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Hermine Villinger – Der letzte Schüler.

Novelle

aus: Der Nonnengarten, An Anthology of German Women's Writing 1850 - 1907, Edited by Michelle Stott and Josef O. Baker, Waveland Press Inc., Prospect Heights, Illinois, 1997, neu durchgesehen von ngiyaw eBooks, ohne die amerikanischen Kommentierungen.

Wie alt waren sie doch, wie häßlich und wackelig, die zwei Fräulein Augentrost wenn sie des Morgens punkt elf Uhr im Konzertsaal erschienen, um der Generalprobe der Symphoniekonzerte beizuwohnen. Des Abends, in die Aufführung, getrauten sie sich nicht mehr.

»Ich weiß nicht, was das ist,« sagte die Achtzigjährige zu der um zwei Jahre jüngeren Schwester, »aber es benimmt mir plötzlich ein wenig den Atem: die vielen Menschen, die heiße Luft – was dich aber nicht zu ängstigen braucht, Thereschen, denn ich halte es für einen durchaus vorübergehenden Zustand.«

Und die Schwester nickte: »Es ist mir auch lieber, Trudchen, wir bleiben des Abends zu Hause. Ich weiß nicht, was das ist, warum mir mit einem Male die Lichter so konfus vor meinen sonst so guten Augen flimmern, ich muß mich erkältet haben. Jedenfalls aber darf man nicht klagen über das bißchen Geflimmer, solange man noch in seine Generalprobe gehen kann.«

Geschah’s im Laufe der Zeit, daß die neunte Symphonie aufgeführt wurde, so hörte sie das ältere Fräulein Augentrost nie anders als stehend, fest auf den Stock gestützt, mit an; das hagere Profil mit dem alle Jahreszeiten überdauernden Strohhut dem Orchester zugewandt und offenen Mundes, gleichsam Ton um Ton einschlürfend – so lauschte sie »ihrer Neunten.« Denn diese »Neunte« war der Hauptgenuß ihres Lebens, ihres Herzens höchste Seligkeit; an dem Tag, an dem sie ihre Neunte gehört, schwebte sie, trotz ihrer Achtzig, himmelhoch über der Alltäglichkeit.

Die Schwester war nicht eines so hohen Fluges fähig; sie hatte zwar auch ihre Symphonie – die erste – aber deren Klänge entrückten sie nicht der Erde, so daß sie ganz gelassen auf ihrem Stuhle sitzen blieb, das alte Gesicht durch ein fast jugendliches Lächeln verschönt, dem allerdings der hervorstehende einzige und letzte Zahn ein wenig Abbruch tat.

Kaum waren jedoch die Beethovenschen Symphonien zu Ende, und das Orchester stimmte andere Töne an, da stolperten die alten Wesen über Hals und Kopf zum Saal hinaus, denn die moderne Musik war ihnen ein Greuel, und keine Macht der Welt hätte die alten Fräuleins zum Anhören derselben vermocht.

Sie wohnten im Hinterhaus beim Schlossermeister Schrack, über der Werkstätte, in zwei kleinen Stuben. Im Musiksaal, wie das größere Zimmer, in dem ein Flügel stand, genannt wurde, hatten die Schwestern ein halbes Jahrhundert lang den Klavierübungen ihrer Schüler und Schülerinnen beigewohnt. Nicht daß sie den Unterricht aufgegeben, weil sie zu alt waren oder sich müde gefühlt hätten; von Alter oder Müdigkeit war zwischen ihnen nie die Rede.

Eines Tages aber bemerkte Fräulein Thereschen, daß der Schwester Schülerin es sich angelegen sein ließ, die etwas eigentümlichen Handbewegungen der Lehrerin auf das übertriebenste nachzuahmen, ohne daß Trudchen mit ihren halberblindeten Augen dies zu sehen imstande gewesen wäre.

Darüber wurde Fräulein Thereschen sehr nachdenklich, Tag und Nacht sich damit beschäftigend, auf welche Weise sie das Betragen der Schülerin besprechen könne, ohne die Schwester zu verletzen.

Es war gerade um diese Zeit, als das ältere Fräulein Augentrost plötzlich bemerkte, mit welchem Vergnügen der Schwester Schülerin die etwas hohe und gedehnte Sprechweise der Lehrerin nachzuäffen strebte.

Nun wurde auch das Fräulein Trudchen nachdenklich, und eines Abends beim Lämpchen kam sie plötzlich mit der Betrachtung heraus:

»Ich weiß nicht, was das ist, aber mit den Simpelfranzen ist ein anderer Geist in die Köpfe der Jugend gefahren; es waren andre Kinder, ganz andre, als sie noch ihr Nest hinten am Kopf trugen, oder ihre Schneckennudeln rechts und links an den Schläfen; die Jugend von heutzutage ist keck und ohne Pietät.«

»O Gott, Trudchen,« rief die jüngere Schwester aus, »was sagst du doch immer für vortreffliche Sachen!«

Und sie kamen überein, sich von ihrer Tätigkeit zurückzuziehen – wie gesagt, nicht um ihrer Gesundheit oder ihres Alters willen, sondern weil sie mit einer Jugend ohne Pietät nichts mehr zu schaffen haben wollten.

Aber wie sie ihn genossen, den endlichen, redlich verdienten, im Geheimen lang ersehnten Ruhestand! Jetzt brauchten sie nicht länger ihre letzten Kräfte für die Stunden aufzusparen, um nach denselben, beinahe zusammenbrechend, mit einem erkünstelten Lächeln einander zu versichern, sie seien gar nicht müde.

Jeder Tag war nun ein Sonntag; sie durften, solange sie Lust hatten, bei ihrem Morgenkaffee sitzen, ohne daß der Schlag der alten Rokokouhr sie mehr aufzuschrecken brauchte.

Ach! und der halbstündige Spaziergang des Morgens in die Anlagen!

Unterhalb der schmalen Holztreppe war die Werkstätte Meister Schracks, die immer offen stand. »Guten Morgen, Herr Schlossermeister!« riefen die beiden Fräulein regelmäßig, beim Vorübergehen, in die Werkstätte hinein. »Morgen,« tönte es in grobem Ton zurück, »Vogelscheuchen –«

Das letzte Wort verstanden die Schwestern nicht; wenigstens blieben sie immer gleich freundlich, und der Meister, der eigens, um den Anblick der alten Wesen zu vermeiden, mit dem Rücken gegen die Türe saß, vergalt ihnen so täglich Gutes mit Bösem. Ohne übrigens auch nur im geringsten ein schlechter Mann zu sein – im Gegenteil, hätte er es nur dabei bewenden lassen, so wie der liebe Gott sein Inneres beschaffen, denn er hatte ein gutes und weiches Herz. In seinem Kopf aber saß ein arger Widerspruchsteufel, und so lag dem Mann nichts Wichtigeres im Sinn, als vor der Welt hart, grob und unzugänglich zu gelten.

Nachdem er seine junge Frau begraben, und die Gesellen dem in die Werkstätte zurückkehrenden Witwer neugierig in das verweinte Gesicht starrten, erklärte er mit seinem rauhen, kurzen Auflachen: »In ein paar Wochen ist wieder Hochzeit!«

Aber die Wochen gingen hin, und Monate und Jahre folgten, der junge Witwer machte seine Worte nicht wahr. Im Haushalt waltete die Mutter der verstorbenen Frau, und wer des Meisters Reden über Schwiegermütter und deren Regiment mit anhörte, dem mußte das Los der alten Frau im höchsten Grade erbarmungswürdig vorkommen. Allein, wie gesagt, Meister Schracks Tun stimmte mit seinen Reden nicht überein, und so fand sich jeder in sein Geschimpfe, da er im übrigen nicht schlecht dabei fuhr.

Im größten Zwiespalt aber lebte der Schlossermeister mit seinem einjährigen Sohne Nepomuk. Der wurde jeden Morgen in einem Korb in die Werkstätte gesetzt, damit er sich ja beizeiten mit dem Handwerk vertraut mache und zum tüchtigen Meister heranwachse. Aber Nepomuk gefiel es nicht in der Werkstätte; er konnte noch nicht sprechen, aber er fühlte bereits, daß ihm hier eine Gewalt angetan wurde, gegen die er alles Recht hatte, sich aufzulehnen. Also schrie er in seinem Korb, was seine Lungen hergaben, und ließ nicht nach, der Vater mochte ihm die schwärzliche Faust noch so lange unter die Nase halten.

Eines Tages machte Nepomuk kurzen Prozeß und ließ sich ohne alle Rücksicht für seinen dicken Kopf über den Rand des Korbes kollern, um im nächsten Augenblick auf allen Vieren zur Werkstätte hinauszukriechen.

Nun ging der Kampf erst recht los; zwanzigmal im Tag wurde der Ausreißer zurückgeholt, worauf allemal eine heftige Prügelei zwischen Vater und Sohn stattfand, bei der der Meister durchaus den kürzern zog. Im Innersten seines Herzens nämlich freute er sich nicht wenig über seinen unbändigen Buben, ja das Herz lachte ihm geradezu im Leibe, als der Sohn zum erstenmal auf seinen säbelkrummen Beinchen das Weite suchte. Der Vater ließ ihn sogar ein ganzes Weilchen die Freude seiner jungen Freiheit genießen. Als er ihn aber auf der Treppe des Hinterhauses fand, wo er, laut keuchend, mit Anstrengung all seiner Kräfte, auf allen Vieren den Tönen nachstrebte, die von dort oben herunterkamen, da wurde der Schlossermeister zornig. »Was,« schrie er den Buben an, »willst du mir von den alten Vogelscheuchen weg bleiben – potz Wetter noch einmal, auf dem Weg laß dich nimmer ertappen, wenn dir deine Ohren lieb sind!«

Eines Tages, als das Schwesternpaar eben mit seinem Morgengruß an der Werkstätte vorbei wollte, kam mit eins Nepomuk herbeigewackelt und streckte Fräulein Trudchen, die hinter der Schwester ging, die Hand hin mit den Worten: »Duten Tag, Fräulein Vogelseus.«

Das alte Fräulein beugte sich entsetzt über den Kleinen.

»Mußt nicht mehr so sagen,« flüsterte sie, »sonst hört es die Schwester.«

Der Schlossermeister aber fuhr seinen Nepomuk an: »Was ist das für eine dumme Höflichkeit – untersteh’ dich und streck’ ihnen noch einmal die Patsch hin, daß wir da jeden Morgen ein Gekräh vor der Werkstätte haben – ja wohl! haben ein Getu’ wie ein paar Fürstinnen und können auf der Welt nichts als Klimpern – Hungerleiderei! überhaupt, sind nur da, die alten Vogelscheuchen, um vernünftigen Menschen den Platz wegzunehmen.«

Kaum erschien am anderen Tag das Schwesternpaar auf dem Vorplatz, als Nepomuk schnell wieder herbeikam, diesmal dem jüngeren Fräulein Augentrost die Hand hinstrekkend mit den Worten: »Duten Tag, Fräulein Vogelseus.«

»Um Gottes willen, Mukchen,« flüsterte Fräulein Thereschen, »sage das nicht mehr, es würde meine Schwester kränken.«

Der Kleine schaute eine Weile höchst verdutzt drein; mit eins kehrte er sich mit dem Gesicht gegen die Türecke und fing an loszuschluchzen, so bitterlich und herzzerbrechend, daß es dem Schlossermeister geradezu in die Seele schnitt; denn bisher hatte er sein Kind nur aus Zorn und Ingrimm weinen sehen, und das war ganz anders, als diese schmerzlichen, aus tiefstem Herzen kommenden Tränen. Er nahm den Buben auf den Arm und fragte und fragte und hatte eine Engelsgeduld, bis endlich der Kleine auf das immer wiederkehrende: wo fehlt’s denn? mit der Antwort herausrückte: »Weil mir immer Vogelseus sagen.«

»Herrgott, ist das ein dummer Bub!« rief der Schlossermeister aus und setzte ihn unsanft auf die Erde.

Das Wort Vogelscheuche aber war von der Stunde an wie verschwunden von der Tagesordnung.

Inzwischen nahm Nepomuks Selbständigkeit von Tag zu Tag zu, und der Meister, der arbeiten mußte, ließ ihn in Gottesnamen laufen. Nur verbot er ihm alle Tage, unter Ankündigung tüchtiger Schläge, die Treppe zu den beiden Fräulein hinaufzusteigen.

Aber Nepomuk trat mit rührender Ausdauer jeden Morgen seine Reise in den zweiten Stock an; da oben zu sitzen und dem Klavierspiel zu lauschen, war die höchste Wonne seines Daseins. Manchmal schlief er auf seinem Treppenabsatz ein und merkte gar nicht, daß ihn die Großmutter holte und auskleidete und zu Bett brachte.

Einmal geschah’s, daß er ganz leise und zaghaft an der Tür zu kratzen begann, hinter der die schöne Musik gemacht wurde.

Fräulein Thereschen öffnete mit der Bemerkung: »Es muß ein Tierchen hier sein.«

Statt dessen erblickte sie den viereckigen Kopf des Schlossermeistersbuben.

»Gott!« rief sie aus, »es ist Mukchen; soll ich ihn hereinlassen?«

»Gewiß!« ließ sich die tiefere Stimme der Schwester hören, »er ist zwar ein entsetzlich unbändiges Kind, aber wie dem auch sei, die rührend kleine Miete, die uns sein vortrefflicher Vater zahlen läßt, verpflichtet uns, gut gegen das Kind zu sein.«

Also wurde die Tür geöffnet, und Mukchen stolperte herein; er bekam sofort ein Schemelchen mitten in die Stube geschoben und mußte hier sitzen, damit man ihn ja recht im Auge behalten konnte. Gebannt von einem Gefühl tiefster Hochachtung vor all den ehrwürdigen Gegenständen, die den Hausrat der Schwestern ausmachten, wagte Mukchen kaum zu atmen, geschweige sich zu bewegen.

Bald aber saß er Tag für Tag ein paar Stunden auf seinem exponierten Plätzchen, der Schwestern Tun und Treiben mit immer gleicher Bewunderung verfolgend. Das ältere Fräulein fror leicht am Kopf und trug daher einen türkischen Bund von alten, verblichenen Tüchern ums Haupt geschlungen, was ihr ein höchst phantastisches Aussehen verlieh, noch dazu, weil sie für zu Hause ihre Locken ablegte, um sie zu schonen.

Neben dieser hochaufgetürmten Persönlichkeit mit dem langen, schmalen Gesicht, saß die Schwester, klein und rund wie eine Kugel, denn sie litt an Rückenschmerzen und trug daher stets fünf oder sechs Pelerinen der verschiedensten Farben und Längen übereinander.

So saßen sie und spielten ihre Symphonien: Trudchen, die taktfeste, musikalischere, beständig bemüht, die hastende, sich leicht überstürzende Schwester mit ihrem eins zwei – eins zwei zurückzuhalten, wobei sie dann und wann ihr altes steifes Händchen, das einmal schön gewesen, mit bewußter Grazie hin und her bewegte.

Die beiden hatten keine Ahnung, daß sie in Mukchen mit seinen weit abstehenden Ohren und über den Knien gefalteten Händchen eigentlich einen kleinen Märtyrer beherbergten, der seine Liebe zur Musik allabendlich mit Schlägen zu büßen hatte.

Einmal, als die Schwestern eben den Flügel verließen, kam Mukchen leise auf den Zehenspitzen über den Teppich gegangen und erlaubte sich, ganz sachte und vorsichtig, mit einem Erglühen bis unter die Haarwurzeln, einen Ton anzuschlagen.

Da sah ihn das ältere Fräulein Augentrost mit einem Blick großen Wohlwollens an. »Es ist Pietät in ihm,« sagte sie, »der wäre der Schüler geworden, wie wir ihn uns wünschten.«

»Wollen wir’s noch einmal versuchen?« fragte Thereschen.

Die Schwester seufzte: »Es hätte mir große Freude gemacht, unsern guten, edlen Schlossermeister damit zu überraschen, daß ich sein Kind unterrichte, allein es ist mir in der letzten Zeit nicht so recht wohl, ein wenig Atemnot, wie dies bei älteren Leuten –«

»Aber ich bitte dich, Trudchen,« fiel ihr die Schwester ins Wort, »rede doch nicht vom Alter bei deinem Aussehen! Wenn dir’s recht ist, fange ich mit Mukchen an, bis dir wohler ist – du weißt, die ersten Fingerübungen habe ich immer auf mich genommen, denn dafür warst du mir stets viel zu gut.«

Nun also saß Mukchen am Flügel und ließ seine ungeschickten Fingerchen über die Tasten gleiten. Seine Lehrerin hatte eine Engelsgeduld; die Schwester hörte vom Schlafzimmer aus die Übungen mit an; sie lag zu Bett, das hagere Gesicht mit den glanzlosen Augen dem Flügel zugewandt, von Zeit zu Zeit das Händchen erhebend, mit der alten, bewußt graziösen Taktbewegung.

»Thereschen,« hatte sie vor ein paar Tagen zur Schwester gesagt, »du wirst staunen, wie kindisch ich bin, aber ich weiß nicht, ich muß in der letzten Zeit so oft daran denken, wie gerne ich doch in meinem Leben oftmals des Morgens ausgeschlafen hätte, und habe es so selten dürfen; nun überkommt mich plötzlich der Wunsch, einmal das Versäumte nach Herzenslust nachzuholen und liegen zu bleiben, bis ich genug habe.«

»O du faules Trudchen!« schalt die Schwester mit Augen, die voller Tränen standen, »aber versuche es nur, du wirst bald genug haben, das weiß ich schon im voraus.«

Und sie pflegte die Schwester Tag und Nacht, immer dergleichen tuend, als sei alles nur Spaß, und Trudchen machte es ganz ebenso und versprach jeden Abend: »Morgen steh’ ich auf.«

Wenige Tage später geschah’s, daß Meister Schrack seinen Buben, der eben wieder den gewohnten Treppenweg unternehmen wollte, plötzlich hinten bei den Höschen packte.

»Halt, Kerl, jetzt hört das Hinaufschleichen auf, jetzt geht’s in die Schul’, und da wird was gelernt!«

»Ich will aber nichts lernen, als Musik,« erklärte Nepomuk.

»Was,« schrie der Meister, »so ein Gedudel willst anfangen, wie die alten Hutzeln – das will ich dir austreiben, Bursch!« Und er hob die Faust und schaute seinen Buben an.

Nur zu, drückte dessen eigensinnige, unter struppigen Haaren hervorspringende Stirne aus, bin’s gewöhnt, tu’ doch, was ich will.

Sein Vater hätte ihn aufessen mögen, so stolz war er auf sein Ebenbild.

»Komm,« sagte er, den Buben bei der Hand nehmend, »werd’ selbst mit ihnen reden droben – wollen sehen, ob sie dich noch länger einschlachten; wenn ich von Kündigen red’, da werden sie wie die Spatzen zusammenkreischen.«

Er klopfte an der Schwestern Türe; da aber drinnen gespielt wurde, wartete er nicht lang auf ein Herein, sondern trat mit seinem Buben über die Schwelle.

Die jüngere der alten Damen saß am Flügel, so eifrig bei der Sache, daß sie die Eintretenden weder zu hören noch zu sehen schien; ihr ganzer Körper bebte unter der Anstrengung des Spielens, denn ihre alten, steifen Finger trommelten darauf los, als handle sich’s um die höchste Eile.

O ja, sie hatte Eile; das bleiche Gesicht der Kranken im Nebenzimmer sah schon wie das einer Verklärten aus, und das welke, durchsichtige Händchen fiel zurück bei seinem letzten Versuche, den Takt anzugeben.

»Eins zwei – eins zwei –« zählte Fräulein Thereschen in heiserm Ton, die Augen, aus denen ungezählte Tränen rannen, auf das Antlitz der Schwester gerichtet. Wie leuchtete es noch einmal auf in den blassen, wächsernen Zügen, als die Jubelklänge – Freude, schöner Götterfunken – das niedrige Gemach erfüllten!

Auch den Meister durchschauerten sie seltsam; er hatte beim Hereinkommen gleich losreden wollen, aber es war ihm vergangen; ungeschickt zog und zerrte er seine aufgestülpten Ärmel herunter und preßte seinen Buben an sich, ohne recht zu wissen, was er tat.

So stand er, regungslos, dem friedlichen Hinscheiden des alten Fräuleins beiwohnend, das, kaum daß es zu bemerken war, still und leise seinen letzten Seufzer aushauchte.

Die Schwester aber hielt aus, gleichsam, als wünsche sie die Seele der Entschlafenen in ihrem letzten Fluge weiter zu begleiten bis in die selige Heimat.

Nach dem Schlußakkord schloß sie den Flügel und wankte zum Totenbett; unter leisem Schluchzen drückte sie der Schwester die Augen zu.

»Warum weint sie denn?« fragte Mukchen mitten in die feierliche Stille hinein.

»Gott, verzeihen Sie, Herr Schlossermeister,« sagte das Fräulein, aus seinem Schmerze auffahrend, »ich habe ganz vergessen – sie hat es sich immer gewünscht, wissen Sie, unter diesen Klängen hinüberzuschlafen –  und Gott sei Dank, daß dieser höchste Wunsch ihres Lebens in Erfüllung gegangen ist! Nun liegt sie da, selig gestorben.«

»Ja,« nickte der Meister, »so sterben wenig’ Leut’.«

Und Fräulein Thereschen schluchzte: »Ich werd’ einmal ganz allein sein – mir spielt niemand meine ›Erste‹.«

»Doch,« rief der kleine Nepomuk, das alte Wesen ungestüm in seine beiden Ärmchen nehmend, »ich spiel’ sie dir, gelt Vater, ich?«

»In Gottes Namen,« sagte dieser, »wenn Sie dem Buben Stunde geben wollen – mir kann’s recht sein – aber wissen Sie, ich bin ein Mann, der’s mit der Ordnung hält – geschenkt nehm’ ich nichts – Sie zahlen jetzt zweihundert für die Miete – sagen wir hundert in Zukunft – aber mehr, liebes Fräulein, unter keiner Bedingung – mehr geb’ ich für das Gedudel nicht aus.«

Er war schon an der Türe, aber das alte Fräulein ebenso hurtig hinter ihm her!

»O, Herr Schlossermeister!« rief sie ihm nach, »sehen Sie, wie recht die Schwester hatte – sie hat immer so unendlich viel von Ihnen gehalten.«