaffwunde, aus der das Blut in solchen Strömen stoß, daß die nervenschwache Hedwig mit einem lauten Aufschrei auf die Erde stürzte und heftig aus der Nase zu bluten begann. Auf das Geschrei des Buben kam die Mutter herbei, und nachdem sie die beiden verpflegt und beruhigt hatte, erfuhr sie den Hergang der Sache, und der Füchsle beschwor sie unter Thränen, dem Vater nichts zu sagen. »Sei nur still, es soll dir nichts geschehen«, beruhigte ihn die Mutter.

Als die Kinder schliefen, erzählte sie ihrem Mann, auf welche Weise sich die beiden hatten frei machen wollen von der Last des Übens, und welche Angst sie nun vor dem Vater hätten.

»Du mußt sie aber nicht strafen,« setzte sie hinzu, »es ist eben so gekommen, weil du sie hast hinauf zwängen wollen; das hat sich gerächt, sie sind ja so elend von dem vielen Üben, daß es einen erbarmt, wenn man sie nur anschaut; merkst du’s denn gar nicht?«

Der Revisor gab keine Antwort; er gehörte zu jenen Menschen, die es sich nicht um eine Welt eingestehen, wenn sie unrecht gehabt. Aber er schlief nicht; er lag die ganze Nacht mit einem Druck auf dem Herzen da, und am andern Morgen beim Frühstück sah er keines seiner Kinder an; es war Sonntag, und zum erstenmal seit Jahren begann der Morgen weder mit Klavier- noch Celloübungen; dagegen kam ein Paket von Oberau, und als es die Mutter öffnete, kam ein prächtiger Schinken zum Vorschein, an dem ein Zettel mit folgendem Inhalt hing: »Liebste Eltern! Diesen Schinken schickt Euch die Kronenwirtin, bitte, ihn heut’ zu kochen und den Kindern einen freien Tag zu geben.«

»Ja, wenn wir die Anni nicht hätten!« sagte der Fratz.

Die Mutter wischte sich eine Thräne von der Nase und trug den Schinken in die Küche; die Mädchen unternahmen einen kleinen Spaziergang, und der Füchsle, der sich nicht vom Schinken zu trennen vermochte, stand am Herd und sah ernsthaft dem Kochen zu. Der Revisor ging drinnen in der Stube in seinem Schlafrock auf und ab; er ließ das Kätzchen nach Lust mit seinen Quasten spielen, starrte finster vor sich hin und brach von Zeit zu Zeit in den Stoßseufzer aus: »Ich weiß mir keinen Ausweg.«

Um zwölf, als die Mädchen den Tisch deckten, läutete es draußen; Füchsle ging, um zu öffnen. Mit einemmal hörten sie in der Stube ein lautes Geschrei und stürzten alle hinaus. Da hing er am Hals eines jungen, rosigen Geschöpfes, und im nächsten Angenblick wußten sie’s – die Anni war wieder da – ach, und was hatte sie für ein rundes, glückseliges Gesichtchen!

»Gott, wie sie neben den andern aussieht,« entfuhr es halb freudig, halb schmerzlich der Mutter, »Anni, laß dich anschauen.«

Der Vater, immer sparsam, auch wenn es sich um Gefühle handelte, erhob den Zeigefinger: »Aber, aber, die teure Reise!«

»Ach jetzt,« fiel ihm der Fratz ins Wort, »sie wird keine Million kosten!«

Der Füchsle erkundigte sich bei der Schwester: »Darf ich den Packen vor der Thüre hereinholen?«

»Ja, ja.« Anni atmete tief auf.

»Es ist eine Linzertorte und ein paar Flaschen Wein – ja und das – das –«

 Sie ging hinaus und kam mit Emil wieder: »Das ist mein Bräutigam – wenn ihr’s erlaubt.«

»Natürlich!« schrie der Fratz, nahm das Kätzchen auf und drehte sich wie ein Wirbelwind um den Tisch herum.

Beim Mahle, nachdem sie alle ruhiger geworden, ging’s ans erzählen; die Eltern erfuhren, wer der Bräutigam war, und Anni, die in Todesangst gelebt, der Vater könnte sich ihrer bürgerlichen Wahl widersetzen, sah mit Erstaunen, wie sich die Miene ihres Vaters beinahe bis zu einem Lächeln erhellte.

»Ja, der Emil,« sagte sie mit einem liebevollen Blick auf die Geschwister, »der Emil hat gesagt, alle könne er brauchen, wer Lust habe, uns bei der Arbeit zu helfen, denn nicht wahr, Vater, jetzt wird vieles anders bei uns, jetzt darf jedes werden, was es will?«

Der Revisor wollte etwas sagen, aber es kam nur ein unverständlicher, merkwürdiger Ton aus seiner Kehle, und Anni, schnell bemüht, dem Vater über diese ihn offenbar sehr beschämende Anwandlung weg zu helfen, wandte sich an ihre jüngste Schwester: »Nun, Fratz, und wie ist’s mit dir, hast du dich jetzt besonnen, was du werden willst?«

Sie kicherte neben ihrer aufgehobenen Schürze hervor: »Geheirat’ will ich werden!«