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Maximiliane von Weissenthurn – Die Tragödin.

Novelle

Aus: M. v. Weissenthurn, Eine Mädchentorheit / Die Tragödin, Sonnemann-Verlag, Halle (Saale), 1925


I.

»Lieber Freund!


Ja! Mit diesem einen kurzen Wort besiegle ich vielleicht mein Lebensschicksal und das Ihre! Ob zum Heil oder zum Verderben . . . wer weiß es? Wer kann in die Zukunft blicken? Sie haben mir die Ehre erwiesen, um meine Hand anzuhalten, und nach langem Überlegen nehme ich die Werbung an, aber es kann nur bedingungsweise geschehen. Obwohl ich dem Theater angehöre und Komödienspiel mein Beruf ist, bin ich doch immer eine fanatische Anhängerin der Wahrheit gewesen. Ich will es auch jetzt bleiben und Sie genau über mein Empfinden orientieren.

Ich liebe Sie nicht und werde Sie wahrscheinlich auch nie lieben lernen. Ich gehe in meinem Berufe auf; er erfüllt und befriedigt mich vollständig, aber er zehrt auch an mir. Mein künstlerisches Schaffen macht mir unermeßliche Freude, aber das Beiwerk, das dazu gehört, von dem man sich nicht loslösen kann, die Intrigen der Genossen und Genossinnen, die Heuchelei und Falschheit, denen man auf Schritt und Tritt begegnet – sie widern mich an. Um ihnen zu entgehen, sehne ich mich nach einem Heim, in dem ich Schutz finde, wo mir, wenn auch nicht Liebe, so doch ehrliche Freundschaft wird. Als Gegenleistung habe ich allerdings nicht jene Liebe zu bieten, die man im gewöhnlichen Leben als den eigentlichen Impuls zur Ehe ansieht. Ich bin keine sinnliche Natur und werde erotischen Regungen, soviel ich jetzt zu beurteilen vermag, immer kalt gegenüberstehen. Aber wenn ich eine Pflicht übernehme, werde ich ihr auch stets redlich nachzukommen suchen; ich werde mich bemühen, Ihren Lebensabend friedlich und angenehm zu gestalten und Ihren Namen immer in Ehren tragen.

Ich will nicht den Vorwurf verdienen, Sie durch irgendwelche Illusionen getäuscht zu haben, und ebenso offen, wie ich Ihnen versichere, daß ich keinen andern liebe, ebenso offen bekenne ich, daß die Achtung und Freundschaft, die ich für Sie empfinde, mit Liebe nichts gemein haben.

Können Sie sich nach alledem entschließen, mir Ihre Hand zu reichen, so gelobe ich, Ihnen eine verläßliche Freundin, ein treuer Kamerad, eine aufopfernde Pflegerin in Tagen der Krankheit zu sein. Nur zwei Bedingungen stelle ich: fordern Sie nicht, daß ich der Bühne entsage, und gestatten Sie mir, ehe wir uns wiedersehen, fern von hier ein paar Wochen der Ruhe. Ich bin müde, überarbeitet, angegriffen. Die Saison morte beginnt, ich bekomme leicht Theaterurlaub; ich möchte in der tiefen Abgeschiedenheit eines Bergdorfes Ruhe und Erholung finden, mir freundliche Zukunftsbilder ausmalen. Ich würde Ihnen für die Erfüllung meiner Wünsche dankbar sein. Verständigen Sie mich schriftlich von Ihrer Auffassung meiner Mitteilungen, aber wie Sie auch urteilen, was Sie auch beschließen mögen – seien Sie meiner aufrichtigen Freundschaft versichert!


Ola v. Degen.«


Die Schreiberin dieser Zeilen atmete tief auf, legte die Feder zur Seite und drückte die Hand einen Moment auf die Augen.

»Ein wichtiger Schritt,« flüsterte sie vor sich hin, »was wird daraus werden? So nüchtern ich auch der Zukunft gegenüberstehe, die Frage, was er zu meinem Brief sagen wird, regt mich ja doch auf!«

Ola v. Degen war ein Mädchen in der zweiten Hälfte der Zwanzigerjahre, und sah auch nicht jünger aus. Sie hatte dunkles Haar, dunkle Augen, eine klassisch geformte Nase, und wenn man ihr ernstes, ausdrucksvolles Gesicht betrachtete, war man sich sofort klar, daß sie nicht zu jenen neckisch tändelnden Frauen gehörte, die mehr aus Unverstand als aus böser Absicht mit den ernstesten Dingen ihr Spiel treiben, die über zuckende Menschenherzen lächeln können. Sie hatte in verhältnismäßig frühen Jahren beide Eltern verloren, und als sich in dem jungen Mädchen, das in dem Haus des Vormunds unter der Leitung seiner beschränkten, kleinlichen Frau unverstanden und ungeliebt aufwuchs, das Sehnen regte, eine gute Theaterschule zu besuchen, da brachte niemand diesem Wunsch besonders lebhaften Widerspruch entgegen.

Ola lernte unendlich leicht und ihre Lehrer waren über ihre Auffassung, ihr Organ und ihre rhetorische Begabung des Lobes voll. Kaum waren ihre Studien vollendet, als sie auch schon ein Engagement an einer Provinzbühne erhielt. Von da aus war sie nach Graz gekommen und endlich an das Burgtheater nach Wien berufen worden.

Nun war sie schon seit einigen Jahren mit den Verhältnissen der Metropole vertraut. Wenn ihr Beruf es auch mit sich brachte, daß sie manchen idealen Traum und ein gut Stück Menschenglauben zu Grabe trug, so beeinträchtigte das doch nicht ihre begeisterte Liebe zur Kunst. Sie identifizierte die Personen, die sie darzustellen hatte, mit ihrem eigensten Ich und ihr Spiel erhielt dadurch einen hinreißenden Zauber der Natürlichkeit, welcher zwar die Bewunderung des Publikums, aber auch Neid und Mißgunst ihrer Kollegen weckte, und das war es auch, was ihr manche Stunde des Lebens vergällte und sie vielleicht in erster Linie auf den Gedanken brachte, dem Freiherrn v. Feldegg, ihrem eifrigsten Bewunderer, die Hand zum Ehebund zu reichen.

Feldegg war Legationsrat außer Dienst, sehr vermögend, allerorten gern gesehen und als nicht mehr junger Hagestolz gehörte er zu denen, auf die die Mütter alternder Komtessen noch ihre letzte Hoffnung setzten. Indes war es keiner der jungen und älteren Damen bisher gelungen, ihn ernstlich zu fesseln, und um so mehr wunderte man sich, als in der Gesellschaft gemunkelt wurde, er stehe im Begriff, der gefeierten Tragödin Olga v. Degen Herz und Hand anzutragen.

Eine Mesalliance blieb das ja immer, wenn auch Ola von Adel und die Tochter eines höheren Offiziers war. Sie hatte sich ja selbst gewissermaßen degradiert, indem sie sich zur Boheme gesellte, denn ob man nun Mitglied eines Hofburgtheaters oder irgendeiner untergehenden Provinzschmiere ist – für den Freiherrn v. Feldegg bedeutete eine Heirat mit einer Schauspielerin ja doch einen Schritt, mit dem er aus dem Elitekreis der oberen Zehntausend ausschied. Man kann sich wohl zu einer Liaison mit einem Ballettmädel herbeilassen, die nicht kompromittiert und von den Standesgenossen nicht ernsthaft genommen wird, aber man darf nicht in jene Welt hineinheiraten.

»Ein Glück, daß ich über die Jahre hinaus bin, in denen man so leicht einem tollen Liebesrausch erliegt«, sagte sich Olga v. Degen, trat ans Fenster und blickte träumend in den Garten hinaus, wo der Flieder in voller Blüte stand und ein Meer von weißen Narzissen wogte, die ihren köstlichen Duft emporsandten. »Morgen reiche ich der Direktion mein Urlaubsgesuch ein und in acht Tagen kann ich flügge sein. Inzwischen wird ja auch wohl Feldeggs Antwort eintreffen und ich weiß, woran ich bin.«

Ein Blick auf die Uhr mahnte, daß der Theaterwagen bald vorfahren werde und es höchste Zeit sei, sich bereit zu machen. Sie klingelte ihrer Zofe, empfahl ihr, den auf dem Tisch liegenden Brief eingeschrieben morgen mit dem frühesten aufzugeben, trank rasch die Schale Tee, welche die Dienerin auf silberner Platte präsentierte, und begab sich in ihr Ankleidezimmer, um nach ihrer Gewohnheit noch diese oder jene besonders schwierige Szene zu memorieren, bevor der Wagen sie abholte.


II.

Von Koffern und Kartonen umgeben, stand Ola v. Degen inmitten ihres Schlafgemaches und erteilte ihrer Dienerin die nötigen Weisungen über das Einpacken, als plötzlich die Tür aufflog und eine junge Dame, atemlos und erhitzt, in das Gemach stürzte.

»Der eine Teil der Geschichte ist also wirklich wahr«, rief sie, indem sie den Blick bald auf die offenstehenden Schranktüren, bald auf die verschiedenen Kisten und Koffer richtete; »sei so freundlich, mir nun auch über alles andere Bescheid zu sagen«, fügte sie in so gereiztem Tone hinzu, daß Ola sie verwundert betrachtete.

»Du erlaubst wohl, daß ich dich in mein Schreibzimmer hinübergeleite?« bemerkte sie ruhig. »Ich fürchte, wir stören Madelaine hier bei ihrer Arbeit. Ich habe ihr bereits meine Weisungen erteilt und sie kann recht wohl alles andere nun allein besorgen.«

Damit legte sie zärtlich den Arm um die Schulter der Freundin und schritt mit ihr durch das Wohnzimmer und den Speiseraum in das auf der andern Seite des Korridors gelegene kleine Schreibzimmer, dessen Tür sie sorgfältig hinter sich schloß.

»Nun, kleines Wildfeuer, sage mir, was eigentlich los ist und was dich so in Harnisch bringt?« sprach sie, mit leichtem Lächeln auf die viel kleinere Gestalt Hedwig Richters niederblickend, die, wiewohl beide auf der gleichen Schulbank gesessen, viel jünger aussah als Ola.

»Du scheinst die heutigen Morgenblätter nicht gelesen zu haben, sonst würdest du nicht so töricht fragen. Da sind sie, lies und erkläre mir die ganze unerhörte Geschichte.«

Mit Blitzesgeschwindigkeit entnahm sie ihrem Täschchen drei oder vier Zeitungsblätter, die sämtlich eine feuerrot angestrichene Notiz aufwiesen.

Mit unerschütterlicher Ruhe griff Ola nach dem ersten dieser Blätter und las: »Fräulein Ola v. Degen, unsere berühmte Tragödin, hat von der Direktion des Burgtheaters aus Gesundheitsrücksichten einen längeren Urlaub erbeten, der ihr auch bewilligt wurde. Wie man uns von maßgebender Seite mitteilt, wird im Herbst, gleich nach der Rückkehr Fräulein v. Degens, ihre Vermählung mit dem Legationsrat außer Dienst Oskar Freiherrn v. Feldegg stattfinden. Glücklicherweise dürfte die Künstlerin doch der Bühne erhalten bleiben, da Freiherr v. Feldegg bereit ist, dem nach dieser Hinsicht ausgesprochenen Wunsch seiner Braut nachzukommen.«

Ola hatte zu Ende gelesen und blickte der Freundin ernst und ruhig in die Augen.

»Nun, was sagst du zu der unerhörten Frechheit, dich in dieser Weise zu kompromittieren? Feldegg, dieser ekelhafte Roué, hat die Notiz vermutlich selbst einrücken lassen, um dadurch eine Pression auf dich auszuüben! Aber du wirst es dir hoffentlich nicht lange überlegen, sondern eine Gegenerklärung geben, die ihn gründlich blamiert.«

»Das kann ich nicht«, erwiderte Ola mit unerschütterlicher Ruhe.

»Das kannst du nicht? Das wäre mir neu! Muß sich denn eine Dame alles gefallen lassen, was ein beliebiger Herr an die große Glocke zu hängen für gut findet?«

»Alles nicht – aber die Wahrheit doch wohl«, erwiderte die Schauspielerin ruhig.

»Die Wahrheit? Was soll das heißen? Du wirst damit doch nicht sagen wollen –«

»Daß ich mich mit dem Freiherrn v. Feldegg verlobt habe? Allerdings – das will ich sagen.«

»Und das erfahre ich erst jetzt und auf diese Weise?« stieß Hedwig Richter mit zuckenden Lippen hervor. »Du opferst dein Talent, deine Schönheit, dich selbst diesem alternden Aristokraten? Weshalb? Um einen klangvollen Titel zu erhalten? O, ich hätte besseres von dir gedacht! Natürlich hast du mir deine Absicht wohl verheimlicht, weil du recht gut wußtest, daß ich mit einer solchen Verbindung nun und nimmer einverstanden sein würde. Laß doch ab von dieser tollen Idee! Vor allem aber sage mir, wie du es übers Herz bringen konntest, daß deine einzige Jugendfreundin erst durch die Zeitung von diesem schamlosen Handel erfährt!«

Ola blickte die aufs höchste erregte Freundin einen Augenblick wehmütig lächelnd an, dann sprach sie in dem mütterlich überlegenen Ton, den sie Hedwig gegenüber anzunehmen pflegte:

»Das konnte ganz leicht geschehen, Kleine, denn ich selbst habe von dieser Verlobung erst durch die Zeitung erfahren.«

Sprachlos starrte Hedwig sie an, und Ola erzählte ihr nun von der Werbung des Barons, von ihrer Antwort und ihrer Bedingung, daß er sie nicht aufsuchen möge.

»Er hat noch ein übriges getan,« fuhr sie fort, »er hat mir gar nicht geantwortet, und diese Notiz ist mir der einzige Beweis, daß er mein Schreiben erhalten. Daß er sich so unbedingt meinen Wünschen fügt, verrät eine große Zartheit, und ich begreife nicht, wie du dazu kommst, Feldegg einen Roué zu nennen. Hat er dir doch nie ein Leid getan, dir im Gegenteil nur Freundliches erwiesen, wenigstens meinem Wissen nach.«

»O, nimm ihn nicht in Schutz,« rief Hedwig eifrig, »Roué oder nicht, jedenfalls ist er nicht der rechte Mann für dich. Du mußt diese Torheit unbedingt rückgängig machen. So stelle dich doch vor den Spiegel, Ola! Merkst du denn nicht, daß du das Zeug zu einer grande passion in dir hast, und was willst du mit einer solchen anfangen, wenn du an den Freiherrn v. Feldegg gekettet bist?«

»Meine grande passion ist meine Kunst. Feldegg weiß das und auf die braucht er nicht eifersüchtig zu sein«, entgegnete Ola ruhig. »Mache dir keine unnützen Sorgen, kleine Hede, sondern lerne begreifen, daß es die Sehnsucht nach Ruhe und Frieden ist, die mich in den Hafen der Ehe treibt!«

»Und keine von beiden wirst du in derselben finden – verlaß dich darauf!« rief Hedwig, der die hellen Tränen in den blauen Augen standen. »Soll ich es ruhig mit ansehen, wie du, die du so viel besser und klüger bist als ich, in dein Verderben rennst, und soll ich nicht einmal einen Finger rühren dürfen, um dich daran zu hindern? Das halt' ein anderer aus! Sage mir doch nur, wie du dir die nächste Zukunft vorstellst?«

»Nun, sehr beschaulich und ruhig. Ich habe von der Direktion Urlaub erhalten und fahre morgen aufs Land. Du erinnerst dich doch an meine alte Marie, die mich als Kind betreut hat und dann den Postmeister von Steinhaus heiratete? Die ist seit Jahren verwitwet und lebt in bescheidenen, aber ganz angenehmen Verhältnissen. Sie hat ein kleines Anwesen außerhalb des Ortes und bei ihr habe ich mich auf die Zeit meines Urlaubs eingemietet. Ich will nichts hören, nichts sehen von Kollegen, Rollen und Büchern, ebensowenig wie von meinem Verlobten. In der Theaterkanzlei kennt man meine Adresse, ich gebe aber strenge Weisung, sie niemand mitzuteilen. Selbst Feldegg soll sie nicht erfahren. Meine gute alte Marie, die noch aus den Tagen meiner Kindheit gewöhnt ist, zu tun, was ich will, wird mich als ihre Nichte ausgeben, die, nachdem sie mehrere Jahre einen Posten als Erzieherin bekleidet, momentan frei ist und sich einige Monate erholen möchte, ehe sie neue Pflichten auf sich nimmt. Ola v. Degen, die gefeierte Tragödin, verschwindet, ihr Stern erlischt spurlos und Marie Erhardt wird bei der guten Tante in Steinhaus bescheiden leben, in vollen Zügen die frische Luft und goldene Freiheit genießen.«

Hedwig Richter seufzte schwermütig auf.

»Nun, dann gebe Gott, daß in solch naturwüchsiger Umgebung dein gesunder Menschenverstand auch wieder zu Worte komme und du einsehen lernst, daß du für eine Konvenienzehe zu gut bist, daß eine solche dich nicht befriedigen kann.«

»Ich schließe auch keine Konvenienzehe, wenn ich Baron Feldegg heirate,« bemerkte Ola ärgerlich, »weder seine Stellung noch sein Reichtum haben es mir angetan, ich glaube aber, Ruhe und Frieden an seiner Seite zu finden, und das genügt mir vollkommen, da mich durchaus kein Liebesrausch blendet.«

»Aber auf wie lange, Ola? Sei keine Törin, glaube mir, du wirst den Schritt bitter bereuen, und einmal gefesselt, gibt es keine Umkehr mehr. Bedenke, daß wir in einem katholischen Land leben, daß die Kette klirrt, bis sie in unseren Grabgesang einstimmt. Wozu dir eine solche Kette schmieden, wenn kein zwingendes Muß dich dazu treibt?«

»Das ist der Standpunkt, den du einnimmst. Ich aber weiß, wie schwer es einer Künstlerin ankommt, schutzlos dazustehen, Kabalen und Anfeindungen aller Art preisgegeben. Ich liebe meine Kunst zu sehr, um ihr zu entsagen, fühle mich aber anderseits nicht stark genug, um den Kampf mit all den Elementen auf mich zu nehmen, deren Neid und Mißgunst mich erdrücken möchte.«

»Und du glaubst, daß Baron Feldegg hinreichend der ›mari de sa femme‹ sein werde, um Neid und Mißgunst zum Schweigen zu bringen oder den Kampf damit aufzunehmen?«

»Das vielleicht nicht, aber ich kenne die Erbärmlichkeit der Menschen, ich weiß, daß diejenigen, welche gegen Olga v. Degen Ränke schmieden, sich vor der Freifrau v. Feldegg huldigend neigen werden. An ihrer Huldigung ist mir allerdings nichts gelegen, um so mehr aber an meinem Frieden, und den glaube ich auf diese Weise zu erlangen.«

Hedwig Richter seufzte schwer auf. »Ich sehe, daß jetzt nicht mit dir zu rechten ist. Es bleibt nichts übrig, als auch in diesem Falle von der Zeit Hilfe zu erwarten. Dein Aufenthaltsort soll aller Welt geheim bleiben, mir aber hast du ihn genannt, also gestattest du mir doch wohl auch, dich zu besuchen. Am liebsten würde ich die Zeit deines Urlaubs mit dir verbringen, aber das kann ich ja nicht. Wenn meine Schulferien auch ziemlich mit deinem Urlaub zusammenfallen, so habe ich doch meine Privatstunden, von denen ich mich nicht so lange freimachen kann. Aber sobald es irgendwie angeht, fahre ich zu dir hinaus und hoffe, daß du inzwischen auf andere Gedanken gekommen bist.«

Ola lächelte ziemlich skeptisch; sie glaubte nicht, daß sich ihr Sinn wandeln würde, erkannte aber die Zwecklosigkeit einer weiteren Polemik.


III.

Liebe Frau Erhardt, wir haben uns bisher immer recht nachbarlich gut vertragen, es ist mir daher doppelt peinlich, Ihnen allen Ernstes einen Vorwurf nicht ersparen zu können.«

Der Sprecher war ein hochgewachsener, sonngebräunter Mann im kleidsamen Jagdanzug, keine jener Salonerscheinungen, deren Hauptlebenszweck darin besteht, schik zu sein und leichtgläubige Mädchenherzen zu betören. Die Züge des ernsten, reifen Mannes verrieten deutlich, daß ihm nicht immer alles nach Wunsch gegangen war.

»Ich weiß nicht, wodurch ich den Unwillen des Herrn Rittmeisters hervorgerufen, jedenfalls ist es mir sehr peinlich, wenn wider Wissen und Willen irgend etwas Unkorrektes geschehen ist«, sprach Frau Erhardt, die Besitzerin des Harthofes bei Steinhaus, während sie verlegen den breiten Goldreif am Finger hin und her schob.

»Ich weiß ja, daß Sie selbst unschuldig sind, meine liebe Frau Erhardt, aber da ich nur von Ihnen allein Abhilfe erhoffen kann, muß ich mich notgedrungen an Sie wenden. Ich höre, Sie haben einen Gast bei sich, eine Cousine oder Nichte, vermutlich ein Stadtfräulein, das mit unseren ländlichen Einrichtungen nicht vertraut ist. Wie Sie wissen, ist mein Grundstück nur durch leichte Stakete und aus Weiden geflochtenen Türen von der Landstraße und den nachbarlichen Besitzungen getrennt. Hierzulande hat nun jeder so viel Verständnis für die landwirtschaftlichen Verhältnisse, um zu wissen, daß man Gitter und Türen, die man aufmacht, auch wieder zu schließen hat. Ihr Gast scheint das aber als echtes Stadtdämchen nicht zu begreifen, und ihr habe ich es zu danken, daß eines meiner Klee- und zwei meiner Weizenfelder von einer nachbarlichen Herde gefräßig heimgesucht worden sind, weil das Fräulein bei einem Spaziergang auf meinem Grund und Boden unterlassen hat, die Eingänge wieder zu schließen. Sie werden begreifen, daß ich mir solchen Unfug auf die Dauer nicht gefallen lassen kann und ernstlich bitten muß, dafür zu sorgen, daß sich derlei nicht wiederholt.«

»Gewiß, Herr Rittmeister, ich werde dem gnä–, ich werde meiner Nichte sagen, daß sie künftighin besser achtgeben möge.«

»Das wird nicht nötig sein, liebe Tante«, ließ sich in diesem Augenblick eine zwar glockenhelle, aber etwas gereizte Stimme vernehmen. »Wie hoch beläuft sich der Schaden? Ich bin natürlich bereit, ihn sofort zu ersetzen.« Damit griff Frau Erhardts Nichte in die Tasche ihres Prinzeßkleides, als wolle sie in der Tat mit klingender Münze ihr Vergehen wieder gutmachen, aber nach dem zornigen Unwillen, den ihre Miene verriet, schien sie nicht übel Lust zu haben, das Reugeld dem Ankläger vor die Füße zu werfen.

»Mit Wissen und Willen habe ich noch nie meinem Nächsten Schaden zugefügt,« sprach sie, »und ich werde jetzt, wo das erste Vierteljahrhundert meines Lebens bereits hinter mir liegt, kaum noch damit beginnen.«

»Mit Wissen und Willen habe ich noch nie eine Dame beleidigt, meine Gnädigste,« sagte Otto v. Bertling, sich mit ritterlichem Anstand verbeugend, »und wenn ich auch dem edlen Kriegshandwerk entsagte, um hier meinen Kohl zu pflegen,« fügte er mit leichtem Lächeln hinzu, »so bleibt die Frau in meinen Augen doch ein viel zu erhabenes Werk der Schöpfung, als daß es mir in den Sinn kommen könnte, sie kränken und beleidigen zu wollen. Es kann also auch nicht von Schadenersatz die Rede sein. Ich habe nur meine gute Nachbarin hier bitten wollen, zu sorgen, daß mein Grund und Boden in Zukunft respektiert werde. Das ist geschehen, und somit habe ich die Ehre, mich den Damen zu empfehlen.«

Otto v. Bertling verbeugte sich und trat rasch wieder auf den Flur; ein paar Sekunden später hörte man die Gartenpforte ins Schloß fallen. Die junge Dame trat ans Fenster, um der hohen Gestalt nachzusehen, während die ältere Frau verlegen sagte: »Es war aber auch wirklich nicht notwendig, Fräulein, die Sache gleich so auf die Spitze zu treiben und so empfindlich auf eine Bemerkung zu antworten, die ja gar nicht für Ihre Ohren bestimmt war. Der Herr Rittmeister ist im Recht gewesen.«

»Im Recht – das mag sein, aber der Schaden wird nicht so bedeutend sein, daß er ein solches Getue darüber zu machen brauchte.«

»Das weiß ich denn doch nicht. Wenn es so fortgehen dürfte und die Herden eines der Felder nach dem andern abfräßen, gäbe es einfach keine Ernte, und die Ernte ist doch die Einnahme des Landwirts.«

»Die gewesenen Offiziere, das sind schon die rechten Landwirte!« meinte das Fräulein mit leichtem Spott, »sie glauben Bäume und Feldfrucht drillen zu können, als wären es Rekruten, aber die Natur läßt sich nicht immer Gesetze vorschreiben und macht ihnen bisweilen einen gewaltigen Strich durch die Rechnung.«

»Wenn zum Beispiel eine Kuh ein Kleefeld abweidet, so ist das auch ein Strich, der durch die Rechnung gemacht wird«, meinte Frau Erhardt mit gutmütigem Lächeln.

Ola, jetzt Marie Erhardt genannt, runzelte ärgerlich die Stirn.

»Kennst du den ritterlichen Landwirt schon lange?« fragte sie mit leichtem Spott.

»Kaum weniger lang wie mein Fräuleinchen. Mein seliger Mann hatte neben seiner Postmeisterstelle auch den Verwalterposten beim alten Herrn v. Bertling, und kurz nach unserer Verheiratung ereignete sich ja der große Krach im Leben des jungen Herrn. Die Geschichte war nämlich so: Er hat als blutjunger Leutnant eine Theaterdame geliebt, hat sich wegen der von ihm beabsichtigten Heirat mit seinem Vater entzweit und wollte dem Dienst entsagen, weil der alte Herr erklärte, zu solcher Heirat gebe er weder Einwilligung noch Kaution. Als aber die Schöne erfuhr, daß die Partie nicht so glänzend war, wie sie erhofft, ist sie mit einem polnischen Grafen durchgegangen, vermutlich unter Verzicht auf Ehering und Priestersegen, und man hat nie wieder von ihr gehört. Dem jungen Herrn aber ist die Geschichte sehr nahegegangen, er wurde zum Sonderling und Weiberfeind. Er diente noch einige Jahre weiter und übernahm nach dem Tod seines Vaters die hiesigen Besitzungen, aber nicht, ohne vorher gründlich landwirtschaftliche Studien betrieben zu haben. Gegen Karenz der Gebühren oder wie man das nennt, war er ein volles Jahr im Ausland, um tüchtig zu lernen, und wie die Leute sagen, führt er eine Musterwirtschaft. Jedenfalls ist er stolz darauf, und Sie können es ihm daher nicht verargen, wenn er Buße für den ihm zugefügten Schaden verlangt. Er ist ein seelensguter Mensch, freigiebig gegen die Armen und nur im Verkehr mit Damen mitunter etwas borstig. Ein gebranntes Kind scheut eben das Feuer.«

»Du hast mir wirklich mehr von dem Herrn erzählt, als ich zu hören verlangt,« sagte Ola v. Degen, indem sie sich das Haar aus der Stirn strich, »ich will mir durch diesen Frauenfeind die Laune nicht verderben lassen. Hoffentlich kreuzt er meinen Pfad nicht oft, und so werden wir uns gegenseitig nicht stören.«

So dachte sie, doch es sollte anders kommen.


IV.

Wochen und Monate waren vergangen, der Urlaub ging seinem Ende zu, und Ola fühlte sich bei dem Gedanken an die Rückkehr in die Stadt von bangen Ahnungen erfaßt. Sie wußte ja sehr gut, daß diese Rückkehr nicht nur die Wiederaufnahme ihres Berufes mit all seinen Schattenseiten und den kleinlichen Intrigen, die dem hohen Flug ihrer reinen Seele so zuwider waren, bedeutete; auch die Veröffentlichung ihrer Verlobung mußte dann erfolgen. Hatte sie doch selbst diesen Termin festgesetzt, und Feldegg hatte sich ihren Wünschen gefügt, so daß keinerlei Grund vorlag, die Bekanntmachung noch hinauszuschieben.

Und doch hatte sie nach und nach angefangen, mit einer gewissen ängstlichen Scheu daran zu denken. Wie das gekommen? Sie mochte sich keine Rechenschaft darüber ablegen, aber daß es so war, darüber konnte sie sich nicht hinwegtäuschen, so gern sie es auch getan hätte. Noch vierzehn Tage, dann mußte sie das alte Joch wieder aufnehmen und ein neues dazu. Ob sie es nicht als drückende Last empfinden würde? Diese Frage hatte sie sich in jüngster Zeit häufig gestellt. Sollte Hedwig Richter am Ende doch recht behalten? Hatte sie vorschnell über ihren Lebensweg verfügt? Ach, wie gern hätte sie jetzt die Freundin um sich gehabt, für deren kluge Ratschläge sie sich zugänglicher denn je fühlte, wenngleich sie abgeneigt war, jener ihr Herz bedingungslos zu öffnen.

Brieflich wäre das auch nicht möglich gewesen. Was hätte sie bekennen sollen? Daß anfangs der Zufall, später vielleicht eine beiderseits unbewußte und uneingestandene Absicht sie mit Otto v. Bertling, dem Weiberfeind, häufig zusammenführte? Daß die oberflächlichen Formen des konventionellen Verkehrs nach und nach freundschaftliche Gestalt angenommen? Daß ein kameradschaftlicher Ton zwischen ihnen herrschte, und sie auf ihren weiten Spaziergängen mehr denn ein Thema fanden, über das sie anregend zu plaudern wußten? Es gab eigentlich nichts zu erzählen, als solche Nichtigkeiten!

Weil Ola sich gebunden fühlte, weil sie wußte, daß sie über ihr eigenes Ich nicht mehr verfügen konnte, hatte sie harmlos, ohne an weitere Konsequenzen zu denken, den freundschaftlichen Verkehr mit Otto v. Bertling genossen. Es war ihr das um so leichter geworden, weil sie gleichsam mit ihrem eigenen Ich Verstecken spielte und sich eine Maske vor das Gesicht gedrückt hatte. Hier war sie ja nicht Ola v. Degen, die gefeierte Künstlerin, hier war sie die schlichte Maria Erhardt, die sich als Lehrerin anständig und mühsam ihr Brot verdiente und die nichts von dem luxuriösen Treiben, dem anspruchsvollen Leben einer Bühnenkünstlerin wußte. Hier war sie nur ein warmfühlendes menschliches Wesen, und wer ihr hier mit Wärme und Herzlichkeit entgegenkam, der huldigte nicht ihrem Können, ihrem künstlerischen Talent, der fühlte sich von ihrem Gemütsleben, ihrem persönlichen Ich angezogen! Das tat ihr wohl, das erhob sie, denn sie war viel zu klug, um sich von den Huldigungen der Menge verblenden zu lassen.

Daß der Verkehr mit Frau Erhardt, ihrer treuen, einstigen Dienerin, deren Gesichtskreis doch ein beschränkter war, ihr Leben nicht ausfüllen konnte, daß allein der Friede hier nicht die Ursache des Freudengefühls sein konnte, das jetzt häufig ihre Brust erfüllte, das wußte sie wohl, aber sie wagte sich selbst nicht einzugestehen, wodurch dieses Gefühl eigentlich in ihr wachgerufen worden war, wagte nicht, sich zu sagen, daß der Verkehr mit Otto v. Bertling es sei, der sie beglückte. Und doch kam sie von Tag zu Tag mehr zu dieser Erkenntnis.

Ja, sie ertappte sich sogar auf der Frage, ob er sie wohl gern leiden möge. Obwohl ihr das Bewußtsein, daß er nicht wußte, was sie sei, ihm gegenüber eine gewisse Sicherheit verlieh, quälte sie doch auch wieder der Gedanke, daß er, der eine unüberwindliche Abneigung gegen darstellende Künstlerinnen empfand, durch Zufall ihren Namen erfahren könne.

Freilich fragte sie sich zuweilen, ob es nicht unehrlich sei, unter falscher Flagge mit ihm zu verkehren, und doch gebrach es ihr an Mut, ihm die Wahrheit zu offenbaren und sich so der Gefahr auszusetzen, den ihr liebgewordenen Verkehr mit ihm verlieren zu müssen.

Nach und nach war es zur Gewohnheit geworden, daß Otto v. Bertling sie auf ihren Spaziergängen begleitete und dann auch wohl in Frau Erhardts gemütlicher Wohnstube noch eine Weile mit ihr plauderte. Eines Tages nun kamen die beiden wie gewöhnlich vergnügt und angeregt zurück und sahen schon von weitem die mütterliche Freundin unter der Tür stehen und offenbar mit Spannung der Heimkehr ihrer Schutzbefohlenen harren. Sie hatte von Ola die strenge Weisung erhalten, sie stets nur für ihre Nichte Marie auszugeben, aber die gute Frau kam über eine gewisse Befangenheit nie recht hinweg, und Ola, die ihr Inkognito um jeden Preis gewahrt wissen wollte, stand, so oft Frau Erhardt mit Otto zusammentraf, eine wahre Todesangst aus, daß jene versehentlich zur Verräterin ihres Geheimnisses werden könne.

»Ein Telegramm aus Wien. Fräulein Hedwig Richter kommt morgen an!« rief Frau Erhardt ihrer angeblichen Nichte entgegen, und dieser legte sich mit einem Male eine Zentnerlast aufs Herz. Instinktiv fühlte sie, daß mit der Ankunft der Freundin die frohen Stunden des Verkehrs mit Otto v. Bertling zu Ende sein mußten, und mit dieser Erkenntnis kam ihr plötzlich das Bewußtsein, daß Bertling ihr längst nicht mehr gleichgültig war.

»Fräulein Hedwig Richter? Das ist doch die Freundin, von der Sie wiederholt gesprochen? Wie kommt sie auf den Einfall, Sie so plötzlich zu besuchen?« forschte der junge Mann in einem Ton, der hinreichend dartat, daß ihm der Besuch nichts weniger als willkommen sei.

»Ich bin selbst überrascht«, erwiderte Ola, die Augen zu Boden schlagend, weil sie fühlte, daß die seinen mit heißem, drängendem Ausdruck auf ihr ruhten.

»Überrascht, aber erfreut!« warf er fast traurig ein und fügte nach einer Pause hinzu: »Wollen Sie mir die Gunst eines Gesprächs unter vier Augen heute noch gewähren? Die schönen, stillen Tage haben ja doch nun ihr Ende erreicht, und ich möchte eine Frage an Sie stellen, bei der jeder dritte zu viel ist.«

»Kommen Sie nach dem Nachtmahl, wir gehen dann noch ein wenig im Garten auf und ab,« entgegnete sie, sich zur Ruhe zwingend, »Tante ist dann meist noch im Hause beschäftigt und wir können ungestört plaudern.«

Nachdem er sich mit kurzem Gruß empfohlen, zog sie sich in ihr Zimmer zurück, wo sie lange Zeit ruhelos umherging, um endlich zu einem entscheidenden Entschluß zu kommen.

»Frei, frei, um jeden Preis!« flüsterte sie leise vor sich hin; »eine innere Stimme sagt mir, was er mir mitteilen will, und ich kann es nur anhören, wenn ich mich frei fühle. Hedwig hat recht gehabt: die grande passion ist es, die sich plötzlich meiner bemächtigt hat, die auch ohne erklärendes Wort von seiner Gegenliebe durchdrungen ist. Vor dieser Leidenschaft aber versinkt alles andere in nichts, und mag Feldegg noch so sehr den Stab über mich brechen, ich muß mich von ihm lossagen, muß meine Freiheit wieder erlangen und tue am besten daran, ihm die volle, ungeschminkte Wahrheit zu schreiben, und zwar jetzt gleich, da ich noch nicht weiß, daß meine Gefühle Erwiderung finden, wenn ich das auch hoffe, mutmaße, wünsche.«

Ola gehörte zu jenen Naturen, die, zu einem Entschluß gekommen, denselben auch rasch ausführen. Sie setzte sich nieder und schrieb, eng Zeile an Zeile reihend, dem Baron die volle, ungeschminkte Wahrheit, natürlich ohne Otto zu nennen. Sie beschönigte nichts, sagte, daß sie sich vollkommen darüber klar sei, ein Unrecht zu begehen, würde es aber als ein noch weit schwereres Unrecht ansehen, wenn sie mit der Liebe zu einem andern im Herzen sein Weib würde, und daß sie ihn deshalb bitte, sie freizugeben. Sie atmete erleichtert auf, als sie den Brief beendet hatte, und begab sich selbst aufs Postamt, um ihn aufzugeben. Der wichtigste Schritt war geschehen. Nun sie sich im Herzen freigemacht, konnte und durfte sie anhören, was Otto ihr zu sagen haben werde.

Und er kam, er sagte es. In unermeßlichem Glücksgefühl lauschte sie seinen heißen, leidenschaftlichen Worten, den Beteuerungen seiner grenzenlosen Liebe, die den Stempel der Herzensechtheit trugen. Sie fand kaum ein Wort der Entgegnung, aber was er in ihren Augen las, mußte ihn wohl befriedigen, denn mit heißem Ungestüm drückte er sie an sein Herz, bedeckte ihre Augen, ihr Haar, ihre Lippen mit Küssen und ließ sie kaum zu Atem kommen.

»Heute, heute wollen wir nur dem Augenblick des Glücks leben«, sprach er endlich, sie von neuem zärtlich umschlingend, denn man hörte Frau Erhardt im Korridor hin und her trippeln, die jeden Augenblick auf die Terrasse heraustreten und das Liebespaar in seiner zärtlichen Umarmung bemerken konnte. »Morgen komme ich in aller Früh, noch bevor deine Freundin bei dir eintrifft, und werbe bei der Tante um deine Hand. Sie wird doch keine Einwendung machen, Liebling, was meinst du?«

»Ich bin freie Herrin meines Willens; niemand kann mir etwas verwehren oder gebieten«, erwiderte Ola, aber in ihrer Stimme verriet sich doch einige Befangenheit und Otto v. Bertling bemerkte es. Ehe er aber eine Frage stellen, eine Erklärung fordern konnte, trat Frau Erhardt zu den beiden und rief befremdet, sie habe gar nicht gewußt, daß Herr v. Bertling noch zugegen sei, es wäre schon spät und Zeit, zur Ruhe zu gehen.

So unangenehm ihm das auch war, mußte Otto den Wink doch beachten und entfernte sich, nachdem er der älteren Frau noch mitgeteilt, daß er am nächsten Morgen kommen werde, da er notwendiges mit ihr zu reden habe.

»Um Gotteswillen, Fräulchen, was soll das heißen?« forschte die gute Alte ängstlich, als sie beide allein waren. »Sie werden doch nicht –«

»Das soll heißen, daß ich maßlos glücklich bin und es zu bleiben hoffe«, versetzte Ola, indem sie mit strahlender Miene Frau Erhardt auf beide Wangen küßte und dann eilig ins Haus lief, um in der Abgeschiedenheit ihres Zimmers von Glück und Liebe zu träumen.


V.

Heil und leuchtend stand die Sonne am folgenden Morgen am Himmelszelt und Ola machte sorgfältiger als je Toilette, galt es doch, zum erstenmal dem Manne, dem ihr ganzes Herz angehörte, als seine Verlobte entgegenzutreten. Die konventionelle Stunde, in der man nach Brauch und Sitte eigentlich einen Besuch abstatten kann, hatte noch längst nicht geschlagen, als sie schon Otto von Bertling den Weg entlang kommen sah. Mit raschen, elastischen Schritten, wie jemand zu gehen pflegt, der einen ersehnten Augenblick kaum mehr erwarten kann, kam er auf das Haus zu und winkte schon von weitem grüßend mit der Hand. Da war es ihr mit einem Male, als ob eine eiserne Klammer ihr Herz und Hals zusammenschnüre, wußte sie doch, daß nun der unvermeidliche Augenblick sich nicht mehr hinausschieben ließ, der Augenblick, da sie ihm ihr wahres Gesicht zeigen mußte. Noch nie hatte der Ruhm, den sie im Leben geerntet, so drückend schwer auf ihr gelastet, wie jetzt, noch nie hatte sie eine solche Bangigkeit erfüllt – und doch mußte sie sprechen, jetzt sofort, bevor Hedwig Richter ankam. Es durfte nicht dem Zufall überlassen bleiben, ihn mit der Wahrheit bekanntzumachen. Zum Glück fehlten noch einige Stunden bis zur Mittagszeit, und vor dieser war ja Hedwig nicht zu erwarten. Es galt nun, die Minuten auszunützen, und rasch entschlossen eilte sie die Treppe hinab in das Wohnzimmer, wohin Herr von Bertling eben von dem Dienstmädchen geführt worden war.

Mit strahlender Miene trat sie auf ihn zu, als sie plötzlich wie angewurzelt stehen blieb. Was war das? Sie hatte das Heranrollen eines Wagens gehört, und fast im gleichen Augenblick fühlte sie sich von rückwärts durch zwei Arme umschlungen, rief ihr eine lachende Stimme zu:

»Da sind wir – ist die Überraschung gelungen? Du siehst, selbst Theaterdirektoren werden zu Verrätern geheimgehaltener Adressen, wenn ein stürmischer Bräutigam ihnen keine Ruhe läßt! Vielleicht, weil ihn das Gewissen ein wenig drückte und er deines Empfanges nicht ganz sicher war, hat er mich mitgenommen, der gute Herr. Aber was ist dir, Kind? Du zitterst ja an allen Gliedern und bist totenblaß! Ist das etwa der wohltätige Einfluß der vielgepriesenen, nervenstärkenden Landluft?«

Ola starrte die Freundin tatsächlich so entgeistert an, als habe sie ein Medusenhaupt geschaut, und Baron Feldegg, der hinter ihr ins Zimmer trat, war entsetzt über ihr Aussehen.

»Ich habe es Ihnen immer gesagt, Kind, nur keine Überraschungen, aber Sie wollten ja durchaus diesen Überfall in Szene setzen! Nun haben wir die Bescherung. Ola, liebes Herz, so beruhigen Sie sich doch – es hat sich nichts Unliebsames ereignet: eine kleine freudige Überraschung – das ist alles. Ah, pardon«, fügte er mit einem befremdeten Blick hinzu, als er jetzt erst des Mannes ansichtig ward, der mit verschränkten Armen, wie zu Stein erstarrt, mit finsterem Blick in einer Ecke des Zimmers stand. »Darf ich bitten, mich mit dem Herrn bekanntzumachen?« fügte er mit weltmännischer Gewandtheit hinzu.

Ola hatte, ihrer Sinne kaum mächtig, sich zu einem Stuhl geschleppt, auf dem sie halb bewußtlos niedersank. Mechanisch hob sie jetzt den Blick empor, und ohne Bertling anzusehen, stammelte sie kaum verständlich: »Haben Sie denn nicht meinen Brief erhalten? Ich erwartete Ihr Kommen nicht – jetzt nicht«, fügte sie tonlos hinzu.

Feldegg sah sie verständnislos an, Otto von Bertling aber trat plötzlich hervor, und sprach mit metallharter, trockener Stimme: »Das gnädige Fräulein scheint, von plötzlichem Unwohlsein befallen, ihre Hausfrauenpflichten nicht erfüllen zu können. Ich gestatte mir daher, mich selbst vorzustellen: Rittmeister Otto von Bertling, gegenwärtig Großgrundbesitzer in hiesiger Gegend und Nachbar der guten Frau Erhardt. Da mir die Dame, in deren Gesellschaft wir uns hier befinden, fremd ist, darf ich die Herrschaften wohl bitten, mir auch ihren Namen zu nennen.«

Ein Ausdruck der Erleichterung trat in Baron Feldeggs Züge; er hatte offenbar geglaubt, daß Ola und der Fremde gut miteinander bekannt seien, und darüber einiges Unbehagen gefühlt. Die Kunde, daß sie sich fremd waren, befriedigte ihn offenbar, und mit stolzem Glücksgefühl stellte er vor: »Ola von Degen, die berühmte Tragödin unserer Hofbühne, meine teure Braut, Baron Feldegg, unsere gemeinsame Freundin, Fräulein Hedwig Richter.«

»Sehr angenehm,« erwiderte Bertling, sich mit stolzer Würde verbeugend, »ich bin lebhaft erfreut, daß sich mir im Privatleben Gelegenheit bietet, die berühmte Künstlerin kennenzulernen, deren Ruhm sogar in meine entlegene Waldeinsamkeit gedrungen. Ich danke ihr eine der lehrreichsten und interessantesten Episoden meines Lebens, deren Erinnerung mich fürderhin begleiten wird. Da die Anwesenheit eines Fremden in diesem intimen Kreise aber nur störend wirken kann, erlauben die Herrschaften wohl, daß ich mich zurückziehe.«

Wieder ein strammes Zusammenschlagen der Haken, eine tiefe Verneigung, und die Tür fiel hinter Otto von Bertling ins Schloß. Im gleichen Augenblick aber machte Ola den Versuch, ihm taumelnd nachzuwanken, und sank mit einem winselnden Wehlaut zu Boden.


VI.

Jahre waren vergangen, Jahre mit ihren abwechslungsreichen Bildern, die dem einen Freude, dem andern Leid bringen. Als Ola sich nach der erschütternden Szene, die so schneidend in ihr ganzes ferneres Leben eingreifen mußte, langsam erholt hatte, war es ihr erstes gewesen, eine Erklärung zwischen sich und Feldegg herbeizuführen, in der sie ihm rückhaltlos die volle Wahrheit bekannte, und ihn bat, sie freizugeben. In der Stunde, in der sie den Verlobten verlor, lernte sie erst seinen ganzen Freundeswert kennen und schätzen, denn er benahm sich durchaus edel und vornehm. Er sagte ihr unumwunden, daß sie in seinen Augen das einzige Ideal sei, dessen Besitz ihn hätte beglücken können, daß er sie aber viel zu aufrichtig und innig liebe, um diesen Besitz um den Preis ihres Glückes anzustreben. Er trete somit zurück und gebe sie frei. Wenn sie aber je eines treuen Freundes bedürfe, so möge sie nicht vergessen, daß sein Leben immer nur ihr geweiht bleibe.

Ola erkannte dankbaren Herzens seinen Edelmut an und – – – Aufregung der letzten Tage war zuviel für sie gewesen; ihre Kräfte versagten, und sie vermochte sich aus einem apathischen Zustand nicht aufzuraffen. Der zugezogene Arzt konstatierte ein schleichendes Fieber, als aber nach einigen Tagen eine leichte Besserung einzutreten schien, raffte sie sich soweit auf, Otto von Bertling einen ausführlichen Brief zu schreiben, in dem sie ihm auseinandersetzte, wie alles gekommen, und beteuerte ihm, daß sie nicht die falsche Komödiantin sei, wofür er sie gehalten. Mußte sie auch fürchten, seine Liebe verscherzt zu haben, so wollte sie doch seine Achtung wiedergewinnen, und dieser Gedanke war es, der sie aufrecht erhielt.

In ängstlicher Erwartung sah sie der Antwort auf ihr Schreiben entgegen, am zweitnächsten Tag aber erhielt sie ihren Brief mit dem postalischen Vermerk zurück: »Adressat abgereist, unbekannt wohin.« Nun verließ sie ihre Kraft; wochenlang rang sie, von schwerem Nervenfieber befallen, mit dem Tod, aber endlich trug doch ihre Jugend den Sieg davon, sie blieb nicht nur dem Leben, sondern auch der Bühne erhalten. Von Otto von Bertling hörte sie nichts mehr, nur ab und zu schrieb ihr Frau Erhardt, daß er noch immer auf Reisen weile und man nicht wisse, wo er sei. Eine Verwandte von ihm sei in seinem Auftrag nach Steinhaus gekommen, um die Leitung der Wirtschaft zu übernehmen, woraus wohl der Schluß zu ziehen sei, daß er noch länger in der Fremde zu verweilen beabsichtigte. Weiter hatte sie nichts gehört, dafür aber mit um so heißerem Weh des Verschollenen gedacht. Und so reihten sich die Wochen zu Monaten, und aus diesen wurden Jahre. Vergessen konnte sie Otto nicht, aber wiedergesehen hat sie ihn auch nie. –

–   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –

Ein Andrang, der noch größer war wie der gewöhnliche, herrschte an einem schönen, kalten Wintertag vor dem Hofburgtheater. Ola von Degen, die bekannte Tragödin, gab ihre Abschiedsvorstellung an der Hofbühne, und trat in einer ihrer Glanzrollen, als Maria Stuart, auf. Wochenlang hatte das Gerücht die Luft durchschwirrt, daß die berühmte Schauspielerin der Bühne entsagen wolle; weshalb sie so plötzlich diesen Entschluß gefaßt, das wußte niemand anzugeben. Verschiedene Gerüchte wurden laut: die einen behaupteten, sie sei theatermüde und wolle sich in irgendein entlegenes Bergnest zurückziehen, die anderen sagten, eine glänzende Heirat sei der Grund – aber sowohl diese wie jene waren im Unrecht. Ola von Degen hatte allerdings einen schwerwiegenden Entschluß gefaßt, einen Entschluß, der sie fernab führen mußte von allen Pfaden, die sie bisher gewandelt. Sie wollte einen Kursus für Krankenpflege durchmachen und ihr Dasein von nun ab nur der leidenden Menschheit weihen. Wie sie zu diesem Entschluß gekommen, das wußte vielleicht sie selbst kaum anzugeben. Vielleicht hatte ihr eigenes, schweres Leid sie besonders empfänglich gemacht für die Kümmernisse ihrer Mitmenschen, hatte es den Wunsch in ihr wachgerufen, zu helfen und zu lindern, wo es in ihrer Macht stand. Vielleicht spielte auch der Zufall mit. Ihre Freundin, Hedwig Richter, war seit zwei Jahren die glückliche Gattin des Primarius Dr. Fern. Ola, die viel bei dem jungen Paar verkehrte, hatte durch den Umgang mit dem ernsten, gediegenen Arzt Einblick in vielerlei Dinge bekommen, die ihr bis dahin gänzlich fremd gewesen waren. In ihrem Herzen war das Mitleid für die Kranken und Bedürftigen in hohem Maß erwacht. Durch ihre Kunst hatte sie genug verdient, um bei bescheidenen Ansprüchen leben zu können. So reifte der Entschluß in ihr, dem Scheinleben der Bühne für immer den Rücken zu kehren, um sich der Wirklichkeit mit ihren Anforderungen zu widmen. Sie hatte den Plan mit Dr. Fern eingehend besprochen, und wiewohl er sie in wahrhaft freundschaftlicher Aufrichtigkeit auf die Beschwerlichkeiten aufmerksam machte, die sie gewärtigte, brachte er ihren Entschluß doch nicht zum Wanken. Sie sei es müde, stets nur Phantasiegebilde vorzuführen, die fernab lagen von der Wirklichkeit, erklärte sie mit einem Ernst, den zu erschüttern offenbar weder Hedwig noch ihr Gatte die Macht besaßen. So reichte sie ihr Abschiedsgesuch ein, und wenn auch der Direktor ihr ernste Vorstellungen machte, so gelang es ihm doch ebensowenig wie den Freunden, sie von dem einmal gefaßten Plan abzubringen.

Und so war der Abend herangekommen, an dem die Menge herbeiströmte, um Ola von Degens Abschiedsvorstellung beizuwohnen. Nicht ein einziger Platz war frei, und nach jedem Aktschluß dankten rauschender Applaus und prachtvolle Blumenspenden der Künstlerin, die heute zum letztenmal ihr bestes Können dem Publikum darbot.

In einer der vordersten Reihen der Orchesterplätze saßen Dr. Fern und Hedwig und folgten mit lebhaftem Interesse der Darstellung, die den höchsten Anforderungen entsprach. Neben Hedwig saß ein Mann mit gefurchter Stirn, mit sonngebräuntem Antlitz und über der Brust gekreuzten Armen, der mit halbgeschlossenen Augen den Vorgängen auf der Bühne folgte, in dessen Zügen sich aber trotzdem verriet, daß er der Künstlerin das lebhafteste Interesse entgegenbrachte.

Hedwigs Blicke hatten den steinernen Gast zuweilen mit leichter Unruhe gestreift; seine starre Ruhe schien sie peinlich zu berühren und mußte doch wiederum eine gewisse faszinierende Gewalt auf sie ausüben, denn wieder und wieder richteten sich ihre Augen forschend auf sein Antlitz.

Jetzt ging der Vorhang zum letzten Male nieder und stürmische Bewegung entstand im Auditorium. Unzählige Male wurde Ola von Degen hervorgerufen, es regnete förmlich Blumenspenden. Der Fremde an Hedwigs Seite erhob sich, als diese Miene machte, mit ihrem Gatten das Theater zu verlassen.

»Fräulein Hedwig Richter?« fragte er mit leise vibrierender Stimme.

Die großen Kinderaugen Hedwigs versenkten sich einen Augenblick neugierig und forschend in das tiefernste Antlitz des Fremden. Dann ging ein Zucken und Leuchten durch ihre Züge: ihr war mit einemmal klar geworden, wer vor ihr stand.

»Herr von Bertling, gestatten Sie, daß ich Sie mit meinem Manne bekanntmache: Dr. Franz Fern.«

Die beiden Herren verneigten sich, und Otto bat um Erlaubnis, die Herrschaften begleiten zu dürfen, da er einige dringliche Fragen an die gnädige Frau zu stellen habe.

»Nur wenige Schritte können Sie uns begleiten, bis zur Theatergarderobe, an der wir mit Ola zusammenkommen«, entgegnete die junge Frau ernst und bestimmt.

»Ich bin erst gestern über Triest von Kairo und Alexandrien gekommen, und sah heute morgens an allen Straßenecken die Plakate von der Abschiedsvorstellung der gefeierten Tragödin. Ich glaubte Fräulein von Degen längst vermählt,« fügte er bitter hinzu, »da aber ihr Mädchenname noch auf dem Theaterzettel figuriert, vermute ich, daß ich trotz der dazwischenliegenden Jahre noch zurechtkomme, ihr meine Glückwünsche zu Füßen zu legen. Jedenfalls wollte ich mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen, sie einmal als darstellende Künstlerin zu sehen, und ich muß gestehen, ich begreife jetzt, daß ihre Kunst ihr über alles geht, und sie höchstens als Folie für dieselbe noch eines glänzenden Namens bedarf. Der Groll, der einst mein Herz erfüllte, ist im Laufe der Jahre geschwunden,« fügte er in steigender Bewegung hinzu, »und nur die Liebe ist geblieben. Ich werde sie mit derselben nicht behelligen, aber sagen möchte ich ihr, daß ich ihr alles Gute auf ihrem ferneren Lebensweg wünsche, und das Vergangene verziehen habe.«

Hedwig hatte in erregter Spannung seinen Worten gelauscht; jetzt wendete sie sich zu ihrem Gatten und sprach lebhaft: »Franz, du mußt Ola allein abholen! Sage ihr, daß ich eines Kopfwehs wegen nach Hause gegangen – sage ihr, was du willst, nur lasse mir Zeit, Herrn v. Bertling alles zu erklären. Ich begebe mich einstweilen mit ihm heim, wir gehen in dein Ordinationszimmer, sprechen uns dort aus, und du bringst Ola, die ja ohnehin mit uns zu Abend speisen sollte, direkt ins Wohnzimmer. Ich geselle mich dann zu euch, und Herr v. Bertling hat Gelegenheit, sich ungesehen zu entfernen.«

Die resolute kleine Frau schob ihren Mann in der Richtung nach der Garderobe der Künstlerin davon, hing sich an v. Bertlings Arm, ließ sich an einen Wagen führen und rief dem Kutscher ihre Adresse zu.

Während der Fahrt schon teilte sie ihm in übersprudelnder Hast mit, was sich zugetragen, seit er damals so Knall und Fall davongestürzt. Und als Otto v. Bertling dann in dem behaglichen Studierzimmer des Arztes der kleinen Frau gegenüberstand und sie ihm schonungslos die Leviten las, da beschlich ihn wirklich ein tiefes Schamgefühl, da gestand er sich, daß er in seiner tollen Leidenschaft über das Ziel hinausgeschossen und Feldegg von ihnen beiden der edlere, bessere gewesen sei. Mit tiefer Beschämung ließ er sich erzählen, daß das Mädchen, welches er für eine treulose Kokette gehalten, ihm die Treue gewahrt hatte, daß sie keinem andern gehören wollte und nun, vereinsamt, den Entschluß gefaßt hatte, ihr ferneres Leben der leidenden Menschheit zu widmen.

»Durch eigene Schuld habe ich Weh über uns beide heraufbeschworen,« sprach er endlich mit tiefem Ernst, »nun ist es zu spät. Alle Reue vermag das Geschehene nicht mehr zu sühnen. Ich habe ihre Liebe verscherzt, das sehe ich ein, ich muß mich mit ihrer Verzeihung begnügen und dann als einsamer Wanderer hinausziehen in die Welt, um freud- und freundlos meine Tage zu verbringen.«

Noch ehe Hedwig ein Wort der Erwiderung finden konnte, hörte sie draußen im Vorzimmer die Stimme ihres Gatten, der mit Ola gekommen war. Rasch entschlossen bat sie Bertling, Platz zu nehmen und sie für einen Augenblick zu entschuldigen. Dann trat sie hinaus, begrüßte die Freundin und sagte ihrem Gatten, daß ein Patient im Ordinationszimmer seiner harre, zu dem er sich begeben möge, indem sie mit Ola einstweilen das Nachtmahl einnehmen werde.

Der Doktor, vor dem seine kleine Frau niemals ein Geheimnis gehabt, auch das nicht, welches ihre Freundin berührte, verstand die Situation vollkommen und hoffte nur, daß, wenn das rechte Wort gesprochen werde, sich auch die rechte Lösung finden möge. Er glaubte im Besitz des rechten Wortes zu sein.

Hedwig hatte inzwischen Ola aufs herzlichste zu dem großen Triumphe beglückwünscht, den sie an diesem Abend gefeiert, und sie gefragt, ob sie nicht doch ihren Entschluß bedaure, der Bühne entsagt zu haben.

»Nein,« erwiderte die Künstlerin ernst, »ich habe die Freude an meinem Beruf verloren, seit ich weiß –« sie hielt plötzlich inne, und Hedwig fragte drängend:

»Seit du was weißt?«

»Daß er nicht nach seinem Sinn«, kam es leise von Olas Lippen.

»Du hast also noch immer nicht überwunden, immer noch nicht vergessen, mein armes Kind? Die ›grande passion‹, die ich dir prophezeit, hat dich also doch mit Allgewalt gepackt?«

»Und wird mich nimmer lassen«, schluchzte Ola, plötzlich in Tränen ausbrechend. »Alles, was ich im Leben tun und leisten mag, ist nur Betäubungsmittel, um die tiefe Trauer und grenzenlose Leere zu verbergen, die sein Fernsein in meinem Herzen von jeher hervorrief.«

Tränen perlten langsam über ihre Wangen und in Gedanken verloren blickte sie schmerzlich bewegt zu der teilnehmenden Freundin hinüber.

»Was ist dir, Hedwig, du sieht mich so eigentümlich an?«

»Ich dachte nur darüber nach, wie es wäre, wenn er jetzt noch käme, um dich an sein Herz zu ziehen.«

»Er kommt nicht – er hat mich längst vergessen«, erwiderte Ola tonlos.

In diesem Moment tat sich die Tür auf und in der Vermutung, Dr. Ferns Patient habe sich entfernt und der Arzt kehre zu den Damen zurück, fuhr Ola rasch mit dem Taschentuch über die Augen und trachtete, ihre Fassung wieder zu erlangen.

»Ich bringe Ihnen den ersten der Pflege bedürftigen Patienten, Fräulein v. Degen, den ersten Patienten in Ihrem neuen Lebensberuf. Ein ernster Fall von Melancholie, den nur Sie heilen können«, sprach Dr. Fern, an die Freundin seiner Frau herantretend.

»Kannst du mir verzeihen, Ola?« bat eine tiefe, ach, nur zu wohlbekannte Männerstimme, und ehe sie selbst wußte, wie es gekommen, fühlte sich Ola von den starken Armen des Mannes umschlossen, den sie so heiß geliebt, der sie so streng verdammt und bei dem die Liebe schließlich doch den Sieg davongetragen hatte über jeden ungerechten Verdacht, über alles kleinliche Vorurteil.

Als die Wogen der ersten Aufregung sich gelegt, als Worte der Erklärung hin und her geflogen waren und man endlich in gehobener, frohgemuter Stimmung in dem gemütlichen Speisezimmer Platz nahm, da rief Frau Hedwig Fern, indem sie ihre Freundin innig umschlang:

»Ihr Leute von der ›grande passion‹, ihr habt es schließlich doch nur meinem praktischen, nüchternen Menschenverstand zu verdanken, daß ihr nun glücklich vereint seid, um euch nicht mehr zu lassen im Leben! Weder als Künstlerin noch als Soeur grise hättest du jenes Vollglück genossen, das dich erfüllen wird, wenn du deinem ersten Patienten ein treuer Kamerad in Freund und Leid bleibst. Das glaube mir, meine Alte!«