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Maria Waser – Der Weg

Erzählung

aus: Maria Waser, Scala Santa, Rascher & Co. Verlag, Zürich, 1918, S. 81-126

Oben am Waldrand, wo der Weg plötzlich abbrach und in jäher Stufung von der freien Höhe in die weite Ebene hinuntersank, verabschiedete sich Frau Marga von ihren Söhnen. Der Ältere wandte sich nach kurzem, fast scheuem Händedruck von ihr und war schon im Absturz der Böschung verschwunden, als der Jüngere noch mit lebhafter Zärtlichkeit an ihrem Halse hing, aber wie sie später unten auf der Strasse selbander auftauchten, war es doch der Grosse, der, immer wieder die langen Schritte hemmend, verstohlen zurück und nach ihr emporblickte, während der andere mit eifrigen Füssen vorwärtsstürmte, unaufhaltsam wie ein Bergbach.

Frau Marga sah den Enteilenden nach, dem Glück der heitersten Anschauung ganz hingegeben. Je weiter sie sich entfernten, desto brüderlicher erschienen die beiden schlanken Jünglinge, nur etwas in der Bewegung der Schultern verriet ihre innere Verschiedenheit und dann die Art, wie sie die langen Stöcke handhabten. Der Ältere führte den seinen als emsig schreitenden Wanderstab, doch der Jüngere trug ihn wagrecht in der Hand, keck und anfechtig wie einen Speer. »Pilger und Eroberer,« dachte Frau Marga, und beides schien ihr gleich rechtschaffen und schön, denn der Bug der beiden heiter erhobenen Nacken verriet denselben festen Glauben an das gute Ziel. Die Strasse zog die Brüder immer tiefer in das goldne Sommerland hinein, aber, ob nun ihre leichten Gestalten hell vor dunkelgrünen Klee­äckern erschienen, ob sie im Dust der flimmrigen Strasse sich auflösten oder ob die blonden unbedeckten Mähnen über blonden Kornfeldern wehten, immer war es, als ob die beiden heitern Wanderer just in diese Landschaft hineingehörten, denn überall war Sonne um sie, und Sonne passte gleichermassen zu beiden, zu den tiefen, goldig durchleuchteten Augen des Grossen wie zu den blaustrahlenden des Kleinern, und sie glänzte gleich hell auf beiden blonden Häuptern.

Frau Marga meinte, den feinen Duft der vor Wärme knisternden Haare zu spüren. Wie von reifem Korn bei dem Grossen , aber beim Kleinen lag immer noch etwas anderes darin, etwas Frühlingsmässiges, wie der zarte Atem der Mehlprimeln, und es war bei ihm auch nicht ganz dasselbe Blond, besonders am frühen Morgen hing oft ein Schimmer blauen Silbers daran. Seltsam, dass sie diese blonden Haare ins Jünglingsalter hinübertrugen. Ihr war die helle Farbe viel früher erloschen. Aber sie hatten auch soviel Licht getrunken, diese allzeit unbeschirmten Bubenköpfe, soviel Freiluft und Sonne. Von allem Anfang an. Frau Marga dachte an ihre Stadtwohnung, in der alles sonnenverblasst und mild geworden war mit der Zeit wie bleichschimmernde Septembertage, und sie sah sich wieder, wie sie die kleinen Mensch­lein der Sonne nachtrug, immer der Sonne nach. Zuerst in den weissen Kissen und dann im Kütschlein. Wenn man den schweren Wagen aus der Stadtenge in den Berg hinaufgeschoben hatte, der Rücken schmerzte wohl, so sehr, dass man die Arbeit der Magd nicht zumuten mochte, aber oben das Glück der sonnigen Weite! Und noch später, wie sie es immer einzurichten wusste, dass die Kinder sonnenhalb gingen und dass ihr eigener Schatten die kleinen Gestalten nicht traf. Auch heute noch tat sie so, gewohnheitsmässig, denn der Schatten der Söhne schlug schon lange über sie hinaus.

In diesem Augenblicke freilich, da die beiden von der Strasse abbiegend über einen staubfreien Feldpfad schritten, huschte er ganz klein und zusammengeduckt hinter ihnen nach, wie das treue Hündlein des Knaben Tobias , denn die Sonne, mit der sie westwärts wanderten, stand noch hoch.

Der Pfad schlüpfte in einen kleinen Wald. Mit heiterer Feierlichkeit, hoch und dicht gebuscht, stand dieser mitten in der glastigen Ebene. Als die Brüder darin verschwanden, horchte Frau Marga unwillkürlich auf, bis sie die verlorenen Töne eines fernen Liedes vernahm, und nun, da sie ihren Augen entschwunden waren, sah sie die beiden doppelt deutlich vor sich, wie sie durch die grünen Hallen dahinschritten. Der Jüngere hatte den Kopf in den Nacken geworfen und sang, und seine ungeduldigen Füsse wurden fast andächtig. Der Grosse aber hielt Kopf und Schultern ein wenig vornüber geneigt wie ein Lauschender, und auch sein Stock traf nun den sanften Boden nicht mehr, sondern ruhte in der hangenden Hand. Doch er lauschte nicht auf des Bruders Gesang, sondern durch diesen hindurch in das Waldweben hinein, das ihm so viel kost­barer war als jegliches Lied. Früher hatte es wohl auch Streit gegeben zwischen ihnen, des Jüngern ewiger Sangesfreude wegen, bis der Grosse verstehen lernte, wie gut die runde lautere Stimme des Bruders zur grüngoldenen Waldseele passte.

Die Töne wurden ferner und seltener und versanken endlich ganz in des Waldrandes naher zirpender Grillenstimme. Und plötzlich wurde es Frau Marga bewusst, dass der Weg auf Stunden hin der Deckung jenes Wäldchens nicht mehr entrann und dass nun die beiden fernen Gestalten ihren Augen ganz genommen waren. Diese Erkenntnis überfiel sie wie ein Schreck mit einem sonderbaren Zerren in der Brust, es war nicht Schmerz und tat doch weh, dass sie sich gegen den Stamm der nahen Buche lehnen und die Hände aufs Herz pressen musste, aber gleichzeitig schämte sie sich der Schwäche und lachte ihrer. Was war es denn? Eine Ferienwanderung, wenige Wochen nur, und dass den beiden das Sommerhäuschen auf der Höhe nicht genügte, dessen Frieden und Weitblick ihr und dem Gatten Glück bedeutete, war das nicht recht? Und dass sie der Jugend­liche Drang in die Ferne trieb? Und war es nicht schön, dass sie so selbständig wanderten und selbander? Immer würden die Wege ja nicht so mitsammen laufen. Sie seufzte: Ja, ja, das war wohl alles recht, denn so musste es sein, aber das war nun eben doch der erste von den vielen, vielen Wegen, die alle nur dieses gemein hatten, dass sie von ihr wegführten.

Und nun spürte sie auch, wie der Glast des weiten Sommerlandes und der unendliche Himmel, dessen Glanz erst in der weichgestrichenen Bläue des fernen Leberberges sich besänftigte, ihre Augen sengte. Es war wie ein Brand darin, dass sie die Lider schliessen und sich in den Schatten des Waldes zurückflüchten musste.

 

 

Als Frau Marga die Augen öffnete, hatten sich die ungeheuern, dunkelleuchtenden Wölbungen des alten Waldes schon über ihr geschlossen, und von den efeuverhängten Riesenstämmen rann die grüne Kühlung über sie hin, badete die heissen Augen und durchschauerte tief die sonnenwarmen Glieder. Es war wie ein fremder, junger Rausch, der das Herz beflügelte und die Arme emporzwang, dass sie sich frei und hoch aufwachsen fühlte wie ein Baum. Und sie gab sich der seltsamen, fernvertrauten Bezauberung hin und liess sich widerstandslos von den grünen Hallen einsaugen in immer geheimnisvollere Tiefen.

Ihre Füsse wandelten weich, pfadlos selig, und alles Denken schwieg. Nur wundervolle, nie vernommene Töne gingen durch sie und feine, närrisch zusammenhangslose Worte, und alles in ihr von den weit offenen Augen bis in die selig tastenden Füsse war Gefühl, das Empfinden eines Glückes ohne Zeit und ohne Grenzen.

War sie jung? Und das Leben kam erst? Oder lag schon alles zurück und ihre Lieben waren tot und sie einzig? Sie wusste es nicht, wusste nur, dass sie war und alles in ihr leicht, leicht, unendlich frei und alles in ihr Leben und eins. Etwas war von ihr abgefallen, ob Glück, ob Qual? Aber was blieb, war selige Unbedingtheit.

Das war kein Wandel mehr. Die sanften grünen Ströme trugen sie, und goldene Bänder wehten durch ihre Seele, dass ihre Geheim­nisse durchsichtig wurden wie die Waldestiefe. Und plötzlich floss all das schwebende unermessene Glück in einer einzigen Empfindung zusammen und stürzte sich in das eine Wort, das gross und in unendlicher Wiederholung sie durchklang: »Allein – allein mit mir ...«

 

 

Der helle Aufschlag einer kleinen Waldlichtung brach den seligen Bann. Der unbemooste spröde Boden stillte den schwebenden Fuss, die violette Seide der leise gebogenen Waldgräser schmeichelte die fernen Blicke zu sich nieder, und das tiefe nachmittägliche Summen der Höhe verhüllte den Gesang des Innern.

Frau Marga liess sich am Fuss einer hochwipfligen Eiche nieder und sank in den breiten

Schatten des astlosen Stammes, wie erschöpft von der Gewalt der vergangenen Stunde. Und wie vorher das Wunder der Waldesstille, so überwältigte sie jetzt das Gefühl der Ruhe, dass ihre Augen feucht wurden. Und während sie so dasass, vom warmen, sommerlich vollen Duft der Lichtung ganz eingedeckt und ihre von Erregung kalten Hände die mild gedämpfte Wärme wohlig empfanden, gewannen die Gedanken wieder Raum. Zuerst war es die beglückende Feststellung, dass ihr ungepfadeter Weg sie an den einsamsten Winkel des einsamen Waldes geführt hatte, wo keines Menschen Tritt zu befürchten war, und dass sie hier bleiben durfte bis am Abend, denn keiner wartete auf sie. Und dann das Staunen über das Wunder des Erlebten. Sie fühlte, dass es etwas Grosses gewesen war, etwas Einschneidendes und Entschleierndes. Das Wort Damaskus ging ihr durch den Sinn, und während sie beschämt das hohe Gleichnis ablehnte, spürte sie innerlichst, dass in dem ungewollten Vergleich eine Wahrheit lag. Und doch wusste sie nicht, was dieser Taumel wollte, und etwas war, das ihre Mütterlichkeit quälte in der Erinnerung, wie jäh der Abschiedsschmerz in den fremden Einsamkeitsjubel umgeschlagen hatte.

Sie dachte zurück, wie sie zuerst mit den Söhnen durch diesen selben Wald gegangen war. Ihre Erinnerung zeigte ihr die beiden, die hell und glücklich zwischen den Bäumen wandelten, und wie die Sonnenlichter über die schlanken Gestalten flockten und in den Haaren leuchteten, und sie sah das Blitzen der Augen und hörte die muntern Reden, vom Walde hatte sich ihr nichts eingeprägt als die vage Beglückung seiner grünen Schönheit. Und jetzt? Was war es, dass er sie so gewaltig erfasste?

Wie eine Antwort stand plötzlich ihre Vergangenheit vor ihr und liess unzusammenhängende Bilder auftauchen, hell und rasch verschwindend wie in Blitzlichtbeleuchtung. Sie sah sich mit ihrem Geliebten, mit den Kindern, in den tausendfachen süssen und schmerzhaften Verknüpfungen des Glücks, der Sorge, des Schmerzes, der Liebe und der Arbeit, und auf einmal wusste sie, dass sie seit so vielen Jahren niemals mehr wirklich einsam gewesen war, allein mit sich und in sich – seitdem das Leben ihres ersten Kindes sie aufgenommen hatte.

Denn sie hatte sich aufnehmen, hatte sich aufsaugen lassen in dem sichern Instinkt, dass sich von der Mutterpflicht kein Quent­lein abmarkten liess, ohne dass auch etwas vom Grössten und Besten dahinging. Ach, man redete heute so viel um das Wunder der Geburt. Gewiss an sich etwas Grosses, ewig Unfassbares, doch vielleicht nur die erste Geburt, die die Tore der Ewigkeit ein wenig öffnete, im übrigen ein natürlich körperlicher Vorgang, der mit dem Muttergefühl wenig zu tun hatte. Mutter wurde man erst im Kampf um das Leben des Kindes, und die tausend Schmer­zen schmiedeten das Band, das unzerreissbar wurde. Ah, man sah es der Mutter wohl an, welcher Art ihre Mutterschaft war, ob zufällig oder innerlich errungen. Irgendwie am Blick, an der Stimme, an der Art, wie sie die Hand ihres Kindes fasste, erriet man es, dass sie nicht bloss geboren hatte und erzogen, dass sie dieses Wesen gepflegt und jeden Atemzug belauscht, dass ihre Arme sich an dem Körper müde getragen hatten, dass ihre Augen in durchwachten Nächten sehend geworden waren und ihr Herz in durchbangten Stunden den Herzschlag des Kindes aufgenommen hatte. Dass sie so viele Jahre hin ihr eigenstes Wesen aufgelöst hatte im Kinde.

Vielleicht war es die Ahnung dieser Auflösung, eine letzte leise Wehr und Klage des versinkenden Ich, was das holdeste Lebenswunder oft in die Geheimnisse des Schreckens hüllte. Die alten Griechen in ihrer Weisheit wussten wohl um solchen Kampf, deshalb gaben sie der Aphrodite die Göttin der Überredung zur Seite, und jene Maler der Verkündigung wussten darum, die der Madonna diesen bangen erschreckenden Schauer auf das Antlitz legten.

Wohl war es süss und der Wunder voll in andern untertauchen und Hingabe vielleicht das einzige Glück, denn Hingabe war Vertiefung im Ändern, war Einheit in einem neuen Sinn, war Einkehr in den Reichtum des Lebens, und sie allein gab uns das Wissen um die Seele des andern, aber sie forderte das Opfer der Einsamkeit, und oft war dies doch qualvoll und so, wie wenn ein Quell in viele Bächlein versickern müsste, der die Kraft in sich hatte, Bäche zu sammeln und zum Strom zu wachsen. Ja, wie ein zerteilter Quell wurde man, vielgestaltig und reich, aber im Reichtum oft wie zerfasert – und Zerfaserung tat so weh ... – Heute aber, da sie die beiden Wesen, denen so lange ihre beste Kraft zugeströmt war, von sich gehen sah, glänzend von Sonne und Selbständigkeit, als ob sie fürder der Mutter nicht mehr bedürften und keine Sorge und Bangheit mehr das Recht hätte, an sie zu tasten, da waren wohl die gesonderten Bächlein in ihr auf einmal wieder zusammengeströmt, plötzlich und ungestüm wie in einem Wirbel, dass ein solcher Sturm in ihr entstand, eine solche tönende Berauschung. Und so war denn wohl Wunder und Weisheit dieser Stunde die Erkenntnis der Einsamkeit, die Wiedergeburt des gesammelten einen Ich.

Frau Marga legte den Kopf mit dem glückliebsten Lächeln an den Stamm der Eiche zurück Ihre Augen gingen über die kleine Lichtung hinweg nach dem Walde, aber sie sahen nicht länger dessen grüne Herrlichkeit, sie staunten nach innen: alles in ihr war ganz und hell, die Seelenlandschaft von stillem Licht übergossen, die Horizonte weit und wundervoll gewellt, der Himmel von der verlässlich­sten Klarheit und tief durchleuchtet und sicher gebaut wie ein Dom. Und die Erde lebte vom Reichtum der Erscheinung. Bilder wuchsen auf und wandelten sich und gaben andern Raum, Solche Fülle des Vertrauten, des Längstentschwundenen, des Nahen und nie Erschauten, aber alles gebunden in der Kraft des Bekenntnisses. Sie fühlte, zitternd vor demütigem Stolz, wie das alles ihr gehörte, ihr allein, wie das sie selber war, innerlichst und ganz, und fühlte, innig entzückt, wie ihre Einsamkeit aus den Zeiten mütterlicher Auflösung reich emporgetaucht war, wie sie Fülle gewonnen hatte bis zum Genügen.

Sie dachte zurück an die Zeiten vorher, an die erste Einsamkeit ihrer Jugend, wieviel Unruhe darin wühlte, wie sie verarmte unter der Sehnsucht nach dem Erlebnis, denn so war es wohl, dass innerlich arm sein musste, wer nach dem Erlebnis dürstete, wer aber die Fülle des Erlebens besass, den verlangte nach Ruhe. Und das war vielleicht das Höchste und nur den grossen, heissen Herzen beschieden: Reife zur Einsamkeit.

Sie wusste wohl, dass sie dieses Ziel noch nicht erreicht hatte, dazu war sie noch zu jung, in sorgender Liebe noch zu tief verstrickt, noch zu verlangend nach Hingabe, nach Schmerz und Rausch, Das heute war wie Vorprobe, war, unter der Gnade einer seltenen Stunde, Vorausnahme und Symbol des Kommenden, aber es hatte gezeigt, dass sie auf dem Wege war. Auch Einsamkeit musste erlernt werden. Sie war nicht Ausgang, sondern Ziel, wie Einfachheit und Bedürfnislosigkeit Ziel waren, die nur dem höchstes Glück bedeuteten, der aus Fülle und Reichtum, bewusst, von Sehnsucht geführt, zu ihnen gelangte. Denn ganz besitzen konnte man ewig nur die Geschöpfe seiner Sehnsucht, und wahrhaft besitzlos war nur der, dem die Mittel zur raschen Erfüllung seiner Wünsche nie fehlten. Es gab ein Epikuräertum der Askese, das vielleicht nicht nur deshalb das süsseste und raffinierteste war, weil Einsamkeit und Kargheit die Sinne erschlossen und den feinsten Reizen zugänglich machten, sondern weil kein anderes so tief aus Sehnsucht erschaffen und in Erkenntnis umfasst wurde, denn Überdruss war gewiss kein schwächerer Meister als Not.

Die wandernde Sonne hatte den Schatten der Eiche verschoben und floss nun über Frau Margas ährenfarbenes Kleid, dass dessen locke­res Gewebe glänzte wie gefrorenes Gold. Die Betörung der Farbe zog ihre Blicke aus der Entrückung an sich. Sie fühlte, heiter gerührt, wie sehr dieses gedämpfte Gold zu den Bildern ihres Innern passte, wie so ganz es ihr entsprach , zugleich aber fiel ihr ein wunderfeiner Schatten auf, der sich als zartester Brokat über den Rocksaum legte. Er kam von einem der tausend Gräser, die die Lichtung überwölkten.

Frau Marga wandte sich zur Seite und pflückte eines der blühenden Sträusschen. Es war so fein gebaut, dass man mit den behutsamsten Fingern zugreifen musste, wenn man den zarten Schaft ungeknickt dem Stäudlein entziehen wollte und ohne dessen wundervollen Schlankwuchs zu lähmen. Sie betrachtete das Pflänzchen und fühlte sich von seinem Anblick ergriffen. Das schien so unbedeutend, so wesenlos, ein Rosawölklein über fadendünnem Stengel, und nun enthüllte es dem aufmerksamen Auge solche Schönheit, eine ganze kleine, herrlich geordnete Welt. So reich und vielfach die unglaublich feinen Verzweigungen, und jedes der Ästchen hängte sein rosa und violettes Seidenwimpelchen heraus, dem die zartesten Goldfäden entrannen. Welche Farbenstufung vom kupferigen Gold zum blassen Violett, wieviel Schmelz und durchscheinende Zartheit! Und doch alles streng und massvoll gefügt, und jedes diente demselben strebenden Willen, der die feinspriessenden Halme und schlankaufzüngelnden Gräser gestaltete. Und dann dieser Duft, der so durchsichtig fein war und in dem doch alle Geheimnisse des Waldbodens hingen, die Wunder der tauigen Morgenfrische und die knisternden Bezauberungen der mittäglichen Sonne. Sie musste unwillkürlich an den Geruch dunkelroter Rosen denken, der ganze Zimmer füllte und den Kopf umschwelte, und er erschien ihr auf einmal als etwas Zudringliches, plump, ölig und schwer, und zugleich fiel ihr ein, wie sie als Kind diesen heissatmigen Blumen, die sie später so leidenschaftlich liebte, fast feindselig gewesen war: wie kleine rotsamtne Kohlköpfe waren sie ihr erschienen, aber heimtückisch, mit einem Atem, der einem bang machte und weh tat. Nur den dünnen Hagrosen war sie damals mit Inbrunst nachgegangen und dann vor allem solchen blühenden Gräsern und jenen zarte­sten Blümchen: Hirtentäschlein, Blutströpfchen, Hungerblume und Erdrauch, die die Grossen gar nicht beachtet hätten, hätte nicht das eine oder andere als schädliches Unkraut gegolten. So war es: Kinder liebten das Kleine, das Zarte, das unaufdringlich Schöne wohl am meisten, ihre unverbrauchten Sinne waren noch so fein, und die grossen Leute, die ihnen die Stuben und Bücher mit lauten Farben und plumpen Linien füllten, die wussten so wenig von Kinderart. Alles Laute und Aufdringliche, die Kunst der starken Reize und des Überschwanges entsprach einem andern Alter – der Menschen wie der Völker – gehörte in die Zeiten der sehnsüchtig aufgewühlten Halbreife oder der ungestillten Überreife, vielleicht weniger, weil dies auch die Zeiten des Blustes und der Kraft sein konnten, als weil die Unsicherheit darin war, der innere Riss, Pfadlosigkeit oder Entgleisung. Denn das Unsichere und Unfreie, auch wenn ihm Roheit fernlag, suchte die laute sichere Gebärde der Überkraft, und Üppigkeit deckte am besten zwiespältige Schwäche. Aber innerlich gesunde Kindheit besass den Adel der Sicherheit, wie ihn die beschwichtigte Reife und das geklärte Alter besass: Frühling und Herbst kam es gleichermassen zu, die Schönheit der reinen Form und die Kraft der Linie zu offenbaren, wenn sie die Erde vom verdeckenden Schwall winterlicher Schneelast und sommerlicher Üppigkeit befreiten ... Frau Marga lächelte dem Sträusslein in ihrer Hand zu: war seine ihr plötzlich wieder verständlich gewordene Schönheit nicht Zeuge davon, wie ihr Weg sich langsam nach den Anfängen zurückzubiegen begann?

 

 

Als der Glanz des Himmels mählich tiefer ward, erhob sie sich und trat den Heimweg an. Er führte sie abermals durch den Wald, und ihr Wandel war immer noch selig beschwingt, aber die Füsse gingen taumellos und fanden bald den sichern Pfad. Auch der Wald schwelgte nicht mehr in mittäglicher Feier. Überall regte sich das raschere Leben, das dem Abend zudrängte, und die Sonne erwärmte mit röt­lichen Lichtern das kühle Grün. Über engern und geduckten Hallen schlossen sich die Bäume hier näher zusammen. Nur einmal, dem Waldende nicht mehr fern, öffnete sich über dem Weg eine hochatmige Weitung. Ein paar Bäume waren hier vor Zeiten gefällt worden, einer davon lag noch am Boden, blass schimmernd mit entrindetem Riesenleib, wie ein armer geschundener Marsyas. Aber dem Tod der Brüder verdankte der Ahorn, der mit gewaltiger Krone das Himmelsauge füllte, seinen völligen Freiwuchs.

Frau Marga blieb stehen und betrachtete beglückt den mächtigen Baum, wie er in ungeheurer Strebung vom dunkeln Boden in den hellen Himmel hineinströmte, in tausendfältiger Gestalt dem Sturm nach oben folgend. Es war eine ähnliche Erscheinung wie bei dem zarten Waldsträusschen, dieselbe Bezwingung vielfachen Lebens durch einen Gesamtwillen, aber während das Wunder dort für sie beglückende Anschauung geblieben war, wurde es hier zum mitreissenden Erlebnis. Sie stand nicht mehr betrachtend vor diesem Baum, sie war in ihm, spürte den Urtrieb des aufspriessenden Stammes, strebte in tausend strammen Ästen dem Himmel zu, jubelte mit dem unendlichen Wald lebendiger Blätter im rosig durchstrahlten Licht und fühlte der tiefen Äste und äussersten Zweige lichtsatte Schwermut und den süssen erdenwärts gerichteten Drang. Und sie fühlte das Glück der freien Einzigkeit zwischen der unermesslichen Verstrickung des Waldganzen. So hatte sie einen Baum noch niemals empfunden, und doch hatte sie die Bäume geliebt von Kindheit auf, wirklich geliebt, wie man Freunde liebt, und manchem von ihnen war es zu danken, wenn sie das Leben in der Stadt ertragen lernte. Noch heute konnte sie die kindische Vorstellung, dass Bäume sich selbstwillig bewegten, nicht loswerden, sobald sie jene im Winde betrachtete und sah, wie der eine in tausendfachen Schauern erlebte, was bei dem andern jubelndes Rauschen wurde und hartes widerspenstiges Ächzen bei dem dritten. Man sagte doch auch von Menschen nicht immer, dass sie vom Schicksal bewegt würden, und taten sie anders als Bäume? Es geschah, und jeder trug es nach seiner Weise ... Ach, wieviel Kinderzeit hatte sie im Schutz der grünen Lieblinge verbracht und im Verkehr mit ihnen, und später, wenn sie die grosse Sehnsucht, das grosse Glück und die vielen Schmerzen zu ihnen trug, wie hatten sie sich ihr gütig geneigt, in der Mitfreude heiter und gross im Trost.

Doch heute war das anders. Dieser Mächtige kümmerte sich nicht um sie. Er war und lebte sein grossartiges Leben, und ihre Liebe musste zu ihm hin, sich in ihm auflösen. Aber war nun diese Einkehr nicht tausendmal tröstlicher als alle liebende Gegenseitigkeit und hatte sie sich jemals so ganz im Besitz der freiesten Kraft gefühlt wie jetzt, da dieser Freie sie besass? Gab es vielleicht etwas, das noch herrlicher war als Einsamkeit, eine Einheit in höherm Sinne als die Einheit in sich bedeutete? Und wenn nun die reiche Einsamkeit der liebenden Hingabe entwuchs, trug vielleicht auch sie wieder eine bessere Frucht? War am Ende auch die Einsamkeit nicht Ziel, sondern Weg zu einem Höchsten? Das Glück, das sie jetzt empfand, nicht Vorahnung der letzten Einkehr?

 

Als Frau Marga den Wald mit den schon langgestreckten Schatten verliess, leuchtete das bebaute Ländchen vor ihr in den sattesten Tönen, und der Hügel, der jenseits des Grundes mit samtnen Buhlen in den violetten Himmel aufschwoll, war von unwirklichem, fast smaragdenem Grün, aber in den Fensterchen ihres zuhöchst kauernden Häuschens brannte eine rote Sonne. Nur die beiden Bauernhäuser am Fusse des Hügels standen mit gewaltigem Ernst in der feierlichen Heiterkeit der gesegneten kleinen Landschaft. Da sie ihre Gesichter mit dem reizenden Willkomm der bogenüberwölbten Lauben und hellen Fenster mehr hügelwärts richteten, waren von hier aus nur die ungeheuern, bis zum Boden reichenden Dächer sichtbar, die als düstere Pyramiden in die goldene Luft ragten.

Der Anblick der beiden Häuser gab Frau Marga ein kleines schmerzliches Unbehagen. Sie wusste, dass Feindschaft zwischen den Nahgerückten lag, und gedachte zum sovielten Mal des Auftrages einer wohltätigkeitsbegierigen Freundin, die Sommermonate zur Friedensstiftung zwischen den Getrennten zu benutzen. Und zum sovielten Mal kam sie bei diesem Gedanken ein halb beschämtes, halb mutwilliges Lächeln an. Wie schlecht die Freundin Menschenkennerin sie kannte – sie und die Bauern! Sie besass ja so gar kein Talent zur Einmischung. Dafür hatte sie zu wenig Selbstsicherheit und zu viel Achtung vor der Art der andern. Wie wenig klar musste man über sich selber sein, um den Mut zu besitzen, andere aufklären zu wollen! Denn wer sich auch nur ein wenig kannte, dem musste doch vor jedes Mahnerwort das Bewusstsein eigener Unzulänglichkeit treten, der konnte kein einziges »Du sollst« aussprechen, ohne über hundert »Ich sollte« zu stolpern. Und vor allem, wie konnte einer, dem das Leben gezeigt hatte, dass wir so durchaus zu Täuschung und Irrtum im Eigensten geneigt sind, sich das gewisse Urteil in fremden Dingen anmassen? Ja, wenn man noch jung war und von glücklicher Unwissenheit strotzte – Oder gab es wirklich Menschen, die durch ein Leben wandern konnten, ohne wenigstens die Ahnung von der Exi­stenz einer Gegenwahrheit jeglicher Wahrheit zu besitzen? Vielleicht war ihre Anschauung Schwäche, dann aber war es auch die Bescheidenheit, und Anmassung hätte dann Kraft sein müssen und naive Selbstverblendung Stärke ... Einerlei, welchen Namen es trug. Sie war nun einmal so, und jeder Erziehereifer und Verbesserungstrieb – auf andere angewendet – fehlten ihr, deshalb hatte sie auch für alles Predigertum, wo und unter welchem Namen es sich immer betätigte, bei jenem gewissen Respekt, den man immer dem schuldet, was man selbst nicht kann, – im hintersten Herzwinkel – ein wenig Verachtung. Und zwar nicht einmal eine gutmütige, mit Erbarmen umwickelte, sondern eine fast boshafte Verachtung, die mit eigentlicher Tücke auf den Augenblick wartete, wo die Entdeckung eigenen Irrtums dem Prediger-Ermahner die Schamröte ins besserwissende Überzeugungsgesicht jagte. Aber die Tücke war ungefährlich, jener Augenblick erschien ja doch nie.

Und wenn es nun auch ein schmerzliches Denken war, wie diese beiden in der Einsamkeit aufeinander gewiesenen Häuser sich befeindeten, statt sich in Liebe zu bereichern, so war ihr dieser Bauernhass, just weil er ihrem Wesen unverständlich und rätselhaft blieb, doppelt unzugänglich und vielleicht fast ehrfürchtig, denn sie ahnte, dass eine Liebe dahinter stehen musste. Sonst hätte er sich ja längst in Verachtung lösen müssen, und Verachtung mündete so bald in Gleichgültigkeit, die aber endete alles, und vielleicht war sie selbst nur deshalb so ganz unfähig zu hassen, weil Gleichgültigkeit ihr so nahe lag, weil sie so gar nicht zum Wichtignehmen taugte. Für sie gab nur die Liebe den Dingen und Menschen Gewicht, über allem andern stand ein kühllauteres Lascia fare. Auch solch währschaften ausgewachsenen Bauernhass musste man machen lassen, ihn mit Worten beschwichtigen zu wollen wäre ein so törichtes Unterfangen wie Felsspalten mit Salben zudecken. Warten, bis irgend eine andere Liebe aufwuchs, die stärker war als jene erste, darin der Hass wurzelte.

Ihre Augen wurden durch einen mächtigen, feierlich getürmten Birnbaum angezogen, der an der Hügellehne zu Häupten der beiden Häuser stand. Wie eine grüngelbe milde Riesenflamme lohte er zwischen den dunkeln Pyramiden auf, denn das Abendgold glänzte über den tausend Frühbirnen, die wie schwere Honigtropfen im feinen Geräuch der blassen Blätter hingen. Und da fiel ihr ein, dass es eben dieser Baum sein sollte, um dessen Besitz der Streit entstanden war, und auf einmal wurde ihr alles verständlicher. Ja, der war eine Liebe wert und also auch einen Hass. Und die Liebe galt sicher nicht allein der gewinnbringenden Frucht – die Hofstatten rings waren so überreich an Obst – die galt der Herrlichkeit des Baumes, und so war sie etwas Grosses und Wichtiges. Wo mochte eine grössere herkommen?

Der Weg führte Frau Marga neben einer niedern überstrauchten Böschung nahe am Baum vorüber. Als sie unter seinen Ästen durchschritt, vernahm sie aus dem Gebüsch eine feste herrische Bubenstimme, und der deutliche Satz blieb an ihr hangen: »Allweg sollst davon essen, und zur Hochzeit schenk ich dir den ganzen Baum.« Ihr überraschter Blick fand zwischen den Büschen ein kleines Pärchen, und eben hielt der grössere Bub dem Mädchen eine der honiggelben kleinen Birnen vor den Mund. Jetzt wurden die beiden auch ihrer gewahr und wandten sich ihr ein wenig erschreckt zu, es waren die Kinder der feind­lichen Bauern, aber während des Mädchens braunes Gesicht unter einem verlegenen Lächeln rot überlief, blieb der Junge unbewegt und sah sie bloss aus stahlblauen Augen grimmig und schier überlegen an. In seiner langen Bauernhose stand er protzig da wie ein kleiner Mann, und die frühreif gekantete Stirn drohte so eigenwillig, dass es in Frau Marga warm aufquoll: Wohl, der war nicht vom Stamm der Romeo, der wusste, was er wollte, und setzte es durch, aller väterlichen Feindschaft zum Trotz, und das warmäugige Mädchen mit seinen zerarbeiteten Kinderhänden würde schon dafür sorgen, dass die Liebe wuchs, bis sie ihren Hals über der Väter Hass hinausstreckte. Wachsen lassen, das war die Weisheit, und das Gewachsene behielt immer recht.

Sie nickte den beiden herzlich zu und grüsste sie mit freundlichem Wort und begann den steilen Aufstieg so leicht, dass ihr langer schlanker Schatten vor ihr herzuflattern schien.

Aber plötzlich musste sie anhalten. Das Herz kam ihr vor den Atem. Mit Staunen nahm sie dessen ungestümes Pochen wahr, und sie dachte, wie sie früher solche Steigungen im Flug genommen hatte, nicht bloss als Kind, auch später noch, als schon ihre beiden Buben hinter ihr herjagten. Das war nun also vorbei.

Sie lächelte beinahe wehmütig: solches nannte man wohl »ein Mahnen«. Was aber wollte das Herz mit seiner Mahnung? Doch nicht einfach ein kläglich besorgtes »Schone mich!«, so selbstisch bang war ihr Herz nicht. Es meinte gewiss Wichtigeres. Und da fiel ihr ein Wort ihres Vaters ein, der nach einem arbeitserfüllten und doch ganz innerlich erfassten Leben mit den Augen eines Forschers und eines Sehers zugleich bewusst und gross an das Alter herantrat: »Was reden sie von der Gnade, in den Sielen sterben zu dürfen! Das heisst doch zumeist, im unentbehrlich gewordenen Joch der Geschäfte und unter der Peitsche der Pflicht und des Ehrgeizes verenden. Stillstand und Anschauung, das ist Gnade des Alters, denn es macht uns heimisch in der Welt, mit der wir eins werden sollen, und gewährt die letzte Läuterung, wo sich der reine Gedanke löst.«

Stillstand und Anschauung, wollte dazu ihr braves Herz sie mahnen, und dass es nun alsgemach ein Ende haben sollte mit der Lebensjagd und dem Eifer? Sie lächelte und wandte sich und sah um sich in die safranüberwogte Welt, die sich von Gebirg zu Gebirg in weiter wellenreicher Ebene zu ihren Füssen breitete. Ihre Augen zogen das vertraute und doch immer neue Bild in sich, und ihr war, als ob alles, Himmel und Sonne, das Weite und das Nahe zu ihr herandrängte, in sie hinein und wieder, als ob sie sich selig umloht in die sonnenrote Welt ausströmte und weithin mit den letzten zartgewobenen Fernen golden verklang. Es war ein ähnliches Empfinden innigster Gemeinschaft mit dem Seienden, höchsten Besitzes in ungehemmter Hingabe wie früher unter dem Ahornbaum, nur mächtiger noch, tiefer und grenzenloser ...

 

Als Frau Marga droben im braunen Häuschen das Bücherzimmer ihres Gatten betrat, fand sie ihn noch tief über seinen Blättern. Er sah sich überrascht nach ihr um, und seine Augen, die von fern her kamen, grüssten sie mit einem lieben, zerstreuten, ein wenig erstaunten Lächeln: »Bist du schon da?«

Ihre Antwort war ein Lachen, darin die Stimmen der beiden Söhne mitzuklingen schienen. Dann küsste sie ihn auf die hohe, bleiche, gedankenbeschriebene Stirne und führte ihn an das kleine Fenster, das die weite, immer noch kupferig durchleuchtete Abendwelt umfasste: »Die Sonne ist weg, und du hast wieder einmal die ganze Herrlichkeit da draussen verpasst.«

»So spät schon?« Er wechselte die Brillen und sah angelegentlich in die still verblassenden Lande hinaus: »Ja, es ist schön ...« Das klang seltsam tief und gross, und wie sie ihm jetzt in die Augen sah – der Goldblick ihres ältern Sohnes lag darin, nur etwas tiefer verschleiert und dunkler – wusste sie, dass er von einer ganz andern Schönheit redete, als die da vor Augen lag, und dass auch ihm die Einsamkeit des Nachmittags irgendwie zur Offenbarung geworden war.

Aber als sie nachher am stillen Abendtisch sassen, betrachteten beide mit derselben Betrübnis die leeren Plätze.

»Es wird schwer auszuhalten sein,« meinte er , doch dann nahm er seinen Teller und rückte ihn nahe zu Frau Marga hin, und sie sahen sich mit neuen Augen an und lachten und wurden beinahe übermütig wie in den aller­ersten Zeiten. Ihre Gespräche aber galten den Söhnen und deren erstem selbständigen Flug in die Welt.

Einmal seufzte sie: »So geht es nun halt uns Bubenmüttern, zu Zeiten, wo die Tochter erst recht der Mutter zuwächst, beginnt für uns die Verlassenheit.«

Er suchte zu trösten: »Dafür bleibt ihr auch länger jung. Von Töchtern umsorgte Mütter wachsen allzubehende ins behagliche Alter hinein.«

»Das weiss ich nicht« – sie schüttelte leise den Kopf – »aber wohl ist es gut, die Einsamkeit früh zu lernen.«

Nach dem Essen traten sie auf die schmale Holzlaube. Es war schon fast Nachtzeit, aber dieser unendlich klare Tag konnte sich immer noch nicht beruhigen, und der jetzt grünlich schimmernde Himmel war von nachklingendem Licht so erfüllt, dass sein Widerschein die Erde noch in Klarheit erhielt, und der Weg der Söhne, den man von hier aus ganz überblickte, blieb jetzt noch erkennbar. Zugleich verdeutlichten die ersten aufglimmenden Lichtlein die Lage des Städtchens, wo ihre Wanderschaft heute mündete.

Innig und ohne viel Worte nahmen die Eltern jene fernen Lichtgrüsslein auf. Und während Frau Marga noch einmal die kleine Reisepackung überschlug und sich vergewisserte, dass den Brüdern nichts Nötiges fehlte, und während ihre Gedanken sie Schritt für Schritt begleiteten, zum ungewohnten Gasthaustisch, durch die abenteuerlichen Gässlein der alten Stadt und schliesslich in die fremde, etwas heimwehliche und doch reizvoll unbekannte Kammer, durchlebte ihr Gatte seine eigenen ersten jungen Wandertage aufs neue, und beider Herz wurde warm und spürte die Freude.

Dann ging er wieder zu seinen Büchern. Mit einer Entschuldigung heute, weil er sie so ganz allein liess, aber auch mit einem kleinen Scherz: es werde sich nun zeigen, ob sie die Einsamkeitsprobe bestehe. Und sie hörte es dem Knarren der Treppe an, mit welch freudiger Ungeduld er zu seiner Arbeit strebte.

Sie setzte sich auf die Laubenbank an die noch sonnenwarme, harzduftende Holzwand. Der Lichtlein auf der Erde wurden es immer mehr. Überall in der weiten Ebene sprossen leuchtende Punkte auf, einzeln und in Gruppen, und das Städtchen wurde zum funkelnden Plejadenhäufchen. Auch die einsamen Bauerngehöfte in den nahen tiefgewellten Hügeln öffneten das rötlichglimmende Auge, und auf der kleinen Wiese vor dem Häuschen erschien als blasses Lichtviereck das erhellte Fenster der Bücherkammer. Langsam wandelte sich die Erde zum dunkelschossigen Sternenland. Und nun fing auch der Himmel an sich zu öffnen. Zuerst war es der Abendstern. Schon lange hatte er als silberner Punkt im erlöschenden Westen gehangen, nun begann er zu leuchten, und Frau Marga sah ihm zu, wie er sich mählich zur mildstrahlenden Sonne auswuchs.

Das war der Stern, der über der Werdezeit und Geburt ihres zweiten Sohnes gestanden hatte, und sein Anblick gab ihr nicht allein das Glück jenes innigsten Jahres wieder, er liess sie mit immer neuem Staunen die geheimnisvolle Verwandtschaft zwischen diesem strahlenwandelnden Liebesstern und dem Wesen ihres wanderseligen Jüngsten empfinden, das von einer herrlich gleichen Heiterkeit allezeit durchstrahlt und durchtönt war und das soviel Liebe spendete. Und weiter dachte sie an das Gestirn ihres grossen Sohnes, die kleine Glutensonne mit ihrem rätselhaften Geflimmer aus Rot und Grün, aus Leidenschaft und Kühle, und wie dies seiner flammenden und keuschen Seele entsprach. Aber sein Stern lag nun mit dem goldstrahlenden ihres Vaters noch tief hinter Mitternacht, und wenn er ihr wieder erschien, war die Sommerherrlichkeit lange zu Ende, und er musste ihre Winternächte weihen. So wechselten die Lichter ihrer Lieben, und jede Jahreszeit hatte ihren besondern Stern. Nur einer stand unverrückbar über allen Zeiten und allen Nachtstunden, der rotleuchtende Stern ihrer Mutter, denn er hielt die Höhe des Firmaments.

Frau Marga erhob sich und neigte sich über die Laubenlehne hinaus, dem Sterne zu. Und wie nun die stete Glut seines tiefklaren Auges auf ihr ruhte, war es ihr, als ob sie sich vom Wesen der Mutter ganz durchdrungen fühlte, dieser wunderbaren Frau, die sie alle verehrten wie die Erhabenheit und liebten als die vertrauteste Freundin, die mit alttestament­licher Wucht Leben ordnete und schied und doch ihr eigenes allezeit der Liebe und der Güte folgen liess und deren feine Hand, von allem strengen Lebenswerke unvergröbert, mit derselben beschwichtigenden Liebkosung heute über das still erbleichende Haar der Tochter glitt wie einst über die mutwillig gesträussten Kinderlocken ...

Was ging nun über die Gnade, seine Eltern dann noch zu besitzen, wenn sich die eigenen Wege schon neigten, und die in Reife und Verständnis noch ganz zu umfassen, die einen umhüllten vom Anfang bis zum Ende der Tage. Wie wurde da das Wesen der Ganzheit offenbar und die Fäden, die Himmel und Erde, die Ewiges und Zeitliches verbinden ...

Das Glück einer übermächtigen Dankbarkeit machte Frau Margas Herz gross, dass sie die Enge der Laube nicht mehr ertrug. Leise schritt sie die kleine Vortreppe hinunter und dann gradeswegs über den weichen Grasbühl hinauf nach der letzten Höhe des Hügels.

Nun stand sie frei in der grenzenlosen Welt, und es war ihr zu Mute, als ob sie aus der vertrauten Heiligenkapelle in den weiten Dom getreten wäre, wo Gott selber spricht. Sie dachte nicht länger daran, im ewigen Sternenmantel der Nacht, der rings unermesslich in die tiefen Lande niederrauschte, nach den Gestirnen ihrer Lieben zu suchen. Sie schaute und war und wartete auf das letzte Wunder dieses Tages. Aber was da unendlich zu ihr drängte, das war nicht die Welt eines Baumes, war nicht die Pracht der abendlichen Erde, es war die Ewigkeit. Und sie bot sich dem ungeheuern Ansturm und gab ihre Seele frei, dass sie sich auflöste im All und im Unendlichen verging.

 

Die Sternenseelein auf der Erde waren schon lange verschwunden, und eben erlosch auch das Lichtviereck auf der Wiese, als Frau Marga langsam vom Hügel niederschritt. Ihr Nacken war gebogen, und die Hände hingen schmal zur Seite, als ob die wiedererwachte Endlichkeit des Körperlichen zur schmerzlichen Last geworden wäre.

Auf der Laube traf sie mit ihrem Gatten zusammen. Er ergriff ihre beiden Hände, und im ungewissen Schein des Sternenhimmels erschienen die seinen fast weiss über ihren sonnverbrannten Fingern: »Hast du die Probe bestanden und war es schlimm in der Einsamkeit!«

Sie lächelte: »Wohl glaube ich, dass ich bestund, und es war nicht schlimm, war Vorahnung des letzten Glückes, wenn unsere Engheit zerbricht und wir frei werden im Unendlichen. Aber Einsamkeit ist wohl nicht der Name, vielleicht: All-Einheit.«

»All-Einheit, Einswerden mit dem Unendlichen?« Er sah ihr in die erhobenen, glitzerigen Augen, und obschon sie in der Dunkelheit die seinen nicht erkannte, fühlte sie deren tiefen Blick. »Seltsam, wir gehen so verschiedene Wege, du und ich, und doch gelangen wir immer zum selben Ziel.«

»Vielleicht ist es das Ziel, und uns wird die Gnade, dass wir den Weg in der Zeit erkennen.«

Sie wandten sich noch einmal dem freien Himmel zu, und während er still ihren Arm umfasste, fühlte sie mit inniger Ergriffenheit, wie die Berührung dieser geliebten Hände immer noch dieselben seligen Schauer in ihr weckten wie am Tage der erwachten Liebe.

 


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