ngiyaw-eBooks Home


Herwarth Walden – Das Buch der Menschenliebe.

Herwarth Walden, Das Buch der Menschenliebe, Verlag Der Sturm, Berlin 1916


Nell Walden


Du süsse Frau im Blondschein

Du Kind mir meiner Liebe

Gestalt mir, Kunst:

In Deine zarten Hände leg ich dieses Buch

Vor deinen zarten Füssen liege ich

Geliebte!


Herwarth Walden



Dort flattert ein Mädchen. Reißt die Weide es an, blickt dort der See grünblauen Auges auf den Bauch. Die Scham strömt. Die Wachtel schreit. Das Mädchenauge fliegt. Und der Himmel schweigt.


Sie steht vor ihm, faltet die Seele, die Hände, zwei Hölzer, auf dem Tisch. Der Tisch biegt sich, sein Holz wächst durch zur gefalteten Seele. Sein Holz fühlt Hände, Hände leiden. Er steht.

 

Die Wachtel schreit und der Himmel schweigt.

 

Ein Blatt schwimmt auf dem See. Der Baum steht weit. Es nimmt das Mädchen, der Bauch ist bedeckt und rein ist der See. Der See blickt.

 

Er steht und biegt sich nicht. Der Tisch wächst durch zur gefalteten Seele. Er steht und seine Augen sinken in sein Hirn.

Blind muß er sein, soll er das Flattern hören.

 

In der eigenen Falte der Seele ruht das Flattern Nun ruht es nicht. Das Flattern flattert.

 

Höre, Himmel, da du schweigst. Schweige, Himmel, da du hörst. Ich steige in die Tiefe der Scham.

 

Es rauscht das Blut des Mädchens schon tausend und eine Nacht. Schon tausend und einen Tag. Nun hört es den Hall seines Rauschens, nun fühlt es den Rausch seines Halls. Seine Liebe strömt über die Dämme, die Dämme stürzen. Es wirft sich über die Erde, die Augen zum Himmel, hoch auf den Bergen des Leibes blühen die beiden Blumen, die Kniee zum Himmel.

Der Himmel schweigt.

Ein häßliches Mädchen, sagt die Mutter.

Der junge Mann sieht das Mädchen. Er sieht eine krumme Nase, einen schwarzen Zopf. Sommersprossen.

 

Schwarz strömt das Blut durch die Augen des Mädchens, tausend und eine Nacht in tausend und einen Tag.

Es sieht die Liebe, es flattert zum Damm.

Dämme stürzen.

Nun liegt es über der Erde, die Augen zum Himmel, die Kniee zum Himmel. Zwei Blumen blühen auf den Bergen des Leibes.

Du mußt dir den Damm bauen in dich. Mädchen. Den Damm aus Blut.

 

Durch mich rauscht das Blut aller Menschen. Mütter lieben nicht.

 

Die Mutter spielt mit der schönen Tochter, sie ist schön. Die Mutter spielt mit der häßlichen Tochter, denn sie ist häßlich.

 

Ich schweige, weil ich liebe. Ich wölbe mich zum Kreise. Meine Kreise werden Kugeln. Meine Kugeln werden Sonnen. Meine Sonnen werden Sterne. Meine Sterne werden Augen. Meine Augen sehen in die Nähe. In der Nähe flattert das Mädchen.

Sieh, ich sehe.

Der Himmel schweigt.

Ich steige in die Tiefe der Scham.

 

Blonde Wellen baden meine Augen. Gold mir leuchtet in heller Nacht. Der Tag schläft in die Abendstunden. Nacht springt in den Tag hinein, tausend und eine Birken stehen im Lichte. Tausend Birken blühen um die eine. Um die eine mit blonden Zweigen.

Die Wachtel schreit und der Himmel schweigt.

Ich bin die Erde, aus der die blonde Birke blüht. Blonde Zweige schatten mich. Ich sehe in das Blonde des Schwarzen.

Alle Herzen klingen mir entgegen, ich bin der Klang, dem alle Schreie klingen. Ich bin der Klang, dem alle Klänge schreien. Alle Leiden verleiden in mir.

Ich nehme mich, damit ich geben kann.

Die Erde raunt. Das Mädchen flattert. Der Himmel schweigt.

Ich steige in die Tiefe der Scham.

Und ich finde die Menschenliebe.

 

Vor ihr zittert der Schrei. Sie hört ihn außer sich. Ihr Gehirn kreißt. Ihr Gehirn wacht Liebe im kalten Bett. Und die Nacht denkt Ihre Sinne rufen und antworten sich. Sie kriecht in ihn und wächst aus ihm hinaus. In sich zurück. Die Sonne scheint ins kalte Bett. Aber ihre wachen Blicke sind die beiden Augen der Sonne. Sie sucht die Liebe, die sie trägt und beugt.

 

Er sucht den Sinn der Sinne. Und vergleicht. Zwei Mädchen sitzen nackt auf seinen Knien. Die Seide ist zerrissen. Vier grünseidene Beine sind zwei Scheren, die ihn zerfleischen. Sein Blut gerinnt, aber sein Herz glüht, das frieren möchte. Er denkt die Geliebte. Di£ Liebe steht, eine drohende Magd, vor ihm. Sein Hirn trotzt, aber sein Herz weicht. Vier Arme sind zwei Ketten, die ihn würgen. Vier Brüste drücken ihn ins Leben und sein Traum fliegt in die Welt.

 

Die Kinder auf der Straße sehen zwei Höhlen in der Sonne. Blind geht die Lehrerin in die Schule. Sie lehrt, daß die Erde sich um die Sonne dreht. Und die Kinder fühlen, daß die Augen des Fräuleins scheinen. In der Pause trampeln die Kinder auf die Erde und sie bewegt sich nicht. Nun glauben sie nur noch, daß die Augen des Fräuleins scheinen. Und die Sonne verzehrt sich überhaupt nach einigen Millionen Jahren, lehrt das Fräulein. Die Kinder finden, daß es sich doch lohnt. Außerdem glauben sie es nicht. Das Fräulein ist sehr schön und wird sich doch nicht nach einigen Millionen Stunden selbst verzehren.

 

Ich habe mich nach dir verzehrt, steht er, der junge Mann, um ein Uhr in der Schultür. Die ganze Nacht habe ich von dir geträumt. Ich fühlte dich leiblich bei mir. Wenn du doch einmal kommen wolltest.

Fräulein, rennt ein Kind nach, wie macht es die Sonne, daß sie sich selbst verzehrt?

Ich möchte hier auf der Bank schnell mein Butterbrot verzehren, lenkt der junge Mann sich ab, ich habe die Nacht sehr schlecht geträumt, mich nach dir gesehnt, und dann ununterbrochen geschaffen. Das kostet Mark.

Aber der Stuhl hier kostet zehn Pfennig, droht die Wärterin. Erst müssen Sie zahlen.

Die kahlen Zweige der Linden rauschen. Friedrich der Große reitet in die Luft und die Kinder lernen die Reliefs für den nächsten Tag auswendig.

Wie ich mich nach dir verzehrt habe, seufzt es aus Herz und Magen des jungen Mannes. Ich habe ein Gedicht auf dich gemacht.

Da ich dich liebe, suchen die vier Wörter des Fräuleins und ihre Augen fliegen in die beiden Höhlen der Sonne, wie die Kinder sagen.

Und die; ganze Nacht hast du gewiß nicht an mich gedacht, klagt der junge Mann an.

Ich habe dich in mir gesucht.

Nicht dich in mir.

Ich habe dich in der Welt gesucht.

Und auf der Erde läßt du mich allein.

Ich habe dich in Gott gesucht.

Eine etwas atavistische Vorstellung für ein kluges Mädchen, das Lehrerin ist. Die Sonne verzehrt sich in sich selbst.

Sage mir, sage, wie macht es die Sonne?

Die Frage ist kindisch. Du weißt das doch übrigens ganz genau. Und dir steht Naivität nicht. Ich brauche als Künstler eine Frau, die mir folgen kann. Uebrigens könnte man über das Verzehren der Sonne ein Gedicht machen.

Folgen Sie mir, schreit der Schutzmann ein seidenes Fräulein an.

Grüne Strümpfe sind mir unsympathisch, blickt der junge Mann nach.

Ich würde gern grünseidene Strümpfe tragen; aber ich habe nur das braune Kleid.

Ich werde dich in Samt und Seide kleiden. Ich werde einen Roman schreiben, er soll »Die grünseidenen Strümpfe« heißen, er wird mich mit einem Schlage zur Berühmtheit machen. Meine ganze Seele will ich darin geben. Das Publikum wird sich vor der Kraft dieser Dichtung beugen. Du kannst deine: Stellung aufgeben. Wir mieten uns eine kleine Villa in Thüringen und leben nur uns selbst.

Friedrich der Große reitet in die Luft.

Die Wärterin kassiert zehn Pfennig. Das seidene Fräulein sitzt auf dem Stuhl, ihre Beine eine Schere.

Wie mir so ein Mädchen in das Herz schneidet, sagt das Fräulein.

Das ist ungesund. Diese Mädchen sind nur in den Augen der Künstler ein Traum.

Nur?

Ich bin natürlich auch so übersichtig. Aber glaube mir, es steckt nichts dahinter.

Wo steckst du denn, kommt ein zweites seidenes Fräulein von hinten. Es setzt sich neben die Freundin, seine Beine eine Scheere.

So dürfen Sie hier nicht sitzen, droht die Wärterin. Uebrigens kostet der Stuhl zehn Pfennig.

Was ich mir dafür koofe, bezahlt das Fräulein.

Was stierst du die Mädels so an, komm, Kind.

Das Kind ist Frau und will dir folgen.

Ich verstehe nicht, was dich hier interessieren kann. Komm nach Hause und ich lese dir das Gedicht vor, das ich in der Nacht auf dich gemacht habe.

Während du träumtest.

Ich habe das Gedicht nachgeträumt.

Der du für das Leben bist?

Als Erlebtes zum Traum.

Ich träume das Leben.

Der Eindruck ist alles. Komm, die Mädchen werden aufmerksam.

Das Fräulein könnte sich auch ein Paar neue Schuhe kaufen, blickt das seidene Fräulein hinunter. Sie stiert, als ob sie noch nie seidene Strümpfe gesehen hätte.

Der junge Mann ist noch in dir verliebt, flüstert laut das andere seidene Fräulein. Seine Schere öffnet sich.

Ich bleibe nicht länger. Du mußt mir folgen.

Bleiben Sie doch, ruft hinten der Freund.

Das Fräulein geht. Die beiden seidenen Fräulein folgen, der junge Mann steht, der Freund läuft.

Wie kannst du mit deiner Braut so auffällig stehen bleiben.

Ich darf nicht stehen bleiben, ich muß ihr folgen, komm mit.

Also schon eine häusliche Szene.

Quatsch, ihre Idee, sie wollte durchaus.

Sie gehen durch die seidenen Fräulein durch.

Du gehst uns ja durch, man kann dir kaum folgen.

Der Affe braucht einen auch nicht so zu schubbsen.

Halts Maul, dreht der Freund sich wohlwollend um.

Rosig leuchtet das Brandenburger Tor.

Hinten reitet Friedrich der Große in die Luft.

Durch den Mittelbogen gehen ein braunes Fräulein und zwei seidene.

Seitwärts eilen ein Dichter und ein Arzt.

Ein Auto zwingt zwei Fräulein vor die Säulen.

Die reenen Säulenheilijen, witzt der Wagenführer.

Nun hat die zwei mit ihre abgetretenen Schuhe, rechnet das seidene Fräulein.

Die alten Affen nehm ich nicht geschenkt.

Ich wollte Ihnen schon immer etwas schenken, Fräulein Müller, stürzt der Arzt außer Atem. Heute habe ich es endlich mitgebracht.

Er nimmt ein Buch aus der Tasche »Die Heilung durch Sonnenlicht«.

Mein erstes Buch, Fräulein Müller, eine Tat. Wodurch ich es mit der ganzen wissenschaftlichen Welt verderbe. Ich habs gewagt. Die Schulmedizin ist zu lange schon am Sonnenlicht vorbeigegangen.

Es regnet, merkt der Dichter,

Ich danke Ihnen, Herr Doktor. Heut höre ich den ganzen Tag von der Sonne.

Dann will ich meinen Roman doch lieber »Die Sonne« nennen dir zu Liebe.

Also ist er fertig?

Ich schwimme in Ideen.

Die Straße schwimmt.

Unsere Stoffe können es vertragen. Aber Ihr braunes Kleid, Fräulein Müller.

Das Gesicht des Arztes ist die Sonne des Romans.

Wie gut, daß ich dir die grünseidenen Strümpfe noch nicht gekauft habe. In dem Wetter.

Der Arzt blickt um sich. Es regnet.

Sie sind heute sehr schweigsam, Fräulein Müller.

Verzeihen Sie.

Verzeihen Sie, tritt ihr jemand auf die Füße.

So ein Flegel von Offizier, rümpft der Dichter.

Aber er wollte mich doch nicht absichtlich treten.

Man tritt nicht auf die Füße. Und ein Offizier darf es erst recht nicht.

Ihr seid verstimmt, und ich habe noch eine Verabredung. Ich fürchte, man wird nicht auf mich warten.

Hoffentlich doch keine Verabredung im Freien.

Wie man will. Man kann sich auch unter das Brandenburger Tor stellen.

Ich danke Ihnen für das Buch nochmals, Herr Doktor.

Du kannst es heute abend lesen, wenn ich mit meinem Roman »Die grünseidenen Strümpfe« beginne.

Ich denke »Die Sonne« ist schon fertig.

Das ist ein anderer Roman, den ich jetzt anfangen will. Den andern beginne ich heute.

Der Regen geht mit den Zweien.

Und sie hebt die Augen schräg im Bogen.

Man müßte auch einen Roman »Der Regenbogen« schreiben,, blickt der Dichter empor.

Und sie hebt die Augen schräg im Bogen.

Der Bogen steht.

Der Bogen leuchtet.

Sein Blick geblendet schießt zum Steingarten des Kaffees am Kurfürstendamm.

Zwei seidene Fräulein sitzen am Marmortisch.

Wir wollen uns etwas wärmen, schlägt der Dichter vor.

Besetzt, schreien die beiden seidenen Fräulein zum Oberkellner. Wir warten auf einen Herrn.

Auf den Herrn können Sie lange warten, das ist hier bei uns nicht.

Guten Abend, meine Damen, rettet sie der Arzt. Ihre Kleider waren mir zwei Sonnen, die mich den Weg führten.

Die Sonnen können Sie sich schenken.

Aber ich habe Ihnen etwas mitgebracht, mein neues Buch.

Bücher brauchen wir nicht.

 

Wir brauchen uns nicht zu wärmen, das kostet zu viel.

Aber wenn erst mein neuer Roman »Der Regenbogen« fertig ist, brauchen wir uns nichts mehr zu schenken.

Wenn? wir uns nichts mehr zu schenken brauchen.

Du bist verstimmt. Also lieber auf morgen. Wirst du auch nachts an mich denken.

Ich liebe dich, aber ich finde mich nicht. Gute Nacht.

 

Ober, noch einen Stuhl. Aller guten Dinge sind vier. Das heißt, ich werde auch allein mit zweien fertig. Aber ein Dichter schwärmt für Einsamkeit.

Guten Abend. Ich wollte eigentlich schreiben. Aber man muß Eindrücke sammeln,.

Und Fräulein Müller?

Träumt von mir.

 

Sie zieht die Schuhe aus. Sie sieht die Schuhe an.

Ich gehe gerade Wege und sie sind vertreten.

Fräulein Müller, plaudert sich das Dienstmädchen herein, heute hat Ihnen ein Offizier den Weg vertreten, als sie den graden Weg mit Ihrem Dichter nach Hause gingen. Ich soll für ihn sprechen. Aber wir Frauen halten doch natürlich zusammen.

Er hat also nicht gemerkt, daß ich keine grünseidenen Strümpfe trage.

Sie haben also schon gemerkt. Und ich dachte, Sie würden sich wundern.

Meine Wunder sind meine Wunden.

Er schlägt Frauen nicht, es ist ein gebildeter Herr. Er tritt nur auf die Füße, damit man ihn merkt.

Das wundert mich.

Aber Sie haben es doch gemerkt.

Ich habe nichts gefühlt.

Ich konnte seine Spuren noch nachts auf meinen Füßen sehen. Freilich trage ich grünseidene Strümpfe. Nichts für ungut, Fräulein Müller.

Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß was ich leide, jammert das Klavier von unten.

Du bist mein Augenstern, versichert das Klavier von oben.

Der Mond scheint ins kalte Bett.

Fräulein Müller zieht die schwarzen Wollstrümpfe aus.

Fräulein Müller löst die schwarzen Flechten.

Fräulein Müller heißt Grete.

Fünf schwarze Haarnadeln fallen auf den persischen Läufer.

Der Mond scheint auf die Goldschlösser des Vertikows.

Schlösser, die im Monde liegen, versichert das Klavier von oben.

Nur du nur du allein, jammert das Klavier von unten.

Sie sieht ihre schwarzen Wollstrümpfe an.

Ich darf nicht schlafen, denn ich bin verstimmt, denkt sie. Rein muß mein Traum sein. Mein Traum ist mein Wachen. Ich darf mich nicht verträumen, denn ich muß erwachen. Die Schule beginnt um acht Uhr.

Ihre Augen scheinen aus tausend und einer Nacht in tausend und einen Tag.

Die Goldschlösser des Vertikows leuchten. Sie entnimmt ihm fünf Goldstücke, die Schmiedearbeit von fünf eisernen Jahren, sie zieht die schwarzen Wollstrümpfe an, sie zieht die vertretenen Schuhe an, sie schließt leise die Tür.

Der Mond scheint auf fünf schwarze Haarnadeln, die liegen gespreizt auf dem persischen Läufer.

Eine Treppe tiefer bleibt sie stehen.

Das Klavier ist verstimmt, hört sie.

Das Klavier verstummt.

Der Eingang vom Flur wird sich öffnen.

Der Eingang vom Flur öffnet sich.

Zwei grünseidene Beine hängen vom Tisch.

Grete, küßt eine Stimme.

Der Mond scheint auf die Goldknöpfe des Offiziers.

Der Mond scheint, aber sie leuchtet ihm nicht.

Das also ist die Liebe, sagt sie laut in die Nacht und in den Mond.

Wenn Sie sich beteiligen wollen, bitte sehr, ladet die Stimme ein.

Hier ist Platz für zwei, lacht die Grete. Wir Frauen halten natürlich zusammen.

Die Beine jagen hinunter zur Straße, nur der Blick steht schräg im Zimmer.

Also das nächste Mal, höhnt eine Stimme, um Blick und Tür zu schließen.

Die elektrischen Bogenlampen» scheinen auf den Mond.

Folgen Sie mir, schreit ein Schutzmann.

Ich trage schwarze Wollstrümpfe.

Machen Sie keine faulen Witze, sonst werde ich eklig.

Ich habe nichts getan.

Sie haben den Herrn hier angesprochen.

Der Herr dreht sich um.

Grete, du.

Also, siegt der Schutzmann.

Aber das ist ja meine Braut, wendet der Dichter ein, Fräulein Grete Müller, Lehrerin an der Volksschule, eine hochanständige Dame.

Mit die Haare?

Herr Wachtmeister, meine Braut muß offenbar erkrankt sein. Ich bin bereit, sie und mich zu legitimieren.

Na, ich will diesmal nichts gesehen haben. Sie machen ja auch einen ganz wohlhabenden Eindruck. Suchen Sie sich in Zukunft eine andere Gegend aus. Mahlzeit.

Wo kommst du her.

Ich soll dir folgen.

Bitte keine kitschige Symbolik bei der wichtigsten Frage deines Lebens.

Ich bin nicht wichtig.

Das ist sehr wichtig, wo es sich um meine Zukunft handelt.

Um deine?

Also um unsere.

Um unsere?

Also um deine.

Ist meine Zukunft eine wichtige Frage.

Also ich habe die Sache satt.

Ich bin hungrig.

Deshalb geht man nicht auf die Straße in der Nacht.

Man geht deshalb auf die Straße in der Nacht.

Und ich habe dich für ein anständiges Mädchen gehalten.

Alle sehen auf meine Schuhe.

Du bist verrückt. Auf deine Haare sehen sie und weil du dich ohne Hut und Mantel herumtreibst. Das fällt auf.

Falle ich auf?

Es ist gemein, aufzufallen.

Falle ich dir nun auf.

Dann hätte ich dich nie geliebt.

Falle ich euch nun auf.

So siehst du also nackt aus.

Das also ist die Liebe. Geh.

Grete.

Folge mir, wenn du mich liebst.

Du bist überspannt.

Du hast überspannt. Der Bogen bricht.

Wenn du dich mir heute Nacht noch schenken willst, soll alles vergessen sein.

Mein Geschenk ist kein Vergessen und mein Vergessen sei dein Geschenk. Geh.

Lassen Sie es sich gut gehen, Fräulein Müller.

Sie geht gut und schenkt zwei grünseidenen Fräulein, die ihr den Weg kreuzen, zwei Goldstücke seiner Reise.

Was wollen Sie über ihn wissen, sind die Beschenkten bereit.

Ich will nichts wissen.

Aber das dürfen Sie Ihrem Herrn Bräutigam nicht übelnehmen. Die Männer sind alle kleine Schweine, das wissen wir Frauen alle. Nur die anständigen wollen es nicht wissen.

Offene Haare ziehen übrigens nicht, beratet die andere. Ich habe Erfahrung. Und Ihre paar Kröten könnten Sie wirklich besser selbst gebrauchen.

Da hat sie Recht. Uebrigens kennen wir Ihren Herrn Bräutigam gar nicht.

Ruhig geht sie die Treppe hinauf, der Eingang vom Flur ist geschlossen. Ihr Zimmer steht offen.

Der Mond scheint auf die Goldschlösser des Vertikows. Drei Goldstücke legt sie hinein.

Fünf schwarze Nadeln liegen gespreizt auf dem persischen Läufer. Der Mond scheint auf das kalte Bett.

Hastig steckt sie das Haar auf, hastig zieht sie sich aus.

Nun darf ich träumen.

Der persische Läufer hat sich unter das Bett verschoben.

Zwei schwarze Wollstrümpfe hängen über das Bett.

Zwei Schuhe werden auf grünseidenen Strümpfen von der Tür geholt.

Die Kirche schlägt zu Kaiser Wilhelms Gedächtnis Eins.

Die letzten Menschen welken aus dem Steingarten des Kaffees.

Auch die große Zeit hat ihre Regel, witzelt der Doktor. Eine Regel, aus der sich nicht einmal die Männer ausnehmen können.

Er geht zu Fuß nach Hause, weil es gesund ist und weil die Heilung durch Sonnenlicht noch nicht allgemein honoriert wird. Die Nacht grünseidener Fräulein ist nicht mit Sonne zu bezahlen. Er wandert allein durch das Brandenburger Tor.

Das Stuhlgeschäft blüht nicht mehr.

Die Linden grünen elektrisch.

Friedrich der Große reitet in die Luft.

An der Neuen Friedrichstraße findet er ein Fräulein, das schon an die Heilung durch Sonnenlicht glaubt, eine Zukunftsträchtige.

Früher war ich Dienstmädchen in einer Pension am Kurfürstendamm. Aber wenn ich in die rechten Hände komme, bin ich zu etwas Höherem geboren.

Vorsicht ist die Mutter der Weisheit, aber die Weisheit, das kleine Kind hat sie doch gekriegt. Dann muß die Nachsicht dran glauben.

Du bist n Doktor. Und wenn ich recht lieb zu Dir bin, mußt Du mir Was schenken, was meine Freundin trug.

In welchem Monat.

Ihr Doktoren seid gemeine Schweine, einer wie der andere.

Also was willst du nach dem Ersten.


Grünseidene Strümpfe.


Fräulein, bitte ein Paar seidene Damenstrümpfe, aber möglichst billig.

Wir haben schon eine gute Qualität für eine Mark fünfzig, englisch lang.

Sie sind zwar für einen Engel, aber wenn sie billiger sind, desto kürzer. Kann man bei Ihnen anschreiben lassen.

Wir verkaufen nur bar.

Haben Sie nicht noch Billigeres. Wenn nur die Liebe echt ist. Und grün muß sie sein.

Die Verkäuferin lächelt. Ich hätte noch einen Gelegenheitsposten, aber nur blau und ich muß Sie darauf aufmerksam machen.

Machen Sie mich nicht aufmerksam und meine Kleine ist sowieso farbenblind, hoffe ich.

Die Aufsicht wird aufmerksam.

Also macht, Fräulein.

Fünfundneunzig.

Die Aufsicht scheint sich bei Ihnen auf die intimsten Dinge zu erstrecken.

Eine schöne Aufsicht, brummt der Offizier.

Die Aufsicht lächelt schön. Sie träumt von grünender Liebe.

Der Offizier kauft ein Dutzend Damenstrümpfe in allen Farben. Ein halbes Dutzend zu schicken an Fräulein Grete Müller, zwei Treppen, ein halbes Dutzend an Fräulein Grete Müller, Hausgehilfin, beim Pförtner abzugeben.

Ein junger Mann kauft ein Dutzend grünseidene Strümpfe, zu schicken an Fräulein Grete Müller, zwei Treppen. Und Fräulein, Sie verpacken sie recht schön, vielleicht mit einem Bändchen in einem Karton.

Kartons kosten zehn Pfennig extra.

Er zählt in der Hosentasche.

Also dann ohne Karton, aber vielleicht in anständigem Papier.

Wir verpacken nur in anständigen Papieren.

Macht also?

Vierundzwanzig Mark.

 

Wissen Sie, sieben Paar genügen mir auch, oder warten Sie, fünf Paar. Und den Betrag können Sie nachnehmen. Also der Empfänger zahlt?

Nein ich.

Dann müssen Sie hier zahlen.

Also geben Sie vorläufig ein Paar, man kann doch nachbestellen?

 

Welche Farbe wünschen die Dame?

Mauvefarben. Sechs Paar. Kosten?

Sechsunddreißig Mark.

Ich möchte mich nicht damit tragen. Schicken Sie sie für Fräulein Grete Müller, beim Pförtner abzugeben.

 

Fräulein, kann ich hier seidene Strümpfe haben?

Gewiß, aber die billige Sorte ist ausverkauft.

Geben Sie mir ein Paar grüne, das teuerste, das Sie haben.

Bitte sehr, gnädiges Fräulein, zwanzig Mark.

Und wo bekomme ich Schuhe?

Den Weg gradeaus.

 

 

Zwei Pakete legt sie auf den Tisch ihres Zimmers.

Vier Pakete liegen auf dem Tisch ihres Zimmers. Sechs Paar Strümpfe in allen Farben, sechs Paar Strümpfe in allen Farben, sechs Paar Strümpfe mauvefarben, ein Paar Strümpfe.

Das hat seine Richtigkeit, alles ist bezahlt, und Ihre Adresse ist angegeben, antwortet das Telephon.

Sie packt die neunzehn Paar zusammen und bringt sie zum Pförtner, er soll sie morgen dem Dienstmädchen geben, wenn sie fortgezogen ist. Ihre Adresse ist Neue Friedrichstraße, aber nur für die Post.

Wissen Sie schon Grete, verrät fünf Minuten später der Pförtner dem Dienstmädchen, daß Fräulein Müller zieht, nach der Neuen Friedrichstraße. Man munkelt allerlei. Es scheint ihr dreckig zu gehen. Der feine Bräutigam wird sie woll verlassen haben.

Der hatte ja ooch nischt. Aber ich habe heute nacht gesehen, wie sie in den Eingang vom Flur ging. Sie wissen doch, der Offizier.

Ach deswegen zieht sie. Der feine Herr hat sicher die olle Schlampe rausgeschmissen. Der ist an Besseres gewohnt.

Das wollen wir hoffen.

Und das Paket soll ich Ihnen von der Person geben. Eigentlich erst morgen.

Die ist boshaft. Sone Weiber reden unsereinem alles Mögliche nach. Wenn nur kein Gift in dem Paket ist.

Ich habe keene Bange. Lassen Sie mir man öffnen.

Ha, meine Strümpfe. Also stehlen wollte sie auch und nicht mal dazu hat sie Mut genug. Das melde ich bei der Polizei.

Was machen Sie mit die Menge Strümpfe?

Die haben sich mächtig verzählt. Warum passen sie -nicht besser auf.

Die großen Geschäfte ziehen doch bloß die kleinen Leute aus. Ich würde die Strümpfe anziehen und den Mund stopfen. Ich für meine Person habe nichts gesehen.

Wenn Sie eine Frau hätten, würde ich Ihnen ein Paar schenken.

Ich nehme sie, wenn ein Paar Beine drin sind.

Fragen Sie mal Weihnachten wieder an.

 

Sie öffnet zwei Briefe.

»In Liebe zerrissen, mit Liebe geschenkt, Wiedersehen macht Freude. Egon.«

»Sehr geehrtes gnädiges Fräulein. Sie haben mich gestern Nacht schwer verletzt. Mein Herz blutet aus tausend Wunden. Sie haben meine Liebe mit Füßen getreten. Sie wollen mich nicht verstehen. Und dabei sage ich Ihnen ganz schlicht: ich habe vier Wochen gehungert, um Ihnen Ihren Wunsch erfüllen zu können, den Sie gestern äußerten. Sie werden bei dem Empfang der zwölf Paar Strümpfe fühlen, wie ich stets versucht habe, den geheimsten Regungen Ihrer Seele mit meinem ganzen Künstlerempfinden nachzukommen, weit über meine materielle Kraft. Kein Opfer war mir zu groß, wenn es galt, Ihnen die Laune eines Augenblicks in die Tat umzusetzen. Sie haben meine Liebe mit Hohn und Spott überschüttet, so daß ich mich von Ihnen frei machen mußte. Nehmen Sie diese zwölf Paar Strümpfe und tragen Sie sie als Erinnerung an einen Dichter, dem Sie das große Erlebnis des Schmerzes bereiteten. Mein Roman wird davon noch in ferner Zukunft zeugen. Ich bitte mir keinen Dankbrief zu schreiben. Ich hasse Dankbriefe. Dank ist das Zeichen einer sklavischen Gesinnung. Diesen Schmerz werden Sie mir nicht noch bereiten wollen. Versuchen Sie nicht, mich zu treffen. Ich werde von nun ab voraussichtlich selten zu Hause sein. Ich muß mich in den Strudel stürzen, um mich zu verlieren. In vorzüglicher Hochachtung. Ihr.«

 

Sie liest in der Küche einen Brief: »Die zarten Hüllen werden Deine Beine streicheln, bis ich es selbst tun darf. Meine Tür ist stets offen. Verzeihung, ich kann nicht anders. Egon von.«

Mein Offizier ist ein Dichter, Aber der Ochse braucht mir doch nicht zu schreiben, daß seine Tür offen ist.

 

Also hier Kleine, weil du so lieb warst, hast du deinen Wunsch erfüllt. Trage sie mit Andacht und selten. Sie kosten fünfzig Mark, mein halbes Monatsgehalt. Aber es ist anständig angewendet, wenn du mir auch weiterhin keine Anstände mit dem Anstand machst.

Ihr Doktoren seid doch die größten Schweine und wenn Du glaubst, daß du mir fünfzig Mark für den Plunder einreden kannst dann kannst du wo anders schlafen gehen. Sonen Dreck würde ich nicht mal meinem Dienstmädchen schenken, wenn ich eins hätte.

Du kannst noch gut werden.

Dir habe ich gleich angesehen, daß du für Unschuld bist. Aber ich selbst falle doch nicht auf so was rein.

 

Das kleine Mädchen hat keine Jupiterstreichhölzer verkauft. Zwei Tränen rollen über die Backen hinab, über das Kleid hinab, in die Schienen der Bahn. Sie rollen weiter und weiter, den Kurfürstendamm hinauf, hinein in den Wald, hinein in den Fluß, von Fluß zu Fluß, ins Meer zum Meer, bis zum Rand der Erde, den Himmel hinauf, von Stern zu Stern, von Welt zu Welt. Sie rollen und rollen.

Ihr meine beiden Tränen.

Das kleine Mädchen hat eine Mark geschenkt bekommen. Der Offizier kann keine Tränen sehen.

Aber die beiden Tränen waren schon in der Welt.

Zwei schwarze Augen scheinen in die Nacht, in tausend und eine Nacht aus tausend und einem Tag.

Das Mädchen ist häßlich, sagt die Mutter.

Die schwarzen Augen scheinen. Sie scheinen zurück. Sie scheinen voraus. Den Kurfürstendamm hinauf. In den Wald. In den Fluß. Zum Meer. Zum Himmel. Von Stern zu Stern. Von Welt zu Welt. Sie suchen die Tränen.

Oh, ihr meine beiden schwarzen Silbertränen.

Ihr seid in der Welt.

Ich steige in die Tiefe der Scham.

In mir brennen die beiden Tränen. Sie ruhen in mir für die Augen der Menschen, die weinen wollen.

Liebe gibt.

Ich gebe, wenn ihr nehmen könnt.




Ihr Herz zittert in die Nacht. Das Glück ist das Leben. Nüchtern bin ich. Ich suche den Rausch um zu berauschen. Ich suche die Liebe, die mich liebt. Ich muß mich lehren zu lernen. Um mir nicht genug zu sein, muß ich Andern genug sein. Gut genug und schön genug. Ich lernte das Lehren. Selbst muß ich mich das Lernen lehren.

Ihr Herz zittert in die Nacht.

Ihr Kopf sinkt und der Abend breitet sich weit auf die Erde.

Und die Nacht drückt den Abend tiefer.

Fräulein, kaufen Sie ein paar Streichhölzer. Ich habe noch kein Handgeld und Vater haut.

Marie in der Nacht.

Das Fräulein in der Nacht.

Wo gehst d<u hin, Kind.

Wo kommen Sie her, Fräulein.

Ich gehe lernen.

Sie haben mir gelernt, es heißt lehren.

Ich habe falsch gelehrt, darum muß ich lernen.

Sie müssen wohl auf die Hohe Schule.

Ich will dich begleiten, Kinder dürfen nicht allein in der Nacht sein.

Feine Fräuleins auch nicht.

So sollst du mit mir gehen.

Haben Sie Geld. Und werden Sie nichts verraten.

Verrat ist mein Rat.

Haben Sie Geld.

Hier hast du zehn Pfennig und ich will dir verkaufen helfen.

Was ich mir dafor koofe. Ich dachte, wir wollen uns amüsieren gehen.

Warum dachtest du das und amüsierst du dich, du kleines Mädchen, wenn der Vater haut.

Vater haut erst um zwölfe, zwei Stunden können wir uns noch amüsieren.

Ich habe sie nie gekannt.

 

Vormittags wollen die Herren Mutter auch nie kennen.

Warum soll ich mich amüsieren. Was weißt du von den Herren, was weißt du von der Mutter.

Weil du so traurig bist, Fräulein, sollen Sie mit mir gehen. Mutter hat Gold und Silber und ganz lange rosa Beine und die feinen Herren lachen, wenn sie singt. Komm schnell, sonst versäumen wir die Nummer.

Dreißig Stunden schwer ist die Bank. Dreißig Stunden leichter steht das Fräulein auf, hält sich an der kleinen großen Kinderhand.

Und sie rennen beide aus der Nacht.

Die Jupiterstreichhölzer fallen zurück.

Lassen Sie liegen, Fräulein, sonst ist die Nummer aus. Und die Herren geben mir den Groschen auch ohne.

Weißt du denn, was Jupiter ist.

Der Dreck brennt doch nicht.

Sieh Kind, wie die alte Frau weint.

Tränen kann man machen.

Aber Kind, hast du kein Mitleid.

Nee, das ist nur für feine Damen, wenn ich nachts auf der Straße stehe. Das bringt immer einen Groschen ein.

Und weinst du nie.

Wenn Vater haut, damit er bald aufhört. Dann weint nämlich Mutter und Weibertränen kann er nicht vertragen, sagt er. Hier sind wir.

»Ich lach mir schief, ich lach mir krumm

Die Männer sind doch viel zu dumm.«

Helles oder Dunkles?

Danke, ich trinke nicht.

Geben Sie mir und dem Fräulein zwei Dunkle.

Aber Kind.

Aber Fräulein, das ist doch das Hauptgeschäft.

Nußstangen gefällig.

Fräulein, der Zucker schmeckt fein. Die ekligen Nüsse spucke ich immer aus.

Man sollte deiner Mutter ein paar Nüsse geben, daß sie dir so hier herumtreiben läßt.

Setzen Sie sich lieber noch ne Brille auf, damit Sie besser kieken können.

Aber Kind.

Wat jeht denn dem Dicken meine Mutter an.

Na, das Fräulein Mutter wird schon verstehen, daß nem alten soliden Familienvater mal s Herz über die Leber läuft. Ober, noch ein Pils, aber nicht geschnitten. Sie gestatten doch, daß ich mir zu Ihnen setze.

Das Fräulein blickt.

Sie können ja ein bißchen näher zu mir rücken, ich mach mir dünne.

Auf meiner grünen Seite ist saftig Platz. Wenn der Korps- auch alt ist, aber das Herz ist jung.

»Jung ist mein Herz

Wie das des Kindes.«

Davon wird die alte Scharteke auch schon genug geboren haben.

Das ist Mutter, Fräulein.

Das Fräulein blickt. Das ist Mutter.

Mutters Beine sind fein, Fräulein, nich? Deshalb is sie schon den ganzen Winter prolongiert.

Das Trikot ooch. Wat Wilhelm? Ober, Ziejarrn.

Der Rauch steht, ein Vorhang, vor der Bühne.

Ober, machen Se mal mit die feine Jummispritze etwas jute Luft. Man kann ja det Scheenste von de Schönheit vor lauter Rauch nich sehen.

Ick bin schon bei unserer Wache immer dafor injetreten, daß det Roochen bei das Kunstverjniejen verboten wird.

Verbote haben wir jenug. Die Pickelhauben verdecken einem schon das schönste Verjnüjen.

»Rauch ist alles irdische Leben

sang schon einst der Dichter Schiller

Freude hat uns Gott gegeben

Abends trink ich Sekt bei Hiller.«

Wer det gloobt, dem schmeiß ich ne Runde.

Na Fräulein, Sie sind ja noch immer so ernst. Haben Sie vielleicht was Kleines auf dem Gewissen?

Das Fräulein blickt.

Das is ne feine Dame, Sie oller Brillaffe, auf die laß ich nischt kommen. Sie hat mir nur begleitet.

Sie is nich mal deine Mutter. Oho. Die will dir junges Gemüse wohl aufn Markt schmeißen.

Kiek mal Wilhelm, der olle Ehrengreis holt sich wieder die besten Bissen.

margin-left:3.0cm;margin-bottom:.0001pt;text-indent:0cm;line-height:normal; »Ich kenne die Manieren

margin-left:3.0cm;margin-bottom:.0001pt;text-indent:0cm;line-height:normal; Der Männer zu genau.«

Das is Mutter sein Dakapo. Sie müssen klatschen, Fräulein, sonst fallen Sie auf.

Das Fräulein blickt.

Das Fräulein sinnt: Oh Kind, daß ich lerne. Mein Lehren stört, mein Lernen stört. Wie soll ich mich lassen, daß ich mich nicht halten brauche.

Nun kommt Mutter mitm Hermelin runter, ihr Bild vakoofen. Geben Sie mir rasch zwei Mark für die dreckigen Jupiter. Ich muß Kasse machen.

Ein Goldstück blinkt in der kleinen großen Kinderhand.

Marie, was machst denn du hier.

Mutter, das ist mein Fräulein aus der Schule. Sie hat gesagt, ich darf nichts verkaufen, sonst fliege ich.

Fräulein, in der Schule sind Sie Fräulein und des Abends bin ich Mutter.

Schrei nich so, abends bist du Fräulein.

Nabend Herr Müller, na weil Sies sind.

Sie können ganz beruhigt sein, das Fräulein hat sich anständig betragen.

Na neben mir.

Sie sind wohl von der Presse und wollen n Buch über uns schreiben. Neulich war auch so einer hier. Der quatschte so dicke, daß- ich mir dünne machte. Sie sind wohl stumm.

Entschuldigen Sie, mein Name ist Müller.

Sehr angenehm, heiß ick ooch. So heißen wir alle. Und ich wollte nun freundlichst um Aufklärung gebeten haben, was Sie sich mit meiner Kleinen zu schaffen machen. Von die paar Kröten für das Singen kann ich die fünf Kröten zu Hause nicht das Maul stopfen.

Verzeihen Sie, ich habe die Verhältnisse nicht so gekannt. Darf ich Sie bitten, diese zwanzig Mark als Entschädigung zu nehmen.

Ja, die Marie hat mir immer schon erzählt, daß sie so ein nobles Fräulein hat. Natürlich dürfen Sie. Nu nee nich. Bei die schwere Zeiten muß man sich gegenseitig aushelfen. Wenn Sie vielleicht bei uns eine Tasse Kaffe trinken wollen. Ich bin eine gute Mutter, nach zwölf Uhr dürfen mir meine Kinder nich auf die Straße. Nich zu früh an die Männer lassen, das is mein Honnörpunkt als Mutter.

Ich nehme Ihre Einladung gerne an.

Wilhelm, sieh nur, wie die sich festbeißen. Zwanzig Mark und das Geschäft is richtig.

Na, Müllern, schlechte Jeschäfte jemacht. Du hast ja noch alle Karten in der Hand.

Nur keene Uffregung, Ober, sie hat dafür eine Treffdame.

Pickaß wär mer lieber.

Fräulein Müller wankt: Entschuldigen Sie bitte. Ich habe dreißig Stunden nichts gegessen.

Ach, das macht nichts, das ist bloß die frische Luft, wenn man aus dem dicken Qualm kommt. Wohnen Sie weit?

Ich habe keine Wohnung.

Na, dann bleiben Sie gemütlich bei uns. Bringt denn Ihr Geschäft so wenig.

Ich bin nicht mehr Lehrerin.

Haben Sie ne Männergeschichte gehabt.

Ich muß zu lernen anfangen.

Dazu sind Sie zu alt, Fräulein.

Ich bin zweiundzwanzig Jahr und ich habe Hunger.

Mein Kaffe hält Ihnen Seele und Leib zusammen und mein Oller sieht gern was Junges, natürlich in allen- Ehren.

Würden Sie so freundlich sein, mich für zwanzig Mark einen Monat in Ihrer Wohnung schlafen zu lassen.

Immer zu, wenn Sie dazwischen mal wieder aufstehen. Tags über brauche ich die Stube. Oder Sie könnten ja bei meine Tochter schlafen, die braucht das Zimmer nur selten und dann nur stundenweise.

Schläft denn Marie nicht zu Hause.

Die schläft auf irgend einem Boden, wo Platz ist. Das ist Grete, meine Aelteste. Mit ne Zukunft. Jetzt jeht sie mit einem Doktor.

Also wenn ich bleiben darf, will ich gern das Zimmer mit Ihrem Fräulein Tochter teilen. Ich werde ganz still sein, wenn sie des 'Nachts arbeiten muß.

Fräulein, nee, Sie sind wirklich nich von hier. Wo kommen Sie denn eigentlich her?

Vom Kurfürstendamm.

Da wird Ihnen aber unser Künstlerheim nicht behagen. Wir wohnen nämlich Neue Friedrichstraße. Marie, den Hausschlüssel.

Marie schließt die Tür auf.

Zünd mal n Jupiter an.

Die hab ick doch vakooft.

Eine Hand stürzt in die Luft, ein Schrei hallt durch den Flur.

Sie dürfen das Kind nicht schlagen'.

Bei mir hat sichs ausgelehrt, Fräulein.

Ich will lernen.

Da sind Sie in der richtigen Beletage angelangt. Vier Treppen is n bißchen hoch, aber Sie haben ja junge Beine.

Mutter, Fräulein hat schöne Beine.

Na, wie wärs dann, Fräulein. Wenn ich Sie ausbilde, können Sie glatt ne Dakaponummer werden. Künstlerin is immer was Feines.

Ich habe Hunger.

Also rin ins Biefsteck.

Na, Olle, was schleppste denn da.

Die neue Aftermieterin, Fräulein Müller, mein Mann, Zirkusbeamter.

Ehrt mich sehr, Fräulein Müller. Olle, mein Biefsteck. Von Stoob allein wird der Mensch nicht satt.

Ja, mein armer Mann, Fräulein Müller. Seitdem nämlich sein Bein das dritte Mal gebrochen ist, mußte er seine Künstlerschaft aufgeben und Beamter werden. Früher hielten ihm fünfzig Leute den Teppich, wenn er vom Dach heruntersprang. Jetzt muß er für die neue Kraft mithalten. Traurig für n Künstler. Aber wenn man Malör hat, ist es aus mit die Kunst. Essen Sie, Fräulein Müller, bei uns gibts nur gutes Fleisch.

jawohl, Fräulein Müller. Viel aber gut, das ist mein Motto.

Wo ist denn Marie?

Das Aas hat jelogen, nu hat se sich verkrümelt.

Dann wer ick ihr mal eine runter langen.

Tun Sie ihr nichts, mir zuliebe.

Ihnen zuliebe, mein Fräulein, würde ich noch ganz andere Sachen tun. Ich stehe zwar nicht mehr, wie man so sagt, auf meine zwei gesunden Beine. Aber ein Künstlerherz ist immer jung.

Darf ich mich zurückziehen.

Das ist bei uns etwas unbequem.

Ich werde mich gern bequemen.

Also die Treppe runter.

Du hast bei dem Umjang die janze Bildung verjessen. Also hier nebenan, das Bett is ganz frisch, meine Tochter hat nur einmal drin geschlafen. Sie is doch nich zu Hause?

Die is weg. Mit so nem Doktor. Olle, ick jloobe, det Aas betrügt sie. Der trägt n Zülünder von der vorletzten Mode.

 

Fräulein Müller steht im dunklen Zimmer.

Der Mond scheint auf das kalte Bett.

Die Goldschlösser des Vertikows glänzen.

Sie glättet den persischen Läufer.

Ihre Augen blicken aus einer Nacht in tausend und einen Tag.

Nun will ich auf dem Boden liegen, irgendwo, damit ich auf dem Boden stehen kann. Allein.

Kriegen Sie keinen Schreck, Fräulein, ich bin nur hier.

Marie.

Hier sucht mich Vater nich. Wenn er nämlich meine Schwester stört, haut sie ihm eine runter.

Marie, mein Kind, ich habe viel von dir gelernt. Sag du zu mir.

Für die dummen Tantengeschichten bin ich zu alt.

Bin ich dir auch zu alt?

Sie sind doch mein Fräulein.

Ich bin sehr traurig, Marie.

Sie können sich eben nicht amüsieren, Fräulein.

Deshalb bin ich sehr traurig, Marie. Und du bist immer froh?

Wenn ich nicht immer für Vater und Mutter arbeiten müßte. Aber so muß ich immer weinen, wegen das Geschäft.

Wenn ich weinen könnte. Wenn ich weinen dürfte.

Vielleicht stellt sie Vater an.

Ich will bei deiner Mutter lernen.

Mutter is n Aas, Vater haut, aber er meint es jut. Nur die Männer sind anständig, das können Sie mir glauben, Fräulein.

Du kannst die Frauen nicht leiden?

Wenn sie Gold und Silber tragen und lange rosa Beine haben. Aber so.

Komm, lege dich zu mir, dann will ich deinen Kopf an meine Brust nehmen.

Ich liege nicht bei Frauen.

Der Mond scheint auf das kalte Bett.

Zwei Tränen irren in der Welt.

Oller, ich habe Tränen gelacht über die verschrobene Person. Aber vierzig Mark sind nicht von Pappe.

Es is alles Jold, was glänzt.

Aus der Person hol ich uns de Altersrente. Die hats in sich. Main muß es bloß aus ihr rausbringen.

Alles, was recht ist, Olle. Aber auf das Rausbringen verstehst du dir.

Zunächst wird die Portierfrau abgeschafft. Die drei Mark können wir sparen und ich hab auch meine Laufbahn so anjefangen.

Machs nich zu hart, Olle.

Ich weiß, was ich tue. Ich kenne die Sorte. Die hats zu 'gut gehabt und die will es mal gründlich dreckig haben.

Du bist immer für die Philosophie. Ick haue mal, ooch mal über de Stränge. Aber anständig bin ich. Immer jewesen.

Ich etwa nicht?

So anständig, wie ne Frau sein kann.



Kinderleute, ich habe ne Entdeckung gemacht. Laßt die faulen Zeitungen und kommt mit in die Elsasser Straße. Da tritt eine Künstlerin auf, so was hat ganz Berlin noch nicht gesehen. Sie ist nicht hübsch, sie kann nichts, aber sie hat zwei Augen, wie sie ganz Berlin noch nicht gesehen hat.

Das sagt jeder von seinem Verhältnis.

Erotomanen sind stets unglaubwürdig

Das muß ich Ihnen als Arzt bestreiten, Herr Leutnant.

Aerzte wissen nie, wie Frauen sind.

Offiziere nur, wozu sie da sind.

Warum sollen wir nicht in die Elsasser Straße gehen? Viel schlechter wird das Bier dort auch nicht sein, ich werde mich nur in das Zivil der Unschuld hüllen.

Meine Herren, Sie werden sehen, daß ich mit Künstleraugen gesehen habe.

Dichter sind stets Phantasten.

Aerzte leider nie.

Also in einer Stunde.

Die Linden blühen schon wieder. Heute ist übrigens mein Entlobungstag.

Versprich dich nur nicht, damit du nicht wieder verlobt bist.

Ich habe nie wieder von ihr gehört.

Vielleicht trifft man sie in der Elsasser Straße. Sie hatte Talent dazu.

So solltest du von meiner Verlobten nicht reden.

Verlobte ist Vergangenheit.

Ich würde mich niemals mit jemand verlobt haben, der Talent hat.

Konkurrenz kann der stärkste Mann nicht vertragen.

Vertragen wir uns lieber, wir stärkeren Männer.

Die Linden blühen.

Friedrich der Große reitet in die Luft.

Wir machen einen Umweg.

Du bist blind von den Augen.

Ich habe solche Augen nie gesehen. Im Ernst. So wahr ich Künstler bin.

Na ja, Augen kannst du sehen. Die mußte man der verflossenen Braut auch lassen.

Sie hatte keine Augen. Schwarz ist überhaupt keine Farbe.

Und was für Augen hat diese Elsässerin.

Schwarze.

Das ist überhaupt keine Farbe.

Ja, aber dieses Schwarz ist blau.

Fehlgeburt.

Idiot.

Künstler.

Naturheilkundiger. Aber gehen wir rein.

Der Rauch liegt, ein Vorhang, vor der Bühne.

Ober, zwei Pils.

Helles oder dunkles.

Mensch, Sie sind wohl von hier.

Wir führen nur hiesiges.

Dasiges wär mir lieber.

Willem, jetzt kommt wieder die traurige Nummer. Ick jeh so lang tippen.

Ich bin dafür, daß man auch was Ernstes hört. Diesen Standpunkt habe ich bei der Polizei immer vertreten. Und wenn ich erst Stadtverordneter bin.

Willem, der is übergeschnappt mit seinem Rittergut in der Laubenkolonie.

So ein Ackerbürger.

So ein Mädchenschinder.

Na, was schindest denn du.

Hören Sie mal, du hast mir zu Siezen.

Lieben Leute, seid gemütlich. Nur keine Schlägerei, sonst verdien ich womöglich doch noch mal drei Mark.

Nabend Herr Künstler. Sind Sie auch schon wieder da? Ja, wir beide verstehen was von der Kunst. Ernst gehört dazu. Nachher gefallen einem die Schweinereien umso besser. Ist der Herr Freund auch Künstler?

Jupiter soll mich behüten. Ich bin Arzt, mein Herr. Doktor Müller.

Sehr angenehm. Müller ist mein Name dito, Hausbesitzer.

Ja, ich hatte mich gestern mit Herrn Müller schon unterhalten. Wirklich Freundchen, ein Mann mit soliden Ansichten. Ein Typ.

Nein, ich bin nur Hausbesitzer und habe nicht studiert, Herr Doktor. Der Herr Künstler ist zu liebenswürdig.

Vielleicht hat mein Freund Sie studiert.

So was tut ein Künstler nicht.

Ich bin auch ganz gesund. Der Korps ist zwar schon etwas alt, aber das Herz, Herr Doktor, das Herz

Warum gehen denn soviel Leute heraus?

Weil sie im Rock singt.

Und dazu schleppst du mich in die Elsasser Straße.

Meine Herren, nachher wird es den Leuten leid tun. Denn es gibt eine Ueberraschung.

Eine Ueberraschung?

Der Rock verdirbt das ganze Geschäft, sagt die Direktorin. Sie hat ihr Luft an die Beine gemacht.

Sehenswerte Beine, Herr Hausbesitzer. Ich glaube, Sie verstehen sich auf Grund und Boden.

Sie schmeicheln, Herr Doktor. Aber was ich Ihnen sage, Primissima in grünseidenen Strümpfen. Ich habe bei meiner alten Freundschaft schnell mal hinten kucken dürfen.

Grünseidene Strümpfe?

Du wirst den Roman doch noch schreiben.

Ich schreibe nicht, ich lebe Roman.

Du alter Angelsachse.

Du alter Angelhecht.

Aber nicht in deinem Karpfenteich.

Meine Karpfen können Bier nicht riechen.

Aber meine Herrens, seien Sie gemütlich, Karpfen für alle hat die Erde.

Der Herr Hausbesitzer hat Rosinen im Kopf.

Nur nicht drängeln. Immer für die Bildung, sage ich.

Hoffentlich erstreckt sie sich auch auf die Beine. Von der vielen Bildung im Kopf wird man ganz blöd. Guten Abend, Herr Egon. Militärisch auf die Minute.

Wonach wir Zivilisten streben müssen. Ich wußte übrigens gar nicht, wann die Schose losgeht. Also ich bin unschuldig.

Die Unschuld läßt auf sich warten. Sie gestatten, daß ich mich vorstelle, mein Name ist Müller, Hausbesitzer Müller.

Konnten wir denn nicht einen Tisch allein finden.

Bitte seien Sie gemütlich. Sie werden es nicht bereuen.

Ich bin gegen die Gemütlichkeit der niederen Stände.

Soll das auf mir gehen.

Unser Freund ist sehr angestrengt tätig, sehr geehrter Herr Hausbesitzer. Sie müssen ihm nichts übelnehmen.

Noch habe ich heute nichts getan, Herr Doktor.

Seien Sie doch nicht ungemütlich, Herr Egon.

Mir ist es zu gemütlich, Herr Doktor.

Jetzt kommt was für das Gemüt.

Also die Tingeltangeleuse werde ich an diesem Tisch noch erwarten.

Was soll ich Ihnen sagen. Die ist schon zu lang aus dem kurzen ^Rock heraus gewachsen.

Je länger es herauswächst, Herr Hausbesitzer, je länger je lieber.

Wirklich tadellose Kniescheiben.

Sehen Sie die Augen, Herr Egon. Wie diese Augen sprechen.

Vielleicht macht sie nächstens auch mal das Maul auf.

Ihr Doktoren seid die größten Schweine.

Du schwimmst wohl doch in meinem Karpfenteich.

»Zwei Tränen irren in der Welt

Gott hat mit ihnen die Welt bestellt.

Neun Monde trägt der Weizen

Die Frucht trägt Schmerz

Die Frucht springt auf

Zwei Kinderaugen scheinen

Die können niemals weinen.«

Schweinerei.

Blödsinn, abtreten.

Das Klavier hackt den Leib in die Seele.

Laß doch mal die Beene sprechen.

Also Künstlerfreundchen, du hast ganz recht. Violette Bänder auf grünseidenen Strümpfen, das muß ich meiner Kleinen auch angewöhnen.

Also meine Herren, die Strümpfe kommen mir bekannt vor. Das. wird doch nicht etwa

Sag mal, Künstlerfreundchen, das Gedicht stammt wohl von dir. Musik von Richard Strauß.

Das ist eine Beleidigung. Ich dichte nur konkret.

Was soll ich Ihnen sagen, meine Herren, dieses Lied ist sehr pikant. Das ist bloß wegen der Polizei so gemacht. Wenn ich die Polizei wäre.

Du bist eben ein gemeiner Bürger. Wie man diese Augen nicht sehen kann.

Hab ich. Wenn ich übrigens nicht wüßte, daß du mit deiner Vergangenen nicht mehr gegenwärtig bist, hätte ich geglaubt, du hättest ihr die Kunst eingeredet.

Sie macht kolossale Kunstpausen. Ich bin mit der Direktorin befreundet und muß ihr doch mal sagen

Wie heißt denn dein Augenstern übrigens.

Auf dem Programm steht Grete Müller.

Grete Müller?

Da kann ich Ihnen dienen, meine Herren. Die Künstler haben immer ein sogenanntes Anonym und da das Ausland nicht mehr beliebt ist, hat sich die Künstlerin schlicht wie unsereins Müller genannt.

Ich ahnte schon etwas Furchtbares.

Künstler ahnen immer Furchtbares.

Ich ahne überhaupt nichts.

Jetzt kommt sie.

Jut, daß wir wieder rinjekommen sind, Willem. Jetzt hat se sich ne Tanznummer zujelegt.

Kolossales Temperamang

Tango is die reene Fürsorge dajejen.

Die wäre was für meine leere Tasche.

Nun Freunde, strahlt der Künstler, hab ich euch zuviel gesagt.

Besser als wenn sie nur die Augen schmeißt.

Das Klavier hackt den Leib in die Seele.

Hände zerklatschen den Rauch.

Ein Wort zerstößt zweihundertfach die Luft.

Vierhundert Augen reißen auf.

Der linke Strumpf ist zerrissen.

Vierhundert Augen brennen.

Der Vorhang stürzt.

Vorhang. Vorhang.

Der Vorhang zittert.

Vorhang. Vorhang.

Das Klavier versucht: Es braust ein Ruf wie Donnerhall.

Das Abendblatt gefällig.

Nußstangen, Nußstangen.

Das Klavier versucht: Reizende kleine Dingerchen.

Vorhang, Vorhang.

Der Vorhang schwankt.

Sehr geehrtes Publikum

Grete Müller, Grete Müller.

Die Künstlerin läßt sich entschuldigen.

Also Kinderleute, was hab ich euch gesagt. Erstklassig. Sie muß zum Theater. Wo ist denn Herr Egon. Ober, zahlen.

Der Erfolg kann durch das kleinste Loch schlüpfen.

Doktorfreund, ich hab eine Idee. Wir laden die Künstlerin ein.

Hast du Geld.

Sie wird schon nicht verwöhnt sein. Und beim Wechseln bekamst du ja acht Mark heraus.

Das reicht für zwei.

Ich trinke nicht.

Dann kannst du uns bis zum Lokal begleiten. Sie, Ober, wo ist denn der Ausgang für Künstler.

Die Künstler haben keinen und die Künstlerin ist schon besetzt.

Doch nicht von Ihnen.

Der Herr, der fortgegangen ist, hat bereits für sie bezahlt.

Künstlerfreundchen, das Geschäft ist richtig.

 

Mein Fräulein, ich habe die ernstesten Absichten. Bitte rennen Sie nicht so, es fällt sonst auf.

Das Fräulein blickt.

Ich versichere Sie, daß ich Sie bewundere. Ihre Kunst hat mich zu einem neuen Menschen gemacht.

Lassen Sie mich zufrieden.

Bitte mäßigen Sie Ihre Schritte. Wir fallen auf. Ich muß mit Ihnen sprechen. Soviel Adel der Seele.

Soll ich um Hilfe rufen.

Sie finden sie bei mir. Ich will Sie aus Ihrer Sphäre reißen.

Ich bin in meiner Sphäre.

Sie kennen die höheren Sphären nicht, Fräulein Grete, so darf ich wohl sagen. Das Glück des Reichtums, ein stimmungsvolles Heim, eine verstehende Seele. Meine Beziehungen zu ersten Direktoren

Ich bin kein anständiges Mädchen.

Darüber setze ich mich hinweg.

Aber ich nicht.

Ich bitte Sie, ich beschwöre Sie, mein gnädiges Fräulein, lassen Sie mich eine halbe Stunde mit Ihnen sprechen und ich werde Sie überzeugen.

Sie haben mich überzeugt.

Also bitte gehen wir hier hinein. Ich werde Sie überzeugen.

Ich bin überzeugt. Ich weiß, daß Sie zu schlecht von sich denken.

Ich denke nicht. Ich habe ein Jahr lang gelernt, nicht zu denken.

Sie sind erschöpft.

Ich bin erfüllt.

Kommen Sie hier hinein.

Out, ich werde Sie überzeugen.

Nehmen Sie Eis oder Portwein.

Ich habe Hunger.

Die Küche hat Feierstunde, meine Herrschaften.

Also gehen wir zu uns. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort.

Und vielleicht auch eine Mark.

Aber bitte.

Ich habe nicht geweint.

Ich verstehe nicht.

Rauchen Sie.

Ober, Streichhölzer.

Sie kennen mich nicht.

Ich erkenne Sie an dem Adel Ihrer Seele.

Wo haben Sie meine Seele gesehen.

Ich verstehe wirklich nicht.

Ich suche.

Bitte nennen Sie mich Egon. Ich bin kein Dienstmädchen.

Ich verstehe wirklich nicht. Mir liegt jede Beleidigung fern.

Kommen Sie mir nicht mit Ihrem Fuß zu nahe.

Verzeihung, ich dachte, das Bein

Ich denke nicht.

Ich verstehe wirklich nicht.

Das Bein trägt keinen Strumpf.

Wie können Sie glauben, Fräulein Grete. Gewiß, Sie haben schöne Beine.

Mein Strumpf ist zerrissen.

Darf ich mir erlauben.

Sie dürfen mir nichts erlauben.

Ich verstehe wirklich nichts.

Also habe ich Sie überzeugt.

Ja, wenn .die Herrschaften nichts trinken wollen.

Bringen Sie uns zwei dunkle.

Sie ziehen Bier vor, Fräulein Grete.

Das habe ich von einem Kinde gelernt.

Was haben Sie.

Das Kind schenkte und ich weinte nicht. Sie spielen mit einer Erinnerung. Ich kann nicht spielen.

Sie verderben sich Ihre Jugend und Ihre Schönheit mit diesem Ernst.

Und meine Beine.

Sie sind gereizt, mein Fräulein.

Sie auch.

Die Unterhaltung wird unfruchtbar.

Neun Monde trägt der Weizen.

Jetzt verstehe ich. Unter diesen Umständen

Haben Sie die Welt bestellt?

Was habe ich bestellt.

Müssen es denn meine Beine sein.

Sie unterstellen mir Dinge.

Beine sind keine Dinge.

Sie sind bitter.

Sie sind süß.

Ich versichere Sie, mein Fräulein. Nur Ihre Augen ziehn mich an. Ich sah Sie heut das zweite Mal.

Wann haben Sie mich das erste Mal gesehen.

Gestern.

Lügen haben lange Beine.

Mein Fräulein, unter diesen Umständen. Also kurz und gut.

Nein.

Sie müßten schon daraus sehen, was ich mir gefallen lasse Ich gefalle mir nicht.

Darf ich morgen noch einmal mein Glück versuchen.

Ich suche.

Darf ich Sie nach Hause begleiten.

Nein.

Bis an Ihre Haustür.

Nein.

Bis auf die Straße.

Nein.

Guten Abend, Fräulein.

Vergessen Sie nicht Ihre Streichhölzer. Und Ihre Mark.

Ober, macht?

Es ist bereits alles bezahlt, vom dem Fräulein.

 

Wo kommen Sie denn her, Herr Egon. Wo ist sie. Die Zicke werd ich mir schon zähmen. Nabend.

 

Mein Fräulein welch gottgelobter Zufall. Seit einer Stunde jagen wir durch alle Lokale von ElsaßLothringen, nur um Ihnen unsere Bewunderung zu Füßen legen zu dürfen.

Zu Beinen, wollen Sie sagen.

Grete.

Falle ich Ihnen wieder auf.

Ich kann es gar nicht fassen. Du, du bist die göttliche Künstlerin. Du in deiner Frühlingspracht. Ich will alles vergessen, nun hast du bewiesen, wer du bist.

Dabei hat er sie nicht wiedererkannt.

Das Fräulein blickt.

Verzeih mir. Jetzt sind uns alle Türen geöffnet. Noch heute schreibe ich und morgen gehe ich.

Still geht sie in die Nacht.

Donnerwetter, abgeblitzt.

Sie muß mir folgen.

 

Grete, renn nicht so, es fällt sonst auf. Du mußt mich hören. Ich muß dich unbedingt noch heute sprechen. Komm mit zu mir. Du findest alles unverändert. Dein Bild steht auf meinem Schreibtisch. Ich habe dich nie vergessen. Abends in meiner Einsamkeit nahm ich dein Bild zur Hand und blickte in deine Augen, in diese Augen, die meine Welt bedeuten.

Mein Herr, darf ich Sie um Ihren Schutz bitten.

Was wünschen Sie von dieser Dame.

Das geht Sie nichts an. Sie ist meine Braut.

Ich muß Sie bitten, sich zu entfernen. Sonst lasse ich Sie feststellen. Kommen Sie, mein Fräulein.

Ihr Herz zittert in tausend und einen Tag.

Wo wohnen Sie, mein Fräulein.

Ich kann in meine Wohnung nicht zurück.

Wenn Sie mit mir kommen wollen. Ich stelle Ihnen mein Fremdenzimmer zur Verfügung.

Bitte.



Sie verlangen zu viel von den Menschen.

Ich verlange nichts.

Das ist zuviel verlangt.



Sie haben mir fünf Jahre das Haus geführt. Ich liebe Sie. Wollen Sie meine Frau werden. Warum haben Sie fünf Jahre geschwiegen. Sie haben nichts verlangt. Muß man das Glück verlangen. Das Verlangen ist das Glück.

Ich liebe Sie und deshalb habe ich nichts verlangt. Ich kann Ihre Frau nicht werden. Ihre Vergangenheit ist mir gleichgültig. Meine Vergangenheit ist Ihre Gegenwart. Ich fühle es, Sie haben nichts getan. Aber man kann es mir nachsagen. Ich werde nicht darauf hören. Aber Sie werden es hören. Ich liebe Sie.

Nun muß ich wieder hinaus. Denn ich liebe Sie.

Das Fremdenzimmer steht Ihnen stets offen. Ich nehme nie Fremde auf.

Ich danke Ihnen.

Wohin werden Sie reisen.

Zu meinen Eltern.

 

Und plötzlich denkst du an deine Mutter. Sieben Jahre keine Zeile. Vater ist gestorben. Nicht ein Wort von dir. Das Einzige, was man hörte, daß du die schöne Stelle aufgegeben hast. Und wie Vater dafür gedarbt hat.

Ich habe auch gedarbt.

So siehst du nicht aus. Diese teuren Strümpfe. Der linke ist ganz zerrissen. Zieh ihn aus, ich will ihn dir stopfen.

Ich habe sie nur einmal getragen.

Seidene Strümpfe sind immer unpraktisch.

Daß du es findest, Mutter, hat mir mein Leben gekostet.

So eine bist du geworden.

Daß du mich häßlich fandest, Mutter, hat mir das Leben gekostet.

Bist du deshalb gekommen. Du warst häßlich.

Bin ich jetzt schön, Mutter.

Du hättest wenigstens heiraten sollen.

Ich habe ihn sehr geliebt.

Was man liebt, heiratet man nicht.

Ich habe nicht geheiratet.

Es wäre vernünftiger gewesen als zu lieben.

Ich war zu vernünftig zu lieben.

Du warst als Kind schon überspannt.

Ich bin gebrochen.

Schlaf dich aus. Dein Zimmer ist unberührt. Vater wollte es so. Morgen wollen wir weiter sehen.

 

Der Mond scheint auf das kalte Bett.

Die Goldschlösser des Vertikows leuchten.

Auf dem persischen Läufer glitzern zwei Tropfen.

O meine Tränen meiner Kinderstube.

Wisch das Wasser ab oder soll das deine Mutter auch noch für dich tun.

 

Also ich habe schon wieder für dich gearbeitet. Fräulein Müller tritt zum Ersten in den Ruhestand und du kannst die Stellung übernehmen. Du hast ein schönes Gehalt, der Unterricht ist nicht anstrengend und in zwanzig Jahren hast du ausgesorgt. Man kommt hier mit der Pension sehr gut aus.

In zwanzig Jahren habe ich ausgesorgt.

Ja.

Und wofür soll ich in diesen zwanzig Jahren sorgen.

Wenn dir die Stellung nicht gut genug ist, kannst du ja in Berlin weiter zerrissene Strümpfe tragen.

Ich suche, Mutter.

Etwas Besseres wirst du nie finden.

Weil ich häßlich bin?

Weil du unpraktisch bist. Zum Heiraten bist du zu alt.

Du bist hart Mutter.

Man muß etwas verlangen, wenn man etwas haben will.

Ich will nichts haben.

Also willst du zu Fräulein Müller gehen oder nicht.

Ich fahre nach Berlin.

Wann.

Noch heute.

Heute geht kein Zug.

Dann gehe ich nach dem Zug.

Warum bist du gekommen.

Ich wollte von dir hören, Mutter, daß ich nicht häßlich bin.

Das frage die Männer.

Ich kann nicht fragen, wenn du nicht sagst, daß ich nicht häßlich bin.

Das kann dir gleichgültig sein.

Dort stand er, da sagtest du: sie ist häßlich.

Laß die Kindereien.

Ich bin dein Kind, Mutter, ich bitte dich, gib mir Antwort: gib mir meine Kindheit wieder. Sage mir, daß ich nicht häßlich bin.

Du quälst mich.

Du hast mich gequält. Ich verlange von dir die Antwort.

Das Kind hat nichts zu verlangen. Ich bin kein Kind mehr.

Um so schlimmer für dich, daß du nicht weißt, was eine Mutter ist.

So will ich suchen zu wissen, was eine Mutter ist.

Nun bleiben Sie immer bei mir.

Ich will Mutter werden.

Werden Sie meine Frau.

Ich will Mutter werden.

Warum fürchten Sie sich vor mir.

Weil ich dich so sehr liebe. Leben Sie wohl.

Grete.

Gute Nacht.

 

margin-left:70.9pt;margin-bottom:.0001pt;text-indent:0cm;line-height:normal; »Mein Herz das ist ein Bienenhaus

margin-left:70.9pt;margin-bottom:.0001pt;text-indent:0cm;line-height:normal; Ich lache alle Männer aus.«

Der Rauch steht, ein Vorhang, vor der Bühne.

Hände zerklatschen den Rauch.

Willem, das war mal wieder ein feiner Bissen Honig.

Mit der is det Jeschäft richtig.

Seh mal, diese gewesene Jungfrau kommt mir sehr bekannt vor.

Das is doch die traurige Nummer.

Von dunnemals und nich wieder.

Na, Freilein, Ihr Jraf hat Sie wohl verlassen, und nu nehmen Se auch mit unsereins vorlieb.

Sie schlägt ihm die Hand ins Gesicht.

Eine Faust löst das schwarze Haar.

Eine Faust zerreißt die Bluse.

Sie stürzt zwischen Stühlen.

Der Kellner stürzt über sie.

Die Menschen stürzen zusammen.

Fäuste schlagen.

Gläser splittern.

Lassen Sie mich los, da ist etwas los.

Die Vortragskünstlerin tritt zwischen den Vorhang.

Fräulein, darf ick Ihnen mal in die Waden kneifen. Die Leute sind alle beschäftigt.

Hände weg. Was jibts denn, Herr Müller.

Ihre Freundin von damals wollte Sie wohl bewundern. Der Willem hat ihr eine runtergelangt.

Helfen Sie doch. Rufen Sie den Blauen.

Ick hole Ihnen das Blaue vom Himmel runter, wenn Sie mir mal anfassen lassen.

Hände weg, Sie altes Ehrenschwein.

Sie kriecht über die Stühle unter die Tische durch die Beine.

Platz für die neue Künstlerin, genannt Marie Müller, das Kind.

Die Fäuste lösen sich, die Augen schließen sich um das Trikot.

Sie hebt das Fräulein auf.

Das Fräulein blickt.

Warten Sie vor der Tür auf mich, flüstert die Kinderstimme. Bringen Sie meine Freundin schnell heraus, Herr Müller. Mir zuliebe.

Is jemacht. Nur von die Liebe merk ich nischt.

Und nun Kinder, kommt mein Pakapo-Lied: So ne Beine wie meine Beine.

Besiegtes Stöhnen schreit durch den Raum.

Das Klavier schreitet im Viervierteltakt. Und die Siegerin singt mit beiden Beinen auf der Bühne.

 

Nun warten Sie hier nicht erst auf das kleine Mädchen. Kommen Sie mit. Ich bin ein solider Mann, meine Frau ist in der Sommerfrische.

Das Fräulein blickt.

Ich bin hier zu bekannt, sonst würde ich Ihnen den Arm geben. Aber halten Sie sich nur an meinen Ueberzieher. Das merkt man nicht so leicht im Dunkeln.

Das Fräulein folgt. Das Fräulein schwankt.

Ihnen haben sie ja schön zugerichtet, aber vielleicht is der Kleiderschrank meiner Ollen offen und eine Bluse paßt immer.

Das Fräulein zittert: Mein Haar.

Das fällt garnicht auf. So ein bißchen.

Hier sind wir schon. Eine schöne Dreizimmerwohnung ohne Bad aber mit reichlichem Nebengelaß. Son anständiges Heim werden Sie wohl noch nich jesehen haben. Künstler leben ja immer im Dreck.

Der Mond fällt auf zwei kalte Betten.

Die Goldschlösser des Vertikows leuchten.

Ich steche den Jas nich erst an. Ohne is mehr Stimmung. Leg dir man ruhig gleich rin. Meine Olle hat erst acht Tage vor der Reise frisch bezogen und sonst jehe ich immer mit zu die kleinen Mächens. Morgen sehen wir mal im Kleiderschrank nach und auf etwas in Baribus kommt es mir auch nich an. Dazu langts noch immer.

Sie zittert auf der Bettkante.

Ich werde dir wohl wie ein kleines Kind ins Bett bringen müssen. Zieh dir man drinnen aus. Der Boden is kalt und die persischen Läufer sind eingemottet. Die haben wir nämlich sonst.

Sie liegt.

Nun habe ich den schönen grünseidenen Strumpf zerrissen. Na der linke war schon entzwei. Und morgen früh bekommst du ein Paar solide schwarzwollene von meiner Ollen. Und nun jib man dem ollen Papa einen artigen Kuß. Und was dazu gehört. So ne Künstlerin weiß doch Bescheid.

Zwei Tränen gleiten auf das Bett.

Ja die Weiber haben die Tränen immer bei der Hand.

 

O meine zwei Tränen in der Welt.

 

Sehen Sie, Kleinchen, Ihre Freundin hat sicher schon ein warmes Bett gefunden. Also kommen Sie mit. Man kann doch nicht ewig Jungfer bleiben.

Sie sind der erste ooch nich, bilden Sie sich das man nich ein. Also rin ins Vergnügen. Wie heißen Sie denn übrigens.

Egon.

Nimm man ruhig deine beiden Freunde mit. Ich habe Kraft für drei.

Ich bin für die Einsamkeit.

Kostet aber dreifach.

Du kannst es noch weit bringen.

Hab ich schon. Ich spucke auf euch alle.

 

Hier hast du die Bluse und ein paar solide Strümpfe und weil mein Jaul det Rennen jemacht hat, fünf Goldstücke. Ehrlich aber nobel, das ist meine Devise. Guten Morgen, wenn Sie mal wieder etwas brauchen.

Friedrich der Große reitet in die Luft.

Zwanzig Mark kann ich nich wechseln, Fräuleinchen, soviel kommt bei dem Stuhljeschäft nich raus. Als ich so jung war wie Sie, ging es mir auch besser. Vielleicht können die Fräuleins wechseln.

Zwei grünseidene Fräulein wechseln zwanzig Mark.

Daß man mit die Bluse zwanzig Mark verdienen kann, verstehst du das.

Es gibt so perverse Männer.

Die möcht ich auch finden. Pervers is billig.

Ja die neuen Moden. Als ich das Geschäft anfing.

 

Unser Geschäft ist sehr bekannt. Alle besseren Damen kaufen hier. Die Bluse ist eine Gelegenheit. Und Gelegenheit, mein Fräulein, macht Liebe. So sagt der Volksmund und der Volksmund hat immer Recht. Ich darf also einpacken. Sonst noch etwas gefällig. Schöne Unterwäsche, frisch aus Paris. Echt imitierte Seidenstrümpfe in allen Farben, das Paar fündundneunzig Pfennig, leicht angestaubt, aber nicht zu merken.

 

Das Zimmer kostet nur dreißig Mark. Es ist sehr schön eingerichtet, Eisenbettstelle, ein sehr praktischer Vertikow. Meine Vorgängerin nahm für das selbe Zimmer vierzig Mark.

Ich miete es.

Sie müssen voraus bezahlen, weil Sie ohne Gepäck kommen. Es ist aber, wirklich billig. Und dieser schöne Blick. Wenn Sie sich

etwas hinauslehnen, können Sie den ganzen Kurfürstendamm entlang sehen. Und die polizeiliche Anmeldung schreiben Sie wohl gleich aus.

Vor- und Zunahme, Stand.

Stand.

 

Ich habe mein Lehrerinnenexamen gemacht.

Und fünf Jahre waren Sie ohne Stellung?

Ich war Haushälterin, um mich auch wirtschaftlich auszubilden.

Das ist sehr vernünftig. Ich will Ihnen dann die Handarbeitsklasse übergeben. Die Hauptsache ist, daß die Kinder nicht zuviel angestrengt werden. Deshalb schickt man sie auf die Privatschule. Nicht streng sein, sonst verliert man die Kundschaft und hat den Aerger mit den Eltern dazu. Wir nehmen nur Kinder aus den ersten Klassen auf. Sie übernehmen die letzte Klasse.

Ich würde gern mehr arbeiten, wenn ich mehr verdienen könnte.

Mehr als hundert Mark kann ich nicht zahlen. Ich komme so schon kaum durch. Und hundert Mark ist eine angemessene Bezahlung für jede Tätigkeit.

Wann darf ich anfangen.

Morgen um acht.

 

Verzeihung, Fräulein, wenn ich störe. Ich glaube, wir haben gemeinsame Bekannte. Wohnten Sie nicht einmal in der Neuen Friedrichstraße.

Ja, aber ich kann mich nicht besinnen.

Mein Name ist Müller, Grete Müller. Vater ist tot. Aber meine kleine Schwester, die Marie, die macht sich.

Was ist aus Marie geworden.

Eine erste Nummer und ein festes Verhältnis. Sie wohnt schon in eigenen Möbeln. Und erzählte mir einen ganzen Roman von Ihnen. Sie hätte Sie gerettet und Ihnen auch weiter geholfen. Aber Sie haben nicht gewartet.

Das war Marie.

 

Ja, wenn man so früh unten durch ist, ist man früh oben raus. Ich laufe mit meinem Doktor schon ins sechste Jahr. Aber trotz Nebensprüngen komm ich nicht auf den grünen Zweig.

Wo kann ich Marie treffen.

Die behält ihre Tipps für sich.

Ich will nur das Kind wiedersehen.

Die ist eine Ausgewachsene. Aber kommen Sie heute mit ins Luxuskino. Sie hat eine ganze Loge.

Was kostet es.

Sie zahlt sicher. Wir Frauen müssen doch zusammenhalten.

Ich werde am Ausgang auf Marie warten.

Das wird Ihnen nicht viel helfen. Sie steigt gleich in sein Auto.

Bitte helfen Sie mir, daß sie auf mich wartet.

Nicht einmal drei Mark können Sie sich leisten?

Ich spare.

Wofür.

Ich habe Angst.

Wovor.

Ich sorge.

Für wen.

Sagen Sie Marie, daß ich auf sie warte.

Machen Sie nicht soviel Umstände. Von einer alten Freundin, von einer jungen Freundin kann man eine Karte annehmen. Ich bekomme es doch wieder.

Sagen Sie ihr, daß ich warte.

 

Egon, ich muß in den Kaukasus. Für die Natur schwärme ich.

Du wirst immer anspruchsvoller.

Du auch. Oder glaubst du, ich lasse mich von so einem schäbigen Film befimmeln.

Die verstehts, Freundchen. Was Grete.

Der hats. Bei dir langts nicht mal zu Heringsdorf. Uebrigens, Mary, heute wartet jemand auf dich.

Der kann lange warten.

Ich verbitte mir solche Botschaften.

Also wie ist es mit dem Kaukasus.

Du erpreßt.

Du auch. Wer wartet.

Es ist nicht halb so schlimm. Nur die alte Wolltante, deine Lehrerin mit dem Roman.

Wo ist sie. Auf der Straße.

Ich verbiete dir den Umgang mit Kupplerinnen.

Du hast mir überhaupt nichts zu verbieten. Ich gehe auf die Straße.

Wo ich dich aufgelesen habe.

Mensch, wenn du lesen könntest, wär dir auch wohler. Ich bin freie Künstlerin und damit Schluß für immer. Mahlzeit.

Mary.

Es hat sich ausgemähriet. Son reicher Esel wie du läuft mir noch alle Nächte nach. Uebrigens ist mir die Wohnung zu klein.

Ich miete dir eine größere und hol dir deine Tante rauf.

Ihr könnt bei Hiller auf mich warten. Vielleicht komm ich.

Ich schenke dir das Halsband, wenn du gleich wiederkommst.

Das kannst du selber tragen. Und die Marke dazu.

 

Seide rauscht über Samt.

 

Warten Sie schon lange auf mich, Fräulein.

Hilf mir, Marie. Du bist der erste Mensch, den ich bitte.

Fahren Sie eine Stunde im Tiergarten und um elf bei Hiller vor. Steigen Sie ein, Fräulein.

Marie, du Kind, das kein Mitleid kannte, nur das Leid, hilf mir, denn ich muß leben.

Fräulein, Sie waren gut zu mir. Nur Sie. Noch scheinen Ihre Augen.

Scheinen noch meine Augen? Sag du zu mir, Marie.

Fräulein, du bist schön. Du sollst meine Mutter sein.

Ich bin Mutter.

Wo ist dein Kind.

In mir.

Also hat dich damals das alte Schwein reingelegt.

Ich wollte Mutter werden.

Du bist schön. Nun sollst du meine Schwester sein. Wieviel Geld brauchst du.

Ich brauche kein Geld. Ich habe dreihundert Mark gespart. Einhundert vom Leibe und zweihundert vom Munde.

Ich will dein Kind zu mir nehmen, wenn es da ist. Und dich auch. Weil du da bist. Egon muß alles bezahlen. Denn ich spucke auf die Männer.

Marie, du Frau, die du Kind bist.

Fräulein, du Kind, das du Frau bist. Ich bin das Weib, das Frauenkinder rächt.

Marie du Weib, du, das nicht liebt. Ich liebe so, daß ich nicht besitzen darf.

Ich besitze, weil ich nicht lieben kann. Ich spucke auf die Männer. Männer können nicht lieben. Was willst du mit dem Kinde.

Ich will es dem Manne tragen, den ich liebe.

Ich hasse Kinder, weil Mütter sie schlagen müssen.

Müssen Mütter Kinder schlagen?

Weil sie sie hassen müssen.

Müssen Mütter Kinder hassen?

Das Kind nimmt ihnen den Mann, von dem sie geliebt sein möchten. Ich spucke auf die Männer. Männer können nicht lieben.

Mich liebt ein Mann. Ich will ihn nicht besitzen, auf daß er mich immer liebe. Ich will mein Kind nicht schlagen. Drum wächst es fremd aus meinem Blute. Hilf mir Marie, damit ich nicht verliere, was ich nicht gewinnen durfte.

Der Wagen hält.

Nun wollen wir uns satt essen und das Uebrige wird sich finden. Stieren Sie die Dame nicht an, Portier. Helfen Sie mir lieber aus dem Mantel. Ist der Leutnant schon da.

Gnädigste werden erwartet.

Der weiß sich auch ohne mich nicht zu helfen. Ein netter Mensch, aber frech in seinen Forderungen. Komm.

Mary.

Das ist meine beste Freundin. Das ist ein Doktor mit nicht viel dahinter und meine Schwester kennst du schon. Wie die Männer himmeln, wenn ein neues Weib auftaucht.

Sehr angenehm. Ich glaube, ich hatte schon einmal das Vergnügen. Sind gnädiges Fräulein nicht auch einmal Künstlerin gewesen.

Quatsch nich soviel. Meine Freundin hat Hunger. Bestellt lieber was.

Das Herz des Fräuleins zittert in die Nacht: Marie du Kind, diese Männer sind roh.

Ich werde sie mir braten. Ober, Sekt.




Die Wachtel schreit und der Himmel schweigt.

Ein Blatt schwimmt auf dem See. Der Baum steht weit.

Der See blickt.

Und ein Kind schreit.

Zwei schwarze Augen scheinen auf zwei schwarze Augen.

O Kind meiner Liebe, von ihm nicht empfangen, um ihn zu besitzen. O Kind meiner Liebe, Marie sollst du heißen. O Kind dem ich Mutter bin. Nun mußt du leiden, weil ich wissen wollte. Einst sollst du wissen, was ich leiden mußte. Zwei Tränen haben dich geschaffen. Nun weinen sie weit wo in der Welt.

Die Wachtel schweigt und der Himmel schreit.

 

Also unehelich. Und Sie wollen den Vater nicht kennen, Fräulein, Fräulein Müller.

Nein.

Aber Sie müssen doch den Vater kennen.

Ich habe es vergessen.

Hören Sie mal, das können Sie mir nicht erzählen. Ich bin doch nicht aus Dummsdorf. Seien Sie doch vernünftig. Sie müssen doch Alimente für die Jöhre kriegen. Sie brauchen sich doch nicht zu genieren. So was kommt doch öfters mal von sowas.

Ich kenne den Vater nicht.

Sie sind, gesetzlich nicht verpflichtet, mir Auskunft zu geben. Aber nehmen Sie es mir nicht übel, dumm ist es doch von Ihnen. Zehn Mark monatlich können Sie doch mindestens herausschlagen.

Ich sorge für mein Kind.

Sie können gehen.

 

Ist Fräulein Marie Müller zu sprechen.

Das gnädige Fräulein ist mit dem Herrn Leutnant verreist.

Auf längere Zeit?

Das gnädige Fräulein hat nichts hinterlassen.

 

Ja hören Sie mal, Fräulein Müller, mit einem Kind kann ich Sie hier nicht wohnen lassen. Meine Pension ist eine anständige Pension. Uebrigens nehmen Sie es mir nicht übel, das hätte ich von Ihnen nicht gedacht. Eine Lehrerin hat Pflichten.

 

»Sehr geehrtes Fräulein! Hierdurch kündige ich Ihnen Ihre Stellung in meiner Privatschule sofort, da ein wichtiger Grund vorliegt. Das Restgehalt für drei Tage im Betrag von Mk. 9,99 erhalten Sie mit gleicher Post, ebenso das Buch das Ihnen gehört »Die Heilung durch Sonnenlicht«. Uebrigens kann ich nicht umhin, Ihnen mein Befremden auszudrücken. Hochachtungsvoll.«

 

»Daß Du mir auch noch diese Schande machen mußtest, habe ich eigentlich schon lange erwartet. Ich hoffe, daß du nicht den traurigen Mut haben wirst, noch jemals meine Schwelle zu überschreiten. Laß es dir so gut gehen, wie du es verdienst. Deine Dich liebende Mutter.«

 

»Hochverehrtes Fräulein, das beiliegende Buch sende ich Ihnen als Erinnerung an gemeinsame Stunden. Ich bin jetzt durch und berühmt. Das Berliner Tageblatt hat eine begeisterte Kritik geschrieben. Vielleicht sehen wir uns doch noch einmal wieder. Ihr.«

 

»Soeben erschienen: Hochaktuell: Die grünseidenen Strümpfe Roman aus dem Künstlerleben. Auf Grund wahrer Begebenheiten. An der Hand eines Paars grünseidener Strümpfe wird das Leben einer Künstlerin aufgerollt, die es von einer simplen Volksschullehrerin zu einem Stern am Variétéhimmel bringt. Preis gutkartonniert Mark 3– in Halbfranz gebunden Mark 4–.«

 

»Als Vermählte empfehlen sich

Doktor Müller, Naturheilkundiger

Grete Müller, geb. Müller«

 

Für so eine Person muß man noch den Koffer runtertragen.

Danke, lassen Sie nur, ich trage den Koffer allein.

Fräulein das ist zuviel.

Nehmen Sie nur und geben Sie mir den Koffer.

Dann lassen Sie mich ihn wenigstens tragen.

Nein danke, Sie haben so böse hinter mir geblickt.

Sie können doch von hinten nicht sehen. Sehen Sie nur, von vorne bin ich ganz freundlich.

Ich darf nicht hinter mich sehen. Denn ich muß vor mir sein.

Die schwarzen Augen scheinen. Sie scheinen zurück. Sie scheinen voraus. Den Kurfürstendamm hinauf. In den Wald. In den Fluß. In den See. In den Fluß. In den Wald. Den Kurfürstendamm hinab. In den Aufgang.

Aufgang zum Vorortbahnsteig.

In die Mark.

 

Nun scheint die Sonne bald, du Kind-Marie, das ich mir gegeben habe. Du meiner Liebe Liebe. Deine blonden Wellen baden meine Augen. Gold seh ich leuchten in heller Nacht. Der Tag schlief in die Abendstunden. Nacht sprang ich in den Tag hinein. Tausend und eine Birken stehen im Frühlicht. Tausend Birken blühen um dich. Um dich Eine mit blonden Zweigen. Ich bin die Erde, aus der die blonde Birke blüht. Blonde Zweige schatten mich. Ich sehe in das Blonde des Schwarzen. O Kind-Marie, ich bin so blond, wie ich schwarz scheine. Meine Liebe ist nicht von dieser Erde.

Die Märker fallen der Orgel in den Klang: Auferstehn, ja auf ersehn.

Meine Liebe ist nicht von dieser Kirche. Gott hat dich mir gegeben, Gott darf dich mir nicht nehmen.

Wem Gott will rechte Gunst erweisen, schwirren laute Wandervögel durch den Staub.

Die Sonne scheint zur rechten Zeit. Zur Gunst des Frühschoppens. Die Gäste kommen.

Die echte rechte Sonntagsstimmung, nicht wahr, Fräulein Müller. Und die Kleine. Sie wird mit jedem Tag größer. Ich hab es immer gesagt, ein Kind aus freier Menschenliebe empfangen, ist die beste Gabe Gottes. Meine Töchter waren auch erst so klein und sind immer größer geworden. Sie haben mich auch ohne Vater durchgebracht. Und ich hätte ihn nie geheiratet, doch so eine Unfallrente ist eine ganz hübsche Zugabe für eine alleinstehende Frau. Und man hat sich außerdem einen ehrlichen Namen gemacht. Hat er das Kindchen schon gesehen?

Nie wird er mein Kind sehen.

Nein, Fräulein Müller, nicht so stolz. Immer was recht ist. Vaters Liebe gibt Mutterpflichten. Das junge Blut vergißt sich und darum sollten Sie auch vergessen.

Ich habe nichts zu vergessen, weil ich nichts zu erinnern habe.

Ach was, schön war es doch. Vor mir brauchen Sie nicht Tugend zu machen. Auch wenn ich den Vater geheiratet habe. Der zweite hat das doch nicht erlebt.

Quälen Sie mich nicht, Frau Müller.

Man muß doch Sonntags sein Vergnügen haben. Man muß sich doch einmal ausquatschen können. Früher, als ich noch das Stuhlgeschäft hatte, konnte ich mir das öfters leisten. Meine Töchter kommen doch nur in die Mark, wenn Sie ein paar Märker brauchen.

Die Klingel bellt.

Na Jöhren, ihr wollt wohl wieder Muttern auspowern.

Zwei grünseidene Fräulein stehen im Zimmer.

Ihr wart lange nicht draußen, ich hab unterdessen wat Kleines jekriegt mit einer Aftermieterin. Darf ich die Damens bekannt machen. Fräulein Grete Müller und dem Fräulein seine kleine Marie, meine beiden Töchter, die ihre Mutter nicht wert sind, Eleonore und Rosamunde. Wissen Sie nämlich, Fräulein Müller, ich habe mal von meinem ersten Liebsten einen Schmöker geschenkt gekriegt, den er selbst gedichtet hat und

Mutter halt de Lunge. Sie kommen mir so bekannt vor.

Sie sind mir doch einmal aufgestoßen.

Ich will mein Kind in die Sonne tragen.

Wir werden es nicht verpesten. Eine gefallene Jungfrau mit Kind ist nicht besser als unsereins ohne.

Laß doch, Lori. Das gnädige Fräulein ist noch an den Umgang mit Menschen nicht gewohnt.

Mit Männern scheints besser gegangen zu sein.

Seid ihr Kanaljen nur gekommen, eurer Mutter den letzten Happen Brot wegzunehmen. Achtung, Achtung sage ich, vor meiner Aftermieterin, solange sie die Miete bezahlt.

Na wenn die Jnädige gleich sone Anspielungen macht.

Ich habe Ihnen nichts getan. Ich will nur mein Kind in die Sonne tragen.

Na wenn das keine Anspielung ist

Aber die Sonne scheint doch draußen.

Wenn Sie das wörtlich meinen, dann will ich nichts gesagt haben.

Dann will ich auch nichts gedacht haben.

Und dann trinken wir einen Versöhnungsschluck.

Nee Mutter, laß man, die Rosi und ich oder eigentlich ich und die Rosi sind mit einem alten Ehrenschwein hier, das durchaus frische Luft schnappen will. Freie Fahrt und Verpflegung und das Uebrige bar. So was nimmt man mit. Berlin ist Sonntags ausgestorben und zu Zweien arbeitet es sich leichter.

Ihr könntet auch ans Solidewerden denken. Macht euch doch mal selbständig. Klebt nich immer zusammen. So ein alter Naturonkel läßt sich doch noch einpacken. Heiraten is ooch nich von Pappe.

Läßt sich aber schlecht wickeln, Mutter.

Laß mal die kleine Schwester zu Hause, Lori. Mehr sag ich nicht.

Aber Mutter, was soll denn das gnädige Fräulein von uns denken.

Das Fräulein blickt.

Zwei schwarze Augen scheinen in zwei schwarze Augen.

Die Augen sind von ihr. Aber der Vater hat die Haare lassen müssen. Komm Rosi, sonst lauft uns das Ehrenschwein fort.

Der looft überhaupt nich, der schlubbert nur noch. Mutter, hast du zehn Märker.

Märker die Menge. Jeh mal uff de Straße, da loofen se massenweise herum.

Wenn du dich nich schenierst, daß wir in deine Stadt mit zerrissenen Strümpfen herumgehn, uns kanns recht sein.

Mir ists billiger. Und übrigens verleugne ich euch, ich danke für Obst.

Nu sag bloß noch Fallobst.

Auferstehn ja auferstehn sollst du.

Wem Gott will rechte Gunst erweisen.

Leuchtest mir zum frühen Tod.

 

Na Kinder.

Na Alter. Wir waren bloß mal aufn Hops bei Muttern.

Wenn du noch eine Mutter hast.

Quatsch keene Opern.

Kinder, seid friedlich. Ich bin es ooch. Nu trinken wir mal unser Töppchen. Und dann wird frische Jottesluft jeschnappt. Dafür is meine Olle ooch stets gewesen. Erst det Bier un denn de Luft.

Was die wohl sagen würde, wenn se dir so zwischen uns mang sähe.

Gönnen würde sie es mir. Schon als wir Brautsleute waren, habe ich gesagt: Olle, leben und leben lassen. Das is meine Devise. Ich habe gelebt und sie hat mir leben lassen. Wie es sich in einer anständigen Ehe gehört.

Mit dem Anstand von der Ehe läßt sichs leben.

Hat sich ooch gelassen. Und euch hats nichts geschadet. Und ihr werd ich drum stets einen Ehrenplatz in meinem Herzen bewahren.

Jetzt platzt das Herz aber mächtig auf uns. Sag mal, Oller, wen liebste eigentlich mehr, mich oder jenne.

Bin ich der Rätselonkel von der Jartenlaube? Frag mal schriftlich an.

Du Oller, Rosin ist heute nicht jut.

Hab ich sie darum mitgenommen.

Sie hat was mit Muttern zu bereden.

Wird schon nicht der Rede wert sein.

Sie jeht nich jern spazieren.

Das kann ihr nur gut tun bei ihrem Geschäft.

Schweine nich so.

Auch ich war ein Jüngling mit lockigtem Haar.

Siehst du Alterchen, da lassen wir die Rosi lieber bei Muttern bleiben und du gehst mit deiner kleinen Lori janz allein in die Wälder.

Durch die Wäldär, durch die Auen.

Den Schreifritz hab ick ooch schon jesehn. Mit dem faulen Zauber und dem Moses.

Die Propheten loofen dir ooch durcheinander. Das ist doch der Samuel.

Siehst du, Alterchen, und deshalb lassen wir die Rosi zu Muttern jehn.

Ick wer se nich von ihrer Kindesliebe abhalten.

Hat Alterchen eigentlich Kinder zu die Liebe.

Zwölfe aufs Dutzend. Die Unjeborenen nich jerechnet. Ich bin Mitglied des Vereins für Volksvermehrung.

Ein schönes Volk, das du vermehrst und siehst du Alterchen, deshalb lassen wir die Rosi zu Muttern jehn.

Rosi soll meinswegen zum Teufel gehn.

Siehst du, Rosi, du darfst zu Muttern gehn.

Mutter -kann mir gestohlen bleiben.

Mensch haste kein Vaschtehste. Du sollst dir doch mit Muttern bereden. Und kannst ja mit der Kleinen spielen.

Hat sie ooch schon Kindesliebe.

Quatsch, det is een Afterkind, een Neunmonatskind, schwarze Oojen und blondes Haar.

Auch ich war ein Jüngling im blondigten Haar.

Na alle blonden Kinder werden doch nich von deiner werten Persönlichkeit stammen.

Nee, mit der Mark hab ick mir nie abjejeben. Und ne Mißgeburt mit blond und schwarz stammt nich von guten Eltern. Son Zebra is mir widerlich.

Und siehst du Alterchen, deshalb soll die Rosi zu Muttern jehn. Laß dir bemuttern, Rosi, ick wer dir nachher bevatern.

Nu rin ins Verjnüjen. Der Mai is gekommen, die Bäume schlagen aus.

Nich halb so schlimm.

Aber in zwei Stünden biste wieder hier, Lori. Ick trinke mir hier durch.

Das is ooch besser als Zebras hüten. Trinke, Rosi, ick zahle allens.

Ach, diese schöne Natur.

Ja.

Jeh ick dir zu schnell. Nee, zu langsam.

Ick kann ooch langsamer jehn. Soll ick dir unterhaken.

Det is zu warm.

Ick kann dir jern den Ueberzieher tragen.

Denn nimm man den Regenschirm ooch.

Ach, die schöne Natur.

Ja.

Is es dir nich riesig bequem, wenn dir jemand den Ueberzieher tragt.

Ja.

Und den Regenschirm. Ja.

Lüfte dir doch man aus. Den Zülünder kann ick ja auf den umjekehrten Regenschirm stochern.

Aber nich zu heftig.

Ach, die schöne Natur.

Ja.

Jeht det lange so weiter.

Bis et uffheert.

Is et dir nicht riesig bequem, wenn dir jemand den Zülünder tragt.

Ja.

Zieh dir doch n Rock aus.

Wem Gott will rechte Gunst erweisen.

Den Rock kann ick dir ooch jern tragen.

Immerzu.

Is et dir nich riesig bequem, wenn dir jemand den Rock tragt. Ach, die schöne Natur.

Das hab ick ooch schon jesagt. Is et dir nich riesig bequem, so mit mir Arm in Arm zu wandern.

Du hast ja beede Arme voll.

Aber doch mit deine Sachen. Alterchen, du gefällst mir eigentlich riesig.

Kann ick dir nachfühlen.

Mir is es nich um die lumpigen paar Märker, aber richtig jeliebt werden, das möchte ich.

Können wir machen.

So meen ich das nich. Richtig mit m Schein.

Du willst mir wohl steigern.

Ihr Männer habt keen Jefühl fürs Ideale. Ick möchte mit dem Liebesschein jeliebt werden.

Von die Sitte.

Nee mit Sitte.

Rede hochdeutsch, wenn ick dir in die verpestete warme Luft verstehen soll.

Ach der schöne Wald.

Ja.

Legen wir uns ins Moos.

Moos is die Seele vons Butterjeschäft.

Red bloß nich immer von deine Pinke. Das kann einem den janzen Wald verleiden.

Det Kinderschreien müßte hier verboten sein.

Freu dir, wenn deins nich schreit.

Meins würde ick eine runterlangen.

Schöner Vater.

Was verstehst du von Muttern.

Ich würde dein Kind schon schön pflegen und ihm immer frische Milch geben.

Muttermilch oder Buttermilch.

Also willst du nun oder willst du nicht.

Was soll ich denn nun schon wieder wollen.

Mir heiraten.

Dir.

Mir.

Dich.

Mich.

Da schlägste auf die große Pauke.

Da liegt Musike drin.

Also so een Balg will geheiratet werden.

Und een Balg kriegen.

Ich bin Hausbesitzer.

Stört mich nich.

loh bin Ehrenvorsitzender des Vereins für Hüttenkolonisten.

Raum is in der janzen Laubhütte.

Also ist das dein Ernst.

Nu nee nich.

Du willst aber hoch heraus.

Sieh mal, Alterchen, was hast du von dem schlechten Leben. Die Weiber betrügen dich hinten und vorn, ziehen dir dein Geld aus der Tasche heraus und keine sorgt for dir.

Meine Knöppe habens nötig.

Ick kann jroßartig nähen», das siehste mir nich an. Aber wenn ick nähe, da wächst keen Jras drüber.

Das wäre auch Essig.

Also willst du oder willst du nicht.

Ich kann es mir ja überlegen.

Vielleicht willst du, alter Esel, noch deine Mutter fragen. Son Angebot kriegst du nicht alle Tage.

Wenn das vafluchte Kind doch nur zu schreien aufhören wollte.

Daran mußt du dir jewöhnen. Deshalb wirst du doch noch ja sagen können.

Nee.

Nee?

Ja.

Also nee.

Nee.

Warum denn nich, wenn ick fragen darf. Wo ick dir doch immer deine Sachen trage.

Du hast ne Vergangenheit.

Was jeht dir meine Verjangenheit an. Du hast mitgeholfen.

Aber die Männer utzen mir.

Die dämlichen Kolonisten. Den haust du eine runter.

Jrinsen kann ick nich vertragen.

Dann klappst du de Oojendeckel zu. Also willste oder nich.

Det Kind schreit jottserbärmlich. Da müssen wir uns drum kümmern.

Wenn de weiter keen Kümmern hast.

Ich wer mir den Fall überlegen.

Heut oder nie.

Du bist wohl nicht von hier.

In de Schande laß ick mir nich bringen.

Is dir ooch nich jut.

Ick schreie dir in janz Berlin rum, sag ick dir. Ick bin nich so dämlich, sag ick dir. Ick jeh uffn Vorwärts, sag ick djr und sage, was du für ne Nummer bist, sag ick dir. Dann hat es sich ausgeehrenvorgesitzt, sag ick dir. Du sollst mir noch kennen lernen, wenn du mir zu ner unehelichen Mutter machst.

Wenn det vafluchte Kind doch zu schreien aufhören wollte.

Meins wird dir noch janz anders in de Ohren schreien, wenn det arme Wurm unehelich zur Welt kommt.

Ick kann doch nich alle Mütter heiraten.

Mir wirst du heiraten. Denn bei mir hats jeschnappt.

Da kommt der Schreifritz.

Mir machste keene Opern vor.

Tausend Birken stehen um die eine.

O Kind-Marie, meiner Liebe Liebe, die ich mir gegeben habe, weine nicht. Mein Herz zittert in die Nacht, hör, Kind-Marie, was ich dir singe:

Zwei Tränen irren in der Welt

Gott hat mit ihnen die Welt bestellt

Neun Monde trägt der Weizen

Die Frucht trägt Schmerz

Die Frucht springt auf

Zwei Kinderaugen scheinen

Die können niemals weinen.

Lori, es wird jeheiratet.

Na, warum haste das nicht jleich jesagt.

Komm bloß weg. Ick kann det Singen nich vertragen.

Das is ja Mutter ihre Aftermieterin.

Wie heißt sie.

Wie soll sie heißen. Müller.

Wie alt ist das Kind.

Was jehn dir anderer Leute Kinder an. Nu nimm mal deine Sachen, den Rock, den Ueberzieher, den Regenschirm, den Zülünder. Ich kann das Zeug doch nich jahrelang tragen. Sie, Fräulein Müller.

Das Kind schweigt.

Das Fräulein blickt.

Entschuldigen Sie, ich wollte bloß die beste Freundin meiner Mutter von einem freudigen Ereignis in Kenntnis setzen, ich habe mir soeben in der schönen Natur mit dem Herrn Hausbesitzer Müller verlobt, richtiggehend verlobt.

Ich wünsche Ihnen Glück, mein Fräulein.

Seien Sie nicht ironisch. Kann ich dafür, daß Sie den Vater nich jefaßt haben.

Ich habe nichts getan, ich habe Ihnen Glück gewünscht.

Na, wenn Sie das wieder wörtlich meinen, dann will ich auch nichts gesagt haben. Na, Alterchen, so rot. Du läufst wohl vor Freude über.

Nee, det is doch zu merkwürdig, wie sich Blusen gleichen können.

Guten Tag, mein Fräulein, ich muß mein Kind in die Sonne tragen.

Die is überjeschnappt, Alterchen. Die hat n Sonnenstich.

Die Bluse kommt mir so bekannt vor.

Besser die Bluse, als was drunter is.

Ich hätte mir doch um sie kümmern sollen.

Um die Bluse.

Sei du zufrieden, daß du jeheiratet wirst und kümmere dich nicht um anderer Leute Blusen.

Darum werde ich mir sehr kümmern. Denn Blusen hast du nur noch mir zu schenken.

Mir is janz heiß. Das Kind is blond.

Das Kind is en Zebra. Und du bist n Schaf.

Es ist sehr heiß. Ja.

Willst du mir nich unterhaken.

Is mir zu heiß.

Ich möchte mir den Ueberzieher ausziehen.

Wenn dir det Tragen Spaß macht.

N Zülünder is nicht für Landpartien.

Koof dir doch n Panama.

Wozu ick bloß den Regenschirm mitgenommen habe.

Das möcht ich ooch wissen.

Die Natur is langweilig.                                                      -

Ja.

Trinken wir een Töppchen.

Heute wird geschampust.

Sind wir noch nicht am Ende.

Jetzt fängt es an.

Willste nich lieber tausend Mark haben.

Den Schein will ich.

Läßte dir dann wenigstens scheiden.

Nach deinem Tode.

Du bist niederträchtig.

Du bist jemein.

Hure.

Schwein. Rosi, Rosi, hier is mein Bräutigam. Wir sind verlobt. Morgen wird aufjeboten.

Ick jratuliere.

Bier her.

Bier kannste saufen, wenn de alleine bist. Heute wird geschampust. Nich, Rosi.

Aber feste, mit Muttern.

Die Aftermieterin wird einjeladen. Man kann nie nich jenug Zeugen haben. Die Jöhre ooch. Schampus is besser als Magermilch.

Die Aftermieterin wird nich eingeladen, sag ich euch.

Du hast das Maul zu halten. Die Aftermieterin wird eingeladen. Jehn wir wenigstens bald schlafen?

Eine anständige Frau schläft nur nach der Hochzeit. Kommt zu Muttern.




Fräulein Müller. Grete.

Darf ich diese Nacht in Ihrem Fremdenzimmer schlafen.

Wie nennen Sie Ihr Kind.

Und Sie verzeihen mir. Ich wußte nicht wohin.

Warum haben Sie mir das angetan, Fräulein Müller, warum sind Sie nicht früher gekommen.

Marie nenne ich mein Kind. Heute ist Sonntag und es stört nicht.

Ich liebe Besuch an Wochentagen. Ich lasse dich nicht fort.

Warum wollen Sie mir das antun.

Ich liebe Besuch, der sucht und nicht sucht. Ich liebe dich und nun mußt du meine Frau werden.

Noch kann ich deine Frau nicht werden. Denn noch suche ich.

Wann wirst du nicht mehr suchen.

Wann ich deine Frau werden kann.

Bleibe. In mir ruhen die Suchenden.

Ich darf nicht ruhen.

Warum darfst du nicht ruhen.

Weil das Ruhen nicht sucht. Und ich suche das Ruhen.

Kannst du dir keine Ruhe gönnen.

Ich muß es. Diese eine Nacht von Sonntag zu Montag.

Wo willst du hin, am Montag.

Am Dienstag weiß ich es.

Wollen Sie nicht vorläufig das Fremdenzimmer bewohnen.

Da ist es zu heimisch.

Wollen Sie mir nicht den Haushalt führen. Seit Sie fort sind, werde ich betrogen.

Ich gehe, damit du nicht betrogen wirst.

Sie bekommen noch Geld von mir. Besinnen Sie sich, ich hatte im letzten Monat drei Mark Ihres Gehaltes zurückbehalten, um heimlich ein Los für Sie zu kaufen. Ihr Los hat dreitausend Mark gewonnen.

Mein Los ist es, nicht zu gewinnen.

Mein Schicksal ist es, zu verlieren. Aber fremden Gewinn darf ich nicht behalten.

So legen Sie ihn in Ihr Fremdenzimmer.

Ich will Ihnen das Los zeigen, da Sie mir nicht glauben.

Ich will Ihnen drei Mark zeigen, da ich Ihnen glaube.

Ich lüge nicht.

Darum darf ich nicht betrügen.

Grete, nimm das Geld, nimm es mir zuliebe.

Ich brauche nichts.

Wovon lebst du.

Ich lebe von einem Kinde, das mir Mutter ist.

Da nimmst du.

Weil ich Mutter bin, die für ein Kind lebt.

Darf ich für dein Kind sorgen.

Ich bin müde.

Ich liebe dein Kind, weil es dein Kind ist. Laß mich wenigstens dein Kind lieben.

Du liebst mich nicht.

Grete.

Weil du mein Kind liebst.

Es wird dich mir ersetzen, bis du kommst.

Ich bin sehr müde. Gute Nacht.

 

Wo willst du hin in der Nacht.

Ich lasse Ihnen mein Kind zurück. Ich habe mich um das Kind belogen. Ich bin nicht eine Mutter, die für ihr Kind lebt. Ich lebte -mir das Kind, weil ich nicht Mutter sein wollte.

Was willst du sein.

Ich verlange nichts.

Das ist zuviel verlangt.

Wie ich die Liebe liebe. Wie ich die Liebe suche.

Und wurdest du darum Mutter.

Mütter lieben nicht. Darum mußte ich Mutter werden.

So willst du dein Kind verlassen.

Weil es mich ersetzen kann.

Nicht ersetzen, Grete, ersetzen, bis du kommst.

Die Liebe ist unersetzlich. Darum muß ich weiter suchen.

Das geht über Menschenliebe.

Was über die Menschenliebe geht, steht unter der Liebe.

Ich liebe dich so sehr, so innig, wie ein Mensch lieben kann.

Du liebst mich, weil du mich nicht entbehren kannst.

Wann werde ich dich genug lieben.

Wenn du mich entbehren kannst.

Ich bin ein schlechter Mensch.

Du bist der beste Mensch, aber die Liebe ist nicht von dieser Erde.

So will ich suchen. Ich will für dein Kind sorgen, weil es ein Kind ist.

O wie ich dich liebe. Wie du mich nicht lieben darfst. Sieh doch, ich liege über der Erde, die Augen zum Himmel, die Kniee zum Himmel. Zwei Blumen blühen mir auf den Bergen des Leibes. Alle meine beiden Augen sind weit geöffnet, alle meine beiden Münder sind weit geöffnet. Wie ich liebe. Wie ich suche. Wie ich suche. Wie ich liebe. All mein Blut stürzt voraus, meinen zwei beiden Tränen nach. Die muß ich wiederfinden. Guten Morgen.

Grete.

Guten Morgen.

Grete. Grete.

Haben mich der gnädige Herr gerufen, ich bin schon ausgezogen.

 

Das Kind schreit in tausend und einen Tag.

Schrei nich so, man versteht ja sein eigenes Wort nicht. Gleich kommt das Bollemädchen und gibt dir Milch. Bist wohl aufgebracht über deine Rabenmutter, die in die Nacht lossetzt und dich, kleines Wurm, aussetzt. Später machst du es auch so. Sei vergnügt, daß du von besseren Eltern bist. Son Kind der Liebe ist stets unbeliebt. Und nu laß bloß das dämliche Schreien sein. Mutter is froh, daß se dir los is.

Haben Sie die Kinderpflegerin bestellt.

Ich könnte das auch übernehmen.

Sie sind nicht zuverlässig.

Der gnädige Herr waren doch stets mit mir zufrieden. Sie gehen zu viel aus.

Aber der gnädige Herr haben es doch selbst erlaubt.

Sie bleiben oft die ganzen Nächte fort.

Wenn man den ganzen Tag schuften muß.

Sie treiben sich mit Männern herum.

Ich habe noch kein Kind ausgesetzt.

Sie können sofort gehn.

Und mein Lohn.

Hier.

Und mein Kostgeld.

Hier.

Danke schön. Soll ich nicht warten, bis die Pflegerin kommt.

Packen Sie Ihre Sachen. Ich kann meinen Koffer nicht allein tragen.

Machen Sie, was Sie wollen. Nur schnell fort.

Ich werde schon das Kind nicht fressen. Na adjö, Kleinchen. Wenn ich Muttern seh, wer ich sie grüßen.

 

Wo kommst du her. Einen so früh herauszuklingeln.

Also hier wohnste. Ganz gemütlich. Ja Ihr Künstler. Das sieht anders aus als bei meinem Stiesel.

Bist du geflogen.

Immer mit die Ruhe. Ich habe ihm gekündigt.

Warum denn.

Er wurde zudringlich. Ich lasse mir nicht zu nahe kommen.

Erlaube mal.

Ick jehöre dir und damit Punktum. Vorläufig wenigstens.

Was nun.

Ich bleibe.

Ja, Gretel, ich hab doch kein Geld.

Aber ich. Kostgeld und Lohn und was man sich so erspart hat. Koch mal Kaffee.

Endlich mal raus aus de Menkenke. Sieh mal. Was denn.

Mensch haste keene Oogen. Erst schreibst du einen ganzen Roman über meine grünseidenen Strümpfe und nachher siehste die schicksten Sachen nicht.

Ja, wir Dichter schöpfen aus der Phantasie, mein Kind.

Deine Phantasie steht aber auf meine zwei stramme Beine. Gloobst du, ick bin so dämlich, daß ick an deine Phantasie gloobe. Das is doch fauler Zauber.

Davon verstehst du nichts.

Mensch, du hast mir doch selber gesagt, daß ich dir zu deinem Roman bejeistert habe.

Schmeiß doch meine Sachen nicht durcheinander.

Da leg doch den Kram nicht auf m Schreibtisch rum. Man muß sich doch setzen können. Wer is denn die.

Laß das Bild stehen.

Wohl die Verflossene.

Das ist eine Schauspielerin, die mich zu meinem Roman

Du schreibst wohl jeder einen auf n Leib.

Aber nur einen auf deine entzückenden Beine mit den grünseidenen Strümpfen. Ich habe nie eine Frau gekannt, die so entzückend grünseidene Strümpfe trägt.

Mensch, mach bloß de Oojen uff. Ick kann doch den Rock nich höher heben als meine Beine lang sind.

Donnerwetter, mauve.

Da staunste. Ja, mein Junge, Abwechslung muß sein. Die hat mir mal ein Verehrer geschenkt, ein Leutnant, aber alles in Ehren.

Wie hieß denn der Ehrenmann.

Egon hieß die Kanaille. Er wohnte in der Pension, wo ich früher Hausgehilfin war.

Dem wirst du schön geholfen haben.

Der Bengel hatte kein Jeld.

Da bist du eigentlich meine Schwester. Denn der Egon ist mein bester Freund.

Nu sag bloß noch Kittchen.

Da hättest du warten sollen. Der hat mächtig geerbt. Vaters einziger Sohn. Rittergut, alter Geizkragen, hat alles brav zusammengehalten.

Das wär doch spaßig, deinen Freund mal wieder zu treffen.

Der ist jetzt mächtig stolz und verkehrt nicht mehr mit mir.

Es ist doch dein bester Freund.

Gewesen, Gretel. So ist das Leben. Ich werde ihn zu einem Roman benutzen.

Ohne Weiber macht das doch keinen Spaß.

Er hat Weiber. Oder vielmehr hatte. Na du weißt Bescheid. Aber jetzt hat ihn eine reingelegt.

Ach wie romantisch.

So ne kleine Chansonette. Na, du weißt doch Bescheid. Die zieht ihn aus.

Das gehört zum Handwerk. Erst zieht man sich aus und dann zieht man ihn aus. Aber die wahre Liebe ist das nicht.

Und der Kaffee.

Wie du diese Schauspielerin lieben konntest. Ihr Männer seid zu pervers. Die muß ja der reine Teufel gewesen sein. Schwarze Augen finde ich widerlich.

Das war auch das einzige, was ich an ihr überhaupt nicht leiden konnte. Sie war eigentlich nur mein Modell.

Jede ist nicht so dämlich und unterhält sich ihren.

Mach nur keine Szenen. Wir sind doch nicht verheiratet.

Wie wärs denn.

Also koch Kaffee.

Ich habe dreitausend Mark gespart. Und Ferdienen wird bei mir mit einem großen F geschrieben.

Dreißig Mille ist das Mindeste.

Ich verstehe nicht Französisch. Aber meine Marks sind echt.

Komm, gib mir n Kuß und schlag dir die albernen Gedanken aus dem Kopf.

Ihr Männer seid nicht für das Solide. Aber wenn wir Frauen es mal nicht sind, schnappt ihr über.

Du hast wirklich Talent.

Talent is jut. Mit die Beine.

Es gibt nichts Erfrischenderes für den Künstler, als auf den Volksmund zu hören.

Drück mir lieber n Kuß druff, dann gehen dir die albernen Gedanken aus m Kopf. Bloß nich denken bei die Liebe. Immer feste und dann hat die liebe Seele Ruh.

Glänzende Idee, wir fahren in die Mark.

Wo du die Ideen immer her hast. Und da laß ich uns photographieren bei so nem Fünfminutenbrenner. Kinder, is das Leben schön.

Ich möchte sagen, es ist eine Lust zu leben.

Wie du das wieder so rausgedichtert hast. Nu sag bloß noch Wollust.

Auf zum Zoo.

Nimm n Panama, der paßt zu meine Strümpfe. Du, mein Stiesel hat n Kind gekriegt.

Mit dir.

Ich bin doch nich aus Hinterpommern.

Scheußlich, diese langweiligen Treppen.

Dein Portier kann wohl Damen nicht leiden. Morgen, Herr Hausmeister.

Steigen wir in die Elektrische.

Für mein Geld fahr ich nur Auto. Ist das nicht.

Das ist er.

Sieh mal, aus nem herrschaftlichen. Das ist die Chansonette?

Die braucht nicht mehr zu singen. Darauf kann sie pfeifen. Wie sie sich herausgemacht hat.

Da mach ich mir gar nischt draus. Warte bloß, wenn ich von Jerson komme. Dann sieht die aus wie mein Zweitmädchen.

Der Volksmund sagt: Kleider machen Leute.

Ick sage dir, mein Junge, Leute machen Kleider, wenn man die nötige Pinke hat.

Für drei Mark fuffzig können der Herr mit seiner Frau Gemahlin das Zimmer haben. Es ist erst seit gestern frei. Hier wohnte ein lediges Fräulein mit einem Kind. Aber sie war sonst ganz sauber. Deshalb steht nur ein Bett drin.

Ein Bett genügt.

Ja, die jungen Liebesleute, die können es nie eng genug haben.

Bitte, wir sind schon drei Jahre verheiratet. Sieh mal, da steht ja deine Schauspielerin.

Die sieht ihr ähnlich.

Das sieht dir ähnlich. Ein lediges Fräulein mit einem Kind.

Aber junge Frau, wie wird man eifersüchtig sein. Da muß ich den Herrn Gemahl in Schutz nehmen. Ich habe den Väter mal gesehen, der ist Leutnant.

Ha, also mein Egon.

Aber, Gretel, es gibt doch viele Leutnants.

Aber, gnädiger Herr, wie wird man so eifersüchtig sein. Wir Frauen haben doch alle einmal eine Jugendliebe gehabt.

Halten Sie mir für ne Altersliebe.

Aber Fräulein, ich wer doch nichts denken. Also viel Vergnügen.

Nun hast du uns gleich verraten.

Ich wer doch mit so ner Person noch Hochdeutsch sprechen können. Also raus. Was is mit die Schauspielerin.

Die hab ich wegen zu großer Anständigkeit abgeschafft. Außerdem lieb ich grundsätzlich nicht Frauen mit schwarzen Augen. Und Kinder setz ich nicht in die Welt. Grundsätzlich nicht.

Du, ich hab eine Idee. Ob diese Schauspielerin nicht ihr Kind bei meinem Stiesel ausgesetzt hat.

Du hast die reinste Romanphantasie. Warum soll die gerade zu deinem Stiesel fahren.

Warum soll sie nicht.

Weil sie ihn nicht kennt.

Meinst du, daß man den kennt, bei dem man seine Kinder aussetzt.

Also trinken wir erst einen Schoppen.

Die Herrschaften wollen etwas promenadieren. Das ist die Rosi, meine Jüngste. Seit gestern bin ich glückliche Schwiegermutter. Meine Lori, die Jüngste, hat sich mit einem Schloßherrn verlobt.

Sehr erfreut, Frau, Frau

Ich heiße Müller.

Ganz wie ich.

Komm, Grete, ich habe Durst.

Also auf später, Frau Müller. Uebrigens, Schatz, hast du gemerkt.

Hast du wieder eine Schauspielerin gemerkt.

Nein, aber diese Jüngste, die hat sicher ihre dreißig Jahr, trägt grünseidene Strümpfe. Gut, daß ich die Farbe gewechselt habe. Als ob ich es geahnt hätte. Diese Konkurrenz, die einem die Weiber machen.

Dreißigjährige Jüngste lieb ich grundsätzlich nicht.

Schloßherr ist gut. Die Person wird bald hinter Schloß und Riegel sitzen.

Dir muß matt auch einen Riegel vor den Mund machen.

Das Maul verschlossen, aber Sonst nicht zugeknöpft. Das paßt euch Männern.

Grete, benimm dich anständig.

Du kannst mir ja den Anstand lernen.

Den Anstand hat man.

Aber ein bißchen unanständig ist dir doch ganz angenehm.

Deshalb haben wir euch Weiber ja geschaffen.

Mit die Phantasie, mein Junge. Ich danke für Kuchen.

Ober, einmal mit Schlagsahne. Damit du wieder süß wirst.

Der alten Müllern lock ich das Kind doch noch raus. Du sollst mir nich betrügen.

Ich lüge nie.

So jewiß werde ich dich nie betrügen.

Eine schöne Partie.

Ueberleg dir die Partie. So n Angebot kriegst du so bald nicht wieder.

Ober zahlen.

Hier hast du mein Portemonnaie. Das sieht besser aus vor die Leute.

 

Friedrich der Große reitet in die Luft.

Der Regen kann sich nicht mehr halten.

Nur einmal blüht im Jahr der Mai und zehnmal am Tage die Liebe.

Der Herbst ist angenehm, wenn es nicht regnet. Findest du nicht, August.

Aber es regnet doch.

Ein braver Mann merkt sowas nicht. Droschke.

Aber Lori, das kostet doch mindestens drei Mark fufzig.

Wir haben es dazu, August.

Ich freue mir auf mein altes Heim.

Erstens heißt es mich und zweitens hat sichs ausgeheimt.

Hast du Absichten, Lori.

Starke. Wir ziehen an den Kurfürstendamm.

Aber das ist sehr teuer, Lori.

Gebildete Menschen wohnen stets am Kurfürstendamm.

Das lassen unsere Verhältnisse nicht zu.

Das spart sich aus den Verhältnissen ab, die du nicht mehr hast.

Lori, wirklich, ich muß dir bewundern.

Erstens heißt es dich und zweitens sollst du mir kennen lernen.

Der Schlüssel paßt nicht.

Die ganze Gegend paßt nicht. Hier wohnt man nicht.

Aber erst die teure Reise und darin gleich der Umzug.

Meinst du, ich habe dir geheiratet, um in die Elsasser Straße zu wohnen. Dazu brauchte ich mir nicht mit dir zu beladen.

Nun schließt er.

Die Kasse übernehme ich, von Geld verstehst du nichts.

Aber ich bin doch sechzig Jahre, Lori.

Das merk ich. Lang mal die Wollstrümpfe raus. So ein Blödsinn. Das Geld in die Strümpfe zu legen. Geh mal gleich runter und kauf dir ein Paar anständige Schuhe. Deine Laatschen haben mir die ganze Reise verärgert.

Aber Lori, es ist doch zu teuer, sich in Heringsdorf Stiefel zu kaufen. Außerdem sind sie erst zweimal besohlt.

Was der gute Ton unter feine Leute is, darin hab ich Erfahrung. Wenn du erst Lackschuhe hast, sieht dir kein Mensch deine schäbige Herkunft mehr an.

Aber, Lori, ich bin aus einer anständigen Familie.

Wir wollen uns unsere Familien nicht vorwerfen. Aber eine Familie wollen wir gründen, daß sie alle die Platze kriegen.

Lori, du willst zu hoch hinaus.

Ich habs geschafft, nu müssen es die anderen merken, daß ichs geschafft habe. Und du sollst froh sein, daß ich dir deine letzten paar Jahre versüße.

Du bist gemein zu mir.

Erstens heißt es mich und zweitens hast du es nicht besser um uns Frauen verdient. Ich stehe meinen Mann.

Lori, ich muß dir bewundern.

Das hast du billig. Und nun kaufst du die Lackschuhe, damit ich mich mit dir sehen lassen kann. Und ein Dutzend Oberhemden. Mit die Servitörs geht das auch nicht weiter.

Aber Lori, das ist doch praktischer. Und man braucht nicht so viel neue Hemden.

Und der Diener soll wohl hinter dich lachen.

Welcher Diener.

Na, unser Diener. Der wird gleich morgen gemietet.

Aber Lori, ich muß dir bewundern. Wo du das alles her hast.

Mit so ne Leute wie du hab ich mir früher nie abgegeben. Darauf kannste Kognak nehmen. Jetzt bin ich endlich eine anständige Frau und nun heißt es, einen anständigen Mann aus dir herauszuschälen.

Du kaufst wohl auch neue Möbel, Lori.

Nur das Bettzeug kommt mit. Das ist gutes Leinen.

Das Bettzeug wollen wir verkaufen.

Warum denn.

Ich habe so unangenehme Gedanken dabei.

Deine Olle wird dir nicht erscheinen. Tot ist tot. Und daß du dich nie unterstehst, jemals von deiner Ollen zu unseren neuen Bekanntschaften zu reden.

Was für neue Bekanntschaften.

Du wirst sie schon kennen lernen. Bei uns verkehrt nur anständige Gesellschaft.

Ich schlafe am liebsten auf der Matratze.

Dir werde ich die Träume abgewöhnen. Du schläfst so lange in den Leinen, bis du darin stirbst.



Lori, sei gut. Ich mache sonst, was du willst. Aber ich kann in dem Bett nicht schlafen.

Dann wache, Esel.

 

»Statt besonderer Anzeige. Hierdurch mache ich allen meinen Verwandten und Freunden die traurige Mitteilung, daß mein innig geliebter Mann, der Rentner und Hausbesitzer August Müller nach vier kurzen Wochen unseres jungen Eheglücks im sechzigsten Lebensjahre einem Schlaganfall erlegen ist. Ich werde ihn nie vergessen. In tiefster Trauer Eleonore Müller, Kurfürstendamm. Am nächsten Sonntag zu Hause.«

 

Jean, tragen Sie das eine Bett auf den Boden. Ich kann sonst nicht schlafen. Die Wäsche verbrennen Sie.

Darf ich das Leinen behalten, gnädige Frau. Ich fürchte mir nicht.

Erstens heißt es mich und zweitens habe ich mir noch nie gefürchtet, Esel.

 

Ist Fräulein Müller zu sprechen.

Hier wohnt kein Fräulein Müller.

Wohnt hier nicht Herr Egon von.

Der gnädige Herr ist schon seit einem Jahre tot. Aber Sie können die gnädige Frau sprechen.

Verzeihen Sie, wissen Sie vielleicht, wie die gnädige Frau mit Vornamen heißt. Es ist nicht Neugierde.

Die gnädige Frau heißt Marie.

Wollen Sie mich bitte melden.

Darf ich um Ihre Karte bitten.

Ich heiße Grete Müller.

Die gnädige Frau lassen bitten.

Marie du Kind.

Grete im Regen. Wie du zitterst. Grete, bringen Sie Tee.

Marie du Kind.

Wo warst du.

Wo bist du.

Wo ist dein Kind.

Wo ist dein Mann.

Wo hast du gelebt.

Wie hast du gelebt.

Wie bist du schön, Grete.

Wie bist du schöner, Marie, du Kind.

Wie deine Augen scheinen.

Wie gut du bist, Marie.

Trinken wir Tee. Nimmst du Rum.

Marie, daß ich dich wiedersehen darf.

Grete, daß ich dich wiederhabe.

Darf ich diesen Sonntag bei dir bleiben.

Das Schlafzimmer meines Mannes ist leer. Du sollst darin wohnen.

Wie starb dein Mann.

Wie lebt dein Kind.

Wie soll ich dir danken.

Du mußt Hunger haben. Iß mal Schinken.

Aber Montag muß ich fort.

Quatsch.

Ich muß fort.

Du wirst eingeschlossen.

Dann springe ich aus dem Fenster.

Dann binde ich dich fest.

Laß mich doch weiter.

Sei nur nicht dämlich. Jetzt endlich sind wir allein. Und dabei bleibt es.

Marie du Kind, o, was ich leide.

Iß Schinken.

Marie du Kind, o, was ich litt.

Wo ist dein Kind.

In guten Händen.

Siehst du es nicht.

Ich darf es nicht sehen.

Wer kann es dir verbieten.

Ich.

Das ist mir zu hoch. Darum wird es wohl dumm sein.

Wo ist dein Mann;

Gestorben.

Wie ist er gestorben.

Wie man stirbt. Ich spucke auf die Männer. Sie sind Schweine.

Er hat dich geheiratet.

Ich habe ihn geheiratet.

So warst du nicht glücklich.

Ich bin glücklich.

Warum hast du ihn geheiratet.

Weil ich das dreckige Leben satt hatte. Ich weiß, wer ich bin.

Ich weiß nicht, wer ich bin.

Du bist der herrlichste Mensch, aber total übergeschnappt.

Glaubst du das, Marie.

Ich glaube es nicht, aber es ist so.

Marie du Kind, o, was ich litt.

Ich litt nie, denn ich bin, was ich weiß.

Marie, gib du mir Ruh. O weißt du, was Ruhe ist.

Im leeren Schlafzimmer auszuschlafen und etwas zu verlangen. Was willst du. Geld. Oder kein Geld. Oder Kleider. Oder Kinder. Du kannst alles haben. Denn ich habe alles dazu.

Marie, wie du lebst.

Ich habe alles dazu.

Suchst du nicht.

Nie. Denn in mir findet sich alles.

Du bist sehr stolz, Marie du Kind.

Ich bin nicht stolz, aber die andern sind feige.

Ich bin feige, Marie.

Du siehst dich nicht. Du siehst nicht, daß du schön bist.

Bin ich schön, Marie du Kind.

Ich werde dir einen dreiteiligen Spiegel schenken, damit du dich sehen lernst.

Du Kind, die du mich lehrst.

Du lernst nicht, weil du immer lehren willst.

Ich will nur lernen, aber ich finde nie aus mir heraus. In mir rauscht das Blut von tausend und einer Nacht. Schon tausend und einen Tag.

Wen liebst du.

Ich darf ihn nicht lieben, denn er liebt mich nicht.

Das werde ich ihm schon beibringen.

Er liebt mich nicht so, wie ich ihn liebe.

Und das Kind.

Er ist nicht der Vater. Sonst lebte ich nicht mehr.

Und der Vater.

Ich kenne ihn nicht.

Also glatt reingelegt. Die Männer sind alle Schweine. Ich spucke auf die Männer. Du darfst sie nicht lieben. Du bist zu schön für die Männer. Du bist zu gut für die Männer. Komm; iß auf und geh schlafen.

Darf ich in deinem Zimmer schlafen.

Ich schlafe nicht bei Frauen.

 

Gut geschlafen? Wie schön du im Bett aussiehst.

Es war so warm im Bett. Und ich wollte dir entfliehen.

Mir entflieht man nicht. Ich finde, was ich nicht suche.

Marie, du Schwester, darf ich dich etwas fragen.

Wenn es mir nicht zu hoch ist.

Ich muß es leise fragen.

Du bist doch feige, Grete.

Marie du Kind, glaubst du, daß er mich schön findet.

Wenn er kein Ochse ist.

Soll ich es versuchen.

Führe ihn in Versuchung. Du kommst doch nicht ohne Mann aus.

Wie ich ihn liebe.

Wo wohnt er.

Hier.

Na hör du, dummes Mädel von etwa dreißig Jahren, wenn du nicht verliebt bist. Mit der Karte auf dem nackten Busen. So ein kleiner Backfisch. Den Ochsen werde ich mir mal kommen lassen.

Das darfst du nicht, er muß mich suchen.

Wie soll der Mensch das machen. Berlin ist doch nicht Buxtehude.

Ich war nicht in Berlin.

Mit meinen hundert Mark monatlich wirst du doch nicht in der Welt gelebt haben.

Ich war auf dem Lande.

Was hast du getan.

Ich war Lehrerin.

Wo.

In meiner Heimatstadt. Ich pflege meine alte Mutter.

Dazu sind die Kinder stets gut genug. Sehr rührend, aber Blödsinn. Ich habe genug von den Müttern.

Meine Mutter ist sehr alt.

Das sind Mütter immer.

Außerdem hat sie mir die Stellung verschafft.

Eine billige Bezahlung für die Pflege.

Wenn ich dich nicht kennen würde, Marie du Kind. Alle werden dich für schlecht halten.

Weil die andern sich für gut halten. Ich bin nicht gut und ich bin nicht schlecht. Ich bin. Und mir gehört, was andere verlieren.

Ich verliere, was andere gewinnen.

Dann paß besser auf. Sieh auf dich, sieh um dich und verlange etwas. Wenn du nichts verlangst, dann kannst du dich begraben lassen. Nun werde ich dir deinen Liebsten besorgen. Aber paß auf. Gib ihm weniger, als er fordert. Und gib ihm gelegentlich, was er nicht fordert, und laß dich sicherstellen.

Ich glaube, daß ich das Leben nicht leben kann.

Weil du die Liebe liebst und ohne den Herrn Geliebten nicht auskommst. Wie du so im Bett liegst mit deinen schwarzen Augen, die scheinen, ich könnte dich lieben, wenn ich Mann wäre. Aber die Männer sind stets nur verliebt, lind die Liebe ist der reinste Blödsinn. Also auf, frühstücken.

 

Gnädige Frau, ich war in der Wohnung, der Herr wohnt nicht mehr dort. Der Portier sagt, er ist ins Ausland gereist.

Ins Ausland.

Gnädige Frau entschuldigen, ich kenne den Herrn.

Woher kennen Sie ihn, Grete.

Ich war früher bei ihm als Haushälterin.

Weiter.

Er ist mir zu nah getreten.

Weiter.

Er lebte mit einer Weibsperson in wilder Ehe. Sie ging ihm durch und ließ ihm das Kind zurück.

Das hab ich mir gedacht.

 

Wie ich es mir gedacht habe. Ich spucke auf die Männer. Und so ist es richtig. Da schleppst du die Karte mit dir herum und dein Geliebter, dein treuer Geliebter macht es wie alle. Jedes Dienstmädchen ist ihm recht billig. Und die Kinder flitzen nur so herum.

Unmöglich.

Das ist aber so.

Das ist gelogen.

Er wird schon wissen, warum er ins Ausland gereist ist.

Wer ist ins Ausland gereist.

Er.

Ich muß sofort hin.

Den Weg kannst du dir sparen. Ich habe meine Jungfer hingeschickt. Ein Aas aber es kennt die Männer.

Du bist ein gutes Kind, Marie, du kannst mir nicht helfen. Niemand kommt über sich hinaus. Ich kann nur mir selbst helfen.

Wie willst du das tun.

Ich muß weiter suchen. Lebe wohl, Marie du Kind, du meine Mutter, du meine Schwester, ich will dir meine beiden Augen schenken.

Wo willst du hin.

Zurück.

Ich kann Küssereien nicht leiden und Weiberküsse schon gar nicht. Aber weil du mir deine beiden Augen schenkst, die scheinen, darum muß ich dir einmal auf deine Lippen küssen. So. Und nun schnell ein Glas Wein drauf, damit man den schlechten Geschmack verliert.

Marie, Marie.

Von jetzt ab bekommst du zweihundert Mark monatlich.

Ich brauche dein Geld nicht. Ich habe alles für dich aufgehoben, nichts davon gebraucht. Ich kann mich selbst erhalten.

Ich auch. Damit imponierst du mir nicht. Ich lasse mir überhaupt nicht und niemals imponieren. Das Geld behältst du. Widerspruch dulde ich nicht. Mir hat noch niemand widersprochen.

Lebe wohl, Marie.

Heute abend muß ich meinem Grafen von dir erzählen.

Marie.

Ich spucke auf die Männer, aber man muß doch Spaß haben. Dafür hab ich immer ein paar. Ich gebe ihnen nie, was sie fordern. Aber wenn sie nichts mehr zu geben haben, dann nehm ich sie mir, wenn es mir Spaß macht.



Wohnt hier Fräulein Grete Müller.

Oben. Sie können gleich selbst heraufgehen.

 

Grete.

Du.

Hier, Marie, ist deine Mutter.

Das ist mein Kind?

Das ist dein Kind.

Ich habe um ein Kind gesorgt.

Du bist mein Kind, Marie.

Sie sind meine Mutter?

Ich bin deine Mutter, du bist sehr schön, mein Kind.

Sie können nicht meine Mutter sein.

Willst du nicht mein Kind sein?

Ich bin kein Kind, mit zwanzig Jahren ist man kein Kind mehr.

Sei sanft, Marie.

Meinen Vater liebe ich, er war mir Mutter. Von Ihnen will ich nichts wissen. Ich kann nicht sanft sein.

Ich habe um ein Kind gesorgt, Grete.

Dieser Mann ist nicht dein Vater.

Du bist nicht mein Vater?

Ich bin nicht dein Vater.

Du bist nicht mein Vater?

Nein, Marie du ohne Vater und Mutter.

Du liebst mich?

Ich liebe dich, Kind.

So will ich deine Frau werden.

Ich liebe eine andere.

Wen liebst du.

Ich liebe deine Mutter.

Diese Person, die sich um ihr Kind nicht gekümmert hat? Vergnügte Hochzeit. Ich gehe in die Welt. Ein Jahr werden Sie doch noch für mich sorgen.

Du bist reich, Marie. Ich verwalte dein Vermögen, das Vermögen deines Vaters, und ich werde es dir auszahlen.

Tun Sie das, bitte. Ich werde Ihnen meine Adresse schreiben.

 

Nun bin ich alt, sehr alt, Grete.

Auch ich bin alt, du.

Du bist sehr schön, o wie ich dich liebe.

O wie ich dich liebe.

O was ich gelitten habe.

O was ich leide.

So wollen wir wunschlos Hand in Hand gehen.

Du o du. Meine beiden Tränen habe ich gefunden. Nun kommen sie zu mir, von der Welt, von der Erde, von dem See, von dem Fluß, von der Stadt, hinab zu mir, hinab in meine beiden Augen.

Wie deine Augen scheinen.

Ich steige aus der Tiefe der Scham: Du o du, ich liebe dich.

Wie unsere Seelen ineinander klingen.

Wie unsere Augen ineinander rauschen. Ich steige aus der Tiefe der Scham – meine beiden Münder sind dir geöffnet. Höre Himmel, da du schweigst. Ich steige aus der Tiefe der Scham.

 

Nun sinkt die Scham.

Nun rauscht das Blut zweier Menschen in alle Nächte und alle Tage. Nun hört es den Hall seines Rausches. Nun fühlt es den Rausch seines Halls.

Die Liebe strömt über die Dämme, die Dämme stürzen.

Die Scham sinkt.

Und die Liebe liebt.