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Maria Waser – Unter dem Quittenbaum

Erzählung

aus: Maria Waser, Scala Santa, Rascher & Co. Verlag, Zürich, 1918, S. 9-50

Regine legte das weiche warme Bündel in den Wagen zurück und zog behutsam den Vorhang, denn die zarten, noch durchscheinenden Blätter des Quittenbaumes vermochten die helle Sonne nur wenig zu dämpfen. Ganz satt vom Trinken, still und unbeweglich lag das kleine Wesen da, mit rundgeöffnetem Mäulchen, an dem noch ein gelbliches Milchtröpflein hing, nur die roten Fingerchen spreizten sich sachte und wohlig auseinander, als ob auch sie den warmen Strom in sich fühlten. Süss und voll das ganze Menschlein, wie eine reife Frucht, die vom Baume fiel und nun hilflos im weichen Grase liegt.

Regine beugte sich über den Wagen und schob ihn mit sorgfältigen Händen ein paarmal hin und her, sodass er auf den hochgespannten Federn leise schaukelte. Das war nun zwar eigentlich nicht erlaubt, dieses Schaukeln, die weise Frau hatte es strengstens verboten, es sei nicht erzieherisch. Ach, was doch alles nicht erzieherisch sein sollte, und gerade das, was das Köstlichste war und wonach man solches Verlangen hatte! Auch herumtragen sollte man sein eigenes Kind nicht. Du himmlische Güte, wozu hatte man denn seine beiden Arme, wenn nicht, um solch liebes Geschöpflein darein zu betten, warm und lind, und dann mit ihm leise auf und ab zu wandeln und dabei den süssen Duft einzuatmen, der von den Flaumhärchen herkam, beseligend, wie von Weihnachtskerzen und reifem Korn, und sich immerzu mit dem Takt der leisen Füsse zu sagen: »Das ist nun dein und gehört dir für immer ... für immer.«

Und nun hatten sich die kleinen Augen geschlossen, nachdem sie eine Zeitlang mit seltsam vagem Blick irgend etwas angestarrt hatten, das nicht da war. Regine stellte das Schaukeln ein und liess sich dicht neben dem Wagen auf der braunen Bank unter dem Quittenbaum nieder. Es war köstlich, so dazusitzen, den Kopf an den kühlen glatten Stamm gelehnt, und zu wissen, dass nun niemand kommen würde, um einen zu stören, und dass man so hindämmern konnte und denken, was man wollte, oder auch gar nichts denken, bloss glücklich sein und den rosigweissen Blütenblättern zusehen, die langsam durch die Luft schwammen wie winzige Gondeln, sich leise drehten und dann zuletzt sich irgendwo hinsetzten: auf den Sternenteppich der weissen Massliebchen in der kleinen Wiese gerade vor der Bank oder auf die braunen Wege, wo sie besonders zart und durchsichtig aussahen, wie feinste Porzellanschälchen, oder gar auf Bubis himmelblaue Decke. Ach ja, dahin hätten sie eigentlich alle fliegen sollen, dass er ganz unter Blüten wäre, wenn er erwachte, und dann hätte er vielleicht gelacht – wer weiss! In fünf Tagen wurde er zwar erst fünf Wochen alt, und vor sechs Wochen dürfen Kinder nicht lachen, sagt die weise Frau, aber der ist auch nicht in allem zu trauen. Und – überhaupt – dass man plötzlich auf andere hören soll und ihnen glauben und gerade in dem, was einem am nächsten liegt und das man doch am besten selbst wissen muss, weil man es fühlt!

Die Sonne legt ein weisses Band über ihre beiden Hände, die still und müde im Schoss liegen. Sie muss lächeln, wie weiss sie aussehen, wie zart mit den hellblauen Adern und den durchsichtigen Nägeln, und waren doch vordem braun und fest. »Kleine tapfere Jungenhände« hatte er sie genannt damals – und dann hatte er sie geküsst, fast scheu und doch so innig – o, wie sie zitterten, die tapferen Hände – und da hatte es eigentlich begonnen, das Grosse, das ihr Leben anders gemacht hat, still und nach innen gekehrt und so reich.

Auch ihr Gesicht ist nun anders als damals, blasser und magerer und mit dunkeln Schatten unter den Augen. Und die Haare – das ist auch nicht mehr dasselbe, nicht mehr die festen Flechten, fast zu schwer für den dünnen Hals. Nein, nun sind sie eigentlich recht bescheiden geworden, beinahe spärlich, und sie hört eine Bekannte sagen, so mit einem befriedigten Mitleid um den scharfen Mund: »Schade um die hübsche Frau, die wird sich nicht mehr erholen, die ist gründlich ruiniert.« Und nun muss sie wieder lächeln. Die Menschen, wie komisch sie sind, quälen einen mit ihrem Neid, oft, wenn man innerlich am tiefsten leidet, nur weil vielleicht äusserlich etwas an einem haften geblieben ist, was glänzt, ein wenig Gold oder ein wenig Ruhm, und wo einer einmal ganz glücklich ist, da kommen sie mit ihrem Erbarmen. Weshalb sie beklagen? Bedauert man einen Baum, dass er Blüten verliert, wenn man Früchte reifen sieht?

Ein Brief von Vivien fällt ihr ein, der seit dem Morgen ungelesen in ihrer Tasche liegt. Sie zieht ihn hervor. Grosse, klare Schriftzüge, elastisch, herb und kühl. Sie muss an das Zimmer denken, dort weit im Süden, das so kühl ist und klar mit den weissen Wänden und dem weissen Kamin und das keine andere Farbe duldet als nur dies eigentümliche Grün, fein und schmelzend wie eine Maiwiese, auf die ein Reif gefallen ist: grün die strenglinigen Möbel, grün gebunden die vielen, vielen Bücher mit den weissen Schildchen am Rücken und grün der Myrtenstrauss vor dem weissen Kopf der Demeter, aber ohne seine süssen Strahlenblütchen, sondern mit den kleinen schwarzen Beeren, denn es ist Winter, und im Kamin flackern Lorbeer und Oliven. Und am Schreibtisch die Herrin in diesem kühlen Reiche, im schwerfallenden grünen Kleide, die Feder geht mit leisem Knistern über das rauhe Papier, das sich rasch mit diesen Lettern füllt, die so schlank sind, so sehnig und so entschieden wie die Hand, unter der sie hervorspriessen ... Regine öffnet den Umschlag und liest:

»...Da hast du also deinen Jungen, und das freut mich. Und natürlich ist er ein Prachtskerl, wie wäre es anders möglich! Aber nun, ums Himmelswillen, Liebste, stilisiere dich nicht etwa auf die Madonna hinaus – ipsum quem genuit etc. – Das wäre entsetzlich und stünde dir gar nicht. Du mit deinem klaren Kopf und dem scharfen Blick und nun so mütterlich hingegeben, sanftmütig und pathetisch und selbstlos – nicht zum Aushalten wäre es, eine Geschmacklosigkeit, die ich dir übrigens gar nicht zutraute, wenn da nicht bisweilen so etwas in deinen Augen wäre, und dann deine letzten Briefe ... Kurz, ich beschwöre dich, um alles werde mir kein so mütterliches Opferlamm, es passt wirklich nicht zu dir, und schliesslich kommt dabei doch nichts anderes heraus als ein verzogenes Muttersöhnchen und eine heruntergekommene Mama. Du aber sollst nicht herunterkommen, hörst du! Du weisst, was wir von dir erwarten, du darfst dich deinen grossen Aufgaben nicht entziehen. Also, nimm eine Nurse, und zwar so schnell wie möglich – damit kann man nie früh genug anfangen, und das gibt immer die vernünftigste Erziehung und die besten Kinder: anständig, bescheiden, rücksichtsvoll, ohne übertriebene Ansprüche an die Eltern und vor allem – ohne Sentimentalität, dieses geschmackloseste Laster der Deutschen ...«

Regine lässt den Brief in die Tasche zurückgleiten. »Da hast du also deinen Jungen!« Wie sie das schrieb, als ob es hiesse: »Da hast du also dein Buch fertig!« Oder nein, das würde sie doch ganz anders sagen, viel jubelnder, viel wärmer. – Ja, wusste sie denn nicht? ...Aber es fällt ihr ein, hat sie selbst nicht einmal ähnlich gesprochen? Ja, einmal – vielleicht – aber das liegt so weit zurück, tausend Jahre und mehr. Es ist wie im Märchen, wo die eine Nacht bei den Feen hundert Menschenjahre zählt. Aber sie allein weiss, dass die hundert Jahre vorüber sind, die andern fühlen es nicht, denn sie allein weiss, was in jener Nacht vorgegangen ist und dass sie weit, weit weg gewesen, nicht bloss im

Feenreich, viel weiter noch, dort, wo alles Endliche am Ziel ist und wo die grossen Zusammenhänge geknüpft sind, sodass man sie ganz klar sieht, ganz verständlich und auf einmal weiss: so ist es, so durchaus anders, als man glaubte, so wichtig, was klein schien, und was man bedeutend meinte, so hinfällig. Vielleicht war sie tot und hatte zwischen Grauen und Wundern einen Blick in jene Welt getan, wo die Klarheit anhebt, und dann war der grosse Erbarmer gekommen und hatte sie wieder erweckt: »Deine Zeit ist noch nicht erfüllt« – und als sie zurückkam, da war alles anders, grösser und kleiner, aber neu und mit einem solchen satten Glanz.

Wenn man die letzten Dinge an sich gefühlt hat und die Grenze, wo Leben zu Tod wird und aus dem Tod das Leben kommt, da sieht man wohl alles anders, so wissend wird man da, so zeitlos. Oft meint sie, dass sie alt ist wie die Erde, die alles begreift, die spriessen lässt und blühen und sterben, alles mit demselben mütterlichen Lächeln , denn sie weiss, dass es keinen Anfang gibt und kein Ende und dass nichts ein Ziel hat als die Gedanken der Menschen, die so furchtbar kämpfen und doch immer wieder die Stirne anschlagen an der ersten harten Bretterwand und die immer im Kreise gehn und immer viel zu spät merken, dass das Neue, das sie gefunden, ganz alt ist und schon lange irgendwo in einer stillen Ecke mit blutiger Stirne lag. Die armen Menschengedanken! Und Vivien meint, ihnen sollte sie leben, und spricht von Opfern und von einer Nurse. Ja, nennt man das Opfer, wenn man seinem innersten Verlangen folgt? Und soll man einem fremden Menschen lassen, was das Leben reich macht und was man auskosten sollte jede volle Minute lang! Ueberhaupt, ein Wollen gab es da nicht mehr, man musste einfach dem Neuen folgen, das sich plötzlich und gebieterisch hervortat und das auf ganz andern Wegen ins Leben hineinführte.

Oft auch fühlt sie, dass sie gerade so klein ist wie das Kindchen da und dass sie mit ihm wieder vorne anfangen muss, ganz vorne.

Da ist nun das kleine Bettchen: vier winzige weisse Wände und vor den Blicken das Himmelblau der Decke und des Vorhangs. Darüber hinaus sieht das Kleine noch nicht. Aber ist nun ihre Welt etwa grösser als dies himmelblaue Nestlein? Weiss sie noch von einem Draussen, von sehnsüchtigen Wegen, die in die Ferne ziehn! Alles, was darüber hinausliegt, bedeutet es ihr mehr als Nebel und Schatten? Nebel und Schatten, man sieht sie vielleicht, aber man weiss nichts von ihnen, gerade wie die kleinen unsicheren Augen sie sehen, die nun so still unter den bläulichen Lidern liegen ...Wie winzig die braunen Wimperchen sind, und doch schon fest und sicher hingestellt, wie kleine handfeste Torwächterchen: »Es soll nur ein Stäubchen kommen, ein nichtsnutziges, ob wir es hereinlassen!« Und dann die Härchen: zuerst waren sie dunkel und ein wenig feucht, aber die weise Frau meinte, das wären nur so Paradehärchen, die blieben nicht, die richtigen kämen erst später, und dann hatte sie eine Schere genommen und ein Büschelchen weggeschnitten und mit einem Rosabändchen zusammengebunden, »als Andenken für die Mama«. Sie freilich hatte darüber Fieber bekommen, weil sie es nicht mitansehen konnte, wie man mit einer Schere an das Kleine ging. Man denke: eine harte, kalte Schere mit zwei grossen gemeinen Klingen und dieses Köpfchen mit dem weichen Flaum und dem Samthäutchen! – Aber nun wurden die Haare doch anders, und wenn man sie genau betrachtete, entdeckte man einen geheimen goldenen Glanz, der darüber kam.

O ja, goldige klare Härchen wird er bekommen, und zweifelt etwa jemand, ob es Locken geben wird ? Man sehe sich doch dieses Gesichtlein an, die lustige kleine Nase, so vergnügt mit ihren leise gewölbten Flügelchen, und das frische Mündchen, das sich so mutwillig büscheln kann, die kleinen, enganliegenden etwas spitzen Faunsöhrchen und gar die hohe Stirn mit dem zarten Flaum darauf, der über dem linken Auge einen kleinen Wirbel bildet – hat man je etwas so Drolliges gesehen? einen ganz kleinen silberfeinen Flaumwirbel auf der Stirn? – Das alles sehe man an und frage sich, wie nun Schnittlauchhaare dazu passen würden! Nein, so stillos konnte die Natur nicht sein. Natürlich wird er Löcklein bekommen, nicht so verkrauste Ringelchen, die an Schafe erinnern und an die Bärte gewisser rosenroter dicker Teutonen und weiss der Himmel an was noch und die eigentlich recht unappetitlich sind, nein, so feine Schimmerlöcklein, die wie ein Glorienscheinchen um den Kopf stehen, flimmerig und unbestimmt, wenn sie noch kurz, und die ganz weich und seidig werden, wenn sie länger sind. Aber zu lang dürfen sie nicht wachsen, denn niemals darf das schlanke Hälschen verdeckt werden und jene Linie, die vom Kopf zum Rücken führt und die so aufschlussreich ist, aufschlussreicher oft als Auge und Mund und das ganze menschliche Gesicht zusammen.

Wie haben Künstler diese Linie verstanden! Die schlanken, geschmeidigen Hälse alter ägyptischer Könige, so vornehm und grausam mit der kleinen tückischen Kerbe dort, wo der Kopf ansetzt. Oder der stolze, geschwungene Nacken der grossen Frau von Melos, kühl und doch süss und schwer wie eine reife Frucht am Sommerabend, und Botticellis zarte, sehnsüchtig vorgestreckte Engelshälschen, und Michelangelo mit seinen breiten, kurzgesetzten Nacken voll heisser, trotziger Kraft! Und der grosse moderne Künstler: hat nicht lange, bevor man die Sprache seiner Kunst verstand, sein Nacken eines pergamenischen Giganten verkündet, dass er einst siegen werde? – Aber die Menschen rings mit ihren nichtssagenden, langweiligen, mit den kaltherzig steilen, den heimtückisch eingezogenen und den gemein verschwemmten Hälsen, die waren freilich recht unerfreulich, und es war vielleicht eine taktvolle Mode, die den Herren die Köpfe auf enge weisse Röhren stellte – manches blieb einem da erspart. Aber bei ihrem Jungen wird der Nacken so sein, dass man darin lesen darf: etwas zu schlank vielleicht, aber stolz und vornehm, ein wenig zurückgeworfen und doch geschmeidig und so klar – ach, es wird eine Lust sein, darin zu lesen! Und wie die hellen lockigen Haare dazu passen! Komisch, dass man heute noch nichts von ihnen sieht als bloss diesen kleinen goldenen Schimmer über dem dunkeln Pelzchen, und sie weiss doch ganz bestimmt, wie sie sein werden, obschon die andern lachen, wenn sie von Locken spricht. Aber wie war es mit den Augen? Sie hatte ja auch immer gewusst, dass er braune Augen haben würde, nicht von dem stumpfen neidischen Braun, das nur einsaugt und nichts widerstrahlt, nein, von einem ganz hellen, strahlenden, schenkenden Goldbraun. Fra Angelico hat seinen Christkindchen solche Augen gemalt und seinen Engeln, allen dieselben gelbbraunen Sterne, die soviel Liebe ausstrahlen und soviel Innigkeit und die dabei doch immer etwas Rätselhaftes behalten, etwas Geheimnisvolles, denn das Letzte dürfen sie doch nicht verschenken von dem himmlischen Glanz, den sie geschaut haben. Solche Augen hatte sie erwartet von ihrem Kind, und als sie dann das Neugeborene aus dunkelblauen Sternen anblickte, hatte sie bloss gelacht: »Willst mir etwas vormachen, kleiner Schelm! und hatte dann ruhig gewartet, bis der goldene Schimmer hervortrat, erst schüchtern und nur ihr bemerkbar und dann immer deutlicher, dass auch die andern es sehen konnten. Und heute war nur mehr ein letztes blaues Schleierchen über dem Goldgrund, gerade wie bei jenen Seifenblasen, den allerfeinsten, leichtesten, die zuletzt dem Pfeifchen entsteigen, wenn der Schaum schon zu Ende geht, und die zuerst himmelblau und goldig ihren rotgrünen und violettroten Kameraden folgen und sich zuletzt in ein goldenes Nebelchen auflösen.

Ja, solche Goldaugen! Und wenn sie erst einmal lachen – wie zwei Sonnen wird es sein, die nicht mehr untergehn, Tag und Nacht nicht, und was kann das Leben dann noch Schlimmes haben, solange die scheinen?

Wenn er aber erst einmal lacht, dann hat es schon ein Ende mit der kleinen himmelblauen Welt, und die Fäden mit der grossen spinnen sich an. Die ist nun schon so weit wie der ganze Platz hier unter dem Quittenbaum und ist auch von einer blauen Decke überspannt ganz zu oberst. Aber da kommt noch soviel Neues dazu: das wundervolle Grün, hell und dunkel leuchtend, wie man es will, immer neu und immer bewegt – denn da ist stets ein kleiner Wind, der durch die Blätter kichert – und dann das Weisse und Rosenrote über den dunkeln glatten Ästen ... Es ist nicht auszudenken und ist doch erst der Anfang, denn dann kommt immer Neues und immer mehr mit jedem Tag, und die Farben nehmen Formen an, so eigentümliche, runde und feste, die man mit den dicken Händchen greifen kann, oder auch weich und seidig oder hart, dass es ein wenig weh tut. Und eines Tages, da lässt man das blaue Nestchen überhaupt ganz zurück, irgendwo in einer Ecke des Hauses, denn nun geht man. Ist es zu begreifen, solche dicke, rosenrote Kisschen mit den kleinen eingesteckten Fleischklötzchen, und nun darauf schreiten wie auf richtigen Füssen ? Aber es geht doch. Zuerst noch etwas schwankend, dann immer sicherer, und nun kommt das grosse, grosse Leben.

Wer hat das je geahnt, was so ein Garten alles umfasst? Vielleicht sie oder Vivien oder irgend jemand von den grossen, klugen Leuten mit den Gedankenringen im Kopf? Er ist ja unglaublich gross, dieser Garten: vom Quittenbaum zum Ahornplätzchen und dann querüber zu den grossen Tannen – vier sind es und stellen eigentlich schon einen kleinen Wald dar – und dann weiter zu dem Kiesplatz vor dem Haus, wo die fremden Pflanzen stehn in Kübeln, schön nebeneinander, die immer etwas mürrisch aussehen und kränklich, aber doch vornehm. Und dann kommt erst der Hauptweg mit dem vielen Flieder und dem vielen Farnkraut, der so lang ist, dass winzig klein scheint, was am Ende steht, und zuletzt, wenn man an den hundert Farnbüschen vorübergegangen ist, kommt man zu einem grossen Kastanienbaum mit den langen hellroten Kerzen, die fremdartig zwischen den gewaltigen grünen Händen hervorschauen und deren höchste Blütchen das Blau des Himmels sehnsüchtig in ihre zarten Kelche hineinziehn. Unter dem Kastanienbaum ist ein richtiger kleiner Berg, man muss ganz steil hinaufgehen und zwischen Ästen durchschlüpfen, die einem die Löcklein zupfen, und wenn man oben ankommt, auf einem grossen runden Platz, ist es fast dunkel von den vielen Bäumen, und man fürchtet sich ein wenig. Aber dann geht's wieder hinunter, wieder querüber, und dann kommt man zu den breiten Gemüsebeeten, die gemütlich an der Sonne liegen, mit lustigen Weglein dazwischen, auf denen es so schwer zu gehen ist, weil die Füsschen immer links und rechts in die schönen grünen Büschel hineinfallen wollen, was sie aber gar nicht dürfen. Und dann erst noch der braune Weg, der so mutwillig herumgeht, hin und her, und ganz zuletzt zum Quittenbaum zurückführt. Aber da muss man sich schnell setzen, denn man ist furchtbar müde von dem langen Weg und von den vielen Dingen, die man gesehen und den vielen, die man nicht gesehen hat. Ach, einen ganzen langen Sommer kann man sich da müde laufen, und dann kennt man erst noch nicht alles. Denn da ist so viel, nicht nur die tausend Blumen, die jede Woche ändern, dass man nicht nachkommt mit Beschauen: erst die Schneeglöckchen, ängstlich und immer etwas verfroren, dann die Primeln mit den runden Mäulchen und die Stiefmütterchen, so komisch mit den vielen Gesichtchen, erstaunt und verschmitzt und ernsthaft und übermütig, jedes wieder anders. Und die lieben Massliebchen, von denen man pflücken kann, soviel man will – denn es gibt immer wieder neue – die am Morgen wie kleine hellrote Kügelchen aussehen, wenn noch der Tau dran hängt und blitzt, weil die Sonne ganz schräg hereinscheint, und die am Nachmittag schöne weisse Sterne werden. Und die hellblauen Graslilien, wie schnell sie wachsen! Heute sieht man die ersten grünen Speere aus dem Boden dringen und übermorgen – oder ein wenig später? – sind schon die blauen Blumen da zwischen den schmalen Blättern auf den hohen dünnen Stengeln, und man weiss nicht, wie es zugegangen ist. Und dann all die Blumen, die auf den Bäumen wachsen und die man nie recht sieht, weil sie zu hoch oben stehen. Bloss riechen kann man sie und die Blätter zusammenlesen, wenn sie herunterrieseln. Aber die Rosenblätter, die sammelt man und stellt sie in einem Fläschchen an die Sonne mit wenig Wasser. O, dann gibt es einen feinen Duft!

So viele Blumen, und doch ist das lange nicht alles. Es gibt da anderes, was eigentlich noch interessanter ist. Habt ihr die Steine einmal recht angeschaut auf den Kieswegen? Ihr meint, sie seien grau oder weiss oder gar alle gleich? Wie schlecht habt ihr geschaut, sonst hättet ihr gesehen, dass keiner gleich ist wie der andere! Da gibt es die dunkelroten mit einem kleinen matten Glanz und die gelben, heiter und rund wie Maiskörner, und die grauen mit dem weissen Band oder gar einem Kreuz und schwarze und violette und grünliche und ganz weisse und fast blaue und alle wieder mit andern Formen und jeder anders anzufühlen: warm und glatt die roten und kalt und rauh die grauen, aber die weissen so fein, fast wie etwas Seidiges. Das Allerschönste jedoch sind die Tiere. Die Schnecken zum Beispiel, die sind so schlau: im Herbst legen sie sich ruhig schlafen, ein wenig unter der Erde, zwischen modrigem Laub und Wurzelwerk, gerade dorthin, wo die junge Keimkraft liegt, und kommt nun der Frühling und fängt es zu spriessen an, so lassen sie sich einfach herauftragen durch die jungen Schosse, und eines Tages sind sie da, alle oben zwischen den zarten zusammengerollten Blättchen der Primeln und Farnkräuter, und wenn sie erst einmal die Hörnchen herausstrecken und sich die Augen putzen, ei, da ist ja der Tisch schon aufs herrlichste gedeckt mit all dem jungen Grün. Die grossen Rebschnecken freilich, die lässt man eher liegen, man hat mehr Respekt für sie als Liebe, denn sie sind zwar tapfere Kerle, gesinnungstüchtig und voller Würde, aber sie sehen immer etwas verwahrlost aus, wie staubig, mit zerbrochenen und schlecht geflickten Häuschen. Aber die kleinen sind hübsch, besonders wenn man jedes für sich nimmt: da sind die dunkeln mit den gesprenkelten Häuschen und den schwarzen Leibern, elegant und schlank wie abessinische Prinzchen, und dann die gemütlichen gelben mit den gestreiften Häuschen, bei denen man immer an den guten Onkel Fritz denken muss mit dem gelben Bart und den Raye-Hosen – und dann die ganz hellen, ein wenig langweilig wie die blonde Weissnäherin, die immer gähnt, wenn sie Hunger hat, und immer Hunger hat, wenn sie gähnt. Die allerschönsten aber sind die mit den rosenroten Häuschen, man darf sie fast nicht anrühren, so dünn und durchsichtig sind ihre Schalen. Und alle lassen sie so herrlich glänzende Strassen hinter sich, wenn sie sich fortbewegen, oft silbern, oft schimmernd wie Seifenblasen. Man muss nur nicht zu viele zusammennehmen, sonst hängen sie sich aneinander, und dann gibt es keine silbernen Strassen mehr, sondern so einen schleimigen Knäuel, und das sieht gemein aus und macht keine Freude mehr. Es ist gerade wie bei den Menschen: einer, ja – auch zwei, vielleicht auch drei noch, aber dann wird's immer unerfreulicher, und wenn's erst ganz viele sind – o du lieber Himmel!

Aber die Münzenkäferchen, von denen kann man nie genug bekommen, sie sind so wunderschön, wie kleine leuchtende Edelsteine, und keins wie das andere: das eine rötlich und violett das nächste und wieder eins dunkelblau oder gar hellgrün, aber alle mit einem Goldton, und wenn man nun recht viel zusammen hat, gibt es solch ein Funkeln und Leuchten, wie in König Laurins Zaubergarten, wo in jeder ungetrübten Vollmondnacht tausend Edelsteine aus dem Boden spriessen.

Und die Marienkäferchen, von denen man nie weiss, welche einem am besten gefallen, ob die geheimnisvollen schwarzen mit den roten Pünktchen oder die fröhlichen roten mit schwarzen Äuglein. Aber wenn man eins in den Himmel schicken will, so von der äussersten Fingerspitze aus: »Marienkäferchen, flieg auf und sag dem lieben Gott, dass er morgen schön Wetter macht!«, da wählt man doch immer ein rotes. Denn den andern traut man nicht recht, die könnten schliesslich auch ganz

wo anders hin fliegen als in den Himmel und ganz was anderes bestellen als Sonnenschein. Das Allerherzigste aber sind vielleicht die Mooshummelchen, die gelb und rund wie goldene Seidenflöckchen durch die Luft wirbeln. Hinten im Garten unter dem Feuerbusch haben sie hundert kleine Löcher in den Boden gemacht, und da fliegen sie nun unablässig ein und aus, mit gelben Höschen hin und mit schwarzen Stiefelchen zurück. Man könnte ihnen stundenlang zusehen und sich dabei denken, wie wunderbar es wohl aussieht in der dunkeln Stadt da unten mit den vielen, vielen Türen, den vielen Wohnungen und Honigkammern. Oft hat man auch Lust, ein Rütlein in die Löcher zu stecken, ein wenig aufzugraben und selbst nachzusehn. Aber man tut es doch nicht, denn es wäre zu traurig, wenn dann alles zusammenfiele und die Türen verschüttet wären. Und wenn dann abends so ein fleissiges Hummelchen müd und honigschwer heimkehrte, ach, da müsste es draussen bleiben und vielleicht erfrieren in der taukalten Nacht. Nein, so etwas könnte man nicht tun. Einem Spinnlein sein Netz zerreissen und die eben gefangene Fliege wieder loslassen oder ein Käferchen auf den Rücken legen, besonders wenn's eins von den schwarzen schmalen ist, die sich dann immer so geschickt in die Luft schnellen, um wieder auf die Füsse zu kommen, das schon eher. Oder vielleicht sogar – einen Regenwurm mitten durchschneiden, wenn es ein besonders langer ist und man gerade die kleine scharfe Haue zur Hand hat, mit der man sein Gärtchen umgräbt, denn dann gibt es auf ein^ mal zwei Würmer, zwei schöne glänzende Regenwürmer, die sich abwechselnd dick und dünn machen und so behende durch die dunkeln Erdkrumen schiessen, jeder nach einer andern Seite, durchaus vergnügt, als ob die beiden Wurmenden schon lange auf diese Lösung drückend gewordener Bande geharrt hätten. So merkwürdig sind die Würmer, aber schöner doch die Raupen mit den Plüschmänteln und schillernden Seidenwämsern und den grossartigen Bürstchen und Quasten auf dem Rücken. Eines Tages gehen sie hin und hängen sich auf, und dann werden sie starr und bekommen ein sonderbares Gesicht wie Totenköpfe, aber man weiss ganz gut, dass sie nur dergleichen tun und dass hinter der Larve etwas sehr Wunderbares vorgeht. Und man mag es fast nicht erwarten, bis die Puppe aufspringt und der Sommervogel herauskommt. Wie wird er wohl sein? Dunkelbraun mit einem samtnen roten Band oder weiss, ganz weiss und gross mit herrlichen purpurnen Augen? Oder seidenblau mit einem Silberflaum oder perlmutterfarben? Man wartet und wartet, und schliesslich kommt wohl nur ein ganz gewöhnlicher Kohlweissling heraus. Aber wenn man sieht, wie er auf einmal da ist und wie er nun die feinen zerknitterten Flügelchen erst an der Sonne sich entfalten lässt, sie dann langsam, langsam bewegt, als ob er atmen würde damit, und dann zuletzt seidenglänzend und weiss durch die Luft schwimmt wie ein Blütenblatt: da meint man, dass der Kohlweissling vielleicht der allerschönste sei von allen.

So unermesslich reich ist ein Garten, und mit der Zeit wird er immer noch reicher, denn dann füllt er sich mit all den Erlebnissen. Da ist z. B. die Ecke unter dem Ahornbaum. Was bedeutet sie heute mehr als ein lieber kleiner Winkel voller grüner Schatten? Aber eines Tages wird aus dem Nestchen dort oben am äussersten Giebel ein kleines nacktes Vögelchen herausfallen, gerade auf das harte Pflaster vor dem Haus, und dort wird man es finden, platt ausgestreut und tot, noch ein wenig warm das rosenrote Körperchen mit den blauen Stacheln an den Flügeln und den blauen Kügelchen der blinden Augen links und rechts vom gelben Schnabel. Und da wird man wissen, dass es auch traurige Sachen gibt auf der Welt, und wird sehen, wie die alten Vögel flattern und schreien und ganz verzweifelt tun. Dann nimmt man das arme Tödlein mit behutsamen Händen, und drinnen holt man ein Schächtelchen, eine braune Kakaobüchse, die feierlich und ernsthaft aussieht, die füttert man mit den weissen Blättern der Quitten wie ein winziges Bettlein, und mitten hinein legt man das arme tote Vögelchen. Und dann macht man ihm ein Grab, nicht nur so ein unordentliches Loch, sondern mit Haue und Rechen ein schönes, sauberes Grüftlein eben dort unter dem Ahornbaum, und dann legt man den Sarg hinein mit ein paar weissen Massliebchen drauf und wölbt zuletzt die Erde zu einem winzigen Hügel mit weissen Steinchen ringsherum und einem grossen glatten zu Häupten. Von nun an aber ist es gar nicht mehr die gewöhnliche Ecke unter dem Ahorn: sie hat nun etwas Besonderes bekommen, und wenn man daran vorbeigeht, wird man immer ein wenig feierlich und ernst und kann nicht begreifen, wie nun die alten Vögel schon wieder vergnügt auf dem Dach sitzen und sich die flaumigen Brüstchen mit den Schnäbeln strählen können, gerade als ob nichts geschehen wäre.

So reich ist der Garten und wird immer noch reicher, und doch kommt einmal der Tag, wo man darüber hinaussieht und entdeckt, dass der Gartenzaun auf der Seite nach der grossen Wiese des Nachbars hin so ein nettes Loch hat, gerade gross genug, um durchzuschlüpfen. Drüben aber wachsen die tausend Häliblumen, zuerst mit wundervollen gelben Kissen auf den weisslichgrünen Röhrchen, aus denen man die allerschönsten Dinge machen kann, Halsketten und Wasserleitungen und Brunnen – was man nur will. Aber dann später gibt's aus den gelben Blumen runde weisse Lichtlein, die nach allen Seiten zerstieben, wenn man hineinbläst, und hundert silbrige Samenvögelein ziehen durch die Luft, so fein, so fein! Aber einmal am Morgen, ganz früh, wenn man noch im Bett liegt, hört man ein Rauschen draussen, klingend und feucht, das ist der Bauer, der das Gras mäht. O wie herrlich, im Heu zu liegen, wenn es stark duftet und warm ist von der Sonne, und den Heupferdchen zuzusehen, wie sie mit den rauhen Beinchen über die grünen Flügel streichen, dass es zirpt, so fein und dünn, als ob das knistrige Heu selbst ein Stimmchen bekommen hätte.

So ist die Wiese. Aber an die Wiese grenzt der Wald, und eines Morgens ist man auch dort, und nun freilich kommt etwas Neues. Ja, das ist nun die Welt, und der Garten – wenn man offen sein will, man darf es freilich fast nicht aussprechen – der war eigentlich recht klein: nur so rund herum ums Haus, mit ein paar Tannen am einen und einem Känzelein am andern Ende. Und nun der Wald: nicht abzusehen und herauszufinden, wo er am schönsten ist, ob dort zwischen den grauen Stämmen, wo die vorjährigen Buchnüsschen wurmzerstochen und modrig liegen unter den abenteuerlichen Rapunzeln, die mit ihren bleichen gezackten Köpfchen fast gespenstisch aussehen wie kleine tückische Waldgeister, oder an der Quelle mit den vielen moosigen Steinen oder im Tannenwald, wo die zernagten Zapfen rötlich am Boden liegen und rote Eichhörnchen über die hohen Stämme gleiten, oder am Ende gar zu oberst auf den schlanken Buchen! Es ist so köstlich hinaufzuklettern, dass die Gelenke krachen und die Hände hart werden, und sich dann zu oberst zu wiegen – hin und her, dass es fast gefährlich aussieht und man mitten in einer grünen Laube von Buchenblättern drin sitzt, die in der Sonne glänzen und leise rauschen, wenn ein kleiner Regen darüber geht. Dann sieht man auch wohl einen Vogel vorbeischiessen, etwa einen Häher mit samtblauen Federchen am Flügel oder gar den grossen goldenen Pirol. Überhaupt – die Vögel! Wie ganz anders sie hier singen als im Garten! Besonders die Amseln. Daheim war es ja auch schön, wie sie anfingen, im Frühling, aber dann immerzu das gleiche Gesätzlein, wie auswendig gelernt, drei Monate lang, jeden Tag – zuletzt war es eigentlich gar nicht mehr so schön. Doch hier hat jede einen andern Sang, und dann klingt es auch so anders, so viel voller und sonderbarer in der grossen grünen Herrlichkeit. Audi das Lachen des Buchfinken tönt hier viel jubelnder, und der Schwarzkopf – hell und schmelzend wie grüngoldener Waldsonnenschein! Die mürrische Goldammer hört man hier gar nicht, die hat sich mit ihrer dürren Stimme aufs heisse Feld hinaus gemacht, und das ist recht so. Hierher passen nur die lautern und weichen Töne und die frischen, Kuckuck und Drosseln, vor allem aber der Pirol mit seinem langen, atemlosen, reichverschlungenen Pfiff. Der hat die Stimme des Waldes wie kein anderer.

Ja, der Wald, so reich, so unermesslich ... Aber einmal fällt einem die Landstrasse in die Augen. Sie ist weiss und glatt, nichts weiter. Und doch? Wie sie dahingeht, ruhig und sicher zwischen den grauen Feldern und grünen Wiesen, erst gewunden, als ob sie's nicht eilig hätte, aber dann immer sicherer, gerader und so weit, dass sie zuletzt nur noch ein weisser Strich ist, aber doch immer noch dem Auge vernehmlich.

Wie stolz lässt sie alles zurück, Haus und Garten und Wald – alles, und wenn man sie jetzt recht betrachtet, ist da nicht etwas an ihr, das zieht und ruft, dass man nicht mehr bleiben kann?

So kommt das Wandern. Zuerst immer noch gemeinsam, mit den Augen in die Ferne gerichtet, weg vom Zunächstliegenden, aber die Strasse führt zum Fluss, und nun sieht man in die weiten Täler hinein, glänzend ihr Grund von den glänzenden Wassern des Stromes und in der Ferne duftig und zart mit dem Himmel zerfliessend. Das zieht nun noch stärker, noch unwiderstehlicher ...

Dann aber geht es nicht mehr gemeinsam – dann sitzt sie wieder daheim unter dem Quittenbaum, allein! Fallen auch wieder die Blättchen rosig und zart wie feine Gondeln aus Porzellan? Sie weiss es nicht. Zwischen zwei Stämmen sieht sie die weisse Strasse, wie sie sich gerad und sicher in die Weite verliert. Ist das nun wieder die Sehnsucht der Ferne, die sie packt? Vielleicht, aber nicht wühlend und bang wie einst, sondern mit einem schönen und starken Grund: das liebe Glück, ich brauche ihm nicht nachzujagen, es kommt doch immer wieder zu mir zurück, und ich kann warten.

Dann ist wohl die Zeit gekommen, wo sie Viviens Brief zu Ende lesen kann und an die grossen Aufgaben denken. Vielleicht wird sie sich nun wieder hineinwagen in den Kampf der Geister, sie hätte nun wohl Waffen von ganz anderer Kraft mitzubringen, solche, die imstande wären, Kreise zu durchbrechen ...

Vielleicht wird sie es auch nicht tun. Wozu der Kampf und das Ringen und Bauen und Niederreissen? Handelt es sich um viel anderes als um einen grossen Betrug, einen herrlichen und ehrlichen freilich, aber doch – einen Betrug, eine Illusion, ein Spiel, alles, um wegzutäuschen – worüber? Über Dinge, die doch so einfach sind und gross, wenn man sie einfach und gross zu nehmen versteht. Ach, das ewige Sichauflehnen, das Sichnichtfügenkönnen, das heisse, eitle Bemühen, sich loszutrennen aus der Gemeinsamkeit der andern Geschöpfe und dem Menschen neue Wege zu finden, andere Gesetze, die doch nirgends Bestand haben als in seinem armen, ewig genarrten Gehirn. Und wäre doch so viel besser, über alles Trennende hinweg die grosse Gemeinsamkeit zu erkennen, mit ganzer Innigkeit zu begreifen, dass im Grunde doch alles gleich ist. Muss man erst Mutter werden, um zu verstehen, wie innig nahe wir der Erde immer noch sind? Und redet doch die ganze Natur zu uns unaufhörlich und so klar!

Da ist ein ganz grosses Wort, das ein ganz Grosser gesprochen: »Dein Wille geschehe«. Gäbe es wohl ein einziges Geschöpf in der Natur ausser dem Menschen, das nicht schlicht und selbstverständlich dieser höchsten Weisheit nachlebte?

Der Baum hier, wie er die weisse Pracht seiner Blüten von sich ablegt, leise erschauernd nur unter dem kleinen Winde, so wird er später seine Früchte hingeben, die sorgsam gehegten, und dann auch den letzten goldigen Schmuck des herbstlichen Laubes und wird schliesslich nackt und starr dastehen – und alles ohne Kampf und ohne Klage, immer mit derselben ruhigen Selbstverständlichkeit: blühen, reifen und vergehn – und wieder blühen. Dass man doch diese grosse, schlichte Sprache verstünde!

Und dann: mit all den tausend Fragen kommt man dem Augenblick nicht so nahe, wie mit dem einzigen tapfern: »Ich halte dich, nun gib mir deine ganze Süsse und alles, was in dir ist!« Und die vielen satten Augenblicke – ist das nicht ein Leben wert und dass man alles auf sich nimmt?

Nein, sie wird sich wohl nicht mehr hinwagen, wo die vielen Menschen sind und die vielen, ach, oft so nutzlosen Fragen kreisen. Dann wird Vivien sagen, dass sie zugrunde gegangen sei, aufgeopfert und heruntergekommen, und die andern werden es auch sagen.

Sie aber wird hier sitzen, still und glücklich, mit dem Blick auf die weisse sehnsüchtige Strasse, die so stolz auszieht und doch immer wieder zurückkommt, und wird die Blätter fallen sehen, die weissen im Frühling und die goldenen im Herbst, und wird so fühlen, wie alles hingeht und wiederkommt und kein Ende hat, und wird am stillen Strom der Dinge das Ewige erkennen, wie damals in jener Nacht, als unter Grauen und Wundern die Welt der grossen Klarheit sich einen Augenblick lang vor ihr auftat.

So wird es kommen.

Und nun beugt sie sich wieder über das Bettchen. War da nicht ein zartes Geräusch wie von kleinen nassen Lippen? Wirklich, nun sind ja die beiden Äuglein offen, blank und so goldig wie noch nie! Und da, um das Mündchen, was ist denn das, dieses kleine Zucken, unbeholfen, fast grämlich? Und nun heller und immer bestimmter, und nun zieht es schon ganz weit hinauf um die Nasenflügelchen – und nun – die Augen ... Heiliger Himmel, er lacht!

Das erste liebe kleine Lachen – und für sie! Und so wird es nun immer sein: ihr ein jedes neue Aufleuchten und jede neue Erkenntnis mit ihr – für sie und mit ihr die ganze grosse herrliche Welt – Allmächtiger, so reich kann das Leben sein ...