ngiyaw-eBooks Home


Ludolf Weidemann – Wintersturm

Ein Sang von der Ostsee – Gedichte

Ludolf Weidemann, Wintersturm, Ein Sang von der Ostsee, Alfred Jansen, Hamburg, 1905

Bei jedem Dinge muß die Absicht mit der
Torheit auf die Wagschale gelegt werden
                                        Shakespeare



Mein Lied

Ich malte Dichterbilder.
Wer gab mir die Farben zur Hand?
Du Ostseestrand, du wilder.
Du Dorf an Hügelsrand.


Auch du meine stolze Buche,
Du Tanne an sonniger Wand,
Ihr Erlen im feuchten Bruche,
Ihr gingt mir fleißig zuhand.


Ihr Vögel in den Zweigen
Ihr habt mit Musik mich geletzt
Und euer Singen und Geigen
Hab ich in Verse gesetzt.


Dich Sturm, der mit Brausgestöhne
Über die Ostsee ging,
Und der Wälder klagende Töne
In meiner Leier ich fing.


Du Mond in den blauen Weiten,
Der Erde stiller Trabant,
Du schwärmtest in meinen Saiten,
Du lustiger Dorfvagant.


Ihr Nächte auf leisen Socken
Und du Einsamkeit mir erwählt,
Ihr weißen Winterflocken
Was habt ihr mir alles erzählt.


Und was ihr mir gesungen.
Ich lauschte und nahm es hin.
Im Herzen hats nachgeklungen.
Dies Lied war mein Gewinn.




Sturmvogel




l.

Im Schneepalast traumbrütend ohne Schlaf
Liegt unterm Moos, das nie die Sonne traf.
Fern in Sibiriens eisumstarrter Runde
Der Vogel Sturm im tannenfinstren Grunde.
Da pocht es an das Tor – es ist der Tod.
»Wach auf, Gesell! sonst tagt das Morgenrot,
Rühr deine Schwingen, heb dich in die Weiten
Und heule Schrecken durch zerrissene Saiten.«
Der Vogel scheucht empor, er reckt die Glieder
Und streift den Schneeflaum von dem Graugefieder;
Er wetzt dem Schnitter gleich den krummen Schnabel
Und spreizt des Schweifes breitgeföhnte Gabel.
Ein schrilles Hui! – es ist sein Stoßgebet.
Er steigt ... er äugt ... der Flug gen Westen geht.
Er streckt die Krallen, bauscht das Federbanner
Und stürzt sich in den schneegedrückten Tanner.
Er bahnt sich Gassen mit des Halses Bug,
Manch stolzer Baum tat seinen letzten Zug,
Und auf der Wipfel faltenschwanker Leier
Spielt seinen Sang der Lüfte wilder Geier.
– Er läßt der Wälder Orgelmelodie,
Horcht nicht auf ihre Todessymphonie.
Er eilt davon, mit Pfeifen und Gestöhn
Jagt durch die Luft des Nordens grauser Föhn.
Dem Wandrer, der auf öder Steppe irrt.
Hat er das Haar und auch die Bahn verwirrt
Und läßt ihm in der Moore dürrem Ried
Erklingen sensenscharf sein Reiselied.
Der Riesenvogel stürzt mit Wutgeheule
Des Morgenhimmels feste Wolkensäule,
Und von der Sonnenburg reißt er die Zinnen
Mit frecher Fängenfaust – und eilt von hinnen.
Und über Städte, Dörfer, Weiler fortgerückt
Hat Ziegel er und Schindeln abgepflückt
Und in der Türme ragendes Gemäuer
Gräbt er sich ein wie in den Schacht der Häuer.
Der Krüppellärche und dem Moosdachhaus
Bläst er mit letztem Hauch den Atem aus.
Und auch der Mensch in seines Bettes Raume
Ist jäh erwacht aus seinem Morgentraume.


– – – – – – – – – – – – –


Die Tundra ist erreicht mit ihren Schilfmorästen
Und weiter geht der Flug – fernhin – gen Westen.




2.

Er hat des Urals Bergterrassen
Und Rußlands Steppenflur verlassen.
Noch ein Hui! – der Schwingen Segel
Senkt er zu einem Wasserpegel,
Sitzt nieder auf den Meeresbuhnen
Und ruht im Federbett der Dunen
Und brütet still. – Der Nebel braut.
Das Meer erklingt im Harfenlaut
Es trinkt der Ostsee blaue Flut
Der Morgendämmrung erste Glut. – –
Dann plötzlich springt er jäh empor
Und drängt sich durch des Südens Tor.
Er stößt ins Meer, packts mit den Fängen
Und läßt es in den Lüften hängen.
– Es brüllen laut des Abgrunds Tiefen,
Die Geister, die am Grunde schliefen –
Zerreißt die Segel sturmverblaßt.
Des Schiffers Herz erstarrt am Mast,
Und der Barkasse leicht Gefährt
Hat er mit Todeslast beschwert.
Er heult und taumelt wie ein Zecher,
Der ausgeleert den Taumelbecher.
Mit Adlerkraft sein Schwingenpaar
Zerzaust der Wogen Strähnenhaar.
So über Berg und über Tal
Hinzuckt er wie ein Wetterstrahl;
Gespenstisch fällt des Vogels Schatten
Fern über Schwedens Tannenmatten.


              * * *


Und immer neu schwingt er die Kralle,
Es wird das Meer zum Wasserfalle.
Er stößt die Nacht von ihrem Throne,
Reißt ihr vom Haupt die Sternenkrone.
Den Morgenstern, des Meeres Hort,
Scheucht er in graue Nebel fort.
Es rüttelt an das goldne Gitter
Des Monds das schwarze Ungewitter
Und treibt mit wildem Drohgebraus
Den Hirten Mond ins Wolkenhaus.
Er sprengt dahin, das Meer sein Roß,
Eisnadeln, Schlossen und sein Troß.
Er jauchzt – und gluckst – und bläst – und geigt,
Die Tänzerin Flut ihm entgegensteigt,
Bis rings der Wellen schäumender Kreis
Im Tanzeswirbel erstarrt zu Eis.
Ein letztes Pfeifen – noch ein Juchhe
Durchschrillt das Totenfeld der See,
Und in der Töne höchstem Diskant
Setzt er den Fuß auf deutschen Strand.




3.

Der Morgenröte Purpurstreif
Sieht Busch und Baum im Silberreif.
Der Wald, die Flur, das ganze Land
Prangt in des Winters Stahlgewand.
Ein Dörflein liegt an Hügels Rand,
Steigt mählich ab zum Meeresstrand.
Kein Kirchlein ragt, der Andacht Herz,
Es hängt nur einer Glocke Erz
Im Holzgebälk. Und der sie gab
– Gott lohn es ihm dereinst im Grab –
Was tief verborgen im Seelenschrein,
Dem wollte er die Zunge leihn.
Der Vogel Sturm kommt mit Gebraus,
Umsaust das schwanke Glockenhaus
Und greift nach beiden Glockensträngen,
Den eisumstarrten, mit den Fängen.
Er springt behend von Dach zu Dach
Und jagt dem Wirbelrauche nach.
Und an der Häuser Strohdachschrägen
Hört man ihn brechen, hämmern – sägen.
An jedem Dach das Dorf entlang
Glänzt silberhell der Eisbehang.
Der Erker prunkt in Tropfsteintroddeln,
Das Brunnenrohr in Eisbärzotteln.
Er malt aufs Fenster Laub und Blume,
Betupft die schwarze Ackerkrume.
Glasaugen gibt er Weg und Wies,
Diamanten funkeln im Heideries.
Der Bach erstarrt im Panzerhemd,
Da ward ihm Lied und Lachen fremd;
Und auf des Weihers Eiskristall
Klingt scharf des Stahlrufs Widerhall.
Die Birken und Buchen in den Hagen
Wie starre Geisterbesen ragen.
Es klettert am Stamm der dürren Fichten
Der Schnee in harten Wellenschichten.
Die Weide, die struppige Bettlerin,
Streckt flehend dem Wandrer die Arme hin.
Entblättert, zersaust am Grabenrand
Liegt der Brombeer, der Rehe Schlaraffenland.
Es flieht aus ihrem Waldrainbette
Der Hühner enggeschmiegte Kette.
Dem Hause nahe späht der Rabe
Und wartet auf die Menschengabe.
Im niedren Buschhang Fink und Meisen
Flüstern vom Winter in Klageweisen,
Und selbst der Straßenvagabund,
Der schwätzige Spatz hält seinen Mund.
Kein Laut allrings – kein Rüde bellt.
Im Winterweh die ganze Welt.




Die Dorfkranke




1.

Mütterchen, Mütterchen, bist du erwacht?
Hörtst du den Sturm nicht der letzten Nacht?
Deine grünen Fensterladen
Sind bestreut mit weißen Fladen.
Siehst du nicht die Flockenhetze
Durch der Dämmrung Fädennetze?
Ruhst du noch auf weichem Pfühl ?
Draußen weht der Wind so kühl.




2.

In der strohbedachten Hütte,
Nah des Dorfes Glockenhause,
Sitzt die alte schwache Mutter
In der engen Krankenklause.
Welk ihr Antlitz, und die Zunge
Haftet trocken ihr im Schlunde,
Zahnlos murmelt sie und flüstert
Mit dem nimmermüden Munde:
Wie eng die Brust und wie eng die Welt,
Wenn der Wintersturm uns gefangen hält.


Und es sitzt die Alte nieder
Auf der schmalen Ofenbank,
Lauscht wohl auf die Sumselieder,
Die der Kessel leise sang.
Und sie beugt die dürren Glieder
Zu der warmen Feuerstelle,
Und auf ihre Augenlider
Fällt des Herdes Funkenwelle.
Wie eng die Brust und wie eng die Welt,
Wenn der Wintersturm uns gefangen hält.


Und es ziehn des Rauches Räder
Wirbelnd zu dem Rauchfang hin.
Daß ihr Leben auch verrauchte.
Geht ihr schweigend durch den Sinn.
Was sie hoffte, was sie liebte:
Mann und Kind dahingerafft.
Einsam ihre Seele trübte
In des Winters Kerkerhaft.
Wie eng die Brust und wie eng die Weit,
Wenn der Wintersturm uns gefangen hält.




Die Schmiede




1.

Hei seht den Funken sprühen.
Der sich vom Eisen schied,
Die Flammenlohe glühen
Da drinnen bei dem Schmied.


Der Blasebalg mit Zischen
Fährt in die Kohlenglut,
Raketen wirft dazwischen
Die knisternde Funkensprut.


Und durch die Esse bellend
Pfeift der Sturm sein Lied.
Mit Donnerschlägen gellend
Begleitet ihn der Schmied.


Der Meister im Schurzfelle
Schlägt mit dem Hammer drein.
Es fallen auf der Stelle
Gesell und Bursche ein.


Und pinge pang und pinge pang
So schallts das ganze Dorf entlang.
Und ob der Schmiede Melodei
Freuen sich die schwarzen Drei.
Pinge pang
Das Dorf entlang.




2.

Meister, mein Roß, es scharrt am Pfahl,
Will zum Tanz in den Flockensaal.
Kommt und hobelt ihm die Hufen,
Eispolierte Gassen rufen.


Die Schellen läuten, die Peitsche knallt,
Von Haus und Flur es widerhallt.
Und hinter den Kufen bliebt Weh und Leid.
Der Winter ist doch eine schöne Zeit.




3.

Herr Schmied, Herr Schmied, seht unsern Schlitten,
Er ist geborsten in der Mitten;
Kommt schnell mit Haspel und mit Feile,
Ach sputet Euch, wir haben Eile.


Der Bresten ist gar halb geheilt.
Die Kinder sind davon geeilt,
Die Wangen rot und die Augen hell.
Der Winter ist doch ein froher Gesell.




4.

Dir Schmied, dem rußigen Schmiede,
Bin ich von Herzen hold.
Du schmiedest glühendes Eisen
Und ich mein Liedergold.


Du streust die hellen Funken
Hinaus auf weißen Schnee,
Und ich, ich werfe Lichter
Auf dunkles Erdenweh.


Du schaffst die sichren Werke
Mit nervigtem Arme dir.
Ich schaffe nicht ich ruhe.
Ein Geist der schafft in mir.


Du hämmerst das harte Eisen,
Gibst ihm metallnen Schliff.
Ich greife in die Lüfte
Mit trunknem Geistergriff.


Wie stehst du vor deiner Schmiede
Im Wetter so kühn und frei.
Mich treiben die Winterstürme
In meine Siedelei. –




Wegweiser

Wegweiser, herrischer General,
Wie stehst du einsam jetzt und kahl
Am Feldweg hinter der Kate.
Kein Wandrer dein Soldate.


Eine Krähe nur sturmgebauscht
Ist an dir vorbeigerauscht.
Krächzend im heiseren Tone,
Als krächze sie dir zum Hohne.


Aus des Abends Zitterluft
Sinkst du in die Wintergruft,
Flehender Gebärde:
»Nimm mich mit zum warmen Herde.«




Am Scheunentor

Am Scheunentor im Flockengestieb,
Da stehen zwei und haben sich lieb.


Wie Mauerblümchen an verschwiegener Wand,
So stehn verschlungen sie Hand in Hand.


Ob draußen die brandende Woge sich türmt –
Da drinnen im Herzen hats ausgestürmt.


Ob der Morgen grau, Nachtschauer ziehn –
Zwei Sonnen ineinander glühn.


Ob fröstelnd vom Scheunentor zittert das Licht –
Die Liebe, die Liebe, sie wintert nicht.




Morgenmusik

Der Dachfirst knarrt.
Der Huf scharrt.
Die Hühner gakeln.
Enten orakeln.
Die Taube girrt.
Dem Euter entschwirrt
Der zischende Strahl
Zum Eimerpokal.
Die Magd an der Kuh
Summt ihr Liedchen dazu.
Durch Fugen und Ritzen der Sturm dirigiert
Und mit vollen Backen den Taktstock führt
Zum Tanz auf der Tenne Lehmmosaik:
Das ist des Winters Morgenmusik.




Storchnest




1.

An der Scheune unter hängendem Dach
Sinnt eine Magd dem Schneesturm nach.
Dirne, was hüpft wie ein Schiffchen dein Traum?
Webst du sein Bild in den Flockenschaum?
Hat dein murmelnder Mund vertraut
Ein süß Geheimnis der Windesbraut?
Hüte dich Dirne, der Buhler Wind
Hat betrogen schon manches Kind,
Und der schlackernde Winterschnee
Schmilzt viel schneller als Liebesweh.
Geh zum Herd auf wärmender Diele,
Daß deine Lieb mit der Flamme spiele.
Sieh, da zerbirst
Oben am First
Eines Storches Sommerschloß
Von des Sturmwinds Luftgeschoß.
Mit Gekrache
Und mit Heulen
Stürzen vom Dache
Zerschmetterte Säulen.
Und ein Pfeiler zischt hernieder
Just der Dirne ins atmende Mieder.
Purpurgluten züngeln empor.
Lachend ruft einer vom Scheunentor:
Eia Popeia!




2.

Wo Nilfluten träg sich wälzen,
Auf rotgenetzten Stelzen
Steht ein Storch im weichen Schlamm.
Dumpfes Mittagsglühen,
Schlummerwellen ziehen
Durch den weißen Federkamm.


Storch, was reckst du die Glieder?
Fuhr dir ein Pfeil ins Gefieder
Aus dem Palmendach?
Kamen Ostseewogen
Aus kaltem Norden gezogen
Und schäumten dich wach?
Wundervogel am weißen Nil,
hochgestelzt auf rotem Pil,
Tut dir das Herz weh?
Schnabelprophet
Was hat dein Auge erspäht?
Brennt dein Schloß an der Ostsee?




Der Urlauber




1.

»Mutter, was schaust du so oft nach der Uhr?
Was fingerst du weinend die Schürzenschnur?
Frisch, den Abend noch ausgenutzt
Und den Weihnachtsbaum geputzt.
Und vor allem mit dem Puster
Hinein in den Ofen!« So spricht der Schuster,
Hängt Ahle und Knieriemen
An die hölzernen Pfriemen,
Tritt zur Tür und horcht hinaus
In das Wogen- und Flockengebraus.
Draußen harft der Sturm seine Mette.
Frau Holle schüttelt ihr Federbette
Und die losen Daunen zur Erde krümt.
Der Maler Frost die Fenster blümt.
Die Bäume stammlos im Dämmer hängen.
Die dürren Äste ins Leere hängen.
»Vater, mir ist das Herz so schwer.
Unser Junge kommt so weit von Danzig her
Und hör ich die Ostsee brechend schallen,
Mir klingt es dumpf wie aus Totenhallen.
Ich weiß es nicht, was hab ich nur«
Und wiederum schielt sie nach der Uhr –
»Sieh nur da draußen das Schneegestiebe.
Ach daß er unter sichrem Dache bliebe.«
Der Schuster schweigt und bohrt ins Dunkel
Das Auge, doch nirgends ein Lichtgefunkel.
»Er wird nicht durch Nacht und Sturm jetzt schreiten,
Eine warme Decke wird ihn bespreiten.
Und nun sei ruhig, kein traurig Gesicht!
Unser Herrgott verläßt den Jungen nicht.
Umgrinst uns die Nacht wie ein schwarzer Bär,
Und brüllt wie ein Löwe das giere Meer,
Laß rasen den Sturm um den schmalen Giebel.
Mutter, komm her, wir lesen die Bibel.«




2.

Urlauber, geht nicht! Ich bitt Euch drum.
Kein Hund geht hinaus. Der Tod geht um.
Seht wie der Schnee sich spitzt zum Turm
Und Mauern schichtet der Wirbelsturm.
Bleibt hier zur Nacht! und morgen, wenns graut
Und der junge Tag in die Fenster schaut,
Dann Urlauber geht, dann könnt ihr sein.
Eh der Christbaum lichtert, beim Mütterlein.
Der Wandrer im Winter den Tag sich lobt,
Hört ihr, wie es pfeift und schnobt.




3.

Der Tanne ist das Wandern fremd.
Die Tanne in ihrem Totenhemd
Steht schläfernd am Wege zur Linken.
Und zur Rechten aus dem schwarzen Moor
Glasen dunkle Augen hervor.
Wandrer, Verderben sie blinken.


Der Wind, der gellende Wind er rief:
»Schon mancher bei den Tannen schlief,
Der nie zur Sonne erwachte.
Flüchte dich, Mann mit dem eilenden Fuß,
Das Moor gab manchem den Todeskuß«
Gellte der Wind und lachte.


Saß ein Fuchs unter buschiger Laube,
Sah im Traum eine reife Traube,
Schnalzte mit der Zungen.
Schau ihn nicht an den lauernden Blick,
Sonst kehrst du nie zur Mutter zurück.
Weite und breite die Lungen!


Und eine Stimme im Wandrer pocht:
»Eh das Öl erlischt im Docht,
Spanne die nervigten Sehnen.
Aug halte Wacht und Fuß sei stark,
Dränge nach vorne Lebensmark,
Wie auch die Felder sich dehnen«.




4.

Ein Hasel flüstert der Haselin zu:
»Da sucht einer auf unsrem Lager die Ruh.«
Der Efeu lispelt: »Die schneeigte Mahd
Hat einem zur Heimat verlegt den Pfad.«
Die Rispe raunt: »Den Schuh er zwängt
Vom brennenden Fuß und der Schweiß sich drängt.«
Und es fällt in den Chor und singt der Wind
Das letzte Lied einem sterbenden Kind.
Mütterlein, schaust noch oft nach der Uhr.
Da liegt einer und schläft auf der Winterflur.




Die Schleisterbahn

Die Schul ist aus.
Kinder, geht jetzt still nach Haus! –
Ah, blanke Bahnen geistern.
Da müssen Kinder schleistern.
Klipp, klapp.


Dezembereis.
Flur bestreut mit Zuckerweiß.
Knab und Mädchen um die Wette
Reihen sich zur Schleisterkette.
Klipp, klapp.


Der Abend flinkt.
Näschen hell wie Mondlicht blinkt.
Röckchen fliegen, Mäulchen plappern.
Holzpantoffel klippern und klappern.
Klipp, klapp.


Die Tafel brach.
Morgen ist ja Weihnachtstag.
Und die Engel, die uns singen.
Werden eine neue bringen.
Klipp, klapp.




Im Krug

Versunken im Schnee der Ackerrand.
Wild kreisen des Himmels Bogen,
Und mit weißer Geisterhand
Kommt der Schneesturm vom Meere gezogen.
Drinnen im Krug zum grünen Kranz
Feiern die Fischer den Weihnachtstanz.
Die Bänder fliegen, die Hauben,
Laßt den Sturm um die Ecken schnauben.


Die Fidel kratzt
Die Tuba tönt
Der Brummbaß ratzt
Die Bohle dröhnt.


An lichternden Fenstern
Vorbei gleich Gespenstern
Huschen die Paare
Mit flatterndem Haare.
An den Wänden sitzen die Schauben,
Laßt den Sturm um die Ecken schnauben.


Der Dorfteich mit dem Erlenbusch
Und der Stumpf der knorrigen Weide
Sie tanzen mit im Wirbelhusch
Und fackeln über die Heide.
Was will der Sturm, der Nachtgesell?
Heut ist das Dorf so freudenhell
Beim lichten Blut der Trauben.
Laßt den Sturm um die Ecken schnauben.


Ein Reiter kam herangesprengt
Der schob sich den Sturm von den Straßen.
Er hat sich in den Saal gedrängt
Und brüllte donnermaßen:
»Auf dem Meere fiedelt der Geiger Tod
Er lockte sich reiche Beute
Ein fremder Schoner keucht in Not.
Herbei, ihr Fischersleute.«
– Bum! ein Schuß! –
Nun rette, wer da retten muß.


              * * *


Die Fidel schweigt
Die Tuba stummt
Die Baß sich neigt
Und steht vermummt.


              * * *


Verschwunden alle, die da kamen.
Der Sturm lärmt fort im wilden Schrein,
Und durch die engen Fensterrahmen
Lugt horchsam schwarze Nacht herein.


              * * *


Am nächsten Morgen der Ost im Brand,
Die Schrecken der Nacht entweichen.
Da tanzen Trümmer an den Strand,
Auf den Wellen Fischerleichen.




Weihnacht

»Mütterchen, Mütterchen, bist du erwacht?
Hörtst du den Sturm nicht der letzten Nacht?
Schieb doch eilends auf den Riegel!
Bring die Milch dir in den Tiegel.
Bin ja das kleine Waisenkind.
Mach doch auf! – mich friert – geschwind!«
Und die Alte schürt die Kohlen,
Schlürft herbei auf filzger Sohlen.
Und herein mit lachendem Sinn
Tritt die kleine Schaffnerin.
»Hu, wie kalt – nur schnell zum Herd
Und die lechzende Flamme genährt.
Mütterchen, weißt du, was heute ist?
Heute kommt ja der heilge Christ.
Hinter des Krämers kleinen Blenden
Hingen Puppen an den Wänden,
Nüsse sah ich und goldigen Schaum
Und einen brennenden Tannenbaum.
Schafe und Lämmer im wolligen Vließ
Und den Knecht Ruprecht vom Paradies.
Ob er sich wohl auch zu uns verirrt,
Herberge bei uns nehmen wird?
Ach wer denkt an das Waisenkind,
Wenns nicht die lieben Engel sind.«
Horch! Da klingt es vom Gebälke.
Lebendig wird das Holz, das welke,
Und über der Hütte morsche Schwelle
Flutet der Glocke lebendige Welle.
Aus vollen Registern jauchzt der Ton
Von einem himmlischen Gottessohn,
Der den Elenden sich zugesellt.
Des Leides dunkelste Kammer hellt
Und in des Todes Winternacht
Den ewigen Frühling hat gebracht.
Wie die Nacht abstreift ihr Schattengewand,
Mit Gold umsäumt ihren Purpurrand,
So verklärt der Weihnachtsglocken Geläute
Zum ewigen Morgen das flüchtige Heute.
Die beiden haben sich angefaßt.
Der heilige Christ war bei ihnen zugast,
Und des Himmels ganze Seligkeit
Breitet sich über Weh und Leid.
Denn über Sturm und Erdenschmerz
Siegt ein gläubig frohes Herz.




Sturmvogels Abzug

Wo ist der Sturm geblieben,
Der tollte durch die Nacht?
Ihn hats davon getrieben.
Sein Werk, es war vollbracht.
Verstummt die Taumellieder,
Der Flockenwirbel Reiz,
Er lenkt sein Sturmgefieder
Gen Süden nach der Schweiz.


Dort in dem höchsten Forste
Auf eines Berges Stirn
Sitzt er im Königshorste
Hoch überm Gletscherfirn.
Sendbote ist der Geier,
Lawinen sind sein Troß,
Der Föhn ist seine Leier,
Die Wolke sein Spielgenoß.


              * * *


Wer lugt da aus der Hecke,
Der Dornenhecke dicht,
Mit veilchenblauen Augen,
Mit Augen sanft und licht?
Das ist der Lenz, der kluge.
Er flehte mit Seherblick:
Bald kommt auf seinem Zuge
Der Vogel Sturm zurück!




Frühlings Einzug

Der Märzschnee schmolz. Sieh da, der Lenz.
Nun laß die Finger gleiten.
Die schönsten Weisen ihm kredenz!
Wacht auf, ihr goldnen Saiten.


Das Winterweh ist ausgelitten.
Es naht der Lenz im Siegeslauf,
Und unter seinen Rosentritten
Sprießt rings ein bunter Teppich auf.


Es schwirrt und blitzt auf allen Bahnen,
An Hecken, Steg und Dorfesrain.
Es spinnt ein süß Geheimnisahnen
Das Herz in seine Schleier ein.


Des Tauwinds eilende Karosse
Fährt brausend durch des Morgens Tor.
Zum Strome breitet sich die Gosse.
Das Dorf umhüllt ein Regenflor.


Und wie er schwebt auf leichtem Flaume,
Küßt er die ersten Blumen wach.
Sie schaun ihm wie erweckt vom Traume
Mit ihren Kinderaugen nach.


Und hinterdrein erscheint Frau Sonne,
Sie hält die Frühlingswegeschau,
Ihr Strahlenbesen fegt in Wonne
Das letzte Naß von Flur und Au.


Der Farn entschlüpft der welken Hülle,
Schon regt sichs hinterm Weidenbast,
Und zu der Kronen schwellender Fülle
Klettert der Saft in flinker Hast.


Der Falter schwirrt, der Lüftezecher,
Wie trunken durch den Sonnenschein.
Die Biene leert den Honigbecher,
Libellen blitzen querfeldein.


»Hei!« jauchzt der Bach, ein Eisbefreiter,
»Zu leben ist doch eine Lust!«
Und hüpft und lacht und stürmet weiter
Ins Meer an seiner Mutter Brust.


Es öffnen sich der Häuser Zellen,
Des Winters bange Sorge wich.
Es trinkt des Lebens warme Wellen,
Was krank sich durch den Winter schlich.


Bald tönt die Fiedel auch zum Neigen,
Die Kinder schwingen sich im Tanz.
Die Wangen sich zu Wangen neigen
Im Ringelrangelrosenkranz.


              * * *


O Frühlingswelt, du schönste der Welten,
Wohin auch das Auge sich verlier.
Unter deinem Dache will ich zelten.
Du meiner Seele Jagdrevier.




Starenpaar

Zwei Stare kamen von Süden
Geflogen ins alte Haus
Und putzen ohn Ermüden
Die alte Wohnung aus.


Es fliegen um die Wette
Die beiden aus und ein.
Sie rüstet das Wochenbette
Und er den Küchenschrein.


Sie sitzen beisammen und singen
Froh in die Welt hinein.
Man kann auch beim Geringen
Zufrieden und glücklich sein.


Doch eines Tages – vor der Türe –
Da kraut sich der Star hinterm Ohr:
»Frau, tritt einmal herfüre,
Mir kommt was komisch vor.«


Sie beugt sich aus dem Neste,
– Verspeiste just einen Wurm, –
Er tippt ihr auf die Weste:
»Ich glaub, es gibt gleich Sturm.


Es tut doch niemals frommen.«
So spricht er mit Bedacht,
»Das allzufrühe Kommen.
Es schneit! – Nun, Lenz, gute Nacht!«




Sturmvogels Wiederkehr

Horch, durch die Lüfte klingt es hohl.
Wie Geisterrufen: fahr wohl, fahr wohl!
Wer überrauscht in wilder Jagd
Die schlummertrunkene Frühlingsnacht?
Der Vogel Sturm, der schwirrende Kreise
Heimwärts zieht zur Nordlandsreise.
Verladen von allen
Seinen Vasallen
Ein thronloser Held
Durchstürmt er die Welt.
Es zittert das Dorf an des Hügels Rand,
Es bauscht und baucht sich der schlängelnde Strand.
Die Ostsee dämmt – er will hindurch
Vorbei an des Leuchtturms Flammenburg.
Da packt es ihn an wie Geisterhände,
Ihm starren und barren die Wolkenwände.
Hoch bäumt sich auf des Vogels Gestalt,
Und er krallt in die Mauer den tiefsten Spalt,
Die Wolkenschrunden stürzen in Fetzen
Die graue schlinggierige Flut zu letzen.
Es kocht das Meer – es keucht der Wald,
Und sieh! – da springt aus dem Hinterhalt
Der Tauwind und packt seiner Schwingen Rand,
Er fährt dem Sturm ins Federgewand,
Und da, wo der Rist sich zum Nacken hob,
Mit Pfeifen und Zischen er ihn umschnob.
Er schleudert ihm in des Bauches Flanken
Die Wucht der geschmeidigen Pardelpranken.
Und lauter zischen des Tauwinds Pfeile
Und lauter des Sturmwinds Donnerkeile,
Dazwischen ein lachendes Wolfsschluchtsgellen,
Ein Klingen und Klirren von Schlittenschellen,
Ein Hingen und Singen und Sichverschlingen
Ein Tausendmühlenräderschwingen.
Wie Geier gierig die Beute umkreischen,
Hyänen sich um die Leiche zerfleischen.
So stürzen zusammen, stauen und knäulen
Tauwind und Sturm mit Zetern und Heulen.
Die Federn stieben – und krallumschlungen
Haben auf Tod sie und Leben gerungen.


              * * *


Erloschen ist der Sterne Licht,
Nur der Abendstern schloß sein Auge nicht.
Er steht, der Nacht getreuer Wardein,
Auf seiner Sternenzinne ganz allein.
Und als er durch einen Wolkenspalt
Erschaut des Sturmes Obgewalt
Und wie des Tauwinds Pfeile flauen,
Der Sturm sich wetzt die gestumpften Klauen,
Besteigt er stracks sein Silberroß
Und trägt die Meldung ins Sonnenschloß.
Er kehrt zurück – und neben ihm ritt
Die Morgenröte im Sturmesschritt.
Und hinter ihr über das Wolkengrat
Kommt die Königin Sonne auf erleuchtetem Pfad.
Ihre Rosse gezäumt in Purpurschabraken,
Von der Wolkenstraße stieben die Schlacken.
Es erstrahlen vor ihrer glühenden Helle
Umsäumt die Rubinen die Wolkenbälle.
Sie zündet die Wälder zum Flammenscheit,
In Gluten brennt des Meeres Gebreit.
Sie erhebt ihren goldnen Führerschild,
Ihr Strahlenheer stürmt kampfeswild.
Und mit dem Tauwind schnell vereint
Stürzen sie sich auf den grausen Feind.
Es fliegen die glühen Sonnenpfeile
Und zerschmettern des Sturmes Donnerkeile.
So zwischen Tauwind und Sonne geklemmt
Vergebens der Vogel zur Wehre sich stemmt
Das Banner sinkt – wie des Stromes Prahm
Schwebt schweren Flugs er, flügellahm
Und weidewund und hautzerschunden
Hat er den Weg zum Meer gefunden.
Eilt heim zu seiner Burg im Norden.
Und der Lenz ist wieder König worden.




Die Vogelkapelle

Die Sonne macht ihre Mätzchen
Und flutet in welligem Schein.
»Kommt ihr nicht mit, Frau Spätzchen?
Es gibt Musik im Hain.
Frau Amsel, Bachstelz, Finke,
Sie trugen schon jubelfroh
Die Pauke und die Zinke,
Die Flöte, Baß, Oboe
Sie wollen sich postieren
Da hinten an dem Bach.
Das Zelt zum Musizieren
Steht unterm Buchendach.«
Und alles, was Musik begehrt.
Das macht sich auf zum Waidkonzert.
Und als die Sänger aufmarschiert.
Frau Nachtigall laut intoniert.
Und über die Frühlingshalde
Klingts frisch und heil vom Walde.
Der Kiebitz der Pedante
Taktet mit dem Kopf.
Waldtaube, die alte Tante,
Girrt aus vollem Kropf.
Auf ihrer Töne Leiter
Klimmt die Lerche empor
Und weiter immer weiter
Bis an das Himmelstor.
Am Baumstamm paukt mit Hämmern
Der Specht, der fleißige Schmied,
Und in dem Morgendämmern
Rohrdommel brüllt ihr Lied.
Die scheue Wiesenralle
Wie eine Ziege meckt,
Rotschwänzchen die Vögel alle
Zur Morgenreveille weckt.
Eisvogel spielt Querflöte,
Die Wachtel ruft zum Gebet,
Und in der Morgenröte
Der Storch sich klappernd ergeht.
Auch der Pirol, der Falbe,
Ist Meister der Flötenkunst,
Und zwitschernd schwebt Frau Schwalbe
Durch blauer Lüfte Dunst.
Der Reiher im Silbergefieder,
Zaunkönig, der Däumling im Chor,
Der Fink im roten Mieder
Vertreten den Heldentenor.
Der Kuckuck, der faule Geselle,
Er fällt stets hinterdrein.
Das ist die Vogelkapelle,
Sie läutet den Frühling ein.




Das Fischerweib

Die Sonne küßt die Erde mild.
Ein Engel geht durchs Frühlingsgefild.
Des Waldes Haupt neigt sich zur Ruh,
Der Abendfrieden deckt ihn zu.
Wie an der Mutterbrust ein geängstet Kind,
So Meer und Wald entschlummert sind.


Nur unter der Fischerhütte Rampe
Brennt die ganze Nacht die Lampe,
Ein junges Weib trinkt aus schwarzem Pokal
Den ersten Trank der Witwenqual.
Sie hatte gefleht: »Der Sturm bringt dir Tod«.
Der Fischer lachte: »Das hat keine Not.
Der Gott, der Stürme und Meere schuf,
Schützt auch der Fischer fahrsamen Beruf.«


Und er fuhr hinaus in die wogende See,
Das ward seinem Weib zum bittersten Weh.
Auge und Seele in eins versunken
Weinen ins Meer, wo ihr Glück ertrunken.
– Wintersturm was hast du vollbracht
In einer einzigen Frühlingsnacht.




Der sterbende Krieger

Um junge Knospen quillt der Tau,
Osterklänge steigen.
Und des Himmels reines Blau
Will zur Erde sich neigen.
Frühling führt mit leichter Hand
Seinen Zauberpinsel,
Und das ganze weite Land
Eine Maieninsel.


              * * *


Sturm!
Mit der Faust des Hünen
Fegt er die Dünen.
Wurm,
Wer ihm Fesseln legt.
Unentwegt
Bricht er mit wilder Gebärde
In die Wolkenherde,
Wirft die breite Wucht in die Wogen,
Auf kreischt es zum Himmelsbogen.
Wie ein Tiger jach
Schlägt er die Krallen ins Hüttendach
Bohrt,
Zerrt am starren Ret,
Steht, späht,
Brütet Mord
Und stürzt von hinnen.


In der Fischerkate drinnen
Auf gestrohtem Lager
Bleich und hager
Liegt ein Greis,
Ein alter Krieger, s ist lange her,
Ein alter Achtundvierziger,
Und atmet leis.
Die Pulse jagen auf und ab.
Es reitet ein Reitersmann ins Grab.


Beim Fenster an getünchter Wand
Hängt ein Kreuz am Ordensband.
Blau, weiß und rot sind seine Farben.
Dem Krieger ins Gesicht
Funkendicht
Sprühn sie plötzlich Feuergarben.
Sie schleudern der Erinnerung Hammer
An die geschlossene Herzenskammer.
Der Greis erwacht
In der Idstedtschlacht.
Rossegestampf,
Pulverdampf
Umwirbeln ihn.
Regimenter ziehn.
Der Greis fängt an zu kommandieren:
Dragoner, vorwärts .... avancieren!
Jäger, .. Kameraden .... tapfer gerungen!
»Schleswig-Holstein meerumschlungen«
Protzt ab ... gebt Feuer! ... Unverzagt! ....
»Bis ein schönrer Morgen tagt« .....
Was? war sollen die Schlacht verlieren?
Sollen reti .... retirieren?
Ha – Tod – tatst um die Brüder werben ....
Und ich – ich sollte nicht sterben .... sterben? ....
Still sein Mund.
Der Geschütze ebener Schlund
Schweigt,
Der Greis sein Haupt zum Kissen neigt.
Und wie ein milder Abendschein
Bricht es über ihn herein. – –
Was schaut er dorthin so starren Blicks?
Beim Fenster hängt ein Kruzifix
Schweigsam an der weißen Wand,
Geschnitzt von seiner jungen Hand.
Und sieh, von den Wänden, den kahlen,
Aus Rosenwolkenspiralen
Quirlen selige Bronnen.
Selige Wonnen
Sonnen ihn an.
Und über Anger und blumiger Wies
Vom leuchtenden Himmelsparadies
Schreitet heran
Der Mann der Schmerzen,
Der Fürst der Herzen,
Beugt sich nieder,
Legt ihm die weiche Hand auf die Lider,
Wischt von den Wangen heiß
Den tropfenden Todesschweiß
Und flüstert ihm zu:
»Streiter, in mir hast du ewige Ruh«.


Die Wanduhr tickt,
Der Pendel nickt,
Palmen fächeln.
Auf seinem Angesicht seliges Lächeln.
Die beiden Kreuze von Holz und Erz
Legen sich ihm sanft aufs Herz.
Er faltet die Hände.
Es ist zu Ende.
Viktoria!
Der Sieg ist da!


              * * *


Es blasen Fanfaren,
Mit fliegenden Haaren
Springt ein Sieger über den Klee.
Winter ade!
Frühling, Frühling, wie bist du schön
Mit deinem Singen und Weben.
Wir wollen bei dir zur Tafel gehn.
Leben wollen wir – leben.




Winter ade!

Ringsum die Flur in Wonne kreist.
Der Wintersturm ist abgereist.
Es raunen lichte Tannen:
»Der Sturm er zog von dannen.«


Es hüpft und scherzt und ruft der Bach
»Ade, Herr Sturm, ade!« ihm nach.
Goldkäfer an der Erden
Schaut auf: »Was mag da werden?«


Waldmeister, Klee und Thymian
Ziehn ihre Sommerjäckchen an.
Das Veilchen flüstert leise:
»Herr Sturm, wünsch gute Reise.«


Und Kinder jubeln: »Wald und Meer
Kommt alle her, kommt alle her.
Stimmt ein in unsre Lieder:
»Herr Sturm, auf Nimmerwieder.«




Die Waise

Heut läuten die Glocken im Feierton
Zum Tag der Konfirmation.


Und wie die Klänge flurwärts hallen,
Die jungen Christen zum Kirchdorf wallen.


Und Wald und Wellen jubeln im Chor.
Ein Auge nur hüllt der Trauerflor.


Der Wintersturm brach in die Herdstatt ein
Und legte die Alte in den Totenschrein.


Die kleine Waise betet am Sarg,
Der auf der Welt ihr Liebstes barg.


Sie schließt ihr sanft die Augen zu
Und schmückt mit Blumen die schmale Truh.


Sie perlt aufs weiße Totenkleid
Den Tränenzoll der Dankbarkeit.


»Ach Mütterchen, du ließt mich allein.
Nun werd ich ganz verwaiset sein.


Du aber, du – ich kanns dir entlesen.
Auf deinen Zügen steht: Genesen!«


Und sie legt auf die Brust den Veilchenstrauß
Und küßt – und weint – und geht hinaus.


Doch draußen der liebe Sonnenschein
Schaut mild wie Gottes Auge drein,
Der Zukunft Schleier wird licht und helle
Es lacht des Lebens rosige Welle,
Und ein Vogel singt vom Apfelbaum,
Singt hinein in ihren Morgentraum:
»Das ist des Lebens Trostbeschluß:
Im Totenschrein ein Himmelskuß.
Im bleichen Schattenhemd der Tod,
Doch hinter ihm das Morgenrot.
Und aller Stürme Ziel hienieden:
Durch Erdensturm zum Himmelsfrieden.«

ngiyaw-eBooks Home