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Maria Waser – Die Lebendigen

Erzählung

aus: Maria Waser, Scala Santa, Rascher & Co. Verlag, Zürich, 1918, S. 51-80

Als Frau Madeleine nach so langer Zeit zum er­sten Mal wieder in Gesellschaft ging, war ihr zunächst beinahe erwartungsvoll zumute. Es war soviel Furchtbares und Schönes über sie und die Welt gegangen seither, es musste doch wohl auch hier manches anders geworden sein. Aber als sie die immer noch so neue Villa auf dem Berg vor sich sah und die festlich belebten Räume sie aufnahmen, fühlte sie denselben Enttäuschungsstich wie als Kind, wenn sie nach den Ferien die Schulstube wieder betrat mit der geheimen Hoffnung, irgend etwas darin verändert zu finden, aber es war immer dasselbe, und den heiligen Glanz musste man draussen lassen.

Unwillkürlich schmiegte sie sich enger an den Arm ihres Gatten und zog die Schultern höher, als ob sie so dem Anprall der Begrüssungen besser standhalten könnte. Sie hatten alle ungefähr dieselben Worte – des Staunens über ihr endliches Erscheinen nach so langer Zurückgezogenheit, des Vorwurfs über ihr unverantwortliches Fernbleiben: Hundert Jahre hätte man sie nicht mehr gesehen, und ob sie einen denn überhaupt noch kenne? Eigentlich tönte das alles wenig freundlich, schon fast eher wie Tadel. Der Gedanke an die Schulstube kam wieder: Wenn man die Ferienaufgaben nicht ordentlich gemacht hatte, dachte sie und musste lächeln. Dann streckte sie die Begrüssungshand ein wenig weiter von sich ab und liess die blonden Wimpern tiefer über die grauen Sterne sinken. Sie hätte ihnen so gerne gesagt, dass es ihr vorkomme, als ob man sich erst gestern gesehen habe, und dass sie alle entsetzlich unverändert fand. Aber das ging wohl nicht an. So blieb ihr denn nichts als ein paar ebenso leere Worte und das Höflichkeitslächeln. Es war ihr, als ob sie sich mählich zum Aigineten erstarren fühlte.

Ein hartes, etwas zu lautes Lachen des Hausherrn schreckte sie auf. Sie spürte mit einem eigentümlich schamhaften Schmerz, wie schwer es diesem Lachen wurde, ein Lachen zu sein und nach Freude zu klingen. Rasch löste sie sich vom Arm ihres Gatten, trat auf den Hausherrn zu und reichte ihm mit herzlicher Bewegung die Hand, aber da sie in dessen überraschten Augen nichts las als Staunen über die erneute Begrüssung, wurde ihr auch gleich das Ungewöhnliche ihres Tuns bewusst und dass man hier Mitgefühl nicht verraten durfte. So sagte sie ihm denn ein paar angenehme Worte über seine neueste ästhetische Arbeit. Sie waren nicht tief geholt, aber sie gaben doch dem gequälten Gesicht des Mannes einen warmen Zug, und als er jetzt neuerdings, doch leise lachte, tönte es fast natürlich, dass sie sich mit befreiter Empfindung, wenn auch ein wenig beschämt, von ihm wenden konnte, um ihn neu Eintretenden zu überlassen.

Unter ihnen erschien auch der Dichter. Seine schwarze Gorkimähne enthüllte immer noch mit derselben fettigen Gebärde die krampfige Stirn, und die Augen unter den betonten Brauen standen in Tiefglut wie immer, und wie immer warf er sich mit tragischem Handkuss auf die Hausfrau.

Der Anblick dieser Begrüssung gab Frau Madeleine einen kleinen Schauer. Sie wusste, dass sie eines der nächsten Opfer sein würde und dass er im nächsten Augenblick seine reimzerquälten Lippen just auf jene Stelle ihrer Hand pressen würde, wo sie noch den Gutenachtkuss ihrer Knaben fühlte, den lebendigen und sanften Druck der beiden so verschiedenen Mündchen. Mit leisem Grauen barg sie die Rechte in die Falten des Kleides und wandte sich dann, rasch die Deckung einer Begrüssungsgruppe benutzend, einer kleinen, unbeachteten Veranda im Hintergrund des Saales zu.

Die venezianische Lampe gab dem geborgenen Raum mehr Dunkelheit als Licht. Frau Madeleine duckte sich aufatmend in dessen schwärzeste Ecke. Der sanfte Duft und die Weichheit ihres Kleides umhüllten sie mit woh­liger Heimatlichkeit. Sie fühlte sich auf einmal allein und ganz fern. Die Welt in den Sälen drüben ging sie nichts mehr an, und sie fand es reizend, so dazusitzen als einziger Zuschauer vor diesem komischen kleinen Theater unter den Leuchtern. Die versteckten Schlupfwinkel ihres heimatlichen Gartens fielen ihr ein, wo sie sich als Kind gerne verborgen hielt. Die Welt hatte dann auf einmal so anders ausgesehen, wenn man nicht dazu gehörte. Man entdeckte dann plötzlich, wie jung die Eltern noch waren, die ahnungslos und innig an einem vorbeiwandelten, wie schön die Mutter und dass der Vater sein Haupt stolzer trug als alle andern. Aber das Schönste, wenn Georg erschien, das Gesicht erhitzt vom Suchen, die hellen Haare zurückgeworfen und in den Augen ein ängstlich und zorniges Blitzen. Ah, sie hätte dem Bruder um den Hals fallen mögen, und doch zögerte sie noch in ihrem Versteck: das Wiederfinden war dann so schön. Das Wiederfinden? ... Sie fuhr sich leise erbebend über die Stirn – dann wandte sie ihre Augen wieder dem Saale zu.

Die letzten Gäste waren eingetroffen. Am spätesten und fast gleichzeitig die beiden umgeheirateten Ehepaare. Sie waren die Sensa­tion des Jahres und bildeten auch jetzt den Mittelpunkt der Gesellschaft. Sie grüssten sich gegenseitig mit augenfälliger Natürlichkeit, und jedermann bewunderte sie und hätschelte den Anblick: man spürte an diesem fast freundschaftlichen Verkehr geschiedener Eheleute das Mass der eigenen Weitherzigkeit, sie gaben dem Grossstadtbewusstsein sozusagen den Echtheitsstempel – Frau Madeleine lächelte – und war doch nichts kleinstädtischer als die Bewunderung ungewohnter Dinge, an denen es nichts zu bewundern gab. Sie verglich die Paare, die sie zuletzt noch in ihrer frühern Verbindung gesehen hatte. Gewiss, auch diese Kombination ging, warum nicht? Und es hätte sich ruhig so weiter kombinieren lassen. Das war wie Konfektion, die jedem passt, und tüchtige und geprägte Menschen erkannten solcher Tauschware Persönlichkeitswert zu und glaubten, dass der Mut braucht zur Veränderung, der keine Wurzeln hat und keinen Grund.

Sie betrachtete ihren Gatten. Er hatte sich bei der Dame des Hauses festgefahren und sass nun etwas zusammengeklappt vor der lebhaft Sprechenden. Er hatte die Höflichkeitsfalte auf der Stirn, in der er es allemal zu verbergen suchte, wenn ihn jemand langweilte. Er sah sehr beflissen aus, und doch wusste sie, dass er nichts hörte. Wie sie dieses Unvermögen, Dinge anzuhören, die ihm nichts sagten, an ihm liebte und dieses gütige Bestreben, dennoch aufmerksam zu sein! Seine Augen, die in ihrer Richtung blickten, hatten ein ganz leises Lächeln, das ihr sagte, dass er sie gewähren liess und sie so lange wie möglich nicht verriet. Und sie sah ihm auch an, dass er ihren Dank fühlte.

Man begann, sich zu gruppieren und irgend­wie gesellschaftlich zusammenzutun, aber es wollte nicht recht, und man spürte, dass es noch geraume Zeit dauern würde, bis die Ungezwungenheit sich dieser Menschen erbarmte. Vielleicht, wenn Jugend dagewesen wäre, ein paar festlich gestimmte Backfische und schüchterne rotohrige Jungen, das hätte den Altern die Sicherheit gegeben und sie in die natürlichen Proportionen gebracht, jedoch das wollte man jetzt nicht mehr, Familienabende, man wollte Salon halten. Seitdem der grosse Dichter die Hölle der Gemütlichkeit verspottet hatte, schämte man sich, gemütlich zu sein. Und nun gab man sich soviel Mühe zu zwanglosem Verkehr und freier Geistigkeit. Vielleicht war dieses Bestreben ja rührend, aber das Rührende hat bald etwas Erbärmliches an sich. Vielleicht auch war es just das Erfreuliche daran, dass ihnen die Maske der Gesellschaftlichkeit noch so schlecht sass und dass zum Beispiel diesen braven Geistern die nötige Oberflächlichkeit zur urbanen Diskussion noch fehlte und sie immer noch gereizt und ei­gensinnig wurden, wenn Anschauungen sich kreuz­­ten. Anderseits tat es einem wohl, zu denken, dass, was man hier gewahrte, nicht das Echte und also das weniger Gute war und dass noch in dieser selben Nacht all die forcierten Gebärden sich heimisch beschwichtigen konnten. Die gute Hausfrau, wie musste ihr wohl werden, wenn sie, aus der Verpflichtung ihres Künstlergewandes und ihrer ästhetischen Gesinnung entlassen, die tüchtigen Hände, unbehindert durch den absichtsvoll gerafften Shawl, wieder brauchen durfte. Und die Gattin des Kunstmäcens, wenn sie ihre erzwungene Nonchalance ablegen, wieder aufrecht sitzen und die runden Knie in bürgerlich brave Frontstellung bringen durfte und wusste, dass sie nun viele Tage nicht mehr zu rauchen brauchte! Ach, und die blonde Redaktorsfrau, die sich immer so schämte, dass gewisse Reden dieses Kreises ihr noch nicht glatt eingingen – wenn sie ruhig erröten oder einfach davonlaufen durfte, sobald Worte sie verletzten! Sie waren doch alle ein wenig wie der kleine zapplige Doktor, der unter halben Zynismen und bizarren Anläufen sein liebes Jungengesicht verleugnete und verspottete, was er so gern geliebt hätte: ihrer Freiheit taten sie Gewalt, um unabhängig zu scheinen, und wie mancher war wohl, der in dem kostbar aufgesparten Büffett etwas anderes sah als die wohlverdiente Belohnung für ausgestandene Freigeistigkeit? Denn es war auf die Dauer anstrengend, Dinge zu zeigen, die man nicht hatte, und sich all des Lieben, Freundlichen schämen zu müssen, das einem wert war. Aber das Büffett war die Erlösung. Die Herren assen dann, und wenn ein Mann isst, so ist das wie Beichte und Gebet: Offenbarung des Innersten. Und die Frauen naschten und fingen an, von den Kindern zu sprechen und vielleicht, ganz leise, auch vom Einmachobst, und ihre Augen, die die stolzen Reihen köstlich durchglühter Fruchtgläser sahen, wurden schön.

Jetzt kam eine konzentrierende Bewegung in die Gruppen, auch vom andern Saal traten sie herüber. Der Dichter liess sich bitten.

Frau Madeleine fühlte, wie das Blut ihr zu Kopfe schoss. Das ging ihr immer so, wenn sie jemanden mitten unter plaudernden Menschen sich produzieren sah, gar mit eigenen Werken: immer so ein Gefühl, als ob sie unter den Tisch kriechen müsste, wie damals als Kind, da der alte Dichter zur Mutter kam. Er hatte einen schneeweissen Schopf über der Stirne, wie ein Kakadu, und ein blaues und ein braunes Auge und war ein so reizender alter Herr, aber als er beim Morgenkaffee anfing, von seinen Gedichten zu rezitieren, hatte sie sich aufschluchzend unter das Tischtuch geflüchtet und gar nichts anderes zur Erklärung zu sagen gewusst als: »Ich schäme mich drum so!«

Nun liess sich der Dichter nicht länger bitten. Er erhob sich. Er hatte bereits das schwer­mütig serene Lächeln um den Mund, mit dem er nachher Glückwünsche quittierte. Sie müsste dann wohl auch Glück wünschen, und dann würde es ihr vielleicht ergehen wie ein früheres Mal, da er ihr Erröten für Ergriffenheit nahm und die Verpflichtung fühlte, ihr von sich zu sprechen: von innern Hemmungen und seelischer Stosskraft und Dichterorganen, die sich ihm allenthalben öffneten – alles so entsetzliche Dinge, die peinlich anzuhören waren.

Nun fuhr er sich durch die fettige Mähne und bohrte die Blicke ein. Und rings die Damen.

Frau Madeleine fühlte einen sonderbar süsslichen Schmerz in den Schläfen, und plötzlich stand sie draussen auf der Verandatreppe und schloss mit heimlicher Hand die Türe hinter sich zu.

Geräuschlos glitt sie über die wenigen Stufen hinunter in den Garten.

Der breite Kiesplatz vor dem Hause war weiss vom Mondlicht, und die weissgestrichenen Gartenhäuschen und Pergolen der noch neuen Anlage glänzten nüchtern aus dem Dunkel einer magern Taxuswand, die den Blumengarten abschloss, aber weiterhin, über die Gipfel eines tiefer liegenden Wäldchens weg, erschien die Stadt, sanft umhüllt und verklärt von durchsichtigen Mondnebeln. Frau Madeleine suchte unter dem schimmernden Gewirr ferner Dächer das eigene, und ihr Herz fand die Kammer, wo jetzt ihre Knaben schliefen. Sie sah sie so deutlich vor sich in den beiden Bettchen: der Kleine warm und innig zusammengeschmiegt wie ein schnurrendes Kätzchen, die schlichten Haare hell in die dunkle Wange gestrichen, aber der Grosse lang und leidenschaftlich hingestreckt wie ein im Kampf Überwältigter, die Arme von sich geschleudert, den Kopf zurückgeworfen, dass die Locken wie gelbe Schlänglein über dem Kissen lagen, und die Brust arbeitete mit tiefen Atemzügen ... So hatte Georg auch immer dagelegen – auch zuletzt noch – wie ein schöner junger Gigant, den Gottes Blitzstrahl auf den Schild niederwarf, einer, der um sein Leben kämpfte bis zuletzt. Und so hatte man ihn auch gelassen, in dieser lebendigen Gelöstheit, gefaltete Hände hätten nicht zu ihm gepasst und nicht zu seinem geheimnisherrlichen ferndeutenden Totenantlitz.

Frau Madeleine schrak zusammen. Ein paar übersteigerte Worte des deklamierenden Dichters drangen bis zu ihr heraus, von der Wucht einer dröhnenden und künstlich nachschlotternden Stimme getragen. Wieder fühlte sie den süsslichen Schmerz in der Schläfe, und dann rannte sie plötzlich, wie aufgescheucht und verjagt, durch die Gärten hinunter, über Wege und Trepplein bis dorthin, wo die neuen Anlagen in eine stille Wiese mündeten.

Auf dem Mäuerchen, das diese vom tief duftenden Gemüsegarten trennte, kauerte sie sich nieder, glücklich wie ein geborgenes Kind, und drückte sich eng an den Stamm des alten Apfelbaumes, der sich gütig und breit über die Mauer lehnte. Seine niedern Äste hielten sie wie mit Armen, dass sie sich gestützt und wie getragen fühlte und mit wohliger Hingabe der Musik ihres Herzens lauschen konnte, das, vom ungewohnten Lauf gepeitscht, heisse Wellen durch den zitternden Körper jagte.

Sie lachte leise vor sich hin: das war das wilde Herz, das den Ärzten soviel Kummer machte, und doch, war es bei allem Bangen und Weh nicht etwas Köstliches, diese fremde Macht in sich zu fühlen, als ob man die eigene Seele spürte, wie sie, ein wundersamer gefangener Vogel, mit gewaltigen Flügeln den engen Käfig sprengen wollte? Und süss dieses Zittern, der eigene Körper wie durchrauscht vom nahen Wunder der Geburt der Seele.

Sie sah mit verflorten Augen um sich. Die Welt hier war einsam und heilig, wie bereitet für das Wunder. Mit zarten Schleiern und durchsichtigen Schatten hing das Mondlicht über der glatten Wiese. Die Stadt war hinter dem nähergerückten Wäldchen verschwunden. Nun stand dieses allein da und ganz nahe vor dem scheinenden Himmel, und die freien Wipfel schimmerten und erbebten unter der sanften Liebkosung der silbernen Hand. Es war dasselbe feine Zittern in den Bäumen, das Frau Madeleine am eigenen Körper fühlte, und sie meinte, dass auch jene vom Schlag ihres heissen Herzens bewegt würden, und fühlte, wie sie ein wunderbarer Strom mit dieser ganzen kleinen Welt verband.

Als der Schauer vorüber war und die Gipfel unbewegt und rein wie kostbarer Filigran vor der lautern Tiefe standen, war auch in ihr die Stille eingekehrt und ein seltenes Gefühl, als ob etwas in ihr durchsichtig geworden wäre und weit wie der Himmel. Und in diesem Gefühl lag es wie letzte Sehnsucht und die Ahnung des nahen Glückes.

Sie lehnte sich inniger in die rauhen Arme des Baumes und schloss die Lider und wartete in süsser Bangnis, bis vor diesen geschlossenen Augen langsam das Bild ihres toten Bruders erstand und bis er jene ergreifende Klarheit erreicht hatte, die nur das innere Auge erträgt.

Er stand in einiger Entfernung von ihr, und sie sah seine grüssenden Hände frei bewegt, und doch fühlte sie zugleich seine sichere Hand an der ihren und hörte den warmen und hellen Laut seiner Stimme, die ihren Namen nannte, so nahe, als ob er sie in Armen hielt.

Und ihre Stimme klang in die seine: »Endlich ... Ich habe so lange gewartet.«

Seine Augen beleuchteten das klare Gesicht mit tiefem Glanz: »Immer war ich doch da, Schwesterlein, du sahst mich nur nicht. Ihr solltet nicht an uns denken, ihr solltet spüren, dass wir in euch sind, dann wüsstet ihr, dass es keine Trennung gibt.«

Sie staunte mit geschlossenen Augen in sein durchleuchtetes Gesicht: »Wie bist du hell, nichts auf der Welt ist so heiter wie du.«

Er lächelte, und die gelben Haare schimmerten weithin: »Die Lebendigen sind immer heiter, denn Heiterkeit ist der Sinn des Lebens, wie des Tages Sinn das Licht. Alles Dunkel ist Tod, und das Dunkle verhüllt die Seelen, solange ihr wandelt. Deshalb seht ihr uns nicht, Madeleine, die verdunkelten Seelen werden blind.«

Sie nickte still vor sich hin: »Das Dunkle, woher kommt uns das Dunkle?«

»Von dort, wo die Klugheit sitzt, das gewisse Wissen und der rechnende Wille. Sie trennen euch vom Licht.«

»Ich bin so unklug, so ungewiss, so willensarm, und dennoch ist das Dunkle über mich gekommen.«

Seine starke Hand wurde zärtlich wie eine Liebkosung: »Gehörtest du zu den Klugen, Schwe­sterlein, du hättest mich auch jetzt nicht gefunden, und hättest du den bedachten Willen, so sässest du nun dort oben bei den Gesellten, aber du bist Mutter. Mütter wollen ihren Kindern Schicksal sein. Wer anderer Schicksal sein will, wer seine eigene Weisheit über anderes Leben stellen will, der geht der göttlichen Weisheit verlustig und löscht das Licht in der eigenen Brust. Und gar die Kinder, die brauchen keine menschliche Schicksalsweisheit, sie sind Schicksal, denn sie leben – die einzigen Lebendigen unter den Wandelnden, die einzigen Heitern, die einzigen Allgegenwärtigen. Als wir noch klein waren, so klein, dass Kleider uns nicht unterschieden, weisst du noch? Wir waren nicht ich und du, waren die Kiesel, die im Bache glänzten, und dessen helle Wellen und waren das feine Gespinst der Silberweide und das Wölklein über dem Wald und der Vogel im Blau, waren weit und reich wie die Welt und des heitern Lachens so voll wie die ewige Weisheit – solange uns die Klugheit der Grossen nicht traf und die Ängstlichkeit, die daran hängt und ist wie Schwefeldunst über den Blumen des Lebens.«

»Die Kinder« – Frau Madeleine zitterte, aber durch ihren innern Jubel ging noch ein Zagen – »sind sie uns nicht anvertraut, dass wir sie leiten?«

Das Lachen seiner Augen wurde fein und seltsam: »So meint es eure Selbstgewissheit, die nicht weiss, dass ihr es seid, die jenen anvertraut werden, auf kurze. Strecke, dass sie euch den rechten Weg weisen.«

Sie fühlte, wie etwas in ihr sich löste und sich warm und ganz der Freude aufschloss: »O, das möchte ich wohl, mich ihnen anvertrauen, ihren Wegen folgen und ihrer Hand! Vorher, wann wir sie noch in uns haben und ihr kleiner Herzschlag unser Wesen meistert, wie ist da alles klar und rein und urverwandt und aller Bangnis bar – und wohl auch nachher noch, solange wir ihnen ganz angehören und nichts zwischen uns steht und wir eins sind und die Welt in uns eins. Aber dann kommt das andere: Angst und Besorgnis und Eitelkeit und die Forderung der Welt. Erziehung. Das Wort ist schlimm und gewaltsam wie Stecken und Seil. Kinder sind doch nicht Spalierbäumchen oder Schlingpflanzen, dass man sie ziehen müsste. Ach, dass man das göttlich Gewollte könnte gedeihen lassen! Erziehen heisst doch immer etwas anderes daraus machen, und das andere zwingt und zerstört, und auf einmal ist das Trennende da, und die Einheit zerbricht.«

Ihre geschlossenen Augen hingen an seinem Antlitz, dessen Glanz in einer grossen Innigkeit schmolz: »Das Trennende ist euer Werk, die Geburt eurer angstgeschaffenen Blindheit. Als ich meinen Weg schloss, wie sankst du in Dunkelheit und fühltest nicht, dass ich aus deinen Augen gegangen war, um ganz in deiner Seele zu sein. Es gibt kein Trennendes, wie es keine Finsternis gibt. Nur das Gemeinsame ist, nur das Licht. Wo sie fehlten, wäre das Nichts, aber sie fehlen nirgends, ein letzter Lichtschimmer lebt auch im tiefsten Dunkel. Und wenn wir Stein und Wolke sind und Tier und Gras – was könnte Kind und Mutter trennen? Mutter werden heisst ja, den Sinn der Gemeinschaft enthüllen – Mutter sein, die Einheit leben, denn Einheit ist Hingabe, Hingabe und Liebe sind eins, und sie allein sind Erkenntnis. Nicht Seelen erziehen, nicht göttlich Ewiges nach menschlich kurzen Gedanken modeln sollt ihr, sondern Seelen erkennen. Ihr Gefängnis ist so durchsichtig: das feine Spiel der Mundwinkel, die belebte Zartheit der Schläfen verraten dir mehr von der Seele deines Kindes als alle Erzieherweisheit. Erkenne sie, glaube an sie und gib der Beschwingten ihre Freiheit. Drückt sie nicht nieder mit eurem beschwerten Ernst, lasst ihr die beiden hellen Flügel, den gläubigen Leichtsinn und das befreite Lachen.«

»Das Lachen ...« – Frau Madeleine fühlte seine strahlende Erscheinung durch ihr ganzes Wesen hin – »dein Lachen, Bruder, das war mir wohl das Liebste im Leben, so ganz erlöst klang es, so säulenschlank, und sprang in den Himmel hinein und öffnete ihn, dass man den ewigen Glanz spürte. Als es mir verstummt war und ich glaubte, es fürder nicht mehr zu hören, meinte ich, nimmer leben zu können, aber ich habe es wieder gehört! Mein grosser Knabe, als ich mit ihm viele Wochen im Krankenzimmer weilte – die überstandene Gefahr hatte mich so froh gemacht und ihn schier wunderbar, und wir waren allein und aufeinander gewiesen, dass ich aller Erzieherklugheit vergass und ward wie er, zwei Kinder – da hat er plötzlich dieses Lachen gefunden, dein Lachen, hat es gefunden, weil ich in ihm untertauchte und wieder eins war mit ihm. Seither wusste ich, dass wir nicht als Erzieher über sie gesetzt wurden, dass wir einander zu Erlösern gegeben sind. In diesem Lachen hat seine Seele ihre Stimme gefunden und meine Trauer ihr Ziel. Ich wusste nun, dass du lebst – in ihm, in mir, aller tiefsten Liebe Keim und Kern. Und da war auch der Glaube an das Wiedersehen.« »Glaube« – sein Antlitz wurde fern und herrlich, und in den Augen leuchtete es vertraut und unendlich wie die Geheimnisse der Sternennacht – »Glaube ist das Wissen um die göttliche Weisheit, ist Erkenntnis der ewigen Liebe, und allein die Liebe ist sehend, und Liebe allein ist Kraft. Wo wir geliebt werden, leben wir und leben nur dort wirklich. Alles andere Leben ist Schein, ist wie der Hauch am Fensterglas: er hemmt den Ausblick und lügt Grenzen, aber jeder warme Strahl kann ihn zerstreuen.«

»Da, wo wir geliebt werden und – wo wir lieben.« Frau Madeleine legte den Kopf zurück und lächelte: »Meine Liebe, sie ist wie ein Dom gewaltig und hoch, dass sie euch alle umschliesst, und wie ein Dom heilig und tief, aber dein Lachen, euer Lachen, das ist mir Orgelspiel und Weihrauch und das ewige Licht in meinem Dom. Ach, und meine Liebe ist ewig wie das Herz der Welt, und ewig könnt ihr nicht vergehen.« Sie fühlte, wie das grosse Glück sie durchdrang und über sie hinauswuchs, weltenfüllend. Ihre Seele hing in den Wundern seiner Augen, und in der Seligkeit der Anschauung starben die Worte. Aber sein Antlitz war der Spiegel der Welt ...

Auch nachher, als sie die betauten Lider öffnete, wich das Wunder nicht, und alle Schönheit, die die Mondnacht enthüllte, grüsste sie mit den Augen des Bruders.

 

* * *

 

Als Frau Madeleine später im Garten suchende Schritte vernahm, erhob sie sich und ging ihrem Gatten entgegen. Er legte seinen Arm um ihre nachtfeuchten Schultern und blickte ihr besorgt in die schimmernden Augen: »Du warst bei deinen Toten? Nun hole ich dich zurück zu den Lebendigen.«

Sie wehrte leise: »Bei den Lebendigen war ich, du aber willst mich den Ablebenden ausliefern.«

Er presste ihre durchbebten Finger: »Du bist so voller Leben, Madeleine, einem Stein würdest du eine Seele geben können.«

Da ging durch ihre Augen ein feines, überlegenes Lächeln und war doch ganz Innigkeit: »So voller Leben, dass ich immer in dir leben werde, immer.«

Auf kleinen Umwegen stiegen sie langsam zwischen den Beeten hinauf, von den schweren Düften herbstlicher Reife ganz umhüllt.

Droben in der Villa wurde Musik laut. Er schüttelte unwillig den Kopf: »Mozart, so spielen sie ihn immer, so vergnügt, so wiesenbächleinmässig, und fühlen nicht seinen heiligen Schmerz und das tiefe Weh der Vergänglichkeit, das darin brennt und das so ganz anders ans Herz greift als die Verzweiflungsschreie der Neuen.«

Sie nickte still: »Und fühlen nicht die wundersame Heiterkeit, die in diesem Weh liegt, als ob er zu uns sagte: AH die Schönheit geht dahin, geht dahin, aber ihr flüchtiger Kuss gibt deiner Seele Ewigkeit. Unsterbliche, freue dich!«

Als sie die Terrasse erreichten, schwieg die Musik. Eine Reihe Lampions leuchtete auf, violett und orange, in strenger Ordnung, die dekorative Absicht war offenbar.

Sie sahen sich überrascht an: »Mozart als Ouverture zur Lampiontour? Nun werden sie gleich ausbrechen!«

Und plötzlich fassten sie sich bei den Händen und liefen, rasch entschlossen und leise lachend, um das Haus herum nach dem hintern Eingang.

Die Aufwartefrau war vernünftig. Mit befriedigtem Nicken liess sie die Hand in die Tasche gleiten und holte dann die Mäntel herbei. Sie verstand, dass die Herrschaften durch ihren verfrühten Aufbruch das Fest nicht stören wollten, und versprach, es nachher der Hausfrau zu erklären. Aber, dass sie das Auto verschmähten und zu Fuss den weiten Weg machen wollten, das verstand sie nicht. Schliesslich waren das doch keine Liebesleute mehr, und ein Auto hatten die nicht alle Tage.

Und wie sie das Paar engverbunden, heimlich und fast hastig den kleinen Weg hinuntersteigen und mählich in der milchigen Luft verfliessen sah, schüttelte sie bedenklich den guten Kopf: Herrje, das waren schon nimmer Sommerdünste, was da um den Berg strich, das waren bereits Herbstnebel, und denen sollte man sich nicht aussetzen, wenn man um die Augen her eine so zarte Gegend hatte wie diese Frau. Nicht umsonst nannten sie die Septembernebel Kirchhofstau.