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Hildegard Voigt – Dornenkinder

Gedichte

Norddeutscher Verlag für Literatur und Kunst, Stettin, [o. J.]


Dem Gedächtnis einer lieben Seele

 


Dornenkinder

 

Ist sich der Dichter seiner Kunst bewußt,

wenn seiner Seele sich ein Sang entrungen?

Und wann empfing den Reim die Dichterbrust?

Wie wird ein Lied, und weshalb wird’s gesungen?

 

Der Dichter schenkt es, weil er’s zeugen muß!

Im Dornenbusch empfangen, sind Gedichte

verhaltner Tränen schmerzlicher Erguß,

die blutend ihren Weg gesucht zum Lichte.

 


Im Schatten

 

Ich stehe im Schatten

an feucht kahler Wand,

dahin nie die Sonne

ein Grüßen entsandt.

 

Ich stehe im Schatten,

es fröstelt mein Blut,

und rings umher Mittag

in flimmernder Glut.

 

Ich strecke die Arme

entgegen dem Licht,

ich hebe zur Sonne

ein bangend Gesicht.

 

Ich harre der Stunde,

die kommen mir muß,

daß meine Stirn streife

die Sonne im Kuß.

 

So eilte der Morgen,

so schwand mir der Tag,

schon senkt sich die Sonne,

mein Sehnen blieb wach.

 


Ich stehe im Schatten

in zitternder Qual,

die Sonne ging schlafen,

es traf mich kein Strahl!

 


Wünsche

 

Als ich ein Kind war, flogen die Wünsche

über das Haupt mir wie leuchtender Traum,

würfelten ernsthaft um goldene Sterne,

warben am Himmel um Sonne und Mond.

Schenkten sie mir einen einzigen Strahl,

einen ganz kleinen, den kaum sie vermißten,

würd’ einen goldenen Reif ich draus schmieden,

sollte mich krönen wie Märchenprinzeß!

Und ich erbettelt zum lichten Gewand

mir einen Zipfel vom himmlischen Blau.

Und von den weißen, spielenden Wölkchen

wünscht ich ein einziges nur mir zu eigen,

wollte als milchweißen Zelter es zäumen,

spielend es tummeln auf güldenem Huf.

 

Jagt aber Sturmwind im zornigen Brausen

droben am Himmel auf stolz wilder Bahn,

wollt seine flatternden Mähnen ich haschen,

brausender Ritt ging durch Wolkengebild.

 

Was noch kein irdisches Auge erschaute,

wollt ich ergründen im ewigen Raum,

sehn, wie im Erdschoß die Goldadern pulsen,

Edelstein funkeln in eiskalter Glut,

kampflechzend zorniges Eisenerz atmet.

 


Und alles sollt mein sein, bereit meinem Wunsch!

 

Schwimmende Mondessichel, mein Schiffchen,

wollte ich rudern mit silbernem Strahl,

Perlen im nächtigen See mir zu fischen,

Grüße zu tauschen mit Nixen im Schilf.

 

Und alle, alle haben verheißen

selge Gewährung dem kindlichen Wunsch.

 

Doch nur ein Einzger von ihnen hielt Wort.

 

Den ich mir einst zum Genossen erkoren,

Freund meiner Spiele, der Sturmwind war treu!

Wirbelnd erfaßt er die strotzende Kraft,

schüttelt vom Lebensbaum Blüte um Blüte,

fegt in den Staub hin das seligste Hoffen,

schleudert ins Antlitz die raschelnden Blätter,

welkendes Laub mir vom eigenen Traum.

 

Und da verstand ich, ich lernte erkennen.

 

Sonne und Mond und leuchtende Sterne

schneeige Wolken und himmlisches Blau,

solltet euch alle zum Bunde vereinen,

daß ich aus eurem seligen Glück

nur das große Entsagen sollt lernen,

das Ihr voll Mitleid »ein Menschenlos« nennt,

ewges verheißen und ewger Verzicht!

 

Und was Ihr lehrtet, das hab ich gelernt.

 

Still ging mein Wünschen, mein Hoffen schlafen,

und nur ein Bitten, ein zagendes blieb,

um soviel Kraft, wie der Tag sie verlangt,

und für die Nacht einen traumlosen Schlaf.

 


Gebet

 

Der du dies Doppeldasein hast gegeben,

dies heilig unheilvolle Menschenleben,

enträts’le, Gott, auch sein Geheimnis mir!

Sieh, tief in Staub gebeugt knie ich vor dir.

 

Wie drückend lastet deiner Gabe Bürde,

die stolze, ach so morsche Menschenwürde,

zu hoch zum Kriechen und zu matt zum Flug.

Gebiete halt, Gott! Sprich: es ist genug!

 

Du kennst des Herzens Höhen, wie die Tiefen,

geheimste Wünsche, die verborgen schliefen.

Sieh, tief gebeugt im Staub knie ich vor dir,

was rein, was unrein, scheide du in mir!

 


Meine Seele

 

Meine Seele ist scheu

wie im Dickicht das Reh,

hüllt bang sich in Schleier,

wie ein nächtiger See.

 

Meine Seele ist krank

wie ein fieberndes Kind,

und hat doch kein Kissen,

das zärtlich und lind.

 

Der Fels war ihr Lager

und ihr Pfühl war ein Riff,

da mit blutenden Händen

in Dornen sie griff.

 

Und sie sann eignen Rätsels

und erkannte, was ward:

Der Gott, der sie weich schuf,

der wollte sie hart.

 


Braune Scholle

 

Du hast geboren, braune Scholle,

nun ruhst du aus in hoher Mutterwonne.

Es trug dein Schoß, der übervolle,

der Ähren Gold im Glanz der Sommersonne.

 

Und wie du ruhst in tiefem Danken,

steigt aus den Wiesen bleicher Nebel Schwaden,

und leise zieht, wie stille Herbstgedanken,

um Busch und Strauch Altweibersommer Faden.

 

Da weht’s um dich wie neu verlangen!

Geheime Furchen trägt dein brauner Schoß,

wo du die goldne Saat empfangen,

hegst du in Nacht verborgner Zukunft Los.

 

In stummer Andacht laß mich treten

an deinen Rain, du braune Ackerkrume,

und tief in wortlos heißem Beten

neigt meine Stirn sich deinem Heiligtume.

 


Am Elbgestade

 

Auf dem breiten, flachen Wasser

ziehn die flachen Kähne stille,

leise lenkt mit schlankem Ruder

sie des Schiffers kund’ger Wille.

 

Wie im Traume gurgelt’s leise

um den Rahn auf breitem Strom,

halb verwischt im dunst’gen Schleier

malt sich Königsschloß und Dom.

 

Wie ein Traumbild gaukelt’s zitternd,

das in Nebeln schon entschwebt,

wenn Erinnrung zärtlich rankend

ihm der Liebe Fesseln webt.

 

Es verwischen sich die Grenzen

und die Wirklichkeit wird Traum;

was nicht ist, reicht dir die Hände,

was dir nah, zerfließt wie Schaum.

 

Lockt Ihr mich, Ihr stillen Wogen,

die Ihr flüsternd gleißt und blinkt?

»Bette dort dein Haupt zur Ruhe,

wo der letzte Schlaftrunk winkt!«

 


»Kaum, daß jemand nach dir fragte,

schlöß sich über dir der Gischt,

und Erinnern weckt kein Echo,

wie ein Bild, das halb verwischt.«

 


Mittagsruhe

 

Flimmernd ruht der Strom wie schlafend,

wie im Traum die Wolke schwebt,

kaum ein Lufthauch rührt die Wälder

und der Fels starrt glutdurchbebt.

 

Rund durch das geweihte Schweigen

zieht wie ein Gelübde heiß

zukunftszitternd neues Werden,

um das nur der Schöpfer weiß.

 


Ahnen

 

Noch ist der Sommer auf der Höhe,

doch sinkt schon Laub gelb um mich her,

wie leise mahnendes »vergehe!«

Es naht der Herbst sich früchteschwer.

 

Wie Ahnen zittert’s durch die Seele

in schmerzerfüllter Gegenwart,

daß nach der Unrast, Angst und Fehle

ein Erntetag voll Frieden harrt.

 


Heini

 

Leis öffnet sich zum Spalt

die Tür, du willst hinein;

erschreckt doch machst du halt

und trittst nicht zu mir ein.

Dein Köpfchen überschwemmt

des goldnen Lichtes Welle,

dein Füßchen bleibt gehemmt,

gebannt auf meiner Schwelle.

 

In hohem Staunen dann

schaust du nach Kinderart

dir deine Händchen an,

die fein und elfenzart

von heller Sonnenglut

purpurn durchleuchtet sind,

wo rein dein junges Blut

durch reine Adern rinnt.

 

Und vor die Augen hin

führst du die Kinderhand:

es ist, als hätt dein Sinn

ein Rätsel halb erkannt.

 

Schreckt dich dein eigen Blut?

Schaust ahnend du im Bild.

wie heiße Sinnenglut

dir peitscht die Adern wild?

 

Fürchtest du dich vor dir,

vor deiner eignen Hand?

Wie scheu schmiegst du bei mir

das Haupt in mein Gewand!

Und meine Finger still

dir deine Locken glätten.

Wenn Zauberkraft mein Will

und mein Gebet doch hätten!

 

Du mußt ins Leben hin,

mußt suchen, fehlen, irren,

des dunklen Rätsels Sinn

aus eigner Kraft entwirren.

Nicht kann ich schützend dann

ob dir die Hände halten,

flüchte nur dann und wann

in meines Kleides Falten!

 


Fremd

 

Das sind noch die alten Straßen,

da steht noch das alte Haus,

da tat ich in Kinderschuhen

den ersten Schritt einst hinaus.

 

Da ist noch der alte Torweg

mit holprigem Pflasterstein;

durch dämmernde Kühle schau ich

zum Hofraum so tief hinein.

 

Da pfleget wie einst im Winkel

ein alter Hofhund der Ruh,

er blinzelt mich an und kommt dann

schweifwedelnd sacht auf mich zu.

 

Da schreitet wie einst die Henne

laut gackernd an mir vorbei;

dort hinter dem Gittertürchen

sucht ich im Stroh nach dem Ei!

 

Und über die Mauer strecket

der alte Birnbaum den Ast,

als wollt er die Hand mir reichen,

mich laden zu trauter Rust.

 


Erkannten sie alle wieder

das Rind, das einst hier gelacht?

Ihr treues Erinnern hat mir

die Jugend wieder gebracht.

 

Da hör ich ein Fenster klirren,

der Hausherr schaut zu mir her,

und freundlich mich grüßend, fragt er,

was wohl des Gastes Begehr?

 

Ich kann mich stumm nur ihm neigen,

dann schreit ich zum Torweg ’naus,

es machte mich seine Frage

zur Fremden im Elternhaus.

 


Die nachtgraue Frau

 

Da, wo Frau Sorge sich niederläßt,

da trägt sie ein häuslich Gewand,

da kämmt sie ihr langes, graues Haar

mit der langen, knöchernen Hand.

 

Und wem sie dabei ins Auge schaut,

der vergißt, was sonst ihn beglückt,

das, was ihn singen und lachen ließ,

eh er die Frau Sorge erblickt.

 

Das Lachen und Singen mag sie nicht,

und wer ihr verfällt, der wird stumm.

Er schleicht an ihrer knöchernen Hand

gebückt nur im Hause herum.

 

Und wem ihr Finger die Wange streift,

dem bleibt nun im Antlitz ihr Mal,

ein Knapp, der der Herrin Farbe trägt,

vermehrt er der Hörigen Zahl.

 

Doch nicht auf mutigem Roß für sie

zieht ritterlich er ins Turnei,

nicht schaut der Knappe der nachtgrauen Frau

dem Feinde ins Angesicht frei.

 


Nicht streckt ihn wuchtiger Hieb in den Sand;

sein Wams ist durch Stiche beschmutzt,

hat doch Frau Sorge ihn Tag für Tag

als ihr Nadelkissen benutzt!

 


Die alte Weide

 

Gefroren der Bach

und die Luft voller Schnee

und die Wolken am Himmel im Kampf.

Wildjagender Nord pfeift erstarrenden Hauch

aus keuchender Brust vor sich her.

 

Was fliehn kann, verbirgt sich,

ob Mensch oder Tier,

bei Freund oder Feind sucht es Schutz.

 

Nur ich wandle einsam gefahrvollen Weg,

so furchtlos wie Einer,

der nichts mehr besitzt.

 

Am Wege die Bäume sie ächzen vor Not,

gebrochen ihr trotziger Mut.

Da kracht es, da biegt sich’s,

da bricht es und stürzt.

Es splittert vielarmig ein Ast,

zu Tode verurteilt die strotzende Kraft,

durch den Schlamm und den Schmutz nun gefegt.

In den Lüften da heult es,

da gellt es und lacht.

Unselger verdammter

unheiliger Chor.

 


Sieh dort, wie gespenstisch

auf nächtigem Himmel

die Zweige sich malen

des knorrigen Baums!

 

Am Ufer die Weide

einst blühend und grün,

reckt nackt in die Luft heut

verdorrt ihren Arm.

Gespalten der Stamm.

Von der Krone herab

bis tief in die Wurzel,

so traf sie der Blitz!

 

Mit Grauen erfüllt mich

das düstere Bild.

 

Da zittert das Mondlicht

durch jagende Wolken,

beleuchtet die Weide

mit fahlblauem Schein.

Und fleh, da gewahr ich

in knorrigen Zweigen,

in dürrem Geäste

ein menschlich Gesicht!

Was packt mich, was treibt mich

dem Bilde entgegen?

Was lockt mich, bedroht mich,

was zieht mich und warnt?

Es bohrt sich mein Blick in das nächt’ge Gewirr.

Da schwindet das Mondlicht,

verbirgt sich, kehrt wieder,

belebet wie atmend

den gespenstischen Baum.

Und da kenn ich die Züge,

vertraut ist das Antlitz,

das aus der alten Weide mich höhnt.

 

Mich selber beleuchtet das zitternde Mondlicht!

Mein das Gesicht im gespaltenen Baum.

 

So traf einst der Blitzstrahl

mein eigenes Leben,

zerspaltet mein Herz

und zerbrach meine Kraft.

So reckt ich verzweifelt

die Arme gen Himmel,

so faßte mich Sturm

und verzerrte mein Bild.

Du blitzgespaltener, todwunder Bruder,

ich grüß dich voll Schmerz!

Dein Schicksal ist meines,

ist lebender Tod.

 


Und der Sturm er verbraust

und der Winter er geht.

Still keimet im Dunklen,

sich selbst unbewußt,

unter schützendem Schneetuch

bang ängstliche Saat.

Und der Frühling er winkt,

mit Regen und Sonne verspricht er und lockt

und erlöst er die schlafende Flur.

 

Und ich wandle den Weg,

den im Winter ich ging

umringt von Vernichtung und Sterben.

Und ich stehe am Bach, den die Weiden geleiten,

und staune des Wunders, das still sich vollzog.

Gespalten wie damals steht vor mir der Stamm,

den der Blitzstrahl ins Herzmark getroffen.

Vertrocknete Äste streckt leer er gen Himmel.

Daneben doch neigen

licht grünende Zweige

leis schaukelnd im Winde

sich tief auf das Wasser

und streifen das Naß.

Kaum faß ich das Wunder.

ich falte die Hände

und feucht wird mein Aug.

 


Da horch, leis ein Stimmchen !

dicht über mir zirpt es,

halb ängstlich, halb zornig.

Im gespaltenen Baum

baut ein Vogel sein Nest!

 

Und es packt mich wie Scham.

Und ich beuge mein Haupt

vor dem Baum, dem vom Blitzstrahl Getroffnen.

Was still er mir predigt,

hab nun ich verstanden!

Todwund noch grünt er,

gibt Schatten und Schutz er

dem werdenden Leben

im gesprenkelten Ei.

Und heißes Gelöbnis

erfüllt meine Brust.

So würdig wie du,

du gespaltener Baum,

will mein eigenes Schicksal ich tragen!

 


Allein

 

Ich steh allein in dunkel banger Nacht,

es führt von mir kein Weg zu andern,

und seh mit heißen Augen voll erwacht

die Menschheit ihre Pfade wandern.

 

In breiten Rudeln, satt im eignen Schwall

zieht Mann und Weib der Niedrung Straße,

wie Herdenvieh behaglich sucht den Stall,

sich sondernd nach der Farbe und der Rasse.

 

Ich steh allein, lautlos in Einsamkeit

und fühl um mich die Stille wachsen.

Mit scharfem Sinn spür ich den Schritt der Zeit,

wie Zittern in des Rades Achsen.

 

Der Ewigkeit vertraut, den Menschen fern,

und doch aus Art, die ihrer Art entstammt,

bin ich allein in meinem tiefsten Kern.

Bin ich begnadet, Gott, bin ich verdammt?

 


Frühling im Gebirge

 

Neuem Frühling entgegen schreitet der Fuß

über den Hang, den tief noch verschneiten.

Ragender Felswand tannengekrönter Scheitel

wehrt noch der Sonne schmeichelndem Finger

tief in der Kluft an zerrissener Felsbrust

aus kristallenem Traum eisstarrenden Gießbach zu lösen.

Zaghaft erst plätschert er über Geröll,

bahnt dann im lustigen Sprung sich den Weg,

den verträumt die Geschwister ihm weisen,

die in des Winters greiser Umarmung

zu gigantischem Bilde erstarrt.

von der zackigen Felswand funkeln sie,

leuchtende Tränen, denen in grausamer Wollust

ein Zauberbann wehrte, sich in befreiende Tropfen zu lösen.

Schweigend nun harrn sie der Sonne,

daß mit dem goldenen Finger

Leben sie wecke aus Eis,

die große, gebärende Mutter.

 

Und wie goldleuchtende Garben wirft sie das Licht auf den Weg!

 


Trunken von Lebensglück, Liebe erwartend,

taumeln schon Falter um zartgrüne Sprossen,

übt sich im schüchternen Flug

halb noch verschlafen ein Bienchen.

Uno eines Vogelrufs bräutliches Werben

weckt zärtliches Echo vom knospenden Stamm.

Schillerndes Eidechschen huscht

flink aus verborgenem Spalt,

blinzelt ins blendende Licht, fröhlicher Zuversicht voll,

daß von der leuchtenden Mutter des Alls

sonnigen Frühlingsglücks auch ihm ward ein Teilchen bestimmt.

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Und nicht auch dir, sorgendes Menschenkind, du?

 

Dir nicht auch, das du so klein bist, so groß?

 

Warum denn ward dir, der Lastträger Erstem,

nur auf die Schultern, die schwachen, verzagten,

dieses Erdenseins Bürde gedrückt?

Warum ward er ersehn, dein Herztakt, der leise,

mitzuempfinden des ragenden Weltalls Weh?

 

Du, von der ewigen Weisheit

ewig zum Rätsel dir selber bestimmt,

Menschenkind, du verworren Geheimnis,

das sich selber zu lösen, rastlos tastend bestimmt,

täglich vor neuen verhüllenden Schleiern nur sieht,

lerne vertrauen, wo dir zu erkennen versagt ward!

 


Sieh, auf den Weg, den so seltsam verschlungnen,

streut neuer Frühling auch dir neue Blüten,

gießt neue Sonne auch dir neues Licht!

 


Werd größer, als dein Not

 

Berglasten sollst du tragen,

mein winzig kleines Herz!

möchtest in Himmel ragen

und kriechst bang erdenwärts.

Möchtest zur Sonne fliegen,

ein froher Schmetterling,

und fühlst dein Sorgen siegen,

das dich im Staub umfing.

 

Fühlst deiner Pulse hämmern,

ein Werkzeug riesengroß.

und ringst in trübem Dämmern

mit kleinem Menschenlos.

Willst lieben und vertrauen,

weit öffnen deine Tor.

und mußt verzweifelnd schauen,

wie sich dein Glaub verlor.

 

Mein Menschenherz, du zages,

erkennst du dein Gebot?

Nimm deine Last und wag es,

werd größer, als dein Not!

 


Mond

 

Durch Wolken scheinst du.

und Herzen einst du.

die bang geschieden,

Bettler um Frieden!

Wollest sie trösten,

die Unerlösten,

die still verzagenden,

die Retten Tragenden.

Durch Wolken scheinst du,

Licht-Tropfen weinst du.

 

 


Wie einst

 

Wenn ich über die Brücken und Wiesen schreite,

dann wandelt Ihr neben mir, wie einst,

Ihr, die Ihr nicht mehr seid!

 

Dann hör ich einen Fußtritt auf dem Damm von Stein,

dann streift mit leisem Rascheln eines Kleides Saum

den Wiesenrand, daß leise grüßend sich die Gräser neigen.

Und alles ist wie einst.

Der Sonnenglast auf stillem Wasser,

das leise gurgelnd wie Erinnern raunt,

der Frösche Quaken, das bald vorlaut heischend,

dann breit und satt behaglich klingt,

wie Dank nach ernstem Tagewerk,

der Lerche leise jubelnder Gesang,

die das bezopfte Köpfchen hoch gen Himmel hebt,

wie einem Ziel zu, da die Reise endet.

 

Das Alles ist wie einst!

 

Nur ich nicht, die ich müd das Ziel noch suche,

das hohe Ziel, das mich nach oben führt.

 

Ihr, die Ihr nicht mehr seid, warum aus goldnem Licht

purpurumsäumter Wolken reicht Ihr mir nicht die Hand?

Mein Weg ist hart und wund mein Fuß!

 


Wenn ich über die Brücken und Wiesen schreite,

dann möcht ich dankbar im Erinnern lächeln,

und fühl, wie Trän’ auf Träne leise niedertropft.

 


Der herbste Schmerz

 

Stumm trug ich tiefstes Leiden,

nie fand mein Mund ihm Laut,

hab’s nur in bittren Stunden

dir, meinem Lied, vertraut.

 

Einst fühlt mein warmes Herze

wie eignes, fremdes Weh.

Nun ist so kalt es worden,

ruht wie in Winters Schnee.

 

Einst schmolz mein weiches Herze

wie Wachs bei fremder Pein,

doch hat des Schicksals Hammer

es hart geprägt wie Stein.

 

Trag nun in festem Panzer

ein hartes, kaltes Herz.

Das ist von allen Wunden

der herbste Erdenschmerz.

 


Sonnensehnsucht

 

Aus goldnem Überfluß vom Sonnenschoß

hinausgeschleudert in dein dunkles Los,

hast dus begehrt, du arme Mutter Erde?

Beglückte dich das hohe Wort: »es werde!«?

 

Noch heut an deiner Mutter Schritt gebunden,

unmündig wie ein lallend Kind befunden,

willst du zur goldnen Kinderstube heim,

zur Unbewußtheit, nur ein Zukunftskeim?

Lockt dich zu wildem Spiel und Feuertanz

lodernde Pracht vom Sonnenfackelkranz?

Wie trunken taumelst du um deiner Mutter Schöne,

und deine Sehnsucht erben alle deine Söhne,

zur Mutter Sonne heben sie die Hände,

ihr Dasein richten sie nach Sonnenwende.

 

Du Lebensspendrin, hohe Mutter Sonne,

du heilger Urquell aller Erdenwonne,

die du das heiße Sehnen in uns nährst,

dem die Erfüllung grausam du verwehrst,

sprich, kommt der Tag, da wir durch wehes Bangen

erlöst zu göttlichem verstehn gelangen?

 

Du lächelst milde; doch erbarmungslos

entsendet keine Botschaft mir dein Schoß.

Wie deut ich dich, wie deines Wesens Kern?

Ich dir entstammt und du mir sonnenfern?

 

Da Wunder! Über ungemeßne Weiten

will voll dein Strahl ins zage Herz mir gleiten.

Aus deines Reichtums Überfluß entsandt

spinnt sich’s von dir zu mir wie gülden Band.

Wie Muttersprache trinkt mein Ohr dein Wort,

dein tönend Licht wird schwellender Akkord.

In goldnen Wellen kündet ewge Wahrheit

mir deiner Himmelsbotschaft hohe Klarheit:

 

»Als Sonnengabe für dein Erdenleben

ward, winzig Urkind, Sehnsucht dir gegeben!

Ein Stäubchen nur von meiner Strahlenhülle

ward dir ins Herz gesenkt in Gnadenfülle,

dein Sonnenheimweh wach dir zu erhalten.

Laß, Menschenkind, dein Sehnen nicht erkalten!

Solang es dein, hebst du zum Licht das Haupt,

wenn auch dein Fuß von Erdennot umstaubt.

Denn, Menschenkind, dein höchstes Gut, verstehe,

ist deiner Sonnensehnsucht heißes Wehe!«

 


Die Akazie vor meinem Fenster

 

Heulender Herbst wühlt in deinen Zweigen,

rüttelt den Stamm dir, daß winselnd er ächzt,

läßt dem entfesselten Zorn sich neigen,

wonach in heißer Begier er gelechzt.

 

Und wie du schüttelst flatternde Locken,

die matt noch schimmern im sommerlich Grün,

fallen hinein schon die ersten Flocken,

um schnell im klagenden Wind zu versprühn.

 

Weint er, weil Anmut und Schönheit sterben,

die spielend umkost den bräutlichen Leib?

Magst deinem Los du, dem fraulich herben,

fühlst deine Ohnmacht, ein welkendes Weib?

 

Du warst so schön, als Lenzwind dich wiegte,

der auf der Lippe den Blütenstaub bracht,

als an die Brust er heiß dir sich schmiegte

in tief verschwiegner, glutvoller Nacht.

 

Bräunlich nun hangen welkende Schoten,

wo einst die duftenden Dolden gelacht;

lautlos vom Stamm dir sanken die Toten,

die dich umkränzten in leuchtender Pracht.

 


Welkende Blätter wirbelnd nur wehen!

Seid alt geworden, der Lenzwind und du,

grollt miteinander, daß es geschehen,

ruft euch kein zärtliches Kosewort zu.

 

Heulend umtobt der Sturm deine Reste,

eilt dir vorbei, da dein Liebreiz entfloh,

sucht bei dir keine nächtlichen Feste,

streckt müd sich irgendwo einsam ins Stroh.

 


Deine Hand

 

Ich hab mein Glück in deine Hand gegeben,

und zitternd schlossest du es heimlich ein.

Es ruht in deiner Pulse heißem Beben

geborgen wie in einem Heilgenschrein.

 

Ich hab mein Glück in deine Hand gegeben!

Aus deiner Hand nahm ich mein Frauenlos.

Die Wert der Ewigkeit gab meinem Leben,

dieselbe Hand gab ihm den Todesstoß.

 


Auf der Töne Wellen

 

Auf der Töne Wellen steigst du nieder.

Bei der Orgel brausendem Akkord

lösen mir sich die gebundnen Glieder

wie auf rätseldunkles Zauberwort.

 

Nah wie einst empfind ich deine Nähe,

gibt dein Wesen mir sich ungehemmt,

hör dein Lachen ich, das herbe, wehe,

dieses Lachen, dem die Freude fremd.

 

Fühl dein Wesen meines Überfluten,

fühl, wie höchstes Glück dem Leid verwandt,

fühle wieder ineinander bluten

unsre Herzen, die der Schmerz verband.

 


Der schwarze Flügel

 

Daß ich dir einst so zehrend weh getan,

ward selber mir zum bittren Schmerzensherd.

Du gingst! Ich wußt, daß es für immer war,

stand ohne Reu und hab dir nicht gewehrt.

 

Vom kahlen Ast hob scheu ein Vogel sich,

mein Ohr erschrak an seinem schrillen Schrei,

und eine schwarze Feder trug der Wind

im Wirbelspiel an meinem Aug vorbei.

 

Wie meine Hand sie fing, durchzuckt’s den Sinn,

daß sie damit ein Schicksal unterschriebe:

Für immer trenn ich mich vom Sonnenschein,

von Erdenglück und holdem Traum der Liebe!

 

Bang krächzend stieg der Vogel in die Luft,

dem stillen Wald zu, der sich schon entlaubt.

Mir ist, als rauscht seitdem ohn Unterlaß

ein schwarzer Flügel über meinem Haupt.

 


Wieder ich

 

Was öffnest du dich vor mir, Sonnenpforte?

Willst du mir zeigen, was ich nie besaß?

Der goldnen Aue blütenschwere Wonne,

die meiner bei der Ernte stets vergaß?

 

Wie Flügel hebt es mich! Ist das die Freude?

Nie zeigte sie mir Antlitz und Gestalt,

im Straucheln bebt mein Fuß auf ihrer Schwelle,

und hilflos sucht die Hand nach einem Halt.

 

Wie Blütenregen trieft’s aus goldnen Wolken,

von Rosenblättern atmet rings die Luft,

die Seele zittert, steht wie angstgebunden,

zu lang geengt in ihrer dunklen Gruft.

 

Und abwehrheischend streck ich meine Hände,

verhüll das Antlitz vor dem holden Licht.

Das nachtgewohnte Auge sucht geblendet

die Finsternis, den Glanz erträgt es nicht.

 

Und sieh! Erschuf mein Wunsch die dunklen Wolken

von Regen nicht, von eisgem Hagel schwer?

Empörte Windsbraut jagt im jähen Zürnen

den zackgen Blitz, den Donner vor sich her.

 


Wie seid Ihr mir erprobte Kampfgespielen!

Manch Pfeil aus eurem Schoß zerfleischte mich.

Willkommen, Nacht, du wilde, bang vertraute.

Hol aus zum Schlage! Ich bin wieder ich!

 


Macht Musik

 

Macht Musik mir, wilde, laute,

die mein Herzweh übertönt!

Und macht Nacht um mich, tiefdunkle,

daß kein Lichtstrahl mich verhöhnt!

 

Schriller Mißklang reißt und martert

meiner Seele Saitenspiel,

und verzerrte Bilder gaukeln,

wo vom Aug der Tropfen fiel.

 

Macht Musik mir, daß mein Denken

vor dem Schall in nichts versinkt,

wenn in brausenden Akkorden

sich der Geist vergessen trinkt.

 

 


Einem Freunde

 

Fühlst du, wie sich mein Segen um dein Haupt schmiegt?

Einsam sang ungehört ich meine Lieder.

Nur du horchst auf. Was meine Melodie wiegt,

malt sich im Spiegel deiner Augen wieder.

Du reichtest mir die Hand. O, laß dir danken!

Wenn Schlummer nachts auf deinem Aug liegt,

da will sich’s sacht um deine Schläfe ranken.

Fühlst du, wie sich mein Segen um dein Haupt schmiegt?

 


Carl Adolf Lorenz

(zum fünfzigjährigen Bestehen des Stettiner Musik-Vereins)

 

Ein reich Begnadeter stehst heut du vor uns,

wo rückerinnernd sich dein Geist verliert

in lichter Jugend schaffensfrohe Tage,

da deine Hand die goldne Saat gestreut,

der reiches Blühen, edle Frucht beschieden.

Du durftest wachsen sehen, was du gepflanzt.

Das Leben reichte dir den vollen Erntekranz.

Dein Werk, es lebt!

 

Wohl dämpft der Zeiten Ernst des seltnen Festes Feier,

doch eint noch einmal heut, verehrter Meister,

um dich sich dankbar deiner Jünger Schar.

Du hast auf deines Genius Flügel

zu hohem Werk sie oft in lichte Höhn entrückt,

wo über allem Erdenstaube

im Reich der Töne du, ein König, herrscht.

Von deiner Schulter wallt’s wie Hermelin,

dein kleiner Taktstock wandelt sich zum Zepter,

das sieggewohnt die treuen Scharen lenkt.

So lebt dein teures Bild in unsern Herzen,

die du so oft zu schnellrem Schlag entfacht,

wenn deine Hand das Saitenspiel gerührt,

das dir ein Gott verliehn.

Dir ward dem Adler gleich ein Sonnenflug vergönnt,

ein Auserwählter durftest du »das Licht« erschauen.

 


Dem Meister neigen heut sich die Getreuen.

Du lehrtest sie vom Born des Schönen schlürfen,

erschlossest ihrem Sinn den tiefen Wunderquell.

Nun lebt in ihnen deines Lebens Werk,

ein immergrüner Baum,

dem Kind und Enkel treue Hüter werden.

 


An Karla König

 

Durch Feuer bist du schritten,

die Brust ohn Panzerhemd,

von Lohe heiß umstritten.

Kein Schmerzen blieb dir fremd.

 

Nun glühn der Leier Saiten

dir wie im Purpurbrand,

läßt du darüber gleiten

die leise, weiße Hand.

 

Tauchst du sie in die Fluten,

zu kühlen brennend Weh,

vermählen heiße Gluten

sich nächtig kühlem See.

 

Der schmückt wild überschäumend

mit Perlen deinen Leib.

Und suchend, sehnend, träumend

wardst du ein wissend Weib.

 

Geglüht ward deine Leier

zu Gold im Feuerbrand,

doch nächtig hüllt ein Schleier

dir deiner Sehnsucht Land.

 


Nun schluchze deine Lieder,

zieh sonnenwärts die Bahn!

Rot Mut auf dem Gefieder,

flieg an, mein junger Schwan!

 


Professor Dr. Bresina und Frau

zur goldenen Hochzeit

 

Das war ein köstlich Wandern

durch fünfzig lange Jahr,

wo treulich Eins dem Andern

Genoß und Stütze war.

 

Das war ein mutig Wandern

durch Lenz und Winterschnee.

Der Eine reich im Andern

in Erdenglück und -Weh.

 

Das war ein gläubig Wandern!

War steinig mal das Feld,

hat Eines mit dem Andern

sein Sorg auf Gott gestellt.

 

Das war ein fröhlich wandern!

Frau Sonne lacht ins Haus,

schaut Einem wie dem Andern

so hell zum Aug hinaus.

 

Das war ein reiches Wandern,

in Kindern Ihr erneut,

blühn Einem mit dem Andern

Großelternfreuden heut.

 


Das war ein gutes Wandern

auf weitem Ackerland,

wo Ihr Zwei jedem Andern

gereicht die Bruderhand.

 

War ein begnadet Wandern!

Gott selbst schenkt Euch den Preis

und segnet Eins im Andern

mit goldnem Myrtenreis.

 


Einem lieben Freunde Dank

(Herrn R. G., als er mir eine Konzertkarte schickte )

 

Ich rang mit grauen Alltags Sorgen,

im Schatten froren Herz und Sinn.

Da flog durch herbstlich trüben Morgen

dein freundlich Grüßen zu mir hin.

 

Dein liebes Wort wirkt hohen Zauber,

licht wards um mich, der Nebel wich,

dein winzig Kärtchen, grün und sauber,

es ward zum Talisman für mich.

 

Es öffnet mir geweihte Pforten

zu hehrer Gottheit Tempelbau;

und meine Kniee beugt ich dorten

vor Musika, der hohen Frau.

 

Sie führte mich auf lichten Pfaden

zu reinster Schönheit Höhenluft,

es durfte sich die Seele baden,

befreit aus grauen Werktags Gruft.

 

Was ich empfing, laß dir mich danken!

Wie Segen goß sich’s auf mich aus.

Laß meine Wünsche nun umranken

mit warmem Gruß dich und dein Haus.

 


Frau Sonn im goldnen Wagen

 

Frau Sonn im goldnen Wagen

mit feurigem Gespann,

ich hab dir was zu sagen!

Halt deine Rosse an.

 

Frau Sonne, ich Hab Schmerzen!

Dein golden Herz erbarm’,

dein tausend Flammenkerzen

lenk lind auf meinen Harm.

 

Frau Sonne, ich hab Sorgen!

Leucht mir ins Herz hinein,

dann flammt’s wie lichter Morgen

in purpurdunklem Schrein.

 

Frau Sonn mit goldnem Munde,

komm, küß mich armen Tropf!

Sann stirbt zur selben Stunde

mein Leid in Herz und Kopf.

 

Frau Sonn im goldnen Wagen

mit feurigem Gespann,

ich hab dir was zu sagen!

Halt deine Rosse an.

 


Saatgrün und Jungwind

 

Über die Saat streicht der blutjunge Wind,

neckt sie, versteckt sich wie spielendes Kind;

und sie duckt, ihrem wilden Genossen

lieblich zu Willen, die zartgrünen Sprossen.

 

Hält er dann atemlos inne im Lauf,

richtet behutsam sie wieder sich auf,

guckt wie ein Neugier im saftgrünen Haus

über die eigenen Härchen hinaus.

 

Verkroch er schläfrig sich abends zum Traum,

liegt ihr’s wie Tränchen auf zartgrünem Flaum.

Aber die Kindertränen und -Sorgen

fliehn vor dem ersten Windhauch am Morgen.

 

Was er an würzigem Duft da errafft,

gibt ihm zum Tagwerk die frischfrohe Kraft.

Saatgrün und Jungwind mögen sich leiden,

sind auf sich angewiesen die Beiden.

 


Der Ginster blüht

 

Nun flattert es über der wogenden Saat.

Frau Lerche erhebt sich auf luftigem Pfad.

Triumph jubiliert ihre silberne Kehle,

als ob sie der Welt etwas Neues erzähle

von Wundern, die nimmer ein Auge erschaut,

und singt doch wie immer so lieb und vertraut

das uralte Lied:

»Der Ginster, er blüht,

der goldene Ginster!«

 

Er schreitet als Herold wohl über die Haide,

schwingt zwischen der knorrigen Fichte und Weide

die närrischen goldenen Schellen am Baum

wie trunken vom heurigen Sommernachtstraum.

Und von seinem goldenen Thron grüßt der Held,

der siegfrohe Sommer, zu Füßen die Welt

beim jubelnden Lied:

»Der Ginster, er blüht,

der goldene Ginster!«

 


Da schmettert der Wind in das silberne Horn!

Wie zärtlich neigt ihm sich das blühende Korn

und schüttelt den silberhell glänzenden Staub!

Wie trunken vor Lust neigt das Laub sich dem Laub.

vom Halme zum Halm schwingt des Hochzeitsfests Tusch

und Kindtaufsschmaus feiert’s in jeglichem Busch

beim jubelnden Lied:

»Der Ginster, er blüht,

der goldene Ginster!«

 


Bettelndes Vöglein

 

Unscheinbares Finkenweibchen,

in dem schlichten Werktagskleid

plustert dreist sein graues Leibchen,

öffnet seinen Schnabel weit.

 

Heischet Futter für die Jungen

tief versteckt im weichen Nest.

Lenz und Lieder sind verklungen,

Kindtauf folgt dem Hochzeitsfest.

 

Und ich steh mit leeren Händen!

»Kleine Finkenmutter, flieg!

Hab kein Krümchen dir zu spenden,

Finkenmutter, es ist Krieg!«

 

 


Sonnenblumen

 

Ihr schaut aus ernsten Augen

und braun ist eu’r Gesicht,

das rahmen goldne Blätter,

wie Sonnenstrahl so licht.

 

Nicht schmückt ihr stolze Gärten

gepflegt von kundger Hand,

ihr lebt vom Tau des Himmels

auf Kehricht und auf Sand.

 

Und wo im Straßenstaube

sich Barfuß-Kinder hau’n,

da guckt ihr Sonnenblumen

am liebsten über’n Zaun.

 


Groß Versprechen

 

Willst Sommer nun scheiden?

Dein Blühn sich verlor

im schleppenden Nebel

wie trauerndem Flor.

 

Kein Vogelsang tröstet,

kein Sonnenstrahl lacht.

Und bleischwer schleicht Mittag

schon müde wie Nacht.

 

Da strecken die Arme

sich bangend nach dir,

wie Kind nach der Mutter:

»O, geh nicht von hier!«

 

Und du wendest lächelnd

zurück dein Gesicht,

tauchst Wiesen und Felder

noch einmal in Licht.

 

So reicht wohl ein Freund uns

zum Abschied die Hand:

»Nur auf ein klein Weilchen!

Ich geh über Land.«

 


»Da sehnen auch Menschen

nach Licht sich und Glück.

Behalt mich im Herzen!

Ich kehr dir zurück.«

 


Herbst

 

Gebeugt tief die Häupter

so schreiten sie her,

die littauschen Braunen,

das Joch lastet schwer.

 

Der Himmel spannt droben

ein eintönig Grau;

der Herbst ruft zur Arbeit,

sein Odem weht rauh.

Er mischt in den herben,

jungfräulichen Hauch

der berstenden Schollen

vom Dorf her den Rauch.

 

Schwer atmet das Erdreich,

es dunstet der Plan,

tief wühlt ihn die Egge

mit eisernem Zahn.

Der Landmann lenkt sorgend

das schwere Gespann,

den Schweiß auf der Stirne

den Acker hinan.

 


’ne Krähe schaut ernsthaft

vom Meilenstein zu,

»’s ist heuer wie immer!

die Klügste bist du!

Du säst nicht, du eggst nicht,

verstehst nichts vom Fach,

der Bau’r und die Gäule

besorgen dein Sach!«

 

Die Krähe am Feldrain

wippt nur mit dem Schwanz.

»Auf Wiedersehn, Bauer,

beim Erntefesttanz!«

 

 


Lämmerwölkchen

 

In blauer Ferne droben

da ist die Sonn’ zu Haus,

und weiße Lämmerwölkchen

gehn bei ihr ein und aus.

 

Sie tragen dicht am Köpfchen

ein schneeweiß Flügelpaar,

und haschend sucht und flieht sich

im frohen Spiel die Schar.

 

Wie reiner Kinder Seelen

vom Leben kaum berührt,

als ewiges Geheimnis

dem Erdensein entführt.

 

Wie selig ist euch worden

ein neidenswertes Los!

Ohn Schuld, ohn Reu geborgen

in ewger Liebe Schoß.

 

Nun tragt ihr, lichte Wölkchen,

von Stern zu Stern den Gruß,

dann dürft ihr leis zerflattern

am heißen Sonnenkuß.

 


Blumentag

 

Ein Wunder ist geschehen

in einer einzgen Nacht!

Es prangen Markt und Gassen

in holder Frühlingspracht.

 

Aus jeder Mauerspalte

ein Blumenantlitz grüßt,

auf hartem Straßenpflaster

da keimt’s und grünt und sprießt.

 

Und wißt Ihr, wie das wurde

in einer einzgen Nacht?

Es hat barmherzge Liebe

das Wunder hier vollbracht.

 

Die Liebe sie kann alles,

sie neigt sich jeder Not,

sie tanzt, sie singt und bettelt,

sie macht aus Steinen Brot.

 

Und werft Ihr in die Büchse

auch nur ein Hellerlein,

die Liebe wird es wandeln

in eitel Goldesschein.

 


Nun öffnet Eure Herzen

und kauft Ihr lieben Leut.

und gebt mit vollen Händen,

denn Blumentag ist heut!

 


Mein Glas Wasser

 

Goldig spiegelt sich die Sonne

in dem funkelnden Kristall,

und sie schlürft in trunkner Wonne

ihrer eignen Schönheit Strahl.

 

Sonne, Wasser, alles Leben

dankt die Erde eurem Bund,

und in wechselvollem Geben

tut Ihr höchste Weisheit kund.

 

Heilger Tropfen, deine Klarheit

spiegelt sich im hellen Glas,

das Symbol du reinster Wahrheit,

sei gesegnet, edles Naß!

 


Sankt Valentin

 

Sankt Valentin schreitet durchs Etschtal

und segnet das Rebenblut.

Der Alte lacht zum Himmel:

»Frau Sonne meint’s heut gut!«

 

Er klettert rüstig aufwärts

den grauen Fels hinan,

da liegt ihm weit zu Füßen

die treue Stadt Meran.

 

Gelehnt an Bergesrücken,

geschmiegt an rauhen Stein.

»Sei mir gegrüßt von Herzen,

Tirol, dein Edelstein!«

 

Sankt Valentin denkt der Zeiten,

da braun von Lockenhaar,

er selbst ein froher Zecher

im reichen Etschtal war.

 

Noch grünt wie einst die Rebe

an breiter Bergesbrust,

noch ist wie einst das Leben

im Etschtal eine Lust.

 


Da geht wie einst zum Kirchlein

ein Hochzeitszug entlang.

Der alte Zecher freut sich.

»Da gibt’s heut Becherklang!«

 

»Da schlingt sich um zwei Herzen

ein festes Eheband,

da hängen heut zwei Menschen

zwei Herzlein an die Wand.«

 

»Von Silber tun’s die Reichen,

die Andern nur von Ton;

bedeckt sind deine Wände,

mein Hochzeitskirchlein, schon.«

 

»Und übers Jahr, so Gott will,

wird hier ein Bub getauft,

ein richtiger Tiroler,

der gerne trinkt und rauft.«

 

Sankt Valentin geht weiter

und schürzt sein braunes Kleid.

Es haben die Meraner

das Kirchlein ihm geweiht.

 

Da huscht aus Mauerspalten

Eidechs im flinken Lauf,

da klettern junge Reben

am festen Stab hinauf.

 

Da will am Fuß des Rebstocks

schon Weinberglilie blühn

auf ihrem schlanken Stengel

im jungfräulichen Grün.

 

Ist alles noch wie früher!

Der Alte steht und lacht.

Am Hochzeitskirchlein blüht schon

des ersten Kirschbaums Pracht.

 


Heuduft

 

In meines Fensters Nische

lehnt ich in stillem Traum,

verschlafen zirpt ein Vöglein

im blütenschweren Baum.

 

Und über stille Felder

ein Heuduft zu mir kam,

wie Gruß von einer Seele,

die längst der Tod mir nahm.

 


Erntezeit

 

Es neigt das reife Korn

den Halm, den früchteschweren,

als wollt es sich der Last,

der übervollen, leeren.

 

Nun prüft der Landmann ernst

der alten Sense Klinge,

daß sie das neue Werk

in alter Treu vollbringe.

 

Wie weckt der Sichel Klang

ein Echo mir im Herzen!

In heller Mittagsglut

mahnt mich’s wie Trennungsschmerzen

 

Und Glockenton von fern

fragt leise im Verhallen:

Sprich, bist auch du bereit,

zum Erntefest zu wallen?

 


Meine Toten

 

Wenn Euch mein Sehnen suchet,

schaut Ihr wie Mond auf mich

und reicht mir Eure Hände,

so still und feierlich.

 

Dann liegt um Eure Wangen

ein Lächeln selger Art,

das ist mit tiefem Schweigen

um Euren Mund gepaart.

 

Wenn ich um Rat Euch bitte,

dann bleibt Ihr wohl mir stumm,

doch liebendes Verstehen

weht weich um mich herum.

 

Ich fühl’s, Ihr baut mir Brücken

zu weltentrücktem Port;

wenn leis mein Herz sie wandelt

begegnen wir uns dort.


 

 

 

 

 

Susanna

 


Susanna

 

Du schmiegest um den kleinen Becher

sacht deine feine, bleiche Hand,

wie sich dein Mund, ein müder Zecher,

still neigt auf den kristallnen Rand.

 

Aus deiner Augen ernstem Lächeln

winkt jeder Blick im Abschiedsgruß,

und um uns rauscht im düstern Fächeln

nachtschwarz ein unerbittlich »Muß«.

 

Dein schönes Haupt, das todgeweihte,

schmiegt sich an meine Schulter lind,

still setzt den Becher ich zur Seite,

still ruhst du, wie ein müdes Kind.

 

So schweigen Zwei, weil Beide wissen!

Es bebt mein Herz in Trennungsnot.

Mir bleibt das ewige vermissen,

du lächelst nur, stark wie der Tod.

 


Tränenlos

 

Wir halten uns an den Händen,

wir weinen und klagen nicht.

Wir streichen mit leisem Finger

über dein stilles Gesicht.

 

Wie liegt so weit nun dahinten,

was siech an dir und was krank!

Wir denken in Ehrfurcht-Staunen

der Welt, die mit dir versank.

 


Dein irdisch Teil

 

Vor uns liegt leblos deine stille Hülle,

drauß nun dein letzter Atemzug entwich.

Noch ganz durchtränkt von Erdenleidens Fülle

streckt müd dein Leib zu letzter Ruhe sich.

 

Nur zögernd deckt das Lid der Augen Spiegel,

schwer sinkt ins Pfühl zurück dein Angesicht,

drauf drückt der Tod sein königliches Siegel.

Sein bist du! Und du bist’s doch wieder nicht.

 

So läßt ein Schmetterling wohl, hold beflügelt,

achtlos zurück der Raupe morsch Gewand.

Nicht mehr vom wehen Erdenrest gezügelt,

fand deine Seele nun ihr Heimatland.

 


Leere

 

Es ist so still um mich!

Aus jedem Winkel atmet Schweigen.

Ich fühle, was nicht ist,

sich schwer auf meine Schulter neigen.

 

Die Leere greift nach mir.

Mit kalten, unsichtbaren Händen

zwingt sie den Blick, das Ohr

erschauernd ihr sich zuzuwenden.

 

»Da bin ich! Fühlst du mich?«

Ich neig mich ihr von Gram umflossen,

weil sich im Todesschlaf

dein lieben, blauen Augen schlossen.

 


Du bist noch da

 

Mir ist, als ob von deiner Stimme Klang

ein Echo noch in diesen Wänden schliefe,

als ob mein Sehnen unaussprechlich bang

seltsam vertrauten Laut zum Leben riefe!

 

Da hör ich dich! Du bist im Nebenraum.

Klirrt nicht das Fenster und du neigst dich nieder?

Unwirklich fern und deutlich, wie im Traum,

vernimmt mein Ohr dein frohes Scherzwort wieder.

 

Du neigst wohl lächelnd dich und grüßt ein Kind,

freust dich an seinem Spiel im sonngen Garten.

Es eilt herbei, gewohnt wie Kinder sind,

aus deiner Hand ’was Leckres zu erwarten.

 

Es irrt sich nicht! Du neckst und lachst und gibst.

Und helle Kinderstimmen jauchzen wieder

in froher Wechselrede, die du liebst,

wie Saitenspiel und süße Vogellieder.

 

Ich höre dich! Wie weich dein Lockruf klingt!

Die feine Hand streut Sonnenblumenkerne,

und alles schwirrt herbei, was zirpt und singt,

vom nahen Birnbaum und aus Himmelsferne.

 


Du bist noch da! Ich fühle, halte dich,

wenn auch die Sinne irdisch mir gebunden.

Du bist mir nah, und leitest liebend mich

zu lichten Pfaden, die du schon gefunden.

 


Deines Wesens Art

 

Gott, der dich ans dem festen Stoff gemacht,

drauß Heldengeister ihm entsprungen,

der forderte auch den Beweis erbracht,

daß ihm das hohe Werk gelungen,

als weislich er die edle Mischung fügte,

die deines Wesens tiefsten Kern umschmiegte.

 

Mit Riesenkräften hat er dich durchtränkt,

um hart mit deinem Leid zu ringen.

Durch Dornen hat er deinen Fuß gelenkt,

so lerntest du dein Ich bezwingen.

Und wie du fester faßtest deine Zügel,

so wuchsen reiner deiner Seele Flügel.

 

Und wie ein gläubig Kind gabst du zurück

dein Herz in Gottes Vaterhände,

ein reiches Herz, des Schöpfers Meisterstück,

der dir’s verliehn als Gnadenspende.

Er formt dich aus dem Stoff, drauß Helden sind,

ein Riese warst du, und du warst ein Kind.

 


Siegerin

 

Fest griffen deine Finger in des Lebens Dornen!

Du trugst am Leib der Narben wehe Spur.

Es woben düstre Schatten um dich ernste Nornen,

du schrittest mutiger und fester nur.

 

Kein bitterer Klagelaut entwand sich deinem Munde,

der nie verlernt sein Lachen sonnenhell.

Dein starker Geist trank Kraft aus jeder frohen Stunde,

bezwang den Schmerz an ihrem Wunderquell.

 

Du klaglos stolze Siegerin, demütig senke

vor dir mein Haupt ich, müd und sorgenschwer,

tritt noch ein Mal. ein einzges, zu mir her und schenke

mir Kraft zum Leben, das so freudenleer.

 


Warte nur

 

Zarte Efeuranken schlingen

sich um einen engen Raum,

mit den dunklen Blättern schirmend

meiner Schläfrin letzten Traum.

 

Und die sommerlich einst glühten,

Blumen stehn im fahlen Kleid;

Glanzlos lastet düstrer Himmel

tränenschwer wie Herzeleid.

 

Durch die Luft geht’s wie ein Klagen

über stilles Gräberfeld,

lautlos ruht die Stadt der Toten,

eine große Rätselwelt.

 

Meine Seele tastet fragend

dein Geheimnis, große Sphinx,

»Sprich, in welchem Weltenbronnen

sammelst du die Tropfen rings?«

 

Und mir ist, als ob im Schweigen

tröstend mir die Antwort kommt:

»Warte nur! Sollst bald erkennen,

was dir heute noch nicht frommt!«

 


Landwehrkinds Wiegenlied

 

Schlaf ruhig, kleines Landwehrkind,

dein Vater ist im Felde,

Das Fleckchen, drauf dein Bettchen steht,

verteidigt er als Helde.

 

Deine Mutter dient dem Vaterland,

dein Mutter macht Patronen,

damit der Vater schießen kann,

wo arge Feinde wohnen.

 

Schlaf ruhig, kleines Landwehrkind,

du bist in treuen Händen,

wenn drauß im wilden Kampfgewühl

viel deutsche Männer enden.

 

Du hast ein weiches Daunenbett,

hast Strümpfchen und ein Süppchen,

und wenn du ausgeschlafen hast,

spielst du mit Bär und Püppchen.

 

Dein Vater schläft auf nacktem Stein,

Tornister ist sein Kissen,

drauf bettet er getrost das Haupt,

er hat ein gut Gewissen.

 


Und Gott im Himmel wacht ob Euch.

Wenn Menschenherzen zagen,

sorgt Er, daß blutgetränkte Au’n

einst Friedenspalmen tragen.

 


Reiterlied

 

Nun kommst du hoch zu Ehren,

mein Roß, so lang verkannt!

Es gilt den Feind zu wehren

vom deutschen Vaterland.

 

Der Kaiser hat gerufen:

»Dem Todfeind biet die Brust!«

Nun scharrst du mit den Hufen,

nun wieherst du vor Lust.

 

Nun laß die Mähnen fliegen,

nun bläh der Nüstern Hauch,

mein Roß, es gilt zu siegen,

zu sterben gilt es auch!

 

Wir jagen über Haide,

wir schleichen tief im Sand,

mein Roß, wir wissen beide:

Es gilt das Vaterland!

 

Uns labt dieselbe Quelle,

wir teilen letztes Brot,

wir sterben gleicher Stelle

im Feld den Heldentod.

 


Und zieht einst Friedenskunde

hin über Deutschlands Gau’n,

dann half auch unsre Wunde

des Reiches Zukunft bau’n.

 


Erntedank

 

Kriegsfackel lodert,

o, grimme Not!

Der Vater im Felde,

wer schafft das Brot?

 

Alldeutschland rüstet

im heiligsten Zorn

zum Freiheitskriege.

Wer birgt das Korn?

 

Dem goldenen Segen

wie kaum je zuvor

harrt weit geöffnet

das Scheunentor.

 

Im leeren Stalle,

da wiehert kein Pferd,

der Vater im Felde,

verwaist der Herd.

 

Die arbeitsfrohe,

die schwielige Hand

sie griff zum Schwerte

fürs Vaterland.

 


Die Garben reifen

in sonniger Glut,

Wer bringt die Ernte,

das edle Gut?

 

Da rührt’s auf der Schulbank,

in Hof sich und Haus.

»Lies Mutter, ich zieh

ins Feld hinaus’.«

 

»Wir bergen die Ernte,

Kamraden, faßt an!

Zwölf Buben die schaffen

soviel wie’n Mann!«

 

Es rüstet zum Feldzug.

wie keiner noch war,

mit leuchtenden Augen

die Kinderschar.

 

Es wachsen die Kräfte,

wie schaffen sie froh!

Wie ruhen sie sanft

im Stall auf Stroh.

 

Die Ernte geborgen

von kindlicher Hand.

Mit rauhem Atem

zieht Herbst ins Land.

 

Nun läuten die Glocken

hinein in den Sturm

das Erntedankfest

vom Kirchenturm.

 

»Wir danken dir, Herr,

das tägliche Brot,

das du auch schenktest

in Kriegesnot.«

 

»Was Kinder schufen

in Sonne und Wind,

das segne du, Herr,

am Kindeskind!«

 


Es lauscht der Wald

 

Goldfarben leuchtet’s vom Walde,

der tief nun in Schweigen versank,

und über ihm liegt’s wie Erinnern

an sonniges Glück, das er trank.

 

Und über ihm liegt’s wie ein Lauschen,

jed Blatt wird zum goldenen Ohr,

das horchet vom moosigen Stamme

zur ragenden Krone empor.

 

Mit jeder Faser auch lauschet

die knorrige Wurzel im Grund,

und wie mit verhaltenem Stein

steht Baum nun an Baum weit im Rund.

 

Erzittert rings nicht der Boden?

Naht’s nicht wie von feindlichem Troß?

Und tränkt nicht aus plätschernder Quelle

ein feindlicher Reiter sein Roß?

 

Es lauschet der Wald hoch vom Wipfel

bis drunten zum winzigen Kraut,

es störet das heilige Schweigen

auch nicht eines Vogelrufs Laut.

 


Wie atemlos Zittern durchschauert’s

manch ragenden, uralten Baum,

und purpurgold Laub sinkt hernieder,

umschlingt ihm wie schützend den Saum.

 

Zu wärmenden Schichten hoch häuft sich

der Blätter verwelkende Schar,

noch sterbend den Boden zu schützen,

den heiligen, der sie gebar.

 


Deutscher Frauen Dank

 

Wie eisern Pflugschar Ackers Brust zerreißt,

daß willig sie das Samenkorn empfange,

so wühlt mit tausend Messern Schmerz

das Menschenherz, das zitternd bange,

daß es im Erdenweh der Zeit

ein Samenkorn der Ewigkeit verlange.

 

Nun gilt’s in dunkler Furchen Nacht

der Zukunft heilge Saat zu streuen !

Es will der Krieg beim blutgen Fackelschein

mit hohem Liebeswerke Euch betreuen,

die Opferflamme loht, kommt, deutsche Frau’n,

ein heiliges Gelübde zu erneuen.

 

Wenn drauß am Grenzwall wild ihr Todeslied

die heißen Feuerschlünde singen,

dann laßt des Wunden letzten Kampf

nicht bang in Sorge um die Seinen ringen!

Daß sie geborgen sind, mag seiner Seele

der Heimat letzten Gruß, den Frieden, bringen.

 

Hegt treu die Saat der stillen Liebeswerke

bis reiche Frucht in goldnen Garben steht.

Niemüde Sorge lasse reifen

was von der Liebe Hand gesät.

Und Wasser tragt herbei, Ihr Frauen!

Die Saat braucht Regen, eh’s zur Ernte geht.

 

Da, Wunder, nahn im langen Zug Gestalten,

die unter schwerer Last ermatten.

verhüllt das Antlitz, müd ist ihr Gang.

Noch mehr? Nehmt Ihr kein Ende, dunkle Schatten?

Kus Tränenkrügen helft die Saat Ihr netzen,

Ihr Trauernden um Väter, Söhne, Gatten.

 

Kommt, Deutsche Frauen all, zum Liebeswerke!

Leid Trösterinnen, wo die Herzen krank,

dem Wunden, Dürstenden hebt an die Lippen

barmherzger Liebe wundertätgen Trank.

Für das, was deutsche Männer uns erstritten,

sei Wunden heilen deutscher Frauen Dank.

 


Bergmannslied

 

Gleicht das Leben nicht dem Bergmann,

der bestimmt ist, aus dem Dunkel

purpurroter Herzenskammer

alle Kräfte auszulösen,

die verborgen schweigend schlummern,

bis verwandter Ton sie weckt?

 

Winkt der Bergmann seinen Knappen:

»Auf, zur Hand nehmt euer Rüstzeug!«

da ergreift der Schmerz den Hammer,

wuchtig donnern seine Schläge,

daß die Funken jäh entsprühen

und ein klagend Echo aufstöhnt.

Und die Sorge nimmt die Säge,

langsam nur tut sie die Arbeit,

aber unaufhaltsam führt sie

zackges Eisen auf und nieder.

Da reckt sich der Hochmut aufwärts,

mustert mit geschürzter Lippe

eignen Schatten auf der Mauer,

riesenhaft sein Selbst vergrößernd.

Phantasie malt tolle Bilder

wie in wildem Spuk daneben!

Und die Sehnsucht spannt die Seile,

leiht dem Werkzeug Riesenkräfte,

macht zur Nähe fernste Weite,

zum Besitz das, was sie träumt.

 

Doch das Grubenlicht ist Liebe,

ohne sie wär Grabesnacht!

Wundersames neues Leben

ist geheimnisvoll erwacht.

Seltne Edelsteine flammen,

funkelnder Kristall erglüht,

und in tief verschwiegnem Schatten

märchenhafte Lust erblüht!

Goldne Lichter jagen, suchen

einen sich in trunknem Glück,

und es werfen tausend Strahlen

nur ein einzig Bild zurück.

 

Grubenlicht, du bist die Liebe,

ohne dich war Grabesnacht,

brennst am hellsten und am längsten,

wenn die Treue dich bewacht.

 

Schlagend Wetter ist der Jähzorn!

wild entfacht im roten Blitzstrahl

spricht er der Vernichtung Sprache,

wenn sein Stein Donner kündet,

und zertritt in blindem Wüten

heilgen Fleißes goldne Frucht.

 

Bergmann, auf an deine Arbeit!

Steig hinab in dunkle Nacht,

und befrei die goldnen Adern

aus des Herzens Purpurschacht.