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H. G. Wells – Der Luftkrieg

Roman

H. G. Wells, Der Luftkrieg, Roman, Übersetzung von Gertrud J. Klett, Julius Hoffmann Verlag, Stuttgart, [o. J.]
Transkription Christine Weber/Costa Rica



Erstes Kapitel: Vom Betrieb und von der Familie Smallways

I

Der Betrieb da droben,« sagte Mr. Tom Smallways, »geht immerzu weiter. Sollt's nicht glauben, daß er überhaupt noch weitergehen könnte!« sagte Mr. Tom Smallways.

Es war lang vor Beginn des Luftkriegs, daß Mr. Smallways diese Bemerkung machte. Er saß auf dem Zaun am Ende seines Gartens und betrachtete die großen Gaswerke von Bun Hill mit Augen, in denen sich weder Beifall noch Tadel spiegelte. Über den zusammengedrängten Gasometern erschienen drei fremdartige Gebilde, dünne, schwerfällig schaukelnde Blasen, die schlapp hin und her schwankten und größer und größer wurden – Ballons, die eben für den Samstag-Nachmittagsaufstieg des südenglischen Aeroklubs gefüllt wurden.

»Jeden Samstag steigen sie,« sagte sein Nachbar, Mr. Stringer, der Milchmann. »S'ist kaum ein paar Tage her, da war ganz London auf den Beinen, um 'nen Ballon steigen zu sehen. Und heut hat jedes elende Nest im Land seine Wochenausflüge – will sagen: -aufflüge! Reinewegs 'ne Rettung für die Gasgesellschaften!«

»Letzten Samstag hab' ich drei Fuhren Kies von meinen Kartoffeln weggekarrt,« sagte Mr. Tom Smallways. »Drei Fuhren, die die da droben runtergeschmissen haben – als Ballast! Die Hälfte von den Pflanzen war kaputt und die andere Hälfte verschüttet.«

»Damen steigen auch mit auf, sagen sie.«

»Heißen's ja woll Damen!« meinte Mr. Tom Smallways. »Na – mein Begriff von Damen ist das nicht – in der Luft rumfliegen und den Leuten Kies auf die Köpfe schmeißen! Ich jedenfalls bin nicht gewöhnt, so was Damen zu nennen – so oder so!«

Mr. Stringer nickte beifällig mit dem Kopf, und eine Weile noch schauten sie nach den schwellenden Klumpen mit einem Ausdruck, der sich aus Gleichgültigkeit in Mißbilligung verwandelt hatte.

Mr. Tom Smallways war Grünkramhändler von Beruf und aus Liebhaberei Gärtner. Jessika, seine kleine Frau, besorgte den Laden; und der Himmel hatte ihn für eine friedvolle Welt, leider aber keine friedvolle Welt für ihn erschaffen. Er lebte in einer Welt voll eigensinnigen und unaufhörlichen Wechsels und noch dazu in einem Teil derselben, wo die Wirkungen dieses Wechsels schonungslos aufdringlich waren. Sein eigener Grund und Boden, den er bebaute, war voller Unbestand; sogar seinen Garten hatte er nur in Jahrespacht – ein Riesenplakat, das ihn nicht etwa als Garten, sondern als günstigen Bauplatz anpries, überschattete ihn. Er war Gartenbauer auf Kündigung – das letzte Stückchen Erdreich in einem von lauter neuen, städtischen Gegenständen überfluteten Distrikt. Er tröstete sich so gut er konnte mit dem Gedanken, daß die Dinge nun bald am Wendepunkt angelangt sein müßten.

»Sollt's nicht denken, daß es überhaupt noch weitergehen könnte!« sagte er.

Mr. Smallways' greiser Vater konnte sich Bun Hills noch als eines idyllischen kentischen Dorfs entsinnen. Er war bis zu seinem fünfzigsten Jahr Kutscher bei Sir Peter Bone gewesen; dann hatte er so sachte angefangen, ein bißchen zu saufen und war Omnibuskutscher geworden, was bis zu seinem achtundsiebzigsten vorhielt. Darauf zog er sich vom Geschäft zurück. Er hockte in seiner Ecke am Kamin, ein verschrumpfelter, uralter Rosselenker, von oben bis unten vollgepfropft mit Erinnerungen und stets auf der Lauer nach etwaigen unvorsichtigen Zuhörern. – – Er wußte noch von dem verschwundenen, längst zu Bauplätzen aufgeteilten Herrengut Sir Peter Bones zu erzählen, und wie dieser Magnat die ganze Gegend regiert hatte, solang sie noch Gegend war; er wußte von Treib- und Parforcejagden zu berichten, von Viererzügen auf den Landstraßen, und wie »da, wo jetzt die Gaswerke sind«, ein Kricketplatz war und wie der Kristallpalast entstand. Der Kristallpalast war sechs Meilen von Bun Hill entfernt, eine große Fassade, die im Morgenschein glitzerte, sich nachmittags als klarer, blauer Umriß vom Himmel abhob und nachts ein unerschöpfliches Gratisfeuerwerk für die ganze Bevölkerung von Bun Hill bildete. Dann war die Eisenbahn gekommen und darnach Villen über Villen; dann die Gas- und Wasserwerke und ein großes, häßliches Meer von Arbeiterhäusern; dann die Drainierungsanlage; das Wasser verschwand aus dem Otterbourne und machte aus dem Fluß einen entsetzlichen Graben. Dann ein zweiter Bahnhof, Bun Hill-Süd, und mehr und mehr Häuser, mehr Läden, mehr Konkurrenz-Läden mit Spiegelglas-Schaufenstern, ein Schulhaus, Steuern, Omnibusse, Straßenbahnen, die direkt bis London gingen, Fahrräder, Automobile, immer mehr Automobile und eine Volksbibliothek. – –

»Man sollt's nicht denken, daß es noch weiter gehen könnte!« sagte Mr. Tom Smallways, der inmitten dieser Wunder heranwuchs.

Aber es ging weiter. Von Anfang an hatte der Grünkramhandel, den er in einem der kleinsten von den alten, übrig gebliebenen Dorfhäusern am Ende der Hauptstraße aufgetan hatte, ein unterdrücktes Aussehen, ein Aussehen, als verstecke er sich vor etwas, das hinter ihm her war . . . Als man das Pflaster der Hauptstraße legte, wurde diese so nivelliert, daß man in den Laden drei Stufen herunter mußte. Tom versuchte nach besten Kräften, nur von seiner eigenen, trefflichen, aber beschränkten Zucht von Gemüsen und Obst zu verkaufen; aber der Fortschritt zwang ihm die Dinge geradezu ins Schaufenster – französische Artischocken, Aubergines, ausländische Äpfel – Äpfel aus New York, aus Kalifornien, aus Kanada, aus Neuseeland, »schon recht von außen, aber nicht, was ich einen englischen Apfel nenne!« sagte Tom – Bananen, fremdartige Nüsse, Weintrauben, Mangos.

Die Automobile, die nach Norden und Süden vorübereilten, wurden immer gewaltiger und dominierender, sausten immer rascher und stanken immer ärger; große, rasselnde Motor-Lastwagen erschienen an Stelle der verschwindenden Pferdefuhrwerke und lieferten ihre Kohlen und Pakete ab; Motoromnibusse verdrängten die Pferdeomnibusse, sogar die kentischen Erdbeeren, die nachts nach London gebracht wurden, verfielen dem Maschinenwesen, rasselten, statt, wie bisher, zu knarren und büßten durch Fortschritt und Benzin an Aroma ein.

Und dann schaffte der junge Bert Smallways sich ein Motorrad an . . . .


II.

Bert, muß man wissen, war ein fortschrittlicher Smallways. Nichts spricht beredter von dem rücksichtslosen Umsichgreifen von Fortschritt und Ausdehnung in unserer Zeit, als daß sie sogar ins Blut der Smallways drangen. Noch ehe er die Kinderschuhe auszog, zeigte sich in dem jungen Smallways etwas Vorgeschrittenes, Unternehmendes. Noch ehe er Fünf war, war er einen ganzen Tag lang verloren gewesen, und noch vor seinem siebenten Jahr wäre er fast im Reservoir der neuen Wasserwerke ertrunken. Mit Zehn nahm ein ganz wirklicher Schutzmann ihm eine ganz wirkliche Pistole ab. Und er lernte rauchen – nicht mit Pfeife und Löschpapier und Schilfrohr, wie seinerzeit Tom, sondern mit einem Penny-Paket amerikanischer »Boys of England-Zigaretten«. Noch ehe er Zwölf war, standen seinem Vater die Haare zu Berge über seine Ausdrucksweise, und er verdiente in diesem Alter durch Packträgerdienste an den Bahnhöfen und Austragen des Bun Hiller Wochenblattes wöchentlich drei Schilling und mehr, die er in allerhand Kleinkram, humoristischen Bilderbogen, Karikaturblättern, Zigaretten und ähnlichen Begleiterscheinungen einer vergnügungssüchtigen und aufgeklärten Lebensführung anlegte. All dies ohne irgendwelche Beeinträchtigung seiner literarischen Studien, die ihn in außergewöhnlich jugendlichem Alter bis zur siebenten und obersten Klasse der Schule emportrugen. Ich erwähne diese Dinge nur, damit auch nicht der geringste Zweifel darüber aufkommen kann, aus welcher Art Stoff Bert gemacht war.

Er war sechs Jahre jünger als Tom; und eine Zeitlang – als Tom mit einundzwanzig Jahren Jessika heiratete, die Dreißig war und sich während ihrer Dienstzeit ein bißchen was erspart hatte – machte man den Versuch, ihn im Grünkramhandel nutzbringend zu verwenden. Aber Berts starke Seite war es nicht, sich nutzbringend verwenden zu lassen. Er haßte das Graben, und wenn man ihm einen Korb Waren zum Austragen übergab, erwachte in ihm unwiderstehlich der Wandertrieb; der Korb ward sein Ränzel, und es schien ihn wenig anzufechten, wie schwer er war oder wohin er ihn trug, solang er ihn nur nicht an den Ort seiner Bestimmung brachte. Marktschreierei füllte die ganze Welt, und er strolchte hinterdrein mitsamt seinem Korb . . . Also trug Tom seine Waren selber aus und suchte Arbeitgeber für Bert, die von dieser poetischen Ader in dessen Natur nichts wußten. Bert gelangte nacheinander in den Vorhof einer ganzen Reihe von Berufen – Warenhausportier, Apothekerlehrling, Doktor-Laufbursche, Gasarbeitergehilfe, Adressenschreiber, Milchwagenfuhrmann, Golfjunge und schließlich Gehilfe in einer Fahrradhandlung. Hier fand er augenscheinlich den fortschrittlichen Zug, nach dem seine Natur begehrte. Sein Brotherr war ein seeräuberhaft veranlagter junger Mensch namens Grubb, mit einem schwärzlich-verschmierten Gesicht bei Tag und einer Tingeltangelader bei Nacht, der von einer Patent-Fahrradkette träumte; und für Bert war er geradezu das Ideal eines gerissenen Lebemanns. Er hatte die verwahrlostesten und unsichersten Räder in ganz Südengland zu vermieten und führte die hieraus entstehenden Meinungsverschiedenheiten mit erstaunlicher Verve. Bert und er arbeiteten sich gut miteinander ein; Bert ward beinah zum Kunstfahrer – meilenweit vermochte er Räder zu fahren, die unter jedem andern schon nach einer Minute zusammengebrochen wären – fing an, sich nach den Geschäftsstunden das Gesicht zu waschen und verausgabte sein überschüssiges Geld für auffallende Krawatten und Kragen, Zigaretten und Stenographiestunden in der Bun Hiller Fortbildungsschule.

Ab und zu besuchte er Tom und war dabei so glänzend von Erscheinung und Konversation, daß Tom und Jessie, denen beiden ein angeborenes Bedürfnis anhaftete, vor Menschen und Dingen Respekt zu haben, gewaltig zu ihm emporschauten.

»Er ist ein Draufgänger, der Bert!« sagte Tom. »Er weiß doch 'ne ganze Menge!«

»Wollen hoffen, daß er nicht zu viel weiß!« sagte Jessika, die einen ausgeprägten Sinn für Beschränkung hatte.

»Es sind eben Draufgängerzeiten«, sagte Tom. »Neue Kartoffeln – und noch dazu englische! Nächstens haben wir sie im März – wenn das so weiter geht. So was ist mir doch noch nicht vorgekommen! Hast du seine Krawatte gesehn gestern abend?«

»Sie paßt nicht zu ihm, Tom. Es ist eine Krawatte für einen Gentleman. Er und alles andere paßt nicht dazu. Sie steht ihm nicht . . . .«

Bald darauf schaffte sich Bert einen Radfahranzug, Mütze, Abzeichen usw. an. Und ihn mit Grubb nach Brighton (und zurück) radeln zu sehen – Köpfe gesenkt, Lenkstangen nach unten, Rücken gekrümmt – war geradezu eine Offenbarung aller Möglichkeiten im Smallwaysschen Blut!

Draufgängerzeiten!

Der alte Smallways hockte am Feuer und schwatzte von der Größe früherer Tage, vom alten Sir Peter Bone, der seinen Viererzug in vierundzwanzig Stunden nach Brighton und zurück fuhr, von den weißen Zylinderhüten des alten Herrn, von Lady Bone, deren Füße nie den Erdboden traten, außer wenn sie im Garten spazieren ging, und von den großen Ringkämpfen zu Crawley. Er redete von roten Jagdröcken und schweinsledernen Gamaschen, von den Füchsen im Ringgrund, wo jetzt die Landesirrenanstalt errichtet war, von Lady Bones Mullkleidern und Krinolinen. Niemand hörte auf ihn. Die Welt hatte sich einen neuen Gentlementyp geschaffen, einen Gentleman von höchst ungentlemanhafter Energie, einen Gentleman in verstaubtem Wachstuch, in Automobilbrille und wunderbaren Kopfbedeckungen, einen Stank verbreitenden Gentleman, einen sausenden, eleganten Buschklepper, der unablässig die Landstraßen entlang vor dem Staub und Stank flüchtete, den er unablässig verbreitete. Und seine Dame, so wie man sie in Bun Hill kannte, war eine wetterharte Gottheit, so frei von Verweichlichung wie eine Zigeunerin und für schnellste Eilfahrt gekleidet oder vielmehr verpackt.

So wuchs Bert auf, voll von Idealen des Schnellverkehrs und kühner Unternehmung, und wurde, soweit er überhaupt etwas wurde, eine Art Fahrradmechaniker der »Nur-auf-Probe«- und »Obenhin«-Branche. Nicht einmal ein hundertundzwanziger Rennrad genügte ihm mehr, und eine ganze Zeitlang quälte er sich – vergeblich – in einem Tempo von zwanzig Meilen die Stunde – auf Straßen ab, die der mechanische Verkehr nur immer staubiger und überfüllter gestaltete. Aber schließlich häuften sich seine Ersparnisse und seine Chance kam. Das Abschlagszahlungs-System überbrückte die finanzielle Lücke, und eines hellen und denkwürdigen Sonntagmorgens radelte er sein neues Besitztum durch den Laden auf die Straße, bestieg es unter dem Rat und der Beihilfe Mr. Grubbs, und töfftöffte hinaus in den Dunst der verkehrsgemarterten Chaussee, um sich – eine weitere willkürliche Gefahr für die öffentliche Sicherheit – den landschaftlichen Reizen Südenglands einzureihen.

»Nach Brighton!« sagte der alte Smallways, indem er seinem jüngsten Sohn vom Wohnzimmerfenster über dem Laden aus mit zwischen Stolz und Mißbilligung geteilten Gefühlen nachsah. »Als ich in seinem Alter war, bin ich noch nicht einmal in London, nirgends, nicht mal südlich über Crawley hinaus – überhaupt nirgends gewesen. Damals reiste überhaupt niemand. Außer was Herrschaften waren. Jetzt sind immer alle überall; das ganze Land – hol's der Geier – fliegt auseinander! Nach Brighton! – Ja freilich! – Wer kauft noch Gäule . . . .?«

»Du kannst nicht sagen, ich wär' je in Brighton gewesen, Vater!« sagte Tom.

»Ist auch gar nicht nötig,« sagte Jessika scharf. »Herumlottern und dein Geld vertun – –!«


III

Eine ganze Weile beschäftigten die Möglichkeiten des Motorrads Berts Geist derart, daß er der neuen Richtung, in der die strebende Menschenseele Betätigung und Auffrischung fand, gar keine Beachtung schenkte. Er merkte nicht, daß der Typ Motorrad, genau so wie der Typ Fahrrad, sich einbürgerte und das Abenteuerliche der Erscheinung verlor. Tatsache ist, so seltsam dies auch erscheinen mag, daß der erste, der diese neue Entwicklung bemerkte, Tom war. Aber seine Gärtnerei lehrte ihn den Himmel beobachten; und die Nachbarschaft der Bun Hiller Gaswerke und des Kristallpalastes, von dem aus unaufhörlich Aufstiege stattfanden, ferner das Auswerfen des Ballastes auf seine Kartoffeln – all das im Verein trug dazu bei, seinem widerstrebenden Geist die Tatsache aufzudrängen, daß die Göttin des Wandels ihre aufreizende Tätigkeit dem Himmel zulenkte. Der erste große Sturmlauf in Aeronautik begann.

Grubb und Bert hörten zuerst davon in einem Tingeltangel; dann wurde es ihrem Gehirn durch den Kinematographen eingeprägt, dann ward Berts Phantasie durch eine Fünfzigpfennig-Ausgabe des klassischen aeronautischen Werks von Mr. George Griffith: »Der Wolkensegler« entflammt, und so bemächtigte sich die Sache nach und nach der beiden.

Das augenfälligste war in erster Linie die Zunahme des Ballons. Sie fingen an, den ganzen Himmel über Bun Hill unsicher zu machen. Besonders an Mittwoch- und Sonnabend-Nachmittagen konnte man kaum eine Viertelstunde nach dem Himmel schauen, ohne irgendwo einen Ballon zu entdecken. Eines schönen Tags, als Bert mit dem Rad nach Croydon fuhr, hielt ihn der Aufstieg eines riesigen, polsterförmigen Ungetüms vom Rasenplatz des Kristallpalastes aus auf und nötigte ihn abzusteigen und zu beobachten. Es sah aus wie ein Keilkissen mit einer gebrochenen Nase; darunter, verhältnismäßig klein, war ein starres Rahmenwerk, das einen Menschen trug, eine Maschine mit einer Schraube vorn, die sich rasch drehte, und einer Art Steuer aus Segelleinen hinten. Das Rahmenwerk sah aus, als ziehe es den widerstrebenden Gaszylinder hinter sich her, etwa wie ein flinker, kleiner Terrier, der der Gesellschaft einen scheuen, gasgeschwollenen Elefanten präsentiert. Das kombinierte Ungetüm bewegte sich wirklich vorwärts und steuerte. Es stieg ungefähr l000 Fuß in die Höhe (Bert hörte die Maschine), segelte nach Süden davon, verschwand über den Hügeln, erschien dann wieder als kleine blaue Silhouette, die jetzt sehr rasch vor einer sanften Südwest-Brise herflog, fern im Osten, kehrte dann zurück zu den Türmen des Kristallpalastes, umkreiste sie, wählte eine Stelle für den Abstieg und versank vor Berts Blicken.

Bert seufzte tief auf und wandte sich wieder seinem Motorrad zu. Und dies war nun der Beginn einer ganzen Reihenfolge von seltsamen Erscheinungen am Himmel – Zylinder, Kegel, birnenförmige Ungetüme, zuletzt ein wunderbar glitzerndes Ding aus Aluminium, das Grubb, in einer unklaren Ideenverbindung mit Panzerplatten, für ein Kriegsluftschiff zu halten geneigt war.

Darauf folgten wirkliche Flugexperimente.

Das waren jedoch keine Experimente, die von Bun Hill aus zu sehen waren; es waren Experimente, die auf Privatgrundstücken oder andern eingeschlossenen Plätzen unter günstigen Bedingungen vor sich gingen, und die bis zu Grubb und Bert nur durch Vermittlung von Fünfpfennig-Zeitungen oder Kinematographen - Vorstellungen durchdrangen. Immerhin drangen sie äußerst eindringlich durch; und wenn in diesen Tagen irgendwer irgendwen an einem öffentlichen Ort in lautem, überzeugtem und überzeugendem Ton sagen hörte: »Es muß ja kommen!« so war zehn gegen eins zu wetten, daß vom Fliegen die Rede war. Und Bert holte sich einen Kistendeckel und malte in korrektem Plakatstil folgende Inschrift, die Grubb dann ins Fenster stellte: »Herstellung und Reparatur von Aeroplanen.« Bert war selbst ordentlich bestürzt darüber – es hieß doch eigentlich sein Geschäft mächtig leicht nehmen! – aber die meisten Nachbarn, besonders die Sportmenschen unter ihnen, zollten der Sache vollsten Beifall. Jedermann redete vom Fliegen, jedermann wiederholte wieder und wieder: »Es muß kommen!« Und dann – nun ja – kam es nicht. Irgendwie hatte es Haken. Fliegen taten sie – das war ja richtig. Fliegen – in Maschinen, schwerer als Luft. Aber immer verkrachte die Geschichte. Manchmal war's die Maschine, manchmal war's der Aeronaut, gewöhnlich waren's alle beide. Maschinen, die Flüge von drei oder vier Meilen machten und heil wieder herabkamen, stiegen das nächste Mal zu jähem Verderben auf. Es schien geradezu unmöglich, daß man sich auf die Dinger verlassen konnte. Der Wind warf sie um; die Luftströmungen über der Erde warfen sie um, ein flüchtiger Gedanke im Gehirn des Luftschiffers warf sie um . . . . Und sie selber warfen um . . . . ganz einfach. »Die ›Stabilität‹ ist's . . . . Grubb, seine Zeitung nachbetend. »Sie kippen und kippen und kippen, bis sie sich zu Tod gekippt haben!«

Die Experimente hörten nach zwei erwartungsreichen Jahren voll ähnlicher Erfolge nach und nach auf. Das Publikum und die Zeitungen waren der kostspieligen photographischen Aufnahmen, der optimistischen Berichte und des ewigen Kreislaufs von Triumph, Niederlage und Schweigen überdrüssig. Das Fliegen steckte ganz im Sumpf, sogar das Ballonfahren hörte bis zu einem gewissen Grad auf, wenn es auch immer noch ein recht populärer Sport blieb und man auch weiterhin fortfuhr, von der Werft der Bun Hiller Gaswerke Kies einzuladen, um ihn dann auf Rasenplätze und Gärten verdienstvoller Leute wieder abzuladen. Es kamen ein halb Dutzend trostvoller Jahre für Tom – wenigstens was das Fliegen betrifft. Aber es war dies zugleich die große Zeit der Entwicklung der einschienigen Eisenbahn, und seine Sorge wurde von den höheren Regionen nur abgelenkt durch die dringendsten und drohendsten Anzeichen eines Wechsels am unteren Himmel . . . .

Schon verschiedene Jahre war von einschienigen Bahnen die Rede gewesen. Aber das eigentliche Unglück begann erst, als Brennan der Royal Society seinen gyroskopischen Einschienen-Waggon vorführte. Es war die große Ausstellung von 1907; und die berühmte Ausstellungshalle war viel zu klein für die Vorführung. Tapfere Militärs, hervorragende Prediger, Schriftsteller von Verdienst, vornehme Damen drängten sich in dem engen Raum, stießen sich gegenseitig die aristokratischen Ellbogen in die sonst so geheiligten Rippen und schätzten sich glücklich, wenn sie »nur wenigstens ein ganz kleines Stückchen von der Bahn« zu sehen bekamen. Und der große Erfinder erklärte, zwar ungehört, aber sehr überzeugend, seine Erfindung, und ließ sein gehorsames kleines Modell der Zukunftseisenbahn Steigungen auf und ab, um Kurven herum, über sich biegende Drähte laufen. Und es sauste dahin auf seiner einen Schiene, mit seinen zwei hintereinanderstehenden Rädern, ganz einfach und brav, hielt an, drehte um, blieb stehen – alles ohne die geringste Abweichung. Immer blieb es – unter einem Sturm von Applaus – in seinem erstaunlichen Gleichgewicht. Schließlich zerstreute sich das Publikum unter lebhaften Erörterungen, inwieweit es wohl ein Genuß wäre, einen Abgrund auf einem Drahtseil zu überqueren. »Und wenn nun das Gyroskop stillsteht!« Die allerwenigsten von ihnen ahnten auch nur zum zehnten Teil, was die Brennansche Einschienen-Bahn für die Sicherheit der Eisenbahnen und das ganze Aussehen der Welt überhaupt bedeuten sollte!

Wenige Jahre später begriffen sie es schon eher. In kurzer Zeit fand kein Mensch mehr etwas dabei, einen Abgrund auf einem Drahtseil zu überqueren, und das Einschienensystem verdrängte Straßenbahnen, Eisenbahnen, überhaupt jede Art von mechanischer Fortbewegungsanlage. Wo das Terrain billig war, lag die Schiene auf der Erde; wo es teuer war, hob sie sich auf Eisenpfeilern in die Höhe und ging oben darüber weg. Ihre raschen, bequemen Wagen eilten überall hin, übernahmen alles, was früher auf teuer und schwerfällig erbauten Verkehrsanlagen auf der Erde geleistet worden war.

Als der alte Smallways starb, fand Tom nichts Bezeichnenderes von ihm zu sagen, als: »Wie er ein Junge war, gab's überhaupt noch nichts Höheres als Schornsteine – keinen einzigen Telegraphendraht, kein Kabel in der Luft!«

Der alte Smallways ward unter einem dichtverschlungenen Netz von Drähten und Drahtseilen zu Grabe getragen; denn Bun Hill wurde nicht nur eine Art von Unterzentrale für Kraftverteilung – die staatliche Kraftverteilungs-Gesellschaft errichtete Transformatoren und eine Zentralstation neben den alten Gaswerken –, sondern auch ein Knotenpunkt der Vorort-Einschienenbahn. Außerdem hatte jeder Kaufmann am Platz und überhaupt fast jedes Haus eigenes Telephon.

Die Einschienenkabelträger gehörten bald zu den aufdringlichsten Erscheinungen im städtischen Straßenbild. Sie waren meist von starker Eisenkonstruktion, etwa wie spitz zulaufende Gerüste, und leuchtend blaugrün angestrichen. Einer erhob sich gerade vor Toms Haus, das neben diesem Koloß noch bescheidener und unscheinbarer aussah. Und ein zweiter Riese stand just in der Ecke des Gartens, der noch nicht überbaut und unverändert war, abgesehen von zwei Plakaten, deren eines eine Zweieinhalb-Schilling-Uhr und deren anderes ein Nervenstärkungsmittel anpries. Nebenbei waren diese beiden fast horizontal angebracht, um den oben vorübersausenden Einschienenbahn-Passagieren besser ins Auge zu fallen, und dienten Tom auf diese Weise ganz prächtig als Dächer für einen Werkzeugschuppen und eine Pilzkultur. Tag und Nacht sausten die Züge von Hastings und Brighton oben vorüber – lange, breite, bequem aussehende Wagen, die bei Dunkelheit strahlend erleuchtet waren. Und während sie so des Nachts vorüberflogen, wie flüchtige Flammen und dumpfdrohendes Grollen, wirkten sie auf der Straße da drunten wie ein ununterbrochenes Sommergewitter mit Donner und Blitz.

Bald war auch der Kanal überbrückt – eine Reihe von großen eisernen Eiffelturm-Pfeilern, die die Einschienenkabel in einer Höhe von hundertfünfzig Fuß über dem Wasser trugen, mit Ausnahme der Mitte, wo sie sich höher erhoben, um den Verkehr der Londoner und Antwerpener Dampfer und der Hamburg-Amerika-Linie nicht zu behindern.

Schwere Motorwagen begannen auf zwei hintereinanderstehenden Rädern einherzusausen, eine Tatsache, die Tom aus irgendeinem Grunde entsetzlich aufregte und ihn noch auf Tage hinaus, nachdem der erste am Laden vorübergefahren war, schwermütig stimmte . . . .

All diese gyroskopische und Einschienen-Entwicklung beanspruchte naturgemäß einen erheblichen Teil der öffentlichen Aufmerksamkeit; auch die überraschenden Goldfunde an der Küste von Anglesea, die eine submarine Forscherin, Miß Patricia Giddy, gemacht hatte, riefen gewaltige Aufregung hervor. Miß Giddy hatte an der Universität zu London ihr Examen in Mineralogie und Geologie bestanden, und während sie nach einer kurzen Erholungspause, die sie zur Agitation für das Wahlrecht der Frauen verwendete, an einer Arbeit über die goldhaltigen Klippen von Nord-Wales schrieb, war ihr plötzlich der Gedanke aufgestiegen, daß möglicherweise diese Riffe unter dem Wasser auszubeuten wären. Sie unternahm es, mit Hilfe des von Dr. Alberto Cassini erfundenen Unterseebohrers sich von der Wahrheit ihrer Voraussetzung zu überzeugen. Und durch eine ihrem Geschlecht eigene glückliche Mischung von Überlegung und Spürsinn fand sie schon bei ihrem ersten Abstieg Gold und kam nach dreistündigem Tauchen mit ungefähr zwei Zentnern Erz empor, das Gold in dem noch nie dagewesenen Prozentsatz von 17 Unzen pro Tonne enthielt. Aber so unendlich interessant auch die ganze Geschichte dieser unterseeischen Goldgräberin ist – wir müssen sie auf ein andermal verschieben; für jetzt möge die einfache Bemerkung genügen, daß eben in die darauffolgende Zeit des großen Steigens der Preise, des Kredits und der Spekulation das Wiederaufleben des Interesses am Fliegen fiel.


IV

Es ist merkwürdig, wie dies Wiederaufleben begann. Es war wie das Kommen einer Brise an einem stillen Tag: es fing nirgends an – es kam. Man begann wieder über das Fliegen zu sprechen mit einer Miene, als hätte man das Thema überhaupt keinen Augenblick lang fallen lassen. In den Zeitungen erschienen wieder Abbildungen von Flugversuchen und Flugmaschinen; in den ernsthaften Zeitschriften mehrten und häuften sich Artikel und Berichte. In den Einschienenzügen herrschte die Frage: »Wann werden wir fliegen?« Eine neue Saat von Erfindern sprang über Nacht auf wie die Pilze. Der Aeroklub kündete eine geplante große Flugausstellung auf einem weiten Geländestück an, das durch den Abbruch der Baracken von Whitechapel verfügbar geworden war.

Die herannahende Woge erzeugte bald ein entsprechendes Plätschern in dem Geschäft in Bun-Hill. Grubb buddelte seine Flugmaschine wieder aus, probte damit im Hof hinter dem Laden, quetschte auch eine Art Flug aus ihr heraus und zerschmetterte siebzehn Scheiben und neun Blumentöpfe in einem Gewächshaus im übernächsten Hof.

Dann – plötzlich – aus Nichts heraus – weitergetragen, man wußte nicht wie, kam ein hartnäckiges, aufregendes Gerücht: das Problem sei gelöst, das Geheimnis ergründet. Bert platzte im Frühdämmer eines Nachmittags darauf, als er sich in einem Wirtshaus in Rutfield stärkte, wohin sein Motorrad ihn getragen hatte. Dort saß, rauchend und gedankenvoll, ein Mann in Khaki, ein Pionier, der sogleich ein Interesse für Berts Maschine faßte. Es war ein robuster Apparat, der sich bereits eine Art verbrieften Werts in jener rasch wechselnden Zeit errungen hatte; fast acht Jahre alt war er jetzt schon. Nachdem seine verschiedenen Vorzüge zur Genüge besprochen waren, schlug der Soldat ein neues Thema an.

»Mein nächstes wird ein Aeroplan – wenn's nach mir geht! Straßen und Chausseen hab' ich satt!«

»Gered't wird viel!« sagte Bert.

»Geredet – und getan!« sagte der Soldat. »Die Sache wird!«

»Werden tut sie immerzu!« sagte Bert. »Wenn ich's sehe, will ich's auch glauben.«

»Wird nicht mehr lang dauern«, sagte der Soldat.

Die Konversation schien in ein freundschaftliches Hin und Her von Streitereien zu verlaufen.

»Wenn ich Ihnen doch sage, daß sie fliegen!« beharrte der Soldat. »Hab's doch selber gesehen.«

»Gesehen haben wir's alle!« sagte Bert.

»Ich mein' ja nicht in die Höhe flattern und umschmeißen! Ich mein', wirklich und sicher und ruhig und gutgesteuert fliegen – gegen den Wind – und alles!«

»Das haben Sie nicht gesehen!«

»Hab' ich! In Aldershot! Sie möchten's gern geheim halten. Aber sie haben's raus! Da können Sie Gift drauf nehmen – diesmal hält unser Kriegsministerium die Augen offen!«

Berts Unglaube war erschüttert. Er fragte und fragte, und der Soldat ward immer ergiebiger.

»Ich sag' Ihnen, sie haben in einer Art Tal fast eine Quadratmeile eingezäunt, mit Stacheldraht, zehn Fuß hoch; und da drin sind sie dahinter her. Eine Menge Leute treiben sich da herum – und manchmal sieht man auch ein bißchen was. Und nicht bloß unsere haben's raus. Auch die Japaner – da können Sie Gift drauf nehmen – die haben's auch raus! Und die Deutschen!«

Der Soldat stand mit weit gespreizten Beinen und stopfte nachdenklich seine Pfeife. Bert hockte auf der niedrigen Mauer, an der sein Rad lehnte.

»Komische Sache muß das dann sein – 'n Krieg!« sagte er.

»Die Fliegerei wird bald losgehen,« sagte der Soldat. »Und wenn's losgeht – wenn der Vorhang aufgeht – ich sag' Ihnen – alle spielen sie da mit – bei dem Theater – – – Na, so was von Krieg! . . Solche Sachen lesen Sie wohl überhaupt nicht in den Zeitungen?«

»Ein bißchen schon,« sagte Bert.

»Na ja – ist Ihnen da nie so was Ähnliches aufgefallen, wie – na, sagen wir, das plötzliche und seltsame Verschwinden des Erfinders? Des Erfinders, der wie eine Rakete in der Öffentlichkeit auftaucht, ein paar erfolgreiche Experimente losläßt und – verschwindet?«

»Nicht, daß ich's behaupten könnt',« sagte Bert.

»Na ja – aber ich! Setz' den Fall, es kommt einer daher, der irgendwas Besonderes leistet in der Branche – und Sie können Gift darauf nehmen – er verschwindet. Taucht einfach in aller Stille unter. Nach einer Weile hört man überhaupt nichts mehr von ihm. Sie verstehn? Einfach verschwunden. Fort – ohne Adresse. Zuerst – o, das ist schon eine alte Geschichte jetzt – waren da die Brüder Wright drüben in Amerika. Sie glitten und glitten – Meile über Meile – und schließlich – glitten sie von der Schaubühne ab. Laß sehen – 1904 oder 1905 muß das gewesen sein, daß die verschwunden sind. Dann die Kerls in Irland – ich hab' die Namen vergessen. Alle Welt behauptete, sie könnten fliegen. Auch die – futsch! Tot sind sie nicht, soviel ich gehört hab'. Aber ebensowenig kann man behaupten, daß sie am Leben sind. Auch nicht ein Faden mehr von ihnen zu sehen! Dann der Bursche, der rings um Paris 'rumflog und in der Seine kenterte. De Boley – oder wie? Ich hab's vergessen. 'n großartiger Flug – trotz der unglücklichen Geschichte. Aber wo ist der Mensch hingekommen? Der Unfall damals hat ihm nichts getan Na? Auch der ist futsch.«

Der Soldat schickte sich an, seine Pfeife anzuzünden.

»Sieht fast so aus, als wären sie einem Geheimbund in die Klauen geraten!« sagte Bert.

»Geheimbund! Nee!«

Der Soldat zündete sein Streichholz an und zog.

»Geheimbund!« wiederholte er, die Pfeife zwischen den Zähnen, während das Streichholz um die Wette flammte mit seinen Worten. »Sagen wir lieber Kriegsministerien!« Er warf das Streichholz fort und ging zu seinem Fahrrad. »Glauben Sie mir,« sagte er – »es gibt in ganz Europa oder Asien oder Amerika oder Afrika keine Großmacht, die heute nicht ganz im geheimen eine oder zwei Flugmaschinen hat! Keine! Wirkliche, richtiggehende Flugmaschinen! Die Spionage! Die Spionage und die Manöver, um 'rauszukriegen, was die andern haben! Ich sag' Ihnen – kein Ausländer – übrigens auch kein Einheimischer ohne Ausweis – kann sich heutzutag auf vier Meilen im Umkreis nach Lydd wagen – ganz abgesehen von unserm kleinen Privatzirkus in Aldershot und dem Experimentierlager in Galway. Unmöglich!«

»Na, schön!« sagte Bert. »Sehen möcht' ich jedenfalls mal eine. Einfach, damit ich's glauben könnt'! Wenn ich's seh', will ich's glauben – das versprech' ich Ihnen!«

»Sie werden sie bald genug zu sehen kriegen!« sagte der Soldat und führte seine Maschine auf die Straße hinaus.

Und Bert blieb auf seiner Mauer zurück, ernst und gedankenvoll, die Mütze im Nacken, eine glimmende Zigarette im Mundwinkel.

»Wenn das wahr ist, was der sagt,« dachte Bert, »so haben wir, Grubb und ich, einfach bis jetzt uns nutzlos die Zeit um die Ohren geschlagen! Und dabei noch die Kosten mit dem Gewächshaus!«


V

Während diese geheimnisvolle Unterredung noch in Bert Smallways' Phantasie nachzitterte, trat das staunenswerteste Ereignis jenes ganzen dramatischen Kapitels menschlicher Geschichte ein –: das Fliegen kam! Die Menschen reden so glatt von epochemachenden Ereignissen. Dies war ein epochemachendes Ereignis. Es war der unvorhergesehene und vollkommen geglückte Flug des Mr. Alfred Butteridge vom Kristallpalast nach Glasgow und zurück – – ein Flug in einer ganz geschäftsmäßig aussehenden kleinen Maschine, schwerer als Luft – einer vollkommen lenkbaren, beherrschbaren Maschine, die so leicht und sicher flog wie eine Taube.

Es war dies – das fühlte man – nicht etwa ein neuer Schritt weiter in dieser Sache, sondern ein Riesensatz – ein Sprung. Mr. Butteridge blieb etwa neun Stunden ununterbrochen in der Luft und flog während dieses Zeitraums mit der Leichtigkeit und Sicherheit eines Vogels. Dabei war seine Maschine weder vogel- noch schmetterlingähnlich, noch hatte sie die breite Seitenausdehnung des gewöhnlichen Aeroplans. Sie wirkte auf den Zuschauer eher wie eine Art Biene oder Wespe. Einige Teile des Apparats drehten sich ungeheuer rasch und riefen einen nebelhaften Eindruck von durchsichtigen Flügeln hervor. Andere Teile wieder, darunter zwei eigentümlich gebogene »Flügeldeckel« – wenn man dies Bild von den fliegenden Insekten entlehnen darf – blieben steif ausgestreckt. In der Mitte war ein langer, runder Körper, wie der Körper einer Motte; und auf diesem erblickte man Mr. Butteridge, rittlings sitzend, ganz ähnlich einem Mann, der zu Pferd sitzt. Die Wespengleichheit wurde noch verstärkt durch den Umstand, daß der Apparat mit einem tiefen, dröhnenden Summen flog, genau wie das Geräusch, das eine Wespe an einer Fensterscheibe macht.

Mr. Butteridge war eine Überraschung für alle Welt. Er war einer der Menschen von nirgendwo, die das Schicksal auch heute noch immer wieder – zur Anspornung der Menschheit – hervorzubringen versteht. Er kam – den verschiedenen Gerüchten nach – aus Australien – aus Amerika – aus Süd-Frankreich. Es hieß ferner – – absolut unrichtig – –, er sei der Sohn eines Mannes, der sich durch die Fabrikation von Schreibfedern und von »Butteridges Goldfüllfeder« ein ansehnliches Vermögen erworben hatte. Aber das war eine ganz andere Linie von Butteridges. Schon seit Jahren war er – trotz seiner lauten Stimme, seiner breitspurigen Persönlichkeit, seiner herausfordernden Großmäulerei und seiner ungehobelten Manieren ein ganz ruhmloses Mitglied der meisten damals existierenden Luftschiffer-Klubs. Dann – eines Tages – schrieb er an sämtliche Londoner Zeitungen und kündete an, daß er den Aufstieg einer Maschine vom Kristallpalast aus vorbereitet habe, der zur Genüge dartun würde, daß die bisher noch vorhandenen Schwierigkeiten in der Technik des Fliegens ein für allemal behoben seien. Nur wenige Zeitungen brachten dieses Schreiben. Und noch weniger Leute schenkten ihm Glauben. Kein Mensch regte sich auf deswegen. Nicht einmal, als ein Skandal auf der Treppe eines ersten Picadilly-Hotels, wobei Mr. Butteridge irgendeinen berühmten ausländischen Musiker aus irgendwelchen persönlichen Gründen durchzuprügeln versuchte, den verheißenen Aufstieg verzögerte. Die Zeitungen taten des Rencontres nur höchst oberflächlich Erwähnung und verstümmelten den Namen teilweise zu Betteridge und Betrigde. Tatsächlich vermochte er es bis zu seinem Flug auf keine Weise durchzusetzen, in der öffentlichen Meinung überhaupt zu existieren. Trotz all seines Geschreis waren kaum dreißig Menschen zum Zusehen erschienen, als sich eines Sommermorgens gegen sechs die Tore der großen Halle öffneten, in der er seinen Apparat montiert hatte – – es war in der Nähe des großen Megatheriummodells im Kristallpalast – – und sein Rieseninsekt surrend in die ungläubige und interesselose Welt hinausflog.

Aber noch ehe er seine zweite Runde um die Türme des Kristallpalasts vollendet hatte, hob Fama ihre Posaune . . . Tief holte sie Atem. Die aufgeschreckten Vagabunden, die auf den Bänken der Parks schliefen, erwachten durch das Schwirren und sahen ihn um die Nelsonsäule kreisen. Als er bis Birmingham gelangt war – so gegen halb elf – hallte betäubender Schall durchs ganze Land. Geglückt war, woran man bisher verzweifelte . . . . Ein Mensch flog – flog – sicher und ruhig. Schottland harrte seiner mit offenem Mund. Gegen eins erreichte er Glasgow, und die Berichte erzählen, kaum eine Werft oder Fabrik in diesem emsigen Industrie-Bienenkorb habe vor halb zwei die Arbeit wieder aufgenommen. Die öffentliche Meinung war just so weit zum Glauben an die Unmöglichkeit des Fliegens erzogen, um Mr. Butteridge in seinem vollen Wert würdigen zu können. Er umkreiste die Universitätsgebäude und senkte sich in Rufweite auf die Menge im Westendpark und den Abhang der Gilmorehöhe herab. Die Maschine flog vollkommen ruhig – in einer Geschwindigkeit von drei Meilen die Stunde – in einem weiten Bogen, mit einem tiefen Summen, das Mr. Butteridges kräftige, sonore Stimme völlig übertönt haben würde, wäre er nicht mit einem Schallrohr versehen gewesen. Während er redete, wich er mit größter Behendigkeit Kirchen, hohen Gebäuden und Einschienenkabeln aus . . . .

»Mein Name ist Butteridge!« brüllte er. »B-u-t-t-e-r-i-d-g-e! Haben Sie's? Meine Mutter war Schottin . . . .«

Und nachdem er sich vergewissert hatte, daß man ihn verstanden habe, stieg er unter Hochrufen und Geschrei und patriotischem Hurragebrüll wieder auf und flog sehr rasch und leicht nach dem südwestlichen Himmel, wobei er in seltsam wespenähnlicher Weise in langen Wellenlinien sich hob und senkte.

Seine Rückkehr nach London – er besuchte auf dem Weg Manchester, Liverpool und Oxford, blieb über jeder Stadt stehen und buchstabierte seinen Namen – war ein Ereignis von beispiellosester Sensation. Alle Welt starrte gen Himmel. In den Straßen wurden an diesem einen Tag mehr Menschen überfahren, als sonst in drei Monaten; und ein Dampfer, der »Isaac Walton«, kollidierte mit einem Pfeiler der Westminsterbrücke und rettete sich nur mit knapper Not, indem er – es war Tiefwasserstand – an der Südseite in den Schlamm auflief. Gegen Sonnenuntergang kehrte Mr. Butteridge nach dem Kristallpalast, diesem klassischen Ausgangspunkt aeronautischer Abenteuer, zurück, lief ohne Unfall wieder in die Halle ein und ließ sofort all den Photographen und Journalisten, die auf seine Rückkehr gewartet hatten, die Tür vor der Nase zumachen. »Schaut her, Jungens,« sagte er, während sein Assistent dies besorgte, »ich bin todmüde und habe Reitweh. Ich kann tatsächlich kein Wort mehr reden. Bin zu zermürbt. Mein Name ist Butteridge, B-u-t-t-e-r-i-d-g-e. Merkt's euch. Ich bin ein imperialistischer Engländer. Morgen will ich zu euch allen sprechen.«

Einzelne nebelhafte Berichte, die dies Ereignis überliefern, existieren noch heute. Sein Assistent inmitten einer anstürmenden Brandung von jungen Leuten in Schlapphüten und unternehmungslustigen Krawatten, mit Notizbüchern und hocherhobenen Kameras in Händen. Er selbst unter der Tür, eine große, breite Erscheinung, mit einem Riesenmaul – einer beredten Höhlung unter einem kolossalen schwarzen Schnauzbart –, verzerrt von dem lauten Schreien, womit er die hartnäckigen Agenten der Öffentlichkeit im Zaum hielt. Da steht er, der berühmteste Mann im ganzen Land. Und – fast symbolisch – hält er in der linken gestikulierenden Hand ein Schallrohr . . .


VI

Tom und Bert Smallways sahen diese Rückkehr beide mit an. Sie standen auf der Höhe von Bun Hill, von wo aus sie so oft die Feuerwerke des Kristallpalastes beobachtet hatten. Bert war aufgeregt; Tom blieb ruhig und schläfrig; aber keiner von beiden begriff, wie dereinst die Früchte dieses Beginnens in ihr eigenes Leben eingreifen würden. »Vielleicht daß Grubb jetzt 'n bißchen mehr auf seinen Laden aufpaßt,« sagte er, »und sein verdammtes Modell ins Feuer schmeißt. Nicht als ob uns das noch retten könnt', wenn nicht Steinhart seine Forderung stundet.«

Bert wußte genug von der Welt und den Problemen der Aeronautik, um zu begreifen, daß über diese Riesenimitation einer Biene »die Zeitungen Gichter kriegen würden« – um seinen eigenen Ausdruck zu gebrauchen. Schon der nächste Tag zeigte klar und deutlich, daß sie wirklich »die Gichter« hatten; ihre Spalten waren schwarz von Abbildungen; die Berichte waren überschwenglich; die Titelköpfe schäumten geradezu über. Am folgenden Tag war's noch ärger. Und noch vor Ende der Woche wurden die Zeitungen nicht mehr herausgegeben, sondern gellend und schrillend in den Straßen ausgetragen . . . . Die dominierende Note in all dem Aufruhr war Mr. Butteridges ungewöhnliche Persönlichkeit, und die unerhörten Forderungen, die er für das Geheimnis seiner Maschine stellte . . . .

Denn ein Geheimnis war es, und er wahrte dies Geheimnis aufs sorgfältigste. Er hatte seinen Apparat selbst gebaut, in der sichern Abgeschlossenheit der großen Kristallpalasthallen und unter Beihilfe stumpfer und gleichgültiger Arbeiter; und am Tag nach seinem Flug nahm er ihn ganz allein auseinander, verpackte gewisse Teile und nahm dann für Verpackung und Verschickung der übrigen technisch unausgebildete und gedankenlose Hilfskräfte. Versiegelte Kisten gingen nach Norden, Osten und Westen an verschiedene Maschinenwerkstätten ab; die Maschinen wurden unter ganz besonderer Sorgfalt versandt. Augenscheinlich waren diese Vorsichtsmaßregeln auch keineswegs überflüssig – angesichts der heftigen Nachfrage nach Photographien oder irgendwelchen sonstigen Abbildungen der Maschine Aber Mr. Butteridge war, nach seiner einmaligen Demonstration, augenscheinlich fest entschlossen, sein Geheimnis auf keine Weise durchsickern zu lassen. Er stellte dem britischen Volk einfach die Frage: Wollte es sein Geheimnis oder nicht? Er war, wie er immer wieder erklärte, ein »imperialistischer Engländer«; und sein erster und letzter Wunsch war, seine Erfindung als Privileg und Monopol des Reichs zu sehen. Nur . . .

Und hier saß der Haken.

Mr. Butteridge war, wie sich zeigte, ein von jeglicher falscher Bescheidenheit – überhaupt von jeglicher Bescheidenheit – freier Mensch; war stets gewillt, Berichterstatter zu empfangen, Fragen jeglicher Art – ausgenommen aeronautische – zu beantworten, Ansichten und Meinungen zu äußern, autographische Notizen, Porträts und Photographien zu liefern, überhaupt mit seiner Persönlichkeit den ganzen irdischen Himmel zu füllen. Die Bilder, die veröffentlicht wurden, zeigten als Hauptzug immer einen kolossalen schwarzen Schnurrbart und hinter dem Schnurrbart ein grimmig-trotziges Gesicht. Im allgemeinen hatten alle Leute den Eindruck, Butteridge müsse ein kleiner Mann sein. Kein großer Mann, das fühlte man, konnte einen so bösartigherausfordernden Ausdruck haben; obgleich Butteridge in Wirklichkeit eine Höhe von sechs Fuß zwei Zoll und ein dementsprechendes Gewicht besaß. Außerdem hatte er einen Liebeshandel von ungewöhnlichster Ausdehnung und seltsamster Art, und das in der Masse immerhin noch recht anständige englische Volk erfuhr mit Widerwillen und Entsetzen, daß eine mitfühlende Anerkennung dieser Liebesaffäre eine unumgängliche Bedingung für den ausschließlichen Ankauf des unbezahlbaren Geheimnisses seitens des Britischen Reiches war. Die Einzelheiten des seltsamen Handels kamen überhaupt nie recht ans Licht. Aber augenscheinlich war die Dame, in einem Moment großzügiger Gedankenlosigkeit, eine Ehe eingegangen mit – – ich zitiere einen nicht veröffentlichten Ausspruch Mr. Butteridges – »einem feigherzigen Stinktier«; und dies zoologische Phänomen war – gesetzlicher- und ärgerlicherweise – ein Hindernis für ihr gesellschaftliches Wohlbefinden. Er – Mr Butteridge – versteifte sich darauf, darüber zu sprechen und die Größe ihres Charakters in der Beleuchtung dieser Unerfreulichkeiten zu demonstrieren. Es war in der Tat eine große Verlegenheit für die Presse, die doch bisher stets mit größter Diskretion gearbeitet hatte, die wohl gewisse »Personalien« – im modernen Sinn – verlangte, aber doch nichts zu Persönliches. Ich wiederhole, es war eine Verlegenheit, so ganz unerbittlich mit Mr. Butteridges großem Herzen konfrontiert zu werden, seine fortwährende Selbstvivisektion mit anzusehen . . . .

Aber Konfrontationen fanden statt – ohne Gnade und Barmherzigkeit. Mr. Butteridge versteifte sich darauf, seinen fürchterlichen Herzmuskel vor den erschreckten Journalisten schlagen und spielen zu lassen – kein Onkel mit einer großen Taschenuhr und einem kleinen Baby konnte die Geschichte ausdauernder betreiben. Jeglichen Versuch, ihm zu entwischen, vereitelte er. »Seine Liebe sei sein Ruhm,« behauptete er und zwang sie, das niederzuschreiben.

»Das ist ja natürlich eine Privatangelegenheit, Mr. Butteridge,« pflegten sie einzuwenden.

»Ungerechtigkeit, mein Herr, ist immer öffentlich. Was liegt mir daran, ob ich gegen einzelne Persönlichkeiten oder ganze Staaten kämpfe. Was liegt mir daran, ob ich gegen das Weltall ankämpfe. Ich verfechte die Sache eines Weibes, mein Herr, eines Weibes, das ich liebe, mein Herr, – eines edlen Weibes – – eines unverstandenen Weibes. Und ich werde sie verteidigen, mein Herr, gegen alle vier Winde des Himmels!«

»Ich liebe England!« pflegte er zu sagen, »ich liebe England. Aber den Puritanismus verabscheue ich, mein Herr! Er erfüllt mich mit Abscheu! Er macht mir übel, mein Herr! Nehmen Sie bloß meinen eigenen Fall!«

Er beharrte eigensinnig auf seiner Herzensaffäre. Er beharrte darauf, die Berichte der Interviewer zu sehen. Hatten sie seinem erotischen Geschrei und Getue nicht Gerechtigkeit widerfahren lassen, so flickte er in einer schmierigen, gespreizten Handschrift alles hinein, was sie etwa ausgelassen hatten – alles – und noch mehr – – –

Es war wirklich eine Verlegenheit für den gesamten britischen Journalismus. Noch nie war eine aufdringlichere und uninteressantere Geschichte aufgetaucht; noch nie hatte die Welt mit weniger Gusto und Sympathie die Geschichte einer Leidenschaft angehört. Andrerseits aber war diese Welt doch voller Neugier auf Mr. Butteridges Erfindung. Wenn es jedoch gelang, Mr. Butteridge für einen Augenblick von der Sache der Dame, die er liebte, abzulenken, so redete er in der Hauptsache, und meist mit Tränen der Zärtlichkeit in der Stimme, von seiner Mutter und seiner Kindheit – – seiner Mutter, die eine ganze Skala mütterlicher Tugenden durch den Umstand krönte, daß sie »Schottin« war. Ganz echt war sie nicht, aber fast. »Alles verdanke ich meiner Mutter,« versicherte er, »alles!« Und: »Fragen Sie doch jeden Mann, der was geleistet hat – – Sie werden immer dasselbe hören. Alles, was wir haben, verdanken wir dem Weib. Das Weib – – Herr – – das ist die Gattung! Der Mann ist nichts als ein Traum. Er kommt und geht. Des Weibes Seele führt uns empor . . . und immer weiter . . . .«

Immerzu quatschte er so . . .

Was er eigentlich von der Regierung verlangte für sein Geheimnis, war nicht recht klar; auch nicht, was, außer einer Geldentschädigung, in derartigen Dingen von einem modernen Staat zu erwarten war. Er wirkte im allgemeinen auf kritische Beobachter weniger wie ein Mensch, der irgend etwas erreichen will, als vielmehr wie einer, der eine seltene Gelegenheit ausnützt, um der Welt seine eigene Persönlichkeit aufzudrängen. Allerlei Gerüchte über ihn waren im Umlauf. Einige davon behaupteten, er sei der Besitzer eines großen Hotels in Kapstadt gewesen und habe als solcher einen sehr schüchternen, freundlosen Erfinder, namens Palliser, der in einem vorgeschrittenen Stadium von Lungenschwindsucht von England nach Südafrika gekommen und dort gestorben war, beherbergt, habe ihm seine Experimente abgelauscht und schließlich seine Papiere und Pläne gestohlen. Dies war die Lesart der amerikanischen Presse. Aber weder Beweis noch Gegenbeweis drangen je in die Öffentlichkeit.

Mr. Butteridge ließ sich fernerhin auch in äußerst heftige Streitereien um den Besitz einer Menge von wertvollen Geldpreisen ein. Einige von ihnen waren schon im Jahr 1906 für erfolgreiches mechanisches Fliegen ausgesetzt worden. Als Mr. Butteridge seinen Erfolg erlebte, hatten sich schon eine ganz beträchtliche Anzahl von Zeitungen – verführt durch das unbestrafte Vorrücken der Pioniere – – verpflichtet, geradezu überwältigende Summen an die erste Person zu zahlen, die von Manchester nach Glasgow, von London nach Manchester, einhundert englische Meilen – zweihundert englische Meilen usw. fliegen würde. Die meisten hatten sich hinter allerhand doppelsinnigen Bedingungen verschanzt und streikten jetzt; eine oder die andere zahlte glatt und trompetete dies mit Macht aus. Und Mr. Butteridge prozessierte eifrigst mit den Widerspenstigen, während er gleichzeitig aufs heftigste agitierte, um der Regierung den Ankauf seiner Erfindung mundgerecht zu machen . . .

Eins jedenfalls blieb durch alle Entwicklungsstadien der Sache hindurch, hinter Butteridges alberner Liebesaffäre, hinter all seiner Politik und Persönlichkeit, seinem Geschrei und Geprahle bestehen: nämlich, daß er – soweit man wußte – – im alleinigen Besitz des Geheimnisses des lenkbaren Aeroplans war, der – man mochte sagen was man wollte – der Schlüssel war zur künftigen Herrschaft der Welt. Und bald zeigte es sich – zur Bestürzung zahlreicher Leute, unter ihnen Mr. Bert Smallways –, daß alle Unterhandlungen der britischen Regierung in betreff der Erwerbung des unschätzbaren Geheimnisses ins Wasser zu fallen drohten. Das Londoner »Tägliche Requiem« war das erste Blatt, das diesem allgemeinen Alarm Ausdruck verlieh und unter dem verfänglichen Titel: »Mr. Butteridge spricht sich aus« ein Interview veröffentlichte.

In diesem schüttete der Erfinder – wenn er ein Erfinder war – sein Herz aus.

»Ich bin vom Ende der Welt gekommen,« sagte er – was die Kapstadtgeschichte zu bestätigen schien –, »um meinem Mutterland das Geheimnis zu bringen, das ihm die Herrschaft der Welt sichern soll. Und was ist mein Dank?« Er machte eine Pause. »Ein Haufe von ältlichen Mandarinen rümpft über mich die Nase . . . . Und das Weib, das ich liebe, wird behandelt wie eine Aussätzige! . . Ich bin ein imperialistischer Engländer!« fuhr er in einem großartigen Kraftausbruch (den er nachträglich eigenhändig in das Interview hineinkorrigierte) fort. »Aber das menschliche Herz hat seine Grenzen! Es gibt noch jüngere Nationen – lebende Nationen! Nationen, die nicht in hilflosen Anfällen von Dickblütigkeit auf Betten von Formalität und rotem Siegellack schnarchen und gurgeln! Es gibt Nationen, die nicht die Herrschaft der Welt von sich werfen, nur um einen unbekannten Mann zu kränken und ein edles Weib, dessen Schuhriemen sie nicht wert sind zu lösen, zu beleidigen! Es gibt Nationen, die nicht blind sind für Wissenschaft, die nicht mit Haut und Haar dem Snobismus und verlotterten Dekadententum verfallen sind! Kurz – merken Sie auf meine Worte: – Es gibt noch andere Nationen!« . . .

Diese Rede war es, die auf Bert Smallways ganz besonderen Eindruck machte. »Wenn die Deutschen oder die Amerikaner die Geschichte in die Hände kriegen,« sagte er mit Nachdruck zu seinem Bruder, »so ist's mit dem Britischen Reich aus. Futsch! Und unsere Flagge ist dann kaum mehr das Zeug wert, aus dem sie zusammengeflickt ist, Tom!«

»Du könnt'st uns wohl nicht 'n bißchen helfen heut morgen,« sagte Jessika in die beredte Pause hinein. »Es ist, als ob ganz Bun Hill gleichzeitig neue Kartoffeln brauchte! Tom kann kaum die Hälfte austragen.«

»Wir leben auf einem Vulkan,« sagte Bert, dies Ansinnen glatt ignorierend. »Jeden Augenblick kann der Krieg ausbrechen – – und was für ein Krieg!«

Und er schüttelte unheilverkündend sein Haupt.

»Am besten, du nimmst zuerst die da, Tom!« sagte Jessika. Dann wandte sie sich energisch zu Bert. »Hast du Zeit heut morgen?« fragte sie.

»Werd' schon!« sagte Bert. »Das Geschäft ist ruhig heut morgen . . . . Nur daß all diese Gefahr fürs Reich mich ganz schrecklich umtreibt.«

»Wirst's schon vergessen über der Arbeit,« sagte Jessika.

Bald darauf schritt er hinaus in eine Welt des Wandels und der Wunder, tief gebeugt unter einer Last von Kartoffeln und patriotischer Unsicherheit, die sich schließlich zu einem sehr deutlichen Ärger über das Gewicht und die Schwere und Stillosigkeit der Kartoffeln und einer durchaus klaren Empfindung von Jessikas gänzlicher Verabscheuungswürdigkeit gestaltete.



Zweites Kapitel: Wie Bert Smallways in Schwierigkeiten geriet


I

Weder Tom noch Bert Smallways kam es in den Sinn, daß die denkwürdige Luftvorstellung Mr. Butteridges das Leben des einen oder andern irgendwie besonders beeinflussen, daß sie sie irgendwie von den Millionen um sie her aussondern würde. Und nachdem sie sie von der Höhe von Bun Hill aus beobachtet und den fliegenden Mechanismus mit seinen rotierenden Planen, die im Sonnenuntergang wie ein goldener Nebel schienen, summend in den Hafen seiner Halle hatten sinken sehen, kehrten sie nach dem halbversunkenen Grünkramhandel unter dem großen Eisenpfeiler der London-Brightoner Einschienenbahn zurück und wandten sich wieder der Unterredung zu, die sie beschäftigt hatte, ehe Mr. Butteridges Triumph aus dem Londoner Nebel emporgetaucht war.

Es war eine schwierige und erfolglose Unterredung. Sie wurde auch nicht geredet, sondern geschrieen, der dröhnenden und donnernden Motorwagen wegen, die die Hauptstraße passierten; und die ganze Unterredung war streitsüchtiger und privater Natur. Grubb's Geschäft war in Schwierigkeiten geraten, und Grubb hatte, in einem Moment finanzieller Beredsamkeit, Bert, dessen Beziehungen zu seinem Arbeitgeber schon seit einiger Zeit salärlos und locker und wenig förmlich geworden waren, die Teilhaberschaft angetragen.

Bert versuchte, Tom die Idee einzuhämmern, daß die neugebildete Firma Grubb & Smallways einem betriebsamen Kleinkapitalisten nie dagewesene und beispiellose Vorteile gewähre. Und dabei ging es Bert – wie etwas völlig Neues – auf, daß Tom merkwürdig unzugänglich für neue Ideen war . . . . Schließlich ließ er das Finanzielle beiseite, spielte die ganze Geschichte einfach auf das Gebiet der brüderlichen Zärtlichkeit hinüber und erreichte dadurch auch einen Pump von zwanzig Schilling – – gegen Ehrenwort!

Die Firma Grubb & Smallways, ehemals Grubb, hatte tatsächlich in den letzten paar Jahren recht viel Unglück gehabt. Seit vielen Jahren kämpfte sich die Firma – immer in einer Art romantischer Unsicherheit – in einem kleinen, trübseligen Laden der Hauptstraße durch, der mit grellfarbigen Fahrrad-Reklamebildern, Klingeln, Pumpen, Ölkannen, Ledertaschen, Hosenklammern und anderem Zubehör, ferner mit Plakaten: »Räder werden ausgeliehen«, »Reparaturwerkstätte«, »Pumpstation«, »Benzin«, »Acetylen« und ähnlichen Lockvögeln geziert war. Sie waren auch Agenten für allerhand obskure Fahrrad-Fabriken; zwei Reklameräder bildeten ihr Lager; gelegentlich glückte auch ein Verkauf; nebenbei reparierten sie schadhafte Schläuche und überhaupt alles, was man ihnen brachte. Aber freilich – sie hatten nicht immer Glück. Auch billige Grammophone führten sie und allerhand Spielwerke. Aber den Grundstock ihres Geschäfts bildete das Vermieten von Fahrrädern. Es war das ein sonderbarer Handel, der keinerlei kommerziellen oder ökonomischen, überhaupt keinerlei Grundsätzen gehorchte. Er bestand aus einem Lager von Herren- und Damenrädern, alle in einem Zustand, der jeder Beschreibung spottet; und diese wurden an anspruchslose und vorschnelle, in den Dingen dieser Welt unbewanderte Menschen für die Summe von einem Schilling die erste, fünfzig Pfennig jede nächstfolgende Stunde vermietet. Tatsächlich gab es überhaupt keine festen Preise; und recht ausdauernde Jungens konnten ein Fahrrad und die damit verknüpfte Aufregung und Gefahr schon für fünfundzwanzig Pfennig pro Stunde haben – das heißt, wenn es ihnen gelang, Grubb die Überzeugung beizubringen, daß das ihr ganzes Vermögen sei . . . worauf Grubb Sattel und Lenkstange ziemlich obenhin anschraubte, dann – außer bei Jungens, die er kannte – ein Pfand verlangte und die Maschine schmierte, worauf der Abenteurer loszog. Meist kamen er oder sie auch zurück; aber manchmal, wenn der Unfall ernster Natur war, mußten Bert oder Grubb ihre Maschine selber heimholen. Die Miete wurde stets bis zur Stunde der Rückkehr berechnet und vom hinterlegten Pfand abgezogen. Selten nur gaben sie ein Fahrrad in einem Zustand pedantischer Leistungsfähigkeit aus der Hand. Die ausgeleierte Schraube, die den Sattel hielt, die bresthaften Pedale, die lose Kette, die Lenkstangen, die Bremse, alles strotzte von romantischen Unfallmöglichkeiten. Ein Knarren und Rasseln und Pochen, seltsame rhythmische Geräusche erhoben sich, während der kühne Mieter ins Land hinaus radelte. Die Glocke klemmte sich ein; die Bremse versagte an einer steilen Wegstelle; oder die Sattelstange lockerte sich und der Sattel rutschte mit dumpfem Krach drei oder vier Zoll tiefer. Oder auch die lose, rasselnde Kette knirschte während des Bergabfahrens gegen die Zähne des Kettenrads und brachte die Maschine zu einem plötzlichen und verhängnisvollen Stillstand, ohne die Vornüberneigung des Radlers zu hemmen. Oder ein Reifen knarrte und stöhnte und gab den Kampf einfach auf . . .

Wenn dann der Radler als höchst erhitzter Fußgänger zurückkam, pflegte Grubb jegliche vorgebrachte Beschwerde mit großer Ruhe zu ignorieren und ernsthaft die Maschine zu begutachten.

»Schlecht behandelt worden!« begann er.

Und er ward zu einer milden Verkörperung höchster Vernunft. »Sie können von einem Rad nicht verlangen, daß es Sie in den Arm nehmen und tragen soll!« pflegte er zu sagen. »Ein bißchen Intelligenz Ihrerseits gehört auch dazu. Es ist doch schließlich immer nur eine Maschine.«

Ab und zu grenzten die Versuche, die aus derartigen Vorkommnissen entstehenden Forderungen einzukassieren, geradezu ans Gewaltsame. Immer war es eine außerordentliche rhetorische und meist auch eine unerquickliche Angelegenheit; aber Klappern gehört nun einmal zum Handwerk in diesen fortschrittlichen Zeiten. Oft genug ereilte sie auch darin die Enttäuschung . . . .

Die Chaussee von London nach Brighton, die durch Bun Hill lief, war – wie das britische Reich oder der britische Staat – eine Sache, die nach und nach in ihre Bedeutung hineingewachsen war. Ungleich anderen europäischen Chausseen ist an den britischen Landstraßen nie der Versuch gemacht worden, sie zu regulieren und nivellieren, welchem Umstand zweifellos ihr eigenartig malerisches Gepräge zuzuschreiben ist. Die alte Bun Hiller Chaussee fällt gegen ihr Ende zu um etwa achtzig bis hundert Fuß, in einem Winkel von eins zu fünf, wendet sich dann in rechten Winkeln nach links, läuft etwa zwanzig Meter lang in einem Bogen bis zu einer Backsteinbrücke über den trockenen Graben, der einst der Otterbourne war, biegt dann um eine dichte Baumgruppe scharf wieder nach rechts und geht als einfache, gerade, friedliche Chaussee weiter. Ehe der Laden, den Grubb und Bert mieteten, gebaut war, waren an dieser Stelle ein paar Pferde- und Motor- und Fahrradunfälle vorgekommen; und – ehrlich gestanden – war es just die Wahrscheinlichkeit weiterer derartiger Unglücksfälle, die die beiden dorthin zog.

Erst waren ihnen solche Möglichkeiten in einer Art humorvoller Beleuchtung aufgegangen.

»Einer von den Plätzen, wo der Mensch sein Brot glatt durch Hühnerhalten verdienen könnte!« sagte Grubb.

»Durch Hühnerhalten verdient der Mensch nichts!« sagte Bert.

»Man hält die Hühner und läßt ihnen den Kopf abfahren,« sagte Grubb. »Die Automobilonkels müssen dafür blechen.«

Als sie den Laden schließlich mieteten, fiel ihnen beiden diese Unterredung wieder ein. Aber Hühner konnten leider nicht in Frage kommen; es war nirgends Platz für sie, außer sie hielten sie im Laden. Und daß sie da nicht am Platz waren, leuchtet ein. Der Laden war viel moderner als ihr voriger und hatte Spiegelglasscheiben. »Früher oder später«, sagte Bert, »fährt uns da ein Auto durch!«

»Schön!« sagte Grubb. »Entschädigung! Meinethalben kann das Auto kommen, wann's will. Gern – wenn's mir auch auf die Nerven geht!«

»Und einstweilen«, sagte Tom äußerst verschmitzt, »kauf ich mir einen Hund!«

Er kaufte einen Hund. Er kaufte hintereinander drei Hunde. Er setzte sämtliche Angestellte des Hundeasyls von Battersea durch seine Nachfrage nach einem tauben Hühnerhund und durch sein glattes Zurückweisen jedes Kandidaten, der die Ohren spitzte, in Verwunderung. »Ich möchte einen richtigen, tauben, schwerfälligen Hund,« sagte er. »Einen Hund, der sich nicht aufregt . . .« Die Leute zeigten eine unbequeme Neugier; sie erklärten, taube Hunde wären äußerst selten.

»Hunde«, behaupteten sie, »sind eben nicht taub.«

»Aber meiner soll's sein!« sagte Bert. »Hunde, die nicht taub sind, hab' ich gehabt. Grad genug. Wissen Sie – es ist nämlich das – – ich verkaufe Grammophons. Und natürlich muß ich sie immer ein bißchen reden und quietschen lassen, wenn ich sie den Kunden zeige. Na ja – – und ein Hund, der nicht taub ist, mag das nicht – – wird aufgeregt, schnüffelt, bellt, knurrt . . . . Und das stört die Kunden. Begreifen Sie? Dann – ein Hund, der sein Gehör hat, bildet sich alles mögliche ein. Hält ganz gewöhnliche Vagabunden, die vorbeigehen, für Räuber . . . Meint, er müsse jedes Auto ankläffen, das vorübersaust . . . Alles ganz schön für Menschen, die ein bißchen Unterhaltung brauchen. Aber wir haben Unterhaltung genug. So einen Hund brauch' ich nicht. Ich brauch' einen ruhigen Hund.«

Schließlich erstand er hintereinander drei Hunde, aber keiner von ihnen wollte sich machen. Der erste verschwand ohne Spur, achtlos jeglichen Lockens . . . ., der zweite wurde eines Nachts von einem Obstauto überfahren, das entfloh, ehe Grubb auf die Straße kam; der dritte kollidierte mit dem Vorderrad eines vorübersausenden Radlers, der durch die Spiegelscheibe rannte und sich als stellenloser Schauspieler und absoluter Bankrotteur entpuppte. Er verlangte Entschädigung für irgendeine aus der Luft gegriffene Verletzung, wollte von dem wertvollen Hund, den er getötet oder dem Schaufenster, das er zerbrochen hatte, überhaupt nichts hören, zwang Grubb, einfach vermittels rein physischer Beharrlichkeit, ihm sein verbogenes Vorderrad zu flicken und plagte die tapfer kämpfende Firma mit einer ganzen Reihenfolge von geschraubten und schwülstigen Drohbriefen, welche Grubb – äußerst bissig – beantwortete und sich dadurch, wie Bert fand, ins Unrecht setzte.

Unter all diesen Unannehmlichkeiten wurden die Geschäfte immer schwieriger und verzwickter. Das Schaufenster wurde mit Papier geflickt – – und ein höchst unerquicklicher Wortwechsel betreffs der hinausgezögerten Reparatur mit dem neuen Hauswirt, einem Bun Hiller Schlächter, nebenbei einem höchst unangenehmen, lauten, widerwärtigen Patron, mahnte sie an die ungeschlichteten Schwierigkeiten mit dem alten. So standen die Dinge, als Bert auf den Gedanken verfiel, eine Art Scheinfonds zugunsten Toms im Geschäft zu gründen. Aber wie gesagt – Tom hatte keinen Unternehmungsgeist. Seine Idee von Kapitalanlage war noch immer einfach – der Strumpf. Und er überredete seinen Bruder mit allen Mitteln, seine Offerte zurückzuziehen . . . . Bald darauf bereitete sich das Schicksal zum letzten Ansturm gegen das sinkende Geschäft vor und vernichtete es ganz und gar.


II

Ein armes Herz, das keine Freude kennt!« Pfingsten schien als eine angenehme Unterbrechung der geschäftlichen Schwierigkeiten von Grubb & Smallways zu kommen. Ermutigt durch das praktische Ergebnis von Berts Unterhandlungen mit seinem Bruder und durch den Umstand, daß die Hälfte der Räder von Sonnabend bis Montag vermietet war, beschlossen sie, den Rest ihres Verleihgeschäfts am Sonntag sich selbst zu überlassen und diesen Tag der notwendigen Ausspannung und Erholung zu widmen, sich's am Pfingstsonntag einmal recht wohl sein zu lassen und dann neugestärkt zum Kampf mit ihren Schwierigkeiten und Festtags-Reparaturen am Montag zurückzukehren. Überbürdete und gedrückte Menschen haben noch nie etwas wirklich Gutes geleistet. Der Zufall gab es, daß sie die Bekanntschaft zweier junger, in Clapham angestellter Damen, Miß Flossie Bright und Miß Edna Bunthorne, gemacht hatten; man beschloß also, zu vier einen vergnüglichen kleinen Radfahrausflug ins kentische Land zu machen, dort ein Picknick zu veranstalten und den Nachmittag und Abend unter den Bäumen und Farrn zwischen Ashford und Maidstone zu verbringen.

Miß Bright konnte radeln und es fand sich auch eine Maschine für sie, nicht unter den Mietsrädern, sondern unter den zum Verkauf bestimmten. Miß Bunthorne, die Berts besonderer Schützling war, radelte nicht; er mietete darum mit einiger Schwierigkeit in dem großen Geschäft von Wray in der Claphamer Straße einen Anhängekorbwagen. Wer unsere Jünglinge, in farbenfrohem Gewand, die brennende Zigarette im Mund, zum Rendezvous abradeln sah, Grubb mit gewandter Hand das Damenrad neben sich herführend, Bert unentwegt töff-töffend, der konnte sich einen Begriff davon machen, wie tapfere Herzen sogar über Insolvenz zu triumphieren vermögen. Ihr Hauswirt, der Schlachter, grunzte laut, als sie an ihm vorüberkamen und schrie hinter ihren entschwindenden Rücken ein zorniges: »Hep! Hep!« drein.

Als ob sie sich da etwas draus gemacht hätten!

Das Wetter war schön; und trotzdem sie schon vor neun Uhr auf der Straße südwärts fuhren, waren bereits ganze Mengen von Festtäglern unterwegs. Haufen von jungen Leuten und Mädchen auf Rädern und Motorrädern; zwischen den altmodischen vierräderigen Fuhrwerken eine Unzahl gyroskopischer Motorwagen, die wie Fahrräder auf zwei Rädern liefen. Solche Festzeiten locken stets allerhand alte, halbvergessene Vehikel und seltsame Käuze ans Licht. Da waren Dreiräder und Kraftdroschken und alte, bresthafte Rennmotore mit ungeheuren Pneumatiks. Einmal sahen unsere Pfingstausflügler sogar ein Pferd mit einem Wägelchen, und ein andermal einen jungen Mann, der unter dem Witzeln sämtlicher Weggenossen auf einem schwarzen Pferd ritt. Auch verschiedene Ballons segelten durch die Luft. Es war alles ganz unendlich interessant und erquicklich nach all den dunkeln Sorgen des Ladens. Edna trug einen braunen Strohhut mit rotem Mohn, der ihr zum Entzücken stand und saß in ihrem Stuhl wie eine Königin. Und das acht Jahre alte Motorrad lief, als wär' es von gestern.

Was kümmerte es Mr. Bert Smallways, daß ein Zeitungsplakat verkündete:


Deutschland wider die Monroe-Doktrin!
Zweideutige Haltung Japans.
Was wird England tun? Gibt es Krieg?


Derartige Geschichten las man ja immerzu; und an Festtagen schenkte man ihnen ganz selbstverständlich keine Beachtung. An Wochentagen, in der faulen Zeit nach Tisch, konnte man sich vielleicht einmal über Reichs- und internationale Politik aufregen; aber nicht an einem sonnigen Sonntag, mit einem hübschen Mädel hinter sich und neidischen Radlern, die den Versuch machten, einen zu überholen. Ebensowenig maßen unsere jungen Leute den flüchtigen Anzeichen militärischer Tätigkeit, auf die sie ab und zu einen Blick erhaschten, irgendwelche große Bedeutung zu. In der Nähe von Maidstone stießen sie auf eine Reihe von elf Motorgeschützen von eigentümlicher Konstruktion, die da neben der Straße aufgefahren und von einer Gruppe geschäftig aussehender Pioniere umgeben waren, welche mit Feldstechern eine Art Verschanzung an der höchsten Erhebung der Dünen beobachteten. Bert sah auch hierin nichts von Bedeutung.

»Was ist denn?« fragte Edna.

»O – Manöver!«

»O! Ich dächte, die wären an Ostern,« sagte Edna und kümmerte sich nicht weiter um die Sache.

Der letzte große englische Krieg, der Burenkrieg, war vorüber und vergessen, und sachverständige militärische Kritik war im Publikum aus der Mode gekommen.

Unsere vier jungen Leute picknickten fröhlich und waren glücklich, so wie man dereinst schon im alten Ninive glücklich gewesen ist. Die Augen strahlten, Grubb war komisch, fast witzig; und Bert gelangen sogar Epigramme. Die Hecken waren voll wilder Rosen und Geißblatt; das ferne Tut-Tut des Verkehrs auf der nebeldunstigen Landstraße konnte hier in den Wäldern fast ebensogut der Klang der Hörner aus Elfenland sein. Und sie lachten und schwatzten und pflückten Blumen und schnitten die Cour und plauderten, und die Mädels rauchten Zigaretten. Sie balgten sich auch zum Scherz herum. Unter anderem redeten sie auch von Aeronautik, und wie sie, noch ehe zehn Jahre um wären, in Berts Flugmaschine zu einem Picknick zusammenkommen wollten. Die Welt schien voll von lustigen Möglichkeiten an diesem Nachmittag. Und sie malten sich aus, was wohl ihre Urgroßeltern zu der Luftschifferei gesagt haben würden. Abends gegen sieben machten sie sich, ohne Böses zu ahnen, auf den Heimweg; und erst auf der Höhe der Dünen zwischen Wrotham und Kingsdown ereilte sie das Unheil.

Sie waren im Zwielicht den Hügel hinangefahren; Bert wollte gern so weit als möglich kommen, ehe er seine Laterne anzündete – oder versuchte, sie anzuzünden; denn der Erfolg war zweifelhaft; und sie waren an einer ganzen Anzahl von Radlern und einem vierräderigen Automobil alten Stils, das infolge eines geplatzten Pneumatiks lahmte, vorübergesaust. In Berts Huppe war etwas Staub geraten, wodurch in sein »Tut-tut!« ein sonderbares, komisches, pfeifendes Geräusch kam. Der Erheiterung wegen und aus Hochgefühl machte er dies Geräusch so oft als möglich, und Edna lachte sich in ihrem Korbsitz halb krank. Sie kamen dahergebraust wie eine Woge von Fröhlichkeit, die auf ihre Weggenossen, je nach den verschiedenen Temperamenten, recht verschieden wirkte. Edna bemerkte eine Wolke bläulichen, übelriechenden Rauchs, die zwischen den Trägern unter Berts Füßen hervorquoll. Da sie aber dachte, das sei wohl eine der natürlichen Begleiterscheinungen des Motorwesens, machte sie sich weiter keine Gedanken darüber, bis plötzlich eine kleine, gelb-spitzige Flamme hervorbrach.

»Bert!« kreischte sie.

Aber Bert hatte die Bremse bereits mit solcher Plötzlichkeit angezogen, daß Edna, als er abstieg, mit seinem Bein in Kollision kam. Sie ging auf die Seite der Straße und rückte hastig ihren Hut zurecht, der Not gelitten hatte.

»Verflucht noch eins!« sagte Bert.

Ein paar verhängnisvolle Sekunden lang sah er zu, wie das Benzin heraustropfte und Feuer fing, und wie die Flamme, die jetzt nach Lack zu stinken begann, wuchs und sich ausbreitete. Sein erster Gedanke war Kummer darüber, daß er die Maschine nicht vor einem Jahr aus zweiter Hand verkauft hatte, und daß er das hätte tun sollen – an sich ja ein ganz guter, aber nicht unmittelbar hilfreicher Gedanke. Er wandte sich rasch zu Edna. »Schaff einen Haufen nassen Sand!« sagte er. Dann führte er die Maschine ein bißchen zur Seite, legte sie auf die Erde und sah sich nach einem Vorrat nassen Sandes um. Die Flammen betrachteten dies als freundliche Aufmunterung, die sie sich auch nach Kräften zunutze machten. Sie schienen immer heller zu werden, während die Dämmerung um sie immer tiefer ward. Die Straße war eine der steinharten Straßen des Kalkgebiets und nur schlecht mit Sand versehen.

Edna redete einen kleinen, dicken Radler an. »Wir brauchen nassen Sand,« sagte sie. »Unser Motor brennt.« Der kleine, dicke Radler glotzte einen Augenblick verständnislos und begann dann mit einem hilfreichen Ausruf im Straßenstaub zu scharren, worauf Edna und Bert ebenfalls im Straßenstaub scharrten. Weitere Radler langten an, saßen ab und standen herum; ihre flammenerleuchteten Gesichter drückten Befriedigung, Interesse und Neugier aus. »Nasser Sand!« sagte der kurze Dicke unter wütendem Gescharre. »Nasser Sand!« Ein anderer half ihm. Und sie warfen Hände voll sauer erworbenen Straßenstaubs auf die Flammen, die sie mit Begeisterung aufnahmen.

Jetzt langte Grubb in großer Hast an. Er schrie etwas. Er sprang ab und warf sein Rad gegen die Hecke. »Kein Wasser drauf schütten!« sagte er. »Kein Wasser drauf schütten!« Er entwickelte eine dominierende Geistesgegenwart und war sofort Herr der Situation. Die andern wiederholten mit Wonne was er sagte und machten nach was er tat.

»Kein Wasser drauf schütten!« schrien sie. Es gab auch gar kein Wasser.

»Erstickt es doch, ihr Dummköpfe!« sagte er.

Er ergriff eine Decke in dem Korbstuhl (es war eine Wolldecke und ein Hauptbestandteil von Berts winterlicher Lagerstatt) und fing an, damit auf das brennende Benzin loszuhauen. Dabei spritzte er brennende Benzintümpel über die Straße, und andere, angefeuert durch seinen Enthusiasmus, machten es ihm nach. Bert packte ein Stuhlkissen und begann ebenfalls dreinzuschlagen. Noch ein zweites Kissen war vorhanden und ein Tischtuch. Auch sie mußten herhalten. Ein junger Held riß sich den Rock ab und beteiligte sich am Dreinschlagen. Einen Augenblick hörte man wenig reden und viel heftiges Atmen und fürchterliches Klopfen. Flossie, die eben hinter dem Kreis der Zuschauer auftauchte, rief: »O Gott !« und brach in lautes Schluchzen aus. »Hilfe!« sagte sie. »Feuer!«

Das hinkende Automobil kam und hielt voll Bestürzung an. Ein großer, bebrillter, grauhaariger Herr, der es lenkte und aussah wie ein »Studierter«, fragte mit scharfakzentuierter Aussprache: »Können wir vielleicht helfen?«

Die Decke, das Tischtuch, die Kissen und der Rock wiesen immer deutlichere Spuren von Benzin und Flammen auf. Aus dem Kissen, das Bert schwang, schien die Seele zu entweichen; die Luft war voller Federn, wie ein Schneesturm in der stillen Dämmerung. Bert war voll Staub und Schweiß und Eifer. Ihm war, als sei ihm im Augenblick des Siegs die Waffe entrissen worden. Das Feuer lag wie ein sterbendes, bösartiges Wesen an der Erde; bei jedem Hieb, der ihm versetzt wurde, zuckte es voll Qual empor. Grubb hatte sich jetzt entfernt, um die brennende Decke auszutreten; die andern begannen just im Augenblick des Siegs nachzulassen. Einer hatte das Kissen fallen lassen und lief nach dem Automobil. »He!« schrie Bert. »Weitergemacht!«

Er schleuderte die schlappen, brennenden Fetzen des Kissens beiseite, riß sich den Rock vom Leib und sprang mit einem lauten Ruf in die Flammen. Er trampelte in dem Ruin herum, bis die Flammen an seinen Stiefeln emporleckten. Edna sah ihn so, als rotbeleuchteten Helden, und dachte, es sei doch schön, ein Mann zu sein.

Einem Zuschauer flog aus der Luft eine heiße Kupfermünze ins Gesicht. Dann fielen Bert die Papiere in seinen Taschen ein; und er stolperte rückwärts und versuchte, seinen brennenden Rock zu löschen – besiegt, zurückgeschlagen, entmutigt . . . .

Edna fiel die wohlwollende Erscheinung eines ältlichen Zuschauers in Zylinder und Sabbatkleidung auf. »O!« rief sie ihn an. »Helfen Sie doch dem jungen Mann! Wie können Sie so dastehen und das mit ansehen!«

Jemand rief: »Ein Spritzleder!«

Ein ernsthaft aussehender Herr in einem sehr hellgrauen Radfahranzug war plötzlich neben dem hinkenden Automobil aufgetaucht und hatte den Eigentümer angeredet. »Haben Sie ein Spritzleder?« fragte er.

»Ja,« erwiderte der studiert aussehende Herr. »Ja. Wir haben ein Spritzleder.«

»Recht so!« sagte der Ernsthafte plötzlich sehr laut, »Geben Sie her, fix!«

Der studiert aussehende Herr brachte mit matten und demütigen Gebärden, ungefähr wie ein Mensch in der Hypnose, ein prächtiges, großes Spritzleder zum Vorschein.

»Hier!« rief der Ernsthafte Grubb zu. »Fangen Sie!«

Jetzt begriffen alle, daß eine neue Methode versucht werden sollte. Eine Anzahl williger Hände ergriff das Spritzleder des studierten Herrn. Die andern machten unter beifälligem Gemurmel Platz. Das Spritzleder wurde wie ein Baldachin über das brennende Rad gehalten und dann fest darauf gepreßt.

»Das hätten wir früher tun sollen!« keuchte Grubb.

Ein Moment des Triumphs. Die Flammen verschwanden. Jeder, der nur irgendwie konnte, faßte den Saum des Spritzleders. Bert hielt den einen Zipfel mit zwei Händen und einem Fuß nieder. Das Spritzleder, in der Mitte hoch aufgebauscht, schien ein triumphierendes Frohlocken zu unterdrücken. Dann ward ihm seine Selbstbewunderung übermächtig; seine Mitte öffnete sich zu einem strahlend-roten Lächeln. Es war genau, wie wenn ein Mund sich öffnet. Es lachte mit einem Schauer von Flammen, die sich rot in den Brillengläsern des Herrn widerspiegelten, dem das Spritzleder gehörte. Alles wich zurück.

»Rettet den Korbwagen!« rief jemand. Das war der letzte Waffengang im Kampf. Aber der Korbwagen ließ sich nicht abhängen; das Strohgeflecht hatte Feuer gefangen; und auch dies Letzte verbrannte. Eine Stille senkte sich über die ganze Versammlung. Das Benzin brannte in niedrigen Flammen; der Korbsessel prasselte und krachte. Die Menge teilte sich in einen äußeren Ring von Kritikern, Ratgebern und Nebenpersonen, die wenig hervorragende oder gar keine Rollen in der Sache gespielt hatten, und eine Mittelgruppe von aufgeregten und sorgenvollen Hauptfiguren. Ein junger Mann von wißbegierigem Geist und beträchtlichen Kenntnissen in Motorfahrrädern heftete sich an Grubbs Fersen und wünschte zu beweisen, daß die Geschichte eigentlich gar nicht hätte passieren können. Grubb behandelte ihn kurz angebunden und unaufmerksam, und der junge Mann zog sich hinter die Menge zurück und erzählte dem wohlwollenden alten Herrn im Zylinder, daß Leute, die mit Maschinen ausradelten, von denen sie nichts verständen, ganz allein selbst daran schuld wären, wenn's schief ginge.

Der alte Herr ließ ihn eine Zeitlang reden und bemerkte dann in einem Ton innigster Beglücktheit: »Stocktaub!« worauf er noch hinzufügte: »Ekelhafte Dinger!«

Ein Mann mit rosigem Gesicht und einem Strohhut lenkte jetzt die Aufmerksamkeit auf sich. »Das Vorderrad hab' ich gerettet,« sagte er. »Der Reifen hätt' auch Feuer gefangen, wenn ich's nicht immerzu herumgedreht hätte.« Man erkannte auch deutlich, daß dem so war. Das Vorderrad hatte noch seinen Gummireifen, war intakt und unbeschädigt und drehte sich noch immer langsam zwischen den geschwärzten und verbogenen Trümmern der übrigen Maschine. Es hatte etwas von der Miene bewußter Tugend und makelloser Respektabilität an sich, die einen Rentier in einer Nachbarschaft von lauter kleinen Leuten kennzeichnet. »Das Rad ist seine zwanzig Mark wert,« sagte der Mann mit dem rosigen Gesicht; und wiederholte als Refrain: »Ich hab's immerzu herumgedreht.«

Von Süden kamen fortwährend neue Zuschauer mit der Frage: »Was gibt's?« bis es Grubb schließlich auf die Nerven ging. Londonwärts lösten sich immer mehr Leute von der Menge. Sie bestiegen ihre verschiedenen Räder mit dem befriedigten Gebaren von Zuschauern, die alles aufs beste gesehen haben. Ihre Stimmen verklangen in der Dämmerung; ab und zu hörte man ein Lachen bei der Erinnerung an diese oder jene besonders denkwürdige Einzelheit.

»Ich fürchte,« sagte der Herr mit dem Automobil, »mein Spritzleder ist ein bißchen beschädigt.«

Grubb gab zu, daß der Besitzer das wohl selbst am besten beurteilen könnte.

»Kann ich sonst nichts für Sie tun?« fuhr der Herr mit dem Automobil fort – vielleicht mit einem ganz leisen Beiklang von Ironie.

Berts Tatkraft kehrte zurück. »Die junge Dame da!« sagte er. »Wenn sie um Zehn nicht daheim ist, wird sie ausgeschlossen. Verstehen Sie? Mein Geld war alles in meiner Rocktasche und liegt bei dem verbrannten Zeug; und das ist zu heiß zum Anfassen. Ist Clapham sehr weit von Ihrem Weg?«

»Es geht in einem hin,« sagte der Herr mit dem Automobil und wandte sich an Edna. »Es wird uns ein großes Vergnügen sein, wenn Sie mit uns kommen wollen. Wir sind so wie so zu spät dran zum Essen, – so macht es keinen großen Unterschied für uns, wenn wir über Clapham fahren. Wir müssen ja doch nach Surbiton. Ich fürchte nur, Sie werden sich mit uns langweilen.«

»Aber was wird aus Bert?« fragte Edna.

»Ich glaube nicht, daß wir Bert unterbringen können,« sagte der Automobilherr, »obgleich wir ja unendlich gern zu Ihren Diensten stehen.«

»Sie könnten nicht das ganze Zeug da mitnehmen?« sagte Bert mit einer Handbewegung nach den rußigen und verwüsteten Trümmern am Boden.

»Ich fürchte wirklich, ich kann nicht,« sagte der Studierte. »Tut mir unendlich leid!«

»Dann muß ich eben noch hier bleiben,« sagte Bert. »Ich kann die Geschichte nicht im Stich lassen. Du gehst, Edna!«

»Ich laß dich nicht gern allein, Bert.«

»Hilft nichts, Edna!«

Das letzte, was Edna von Bert sah, war eine Gestalt in verkohlten, rußigen Hemdärmeln, die im Dunkel stand. Da stand er, in tiefem Sinnen, bei den durcheinanderliegenden Eisenteilen und Ascheresten seines entschwundenen Motorrads, eine melancholische Erscheinung. Sein Gefolge von Zuschauern war jetzt auf ein halbes Dutzend Gestalten zusammengeschrumpft. Flossie und Grubb schickten sich an, Ednas Fahnenflucht nachzuahmen.

»Kopf hoch, Bert!« rief Edna mit erkünstelter Fröhlichkeit. »Adieu so lang!«

»Adieu so lang, Edna!« sagte Bert.

»Auf Wiedersehen morgen!«

»Auf Wiedersehen morgen!« sagte Bert, obgleich es ihm in Wirklichkeit beschieden sein sollte, ein gut Teil der bewohnbaren Erdkugel zu sehen, ehe er Edna wiedersah.

Er begann, mittels einer Schachtel Streichhölzer, die ihm jemand borgte, Licht anzuzünden und nach einem Halbkronenstück zu suchen, das noch unter den verkohlten Überresten versteckt sein mußte. Sein Gesicht war ernst und melancholisch.

»Ich wollte, es wär' nicht passiert!« sagte Flossie, während sie mit Grubb davonfuhr . . . .

Und endlich war Bert fast allein, eine traurige, rußige Prometheusgestalt, mit dem Fluch des Feuers beladen. Er hatte sich bis jetzt noch in unklaren Vorstellungen gewiegt, wie er einen Wagen nehmen, wunderbare Reparaturen bewerkstelligen und noch immer einen letzten Rest von Wert aus seinem einen Haupt-Besitztum herausschlagen würde. Jetzt, in der dunkelnden Nacht, ward ihm die Eitelkeit solcher Pläne klar. Die Wahrheit fiel rauh über ihn her und zwang ihm ihre frostige Überzeugung auf. Er ergriff die Lenkstange, richtete das Ding auf und versuchte es mit sich zu führen. Das reifenlose Hinterrad war, wie er selbst gefürchtet hatte, hoffnungslos verbogen. Etwa eine Minute stand er, seine Maschine haltend, ein Bild regloser Verzweiflung. Dann warf er mit einer Kraftanstrengung die Trümmer von sich in den Straßengraben, stieß noch einmal mit dem Fuß danach, betrachtete sie einen Augenblick und wandte sein Gesicht entschlossen londonwärts.

Er schaute nicht ein einziges Mal zurück.

»Das Spiel wär' ausgespielt!« sagte Bert. »Kein Töff-Töff mehr für Bert Smallways die nächsten zwei oder drei Jahre. Adieu Feiertage! hätte das verflixte Ding vor drei Jahren verkauft, als ich Gelegenheit hatte . . .!«


III

Der nächste Morgen fand die Firma Grubb & Smallways in einem Zustand tiefster Niedergeschlagenheit. Es schien ihnen eine Sache von sehr geringer Bedeutung, daß der Zeitungs- und Zigarrenhändler gegenüber Plakate aushängen hatte, wie:


Bekanntmachung des amerikanischen Ultimatums.
England zum Krieg gezwungen.
Unser verblendetes Kriegsministerium weigert sich noch immer, auf Mr. Butteridges Vorschläge einzugehen.
Großes Einschienenbahnunglück in Timbuktu.


oder:


Der Krieg nur noch eine Frage von Stunden.
New York ruhig.
Aufregung in Berlin.


oder auch:


Washington schweigt noch immer.
Was wird Paris tun?
Die Panik an der Börse.
Mr. Butteridge macht ein Angebot.
Letzter Wettbericht aus Teheran.


oder:


Wird Amerika sich für den Krieg entscheiden?
Antideutscher Aufstand in Bagdad.
Der Stadtbehördenskandal in Damaskus.
Mr. Butteridge bietet seine Erfindung Amerika an.


Bert starrte mit stieren Augen über das Luftpumpenplakat hinter den Scheiben. Er trug ein verrußtes Flanellhemd und die rocklosen Ruinen seines gestrigen Sonntagsanzugs. Der Laden mit seinen Holzwänden war unsagbar düster und freudlos; noch nie hatten die paar niederträchtigen Mietsräder so hoffnungslos gemein ausgesehen. Er dachte an ihre Kameraden, die »aus« waren und an die kommenden Keifereien des Nachmittags. Er dachte an den neuen Hauswirt und an den alten Hauswirt, an Rechnungen und Forderungen. Und zum erstenmal stellte sich ihm das Leben als ein hoffnungsloser Kampf gegen das Schicksal dar . . . . »Grubb, alter Kerl!« sagte er, die Quintessenz seiner Gedanken ziehend, »ich hab' die Bude satt.«

»Ich auch!« sagte Grubb.

»Sie hängt mir zum Hals heraus! Ich glaub', ich möcht' am liebsten überhaupt keinen Kunden mehr sehen!«

»Und dann der Korbwagen – –« sagte Grubb nach einer Pause.

»Hol' ihn der Kuckuck!« sagte Bert. »Wenigstens hab' ich kein Pfand hinterlegt. Das wenigstens hab' ich nicht. Aber – –«

Er wandte sich zu seinem Freund. »Schau her,« sagte er, »wir kommen hier nicht voran! Wir haben nur Geld verloren – immerzu! Wir haben den Karren verfahren – aber gründlich!«

»Was sollen wir machen?« sagte Grubb.

»Fortgehen. Verkaufen, was wir können, um jeden Preis. Und dann fort. Verstehst du? Es hat keinen Sinn, sich an ein sinkendes Schiff anzuklammern. Absolut keinen Sinn. Einfach Verrücktheit!«

»Schon recht,« sagte Grubb. »Schon recht! Aber dein Kapital hat die Geschichte nicht aufgefressen!«

»Nicht nötig, daß sie uns selber auch noch auffrißt!« sagte Bert, die Spitze überhörend.

»Jedenfalls laß ich mich nicht für den Anhängewagen haftbar machen. Das ist nicht meine Sache.«

»Wer behauptet denn, es sei deine Sache? Wenn du hier bleiben magst, schön! Ich geh'. Ich wart' noch den Feiertag ab, und dann – adieu! Verstanden?«

»Und lässest mich allein?«

»Und laß dich allein. Wenn du allein gelassen sein mußt!«

Grubb blickte sich im Laden um. Freilich – er war ihm gründlich verleidet! Einst – vor Zeiten – hatte er geglänzt vor Hoffnung und frischem Beginn und neuen Lagervorräten und der Aussicht auf Kredit. Jetzt – jetzt war alles Schiffbruch und Staub! Sehr wahrscheinlich würde gleich der Hauswirt auftauchen und das Geschimpfe über die Fensterscheibe wieder anfangen . . . . »Wohin willst du gehen, Bert?« fragte Grubb. Bert wandte sich um und blickte ihn an.

»Ich hab' mir's ausgedacht während ich heimging und im Bett. Ich hab' kein Auge zugemacht.«

»Was hast du dir ausgedacht?«

»Pläne!«

»Was für Pläne?«

»O! Du willst ja hier bleiben.«

»Nicht, wenn sich was Besseres bietet.«

»Es ist nur so eine Idee,« sagte Bert.

»Laß hören!«

»Du hast die Mädels zum Lachen gebracht, gestern – – Das Couplet, was du gesungen hast – –«

»Kommt mir wie eine Ewigkeit vor!« sagte Grubb.

»Und Edna heulte fast – – über das kleine Lied von mir.«

»Eine Mücke war ihr ins Auge geflogen,« sagte Grubb »Ich hab's gesehen. Aber was hat das mit deinen Plänen zu schaffen?«

»Viel.«

»Wieso?«

»Begreifst du nicht?«

»Doch nicht auf den Straßen herumsingen?«

»Straßen! Kein Bein! Aber wie wär's mit einer Tour durch die englischen Seebäder, Grubb? Als Sänger! Junge Leute aus guter Familie, die sich einen Scherz machen? Du hast gar keine schlechte Stimme, weißt du, und meine ist tipp-topp. Ich hab' noch keinen von den Kerls am Strand gehört, den ich nicht hätt' in Grund und Boden hinein singen können! Und wie man der Geschichte den rechten Pli gibt – darauf verstehen wir uns beide, was? Also – das ist meine Idee. Ich und du, Grubb, mit je einem ernsthaften Lied und einem Gassenhauer. So wie wir's gestern im Unsinn gemacht haben. Das hat mich auf den Gedanken gebracht. Nichts leichter, als ein Programm machen. Nichts leichter. Sechs erlesene Nummern, und noch eine oder zwei zum Dreingeben und zum Walzen. Im Walzen bin ich tipp-topp – das weiß ich.«

Grubb betrachtete noch immer seinen düsteren, freudlosen Laden. Er dachte an seinen früheren Hauswirt und an seinen jetzigen Hauswirt und an die allgemeine Ekelhaftigkeit der Geschäftslage in einer Zeit, die vom »Bittern Notschrei des Mittelstandes« widerhallte; und dann war ihm, als höre er in der Ferne das Klimper-Klimper eines Banjos und die Stimme einer gestrandeten Sirene . . . . Er fühlte die heiße Sonne auf dem weißen Sand, er sah die Kinder von wenigstens zeitweilig im Überfluß lebenden Sommerfrischlern im Kreis um sich herumstehen; er hörte ein Flüstern; »Es sind wirklich gebildete Leute!« und dann – kling – klang – fielen die Kupferstücke in den Hut . . . Manchmal sogar Silber . . . Und alles Einnahme; keine Ausgabe, keine Rechnungen. »Ich bin dabei, Bert!« sagte er.

»Topp!« sagte Bert. »Und keine Zeit mehr verloren!«

»Wir brauchen nicht ohne Kapital anzufangen,« sagte Grubb. »Wenn wir die besten von den Maschinen da auf die Fahrradmesse in Binsbury nehmen, so bringen sie schon noch sechs bis sieben Pfund. Wir können's ganz leicht machen – morgen früh, wenn noch nicht viele Leute unterwegs sind . . . .«

»Mich freut bloß der alte Talgochse, wenn er herüberkommt und wieder sein Geschimpfe anfangen will und dann einen Zettel findet: »Wegen Reparatur geschlossen.«

»Machen wir!« sagte Grubb begeistert. »Machen wir! Und dann hängen wir noch einen Zettel heraus und ersuchen die Kunden, sie möchten bei ihm drüben nach uns fragen. Verstehst du? Die werden ihr Teil über uns zu hören kriegen!«

Noch ehe der Tag um war, war der Plan für das Unternehmen fertig. Erst beschlossen sie, sie wollten sich die »Mr. O's« nennen, eine Nachahmung des Titels der bekannten Gymnastikertruppe. »Die Roten Mr. E's«; und Bert war ganz versessen auf eine hellblaue Uniform mit unendlich viel Goldborten und Schnüren und Verzierungen, ungefähr wie die Uniform eines Marineoffiziers, nur noch drüber. Aber sie mußten den Gedanken wieder fallen lassen als zu unpraktisch; die Ausführung hätte zu viel Zeit und Geld gekostet. Sie sahen ein, es mußte ein billigeres und rascher herzustellendes Kostüm sein; und Grubb verfiel auf weiße Dominos. Eine Zeitlang hatten sie die Idee, sie wollten die beiden schlechtesten Räder aus ihrem Lager auswählen, sie mit hochroter Lackfarbe anstreichen, die Klingeln durch die lauteste Art von Automobiltrompeten ersetzen und jedesmal zu Beginn und Ende ihrer Vorstellung ein paar Radfahrstückchen zum besten geben. Aber die Ratsamkeit dieses Schrittes schien ihnen zweifelhaft.

»Es gibt Leute,« sagte Bert, »die uns nicht erkennen würden, die aber die Räder auf den ersten Blick erkennen würden; und wir wollen lieber nicht mit den alten Geschichten fortmachen. Wir wollen ganz von vorn anfangen.«

»Ich jedenfalls!« sagte Grubb. »Heftig!«

»Wir wollen vergessen – – und die ganzen faulen, alten Geschichten hinter uns lassen. Sie bringen einem nichts Gutes!«

Trotzdem beschlossen sie, es mit den Rädern zu riskieren, und beschlossen fernerhin, ihre Kostüme sollten aus braunen Strümpfen und Sandalen und billigen, ungebleichten Betttüchern mit einem Loch in der Mitte und Wergperücken und -bärten bestehen. Der Rest ihr eigenes normales Ich. »Die Wüstenderwische« würden sie sich nennen, und ihre Hauptnummern würden zwei populäre Gassenhauer: »Tandem« und »Was kost't die Haarnadel« sein.

Sie beschlossen, mit kleinen Küstenorten zu beginnen und nach und nach, wenn sie zuversichtlicher würden, größere Punkte anzugreifen. Als Anfang wählten sie Littlestone in Kent, hauptsächlich seines anspruchslosen Namens wegen.

So planten sie; und es erschien ihnen als kleine, unbedeutende Sache, daß, während sie plauderten, die Regierungen der halben Welt und mehr dem Krieg entgegentrieben. Gegen Mittag sahen sie das erste der Abendzeitungsplakate über die Straße herüberschreien:


Die Kriegswolke zieht sich zusammen!


Weiter nichts.

»Ein ewiges Getue mit diesem Krieg!« sagte Bert. »Er wird ihnen im schönsten Ernst bald einmal über den Hals kommen, wenn sie sich nicht ordentlich zusammennehmen.« . . .


IV

Der Leser wird also die plötzliche Erscheinung verstehen, die die stille Ungezwungenheit des Dymchurcher Strandes weniger begeisterte als überraschte. Dymchurch war einer der Orte an der englischen Küste, bis zu denen die Einschienenbahn zuletzt vordrang; und sein weiter Strand war zur Zeit unserer Erzählung noch das Geheimnis und Entzücken einer ganz beschränkten Anzahl von Leuten. Man kam, um dem Plebs und dem Luxus zu entfliehen, um zu baden und zu ruhen und zu plaudern und in Frieden mit seinen Kindern zu spielen, und die Wüstenderwische erregten durchaus kein Wohlgefallen.

Die beiden weißen Gestalten auf grellroten Rädern tauchten aus der Unendlichkeit in der Richtung des Strandes von Littleston auf, kamen näher und wurden größer und hörbarer, mit Tut-Tut und wildem Geschrei und überhaupt einer herausfordernden Lebendigkeit bedrohlichster Art. »Großer Gott!« sagte Dymchurch, »was ist denn das?«

Jetzt radelten unsere Jünglinge, einem zuvor ausgearbeiteten Plan zufolge, aus der Gänsemarschaufstellung in Reih' und Glied, saßen ab und standen stramm. »Meine Damen und Herren!« sagten sie, »wir haben die Ehre, uns vorzustellen. – Die Wüstenderwische.« Sie verbeugten sich tief.

Die wenigen auf dem Strand zerstreuten Gruppen betrachteten sie in der Hauptsache mit Abscheu und Entsetzen; nur ein paar von den Kindern und jungen Leuten zeigten Interesse und kamen näher. »Kein Schutzmann auf dem Kai,« sagte Grubb leise; und die Wüstenderwische stellten mit einer komischen Geschäftsmäßigkeit, die einem sehr harmlosen, kleinen Jungen ein Lachen entlockte, ihre Räder zusammen. Hierauf holten sie tief Atem und stimmten die fröhliche Weise: »Was kost't die Haarnadel« an. Grubb sang das Couplet, Bert fiel mit möglichster Verve als Chorus ein, und am Schluß jeder Strophe führten sie, das Gewand in der Hand, ein paar sorgfältig einstudierte Tanzschritte auf.

»Tingelingeling – – tingelingelang –

Was kost't die Haarnidel-nudel-nidel-nadel!«

So tanzten und sangen sie im Sonnenschein auf dem Strand von Dymchurch, und die Kinder sammelten sich voll Erstaunen um diese verrückten Bursche, die sich da so sonderbar aufführten, und die alten Leute blickten kühl und unfreundlich drein.

An allen Küsten Europas erklangen an diesem Morgen Banjos, riefen und sangen Stimmen, spielten Kinder in der Sonne, glitten Vergnügungsboote her und hin; das ganze reiche Leben jener Zeit wogte ohne Ahnung der Gefahren, die sich dunkel dagegen erhoben, in seiner fröhlichen Ziellosigkeit weiter. In der Stadt hatten Männer mit Geschäften und Pflichten ihr Wesen. Und die Zeitungsplakate, die so oft: »Der Wolf! Der Wolf!« gerufen hatten, riefen jetzt vergebens.


V

Eben als Bert und Grubb zum drittenmal brüllten, bemerkten sie tief am Himmel gegen Nordwesten einen sehr großen, goldbraunen Ballon, der rasch auf sie zukam.

»Grad, wo sie uns auf den Leim gehen wollen,« murrte Grubb, »muß natürlich was andres kommen, das zieht! Los, Bert!«

»Tingelingeling – – tingelingelang – –

Was kost't die Haarnidel-nudel-nidel-nadel!«

Der Ballon stieg und sank, verschwand. (»Gelandet, Gott sei Dank!« sagte Grubb) und erschien plötzlich wieder. »Verdammt!« sagte Grubb. »Zu, Bert! Oder sie sehen ihn!«

Sie beendeten ihren Tanz und starrten dann regungslos in die Höhe. »Irgend was ist nicht in Ordnung mit dem Ding!« sagte Bert.

Jedermann sah jetzt auf den Ballon, der vor einer frischen Nordwestbrise rasch dahertrieb. Gesang und Tanz waren vollständig abgefallen. Kein Mensch dachte mehr daran. Sogar Bert und Grubb selbst vergaßen es und dachten überhaupt nicht mehr an die nächste Nummer des Programms. Der Ballon machte Sätze, als ob die Insassen versuchten zu landen; immer wieder näherte er sich, sank langsam, berührte die Erde und schnellte sofort wieder etwa fünfzig Fuß in die Höhe, um unmittelbar darauf wieder zu fallen. Der Korb stieß an eine Baumgruppe, und die schwarze Gestalt, die vergeblich mit den Tauen kämpfte, fiel oder sprang in den Korb zurück. Im nächsten Moment war er ganz nah. Es schien ein riesenhaftes Ding, so groß wie ein Haus, wie es jetzt rasch gegen den Strand hinunterglitt. Ein langes Tau schleppte hinten nach und der Mann im Korb stieß gewaltige Schreie aus. Jetzt schien er seine Kleider auszuziehen, und gleich darauf zeigte sich sein Kopf über dem Rand des Korbs. »Faßt das Tau!« hörte man ganz deutlich.

»Vorwärts, Bert!« rief Grubb und fing an, dem Tau nachzulaufen. Bert folgte ihm und stieß, ohne umzufallen, mit einem Fischer zusammen, der in derselben Absicht gerannt kam. Eine Frau mit einem Kindchen auf dem Arm, zwei kleine Jungens mit Sandschaufeln und ein robuster Herr im Flanellanzug gelangten ungefähr alle gleichzeitig zu dem Tau und begannen, im Versuch es zu erhaschen, darum herumzutanzen. Bert erwischte die sich ringelnde, stetig ausweichende Schlange, setzte den Fuß darauf und erwischte sie glücklich – auf allen Vieren. In wenigen Sekunden hatte sich die ganze zerstreute Bevölkerung des Strandes sozusagen um das Tau kristallisiert und zog unter den heftigen und aufmunternden Zurufen des Mannes im Korb an dem Ballon.

»Ziehen!« rief der Mann in der Gondel, »ziehen!«

Eine Sekunde oder so gehorchte der Ballon seiner Eigenbewegungskraft und dem Wind und zerrte seinen menschlichen Anker dem Meere zu. Er fiel, berührte das Wasser, machte einen großen, silbernen Fleck und zuckte dann zurück, wie ein Finger zurückzuckt, der etwas Heißes berührt. »Ans Land ziehen!« rief der Mann im Korb. »Sie ist ohnmächtig!«

Er bemühte sich um einen unsichtbaren Gegenstand, während die Leute ihn ans Land zogen. Bert war am nächsten bei dem Ballon und ungeheuer aufgeregt und interessiert. Er stolperte in seinem Eifer fortwährend über die Schleppe des Derwischkostüms. Noch nie hatte er sich so recht vorgestellt, was für ein großes, leichtes, schaukelndes Ding solch ein Ballon war. Der Korb war aus grobem braunem Strohgeflecht und verhältnismäßig klein. Das Tau, an dem er zerrte, war an einem solid aussehenden Ring, vier bis fünf Fuß über dem Korb, befestigt. Mit jedem Mal zog er ungefähr einen halben Meter Tau an sich und das schwankende Korbgeflecht kam um ebensoviel näher. Aus dem Korb ertönte erbostes Gebrüll: »Ohnmächtig ist sie!« Und: »Ihr Herz – es ist gebrochen – – sie hat zu viel durchgemacht!«

Der Ballon hörte auf, sich zu widersetzen und sank. Bert ließ das Tau los, und sprang vor, um es an einer andern Stelle wieder zu fassen. Im nächsten Augenblick hatte er den Korb gepackt. »Fassen Sie fest an!« sagte der Mann im Korb, und sein Gesicht erschien dicht neben dem Berts – ein seltsam vertrautes Gesicht, finstere Augenbrauen, eine stumpfe Nase, ein riesiger schwarzer Schnauzbart. Er hatte Rock und Weste abgeworfen – vielleicht im Gedanken, daß er sich durch Schwimmen retten müßte – und sein schwarzes Haar war außerordentlich zerzaust. »Wollen Sie alle einen Kreis um den Korb schließen und festhalten!« sagte er. »Eine Dame ist ohnmächtig geworden – oder hat einen Herzschlag bekommen. Der Himmel weiß, was es ist! Mein Name ist Butteridge. Butteridge ist mein Name – – in einem Ballon. Bitte, alle hierher an den Rand jetzt! Das ist das letztemal, daß ich mich einem von diesen vorsintflutlichen Dingern anvertraue! Die Zugleine geht nicht und das Ventil hat versagt! Wenn mir der Hallunke unter die Finger kommt, der . . .«

Er streckte den Kopf plötzlich zwischen den Tauen heraus und sagte in gewichtigem und anklagendem Ton: »Schaffen Sie Kognak her! Einen anständigen Kognak!« Und irgend jemand lief den Strand hinauf, um Kognak zu holen.

In dem Korb, in studierter Hingegossenheit auf einer Art Ruhebett ausgestreckt, lag eine massive, blonde Dame in einem pelzgefütterten Mantel und einem großen, blumengarnierten Hut. Ihr Kopf war gegen die gepolsterte Ecke des Korbs zurückgesunken; ihre Augen waren geschlossen, ihr Mund stand offen. »Meine Liebe!« sagte Mr. Butteridge mit einer gewöhnlich lauten Stimme, »wir sind gerettet!«

Sie rührte sich nicht.

»Meine Liebe!« sagte Mr. Butteridge in einer erheblich verstärkten, lauten Stimme, »wir sind gerettet!«

Sie war noch immer völlig teilnahmlos.

Jetzt zeigte Mr. Butteridge den feurigen Kern seiner Seele. »Wenn sie tot ist,« sagte er, indem er langsam eine Faust nach dem Ballon ballte und in einem gewaltigen Tremolobrüllen sprach – »wenn sie tot ist, so will ich die Himmel zer-r-reißen wie ein Gewand! Sie muß heraus!« schrie er mit vor Erregung sich blähenden Nüstern – »sie muß heraus! Ich kann sie nicht sterben lassen in einem neun Fuß langen Strohkorb! – Sie, die geboren war für den Thron von Königen! Ist unter Ihnen ein kräftiger Mann, der sie nehmen kann, wenn ich sie heraushebe?«

Er sammelte die schlappen Glieder der Dame mit einer gewaltigen Bewegung in seine Arme und hob sie auf. »Sorgen Sie, daß der Korb nicht auffliegt,« sagte er zu den Leuten, die sich um ihn drängten. »Legen Sie sich mit Ihrem ganzen Gewicht darauf. Sie ist nicht leicht – – und wenn sie draußen ist, wird er – entlastet sein.«

Bert sprang leicht in eine sitzende Stellung auf den Rand des Korbs. Die andern faßten die Taue und den Ring fester.

»Fertig?« sagte Mr. Butteridge.

Er stand auf dem Ruhebett und hob die Dame sorgsam in die Höhe. Dann setzte er sich auf den Strohrand, Bert gegenüber, hob das eine Bein und ließ es an der Außenseite herabbaumeln. Ein Tau oder irgend etwas schien ihm im Weg zu sein. »Kann jemand mir helfen?« sagte er. »Wenn Sie die Dame nehmen wollten!«

Grade in diesem Augenblick – während Mr. Butteridge und die Dame auf dem Korbrand balancierten, kam sie zu sich. Sie kam plötzlich und heftig zu sich, mit einem lauten, herzzerreißenden Schrei: »Alfred! Rette mich!« Dabei fuchtelten ihre Arme suchend in der Luft herum und schlossen sich dann um Mr Butteridge.

Bert hatte die Empfindung, daß der Korb einen Augenblick schwankte und dann einen Bocksprung machte und ihn stieß. Ferner sah er die Stiefel der Dame und das rechte Bein des Herrn einen Bogen durch die Luft beschreiben und dann über die Seitenwand des Korbs verschwinden. Seine Eindrücke waren etwas verwirrt; sie umschlossen auch die Tatsache, daß er das Gleichgewicht verloren hatte und gleich in dem knarrenden Korb auf dem Kopf stehen würde. Er streckte klammernde Arme aus. Er stand auch auf dem Kopf, mehr oder weniger; sein Wergbart ging ab und kam ihm in den Mund, und seine Backe glitt an Kissen ab . . . . Seine Nase grub sich in einen Sack voll Sand. Der Korb tat einen heftigen Ruck . . und stand still.

»Alle Wetter!« sagte Bert.

Er hatte ein Gefühl als wäre er betäubt; es brauste ihm in den Ohren und die Stimmen der Menschen um ihn her klangen schwach und fern. Es war wie das Rufen von Elfen in einem Hügel . . .

Das Aufstehen war ein bißchen schwierig. Seine Gliedmaßen hatten sich in die Kleidungsstücke verwickelt, die Mr. Butteridge abgeworfen hatte, als er glaubte, er müsse sich ins Meer stürzen. »Sie hätten mir's auch vorher sagen können, daß Sie den Korb umschmeißen würden!« schrie Bert halb ärgerlich, halb kläglich. Dann richtete er sich auf und klammerte sich krampfhaft an die Seile des Korbs.

Unter ihm, tief unter ihm, leuchtend blau, lagen die Wasser des Kanals. Ganz fern – ein winziges Ding im Sonnenschein, das abwärts schwand, als ob eine Menschenhand es einwärts böge, waren der Strand und die unregelmäßige Häusergruppe von Dymchurch. Er sah den kleinen Haufen Menschen, die er so plötzlich verlassen hatte. Grubb, im weißen Gewand des Wüstenderwisch, rannte am Meeresufer entlang. Mr. Butteridge watete knietief im Wasser und brüllte gewaltig. Die Dame saß, ihren blumengarnierten Hut im Schoß und schmählich vernachlässigt, im Sand. Die ganze Küste im Osten und Westen war mit kleinen Menschen gepunktet – die alle nur aus Köpfen und Armen zu bestehen schienen und alle in die Höhe starrten. Und der Ballon, von den dreieinhalb Zentnern Mr. Butteridges und seiner Dame befreit, schoß mit der Geschwindigkeit eines Rennautomobils in den Himmel hinauf. »Alle Wetter!« sagte Bert. »Nette Geschichte!«

Er blickte mit sorgenvollem Antlitz auf die entschwindende Küste und dachte, daß er gar nicht schwindlig sei. Dann untersuchte er etwas oberflächlich die Leinen und Taue um ihn herum in der unklaren Idee, man müsse »etwas tun«. »Lieber die Finger davon lassen!« sagte er schließlich und setzte sich auf die Matratze. »Ich rühr's nicht an . . . Möcht' wissen, was ich eigentlich tun müßte?«

Nach einer Weile stand er wieder auf und starrte auf die sinkende Welt hinab, die weißen Klippen im Osten, das flache Heideland im Westen, die ganze weite Aussicht von Wald und Dünen, die nebelhaften, dunstigen Städte und Häfen und Flüsse, die bändergleichen Straßen und zahllosen Schiffe, Schiffsdecks und verkürzten Schornsteine, auf die weiter und weiter sich dehnende See und die große Einschienenbahnbrücke, die den Kanal von Folkestone bis Boulogne überspannte, bis schließlich erst kleine Streifen, dann ein ganzer Schleier dunstiger Wolken seinen Augen den Ausblick verdeckte. Er war kein bißchen schwindlig und auch gar nicht sehr ängstlich; nur in einem Zustand unermeßlicher Bestürzung.



Drittes Kapitel: Der Ballon


I

Bert Smallways war ein gewöhnliches, kleines Menschenkind genau die Art von unverschämter, beschränkter Seele, die die alte Zivilisation des frühen zwanzigsten Jahrhunderts in jedem Land der Welt zu Millionen erzeugte. Er hatte seiner Lebtag in engen Straßen zwischen häßlichen Häusern gelebt, über die er nicht wegblicken konnte, und in einem engen Ideenkreis, aus dem es kein Entrinnen gab. Er glaubte, die ganze Pflicht des Menschen bestünde darin, gerissener zu sein als seine Mitmenschen, sein Schäfchen ins Trockene zu bringen und sich's wohl sein zu lassen. Kurz, er war die Sorte Mensch, die England und Amerika zu dem gemacht hatten, was sie waren. Das Glück war bisher gegen ihn gewesen; aber das war eine Sache für sich. Er war ein bloßes ewig forderndes, ewig kämpfendes Individuum, ohne Sinn für den Staat, ohne eingewurzelte Loyalität, ohne Aufopferung, ohne Ehrenkodex, ja sogar ohne Tapferkeitskodex. Jetzt fand er sich, durch einen seltsamen Zufall, für einige Zeit aus seiner wundervoll modernen Welt mit all ihrem Getriebe und ihren verworrenen Anforderungen herausgehoben und gleich etwas Totem, Entkörpertem zwischen Meer und Wolken schwebend. Es war, als wolle der Himmel mit ihm ein Experiment machen, habe gerade ihn als Beispiel aus all den englischen Millionen ausgesucht, um ihn sich genauer zu betrachten und zu sehen, was nun mit dieser Menschenseele geschehen würde. Aber was der Himmel in diesem Fall aus ihr machte, darüber kann ich mich zu keinerlei Vorstellungen bekennen; denn ich habe längst alle Theorien über die Ideale und Segnungen des Himmels hinter mir gelassen.

Allein zu sein in einem Ballon – in einer Höhe von vierzehn- oder fünfzehntausend Fuß – (denn zu dieser Höhe sollte Bert bald steigen) ist ungleich jeder andern menschlichen Erfahrung. Es ist eine von den erhabensten Möglichkeiten, die dem Menschen beschieden sind. Keine Flugmaschine kann das je übertreffen. Es heißt, wie durch ein Wunder den menschlichen Dingen entrückt sein. Es heißt, still und allein sein wie noch nie. Es heißt Einsamkeit, ohne auch nur den leisesten Gedanken an Unterbrechung; es heißt Schweigen ohne auch nur einen fremden Hauch. Es heißt den Himmel sehen. Kein Laut dringt zu uns von all dem Lärm und Mißklang der Menschheit; die Luft ist so rein und süß, daß nicht einmal der Gedanke einer Entweihung sich ausdenken läßt. Kein Vogel, kein Insekt kommt so hoch. Kein Wind bläst jemals in einen Ballon, kein Lufthauch fächelt; denn er bewegt sich mit dem Wind und ist selber ein Teil der Atmosphäre. Ist er erst einmal gestiegen, so schaukelt und schwankt er nicht mehr; man kann nicht fühlen, ob er steigt oder fällt. Bert zitterte vor Kälte; aber er war nicht höhenkrank. Er zog den Rock, den Überzieher und die Handschuhe an, die Butteridge von sich geworfen hatte – zog sie über das Wüstenderwisch-Laken, das seinen billigen Sonntagsanzug bedeckte –, und saß lange Zeit ganz still, überwältigt von der neuentdeckten Ruhe der Welt. Über ihm war die leichte, durchscheinende, wogende Kugel aus leuchtender, brauner geölter Seide und das flammende Sonnenlicht und der große, tiefe, blaue Himmelsdom. Unten, tief unten war ein zerfetzter Boden von sonnbeschienenen Wolken, gespalten durch ungeheure Risse, durch die er das Meer sah.

Wer ihn von unten beobachtet hätte, hätte seinen Kopf wie einen unbeweglichen, kleinen, schwarzen Knopf erst eine lange Weile auf der einen Seite des Korbs herausschauen und dann verschwinden sehen, um nach einiger Zeit an einer andern Stelle wieder aufzutauchen.

Er fühlte sich nicht im geringsten unbehaglich oder ängstlich. Er dachte, wie dies unbeherrschbare Ding so mit ihm in den Himmel hinaufgeschossen war, könnte es auch bald wieder mit ihm hinunterschießen; aber diese Betrachtung machte ihm weiter keine große Sorge. In der Hauptsache war er in einem Zustand des Erstaunens. Es gibt weder Furcht noch Sorge in Ballons – bis sie fallen.

»Alle Wetter!« sagte er endlich aus einem Bedürfnis zu sprechen heraus. »Das ist besser als ein Motorkarren! Einfach tipp-topp! Wahrscheinlich telegraphieren sie jetzt überall 'rum von mir!«

Die zweite Stunde fand ihn bei einer äußerst genauen Untersuchung der Einrichtung des Korbes. Über ihm war der Hals des Ballons, zusammengepreßt und -geschnürt, aber mit einer Öffnung, durch die Bert in ein ungeheures, leeres, stummes Innere emporsah, und aus der zwei dünne Leinen von unbekannter Bedeutung, eine weiße und eine rote, zu zwei Beuteln unter dem Ring herabhingen. Das Netz um den Ballon endete in Leinen, die an dem Ring befestigt waren und die eine riesige, stahlverbundene Schleife bildeten, an der der Korb mit Tauen befestigt war. Auch das Ankertau und der Anker waren daran befestigt, und über den Wänden des Korbs hing eine Anzahl von Säcken, die, wie Bert entschied, der Ballast sein mußten, den man »hinunterschubste«, wenn der Ballon fiel. (»Merk' nichts von Fallen bis jetzt!« sagte Bert.)

Ein Aneroid und ein anderes kastenartiges Instrument hingen von dem Ring herab. Das letztere zeigte eine Elfenbeinplatte, worauf »Statoscope« und andere, französische Worte standen, und ein kleiner Zeiger zitterte und schwankte zwischen »Montée« und »Descente« hin und her. »Stimmt!« sagte Bert. »Das zeigt an, ob man aufwärts oder abwärts geht!« Auf dem rotgepolsterten Sitz des Ballons lagen ein paar Decken und ein Kodak, und auf dem Boden des Korbs standen in zwei entgegengesetzten Ecken eine leere Sektflasche und ein Glas. »Erfrischungen!« sagte Bert gedankenvoll, indem er die Flasche umstülpte. Dann kam ihm ein glänzender Gedanke. Die beiden gepolsterten, bettartigen Sitze mit ihren Decken und Matratzen waren, wie er bemerkte, Truhen; und in ihnen fand er, was augenscheinlich Mr. Butteridges Begriff von einer angemessenen Ausrüstung für einen Ballonaufstieg war: einen Speisekorb, der eine Wildbretpastete, eine römische Pastete, kaltes Geflügel, Tomaten, Salat, Schinkenbrötchen, Sardellenbrötchen, einen großen Kuchen, Messer und Gabeln, Papierteller, Selbstkocherbüchsen mit Kaffee und Kakao, Brot, Butter und Marmelade, verschiedene sorgfältig verpackte Flaschen Sekt und Mineralwasserflaschen enthielt, ferner eine große Kanne Waschwasser, eine Brieftasche, Karten und einen Kompaß – und einen mit allerhand Bequemlichkeiten, worunter eine Brennschere und Haarnadeln, eine Mütze mit Ohrklappen usw. angefüllten Rucksack.

»Daheim in der Fremde!« sagte Bert, während er die Vorräte betrachtete und sich die Ohrklappen unter dem Kinn zusammenband. Er blickte über die Wand des Korbs. Tief unten waren die glänzenden Wolken. Sie hatten sich so verdichtet, daß sie die ganze Welt verbargen. Im Süden türmten sie sich zu großen, schneeigen Massen, so daß er fast geneigt war, sie für Berge zu halten; im Osten und Norden lagen sie in wellenförmigen Flächen und blendendem Sonnenlicht da.

»Wie lang ein Ballon wohl oben bleibt?« sagte Bert. Er glaubte still zu stehen, so unmerkbar trieb das Ungeheuer mit der Luft rings umher. »Es hat keinen Zweck, wenn er hinuntergeht, ehe wir nicht ein bißchen die Richtung verändert haben,« sagte Bert. Er sah nach dem Statoskop.

»Immer noch ›Montée‹!« sagte er.

»Was wohl werden möcht', wenn man eine Leine zöge?«

»Nein!« entschied er. »Ich laß die Finger davon.«

Später zog er an der Reißleine und an den Ventilleinen; aber, wie schon Mr. Butteridge entdeckt hatte – sie hatten sich in eine Seidenfalte im Füllansatz verwickelt. Nichts geschah. Wäre nicht dies kleine Hindernis gewesen, so hätte die Reißleine den Ballon aufgeschlitzt wie mit einem Schwertstreich und hätte Mr. Smallways mit einer Geschwindigkeit von ein paar tausend Fuß pro Sekunde in die Ewigkeit befördert. »Kein Zug drin!« sagte er mit einem letzten Ruck. Dann frühstückte er.

Er öffnete eine Flasche Sekt, aber, sowie er den Draht durchschnitt, schleuderte sie mit unglaublicher Heftigkeit ihren Kork hinaus, und der größte Teil des Inhalts folgte diesem in den Luftraum nach. Immerhin ergatterte Bert noch ein Glas voll. »Atmosphärischer Druck!« sagte er. Endlich konnte er die Elementarphysik seiner Schultage verwenden! »Nächstesmal muß ich besser aufpassen. Es hat keinen Zweck, das edle Naß zu vergeuden!«

Dann stöberte er nach Streichhölzern umher, um sich Mr. Butteridges Zigarren nutzbar zu machen; aber auch diesmal war ihm das Glück hold, und er fand nichts, womit er das Gas über seinem Kopf hätte anzünden können. Andernfalls wäre er in einem Aufflackern niedergegangen, ein großartiges, aber flüchtiges Feuerwerk . . . »Der Kuckuck hol' den alten Schafskopf von Grubb!« sagte Bert, an seine unfruchtbaren Taschen schlagend. »Was braucht er auch meine Schachtel zu behalten! Immer stibitzt er einem die Streichhölzer!«

Er ruhte eine Weile. Dann erhob er sich wieder, stöberte ein bißchen herum, stellte die Ballastsäcke auf dem Boden um, beobachtete eine Weile die Wolken und blätterte in den Landkarten. Bert liebte Landkarten; und er verbrachte eine geraume Zeit mit dem Bemühen, eine von Frankreich oder dem Kanal zu finden; aber es waren lauter Generalstabskarten englischer Grafschaften. Das lenkte seine Gedanken auf Sprachen; und er versuchte, sein Schulfranzösisch wieder auszugraben. »Je suis Anglais. C'est une méprise. Je suis arrivé par accident ici.« Das schienen ihm die passendsten Phrasen. Dann fiel ihm ein, er könnte sich damit unterhalten, daß er Mr. Butteridges Briefe las und seine Brieftasche untersuchte; und auf diese Weise vertrieb er sich den Nachmittag.


II

Er saß auf der gepolsterten Truhe, sehr sorgfältig eingehüllt, denn die Luft war, wenn auch ruhig, aufreizend kalt und klar. Zuunterst trug er einen bescheidenen blauen Baumwollanzug und die anspruchslose Unterkleidung eines eleganten Vorstadtjünglings, mit sandalenartigen Radlerschuhen und über die Hosenenden gezogenen Strümpfen. Darüber das zum Wüstenderwisch gehörige durchlöcherte Bettuch. Darüber die Weste und den Rock und den großen, pelzgefütterten Überrock Mr. Butteridges. Darüber einen weiten Damenpelzmantel und um seine Knie eine Wolldecke. Auf seinem Kopf thronte die Wergperücke und über ihr Mr. Butteridges große Mütze mit herabgezogenen Ohrklappen. Ein Paar Pelzschlafschuhe von Mr. Butteridge wärmten seine Füße. Der Ballonkorb war klein und behaglich; ein paar Ballastsäcke waren das einzige Unordentliche in der Einrichtung; er hatte einen leichten Klapptisch gefunden und neben sich gestellt; darauf stand ein Glas Sekt. Und rundumher, oben, unten, war Raum – die klare Leere und Stille des Raums, wie nur der Aeronaut sie kennt.

Er wußte nicht, wohin er trieb und was werden würde. Er schickte sich in diesen Stand der Dinge mit einer Heiterkeit, die sehr für den Mut Smallways sprach, obgleich man fast mit Recht hätte vermuten dürfen, daß dieser aus degenerierterem und schlechterem Holz geschnitzt sein müßte. Seine Überzeugung war, daß er irgendwie landen müsse, und daß, wenn er dabei nicht zerschellte, irgend jemand, vielleicht eine »Gesellschaft«, ihn und seinen Ballon nach England zurückschicken würde. Wenn nicht, so würde er ganz energisch nach dem englischen Konsul fragen. »Le consuelo Britannique« – würde das heißen. »Apportz-moi á le consuelo Britannique, s'il vous plait,« würde er sagen. Denn er war keineswegs des Französischen unkundig. Mittlerweile fand er die intimere Bekanntschaft mit Mr. Butteridge ein interessantes Studium.

Da waren an Mr. Butteridge adressierte Briefe ganz privaten Charakters, unter anderen verschiedene Liebesbriefe verzehrendster Art in einer großen, weiblichen Handschrift. Diese gehen uns nichts an und wir bemerken mit Bedauern, daß Bert sie las.

Nachdem er sie gelesen hatte, bemerkte er in überwältigtem Ton: »Alle Wetter!« Und dann nach einer langen Pause: »Ob sie das war?«

»Himmlischer Vater!«

Er sann eine Weile nach.

Hierauf fuhr er in seiner Untersuchung des Butteridgeschen Innern fort. Es enthielt eine Anzahl von Zeitungsausschnitten, ferner einige deutsche Briefe und einige weitere in der gleichen deutschen Handschrift, aber englisch. »Hallo!« sagte Bert.

Einer der letzteren, der erste, den er zur Hand nahm, begann mit einer Entschuldigung, daß der Schreiber nicht schon eher Englisch geschrieben und dadurch Mr. Butteridge Unbequemlichkeiten und Zeitverlust verursacht habe. Dann ging er auf einen Gegenstand über, der Bert im höchsten Grad aufregte: »Wir verstehen vollkommen die Schwierigkeiten Ihrer Stellung, und daß Sie vielleicht augenblicklich überwacht werden. Aber wir glauben nicht, werter Herr, daß man Ihnen ernstliche Hindernisse in den Weg legen wird, wenn Sie Ihr Land zu verlassen wünschen, um auf einer der üblichen Routen – via Dover, Ostende, Boulogne oder Dieppe – mit Ihren Plänen zu uns kommen. Es fällt uns schwer, zu glauben, daß Ihre Vermutung, man versuche, Sie Ihrer Erfindung wegen zu ermorden, auf Richtigkeit beruht.«

»Komisch!« sagte Bert und dachte nach.

Dann las er die andern Briefe.

»Es scheint, sie möchten ihn drüben haben,« sagte er. »Aber augenscheinlich strengen sie sich nicht gerade besonders an deswegen. Vielleicht tun sie aber auch nur so, damit sie seine Preise drücken können.«

»Es scheint nicht so recht, als ob's die Regierung wäre,« überlegte er nach einer Pause. »Es ist mehr wie das Papier einer Firma. All das gedruckte Zeug da oben: ›Drachenflieger‹, ›Drachenballons‹, ›Ballonstoffe‹, ›Kugelballons‹. Böhmische Dörfer! Jedenfalls hat er versucht, sein verdammtes Geheimnis ans Ausland zu verkaufen. Das stimmt. Dabei ist nichts Böhmisches! Alle Wetter! Da ist das Geheimnis!«

Er taumelte von seinem Sitz, öffnete den Deckel und legte die Brieftasche offen vor sich auf den Klapptisch. Sie war voll von Zeichnungen in dem eigentümlich flachen Stil und den konventionellen Farben, wie Ingenieure sie anwenden. Außerdem lagen ein paar unterexponierte, augenscheinlich von einem Amateur aufgenommene Photographien der Maschine, die Butteridge gemacht hatte, in ihrer Halle beim Kristallpalast bei. Bert fühlte, wie er zitterte. »Himmlischer Vater!« sagte er. »Und da sind wir nun – ich und das ganze verdammte Fluggeheimnis – – futsch – – über alle Berge!«

»Laß sehen!« Er begann, die Zeichnungen zu studieren und sie mit den Photographien zu vergleichen. Sie setzten ihn in Verlegenheit. Die Hälfte davon schien zu fehlen. Er versuchte, sich vorzustellen, wie sie wohl ineinanderpassen könnten, fand aber die Anstrengung zu groß für seinen Geist.

»Dumm!« sagte Bert. »Ich wollt', ich hätt' Ingenieur gelernt! Wenn ich's doch herauskriegte!«

Er ging nach der Wand des Korbs und starrte eine Zeitlang mit Augen, die nichts sahen, auf eine ungeheure Gruppe großer Wolken hinab – eine Gruppe von sonnbeglänzten, langsam zerfließenden Monte Rosas. Ein sonderbarer schwarzer Fleck, der sich darüberhin bewegte, fesselte seine Aufmerksamkeit. Er erschrak. Es war ein schwarzer Fleck, der sich tief unten langsam mit ihm fortbewegte, ihm unermüdlich da drunten über die Wolkenberge weg folgte. Warum folgte ihm das Ding? Was mochte es sein? . . .

Eine Erleuchtung kam ihm. »Versteht sich!« sagte er. Es war der Schatten des Ballons. Aber eine ganze Weile beobachtete er es noch zweifelnd.

Dann kehrte er zu den Plänen auf dem Tisch zurück.

Einen ganzen langen Nachmittag verbrachte er zwischen seinen Bemühungen, sie zu entziffern und Anfällen von Nachdenken. Er konstruierte einen denkwürdigen, neuen französischen Satz. »Voici, Mossjeh! – Je suis un inventeur Anglais. Mon nom est Butteridge. Beh. oo. teh. teh. eh. arr. E. deh. ghe, eh. J'avais ici pour vendre le secret de le flying-machine. Comprenez? C'est le machine á faire l'oiseau. Comprenez? Balancer? Oui, exactement!

Battir l'oiseau en fait, á son propre jeu. Je désire de vendre ceci á votre governement national. Voulez-vous me directer lá?«

»Bißchen komisch, glaub' ich, was Grammatik betrifft!« sagte Bert. »Aber sie müßten's schon verstehen.«

»Aber wenn sie nun verlangen, ich soll das verdammte Ding erklären?«

Er kehrte mit sorgenvoller Miene zu den Plänen zurück. »Ich glaub's nicht, daß das alles ist!« sagte er.

Er wurde immer unsicherer da oben unter seinen Wolken, was er mit seinem wundervollen Fund anfangen sollte. Wer weiß – jeden Augenblick konnte er unten landen – unter wer weiß was für fremden Menschen . . . .

»Es ist die Chance meines Lebens!« sagte er.

Und es ging ihm immer deutlicher auf, daß es das nicht war. »Sobald ich drunten bin, telegraphieren sie – – setzen's in die Zeitung. Und Butteridge erfährt's – und ist hinter mir her!« Butteridge mußte fürchterlich sein, wenn er hinter einem her war! Bert dachte an den großen, schwarzen Schnurrbart, die dreieckige Nase, das durchdringende Gebrüll, den funkelnden Blick. Sein Nachmittagstraum von einer wunderbaren Besitzergreifung und Verwertung des großen Butteridgeschen Geheimnisses schrumpfte zusammen, zerfloß und entschwand. Er erwachte wieder zur Vernunft.

»Es geht nicht. Was hat's für einen Zweck, dran zu denken?« Er begann, die Papiere langsam und widerstrebend wieder in die verschiedenen Taschen zu legen, so wie er sie gefunden hatte. Dann sah er ein herrliches, goldenes Licht auf dem Ballon und fühlte eine neue Wärme im blauen Dom des Himmels. Er erhob sich und erblickte die Sonne, die wie ein großer Ball blendenden Golds auf einem wilden Meer goldumsäumter, roter und purpurner Wolken thronte. Wundervoll und seltsam war es über alle Begriffe. Gen Osten erstreckte sich endlos, in dunkelndem Blau, das Wolkenland; und Bert schien es, als läge die ganze runde Hemisphäre der Welt vor seinen Augen . . . .

Da bemerkte er, fern über dem Blau, drei lange, dunkle Gebilde, gleich eilenden Fischen, die hintereinander herglitten, wie Delphine im Wasser hintereinander herschwimmen. Sie waren ganz wie Fische – mit Schwänzen. Es war – in dieser Beleuchtung – kein ganz überzeugender Eindruck. Bert blinzelte, starrte wieder hinüber. Sie waren verschwunden. Noch lang durchforschten seine Blicke jene fernen, blauen Gefilde. Er sah nichts mehr . . . .

»Möcht' wissen, ob ich überhaupt was gesehen hab'!« dachte er. »So was gibt's ja nicht . . . .«

Tiefer und tiefer sank die Sonne, nicht senkrecht, sondern sachte gen Norden gleitend. Dann plötzlich war das Tageslicht und seine allumfassende Wärme verschwunden und der Zeiger des Statoskops zitterte hinüber nach »Descente«.


III

Na, was jetzt?« sagte Bert.

Weit, langsam, stetig stieg die kalte, graue Wolkenwildnis gegen ihn empor. Und während er zwischen sie hinabsank, hörten die Wolken auf, schneebedeckten Berggipfeln zu gleichen, wurden körperlos, zu einem uferlosen, stummen Treiben und Wogen. Einen Augenblick, als er schon fast zwischen ihren Dämmermassen war, hielt der Ballon im Fallen inne. Dann plötzlich war der Himmel fort, die letzten Spuren des Tageslichts waren verschwunden, und er fiel schnell, in einem Abenddämmerlicht, durch einen Wirbel von feinen Schneeflocken, die an ihm vorüber dem Zenit zu fluteten, die auf alles, was ihn umgab, hereinwehten und schmolzen und sein Gesicht mit Geisterfingern berührten. Ihn schauderte. Sein Atem kam dampfend von seinen Lippen, und im Handumdrehen war alles betaut und naß.

Er hatte den Eindruck eines Schneesturms, der mit beispielloser und immer wachsender Heftigkeit aufwärts fegte. Und er begriff, daß er immer schneller und schneller sank.

Unmerkbar erwachte in seinen Ohren ein Geräusch. Das große Schweigen der Welt war zu Ende.

Was war dies unklare Geräusch?

Er reckte den Hals über die Korbwand – – besorgt – – verwirrt.

Erst war ihm, als sähe er, und dann, als sähe er nicht. Dann sah er deutlich kleine Schaumkämme, die einander verfolgten, und eine weite Wüste wogender Wasser unter sich. Weit in der Ferne war ein Lotsenboot mit einem großen Segel, auf dem undeutliche, schwarze Lettern standen, und einem kleinen, rot-gelben Licht. Und das Boot rollte und stampfte – rollte und stampfte im Sturm, während er überhaupt keinen Wind spürte. Bald klang das Geräusch der Wasser laut und nah. Er sank – sank – – ins Meer.

Er entwickelte plötzlich eine fieberhafte Tätigkeit.

»Ballast!« schrie er, hob einen kleinen Sack vom Boden und warf ihn über Bord. Er wartete die Wirkung gar nicht erst ab, sondern sandte sogleich einen zweiten hinterher. Jetzt blickte er hinunter und sah gerade noch einen winzigen, weißen Schaumfleck in den Wassern unter sich. Dann war er wieder im Schnee und in den Wolken.

Er warf – ganz unnötigerweise – noch einen dritten und vierten Ballastsack über Bord und bemerkte auch bald mit unendlicher Genugtuung, daß er aus Frost und Feuchtigkeit wieder in die klare, kalte, obere Luft flog, in der das Tageslicht noch säumte. »Gott sei Dank!« sagte er aus tiefstem Herzen.

Ein paar Sterne funkelten durchs Blau. Im Osten schien klar ein flacher Mond.


IV

Dieser erste Sturz abwärts erfüllte Bert mit einer unheimlichen Vorstellung uferloser Wasser in der Tiefe. Es war eine Sommernacht, aber ihm schien sie trotzdem endlos lang. Er hatte ein Gefühl der Unsicherheit, von dem er – ganz unvernünftigerweise – glaubte, der Sonnenaufgang müßte es zerstreuen. Auch war er hungrig. Er tastete in der Truhe herum, fuhr mit den Fingern in eine Pastete, erwischte ein paar Butterbrote und öffnete auch mit ziemlichem Erfolg eine halbe Flasche Sekt. Das stärkte und erwärmte ihn. Er brummelte noch etwas von Grubb und den Streichhölzern, wickelte sich warm ein und entschlummerte auf der Truhe. Ein- oder zweimal stand er auf, um sich zu vergewissern, daß er auch noch sicher hoch über dem Meer sei. Das erste Mal waren die mondbeglänzten Wolken weiß und dicht, und der Schatten des Ballons lief wie ein folgsames Hündchen darüber hin. Später erschienen sie dünner. Während er so still lag und den riesenhaften, dunkeln Ballon über sich anstarrte, machte er eine Entdeckung. Seine – oder vielmehr Mr. Butteridges – Weste raschelte, wenn er atmete. Sie war mit Papier ausgefüttert. Aber es war zu dunkel zum Nachsehen, so sehr es Bert auch gelüstete . . . .

Das Krähen von Hähnen, das Bellen von Hunden und ein Gezwitscher von Vögeln weckte ihn auf. Er trieb langsam, in geringer Höhe, über eine weite, vom Sonnenaufgang golden beschienene Landschaft unter einem klaren Himmel dahin. Er starrte auf heckenlose, gut bebaute Felder hinaus; dazwischen liefen mit roten Telegraphenstangen eingefaßte Straßen hin. Eben hatte er ein großes, weißgewaschenes Dorf mit einem geraden Kirchturm und steilen, roten Ziegeldächern passiert. Eine Anzahl Bauern, Männer und Frauen, in hellen Kitteln und plumpem Schuhwerk war auf dem Weg zur Arbeit stehen geblieben und beobachtete ihn. Er war jetzt so weit unten, daß das Tau schleppte.

Er starrte auf die Leute hinab. »Möcht' wissen, wie man landet?« dachte er.

»Ob ich wohl landen soll?«

Dann merkte er, daß er auf eine Einschienenbahnlinie zutrieb und warf hastig ein paar Säcke Ballast über Bord, um ihr zu entgehen.

»Laß sehen. Man könnte doch ganz einfach sagen: ›Prenez!‹ Wenn ich doch wüßte, wie das auf Französisch heißt: Faßt das Tau! . . . Franzosen werden's ja wohl sein?«

Er betrachtete aufs neue die Landschaft. »Könnte auch Holland sein. Oder Luxemburg. Oder auch Lothringen – von mir aus. Was das wohl sein kann, die großen Dinger da drüben? Eine Art Ziegelbrennereien. Gedeihlich aussehende Gegend . . . .«

Dies gedeihliche und gediegene Aussehen der ganzen Gegend erweckte einen Widerhall in seiner Brust.

»Werd' mich erst ein bißchen zurechtstutzen,« sagte er.

Er beschloß, wieder etwas zu steigen und sich seiner Perücke (die jetzt unbehaglich heiß auf seinem Kopfe saß) und so weiter zu entledigen. Also warf er einen Sack Ballast über Bord und schoß zu seinem Erstaunen sogleich mit großer Geschwindigkeit aufwärts.

»Verdammt!« sagte Mr. Smallways. »Den Ballasttrick hab' ich entschieden ein bißchen zu sehr ausgeschlachtet! . . . Wann ich wohl wieder herunterkomme? . . . Na, also Frühstück an Bord!«

Die Luft war warm, er nahm die Mütze und seine Perücke ab und warf letztere unbekümmert über Bord. Das Statoskop tat sofort einen Ruck nach »Montée«.

»Dies verdammte Ding steigt schon, wenn man bloß einen Blick über Bord wirft!« bemerkte er und wandte sich zur Truhe. Er fand unter anderem verschiedene Dosen flüssigen Kakaos mit ausführlicher Gebrauchsanweisung, die er mit peinlichster Sorgfalt befolgte. Er bohrte den dazu gehörigen Schlüssel in die am Boden der Büchse bezeichneten Löcher, worauf die Büchse sofort warm und wärmer und heiß und heißer wurde, bis er sie überhaupt nicht mehr anfassen konnte. Dann öffnete er sie am andern Ende und hatte seinen dampfenden Kakao, ohne irgendwelche Art von Streichholz oder Flamme angewandt zu haben. Es war eine alte Erfindung, aber für Bert war sie neu. Schinken und Marmelade und Brot war auch vorhanden, so daß das Frühstück wirklich recht erträglich ausfiel.

Dann zog er seinen Überrock aus, denn die Sonne brannte jetzt schon fast heiß; und dabei fiel ihm das Rascheln ein, das er in der Nacht gehört hatte. Er zog die Weste aus und untersuchte sie. »Der alte Kerl wird keine große Freude haben, wenn ich das auftrenne!« Er zögerte, und fing dann an, aufzutrennen. Er fand die fehlenden Pläne zu den beweglichen Seitenteilen, auf denen die ganze Stabilität der Maschine beruhte.

Wenn ein Engel Bert beobachtet hätte, er hätte ihn lange Zeit nach dieser Entdeckung in einem Zustand tiefsten Nachsinnens dasitzen sehen. Schließlich erhob er sich mit der Miene eines Menschen, dem eine Erleuchtung kommt, nahm Mr. Butteridges zertrennte und ruinierte Weste und schleuderte sie zum Ballon hinaus, von wo sie in Schraubenlinien langsam niedersank, bis sie sich schließlich mit einem befriedigten Plumps auf dem Gesicht eines biederen Touristen, der am Rand des Höhenwegs bei Wildbad friedlich schlummerte, zur Ruhe setzte. Auch dies trieb den Ballon höher und folglich in eine noch günstigere Position für unsern beobachtenden Engel, der zunächst gesehen hätte, wie Mr. Smallways seinen eigenen Rock und seine eigene Weste aufriß, seinen Kragen ablegte, sein Hemd aufknöpfte, mit der Hand in seinen Busen fuhr und sich das Herz herausriß – – oder – wenn nicht das Herz, so doch jedenfalls einen großen, hellroten Gegenstand. Wenn dann der Beobachter, nach einem Schauder himmlischen Abscheus, diesen roten Gegenstand genauer betrachtet hätte, so wäre eins von Berts kostbarsten Geheimnissen, eine seiner Kardinalschwächen, ans Licht des Tags gekommen. Es war ein rotflanellener Brustwärmer, einer jener umfangreichen, quasi hygienischen Gegenstände, die, im Verein mit Pillen und Arzneimitteln, die Stelle wohltätiger Reliquien und Heiligenbilder unter den protestantischen Völkern der Christenheit einnehmen. Bert trug dies Ding immer. Es war sein Lieblingsaberglaube und gründete sich auf das Sprüchlein eines Fünfzigpfennig-Wahrsagers, der ihm gesagt hatte, er sei schwach auf der Lunge.

Bert fuhr also fort, seinen Fetisch abzuknöpfen, zertrennte ihn mit einem Taschenmesser und barg die eben gefundenen Pläne zwischen den zwei Lagen Baumwollflanell, aus denen er bestand. Dann brachte er mit Hilfe von Mr. Butteridges Rasierspiegel und zusammenklappbarem Wachstuchwaschbecken und mit dem Ernst eines Mannes, der sich eines unwiderruflichen Schritts bewußt ist, seine Toilette in Ordnung, knöpfte seinen Rock zu, warf das weiße Laken des Wüstenderwischs beiseite, wusch sich mit Maß, rasierte sich, zog die große Mütze und den Pelzmantel wieder an und betrachtete, sehr erquickt durch all diese Manipulationen, die Gegend.

Es war tatsächlich ein Schauspiel von beispielloser Großartigkeit. Wenn es auch vielleicht nicht ganz so seltsam und großartig war, wie das sonnbeglänzte Wolkenland des vorhergehenden Tages, so war es auf jeden Fall unendlich viel interessanter. Die Luft war vollkommen klar, und außer im Süden und Südwesten stand keine Wolke am Himmel. Die Landschaft bestand aus welligen Hügeln mit zerstreuten Tannenwäldern und Heideflächen und dazwischenliegenden zahlreichen Bauerngehöften. Flüsse, die ab und zu von angestauten Seen und Wehren mit elektrischen Kraftanlagen unterbrochen waren, durchschnitten in tiefen Windungen das Hügelland. Die ganze Gegend war übersät mit freundlichen, steildachigen Dörfern, deren jedes, neben seinem drahtlosen Telegraphenmast, eine eigenartige und interessante Kirche aufwies. Da und dort erhoben sich große Schlösser und Parks mit weißen Wegen; von rot und weißen Telegraphenstangen eingefaßte Straßen sprangen überall ins Auge. Dazwischen lagen – gleich Gärten – ummauerte Wiesen und Heuschober und große Scheunendächer und Meiereien. Die Höhen waren voll Viehherden. Da und dort sah Bert die Spuren der alten, jetzt in Einschienenbahnen umgewandelten Eisenbahnen sich durch Tunnels winden und Ströme überbrücken, und ein plötzliches Dröhnen verkündete einen vorübereilenden Zug. Alles war außerordentlich klar und bis aufs einzelnste deutlich. Ein oder das anderemal sah er auch Geschütze und Soldaten, und die leisen Anzeichen militärischer Vorbereitungen, deren Zeuge er am Pfingstsonntag in England gewesen war, fielen ihm wieder ein. Aber nichts deutete darauf hin, daß diese militärischen Vorbereitungen etwas Außergewöhnliches waren, und niemand vermochte ihm das gelegentliche schwache, unregelmäßige Kanonengedonner zu erklären, das zu ihm empordrang . . . .

»Wenn ich bloß wüßte, wie ich hinunterkomme!« sagte Bert in seiner Höhe von zehntausend Fuß, und begann darauf ein vergebliches Zerren und Ziehen an der roten und weißen Leine. Danach nahm er eine Art Inventur des Proviants vor. Das Leben in der Höhe machte ihm einen geradezu niederschmetternden Appetit; und er hielt es für weise, seine Vorräte in Rationen einzuteilen. Er rechnete aus, daß er etwa eine Woche in der Luft zubringen könnte.

Zuerst war das ungeheure Panorama unter ihm so stumm gewesen wie ein gemaltes Bild. Aber als der Tag fortschritt und das Gas leise aus dem Ballon ausströmte, sank dieser wieder erdwärts. Die einzelnen Eindrücke mehrten sich; die Menschen erschienen deutlicher; er begann das Pfeifen und Dröhnen der Bahnzüge und Wagen, das Gebrüll des Viehs, den Klang der Hörner und Pauken und endlich sogar die Stimmen der Menschen zu unterscheiden. Schließlich schleifte sein Schlepptau wieder, und er dachte, es sei möglich, einen Landungsversuch zu machen. Ein- oder zweimal, als das Tau über Kabel streifte, fühlte er, wie ihm sein Haar vor Elektrizität zu Berge stand. Einmal verspürte er auch einen leichten Schlag und Funken knisterten um den Korb. Aber er nahm all diese Dinge einfach als Reiseerlebnisse. Ein Gedanke beherrschte ihn jetzt ganz: er wollte den eisernen Anker, der vom Ring herabhing, auswerfen.

Von Anfang an war dieser Versuch ein mißglückter, vielleicht, weil der Ort zum Abstieg unglücklich gewählt war. Ein Ballon sollte auf einem offenen, leeren Platz landen; und Bert wählte eine Menschenmenge dazu aus. Er entschloß sich ganz plötzlich und ohne rechte Überlegung. Während er so dicht am Boden über der Erde hinflog, sah er auf einmal vor sich eins der reizendsten kleinen Städtchen, die's überhaupt geben konnte: eine Gruppe steiler Giebel, überragt von einer hohen Kirche, von Bäumen überschattet, von Mauern eingehegt, mit einem schönen, breiten Tor, das auf eine von Bäumen eingefaßte Landstraße ging. Alle Drähte und Kabel der ganzen Umgebung liefen hier zusammen wie fröhliche Gäste zum Fest. Es sah unendlich traut und gemütlich aus, und reicher Flaggenschmuck machte es noch heiterer. Auf der Straße war ein fortwährendes Hin und Her von Gruppen von Landleuten in großen, zweirädrigen Wagen und zu Fuß; dazwischen ab und zu ein Einschienenwaggon. Und um den Bahnhof, unter den Bäumen vor der Stadt, war ein wimmelnder, kleiner Jahrmarkt von Buden aufgeschlagen. Das Ganze erschien Bert so recht als ein warmer, menschlicher, treugewurzelter und in jeder Beziehung reizender Ort. Er kam in niedrigem Flug über die Baumwipfel daher, seinen Anker in Bereitschaft, der ihn – so malte er es sich aus – als seltsamen, interessanten und interessierten Gast inmitten des Ganzen festankern sollte.

Er sah sich schon, wie er mit Hilfe der Zeichensprache und zufällig anwesender Sprachkundiger in einem Kreis bewundernder Landleute Heldentaten verrichtete . . . .

Dann begann ein Kapitel widrigster Verhängnisse. Lang, ehe die Menge sein Kommen über den Bäumen so recht bemerkt hatte, machte das Tau sich unbeliebt. Ein älterer und augenscheinlich betrunkener Bauer in einem glänzenden schwarzen Hut und mit einem großen roten Regenschirm erblickte es zuerst, als es an ihm vorüberschleifte, und ward von einem unrühmlichen Ehrgeiz, es umzubringen, ergriffen. Energisch und unter unerquicklichem Geschrei verfolgte er es. Es schleifte quer über den Weg, patschte in eine Kufe Milch auf einem Verkaufstisch, und schlug dann mit seinem milchigen Schwanz in ein Automobil voll Fabrikmädchen, das vor dem Stadttor hielt. Die Mädchen kreischten laut auf. Jetzt blickten die Menschen in die Höhe und sahen Bert, der, wie er meinte, freundliche Begrüßungszeichen, wie sie – in Anbetracht des weiblichen Gekreisches – dachten, beleidigende Gesten machte. Nun stieß der Korb heftig an das Dach des Häuschens mit dem Torgang, knickte eine Flaggenstange, griff einen Akkord auf ein paar Telegraphendrähten und schleuderte unter die wachsende Menge einen zerrissenen Draht, der die Erbitterung mit wohlgezielten Peitschenhieben noch anfeuerte. Bert entging nur durch krampfhaftes Anklammern einem plötzlichen Purzelbaum aus dem Korb. Zwei junge Soldaten und mehrere Bauern schrien ihm allerlei zu, schüttelten die Fäuste gegen ihn und machten sich, als er über die Mauer in die Stadt verschwand, eiligst auf, ihn zu verfolgen.

Bewunderungsvolle Landleute! Jawohl!

Der Ballon machte, wie alle Ballons, wenn sie durch Aufstoßen einen Teil ihres Gewichtes verlieren, eine Art leichtfertigen Satz, und im nächsten Augenblick befand sich Bert über einer von Bauern und Soldaten wimmelnden Straße, die auf einen Marktplatz mündete. Die Woge von Unfreundlichkeit folgte ihm.

»Ankern!« sagte sich Bert. Dann kam ihm – etwas verspätet – ein Gedanke, und er brüllte: »He! Ihr da drunten! Têtes! He! He! Têtes! Verflucht!«

Der Anker rasselte, gefolgt von einer Lawine zerbrochener Ziegel, ein steil abfallendes Dach hinab, schlug unter Schreien und Kreischen auf der Straße auf und schmetterte mit gewaltiger und verhängnisvoller Wirkung durch eine Schaufensterscheibe. Der Ballon schwankte zum Übelwerden und der Korb kippte um. Aber der Anker hatte nicht Grund gefaßt. Er tauchte sofort wieder auf, mit einer lächerlichen Miene sorgfältigster Auswahl auf seiner einen Schaufel ein Kinderstühlchen tragend und verfolgt von einem wutschnaubenden Ladeninhaber. Er hob seine Errungenschaft in die Höhe, drehte sich, mit einer Miene peinlicher Unentschlossenheit, inmitten eines Wutgebrülls ein paarmal um sich selbst und stülpte sie dann, wie durch Eingebung, geschickt über den Kopf einer Bauersfrau, die auf dem Marktplatz Gemüse feil hielt.

Aller Aufmerksamkeit war jetzt auf den Ballon gerichtet. Jedermann versuchte, entweder den Anker zu packen oder das Schlepptau zu erhaschen. Mit einem pendelartigen Schwung, der die Menge nach rechts und links in die Flucht jagte, kam jetzt der Anker wieder zur Erde, angelte vergeblich nach einem dicken Herrn in blauem Anzug und Strohhut, riß einem Tisch mit Töpferwaren zwei Beine weg, veranlaßte einen Soldaten in Radfahrhosen zu den schönsten Bocksprüngen und rettete sich dann etwas unsicher zwischen die Hinterbeine eines Schafs, das krampfhafte und wenig vornehme Anstrengungen machte, sich zu befreien und sich schließlich auf einem steinernen Kreuz in der Mitte des Platzes widerwillig zur Ruhe setzte. Der Ballon zerrte mit einem Ruck nach oben. Im nächsten Moment zog ein Dutzend eifrige Hände ihn erdwärts. Im gleichen Augenblick verspürte Bert zum erstenmal einen frischen Windhauch, der um ihn wehte.

Ein paar Sekunden lang stand er taumelnd im Korb, der jetzt unbehaglich schwankte, betrachtete die empörte Menge unter sich und versuchte, seine Gedanken zu sammeln. Er war ungemein erstaunt über diese Folge von Mißgeschicken. Machte er sich wirklich den Leuten so unangenehm? Jedermann schien erbost über ihn. Niemand schien seine Ankunft zu interessieren oder zu belustigen. Ein ganz unverhältnismäßig großer Teil des Geschreis klang fast wie Geschimpfe – klang tatsächlich geradezu wie Empörung! Verschiedene Amtspersonen in großartigen Uniformen und Dreispitzen versuchten vergeblich, die Menge in Ordnung zu halten. Fäuste und Stöcke hoben sich. Und als Bert einen Mann den Haufen durchbrechen, nach einem Heuwagen eilen, eine lange Heugabel mit blanken Zinken holen und einen Soldaten im blauen Rock seine Koppel aufschnallen sah, ward sein aufsteigender Zweifel, ob diese kleine Stadt schließlich wirklich ein so guter Landungsplatz sei, zur Gewißheit.

Er hatte sich in die Vorstellung eingewiegt, sie würden eine Art Heros aus ihm machen. Jetzt wußte er, daß das ein Irrtum war.

Er war vielleicht noch zehn Fuß über den Leuten, als er seinen Entschluß faßte. Seine Erstarrung wich. Er sprang auf den Sitz und löste, unter größter Gefahr, kopfüber hinauszustürzen, das Ankertau von dem Knebel, der es hielt, sprang dann nach dem Schlepptau und befreite auch dies. Ein heiserer Schrei der Entrüstung begrüßte den Fall des Ankertaus und den raschen Stoß des Ballons, und etwas – er hielt es später für eine Rübe – schwirrte an seinem Kopf vorüber. Das Schlepptau folgte seinem Genossen. Die Menge schien einen Sprung nach abwärts zu machen. Mit einem gewaltigen, entsetzenerregenden Knistern streifte der Ballon an einem Telephonpfosten vorbei und einen herzbeklemmenden Augenblick lang erwartete Bert entweder eine elektrische Explosion oder das Zerreißen der Seide oder beides zugleich. Aber das Glück war ihm hold.

In der nächsten Sekunde saß er zusammengekauert am Boden des Korbs und schoß, befreit vom Gewicht des Ankers und der zwei Taue, aufs neue durch die Luft empor. Eine Zeitlang blieb er noch zusammengeduckt; und als er endlich wieder hinaussah, war die kleine Stadt schon winzig und flog mit dem ganzen übrigen Süddeutschland in immerwährendem Kreislauf um den Korb. Oder wenigstens schien es so. Nachdem er sich erst daran gewöhnt hatte, fand er diese Rotation des Ballons ganz bequem; so brauchte er selber nicht im Korb umherzugehen.


V

Spät am Nachmittag eines heiteren Sommertags im Jahre 1910 – – um im Stil gewisser klassischer Romane zu reden – – konnte man einen einsamen Luftschiffer beobachten, der in einer Höhe von ungefähr elftausend Fuß über dem Meer und sich immer noch langsam um die eigene Achse drehend, in nordöstlicher Richtung über das fränkische Land hinflog. Er hatte den Kopf über die Wand seines Korbs herausgestreckt und überschaute das Land unter sich mit dem Ausdruck tiefster Bestürzung. Dann und wann formten seine Lippen unhörbare Worte, wie zum Beispiel: »Auf einen schießen!« oder »Ich werd' schon herunterkommen, wenn ich nur erst herauskriegte, wie!« Über dem Rand des Korbs hing als Aufforderung zur Rücksichtnahme eine erfolglose weiße Flagge – – – das Gewand des Wüstenderwischs.

Er war sich jetzt sehr deutlich bewußt, daß die Welt unter ihm, weit davon entfernt, die naive, schläfrige Provinziallandschaft seiner vormittäglichen Phantasien zu sein, die von seinem Dasein nichts wußte und seinen Abstieg mit Erstaunen, ja mit Ehrfurcht begrüßen würde, seinen Flug ganz im Gegenteil mit großer Gereiztheit aufnahm und äußerste Unzufriedenheit mit der Richtung, die er einschlug bekundete. Dabei war gar nicht er es, der diese Richtung einschlug, sondern seine Gebieter, die Winde des Himmels. Geheimnisvolle Stimmen sprachen durch Vermittlung von Sprachrohren auf unheimliche und erschreckende Weise und in einer Menge der verschiedensten Sprachen an sein Ohr. Offiziell aussehende Persönlichkeiten hatten mit Hilfe wehender Flaggen und winkender Arme zu ihm emporsignalisiert. Im allgemeinen herrschte eine gutturale Variante des Englischen in den einzelnen Sätzen vor, die zum Ballon empordrangen; und hauptsächlich wurde er aufgefordert, »herunterzukommen, oder man würde nach ihm schießen«.

»Alles ganz schön und recht,« sagte Bert. »Aber wie?« Dann schossen sie in einiger Entfernung an dem Ballon vorüber. Sechs- oder siebenmal hatte man soeben auf ihn geschossen; und einmal war die Kugel mit einem Laut an ihm vorübergeschwirrt, der so überzeugend an das Reißen von Seide gemahnte, daß er sich schon auf einen jähen Sturz gefaßt machte. Aber entweder zielten sie an ihm vorbei oder sie hatten ihn gefehlt; und bis jetzt war noch nichts zerrissen als die Luft um ihn her und seine gequälte Seele.

Augenblicklich erfreute er sich einer Pause in diesen Aufmerksamkeiten; aber er fühlte, es war im besten Fall nur ein Zwischenakt, und er versuchte nach Kräften, sich über seine Lage klar zu werden. Er stärkte sich eben – in einer etwas nachlässigen, unordentlichen Art – an heißem Kaffee und Pastete, wobei sein Auge unablässig nervös über den Rand des Korbes hinausschweifte. Zuerst hatte er das wachsende Interesse an seinem Flug seinem ungeschickten Landungsversuch in dem anmutigen, kleinen Bergstädtchen zugeschrieben; jetzt aber begann er, sich zu vergegenwärtigen, daß mehr die militärische als die bürgerliche Gewalt sich mit ihm beschäftigte.

Er spielte ganz wider Willen die unheimlichste aller mysteriösen Rollen – die Rolle eines internationalen Spions. Er sah geheime Dinge. Und keine geringere Macht als das Deutsche Reich war es, deren Absichten er durchkreuzt hatte. Er war mitten in den Brennpunkt der Weltpolitik geraten; er trieb hilflos dem großen Reichsgeheimnis, dem riesigen aeronautischen Park zu, der in rasender Hast in Franken angelegt worden war, um stillschweigend, eiligst und in ungeheurem Maßstab die großen Erfindungen Hunstedts und Stossels zu verwerten und so, vor allen andern Nationen, Deutschland eine Flotte von Luftschiffen, die Gewalt über die Luft und die Herrschaft der Welt zu sichern.

Später, just ehe sie ihn ganz herunterschossen, sah Bert jenes große Gelände leidenschaftlichster Arbeit, vom warmen Abendlicht beleuchtet, eine große Hochebene, auf der die Luftschiffe wie eine Herde grasender Ungetüme zur Fütterungszeit lagen. Es war eine ungeheure Fläche, die sich gen Norden erstreckte, soweit er überhaupt sah, und methodisch in numerierte Hallen, Gasometer, Truppenlager, Magazine eingeteilt, von den allgegenwärtigen Einschienenbahnlinien durchzogen und gänzlich frei von durch die Luft gehenden Drähten oder Kabeln war. Überall war das Schwarz-weiß-rot des Deutschen Reichs, überall breiteten die schwarzen Adler ihre Schwingen aus. Aber auch ohne diese Wahrzeichen hätte die breite und kraftvolle Geordnetheit des Ganzen es als deutsch gekennzeichnet. Eine Unmenge von Männern gingen ab und zu, manche, in der weiß und grauen Interimsuniform, waren an den Ballons beschäftigt, andere, im grauen Dienstanzug, exerzierten. Da und dort glitzerte eine große Uniform. Die Luftschiffe fesselten ganz besonders seine Aufmerksamkeit; und er wußte sofort, drei von ihnen waren es, die er in der vergangenen Nacht gesehen hatte, als sie die bewölkte Luft wahrgenommen hatten, um unbeobachtet zu manövrieren. Sie waren ganz und gar fischähnlich. Denn die großen Luftschiffe, mit denen Deutschland in seinem letzten ungeheuerlichen Kampf um die Weltherrschaft – ehe die Menschheit begriffen hatte, daß Weltherrschaft ein Traum ist – New York angriff, waren die direkten Abkömmlinge des Zeppelinschen Luftschiffs, das 1906 über den Bodensee flog, und der Lebaudy-Lenkballons, die 1907 und 1908 ihre denkwürdigen Streifzüge über Paris machten.

Diese deutschen Luftschiffe bestanden aus rippenartigen Skeletten aus Stahl und Aluminium und einer starken, nicht elastischen Segeltuchhülle, innerhalb welcher sich eine durch Querschotten in fünfzig bis hundert Zellen eingeteilte, undurchlässige Gummigaskammer befand. Diese Abteilungen waren alle absolut gasdicht und mit Wasserstoff gefüllt, und der ganze Aerostat ließ sich vermittels eines langen, inneren Ballonets aus geölter und gefirnister Seide, in welchen und aus welchem Luft gepumpt werden konnte, in jeder beliebigen Höhe halten. Auf diese Weise ließ sich der Aerostat nach Belieben leichter oder schwerer machen als Luft, und Verluste an Gewicht durch Verbrauch von Brennmaterial, Auswerfen von Granaten und so weiter ließen sich durch das Einlassen von Luft in einzelne Abteilungen des allgemeinen Gassacks ebenfalls ersetzen. Alles in allem war es eine in höchstem Grad explosive Konstruktion; Gefahren waren aber in all solchen Dingen nicht zu vermeiden, und es hieß, sich dagegen wappnen so gut es ging. Jegliche Erzeugung von Feuer mußte auf diesen Luftschiffen ausgeschaltet werden. Das Ganze hatte eine Stahlachse, ein Rückgrat, das in Maschine und Propeller endigte; die Mannschaft und die Magazine waren vorn in einer Reihe von Kabinen unter dem breiteren, kopfähnlichen Vorderteil untergebracht. Die Maschine, nach jenem höchsten Triumph deutscher Erfindung, dem außerordentlich leistungsfähigen Pforzheimer Modell, gebaut, wurde durch Drähte vom Vorderteil aus bedient, das überhaupt der einzige bewohnbare Teil des Schiffs war. War irgend etwas in Unordnung, so gingen die Ingenieure an einer Strickleiter unterhalb des Rahmens nach hinten. Die Neigung des Ganzen zum Schlingern wurde zum Teil durch eine Art horizontaler Flosse an jeder Seite in Schach gehalten, und die Steuerung wurde in der Hauptsache durch zwei ebensolche vertikale Flossen bewerkstelligt, die unter normalen Umständen wie Kiemendeckel an beiden Seiten des Kopfes anlagen. Kurzum, es war eine fast vollkommene Anpassung der Fischform an Luftverhältnisse, nur daß Statozyste, Augen und Gehirn unten lagen statt oben. Ein auffallender und unfischartiger Zug war der Apparat für drahtlose Telegraphie, der von der vordersten Kabine, das heißt unter dem Kinn des Fisches, herabhing.

Diese Ungetüme leisteten bei ruhiger Luft neunzig Meilen die Stunde, so daß sie fast allem, mit Ausnahme vielleicht eines ungewöhnlich heftigen Tornados, die Stirn zu bieten und standzuhalten vermochten. Ihre Länge wechselte zwischen achthundert und zweitausend Fuß, und sie hatten eine Tragkraft von siebzig bis zweihundert Tonnen. Wie viele Deutschland besaß, berichtet die Geschichte nicht; aber Bert zählte während seiner kurzen Überschau beinahe achtzig große, perspektivisch sich verkleinernde Klumpen. Solchergestalt waren die Instrumente, auf die Deutschland sich bei Verwerfung der Monroe-Doktrin und bei der kühnen Forderung eines Anteils an der Herrschaft der Neuen Welt hauptsächlich stützte. Aber nicht ausschließlich darauf stützte es sich; auch noch einen bombenschleudernden Ein-Mann-Drachenflieger von unbekannter Leistungsfähigkeit hatte es unter seinen Streitmitteln.

Die Drachenflieger jedoch waren im zweiten großen aeronautischen Park östlich von Hamburg, und Bert Smallways sah nichts von ihnen bei seiner Vogelschaubesichtigung des fränkischen Lagers, ehe sie ihn herunterschossen. Denn herunter schossen sie ihn – – mit großer Präzision. Die Kugel schlug an ihm vorüber, und gab, während sie in den Ballon fuhr, eine Art dumpfen Knalls von sich – – einen Knall, dem ein raschelndes Ächzen und eine gleichmäßige Abwärtsbewegung folgte. Und als Bert in der Verwirrung des Augenblicks einen Sack Ballast auswarf, beschwichtigten die Deutschen seine Skrupel höflich, aber sicher, indem sie noch zweimal nach seinem Ballon schossen.



Viertes Kapitel: Die deutsche Luft-Flotte


I

Von allen Erzeugnissen menschlicher Phantasie, die die Welt, in der Mr. Bert Smallways lebte, wunderbar verworren machten, war keines so seltsam, so unberechenbar und aufregend, so lärmend und so einschmeichelnd und gefährlich, als die durch die Reichs- und internationale Politik hervorgerufenen Modernisationen des Patriotismus. In der Seele jedes Menschen ist eine Vorliebe für die eigene Art, ein Stolz auf die eigene Atmosphäre, eine Zärtlichkeit für Muttersprache und Vaterland. Vor dem Kommen des wissenschaftlichen Zeitalters war diese Gruppe von weichen und edeln Empfindungen ein schöner Faktor in der Ausrüstung jedes anständigen menschlichen Wesens gewesen, ein schöner Faktor, der seine weniger liebenswürdige Seite in einer meist harmlosen Feindseligkeit fremden Menschen gegenüber und einer meist ebenso harmlosen Herabsetzung fremder Länder hatte. Aber durch die wilde Sturzflut von Wechsel in Tempo, Raum, Material, Maßstab und Möglichkeiten des menschlichen Lebens, die jetzt hereinbrach, wurden die alten Schranken, die die Menschen eingehegt und eingeteilt hatten, gewaltsam niedergerissen. All die alten, eingewurzelten geistigen Gewohnheiten und Traditionen der Menschen sahen sich plötzlich nicht nur einfach neuen Bedingungen, sondern fortwährend erneuerten und wechselnden neuen Bedingungen gegenüber. Sie hatten keine Möglichkeit, sich anzupassen. Sie wurden vernichtet und verzerrt oder überhitzt bis zur Unkenntlichkeit.

Bert Smallways' Großvater – in den Tagen, als Bun Hill noch ein Dorf unter der Herrschaft Sir Peter Bones, des Vaters, war – hatte bis aufs kleinste gewußt, was er »seiner Stellung schuldig war«. Er hatte vor denen, die über ihm standen, den Hut gezogen, war denen, die unter ihm standen, mit herablassender Verachtung begegnet, und hatte von der Wiege bis zum Grab auch nicht eine einzige kleinste Überzeugung gewechselt. Er war ein Engländer und war aus Kent, und das bedeutet Bier, Hopfen, wilde Rosen und den allerschönsten Sonnenschein auf Gottes Erde. Zeitungen und Politik und Reisen nach London waren nicht für seinesgleichen. Dann kam der Wechsel. Die früheren Kapitel haben eine Vorstellung davon gegeben, was mit Bun-Hill geschah, und wie die Flut neuer Dinge über seine fromme Ländlichkeit hereingebrochen war. Bert Smallways war nur einer von zahllosen Millionen in Europa, Amerika und Asien, die, statt festgewurzelt in der Erde, im Kampf eines Stroms geboren wurden, den sie überhaupt nie recht verstanden. Jeder Glaube ihrer Väter war überrumpelt und in die seltsamsten Formen und Reaktionen geschreckt worden. Hauptsächlich die schöne alte Tradition des Patriotismus wurde im Sturmlauf der neuen Zeiten verdreht und verzerrt. Statt des handfesten Aufbaus von Vorurteilen zur Zeit von Bert Smallways' Großvater, für den das Wort »französisch« der Inbegriff aller Verachtung war, sprudelte durch Berts Gehirn eine Flut schwächlich-gewaltsamer Ideen über die deutsche Konkurrenz, die gelbe Gefahr, die schwarze Gefahr, über die Pflicht des weißen Mannes – – (das heißt seine – – Berts – – gänzlich widersinnigen Rechte), die schon von Natur äußerst verworrene Politik kleiner, ihm – (bis auf einen Tropfen farbigen Blutes) vollkommen ähnlicher Tröpfe, die in Buluwayo, Kingston (Jamaika) oder Bombay ihre Zigaretten rauchten und Rad fuhren, noch weiter zu verwirren. Denn sie waren die »dienenden Rassen«, und Bert war ganz bereit – mittels Vertretung in Gestalt jedes Beliebigen, der grade Soldat werden mochte, sein Leben zu lassen für die Aufrechterhaltung dieser seiner Rechte. Der Gedanke, daß er sie verlieren könnte, ließ ihn nicht schlafen nachts . . . .

Der Grundzug der Politik des Zeitalters, in dem Bert Smallways lebte – des Zeitalters, das sich schließlich blindlings in die Katastrophe des Luftkriegs stürzte –, war ein sehr einfacher; wenn nur die Menschen den Verstand gehabt hätten, ihn einfach zu nehmen. Die Entwicklung der Wissenschaft hatte den Maßstab menschlicher Verhältnisse verändert. Mit Hilfe raschen, mechanischen Verkehrs hatte sie die Menschen in sozialer, ökonomischer und physischer Beziehung einander so viel näher gebracht, daß die alten Sonderungen in Nationen und Königreiche nicht länger möglich waren; eine neuere Synthese war nicht nur geboten, sondern ganz absolut unerläßlich. So wie die einst unabhängigen Herzogtümer Frankreichs sich zu einer Nation auflösen mußten, so mußten sich jetzt die Nationen einer weiteren Gemeinschaft anpassen; sie mußten behalten, was wertvoll und möglich, und aufgeben, was veraltet und gefährlich war. Eine verständigere Welt würde diese wesentliche Notwendigkeit einer vernünftigen Synthese begriffen, würde sie maßvoll erörtert und durchgeführt haben, um dann die große Zivilisation zu organisieren, die offenbar der Menschheit wartete. Bert Smallways' Welten taten nichts dergleichen. Ihre nationalen Regierungen, ihre nationalen Interessen mochten von etwas so Einleuchtendem nichts hören; sie waren zu mißtrauisch gegeneinander, zu bar jeder hochherzigen Idee. Sie fingen an, sich zu gebärden wie unerzogene Menschen in einem Trambahnwagen – zu drängeln, sich die Ellbogen in die Rippen zu stoßen, zu schelten und zu streiten. Vergeblich, darauf hinzuweisen, daß sie sich bloß wieder zu vertragen brauchten, um ihr Behagen zu finden! Überall, auf der ganzen Welt, findet der Geschichtsschreiber des frühen zwanzigsten Jahrhunderts dasselbe: eine rettungslose Verwirrung des Fortschritts und der Neugestaltung menschlicher Angelegenheiten durch die alten Gesichtspunkte, die alten Vorurteile und durch eine Art hitziger, gereizter Borniertheit, überall ein Gedränge von Nationen in einer zu kleinen Arena, von Nationen, die sich gegenseitig mit ihrem Material an Menschen und Produkten überschütteten, durch Zolltarife und jede nur erdenkliche kommerzielle Schwierigkeit ärgerten und mit Flotten und Heeren bedrohten, die jedes Jahr ungeheuerlicher wurden.

Es ist heute nicht mehr möglich, einzuschätzen, welches Quantum physischer und intellektueller Energie der Welt auf militärische Vorbereitung und Ausrüstung verschwendet wurde; jedenfalls war es ein enormer Prozentsatz. Großbritannien gab für Flotte und Heer Summen und Kräfte aus, die, in die Kanäle physischer Kultur und Erziehung geleitet, die Engländer zur Aristokratie der Welt gemacht hätten. Die Regierung hätte die ganze Bevölkerung bis zum achtzehnten Jahr lernen und exerzieren lassen, hätte aus jedem Bert Smallways im ganzen Inselreich einen breitschultrigen, intelligenten Menschen machen können, wenn sie die Gelder, die sie für Kriegsmaterial verbrauchte, auf das Heranziehen von Männern verwendet hätte. Statt dessen wedelten sie ihm bis zu seinem vierzehnten Jahr mit Flaggen vor der Nase herum, stachelten ihn zu einem Hurra auf und entließen ihn dann aus der Schule zu seiner Karriere von Privatunternehmungen, wie wir sie im ersten Kapitel in Kürze geschildert haben. Frankreich leistete ähnliche Dummheiten; Deutschland war, wenn möglich, noch schlimmer. Rußland taumelte unter der Wucht und Vergeudung des Militarismus dem Bankrott und Verfall entgegen. Ganz Europa produzierte große Kanonen und zahllose Schwärme kleiner Smallways. Die asiatischen Völker zwang Selbstverteidigung zu einer ähnlichen Anwendung der neuen Kräfte, die die Wissenschaft ihnen gebracht hatte. Am Vorabend des Ausbruchs des Kriegs gab es sechs Großmächte in der Welt, dazu eine Gruppe von kleineren Mächten, alle bis an die Zähne gewappnet und aus vollen Kräften bemüht, es den andern an Tödlichkeit der Ausrüstung und militärischer Gewalt zuvorzutun. Diese Großmächte waren erstens die Vereinigten Staaten, eine Handelsnation, die aber durch die Bemühungen Deutschlands, sich in Südamerika auszubreiten, und durch die natürlichen Folgen ihrer eigenen unbedachten Annexionen dicht vor der Nase Japans zu militärischen Notwendigkeiten aufgerüttelt worden war. Sie unterhielt zwei ungeheure Flotten im Osten und Westen; im Innern war sie von heftigen Konflikten zwischen ihren Staats- und Bundesregierungen in Fragen der allgemeinen Wehrpflicht zerrissen. Nächst ihr kam die große ostasiatische Allianz, ein fester Bund zwischen China und Japan, der von Jahr zu Jahr, mit immer rascheren Schritten, die Hand nach einer herrschenden Rolle im Welttheater ausstreckte. Dann kam das Deutsche Reich, das sich noch immer bemühte, den Traum von einer Ausdehnung seiner Herrschaft zu verwirklichen, um dereinst einem gewaltsam geeinten Europa die deutsche Sprache aufzuzwingen. Dies waren die drei unternehmungslustigsten und aggressivsten Mächte der Welt. Weit friedlicher war das Britische Reich, das gefährlicherweise auf der ganzen Erde verstreut lag und durch aufständische Bewegungen in Irland und seinen sämtlichen Untertanenstaaten in Anspruch genommen war. Es hatte diesen Staaten Zigaretten, Stiefel, steife Hüte, Kricket, Rennen, billige Revolver, Petroleum, das Fabrikindustrie-System, Fünfpfennig-Zeitungen – in englischer und einheimischer Sprache –, billige Universitätsgrade, Motorräder und elektrische Trambahnen geschenkt; es hatte eine beträchtliche, die dienenden Rassen mit Verachtung behandelnde Literatur hervorgebracht und sie ihnen auch bereitwilligst zugänglich gemacht; und es hatte ruhig geglaubt, diese Stimulanzmittel würden keine Folge haben, weil irgendwer irgendwann einmal etwas vom »uralten Osten« geschrieben hatte und weil, um mit den erhabenen Worten Kiplings zu reden:

– – »Der Osten Osten ist und Westen Westen,
Und nimmer beide sich begegnen werden – –«

Statt dessen hatten Ägypten, Indien und die Untertanenstaaten überhaupt neue Generationen voll leidenschaftlicher Empörung, voll äußerster Energie, Tatkraft und Modernität großgezogen. Die herrschende Klasse in Großbritannien gewöhnte sich langsam an den neuen Begriff der dienenden Rassen als erwachender Völker, und sah sich in ihren Bemühungen, das Reich unter diesen Spannungen und wechselnden Ideen zusammenzuhalten, vielfach behindert durch den gänzlich spielerischen Geist, in dem Bert Smallways daheim (zu Millionen) sein Stimmrecht betätigte und durch die Neigung seiner dunkler gefärbten Gesinnungsbrüder, sich reizbaren Regierungsbeamten gegenüber despektierlich zu benehmen. Sie kamen mit Zitaten von Burns und Mill! Noch friedlicher als das Britische Reich waren Frankreich und seine Verbündeten, die romanischen Mächte, schwer bewaffnete Staaten zwar, aber widerstrebende Krieger, und in vieler Beziehung soziale und politische Führer der westlichen Zivilisation. Rußland war eine Friedensmacht parforce, in sich selbst zerspalten, hin und her gerissen zwischen Revolutionen und Reaktionen, die beide gleich unfähig einer sozialen Rekonstruktion waren, und so in eine tragische Zerrüttung chronischer politischer Vendetta versinkend. Eingekeilt zwischen diesen unglücksschwangeren größeren Körpern und von ihnen beherrscht und bedroht, behaupteten die kleineren Staaten der Welt eine unsichere Unabhängigkeit, wobei sich jeder so gefährlich gewappnet hielt, als seine äußerste Leistungsfähigkeit es ihm gestattete.

So kam es, daß in jedem Land eine große und wachsende Gesamtheit energischer und erfinderischer Männer, entweder zu Offensiv- oder Defensivzwecken, damit beschäftigt war, den Kriegsapparat zu vervollkommnen, bis die sich ansammelnden Spannungen den Höhepunkt erreicht haben würden. Jede Macht suchte ihre Vorbereitungen geheim zu halten, neue Waffen in Reserve zu halten, die Vorbereitungen ihrer Rivalen zu durchschauen und ihnen zuvorzukommen. Das Gefühl der Gefahr durch neue Entdeckungen beschäftigte die Phantasie aller Völker der Erde. Bald ging das Gerücht, die Engländer hätten eine überwältigende Kanone, bald, die Franzosen ein unbesiegbares Gewehr; dann wieder die Japaner ein neues Explosiv oder die Amerikaner ein Unterseeboot, das jedes Panzerschiff in Flucht schlagen würde. Und jedesmal war eine Kriegspanik.

Kraft und Herz der Nationen waren dem Kriegsgedanken gewidmet, und doch war die Masse ihrer Bürger eine wimmelnde Demokratie, so ohne Gedanken an Kampf und ohne Fähigkeit zum Kampf, geistig, moralisch, physisch – als nur je eine Bevölkerung war oder – man darf wohl sagen – je sein wird. Das war das Paradoxon der Zeit. Es war eine in der Weltgeschichte ganz einzig dastehende Periode. Der Apparat der Kriegsführung, die Kunst und Methode des Kampfs kamen mindestens alle zehn Jahre der Vollkommenheit um einen Riesenschritt näher. Und die Menschen wurden immer unkriegerischer. Und es kam kein Krieg.

Und dann endlich kam er. Er kam als Überraschung für alle Welt, weil die eigentlichen Ursachen verborgen waren. Zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten herrschten gespannte Beziehungen wegen eines aufs höchste erbitterten Tarifkonflikts und wegen der zweideutigen Haltung der ersteren Macht der Monroe-Doktrin gegenüber; und zwischen den Vereinigten Staaten und Japan waren die Beziehungen gespannt wegen der noch immer schwebenden Bürgerrechtsfrage. Aber in beiden Fällen handelte es sich um stehende Streitobjekte. Die wahre entscheidende Ursache war, wie man jetzt weiß, Deutschlands Schöpfung, die Pforzheimer Maschine, und die durch sie geschaffene Möglichkeit eines schnellen und vollkommen praktisch verwertbaren Luftschiffs. Deutschland war zu dieser Zeit die bei weitem tatkräftigste Macht in der Welt, besser organisiert für rasche und geheime Aktion, besser ausgerüstet mit den Hilfsmitteln der modernen Wissenschaft und mit einer auf höherer Stufe der Erziehung und Disziplin stehenden Beamten- und Regierungsklasse als sämtliche andern Mächte. Deutschland war sich dessen auch bewußt und steigerte dies Bewußtsein bis zur Verachtung der geheimen Beratschlagungen seiner Nachbarn. Es ist möglich, daß mit der Gewohnheit des Selbstvertrauens die Aufmerksamkeit auf die andern etwas weniger scharf wurde. Außerdem besaß es eine Tradition unsentimentaler und skrupelloser Aktion, die seine internationale Wachsamkeit stark beeinträchtigte. Beim Entstehen dieser neuen Waffen erzitterte seine Gesamtintelligenz in dem Gefühl, daß jetzt der Augenblick gekommen sei. Wieder einmal in der Geschichte des Fortschritts schien es die entscheidende Waffe in der Hand zu halten. Jetzt konnte es zuschlagen – und siegen – – ehe noch die andern etwas in der Luft hatten als Experimente.

Vor allem mußte Amerika rasch geschlagen werden; denn, wenn irgendwo, so lag dort die Möglichkeit eines Rivalen. Man wußte, daß Amerika eine aus dem Wrightschen Modell hervorgegangene Flugmaschine von beträchtlichem praktischen Wert besaß; aber man vermutete nicht, daß das Washingtoner Kriegsministerium irgendwelche größere Versuche gemacht hätte, eine Luftkriegsmacht zu schaffen. Es mußte zugeschlagen werden, ehe das möglich war. Frankreich hatte eine Flotte von langsamen Fahrzeugen, einige noch aus dem Jahr 1908, die dem neuen Typ in keiner Weise die Spitze bieten konnten. Sie waren lediglich für Rekognoszierungszwecke an der Ostgrenze gebaut worden, und größtenteils zu klein, um mehr als zwei Dutzend Menschen mit Waffen und Fourage tragen zu können; und kein einziges war imstande, mehr als vierzig Meilen pro Stunde zu machen. Großbritannien schien sich in einem Anfall von Knickrigkeit noch immer mit dem reichstreuen und temperamentvollen Butteridge und seiner außerordentlichen Erfindung herumzuzerren. Also auch das kam nicht in Betracht – zum mindesten nicht für die nächsten Monate. Von Japan hörte man nichts. Und Deutschland erklärte dies, indem es behauptete, die Japaner hätten keinen Erfindungsgeist. Kein anderer Konkurrent war der Beachtung wert. »Jetzt oder nie!« sagte sich Deutschland, »jetzt oder nie ergreife ich Besitz von der Luft, so wie England einst Besitz ergriffen hat von der See! Solange alle andern Mächte noch beim Experimentieren sind!«

Rasch und systematisch und geheim waren die Vorbereitungen, und die Pläne waren ganz vorzüglich. Amerika war, soviel man wußte, die einzige gefährliche Möglichkeit; dasselbe Amerika, das auch der Haupthandelskonkurrent Deutschlands und eins der Haupthindernisse für die Ausdehnung seiner Herrschaft war. Also würde man Amerika zuerst schlagen. Man würde eine große Kriegsmacht über die atlantischen Himmel schleudern und Amerika unvorbereitet überfallen und besiegen.

Alles in allem war es, angesichts der Informationen, die die deutsche Regierung besaß, ein wohlausgedachtes, äußerst kühnes und hoffnungsreiches Unternehmen. Und die Möglichkeiten, daß es auch ein erfolgreiches sein würde, waren außerordentlich groß. Luftschiff und Flugmaschine waren ganz andere Dinge als Panzerschiffe, deren Bau ein paar Jahre erforderte. Vorausgesetzt, daß Hände und Gelder genug da waren, ließen sie sich in wenigen Wochen zu unzähligen herstellen. Waren nur erst die nötigen Parks und Schmelzöfen organisiert, so konnte man Luftschiffe und Drachenflieger in Schwärmen gen Himmel senden. Tatsächlich schwärmten sie auch, als die Zeit kam, wie – um einen erbitterten französischen Schriftsteller zu zitieren – »die Fliegen ums Aas«.

Der Angriff auf Amerika sollte der erste Zug in diesem ungeheuerlichen Spiel sein. Aber sobald er vom Stapel gelassen war, sollten die aeronautischen Parks sogleich zur Zusammenstellung und Füllung der zweiten Flotte schreiten, die Europa beherrschen und bedeutsam über London, Paris, Rom, St. Petersburg, kurz, wo ihr moralischer Einfluß vonnöten sein würde, manövrieren sollte. Eine Weltüberraschung sollte es sein – und eine Welteroberung. Und es ist wunderbar, wie wenig daran fehlte, daß diesen ruhig überlegsamen Abenteurerseelen, die sie ausgedacht hatten, ihr kolossaler Plan glückte.

Sternberg war der Moltke dieses Luftkriegs. Aber die seltsame, harte Romantik des Prinzen Karl Albert war es, die den zaudernden Kaiser für das Projekt gewann. Prinz Karl Albert war überhaupt der Mittelpunkt des Weltdramas. Er war der Liebling des imperialistischen Geistes in Deutschland und das Ideal des neuen aristokratischen Empfindens – des neuen Rittertums, wie man es nannte –, das dem Sturz des Sozialismus (infolge seiner inneren Spaltungen und seines Mangels an Disziplin und der Vereinigung des Kapitals in den Händen weniger großer Familien) folgte. Knechtische Schmeichler verglichen ihn dem Schwarzen Prinzen, Alcibiades, dem jungen Cäsar. Vielen erschien er als die Offenbarung des Nietzscheschen Übermenschen. Er war groß und stark und blond und männlich, und wundervoll unmoralisch. Seine erste große Tat, die Europa in Bestürzung versetzte und fast einen neuen trojanischen Krieg hervorrief, war seine Entführung der Prinzessin Helena von Norwegen und seine glatte Weigerung, sie zu heiraten. Darauf folgte seine Heirat mit Gretchen Kraß, einer jungen Schweizerin von unvergleichlicher Schönheit. Dann kam – was ihn selbst beinahe das Leben kostete – die mutige Rettung von drei Schiffern, deren Boot in der Nähe von Helgoland gekentert war. Um dieser Tat und um seines Siegs über die amerikanische Yacht »Defender« willen verzieh ihm der Kaiser und ernannte ihn zum Befehlshaber der neuen aeronautischen Waffe der deutschen Armee. Er entwickelte diese mit staunenswerter Energie und großartigem Geschick: denn er war – wie er sagte – entschlossen, »Deutschland Erde, Meer und Himmel zu Füßen zu legen«. Die nationale Leidenschaft für Aggression fand in ihm ihren höchsten Vertreter und erreichte durch ihn ihre Verkörperung in diesem erstaunlichen Krieg. Aber sein faszinierender Einfluß war mehr als ein bloß nationaler; in der ganzen Welt beherrschte seine erbarmungslose Kraft die Seelen, so wie die napoleonische Legende die Seelen beherrscht hat. Engländer wandten sich voll Ekel von den langsamen, komplizierten, zivilisierten Methoden ihrer eigenen Reichspolitik ab und dieser unnachgiebigen, kraftvollen Erscheinung zu. Franzosen glaubten an ihn. Amerikanische Dichter verherrlichten ihn.

Er machte den ganzen Krieg.

Genau so wie die übrige Welt war auch die deutsche Bevölkerung im allgemeinen überrascht durch die schnelle Initiative der Regierung. Jedoch hatte eine beträchtliche Literatur von militärischen Plänen, die schon im Jahr 1906 mit Rudolf Martin, dem Verfasser eines glänzenden Zukunftsbuchs und außerdem des Sprichworts: »Die Zukunft Deutschlands liegt in der Luft«, einsetzte, die deutsche Phantasie auf ein derartiges Unternehmen vorbereitet.


II

Von all diesen Weltmächten und gigantischen Plänen wußte Bert Smallways nichts, bis er sich mitten im Brennpunkt des Ganzen befand und erstaunt auf das Schauspiel der Riesenherde von Luftschiffen hinabblickte. Jedes einzelne schien ihm so lang wie die Bun-Hiller Hauptstraße und so breit wie der breiteste Londoner Platz. Manche mußten eine Drittelmeile lang sein. Noch nie in seinem Leben hatte er etwas so Riesenhaftes und Diszipliniertes gesehen, wie diesen ungeheuren Park. Und zum erstenmal in seinem Leben kam ihm eine Ahnung von den außerordentlichen und tatsächlich doch recht wichtigen Dingen, die da vor sich gehen, ohne daß der Zeitgenosse überhaupt etwas davon weiß. Er hatte sich immer in die Vorstellung eingewiegt, die Deutschen seien dicke, komische Leute, die Porzellanpfeifen rauchten und eine Vorliebe für Wissenschaft, Pferdefleisch, Sauerkraut und überhaupt alle unverdaulichen Dinge hätten.

Sein Vogelschauüberblick war sehr flüchtig. Beim ersten Schuß duckte er sich. Und sobald der Ballon zu fallen begann, überlegte er voll Verwirrung, wie er sich selber erklären und ob er vorgeben sollte, er wäre Butteridge oder nicht. »Himmlischer Vater!« stöhnte er in verzweifelter Unentschlossenheit. Dann fiel sein Auge auf die Sandalen, und ein Widerwille vor sich selbst durchzuckte ihn. »Sie werden mich für einen kompletten Narren halten!« sagte er; das war der Augenblick, in dem er aufstand und den Sandsack hinauswarf und dadurch den zweiten und dritten Schuß herausforderte.

Wie ein Blitz kam ihm, während er am Boden des Korbs kauerte, der Gedanke, daß er allen unangenehmen und verwickelten Erörterungen aus dem Weg gehen könne, wenn er sich verrückt stelle.

Das war sein letzter Gedanke, ehe die Luftschiffe plötzlich auf ihn loszustürzen schienen, als wollten sie ihn sich besehen, und sein Korb auf den Boden stieß, aufschnellte und ihn kopfüber hinausschleuderte . . . .

Als er erwachte, fand er sich berühmt. Er hörte eine Stimme rufen: »Botteridsch! Ja! Ja! Herr Botteridsch! In eigener Person!«

Er lag auf einem kleinen Fleckchen Rasen neben einer der Hauptalleen des aeronautischen Parks. Die Luftschiffe lagen in endloser Perspektive auf der einen Seite hinunter; das stumpfe Vorderteil eines jeden war mit einem schwarzen etwa hundert Fuß klafternden Adler geschmückt. Auf der andern Seite der Allee lief eine Reihe von Gasometern; riesige Leitungsschläuche schleiften über dem dazwischen liegenden Raum. Neben ihm lag sein fast ganz entleerter Ballon mit dem Korb, winzig klein wie ein zerbrochenes Kinderspielzeug, eine zusammengeschrumpfte Blase im Vergleich zu der gigantischen Masse des zunächst liegenden Luftschiffs. Dieses erblickte er fast senkrecht vor sich, wie eine Klippe aufsteigend und nach vorn, seinem Genossen auf der andern Seite zu, schräg abfallend, so daß es die Allee dazwischen überschattete. Eine Menge von aufgeregten Menschen stand um ihn herum, große Männer, meist in eng anliegenden Uniformen. Alle redeten oder schrien auf Deutsch. Er merkte das an der Aussprache: Nur eine Phrase, die sich immer und immer wiederholte, verstand er – den Namen: »Herr Botteridsch«.

»Verflucht!« sagte Bert. »Das nenn' ich einen Reinfall!«

»Er kommt zu sich!« sagte jemand, und wieder folgten einige eilige Worte.

Er bemerkte, daß dicht daneben ein Feldtelephon war, und daß ein großer, blauer Offizier dort von ihm sprach. Daneben stand ein anderer, der die Brieftasche mit den Zeichnungen und Photographien in der Hand hielt. Sie blickten zu ihm herüber.

»Do you speak German, Herr Botteridsch?«

Bert beschloß, daß es besser sei, wenn er sich benommen stellte. Und er versuchte nach Kräften, gänzlich benommen zu scheinen. »Wo bin ich?« fragte er.

Heftiges Durcheinanderreden. »Der Prinz« wurde genannt. In der Ferne ertönte ein Horn; ein näheres und dann ein ganz nahes nahmen das Signal auf. Dies schien die Erregung aufs höchste zu steigern. Ein Einschienenwagen ratterte vorüber. Das Telephon klingelte leidenschaftlich und der große Offizier schien in einem hitzigen Wortwechsel begriffen. Dann näherte er sich der Gruppe, die um Bert versammelt war und rief etwas von »mitnehmen«.

Ein ernsthaft aussehender, hagerer Mann mit einem weißen Schnurrbart redete Bert an. »Herr Botteridsch, wir haben Befehl zum Ausrücken!«

»Wo bin ich?« wiederholte Bert.

Jemand schüttelte ihn an der Schulter. »Sind Sie Herr Botteridsch?«

»Herr Botteridsch, wir haben Befehl zum Ausrücken!« wiederholte der weiße Schnurrbart; dann, hilflos: »Es nützt nichts! Was sollen wir machen?«

Der Offizier am Telephon wiederholte seine Worte vom »Prinzen« und »mitnehmen«. Der Mann mit dem Schnurrbart blickte einen Moment lang starr, faßte dann einen Entschluß, ward gewaltig energisch, richtete sich auf und erteilte laute Befehle an unsichtbare Leute. Fragen wurden gestellt, und der Arzt an Berts Seite antwortete mehrmals: »Ja! Ja!« Auch etwas von »Kopf«. Mit einer gewissen Dringlichkeit brachte er den ziemlich widerwilligen Bert auf die Beine. Zwei riesige Soldaten in grauen Uniformen traten auf Bert zu und ergriffen ihn. »Hallo!« sagte Bert bestürzt. »Was ist?«

»Alles in Ordnung!« erklärte der Arzt; »sie sollen Sie tragen.«

»Wohin?« fragte Bert. Keine Antwort.

»Legen Sie die Arme um ihren Hals . . . um sie herum!«

»Ja! Aber wohin?«

»Festhalten!«

Ehe Bert sich ausgedacht hatte, was er noch weiter sagen wollte, wurde er von den zwei Soldaten in die Höhe gehoben. Sie machten aus ihren gekreuzten Händen einen Sitz, man legte seine Arme um ihre Nacken: »Vorwärts!« Einer lief mit der Brieftasche voraus, und er ward eiligst die breite Allee zwischen den Gasometern und Luftschiffen entlang getragen, eiligst und im großen und ganzen ziemlich sanft; bloß ein- oder zweimal stolperten seine Träger über die Schläuche und warfen ihn beinahe ab.

Er hatte Mr. Butteridges Sportmütze auf und seine schmalen Schultern steckten in Mr. Butteridges pelzgefüttertem Mantel; und er hatte auf Mr. Butteridges Namen geantwortet. Die Sandalen baumelten hilflos. Verflucht! Alle Welt schien es ja höllisch eilig zu haben. Warum nur? So ward er durch das Zwielicht getragen, baumelnd und wilden Auges um sich starrend und über die Maßen erstaunt.

Die systematisch durchgeführte breite und praktische Raumeinteilung, die Massen emsiger Soldaten überall, das da und dort peinlich ordentlich aufgestapelte Material, die Einschienenspuren allenthalben und die turmhohen, schiffartigen Rumpfe um ihn her erinnerten ihn ein bißchen an die Eindrücke, die er einst als Junge bei einem Besuch der Woolwicher Docks empfangen hatte. Das ganze Lager spiegelte die kolossale Macht der modernen Wissenschaft wieder, deren Schöpfung es war. Seltsam fremdartig wirkte die niedrige Anlage des elektrischen Lichts, das dicht am Boden angebracht war und alle Schatten aufwärts warf und ihn selbst und seine Träger auf den Flanken der Luftschiffe als einen grotesken Schatten abzeichnete, alle drei ineinandergeflossen zu einem ungeheuerlichen Tier mit dünnen Beinen und einem riesigen, fächerähnlichen, buckligen Rumpf. Die Lichter waren am Boden, weil man sich soweit als möglich ohne Stangen und Pfosten beholfen hatte, um Verwicklungen beim Aufsteigen der Luftschiffe zu vermeiden.

Es war jetzt tiefe Dämmerung, ein stiller, dunkelblauer Abend; aus den Lichtstreifen am Boden stiegen alle Dinge in undeutlichen, durchsichtigen großen Massen empor; in den Hohlräumen der Luftschiffe glühten gleich wolkenverschleierten Sternen kleine Inspektionslampen und gaben ihnen ein wunderbar körperloses Aussehen. Jedes Luftschiff trug auf der Flanke in schwarzen Buchstaben auf weißem Grund seinen Namen; vorn spreizte sich ein überwältigender Vogel im Zwielicht, der Reichsadler. Signale ertönten, Einschienenwagen mit schweigsamen Soldaten glitten mit sachtem Geräusch vorüber. Die Kabinen unter den Köpfen der Luftschiffe erhellten sich; Türen öffneten sich drinnen und gaben den Blick auf gepolsterte Gänge frei. Dann und wann erteilte eine Stimme schattenhaften Arbeitern Befehle.

Dann einige Schildwachen, Fallreepstreppen und ein langer, schmaler Gang, eine Kletterpartie über ein Durcheinander von Bagage; Bert fühlte, wie er zu Boden gelassen wurde und stand plötzlich unter der Tür einer geräumigen Kabine, die vielleicht zehn Fuß im Quadrat und acht Fuß hoch und mit roter Polsterung und Aluminium ausgestattet war. Ein langer, junger Mann mit einem Vogelgesicht und kleinem Kopf, einer langen Nase und sandfarbenem Haar und mit beiden Händen voll von Gegenständen, wie Rasiermesser, Stiefelhölzer, Haarbürsten und ähnlichen Toiletteutensilien, erging sich, als Bert eintrat, in Ausdrücken wie: »Herrgott!« und »Donnerwetter!« und »Esel von Botteridsch!« usw. Augenscheinlich war er ein vertriebener Bewohner der Kabine. Dann verschwand er, und Bert lag auf einem Ruhebett in der Ecke, mit einem Kissen unter dem Kopf, und die Tür der Kabine schloß sich. Er war allein. Alle waren mit erstaunlicher Eile wieder verschwunden.

»Alle Wetter!« sagte Bert. »Was nun?«

Er starrte um sich.

»Butteridge! Ob ich versuch', es durchzuführen. Oder nicht?«

Der Raum, in dem er sich befand, machte ihm Kopfzerbrechen. »Ein Gefängnis ist's nicht, und auch kein Bureau!« Dann überwältigte ihn wieder sein alter Kummer: »Ich wollt' zum Geier, ich hätt' die blödsinnigen Sandalen nicht an! Die lassen noch die ganze Katze aus dem Sack!« rief er kläglich.


III

Eine Tür wurde aufgerissen und ein handfester junger Mensch in Uniform, der Mr. Butteridges Brieftasche, Rucksack und Rasierspiegel trug, erschien. »Hallo!« sagte er, während er eintrat, in tadellosem Englisch. Er strahlte übers ganze Gesicht und hatte eine Art rötlich blonden Haars. »Also Sie sind Butteridge!«

Er warf Berts mageres Reisegepäck zu Boden.

»In einer halben Stunde,« sagte er, »wären wir weg gewesen. Sehr viel zu früh sind Sie nicht gekommen!«

Er musterte Bert neugierig. Für den Bruchteil einer Sekunde ruhte sein Blick auf den Sandalen. »Sie hätten auf Ihrer Flugmaschine kommen sollen, Mr. Butteridge!«

Er wartete keine Antwort ab. »Der Prinz sagt, ich soll für Sie sorgen. Natürlich kann er Sie jetzt nicht empfangen; aber er sieht in Ihrem Kommen eine Vorsehung. Höchste Gnade des Himmels! Ein Zeichen! Hallo!«

Er blieb stehen und horchte. Draußen war ein Kommen und Gehen von Füßen, ein Getöne ferner Signale, die plötzlich ganz in der Nähe aufgenommen und wiederholt wurden; Männer riefen mit lauter Stimme kurze, scharfe, anscheinend bedeutsame Worte, die in der Ferne erwidert wurden. Eine Glocke schrillte, und Füße eilten den Korridor entlang. Dann kam eine Stille, die beunruhigender war als jeder Lärm; und dann ein lautes Gurgeln und Stürzen und Plätschern von Wasser. Der junge Mann zog die Augenbrauen empor. Er zögerte und stürzte dann aus dem Zimmer. Gleich darauf kam, als Unterbrechung der Geräusche draußen, ein ungeheurer Stoß und dann ein fernes Hurrageschrei. Der junge Mann trat wieder ein.

»Sie lassen schon das Wasser aus dem Ballonet.«

»Was für Wasser?« fragte Bert.

»Das Wasser, mit dem wir verankert waren. Schlauer Kniff, was?«

Bert versuchte, zu begreifen.

»Natürlich!« sagte der handfeste junge Mann. »Das verstehen Sie nicht.«

Ein leises Zittern schlich sich über Berts Sinne. »Das ist die Maschine!« sagte wohlgefällig der handfeste junge Mann. »Jetzt dauert's nicht mehr lang.«

Wieder eine lange Pause des Lauschens.

Die Kabine schwankte. »Beim Zeus! Es geht schon los!« rief er. »Es geht los!«

»Los?« rief Bert und setzte sich auf. »Wohin?«

Aber der junge Mann war schon wieder aus dem Zimmer. Draußen im Gang hörte man deutsche Laute und andere nervenerschütternde Geräusche.

Das Schwanken wurde stärker. Der junge Mann erschien wieder.

»Stimmt! Wir steigen!«

»Hallo!« sagte Bert. »Wohin steigen wir? Ich wollte, Sie drückten sich deutlicher aus! Wo bin ich denn hier? Ich versteh' nicht . . . .«

»Was!« rief der junge Mann, »Sie verstehen nicht?«

»Nein. Ich bin noch ganz benommen von dem Krach auf den Schädel vorhin! Wo sind wir? Wohin gehen wir?«

»Wissen Sie nicht, wo Sie sind – was dies ist?«

»Kein Bein! Was bedeutet denn das Schwanken und der ganze Lärm?«

»So ein Ulk!« rief der junge Mann. »Hallo! So ein Kapitalulk! Sie wissen nicht? Wir sind unterwegs nach Amerika und Sie wissen's gar nicht! Sie haben uns grade noch am Schlafittich erwischt. Sie sind auf unsrem famosen alten Flaggschiff, mit dem Prinzen. Sie sollen um nichts kommen! Wo was los ist, das ›Vaterland‹ wird dabei sein, da können Sie Gift drauf nehmen!«

»Wir! . . . Nach Amerika!?«

»Will's meinen!«

»In einem Luftschiff?«

»Was glauben Sie denn?«

»Ich! Nach Amerika – auf einem Luftschiff! Nach dem Ballon da! He, Sie! Ich will nicht mit! Ich will meine Beine wieder fühlen! Lassen Sie mich raus! Ich hab's nicht gewußt!«

Und er machte einen Satz nach der Tür.

Der junge Mann hielt ihn mit einer Handbewegung zurück, faßte nach einem Lederriemen, zog ein Stück Füllung in der gepolsterten Wand auf, und ein Fenster ward sichtbar. »Sehen Sie!« sagte er. Seite an Seite blickten sie hinaus.

»Verflucht!« sagte Bert. »Wir steigen.«

»Stimmt!« sagte der junge Mann vergnügt. »Und mit Dampf!« Sie stiegen auf in die Luft, sachte und ruhig, und glitten unter dem Pochen der Maschine langsam über den aeronautischen Park hin. Da unten dehnte er sich, im Dunkel eine undeutliche geometrische Fläche, durch die in regelmäßigen Zwischenräumen das Glühwürmchenglitzern der Lichter seine Linien zog. Eine schwarze Lücke in der langen Reihe grauer, rundrückiger Luftschiffe bezeichnete den Platz, von dem das »Vaterland« aufgestiegen war. Daneben erhob sich jetzt, befreit von Fesseln und Ankertauen, langsam ein zweites Ungetüm in die Luft. Dann stieg, mit Einhaltung einer wundervoll genauen Distanz, ein drittes auf und ein viertes.

»Zu spät, Mr. Butteridge!« bemerkte der junge Mann. »Wir steigen. Ich glaub's ja, daß es ein bißchen ein Choc für Sie ist. Aber es ist nun einmal so. Der Prinz sagte, Sie müßten mit.«

»Schauen Sie her!« sagte Bert. »Ich bin wirklich benommen. Was ist dies eigentlich? Wohin gehen wir?«

»Dies, Mr. Butteridge,« sagte der junge Mann, indem er sich Mühe gab, möglichst deutlich zu sein, »ist ein Luftschiff. Es ist das Flaggschiff des Prinzen Karl Albert. Dies ist die deutsche Luftflotte und geht hinüber nach Amerika, um dem frechen Volk da drüben eins aufs Dach zu geben. Das einzige, was uns überhaupt Sorge machte, war Ihre Erfindung. Und nun haben wir Sie!«

»Aber – – – Sie sind ein Deutscher?«

»Leutnant Kurz. Luftleutnant Kurz.«

»Aber Sie sprechen doch Englisch?«

»Meine Mutter war Engländerin. Und ich bin in England erzogen. Nachher Rhodes' Schüler. Trotzdem Deutscher! Augenblicklich kommandiert, Mr. Butteridge, für Sie zu sorgen. Sie sind durch Ihren Fall ein bißchen durchgerüttelt. Aber es ist tatsächlich alles in Ordnung. Man wird Ihnen Ihre Maschine abkaufen und alles . . . Jetzt setzen Sie sich und nehmen Sie die Sache ruhig. Sie werden sich bald in die Lage finden.«


IV

Bert setzte sich, seine Gedanken zusammenraffend, auf das Ruhebett und der junge Mann unterhielt ihn von dem Luftschiff. Es war wirklich ein junger Mann von sehr viel natürlichem Takt.

»Kann mir denken, daß Ihnen alles das neu ist,« sagte er. »Nicht Ihre Art Maschine. Die Kabinen hier sind wirklich gar nicht so übel.«

Er stand auf und, in dem kleinen Gelaß umhergehend, wies er dessen Vorzüge.

»Hier ist das Bett!« sagte er, durch einen Federdruck ein Lager aus der Wand hervorzaubernd und es dann ebenso rasch wieder zurückschnappen lassend. »Hier sind Toilettesachen,« und er öffnete einen hübsch eingerichteten Wandschrank. »Viel Waschen ist nicht. Wir haben kein Wasser; gar kein Wasser, außer zum Trinken. Kein Bad oder dergleichen, bis wir in Amerika sind und landen. Abreibungen mit Luffa. Eine Kanne heißes zum Rasieren. Das ist alles. In der Truhe unter Ihnen sind Felle und Wolldecken; Sie werden sie bald nötig haben. Es heißt, daß es kalt wird. Ich weiß nicht. War noch nie oben. Außer ein paar Übungen mit Gleitfliegern – die meist abwärts gehen. Dreiviertel der Mannschaft in der Flotte war nie oben. Da hinter der Tür ist ein Klapptisch und -stuhl. Kompakt, was?«

Er nahm den Stuhl und balancierte ihn auf seinem kleinen Finger.

»Hübsch leicht, was? Aluminium mit Magnaliumlegierung und innen hohl. Die Kissen alle mit Wasserstoff gefüllt. Schlau! Das ganze Schiff ist so. Und nicht ein Mann in der Flotte, ausgenommen den Prinzen und einen oder zwei andere, über 112 Pfund. Konnten den Prinzen nicht abschwitzen, wissen Sie. Morgen wollen wir uns die Geschichte ansehen. Macht mir furchtbar viel Spaß.« Er lächelte Bert zu. »Sie sehen schrecklich jung aus,« bemerkte er. »Ich dachte immer, Sie wären ein alter Mann mit einem Bart – so eine Art Philosoph. Ich weiß nicht, warum man sich gescheite Leute immer alt vorstellt. Ich jedenfalls tu's.«

Bert parierte dies Kompliment etwas ungeschickt, und darauf beschäftigte den Leutnant das Rätsel, warum Herr Butteridge nicht in seiner eigenen Flugmaschine gekommen war.

»Das ist eine lange Geschichte,« sagte Bert.

»Sagen Sie mal!« lenkte er unvermittelt ab. »Könnten Sie mir nicht ein Paar Schuhe oder so was leihen? Die Sandalen hab' ich wirklich reichlich satt. Ekelhafte Dinger. Hab' sie für einen Freund anprobiert, wissen Sie.«

»M. w.! M. w.!«

Der Ex-Rhodesschüler flitzte aus dem Zimmer und erschien sogleich wieder mit einer beträchtlichen Auswahl von Fußbekleidungsgegenständen, Zugstiefeln, Stoffbadeschuhen und einem Paar purpurroter, mit goldnen Sonnenblumen verzierter Pantoffeln.

Vor diesen kam ihm aber im letzten Moment die Reue an. »Ich trag' sie nicht einmal selber,« sagte er. »Brachte sie nur im Eifer des Gefechts mit.« Er lachte vertraulich. »Jemand hat sie mir gestickt – in Oxford. Eine Freundin. Ich hab' sie immer bei mir.«

Bert wählte also die Zugstiefel.

Der Leutnant brach in ein lustiges Gekicher aus. »Da sitzen wir und probieren Schuhe an, und drunten zieht die ganze Welt wie ein Panorama vorüber. Ulkig, was? Sehen Sie her!«

Bert schaute neben ihm aus dem Fenster. Aus der blitzenden Zierlichkeit der rotsilbernen Kabine blickten sie hinab in dunkle Unermeßlichkeiten. Das Land drunten war, mit Ausnahme eines Sees, schwarz und ausdruckslos; die andern Luftschiffe waren unsichtbar. »Draußen sehen wir mehr,« sagte der Leutnant. »Kommen Sie! Da ist eine Art kleiner Galerie.«

Er ging voraus in einen langen Gang, der durch eine einzige kleine elektrische Lampe erleuchtet war, nach einem offenen Balkon und zu einer leichten Leiter, die auf eine über dem leeren Raum hängende Galerie aus Metallgitterwerk führte. Bert folgte seinem Führer langsam und vorsichtig hinunter. Von hier aus war er imstande, das wunderbare Schauspiel der durch die Nacht fliegenden ersten Luftflotte zu beobachten. Die Schiffe flogen in Keilformation, das »Vaterland« am höchsten und an der Spitze, der Schweif nach zwei Ecken des Himmels verschwindend. Sie flogen in langen, regelmäßigen Wellenlinien, große, dunkle, fischartige Gestalten; fast gar kein Licht war zu sehen; die Maschinen machten ein poch-poch-pochendes Geräusch, das hier außen auf der Galerie sehr deutlich hörbar war. Sie waren jetzt in einer Höhe von fünf- oder sechstausend Fuß und stiegen stetig höher. Unten die Landschaft lag stumm, ein klares Dunkel, das da und dort durch Punkte und Striche von Gruppen von Hochöfen und erleuchteten Straßen großer Städte erhellt war. Die ganze Welt lag wie in einer Schüssel; der überhängende Rumpf des Luftschiffs oben bedeckte alles bis auf die untersten Regionen des Himmels.

Eine Weile betrachteten sie die Landschaft.

»Famos muß es sein, Erfindungen zu machen,« sagte plötzlich der Leutnant. »Wie ist Ihnen zuerst der Gedanke an Ihre Maschine gekommen?«

»Einfach ausgearbeitet,« sagte Bert nach einer Pause. »Dran gebohrt und gebohrt.«

»Unsre Leute sind ganz versessen auf Sie. Sie dachten, die Engländer hätten Sie fest. Waren's die Engländer nicht auch?«!

»In einer Art . . .« sagte Bert. »Aber das ist eine lange Geschichte.«

»Ich finde, es ist etwas Immenses – – Erfinden. Ich könnt' ums Leben nichts erfinden.«

Sie versanken wieder in Schweigen, betrachteten die verdunkelte Welt und sannen ihren eigenen Gedanken nach, bis ein Signal sie zu einem verspäteten Diner rief. Bert packte ein plötzlicher Schreck. »Muß man sich nicht umkleiden und so was?« fragte er. »Ich hab' immer zu tief in der Wissenschaft und so was gesteckt, als daß ich in Gesellschaft und so weiter hätte gehen können.«

»Kein Bein!« sagte Kurz. »Niemand hat mehr bei sich als die Kleider, die er auf dem Leib hat. Wir reisen mit leichtem Gepäck. Ihren Überrock könnten Sie vielleicht abnehmen. Es ist eine elektrische Heizung in der Kabine.

Gleich darauf fand sich Bert dem »deutschen Alexander« gegenüber, jenem großen und gewaltigen Fürsten, dem Prinzen Karl Albert, dem Kriegsherrn, dem Heros zweier Hemisphären. Er war ein schöner, blonder Mann mit tiefliegenden Augen, einer Stülpnase, aufgezwirbeltem Schnurrbart und langen, weißen Händen – ein seltsam aussehender Mann. Er saß höher als die andern, wie auf einem Thron, und es fiel Bert besonders auf, daß er während des Essens die Menschen nicht ansah, sondern über ihre Köpfe wegblickte wie ein Mensch, der Visionen hat. Zwanzig Offiziere verschiedenen Rangs standen um den Tisch – und Bert. Alle schienen ungeheuer neugierig auf den berühmten Butteridge und verhehlten nur schlecht ihr Erstaunen über seinen Anblick. Der Prinz würdigte ihn eines gemessenen Grußes, den er, in einer glücklichen Eingebung, durch eine Verbeugung erwiderte. Dem Prinzen zunächst saß ein Mann mit gebräuntem, faltigem Gesicht, einer silbernen Brille und einem flaumigen, schmutziggrauen Backenbart, der Bert mit ganz besonderer und beunruhigender Aufmerksamkeit betrachtete. Die Tischgesellschaft setzte sich, nach Zeremonien, die Bert unverständlich waren. Am andern Ende des Tischs saß der vogelgesichtige Offizier, den Bert vertrieben hatte; er sah noch immer feindselig aus und unterhielt sich flüsternd mit seinem Nachbarn über Bert. Zwei Soldaten servierten. Das Essen war einfach – Suppe, frisches Hammelfleisch und Käse. Gesprochen wurde nicht viel.

Etwas seltsam Feierliches lag über allem. Es war dies zum Teil die Reaktion nach der angestrengten Arbeit und der gespannten Erregung des Aufbruchs, zum Teil auch das überwältigende Gefühl seltsamer, neuer Erlebnisse und drohender Abenteuer. Der Prinz war in Gedanken versunken. Schließlich erhob er sich, um den Trinkspruch auf den Kaiser in Sekt auszubringen, und die ganze Gesellschaft rief »Hurra!« – etwa wie Menschen, die in der Liturgie die Antworten nachsagen.

Da Rauchen strengstens verboten war, gingen einige der Offiziere auf die kleine, offene Galerie hinunter, um Tabak zu kauen. Keinerlei Flamme war sicher in dieser Anhäufung entzündbarer Dinge. Bert wandelte plötzlich ein Gähnen und Frösteln an. Das Gefühl seiner eigenen Unbedeutendheit inmitten all dieser großen, dahinschießenden Luftungetüme überwältigte ihn. Er fühlte, das Leben war zu groß für ihn – war überhaupt zu viel für ihn!

Er sagte zu Kurz etwas von seinem Kopf, kletterte die steile Leiter hinan, die von der schwankenden kleinen Galerie ins Luftschiff hinaufführte und suchte seine Zuflucht im Bett.


V.

Eine Weile schlief er; dann ward sein Schlaf von Träumen unterbrochen. Meist war er auf der Flucht vor gestaltlosen Schrecknissen – einen endlosen Gang in einem Luftschiff hinunter, dessen Boden erst aus mörderischen Falltüren und dann aus einem durchsichtigen Segeltuch nachlässigster Art bestand.

»Verdammt!« sagte Bert, während er sich nach seinem siebenten Fall durch unendlichen Raum in dieser Nacht umdrehte.

Er setzte sich im Bett auf und schlang die Arme um die Knie. Die Bewegung des Luftschiffs war bei weitem nicht so unmerklich wie die des Ballons. Er fühlte ein regelmäßiges Schwanken – – aufwärts, aufwärts, aufwärts – –, dann wieder abwärts – abwärts – abwärts – – und das Pochen und zitternde Pulsieren der Maschinen.

Zahllose Erinnerungen begannen in ihm aufzusteigen – – immer mehr und mehr Erinnerungen.

Und mitten durch – wie einem kämpfenden Schwimmer in wildbewegten Wassern – kam die beunruhigende Frage: Was soll ich morgen tun? Morgen, das hatte Kurz ihm erzählt, würde der Sekretär des Prinzen, Graf Winterfeld, ihn aufsuchen, um über seine Flugmaschine mit ihm zu sprechen, und dann würde der Prinz ihn empfangen. Er mußte jetzt dabei bleiben, er sei Butteridge, und seine Erfindung verkaufen. Aber wenn sie dahinter kamen! Er sah eine ganze Vision von ergrimmten Butteridges vor sich . . . . Wenn er doch lieber beichtete? Tat, als hätten sie ihn mißverstanden? Er begann Pläne zu schmieden, wie er das Geheimnis verkaufen und Butteridge umgehen könnte.

Was sollte er für das Ding verlangen? Zwanzigtausend Pfund, dachte er, würde grade eine richtige Summe sein. Verzweiflung, wie sie in den Stunden vor Tagesanbruch auf der Lauer liegt, überfiel ihn. Er war da in eine viel zu große Sache hineingeraten – – eine viel zu große Sache . . . .

Dann schwemmten wieder Erinnerungen all seine Pläne mit sich fort . . .

»Wo war ich in der letzten Nacht um diese Zeit?«

Langsam und ausführlich ging er seine Abende durch. Vorige Nacht war er hoch über den Wolken in Butteridges Ballon gewesen. Er gedachte des Augenblicks, als er zwischen ihnen abwärts sank und die kalte, dämmernde See unten sah. Noch jetzt entsann er sich jenes unangenehmen Augenblicks mit der lebendigen Deutlichkeit eines Alpdrückens. Und in der Nacht vorher hatten Grubb und er nach einem billigen Logis in Littlestone in Kent gesucht. Wie fern das jetzt schien. Als wären Jahre dazwischen. Zum erstenmal dachte er an seinen Wüstenderwisch-Kollegen, der mit den zwei rotangestrichenen Rädern auf dem Dymchurcher Strand zurückgeblieben war. »Er wird nicht besonders ziehen – ohne mich! Na, jedenfalls hat er die Kasse – – soviel überhaupt da war!« . . . Der Abend vorher war Pfingstmontag abend; da hatten sie miteinander ihr Bänkelsänger-Unternehmen ausgedacht und das Programm gemacht und die Tanzschritte eingeübt. Und der Abend vorher war Pfingsten. »Herrgott!« rief Bert, »das war keine schlechte Schinderei – – mit dem Motor!« Das schlappe Kissen fiel ihm wieder ein, aus dem die Eingeweide entwichen waren, und das Gefühl der Ohnmacht, als die Flammen aufs neue aufsprangen. Und aus all den verworrenen Erinnerungen jener tragischen Brandnacht löste sich, licht und süß, eine kleine Gestalt . . . Edna, wie sie, widerstrebend, aus dem abfahrenden Automobil zurückrief: »Auf Wiedersehen morgen, Bert!«

Andere Erinnerungen an Edna stiegen auf und leiteten seine Gedanken Schritt um Schritt zu seligeren Gefilden. »Paß nur auf, ich heirat' dich doch noch!« Das war der Gipfel von Berts angenehmen Gefühlen. Und dann durchzuckte ihn blitzgleich der Gedanke: wenn er das Butteridge-Geheimnis verkaufte, konnte er sie heiraten! Wenn er nun wirklich zwanzigtausend Pfund bekam – solche Summen sind ja schon bezahlt worden – damit konnte er Haus und Garten kaufen und neue Kleider, mehr als er sich je erträumt hatte, und ein Auto, und konnte reisen und konnte sich und Edna jeden Genuß des zivilisierten Lebens, wie er es kannte, verschaffen. Natürlich war es ja auch ein Wagnis. »Der Schafskopf von Butteridge wird ja wohl hinter mir her sein!«

Er überlegte. Und wieder wollte Verzweiflung ihn erfassen. Bis jetzt war er ja erst am Beginn des Abenteuers. Erst mußte er die Ware abliefern und das Geld einnehmen . . . Und bis dahin . . . Er war ja auch momentan keineswegs auf dem Weg nach Haus. Er flog nach Amerika – – in den Krieg. »Viel Schlachten werden ja nicht sein,« überlegte er, »auf die Weise!« Aber doch – – wenn nun zum Beispiel eine Bombe das »Vaterland« auf der Unterseite erwischte . . . .

Werd' ja wohl eigentlich ein Testament machen müssen!

Eine Weile lag er ganz still und entwarf Testamente . . . Natürlich alle zu Ednas Gunsten. Er hatte sich nun entschieden, daß es zwanzigtausend Pfund sein würden. Er hinterließ eine Menge kleiner Legate. Die Testamente wurden immer verzwickter und ausschweifender . . .

Dann erwachte er über der achten Wiederholung seines Traumsturzes durch uferlosen Raum. »Das Fliegen geht einem doch auf die Nerven!« sagte er.

Er fühlte, wie das Luftschiff abwärts tauchte, abwärts, abwärts, und dann sich langsam wieder aufwärts schwang, aufwärts, aufwärts, aufwärts. Poch, poch, poch, noch pulste die Maschine . . . . Er stand auf, wickelte Mr. Butteridges Überrock und sämtliche Decken um sich; denn die Luft war scharf. Dann sah er aus dem Fenster auf ein graues Dämmerlicht, das über die Wolken hereintagte, steckte sein Licht an, verriegelte seine Tür, setzte sich an den Tisch und zog seinen Brustwärmer heraus.

Er glättete die zerknüllten Papiere mit der Hand und betrachtete sie. Dann holte er die andern Zeichnungen aus der Brieftasche hervor. Zwanzigtausend Pfund. Wenn er's richtig zusammenbrachte! Es war immerhin einen Versuch wert. Er öffnete das Fach, in dem Kurz Papier und Schreibzeug untergebracht hatte.

Bert Smallways war keineswegs dumm, und hatte auch, bis zu einem gewissen Grad, gar keine schlechte Erziehung genossen. Seine Volksschule hatte ihm bis zu einem gewissen Grad das Zeichnen beigebracht, ebenso einen Begriff für das Verständnis und Ausrechnen einer Spezifikation. Wenn – an diesem Punkt – sein Vaterland seinen Bemühungen kein Interesse mehr entgegenbrachte und ihn unvollendet entließ, damit er sich in einer Atmosphäre von Reklame und Einzelunternehmungen selbständig durchs Leben schlagen sollte, so war das wirklich nicht seine Schuld. Er war das, wozu sein Staat ihn gemacht hatte, und der Leser darf sich ja nicht einbilden, er sei, weil er ein kleiner eingebildeter Tölpel war, so ganz unbefähigt gewesen, die Butteridgesche Flugmaschine zu verstehen. Immerhin fand er sie schwierig und kompliziert. Sein Motorrad und Grubbs Experimente und das »Maschinenzeichnen« in der siebten Klasse halfen ihm aber; und außerdem hatte sich der Verfertiger der Zeichnungen augenscheinlich bemüht, die Pläne möglichst deutlich zu machen. Bert kopierte die Skizzen, machte sich allerhand Notizen und stellte wirklich eine ganz anständige und intelligente Kopie der wichtigsten Zeichnungen und Skizzen her. Dann verfiel er in tiefes Sinnieren.

Schließlich erhob er sich mit einem Seufzer, faltete die Originale, die in seinem Brustwärmer gewesen waren, zusammen, steckte sie in die Brusttasche seines Rocks und legte die Kopien, die er gemacht hatte, an die Stelle der Originale. Er hatte dabei eigentlich keinen besonders klaren Plan; bloß, daß ihm der Gedanke unleidlich war, sein Geheimnis ganz aus der Hand zu geben. Eine lange Weile saß er noch in tiefem Nachsinnen – – halb im Schlaf. Dann drehte er das Licht aus, legte sich wieder zu Bett und sann sich selbst in Schlummer.


VI

Seine Exzellenz der Graf Winterfeld schlief auch nur wenig in dieser Nacht. Aber er gehörte überhaupt zu den Menschen, die wenig schlafen und die zum Zeitvertreib Schachprobleme in ihrem Kopf herumwälzen. Und in dieser Nacht hatte er ein ganz besonders schwieriges Problem zu lösen.

Er überraschte Bert, während dieser noch im Bett lag, bestrahlt von der Sonne, die die Nordsee von unten emporwarf, und Kaffee und Zwieback genießend, die ein Soldat ihm eben gebracht hatte. Der Graf trug unter dem Arm eine Aktentasche, und sein graues Haar und die schwere silberne Brille gaben ihm in dem klaren, frühen Morgenlicht ein fast wohlwollendes Aussehen. Er sprach fließend Englisch, aber mit einem starken deutschen Akzent. Hauptsächlich schlimm waren seine »B«, und seine »Th« klangen ungefähr wie weiche »Z«. Er redete Bert mit »Putteredsch« an. Er begann mit einigen allgemeinen Redensarten, verbeugte sich, zog den Klapptisch und -stuhl hinter der Tür heraus, schob den ersteren zwischen sich und Bert, setzte sich auf den letzteren, hustete trocken und öffnete seine Aktenmappe. Dann stützte er die Ellbogen auf den Tisch, klemmte seine Unterlippe zwischen seine beiden Zeigefinger und betrachtete Bert aus seinen runden Augen mit beunruhigender Hartnäckigkeit. »Sie sind, Herr Putteredsch, gegen Ihren Willen zu uns gekommen!« sagte er endlich.

»Wie kommen Sie darauf?« fragte Bert nach einer Pause der Überraschung.

»Durch die Karten in Ihrem Korb. Es sind lauter englische Karten. Und dann Ihre Verproviantierung. Einfach für ein Picknick. Sie haben an den Leinen gezerrt. Aber umsonst. Sie wurden nicht fertig mit dem Ballon. Ein anderer Wille als der Ihre brachte Sie zu uns. Hab' ich nicht recht?«

Bert überlegte.

»Und dann – – wo ist die Dame?«

»Nanu? Was für eine Dame?«

»Sie hatten eine Dame bei sich. Das liegt auf der Hand. Sie hatten einen Nachmittagsausflug vor – ein Picknick. Und ein Mann von Ihrem Temperament – – nun ja – – hat entschieden eine Dame bei sich. Als Sie in Dornfeld landeten, war sie nicht bei Ihnen. Gewiß! Das ist Ihre Sache. Immerhin – – ich bin neugierig . . .«

Bert überlegte. »Woher wissen Sie das?«

»Ich denk' es mir – – – Ihrer ganzen Ausrüstung nach. Was Sie mit der Dame gemacht haben, Mr. Putteredsch, ist mir nicht klar. Ich weiß auch nicht, weshalb Sie Kneippsandalen tragen, oder einen so billigen Anzug. Das geht über meine Informationen. Sind auch vielleicht Kleinigkeiten. Jedenfalls sind sie offiziell zu ignorieren. Damen – – nun ja – – ich bin ein Mann von Welt. Ich habe Gelehrte gekannt, die Sandalen trugen und die sogar dem Vegetarianismus huldigten. Ich habe sogar Männer gekannt, die nicht rauchten. Oder wenigstens Chemiker. Jedenfalls haben Sie die Dame irgendwo gelassen. Schön! Also – – zum Geschäftlichen! Eine höhere Macht« – hier veränderte sich seine Stimme, seine runden Augen erweiterten sich – – »eine höhere Macht hat Sie und Ihr Geheimnis zu uns geführt. Dem Herrn« . . . er neigte das Haupt . . . »sei Preis! Es ist das Schicksal Deutschlands und meines Prinzen. Ich nehme an, Sie tragen Ihr Geheimnis stets bei sich. Sie fürchten sich . . . vor Räubern und Spionen. So kommt es also mit Ihnen . . . zu uns! Mr. Putteredsch, Deutschland wird Ihr Geheimnis kaufen.«

»Wahr und wahrhaftig?«

»Wahr und wahrhaftig!« sagte der Staatssekretär mit einem stieren Blick auf Berts Sandalen, die verlassen in der Ecke des Zimmers lagen. Dann erhob er sich und überflog ein Blatt voll Notizen. Bert beobachtete sein braunes, faltiges Gesicht voll Erwartung und Schrecken. »Deutschland – – – es ist meine Instruktion, Ihnen das zu sagen,« – sagte der Staatssekretär, indem er dabei die Blicke auf den Tisch geheftet hielt und seine Notizen langsam ausbreitete, – – »war stets bereit, Ihnen Ihr Geheimnis abzukaufen. Es war unser höchstes Bestreben, es für uns zu gewinnen. Unser höchstes Bestreben. Und nur die Furcht, Sie könnten, aus patriotischen Gründen, in einem heimlichen Einverständnis mit Ihrem Kriegsministerium handeln, hielt uns zurück. Sonst hätten wir längst durch . . Vermittlung betreffs Ihrer wunderbaren Erfindung mit Ihnen verhandelt. Ich bin ermächtigt, Ihnen zu sagen, daß wir jetzt keinerlei Bedenken mehr tragen, Ihren Preis von hunderttausend Pfund anzunehmen.«

»Donnerwetter!« sagte Bert überwältigt.

»Belieben?«

»Nichts – ein . . . ein plötzlicher Stich . . .« sagte Bert, indem er mit der Hand nach seinem verbundenen Kopf fuhr.

»Ah so! Ich bin also fernerhin beauftragt zu sagen, daß, was die Dame betrifft, die so zu Unrecht angeklagt ist und die Sie so tapfer gegen britische Heuchelei und Kälte verteidigt haben – – die ganze Ritterlichkeit Deutschlands für sie in die Schranken tritt.«

»Dame?« sagte Bert schwächlich. Und dann fiel ihm auf einmal die ganze Butteridgesche Liebesgeschichte ein. Ob der alte Esel auch die Briefe gelesen hatte? Und wenn – – für was für einen Rattenfänger er ihn halten mußte! »Ach!« sagte er, »das ist schon alles recht mit ihr! Daran hab' ich ja nie gezweifelt.«

Er hielt inne. Das Starren des Adjutanten war wirklich außerordentlich unangenehm. Es war, als vergingen Jahre, ehe der Mensch den Blick wieder abwandte. »Nun ja. Wie Sie wünschen. Die Dame – das ist Ihre Sache. Ich habe nichts als meine Instruktionen zu befolgen. Auch ein Titel, wenn Sie wünschen, kann Ihnen verschafft werden. Es wird alles gemacht, Herr Putteredsch.« Er trommelte eine Sekunde lang auf den Tisch und fuhr dann fort: »Ich bin beauftragt Ihnen zu sagen, daß Sie in einer Krisis zu uns gekommen sind – – in einer Krisis der Weltpolitik. Es kann nichts mehr schaden, wenn ich Ihnen jetzt unsere Pläne enthülle. Ehe Sie diese Schiffe wieder verlassen, wird man von ihnen wissen in aller Welt. Vielleicht schon jetzt ist der Krieg erklärt. Wir gehen nach Amerika. Unsere Flotte wird aus der Luft auf die Vereinigten Staaten niederkommen. Es ist ein Land, das in jeder Beziehung – in jeder Beziehung – unvorbereitet ist für Krieg. Sie haben sich immer auf den Atlantik verlassen. Und auf ihre Flotte. Wir haben einen Punkt ausgewählt – welchen, das ist vorläufig noch das Geheimnis unserer Befehlshaber – –, den wir nehmen werden; und dann werden wir eine Art Depot errichten – so etwas wie ein Binnen-Gibraltar. Es wird – nun ja – es wird eine Art Adlerhorst sein. Und da soll unser Stapelplatz sein – und unsere Docks . . . Von da aus sollen unsere Luftschiffe über die Vereinigten Staaten hin und her fliegen, sollen die Städte beherrschen, Washington im Zaum halten, überhaupt alles tun, bis die Bedingungen, die wir diktieren, angenommen sind. Sie verstehen?« »Nur weiter,« sagte Bert.

»Wir hätten all dies nicht machen können mit den Luftschiffen und Drachenfliegern, die wir haben. Aber Ihre Maschine macht die Sache komplett. Nicht bloß, daß es uns einen besseren Drachenflieger sichert; wir sind dadurch auch unsere letzte Furcht vor England los. Ohne Sie kann England, das Land, das Sie so lieben und das Ihnen so schlecht gelohnt hat, dies Land der Pharisäer und Reptilien, nichts tun! Einfach nichts! Nichts! Sie sehen – ich bin ganz offen. Also – ich bin ermächtigt, zu sagen, daß Deutschland all dies anerkennt. Wir wünschen, daß Sie sich uns zur Verfügung stellen. Wir wünschen, Sie sollen unser erster Ober-Flug-Ingenieur werden. Wir wünschen, Sie sollen für uns arbeiten, Sie sollen einen Schwarm von Hornissen bauen. Und wir wünschen, Sie sollen diesen Schwarm anführen. Also – wir wünschen Sie in unsrem Depot in Amerika. Und so bieten wir Ihnen einfach – ohne weiter zu handeln – die Summe, die Sie schon vor Wochen angegeben haben – einhunderttausend Pfund bar, ein Gehalt von jährlich dreitausend Pfund, eine Jahrespension von tausend Pfund und einen Titel, falls Sie das wünschen. Dies sind meine Instruktionen.«

Und wieder beobachtete er scharf Berts Gesicht.

»Das ist alles recht schön und gut . . . ,« sagte Bert. Ihm schien, als wäre jetzt die Zeit, seine nächtlichen Pläne zur Ausführung zu bringen.

Der Staatssekretär besah sich Berts Kragen mit ganz besonderer Aufmerksamkeit. Einen Moment schweifte sein Blick zu den Sandalen und wieder zurück.

»Lassen Sie mir etwas Zeit,« sagte Bert, den dieser Blick beunruhigte. »Also – sehen Sie,« sagte er schließlich mit einer Miene ausführlicher Deutlichkeit, »ich habe das Geheimnis.«

»Ja.«

»Aber ich möchte nicht, daß der Name Butteridge mit ins Spiel kommt. Sie verstehen? Ich hab' es mir überlegt.«

»Eine Art Zartgefühl?«

»Gewiß! Ganz recht! Also Sie kaufen das Geheimnis – das heißt ich gebe es Ihnen – im Auftrag – – Sie verstehen . . .?« Seine Stimme kippte ein bißchen; das Starren des andern hörte nicht auf. »Ich möchte materiellen Nutzen ziehen aus der Geschichte. Verstehen Sie?«

Fortgesetztes Starren.

Bert kämpfte weiter wie ein Schwimmer, den der Strom mitreißt. »Ich hab' es mir überlegt – – ich möchte den Namen Smallways annehmen. Einen Titel will ich nicht; ich hab' mir das anders überlegt. Ich möchte das Geld ganz . . . unauffällig. Ich möchte, daß die hunderttausend Pfund an Banken eingezahlt werden . . . . Dreißigtausend an die Filiale der Londoner und Grafschaftsbank in Bun Hill, Kent, sofort nach Auslieferung der Pläne. Zwanzigtausend an die Englische Bank. Den Rest zur einen Hälfte in eine gute französische Bank und die andere Hälfte in die deutsche Reichsbank. Sie verstehen? So möcht' ich es . . . Aber nicht auf den Namen Butteridge. Ich möcht' es eingetragen haben auf den Namen Albert Peter Smallways. Das ist der Name, den ich annehmen will. Das ist Bedingung Nummer eins.«

»Weiter!« sagte der Staatssekretär.

»Die zweite Bedingung ist,« sagte Bert, »daß Sie keine weiteren Nachfragen anstellen wegen Rechtstiteln und so was. Ich meine, was die Engländer machen, wenn sie Land verkaufen oder verpachten. Sie fragen nicht, wieso ich dazu gekommen bin. Verstehen Sie? Ich bin hier; ich liefere die Ware ab; also es stimmt. Es gibt Menschen, die frech genug sind, zu behaupten, es wäre gar nicht meine Erfindung. Verstehen Sie? Aber es ist, wissen Sie – – das stimmt schon. Bloß – – ich möchte darüber keine weiteren Untersuchungen. Ich wünsche eine glatte, klipp und klare Bestätigung, daß alles stimmt. Verstehen Sie?«

Sein »Verstehen Sie?« verklang in einem tiefen Schweigen. Schließlich seufzte der Staatssekretär, lehnte sich in seinen Stuhl zurück, zog einen Zahnstocher aus der Tasche und half damit seinem Nachsinnen über Berts Fall nach . . . . »Wie war der Name?« fragte er endlich, den Zahnstocher wieder einschiebend. »Ich muß ihn mir aufschreiben.«

»Albert Peter Smallways,« sagte Bert in mildem Ton.

Der Staatssekretär schrieb, nicht ohne einige Schwierigkeit wegen der verschiedenen Benennung der Buchstaben des Alphabets in den beiden Sprachen.

»Und nun, Mr. Schmallweß,« sagte er schließlich, sich zurücklehnend und sein Starren wieder aufnehmend, »sagen Sie mir: wie sind Sie in Mr. Putteredschs Ballon gekommen?«


VII

Als endlich der Graf Winterfeld Bert Smallways verließ, ließ er ihn in einem Zustand äußerster Ausgepumptheit zurück. Bert hatte eine Generalbeichte abgelegt und seine ganze kleine Geschichte erzählt. Alle Einzelheiten waren aus ihm herausgepreßt worden. Den blauen Anzug, die Sandalen, die Wüstenderwische – alles mußte er erklären. Eine ganze Zeitlang verzehrte den Staatssekretär der Eifer der Wissenschaft, und die Planfrage blieb in der Schwebe. Er erging sich sogar in Vermutungen über die früheren Insassen des Ballons. »Ich denke mir,« sagte er, »die Dame war die Dame. Aber das geht uns nichts an.«

»Es ist sehr sonderbar und komisch, gewiß; aber ich fürchte, der Prinz wird ärgerlich werden. Er handelte mit gewohnter Entschiedenheit – er handelt stets mit wunderbarer Entschiedenheit. Wie Napoleon. Sobald er von Ihrer Ankunft im Lager zu Dornhof hörte, sagte er: ›Mitnehmen – mitnehmen! Das ist mein Stern!‹ Der Stern seines Schicksals. Sie verstehen! Das wird seine Pläne durchkreuzen. Er hat Ihnen befohlen, als Herr Putteredsch zu kommen, und Sie haben es nicht getan. Sie haben es ja versucht, gewiß; aber es war ein jämmerlicher Versuch. Seine Beurteilung der Menschen ist sehr richtig und gerecht, und es ist für die Menschen am besten, wenn sie sich danach richten – – vollständig. Besonders jetzt. Ganz besonders jetzt.«

Er verfiel wieder in die ihm eigene Positur – die Unterlippe zwischen beide Zeigefinger eingeklemmt; dabei sprach er fast vertraulich. »Es wird sehr unangenehm sein. Ich habe schon versucht, einen Zweifel zu äußern; aber ich bin überstimmt worden. Der Prinz hört nicht. Er ist ungeduldig im höchsten Grad. Vielleicht wird er denken, sein Stern habe ihn genarrt. Vielleicht wird er denken, ich habe ihn genarrt.« Er runzelte die Stirn und zog die Mundwinkel herab.

»Ich habe die Pläne,« sagte Bert.

»Ja. Gewiß. Ja. Aber sehen Sie, der Prinz interessierte sich für Herrn Putteredsch seines romantischen Liebeshandels wegen. Herr Putteredsch war so viel mehr – – ja – – im Bilde. Ich fürchte, Sie sind nicht befähigt, die Oberaufsicht über die Flugmaschinen-Abteilung unseres aeronautischen Parks zu führen, wie er es wünschte. Er hatte das gehofft . . . .

Und dann das Prestige – – das Prestige der Welt gegenüber – –, daß wir Putteredsch bei uns hatten . . . . Nun, wir müssen sehen, was sich tun läßt.« Er streckte die Hand aus. »Geben Sie mir die Pläne.«

Mr. Smallways erstarrte das Blut in den Adern. Bis auf den heutigen Tag ist er sich nicht darüber klar, ob er eigentlich weinte oder nicht in diesem Moment; jedenfalls klang seine Stimme höchst weinerlich. »Nein, hören Sie!« sagte er. »Soll ich gar nichts dafür haben?«

Der Staatssekretär betrachtete ihn mit wohlwollenden Blicken. »Sie verdienen nichts!« sagte er.

»Ich hätte sie zerreißen können!«

»Sie gehören nicht Ihnen.«

»Sie gehörten auch nicht Butteridge.«

»Nicht nötig, etwas zu bezahlen.«

Berts ganzes Sein schien sich zu verzweifelten Taten anzuspannen. »Verdammt!« sagte er, die Finger in seinen Rock krampfend, »nicht nötig?«

»Ruhig!« sagte der Staatssekretär. »Passen Sie auf! Sie sollen fünfhundert Pfund haben. So viel will ich für Sie tun; aber das ist auch alles, was ich tun kann. Ich verspreche Ihnen, daß Sie das bekommen. Nehmen Sie es von mir! Geben Sie mir den Namen der Bank! Schreiben Sie ihn mir auf! So! Ich sage Ihnen, kann Ihnen sagen, der Prinz läßt nicht mit sich spaßen! Ich glaube nicht, daß Ihr Äußeres ihm gefallen hat gestern abend. Nein! Ich kann nicht einstehen für ihn. Er wünschte Putteredsch – – und Sie haben ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht. Der Prinz – – ich begreife selbst nicht recht – – ist in einer seltsamen Verfassung. Es ist die Aufregung des Aufbruchs und dann dies großartige Durch-die-Lüfte-Fliegen! Ich kann nicht einstehen für das, was er tut. Aber wenn alles gut geht, so werd' ich dafür sorgen – Sie sollen fünfhundert Pfund haben. Sind Sie zufrieden? Dann geben Sie mir die Pläne.«

»Alter Fuchs!« sagte Bert, als die Tür einschnappte »Verflucht! So ein alter Fuchs! – – Schlau!«

Er setzte sich in den Klappstuhl und pfiff eine Weile lautlos vor sich hin.

»Nette Bescherung für ihn, wenn ich sie zerrissen hätte! Hätt's können!«

Er rieb gedankenvoll seinen Nasenrücken. »Ich hab' selber die Katze aus dem Sack gelassen. Wenn ich meinen Mund gehalten hätt' von wegen dem Anonym-Sein-Wollen! . . . Verdammt! . . . Viel zu früh und zu überstürzt! Die Haare könnt' ich mir ausraufen! Durchführen hätt' ich's ja nicht können. Und schließlich . . . ganz so schlimm ist's ja gar nicht! Immerhin fünfhundert Pfund! . . . Schließlich – – mein Geheimnis ist's ja auch nicht! Es ist reinewegs gefunden! Fünfhundert Pfund!

Möcht' wissen, was die Reise von Amerika nach Haus kostet?«


VIII

Später am Tag stand ein höchst geknickter und zerknirschter Bert Smallways dem Prinzen Karl Albert gegenüber. Die Verhandlungen wurden auf Deutsch geführt. Der Prinz war in seiner Privatkabine, dem Endraum des Luftschiffs, einem entzückenden, mit Strohgeflecht ausgestatteten Gemach mit einem langen Fenster nach vorn, das über die ganze Breite des Zimmers ging. Er saß an einem mit grünem Tuch bezogenen Klapptisch; neben ihm saßen Winterfeld und zwei Offiziere. Eine Anzahl amerikanischer Karten waren vor ihnen ausgebreitet, dazwischen Mr. Butteridges Brieftasche und Briefe und verschiedene lose Papiere. Bert wurde nicht aufgefordert, sich zu setzen, und stand während der ganzen Unterredung. Der Graf erzählte seine Geschichte; ab und zu klangen die Worte »Ballon« und »Putteredsch« an Berts Ohr. Das Antlitz des Prinzen blieb streng und drohend; und die beiden Offiziere beobachteten es verstohlen oder sahen zu Bert hinüber. Etwas Sonderbares lag in ihrer scharfen Beobachtung des Prinzen – eine Neugier – – fast etwas wie Furcht. Dann schien ihnen plötzlich ein Gedanke zu kommen, und sie unterhielten sich über die Pläne. Der Prinz fragte Bert unvermittelt auf Englisch:

»Haben Sie das Ding fliegen sehen?«

Bert fuhr zusammen. »Von Bun Hill aus, Königliche Hoheit.«

Der Graf fiel mit einer Erklärung dazwischen.

»Wie rasch ging es?«

»Kann's nicht sagen, Königliche Hoheit. Die Zeitungen, wenigstens der ›Tägliche Kurier‹, sagten, achtzig Meilen die Stunde.«

Sie redeten wieder eine Weile Deutsch.

»Konnte es stillstehen? In der Luft? Das ist's, was ich zu wissen wünsche.«

»Es konnte schweben, Königliche Hoheit, wie eine Wespe,« sagte Bert.

»Immer besser, nicht wahr?« sagte der Prinz zu Winterfeld und sprach dann eine Zeitlang Deutsch weiter.

Bald darauf waren sie fertig, und die beiden Offiziere blickten nach Bert hin. Einer klingelte und die Brieftasche wurde einer Ordonnanz übergeben, die sie hinaustrug.

Dann kamen sie auf Bert zurück. Augenscheinlich war der Prinz geneigt, den Fall mit Strenge zu behandeln. Der Graf protestierte. Anscheinend kamen auch theologische Rücksichten ins Spiel, denn verschiedentlich wurde »Gott« erwähnt. Ein Beschluß wurde gefaßt, und Winterfeld wurde beauftragt, ihn Bert mitzuteilen.

»Mr. Smallways,« sagte er, »Sie haben sich durch schändliche und systematische Lügen in dies Luftschiff eingeschlichen!«

»Systematisch wohl kaum,« sagte Bert. »Ich . . .«

Der Prinz gebot ihm durch eine Handbewegung Schweigen.

»Und es liegt in der Hand Seiner Königlichen Hoheit, mit Ihnen als Spion zu verfahren.«

»Hören Sie mal,« sagte Bert, »ich bin gekommen, um . . .«

»Ssch!« machte einer der Offiziere.

»Jedoch – in Anbetracht der glücklichen Fügung, die Sie vor Gott auserlesen hat, die Putteredsch-Flugmaschine in die Hand Seiner Königlichen Hoheit zu liefern, wird man Gnade für Recht ergehen lassen. Sie waren der Überbringer guter Neuigkeiten. Man wird Ihnen gestatten, auf dem Schiff zu verbleiben, bis man anderwärts über Sie zu verfügen beliebt. Verstehen Sie mich?«

»Wir wollen ihn mitnehmen,« sagte der Prinz mit fürchterlicher Stimme und fügte einen fürchterlichen Blick hinzu: »Als Ballast.«

»Sie werden uns begleiten,« sagte der Graf, »als Ballast. Verstehen Sie mich?«

Bert tat den Mund auf, um wegen der fünfhundert Pfund zu fragen; aber ein letzter Rest von Klugheit gebot ihm Schweigen. Er begegnete dem Auge des Grafen, und es schien ihm, als ob dieser ihm leise zunicke. »Gehen Sie!« sagte der Prinz und deutete mit seiner großen weißen Hand nach der Tür. Und Bert flatterte hinaus, wie ein Blatt vor dem Sturm.


IX

Aber in der Zwischenzeit – nachdem der Graf Winterfeld mit ihm gesprochen hatte und ehe die furchtbare Unterredung mit dem Prinzen stattfand, hatte Bert das »Vaterland« von einem Ende zum andern gründlichst erforscht. Und trotz all seiner bösen Vorahnungen hatte er es im höchsten Grade interessant gefunden. Kurz hatte, wie die Mehrzahl der Mannschaft der deutschen Luftflotte, kaum einen Begriff von Aeronautik gehabt, ehe er zu dem neuen Flaggschiff kommandiert worden war. Aber diese wunderbare neue Waffe, die Deutschland sich so plötzlich und dramatisch zugelegt hatte, interessierte ihn mächtig. Mit knabenhafter Freude und Bewunderung wies er Bert alles. Es war, als zeige er sich selber jedes einzelne Ding von neuem, wie ein Kind, das ein Spielzeug vorweist. »Kommen Sie, wir wollen uns das ganze Schiff ansehen!« sagte er eifrig. Er wies auf das leichte Gewicht aller Gegenstände hin, auf die Aluminiumröhren, auf die mit komprimiertem Wasserstoff gefüllte Polsterung. Die Wände bestanden aus Wasserstoffpolstern, die mit leichtem imitiertem Leder überzogen waren; sogar das Koch- und Eßgeschirr war aus glasiertem Biskuit und wog fast nichts. Wo Kraft und Stärke geboten waren, war die neue Charlottenburger Legierung, der deutsche Stahl, verwendet, das zähste und widerstandsfähigste Metall der Welt.

An Raum war kein Mangel. Raum kam nicht in Betracht, sofern nicht das Gewicht wuchs. Der bewohnbare Teil des Schiffs war zweihundertfünfzig Fuß lang, auf beiden Seiten mit Kabinen besetzt; über diesen waren seltsame, kleine Messingmansarden mit großen Fenstern und luftdichten Doppeltüren, von denen aus man in die große Leere der Gaskammern sah. Dieser Einblick ins Innere imponierte Bert ungeheuer. Noch nie hatte er sich klargemacht, daß ein Luftschiff nicht bloß ein einziger großer Gassack war, der nichts enthielt als Gas. Jetzt erblickte er, weit über sich, das Rückgrat des Apparats und seine großen Rippen, »wie Venen- und Arterienkanäle«, sagte Kurz, der sich ein bißchen mit Biologie beschäftigt hatte.

»Ganz so!« sagte Bert zustimmend.

Kleine elektrische Lampen konnten angesteckt werden, wenn nachts irgend etwas in Unordnung war. Über den leeren Raum hin gingen Leitern. »Man kann sich doch nicht ins Gas hinein wagen!« protestierte Bert. »Keiner hielt das aus.«

Der Leutnant öffnete eine Wandschranktür und holte einen Taucheranzug heraus, der aus geölter Seide angefertigt war. Luftsack und Helm waren aus einer Art Legierung von Aluminium und einem andern leichten Metall. »Man kann damit im ganzen Innern herumklettern und die Löcher von Kugeln oder Lecke suchen,« erklärte er. »Innen und außen ist alles Netzwerk. Die ganze Außenhülle ist sozusagen eine große Strickleiter.«

Hinter dem bewohnbaren Teil des Schiffs war das Magazin von Explosiv-Geschossen, das bis zur Mitte der ganzen Länge ging. Es waren Bomben verschiedenster Art – meist aus Glas – keines der deutschen Luftschiffe führte Kanonen mit sich, mit Ausnahme eines kleinen »Pom-pom« – – um einen aus dem Burenkrieg datierten Spitznamen zu gebrauchen –, das vorn auf der Galerie im Wappen, mitten im Herzen des Adlers, stand. Von dem Magazinraum in der Mitte des Schiffs lief ein bedeckter Gang mit Aluminiumschwellen auf dem Fußboden und einem Seil als Geländer unter dem Gasraum bis zu dem Maschinenraum am Schwanzende; hier aber ging Bert nicht weiter; die Maschinen sah er von Anfang bis zu Ende überhaupt nicht. Aber er kletterte eine Leiter hinauf, einem ganzen Strom von Ventilation entgegen – eine Leiter, die in eine Art gasdichten Feuerschlauchs eingebaut war und eine Telephonverbindung zwischen dem vorderen großen Luftraum und der kleinen Aussichtsgalerie mit ihrem Pom-pom aus deutschem Stahl und ihrem Dach aus Bomben bildete. Diese Galerie war ganz aus Aluminium-Magnesium-Legierung, die schmale Front des Luftschiffs stieg wie eine Klippe darüber auf, und der schwarze Adler breitete seine Riesenschwingen darüber, deren Spitzen von dem massigen Körper des Gassacks verdeckt waren.

Und unten, tief unter den fliegenden Adlern, lag England, viertausend Fuß tief vielleicht; sehr klein und schutzlos sah es aus im Morgensonnenschein . . . .

Das Bewußtsein, daß ein England existierte, erfüllte Bert ganz plötzlich mit einem Gefühl patriotischer Zerknirschung. Ein ganz neuer Gedanke kam ihm auf einmal. Er hätte doch die Pläne zerreißen und wegwerfen sollen. Was hätten die Menschen hier ihm schließlich tun können? Und wenn sie ihm etwas getan hätten – – weshalb sollte ein Engländer nicht für sein Vaterland sterben? Das war ein Gedanke, den die Konkurrenzängste der Zivilisation bisher so ziemlich erstickt hatten. Bert fühlte sich äußerst bedrückt. Er fühlte, er hätte die Sache schon eher von diesem Standpunkt aus ansehen müssen. Weshalb hatte er es nicht von diesem Standpunkt aus angesehen . . .?«

Überhaupt, war er nicht eigentlich ein Verräter?

Wie wohl die Luftflotte von da unten aus aussehen mochte! Kolossal! Und alle Gebäude mußten wie Zwerge erscheinen.

Sie waren eben zwischen Liverpool und Manchester – so berichtete Kurz. Ein schimmerndes Band, das sich durch das Bild zog, war der Schiffahrtskanal, und ein Teich voller Schiffe in der Ferne die Bucht von Mersey. Bert war ein Südengländer. Er war nie im Norden gewesen. Und die Unmenge von Fabriken und Schornsteinen – letztere zum größten Teil dunkel und rauchlos jetzt, dazwischen die riesigen elektrischen Kraftstationen, die alten Eisenbahnviadukte, die neuen Einschienenbahnspuren und Güterschuppen, die riesigen Gelände voll armseliger Heimstätten und ins Endlose sich dehnender enger Straßen kam ihm vor, als wären Chamberwell und Rotherhithe ins Kraut geschossen. Da und dort lagen, wie in einem riesigen Netz, Felder und Bruchstücke von Landwirtschaft. Eine armselige Bevölkerung, die sich da drunten abmühte und abzappelte! Natürlich gab es ja Museen und Theater und auch eine Art Kathedralen, die theoretische Zentren staatlicher und religiöser Organisation inmitten dieser Wirrnis darstellten. Aber Bert sah sie nicht; sie bedeuteten nichts in dieser weiten, ungeordneten Vision von zusammengedrängten Arbeiterhäusern und Fabriken und Läden und ärmlich aussehenden Kirchen und Kapellen. Und über diese Landschaft industrieller Zivilisation hin glitten die Schatten der deutschen Luftschiffe wie ein eilender Schwarm von Fischen.

Dann sprachen Kurz und er über aeronautische Taktik und gingen gleich darauf nach der unteren Galerie, damit Bert die Drachenflieger sehen sollte, die die Luftschiffe auf dem rechten Flügel in der Nacht mitgenommen hatten und mit sich führten. Jedes Luftschiff hatte drei oder vier im Schlepptau. Sie sahen wie große, phantastisch gestaltete Papierdrachen an unsichtbaren Schnüren aus. Sie hatten lange, viereckige Köpfe und abgeplattete Schwänze mit seitlichen Propellern.

»Dazu gehört viel Geschicklichkeit – – viel Geschicklichkeit!«

»Glaub's wohl!«

Pause.

»Ihre Maschine ist anders, Mr Butteridge?«

»Ganz anders,« sagte Bert. »Mehr wie ein Insekt und weniger wie ein Vogel. Und sie surrt und treibt nicht so herum. Was können die Dinger da leisten?«

Darüber war Kurz sich selbst nicht ganz klar, und er erklärte immer noch, als Bert zu der Unterredung mit dem Prinzen, von der wir eben berichtet haben, abberufen wurde.

Nachdem sie vorüber war, fielen die letzten Spuren Butteridges ab von Bert wie eine Hülle und er ward Smallways – – für alle an Bord. Die Soldaten standen nicht mehr stramm, wenn er vorüberging, die Offiziere hörten auf, von seiner Existenz Notiz zu nehmen – – ausgenommen Leutnant Kurz. Er mußte aus seiner behaglichen Kabine ausziehen und wurde in die des Leutnant Kurz gepackt, der zufällig der Jüngste war und am besten Englisch sprach; und der vogelköpfige Offizier zog, immer noch leise fluchend und Aluminiumstiefelhölzer, gewichtlose Haarbürsten, Handspiegel und Pomadetöpfe mit sich schleppend, wieder ein. Bert wurde bei Kurz untergebracht, weil sonst überhaupt in dem ganzen vollgepackten Schiff kein Platz war, wo er sein verbundenes Haupt hätte hinlegen können. Essen, so sagte man ihm, würde er mit der Mannschaft – in der Kantine.

Während er bedrückt in seinem neuen Quartier saß, kam Kurz, stellte sich mit gespreizten Beinen vor ihn hin und betrachtete ihn eine Weile.

»Wie heißen Sie denn nun eigentlich?« fragte er. Er war nur unvollkommen von dem neuen Stand der Dinge unterrichtet.

»Smallways.«

»Ich dacht' mir's ja schon, Sie wären nichts Rechtes – – schon als ich noch glaubte, Sie wären Butteridge. Sie können froh sein, daß der Prinz es so ruhig aufgenommen hat. Sonst, wenn er zornig ist, ist er ziemlich scharf! Er würd' sich keinen Augenblick besinnen, so einen Burschen wie Sie über Bord zu kippen – – – wenn's ihm grade paßte. Nee! . . . Also – – man hat Sie mir zugeschoben. – – – Aber, Sie verstehen – – – das ist meine Kabine!«

»Ich werd's schon nicht vergessen!« sagte Bert.

Kurz verließ ihn; und als er wieder so weit zu sich kam, daß er sich umsehen konnte, war das erste, was er sah, eine an der gepolsterten Wand befestigte Reproduktion des großen Gemäldes von Siegfried Schmalz: der Kriegsgott, diese furchtbare, alles vernichtende Gestalt im Wikingerhelm und Scharlachmantel, die, das Schwert in der Hand, durch Tod und Verheerung watet, und die eine so auffallende Ähnlichkeit mit dem Prinzen Karl Albert zeigte, zu dessen Ruhm sie gemalt war . . .



Fünftes Kapitel: Die Schlacht im Nordatlantik


I

Der Prinz Karl Albert hatte einen tiefen Eindruck auf Bert gemacht. Nie zuvor war ihm eine Persönlichkeit begegnet, die ihm so viel Schrecken eingeflößt hatte. Er erfüllte die Smallways-Seele mit leidenschaftlicher Furcht und Antipathie. Eine lange Weile saß Bert untätig in Kurz' Kabine; er wagte nicht einmal die Tür zu öffnen, aus Angst, jener niederschmetternden Gegenwart um so viel näher zu sein.

So kam es, daß er wahrscheinlich der letzte an Bord war, der die Nachricht erfuhr, die drahtlose Depeschen stoß- und bruchstückweise zu dem Luftschiff emportrugen – die Nachricht von einer großen Seeschlacht, die im mittleren Atlantik im Gang war. Schließlich erfuhr er es von Kurz.

Dieser kam herein mit einer Miene, als sähe er Bert überhaupt nicht, brummte dabei aber doch auf Englisch vor sich hin. »Großartig!« hörte Bert ihn sagen. Und dann: »He! stehen Sie mal auf da!« Er begann, aus der Truhe zwei Bücher und ein Futteral mit Karten hervorzuwühlen, die er auf dem Klapptisch ausbreitete und sich beschaute. Eine Zeitlang stritt seine deutsche Disziplin mit seiner englischen Nonchalance und natürlichen Gutherzigkeit und Redseligkeit; schließlich unterlag sie.

»Sie machen's, Smallways!« sagte er.

»Was, Herr Leutnant?« sagte Bert zerknirscht und respektvoll.

»Krieg! Das amerikanische nordatlantische Geschwader und fast unsere ganze Flotte. Unser »Eisernes Kreuz« hat eins abbekommen und sinkt. Und ihr »Miles Standish« – – eins von ihren größten – ist mit Mann und Maus untergegangen. Torpedos vermut' ich. Er war größer als der »Karl der Große«, aber fünf oder sechs Jahre älter . . . . Herrgott! Ich wollte, wir könnten's sehen, Smallways! Ein glatter Kampf im offenen Gewässer, nichts als Kanonen, und alle mit Volldampf drauf los!«

Er breitete seine Karten aus, er mußte reden, und darum hielt er Bert eine Vorlesung über die Situation.

»Hier ist es,« sagte er, – – »30° 50' nördlicher Breite – – 30° 50' westlicher Länge. Jedenfalls eine gute Tagreise von hier; und sie halten alle so schnell sie können Südwest bei Süd. Wir werden kein bißchen zu sehen kriegen! Pech! Kein Zipfelchen!«


II

Die Situation im Nordatlantik war in diesem Augenblick eine höchst eigentümliche. Die Vereinigten Staaten waren weitaus die stärkere Seemacht von beiden, aber die Masse der amerikanischen Flotte war noch im Pazifik. Man hatte den Krieg hauptsächlich in der Richtung von Asien her befürchtet, denn die Situation zwischen Asiaten und Weißen hatte sich außerordentlich gereizt und drohend gestaltet, und die japanische Regierung hatte sich unerhört schwierig gezeigt. Der Angriff der Deutschen fand darum die halbe amerikanische Streitmacht in Manila und die sogenannte zweite Flotte in drahtlosem Kontakt über den Pazifik zwischen der asiatischen Station und San Francisco ausgespannt. Das nordatlantische Geschwader war auf der Ostküste die einzige amerikanische Streitmacht; es war eben auf der Rückkehr von einem freundschaftlichen Besuch in Frankreich und Spanien begriffen und pumpte Petroleum von Tendern im mittleren Atlantik – – denn die meisten ihrer Schiffe waren Dampfschiffe – – als die Situation sich zuspitzte. Es bestand aus vier Panzerschiffen und fünf gepanzerten Kreuzern, die an Rang den Panzerschiffen fast gleichstanden; keins von den Schiffen war von jüngerem Datum als 19l3. Tatsächlich hatten die Amerikaner sich so an den Gedanken gewöhnt, daß Großbritannien über den Frieden des Atlantik wachte, daß sie sich auf eine Seeattacke an der Ostküste auch nicht im Traum gefaßt gemacht hatten. Aber lang vor der Erklärung des Kriegs – schon am Pfingstmontag – – hatte die ganze deutsche Flotte von achtzehn Panzerschiffen, mit einer Flottille von Tendern und degradierten Linienschiffen, die Munition und Proviant für die Luftflotte enthielten, die Straße von Dover passiert, um in gerader Richtung auf New York loszusteuern. Nicht nur waren die deutschen Kriegsschiffe den amerikanischen an Zahl um das Doppelte überlegen, sondern sie waren auch schwerer armiert und von modernerer Konstruktion. Sieben von ihnen besaßen Explosivmaschinen aus Charlottenburger Stahl und sämtliche führten Charlottenburger Stahlkanonen.

Am Mittwoch, noch vor der offiziellen Kriegserklärung, trafen die Flotten aufeinander. Die Amerikaner hatten die damals übliche Aufstellung genommen, in einer Reihe, mit Zwischenräumen von je ungefähr dreißig Meilen, und suchten sich zwischen den Deutschen und den östlichen Staaten von Panama zu halten; denn so wichtig auch die Verteidigung der Küstenstädte, vor allem New Yorks, war, so war es noch wichtiger, den Kanal gegen einen Angriff zu decken, der die Rückkehr der Hauptflotte aus dem Pazifik hätte verhindern können. Diese, so sagte Kurz, eilte jetzt zweifellos über den Ozean, »wenn nicht die Japaner auf den gleichen Gedanken verfallen sind wie die Deutschen«. Daß es außerhalb jeder menschlichen Möglichkeit war, daß die amerikanische Nordatlantikflotte der deutschen standhalten oder sie vernichten konnte, das lag auf der Hand. Anderseits aber konnte sie, wenn ihr das Glück günstig war, den Feind hinhalten und ihn so weit schädigen, daß dadurch der Angriff auf die Küstenbefestigungen geschwächt wurde. Ihre Pflicht war nicht Sieg, sondern Selbstaufopferung, die schwerste Aufgabe in der Welt. In der Zwischenzeit ließen sich die Untersee-Befestigungen von New York, Panama und den andern wichtigeren Punkten einigermaßen in Kriegszustand bringen.

So war die Situation. Und bis Mittwoch nach Pfingsten war es die einzige Situation, die die Amerikaner zu überschauen vermochten. An diesem Tag ging ihnen zum erstenmal eine Ahnung von der wirklichen Bedeutung des aeronautischen Parks von Dornhof und der Möglichkeit eines Angriffs nicht nur zur See, sondern auch in der Luft auf. Aber seltsamerweise erfreuten sich die Zeitungen jener Periode eines so geringen Vertrauens von seiten ihrer Leser, daß eine große Mehrheit von New Yorkern zum Beispiel auch den längsten und ausführlichsten Berichten über die deutsche Luftflotte keinen Glauben schenkte, bis sie tatsächlich von New York aus in Sicht war.

Kurz redete halb im Selbstgespräch. Er stand mit einer Mercator-Projektionskarte in der Hand da, schaukelte sachte mit dem Schwanken des Schiffs hin und her und sprach von Kanonen und Tonnage, von Schiffen und von ihrer Konstruktion, ihrer Tragfähigkeit und Geschwindigkeit, von strategischen Punkten und Operationsbasen. Eine gewisse Schüchternheit, die ihn am Offizierstisch zum Zuhörer machte, war hier von ihm abgefallen.

Bert stand neben ihm. Er redete nicht viel, folgte aber Kurz' Finger auf der Karte. »In den Zeitungen haben sie das alles schon lang gesagt,« bemerkte er. »Daß es nun wirklich kommt!«

Kurz zeigte eine detaillierte Kenntnis des »Miles Standish«. »Das war ein Bombenschiff, was die Kanonen betrifft – – hielt den Rekord. Möcht' wissen, ob wir gegen ihn ankommen, und wie! Ich wollte, ich wär' dabei! Möcht' wissen, welches von unsern Schiffen ihn schlägt! Vielleicht kriegt er eine Granate in die Eingeweide. Ein wundervoller Kampf! Möcht' wissen, was der »Barbarossa« macht!« fuhr er fort. »Das ist mein altes Schiff. Nichts Erstklassiges, aber aus gutem Holz! Der hat schon seine paar Schüsse abgegeben, das wett' ich, wenn der alte Schneider bei Laune ist! Ah! Wenn man bedenkt – – –! Da hauen sie aufeinander los, die Kanonen brüllen, die Granaten krepieren, die Kessel platzen, das Eisen fliegt in der Luft herum wie Stroh im Sturm – – alles, was man sich seit Jahren erträumt hat! Und wir segeln wahrscheinlich glatt nach New York weiter – – einfach als ob nichts wäre! Wir denken vermutlich, sie brauchen uns nicht da drunten. Es ist ja von uns aus überhaupt nur ein Maskierungsgefecht. Alle unsere Tender und Proviantschiffe gehen Südwest bei Süd weiter nach New York als schwimmendes Depot für uns. Sehen Sie?« Er tupfte mit dem Finger auf die Karte. »Hier sind wir. Unsere Proviantflottille ist hier und unsere Kriegsschiffe schneiden dort den Amerikanern den Weg zu uns ab . . . .«

Als Bert in die Kantine ging, um sich seine Abendration zu holen, beachtete man ihn kaum, außer daß vielleicht einer ihn dem andern geschwind zeigte. Alles sprach von der Schlacht – – äußerte Vermutungen, stritt – – – manchmal stieg der Lärm bis zum Tumult, bis dann die Unteroffiziere wieder Ruhe schafften. Ein neues Bulletin war da, aber was es sagte, verstand er nicht; bloß daß es den »Barbarossa« betraf. Ein paar von den Leuten starrten ihn an, und verschiedentlich hörte er den Namen »Butteridsch«; aber niemand belästigte ihn, und auch seine Suppe und sein Brot erhielt er ohne Schwierigkeit, als die Reihe zuletzt an ihn kam. Er hatte gefürchtet, es möchte keine Ration für ihn vorgesehen sein; und er hätte nicht gewußt, was er dann hätte anfangen sollen.

Später wagte er sich auf die kleine Hängegalerie mit ihrer einsamen Schildwache hinaus. Das Wetter war noch schön, aber der Wind stieg und das Rollen und Schaukeln des Schiffs nahm zu. Er klammerte sich fest ans Geländer. Ihm war ziemlich schwindlig zumut. Sie waren jetzt außer Sicht von Land über blauem Wasser, das in großen Wellen stieg und fiel. Eine armselige alte Brigg unter englischer Flagge hob und senkte sich auf den weiten, blauen Wogen – – – das einzige Schiff, das in Sicht war.


III

Am Abend steigerte sich der Wind und das Schiff rollte, während es durch die Luft eilte, wie ein Delphin. Kurz erzählte, verschiedene der Leute seien seekrank. Aber Bert verursachte die Bewegung keinerlei Unbequemlichkeiten. Er besaß die geheimnisvolle gastrische Konstitution des geborenen Seemanns. Er schlief gut; aber kurz vor Tagesanbruch weckte ein Licht ihn auf, und er sah Kurz auf der Suche nach irgend etwas umherstolpern. Schließlich fand er es auch in der Truhe und hielt es unsicher in der Hand – ein Kompaß. Dann verglich er seine Karte damit.

»Wir haben unsere Richtung geändert,« sagte er, »und kommen vor den Wind. Ich begreif' das nicht. Wir kommen von New York ab und nach Süden. Fast als ob wir – – –«

Und er redete noch eine Zeitlang vor sich hin.

Der Tag kam, feucht und windig. Das Fenster war von außen angelaufen, so daß sie überhaupt nichts sahen. Zudem war es sehr kalt, und Bert beschloß, in seine Decken gewickelt auf der Truhe sitzen zu bleiben, bis das Horn ihn zur Morgenration rief. Nachdem sie verzehrt war, ging er hinaus auf die kleine Galerie. Aber er sah nichts als wirbelnde Wolken, die hastig vorbeitrieben, und die nebelhaften Umrisse der nächsten Luftschiffe. Nur in seltenen Zwischenräumen zeigte sich durch das flutende Wolkentreiben ein kurzer Ausblick auf das graue Wasser.

Später am Vormittag veränderte das »Vaterland« seine Flughöhe und erhob sich plötzlich in eine hohe, klare Region. Kurz sagte, sie wären jetzt fast dreizehntausend Fuß hoch.

Bert war in seiner Kabine und sah, wie der Tau von dem Fenster schwand und draußen das Sonnenlicht funkelte. Er blickte hinaus und sah wieder denselben sonnbeglänzten Wolkenboden, den er damals vom Ballon aus gesehen hatte, und die Schiffe der deutschen Luftflotte, eins ums andere, aus dem Weiß emportauchen, wie Fische aus der Tiefe der Wasser emporsteigen und sichtbar werden. Einen Augenblick starrte er hinaus; dann lief er auf die kleine Galerie, um dies Wunder besser zu sehen. Unten war Wolkenland und Sturm, ein großes, wirres Wolkentreiben, das eiligst in nordwestlicher Richtung vorüberjagte. Die Luft um ihn war kalt und klar und heiter bis auf eine ganz schwache, frostige Brise und ab und zu eine vereinzelte treibende Schneeflocke. Poch, poch, poch, poch gingen durch die Stille die Maschinen. Die ungeheure Herde von Luftschiffen, wie sie so nacheinander emporstiegen, sah aus wie eine Reihe gewaltiger Ungetüme, die in eine fremde, unbekannte Welt einbrechen . . . .

Entweder waren an diesem Morgen keine Nachrichten von der Seeschlacht gekommen, oder auch behielt der Prinz, was kam, bis nach Tisch für sich. Dann überstürzten sich die Bulletins nur so, Bulletins, die den Leutnant ganz wild machten vor Aufregung.

»Der ›Barbarossa‹ kampfunfähig! Und sinkt!« rief er. »Gott im Himmel! Der alte Barbarossa! Aber er hat sich gewehrt! Er hat sich gewehrt!«

Er rannte in der schwankenden Kabine hin und her und war eine Zeitlang ganz Deutscher.

Dann wurde er wieder Engländer »Denken Sie doch, Smallways! Das alte Schiff, das wir immer so rein und fein gehalten haben! Und alles durcheinandergeschmettert, und das Eisen fliegt in Fetzen durch die Luft, und die Jungens, die man gekannt hat – – Herrgott! – – fliegen mit! Und siedendes Wasser, das herumspritzt, und Feuer, und das Krachen der Kanonen! Ich sag' Ihnen, sie krachen! Und auch die in tausend Stücke! Kein Halten mehr – – nichts! Und ich hier oben – so nah und doch so fern! Der alte ›Barbarossa‹!«

»Noch andere Schiffe?« fragte nach einer Weile Bert.

»Herrgott! Ja! Den Karl den Großen« haben wir verloren, unser bestes und größtes. In der Nacht in den Grund gebohrt von einem britischen Linienschiff, das sich aus dem Kampf retten wollte und natürlich mitten hinein geriet! Sie haben Sturm. Das Linienschiff treibt mit zerschlagener Nase drunten – – leck. Noch nie war solch eine Schlacht! Noch nie! Gute Schiffe und gute Mannschaft auf beiden Seiten – – und dazu der Sturm und die Nacht und die Morgendämmerung – – und alles auf offener See und immer mit Volldampf voran! Kein Anbohren! Keine Minen! Kanonen und Schießen! Von der Hälfte unserer Schiffe hören wir überhaupt nichts mehr, weil ihnen die Maste weggeschossen sind. 30° 40' nördliche Breite – – 40° 30' westliche Länge – – wo ist das?« Er wühlte seine Karte wieder heraus und starrte darauf hin mit Augen, die nichts sahen.

»Der alte ›Barbarossa‹! Es will mir nicht aus dem Kopf! Granaten im Maschinenraum: und das Feuer, das aus den Öfen stürzt und die Heizer und die Maschinisten verbrannt und tot! Männer, mit denen man bei Tisch gesessen hat, Smallways, – Männer, mit denen man hundertmal gesprochen hat! Endlich ist auch ihr Tag gekommen! Aber nicht allen hat er Glück gebracht!

»Kampfunfähig! Und sinkt! Es wird ja wohl nicht jeder das Glück auf seiner Seite haben können in der Schlacht! Der arme Schneider! Ich wette, er hat's ihnen heimgezahlt!«

So sickerten die Nachrichten von der Schlacht den ganzen Tag durchs Schiff. Die Amerikaner hatten ein zweites Schiff verloren; Name unbekannt. Der »Hermann«, der den »Barbarossa« gedeckt hatte, war beschädigt . . . . Kurz lief wie ein gefangenes Tier voll Ungeduld im ganzen Schiff herum, ging einmal nach der Vordergalerie unter dem Adler, dann wieder auf die Schwebegalerie. Dann brütete er wieder über seinen Karten. Er steckte Smallways an mit seinem Gefühl von der unmittelbaren Nähe dieser Schlacht, die da just über der Erdkurve vor sich ging. Aber wenn Bert hinunterging auf die Galerie, war die Welt leer und stumm, oben ein klarer, tintigblauer Himmel, unten ein krauser Schleier ruhiger, dünner, sonnbeglänzter Federwölkchen, durch den man ein jagendes Treiben von Regenwolken und keinen Schimmer vom Meer sah. Poch, poch, poch, poch gingen die Maschinen, und der lange, wogende Keil von Luftschiffen eilte hinter dem Flaggschiff her, wie ein Flug von Schwänen hinter dem Leitschwan. Bis auf das Geräusch der Maschinen war alles so lautlos wie ein Traum. Und dort unten, irgendwo in Sturm und Regen, donnerten die Kanonen, schmetterten die Granaten, und kämpften und starben – nach altem Kriegsbrauch – die Menschen.


IV

Als der Nachmittag vorrückte, ließ das Unwetter in der Tiefe nach, und die See ward von Zeit zu Zeit wieder sichtbar. Die Luftflotte sank langsam wieder in mittlere Luftschichten, und gegen Sonnenuntergang erhaschten sie fern im Osten einen flüchtigen Blick auf den kampfunfähigen »Barbarossa«. Smallways hörte die Leute durch den Gang eilen und wurde mitgerissen, hinaus auf die Galerie, wo fast ein Dutzend Offiziere versammelt waren, die durch ihre Feldstecher das hilflose Wrack des Panzerschiffs betrachteten. Zwei andere Schiffe lagen neben ihm, ein ausgepumpter Petroleumtender, der sehr hoch aus dem Wasser ragte, und ein ehemaliges Linienschiff. Kurz stand, etwas abgesondert von den andern, am Ende der Galerie.

»Herrgott!« sagte er endlich, das Glas sinken lassend, »es ist, als säh' man einen alten Freund mit abgeschnittener Nase – – der auf den Gnadenstoß wartet! Der ›Barbarossa‹!«

In einem plötzlichen Impuls gab er sein Glas Bert, der, von allen unbeachtet, unter den Händen hervor hinabgespäht und die Schiffe nur als drei bräunlich-schwarze Striche auf dem Meer gesehen hatte.

Nie in seinem Leben hatte Bert je etwas Ähnliches erblickt, wie dies vergrößerte, leicht verschleierte Bild da unten. Es war nicht einfach ein geschlagenes Panzerschiff, das da hilflos hin und her rollte, es war ein ganz und gar zerfetztes Panzerschiff. Wunderbar schien es, daß es überhaupt noch sich über Wasser hielt. Seine gewaltigen Maschinen waren sein Verderb gewesen. Während der langen Treibjagd der Nacht war es aus der Linie seiner Kameraden und zwischen die »Kansas City« und die »Susquehanna« hineingeraten. Diese entdeckten es, fielen zurück, bis es fast breitseitig zur ersteren stand und signalisierten dann dem »Theodore Roosevelt« und dem kleinen Monitor«. Als der Tag anbrach, fand sich der »Barbarossa« von allen Seiten umringt. Der Kampf hatte noch keine fünf Minuten gedauert, als das Erscheinen des »Hermann« im Osten und unmittelbar darauf des »Fürst Bismarck« im Osten die Amerikaner zum Rückzug zwang; aber in dieser Zeit hatten sie sein Eisen in Fetzen geschossen. Sie hatten alle Spannung, die sich an diesem heißen Tage während des Rückzugs angesammelt hatte, an ihm ausgelassen. Und als Bert ihn so sah, erschien er nur noch wie das Phantasiegebilde eines Metallarbeiters, ein wildes Gewirr von erstarrten Metallzuckungen. Kein Teil war mehr vom andern zu unterscheiden, außer durch seine Lage.

»Herrgott!« murmelte Kurz, während er sein Glas wieder an sich nahm – »Herrgott! Und Albrecht – – der gute Kerl – – und der alte Zimmermann – – und Rosen!«

Lang nachdem Dämmerung und Ferne den »Barbarossa« verschlungen hatten, stand er noch auf der Galerie und spähte durch sein Glas; und als er in die Kabine zurückkehrte, war er ungewöhnlich schweigsam und gedankenvoll.

»Es ist ein böses Spiel, Smallways!« sagte er schließlich.

»Ein böses Spiel, der Krieg! Ich weiß nicht – – nach so etwas sieht man die Sache anders an. Wie viele Menschen haben an dem ›Barbarossa‹ gearbeitet – – und wie viele Männer waren drauf – – Männer, wie man sie nicht jeden Tag begegnet. Albrecht – – so hieß einer davon – – spielte die Zither und improvisierte. Möcht' wohl wissen, was aus ihm geworden ist. Er und ich – – wir waren sehr gut Freund!«


V

In der folgenden Nacht erwachte Smallways wieder. Die Kabine lag im Dunkeln, ein Luftzug wehte durch, und Kurz redete mit sich selber – Deutsch. Bert sah ihn undeutlich durchs Fenster, das er aufgeschraubt und geöffnet hatte, hinunterspähen. Das kalte, klare, dünne Licht, das weniger Licht ist als ein Schwinden der Dunkelheit, das tintige Schatten aufs Gesicht wirft und in hoher Luft den Tagesanbruch verkündet, lag auf seinem Gesicht.

»Was ist los?« fragte Bert.

»Still!« sagte der Leutnant. »Hören Sie nicht?«

Durch die Stille kam das wiederholte schwere Donnern von Kanonen – ein Schuß – – zwei – – dann eine Pause – – dann in rascher Reihenfolge drei.

»Alle Wetter!« sagte Bert, »Kanonen!« Im nächsten Augenblick war er neben dem Leutnant. Das Luftschiff flog noch sehr hoch, und drunten das Meer war von einem dünnen Wolkenschleier verhüllt. Der Wind hatte sich gelegt. Bert folgte der Richtung von Kurz' Finger und sah schattenhaft durch den farblosen Schleier erst einen roten Schein, dann einen raschen roten Blitz und dann, in einiger Entfernung davon, einen zweiten. Eine Weile schien es, als wären es stumme Blitze; erst Sekunden später, wenn man schon aufgehört hatte, darauf zu warten, kam der verspätete Knall. – – Bum – bum! Kurz redete fortwährend und sehr rasch auf Deutsch vor sich hin. Ein Hornruf klang durch das Luftschiff.

Kurz fuhr auf, sagte in aufgeregtem Ton etwas, immer noch auf Deutsch, und ging nach der Tür.

»He! Was gibt's?« rief Bert. »Was ist?«

Der Leutnant blieb einen Augenblick unter der Tür stehen. Seine Gestalt hob sich dunkel von dem erleuchteten Gang ab. »Sie bleiben, wo Sie sind, Smallways! Sie bleiben hier und tun gar nichts. Wir kommen in Aktion,« erklärte er, und verschwand.

Berts Herz begann hastig zu schlagen. Er fühlte sich selber über den kämpfenden Schiffen da unten in der Tiefe hangen. Ob sie wohl im nächsten Augenblick hinabschießen würden wie ein Habicht, der auf einen Vogel stößt? »Alle Wetter!« flüsterte er endlich mit scheuer Stimme.

Bum . . . bum . . . Ganz fern entdeckte er einen zweiten rötlichen Schein, der dem ersten antwortete. Dann fühlte er, daß etwas auf dem »Vaterland« anders war als bisher – was, konnte er sich nicht erklären. Und plötzlich merkte er, daß die Maschinen zu einem fast unhörbaren Pochen abgestoppt hatten. Er zwängte seinen Kopf durchs Fenster – – es ging grade noch zur Not – – und sah in der frostigen Luft auch die andern Luftschiffe zu einer fast unmerklichen Bewegung zurückgestoppt.

Ein zweites Signal ertönte und wurde von Schiff zu Schiff aufgenommen. Die Lichter erloschen; die Flotte ward zu einer Masse schattenhafter, dunkler Körper in einem intensiv blauen Himmel, der da und dort noch einen vereinzelten Stern aufwies. Lange Zeit, so schien es ihm, hingen sie so; dann kam das Geräusch von Luft, die in das Ballonet gepumpt wurde, und langsam, langsam sank das »Vaterland« hinab zu den Wolken.

Er reckte den Hals, aber er konnte nicht sehen, ob der Rest der Flotte ihnen folgte; die überhängenden Gaskammern versperrten ihm den Blick. Es lag in diesem langsamen, lautlosen Abstieg etwas, was seine Phantasie aufs tiefste erregte.

Eine Zeitlang wurde das Dunkel noch tiefer, der letzte verbleichende Stern schwand vom Horizont, und Bert spürte die kalte Nähe der Wolken. Dann, plötzlich, nahm der Schein unten deutliche Umrisse an, ward zur Flamme, und das »Vaterland« hielt in seinem Abstieg inne und hing, beobachtend und augenscheinlich selbst unbeobachtet, dicht unter einer treibenden Wolkenschicht, vielleicht tausend Meter über der Schlacht drunten.

In der Nacht waren Gefecht und Rückzug in eine neue Phase eingetreten. Die Amerikaner hatten die Flügel ihrer zurückgehenden Linie gewandt und geschickt zu einer Kolonne zusammengezogen, die sich südlich von den langsam sie verfolgenden Deutschen hielt. Dann hatten sie, in der Dunkelheit vor dem Tagesanbruch, gedreht, und dampften jetzt in gedrängter Ordnung nordwärts, in der Absicht, die deutsche Schlachtlinie zu durchbrechen und die Flottille anzugreifen, die zur Unterstützung der deutschen Luftflotte auf New York zuhielt. Vieles hatte sich geändert seit dem ersten Zusammenstoß der Flotten. Der amerikanische Admiral, O'Connor, war jetzt vollkommen über die Existenz der Luftschiffe unterrichtet, und wandte seine Hauptaufmerksamkeit nicht mehr auf Panama, da er Nachricht hatte, daß die Unterseeflottille aus Key West dort eingetroffen und der »Delaware« und der »Abraham Lincoln«, zwei mächtige und vollkommen moderne Schiffe, schon in Rio Grande, auf der Pazifikseite des Kanals waren. Eine Kesselexplosion an Bord der »Susquehanna« verzögerte jedoch sein Manöver, und der Tagesanbruch fand diese letztere so dicht bei der »Weimar« und »Bremen«, daß diese sofort das Gefecht eröffneten. Wollte O'Connor sie nicht im Stich lassen, so mußte er mit der ganzen Flotte angreifen. O'Connor wählte das letztere. Es war keineswegs ein hoffnungsloser Kampf. Die Deutschen standen, obwohl weit zahlreicher und stärker als die Amerikaner, in einer von Flügel zu Flügel fast fünfundvierzig Meilen messenden, zerstreuten Linie, und die Möglichkeit lag sehr nahe, daß, ehe sie sich zum Kampf sammeln konnten, die Kolonne von sieben Amerikanern sie von einem Ende zum andern gesprengt haben würde.

Der Tag brach grau und umwölkt an, und weder die »Bremen« noch die »Weimar« bemerkten, daß sie es mit mehr als nur mit der »Susquehanna« zu tun hatten, bis das ganze Geschwader in einer Entfernung von kaum einer Meile oder weniger hinter dieser aufzog und zum Angriff vorging. So war die Lage der Dinge, als das »Vaterland« in der Luft erschien. Der rote Schein, den Bert durch die Wolkenwand gesehen hatte, kam von der unglücklichen »Susquehanna«; sie stand fast augenblicklich in Flammen und legte sich auf die Seite, focht aber noch immer mit zwei ihrer Kanonen und dampfte langsam südwärts. Die »Bremen« und »Weimar«, beide an verschiedenen Stellen getroffen, entfernten sich nach West bei Süd von ihr. Die amerikanische Flotte, an der Spitze der »Theodore Roosevelt«, kreuzte hinter ihnen durch und schnitt ihnen den Weg ab, indem sie sich zwischen sie und den großen modernen »Fürst Bismarck« stellte, der von Westen her kam. Bert kannte natürlich die Namen all dieser Schiffe nicht und hielt, irregeleitet durch die Richtung, in der die Kämpfenden vorgingen, lange Zeit die Deutschen für die Amerikaner und umgekehrt. Er sah – – wie er glaubte – – ein Geschwader von sechs Panzerschiffen drei andere verfolgen, die durch einen Neuankömmling unterstützt wurden; bis schließlich der Umstand, daß die »Bremen« und die »Weimar« auf die »Susquehanna« feuerten, seine Berechnungen über den Haufen warf. Eine Zeitlang war er jetzt ganz verwirrt. Auch betäubte ihn der Lärm der Kanonen. Sie gingen jetzt nicht mehr bum – bum – – sondern krach – krach – krach – krach – – und bei jedem schwachen Blitz zitterte sein Herz in Erwartung des darauffolgenden Schlags. Zudem sah er diese Kriegsschiffe nicht, wie er gewohnt war, Kriegsschiffe auf Abbildungen zu sehen, im Profil, sondern von oben und sonderbar verkürzt. Fast überall zeigten sie leere Decks; nur da und dort hielten kleine Trupps von Menschen sich hinter stählernen Bollwerken verschanzt. Die langen, beweglichen Mündungen der Kanonen und die ihre dünne, durchsichtige Feuerstrahlen ausspeienden Schnellfeuergeschütze der Breitseiten waren so von der Vogelschau aus die Hauptzüge im Bilde. Die Amerikaner waren Turbinendampfer und hatten jeder zwei bis vier Schornsteine; die Deutschen zeigten größeren Tiefgang, sie besaßen Explosionsmotoren, die jetzt aus irgendeinem Grunde ein dumpfes Grollen von sich gaben. Ihrer Dampfturbinen wegen waren die Amerikaner größer und von eleganterem Bau. Und all diese verkürzten Schiffe sah er da unten schlingern und stampfen und ihre Kanonen über riesige, niedere Wellen, unter dem kalten, scharfen Licht des jungen Tages, gegeneinander feuern. Das ganze Schauspiel schaukelte sachte mit dem rhythmischen Steigen und Sinken des Luftschiffs hin und her.

Zuerst tauchte von der ganzen fliegenden Flotte nur das »Vaterland« über der Bildfläche drunten auf. Es schwebte hoch über dem »Theodore Roosevelt«, indem es mit der vollen Geschwindigkeit des Schiffes Schritt hielt. Es mußte vom Schiff aus dann und wann durch die treibenden Wolken deutlich sichtbar sein. Der Rest der deutschen Luftflotte blieb in einer Höhe von sechs- bis siebentausend Fuß über dem Wolkenzelt, unterhielt zwar vermittels drahtloser Telegraphie einen lebhaften Verkehr mit dem Flaggschiff, ohne sich aber der Artillerie unten auszusetzen.

Es ist ungewiß, zu welchem bestimmten Zeitpunkt die unglücklichen Amerikaner die Gegenwart dieses neuen Faktors im Kampf bemerkten. Kein Bericht darüber ist vorhanden. Wir müssen uns so gut als möglich vorzustellen versuchen, was es für einen kampfesmüden Seemann gewesen sein muß, als er beim Emporblicken plötzlich über seinem Kopf diese riesige, lange, stumme Erscheinung erblickte, die bei weitem größer als jedes Kriegsschiff war und von deren Hinterteil eine große deutsche Flagge wehte. Dann, als der Himmel sich aufhellte, tauchten durch die abziehenden Wolken immer mehr und mehr solcher Schiffe im Blau auf, alle in stolzer Verachtung, ohne jede Armierung, ohne Kanonen, und alle in raschem Flug dahineilend, um mit dem Kampf unten Schritt zu halten.

Von Anfang bis zu Ende wurde nicht eine einzige Kanone auf das »Vaterland« abgefeuert, und nur wenige Gewehrschüsse. Es war lediglich ein unglücklicher Zufall, daß ein Mann an Bord getötet wurde. Es beteiligte sich auch nicht direkt am Kampf – bis zum Schluß. Es schwebte über der dem Untergang geweihten amerikanischen Flotte, während der Prinz vermittels drahtloser Telegraphie die Bewegungen der andern Luftschiffe dirigierte. Jetzt eilten der »Vogelstern« und die »Preußen«, jedes Luftschiff mit einem halben Dutzend Drachenflieger im Schlepptau, mit voller Fahrgeschwindigkeit herbei, übernahmen die Tête, und sanken dann, als sie den Amerikanern etwa um fünf Meilen voraus waren, durch die Wolken abwärts. Der »Theodore Roosevelt« feuerte sogleich mit seinen großen Kanonen aus seiner vorderen Barbette; aber die Granaten krepierten weit unter dem »Vogelstern«; und gleich darauf senkten sich ein Dutzend Ein-Mann-Drachenflieger herab, um ihrerseits den Angriff zu beginnen.

Bert, der noch immer den Hals zum Kabinenfenster hinausreckte, sah das Ganze mit an – – diesen ersten Zusammenstoß zwischen Aeroplanen und Panzerschiffen. Er sah die seltsamen deutschen Drachenflieger mit ihren breiten, flachen Flügeln und viereckigen, schachtelförmigen Köpfen, ihren auf Rädern laufenden Rumpfen und ihrem einzelnen Reiter gleich einem Flug Vögel durch die Luft niederstoßen. »Alle Wetter!« sagte er. Einer rechts kippte plötzlich um, schoß senkrecht in die Luft hinauf, zerplatzte mit einem lauten Knall und stürzte lodernd in das Meer hinunter. Ein anderer fiel kopfüber ins Wasser und schien, als er die Wellen berührte, in tausend Stücke zu zerspringen. Auf dem Deck des »Theodore Roosevelt« sah er jetzt kleine Menschen umhereilen, die von oben nur wie Köpfe und Beine aussahen; sie machten sich bereit, auf die andern zu schießen. Jetzt schoß die erste Flugmaschine zwischen Bert und das Deck des Amerikaners. Ein Krach, und ihre Bombe schmetterte mitten in die Vorderbarbette. Ein dünnes, kleines Geknatter von Gewehrfeuer antwortete. Bum, bum, bum gingen die Schnellfeuerkanonen der amerikanischen Batterie; und Krach! kam als Antwort eine Granate vom »Fürst Bismarck«. Dann kamen eine zweite und eine dritte Flugmaschine zwischen Bert und das amerikanische Panzerschiff und warfen gleichfalls ihre Bomben; eine vierte, deren Reiter von einer Kugel getroffen war, taumelte abwärts und zerschmetterte in tausend Stücke, explodierte zwischen den Schornsteinen und zertrümmerte sie. Bert sah in einer Sekunde ein kleines schwarzes Wesen von der brennenden Flugmaschine abstürzen, gegen den Schornstein anprallen und leblos niedersausen, um sogleich durch Blitz und Schlag der Explosion in nichts zu verfliegen.

Krach! Eine ungeheure Explosion im Vorderteil des amerikanischen Flaggschiffs. Ein Riesenstück Metall schien sich daraus emporzuheben und in die See zu stürzen. In die Lücke, die es hinterließ, schleuderte ein Drachenflieger eine feuersprühende Bombe. Und dann – einen Augenblick lang, sah Bert, im immer heller werdenden, erbarmungslosen Tageslicht, nur allzu klar: ein Anzahl winziger, krampfhaft sich bewegender Animalkula, die im schäumenden Kielwasser des »Theodore Roosevelt« kämpften. Was war das? Doch nicht Menschen? Doch sicherlich keine Menschen? Mit ihren klammernden Fingern rissen und zerrten die zerschmetterten, ertrinkenden Lebewesen an Berts Seele. »O Gott!« rief er. Und noch einmal, fast wimmernd: »O Gott!« Er blickte wieder hin; sie waren verschwunden, und der schwarze, durch den letzten Schuß der sinkenden »Bremen« leicht entstellte Rumpf des »Andrew Jackson« teilte die Wasser, die sie verschlungen hatten, in zwei gleiche symmetrische Wellenlinien. Ein paar Augenblicke lang sah Bert vor blindem, hilflosen Entsetzen überhaupt nichts mehr von der Verwüstung da unten.

Dann – mit einem weithin donnernden Getöse – flog die »Susquehanna«, die einen ganzen speienden Vulkan krachender kleiner Explosionen auf ihrem Rücken zu tragen schien, und jetzt drei Meilen oder mehr ostwärts lag, auf und verschwand unmittelbar darauf in kochendem, dampfendem Gischt. Einen Augenblick lang sah man nichts als aufgewühlte Wasser; dann warf mit furchtbarem Gurgeln die Tiefe Wirbel von Dampf und Luft und Petroleum und Bruchstücke von Segeltuch und Holzwerk und Menschen aus.

Eine Pause entstand jetzt im Gefecht. Eine lange Pause, wie es Bert erschien. Er sah nach den Drachenfliegern aus. Die plattgeschmetterten Trümmer des einen schwammen im Kielwasser des »Monitor«, die anderen waren, Bomben in die amerikanische Linie schleudernd, vorbeigezogen. Ein paar waren im Wasser – augenscheinlich unverletzt. Und drei oder vier waren noch in der Luft und kehrten eben in weitem Bogen zu ihren Mutterluftschiffen zurück Die amerikanischen Kriegsschiffe standen nicht mehr in Dwarslinie. Der »Theodore Roosevelt», schwer beschädigt, hatte sich nach Südosten gewandt; und der »Andrew Jackson«, zwar sehr mitgenommen, aber in seinen Gefechtsteilen unverletzt, schob sich zu seiner Deckung zwischen ihn und den noch frischen und kampffrohen »Fürst Bismarck«. Im Westen erschienen der »Hermann« und der »Germanicus« und traten in Aktion.

In der Pause nach dem Untergang der »Susquehanna« vernahm Bert ein schwaches Geräusch – – wie das Knarren einer schlechtgeölten, verrosteten Türangel beim Öffnen: Es war das Hurrageschrei der Mannschaft des »Fürst Bismarck«.

Und dann – – noch immer während dieser Pause im Aufruhr – stieg die Sonne empor. Die dunkeln Wasser wurden leuchtend blau und ein Strom goldenen Lichts verklärte die Welt. Es war wie ein plötzliches Lächeln in einer Szene voll Haß und Entsetzen. Der Wolkenschleier war wie durch Zauber verschwunden; und die ganze Unermeßlichkeit der deutschen Luftflotte zeigte sich am Himmel – – der Luftflotte, die jetzt auf ihre Beute herabstieß.

Krach – bum – – – krach – – bum – – hoben jetzt die Kanonen wieder an. Aber Panzerschiffe waren nicht für den Kampf mit dem Zenit gemacht, und das einzige, was die Amerikaner vermochten, waren da und dort ein paar glückliche Schüsse in einem im allgemeinen gänzlich wirkungslosen Gewehrfeuer. Ihre Kolonne war jetzt ganz gesprengt; der »Theodore Roosevelt« war, als Wrack, mit kampfunfähigen Vorderdeckgeschützen, hinter der Linie zurückgeblieben; die »Susquehanna« war gesunken und der »Monitor« befand sich in ernstlicher Gefahr. Er und der »Theodore Roosevelt« hatten ihr Feuer ganz eingestellt, ebenso die »Weimar« und die »Bremen«. Alle vier Schiffe lagen, in einem Waffenstillstand wider Willen, auf Schußweite nebeneinander, und alle vier hatten noch ihre Flagge aufgezogen. Nur vier amerikanische Schiffe, an der Spitze der »Andrew Jackson«, hielten noch ihren Kurs nach Südosten. Parallel mit ihnen, fortwährend feuernd, dampften der »Fürst Bismarck«, der »Hermann« und der »Germanicus« und versuchten, sie zu überholen. In der Luft erhob sich langsam das »Vaterland« und bereitete sich auf den Schlußakt des Dramas vor.

Jetzt nahmen etwa ein Dutzend Luftschiffe Aufstellung hintereinander und ließen sich dann rasch, aber ohne Hast, in Verfolgung der amerikanischen Flotte durch die Luft nieder. Sie blieben in einer Höhe von zweitausend Fuß oder mehr, bis sie über oder etwas vor dem letzten Panzerschiff standen; dann schossen sie rasch, inmitten eines Kugelregens, nieder und warfen, indem sie um eine Idee schneller gingen als unten das Schiff, einen Hagelschauer von Bomben auf seine mangelhaft geschützten Decks, bis diese eine einzige große Fläche voll detonierender Flammen waren. So zogen die Luftschiffe, eins hinter dem andern, über die amerikanische Linie weg, die noch immer versuchte, den Kampf gegen den »Fürst Bismarck«, den »Hermann« und den »Germanicus« aufrecht zu erhalten; und jedes Luftschiff brachte neue Verheerung und Verwirrung zu der alten, die sein Vorgänger angerichtet hatte. Das Kanonenfeuer der Amerikaner hörte bis auf wenige heldenmütige Geschütze auf; aber noch immer dampften sie weiter, hartnäckig, unbesiegt, blutig, zerschlagen, in grimmem Widerstand, Kugeln nach den Luftschiffen speiend und erbarmungslos verfolgt von den deutschen Panzerschiffen. Aber Bert erhaschte jetzt nur noch ab und zu einen flüchtigen Blick auf sie zwischen den massigen Rümpfen der Luftschiffe durch, die sie bekämpften . . . .

Dann fiel es plötzlich auf, daß die Schlacht ferner rückte und immer kleiner und unhörbarer wurde. Das »Vaterland« erhob sich durch die Luft, langsam und stumm, bis das Donnern der Kanonen nicht mehr das Herz traf, sondern nur noch – gedämpft durch die Entfernung – ans Ohr schlug, und bis die vier stumm gewordenen Schiffe im Osten kleine, ferne Punkte waren. Aber waren es auch vier? Bert sah nur noch drei der schwimmenden, schwarzen, rauchenden Schiffsruinen in der Sonne dort unten. Aber die »Bremen« hatte zwei Boote ausgesetzt; und auch der »Theodore Roosevelt« ließ Boote herab, auf die eine Masse von winzigen, kämpfenden, mit den breiten, großen Wellen des Atlantik steigenden und fallenden Pünktchen zutrieb . . . . Das »Vaterland« folgte der Schlacht nicht länger. Und der ganze hastende Tumult da unten trieb davon, südostwärts – – wurde kleiner und kleiner, verstummte mehr und mehr . . . . Eins der Luftschiffe lag brennend auf dem Wasser wie ein ferner riesiger Flammenwirbel, und weit im Südwesten tauchten erst eines und dann drei weitere deutsche Panzerschiffe auf, die ihren Kameraden zu Hilfe eilten . . . .


VI

Ruhig und sicher stieg das »Vaterland« wieder empor und mit ihm die ganze Luftflotte, und nahm seinen Kurs auf New York zu; und die Schlacht wurde etwas ganz Kleines – – weit Entferntes – – ein zufälliges kleines Erlebnis vor dem ersten Frühstück. Sie schrumpfte zusammen zu einer fernen Kette von dunkeln Formen und einem rauchenden gelben Feuerschein, der bald darauf nur noch ein undeutlicher Fleck im weiten Horizont und dem neuen, hellen Tag und schließlich ganz verschwunden war . . . .

So also sah Bert Smallways den ersten Kampf des Luftschiffs und den letzten Kampf jener seltsamsten aller Dinge in der ganzen Kriegsgeschichte: der Panzerschiffe, deren Laufbahn mit den schwimmenden Batterien des Kaisers Napoleon III. im Krimkrieg begann und bei einem ungeheuren Aufwand an menschlicher Energie und an Kosten siebzig Jahre lang dauerte. Während dieses Zeitraums produzierte die Welt über zwölftausendfünfhundert dieser seltsamen Ungeheuer, in Klassen, in Typen, in Serien, jedes größer und schwerer und tödlicher als seine Vorgänger. Jedes wurde zuerst als ein Wunder seiner Zeit begrüßt, die meisten wurden zuletzt als altes Eisen verkauft. Nur etwa fünf Prozent von allen kämpften jemals in einer Schlacht mit. Einige gingen unter, andere strandeten und sanken, wieder andere rannten einander aus Versehen an und gingen unter. Das Leben zahlloser Menschen, das wundervolle Genie und die Geduld von Tausenden von Ingenieuren und Erfindern, unermeßliche Schätze an Geld und Material wurden in ihrem Dienst verbraucht; verkommene, verhungerte Existenzen am Land, Millionen von Kindern, die zu harter Arbeit gezwungen waren, unzählige unausgenützte, verlorene Gelegenheiten kostbaren Lebens haben wir ihnen zu verdanken. Für sie mußte Geld beschafft werden um jeden Preis – – das war Gesetz für die Existenz einer Nation in jener seltsamen Zeit. Wahrlich – sie waren die unheimlichsten, die unheilbringendsten und kostspieligsten aller Riesenfaultiere in der ganzen Geschichte der mechanischen Erfindung.

Und dann machten billige Dinger aus Gas und Drahtgeflecht, die aus der Luft nach ihnen zielten, ihnen ganz und für immer ein Ende! . . .

Noch nie zuvor hatte Bert Smallways so der bloßen Vernichtung ins Auge geschaut, noch nie waren ihm Verschwendung und Verheerung des Kriegs so zum Bewußtsein gekommen. Langsam begriff es sein aufgeschreckter Geist: auch dies war Leben! Aus all dem leidenschaftlichen Sturm der Empfindung löste sich – als Haupteindruck – ein Bild – – das Bild der Mannschaft des »Theodore Roosevelt«, die nach der Explosion der ersten Bombe mit den Wellen gerungen hatte. »Herrgott!« sagte er bei der Erinnerung . . . . »Und das hätten grade so gut ich und Grubb sein können! . . . Man schlägt um sich – – und Wasser läuft einem in den Mund, denk' ich mir . . . . Lange wird's ja nicht dauern, glaub' ich.«

Es drängte ihn, zu sehen, was für einen Eindruck das alles auf Kurz gemacht hatte. Auch fühlte er, daß er hungrig war. Zögernd ging er nach der Tür der Kabine und spähte hinaus in den Gang. Ganz unten, vorn, wo es zur Kantine abging, stand eine kleine Gruppe von Luftschiffern und besah sich etwas, das eine Nische ihm verbarg. Einer von ihnen war in dem leichten Taucheranzug, den Bert schon in der Gaskammermansarde gesehen hatte, und es kam ihm die Lust an, hinzugehen und sich den Mann und den Helm, den er unter dem Arm trug, näher zu betrachten. Aber als er zu der Nische kam, vergaß er den Helm. Vor ihm auf dem Boden lag der Leichnam des Mannes, den eine Kugel vom »Theodore Roosevelt« getötet hatte.

Bert hatte gar nicht bemerkt, daß überhaupt Kugeln bis zum »Vaterland« emporgedrungen waren; er wußte gar nicht, daß es im Feuer gewesen war. Eine ganze Weile begriff er gar nicht, was den Jungen getötet hatte; es erklärte es ihm auch keiner.

Der Mann lag noch ganz so wie er gefallen und gestorben war – – die Jacke zerrissen und versengt, das Schulterblatt zerschmettert und vom Rumpf gerissen und die ganze linke Seite seines Körpers zerfetzt und zermalmt. Er war voller Blut. Die Leute hörten dem Mann mit dem Helm zu, der allerhand erklärte und auf das runde Loch im Boden und die klaffende Holzverkleidung des Gangs wies, an denen das noch immer bösartige Geschoß den Rest seiner Kraft ausgelassen hatte. Alle Gesichter waren ernst und nachdenklich: Gesichter von blonden, blauäugigen, nüchternen Männern, die an Gehorsam und geordnetes Leben gewöhnt waren, und denen dies vernichtete, nasse, jammervolle Etwas, das noch vor kurzem ihr Kamerad gewesen war, ebenso fremd und seltsam deuchte wie Bert.

Den Gang herab, von der Richtung der kleinen Galerie her, erscholl jetzt lautes Lachen, und jemand sprach – – auf Deutsch – – in Tönen höchsten Triumphs.

Andere Stimmen von leiserem, respektvollerem Klang antworteten.

»Der Prinz!« sagte einer, und alle die Männer wurden steifer und weniger natürlich. Den Gang herab kam eine Gruppe von Personen. An der Spitze Leutnant Kurz mit einem Pack Papiere in der Hand.

Als er das Ding in der Nische erblickte, stand er stockstill und sein frisches Gesicht ward weiß. »Oh!« sagte er bestürzt. Der Prinz kam dicht hinter ihm und redete über die Schulter weg mit dem Kapitän und Winterfeld. »He?« sagte er zu Kurz, indem er sich mitten im Satz unterbrach und der Bewegung von Kurz' Hand folgte. Er starrte den zerfetzten Gegenstand in der Nische an und schien einen Augenblick zu überlegen.

Dann machte er eine leichte Handbewegung nach dem Leichnam und wandte sich zum Kapitän.

»Fortschaffen!« sagte er und ging weiter, indem er in dem eben unterbrochenen Satz fortfuhr.


VII

Das Bild der hilflos ertrinkenden Menschen, das Bert hauptsächlich von dem Kampf im Atlantik geblieben war und das ihm einen so starken Eindruck gemacht hatte, vermischte sich unauflöslich mit dem der herrischen Persönlichkeit des Prinzen Karl Albert, wie er mit einer Handbewegung an der Leiche des getöteten Luftschiffers vorüberschritt. Bert hatte bisher sich in dem Gedanken gefallen, daß der Krieg eher etwas Lustiges, Wildes, Aufregendes sein müsse, so etwa in der Art einer Pfingstmontagkeilerei großen Stils, im ganzen erfreulich und angenehm. Jetzt wußte er es besser.

Der nächste Tag trug noch mehr zum Schwinden seiner Illusionen bei durch einen Eindruck, der an sich trivial und eine bloße, unumgänglich notwendige alltägliche Begleiterscheinung des Kriegszustandes war, aber auf seine humane Phantasie äußerst verletzend wirkte. Man bedient sich des Ausdrucks »human«, um eine gewisse, jener Periode eigene Weichmütigkeit auszudrücken. Es gehörte zu den eng durcheinanderwimmelnden Stadtmenschen jener Zeit, daß sie – ganz verschieden von jeder normalen Erfahrung aus vorhergehenden Zeitaltern – – niemals töten sahen, niemals, außer durch die Vermittlung von Büchern oder Bildern, dem Faktum der gewaltsamen Tötung gegenüberstanden, die allem Leben zugrunde liegt. Dreimal in seinem Dasein, nur dreimal, hatte Bert einen toten Menschen gesehen; töten sehen hatte er nie etwas, außer höchstens ein neugeborenes Kätzchen.

Das Geschehnis, das ihm diesen dritten Chok versetzte, war die Hinrichtung eines der Leute auf dem »Vogelstern«, der beim Anstecken einer Pfeife ertappt worden war. Der Mann war in flagranti überrascht worden. Er hatte sie, als er an Bord kam, vergessen. Strengste Verbote gegen dieses Vergehen waren jedem einzelnen eingeschärft worden, und an den verschiedensten Stellen in jedem einzelnen Luftschiff angeschlagen. Zu seiner Verteidigung brachte der Mann vor, er sei an die Verbote so gewöhnt gewesen und seine Arbeit hätte ihn so in Atem gehalten, daß er sie gar nicht mehr auf sich bezogen hätte. Er brachte also als Milderungsgrund vor, was beim Militär ein weiteres schweres Verbrechen ist – Unaufmerksamkeit. Die Untersuchung führte sein Kapitän, der Urteilsspruch wurde vom Prinzen vermittels drahtloser Telegraphie bestätigt, und es wurde beschlossen, an seinem Tod ein Exempel für die ganze Flotte zu statuieren. »Zum Maulaffenfeilhalten«, erklärte der Prinz, »seien die Deutschen nicht über den Atlantik geflogen!«

Und damit diese Lektion in Disziplin und Gehorsam für alle sichtbar sein sollte, wurde beschlossen, den Verbrecher nicht elektrisch hinzurichten oder zu ertränken, sondern ihn zu hängen.

Demgemäß sammelte sich die Luftflotte um das Flaggschiff wie Karpfen in einem Teich zur Fütterungszeit. Der »Vogelstern« hing im Zenit, unmittelbar neben dem Flaggschiff. Die ganze Mannschaft des »Vaterland« versammelte sich auf der Schwebegalerie; die Mannschaften der übrigen Luftschiffe hielten die Luftkammern besetzt, das heißt sie kletterten am Außennetz empor. Die Offiziere erschienen auf den Plattformen der Maschinengeschütze. Bert, der von seinem Platz aus die ganze Flotte unter sich sah, fand den Anblick geradezu überwältigend. Ganz unten, fern, sah er, als winzigste Objekte und gleichsam als Maßstab für das ganze Schauspiel, zwei Dampfer auf dem gekräuselten blauen Wasser – einer ein Engländer, der andere unter amerikanischer Flagge. Sie schienen unermeßlich fern. Bert stand auf der Galerie, voll Neugier auf die Exekution und voller Unbehagen.

Jetzt wurde der Mann vom »Vogelstern« gehängt. Sie hatten ein Tau von sechzig Fuß genommen, damit alle Übeltäter, die etwa auch Streichhölzer mit sich herumtrugen oder sich eines ähnlichen Ungehorsams schuldig machten, ihn deutlich sehen sollten. Bert sah ihn stehen – in dieser Sekunde noch ein lebender, widerstrebender Mensch, im Herzen sicherlich voll Furcht und Empörung, äußerlich aufrecht und stramm. Er stand auf der unteren Galerie des »Vogelstern«, etwa hundert Meter von Bert. Dann warfen sie ihn über Bord . . . .

Er fiel, mit ausgestreckten Händen und Füßen, bis er mit einem Ruck am Ende des Taus angelangt war. Und nun hätte er sterben und zur allgemeinen Erbauung baumeln sollen. Aber etwas weit Fürchterlicheres geschah. Der Kopf trennte sich glatt vom Rumpf, und der Körper stürzte, in rasendem Schwung sich um sich selbst drehend, ein klägliches, groteskes, phantastisches Etwas, in die See. Der Kopf flog hinterher.

»Uff!« sagte Bert, sich ans Geländer klammernd; von verschiedenen der Leute neben ihm kam ein mitfühlendes Knurren.

Eine lange Weile blieb Bert an das Geländer der Galerie angeklammert stehen. Er empfand fast ein physisches Übelbefinden vor Entsetzen über dieses eine unwichtige Geschehnis. Er fand es weit schrecklicher als die Schlacht. Er war eben ein ganz degenerierter, moderner, zivilisierter Mensch . . . .

Spät am Nachmittag kam Kurz in die Kabine und fand ihn, in seine Decken gewickelt und mit einem sehr weißen und kläglichen Gesicht, auf der Truhe zusammengekauert. Auch Kurz hatte etwas von seiner ursprünglichen Frische eingebüßt.

»Seekrank?« fragte er.

»Nein.«

»Heut abend müssen wir New York erreichen. Es bläst uns eine gute Brise unter das Heck. Dann werden wir was erleben!«

Bert antwortete nicht.

Kurz schlug Klapptisch und Stuhl auf und raschelte eine Weile mit seinen Karten. Dann lehnte er sich in düsterm Sinnen zurück. Schließlich raffte er sich zusammen und blickte zu seinem Kabinengenossen hinüber. »Was ist los?« fragte er.

»Nichts.«

Kurz starrte ihn drohend an. »Was ist los?« wiederholte er.

»Ich hab' gesehen, wie sie den Menschen umgebracht haben. Ich hab' gesehen, wie die Flugmaschine auf die Schornsteine stieß. Ich hab' den toten Burschen im Gang gesehen. Ich hab' zu viel Tod und Verderben gesehen heut! Das ist los. Ich mag es nicht. Ich hab' nicht gewußt, daß das der Krieg ist. Ich bin kein Soldat. Ich mag es nicht!«

»Ich mag es auch nicht,« sagte Kurz. »Beim Zeus! Nein!«

»Ich hab' über den Krieg gelesen und all so was. Aber wenn man es sieht, ist's anders. Und ich werd' auch schwindlig. Erst hat es mir gar nichts ausgemacht, daß ich in dem Ballon war; aber dies ewige Hinunterschauen und über alles andere Wegfliegen, und die Menschen zerschmettern, das geht mir nachgerade auf die Nerven. Verstehen Sie?«

»Wird auch wieder ab gehen müssen.«

Kurz dachte nach. »Sie sind nicht der einzige. Die Leute sind alle ein bißchen mitgenommen. Fliegen – – nun, das ist eben Fliegen. Natürlich macht es einen erst ein bißchen dumm im Kopf. Und was das Töten betrifft – – nun, wir müssen uns eben ans Blut gewöhnen. Das ist alles. Wir sind zahme, zivilisierte Menschen. Und wir müssen uns ans Blut gewöhnen. Ich glaube, es ist kein Dutzend Leute auf dem Schiff, die wirkliches Blutvergießen erlebt haben. Ruhige, wohlerzogene, gehorsame Deutsche sind sie gewesen bis jetzt . . . . Und jetzt so mitten drin . . . . Natürlich sind sie ein bißchen verweichlicht jetzt. Aber warten Sie nur, bis sie erst einmal ordentlich angefangen haben!«

Er sann nach. »Jeden nimmt's ein bißchen mit,« sagte er dann.

Er wandte sich wieder seinen Karten zu. Bert saß zusammengekauert in der Ecke, augenscheinlich ohne auf ihn zu hören. Eine Weile sprachen beide nicht.

»Wozu mußte der Prinz eigentlich den Burschen aufhängen lassen?« fragte Bert plötzlich.

»Das war ganz in der Ordnung,« erwiderte Kurz, »das war ganz in der Ordnung. Ganz. Die Vorschriften waren da, so klipp und klar, wie die Nase in Ihrem Gesicht, und der Esel läuft mit einer Pfeife herum – –«

»Alle Wetter! Das werd' ich nicht so bald wieder vergessen!« sagte Bert, ohne auf ihn zu hören.

Kurz erwiderte nichts. Er maß die Entfernung bis New York und vertiefte sich in Spekulationen. »Wie wohl die amerikanischen Aeroplane sein mögen?« sagte er. »So ähnlich wie unsere Drachenflieger? . . . Morgen um diese Zeit werden wir's ja wohl wissen . . . . Möcht' wissen, was wir dann wissen werden! . . . Wenn sie nun doch einen Kampf riskieren? . . . Närrische Art von Kampf das!«

Er pfiff sachte vor sich hin und überlegte. Dann lief er aus der Kabine, und Bert fand ihn später im Zwielicht auf der schwankenden Plattform, wo er in die Höhe starrte und über Dinge spekulierte, die morgen geschehen konnten. Wolken verschleierten wieder die See, und der lange, keilförmige Schwarm von im Flug sich hebenden und senkenden Luftschiffen glich einer Herde seltsamer, fremdartiger, neuer Schöpfungen in einem Chaos, das weder Erde noch Wasser war, sondern nichts als Nebel und Luft.



Sechstes Kapitel: Wie der Krieg über New York kam


I

Die Stadt New York war im Jahr des deutschen Angriffs die ausgedehnteste, reichste, in vieler Hinsicht die prächtigste und in mancher die lasterhafteste Stadt, die die Welt je gesehen hatte. Sie war der erstklassige Typ der Stadt des wissenschaftlich-kommerziellen Zeitalters. Seine Größe, seine Macht, sein harter, gesetzloser Unternehmungsgeist und seine soziale Desorganisation fanden in ihr den auffallendsten und vollkommensten Ausdruck. Sie hatte London, das sich mit Stolz das moderne Babylon nannte, längst überflügelt; sie war das Zentrum der Weltfinanz, des Welthandels und der Weltlust; und die Menschen verglichen sie mit den apokalyptischen Städten der alten Propheten. Sie sog in sich den Reichtum eines Kontinents auf, so wie Rom den Reichtum des Mittelmeers und Babylon den Reichtum des Orients aufgesogen hatten. In ihren Straßen fand man die Extreme von Pracht und Elend, von Zivilisation und Ordnungslosigkeit. In dem einen Viertel reckten sich Paläste aus Marmor, überrieselt und gekrönt von Licht und Flammen und Blumen, in unbeschreiblicher Schönheit in ein wunderbares Zwielicht empor; in dem andern hungerte eine schwarze, finstere, aus allen Zungen zusammengewürfelte Bevölkerung in unbeschreiblichen Haufen . . . in Höhlen und Rattenlöchern, von deren Vorhandensein die Behörden keine Ahnung und über die sie keine Gewalt hatten. Ihre Laster, ihre Verbrechen, ihre Gesetze, alle entsprangen aus ein und demselben leidenschaftlichen und furchtbaren Lebensdrang, und wie in den großen Städten des mittelalterlichen Italien waren auch ihre Wege dunkel und abenteuerlich und voll von inneren Kriegen . . .

Die eigentümliche Form der Insel Manhattan, die auf allen Seiten von Meeresarmen eingezwängt und, mit Ausnahme eines schmalen, nach Norden gehenden Gürtels, zu jeder bequemeren Ausdehnung ungeeignet war, gab den New Yorker Architekten den ersten Anstoß zu außergewöhnlichen vertikalen Dimensionen. Alles, was sie brauchten, ward ihnen reichlich geliefert – Geld, Material, Arbeit; bloß an Raum mangelte es. Sie bauten also im Anfang notgedrungen hoch. Aber dies hieß eine ganze neue Welt architektonischer Schönheit, wundervoller, aufsteigender Linien entdecken; und lang nachdem die Enge des Zentrums durch unterseeische Tunnels, vier kolossale Brücken über den East River und ein Dutzend Einschienenbahnen nach Osten und Westen entlastet war, ging das Wachstum in die Höhe noch immer weiter. In vieler Hinsicht waren New York und seine üppige Plutokratie eine Wiederholung von Venedig, so zum Beispiel in der Pracht ihrer Architektur, ihrer Malerei, ihrer Metallarbeiten, ihrer Skulptur, in der grausamen Intensität ihres politischen Vorgehens, in ihrem Übergewicht in Schiffahrt und Handel. Aber keinem früheren Staat glich es in der laxen Ordnungslosigkeit seiner inneren Verwaltung, einer Laxheit, die weite Teile seines Gebiets unerhört gesetzlos machte, so daß es vorkommen konnte, daß ganze Distrikte nicht passierbar waren, weil der Bürgerkrieg von Straße zu Straße tobte, und daß mitten in ihrem Herzen ein Alsatia [Londoner Stadtbezirk, der in früheren Zeiten ein Asyl für Verbrecher war.] existierte, in das die Polizei nie einen Fuß setzte. Es war ein Mahlstrom des Heidentums. Die Flaggen aller Nationen wehten in seinem Hafen, und die jährlich über den Ozean kommenden und gehenden Schiffe zählten alles in allem mehr als zwei Millionen Menschen. Für Europa war New York Amerika. Für Amerika war es die Pforte der Welt.

Aber die Geschichte New Yorks schreiben, hieße eine soziale Geschichte der Welt schreiben. Heilige und Märtyrer, Träumer und Schurken, die Traditionen von tausend Rassen und tausend Religionen nährten sein Blut, pulsierten und drängten sich in seinen Straßen. Und über all diesem wirren Strom von Menschen und ihrem tausendfachen Streben flatterte das seltsame Banner, die Sterne und Streifen, die gleichzeitig das Edelste im Leben und das Unedelste bedeuten: auf der einen Seite die Freiheit und auf der andern die gemeine Eifersucht, die das ichsüchtige Individuum dem allgemeinen Streben des Staats gegenüber empfindet . . .

Viele Generationen hindurch hatte New York sich um Krieg nicht gekümmert, außer als etwas, das irgendwo in der Ferne vor sich ging, das die Preise beeinflußte und die Zeitungen mit sensationellen Kopfzeilen und Illustrationen füllte. Die New Yorker fühlten sich vielleicht noch sicherer, als einst die Engländer, daß der Krieg in ihrem eigenen Land etwas Unmögliches sei. Sie teilten hierin den Wahn von ganz Nordamerika. Sie fühlten sich so sicher wie die Zuschauer bei einem Stierkampf: sie riskierten vielleicht ihr Geld dabei; das war alles. Die Ideen vom Krieg, wie die Amerikaner im allgemeinen sie besaßen, waren aus dem engbegrenzten, malerischen, abenteuerlichen Krieg der Vergangenheit geschöpft. Sie sahen den Krieg, wie sie die Geschichte sahen – durch einen regenbogenfarbenen Nebel – romantisch – parfümiert – all seine tatsächlichen Grausamkeiten taktvoll verhüllt. Sie seufzten ihm nach als etwas Hohem, Veredelndem, sie bedauerten, daß sie selbst das nicht mehr erleben konnten. Sie lasen mit Interesse, ja mit Gier von ihren neuen Geschützen, ihren ungeheuerlichen und immer ungeheuerlicheren Panzerschiffen, ihren unglaublichen und immer unglaublicheren Explosivgeschossen, aber was diese gewaltigen Zerstörungsmaschinen für ihr persönliches Leben zu bedeuten haben könnten – das war das einzige, was ihnen nicht in den Kopf wollte. Soweit man aus der damaligen Literatur entnehmen kann, dachten sie überhaupt nicht, daß sie für ihr persönliches Leben etwas bedeuteten. Sie dachten, Amerika säße sicher hinter all seinen aufgestapelten Geschossen. Sie schwenkten ihr Banner, sie schrien Hurra aus alter Gewohnheit und Tradition, sie verachteten die andern Nationen, und wenn es irgendeine internationale Schwierigkeit gab, waren sie unendlich patriotisch, das heißt sie waren Feuer und Flamme gegen jeden ihrer eigenen Politiker, der nicht das gegnerische Volk in Wort und Tat laut beschimpfte und bedrohte. Sie trotzten Asien, sie trotzten Deutschland, sie trotzten Großbritannien in einer Weise, daß die internationale Haltung des Mutterlands seiner großen Tochter gegenüber in der zeitgenössischen Karikatur ständig mit der eines Pantoffelhelden einer boshaften jungen Xanthippe gegenüber verglichen wurde. Und im übrigen gingen sie ihrem Geschäft und Vergnügen nach, als wäre mit dem Megatherium auch der Krieg ausgestorben . . . .

Und dann – plötzlich – – in diese Welt, die sich in aller Friedlichkeit hauptsächlich mit Kriegsrüstung und der Vervollkommnung von Geschossen beschäftigte, – kam der Krieg – – kam der plötzliche Chok der Erkenntnis, daß all diese Kanonen losgingen, daß all diese Massen entzündlichen Materials, die über alle Welt verbreitet waren, in Flammen standen . . .!


II

Die unmittelbare Wirkung, die der unvermittelte Ausbruch des Kriegs auf New York hatte, war zunächst einfach eine Steigerung seines normalen Lebensfiebers.

Die Zeitungen und Zeitschriften, von denen der amerikanische Geist sich nährte – Bücher waren für diesen ungeduldigen Kontinent überhaupt nur noch Material für Sammler – waren sofort ein wahres Feuerwerk von Kriegsbildern und Kopfzeilen, die aufschossen wie die Raketen und zersprangen wie die Granaten. Zu dem schon im normalen Zustand hochgespannten Getriebe der New Yorker Straßen kam noch ein Anfall von Kriegsfieber. Um das Farragut-Denkmal im Madison Square sammelten sich, hauptsächlich um die Mittagsstunde, große Menschenmengen, um patriotischen Reden zu lauschen und Hurra zu schreien; und eine wahre Epidemie kleiner Flaggen und Kokarden verbreitete sich unter die Riesenströme von jungen, eiligen, hastenden Leuten, die morgens mit der Tram und der Einschienenbahn, mit der Untergrundbahn oder mit dem Zug nach New York hereinfluteten, um zwischen fünf und sieben wieder heimwärts zu ebben. Es war geradezu lebensgefährlich, keine Kriegskokarde zu tragen. Die luxuriösen Tingeltangels jener Zeit spitzten jede Nummer auf Patriotismus zu und waren der Schauplatz von Szenen des wildesten Enthusiasmus; starke Männer weinten wie die Kinder beim Anblick des von der gesamten Stärke des Balletts gehaltenen Nationalbanners; Extrailluminationen und Scheinwerfer strahlten aus allen Ecken und Winkeln. Die Kirchen hallten, in ernstem Ton und gemäßigterem Tempo, die nationale Begeisterung wider, und die Vorbereitungen der Marine- und Luftschifferabteilung am East River hatten einen schweren Stand der Unmenge von Vergnügungsdampfern gegenüber, die sie, hilfsbereit und Hurra schreiend, umdrängten. Der Handel in kleineren Waffen stieg enorm, und viele der überreizten Bürger fanden in ihrer Erregung eine momentane Erleichterung durch das Loslassen von Feuerwerken mehr oder minder heroischen, gefährlichen und nationalen Charakters in den öffentlichen Straßen. Im Zentralpark wurden die an Schnüren herumgezerrten Kinderluftballons letzten Modells bald ein ernstliches Hindernis für die Fußgänger. Und unter Szenen unbeschreiblicher Erregung und mit Übergehung zahlreicher Gesetze und Präzedenzfälle brachte der Senat zu Albany in einer permanenten Sitzung die lang umstrittene Bill für allgemeine Wehrpflicht im Staate New York durch beide Häuser.

Beurteiler des amerikanischen Charakters sind geneigt, zu behaupten, daß bis zu dem Moment, in dem der Angriff der Deutschen wirklich erfolgte, die New Yorker den Krieg viel zu sehr als eine politische Demonstration behandelten. Mit dem Tragen von Kokarden, dem Schwenken von Flaggen, mit Feuerwerken und patriotischen Liedern hätten sie, so sagen sie, weder den Deutschen noch den Japanern je irgendwelchen Schaden zugefügt. Sie vergaßen, daß unter den durch ein Jahrhundert der Wissenschaft geschaffenen Bedingungen für Kriegführung der nichtmilitärische Teil der Bevölkerung seinen Feinden überhaupt in keiner Form irgendwelchen Schaden zufügen konnte, daß darum also kein Grund vorhanden war, weshalb sie sich nicht so betragen sollten, wie sie das taten. Die militärische Stärke einer Nation lag jetzt nicht mehr in den Händen der vielen, sondern in denen weniger, ging vom allgemeinen über zum einzelnen. Die Tage, in denen kampfbegeisterte Infanterie noch Schlachten entschieden hatte, waren für immer vorüber. Heute war der Krieg ein komplizierter Mechanismus, der auf einer Ausbildung und Geschicklichkeit einzelner in Einzelheiten allerverwickeltster Art beruhte. Er war undemokratisch geworden. Und was auch der Wert oder Unwert des allgemeinen Enthusiasmus gewesen sein möge – – jedenfalls läßt sich nicht leugnen, daß das kleine stehende Institut der Regierung der Vereinigten Staaten, als es sich plötzlich und gänzlich unerwartet dieser Tatsache eines bewaffneten Einfalls von seiten Europas gegenübersah, mit Energie, Klugheit und Erfindungsgabe vorging. Es wurde – sofern die diplomatische Situation in Betracht kam – überrumpelt und seine Vorbereitungen zum Bau von Schiffen oder Aeroplanen waren – im Vergleich mit den riesigen des deutschen Parks – – wertlos. Trotzdem machten sie sich sofort daran, der Welt zu beweisen, daß der Geist, der den »Monitor« und die Unterseeboote von 1864 geschaffen hatte, nicht tot war. Der Chef des aeronautischen Instituts bei West Point war Cabot Sinclair; und nur einen Moment lang gestattete er sich, der Neigung zum Volksredenhalten nachzugeben, die so allgemein war in jener demokratischen Zeit. »Wir haben uns unsern Nachruf selbst gewählt!« sagte er zu einem Reporter. ›Sie haben getan, was sie konnten!‹ soll er lauten. Und damit – adieu!«

Das Merkwürdige bei der Sache ist, daß wirklich alle alles taten, was sie konnten; man weiß von nicht einer Ausnahme. Der einzige Mangel war Mangel an Stil.

Einer der – historisch genommen – auffallendsten Umstände in der Geschichte dieses Kriegs, und der Umstand, der die völlige Trennung zwischen den Methoden der Kriegführung und der Notwendigkeit einer Unterstützung von seiten des Volks am schärfsten markiert, ist die absolute Verschwiegenheit, die die Washingtoner Autoritäten über ihre Luftschiffe bewahrten. Auch nicht einen Umstand ihrer Vorbereitungen vertrauten sie der Öffentlichkeit an. Nicht einmal zu dem Kongreß davon zu sprechen ließen sie sich herab. Jede Frage erstickten oder umgingen sie. Der ganze Krieg wurde vom Präsidenten und von den Staatssekretären in absolut autokratischem Sinn geführt. Wo sie die Öffentlichkeit suchten, geschah es nur, um etwaiger ungeschickter Agitation vorzubeugen oder um bestimmte Punkte zu verteidigen. Sie waren sich klar darüber, daß die Hauptgefahr bei einer Kriegführung in der Luft seitens eines so erregbaren und intelligenten Volks darin lag, daß dieses lokale Luftschiffe und Aeroplane zur Verteidigung lokaler Interessen fordern wurde. Bei den Mitteln, die ihnen zu Gebote standen, konnte dies zu einer fatalen Spaltung und Zersplitterung der nationalen Kräfte führen. Hauptsächlich fürchteten sie, daß sie in eine verfrühte Aktion zur Verteidigung New Yorks gedrängt werden könnten. Sie sahen mit prophetischer Einsicht voraus, daß dies gerade der Vorteil war, den die Deutschen suchen würden. Darum gaben sie sich die äußerste Mühe, die öffentliche Meinung von jedem Gedanken an eine Luftschlacht ab- und auf die Defensivartillerie zuzulenken. Ihre eigentlichen Vorbereitungen maskierten sie unter Scheinvorbereitungen. In Washington befand sich eine große Reserve von Marinegeschützen; und diese wurden rasch, sehr öffentlich und unter großer Aufmerksamkeit seitens der Presse unter die Städte im Osten verteilt. Sie wurden zum größten Teil auf Hügeln und Anhöhen um die bedrohten Zentren der Bevölkerung aufgestellt. Sie waren montiert auf einer Art Doanschen Drehböden, die zu jener Zeit für schwere Geschütze das größte vertikale Schußfeld ermöglichten. Ein großer Teil dieser Geschütze war noch nicht montiert und fast alle waren noch ungeschützt, als die deutsche Luftflotte New York erreichte. Und drunten, in den menschenwimmelnden Straßen, regalierten sich, als dies geschah, die Leser der New Yorker Zeitungen an wunderbaren und wunderbar illustrierten Berichten über Dinge, wie:


Das Geheimnis des Blitzes.
Vervollkommnung des elektrischen Geschützes durch einen Gelehrten.
Elektrische Vernichtung von Luftschiffbesatzungen von unten.
Washington bestellt fünfhundert Stück.
Kriegsminister Lodge äußert seinen Beifall.
Ausspruch des Kriegsministers: Wir werden damit
den Deutschen »von Grund aus« imponieren.
Der Präsident spricht dem Minister öffentlich seine
Anerkennung für dies launige Motto aus.


III

Die deutsche Flotte erreichte New York noch ehe die Nachricht von der Niederlage der Amerikaner im Atlantik angelangt war. Sie erreichte New York spät am Nachmittag. In Ocean Grove und Long Branch entdeckte man sie zuerst, wie sie rasch von Süden her übers Wasser kam und in nordwestlicher Richtung weitereilte. Das Flaggschiff passierte fast vertikal über das Observatorium von Sandy Hook weg, indem es dabei rasch in die Höhe stieg; und wenige Minuten später erzitterte ganz New York unter den Kanonen von Staten Island.

Mehrere dieser Kanonen, hauptsächlich die in Gifford und eine auf Beacon Hill über Matavan, waren hervorragend gut bedient. Die erstere sandte, in einer Entfernung von fünf Meilen und mit einer Erhöhung von sechstausend Fuß, eine Granate aus, die so dicht am »Vaterland« krepierte, daß ein Splitter eine Scheibe im Vorderfenster des Prinzen zertrümmerte. Bei dieser plötzlichen Explosion zog Bert seinen Kopf so geschwind ein, wie eine erschreckte Schildkröte. Die ganze Luftflotte stieg sogleich senkrecht zu einer Höhe von ungefähr zwölftausend Fuß auf und flog unangefochten über die wirkungslosen Geschosse weg. Die Luftschiffe bildeten nun, während sie sich vorwärts bewegten, ein abgeplattetes V mit der Spitze nach der Stadt zu; das Flaggschiff zuoberst an der Spitze. Die beiden Enden des V nahmen ihren Weg über Plumfield und Jamaica Bay, und der Prinz nahm seinen Kurs etwas östlich von der Meerenge, flog über Upper Bay und hielt über der Stadt Jersey, in einer Position, die das südliche New York beherrschte. Und so – groß und wunderbar – im Abendschein – in heiterer Nichtachtung der gelegentlichen Raketenexplosionen und blitzenden Granatenkrache – hingen die Ungetüme jetzt über New York.

Es war eine Pause gegenseitiger Beaugenscheinigung. Eine Zeitlang erstickte die naive Menschlichkeit sämtliche Konventionen des Kriegs. Das Interesse der Millionen unten und der Tausende oben war beiderseitig ein rein zuschauerisches. Es war ein ungewöhnlich schöner Abend – nur wenige dünne, wagrechte Wolkenstreifen unterbrachen in einer Höhe von sieben- oder achttausend Fuß etwa seine leuchtende Klarheit. Der Wind hatte sich gelegt; es war ein unendlich friedvoller, stiller Abend. Die schweren Erschütterungen der fernen Kanonen und die gelegentlichen harmlosen Feuerwerke in der Höhe der Wolken schienen so wenig von Gewalt und Tod, von Schrecken und Unterwerfung zu wissen, wie ein Salut bei einer Flottenparade. Unten wimmelte jeder kleinste Punkt, der einen Ausblick bot, von Zuschauern; die Dächer der hohen Gebäude, die öffentlichen Plätze, die eiligen Fährboote, jede günstige Straßenkreuzung, alles war voller Menschen; alle Flußkais waren gedrängt voll, Battery Park war vollständig schwarz von Oststadtbevölkerung, und jede günstige Stelle im Zentralpark und am Riverside Drive hatte ihre besondere und charakteristische Menschenansammlung aus den umliegenden Straßen. Die Trottoirs der großen Brücke über den East River waren ebenfalls dicht gedrängt und vollgepackt. Überall hatten die Kaufleute ihre Läden, die Männer ihre Arbeit, die Frauen und Kinder die Häuser verlassen, um das Wunder zu sehen.

»Das ging« – so erklärten sie – »doch noch über die Zeitungen!«

Und von oben starrten die meisten von der Besatzung der Luftschiffe mit gleicher Neugier hinab. Keine Stadt in der Welt war so herrlich gelegen wie New York, so großartig umrahmt von Meer und Klippen und Strom, so bewundernswert eingeteilt, daß die Wirkung der großen Gebäude, die riesigen Komplexe von Brücken, Einschienenbahnen und sonstigen Leistungen der Ingenieurkunst so ganz zur vollen Geltung kamen. London, Paris, Berlin waren unförmliche, unvornehme Massenanhäufungen daneben. Sein Hafen reichte ihm bis ans Herz, wie der von Venedig, und wie Venedig war es selbstbewußt, dramatisch, stolz. Von oben gesehen wimmelte es von Tausenden von Zügen und Trambahnen; an tausend Punkten belebte es sich schon mit flimmerndem Licht. New York hatte diesen Abend seinen guten Tag – – seinen allerbesten Tag.

»Alle Wetter! Was für eine Stadt!« sagte Bert.

Es war so groß und in seiner Gesamtwirkung so friedvoll-prächtig, daß es zu bekriegen so maßlos sinnwidrig erschien, wie etwa eine Belagerung der Nationalgalerie oder ein Angriff mit Streitaxt und Panzer auf anständige Leute in einem Hotelspeisesaal. Es war in seiner Ganzheit so weitgestreckt und so zusammengedrängt, so unermeßlich und von solcher Feinheit, daß, es dem Kriegsgeschick zu überliefern, nicht anders war, als ob man mit dem Brecheisen in den Mechanismus einer Uhr eindränge. Und der fischartige Schwarm der großen Luftschiffe, die leicht und sonnbeglänzt da oben schwebten und den Himmel füllten, schien gleich weit entfernt von der häßlichen Gewalttätigkeit des Kriegs. Kurz, Smallways und ich weiß nicht wie viele sonst von der Luftflotte empfanden diese Widersinnigkeit nur allzu deutlich. Aber im Kopf des Prinzen Karl Albert spukten die Geister der Romantik: er war ein Eroberer und dies war die Stadt des Feinds. Je größer die Stadt, desto größer der Triumph. Er – ohne Zweifel – empfand da oben in dieser Nacht nichts als ein unermeßliches Frohlocken und berauschte sich wie nie zuvor am Hochgefühl der Macht.

Schließlich kam das Ende der Pause. Verschiedene drahtlose Verhandlungen hatten zu keinem günstigen Resultat geführt, und Flotte und Stadt erinnerten sich, daß sie feindliche Mächte waren.

»Seht!« rief die Menge unten . . . »Seht!«

»Was tun sie?«

»Ja – was . . .?«

Durch die Dämmerung senkten sich fünf Luftschiffe zum Angriff herab, eins nach der Marinestation am East River, eins nach dem Stadthaus, der City Hall, zwei über die großen Geschäftshäuser von Wall Street und dem unteren Broadway, eins nach der Brooklynbrücke; leicht und rasch sanken sie aus den Reihen ihrer Kameraden durch die von fernen Kanonen bedrohte Zone bis in die sichere Nähe des Stadtmassivs. Bei diesem Anblick hielten alle Trambahnen mit dramatischer Plötzlichkeit an, und alle Lichter, die sich in Straßen und Häusern entzündet hatten, erloschen. Denn das Stadthaus war erwacht, konferierte telephonisch mit dem Oberkommando und traf Maßnahmen zur Verteidigung. Das Stadthaus verlangte Luftschiffe, verweigerte die Übergabe, die Washington riet, und entwickelte sich zu einem Zentrum äußerster Aufregung und fieberhafter Tätigkeit. Die Polizei begann in größter Hast überall die Menschenansammlungen auseinanderzutreiben. »Nach Hause,« sagte sie – – und die Worte gingen von Mund zu Mund – »es wird ernst!« Ein ahnungsvolles Bangen durchlief die Stadt, Männer, die in der ungewohnten Dunkelheit durch den Stadthauspark und über Union Square eilten, stießen plötzlich auf schattenhafte Umrisse von Kanonen und auf Soldaten, die sie anriefen und zurückschickten. Binnen einer halben Stunde war New York aus heiterem Sonnenuntergang und offenmäuliger Bewunderung in angstvolles, drohendes Dämmerlicht versunken.

Den ersten Verlust an Menschenleben brachte die panische Flucht von der Brooklynbrücke, als das Luftschiff sich dieser näherte.

Eine ungewohnte Stille kam über New York mit dem Stocken des Verkehrs; das Grollen der rings auf den Hügeln in vergeblicher Verteidigung donnernden Kanonen ward immer lauter. Endlich hörte auch das auf. Eine Pause von weiteren Unterhandlungen folgte. Die Menschen saßen im Dunkeln und versuchten, sich Rats zu erholen an Telephonen, die stumm blieben. Dann kam in das erwartungsvolle Schweigen hinein ein donnernder Krach und Tumult, der Einsturz der Brooklynbrücke, das Gewehrfeuer von der Marinestation und das Platzen der Bomben in Wall Street und im Stadthaus. New York – an sich – vermochte nichts zu tun – – nichts zu verstehen. New York spähte und lauschte im Dunkeln diesen fernen Geräuschen, bis sie bald darauf erstarben, so plötzlich, wie sie begonnen hatten. »Was mochte draußen geschehen?« Man fragte umsonst.

Eine lange, unbestimmte Zeit verfloß; und die Menschen, die in den oberen Stockwerken aus den Fenstern sahen, bemerkten die dunkeln Rumpfe der deutschen Luftschiffe, die langsam und lautlos ganz dicht vorüberglitten. Dann waren plötzlich – ganz ruhig – die elektrischen Lichter wieder da, und ein Tumult von nächtlichen Zeitungsverkäufern erhob sich in den Straßen.

Und die ganze große Masse jener ungeheuren und tausendartigen Bevölkerung kaufte, und erfuhr, was geschehen war: ein Kampf hatte stattgehabt und New York hatte die weiße Flagge gehißt . . . .


IV

Die beklagenswerten Ereignisse, die der Übergabe New Yorks folgten, erscheinen heute – beim Rückblick – nur als notwendige und unvermeidliche Folgen des Zusammenstoßes zwischen den durch das wissenschaftliche Jahrhundert geschaffenen Apparaten und sozialen Verhältnissen einerseits und der Tradition eines primitiven romantischen Patriotismus anderseits. Zuerst nahmen die Menschen die Tatsache mit einer Art unpersönlichen Gleichmuts auf, ungefähr, wie sie eine Zugstockung während einer Fahrt oder die Errichtung eines öffentlichen Denkmals durch die Stadt, der sie angehörten, aufgenommen hätten.

»Wir haben kapituliert! Herrje! Wirklich?« In dieser Art ungefähr wurden die ersten Nachrichten aufgenommen. Man nahm es im selben zuschauerischen Sinn, wie man ihn beim ersten Erscheinen der Luftflotte gezeigt hatte. Nur ganz langsam mischte sich in diesen Begriff der Kapitulation eine Aufwallung patriotischer Leidenschaft; erst durch Reflexion kam man zu einer persönlichen Stellungnahme. »Wir haben kapituliert!« Und dann – später: »Wir haben kapituliert!« – »In uns ist Amerika besiegt!« Jetzt begann es in ihnen zu prickeln und zu brennen . . . .

Die Zeitungen, die etwa gegen ein Uhr morgens herauskamen, enthielten keine näheren Nachrichten über die Bedingungen, unter welchen New York kapituliert hatte; sie machten auch keinerlei Angaben über die eigentliche Beschaffenheit des Konflikts, der der Übergabe vorausgegangen war. Die späteren Ausgaben holten diese Mängel nach. Es kam ein ausführlicher Bericht über den geschlossenen Vertrag: Verpflegung der deutschen Luftschiffe, Lieferung von Sprenggeschossen und Ersatz für die im heutigen Gefecht und bei der Vernichtung der Nordatlantikflotte verbrauchten, ein ungeheures Lösegeld von vierzig Millionen Dollars und Übergabe der Flottille im East River. Ferner kamen immer längere und längere Beschreibungen der Sprengung des Stadthauses und der Marinestation, und die Menschen begannen nach und nach zu begreifen, was diese kurzen Minuten des Tumults eigentlich bedeutet hatten. Sie lasen von Menschen, die in Stücke gerissen worden waren, von vergebens geopferten Soldaten, die in dieser lokalisierten Schlacht wider alle Hoffnung, inmitten eines unbeschreiblichen Zusammenbruchs, gekämpft hatten, von Flaggen, die von weinenden Männern niedergeholt wurden. Und diese seltsamen nächtlichen Ausgaben enthielten auch die ersten kurzen Depeschen von Europa über die Vernichtung der Nordatlantikflotte, die immer New Yorks ganz besonderer Schützling und Stolz gewesen war. Langsam, Stunde um Stunde, erwachte das Gesamtbewußtsein – und kam die Flut patriotischer Bestürzung und Demütigung hereingeströmt. Amerika hatte eine Niederlage erlitten. Und New York entdeckte plötzlich, mit einem Staunen, das einer unaussprechlichen Wut wich, daß es eine eroberte Stadt in der Hand des Eroberers war.

Als diese Tatsache im Geist der Bevölkerung Form und Gestalt annahm, da loderte, wie Flammenlodern, erbitterte Empörung auf.

»Nein!« rief New York, im Morgengrauen erwachend. »Nein! Ich bin nicht besiegt! Es ist ein Traum!«

Noch vor Tagesanbruch durchlief der rasche amerikanische Grimm die ganze Stadt, jede einzige Seele dieses Millionen-Ansteckungsherds. Noch ehe er zur Tat ward, noch ehe er Gestalt gewann, fühlten die Männer in den Luftschiffen diesen gigantischen Gefühlsaufruhr, wie die Tiere und die stumme Kreatur das Kommen des Erdbebens fühlen. Die Zeitungen der Knypepartei waren die ersten, die der Sache Ausdruck und Form verliehen. »Wir geben unsere Einwilligung nicht,« hieß es einfach. »Wir sind überrumpelt worden.« Überall hörte man diese Worte, sie gingen von Mund zu Mund, an jeder Straßenecke standen im bleichen Licht der Morgendämmerung Redner, die an den Geist Amerikas appellierten und seine Schmach jedem Zuhörer zu ganz persönlicher Wichtigkeit machten. Niemand tat ihnen Einhalt. Und Bert, der fünfhundert Fuß darüber herablauschte, schien es, als ob diese Stadt, die anfänglich nur voll wirren und unklaren Lärms gewesen war, jetzt summte wie ein Korb voll Bienen – – voll ganz wütender Bienen.

Nach der Sprengung des Stadthauses und des Postamts war auf einem Turm des alten Park Row-Gebäudes die weiße Flagge gehißt worden; dorthin hatte sich auch, gedrängt von den geängstigten Grundbesitzern des südlichen New York, der Oberbürgermeister O'Hagen begeben, um mit dem Grafen Winterfeld wegen der Kapitulation zu unterhandeln. Das »Vaterland«, das den Sekretär an einer Strickleiter herabgelassen hatte, blieb in der Tiefe schweben, indem es ganz langsam über die großen alten und neuen Gebäude, die sich um den Stadthauspark drängten, kreiste, während der »Helmholtz«, der dort gekämpft hatte, zu einer Höhe von ungefähr zweitausend Fuß aufstieg. Auf diese Weise sah Bert alles, was sich hier im Zentrum zutrug, von nahem mit an. Das Stadthaus und der Justizpalast, das Postamt und eine Menge von Gebäuden an der Westseite des Broadway hatten großen Schaden gelitten; die drei ersteren waren nur noch ein Haufe geschwärzter Ruinen. Bei den ersten beiden war der Verlust an Menschenleben nicht groß gewesen; aber bei der Zerstörung des Postamts war eine große Menge von Angestellten, darunter viele junge Mädchen und Frauen, verletzt oder getötet worden; und ein ganz kleines Heer von Freiwilligen mit der weißen Binde um den Arm drangen hinter der Feuerwehr ein, schleppten die zum Teil noch lebenden und fast immer entsetzlich verstümmelten Körper der Verunglückten heraus und trugen sie in das dicht dabei liegende Morsonsche Haus. Überall lenkten geschäftige Feuerwehrleute ihre klaren Wasserstrahlen auf die Glutmassen: die Schläuche lagen im ganzen Stadtviertel umher, und lange Kordons von Schutzmannschaft hielten die hauptsächlich vom Osten her sich herandrängenden schwarzen Menschenmengen von diesem Mittelpunkt der Geschehnisse fern. In starkem und auffallendem Kontrast zu dieser Szene der Zerstörung standen die ganz in der Nähe befindlichen riesigen Zeitungsverlage von Park Row. Alle waren sie hell erleuchtet und an der Arbeit; nicht einmal während von oben die Bomben gesaust kamen, hatten sich die Angestellten entfernt; jetzt waren Redaktionen und Druckereien in fieberhafter Tätigkeit, um die Geschichte, die ungeheuerliche und furchtbare Geschichte dieser Nacht, herauszubringen, ihre Kommentare dazu zu machen und in den meisten Fällen die Aufforderung zum Widerstand direkt unter den Augen der Luftschiffe zu verbreiten. Lange Zeit konnte Bert sich nicht erklären, was diese mit eherner Stirn weiterarbeitenden Bureaus eigentlich sein konnten; endlich vernahm er das Geräusch der Pressen und sein ewiges: »Alle Wetter!« entfuhr ihm wieder.

Jenseits dieser Zeitungspaläste und zum Teil von den Bogen der alten Hochbahn von New York (jetzt längst in eine Einschienenbahn umgewandelt) verdeckt, war wieder ein Kordon von Schutzleuten und eine Art Lager von Lazaretten und Ärzten, die um die zu Anfang der Nacht bei der Panik auf der Brooklynbrücke Getöteten und Verwundeten beschäftigt waren. All dies sah er aus der Vogelperspektive wie Geschehnisse, die in einer großen, unregelmäßig gestalteten Schlucht zwischen Felsen hoher Gebäude tief unter ihm sich ereigneten. Nach Norden überblickte er den steilen Einschnitt des Broadway, in welchem da und dort und überall Menschenhaufen sich um aufgeregte Redner drängten; wenn er die Augen aufhob, sah er die Schornsteine und Kabelmaste und Dächerplattformen von New York; auch auf diesen letzteren drängten sich, mit Ausnahme da, wo das Feuer wütete und die Wasserstrahlen zischten, beobachtende und debattierende Gruppen. Und überall Flaggenstangen ohne Flaggen; nur über den Gebäuden von Park Row ein vereinzeltes weißes Stück Tuch, das schlapp niederhing, aufflatterte und wieder zusammensank. Und über die düsteren Lichter, die schwärende Bewegung und die intensiven Schatten dieser seltsamen Szene brach jetzt das kalte, unparteiische Tageslicht herein.

Bert Smallways sah all dies im Rahmen einer offenen Fensterluke. Es war eine blasse, schattenhafte Welt, die Welt außerhalb dieser dunkeln und festen Einfassung. Die ganze Nacht hatte er sich daran festgeklammert, war aufgezuckt und erbebt vor den Explosionen, hatte gespenstische Geschehnisse beobachtet. Einmal war er hoch oben gewesen, dann tief unten. Einmal fast über jedem Geräusch, dann wieder dicht bei Donner und Lärm und Geschrei. Er hatte Luftschiffe eilig und niedrig über dunkle Straßen voller Gestöhn fliegen sehen; er hatte große Gebäude sich plötzlich inmitten der Schatten rot entzünden und unter krachenden Detonationen der Bomben zusammenschrumpfen sehen, war zum erstenmal in seinem Leben Zeuge der grotesken, schnellen Wirkung unersättlicher Feuersbrünste gewesen. Und all dem gegenüber fühlte er sich so losgelöst und unwirklich. Das »Vaterland« schleuderte nicht eine einzige Bombe; es beobachtete und kommandierte. Dann hatten sie sich schließlich auf den Stadthauspark herabgesenkt, und langsam, mit kaltem Entsetzen war es ihm zum Bewußtsein gekommen, daß diese lichtstrahlenden schwarzen Massen große öffentliche Gebäude waren, die in Flammen standen, und daß das Kommen und Gehen von winzigen, nebelhaften Schatten in laternenbeleuchtetem Grau und Weiß ein Einholen der Verwundeten und Toten war. Als das Licht heller wurde, begann er mehr und mehr zu verstehen, was jene zusammengeschrumpften, schwarzen Dinger bedeuteten . . . .

Er hatte Stunde um Stunde verwacht, seit New York aus der blauen Verschwommenheit des auftauchenden Landes emporgestiegen war. Mit Tagesanbruch überwältigte ihn eine unerträgliche Müdigkeit.

Er blickte mit schweren Augen auf den rosigen Schein am Himmel, gähnte fürchterlich und kroch, leise vor sich hinflüsternd, durch die Kabine zur Truhe. Er legte sich nicht nieder – – er fiel einfach darauf hin und schlief sofort ein.

So – in würdeloser Hingegossenheit und tiefem Schlummer – fand ihn nach Stunden Kurz – – ein echtes Bild des vor die Probleme einer sein Verständnis übersteigenden Zeit gestellten demokratischen Geistes. Sein Gesicht war blaß und ausdruckslos, sein Mund weit offen und er schnarchte. Er schnarchte widerlich.

Kurz betrachtete ihn einen Augenblick mit mildem Ekel. Dann stieß er mit dem Fuß gegen seinen Knöchel.

»Wachen Sie auf!« sagte er, als Smallways ihn anstarrte, »und legen Sie sich anständig hin!«

Bert setzte sich auf und rieb sich die Augen.

»Noch mehr Kampf?« fragte er.

»Nein,« sagte Kurz, und setzte sich – ein müder Mann.

»Herrgott!« rief er gleich darauf, sich mit beiden Händen das Gesicht reibend, »was gäb' ich für ein kaltes Bad! Die ganze Nacht, bis jetzt, hab' ich die Luftkammern nach etwaigen Kugellöchern durchsucht.« Er gähnte. »Ich muß schlafen. Sie machen besser, daß Sie 'rauskommen, Smallways. Ich kann Sie heut morgen nicht um mich haben. Sie sind so verdammt häßlich und unnütz. Haben Sie Ihre Ration schon gehabt? Nein? Na, dann gehen Sie und holen Sie sich die, und kommen Sie nicht zurück. Bleiben Sie auf der Galerie . . . .«


V

So nahm denn Bert, etwas erfrischt durch Kaffee und Schlaf, seine hilflose Teilhaberschaft im Luftkrieg wieder auf. Er ging, wie der Leutnant befohlen hatte, auf die kleine Galerie hinunter und klammerte sich dort – in äußerster Entfernung von der Schildwache – ans Geländer, indem er sich möglichst bemühte, wie ein recht unaufdringliches und harmloses Lebensfragment auszusehen.

Von Südosten erhob sich eine ziemlich heftige Brise, die das »Vaterland« zwang, beizudrehen; es schlingerte tüchtig, während es über der Insel Manhattan hin und wider strich. Fern im Nordwesten stiegen Wolken auf. Das Poch-Poch seiner langsam gegen den Wind anarbeitenden Schraube war viel vernehmbarer, als wenn das Schiff in voller Fahrt war, und die Reibung des Windes gegen die Unterseite seines Gasraums trieb ein Gekräusel flacher Luftwellen mit sich und verursachte ein leises, pulsierendes Geräusch, wie das Plätschern der Wellen unter dem Kiel eines Boots – nur schwächer. Das »Vaterland« war jetzt über dem Interims-Stadthaus im Park Row-Gebäude stationiert, und ab und zu ließ es sich hinab, um die Verhandlungen mit dem Oberbürgermeister und Washington wieder aufzunehmen. Aber die Unrast des Prinzen litt ihn nicht lang auf einem Fleck. Jetzt kreiste er über dem Hudson und East River; dann stieg er hoch auf, als wolle er in blaue Fernen spähen, einmal flog er so rasch und hoch, daß ihn und die Mannschaft die Bergkrankheit überfiel und er wieder hinunter mußte; auch Bert verspürte Schwindel und Übelkeit.

Die schwankende Aussicht veränderte sich mit dem Wechsel der Höhe. Einmal waren sie ganz tief und nah, und er unterschied in der stillen, ungewohnten Perspektive Fenster, Türen, die Schilder in den Straßen und hoch an den Häusern, die Menschen und kleinsten Einzelheiten, und beobachtete das rätselhafte Verhalten der Mengen und Gruppen auf den Dächern und in den Straßen. Dann, während des Aufstiegs, schrumpften die Einzelheiten ein, die Seiten der Straßen zogen sich zusammen, der Ausblick wurde weiter, die Menschen verloren ihre Bedeutung. Ganz oben wirkte es wie eine konkave Reliefkarte. Bert sah das dunkle, enggedrängte Land überall von glänzenden Wassern durchschnitten, sah den Hudson River gleich einem silbernen Speer und den Lower Island-Sund gleich einem Schild. Sogar für Berts unphilosophischen Geist deutete der Kontrast zwischen der Stadt unten und der Flotte oben auf einen Gegensatz, den Gegensatz zwischen der Tradition und dem Charakter des abenteuerlichen Amerikaners und deutscher Ordnung und Disziplin. Drunten die kolossalen Gebäude, so großartig und schön sie auch waren, erschienen wie Riesenbäume eines Dschungels, die um ihr Leben kämpfen; ihre malerische Pracht war so planlos wie die Chancen von Rouge et Noir, und diese Zufälligkeit erhöhten noch der Rauch und die Verwirrung unbezwungener, immer weiter um sich greifender Feuersbrünste. Oben schwebten die deutschen Luftschiffe wie Wesen einer andern, unendlich viel geordneteren Welt, alle nach demselben Winkel des Horizonts eingestellt, alle gleich in Bau und Erscheinung, alle genau zu einem und demselben Zweck vorgehend, wie eine Herde Wölfe, zu genauestem und wirksamstem Zusammenarbeiten eingeteilt.

Bert ging es plötzlich auf, daß kaum ein Drittel der Flotte sichtbar war. Die andern hatten sich – in welcher Absicht, das konnte er sich nicht vorstellen – über die Grenze des großen Kreises von Himmel und Erde hinausbegeben. Er war neugierig – aber es war niemand da, den er hätte fragen können. Als der Tag vorrückte, erschienen ungefähr ein Dutzend wieder im Osten mit aus der Flottille ergänztem Proviant und einer Anzahl von Drachenfliegern im Schlepptau. Gegen Nachmittag wurde die Atmosphäre dicker, schwerer, treibende Wolken erschienen im Südwesten, ballten sich zusammen und schienen neue Wolken zu gebären, der Wind sprang nach dieser Richtung um und blies heftiger. Gegen Abend wurde der Wind zum Sturm, gegen den die jetzt gewaltig schlingernden Luftschiffe anzukämpfen hatten. Diesen ganzen Tag unterhandelte der Prinz mit Washington, während seine einzeln ausgesandten Kundschafter die östlichen Staaten nah und fern nach etwas durchforschten, das Ähnlichkeit mit einem aeronautischen Park haben konnte. Ein in der Nacht ausgesandtes Geschwader von zwanzig Luftschiffen war über Niagara niedergestiegen und hielt die Stadt und die Elektrizitätswerke besetzt.

Mittlerweile war in der Riesenstadt die aufrührerische Bewegung nicht mehr in Schranken zu halten. Trotz fünf Großfeuern, die bereits viele Morgen Landes umfaßten und ständig weiter um sich griffen, war New York noch immer nicht davon überzeugt, daß es geschlagen war.

Anfänglich machte der rebellische Geist unten sich nur in vereinzeltem Geschrei, in öffentlichen Reden auf den Straßen und Zeitungsaufwieglungen Luft; dann fand er entschiedeneren Ausdruck in dem Auftauchen von amerikanischen Flaggen, die im Morgensonnenschein von einem Punkt nach dem andern auf den Architekturfelsen der Stadt aufflatterten. Es ist wohl möglich, daß in vielen Fällen dieses keck-trotzige Mit-den-Hörnernstoßen seitens einer schon übergebenen Stadt ein Ausfluß der harmlosen Formlosigkeit des amerikanischen Wesens war; aber es läßt sich auch nicht leugnen, daß es in vielen Fällen doch auch eine ganz zielbewußte Kundgebung der Erbostheit des Volkes war.

Das deutsche Korrektheitsgefühl wurde durch diesen Ausbruch aufs tiefste verletzt. Graf Winterfeld setzte sich sofort mit dem Oberbürgermeister in Verbindung und wies auf die Regelwidrigkeit des Vorgehens hin; die Wachen erhielten diesbezügliche Instruktionen. Die New Yorker Polizei machte sich denn auch sogleich scharf an die Arbeit, und bald war ein höchst überflüssiger Streit zwischen leidenschaftlichen Bürgern, die entschlossen waren, die Fahnen aufgezogen zu lassen, und gereizten und überbürdeten Offizieren, die den Befehl hatten, sie niederzureißen, im schönsten Gang.

In den Straßen hinter der Columbia-Universität spitzten sich schließlich die Unruhen zu. Der Kapitän des dieses Stadtviertel bewachenden Luftschiffes scheint sich herabgesenkt zu haben, um eine Flagge, die auf Morgan Hall gehißt war, mit einem Lasso von ihrer Stange zu zerren. Während er dies tat, wurde aus den oberen Fenstern des großen Mietshauses, das zwischen der Universität und Riverside Drive steht, eine Salve von Gewehr- und Revolverschüssen abgegeben.

Die meisten von ihnen waren wirkungslos, aber zwei oder drei durchlöcherten Gaskammern und eine einem Mann auf der Vorderplattform Hand und Arm.

Der Posten auf der untern Galerie erwiderte das Feuer sofort, und das Maschinengewehr auf dem Schild des Adlers trat in Tätigkeit und machte weiteren Schüssen sofort ein Ende. Das Luftschiff stieg auf und signalisierte dem Flaggschiff und dem Stadthaus; Polizei und Miliz wurden sofort nach der bezeichneten Stelle beordert und damit war dieser Einzel-Vorfall beendet.

Aber unmittelbar darauf kam der verzweifelte Versuch einer Gesellschaft von jungen Klubmännern aus New York, die, angefeuert durch patriotische und abenteuerliche Phantasien, unbemerkt in einem halben Dutzend Autos nach Beacon Hill fuhren und sich dort mit außerordentlicher Energie daran machten, um die Doansche Drehscheibenkanone, die hier aufgestellt war, ein Fort zu improvisieren. Sie fanden sie noch in den Händen der ergrimmten Kanoniere, denen bei der Kapitulation befohlen worden war, das Feuer einzustellen; und es war leicht, diese Leute mit ihrer eigenen Begeisterung anzustecken. Die Leute erklärten, ihre Kanone hätte überhaupt gar keine Chance gehabt und brannten vor Eifer, zu zeigen, was sie leisten konnte. Unter Anleitung der Neuankömmlinge warfen sie um die Bettung des Geschützes Graben und Wall auf und konstruierten leichte Deckungen aus Eisenschlacken.

Wirklich luden sie auch schon die Kanone, als das Luftschiff »Preußen« sie bemerkte; die Granate, die sie noch eben abfeuern konnten, ehe die Bomben der »Preußen« sie und ihre primitiven Verteidigungen zu Fragmenten zersplitterten, barst über den mittleren Gaskammern der »Bingen« und brachte sie, schwer havariert, über Staten Island zum Sinken. Sie war in einem bösen Zustand und fiel zwischen Bäume nieder, auf denen ihre leeren Zentralgassäcke hingen wie Girlanden und Baldachine. Immerhin hatte nichts Feuer gefangen, und die Mannschaft war sofort emsig daran, sie zu reparieren. Die Leute waren von einer Vertrauensseligkeit, die schon an Unvorsichtigkeit grenzte. Während die Hauptmasse von ihnen mit dem Ausbessern der Fetzen der Ballonhülle begann, machten sich ein halbes Dutzend andere auf dem nächsten Wege auf die Suche nach einer Gasfabrik, und fanden sich denn auch bald in den Händen eines feindseligen Volkshaufens – gefangen. Dicht dabei war eine Reihe von Privatvillen, deren Insassen sogleich von einer wenig freundlichen Neugierde zu offenem Angriff übergingen.

Die Polizeiaufsicht über die ausgedehnte kosmopolitische Bevölkerung von Staten Island war damals sehr lax; und es gab kaum einen Haushalt, der nicht mit Gewehr, Revolver und Munition versehen gewesen wäre. Diese wurden denn auch bald hervorgeholt, und nach zwei oder drei Fehlschüssen wurde einer der Männer, die an der Arbeit waren, ins Bein geschossen. Hierauf ließen die Deutschen von ihrem Flicken und Nähen ab, suchten Deckung hinter den Bäumen und erwiderten das Feuer.

Das Knattern der Schüsse brachte bald die »Preußen« und die »Kiel« auf die Szene, die mit ein paar Handgranaten kurzen Prozeß mit jeder innerhalb einer Meile belegenen Villa machten. Eine Anzahl am Kampf unbeteiligter amerikanischer Männer, Frauen und Kinder wurden getötet, die eigentlichen Angreifer vertrieben. Eine Zeitlang gingen nun, unter Aufsicht der beiden Luftschiffe, die Reparaturen in Frieden vor sich. Dann – – als jene wieder ins Quartier zurückkehrten – begann abermals ein wechselndes Plänkeln und Kämpfen um die gestrandete »Bingen«; es hielt auch den ganzen Nachmittag an und verschmolz schließlich mit dem allgemeinen Kampf am Abend.

Gegen acht Uhr wurde die »Bingen« gestürmt und – nach einem heftigen, zügellosen Kampf – alle ihre Verteidiger getötet.

Die Schwierigkeit für die Deutschen lag in beiden Fällen in der Unmöglichkeit, eine genügende Streitmacht – überhaupt irgendwelche Streitmacht – von der Luftflotte aus an Land zu schicken. Die Luftschiffe waren ganz und gar nicht auf den Transport von irgendwelchen nennenswerten Landtruppen eingerichtet. Ihre Besatzung genügte gerade zum Manövrieren und Kämpfen in der Luft. Von oben vermochten sie ungeheuren Schaden anzurichten; sie vermochten jede organisierte Regierung in kürzester Zeit zur Kapitulation zu zwingen; aber sie vermochten die Gebiete unten weder zu entwaffnen, noch sie zu halten. Sie waren vollständig auf den Druck angewiesen, den ihre Drohung, sie würden das Bombardement erneuern, auf die betreffenden Behörden unten ausüben würde. Das war ihre einzige Hilfsquelle. Ohne Zweifel würde das auch – bei einer gutorganisierten Regierung und einer entsprechend, gutdisziplinierten Bevölkerung genügt haben, den Frieden aufrecht zu erhalten. Aber das war nicht der Fall bei den Amerikanern. Nicht nur war die New Yorker Regierung schwach und ungenügend mit Polizei versehen, sondern die Zerstörung der Stadthalle und des Postamts und anderer zentraler Knotenpunkte hatte auch das Hand-in-Hand-Arbeiten der verschiedenen Teile hoffnungslos desorganisiert. Die Straßen- und Eisenbahnen hatten den Betrieb eingestellt; der Telephondienst war außer Ordnung und funktionierte bloß ab und zu. Die Deutschen hatten nach dem Haupt gezielt – – und das Haupt war besiegt und betäubt – – aber nur, um dem Körper um so mehr Freiheit zu lassen. New York war ein kopfloses, keiner Gesamtunterordnung mehr fähiges Ungeheuer geworden. Überall sprang rebellisches Leben auf; überall beteiligten sich ihrer eigenen Initiative überlassene Beamte und Angestellte an der allgemeinen Bewaffnung, an dem Flaggenhissen und der ganzen Aufregung dieses Nachmittags . . . .


VI

Der schwärende Waffenstillstand kam zu einem definitiven und allgemeinen Bruch durch die Niedermetzelung des »Wetterhorn« – – denn das ist die einzig mögliche Bezeichnung der Sache – – über Union Square – keine Meile von den drohenden Ruinen des Stadthauses entfernt. Es ereignete sich spät am Nachmittag, zwischen fünf und sechs. Das Wetter war sehr viel schlechter geworden mittlerweile, und die Operationen der Luftschiffe waren etwas behindert durch den Zwang, sich gegen die Windstöße zu behaupten. Eine ganze Reihenfolge von Böen kam mit Hagel und Donner, eine nach der andern, von Süd bei Südost, und um ihnen auszuweichen senkte sich die Luftflotte dicht auf die Häuser, indem sie ihren Beobachtungskreis verengerte und sich einem Gewehrangriff mehr aussetzte.

In Union Square war über Nacht eine Kanone aufgestellt worden. Sie war überhaupt nie montiert, viel weniger abgefeuert worden, und im Dunkel nach der Übergabe hatte man sie mit ihrem sämtlichen Zubehör aus dem Weg geschafft unter die Bogen des großen Dextergebäudes. Hier erblickten sie spät am Morgen eine Anzahl patriotischer Seelen. Sie machten sich daran, sie nach den oberen Stockwerken des Hauses zu schaffen und dort aufzustellen. Kurzum, sie machten hinter den ehrbaren Bureaujalousien eine maskierte Batterie und lagen dort auf der Lauer – – naiv aufgeregt, wie Kinder, bis endlich das Vorderteil des unglücklichen »Wetterhorn« erschien, wie es, stampfend und rollend, langsam über den erst kürzlich umgebauten Giebel von Tiffany dahinschwebte. Sofort demaskierte sich die Einkanonen-Batterie. Der Posten des Luftschiffs muß erst das ganze zehnte Stockwerk des Dextergebäudes zusammenstürzen und auf die Straße hinunter haben fallen sehen, ehe er die schwarze Mündung entdeckte, die da hinter den Schatten lauerte. Dann traf ihn wahrscheinlich die Granate.

Die Kanone feuerte zwei Granaten ab, ehe das ganze Dextergebäude zusammenkrachte, und jede Granate streifte das »Wetterhorn« vom Vorder- bis zum Hintersteven. Sie zerrissen es vollständig. Es kippte wie eine Gießkanne, der ein schwerer Stiefel einen Fußtritt versetzt, sein Vorderteil stürzte auf den Platz herab und der Rest sank unter lautem Krachen mit tausendfach zersplitterten und verbogenen Stützen und Sparren und gänzlich zusammenfallend über Tammany Hall und den Straßen gegen die Zweite Avenue zu herab. Das Gas strömte aus und mischte sich mit der Luft, die Luft des zerrissenen Ballonets ergoß sich in die einschrumpfenden Gaskammern. Und mit einem ungeheuren Getöse explodierte das »Wetterhorn« . . . .

Das »Vaterland« streifte um diese Zeit die Ruine der Brooklynbrücke und die Gegend südlich vom Stadthaus ab, und die Kanonenschüsse, gefolgt von den ersten Krachen der einstürzenden Dextergebäude brachten Kurz und Smallways an die Kabinenluke. Sie erhaschten gerade noch einen Blick auf das explodierende »Wetterhorn«; dann wurden sie von der Luftwelle der Explosion erst platt ans Fenster gedrückt und dann kopfüber über den Kabinenboden gerollt. Das »Vaterland« sprang wie ein Fußball, dem man einen Tritt versetzt hat, und als sie wieder hinausblickten, war Union Square klein und fern und zertrümmert, als ob ein weltengroßer Riese sich darüber hingewälzt hätte. Die Häuser auf der Ostseite standen an einem Dutzend Stellen in Flammen, von den brennenden Fetzen und dem splitternden Skelett des Luftschiffs in Brand gesteckt, und alle Dächer und Mauern sahen ganz komisch schief und zerbröckelt aus. »Alle Wetter!« sagte Bert, »was ist geschehen? Sehen Sie doch nur die Leute?« Aber ehe Kurz sich zu einer Erklärung aufraffen konnte, riefen die schrillen Klingeln des Luftschiffs zum Dienst und er mußte gehen. Bert zögerte und trat dann nachdenklich in den Gang hinaus, wobei er immer noch nach dem Fenster zurückblickte. Im selben Augenblick war er auch schon über den Haufen gerannt vom Prinzen, der Hals über Kopf aus seiner Kabine nach dem Zentralmagazin stürzte.

Bert sah in einem blitzartigen Eindruck die große Gestalt des Prinzen, weiß vor Zorn, jeder Nerv zitternd vor Grimm, die mächtige Faust schüttelnd. »Blut und Eisen!« schrie er wie einer, der flucht, »Blut und Eisen!« Jemand fiel über Bert – und die Art und Weise, wie er fiel, ließ auf Winterfeld raten – – und jemand anders gab ihm einen erbosten und derben Fußtritt. Dann richtete er sich auf, rieb seine zerschundene Wange und rückte die Binde zurecht, die er immer noch um den Kopf trug. »Der Henker hol' diesen Prinzen!« sagte er, maßlos empört.

Er stand auf, sammelte eine Minute lang seine Gedanken und ging dann langsam nach dem Gang, der zu der kleinen Galerie führte. Im Gehen hörte er einen Lärm, der auf die Rückkehr des Prinzen zu deuten schien. Sie kamen alle wieder den Gang entlang. Er schoß in seine Kabine, wie ein Kaninchen ins Loch, just noch rechtzeitig, um dem tobenden Schreckgespenst zu entgehen.

Er schloß die Tür, wartete bis es draußen still war, ging dann ans Fenster und sah hinaus. Eine Wolkenschicht verschleierte die Aussicht auf Straßen und Plätze und das Rollen des Schiffs schaukelte das Bild auf und ab. Ein paar Menschen liefen hin und her, aber in der Hauptsache war das Aussehen des Stadtviertels eitel Verlassenheit. Die Straßen schienen sich zu erweitern, wurden deutlicher, und die kleinen Punkte, die Menschen waren, wurden größer. Das »Vaterland« senkte sich wieder. Gleich darauf strich es über das südliche Ende des Broadway hin. Bert sah die Punkte unten nicht mehr laufen, sondern stillstehen und aufwärts blicken. Dann – plötzlich – liefen sie alle wieder.

Etwas war von dem Luftschiff hinabgefallen, etwas, das klein und harmlos aussah. Bei einem großen Torweg grade unter Bert stieß es aufs Pflaster. Ein kleiner Mann sprang ein halb Dutzend Ellen davon das Trottoir entlang, und zwei oder drei andere und eine Frau rannten über den Fahrdamm. Sonderbare, kleine Figuren waren es, die Köpfe so klein und die Ellbogen und Beine so sehr lebendig. Es war wirklich spaßhaft, ihre Beine gehen zu sehen. Die Menschheit in der Verkürzung hat keine Würde. Der kleine Mann auf dem Trottoir hüpfte so drollig – – jedenfalls aus Schrecken, als die Bombe neben ihm niederfiel.

Dann spritzten nach allen Richtungen blendende Flammen hinaus, und der kleine Mann, der eben gehüpft war, ward einen Augenblick lang zum Feuerstrahl und verschwand – – verschwand vollständig. Die Menschen, die auf die Straße herausstürzten, machten lächerliche, linkische Sätze; dann fielen sie um und lagen ganz still, mit zerfetzten Kleidern, aus denen die Flammen brachen. Jetzt begannen von dem Torbogen Stücke herunterzufallen und das untere Mauerwerk stürzte ein mit einem polternden Geräusch, wie Kohlen, die in einen Keller geschaufelt werden. Ein schwaches Geschrei drang zu Berts Ohr; dann rannte ein Haufe von Menschen auf die Straße heraus; ein Mann hinkte und machte unbeholfene Gestikulationen. Er blieb stehen und ging wieder nach dem Haus zurück. Ein herabstürzender Haufe von Backsteinen traf ihn; alle viere von sich streckend, sank er um und blieb liegen. Staub und schwarzer Rauch wälzten sich in die Straße; gleich darauf schossen rote Flammen dazwischen auf . . . .

So begann das Blutbad von New York. Es war die erste der großen Städte des wissenschaftlichen Zeitalters, die unter den Riesengewalten und grotesken Begrenzungen der Luftkriegführung zu leiden hatten. Sie wurde zerstört, wie in dem vorhergehenden Jahrhundert endlose barbarische Städte zusammengeschossen worden waren, weil sie zu stark zum Einnehmen waren und zu indiszipliniert und stolz, zu kapitulieren und so der Zerstörung zu entgehen. Unter den obwaltenden Verhältnissen mußte es so kommen. Für den Prinzen war es unmöglich, abzustehen und sich als geschlagen zu bekennen, und ebenso unmöglich war es ihm, die Stadt anders zu erobern, als indem er sie fast ganz vernichtete. Die Katastrophe war die logische Folge der durch Anwendung der Wissenschaft zur Kriegführung geschaffenen Situation. Es war unvermeidlich, daß große Städte zerstört wurden. Trotzdem der Prinz durch dieses Dilemma aufs äußerste erbittert war, suchte er sogar in diesem Blutbad sich noch zu mäßigen. Er versuchte, mit einem Minimum an Menschenverlusten und einem Minimum an angewandten Geschossen ein denkwürdiges Exempel zu statuieren. Für diese Nacht beabsichtigte der Prinz nur die Zertrümmerung des Broadway. Er befahl der Luftflotte, in einer Linie der Länge nach über dieser Verkehrsader sich fortzubewegen und Bomben auszuwerfen. Das »Vaterland« ging an der Spitze. Und so ward Bert Smallways ein Teilhaber an einer der kaltblütigsten Metzeleien in der Geschichte der Welt, einer Metzelei, in welcher Männer, die weder erregt, noch – mit Ausnahme einer zufälligen Kugel hier und da – – im geringsten gefährdet waren, Tod und Vernichtung auf Heimstätten und Menschenmengen in der Tiefe schleuderten.

Er klammerte sich im Schwanken und Stoßen des Luftschiffs an den Rahmen der Kabinenluke und starrte durch den leichten Regen, der jetzt vor dem Wind hertrieb, hinunter in die dämmernden Straßen, sah die Menschen aus ihren Häusern stürzen, sah die Gebäude einfallen und die Flammen aufspringen. Während die Luftschiffe so dahinsegelten, zertrümmerten sie die Stadt, etwa wie ein Kind seine Städte aus Bausteinen und Karten umwirft. Hinter sich ließen sie Ruinen und lodernde Feuersbrünste und aufgehäufte und umhergestreute Tote: Männer, Weiber und Kinder – alles durcheinander, als wären sie nichts weiter als Neger, Zulus oder Chinesen. Das südliche New York war bald ein einziger Hochofen voll roter Flammen, aus dem kein Entrinnen war. Straßenbahn, Eisenbahn, die Fähren – – alles hatte aufgehört, und kein Licht erhellte in dieser düstern Wirrnis den Weg der verzweifelten Flüchtlinge als das Licht des Brands. Eine Ahnung überkam Bert hier und da, was das bedeuten mußte, da drunten zu sein – – eine Ahnung! Und plötzlich kam es ihm – wie eine unglaubliche Entdeckung –, daß solches Unheil nicht nur möglich war jetzt, hier, in diesem seltsamen, riesenhaften, fremden New York, sondern auch in London – in Bun Hill! Daß es aus war mit der Immunität der kleinen Insel in den silbernen Gewässern, daß nirgends mehr in der ganzen Welt ein Ort war, wo ein Smallways stolz sein Haupt heben für Krieg und kühne auswärtige Politik stimmen und doch sicher sein konnte vor solchen entsetzlichen Dingen . . .



Siebentes Kapitel: Das »Vaterland« kampfunfähig


I

Und dann, hoch über den Flammen von Manhattan Island kam eine Schlacht, die erste Schlacht in der Luft. Die Amerikaner waren sich klar geworden darüber, was für einen Preis sie ihr Zuwarten kosten konnte, und rückten mit der ganzen Streitmacht, die sie besaßen, aus, um möglicherweise New York noch vor diesem rasenden, eisernen, blutigen Prinzen und vor Feuer und Tod zu retten.

Auf den Flügeln eines großen Sturms, im Zwielicht, unter Donner und Regen kamen sie über die Deutschen. Sie kamen aus den Werften von Washington und Philadelphia, zwei Geschwader in voller Fahrt, und hätte nicht ein Wachtluftschiff dicht bei Trenton sie bemerkt, so wäre die Überrumpelung eine vollständige gewesen.

Die Deutschen, müde und angewidert von ihrem Zerstörungswerk, mit nur noch der Hälfte ihrer Munition, gingen aufwärts gegen das Unwetter an, als die Nachricht von diesem Überfall sie erreichte. New York hatten sie südwestlich hinter sich gelassen – eine dunkel gewordene Stadt mit einer einzigen fürchterlichen roten Flammennarbe. Sämtliche Luftschiffe schlingerten und stampften, Hagelschauer trieb sie nach unten und zwang sie, sich den Weg nach oben wieder zu erkämpfen; es war bitter kalt geworden. Der Prinz war auf dem Punkt, Befehl zu erteilen, auf die Erde zu zu halten und die kupfernen Blitzableitungskabel schleppen zu lassen, als die Nachricht von der Aeroplanattacke ihn erreichte. Er wandte um, stellte seine Flotte in einer Linie gegen Süden auf, ließ die Drachenflieger bemannen und zum Auswerfen bereithalten und ordnete einen allgemeinen Aufstieg in die frostige Klarheit, die über Nässe und Dunkelheit war, an.

Langsam dämmerte es Bert auf, was bevorstand. Er war eben in der Kantine und die Abendrationen wurden ausgeteilt. Er hatte Butteridges Überrock und Handschuhe wieder angezogen und außerdem seine Wolldecke um sich gewickelt. Eben tunkte er sein Brot in seine Suppe und biß große Stücke davon ab. Mit weitgespreizten Beinen lehnte er an der Wand, um bei dem Schwanken und Kippen des Schiffs einen Halt zu haben. Die Leute um ihn herum sahen müde und niedergeschlagen aus; ein paar redeten, aber die meisten waren finster und nachdenklich, und einer oder zwei waren luftkrank. Alle schienen sie das seltsame Gefühl des Ausgestoßenseins zu empfinden, das dem Morden dieses Abends gefolgt war, das Bewußtsein eines Landes unter ihnen und einer beschimpften Menschheit, die feindseliger war, als das Meer.

Jetzt kam die Nachricht auch zu ihnen. Ein robuster Mensch mit einem roten Gesicht, hellen Wimpern und einer Narbe darüber erschien unter der Tür und schrie auf Deutsch etwas herein, das augenscheinlich alle in Bestürzung versetzte. Bert schrak beim Klang der Stimme zusammen, obgleich er kein Wort von dem, was gesagt wurde, verstand. Der Mitteilung folgte eine Pause, und dann ein großes Durcheinander von Fragen und Vermutungen. Sogar die luftkranken Leute bekamen wieder Farbe und sprachen. Ein paar Minuten lang war die Kantine ein wahres Narrenhaus; und dann, wie zur Bestätigung der Nachricht, erklang das schrille Läuten der Klingeln, die die Leute auf ihre Posten riefen.

Bert fand sich mit pantomimischer Plötzlichkeit allein.

»Was ist los?« sagte er, obgleich er es halb erriet.

Er schlang nur noch rasch den Rest seiner Suppe hinunter und rannte dann den schwankenden Gang entlang und – sich krampfhaft anklammernd – die Leiter zu der kleinen Galerie hinunter. Die Luft peitschte ihm ins Gesicht wie kaltes Wasser, das aus einem Schlauch spritzt. Das Luftschiff schickte sich eben gleichsam zu einem neuen Gang atmosphärischen Jiu-Jitsus an. Er zog seine Decke fester um sich, während er sich dabei krampfhaft mit einer Hand festhielt. Er fühlte sich umhergeworfen in einem nassen Zwielicht, in dem nichts zu sehen war, als der Nebel, der an ihm vorüberströmte. Über ihm das Luftschiff war warm erleuchtet und voll vom Leben und Regen der an ihren Dienst gehenden Leute. Dann erloschen die Lichter plötzlich, und unter Stoßen und Drehen und sonderbaren Zuckungen kämpfte das »Vaterland« sich durch die Luft aufwärts.

Er sah in Sekundenschnelle – als das »Vaterland« sich seitwärts neigte – gleich einem flimmernden Acanthus aus Flammen ein paar große, brennende Gebäude dicht unter sich; dann erblickte er undeutlich durch das treibende Wetter ein zweites Luftschiff, das sich wie ein Delphin ebenfalls mühsam aufwärts wälzte. Gleich darauf verschlangen die Wolken es für eine Weile, dann kam es wieder in Sicht – ein dunkles, walfischartiges Ungetüm inmitten des stürzenden Unwetters. Die Luft war erfüllt von Flügelschlag und Gepfeife, von hohlen, sturmverwehten Rufen und Geräuschen; er war ganz verwirrt und betäubt; dann und wann erstarrte seine Aufmerksamkeit zu einem blinden und tauben Balancieren und Festklammern.

»Whupp!«

Neben ihm fiel etwas aus den unermeßlichen Dunkelheiten in der Höhe und verschwand – schräg abwärts sausend – – im Tumult der Tiefe. Es war ein deutscher Drachenflieger. Das Ding ging so rasch, daß er nur einen Moment lang undeutlich die dunkle Gestalt des zusammengekauerten, an sein Rad festgeklammerten Aeronauten wahrnahm. Es mochte vielleicht ein Manöver sein; es sah aber aus wie eine Katastrophe.

»Alle Wetter!« sagte Bert.

»Pup-pup-pup« machte irgendwo vorn in der Finsternis eine Kanone; und plötzlich legte das »Vaterland« sich ganz fürchterlich auf die Seite und Bert und die Schildwache klammerten sich ums liebe Leben ans Geländer an. »Bum!« Ein großer Krach aus dem Zenit, gefolgt von einem zweiten donnernden Rollen; und rings um ihn her blitzten rot und düster die zerrissenen Wolken auf, im Widerschein ungesehener Blitze, und enthüllten unermeßliche Abgründe. Das Geländer stieg senkrecht in die Höhe, und er hing, sich daran festhaltend, frei in der Luft.

Eine Zeitlang war Berts ganzes Denken und Sein nur aufs Anklammern gerichtet. »Ich geh' in die Kabine,« sagte er, als das Luftschiff sich wieder aufrichtete und der Galerieboden unter seine Füße zurückkehrte. Vorsichtig begann er sich nach der Leiter hinzutasten. »Hei-ho!« rief er, als jetzt die ganze Galerie erst senkrecht in die Höhe stieg und dann wieder zurückschlug wie ein kolleriges Pferd.

Krach! Bum! Bum! Bum! Und dann – unmittelbar auf dies kleine Geknatter von Schüssen und Bomben – kam rund um ihn her, ihn einhüllend, ihn in tausend Abgründe stürzend, unermeßlich und überwältigend, ein flimmernder weißer Blitzschein und ein Donnerschlag, der wie das Bersten einer Welt klang.

In dem einen einzigen Augenblick, der dieser Explosion voranging, schien das Weltall stillzustehen in schattenlosem, blendendem Schein.

Und in diesem Augenblick sah er den amerikanischen Aeroplan. Er sah ihn im Licht des Blitzes – – etwas vollkommen Regungsloses. Sogar seine Schraube schien stillzustehen, und die Leute glichen starren Puppen. (Es war so nah, daß er die Leute darauf gut sehen konnte.) Das Heck des Schiffs stand nach unten und die ganze Maschine neigte sich vornüber. Es gehörte zum Colt-Coburn-Langley-Typ, mit doppelten, aufrechtstehenden Flügeln und der Schraube ganz vorn; die Mannschaft war in einer Art netzumspanntem Boot. Aus dem sehr leichten, langen Rumpf sahen auf jeder Seite Schnellfeuergeschütze hervor. Etwas war ganz besonders merkwürdig und wunderbar in diesem Moment der Offenbarung: der linke obere Flügel lohte, nach abwärts, mit einer rötlichen, rauchigen Flamme. Aber das war nicht das wunderbarste an der Erscheinung. Das wunderbarste war, daß der Aeroplan und ein deutsches Luftschiff fünfhundert Ellen tiefer an dem Blitzstrahl, der, wie um sie beide mitzunehmen, von seinem Weg abgewichen war, gleichsam aneinandergefädelt waren, und daß aus allen Ecken und vorstehenden Punkten seiner Riesenflügel kleine, verästelte Blitzdornbüsche wuchsen.

Gleich einem Bild sah Bert all dies – – einem durch einen dünnen Schleier sturmzerrissenen Nebels etwas verwischten Bild.

Der Krach des Donnerschlags folgte dem Blitz und schien ein Teil von ihm, so daß sich schwer sagen läßt, ob Bert in diesem Augenblick mehr geblendet oder mehr betäubt war.

Und dann Dunkel, undurchdringliches Dunkel, ein schwerer Knall und ein dünner, kleiner Laut von Stimmen, die wehklagend in den Abgrund der Tiefe schwanden.


II

Auf dies hin folgte ein langes, tiefes Schwanken des Luftschiffs, und Bert machte wieder den Versuch, sich zu seiner Kabine zurückzukämpfen. Er war naß bis auf die Knochen und kalt und verängstigt über die Maßen, und außerdem jetzt mehr als nur ein bißchen luftkrank. Ihm war, als habe jede Kraft seine Knie und Hände verlassen, und als wären seine Füße von dem Metall, auf das sie traten, geradezu eisig-schlüpfrig. Das kam davon, daß eine dünne Eisschicht auf der Galerie festgefroren war.

Er wußte nicht, wie lang er zu seinem Aufstieg, die Leiter hinauf ins Luftschiff, brauchte ; aber wenn es ihm später in seinen Träumen wiederkehrte, so schien ihm dies Experiment stundenlang zu währen. Unten, oben, rings um ihn her ungeheuerliche Abgründe heulenden Sturms und Strudel dunkler, wirbelnder Schneeflocken; und er von dem allem beschützt durch ein kleines Metallgitter und -geländer, ein Gitter und ein Geländer, die voll toller Wut gegen ihn zu sein schienen, voll leidenschaftlichen Verlangens, ihn loszuzerren und in den Tumult des Raums zu schleudern.

Einmal hatte er die Vorstellung, daß eine Kugel an seinem Ohr vorüberpfiff, und daß die Wolken und Schneeflocken von einem Blitzstrahl erleuchtet wurden; aber er wandte nicht einmal den Kopf, um zu sehen, was für ein neuer Feind in der Leere an ihnen vorüberstürmte. Er wollte hinauf in den Gang! Er wollte hinauf in den Gang! Würde der Arm, mit dem er sich festhielt, aushalten, oder würde er nachgeben und abschnappen ? Eine Handvoll Hagel peitschte ihm ins Gesicht, so daß er eine Zeitlang atemlos und fast ohne Besinnung war. Halt fest, Bert ! Und er verdoppelte seine Anstrengungen.

Endlich fand er sich, mit einem unendlichen Gefühl der Erleichterung und Wärme, im Gang. Der Gang benahm sich wie ein Würfelbecher – – er hatte augenscheinlich gerade die Laune, ihn umherzuschlenkern und dann wieder hinauszuschleudern. Bert hing mit dem konvulsivischen Klammern des Instinkts in der Tür, bis der Gang sich wieder abwärts neigte. Dann rannte er blindlings kabinenwärts und klammerte sich wieder fest, während sich das Vorderteil aufs neue in die Höhe hob.

Und siehe da ! Er war in der Kabine!

Er drückte die Tür zu; und eine Zeitlang war er kein Mensch mehr, sondern einfach ein Fall von Luftkrankheit. Er hatte nur den einen Wunsch: irgendwo sein, an irgendeinem Ort, der ihn festhielte, damit er sich nicht mehr anzuklammern brauchte. Er öffnete die Truhe, kroch hinein, mitten zwischen die darin liegenden Gegenstände, und streckte alle viere von sich – hilflos – – einmal mit dem Kopf an die eine und dann wieder an die andere Seite stoßend. Der Deckel schnappte über ihm ins Schloß. Aber ihm war jetzt gleichgültig, was geschah. Ihm war es ganz einerlei, wer wen bekämpfte, oder wieviel Geschosse abgefeuert wurden oder wieviel Explosionen statthatten. Es war ihm einerlei, ob er erschossen oder in Stücke gerissen wurde. Er war ganz erfüllt von schwächlicher, unklarer, unbestimmter Wut und Verzweiflung. »Verrückt!« sagte er. Das war sein einziger und erschöpfender Kommentar zu den menschlichen Unternehmungen, Abenteuern, Kriegen und dem ganzen Kapitel von Ereignissen, in das er verwickelt worden war. »Verrückt! Uff!« Auch die ganze Weltordnung schloß er in dies umfassende Verdammungsurteil mit ein. Er wünschte sich überhaupt, er wäre tot.

Er sah nichts von den Sternen, als bald darauf das »Vaterland« aus dem Tumult und der Wirrnis des unteren Unwetters emporstieg; er sah auch nichts von dem Duell, das das Schiff mit zwei es umkreisenden Aeroplanen ausfocht, sah nichts davon, wie diese seine zwei hintersten Kammern durchschossen und wie es sich die Feinde mit Explosivgeschossen vom Leib hielt und die Flucht ergriff – – auf der es jetzt eben begriffen war . . .

All der Schwarm und Strom dieser wundervollen Nachtvögel war an ihm verloren; verloren ihr heldenhaftes Anstürmen und Selbstaufopfern. Das »Vaterland« erhielt einen Rammstoß und hing ein paar Augenblicke lang am Rand der Vernichtung; es sank rasch, zusammen mit dem amerikanischen Aeroplan, der in seine Propeller verhängt war, während die Amerikaner versuchten, an Bord zu klettern. Für Bert bedeutete es nichts. Für ihn war es einfach ein heftiges Schwanken. Verrückt! Als schließlich das amerikanische Luftschiff mit zum größten Teil verwundeter oder gefallener Mannschaft zurückblieb, empfand Bert in seiner Truhe nichts, als daß das »Vaterland« einen greulichen Satz nach oben gemacht hatte.

Aber dann kam Erleichterung, unendliche, unglaubliche, wundervolle Erleichterung! Das Rollen, das Kippen, das Kämpfen hörte auf – – augenblicklich und vollständig. Das »Vaterland« kämpfte nicht mehr gegen den Sturm an; seine zerschmetterten, explodierten Maschinen pulsierten nicht mehr; es war steuerlos und trieb so glatt vor dem Wind wie ein Ballon, eine riesige, sturmverwehte, zerfetzte Wolke von Luftschiffstrümmern.

Für Bert war es weiter nichts als das Ende einer ganzen Reihe von unangenehmen Empfindungen. Er war absolut nicht neugierig, zu erfahren, was mit dem Luftschiff geschehen, noch was aus der Schlacht geworden war. Eine lange Weile lag er in banger Erwartung, daß das Kippen und Stoßen und damit seine Übelkeit wiederkehren könnten; und schließlich – eingekeilt in die Truhe – schlief er ein.


III

Er erwachte – ruhig, aber äußerst verdrießlich, zugleich auch äußerst verfroren und gänzlich außerstande, sich zu entsinnen, wo er eigentlich war. Der Kopf tat ihm weh. Er konnte nicht recht atmen. Er hatte – höchst verworren – von Edna geträumt, und von Wüstenderwischen und von sehr abenteuerlichen Rundfahrten durch die Luft inmitten eines Feuerwerks von Fröschen und bengalischen Lichtern – – alles zum höchsten Verdruß einer aus dem Prinzen und Mr. Butteridge zusammengesetzten Persönlichkeit. Schließlich begannen – aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen – Edna und er jammervoll nacheinander zu weinen, und er erwachte – mit nassen Wimpern – in der dumpfen Dunkelheit der Truhe. Nie würde er Edna wiedersehen – – nie würde er Edna wiedersehen!

Er glaubte, er sei in der Schlafstube hinter dem Laden in Bun Hill, und er war ganz überzeugt, daß die Vision von der Zerstörung einer wundervollen Stadt, einer geradezu unglaublich großen und prächtigen Stadt durch Bomben nichts weiter war als ein besonders lebhafter Traum.

»Grubb!« rief er, voll Eifer, zu erzählen.

Die Stille, die antwortete, und der dumpfe Widerhall seiner Stimme, dazu die drückende Luft, brachten ihn plötzlich auf einen neuen Gedanken. Er streckte seine Hände und Füße aus, und begegnete einem hartnäckigen Widerstand. Er glaubte, er läge in einem Sarg! Er war lebendig begraben! Und sofort überließ er sich einer wilden Verzweiflung. »Hilfe!« kreischte er, »Hilfe!« Und strampelte mit den Füßen und stieß und fuhrwerkte. »Ich will heraus! Ich will heraus!«

Ein paar Sekunden lang kämpfte er so mit diesem unerträglichen Entsetzen; dann gab die eine Wand seines imaginären Sargs nach und er flog hinaus ins Tageslicht. Gleich darauf wälzte er sich auf einem – wie es ihm schien – auswattierten Boden – – mit Kurz, der ihn knuffte und zu allen Teufeln wünschte . . . .

Er richtete sich auf. Seine Kopfbinde hatte sich gelockert und war ihm über das eine Auge gerutscht, und er riß das ganze Zeug herunter. Kurz saß ebenfalls da – – einen Meter von ihm – – rosig wie immer – – in Decken gehüllt – einen Aluminiumtaucherhelm auf dem einen Knie – – und starrte ihn, ernsthaft sein flaumiges, unrasiertes Kinn reibend, an. Sie befanden sich beide auf einem abschüssigen Boden mit roter Polsterung, und über ihnen war eine Öffnung, die aussah wie ein langes, niederes Kellerloch und in der Bert – nach einiger Anstrengung – die Kabinentür in halb umgekippter Richtung erkannte. Die ganze Kabine hatte sich auf die Seite gelegt.

»Was zum Henker fällt Ihnen denn ein, Smallways?« sagte Kurz. »Hopsen da aus der Truhe heraus, wo ich doch so sicher dachte, Sie wären mit den übrigen über Bord gegangen? Wo waren Sie denn?«

»Was ist los?« fragte Bert.

»Unser Luftschiff ist los, mehr als mir lieb ist! Und im übrigen – – stecken wir!«

»Ist eine Schlacht gewesen?«

»Jawohl.«

»Wer hat gewonnen?«

»Ich hab' die Zeitungen noch nicht gelesen, Smallways. Wir sind vor dem Ende fortgesegelt. Wir sind kampfunfähig und steuerlos, und unsere Kameraden waren fast alle zu beschäftigt, um sich um uns zu kümmern, und der Wind wehte uns – – weiß der Himmel, wohin der Wind uns weht! Er hat uns glatt aus der Aktion geweht – mit einer Geschwindigkeit von achtzig Meilen die Stunde oder so. Herrgott! Was für ein Sturm! Und was für ein Kampf! Und – hier sind wir nun!«

»Wo?«

»In der Luft, Smallways – in der Luft! Wenn wir wieder einmal auf die Erde kommen, so werden wir überhaupt nicht mehr wissen, was mit unseren Beinen anfangen.«

»Aber was ist unter uns?«

»Kanada, soviel ich vermute – und ein herzhaft unfreundliches, ödes, ungastliches Land, seinem Aussehen nach!«

»Aber warum steht das Schiff so schief?«

Kurz blieb eine Weile stumm.

»Ich weiß – das letzte, was ich gesehen habe, war eine Art Flugmaschine in einem Blitzstrahl,« sagte Bert. »Alle Wetter! Das war fürchterlich! Kanonen, die losgingen! Dinger, die explodierten! Wolken und Regen! Ein Gekippe und Gestoße! Ich war so erschrocken und verzweifelt – und krank . . . . Sie wissen nicht, wie der Kampf geendet hat?«

»Kein Bein! Ich war mit meinen Leuten im Taucheranzug in den Gaskammern, mit Seidenstoff, zum Kalfatern. Wir sahen überhaupt nichts von draußen, außer die Blitze. Keinen einzigen von diesen amerikanischen Aeroplanen hab' ich gesehen. Sah nur die Schüsse durch die Kammern schlagen und schickte meine Leute nach den verschiedenen Rissen aus. Wir haben auch ein bißchen Feuer gefangen – nicht viel, wissen Sie. Wir waren zu naß – das Feuer ging aus, ehe wir auseinanderknallten. Und dann fiel eins von ihren höllischen Dingern aus der Luft auf uns herunter und rammte. Haben Sie's nicht gespürt?«

»Alles hab' ich gespürt,« sagte Bert. »Ich hab' keinen einzelnen Stoß mehr gemerkt . . . .«

»Die müssen schön desperat gewesen sein, wenn's wirklich mit Absicht geschah. Wie ein Messer fuhren sie auf uns herunter, schlitzten die Achtergaskammern glatt auf, wie man einen Hering ausweidet, und zertrümmerten Maschinen und Schraube. Die meisten von den Maschinen fielen über Bord, als die Amerikaner von uns abließen, sonst wären wir auf den Grund gegangen – – der Rest baumelt noch so. Wir streckten einfach die Nase gen Himmel, und so blieben wir. Elf Leute sind von verschiedenen Stellen über Bord gerollt, und der arme, alte Winterfeld ist durch die Tür in der Kabine des Prinzen ins Arbeitszimmer gefallen und hat sich den Knöchel gebrochen. Auch unsere elektrische Batterie ist zerschossen oder weggekommen – – niemand weiß wie. So steht's, Smallways. Wir treiben durch die Luft wie ein ganz gewöhnlicher Aerostat, ein Spielball der Elemente – fast direkt nordwärts – – wahrscheinlich nach dem Nordpol. Wir wissen nicht, was für Aeroplane die Amerikaner haben, wir wissen überhaupt nichts von ihnen. Aller Wahrscheinlichkeit nach haben wir ihnen den Garaus gemacht. Einer hat uns havariert, einen hat der Blitz getroffen, einen dritten haben ein paar von unsern Männern umkippen sehen – augenscheinlich einfach zum Scherz. Jedenfalls gingen sie reißend. Auch wir haben die meisten von unsern Drachenfliegern verloren. Einfach in die Nacht hinausgeschlittert. Keine Stabilität in den Dingern. Das ist alles. Wir wissen nicht, ob wir gewonnen haben oder verloren. Wir wissen nicht, ob wir schon Krieg haben mit dem britischen Reich oder noch Frieden. Infolgedessen getrauen wir uns nicht zu landen. Wir wissen nicht, wie's um uns steht oder was wir weiter tun. Unser Napoleon ist allein – – vorn – ich vermute, er arbeitet seine Pläne um. Ob New York unser Moskau war, wird sich zeigen. Wir haben jedenfalls eine großartige Zeit gehabt und ungezählte Menschen gemordet! Krieg! Edler Krieg! Ich hab' ihn gründlich satt heut morgen! Ich mag gern aufrecht und grade in Zimmern sitzen und nicht auf glitschigen Wänden! Ich bin ein zivilisierter Mensch. Ich muß an meinen alten Albrecht und den »Barbarossa« denken! . . Ich hab' das Gefühl, als hätt' ich gründlich das Waschen nötig und freundliche Worte und ein ruhiges Heim! Wenn ich Sie ansehe, so weiß ich, daß ich das Waschen nötig hätte! Herrgott« – – er unterdrückte ein heftiges Gähnen – »was für ein jämmerlicher Waschlappen von einem Gauner Sie doch sind!«

»Ob's was zum Futtern gibt?« fragte Bert.

»Weiß der Himmel!« sagte Kurz.

Er sann noch einen Augenblick über Bert nach. »Soweit ich die Geschichte beurteilen kann, Smallways,« sagte er, »wird der Prinz wahrscheinlich Lust haben, Sie über Bord zu werfen – – sobald er wieder einmal an Sie denkt. Jedenfalls, sobald er Sie zu Gesicht bekommt . . . Schließlich, wissen Sie, sind Sie als Ballast mitgekommen . . . Und wir werden das Schiff bald ausgiebig entlasten müssen. Ich müßte mich sehr täuschen, wenn der Prinz nicht binnen kurzem aufwachen und mit fürchterlicher Energie wieder anfangen wird, sich zu betätigen . . . . Ich hab' nun einmal Sympathie für Sie. Es ist die englische Ader in mir. Sie sind ein drolliger, kleiner Kauz. Es würde mir keinen Spaß machen, mit anzusehen, wie Sie durch die Luft hinuntersausen . . . . Wissen Sie, machen Sie sich lieber nützlich, Smallways. Ich denke, ich werd' Sie für meine Abteilung requirieren. Sie werden arbeiten müssen, wissen Sie, und höllisch intelligent sein und all so was. Und werden auch ein bißchen zuoberst nach unterst herumhängen müssen. Immerhin – – es ist Ihre einzige Chance. Passagiere werden wir auf dieser Tour nicht mehr viel weiter mitführen, schätz' ich. Der Ballast geht über Bord – falls wir nicht, eh' wir's denken, stranden und gefangen genommen werden wollen! Und dazu läßt es der Prinz jedenfalls nicht kommen. Er wird sich wehren bis aufs äußerste.«


IV

Mit Hilfe eines Klappstuhls, der noch an seinem Platz hinter der Tür war, gelangten sie ans Fenster und schauten abwechslungsweise hinaus; sie sahen drunten ein spärlich bewaldetes Land – – ohne Eisenbahnen, ohne Straßen, mit nur vereinzelten Anzeichen von Besiedlung. Dann erklang ein Horn, das Kurz als Signal zum Essen deutete. Sie kamen glücklich zur Tür hinaus und kletterten mit einiger Schwierigkeit den fast vertikalen Gang hinauf, indem sie sich verzweiflungsvoll mit Zehen und Fingerspitzen an den Ventilationslöchern im Boden festklammerten. Die Stewards hatten ihre feuerlosen Kochapparate intakt vorgefunden, und es gab für die Offiziere heißen Kakao und für die Mannschaft heiße Suppe.

Bert empfand das Seltsame der ganzen Situation so stark, daß alle Furcht, die er sonst vielleicht gefühlt hätte, rein weggewischt war. Das Interesse überwog jetzt bei weitem die Furcht. Es war, als hätte er in dieser Nacht die Tiefen der Angst und Verzweiflung erschöpft. Er gewöhnte sich so nach und nach an den Gedanken, daß er in der nächsten Minute wahrscheinlich tot, – – daß diese ganze seltsame Reise in der Luft aller Wahrscheinlichkeit nach seine Todesfahrt sein würde. Kein Mensch kann in einem Zustand permanenter Angst verharren; die Furcht tritt schließlich in den Hintergrund, als etwas Ständiges, Gebuchtes, und also Abgetanes. Er hockte vor seiner Suppe, tunkte sie mit seinem Brot auf und betrachtete seine Kameraden. Sie waren alle ziemlich gelb und schmutzig – – mit viertägigen Bärten – – und alle gruppierten sich in einer matten, gleichgültigen Weise, wie Männer auf einem Wrack. Gesprochen wurde wenig. Die ganze Situation war zu neu – – zu seltsam für jeden eigentlichen Gedanken. Drei von der Mannschaft waren beim Verpichen des Schiffs – während des Kampfs – verwundet worden; einer hatte eine bandagierte Kugelwunde. Es war ganz unglaublich, daß dieser kleine Haufe von Menschen Mord und Gemetzel in einem so unerhörten Maßstab begangen haben sollte. Keiner von ihnen allen, wie sie da, mit dem Suppennapf in der Hand, auf der abschüssigen, gasgepolsterten Wand hockten, sah aus, als könnte er so etwas tun, als könnte er auch nur einem Hund mutwillig wehtun. Sie waren alle so augenfällig für trauliche Häuser auf solidem Erdboden, für pünktlich bebaute Felder, für blonde Frauen und heitere Kurzweil geschaffen. Der derbe Mensch mit dem roten Gesicht und den hellen Wimpern, der die ersten Nachrichten von der Luftschlacht in die Kantine gebracht hatte, war mit seiner Suppe fertig und brachte mit dem Ausdruck mütterlicher Sorgfalt den Verband eines Kameraden in Ordnung, der einen verrenkten Arm hatte.

Bert krümelte eben sein letztes Stückchen Brot in sein letztes bißchen Suppe, indem er seine Mahlzeit soviel wie nur möglich in die Länge zog, als er plötzlich bemerkte, daß alles nach einem Paar Füße blickte, das über der querliegenden Tür baumelte. Kurz erschien und rutschte über die Angel. Auf irgendeine geheimnisvolle Weise hatte er sich rasiert und sein lichtgoldenes Haar gebürstet. Er sah wie der reine Cherub aus. »Der Prinz!« sagte er.

Ein zweites Paar Stiefel, das unter breiten und großartigen Gesten den Türrahmen zu erwischen suchte, folgte. Kurz leitete es zu einer Fußstütze, und der Prinz, rasiert und gebürstet und gewichst und sauber und groß und fürchterlich, glitt herab und saß rittlings auf der Tür. Alle Leute, auch Bert erhoben sich und salutierten.

Der Prinz überblickte sie in der Haltung eines Mannes, der zu Pferde sitzt. Hinter ihm erschien der Kopf des Kapitäns.

Jetzt kam für Bert ein fürchterlicher Moment. Die blaue Flamme des prinzlichen Auges fiel auf ihn, der große Finger deutete auf ihn, eine Frage wurde gestellt. Kurz intervenierte erklärend.

»So!« sagte der Prinz; und Bert war erledigt.

Hierauf hielt der Prinz in kurzen, heroischen Sentenzen eine Ansprache an die Leute, wobei er sich mit einer Hand an der Türangel festhielt und die andere in einer schönvariierten Reihenfolge von Gesten bewegte. Was er sagte, verstand Bert nicht; aber er bemerkte, daß das Aussehen der Leute sich veränderte, daß ihre Rücken sich strafften. Sie fingen an, die Reden des Prinzen mit Beifallsrufen zu interpunktieren. Am Schluß fing der Anführer an zu singen, und alle Leute sangen mit: »Ein' feste Burg ist unser Gott,« sangen sie, in tiefen kraftvollen Tönen, unter unendlicher, moralischer Gehobenheit. Es war ein schreiender Widerspruch zu diesem beschädigten, halb gekenterten, sinkenden Luftschiff, das, nach einem Bombardement, wie es grausamer die Weltgeschichte nicht kannte, kampfunfähig aus der Aktion geweht, dahintrieb; aber dennoch war es unendlich packend. Bert war tief ergriffen. Die Worte des großen Lutherchorals konnte er nicht mitsingen; aber er tat seinen Mund auf und gab laute, tiefe und teilweise sogar harmonische Töne von sich . . . . Tief unten drang das dröhnende Singen an die Ohren eines kleinen Zeltlagers von getauften Mestizen, die hier beim Holzfällen waren. Sie waren gerade beim Frühstück, stürzten aber sogleich voll Freude hinaus, in Erwartung des zweiten Kommens des Herrn. In wortlosem Erstaunen starrten sie zu dem vor dem Sturm treibenden, zerfetzten und verbogenen »Vaterland« empor. In vieler Beziehung war es so ganz, wie sie sich das Kommen des Herrn dachten, und dann wieder in so vieler Beziehung so gar nicht. Von heiliger Scheu ergriffen, bestürzt über alle Beschreibung starrten sie seinem Flug nach. Der Choral hörte auf. Dann, nach einer langen Pause, kam eine Stimme vom Himmel – eine englische Stimme: »Wie nennt sich dieser Ort hier? Wie?«

Sie antworteten nicht. Sie verstanden nicht, obgleich die Frage wiederholt wurde.

Und schließlich trieb das Ungetüm davon nach Norden, über einen Hügel voll Tannenwald, und ward nicht mehr gesehen. Und ein langer und hitziger Wortwechsel entstand . . . .

Der Choral war zu Ende. Die prinzlichen Beine baumelten wieder nach oben, und jedermann war voll Eifer bereit zu heroischer Kraftanstrengung und sieghaften Taten. »Smallways!« rief Kurz, »kommen Sie her!«


V

Jetzt machte Bert, unter Kurz' Aufsicht, seine ersten Erfahrungen in der Arbeit eines Luftschiffers.

Die Aufgabe, die zunächst vor dem Kapitän des »Vaterlands« lag, war, sein Schiff in der Luft zu halten. Der Wind, obgleich seine frühere Heftigkeit sich gelegt hatte, blies noch immer scharf genug, um das Landen einer so schwerfälligen Masse äußerst gefährlich zu machen, selbst wenn es für den Prinzen wünschenswert gewesen wäre, in unbewohntem Gebiet zu landen und eine Gefangennahme zu riskieren. Es war notwendig, daß das Luftschiff in der Höhe gehalten wurde, bis der Wind sich legte, um dann, wenn möglich, in irgendeinem einsamen Distrikt des Territoriums niederzugehen, wo man hoffen durfte, die Schäden zu reparieren oder durch irgendeinen umherstreifenden Kameraden gerettet zu werden. Um dies zu bewerkstelligen, mußte Ballast ausgeworfen werden; und Kurz wurde mit einem Dutzend Leute angewiesen, in die Trümmer der entleerten Luftkammern hinunterzuklettern und Stück um Stück – je nachdem das Luftschiff sank – die Fetzen loszutrennen. So kletterte denn Bert, bewaffnet mit einem scharfen Seitengewehr, auf einem Netzwerk, viertausend Fuß hoch in der Luft, umher und versuchte, Kurz zu verstehen, wenn er Englisch, und ihn zu erraten, wenn er Deutsch sprach.

Es war ein schwindliges Stück Arbeit, aber nicht halb so schwindlig, als ein etwas überernährter, im warmen Zimmer sitzender Leser sich vielleicht vorstellt. Bert fand es ganz möglich, hinabzublicken und die wilde, sub-arktische Landschaft drunten zu betrachten, die jetzt keinerlei Anzeichen von Bewohntheit mehr zeigte – – ein Land felsiger Gebirge und stürzender Wasserfälle und breiter, wirbelnder, öder Ströme, ein Land voller Bäume und Dickichte, die immer verkrüppelter und armseliger wurden, je weiter der Tag vorrückte. Da und dort auf den Hügeln lagen Flecken und Wehen von Schnee. Und hoch über all dem arbeitete er, hackte auf die zähe, schlüpfrige geölte Seide los und klammerte sich wacker an sein Netz.

Bald hatten sie ein Gewirre von verbogenen Stahlstangen und Drähten und einen großen Ballen Seidenhülle vom Skelett losgelöst und hinuntergeworfen. Das war peinlich. Denn das Luftschiff flog sofort in die Höhe, als diese lose Luftzelle hinabstürzte. Es sah fast aus, als ließen sie ganz Kanada fallen. Die Seide breitete sich aus, schwebte abwärts und blieb schließlich, widerlich zusammengeknüllt, am Rand einer Schlucht hängen. Bert klammerte sich wie ein erfrierender Affe an seine Taue und regte fünf Minuten lang keinen Muskel . . . .

Trotzdem, fand er, lag etwas ungemein Auffrischendes in dieser gefahrvollen Arbeit, und vor allem – sie gab ein Gefühl der Kameradschaft. Er war nicht länger ein isolierter und mit Mißtrauen betrachteter Fremdling unter den andern, er hatte jetzt etwas mit ihnen gemeinsam, er arbeitete in freundschaftlichem Wetteifer drauf los, mit seiner Aufgabe früher fertig zu werden als sie. Und er empfand immer mehr eine große Achtung und Anhänglichkeit Kurz gegenüber, die seither nur in ihm geschlummert hatten. Kurz, wenn er ein Stück Arbeit zu dirigieren hatte, war geradezu bewundernswert: er war erfinderisch, hilfreich, einsichtsvoll, flink. Es schien, als wär' er überall. Man vergaß seine Rosigkeit, seine leichtherzige, muntere Art. Sobald man in Not war, war er da, mit praktischem und sicherem Rat. Wie ein älterer Bruder war er zu seinen Leuten. Alles in allem lösten sie drei erhebliche Knäuel Fetzen los; und dann freute sich Bert doch, als er wieder zu den Kabinen emporklettern und einer zweiten Abteilung Platz machen durfte. Er und seine Gefährten erhielten heißen Kaffee; und wirklich – – wenn sie auch Handschuhe angehabt hatten – – es war ein kaltes Stück Arbeit gewesen! Sie saßen umher und tranken und betrachteten einander voll Befriedigung. Einer redete freundschaftlich auf Deutsch auf Bert ein, und Bert nickte und lächelte. Durch Kurz' Vermittlung erhielt Bert, dessen Knöchel beinahe erfroren waren, ein Paar Rohrstiefel von einem der Verwundeten.

Nachmittags legte sich der Wind fast ganz, und kleine, vereinzelte Schneeflocken trieben vorbei. Auch unten lag jetzt reichlicher Schnee, und die einzigen Bäume waren Kiefern und Schimmelfichten in den tieferen Tälern. Kurz ging mit drei von den Leuten in die noch intakten Gaskammern, ließ eine gewisse Quantität Gas ausströmen und bereitete eine Reihe der Füllungen zum Aufschlitzen vor für den Abstieg. Auch der Rest von Bomben und Explosiven im Magazin wurde über Bord geworfen und fiel, laut detonierend, in die Wildnis drunten. Und gegen vier Uhr nachmittags, auf einer weiten, felsigen Ebene angesichts schneebedeckter Berge, landete das »Vaterland« . . . .

Es war dies – notgedrungen – eine schwierige und böse Sache; denn das »Vaterland« war nicht auf die Notfälle eines Ballons eingerichtet. Der Kapitän ließ eine Füllung zu früh aufreißen und die andere nicht früh genug. Das Luftschiff fiel schwer zu Boden, prallte ungeschickt wieder ab und zerschmetterte dabei die Hängegalerie vorn, wobei Winterfeld tödlich verletzt wurde. Dann, nachdem es ein paar Augenblicke lang auf der Erde geschleift hatte, fiel es plötzlich, sich überkollernd, um. Der Schild vorn und das Maschinengeschütz stürzten auf die Dinge, die unter ihnen waren. Zwei Männer wurden durch umherfliegende Stangen und Drähte schwer verwundet – der eine brach das Bein, der andere trug innere Verletzungen davon – und Bert war eine Zeitlang unter der Flanke des Luftschiffs eingeklemmt. Als er endlich wieder frei war und sich die Situation betrachten konnte, lag der große schwarze Adler, der sechs Tage vorher so stolz aus Franken aufgestiegen war, platt, alle viere von sich streckend, auf den Kabinen des Luftschiffs und den kalten Felsen dieses öden Ortes. Mehrere von der Mannschaft standen schweigend herum und besahen sich das Wrack und die Wildnis, in die sie geraten waren. Andere hantierten unter dem improvisierten Zelt herum, das aus den leeren Gaskammern hergestellt worden war. Der Prinz hatte sich ein paar Schritte von dem Luftschiff entfernt und suchte durch seinen Feldstecher die fernen Höhen ab. Sie sahen aus wie ehemalige Seeklippen; da und dort standen kleine Gruppen von Koniferen, an zwei Stellen stürzten Wasserfälle herab. Die nähere Umgebung war von vereistem Geröll bedeckt und zeigte nichts als eine kümmerliche alpine Vegetation von niederen Stämmen und stengellosen Blumen. Kein Fluß war zu sehen; aber die Luft war erfüllt vom Brausen und Tosen eines nahen Stroms. Ein kalter, schneidender Wind blies. Ab und zu trieb eine Schneeflocke vorbei. Die harte gefrorene Erde unter Berts Füßen fühlte sich seltsam tot und schwer an nach dem elastischen federnden Luftschiff.


VI

So kam es, daß der große und allmächtige Prinz Karl Albert eine Zeitlang aus dem gewaltigen Konflikt, den er doch hauptsächlich heraufbeschworen hatte, herausgeschleudert war. Kriegs- und Wettergeschick taten sich zusammen, ihn im öden Labrador ans Land zu setzen, und da tobte er nun, sechs endlose Tage lang, während Krieg und Bestürzung die Welt erfüllten. Nation erhob sich gegen Nation, und Luftflotte kämpfte gegen Luftflotte; Städte flammten auf und Menschen starben in ungezählten Mengen; aber in Labrador hätte man träumen können, daß – ausgenommen ein bißchen Gehämmer – die Welt voll Frieden sei.

Das Lager war aufgeschlagen; von fern sahen die mit der Seide des Ballons überdeckten Kabinen aus wie ein Zigeunerlager etwas außergewöhnlichen Charakters, alle verfügbaren Hände waren geschäftig, aus dem Stahl des Rahmenwerks einen Mast zu bauen, an dem die Elektrotechniker des »Vaterlands« die langen Antennen des Apparats für drahtlose Telegraphie aufhängen konnten, der den Prinzen wieder mit der Welt in Verbindung setzen sollte. Es gab Zeiten, in denen es schien, als würden sie diesen Mast niemals auftakeln können. Von Anfang an erduldeten sie viel Ungemach. Sie waren nicht allzu reichlich verproviantiert und wurden auf kleine Ration gesetzt, und trotz der dicken Kleidungsstücke, die sie hatten, waren sie nur schlecht gegen den schneidenden Wind und die ungastliche Rauheit dieser Wildnis ausgerüstet. Die erste Nacht ward im Dunkeln und ohne Feuer zugebracht. Die Maschinen, die Kraft erzeugt hatten, lagen zertrümmert irgendwo fern im Süden, und unter der ganzen Gesellschaft fand sich nicht ein einziges Streichholz. Streichhölzer mit sich zu führen hatte Tod bedeutet. Alle Geschosse waren aus dem Magazin geworfen worden; und erst gegen Morgen gestand der vogelgesichtige junge Mann, den Bert einst aus seiner Kabine vertrieben hatte, daß er ein paar Duellpistolen und Patronen mit sich führte, vermittelst derer ein Feuer angezündet werden konnte. Später fand man in den Behältern des Maschinengeschützes einen Vorrat unverbrauchter Munition.

Es war eine böse, fast endlos scheinende Nacht. Kaum einer schlief. Sieben Verwundete waren an Bord, und Graf Winterfeld, der am Kopf verletzt war, fieberte und delirierte, rang mit seinem Wärter und schrie mit lauter Stimme allerlei seltsame Dinge über den Brand von New York. Die Männer in der Kantine, eingehüllt in alles, was sie eben erwischen konnten, rückten im Dunkel dichter aneinander, tranken Kakao von den feuerlosen Kochapparaten und lauschten seinem Schreien. Am Morgen hielt ihnen der Prinz eine Rede über die Vorsehung und den Gott seiner Väter und was für ein Glück und Ruhm es sei, sein Leben für sein Herrscherhaus zu lassen, und eine Anzahl ähnlicher Betrachtungen, auf die die Leute sonst vielleicht in dieser öden Wildnis nicht verfallen wären. Sie riefen ohne Begeisterung ihr Hurra! Und in der Ferne heulte ein Wolf.

Dann machten sie sich an die Arbeit und eine Woche lang mühten sie sich damit ab, einen Stahlmast zu errichten und einen Rost von Kupferdrähten – zweihundert Fuß bei zwölf – daran aufzuhängen. Das Hauptthema dieser ganzen Zeit war Arbeit, Arbeit, Arbeit, ununterbrochene, angestrengte, mühsame Arbeit; und der Rest war – mit Ausnahme einer gewissen wilden Großartigkeit im Sonnenauf- und -untergang, in den Strömen und treibenden Wolken, in der ganzen Einöde um sie her, – grimmiges Ungemach und böse Abenteuer. Sie errichteten und unterhielten einen Ring Tag und Nacht brennender Feuer, einzelne Trupps streiften nach Holz umher und stießen auf Wölfe, und die Verwundeten in ihren Betten wurden aus den Luftschiffkabinen geholt und in Zelten um die Feuer gelagert. Der alte Graf Winterfeld tobte und delirierte, bis er schließlich still wurde und starb. Und drei der Verwundeten siechten aus Mangel an guter Nahrung hin, während ihre Kameraden sich erholten. All das ging sozusagen in den Kulissen vor sich; der Hauptzug jener Zeit war – in Berts Bewußtsein – immer und vor allem Arbeit, unaufhörliche Arbeit, ein Halten und Heben, ein Zerren an schweren und schwerfälligen Massen, ein endloses Füllen und Winden von Drähten, und – in zweiter Linie – der Prinz, aufstachelnd, drohend, sobald einer der Leute nachließ. Er pflegte sich neben ihnen aufzustellen und über ihre Köpfe weg südwärts in den leeren Himmel zu deuten. »Dort, die Welt,« sagte er, »wartet auf uns. Fünfzig Jahrhunderte haben dort ihr Ende gefunden!« Bert verstand die Worte nicht, aber er deutete sich die Gebärde. Verschiedene Male wurde der Prinz zornig. Einmal über einen Mann, der zu langsam arbeitete, ein andermal über einen, der einem Kameraden die Ration weggestohlen hatte. Den ersten schalt er und schickte ihn an eine noch mühseligere Arbeit; der zweite wurde körperlich gezüchtigt. Er selbst arbeitete nicht. In der Nähe der Feuer war ein offener Platz, auf dem er oft zwei Stunden lang mit gekreuzten Armen hin und her zu gehen pflegte, sich selbst etwas von seinem Schicksal und von Geduld vormurmelnd. Zeitweilig brach dieses Gemurmel in lautes Reden, in Rufe und Gesten aus, so daß die Arbeitenden innehielten; dann starrten sie nach ihm hinüber, bis sie merkten, daß seine blauen Augen sie anfunkelten. Stets deutete seine Hand nach den südlichen Bergen. Sonntags wurde die Arbeit auf eine halbe Stunde eingestellt, der Prinz hielt eine Predigt über Gottvertrauen und Gottes Freundschaft für David, und nachher sangen alle: »Ein' feste Burg ist unser Gott!«

Langsam, mühselig wurde der große Mast aufgetakelt und Fuß um Fuß aufgerichtet. Die Elektrotechniker hatten in dem nahen Strom eine Schleuse und ein Rad zuwege gebracht – denn die kleine Mülhausener Dynamo mit ihrer Turbinenwelle, deren sich die Telegraphisten bedienten, ließ sich leicht durch Wasser treiben –, und am Abend des sechsten Tages war der Apparat fertig und der Prinz rief – – schwach zwar, aber er rief doch – – über den leeren Weltenraum seine Luftflotte an. Eine Zeitlang rief er ungehört. Das Bild dieses Abends sollte lang in Berts Erinnerung haften. Dicht bei den arbeitenden Elektrotechnikern sprühte und flammte ein rotes Feuer, und rote Funken huschten an dem vertikalen stählernen Mast und den Kupferdrähten zum Zenit empor. Der Prinz saß auf einem Felsen dicht daneben, das Kinn in die Hand gestützt, und wartete. Hinter ihm, gegen Norden, war der Hügel, der den Grafen Winterfeld deckte, überragt von einem stählernen Kreuz. Aus übereinandergestürzten Felsblöcken in einiger Entfernung funkelten rot die Augen eines Wolfs. Auf der andern Seite lag das Wrack des großen Luftschiffs; und um eine zweite düsterrote Flamme biwakierten die Leute. Sie verhielten sich alle sehr schweigsam, als warteten sie auf die Nachrichten, die bald zu ihnen dringen mußten. Und weit in der Ferne – über Hunderte von Meilen der Öde weg – ticktackten und klapperten vielleicht in vibrierender Erwiderung andere Apparate. Vielleicht auch nicht. Vielleicht verloren sich diese Pulsschläge gegen den Äther, in eine stumme und taube Welt. Wenn die Leute sprachen, so sprachen sie mit leiser Stimme. Dann und wann schrie in der Ferne ein Vogel; und einmal heulte ein Wolf. Und das alles im Rahmen der endlosen, kalten Weite der Wildnis.


VII

Bert erfuhr die Neuigkeiten zuletzt – größtenteils in gebrochenem Englisch – von einem Sprachkundigen unter seinen Kameraden. Erst spät in der Nacht erhielten die müden Telegraphisten Antwort auf ihr Anrufen; aber von da ab kamen die Nachrichten kräftig und klar. Und was für Nachrichten!

»He!« sagte Bert beim Frühstück inmitten des allgemeinen Lärms, »erzählen Sie doch ein bißchen!«

»Die ganze Welt führt Krieg!« sagte der Sprachbeflissene, indem er zur Verdeutlichung seinen Kakao schwenkte – – »die ganze Welt führt Krieg.«

Bert starrte nach Süden, ins Tagesdämmern. Es sah nicht so aus.

»Die ganze Welt führt Krieg. Sie haben Berlin eingeäschert; sie haben London eingeäschert; sie haben Hamburg und Paris eingeäschert. Wir haben ein Lager aufgeschlagen in Niagara. So sagen sie. China hat eine Unzahl von Drachenfliegern und Luftschiffen. Die ganze Welt führt Krieg!«

»Alle Wetter!« sagte Bert.

»Ja!« sagte der Sprachbeflissene, seinen Kakao trinkend.

»London eingeäschert, sagen Sie? So wie wir New York?«

»Ein richtiges Bombardement.«

»Sie erwähnen nichts von einem Ort, der Clapham heißt – – oder Bun-Hill – – was?«

»Ich habe nichts gehört,« sagte der Sprachbeflissene.

Das war alles, was Bert vorläufig erfahren konnte. Aber die Aufregung all der Leute um ihn herum wirkte ansteckend. Bald darauf sah er Kurz, die Hände auf dem Rücken, einsam dastehen und unverwandt nach einem der fernen Wasserfälle blicken. Er ging zu ihm hin und salutierte militärisch. »Herr Leutnant werden entschuldigen.«

Kurz wandte ihm sein Gesicht zu. Es war diesen Morgen ungewöhnlich ernst. »Ich dachte eben, ich möchte mir diesen Wasserfall in der Nähe besehen,« sagte er. »Er erinnert mich – – – was wollen Sie?«

»Ich kann mir keinen Vers machen aus dem, was die Leute sagen, Herr Leutnant! Wären Sie so gut und sagten mir, wie es steht?«

»Zum Henker steht's!« sagte Kurz. »Sie werden schon noch zur Genüge erfahren, wie's steht, ehe der Tag herum ist. Das Ende der Welt ist's. Sie schicken den ›Graf Zeppelin‹ nach uns aus. Morgen wird er hier sein – – – – oder wird ewige Vernichtung sein . . . Ich möchte mir den Wasserfall ansehen. Kommen Sie mit! Haben Sie Ihre Ration gehabt?«

»Zu Befehl, Herr Leutnant.«

»Schön. Also kommen Sie!«

Und in tiefem Sinnen schritt Kurz voraus – den Weg über die Felsen nach dem fernen Wasserfall. Bert wanderte eine Weile hinterdrein, wie eine Eskorte; dann, als sie aus dem Bereich des Lagers waren, mäßigte Kurz seinen Schritt, bis Bert ihn eingeholt hatte.

»In zwei Tagen sind wir wieder mitten drin,« sagte er. »Und ein höllischer Krieg ist's! So steht's! Die Welt ist verrückt geworden. Unsere Flotte hat die Amerikaner in der Nacht, in der wir havariert wurden, geschlagen – – das ist klar. Wir haben elf Luftschiffe verloren – – elf – – und ihre Aeroplane sind sämtlich zertrümmert. Gott weiß, wie viele wir vernichtet und wie viele wir getötet haben! Aber das war nur der Anfang. Unser Ausrücken war, wie wenn man ein Pulvermagazin in Brand setzt. Jedes einzelne Land hatte insgeheim seine Flugmaschinen. Über ganz Europa – – über die ganze Welt weg kämpfen sie in der Luft! Die Japaner und Chinesen mitten drin. Das ist das Überwältigende! . . . Daß die sich in unsere kleinen Händel gemischt haben! . . Daß die gelbe Gefahr schließlich doch eine Gefahr war! Tausende von Luftschiffen haben sie! Über die ganze Welt hin sind sie! Wir haben London und Paris bombardiert, und die Franzosen und Engländer haben Berlin vernichtet. Und jetzt ist Asien hinter uns allen her – – – und ist obenauf! . . . Es ist einfach verrückt! Wahnsinn! China obenauf! Und sie wissen nicht, wo aufhören. Es ist einfach schrankenlos. Es herrscht die äußerste Verwirrung. Sie bombardieren Städte, sie zertrümmern Werften und Fabriken, Minen und Flotten . . . .«

»Haben sie London schlimm zugerichtet, Herr Leutnant?« fragte Bert.

»Weiß der Himmel . . . .«

Eine Weile sagte er gar nichts mehr.

»Dies Labrador scheint ein stiller Ort zu sein,« begann er endlich wieder. »Fast möcht' ich hier bleiben. Aber es geht nicht. Nein! Ich muß aushalten. Ich muß aushalten. Und Sie auch. Alle . . . . Und doch – – weshalb? . . . Ich sag' Ihnen, unsere Welt ist dahin. Es gibt keinen Weg hinaus – – es gibt keinen Weg zurück . . . . Wir sind, wo wir sind! Wir sind wie Ratten, die in einem brennenden Haus eingesperrt sind – – wir sind wie Vieh, das eine Sturmflut überrascht. Bald wird das Unheil uns eingeholt haben, und wir müssen zurück . . . in den Kampf . . . Wir werden wieder töten und vernichten – – vielleicht. Diesmal ist's eine chino-japanische Luftflotte, und die Chancen sind gegen uns. Auch an uns kommt die Reihe. Was mit Ihnen wird, weiß ich nicht. Aber was mit mir wird, weiß ich. Ich werde fallen.«

»Es wird schon recht werden mit Ihnen!« sagte Bert nach einer eigentümlichen Pause.

»Nein!« sagte Kurz. »Ich werde fallen. Vorher hab' ich es nicht gewußt, aber heut morgen – beim Tagesgrauen – wußt' ich es – als ob es mir einer gesagt hätte.«

»Wieso?«

»Ich sag' Ihnen, ich weiß es.«

»Aber wieso können Sie es wissen?«

»Ich weiß es.«

»Als ob einer es Ihnen gesagt hätte?«

»Ich weiß es.«

»Ich weiß es,« wiederholte er noch einmal, und eine Weile wanderten sie stumm dem Wasserfall zu.

Kurz ging, in Sinnen versunken, rasch dahin. Schließlich fing er wieder an: »Ich bin mir immer jung vorgekommen, Smallways. Aber heut morgen komm' ich mir alt vor – – alt! So alt! . . . Näher dem Tode als die meisten alten Leute. Immer hab' ich gedacht, das Leben sei ein Spaß – – Aber das ist es nicht . . . . All das ist ja immer gewesen – wahrscheinlich – – Krieg und Erdbeben, all das, was über alle Ordnung des Lebens hinwegfegt. Es ist nur, als wär' ich zum erstenmal zu all dem aufgewacht. Jede Nacht – seit wir in New York waren – hab' ich davon geträumt . . . . Und immer war das so . . . immer ist das so gewesen . . . Das ist das Leben! Die Menschen werden weggezerrt von denen, die sie lieb haben; Heimstätten werden zertrümmert, Geschöpfe voller Leben und Erinnerungen und kleiner, besonderer Eigenarten werden zerquetscht und verbrannt und in Stücke gerissen und sterben Hungers und werden vernichtet. London! Berlin! San Francisco! Denken Sie bloß – – all die Menschenschicksale, denen wir in New York ein Ende gemacht haben! . . . Und die andern leben einfach weiter, als ob all so was unmöglich wäre! Wie ich weitergelebt habe! Wie die Tiere! Genau wie die Tiere!«

Eine lange Weile sagte er nichts mehr; dann entfuhr es ihm: »Der Prinz ist wahnsinnig!«

Sie gelangten an eine Stelle, wo sie klettern mußten, und hierauf zu einem langen Strich Moor neben einem Bach. Eine Anzahl kleiner, zarter, roter Blüten fesselte Berts Auge. »Wetter!« sagte er und bückte sich, um eine zu pflücken. »An einem Ort wie hier!«

Kurz blieb stehen und wandte sich halb ab. Ein Zucken ging über sein Gesicht.

»Ich habe nie solche Blumen gesehen,« sagte Bert. »So zierlich!«

»Pflücken Sie nur mehr, wenn Sie wollen,« sagte Kurz.

Das tat Bert, während Kurz daneben stand und ihm zusah. »Komisch, daß man Blumen immer pflücken muß!« sagte Bert. Kurz erwiderte nichts darauf.

Zuletzt kamen sie zu einer felsigen Anhöhe, von wo aus sich der Blick auf den Wasserfall öffnete. Hier blieb Kurz stehen und setzte sich auf einen Felsen. »Weiter wollte ich nicht sehen,« erklärte er. »Es ist nicht ganz so, aber doch ähnlich genug.«

»Ganz wie?«

»Wie ein anderer Wasserfall, den ich kenne.«

Plötzlich fragte er unvermittelt: »Haben Sie ein Mädel, Smallways?«

»Komisch,« sagte Bert – – »vermutlich sind's die Blumen – – ich dachte gerade an sie.«

»Ich auch.«

»Was! An Edna

»Nein! Ich dachte an meine Edna. Wir haben jeder seine Edna, vermute ich, mit der unsere Phantasie beschäftigt ist. Aber das ist ja doch alles zu Ende – für immer. Es ist hart, zu wissen, daß ich sie nicht mehr sehen kann – – nur wenigstens eine Minute – nur eben sie wissen lassen, daß ich an sie denke.«

»Aller Wahrscheinlichkeit nach«, sagte Bert, »werden Sie sie vergnügt wiedersehen.«

»Nein,« sagte Kurz mit Bestimmtheit, »ich weiß

»Ich traf sie«, fuhr er fort, »an einem Ort, wie dieser hier – in den Alpen – – auf der Engstlen-Alp. Es ist ein Wasserfall dort – ungefähr wie der hier – – ein breiter Wasserfall – nach Innertkirchen zu. Darum bin ich heut morgen hierhergegangen. Wir machten uns damals heimlich fort und verbrachten da einen halben Tag zusammen. Und wir pflückten Blumen. Genau solche Blumen, wie Sie sie gepflückt haben. Dieselben, glaube ich. Und Gentianen.«

»Ich weiß,« sagte Bert, »– ich und Edna – – wir haben das auch gemacht. Blumen. Und all so was. Kommt mir vor, als lägen Jahre dazwischen!«

»Sie war schön und keck und scheu. O Gott! . . . Ich kann's fast nicht aushalten vor Sehnsucht, sie noch einmal zu sehen und ihre Stimme zu hören, ehe ich sterbe. Wo ist sie? . . . Sie, Smallways, ich werd' so was wie einen Brief schreiben . . . . Und da habe ich ihr Bild.« Er berührte seine Brusttasche.

»Sie werden sie ganz sicher wiedersehen,« sagte Bert.

»Nein, ich werd' sie nie wiedersehen . . . . Ich verstehe nicht, warum die Menschen einander begegnen müssen, bloß um auseinandergerissen zu werden. Aber ich weiß, sie und ich, wir werden einander nie wiedersehen. Das weiß ich so sicher, wie daß die Sonne wieder aufgehen und der Wasserfall dort funkelnd über die Felsen herabstürzen wird, wenn ich längst tot und vergessen bin . . . . Oh! Es ist alles Dummheit und Gehetze und Gewalttätigkeit und grausame Torheit und blinder Haß und selbstsüchtiger Ehrgeiz – alles, was die Menschen getan haben – alles, was sie je tun werden! Herrgott, Smallways! Was für ein Unsinn und Wirrwarr das Leben doch immer gewesen ist – mit seinen Schlachten und Metzeleien, mit all seinem Verderben und Haß und Mord und Fieber und Trug und Gewalttätigkeiten! Ich hab' heut morgen die ganze Geschichte so satt, als wär' ich überhaupt jetzt erst dahinter gekommen. Ich bin auch dahinter gekommen. Wenn ein Mann des Lebens müde ist, so wird es wohl Zeit sein für ihn, zu sterben. Ich hab' alle Freudigkeit verloren; der Tod ist mir nahe. Der Tod steht ganz dicht hinter mir, und ich weiß, ich bin am Ende. Aber denken Sie, all die Hoffnungen, die ich noch vor einer ganz kurzen Weile hatte, das Gefühl, am Anfang eines schönen Lebens zu stehen! . . . Es war alles Wahn! Es war gar kein Anfang . . . Wir sind einfach Ameisen in Ameisenstädten, in einer Welt, die nichts zu bedeuten hat, die einfach weitergeht und ins Nichts taumelt . . . . New York – – nicht einmal New York kommt mir besonders schrecklich vor. New York war nichts als ein Ameisenhaufen, den eines Narren Fuß über den Haufen geworfen hat!

»Denken Sie doch, Smallways! Überall ist Krieg. Sie vernichten ihre Zivilisation, ehe sie sie überhaupt aufgebaut haben. Was die Engländer in Alexandrien, die Japaner in Port Arthur, die Franzosen in Casablanca getan haben, wird überall getan! Überall, auf der ganzen Welt! In Südamerika kämpfen sie untereinander. Kein Ort ist sicher – kein Ort hat Frieden. Es gibt keinen Ort, wo eine Frau mit ihrer Tochter sich verbergen und im Frieden leben könnte. Der Krieg kommt durch die Luft, Bomben fallen des Nachts. Ruhige Menschen gehen morgens aus und sehen über sich Luftflotten vorüberziehen, aus denen der Tod trauft – – der Tod . . .«



Achtes Kapitel: Weltkrieg


I

Nur sehr langsam faßte Bert den Gedanken eines Weltkriegs. Nur langsam machte er sich ein Bild von den übervölkerten Ländern südlich von dieser arktischen Einsamkeit, die das Vorüberziehen jener neugeschaffenen Luftflotten mit Unheil und Entsetzen schlug. Er war nicht daran gewöhnt, sich die Welt als Ganzes zu denken, sondern als ein unbegrenztes Hinterland von Ereignissen jenseits seines unmittelbaren Gesichtsfeldes. Der Krieg war in seiner Vorstellung eine Quelle von Neuigkeiten und Sensationen, ein Etwas, das auf einem beschränkten Territorium, das man »Kriegsschauplatz nannte, vor sich ging. Jetzt war die ganze Atmosphäre ein Kriegsschauplatz und jedes Land eine Hahnenkampfarena. So ganz in gleichem Schritt hatten die Nationen die Bahn der Entdeckungen und Erfindungen zurückgelegt, so geheim und doch so absolut gleichartig waren ihre Pläne und Errungenschaften gewesen, daß schon wenige Stunden nach dem Aufstieg der ersten Flotte in Franken eine asiatische Armada ihren Weg hoch über die staunenden Millionen der Gangesebene weg nach Westen nahm. Aber die Vorbereitungen des ostasiatischen Staatenbundes waren von unvergleichlich viel größerem Umfang als die deutschen. »Mit diesem Schritt«, sagte Tan Tingsiang, »erreichen und überholen wir den Westen. Wir stellen den Weltfrieden wieder her, den diese Barbaren vernichtet haben.«

An Geheimhaltung, Raschheit und Erfindungsgeist hatten sie die Deutschen weit übertroffen, und wo die Deutschen hundert Leute bei der Arbeit hatten, hatten die Asiaten zehntausend. Ihre großen aeronautischen Parks in Chinsi-fu und Tsingyen erhielten durch die Einschienenbahnen, die jetzt ganz China durchschnitten, unbeschränkte Zufuhr von geschickten und talentvollen Arbeitern, Arbeitern, die an technischem Können weit über dem Durchschnittseuropäer standen. Die Nachricht von der deutschen Weltüberrumpelung beschleunigte nur ihre Vorbereitungen. Es ist zweifelhaft, ob die Deutschen zur Zeit der Beschießung New Yorks alles in allem auch nur dreihundert Luftschiffe besaßen; die Zahl der nach Osten, Westen und Süden fliegenden asiatischen muß mehrere tausend betragen haben. Außerdem besaßen die Asiaten eine wirkliche Kampfflugmaschine, die Niaio, wie sie sie hießen, eine leichte, aber höchst wirksame Waffe, die dem deutschen Drachenflieger unendlich überlegen war. Gleich ihm war es eine Ein-Mann-Maschine, war jedoch ganz leicht aus Stahl und Rohr und chemisch-präparierter Seide gebaut, mit einem Diagonalmotor und einem beweglichen Seitenflügel. Die Aeronauten hatten Gewehre, als Munition mit Oxygen gefüllte Hohlgeschosse, und daneben, treu der vornehmsten Tradition Japans, Schwerter. Zum größten Teil waren es Japaner, und es ist charakteristisch, daß es von Anfang an feststand, die Hauptkampfwaffe der Aeronauten müsse das Schwert sein. Die Flügel dieser Maschine hatten vorn Fledermauskrallen, mit denen sie sich, während sie den Gegner in der Flanke faßten, an seinen Gaskammern festhakten. Diese leichten Flugmaschinen wurden von den Luftflotten mitgeführt oder auch auf dem Land- oder Seeweg mit ihrer Besatzung zur Front transportiert. Je nach den Windverhältnissen legten sie Wege von 200–500 Meilen zurück. So stürzten sich unmittelbar nach dem Aufsturm der ersten deutschen Luftflotte diese asiatischen Schwärme in den Luftraum. Augenblicklich baute jeder organisierte Staat in der ganzen Welt mit fieberhafter Energie Luftschiffe und was an etwaigen Flugmaschinen seine Erfinder nur produziert hatten. Für Diplomatie war keine Zeit. Drohungen und Ultimata wurden hin und her telegraphiert, und in wenigen Stunden war die ganze, blind aufgescheuchte Welt in offenem Kriegszustand, und zwar in der verwickeltsten Form. England, Frankreich und Italien hatten Deutschland den Krieg erklärt und die Neutralität der Schweiz verletzt. In Indien war beim Anblick der asiatischen Luftschiffe in Bengalen ein Hinduaufstand und in den nordwestlichen Provinzen eine diesem feindliche Mohammedaner-Bewegung ausgebrochen, welch letztere sich wie ein Steppenbrand von Gobi bis zur Goldküste verbreitete. Der ostasiatische Staatenbund hatte sich in den Besitz der Petroleumquellen von Birma gesetzt und griff gleicherweise Amerika und Deutschland an. Binnen einer Woche wurden in Damaskus, Kairo und Johannesburg Luftschiffe gebaut. Australien und Neuseeland rüsteten fieberhaft. Ein einzig dastehender und furchtbarer Umstand in der Entwicklung der Dinge war die Schnelligkeit, mit der diese Ungetüme produziert werden konnten. Zum Bau eines Panzerschiffs waren zwei bis vier Jahre nötig. Ein Luftschiff ließ sich in ebensoviel Wochen zusammensetzen. Außerdem war das Luftschiff – sogar im Vergleich mit einem Torpedoboot – von unendlich einfacher Konstruktion. Vorausgesetzt, daß das Material für die Luftkammern, die Maschinen, die Gasfüllungen und der Plan da waren, war es tatsächlich nicht komplizierter und weit leichter zu bauen als ein gewöhnliches hölzernes Boot vor hundert Jahren. Und vom Kap Horn bis Nova Zembla, und von Kanton rund um die Erde gab es jetzt Fabriken, Werkstätten und Materialdepots.

Die deutschen Luftschiffe waren kaum in Sicht der atlantischen Gewässer, die erste asiatische Flotte war noch kaum von Oberbirma her gemeldet, als das phantastische Gebäude von Kredit und Finanz, das die Welt hundert Jahre lang ökonomisch zusammengehalten hatte, wankte und zusammenstürzte. Ein Realisationstornado raste durch alle Börsen der Welt. Die Banken stellten ihre Zahlungen ein, die Geschäfte gingen zurück und hörten auf. Die Fabriken arbeiteten in einer Art Beharrungsvermögen einen oder zwei Tage weiter, führten die Bestellungen bankerotter und aufgelöster Firmen aus und stellten dann den Betrieb ein. Das New York, das Bert Smallways sah, war trotz all seines Glanzes von Licht und Verkehr am Rand eines in der Geschichte noch nie dagewesenen ökonomischen und finanziellen Zusammenbruchs. Schon trat eine leichte Stockung in der Zufuhr von Lebensmitteln ein, und noch ehe der Weltkrieg zwei Wochen gedauert hatte, also zu der Zeit, als in Labrador der Mast aufgerichtet wurde, gab es außerhalb Chinas in der ganzen Welt keine Stadt, und mochte sie noch so fern von den Zentren der Vernichtung gelegen sein, in der nicht Polizei und Verwaltung zu den energischsten Maßnahmen griffen, um dem Mangel an Nahrungsmitteln und der Überfülle von Arbeitslosen zu begegnen.

Die Hauptwirkungen des Luftkriegs waren alle derart, daß sie, nachdem er einmal angefangen hatte, fast unvermeidlich auf soziale Auflösung losdrängen mußten. Die erste dieser Wirkungen zeigte sich bei den Deutschen während ihres Angriffs auf New York: die ungeheure Zerstörungsgewalt, die ein Luftschiff über alles hat, was unter ihm ist, und seine verhältnismäßige Unfähigkeit, einen besiegten Punkt zu besetzen, zu bewachen und zu halten. Natürlich führte dies angesichts der im Zustand ökonomischer Auflösung begriffenen, ergrimmten und hungernden städtischen Bevölkerungen zu gewaltsamen und gefährlichen Kollisionen. Und auch da, wo die Luftschiffe untätig oben schwebten, gab es unten Bürgerkonflikte und leidenschaftliche Tumulte. Nichts, was diesem Zustand der Dinge zu vergleichen wäre, ist aus der früheren Kriegsgeschichte bekannt, es wären denn vielleicht die Fälle, in denen Kriegsschiffe des neunzehnten Jahrhunderts große Eingeborenenlager angriffen oder eines der Küstenbombardements, wie sie die Geschichte Großbritanniens am Ende des achtzehnten Jahrhunderts verzerren. Dabei allerdings waren Grausamkeiten und Verheerungen vorgekommen, die eine schwache Ahnung von den Schrecken des Kriegs in der Luft geben. Außerdem besaß vor dem zwanzigsten Jahrhundert die Welt – in der Kommunistenerhebung von Paris, im Jahre 1871 – nur ein einziges, und zwar verhältnismäßig leichtes Beispiel der Möglichkeiten, denen eine moderne städtische Bevölkerung unter dem Druck des Kriegs ausgesetzt ist.

Ein zweiter charakteristischer Umstand des Luftschiffkriegs, so wie er zuerst in die Welt kam, und der ebenfalls auf sozialen Umsturz ausging, war die Wirkungslosigkeit der ersten Luftschiffe gegeneinander. Auf alles, was unter ihnen lag, vermochten sie mit tödlichster Wirkung Geschosse zu schleudern, Forts und Schiffe und Städte waren ihnen auf Gnade und Ungnade ausgeliefert; aber wenn sie sich nicht auf ein geradezu selbstmörderisches Handgemenge einlassen wollten, konnten sie sich gegenseitig nur wenig Schaden zufügen. Die Armierung der riesigen deutschen Luftschiffe, die so groß waren wie die größten schwimmenden Mammutlinienschiffe, bestand aus einem Maschinengewehr, das sich mit Leichtigkeit auf ein paar Maultiere hätte packen lassen. Außerdem wurden, nachdem es sich herausgestellt hatte, daß man um die Luft kämpfen mußte, die Luftschiffer mit Gewehren und Hohlgeschossen, die mit Oxygen oder irgendeiner brisanten Substanz gefüllt waren, versehen; aber kein Luftschiff führte an Geschützen und Waffen auch nur annähernd so viel mit sich, als früher das kleinste Kanonenboot der Kriegsschiffsliste. Die Folge davon war, daß diese Ungetüme, wenn sie in der Schlacht aufeinander trafen, um den oberen Platz manövrierten, oder wie Dschunken miteinander handgemein wurden und kämpften, indem sie Granaten warfen und – in vollständig mittelalterlicher Weise – Mann gegen Mann fochten. Die Chancen des Siegens oder auch des Kenterns und Fallens waren für beide Seiten jedesmal so ziemlich gleich. Infolgedessen findet man nach den ersten Kampferfahrungen bei den Luftflotten-Admiralen eine ständig zunehmende Tendenz, eine Beteiligung am Kampf zu vermeiden und lieber den moralischen Vorteil eines anderweitigen vernichtenden Angriffs zu suchen.

Wenn die Luftschiffe zu wirkungslos waren, so waren die ersten Drachenflieger zu wenig stabil, wie die deutschen, oder zu leicht, wie die japanischen, um unmittelbar entscheidende Resultate zu erzielen. Später bauten allerdings die Brasilianer eine Flugmaschine, die ihrer ganzen Art und Größe nach imstande war, es mit einem Luftschiff aufzunehmen; aber sie bauten deren nur drei oder vier, sie operierten nur in Südamerika und verschwanden spurlos aus der Geschichte, als der Weltbankerott jeder ferneren Produktion des Ingenieurwesens in irgendwelchem nennenswerten Maßstab ein Ende machte.

Die dritte Eigentümlichkeit der Kriegführung in der Luft war, daß sie gleichzeitig ungeheuer verheerend und gänzlich entscheidungslos war. Ihr war der einzig dastehende Umstand eigen, daß beide Parteien gleichzeitig dem Angriff offen lagen. In allen früheren Formen des Kriegs, sowohl zu Land als zur See, war der verlierende Teil bald nicht mehr imstande, Streifzüge in das Territorium des Gegners zu unternehmen und dessen Verkehrswege zu benützen. Man kämpfte in einer »Front«, und hinter dieser Front waren die Vorräte und Hilfsquellen, die Residenz, die Städte und die Fabriken, überhaupt der Landesfriede des Erfolgreichen gesichert. Wenn der Krieg ein Seekrieg war, so vernichtete man die Kriegsflotte des Feindes, blockierte seine Häfen, nahm seine Kohlenstationen und fing jeden Kreuzer ab, der etwa die eigenen Handelshäfen bedrohte. Aber eine Küstenlinie blockieren und bewachen und die ganze Oberfläche eines Landes blockieren und bewachen, sind zwei verschiedene Dinge. Und Kreuzer und Kaperschiffe wiederum sind Dinge, die nicht so schnell gemacht sind, die nicht zusammengepackt und versteckt und unauffällig von einem Punkt zum andern gebracht werden können. Im Luftkrieg mußte der Stärkere, auch vorausgesetzt, daß er die Hauptkriegsflotte des Schwächeren vernichtete, jeden nur möglichen Punkt, an welchem dieser eine neue, und vielleicht eine andere und tödlichere Form von Aeroplanen hervorbringen konnte, ständig im Auge behalten, bewachen oder zerstören. Das hieß, die Luft des Besiegten mit Lustschiffen völlig verdunkeln. Das hieß, sie selbst zu Tausenden bauen und Aeronauten zu Hunderttausenden ausbilden. Ein kleines, nicht gefülltes Luftschiff ließ sich in einem Eisenbahnschuppen, in einer Dorfstraße, in einem Wald verbergen; eine Flugmaschine war noch weniger ins Auge fallend.

Und in der Luft sind keine Straßen, keine Kanäle, ist überhaupt kein Punkt, wo man von einem Gegner sagen kann: »Wenn er meine Hauptstadt erreichen will, muß er hier vorüberkommen.« In der Luft führen alle Richtungen überallhin.

Infolgedessen war es unmöglich, einen Krieg auf eine der hergebrachten Arten zu beenden. A., der B. an Zahl überlegen war und gesiegt hat, schwebt, etwa tausend Luftschiffe stark, über B.'s Hauptstadt und droht, sie zu beschießen, wenn B. sich nicht ergibt. B. erwidert vermittelst drahtloser Telegraphie, daß er eben die Hauptfabrikstadt A.s durch ein Streifkorps von drei Luftschiffen beschießen läßt. A. erklärt B.s Streifschiffe für Piraten usw., beschießt B.s Hauptstadt und macht sich auf den Weg, B.s Luftschiffe zu verfolgen, während B. in einem Zustand leidenschaftlicher Erregung und heroischer Unbesiegbarkeit inmitten seiner Trümmer anfängt, neue Luftschiffe und Geschosse zum freundlichen Gebrauch gegen A. anzufertigen. Der Krieg wurde notgedrungen ein allgemeiner Guerillakrieg, ein Krieg, der Bürger und Familien und den ganzen Apparat sozialen Lebens unrettbar in sich verstrickte.

Diese Charakterzüge des Luftkriegs kamen als eine Überraschung über alle Welt. Niemand hatte diese Folgen vorausgesehen. Wäre es der Fall gewesen, so hätte die Welt im Jahr 1900 eine allgemeine Friedenskonferenz zustande gebracht. Aber die mechanische Erfindung war schneller fortgeschritten als die intellektuelle und soziale Organisation, und die Welt mit ihren Flaggen, ihrer törichten, sinnlosen Nationalitätstradition, ihren wohlfeilen Zeitungen und noch wohlfeileren Leidenschaften und Imperialismen, ihren gemeinen kommerziellen Beweggründen und gewohnheitsmäßigen Unaufrichtigkeiten und Plattheiten, ihren Rasselügen und -konflikten, ward überrumpelt. Nachdem der Krieg einmal begonnen hatte, war kein Einhalten mehr. Das lockere Gewebe des Kredits, das die Menschen blindlings hatten anwachsen lassen und das jene Hunderte von Millionen in einer gegenseitigen finanziellen Abhängigkeit erhalten hatte, die kein Mensch eigentlich begriff, löste sich in Panik auf. Überallhin in der Höhe flogen die Luftschiffe, ließen Bomben fallen, vernichteten jede Hoffnung eines Wiedererstehens, und überall unten in der Tiefe waren finanzielle Katastrophen, hungernde, arbeitslose Menschen und soziale Unordnung. Was die Nationen an konstruktiver, führender Intelligenz besessen hatten, verschwand unter dem gewaltsamen Druck der Zeit. Die Zeitungen und Dokumente und Geschichten, die aus dieser Periode noch da sind, erzählen alle ein und dieselbe Geschichte von Städten, in denen die Zufuhr an Lebensmitteln abgeschnitten, deren Straßen von hungernden Arbeitslosen übervölkert waren; von Krisen in der Verwaltung und von Belagerungszuständen, von provisorischen Regierungen und Verteidigungskommissionen, und – wie in Indien und Ägypten – Aufstandskomitees, die sich mit der Wiederbewaffnung der Bevölkerung, mit dem Aufstellen von Batterien und Geschützbettungen befaßten, von der fieberhaften Fabrikation von Luftschiffen und Flugmaschinen . . . .

All das sieht man in flüchtigen, grell erleuchteten Momentbildern, wie durch einen treibenden Wolkenbruch, der über die ganze Welt hinzog. Es war die Auflösung eines Zeitalters; es war der Zusammenbruch einer Zivilisation, die sich auf das Maschinenwesen gestützt hatte; und die Werkzeuge ihrer Vernichtung waren Maschinen. Aber während der Zusammenbruch der vorhergehenden großen Zivilisation, der römischen, das Werk von Jahrhunderten gewesen war, etwas, das von Phase zu Phase fortschritt, wie das Altern und Sterben eines Menschen, war dieser – wie der Tod eines Menschen durch Eisenbahn oder Automobil – ein einziger, rascher, entscheidender Krach – und damit aus!


II

Die ersten Schlachten im Luftkrieg waren jedenfalls durch den Versuch geleitet, nach einem alten maritimen Grundsatz zu verfahren – nämlich die Stellung der feindlichen Flotte zu erkunden und sie zu vernichten. Da war zuerst die Schlacht vom Berner Oberland, in der die italienischen und französischen Fahrzeuge bei ihrem Flankenangriff auf den Fränkischen Park angefallen wurden vom Schweizer Versuchsgeschwader, das später am Tag noch durch deutsche Luftschiffe verstärkt ward, und dann der Zusammenstoß der britischen Winterhouse-Dunn-Aeroplane mit drei unglücklichen Deutschen.

Dann kam die Schlacht von Nordindien, in der die gesamte anglo-indische Kolonialflotte drei Tage lang gegen eine überwältigende Überzahl von Japanern und Chinesen ankämpfte und total vernichtet und zerstreut wurde.

Gleichzeitig damit begann der denkwürdige Kampf zwischen den Deutschen und Asiaten, der in Anbetracht des Ziels des asiatischen Angriffs gewöhnlich die Schlacht von Niagara genannt wird. Jedoch entwickelte er sich nach und nach in einen über den halben Kontinent verbreiteten sporadischen Konflikt. Die deutschen Luftschiffe, die der Vernichtung in der Schlacht entgingen, landeten und ergaben sich den Amerikanern, wurden neu bemannt, und das Ganze ward schließlich zu einer Kette mitleidloser und heroischer Zusammenstöße zwischen den Amerikanern, die grimmig entschlossen waren, ihre Feinde auszurotten, und einer fortwährend verstärkten Armee von Asiaten, die am Ufer des Pazifik ihr Quartier hatte und von einer ungeheuren Flotte unterstützt wurde. Von Anfang an ward der Krieg in Amerika mit grimmiger Unerbittlichkeit geführt; es gab keinen Pardon, es wurden keine Gefangenen gemacht. Mit wilder und großartiger Energie bauten die Amerikaner ein Luftschiff ums andere und ließen es vom Stapel, um gegen die asiatischen Massen zu kämpfen und unterzugehen. Alles ordnete sich diesem Krieg unter, die ganze Bevölkerung lebte und starb bald nur noch für ihn. Und bald fanden auch, wie ich später berichten werde, die Weißen in der Butteridge-Maschine eine Waffe, die den Flugmaschinen der asiatischen Krieger standzuhalten und sie zu bekämpfen vermochte.

Der Einfall der Asiaten in Amerika wischte den deutsch-amerikanischen Konflikt vollkommen aus. Er verschwindet aus der Geschichte. Anfänglich hatte es den Anschein gehabt, als sollte er an sich tragisch genug werden – durch das unvergeßliche Blutbad, womit er begann. Nach der Zerstörung Zentral-New Yorks hatte sich ganz Amerika erhoben wie Ein Mann, mit dem festen Willen, lieber tausend Tode zu sterben, als sich zu unterwerfen. Die Deutschen, grimmig entschlossen, die Unterwerfung der Amerikaner zu erzwingen, hatten, gemäß den vom Prinzen ausgearbeiteten Plänen, Niagara eingenommen, um sich in den Besitz seiner ungeheuren Kraftanlagen zu setzen, hatten alle Einwohner verjagt und aus seiner Umgebung bis Buffalo eine Einöde gemacht. Sie hatten auch, sobald Großbritannien und Frankreich den Krieg erklärten, das Land auf der kanadischen Seite fast zehn Meilen landeinwärts verwüstet. Dann fingen sie an, von der Flotte an der Ostküste Leute und Material herbeizuschaffen, indem sie wie Bienen, die Honig sammeln, ein fortwährendes Hin und Her unterhielten. Gerade zu diesem Zeitpunkt erschienen die asiatischen Streitkräfte. In ihrem Angriff auf das deutsche Hauptquartier in Niagara stießen die Luftflotten des Ostens und Westens zum erstenmal aufeinander und es zeigte sich die umfassendere Bedeutung des Kriegs.

Eine besonders hervortretende Eigenheit des anfänglichen Kämpfens in der Luft rührte von der absoluten Geheimhaltung her, mit welcher die Luftschiffe gerüstet worden waren. Jede Macht hatte nur ganz von fern von den Plänen ihrer Rivalen munkeln hören, und sogar die Versuche mit ihren eigenen Erfindungen waren durch die Notwendigkeit der Geheimhaltung beschränkt gewesen. Keiner von allen Erbauern von Luftschiffen und Aeroplanen wußte ganz klar, gegen was seine Erfindung würde zu kämpfen haben; viele hatten sich überhaupt nicht vorgestellt, daß sie etwas in der Luft zu bekämpfen haben würden, und hatten sie nur für das Schleudern von Bomben konstruiert. So war auch die deutsche Idee. Die einzige Waffe zum Kampf gegen ein anderes Luftschiff, mit der die fränkische Flotte versehen war, war das Maschinengewehr am Vorderteil des Schiffs. Erst nach der Schlacht über New York erhielten die Leute kurze Gewehre mit Explosivkugeln. Der Theorie nach sollten die Drachenflieger die eigentliche Kampfwaffe sein. Sie wurden für die Torpedoboote der Luft erklärt; der Aeronaut sollte möglichst dicht auf seinen Gegner eindringen und, während er vorüberwirbelte, seine Bomben werfen. Aber in Wahrheit besaßen diese Drachenflieger nicht die geringste Stabilität; in allen Gefechten gelang es kaum einem Drittel derselben, wieder zum Mutterluftschiff zurückzukehren. Die andern wurden entweder zerschmettert oder sie strandeten.

Die verbündete chino-japanische Flotte machte den gleichen Unterschied wie die Deutschen zwischen Luftschiffen und Kampfmaschinen, die schwerer als Luft waren; aber ihr Typ war – in beiden Fällen – völlig verschieden von den abendländischen Modellen und – was die Energie beweist, mit welcher diese großen Völker die europäischen Methoden wissenschaftlicher Forschung aufnahmen und verbesserten – fast bis auf jede Einzelheit hinaus die Erfindung asiatischer Techniker. Der hervorragendste derselben, der genannt zu werden verdient, war Mohini K. Chatterjee, ein politischer Verbannter, der früher im britisch-indischen Park zu Lahore angestellt gewesen war.

Das deutsche Luftschiff hatte die Gestalt eines Fisches mit stumpfem Kopf; auch das asiatische Luftschiff war fischähnlich, aber weniger in der Form eines Kabeljaus oder Schellfischs, sondern eines Rochens oder einer Seezunge. Es hatte eine breite, flache Unterseite, die weder durch Fenster, noch irgendwelche sonstige Öffnungen unterbrochen war, außer längs der Mittellinie. Die Kabinen lagen um die Achse, mit einer Art Brückenverdeck darüber, und die Gaskammern gaben dem Ganzen die Gestalt eines geschlossenen Zigeunerzelts, nur daß es viel flacher war. Das deutsche Luftschiff war in der Hauptsache ein lenkbarer Ballon, der sehr viel leichter als Luft war; die asiatischen Luftschiffe waren nur wenig leichter als Luft und durchschnitten diese mit weit größerer Geschwindigkeit, wenn auch mit beträchtlich geringerer Stabilität. Auf dem Vorder- und Hinterdeck hatten sie Geschütze – letztere sehr viel größer als erstere – mit Sprenggeschossen, und außerdem besaßen sie noch oben und unten Deckungen für Scharfschützen. So leicht diese Armierung auch war im Vergleich zu dem kleinsten Kanonenboot auf den Gewässern, so genügte sie doch, um den deutschen Luftschiffungetümen überlegen zu sein und sie zu besiegen. Im Kampf versuchten sie hinter oder über die Deutschen zu fliegen; sogar unter sie wagten sie sich und vermieden nur, unmittelbar unter das Magazin zu geraten. Sobald sie gekreuzt hatten, feuerten sie mit ihrer Hinterdeckkanone und schickten Schrapnells oder Oxygengranaten in die Gaskammern des Feindes.

Aber nicht in ihren Luftschiffen, sondern, wie schon gesagt, in ihren Flugmaschinen lag die Stärke der Asiaten. Mit Ausnahme der Butteridge-Maschine waren sie zweifellos die wirksamsten Schwerer-als-Luft-Flieger, die es je gegeben hatte. Sie waren die Erfindung eines japanischen Künstlers und ihrer ganzen Art nach völlig verschieden von dem Papierdrachenstil der deutschen Drachenflieger. Sie hatten merkwürdig gekrümmte, bewegliche Seitenflügel, die am meisten Ähnlichkeit hatten mit gebogenen Schmetterlingsflügeln und aus einem zelluloidähnlichen Material und buntbemalter Seide hergestellt waren, dazu einen langen Kolibrischwanz. An der Vorderspitze der Flügel waren Haken, etwa wie Fledermauskrallen, vermittelst derer die Maschine sich an den Wänden der Gaskammern eines Luftschiffs anklammern und festhalten und sie zerreißen konnte. Der einsame Reiter saß zwischen den Flügeln, über einem Diagonal-Explosivmotor, der in den Hauptpunkten sich nicht von den Maschinen unterschied, die bei den leichten Motorfahrrädern jener Periode zur Verwendung kamen. Unten war ein einzelnes großes Rad. Der Reiter saß rittlings auf einem Sattel, wie in der Butteridge-Maschine, und war, neben seinem Hohlgeschoßgewehr, mit einem großen, zweischneidigen, zweihändigen Schwert bewaffnet.


III

Jetzt schreibt man diese Einzelheiten nieder und vergleicht Punkt für Punkt die amerikanischen und deutschen Aeroplan- und Luftschiffmodelle; aber denen, die in dieser ungeheuerlich verwickelten Schlacht über den großen amerikanischen Seen mitkämpften, war keiner dieser Umstände deutlich bekannt.

Jeder der Gegner ging in den Kampf gegen – er wußte nicht, was – unter ganz neuen Bedingungen und mit einem Apparat, der auch ohne feindliche Angriffe genügt hätte, die verwirrendsten Überraschungen hervorzurufen. Aktionspläne, Versuche zu geschlossenem Manövrieren zerfielen ganz von selbst in sich, sobald der Kampf begann, genau so, wie in fast all den ersten Seeschlachten mit Panzerschiffen im vorigen Jahrhundert. Jeder Kapitän hatte für sich selbst allein und nach eigenem Ermessen vorzugehen; der eine erblickte Sieg in etwas, was der andere als Grund zur Flucht und Verzweiflung betrachtete. Von der Schlacht von Niagara läßt sich mit demselben Recht wie von der Schlacht von Lissa sagen, daß es keine Schlacht war, sondern ein Haufen von Scharmützeln.

Für einen Zuschauer wie Bert erschien das Ganze als eine Reihenfolge von Geschehnissen, manche ungeheuerlich, andere trivial, aber alles in allem zusammenhanglos. Er hatte keinen Augenblick lang das Gefühl eines gemeinschaftlichen Streitpunkts, überhaupt irgendeines Punkts, um den gekämpft, der gewonnen oder verloren ward. Er sah Entsetzliches geschehen, und das Ende war, daß seine Welt unterging in Unheil und Ruin.

Er sah die Schlacht von unten mit an, vom Prospect Park und der Ziegeninsel aus, wohin er geflohen war.

Aber es ist nötig, zu erklären, wie er überhaupt auf die Erde kam.

Der Prinz hatte vermittelst drahtloser Telegraphie das Kommando über seine Flotte wieder übernommen, noch lang ehe der »Zeppelin« nach dem Lager in Labrador gekommen war. Auf seinen Befehl hatte sich die deutsche Luftflotte, deren Vorposten über den Rocky Mountains mit den Japanern in Berührung gekommen waren, über Niagara zusammengezogen und erwartete dort seine Ankunft. Früh am Morgen des zwölften war er zu seinem Stab gestoßen, und Bert erblickte die Niagaraschlucht zum erstenmal, während er bei Sonnenaufgang an der Außenseite der mittleren Gaskammer am Netz manövrierte. Der »Zeppelin« flog gerade sehr hoch, und Bert sah ganz tief unten das mit Gischt bedeckte Wasser der Schlucht und dann fern im Westen den großen Halbmond des kanadischen Falls, der in der tiefstehenden Sonne glänzte, funkelte und schäumte und sein tiefes, unablässig donnerndes Rauschen zum Himmel emporsandte. Die Luftflotte hatte in einem riesigen Halbmond Aufstellung genommen, dessen Hörner nach Südwesten zeigten – eine lange Schlachtlinie blinkender Ungetüme mit langsam arbeitenden Propellern und deutschen Flaggen, die hinter den drahtlosen Leitungen vom Bauch der Schiffe herabhingen.

Die Stadt Niagara stand damals zum größten Teil noch, obgleich ihre Straßen jedes Lebens bar waren. Die Brücken waren noch unzerstört; auf den Hotels und Restaurants flatterten noch die Flaggen und erhoben sich einladend die Schilder; die Kraftanlagen arbeiteten noch. Aber das Land rings umher auf beiden Seiten der Schlucht sah aus, als ob ein riesiger Besen darüber hingefegt wäre. Alles, was möglicherweise als Deckung für das deutsche Lager über Niagara hätte dienen können, war so unbarmherzig dem Erdboden gleichgemacht als Maschinen und Geschosse das nur vermochten; die Häuser waren zertrümmert und verbrannt, die Wälder vernichtet, die Hecken und Felder zerstört. Die Einschienengeleise waren aus der Erde gerissen, und die Wege bis ins kleinste von jeder Möglichkeit eines Verstecks oder Unterschlupfs gereinigt. Von oben gesehen wirkte diese Zerstörung geradezu grotesk. Junge Wälder waren durch Schleppdrähte völlig vernichtet, und die zerstörten Bäume lagen, zerschmettert oder entwurzelt, in Schwaden am Boden, wie Ähren, über die die Sense hingegangen ist. Die Häuser sahen aus, als wären sie plattgedrückt von der Gewalt eines Riesenfingers. Überall brannte es noch, und große Bezirke waren nur noch Flecken von glimmenden und manchmal auch noch glühendem Schwarz. Da und dort lagen die Spuren verspäteter Flüchtlinge: Wagen und Leichname von Menschen und Pferden. Wo Wasserleitungen in den Häusern gewesen waren, erblickte man Wassertümpel und rinnende Brunnen, die aus den zerstörten Rohren strömten. Auf unversehrten Feldern weideten noch friedlich Pferde und Vieh. Jenseits des verödeten Bezirks war die Landschaft wie immer, nur daß fast alle Einwohner geflohen waren. In Buffalo wütete eine ungeheure Feuersbrunst, und nirgends sah man Anzeichen, daß jemand sich bemüht hätte, gegen die Flammen anzukämpfen.

Die Stadt Niagara selbst wurde rasch den Erfordernissen eines Militärdepots angepaßt. Schon war eine große Anzahl gewandter Techniker von der Flotte geholt worden, die eifrig dabei waren, den äußeren industriellen Apparat des Platzes für die Zwecke eines aeronautischen Parks herzurichten. Sie hatten an der Ecke des Amerikanischen Falls über der Drahtseilbahn eine Gasfüllstation hergestellt, und nahmen jetzt zum selben Zweck noch ein weit größeres Terrain im Süden in Angriff. Über den Elektrizitätswerken und Hotels und ähnlichen hervorragenden oder wichtigen Punkten flatterte die deutsche Flagge.

Der »Zeppelin« machte zweimal langsam über diesem Schauspiel die Runde, während der Prinz es von der Hängegalerie aus betrachtete; dann stieg das Luftschiff zur Mitte des Halbmonds auf und der Prinz und seine Suite, darunter auch Kurz, begaben sich auf die »Hohenzollern«, die für die Dauer der bevorstehenden Schlacht zum Flaggschiff gewählt worden war. Sie wurden von der Vordergalerie aus an einem kleinen Kabel aufwärts gezogen; die Mannschaft des »Zeppelin« hielt das Außennetz besetzt, während der Prinz und sein Stab das Schiff verließen. Dann drehte der »Zeppelin«, kreiste langsam abwärts und landete im Prospect Park, um die Verwundeten abzusetzen und Geschosse an Bord zu nehmen; denn er war mit leeren Magazinen nach Labrador gekommen, da es unsicher war, wieviel Gewicht er zu tragen haben würde. Ferner ergänzte er das Hydrogen in einer seiner vorderen Kammern, die leck geworden war.

Bert wurde den Trägern zugeteilt und half die Verwundeten nacheinander in das nächste der großen Hotels schaffen, die auf das Kanadische Ufer blickten. Das Hotel war ganz leer mit Ausnahme von zwei amerikanischen Berufskrankenpflegerinnen, dem Hausknecht, einem Nigger, und drei oder vier Deutschen, die die Kranken erwarteten. Bert ging mit dem Arzt vom »Zeppelin« nach der Hauptstraße der Stadt, wo sie in eine Apotheke einbrachen und sich verschiedenes aneigneten, was eben vonnöten war. Als sie zurückkehrten, fanden sie einen Offizier und zwei Leute vor, die ein provisorisches Verzeichnis des Materials aufnahmen, das sich in den verschiedenen Läden und Warenlagern vorfand. Sonst war die ganze breite Hauptstraße der Stadt völlig verlassen; man hatte den Leuten drei Stunden Zeit gelassen zum Abzug, und, wie es schien, war auch alles geflohen. An einer Ecke lag ein Toter an der Mauer – erschossen. Zwei oder drei Hunde zeigten sich auf der öden Fläche, und nach der Flußseite zu unterbrach das Vorübergleiten einer Reihe von Einschienenbahnwagen die Stille und das Schweigen. Sie waren mit Strümpfen bepackt und auf dem Weg zu dem Lager der Arbeiter, die den Prospect Park in eine Luftschiffswerft verwandelten . . . . Bert fuhr, eine Kiste mit Arzneien vor sich, auf einem Rad, das er in einem benachbarten Laden entwendet hatte, nach dem Hotel zurück und ward dann weitergeschickt, um Bomben in das Magazin des »Zeppelin« zu verladen, eine Arbeit, die die größte Sorgfalt erforderte. Bald darauf wurde er auch davon wieder abgerufen; der Kapitän des »Zeppelin« schickte ihn mit einem Brief zu dem Offizier, der das Magazin der anglo-amerikanischen Pulvergesellschaft besetzt hielt; denn das Feldtelephon sollte erst eingerichtet werden. Bert empfing auf deutsch seine Instruktion, deren Sinn er erriet, salutierte und nahm den Brief; er hatte keine Lust einzugestehen, daß er der Sprache nicht mächtig war. Er machte sich davon mit einer Miene, als wisse er den Weg ganz genau, bog um eine oder zwei Straßenecken und begann eben zu fürchten, daß er doch nicht wüßte, wohin er eigentlich ging, als seine Aufmerksamkeit durch einen Kanonenschuß von der »Hohenzollern« und ein himmlisches Hurra nach oben gelenkt wurde.

Er blickte in die Höhe; aber die Häuser zu beiden Seiten der Straße versperrten ihm die Aussicht. Er zögerte; dann trieb ihn die Neugier zum Stromufer zurück. Hier wiederum hinderten die Bäume den Ausblick; verwundert entdeckte er plötzlich den »Zeppelin«, dessen Magazine doch, wie er wußte, zu einem Viertel noch ungefüllt waren, und der nun über der Ziegeninsel emporstieg. Er hatte die Vervollständigung seiner Munition nicht abgewartet. Dann kam es Bert auf einmal zum Bewußtsein, daß man ihn zurückgelassen hatte. Er tauchte wieder unter die Bäume und Sträucher zurück, bis er sich sicher fühlte, daß der Kapitän des »Zeppelin« nicht mehr an ihn dachte. Dann überwältigte ihn die Neugier, zu sehen, was die deutsche Luftflotte eigentlich vorhatte, und trieb ihn halbwegs über die Brücke zur Ziegeninsel. Von hier aus überblickte er fast eine Halbkugel von Himmel und sah zum erstenmal tief am Horizont über den glitzernden Strudeln der Oberen Stromschnellen die asiatischen Luftschiffe auftauchen.

Sie wirkten sehr viel weniger großartig als die deutschen. Die Entfernung vermochte er nicht zu beurteilen, und sie flogen gerade auf ihn zu, so daß ihm die Breitseite ihrer Rümpfe verborgen blieb.

Da stand nun Bert, in der Mitte der Brücke, auf einem Platz, dessen sich die meisten, die ihn kannten, als eines Punktes entsannen, der von Touristen und Ausflüglern frequentiert wurde. Jetzt war Bert das einzige menschliche Wesen weit und breit. Über ihm, in höchster Höhe, manövrierten die kämpfenden Luftschiffe; unter ihnen schäumte wie an einem Wehr der Strom dem Amerikanischen Fall zu. Bert war merkwürdig gekleidet. Seine billigen blauen Baumwollhosen steckten in deutschen Luftschiffergummistiefeln; auf dem Kopf trug er eine weiße Aeronautenmütze, die ihm etwas zu groß war. Er schob sie zurück und enthüllte um so deutlicher sein verwundertes kleines Gassenjungengesicht, das noch eine Narbe auf der Stirn trug. »Alle Wetter!« flüsterte er.

Er starrte hinauf. Er gestikulierte. Ein oder zweimal stieß er laute Ausrufe des Beifalls aus.

Dann packte ihn plötzlich das Entsetzen, und er lief so schnell er konnte in der Richtung der Ziegeninsel davon.


IV

Eine Zeitlang noch, nachdem sie sich gegenseitig erblickt hatten, machte keine der Flotten den Versuch zum Angriff. Die Deutschen zählten siebenundsechzig große Luftschiffe und behielten ihre halbmondförmige Aufstellung in einer Höhe von beinahe viertausend Fuß bei. Sie hielten eine Entfernung von etwa anderthalb Längen ein, so daß die Hörner des Halbmonds beinahe dreißig Meilen auseinander waren. Dicht im Schlepptau der Luftschiffe der äußersten Geschwader jedes Flügels waren ungefähr dreißig bemannte Drachenflieger; doch waren diese zu klein und zu fern, als daß Bert sie hätte unterscheiden können.

Zuerst ward für ihn nur die sogenannte Südflotte der Asiaten sichtbar. Sie bestand aus vierzig Luftschiffen, die fast vierhundert Flugmaschinen an ihren Seiten mit sich führten. Eine ganze Weile flog diese Flotte langsam und mit einem Mindestabstand von etwa zwölf Meilen ostwärts an der Front der Deutschen entlang. Zuerst konnte Bert nur die größeren Massen unterscheiden, dann bemerkte er die Ein - Mann-Maschinen, als eine Menge von sehr kleinen Gegenständen, die wie Stäubchen durch den Sonnenschein und unter den größeren Rumpfen dahintrieben.

Von der zweiten Flotte der Asiaten sah Bert damals noch nichts, obgleich dieselbe wahrscheinlich zu diesem Zeitpunkt im Nordwesten in Sicht der Deutschen kam.

Die Luft war sehr still, der Himmel fast ohne eine Wolke, und die deutsche Flotte hatte sich zu einer ungeheuren Höhe erhoben, so daß die Luftschiffe nicht mehr besonders groß erschienen. Beide Enden des Halbmonds hoben sich deutlich ab. Während sie südwärts zogen, kamen sie langsam zwischen Bert und die Sonne und wurden zu schwarzen Umrissen. Die Drachenflieger sahen aus wie kleine schwarze Flecken auf jedem Flügel dieser Luftarmada.

Die beiden Flotten schienen es mit dem Beginn des Kampfes nicht eilig zu haben. Die Asiaten flogen weit nach Osten, wobei sie ihre Geschwindigkeit erhöhten und zugleich stiegen, bildeten dann eine lange Kolonne und kamen zurück, indem sie gegen die deutsche linke Flanke aufstiegen. Die Geschwader der letzteren wendeten, um diesem seitlichen Vorrücken zu begegnen, und plötzlich zeigte da und dort ein kleines Funkengeflacker und ein knatterndes Geräusch an, daß das Feuer eröffnet war. Eine Weile bemerkte der Zuschauer auf der Brücke keinerlei Wirkung. Dann flogen, gleich einer Handvoll Schneeflocken, die Drachenflieger zum Angriff, und ein Gewirr roter Funken wirbelte aufwärts, ihnen entgegen. Für Berts Empfinden war das Ganze nicht nur unendlich fern, sondern auch ganz merkwürdig unirdisch. Vor noch nicht vier Stunden war er selbst auf einem dieser Luftschiffe gewesen, und doch erschienen sie ihm jetzt nicht als Gassäcke, die Menschen trugen, sondern wie seltsame, fühlende lebendige Geschöpfe, die aus eigenem Antrieb sich bewegten und handelten. Der Schwarm der asiatischen und deutschen Flugmaschinen stieß aufeinander und senkte sich erdwärts, ward gleich einer Handvoll roter und weißer Rosenblätter, die aus einem Fenster geworfen werden, wurde dann größer, bis Bert die gekenterten durch die Luft wirbeln sah, und verschwand schließlich in großen Wolken dunkeln Rauchs, der in der Richtung von Buffalo aufstieg. Eine Zeitlang waren alle verschwunden, dann erhoben sich zwei oder drei weiße und eine Anzahl von roten wieder in die Luft wie ein Schwarm großer Schmetterlinge, kreisten kämpfend umeinander und trieben dann wieder nach Osten davon.

Ein schwerer dumpfer Knall lenkte Berts Augen zum Zenit zurück. Und siehe! Der große Halbmond hatte seine Form verloren und war zu einer ungeordneten, langen Wolke von Luftschiffen geworden. Eines war halbwegs in die Tiefe gesunken. Es brannte vorn und hinten, und während Bert noch zusah, überschlug es sich, sank, sich unablässig um sich selbst drehend, und verschwand im Rauch von Buffalo.

Berts Mund öffnete und schloß sich; er klammerte sich fester an das Brückengeländer. Ein paar Augenblicke – – lange Augenblicke schienen es – verharrten die beiden Flotten ohne scheinbare Veränderung, indem sie schräg gegeneinander anflogen und, wie es für Berts Ohren klang, ein summendes Geräusch verführten. Dann begannen plötzlich auf beiden Seiten, von Geschossen getroffen, die er nicht zu sehen vermochte, Luftschiffe aus der Schlachtlinie zu sinken. Die Reihe der asiatischen Schiffe machte eine Schwenkung und stürzte sich in oder über (es war von unten aus schwer zu erkennen) die zersprengte Linie der Deutschen, die sich zu öffnen schien, um ihr Platz zu machen. Es begann eine Art Manövrieren; aber Bert verstand nicht, was es eigentlich bedeutete. Links ward die Schlacht zu einem wirren Tanz von Luftschiffen. Einige Minuten lang sahen die beiden sich kreuzenden Linien von Schiffen von unten gesehen aus, als wären sie so dicht beieinander, daß das Ganze wie ein Handgemenge am Himmel erschien. Dann zerteilten sie sich zu Gruppen und Zweikämpfen. Der Abstieg der deutschen Luftschiffe nach den niederen Regionen nahm zu. Eins von ihnen flackerte brennend herab und verschwand fern im Norden; zwei sanken mit verzerrten und krüppelhaften Bewegungen; dann senkte sich eine feindliche Gruppe in wirbelndem Konflikt vom Zenit nieder – zwei Asiaten gegen einen Deutschen, dem sich bald ein zweiter anschloß – und alle trieben miteinander nach Osten, während aus der Linie der Deutschen da und dort ein Luftschiff sich ihnen zugesellte. Ein asiatischer Riese rammte einen noch riesigeren Deutschen oder kollidierte mit ihm, und alle beide stürzten, unablässig um sich selbst kreisend, der Vernichtung entgegen. Das nördliche Geschwader der Asiaten kam jetzt in Aktion, ohne daß Bert es bemerkte; nur daß ihm die Menge der Schiffe droben plötzlich noch viel größer erschien. In kurzer Zeit war der ganze Kampf eine einzige große Wirrnis, die in der Hauptsache südwestlich gegen den Wind trieb. Mehr und mehr ward alles zu einer Reihenfolge von Gruppenzusammenstößen. Hier flammte ein ungeheures deutsches Luftschiff erdwärts, umgeben von einem Dutzend flacher, asiatischer Fahrzeuge, die jeden seiner Versuche, sich noch zu retten, vereitelten. Dort hing ein anderes, dessen Mannschaft sich gegen die Krieger eines ganzen Schwarms von japanischen Flugmaschinen verteidigte. Und hier wiederum sank ein asiatischer Riese, der von einem Ende zum andern in Flammen stand, aus der Schlacht. Berts Aufmerksamkeit wanderte von einem Geschehnis zum andern in der uferlosen Klarheit über ihm; diese besonders das Auge auf sich lenkenden Fälle von Vernichtung erregten und fesselten ihn; erst ganz nach und nach ward ihm überhaupt eine Art Zusammenhang zwischen diesen näheren und auffälligeren Episoden klar.

In der Masse der Luftschiffe, die hoch oben in der Ferne umherwirbelten, kam es mittlerweile weder zur Vernichtung noch zur Entscheidung. Der größte Teil derselben schien sich in voller Geschwindigkeit und unter beständigem Kreisen aufwärts zu bewegen, um sich eine möglichst günstige Stellung zu sichern, wobei fortwährend wirkungslose Schüsse gewechselt wurden. Auch Rammversuche wurden nur wenige gemacht, nachdem die ersten Rammer und Gerammten so tragisch abgestürzt waren; und wenn Enterversuche gemacht wurden, so waren sie jedenfalls für Bert nicht erkennbar. Dagegen zeigte sich ein unablässiges Bemühen, den Gegner zu isolieren, ihn von seinen Kameraden abzuschneiden und nach unten zu drängen, was ein fortwährendes Rückwärtssegeln und Durcheinander der wirbelnden Gestalten verursachte. Die größere Anzahl der Asiaten und ihre rascheren Drehbewegungen machte den Eindruck, als griffen sie die Deutschen fortwährend an. Zuoberst, und augenscheinlich im Bemühen, mit den Elektrizitätswerken von Niagara in Berührung zu bleiben, zog sich ein Korps von deutschen Luftschiffen zu einer enggeschlossenen Phalanx zusammen, die die Asiaten immer eifriger zu sprengen versuchten. Bert erinnerte das Ganze in grotesker Weise an Fische in einem Fischteich, die um Brosamen kämpfen. Er sah schwache Rauchwölkchen und das Aufblitzen der Bomben; aber kein Laut drang zu ihm herab . . . .

Ein flatternder Schatten drängte sich auf einen Augenblick zwischen ihn und die Sonne; ein zweiter folgte. Ein Surren von Motoren, klick – klack – klitter-klack – drang an sein Ohr. Und sofort vergaß er den Zenit.

Vielleicht hundert Meter über dem Wasser kamen von Süden her, rasch wie Walküren durch die Luft reitend, auf den seltsamen Rossen, die die künstlerische Inspiration Japans von der Technik Europas empfangen hatte, eine lange Reihe asiatischer Krieger. Die Flügel flatterten ruckweise, klick-klack – klitter-klack – und die Maschinen flogen aufwärts; die Flügel breiteten sich aus und standen still, und der Apparat schwebte wagrecht durch die Luft. So stiegen sie und sanken und stiegen wieder. So dicht über seinem Kopf zogen sie dahin, daß Bert ihre Stimmen sich gegenseitig zurufen hörte. Sie flogen hinüber nach Niagara und landeten, einer hinter dem andern, in einer langen Reihe, auf dem freien Platz vor dem Hotel. Aber er blieb nicht stehen, um das mitanzusehen. Ein gelbes Gesicht hatte sich vornübergebeugt und ihn angesehen, und fremde Augen waren eine rätselvolle Sekunde lang seinen Augen begegnet . . . .

Und in diesem Augenblick durchzuckte Bert der Gedanke, daß er hier, in der Mitte der Brücke, doch gar zu deutlich sichtbar sei; er lief so schnell ihn seine Beine tragen konnten, nach der Ziegeninsel hinüber. Dort duckte er sich, vielleicht in einem übertriebenen Ichbewußtsein, unter die Bäume und beobachtete das Ende des Kampfs.


V

Als Berts Sicherheitsgefühl wieder so weit hergestellt war, daß er die Schlacht aufs neue beobachten konnte, bemerkte er, daß sich zwischen den asiatischen Aeronauten und den deutschen Ingenieuren ein lebhaftes kleines Scharmützel um den Besitz der Stadt Niagara entsponnen hatte. Zum erstenmal im ganzen Verlauf des Kriegs sah er etwas, das dem Kampf glich, so wie er ihn in den illustrierten Blättern seiner Jugend studiert hatte. Ihm kam es fast vor, als käme nun endlich die gehörige Ordnung in die Geschichte. Er sah Männer, die Gewehre trugen und Deckungen suchten und rasch, in loser Angriffsform, von einem Punkt zum andern liefen. Die erste Abteilung von Aeronauten hatte wahrscheinlich unter dem Eindruck gestanden, daß die Stadt verlassen sei. Sie waren auf einem offenen Platz in der Nähe des Prospect Park gelandet und näherten sich den Häusern in der Richtung der Elektrizitätswerke, als sie durch plötzliches Schießen aus ihrem Irrtum gerissen wurden. Sie hatten in der Nähe des Wassers hinter einer Erdwelle Deckung gesucht – ihre Maschinen waren zu weit entfernt, als daß sie sie hätten noch erreichen können; und jetzt lagen sie am Boden hinter ihrem Schutzwall und feuerten auf die Leute in den Hotels und Maschinenhäusern um die Elektrizitätswerke her.

Dann kam eine zweite Reihe roter Flugmaschinen von Osten her ihnen zu Hilfe. Sie tauchten aus dem Dunst über den Häusern auf und näherten sich in weitem Bogen, als wollten sie die Situation unten erst überblicken. Das Feuer der Deutschen ward zu einem wahren Tumult, und eine der schwebenden Gestalten fiel mit einem plötzlichen Ruck hintenüber und verschwand zwischen den Häusern. Die andern senkten sich, ganz wie große Vögel, auf das Dach des Elektrizitätswerks nieder, klammerten sich dort fest und von jeder sprang eine geschmeidige kleine Figur und lief auf die Brüstung zu. Weitere flatternde Vogelgestalten kamen; aber Bert hatte ihr Kommen nicht bemerkt. Ein Stakkato von Schüssen drang zu ihm hinüber und erinnerte ihn an Manöver, an Zeitungsbeschreibungen von Gefechten, an alles, was nach seinem Begriff von Krieg völlig korrekt war. Er sah eine ganze Anzahl von Deutschen von den entfernteren Häusern her nach den Elektrizitätswerken eilen. Zwei fielen. Der eine lag still; aber der andere zappelte noch eine Weile. Das Hotel, das in ein Lazarett umgewandelt worden war, und in das er die Verwundeten vom »Zeppelin« hatte tragen helfen, hißte plötzlich die Genfer Flagge. In der Stadt, die so ruhig geschienen hatte, war augenscheinlich eine beträchtliche Anzahl von Deutschen versteckt gewesen, die sich nun alle sammelten, um das Hauptgebäude der Elektrizitätswerke zu verteidigen. Er fragte sich, was für Munition sie wohl haben mochten. Mehr und mehr asiatische Flugmaschinen mischten sich in den Konflikt. Sie hatten die unglücklichen deutschen Drachenflieger vernichtet und griffen nun den beginnenden aeronautischen Park, die elektrischen Gaserzeuger und Reparaturwerkstätten an, welche den Stützpunkt der Deutschen bildeten. Einige landeten, und ihre Aeronauten suchten Deckung und wurden zu energischen Infanteristen. Andere schwebten über dem Kampf, wobei ihre Bemannung dann und wann auf irgendeinen exponierten Punkt unten feuerte. Die Schüsse kamen ruckweise; einmal herrschte beobachtende Stille; dann wieder knatterte ein Schnellfeuer von Schüssen, das sich fast bis zum Tumult steigerte. Ein oder zweimal kamen Flugmaschinen bei ihrem vorsichtigen Kreisen unmittelbar über Bert, so daß eine Weile sein ganzes Sinnen und Trachten nur auf Ducken und Kauern gerichtet war . . . .

Dann und wann mischte sich in das Geknatter ein rollender Donner und erinnerte ihn an das Handgemenge der fernen Luftschiffe in der Höhe; aber der Kampf in der Nähe fesselte seine ganze Aufmerksamkeit.

Plötzlich fiel etwas vom Zenit herab; etwas wie eine Tonne oder ein riesiger Fußball.

Krach! Mit einem ungeheuren Geräusch schmetterte es herab. Es war zwischen die gelandeten asiatischen Aeroplane gefallen, die zwischen Rasen und Blumenbeeten in der Nähe des Stroms lagen. Sie flogen in Fetzen und Trümmer auf; Rasen, Bäume und Kies wurden in die Luft geschleudert und fielen wieder zu Boden. Die Aeronauten, die noch immer am Kanalufer entlang lagen, wurden wie Säcke umhergeworfen; Windwirbel flogen über die schäumenden Wasser. Alle Fenster des Hotel-Lazaretts, die noch einen Augenblick zuvor blinkend den blauen Himmel und die Luftschiffe widergespiegelt hatten, wurden zu ungeheuren, schwarzen Höhlen. Bum! – Ein zweiter Krach. Bert blickte in die Höhe und hatte ein Gefühl, als ob eine Anzahl von Riesenkörpern sich wie ein Haufe sich bauschender Bettücher, wie eine Reihe riesenhafter Schüsseldeckel auf das Ganze herabsenkten. Das Haupt-Schlachtgewirr oben kreiste abwärts, als wolle es sich mit den um die Elektrizitätswerke Kämpfenden vereinigen. Bert hatte jetzt einen ganz neuen Eindruck von den Luftschiffen – er sah ungeheure Dinger, die auf ihn herabkamen, die rasch immer größer und überwältigender wurden, bis die Häuser drüben klein, die Stromschnellen schmal, die Brücke schwächlich, die Kämpfenden winzig erschienen. Und während sie sich so herabsenkten, wurden sie auch vernehmbar – ein Gemisch von Geschrei und Gestöhn, von Krachen und Pochen und Pulsieren, von Ausrufen und Schüssen. Die verkürzten schwarzen Adler an den Vorderteilen der deutschen Luftschiffe machten tatsächlich den Eindruck, als kämpften sie mit, als flögen ihre Federn . . .

Einige der kämpfenden Luftschiffe kamen der Erde bis auf fünfhundert Fuß nah. Bert sah auf den unteren Galerien der deutschen Fahrzeuge Leute, die ihre Gewehre abschossen; sah Asiaten, die sich an ihre Taue festklammerten; sah einen Mann im Aluminium-Taucheranzug blitzend kopfüber in die Wasser über der Ziegeninsel stürzen. Zum erstenmal sah er die asiatischen Luftschiffe aus der Nähe. Und sie erinnerten ihn in der Hauptsache an kolossale Schneeschuhe. Sie zeigten seltsame Muster in Schwarz und Weiß und in Formen, die an den inneren Deckel einer Uhr erinnerten. Hängegalerien hatten sie nicht; aber aus kleinen Öffnungen längs der Mittellinie guckten Männer und Gewehrläufe hervor. In langen, steigenden und fallenden Wellenlinien dahintreibend, fochten und kämpften die Ungetüme. Sie waren wie Wolken, die kämpften, wie Puddings, die sich gegenseitig zu morden versuchten. Sie wirbelten und kreisten umeinander und hüllten die Ziegeninsel und Niagara eine Zeitlang in ein rauchiges Dämmerlicht, durch das die Sonne in Strahlen und Pfeilen brach. Sie zerstreuten sich und sammelten sich und zerstreuten sich wieder, sie fochten und kreisten über den Stromschnellen und zwei Meilen und weiter nach Kanada hinein und wieder über die Fälle zurück. Ein deutsches Luftschiff fing an zu brennen, und die ganze Masse entfernte sich von ihm, stieg in die Höhe, zerteilte sich und ließ es einsam in der Richtung nach Kanada zu sinken und im Sinken explodieren. Dann sammelten sich die andern wieder unter erneutem Tumult. Einmal erklang von den Leuten in der Stadt unten etwas, wie ein Hurrageschrei in einem Ameisenhaufen. Ein zweites deutsches Luftschiff verbrannte, und ein drittes, das der Feind durch einen Rammstoß zertrümmert hatte, trieb in südlicher Richtung aus dem Gefecht.

Immer deutlicher zeigte es sich, daß die Deutschen in dem ungleichen Kampf den kürzeren zogen. Immer beharrlicher wurden sie verfolgt. Immer augenscheinlicher kämpften sie nur noch in dem Bestreben, sich die Flucht zu ermöglichen. Die Asiaten hefteten sich an ihre Seite, stürzten sich über sie, schlitzten ihre Gaskammern auf, steckten sie in Brand, vernichteten ihre wie durch einen Nebel sichtbare Bemannung, die in Taucherkleidung mit Feuerlöschapparaten und seidenen Lappen im Innennetz gegen Flammen und Risse ankämpfte. Ihre einzige Antwort waren wirkungslose Schüsse. Die Schlacht kreiste wieder zurück über Niagara; und plötzlich, wie auf ein verabredetes Zeichen, stoben die Deutschen auseinander und zerstreuten sich nach Osten, Westen, Süden und Norden, in offener und ungeordneter Flucht. Die Asiaten, als sie dies erkannten, stiegen auf, um über und hinter ihnen her zu fliegen. Nur ein kleiner Knäuel von vier Deutschen und vielleicht einem Dutzend Asiaten blieb zurück und kämpfte, um die »Hohenzollern« und den Prinzen geschart, der noch immer über Niagara kreiste, in einem letzten Versuch, die Stadt zu retten.

Rundherum kreisten sie, über den Kanadischen Fall, über die Wassermasse im Osten, bis sie ganz fern und klein waren, dann wieder zurück, eilends, ruckweise, geradeswegs auf den einen, erstarrten Zuschauer zu.

Rasch näherte sich die ganze kämpfende Masse, ward größer und größer, hob sich schwarz und ausdruckslos gegen die Abendsonne und über den blinkenden Strudel der oberen Stromschnellen ab. Wie eine Wetterwolke schwoll sie an, bis sie aufs neue den Himmel verdunkelte. Die flachen asiatischen Luftschiffe hielten sich hoch über den deutschen oder hinter ihnen und feuerten unerwiderte Schüsse auf ihre Gaskammern und Flanken ab; die Flugmaschinen schwärmten um sie herum wie ein Volk wütender Bienen. Näher kamen sie und immer näher. Sie füllten den unteren Himmel. Zwei der deutschen sanken und erhoben sich wieder. Aber die »Hohenzollern« hatte zu sehr gelitten. Sie erhob sich matt, wandte scharf um, als wolle sie sich aus der Schlacht verziehen, fing plötzlich vorn und hinten zu brennen an, sank aufs Wasser hinab, fiel schräg in den Strom, trieb, sich wälzend und windend wie etwas Lebendiges, abwärts, blieb hängen und trieb dann wieder weiter. Ihr zerbrochener und verbogener Propeller schlug noch immer die Luft. Die hervorbrechenden Flammen erstickten in Wolken und Dampf. Es war eine in ihren Dimensionen gigantische Katastrophe. Die »Hohenzollern« lag über den Stromschnellen gleich einer Insel, gleich großen Klippen, Klippen, die rauchend, sich wälzend, übereinander stürzend und zusammenfallend mit einer Art schwankender Geschwindigkeit auf Bert zutrieben. Ein asiatisches Luftschiff – Bert erschien es von unten wie etwa dreihundert Quadratmeter Straßenpflaster – wirbelte zurück und kreiste zwei- oder dreimal über dem großen Zusammenbruch, und ein halb Dutzend roter Flugmaschinen tanzte einen Augenblick lang gleich großen Schnaken im Sonnenschein, ehe sie hinter ihren Kameraden hereilten. Der Rest des Kampfes war schon als ein wildes Crescendo von Schüssen und Geschrei und verheerendem Tumult über die Insel weggezogen. Jetzt verdeckten die Bäume alles, und Bert vergaß es auch über dem näherliegenden Schauspiel des riesenhaften, vernichteten deutschen Luftschiffs, das da auf ihn zukam. Etwas fiel unter einem gewaltigen Krachen und Splittern von Zweigen unbeachtet hinter ihm zu Boden.

Eine Zeitlang schien es, als müsse die »Hohenzollern« bei der Teilung der Wasser das Rückgrat brechen; dann arbeitete und schäumte ihr Propeller eine Weile im Strom und warf die ganze zerfetzte, verbogene Trümmermasse gegen das amerikanische Ufer. Aber die Strömung, die zum Amerikanischen Fall hinabschäumte, packte sie, und in der nächsten Minute ward das ungeheure Wrack, aus dem an drei neuen Stellen die Flammen hervorbrachen, gegen die Brücke geschleudert, die die Ziegeninsel und die Stadt Niagara verbindet, und reckte gleichsam einen langen Arm aus einem wogenden Gewirr unter dem mittleren Brückenbogen. Die Mittelkammern explodierten mit einem lauten Knall, und im nächsten Moment war die Brücke zusammengestürzt, und die Hauptmasse des Luftschiffs schwankte gleich einem grotesken zerlumpten Krüppel, flatternd und Fackeln schwenkend, zum oberen Rande des Falls, zögerte einen Moment und verschwand dann mit einem verzweifelten, selbstmörderischen Satz.

Das abgerissene Vorderteil blieb gegen die kleine Insel gequetscht, die man die Grüne Insel zu nennen pflegte, und die die Schwelle vom Festland zu der Baumgruppe der Ziegeninsel bildet.

Bert verfolgte die Katastrophe von der Teilung der Wasser an bis zum Brückenpfeiler. Dann stürzte er, unbekümmert um das asiatische Luftschiff, das wie ein riesiges Hausdach ohne Wände über der Hängebrücke schwebte, nach Norden und gelangte zum erstenmal auf die Felsspitze bei der Luna-Insel, die direkt in den Amerikanischen Fall niederblickt. Da stand er, mitten im ewigen Tosen des Lärms, atemlos, mit starren Augen . . . .

Weit unten, rasch durch die Schlucht eilend, wirbelte etwas wie ein riesiger, leerer Sack. Für ihn bedeutete es – ja, was bedeutete es nicht? – die deutsche Luftflotte, Kurz, den Prinzen, Europa, alles, was feststehend und vertraut war, die Mächte, die ihn getragen hatten, die Mächte, die ihm so unbestreitbar sieghaft erschienen waren. Und da trieb es die Stromschnellen hinunter, wie ein leerer Sack, und überließ die ganze sichtbare Welt Asien, gelben Menschen ohne Christentum, allem, was schrecklich und fremd war . . . .

Fern über Kanada entschwebte der Rest des Konflikts und entschwand aus seinem Gesichtskreis. .



Neuntes Kapitel: Auf der Ziegeninsel


I

Das Anprallen einer Kugel an den Felsen neben ihm erinnerte ihn daran, daß er ein sichtbarer Gegenstand war und, wenigstens zum Teil, deutsche Uniform trug. Er flüchtete wieder zu den Bäumen, und eine Weile duckte er sich, hockte auf den Boden und suchte Deckung, wie ein Kücken, das sich im Schilf vor eingebildeten Habichten verkriecht. »Geschlagen!« flüsterte er. »Geschlagen und vernichtet . . . . Verjagt von Gelben . . . von Chinesen.« . . .

Schließlich kam er in einem Dickicht von Sträuchern in der Nähe einer geschlossenen und verödeten Erfrischungshalle, von der aus man das amerikanische Ufer erblickte, zur Ruhe. Die Büsche bildeten eine Art Höhle oder Hafen für ihn; sie schlossen über seinem Kopf dicht zusammen. Er blickte über die Fälle, aber das Feuern hatte ganz aufgehört und alles schien ruhig. Der asiatische Aeroplan hatte seine bisherige Stellung über der Kettenbrücke verlassen und hing jetzt regungslos über der Stadt Niagara, den ganzen Umkreis der Elektrizitätswerke, der der Schauplatz des Landgefechts gewesen war, überschattend. Das Ungetüm hatte eine Miene ruhiger, sicherer Überlegenheit; und vom Stern wehte, in dekorativer Heiterkeit, eine lange, fließende Flagge, das Rot-Schwarz-Gelb des großen Staatenbundes, Sonnenaufgang und Drache. Dahinter, im Osten, sehr viel höher, hing ein zweiter Aeroplan; und als Bert wieder Mut schöpfte und herauskroch und den Hals verdrehte, fand er gegen Sonnenuntergang im Süden ein weiteres bewegungsloses Lustschiff.

»Alle Wetter!« sagte er. »Geschlagen und verjagt! Großer Gott!« Anfänglich schien es, als wäre der Kampf in der Stadt ganz vorüber, obgleich noch eine deutsche Flagge von einem der zertrümmerten Häuser flatterte. Über den Elektrizitätswerken wehte ein weißes Tuch, und blieb auch während der Ereignisse, welche jetzt folgten. Bald kam ein Geräusch von Schüssen, und man sah deutsche Soldaten rennen. Sie verschwanden zwischen den Häusern, und jetzt kamen zwei Mechaniker in blauen Hemden und Beinkleidern, eifrig verfolgt von drei japanischen Soldaten. Der vordere der Flüchtlinge war ein gut gebauter Mensch, der leicht und rasch lief; der zweite war untersetzt und klein und ziemlich dick. Er lief in komischen Sprüngen und Sätzen, die fetten Arme in die Seiten gestemmt, den Kopf hintenüber geworfen. Die Verfolger trugen Uniformen und dunkle, leichte Helme aus Metall und Leder. Der kleine Mann stolperte, und Bert hielt den Atem an; ein neuer Schrecken des Krieges ging ihm auf.

Der vorderste Japaner kam dem Verfolgten um drei Schritte näher, so nah, daß er mit dem Schwert nach ihm schlagen konnte; er verfehlte ihn aber im Laufen.

Sie rannten noch ein Dutzend Schritte weiter, dann schlug der Japaner wieder zu, und Bert vernahm über das Wasser weg einen schwachen Laut, etwa wie das Muh einer Zwergkuh, während der dicke kleine Mann vornüber stürzte. Noch einen Hieb und wieder einen führte der Japaner nach dem am Boden Liegenden, der sich vergeblich mit den Händen zu decken suchte. »Oh, ich kann nicht mehr!« rief Bert, dem Weinen nahe, mit hervorquellenden Augen hinüberstarrend. Der Japaner führte einen vierten Streich und folgte dann, als seine beiden Kameraden ihn eingeholt hatten, dem schnelleren der beiden Verfolgten. Der hinterste Japaner blieb stehen und drehte sich um. Vielleicht hatte er irgendeine Bewegung bemerkt – jedenfalls stand er still und führte dann und wann einen Hieb nach dem Gefallenen.

»Oo–oo!« stöhnte Bert bei jedem Schlag; er drückte sich dichter in das Buschwerk und wurde sehr still. Gleich darauf kam aus der Stadt ein Geräusch von Schüssen, und dann war alles ruhig, alles, sogar das Lazarett.

Bald darauf sah er kleine Gestalten aus den Häusern auftauchen, ihre Schwerter in die Scheide stecken und zu den Trümmern der Flugmaschinen gehen, die die Bombe vernichtet hatte. Andere kamen und führten unbeschädigte Aeroplane, etwa wie Radfahrer ihre Räder führen, sprangen in den Sattel und erhoben sich in die Luft. Eine Reihe von drei Luftschiffen erschien fern im Osten und flog gegen den Zenit zu. Das eine, das tief über der Stadt hing, senkte sich noch tiefer und warf eine Strickleiter aus, um vom Elektrizitätswerk Leute aufzusammeln.

Lange Zeit beobachtete Bert die Vorgänge in der Stadt drüben, wie ein Kaninchen, das eine Jagd beobachtet. Er sah Männer von Haus zu Haus gehen, um sie, wie er bald merkte, anzuzünden, und hörte eine Reihe dumpfer Knalle aus dem Maschinenhaus der Werke. In den Kraftanlagen auf der kanadischen Seite fanden ähnliche Vorgänge statt. Mittlerweile erschienen mehr und mehr Luftschiffe und eine Unmenge von Flugmaschinen, bis es ihm schien, als ob wenigstens ein Drittel der asiatischen Flotte sich wieder vereinigt hätte. Er beobachtete sie von seinem Dickicht aus krampfhaft, regungslos, sah, wie sie sich sammelten und ordneten, wie sie signalisierten und Leute von unten aufnahmen, bis sie schließlich in der Richtung des flammenden Sonnenuntergangs davonsegelten, dem großen asiatischen Sammelpunkt über den Ölquellen von Cleveland zu. Sie wurden kleiner und kleiner, und ließen ihn allein zurück – soweit er wußte, der einzige lebende Mensch in einer Welt von Trümmern und unbeschreiblicher, fremdartiger Verlassenheit. Er sah sie entschweben und verschwinden. Mit offenem Munde starrte er ihnen nach.

»Wetter!« sagte er endlich, wie einer, der aus einem Traume erwacht.

Es war weit mehr, als nur persönliche Trostlosigkeit und Verzweiflung, was seine Seele überflutete. Ihm schien, als müßte das der Sonnenuntergang seiner ganzen Rasse sein . . .


II

Seine eigene Lage stellte sich ihm überhaupt anfänglich keineswegs in bestimmten und verständlichen Umrissen dar. So viel war in letzter Zeit mit ihm geschehen, so ohne jeglichen Belang waren seine eigenen Bestrebungen gewesen, daß er passiv und planlos gewesen war. Sein letzter eigener Plan war gewesen, als Wüstenderwisch an der englischen Küste entlang zu ziehen und seine Nebenmenschen mit raffinierten Kunstdarbietungen zu beglücken. Die Vorsehung hatte das vereitelt. Die Vorsehung hatte es für gut befunden, ihn andern Schicksalen anheimzugeben, hatte ihn von einem Ort zum andern gejagt und ihn schließlich auf dies kleine Felseneiland zwischen den Katarakten geschleudert. Für den Augenblick ging es ihm nicht gleich auf, daß jetzt die Reihe, sich zu betätigen, an ihm war. Er hatte ein seltsames Gefühl, als müßte alles das enden, wie ein Traum endet, als würde er im nächsten Augenblick wieder in der Welt Grubbs und Ednas und Bun Hills sein, als müsse dies Tosen, dies unaufhaltsam glitzernde Wasser zur Seite gezogen werden, wie ein Vorhang nach einem Jahrmarktstheater vorgezogen wird; und der altvertraute, gewöhnliche Alltag würde wieder sein Recht behaupten. Es würde interessant sein, den Leuten zu erzählen, wie er den Niagara gesehen hatte. Und dann kamen Kurzens Worte ihm in den Sinn: »Menschen, weggerissen von denen, die sie lieben; Familien zerstört; Geschöpfe voller Leben und Erinnerungen und kleiner Eigenarten – in Stücke gerissen, dem Hungertod ausgesetzt, vernichtet . . . .«

Halb ungläubig fragte er sich, ob das wirklich Wahrheit sei? Es war so schwer, es sich vorzustellen. Ob es möglich war, daß auch Tom und Jessika, weit in der Ferne, in Not und Verzweiflung waren? Ob der kleine Grünkramhandel nicht mehr existierte, mit Jessika, die untertänigst bediente, und dann und wann in scharfen Seitenbemerkungen Tom den Kopf wusch und in pünktlicher Strenge den Kunden die Waren schickte? . . .

Er versuchte, sich zu erinnern, was für ein Tag in der Woche es eigentlich war, und fand, daß er jede Zeitrechnung verloren hatte. Vielleicht war es Sonntag. Dann gingen sie daheim in die Kirche – oder vielleicht auch versteckten sie sich irgendwo – in Büschen? Was wohl aus ihrem Hauswirt, dem Schlächter, geworden war, und aus Butteridge und all den Menschen am Dymchurcher Strand? In London – das wußte er – war irgend etwas geschehen. Eine Beschießung. Aber wer hatte es beschossen? Ob auch Tom und Jessika verjagt waren von seltsamen gelben Männern mit langen, nackten Schwertern und bösen Augen?

Alle möglichen Arten von Heimsuchung fielen ihm ein; aber bald beherrschte ein Gedanke alle andern: Ob sie wohl viel zu essen hatten? Die Frage beschäftigte ihn über alles.

Wenn man sehr hungrig war – ob man dann Ratten essen würde?

Und nach und nach ging es ihm auf, daß ein ganz besonderer Kummer, der ihn bedrückte, weniger von Furcht und patriotischer Trauer herrührte, als von Hunger. Aber natürlich – – hungrig war er!

Er überlegte und wandte sich dann nach der kleinen Erfrischungshalle, die nah bei der zerstörten Brücke stand. »Etwas müßte doch da sein.«

Er wanderte ein- oder zweimal darum herum und bohrte dann sein Taschenmesser in die geschlossenen Läden, eine Arbeit, bei der er sich bald durch einen Holzpflock weiterhalf, den er in der Nähe fand. Schließlich gab auch einer der Läden nach, und er konnte den Kopf hineinstecken.

»Futter!« sagte er. »Also doch! Wenigstens . . .«

Er erwischte glücklich den innern Riegel des Ladens und bald lag das ganze Etablissement seiner Unternehmungslust offen. Er fand verschiedene Flaschen sterilisierter Milch, eine Menge Mineralwasser, zwei Büchsen Biskuit, einen Vorrat sehr alter Kuchen, Zigaretten, sehr reichlich, aber sehr trocken, einen Haufen sehr saftloser Apfelsinen, Nüsse, ein paar Büchsen eingemachten Gewürzes und sonstiger Konserven, und dazu Teller, Messer und Gabeln, die für Dutzende von Gästen genügt hätten . . . Auch eine große Zinkkiste war da. Aber es gelang ihm nicht, sie zu öffnen.

»Verhungern ist nicht!« sagte Bert. »Vorläufig wenigstens.« Er setzte sich hinters Büfett und erquickte sich mit Biskuits und Milch. Für den Augenblick war er völlig befriedigt.

»Wirklich ein Ausruhen,« murmelte er, emsig kauend und dabei unruhig um sich spähend, »wenn man durchgemacht hat, was ich durchgemacht habe . . . .«

»Donnerwetter! So ein Tag! Herrje! So ein Tag!«

Dann war er wieder ganz Neugierde und Erstaunen. »Alle Wetter!« rief er. »So ein Kampf! Und alle kaputt! Drunter und drüber! Luftschiffe . . . Drachenflieger . . . alle! Möcht' wissen, was aus dem »Zeppelin« geworden ist? . . Und aus Kurz . . was mag aus dem geworden sein? . . Ein guter Kerl . . dieser Kurz . . . . .«

Ein Phantom herrscherlicher Einsamkeit stieg vor ihm auf. »Indien!« murmelte er . . .

Aber gleich darauf kam ein praktischeres Interesse.

»Ob ich wohl irgendwas finde, mit dem man dies Corned-Beef aufmachen könnte?«


III

Nachdem Bert geschwelgt hatte, steckte er sich eine Zigarette an und überlegte eine Weile. »Möcht' wissen, wo Grubb ist!« sagte er. »Möcht' wissen, ob die wohl auch wissen möchten, was aus mir geworden ist?«

Dann beschäftigte er sich wieder mit seinen eigenen Angelegenheiten. »Werd' wohl eine ganze Weile auf der Insel hier bleiben müssen!«

Er bemühte sich, möglichst selbstgewiß und vergnügt zu sein; aber die Unrast des Gesellschaftstiers, das sich verlassen sieht, überkam ihn. Ein Bedürfnis, über seine Schulter zurückzuschauen, packte ihn und stachelte ihn auf, sich die Insel näher zu beschauen.

Nur sehr langsam wurden ihm die Eigentümlichkeiten seiner ganzen Lage klar . . nur sehr langsam ging es ihm auf, daß der Zusammensturz des Brückenbogens zwischen der Grünen Insel und dem Festland ihn völlig von der Welt abgeschnitten hatte. Dies dämmerte ihm tatsächlich erst, als er wieder zu der Stelle zurückkam, wo das Vorderteil der »Hohenzollern« wie ein gestrandetes Schiff lag, und als er die zertrümmerte Brücke vor sich sah. Aber es war weiter keine Überraschung für ihn; es war einfach eine Tatsache inmitten einer Menge anderer, seltsamer, außergewöhnlicher Tatsachen. Eine Weile starrte er die zertrümmerten Kabinen der »Hohenzollern« und ihre zerrissenen Fenstervorhänge an . . . daß lebende Geschöpfe dahinter versteckt sein könnten, das kam ihm gar nicht zum Bewußtsein. Es war alles so verdreht und verzerrt und so völlig zerstört beschaute er sich eine Zeitlang den Abendhimmel. Ein Wolkendunst stieg; nirgends mehr war ein Luftschiff zu sehen. Eine Schwalbe surrte vorüber und haschte eine unsichtbare Beute. »Wie ein Traum!« wiederholte er.

Darauf fesselten eine Zeitlang die Wasserfälle seine Aufmerksamkeit.

»Ein Getöse . . Und immer fort und fort tosen sie . . . und sprühen . . . Immer fort . . .«

Schließlich wurden seine Interessen persönlich. »Was soll ich tun?«

Er überlegte. »Keine Ahnung!« sagte er.

Eins stand hauptsächlich vor seinem Bewußtsein: vor vierzehn Tagen noch war er in Bun Hill gewesen – – hatte an Reisen gar nicht gedacht . . . und jetzt befand er sich zwischen den Niagara-Fällen – – zwischen den Trümmern und der Verheerung der größten Luftschlacht der Welt . . . Und in der Zwischenzeit war er in Frankreich gewesen, in Belgien, in Deutschland, in England, in Irland, in einer ganzen Menge anderer Länder. Es war ja interessant . . . man konnte auch viel darüber reden . . aber von praktischem Nutzen war es jetzt gerade nicht. »Ob man wohl wieder fortkommt von hier?« dachte er. »Ob es einen Ausweg gibt? Und wenn nicht . . na, schön!«

Weitere Ueberlegung machte ihm die Sache schon klarer. »Ich werd' mich schon nett in die Patsche geritten haben, als ich über die Brücke ging . . . .«

»Immerhin . . . die Japaner haben mich wenigstens nicht erwischt. Die hätten kurzen Prozeß gemacht. Nein! Und doch . . .«

Er beschloß, nach der Luna-Insel zurückzukehren. Eine ganze Weile starrte er hinüber nach der Kanadischen Küste, nach den zerstörten Hotels und Häusern und den zerschmetterten Bäumen des Viktoria-Parks, die jetzt im Sonnenuntergang rosig erglühten . . . .

Kein menschliches Wesen zeigte sich in dieser Szene unerhörter Verwüstung. Er kehrte nach der amerikanischen Seite der Insel zurück, ging dicht neben dem verbogenen Aluminium-Wrack der »Hohenzollern« vorbei hinüber nach Green Island und betrachtete angstvoll die hoffnungslose Lücke in der weiter entfernten Brücke und das schäumende Wasser darunter. In der Richtung von Buffalo stieg noch immer dichter Rauch auf, und in der Nähe des Bahnhofs von Niagara standen die Häuser in hellen Flammen. Alles war verödet jetzt, alles war still. Ein kleines, verlassenes Etwas lag auf einem Querweg zwischen Stadt und Landstraße, ein zerknülltes Bündel Kleider, aus dem leblose Glieder hervorragten . . . .

»'n bißchen Umschau halten!« sagte Bert. Er schlug einen Pfad ein, der quer über die Insel führte, und entdeckte bald die Überreste der zwei asiatischen Aeroplane, die im Kampf, der der »Hohenzollern« verhängnisvoll werden sollte, gefallen waren.

Ganz nahe dabei fand er auch die Überreste eines Aeronauten.

Die Maschine war augenscheinlich senkrecht herabgestürzt und hatte sich in den zerfetzten Zweigen einer Baumgruppe verfangen. Ihre zerbrochenen, verbogenen Flügel und geknickten Rippen ragten zwischen dem frisch zersplitterten Holz hervor; die Vorderspitze steckte in der Erde. Der Aeronaut baumelte, wie eine Spukgestalt, mit dem Kopf nach unten, ein paar Schritt davon zwischen den Ästen und Blättern; und Bert entdeckte ihn erst, als er sich von dem Aeroplan abwandte. In der Stille und Dämmerung des Abends – die Sonne war verschwunden und der Wind hatte sich völlig gelegt – war dies umgekehrte, gelbe Gesicht, das er da plötzlich ein paar Schritt weit von sich entdeckte, keineswegs ein besonders beruhigender Gegenstand. Ein abgebrochener Ast hatte sich mitten durch die Kehle des Mannes gebohrt, und also gespießt, hing er da, ein lebloses fremdartiges Etwas . . . . . Seine Hand hielt noch, mit dem Griff des Todes, ein kurzes, leichtes Gewehr.

Eine Zeitlang stand Bert ganz still und besah sich dies Ding.

Dann fing er an, sich zu entfernen, indem er fortwährend zurückblickte.

In einer Lichtung blieb er plötzlich stehen.

»Wetter!« flüsterte er, »ich weiß nicht . . . ich mag Leichen nicht . . . . Ich wollte, der Kerl wär' lebendig.«

Den Pfad, in dem der Chinese hing, mochte er nicht weiter gehen. Er fühlte, er konnte jetzt keine Bäume mehr um sich haben, er würde sich wohler fühlen in der Nähe des geselligen Plätscherns und Tosens der Fälle.

Auf einem offenen Rasenplatz neben den rauschenden Wassern stieß er auf den zweiten Aeroplan. Dieser schien überhaupt kaum beschädigt. Er sah aus, als hätte er sich ganz langsam zur Ruhe herabgesenkt. Er lag auf der Seite; der eine Flügel stand in die Luft. Kein Aeronaut war in der Nähe, weder ein toter, noch ein lebendiger. Ganz verlassen lag die Maschine da; und das Wasser rieselte über ihren langen Schweif.

Lange Zeit stand Bert in einiger Entfernung still und blickte in die sinkenden Schatten der Bäume, in der Erwartung, wieder einen toten oder lebendigen Chinesen zu entdecken. Dann näherte er sich der Maschine äußerst vorsichtig und betrachtete ihre weitausgebreiteten Schwingen, ihr großes Steuerrad und den leeren Sattel. Sie zu berühren wagte er nicht.

»Ich wollte, der andere wär' nicht da,« sagte er. »Ich wollte, er wär' nicht da!«

Jetzt sah er in einem Wirbel, der ein paar Schritte weit entfernt hinter einer vorspringenden Felsspitze sprudelte, etwas auf- und niedertauchen. Es schien ihn gegen seinen Willen anzuziehen, dies unablässig kreisende Etwas . .

Was mochte es sein?

»Verflucht!« sagte Bert. »Wieder einer!«

Es hielt ihn wie in einem Bann. Er sagte sich selbst, es sei der zweite Aeronaut, der im Gefecht erschossen und aus dem Sattel gefallen war, während er zu landen versuchte. Er nahm einen Anlauf zum Fortgehen; dann kam ihm der Gedanke, einen Zweig oder so etwas zu holen, und dies wirbelnde Ding in den Strom hinauszustoßen. Dann brauchte er sich wenigstens nur vor einem Leichnam zu graulen. Einen – das konnte er vielleicht noch ertragen. Er zauderte und zwang sich dann in einer seltsamen Aufregung, diesen Entschluß auszuführen. Er ging zu den Sträuchern hinüber, schnitt sich einen Stock ab, kehrte zu den Felsen zurück und kletterte auf einen Vorsprung zwischen der Felsenspitze und dem Wasser. Vom Sonnenuntergang zeigte sich jetzt keine Spur mehr; Schnaken schwirrten umher – und er war ganz naß von Schweiß.

Er versuchte, das blaugekleidete Etwas mit seinem Stock zu erreichen, verfehlte es, versuchte noch einmal, als es wieder in seine Nähe kam, und diesmal mit besserem Erfolg; während es in den Strom hinausflutete, drehte es sich; das Licht blinkte auf goldenem Haar. Es war Kurz.

Es war Kurz. Weiß und tot und sehr still. Keine Täuschung war möglich. Es war noch hell genug, um ihn zu erkennen. Der Strom erfaßte ihn, und er schien sich in seine raschen Arme zu legen, wie einer, der sich zur Ruhe streckt. Sehr weiß war sein Gesicht jetzt; alle Farbe war daraus gewichen.

Ein Gefühl unendlicher Verzweiflung überflutete Bert, als der Leichnam in der Richtung nach dem Fall zu seinen Augen entschwand.

»Kurz!« rief er. »Kurz! das hab' ich nicht gewollt! Verlaß mich doch nicht, Kurz! Verlaß mich nicht!«

Verlassenheit und Trostlosigkeit überwältigten ihn. Er brach zusammen. Da stand er im Abendlicht auf dem Felsen und jammerte und schluchzte, leidenschaftlich, wie ein Kind. Ihm war, als wäre das Glied, das ihn an all dies gefesselt hatte, zerbrochen und verschwunden. Er hatte Angst wie ein Kind in einem verlassenen Zimmer. Er hatte Angst, einfach Angst, ganz unverhüllte Angst . . . .

Um ihn sank die Dämmerung. Die Bäume waren voll seltsamer Schatten. Alles um ihn her ward fremdartig, seltsam, ungreifbar und unwirklich, wie die Dinge oft im Traum sind. »O Gott! Das halt' ich nicht aus!« sagte er und kauerte sich am Boden nieder; und plötzlich kam eine wilde Trauer über den Tod Kurz, des Tapferen, des Gütigen, ihm zu Hilfe; und sein Jammern löste sich in Tränen. Er kauerte nicht mehr; er lag, alle viere von sich gestreckt, im Gras und ballte in ohnmächtigem Grimm die Faust.

»Dieser Krieg!« schrie er. »Dieser verdammte Blödsinn von einem Krieg! . . .«

»O Kurz! Leutnant Kurz!«

»Es ist aus!« sagte er. »Es ist aus! Ich hab' genug und mehr als genug! Die ganze Welt ist ein Mumpitz, es ist kein Sinn drin! Jetzt wird's Nacht . . . . Wenn er kommt . . . Aber er kann nicht kommen . . . . Er kann nicht . . . .

»Wenn er kommt, so stürz' ich mich ins Wasser . . . .«

Nach einer Weile redete er weiter, leise, kaum hörbar:

»Ich brauch' doch eigentlich keine Angst zu haben. Es ist ja nur Einbildung. Armer, guter Kurz! Er ahnte schon, wie's kommen würde. Hat's vorausgesehen! Den Brief hat er mir nicht gegeben, auch nicht gesagt, wie die Dame heißt. Es ist gerade so, wie er's gesagt hat . . . die Leute werden weggerissen von den Ihren . . . und herumgeworfen . überall . . . Ganz genau, wie er's gesagt hat . . . . Da bin ich . . weggeworfen . . . Tausende von Meilen von Edna oder Grubb und allen meinen Leuten . . . wie eine Pflanze, die mit der Wurzel ausgerissen ist . . . . Und so ist jeder Krieg gewesen, bloß daß ich zu dumm war, das zu begreifen. Immer. In allen möglichen Löchern und Winkeln sind die Leute gestorben, und niemand hat es verstanden, niemand hat es gefühlt und der Geschichte ein Ende gemacht! Alle dachten, der Krieg wäre was Großartiges! Herrgott! . . .

»Meine Edna! Das war ein lieber Kerl . . . von innen und von außen! Das muß wahr sein! Unser Ausflug damals im Boot in Kingston . . . .

»Donnerwetter . . . und ich seh' sie doch noch wieder! Jedenfalls – mein Fehler soll's nicht sein, wenn nichts draus wird. .«


IV

Und plötzlich, mitten in diesem heroischen Entschluß, ward Bert starr und steif vor Entsetzen. Etwas kroch durch das Gras auf ihn zu. Etwas kroch auf ihn zu, hielt inne, kroch weiter auf ihn zu durch das schattenhafte, dunkle Gras. Die Nacht war geladen mit Grauen . . . . Eine Zeitlang war alles still. Bert wagte nicht mehr zu atmen. Es war doch nicht etwa . . . Nein, es war zu klein . . . .

Mit einem Sprung stürzte es plötzlich auf ihn los; mit einem kleinen, miauenden Schrei und steif erhobenem Schwanz. Es war ein winziges, abgemagertes Kätzchen.

»Alle Wetter, Pussy! Was du mir für einen Schreck eingejagt hast!« sagte Bert, dem die Schweißtropfen auf der Stirn standen.


V

Die ganze Nacht saß er, den Rücken an einen Baumstumpf gelehnt, und hielt das Kätzchen im Arm. Sein Geist war müde. Er redete oder dachte nicht mehr zusammenhängend. Gegen Morgendämmern schlummerte er ein.

Als er erwachte, war er zwar noch steif, aber etwas mutiger. Das Kätzchen schlief warm und tröstlich unter seinem Rock. Alle Angst war, wie er fand, aus den Schatten der Bäume verschwunden.

Er streichelte das Kätzchen, und die kleine Kreatur erwachte schnurrend zu außerordentlicher Zärtlichkeit. »Du möchtest Milch,« sagte er. »Freilich, das möchtest du. Und ich könnt' auch ein bißchen Frühstück brauchen.«

Er gähnte und erhob sich, mit dem Kätzchen auf der Schulter, starrte um sich und gedachte der Ereignisse des vergangenen Tags, der grauen, überwältigenden Geschehnisse . . . .

»Irgend was muß geschehen!« sagte er.

Er wandte sich den Bäumen zu und betrachtete bald darauf wieder den toten Aeronauten. Das Kätzchen hielt er dabei zum Trost fest an seinen Hals gedrückt. Schrecklich war der Leichnam; aber lange nicht so schrecklich, als er in der Dämmerung gewesen war. Die Glieder waren schlaffer, das Gewehr war zu Boden gefallen und lag da, halb im Gras versteckt.

»Wir werden ihn wohl begraben müssen, Miezchen!« sagte Bert und blickte sich hilflos auf dem steinigen Boden um. Wir müssen ja doch auf der Insel bleiben mit ihm.«

Es dauerte eine ganze Weile, ehe er sich abzuwenden und nach der Erfrischungshalle weiterzugehen vermochte. »Erst Frühstück!« sagte er, »auf jeden Fall!« Und er streichelte das Kätzchen auf seiner Schulter. Das Tierchen rieb sein pelziges kleines Gesicht zärtlich an seiner Wange und begann an seinem Ohr zu knabbern.

»Milch möchtest du, was?« sagte er und wandte dem Toten entschlossen den Rücken, als wäre er ihm ganz gleichgültig.

Es überraschte ihn, die Tür der Erfrischungshalle offen zu finden, obgleich er sie am Abend zuvor sorgfältig verschlossen und verriegelt hatte. Er fand auch ein paar schmutzige Teller, die er am Abend vorher nicht bemerkt hatte. Dann entdeckte er, daß die Haken des Zinnkastens aufgebrochen waren und daß er sich öffnen ließ. Am vorigen Abend hatte er das nicht gesehen.

»Dumm von mir!« sagte Bert. »Und die ganze Zeit hab' ich an dem Schloß herumgewirtschaftet und gebohrt, und hab' das gar nicht bemerkt.« Augenscheinlich hatte der Kasten als Eisschrank gedient; aber jetzt enthielt er nichts mehr als die Überreste von einem halben Dutzend gebratener Hühner, eine zweideutige Substanz, die vielleicht dereinst Butter gewesen war, und einen auffallend unangenehmen Geruch. Sorgfältig machte er den Deckel wieder zu.

Dann gab er der Katze ein bißchen Milch in einem schmutzigen Teller und beobachtete eine ganze Weile die kleine, eifrige Zunge. Hierauf machte er eine Art Inventur der Vorräte! Sechs noch ungeöffnete Flaschen Milch und eine geöffnete, sechzig Flaschen Mineralwasser, ein großer Vorrat an Limonaden, etwa zweitausend Zigaretten und mehr als hundert Zigarren, neun Apfelsinen, zwei unangebrochene Büchsen Corned-Beef, eine angebrochene, und fünf große Büchsen kalifornischer Pfirsiche. Er kritzelte alles auf ein Stückchen Papier. »Viel solides Futter ist's nicht,« sagte er. »Immerhin . . . na, sagen wir vierzehn Tage . . . .

»Wer weiß, was in vierzehn Tagen geschehen kann!«

Er gab dem Kätzchen eine kleine zweite Portion und ein Restchen Corned-Beef und ging dann, um nach den Trümmern der »Hohenzollern« zu sehen. Die kleine Kreatur rannte, mit steif erhobenem Schwanz und äußerst vergnügt, hinter ihm drein. Das Wrack hatte in der Nacht seinen Platz gewechselt; es schien jetzt viel fester als zuvor sich auf Green Island niedergelassen zu haben. Berts Auge wanderte hinüber nach der zerstörten Brücke und dann weiter zu der stummen Verwüstung der Stadt. Nichts regte sich da drüben, als ein Haufe Krähen. Sie beschäftigten sich eifrig mit dem Mechaniker, dessen Ende er gestern mitangesehen hatte . . . Hunde sah er nicht; nur heulen hörte er einen.

»Wir müssen sehen, daß wir irgendwie herauskommen, Pussy!« sagte er. »Die Milch reicht nicht ewig – – jedenfalls nicht bei dem Tempo, in dem du frißt!«

Er betrachtete die schleusenähnliche Flut vor sich. »Wasser genug!« sagte er. »Am Getränk wird's uns nicht fehlen.«

Dann beschloß er eine möglichst genaue Erforschung der ganzen Insel. Nach einer Weile kam er an eine verschlossene Gitterpforte, über der »Biddle-Stairs« stand. Er kletterte hinüber und entdeckte eine steile Holztreppe, die inmitten eines unendlichen und beständig zunehmenden Getöses von Wasser auf ein Felsenplateau hinabführte. Er ließ das Kätzchen oben, stieg hinab und entdeckte mit einem plötzlichen Aufrauschen von Hoffnung einen Pfad zwischen den Felsen am Fuß des herabtosenden mittleren Falls. Vielleicht war das eine Art Weg . . . .

Aber er führte ihn nur in das betäubende Toben der Windhöhle; und nachdem er etwa eine Viertelstunde halb besinnungslos zwischen dem kompakten Felsen und dem fast ebenso kompakten Wasserfall zugebracht hatte, fand er, daß dies auch kein besonders wünschenswerter Weg nach Kanada sei und kehrte wieder um. Während er Biddle- Stairs emporklomm, hörte er etwas, was ihm wie eine Art Echo vorkam, ein Geräusch wie von einem Menschen, der auf dem Pfad über ihm ging. Als er auf den Gipfel gelangte, war der Platz so verlassen wie zuvor.

Nun ging er weiter, in ständiger Begleitung des Kätzchens, das lustig neben ihm hersprang – zu einer Treppe, auf einen vorspringenden Felsklumpen, der mitten auf die riesige grüne Majestät des Hufeisenfalls hinausging. Eine Weile stand er hier schweigend da.

»Man sollt es nicht glauben,« sagte er schließlich, »daß es überhaupt so viel Wasser geben kann . . . Es geht einem schließlich auf die Nerven . . . all dies Tosen und Sprühen . . . . Es klingt, als ob Leute redeten . . . und umhergingen . . . . Es klingt, wie alles, woran man gerade selber denkt . . . .«

Er ging wieder nach der Treppe zurück. »So werd' ich wohl immerzu um die verwünschte Insel herumlaufen,« sagte er müde. »Immerzu . . . immerzu . . . immerzu . . . .«

Bald darauf stand er wieder neben dem weniger beschädigten asiatischen Aeroplan. Er starrte ihn an und das Kätzchen beschnüffelte ihn.

»Kaputt!« sagte er.

Mit einem unwillkürlichen Zusammenzucken blickte er auf.

Von den Bäumen her kamen langsam zwei große, hagere Gestalten auf ihn zu. Sie waren verrußt, zerfetzt, verbunden . . . der Hinterste hinkte und hatte einen weißeingewickelten Kopf; aber der Vordere trug sich auch jetzt noch, wie es einem Prinzen geziemt, trotzdem sein rechter Arm in einer Schlinge lag und seine eine Gesichtshälfte verbrüht war und wie Feuer brennen mußte. Es war der Prinz Karl Albert, der Kriegsherr, der »deutsche Alexander«, und der Mann hinter ihm war der Vogelgesichtige, den man dereinst aus seiner Kabine gejagt hatte, um sie für Bert zu räumen.


VI

Mit dieser Erscheinung begann für Bert eine neue Phase auf der Ziegeninsel. Er hörte auf, ein einziger Repräsentant der Menschheit in einem unendlichen, unbegreiflichen und unbeherrschbaren All zu sein und ward aufs neue ein Herdentier, ein Mensch in einer Welt von Menschen. Einen Augenblick lang erschienen die beiden ihm furchtbar; dann waren sie ihm süß . . . . willkommen, wie Brüder. Sie waren ja in der gleichen bösen Lage wie er, ausgesetzt und hilflos. Es verlangte ihn dringend darnach, genau zu erfahren, was sie alles erlebt hatten. Was tat es, daß der eine ein Prinz, daß sie beide fremde Offiziere waren, daß vielleicht keiner von ihnen ein verständliches Englisch sprach? Seine angeborene ungenierte Selbstsicherheit war viel zu groß, als daß er daran gedacht hätte; und jedenfalls hatten die asiatischen Flotten alle derartigen kleinlichen Unterschiede mit sich fortgeschwemmt. »Hallo!« sagte er. »Wie kommen denn Sie hierher?«

»Es ist der Engländer, der uns die Butteridgemaschine gebracht hat,« sagte der Vogelgesichtige auf Deutsch; und dann, als Bert sich näherte, in einem Ton des Entsetzens: »Salutieren!« Und noch einmal, lauter; »Salutieren!«

»Wetter!« sagte Bert; mit Mühe hielt er eine weitere Bemerkung zurück. Er riß die Augen auf und salutierte linkisch; in einem Moment ward er zu einem maskierten, argwöhnisch-feindseligen Lebewesen, mit dem ein Hand-in-Hand-Gehen eine Unmöglichkeit war.

Eine Weile betrachteten die beiden klassischen Typen moderner Aristokratie dies schwierige Problem eines angelsächsischen Bürgers, jenes rätselhaften Bürgers, der einem geheimnisvollen Gesetz seines Bluts zufolge weder zum Soldaten taugte noch Demokrat war. Bert bot keineswegs einen schönen Anblick; aber auf irgendeine unerklärliche Art sah er widersetzlich aus. Er trug seinen billigen blauen Baumwollanzug, der schon deutliche Zeichen von Abgetragenheit verriet und dessen loser Schnitt ihn breiter erscheinen ließ, als er in Wirklichkeit war. Über seinem wenig ansprechenden Gesicht saß eine deutsche Mütze, die ihm viel zu groß war; die Beinkleider waren hochgezogen und steckten in den Gummistiefeln eines gefallenen deutschen Luftschiffers. Er sah aus wie ein tieferstehendes Geschöpf, aber nicht wie ein sehr bequemes tieferstehendes Geschöpf, und sie haßten ihn ganz instinktiv.

Der Prinz deutete auf die Flugmaschine und sagte etwas in gebrochenem Englisch, das Bert für Deutsch hielt und nicht verstand. Er gab dies auch zu verstehen.

»Dummer Kerl!« sagte der vogelgesichtige Offizier unter seinem Verband hervor.

Wieder hob der Prinz seine unverletzte Hand. »Verstehen Sie diesen Drachenflieger?«

Bert begann, die Situation zu begreifen. Er betrachtete die asiatische Maschine. »Es ist ausländisches Fabrikat,« sagte er ausweichend.

Die beiden Deutschen berieten. »Sie sind . . . Fachmann?« fragte der Prinz.

»Die Reparatur wird gemacht!« sagte Bert, ganz im Tonfall Grubbs.

Der Prinz suchte in seinem Wörterbuch nach. »Kann man,« sagte er in wunderlichem Englisch, »fliegen damit?«

Bert überlegte und kratzte sich langsam das Kinn. »Muß es mir erst ansehen,« erwiderte er . . . . »Es ist bös mitgenommen.«

Er machte mit seinen Zähnen ein Geräusch, das er auch von Grubb gelernt hatte, steckte die Hände in die Hosentaschen und schlenderte zu der Maschine zurück. Grubb, als Typ seiner Art, kaute immer irgend etwas; Bert konnte nur in der Einbildung kauen. »Drei Tage wird's schon kosten,« sagte er, kauend. Zum erstenmal dämmerte ihm der Gedanke auf, daß in dieser Maschine allerhand Möglichkeiten verborgen lagen. Ohne allen Zweifel war der Flügel, der auf der Erde lag, ernstlich beschädigt. Die drei Rippen, die ihn stützten, waren über einer Felskante abgeknickt, und es schien auch, als wäre der Motor stark mitgenommen. Der Flügelhaken auf dieser einen Seite war ebenfalls verbogen; doch brauchte das den Flug nicht notwendig zu beeinträchtigen. Bert kratzte sich wieder die Backe und beschaute sich die weite, sonnbeglänzte Fläche des Oberen Falls. »Wir schaffen's schon,« sagte er . . . . »Überlassen Sie's nur mir.«

Wieder untersuchte er die Maschine aufs genaueste, während der Prinz und der Offizier ihm zusahen. In Bun Hill hatten Bert und Grubb bei ihrem Mietsräderlager hauptsächlich der Ersatzreparaturmethode gehuldigt. Das heißt, sie ersetzten Fehlendes durch Teile von andern Maschinen. Eine Maschine, die zum Ausleihen doch zu augenscheinlich verdorben war, hatte immerhin noch einen Kapitalwert. Sie wurde einfach zu einer Art Magazin von Kugeln, Schrauben, Rädern, Speichen, Felgen, Kettengliedern und so weiter; eine unerschöpfliche Fundgrube schlechtpassender »Teile«, die die Defekte der noch im Umlauf befindlichen Maschinen ersetzen mußten. Und da hinten, zwischen den Bäumen, war ja noch ein zweiter asiatischer Aeroplan . . . .

Das Kätzchen schnurrte unbeachtet um Berts Luftschifferstiefel herum.

»Bringen Sie den Drachenflieger wieder in Ordnung!« sagte der Prinz.

»Wenn ich ihn wieder in Ordnung bringe,« sagte Bert, dem plötzlich ein ganz neuer Gedanke kam, »so kann noch immer keiner von uns drauf fliegen.«

»Ich werde damit fliegen!« sagte der Prinz.

»Und wahrscheinlich den Hals brechen,« sagte Bert nach einer Pause.

Der Prinz verstand ihn nicht und beachtete überhaupt nicht, was er sagte. Er deutete mit seinem behandschuhten Finger nach der Maschine und wandte sich mit einer Bemerkung auf Deutsch zu dem vogelgesichtigen Offizier. Der Offizier antwortete, und als Erwiderung machte der Prinz eine umfassende Gebärde gegen den Horizont. Darauf sprach er – augenscheinlich mit großer Beredsamkeit. Bert beobachtete ihn und erriet ungefähr, was er sagte. »Wahrscheinlicher ist's, daß Sie den Hals brechen,« sagte er. »Aber einerlei. Los!«

Er fing an, den Sattel und den Motor des Drachenfliegers nach Werkzeugen zu untersuchen. Auch vermißte er dringend irgendwelche ölige, schwarze Substanz – für sein Gesicht und seine Hände . . . . Denn die erste Regel in der Kunst der Reparatur – so wie die Firma Grubb & Smallways sie verstand – war, sich Hände und Gesicht möglichst gründlich und ausgiebig zu beschmieren. Er zog auch seinen Rock und seine Weste aus und schob seine Mütze sorglich nach hinten, – damit er sich leichter kratzen konnte.

Der Prinz und der Vogelgesichtige wollten ihm augenscheinlich gern zusehen. Aber es gelang ihm, ihnen klarzumachen, daß ihn dies genieren und belästigen würde, und daß er überhaupt erst eine Weile sinnieren müßte, ehe er sich an die Arbeit machte. Sie überlegten es sich; aber seine Geschäftserfahrung gab ihm etwas von der autoritativen Art des Fachmenschen dem Laien gegenüber. Er ging geradeswegs zu dem zweiten Aeroplan, holte das Gewehr und die Munition des toten Aeronauten und versteckte beides in einem naheliegenden Busch Brennesseln. »Das wär' in Ordnung!« sagte er. Darauf machte er sich an eine gründliche Untersuchung der zwischen den Bäumen hängenden Flügeltrümmer. Nach einer Weile ging er zu dem ersten Aeroplan zurück, um die beiden zu vergleichen. Augenscheinlich war es ganz gut möglich, die Bun Hiller Methode anzuwenden, vorausgesetzt, daß mit dem Motor nichts ganz Besonderes und Unverständliches los war.

Bald darauf kehrten auch die Deutschen zurück, und fanden ihn – schon reichlich schmierig – wie er, mit einem Ausdruck tiefster Sachkundigkeit, Schrauben und Zangen und Schraubenzieher handhabte. Als der Vogelgesichtige ein paar Worte an ihn richtete, machte er nur eine Handbewegung: »Nong comprong! Schweigen Sie! Es hat keinen Zweck . . . .«

Und plötzlich kam ihm ein Gedanke »Der Tote muß begraben werden!« sagte er, mit dem Daumen über die Schulter deutend.


VII

Mit dem Auftauchen der beiden Männer hatte Berts ganze Welt sich aufs neue verwandelt. Wie ein Vorhang fiel es vor die unendliche fürchterliche Einsamkeit, die ihn so ganz überwältigt hatte. Er lebte in einer Welt von drei Menschen, einer winzigen menschlichen Welt, die aber trotz allem sein Gehirn mit emsigen Phantasien, mit Plänen und allerhand schlauen Gedanken füllte. Was dachten die beiden? Was dachten sie von ihm? Was war ihre Absicht? Hundert geschäftige Fäden verschlangen sich in seinem Geist, während er emsig mit dem asiatischen Aeroplan beschäftigt war. Wie Blasen in kohlensaurem Wasser stiegen neue Ideen in ihm auf.

»Alle Wetter!« sagte er plötzlich. Es war ihm mit einemmal als ganz besonders vernunftlose Ungerechtigkeit des Schicksals aufgegangen, daß die zwei noch lebten – – und daß Kurz tot war! Die ganze Mannschaft der »Hohenzollern« war erschossen oder verbrannt oder ertrunken oder zerschmettert; bloß die beiden, die sich in die gepolsterte erste Kabine verkrochen hatten, waren noch am Leben . . . .

»Wahrscheinlich denkt er, es ist sein verfluchter Stern!« murmelte Bert. Er war über alle Maßen empört.

Er richtete sich auf und blickte die beiden Männer an. Sie standen Seite an Seite und betrachteten ihn. »Es geht nicht,« sagte er, »wenn Sie mich so anstarren. Sie bringen mich bloß aus dem Konzept!« Und als er sah, daß sie ihn nicht verstanden, ging er mit dem Schraubenzieher in der Hand auf sie zu. Während er so ging, fand er plötzlich, daß der Prinz doch eine unendlich große, kräftige und erhaben aussehende Persönlichkeit war. Trotzdem sagte er, zwischen den Bäumen durch zeigend: »Ein Toter!«

Der Vogelgesichtige kam jetzt mit einer deutschen Antwort.

»Ein Toter!« wiederholte Bert. »Da!«

Es kostete viel Schwierigkeit, sie dazu zu bewegen, sich den toten Chinesen anzusehen. Endlich führte er sie zu ihm hin. Darauf deuteten sie an, daß es seine – eines Gemeinen – Pflicht wäre, den Leichnam zum Stromufer zu schleppen und ihn so aus der Welt zu schaffen. Ein ziemlich hitziges Gebärdenspiel erfolgte, und schließlich gab sich der Vogelgesichtige zu einer Art Handreichung her. Sie schleppten den schlaffen und jetzt ziemlich angeschwollenen Asiaten zwischen den Bäumen durch und warfen ihn, nach ein paar Ruhepausen – denn er war recht schwer – in den westlichen Fall. Schließlich kehrte Bert mit schmerzenden Armen und in einem Zustand düsterer Widersetzlichkeit zu der fachmännischen Untersuchung der Flugmaschine zurück. »So 'ne Frechheit!« sagte er. »Als ob ich einer von ihren deutschen Untertanen wäre! Hochnasiger Kerl!«

Und er erging sich in Vorstellungen, was wohl geschehen würde, wenn die Flugmaschine wieder hergestellt wäre – – wenn sie überhaupt wieder herzustellen war.

Die zwei Deutschen gingen wieder; und nach kurzer Überlegung nahm Bert ein paar Schraubenmuttern aus der Maschine, zog seinen Rock und seine Weste wieder an, schob die Kugeln in die Tasche und versteckte die Geräte und Werkzeuge des zweiten Aeroplan zwischen den Ästen eines Baums. »Bravo!« sagte er, während er nach der letzten dieser Vorsichtsmaßregeln zur Erde sprang. Der Prinz und sein Begleiter erschienen eben wieder am Stromufer, als er zu der Maschine zurückkehrte. Der Prinz schaute ihm eine Weile zu, ging dann zu der Teilung der Wasser und blieb mit gekreuzten Armen, in tiefen Gedanken, stehen. Der vogelgesichtige Offizier näherte sich, mit einem englischen Satz beladen, Bert. »Gehen Sie,« sagte er mit einer hilflosen Gebärde, »und essen Sie!«

Als Bert nach der Erfrischungshalle gelangte, fand er, daß sämtliche Nahrungsmittel verschwunden waren, mit Ausnahme einer Portion Corned-Beef und dreier Biskuits. Unter dem Ladentisch kroch mit einem ärgerlichen Schnurren das Kätzchen hervor. »Aber natürlich!« sagte Bert. »Wo ist denn deine Milch?«

Eine Minute oder zwei ließ er die Wut in sich tüchtig anschwellen; dann nahm er den Teller in eine Hand, die Biskuits in die andere, und ging, den Prinzen aufzusuchen, wobei er allerhand Bissiges über »Essen« und sein eigenes intimstes Innere vor sich hinmurmelte. Er näherte sich den beiden – ohne zu salutieren.

»He!« sagte er zornig. »Was zum Teufel soll das heißen!«

Ein gänzlich zweckloser Wortwechsel folgte. Bert betonte auf Englisch die Bun Hiller Theorie der Beziehungen zwischen Ernährung und Leistungsfähigkeit, und der Vogelgesichtige erwiderte auf Deutsch in Sentenzen über Nationalität und Disziplin. Der Prinz, der mittlerweile Berts geistige und körperliche Eigenart begutachtet hatte, ging plötzlich zum Angriff über. Er packte Bert an den Schultern und schüttelte ihn so, daß seine Taschen klapperten, schrie ihm etwas ins Gesicht und schleuderte ihn dann von sich. Er behandelte ihn wie einen deutschen Untertan. Bert taumelte, blaß und verstört, zurück, war aber, kraft seiner ganzen Frechlings-Lebensanschauung, zu einem fest entschlossen: er mußte sich mit dem Prinzen raufen. »Wetter!« stammelte er, seinen Rock zuknöpfend . . .

»Na!« rief der Prinz, »werden Sie wohl gehen?« Dann, das kampflustige Funkeln in Berts Augen bemerkend, zog er seinen Degen.

Jetzt legte sich der Vogelgesichtige ins Mittel, indem er etwas auf Deutsch sagte und nach dem Himmel deutete. Fern im Südwesten erschien ein japanisches Luftschiff, das sich ihnen schnell näherte. Das brachte den Konflikt zu einem raschen Ende. Der Prinz war der erste, der die Situation voll erfaßte und zum Rückzug blies. Alle drei schossen wie die Kaninchen den Bäumen zu und rannten ängstlich hin und her, bis sie eine Art Erdloch fanden, das dicht und hoch mit Gras bewachsen war. Und da hockten sie nun – keine sechs Schritt voneinander entfernt. Lange Zeit saßen sie so – bis über die Ohren im Gras – und beobachteten durch die Baumzweige das Luftschiff. Bert hatte den größten Teil seines Corned-Beef verloren, fand aber immerhin noch die Zwiebacke in seiner Hand und verzehrte sie geruhsam. Das Ungeheuer flog fast senkrecht über ihnen hin, entfernte sich nach Niagara zu und ließ sich jenseits der Kraftanlagen herab. Solang es in der Nähe war, verhielten sich alle drei ganz ruhig; gleich darauf aber verfielen sie in einen Meinungsaustausch, der sich vielleicht nur infolge der Unmöglichkeit, sich gegenseitig zu verständigen, nicht zu unmittelbarer Handgreiflichkeit entwickelte.

Bert war der erste, der anfing; und er redete auch immer weiter, unbekümmert darum, was sie von seiner Suada verstanden oder nicht. Jedenfalls mußte schon seine Stimme allein seine kriegerischen Absichten verraten.

»Ihr möchtet, ich soll die Maschine in Ordnung bringen,« fing er an. »Dann laßt nur lieber die Hände von mir!« Da seine Worte keine Beachtung fanden, wiederholte er sie.

Daraufhin verbreitete er sich über diesen Punkt weiter, und der Geist der Rede kam über ihn. »Ihr denkt, ihr habt da einen Menschen erwischt, den ihr herumpuffen und chikanieren könnt, wie eure Leute! Aber da täuscht ihr euch ganz gewaltig! Verstanden? Ich hab' euch und eure Mätzchen satt. Ich hab' mir die Geschichte überlegt mit euch und eurem Krieg und eurer Weltherrschaft und dem ganzen Mumpitz! Mumpitz ist es, weiter nichts! Niemand anders als ihr Deutschen habt von Anfang an den ganzen Krawall in Europa angestiftet! Und alles um nichts und wieder nichts. Einfach aus dummem Getue. Einfach, weil ihr eure Uniformen und Flaggen habt! Seht doch mich an – hab' ich etwa etwas von euch wollen? Keinen Pfifferling hab' ich mich geschoren um euch! Und auf einmal packt ihr einen – stehlt einen ganz einfach –! Und da ist man nun – Tausende von Meilen von daheim fort, von allem! Und eure ganze alberne Flotte in Fetzen gehauen! Und dabei verführt ihr noch immer das gleiche Getue! Aber das gibt's nicht mehr, das sag' ich euch! – Seht euch doch 'mal an, was ihr zuwege gebracht habt! Die Art und Weise, wie ihr New York zertrümmert, die Menschen, die ihr umgebracht, das Material, das ihr vergeudet habt! Könnt ihr denn gar nichts lernen draus?«

»Dummer Kerl!« sagte plötzlich der Vogelgesichtige in einem Ton intensivster Feindseligkeit, indem er Bert unter seinem Verband hervor anfunkelte. »Esel!«

»Jawohl – ich versteh' ganz gut, was das heißt! Dummer Esel! Ich weiß schon! Aber wer ist der Esel – er oder ich? Wie ich ein kleiner Junge war, hab' ich oft Schauergeschichten gelesen von allerhand Abenteurern und all solchem Mumpitz. Ich bin drüber weg. Aber was steckt ihm im Kopf? Nichts als Blödsinn von Napoleon und Alexander und seiner eigenen verflixten Familie und sich selber und Gott und David und derartigem Zeug! Jeder, aber auch jeder, der nicht gerade solch ein alberner, aufgeblasener Prinz ist, hätte all das, was geschehen ist, vorausgesehen . . . . Wir – in Europa – im schönsten Durcheinander – mit unsern Flaggen und dummen Zeitungen, die uns gegeneinander aufhetzten und voneinander fernhielten – und auf der andern Seite China, das so fest zusammenhielt wie ein Laib Käse, mit seinen Millionen und aber Millionen Menschen, die nichts brauchten als ein bißchen Wissen und Unternehmungsgeist um es mit uns allen miteinander aufnehmen zu können! Ihr habt ja wohl gedacht, die könnten euch nichts anhaben! Und auf einmal haben sie da ihre Flugmaschinen – und paff! – da haben wir's! Und solang sie überhaupt noch keine Kanonen und Armeen drüben hatten, gaben wir ja keine Ruhe! Wir mußten so lang an ihnen herumzerren und -rütteln, bis sie sie glücklich auch hatten! Wir haben sie ja ganz einfach gezwungen, uns einmal eine Tracht Prügel zu versetzen, so wie wir's jetzt erlebt haben. Wir gaben ja doch keinen Frieden, ehe wir sie hatten! Na – wie gesagt – jetzt haben wir's!«

Der Vogelgesichtige schrie ihn an, er möge das Maul halten, und fing mit dem Prinzen ein Gespräch an.

»Ich bin ein britischer Bürger,« sagte Bert. »Ihr braucht nicht zuzuhören, aber ich brauch' auch nicht den Mund zu halten.« Und eine ganze Weile fuhr er noch in seinen Ausführungen über Imperialismus, Militarismus und internationale Politik fort. Aber die Unterhaltung der beiden störte ihn doch, und eine Zeitlang wiederholte er nur immer wieder gewisse Schmähworte, wie »aufgeblasener Einfaltspinsel« und ähnliche ältere und neuere Liebenswürdigkeiten.

Dann fiel ihm auf einmal wieder sein Hauptkummer ein. »Übrigens – he da, ihr – he! Was ich eigentlich sagen wollte: wo sind die Vorräte, die dort in der Bude waren? Das möcht' ich wissen! Wo habt ihr sie hingetan?«

Sie fuhren fort, sich auf Deutsch miteinander zu unterhalten. Er wiederholte seine Frage. Sie beachteten ihn nicht. Er fragte zum drittenmal – in einem unverschämt herausfordernden Ton.

Ein schwüles Schweigen trat ein. Ein paar Sekunden lang schauten die drei einander an. Der Prinz fixierte Bert und Bert erbebte unter diesem Blick. Dann erhob sich der Prinz langsam, und der vogelgesichtige Offizier schnellte neben ihm in die Höhe. Bert blieb auf der Erde kauern.

»Ruhe!« sagte der Prinz.

Und Bert merkte, daß der Augenblick für Beredsamkeit schlecht gewählt war.

Die beiden Deutschen blickten nach ihm herüber, wie er da hockte . . . . Einen Moment schien es, als drohe der Tod . . . . Dann wandte der Prinz sich ab und die beiden entfernten sich in der Richtung der Flugmaschine.

»Alle Wetter!« flüsterte Bert, und ein einziges, leises Schimpfwort entfuhr ihm . . . . Noch drei Minuten etwa blieb er sitzen; dann sprang er auf und lief nach den Weiden, in denen er das Gewehr des chinesischen Aeronauten versteckt hatte.


VIII

Von diesem Augenblick ab tat keiner von den dreien mehr so, als stünde Bert unter dem Befehl des Prinzen oder als solle er die Flugmaschine reparieren. Die beiden Deutschen ergriffen von der letzteren Besitz und machten sich an die Arbeit. Bert wanderte mit seiner neuen Waffe nach dem Terrapinfelsen und ließ sich da nieder, um sie zu untersuchen. Es war ein kurzes, großkalibriges Gewehr mit fast vollem Magazin. Er nahm die Patronen sorgfältig heraus, versuchte den Drücker und das Funktionieren der einzelnen Teile, bis er sicher war, daß sie ihm geläufig waren, und lud dann sorgsam aufs neue. Darauf fiel ihm ein, daß er hungrig war, und er ging, das Gewehr unter dem Arm, nach der Erfrischungshalle, um sie von innen und außen zu besichtigen. Er war klug genug, einzusehen, daß es besser war, wenn der Prinz und sein Gefährte ihn nicht mit dem Gewehr erblickten. Solange sie ihn für unbewaffnet hielten, würden sie ihn in Frieden lassen; was aber die napoleonische Persönlichkeit tun würde, wenn sie Berts Waffe sah – das konnte man nicht wissen. Auch aus einem andern Grund mied er ihre Nähe: er fühlte, in ihm kochte ein ganz unerschöpflicher Born der Wut, und er hegte die Befürchtung, es möchte ihn die Lust anwandeln, die beiden Männer zu erschießen. Er hatte wirklich die größte Lust, sie über den Haufen zu schießen, und dachte dabei doch, das wäre etwas ganz Entsetzliches. Die beiden entgegengesetzten Seiten seiner widerspruchsvollen Zivilisation lagen in ihm im Kampf.

In der Nähe der Erfrischungshalle tauchte auch das Kätzchen wieder auf – augenscheinlich sehr gierig nach Milch. Das stachelte Berts eigenes grimmiges Hungergefühl ganz gewaltig an. Während er umherstöberte, fing er mit sich selbst zu reden an; und nach einer Weile blieb er, laute Verwünschungen ausstoßend, stehen. Von Hochmut und Krieg und Imperialismus redete er. »Jeder andere Prinz wäre einfach untergegangen mit seinem Schiff und seiner Mannschaft!« schrie er.

Die zwei Deutschen bei der Flugmaschine hörten seine Stimme in Zwischenräumen durch das Tosen der Wasser tönen. Ihre Blicke trafen sich; beide lächelten leise.

Eine Zeitlang dachte er daran, sich in die Erfrischungsbude zu setzen und sie da zu erwarten. Dann fiel ihm ein, daß er sie da denn doch gar zu dicht auf dem Leib hätte, und er schlenderte, Gewehr unterm Arm, nach der Spitze der Lunainsel, um sich die Situation zu überlegen.

Anfänglich war sie ihm verhältnismäßig einfach erschienen; aber während er darüber nachdachte, mehrten und vergrößerten sich die Möglichkeiten. Jene beiden hatten Schwerter. Ob auch einer von ihnen einen Revolver hatte?

Und wenn er sie beide über den Haufen schoß, fand er vielleicht die Vorräte überhaupt nie . . . .

Bis jetzt war er, mit seinem Gewehr unterm Arm, in einem Bewußtsein selbstherrlicher Sicherheit umhergelaufen. Aber wenn sie nun das Gewehr erblickten und ihn aus dem Hinterhalt anfielen? Die Ziegeninsel bestand ja doch aus lauter Deckung – Bäume, Felsen, Dickichte, eine Menge von Unregelmäßigkeiten . . . .

Warum überhaupt nicht einfach gehen und sie beide umbringen – jetzt – sofort?

»Ich kann nicht!« sagte Bert, den Gedanken von sich schiebend. »Erst müssen sie mich dazu zwingen.«

Aber sich so ganz von ihnen zu entfernen, war ein Fehler. Das wurde ihm plötzlich klar. Er mußte sie im Auge behalten, mußte »rekognoszieren«. Dann würde er sehen, was sie machten, ob einer von ihnen einen Revolver hatte, wo sie die Lebensmittel versteckt hielten. Er würde dann auch besser beobachten können, was sie eigentlich mit ihm vorhatten. Wenn er ihnen nicht nachspionierte, würden einfach sie ihm nachspionieren. Dieser Gedanke erschien ihm so hervorragend vernünftig, daß er auch sofort danach zu handeln begann. Er überdachte seinen Anzug und warf seinen Kragen und die verräterische weiße Aeronautenmütze in die Tiefe des Wassers unter ihm. Dann klappte er seinen Rockkragen auf, um jeden Schimmer seines schmutzigen Hemds zu verbergen. Die Werkzeuge und Kugeln in seinen Taschen machten ein klapperndes Geräusch; er wickelte ein paar Briefe und sein Taschentuch darum. Dann machte er sich, vorsichtig und geräuschlos, auf den Weg, bei jedem Schritt scharf um sich schauend. Lautes Knarren und Hämmern zeigte ihm bald deutlich an, daß er sich seinen Feinden näherte. Gleich darauf erblickte er sie auch – augenscheinlich in einer Art Rauferei mit der asiatischen Flugmaschine begriffen. Sie waren in Hemdärmeln, hatten ihre Schwerter abgeschnallt und arbeiteten wie die Ochsen. Augenscheinlich drehten sie die Maschine eben um und hatten dabei viel Schwierigkeit mit dem langen Schweif, der zwischen den Bäumen hing. Als Bert sie sah, ließ er sich flach auf die Erde fallen, schlängelte sich bis zu einem kleinen Erdloch und beobachtete von dort, wie sie sich abmühten. Ab und zu zielte er – zum Zeitvertreib – mit seinem Gewehr nach einem von den beiden.

Er fand, daß es wirklich interessant war, ihnen zuzusehen; so interessant, daß er ihnen manchmal beinah einen guten Rat zugerufen hätte. Er wußte – wenn sie die Maschine umgedreht hatten, würden sie auch sofort die Kugeln und Werkzeuge, die er in der Tasche hatte, benötigen. Dann würden sie nach ihm suchen. Jedenfalls würden sie auf den Gedanken kommen, daß er sie sich angeeignet oder sie versteckt hätte. Ob er sein Gewehr versteckte und mit ihnen um Lebensmittel unterhandelte – zum Tausch gegen die Werkzeuge, die er in der Tasche hatte? Aber er fühlte – er konnte sich nicht mehr von dem Gewehr trennen, nachdem er einmal seine vertraueneinflößende Nähe gekostet hatte. Das Kätzchen erschien wieder auf der Bildfläche, begrüßte ihn mit unendlich wichtigem Getue, leckte ihn ab und biß ihn ins Ohr . . . .

Die Sonne stieg gen Mittag; einmal erblickte Bert etwas, was die Deutschen nicht sahen: ein asiatisches Luftschiff, das ganz fern im Süden erschien und rasch ostwärts flog.

Schließlich war die Flugmaschine umgedreht und stand richtig auf ihrem Rad, die Haken aufwärts nach den Fällen gewandt. Die beiden Offiziere trockneten sich die Gesichter, zogen die Röcke wieder an, gürteten ihre Schwerter um und redeten und betrugen sich, wie Menschen, die sich zu einem guten, arbeitsreichen Vormittag beglückwünschen. Dann gingen sie rasch nach der Erfrischungshalle, der Prinz voran. Bert ward auch sofort lebendig; aber es war ihm unmöglich, ihnen rasch und unhörbar genug zu folgen, um noch das Versteck der Nahrungsmittel herauszufinden. Als er die beiden wieder erblickte, saßen sie, mit dem Rücken gegen die Bude, jeder einen Teller auf den Knien, mit einer Büchse Corned-Beef und einem Teller voll Biskuit zwischen sich. Sie schienen äußerst aufgeräumt; der Prinz lachte sogar einmal. Bei diesem Anblick stürzten Berts Pläne zusammen. Ein grimmiger Hunger überwältigte ihn. Plötzlich erschien er vor den beiden, das Gewehr in der Hand, in einer Entfernung von vielleicht zwanzig Schritt.

»Hände hoch!« sagte er mit harter, entschlossener Stimme.

Der Prinz zögerte; dann flogen zwei Paar Hände in die Höhe. Das Gewehr hatte die beiden völlig überrascht.

»Aufgestanden!« sagte Bert . . . . »Gabel weg!« Sie gehorchten.

»Was jetzt?« fragte Bert sich selber. »Abmarsch – vermutlich!«

Also – – »Los!« kommandierte er. »Hier – – diesen Weg!«

Der Prinz gehorchte mit auffallender Hast. Als er die Höhe der Lichtung erreicht hatte, sagte er rasch etwas zu dem Vogelgesichtigen, und beide fingen, mit einem gänzlichen Mangel an Würde, zu laufen an.

Bert kam plötzlich – zu spät – ein ärgerlicher Gedanke.

»Herrgott!« rief er zornig. »Natürlich! Ich hätt' ihnen ihre Schwerter abnehmen müssen! Heda!«

Aber die beiden Deutschen waren schon außer Sicht und jedenfalls sicher zwischen den Bäumen versteckt. Bert nahm seine Zuflucht zu allerhand Flüchen und Verwünschungen, ging dann zu der Erfrischungshalle, untersuchte flüchtig die Möglichkeit eines Seitenangriffs, stellte sein Gewehr an einen günstigen Platz neben sich und fiel, mit einer krampfhaften Pause zwischen jedem Mundvoll, über den Teller des Prinzen her. Er hatte ihn eben geleert und die Überreste dem Kätzchen gegeben und begann just mit dem zweiten Teller, als dieser plötzlich in seiner Hand zerbrach. Er starrte umher, während es ihm langsam dämmerte, daß er den Augenblick zuvor im Dickicht ein Knacken gehört hatte. Dann sprang er auf, packte mit der einen Hand das Gewehr, mit der andern den Teller mit Corned-Beef und floh um die Halle herum nach der andern Seite der Lichtung. Währenddem kam ein zweiter Knall aus dem Dickicht, und mit zischendem Geräusch fuhr etwas an seinem Ohr vorüber.

Er hielt in seinem Lauf nicht inne, bis er an einem, wie ihm schien, zur Verteidigung trefflich geeigneten Punkt in der Nähe der Luna-Insel angelangt war. Hier versteckte er sich, schwer atmend und erwartungsvoll . . . .

»Also haben sie doch einen Revolver!« flüsterte er . . . . »Möcht' wissen, ob sie gar zwei haben? Wenn . . . großer Gott! Dann bin ich geliefert!«

»Wo ist die Katze? Frißt das Corned-Beef auf, vermutlich! Das kleine Luder!«


IX

So also begann der Krieg auf der Ziegeninsel. Er dauerte einen Tag und eine Nacht, den längsten Tag und die längste Nacht, die Bert je erlebt hatte. Er lag ganz still und lauschte und beobachtete. Dabei machte er Pläne, was er nun eigentlich tun wollte. Eins war klar – er mußte die beiden Männer töten, wenn er konnte, oder sie würden ihn töten, wenn sie konnten. Der Preis, um den sie kämpften, war: erstlich die Nahrungsmittel und dann die Flugmaschine und das zweifelhafte Privilegium, einen Ritt darauf zu probieren. Mißlang er, so kostete es natürlich das Leben, glückte er, so konnte man an irgendeinen andern Ort gelangen. Eine Weile versuchte Bert sich vorzustellen, wie etwa dieser andere Ort beschaffen sein könnte. Allerlei Möglichkeiten stellten sich ihm dar. Wüsten, ergrimmte Amerikaner, Japaner, Chinesen – – vielleicht sogar Indianer! (Ob es überhaupt noch Indianer gab?)

»Man muß es nehmen, wie's kommt!« sagte sich Bert. »Einen andern Weg aus der Geschichte heraus seh' ich nicht.«

Klangen da nicht Stimmen? Er merkte, daß seine Aufmerksamkeit anfangen wollte, nachzulassen. Eine Zeitlang waren alle seine Sinne aufs äußerste angespannt. Das Tosen der Fälle verwirrte ihn; alle möglichen Laute klangen darin, Schritte, Stimmen, Ausrufe und Geschrei . . . .

»So ein dummer Wasserfall!« sagte Bert. »Hat das auch einen Sinn? Immerzu fallen und fallen!«

Aber einerlei! Was mochten die Deutschen jetzt treiben? Ob sie zu der Flugmaschine zurückkehrten? Anfangen konnten sie nichts damit, weil er die Kugeln und Werkzeuge und Schrauben und Schraubenzieher hatte. Aber wenn sie die andern Geräte fanden, die er in einem Baum versteckt hatte! Er hatte sie natürlich gut versteckt, aber sie konnten sie ja trotzdem finden. Sicher konnte man nicht sein – natürlich. Er versuchte, sich ganz genau zu entsinnen, wie er die Werkzeuge versteckt hatte. Er versuchte, sich selber einzureden, sie wären ganz sicher und unauffindbar versteckt; aber sein Gedächtnis fing an, ihm allerhand Streiche zu spielen. Hatte er wirklich den Schraubenzieher so in der Gabel des Asts versteckt, daß der Griff hervorsah und blinkte . . .? Sch! Was war das? Regte sich dort jemand in den Büschen? Drohend flog der Gewehrlauf in die Höhe. Nein! Wo war die Katze? Aber nein! Es war nichts als Einbildung! Nicht einmal die Katze.

Die Deutschen würden selbstverständlich die Werkzeuge, die er in der Tasche mit sich trug, vermissen, und danach suchen. Das war ja klar. Dann würden sie natürlich auf den Gedanken kommen, daß er sie hatte und ihn verfolgen. Er brauchte also bloß ganz still in seinem Versteck zu bleiben, so würden sie schon ankommen. Oder war diese Folgerung nicht richtig? Würden sie vielleicht noch weitere lose Teile der Maschine entfernen und verstecken, und dann auf der Lauer liegen, bis er käme? Nein, das würden sie jedenfalls nicht tun. Sie waren ja doch zwei gegen einen. Sie würden gar nicht auf den Gedanken kommen, daß er auf der Flugmaschine Reißaus nehmen könnte, würden überhaupt nicht annehmen, daß er sich derselben nähern würde, und würden sie folglich auch nicht beschädigen oder demolieren. Das – entschied er – war wenigstens klar. Aber wenn sie nun bei den Nahrungsmitteln auf der Lauer lagen? Aber das wiederum würden sie nicht tun, weil sie wußten, er hatte einen Haufen Corned-Beef mitgenommen. In der Büchse war so viel, daß es ihm, wenn er mäßig war, mehrere Tage lang reichen konnte. Freilich, sie konnten, anstatt ihn anzugreifen, versuchen, ihn auszuhungern. – –

Mit einem Ruck richtete er sich auf. Auf einmal ward ihm die tatsächliche Schwäche seiner Position klar: er konnte einschlafen!

Keine zehn Minuten stand er unter der Suggestion dieser Idee, als er auch schon merkte, daß er einschlief!

Er rieb sich die Augen und faßte sein Gewehr. Bis jetzt hatte er gar nicht gefühlt, wie intensiv einschläfernd die amerikanische Sonne, die amerikanische Luft, das betäubende, in Schlummer wiegende Tosen des Niagara war. Bisher hatte all das im ganzen eher aufreizend auf ihn gewirkt . . . .

Wenn er nicht so viel und so hastig gegessen hätte, würde er sich jetzt nicht so schwer fühlen. Ob Vegetarier immer wach und lebendig waren? . . .

Wieder rüttelte er sich mit einem Ruck auf.

Er mußte irgend etwas tun, sonst schlief er ein. Und wenn er einschlief, so war zehn gegen eins zu wetten, daß sie ihn finden und ein Ende machen würden. Wenn er regungslos und lautlos da sitzen blieb, würde er rettungslos einschlafen. Immer noch besser, selbst einen Angriff zu wagen! Dies Schlafbedürfnis würde ihn schließlich liefern! Bei den beiden lag die Sache ganz anders; einer konnte schlafen, während der andere wachte. Das würden sie ja auch, wenn er sich's recht überlegte, immer tun: der eine würde ausführen, was sie gerade wollten, und der andere würde irgendwo daneben im Hinterhalt liegen – schußbereit. Sie konnten ihn auf diese Weise sogar in eine Falle locken, indem der eine als Köder diente.

Das brachte seine Gedanken in eine andere Richtung. Wie dumm von ihm, daß er seine Mütze weggeworfen hatte! Sie wäre ja unschätzbar gewesen – auf einem Stock! Ganz besonders nachts.

Dann empfand er den dringenden Wunsch nach etwas Trinkbarem. Er befriedigte ihn eine Weile, indem er einen Kieselstein in den Mund nahm. Darauf kehrte das Schlafbedürfnis wieder. Immer klarer wurde es ihm, daß er den Angriff wagen mußte. Wie so mancher große General vor ihm empfand er seine Bagage, das heißt seine Büchse Corned-Beef, als ernstliches Hindernis der Bewegungsfreiheit. Er entschloß sich, das Beef lose in die Tasche zu stecken und die Büchse wegzuwerfen. Es war ja vielleicht nicht gerade ein ideales Verfahren, aber wenn man im Feld ist, muß man sich zu helfen wissen. Ungefähr zehn Schritte weit kroch er; dann lähmten ihn plötzlich die Möglichkeiten der Situation vollständig.

Es war ein stiller Nachmittag. Das Tosen der Wasser hob diese unendliche Stille nur noch schärfer hervor. Er war nach bestem Ermessen auf den Tod zweier Menschen bedacht, die über ihm standen . . . . Und auch sie waren nach Kräften auf seinen Tod bedacht . . . . Was mochten sie treiben . . . hinter all dieser Stille?

Wenn er nun ganz plötzlich vor ihnen stand und feuerte – und fehlte?


X

Er kroch weiter, hielt inne, lauschte und kroch wieder weiter, bis die Nacht sank. Und der deutsche Alexander und sein Leutnant taten zweifellos dasselbe. Eine Karte von der Ziegeninsel, in großem Maßstab und mit roten und blauen Linien bezeichnet, die die strategischen Bewegungen markierten, hätte zweifellos eine Menge Kreuzungen aufgewiesen; aber in Wirklichkeit erblickte diesen ganzen, jahrhundertelangen Tag voll ermüdender Wachsamkeit keine Partei die andere. Bert wußte nie, wie nah er ihnen kam oder wie fern von ihnen er war. Schläfrig war er nicht mehr, als die Nacht kam, aber durstig. Er befand sich in der Nähe des Amerikanischen Falls. Der Gedanke war in ihm aufgetaucht, daß seine Feinde sich im Wrack der »Hohenzollern« befinden könnten, das gegen die Grüne Insel geklemmt lag. Er ward unternehmend, gab jeglichen Versuch auf, sich noch länger zu verstecken und ging über die kleine Brücke nach der Stromteilung hinüber. Er fand aber niemand. Es war sein erster Besuch bei den riesenhaften Luftschifftrümmern, und er betrachtete und untersuchte sie voller Neugier im schwachen Licht der Dämmerung. Er entdeckte, daß die vorderste Kabine beinah intakt war; nur die Tür hing nach unten und eine Ecke stand unter Wasser. Er kroch hinein, trank und verfiel dann plötzlich auf die wundervolle Idee, die Tür zuzumachen und darauf zu schlafen.

Aber jetzt konnte er überhaupt gar nicht mehr schlafen. Gegen Morgen nickte er ein bißchen ein, und als er erwachte, war es heller Tag. Er frühstückte – Corned Beef und Wasser – und blieb eine Weile im Vollgefühl seiner sichern Position sitzen. Schließlich ward er unternehmend und kühn. Er beschloß, der Sache sofort, auf irgendeine Weise, ein Ende zu machen. Er hatte diese ewige Kriecherei satt. Also machte er sich im Morgensonnenschein auf den Weg, das Gewehr in der Hand, unbekümmert, ob man seinen Schritt hörte oder nicht. Er wanderte rund um die Erfrischungshalle, ohne jemand zu entdecken, und hierauf weiter, durch die Bäume, nach der Flugmaschine. Plötzlich stieß er auf den Vogelgesichtigen, der, den Rücken gegen einen Baum gelehnt, über seine gekreuzten Arme geneigt, auf der Erde saß und schlief. Sein Verband war ihm tief über das eine Auge gerutscht.

Bert blieb mit einem Ruck stehen und betrachtete ihn aus einer Entfernung von ungefähr fünfzehn Schritt, das Gewehr schußbereit erhoben. Wo war der Prinz? Jetzt sah er neben dem dahinterstehenden Baum eine Schulter hervorblicken. Entschlossen machte er fünf Schritte nach links. Der große Mann ward sichtbar, gegen den Stamm gelehnt, in einer Hand die Pistole, in der andern das Schwert – – und gähnend – fürchterlich gähnend! Einen Mann, der gähnt, kann man nicht über den Haufen schießen, fand Bert. Er näherte sich, das Gewehr im Anschlag, seinem Feind; eine törichte Vorstellung von »Hände hoch!« spukte in seinem Gehirn. Der Prinz bemerkte ihn; der gähnende Mund schnappte zu wie ein Schloß; er richtete sich steif auf. Bert blieb schweigend stehen. Einen Augenblick lang betrachteten die beiden einander.

Wäre der Prinz klug gewesen, so wäre er vermutlich hinter den Baum geschlüpft. Statt dessen stieß er einen Ruf aus und hob Pistole und Schwert. Daraufhin legte Bert wie ein Automat den Finger auf den Drücker . . . .

Es war seine erste Erfahrung mit einem Oxygengeschoß. Eine große Flamme sprühte mitten aus dem Prinzen heraus, ein blendender Schein – – dann ein Knall wie von einer Kanone – – Etwas Heißes, Feuchtes flog Bert ins Gesicht. Dann sah er durch einen Wirbel blendenden Rauchs und Dampfes Gliedmaßen und einen stürzenden, zerschmetterten Körper zur Erde fallen . . . .

Bert war so erstaunt, daß er mit offenem Mund dastand, und der vogelgesichtige Offizier ihn ohne jeden Kampf hätte zusammenhauen können. Statt dessen rannte dieser durch das Unterholz davon, sich ängstlich hinter jeden Baum duckend. Bert raffte sich zu einer kurzen, nutzlosen Verfolgung auf; aber er hatte keinerlei Lust, noch weiter zu morden. Er kehrte zu dem zermalmten, zerfetzten Ding zurück, das noch eben erst der große Prinz Karl Albert gewesen war. Er betrachtete die versengte, auseinandergerissene Vegetation rings umher. Da und dort erkannte er auch etwas . . . . Auf spitzen Zehen ging er näher und hob den heißen Revolver auf; die Lager waren sämtlich geplatzt. Jetzt machte eine freundschaftliche und aufmunternde Gegenwart sich bemerkbar: er war höchlichst betreten, daß ein so junges Geschöpf ein so fürchterliches Schauspiel mit ansehen sollte.

»He, Mieze,« sagte er, »das ist nicht der Ort für dich!« Mit drei langen Schritten durchquerte er den Schauplatz der Verwüstung, packte das Kätzchen geschickt und ging dann mit dem laut schnurrenden Tierchen auf der Achsel nach der Erfrischungshalle zurück.

»Dir macht das augenscheinlich nicht viel aus!« sagte er. Eine Weile stöberte er umher; schließlich entdeckte er auch den Rest der Vorräte unter dem Dach. »Kommt einem doch bitter vor,« sagte er, während er einen Teller mit Milch füllte, »daß drei Menschen, die so miteinander in eine Klemme geraten, nicht zusammenhalten können! Aber er und seine Prinzerei – – es ging einfach drüber hinaus!«

»Herrgott!« dachte er weiter, während er auf dem Schenktisch saß und aß. »Eine sonderbare Sache, dies Leben! Da sitz' ich nun. Hab' sein Bild gesehen, hab' seinen Namen gehört, seit ich noch ein kleiner Junge in Röckchen war. Der Prinz Karl Albert! Und wenn mir einer gesagt hätt', ich würd' ihn dereinst in Fetzen schießen – – na ja! Geglaubt hätt' ich's nicht, Pussy! Der Kerl damals in Margate hätt' es mir auch sagen können! Dabei hat er mir nichts gesagt, als daß ich schwach auf der Brust sei!

»Und der andere Kerl – – der wird's auch nicht lang treiben! Was in aller Welt soll ich mit ihm anfangen?«

Er betrachtete die Bäume ringsum mit einem scharfen, blauen Auge und faßte nach dem Gewehr auf seinen Knien. »Die Umbringerei gefällt mir nicht, Puß,« sagte er. »Es ist gerade, wie Kurz sagte – – vom Sich-ans-Blutvergießen-Gewöhnen! Mir scheint, du wirst recht jung daran gewöhnt . . . . Wenn der Prinz zu mir hergekommen wär' und gesagt hätte: Geben Sie mir die Hand! . . . ich hätt' ihm meine Hand gegeben! . . . Da ist nun der andere Bursche . . . versteckt sich irgendwo . . . . Ein Loch hat er schon im Kopf, und mit seinem Bein sieht's auch übel aus. Und Brandnarben . . . Donnerwetter! Und noch keine drei Wochen ist's her, daß ich ihn zum erstenmal gesehen hab' . . . fein und tipp-topp . . . die Hände voller Haarbürsten . . . und voller Verwünschungen gegen mich! Von Kopf bis zu Fuß ein Gentleman! Und jetzt ist er schon ein halber Wilder. Was fang' ich mit ihm an? Die Flugmaschine kann ich ihm nicht lassen . . . das wär' doch ein bißchen zu viel . . . . Und wenn ich ihn nicht umbringe, verhungert er einfach da auf der Insel . . . . Na ja . . . ein Schwert hat er ja . . . freilich . . . .«

Nachdem er sich eine Zigarette angesteckt hatte, vertiefte er sich wieder in sein Philosophieren.

»Ein Blödsinn ist der Krieg, Puß. Ein Blödsinn! Wir gewöhnlichen Menschen – wir waren einfach Narren. Dachten, die Großen wüßten, was sie täten. Aber sie wußten's nicht. Schau dir diesen Menschen an! Ganz Deutschland hatte er hinter sich . . . und was hat er daraus gemacht? Vernichtung und Zerstörung und Sinnlosigkeit . . . . Und fertig! Und das Ende ein Wirrwarr von Blut und Stiefeln und Durcheinander . . . . Ein Haufe von Scheußlichkeiten . . . weiter nichts! Der Prinz Karl Albert! Und all seine Leute und all seine Schiffe, die Luftschiffe, die Drachenflieger . . . alle dahin – – wie ein Haufe Papierdrachen . . . zwischen diesem Loch hier und Deutschland! Und der Kampf, und das Brennen und Sengen und Vernichten, das er angefangen hat, geht weiter . . . ein Krieg ohne Ende . . . über die ganze Welt!

»Werd' ihn ja wohl erschießen müssen, den andern! Wird ja wohl sein sollen. Aber meine Liebhaberei ist das nicht, Pussy!«

Eine Weile suchte er unter dem Tosen des Wasserfalls die Insel ab nach dem verwundeten Offizier und jagte ihn auch schließlich aus einem Gebüsch in der Nähe der Biddle-Stairs-Höhe auf. Aber als er die hinkende, geduckte Gestalt vor sich erblickte, ward die Weichmütigkeit in ihm zu groß; er vermochte ihn weder zu verfolgen noch zu erschießen. »Ich kann nicht!« sagte er. »Das ist nun einmal so. Ich hab' nicht das Zeug dazu! Ich muß ihn laufen lassen!« Und er wandte sich nach der Richtung der Flugmaschine.

Er sah den vogelgesichtigen Offizier niemals wieder; auch keinerlei Spuren seiner Gegenwart. Gegen Abend packte ihn eine Angst vor einem Überfall aus dem Hinterhalt; er suchte und forschte eine Stunde lang mit allem Eifer; umsonst. Dann schlief er an einem guten, zur Verteidigung prächtig geeigneten Punkt auf dem Ausläufer der Felsspitze, die in den Kanadischen Fall hineinragt, ein. Mitten in der Nacht wachte er an einem panischen Schrecken auf und feuerte. Aber es war nichts. Schlafen konnte er nicht mehr von da ab. Morgens packte ihn eine seltsame Besorgnis um den Verschwundenen; er suchte nach ihm, wie nach einem verlorenen, irrenden Bruder. »Wenn ich bloß ein bißchen Deutsch könnte!« sagte er. »Dann würd' ich gröhlen! Alles kommt bloß davon, daß ich kein Deutsch kann. Da läßt sich nichts erklären . . . .«

Später entdeckte er Spuren eines Versuchs, die Lücke der zerstörten Brücke zu überspannen. Ein Seil mit einem Ring daran war über das Wasser geschleudert worden und hatte sich an der Architektur des vorspringenden Gitterwerks gefangen. Das Ende des Seils schleppte in dem brodelnden Wasser über dem Fall . . . .

Aber der vogelgesichtige Offizier lag schon Schulter an Schulter mit einer gewissen leblosen Masse, die dereinst der Leutnant Kurz, ein chinesischer Aeronaut, eine tote Kuh und allerhand sonstige unerfreuliche Gesellschaft gewesen war . . . drunten im Riesenwirbel eines zwei und ein viertel Meilen entfernten Strudels. Nie zuvor war dieser große Sammelplatz, dieses unaufhörliche, ziellose, immer wieder zum Ring sich schließende Hasten voll Vergeudung und Vernichtung so überfüllt gewesen von seltsamem und traurigem Strandgut . . . . Rundum und immer rundum wirbelte es; und jeder Tag brachte neue Beute, verunglückte Tiere, Trümmer von Schiffen und Flugmaschinen, Haufen von Menschen aus den Städten an den Ufern der großen Seen . . . . Vieles kam von Cleveland . . . . Und alles sammelte sich hier und wirbelte in unaufhörlichem Strudel umher; und über allem sammelte sich ein täglich zunehmender Schwarm von Vögeln.



Zehntes Kapitel: Amerika


I

Bert verbrachte noch zwei weitere Tage auf der Ziegeninsel und brauchte alle seine Vorräte, mit Ausnahme der Zigaretten und des Mineralwassers, auf, ehe er es über sich gewann, die asiatische Flugmaschine zu versuchen.

Auch als es endlich so weit war, ging er weniger mit ihr los, als sie mit ihm. Es hatte höchstens ungefähr eine Stunde in Anspruch genommen, die Flügelstützen durch die der zweiten Flugmaschine zu ersetzen und die Schraubenmuttern wieder einzufügen, die er selber herausgenommen hatte. Der Motor war in Ordnung und unterschied sich nur in ganz einfachen und ins Auge fallenden Kleinigkeiten von dem der damaligen Motorräder. Der ganze übrige Teil seiner Zeit war durch tiefstes Nachsinnen und Aufschieben und Zögern ausgefüllt. Vor allem sah Bert sich immer wieder die Stromschnellen hinunterstürzen und mit ihnen unter krampfhaftem Anklammern und endlichem Ertrinken bis zum Fall hinabwirbeln; aber auch Visionen einer hoffnungslosen Luftreise, eines immerwährenden Vorwärtseilens und der Unmöglichkeit zu landen kamen ihm. Sein Geist war zu ausschließlich mit dem Fliegen selbst beschäftigt, als daß er sehr viel darüber nachgedacht hätte, was einem fahrenden Ritter unbestimmten Charakters und ohne Ausweis geschehen könnte, der auf einer asiatischen Flugmaschine inmitten der kriegentflammten Bevölkerung drunten landen würde.

Noch immer empfand er eine Art unentschlossener Sorge um den vogelgesichtigen Offizier. Ihn peinigte die Vorstellung, er könnte hilflos oder fürchterlich verstümmelt irgendwo in einem Winkel oder Versteck der Insel liegen; und erst nach langem, ermüdendem Suchen gab er diesen beunruhigenden Gedanken auf. »Wenn ich ihn fände,« überlegte er dabei, »was könnt' ich mit ihm anfangen? Einem Menschen eine Kugel vor den Kopf schießen, wenn er am Boden liegt . . . das geht nicht! Und ich weiß wirklich nicht, wie ich ihm sonst helfen könnte.«

Dann bekümmerte das Kätzchen sein hochentwickeltes Gefühl sozialer Verantwortlichkeit. »Wenn ich sie zurücklasse, verhungert sie . . . . Sie müßte sich selber ihre Mäuse fangen können . . . . Ob es Mäuse gibt? . . . Oder Vögel? . . . Sie ist zu jung . . . . Sie ist wie ich: ein bißchen zu zivilisiert.«

Schließlich steckte er sie in seine Seitentasche, wo sie sich sofort für allerhand Erinnerungen an Corned-Beef, die sie da entdeckte, zu interessieren begann.

Mit dem Kätzchen in der Tasche setzte er sich in den Sattel der Flugmaschine. Ein großes, klotziges Ding – – nicht ein bißchen wie ein Fahrrad! Immerhin – – es war ziemlich klar, wie die Geschichte zu handhaben war. Man brachte den Motor in Gang . . . so! schnellte sich in die Höhe, bis das Rad vertikal stand . . . so! setzte das Gyroskop in Bewegung . . . so! Und dann . . . nun, dann drehte man an diesem Hebel . . . .

Ziemlich schwer ging er ja; aber plötzlich gab er nach . . . .

Die großen, gebogenen Flügel zu beiden Seiten begannen beunruhigend zu flattern . . . hoben sich . . . klick-klack . . . klick-klack . . . klitter-klack . . . .

Stop! Das Ding hielt aufs Wasser zu! Das Rad war schon im Wasser. Bert stöhnte aus Herzensgrund und kämpfte mit dem Hebel, um ihn in seine frühere Lage zurückzubringen. Klick-klack . . . klick-klack . . . er stieg! Die Maschine hob ihr nasses Rad aus dem schäumenden Wasser und flog in die Höhe . . . . Jetzt war kein Halten mehr . . . . . Bremsen hätte auch nichts mehr geholfen. Im nächsten Moment flatterte Bert, zu Stein erstarrt, sich krampfhaft anklammernd, mit hervorquellenden Augen und einem Gesicht so blaß wie der Tod über den Stromschnellen in die Höhe, indem er bei jedem Stoß der Flügel aufwärts geworfen wurde. Und dabei stieg er immer weiter empor, immer weiter . . . .

Es war gar kein Vergleich, was Würde und Bequemlichkeit anbetraf, zwischen einer Flugmaschine und einem Ballon. Mit Ausnahme der Momente des Abstiegs war der Ballon ein Fahrzeug von allerbesten Umgangsformen. Dies war ein bockiger Maulesel, ein Maulesel, der immerzu bockte und überhaupt nicht mehr nachließ . . . . Klick-klack . . . klick-klack . . . bei jedem Schlag der seltsam geformten Flügel ward Bert in die Höhe geworfen und eine halbe Sekunde später scharf in den Sattel zurückgeschleudert. Und während in einem Ballon gar kein Wind zu verspüren ist, weil der Ballon selbst sozusagen einen Teil des Windes bildet, ist Fliegen eine ununterbrochene, wilde Erzeugung von Wind, ein immerwährendes Gegen-den-Wind-Ankämpfen: Es war ein Wind, der ihn fortwährend zu blenden, ihn zu zwingen versuchte, die Augen zuzumachen . . . Bald verfiel er auf den Gedanken, seine Beine und Knie einwärts zu drehen und fest gegen die Maschine zu pressen; er wäre sonst sicherlich in zwei hilflose Hälften gespalten worden. Und immer aufwärts ging es, hundert Meter, zweihundert, dreihundert . . . über der strömenden, schäumenden Wasserwüste da drunten . . . aufwärts, immer aufwärts. Das war ja ganz schön. Aber wie man sich dann wohl horizontal weiterbewegte? Er versuchte nachzudenken: gingen diese Dinger überhaupt horizontal? Nein! Sie flatterten in die Höhe und schwebten dann abwärts. Eine ganze Weile flatterte er so aufwärts. Die Tränen liefen ihm aus den Augen. Er wischte sie mit einer waghalsig freigemachten Hand ab . . . .

Was war besser . . . über dem Land einen Fall zu riskieren . . . oder über dem Wasser? Solch ein Wasser!

Er flog über die oberen Stromschnellen, Buffalo zu. Jedenfalls war es ein Trost, daß die Fälle und der wilde Wasserstrudel drunten jetzt hinter ihm lagen. Er flog geradeswegs in die Höhe. Das sah er. Wie man wohl umdrehte?

Bald wurde er ganz kühl, und sein Auge gewöhnte sich mehr und mehr an den Luftzug. Aber er kam doch recht hoch hinauf . . . recht hoch! Er streckte den Kopf vor und überschaute blinzelnd das Land. Er überblickte ganz Buffalo . . . eine Stadt mit drei großen Ruinennarben; dahinter Hügel und Flachland. Ob er wohl eine halbe Meile hoch war? Oder noch mehr? Bei ein paar Häusern in der Nähe eines Bahnhofs zwischen Buffalo und Niagara sah er ein paar Menschen. Dann bald noch mehr. Emsig wie Ameisen liefen sie zwischen den Häusern ab und zu. Dann sah er zwei Motorwagen auf der Straße nach Niagara zu fahren. Gleich darauf erblickte er, fern im Süden, ein großes asiatisches Luftschiff, das ostwärts segelte. »Großer Gott!« sagte er und machte höchst ernsthafte und gänzlich wirkungslose Versuche, seine Richtung zu ändern. Aber das Luftschiff nahm keinerlei Notiz von ihm; und weiter und weiter stieg er . . . . Immer ausgedehnter und landkartenhafter wurde die Welt. Klick-klack . . . klitter-klack . . . . Über ihm . . . schon ganz nah . . . war eine dunstige Wolkenschicht . . . .

Er beschloß, den Flügelhaken freizumachen. Tat es auch . . . . Eine Weile widerstand der Hebel; dann drehte er sich, und sofort ging der Schweif der Maschine in die Höhe und die Flügel wurden breit und steif . . . . Im selben Augenblick war alles still, lautlos . . . . Mit einer großen Geschwindigkeit glitt er durch die Luft abwärts, gegen den Wind, die Augen dreiviertels geschlossen . . . . Ein kleiner Hebel, der sich bis dahin sehr eigensinnig verhalten hatte, wurde jetzt plötzlich beweglich. Sachte drehte Bert ihn nach rechts, und – wupp! – der rechte Flügel hatte sich auf irgendeine geheimnisvolle Weise gedreht und er machte einen Bogen und glitt in einer riesigen, rechtsseitigen Spirale abwärts. Ein paar Augenblicke lang hatte er ganz das hilflose Gefühl einer nahenden Katastrophe . . . . Aber mit einiger Schwierigkeit brachte er den Hebel wieder in seine Mittellage zurück, und die Flügel standen wieder gleich . . . .

Dann drehte er ihn nach links und fühlte plötzlich, wie er rückwärts im Kreis gedreht wurde.

»Das ist zu viel!« stieß er hervor . . . .

Er entdeckte jetzt, daß er Hals über Kopf auf ein Eisenbahngeleise und ein paar Fabrikgebäude herabsauste. Es schien, als sausten sie aufwärts, um ihn zu verschlingen . . . . So rasch war er von oben herabgesunken . . . . . Einen Augenblick lang kam er sich vor wie ein Radfahrer, der hilflos auf seinem Rad bergab saust. Fast überrumpelte ihn die feste Erde . . . . »He!« schrie er. Und mit einem gewaltsamen Aufraffen seines ganzen Ichs brachte er die Maschine wieder zum Funktionieren und die Flügel zum Schlagen. Er schwebte auf und ab und stieg wieder in vibrierendem, pulsierendem Flug in die Höhe.

Es ging sehr hoch, bis er einen weiten Ausblick über das anmutige Hügelland des westlichen Staates New York hatte; dann schwenkte er wieder abwärts, dann wieder aufwärts, und dann noch einmal abwärts. Als er etwa eine Viertelmeile über einem Dorf schwebte, sah er Leute umherlaufen und davonrennen, augenscheinlich aufgeregt durch seinen habichtartigen Vorüberflug. Es kam ihm auch vor, als hätte man nach ihm geschossen.

»Aufwärts!« sagte er und wandte sich wieder zu dem Hebel. Dieser gab mit auffallender Fügsamkeit nach, und plötzlich schienen die Flügel in der Mitte auseinanderzugehen. Der Motor stand still! Hatte aufgehört zu arbeiten. Bert schnellte, mehr aus Instinkt als aus Überlegung, den Hebel wieder zurück. Was tun?

Vieles ereignete sich in wenigen Sekunden; aber auch sein Geist war rasch; er dachte sehr schnell. Aufwärts konnte er nicht mehr fliegen; er glitt durch die Luft abwärts; irgendwo mußte er aufstoßen . . . .

Er fuhr in einer Geschwindigkeit von vielleicht dreißig Meilen die Stunde abwärts, abwärts . . . .

Dort das Lärchenwäldchen sah am weichsten aus – fast wie Moos . . . . Ob er es erreichte? Er wandte seine ganze Aufmerksamkeit aufs Steuern. Rechts herum – links . . . .

Schwirr! Krach! Er glitt über die Wipfel der Bäume, bog und knickte sie zu beiden Seiten und taumelte in eine Wolke von grünen, scharfen Nadeln und schwarzen Ästen. Ein Knacken, und er fiel kopfüber vom Sattel; ein dumpfer Stoß, ein Krachen von Ästen. Ein paar Zweige trafen heftig sein Gesicht . . . .

Er befand sich zwischen einem Baumstamm und dem Sattel, ein Bein über dem Steuerhebel, und, soviel er bemerkte, nicht verletzt. Er versuchte, seine Lage zu ändern und sein Bein zu befreien, und glitt und rutschte gleich darauf durch die Äste, die unter ihm brachen und auswichen. Er versuchte, sich festzuhalten und fand, daß er in den untersten Ästen eines Baumes, dicht unter der Flugmaschine, steckte. Die Luft war voll köstlichen Harzduftes. Einen Moment lang starrte er regungslos um sich; dann kletterte er äußerst vorsichtig von Ast zu Ast abwärts nach dem weichen, mit Nadeln bedeckten Boden unten.

»Gut ist's abgelaufen!« brummte er, nach den verbogenen und umgekippten Drachenflügeln droben blickend. »Ich bin weich gefallen.« Er rieb sich das Kinn und überlegte. »Hol's der Kuckuck . . . ich hab' doch noch ziemlich Glück gehabt!« sagte er, den anmutigen, mit Sonnenflecken überstreuten Waldboden unter den Bäumen betrachtend. Plötzlich verspürte er ein tumultuarisches Leben an seiner Seite. »Herrgott!« sagte er, »du mußt ja halb erstickt sein!« Dabei wickelte er das Kätzchen aus seinem Taschentuch und seiner Tasche. Es war ganz zusammengeballt und verrenkt und außerordentlich erfreut, das Licht wieder zu erblicken. Sein kleines Züngelchen guckte zwischen den Zähnen hervor. Er setzte das Tierchen auf die Erde, und es rannte ein Dutzend Schritte weit weg, schüttelte und streckte sich, setzte sich hin und begann sich zu putzen . . . .

»Und jetzt? Was weiter?« sagte er, um sich schauend. Dann – mit einer Gebärde des Ärgers: »Verflucht noch eins! Ich hätte das Gewehr mitnehmen sollen.«

Er hatte es gegen einen Baum gelehnt, als er sich in den Sattel der Flugmaschine gesetzt hatte.


II

Eine sehr klare Vorstellung davon, auf welche Sorte von Menschen er in diesem Land stoßen würde, hatte er nicht. Es war, wie er wußte, Amerika. Amerikaner, so hatte er immer geglaubt, waren die Bürger einer großen und mächtigen Nation, von trockenem, humorvollem Wesen, dem Gebrauch des Bowiemessers und Revolvers ergeben, und mit einer Gewohnheit, durch die Nase zu sprechen. Auch waren sie sehr reich, besaßen Schaukelstühle, legten die Füße auf den Tisch und kauten mit unermüdlichem Eifer Tabak, Gummi und andere Gegenstände. Mit ihnen vermengt waren Cowboys, Indianer und komische, respektvolle Nigger. Dies wußte er von den Dichterwerken seiner Volksbibliothek her. Außerdem wußte er sehr wenig. Er war darum keineswegs überrascht, als ihm bewaffnete Männer begegneten.

Er beschloß, die zertrümmerte Flugmaschine zu verlassen. Eine Zeitlang wanderte er durch die Bäume hin und schlug dann einen Weg ein, der seinen stadtgewohnten Augen zwar außergewöhnlich breit, aber nicht eigentlich »angelegt« zu sein schien. Weder Hecke noch Graben, noch deutlicher, erhöhter Fußpfad trennte ihn vom Wald, und er lief in langen, ungezwungenen Windungen dahin, wie sie die Wege des offenen Kontinents zeigen. Vor sich erblickte Bert einen Mann, der ein Gewehr unter dem Arm trug, einen Mann in einem weichen, schwarzen Hut, einer blauen Bluse und einem blauen Hemd und schwarzen Hosen, und mit einem breiten, runden und äußerst harmlos aussehenden Gesicht. Diese Persönlichkeit guckte ihn von der Seite an und war augenscheinlich verdutzt, als Bert ihn anredete.

»Können Sie mir sagen, wo ich eigentlich bin?« fragte Bert.

Der Mann schaute ihn und vor allem seine Gummistiefel voll finstern Argwohns an. Dann erwiderte er . . . in einer seltsamen, fremden Sprache. (Es war Tschechisch.) Als er Berts verständnisloses Gesicht bemerkte, brach er plötzlich ab mit einem: »Don't speak English.«

»Oh!« sagte Bert. Er betrachtete ihn eine Weile ernsthaft und ging dann seiner Wege.

»Danke!« sagte er noch hinterdrein. Der Mann beschaute sich einen Augenblick seinen Rücken, wobei ihm augenscheinlich eine Idee kam. Er raffte sich zu einer Gebärde auf, als wollte er Bert etwas nachrufen, seufzte, gab seine Absicht auf und ging mit bedrückter Miene ebenfalls weiter.

Bald darauf gelangte Bert zu einem großen Blockhaus, das da wie zufällig zwischen den Bäumen stand. Es erschien wie eine öde, kahle Kiste . . . kein Schlinggewächs wuchs daran, keine Hecke, kein Zaun, keine Mauer trennten es vom Wald ringsumher. Einige dreißig Schritte vor der Staffel, die zur Haustür führte, blieb er stehen. Das Haus schien ganz verlassen. Er wollte eben zur Tür emporsteigen und klopfen, als plötzlich auf einer Seite ein großer schwarzer Hund erschien und ihn anfunkelte. Es war ein riesiges Tier unbekannter Rasse, mit einem kolossalen Gebiß, das ein mit Stacheln besetztes Halsband trug. Er bellte nicht, kam auch nicht näher, sondern sträubte nur schweigend das Fell und gab einen einzigen Laut von sich, etwa wie ein kurzes, tiefes Husten.

Bert zögerte und ging dann weiter.

Dreißig Schritte weiter blieb er stehen und spähte zwischen den Bäumen durch. »Da hab' ich doch richtig das Kätzchen zurückgelassen!« sagte er.

Eine ganze Weile peinigte ihn die lebhafteste Sorge. Der schwarze Hund kam zwischen den Bäumen durch auf ihn zu, um ihn sich genauer zu betrachten und hustete wieder seinen höflichen Husten. Bert ging nach der Straße zurück.

»Sie wird sich schon durchbringen!« sagte er . . . . »Wird allerhand fangen . . . .«

»Sie wird sich schon durchbringen!« sagte er gleich darauf noch ein zweitesmal . . . ohne Überzeugung. Wäre nicht der schwarze Hund gewesen . . . er wäre wieder umgekehrt.

Als er außer Sicht des Hauses und des schwarzen Hundes war, ging er in den Wald an der andern Seite des Wegs und erschien bald darauf wieder mit einer ganz anständigen Gerte, die er mit seinem Taschenmesser zurechtstutzte. Gleich darauf erblickte er am Wegrain auch einen recht einladend aussehenden Stein und steckte ihn in die Tasche. Er wanderte weiter und gelangte zu drei oder vier Häusern, alle aus Holz, wie das vorherige, alle mit schlecht angestrichenen weißen Veranden, wie das erste, und alle ebenso scheinbar zufällig mitten im Wald stehend. Dahinter, zwischen den Bäumen durch, erblickte er Schweineställe und eine schnüffelnde schwarze Sau, die eine höchst lebendige und unternehmungslustige Familie spazieren führte. Ein wild aussehendes Weib mit schlohschwarzen Augen und wirrem schwarzem Haar hockte auf der Treppe des einen Hauses und säugte ein Kind; aber als sie Bert erblickte, stand sie auf und ging hinein; und Bert hörte sie die Tür verrammeln. Dann ward zwischen den Schweineställen ein Junge sichtbar, der aber Berts Zurufe augenscheinlich nicht verstand.

»So wird es eben in Amerika sein!« dachte Bert.

Immer häufiger tauchten Häuser zu beiden Seiten des Wegs auf; er kam an zwei außerordentlich wild und schmutzig aussehenden Männern vorbei, ohne sie anzureden. Der eine hatte ein Gewehr mit sich, der andere eine Axt, und beide betrachteten ihn und seine Gerte sehr eingehend und verachtungsvoll. Hierauf schlug er einen Seitenweg ein, neben dem ein Einschienengeleise herlief; an der Kreuzung war eine Tafel aufgerichtet, auf der stand: »Haltestelle«.

»Na ja, schon recht!« sagte Bert. »Möcht' wissen, wie lang man da warten könnt?« Er dachte sich immerhin, daß der Verkehr bei dem gegenwärtigen verheerten Zustand des Landes unterbrochen sein möchte; und da es ihm schien, als wären rechts doch mehr Häuser als links, wandte er sich nach rechts.

Er kam an einem alten Neger vorüber.

»Hallo!« sagte Bert. »Guten Morgen!«

»Guten Tag, Herr!« sagte der Alte in einer fast unglaublich gutturalen Stimme.

»Wie heißt der Ort hier?« fragte Bert.

»Tanvoda, Herr!« sagte der Neger.

»Dank schön!« sagte Bert.

»Meinerseits, Herr!« sagte eifrig der Neger.

Jetzt gelangte Bert zu Häusern desselben zufälligen, ungebundenen hölzernen Stils wie die vorigen, nur daß sie da und dort mit Reklameschildern . . . teils Englisch, teils Esperanto . . . verziert waren. Schließlich kam er zu einem Haus, das ein Laden zu sein schien. Es war überhaupt das erste Haus, an dem gastlich eine Tür offen stand. Von drinnen kam ein seltsam vertrautes Geräusch. »Wetter!« sagte er, seine Taschen durchwühlend. »Herrgott, ja! Wochenlang hab' ich kein Geld gebraucht! Ob sie wohl . . . Grubb hatte fast alles bei sich. Ah!« Er zog eine Handvoll Geldstücke heraus und betrachtete sie: Drei Pence . . . sechs Pence . . . und ein Schilling. »Das tut's!« sagte er, eine naheliegende Erwägung gänzlich übersehend.

Er näherte sich der Tür. Ein derb gebauter, bleicher Mann in Hemdärmeln erschien auf der Schwelle und beguckte sich ihn und seine Gerte sehr genau.

»Guten Morgen!« sagte Bert. »Kann ich hier in diesem Laden was zu Essen und Trinken haben?«

Der Mann unter der Tür erwiderte – Gott sei Dank in gutem, reinem Amerikanisch: »Das ist kein Laden. Es ist ein Magazin.«

»Oh!« sagte Bert. »Schön! Und kann ich was zu Essen haben?«

»Das können Sie!« sagte der Amerikaner in einem Ton vertraulichen Einverständnisses und ging voran ins Haus.

Der »Laden« kam Bert . . . nach seinem Bun Hiller Maßstab . . . . außerordentlich geräumig, hellerleuchtet und leer vor. Links von ihm war ein langer Schenktisch mit allerhand Schiebladen und Fächern dahinter; zur Rechten eine Anzahl von Stühlen, einige Tische und zwei Spucknäpfe. Er erblickte allerhand Fässer, Käse und Schinken, und dahinter einen breiten Gang, der zu weiteren Räumlichkeiten führte. Um einen der Tische war eine Gruppe von Männern versammelt, zwischen ihnen eine Frau von etwa fünfunddreißig Jahren, die die Ellbogen auf den Schenktisch gestemmt hatte. Die Männer waren sämtlich mit Gewehren bewaffnet, und über den Schenktisch weg guckte der Lauf einer Kanone. Alle lauschten sie müßig und gleichgültig den Tönen eines wohlfeilen Grammophons, das auf einem Tisch daneben stand. Aus seiner Metallkehle kamen Töne, die über Bert einen Schauer von Heimweh jagten . . . die in seiner Erinnerung einen sonnbeglänzten Strand, eine Gruppe von Kindern, rotangestrichene Räder, Grubb, einen sich nähernden Ballon wachriefen:


»Tingelingeling, tingelingelang . ..
Was kost't die Haarnidel-nudel-nidel-nadel? . . .«


Ein Mann mit einem Stiernacken und einem Strohhut, der irgend etwas kaute, brachte die Maschine durch eine Bewegung zum Schweigen. Und aller Augen richteten sich auf Bert.

Und aller Augen waren müde Augen, übernächtige Augen . . .

»Können wir dem Herrn hier was zu Essen anbieten, Mutter?« fragte der Besitzer.

»Alles kann er haben, was er will,« erwiderte die Frau am Schenktisch, ohne sich zu rühren. »Von einem Zwieback an bis zu einem richtigen Mittagessen!« Und sie kämpfte mit einem Gähnen, wie ein Mensch, der die ganze Nacht aufgewesen ist.

»Ich möchte ein Mittagessen,« sagte Bert. »Aber ich hab' nicht viel Geld. Mehr als einen Schilling kann ich nicht geben.«

»Mehr als was?« fragte scharf der Wirt.

»Mehr als einen Schilling,« sagte Bert, dem plötzlich die unangenehme Wirklichkeit klar wurde.

»Er meint einen Vierteldollar,« sagte ein weise aussehender, schmächtiger junger Mensch in Reitgamaschen.

Bert, der seine Bestürzung zu verheimlichen versuchte, zog ein Geldstück aus der Tasche.

»Das ist ein Schilling!« sagte er.

»Er nennt ein Magazin einen ›Laden‹,« sagte der Wirt, »und wünscht ein Essen für einen Schilling! Darf ich fragen, Herr, aus welchem Teil von Amerika Sie stammen?«

Bert steckte seinen Schilling wieder in die Tasche, während er erwiderte:

»Aus Niagara!«

»Und wann haben Sie Niagara verlassen?«

»Ungefähr vor einer Stunde.«

»Na!« sagte der Wirt, und wandte sich mit einem rätselhaften Lächeln zu den übrigen. »Na!«

Sie fragten alle miteinander die verschiedensten Fragen.

Bert wählte sich zwei oder drei aus, an die er seine Antwort richtete.

»Sehen Sie,« sagte er, »ich war mit der deutschen Luftflotte. Sie haben mich durch einen Zufall erwischt und mit hierhergebracht.«

»Aus England?«

»Ja, aus England. Über Deutschland. Ich war in einer großen Schlacht mit ihnen, und sie haben mich auf einer kleinen Insel zwischen den Wasserfällen zurückgelassen.«

»Der Ziegeninsel?«

»Ich weiß nicht, wie sie heißt. Aber jedenfalls hab' ich dort eine Flugmaschine gefunden und bin irgendwie darauf geflogen und hierhergekommen.«

Zwei Männer erhoben sich; ihre Augen waren ungläubig auf ihn gerichtet.

»Wo ist die Flugmaschine?« fragten sie. »Draußen?«

»Da hinten im Wald ist sie . . . ungefähr eine halbe Meile von hier.«

»Taugt sie was?« fragte ein Mann mit breiten Lippen und einer Narbe.

»Ich bin ziemlich Hals über Kopf heruntergesaust . . .«

Alle waren jetzt aufgestanden und standen um ihn herum und schwatzten durcheinander. Sie wollten, er solle sie sofort zu der Flugmaschine führen . . . .

»Wissen Sie was,« sagte Bert, »ich will's Ihnen gern zeigen . . . bloß – ich hab' seit gestern nichts genossen . . . außer Mineralwasser . . .«

Ein ungeschlachter, militärisch aussehender Mann mit langen, dürren Beinen in Reitgamaschen und einer Feldbinde, der bisher gar nicht mitgesprochen hatte, legte sich nun in einem Ton voll herrischer Autorität ins Mittel. »Schon recht!« sagte er. »Gebt ihm zu futtern, Mr. Logan . . . auf meine Rechnung. Ich möcht' ein bißchen mehr von der Geschichte hören. Seine Maschine wollen wir uns nachher besehen. Meine Meinung ist, daß ein ganz außergewöhnlicher Zufall diesen Herrn hierhergeführt hat. Und überhaupt, glaube ich, werden wir diese Flugmaschine – wenn wir sie finden – gut gebrauchen können zur Lokalverteidigung.


III

Also fiel Bert wiederum auf die Füße, saß und aß kaltes Fleisch und gutes Brot und Senf, trank vorzügliches Bier und erzählte, mit den Auslassungen und Ungenauigkeiten, die für seinen Geistescharakter typisch waren, die einfache Geschichte seiner Abenteuer. Er erzählte, wie er und ein »befreundeter Herr« zur Erholung an die See gegangen wären, wie »einer« in einem Ballon daherkam, und daraus herausfiel, während er hineinfiel, wie er nach Franken hinübergetrieben ward, wie die Deutschen ihn augenscheinlich für jemand anderes gehalten, ihn gefangen genommen und nach New York mitgeführt hatten, wie er in Labrador gewesen und wieder von dort zurückgekommen war, wie er nach der Ziegeninsel gelangt war und sich dort ganz allein befunden hatte. Die Geschichte mit dem Prinzen und Butteridge überging er, nicht aus besonders raffinierter Hinterhältigkeit, sondern weil er sich der Mangelhaftigkeit seiner erzählerischen Talente bewußt war. Er wollte, alles sollte möglichst verständlich, natürlich und korrekt erscheinen, er wünschte sich selbst als einen vertrauenerweckenden, leicht zu verstehenden Engländer des nüchternen Mittelstands darzustellen, dem man ohne Rückhalt und vertrauensvoll jederlei Hilfe und Unterstützung angedeihen lassen konnte.

Als er in seinem fragmentarischen Bericht bei New York und der Schlacht von Niagara angelangt war, brachten die andern plötzlich Zeitungen daher, die bisher auf dem Tisch gelegen hatten, und fragten ihn und unterbrachen ihn aufs lebhafteste. Er merkte, seine Landung hatte ein Thema neu belebt und angeschürt, das längst unter der Asche weitergeglüht hatte und nur durch eine Erschöpfung des Stoffs und die zeitweilige Ablenkung durch das Grammophon zurückgedämmt worden war . . . . eine Diskussion, eine Streitfrage, die diese Männer, mit dem Gewehr in der Hand, hier versammelt hatte, ein Gegenstand von weltgeschichtlichem Interesse: der Krieg und die verschiedenen Arten, wie der Krieg geführt wurde. Er fühlte, seine Persönlichkeit und seine persönlichen Erlebnisse traten vollständig in den Hintergrund, man nahm ihn, wie er eben war . . . einfach als eine Nachrichtenquelle. Die Alltagsangelegenheiten des Lebens, das Kaufen und Verkaufen der täglichen Gebrauchsgegenstände, die Bebauung des Bodens, die Viehzucht gingen ganz gewohnheitsmäßig weiter, so wie die alltäglichen Lebensäußerungen weitergehen in einem Haus, dessen Herr auf Tod und Leben unter dem Messer einer Operation zittert. Das alles beherrschende Interesse aber bildeten die großen asiatischen Luftschiffe, die in unberechenbaren Manövern über den ganzen Himmel hinflogen, die rotröckigen Schwertträger, die jederzeit daherkommen konnten, um Lebensmittel oder Petroleum zu requirieren oder Nachrichten einzuziehen. Und all diese Männer hier fragten – wie der ganze Erdteil fragte: Was tun? Was anfangen? Wie können wir ihnen auf den Leib rücken? Und Bert stellte sich ganz von selbst an seinen Platz . . . ein Atom, das sogar in seinen eigenen Gedanken aufhörte, etwas Hauptsächliches und Unabhängiges zu sein . . . .

Nachdem er sich satt gegessen und getrunken, geseufzt und sich gestreckt und ihnen mitgeteilt hatte, wie famos ihm das Essen geschmeckt, steckte er sich eine Zigarette an, die sie ihm gaben, und führte sie, etwas zweifelnd und unsicher, zu der Flugmaschine in den Lärchen. Dabei zeigte es sich, daß der hagere, junge Mann, dessen Name Laurier war, sowohl durch seine Stellung als auch dank seiner natürlichen Befähigung den Anführer spielte. Er kannte die Namen und Charaktere und Talente sämtlicher Männer, die ihn begleiteten, und schickte sie sofort mit großer Energie und Entschlossenheit an die Arbeit, dies kostbare Kriegsinstrument zu sichern. Sie holten die Maschine vorsichtig und bedächtig herunter, zu welchem Zweck sie ein paar Bäume fällten, und bauten aus Rinde und Baumzweigen ein breites, flaches Dach, um ihren kostbaren Fund vor zufälliger Entdeckung seitens irgendwelcher vorüberstreifender Asiaten zu schützen. Noch ehe der Abend einbrach, hatten sie einen Mechaniker aus der nächsten Stadt herbeigeschafft, und würfelten, wer von den siebzehn auserwählten Männern, die einen Flugversuch machen wollten, der erste sein sollte. Und Bert fand sein Kätzchen und trug es zurück zu Logans Magazin und übergab es mit eindringlicher Empfehlung Mrs. Logan. Er merkte auch bald mit freudiger Zuversicht, daß sowohl er als das Kätzchen in Mrs. Logan eine mitfühlende Seele gefunden hatten.

Laurier war nicht nur eine mächtige und gewichtige Persönlichkeit und ein reicher Grund- und Fabrikbesitzer, er war auch, wie Bert mit ehrfürchtigem Staunen vernahm, Vorsitzender des Boxerklubs von Tanvoda. Er war populär und äußerst erfahren in den Künsten der Popularität. Am Abend versammelte sich ein ganzer Haufe Männer in Logans Magazin, die von der Flugmaschine sprachen und von dem Krieg, der die ganze Welt in Fetzen riß . . . . Bald kam auch ein Mann auf einem Rad mit einer schlampig gedruckten, nur aus einem Blatt bestehenden Zeitung, die wie Öl auf das flammende Redefeuer wirkte. Es waren fast nur amerikanische Neuigkeiten. Die einstigen Kabel waren schon seit ein paar Jahren fast ganz außer Gebrauch; und die Marconi-Stationen über den Ozean und längs der atlantischen Küste schienen ganz besonders verlockende Punkte für feindliche Angriffe geboten zu haben.

Aber was für Neuigkeiten!

Bert saß im Hintergrund – man hatte inzwischen seinen persönlichen Wert ziemlich richtig abgeschätzt . . . und hörte zu. Und während die andern redeten, zogen an seinem schwankenden Geist seltsame, ungeheuerliche Vorstellungen vorüber . . . Vorstellungen von einer hereingebrochenen Krise ganzer Nationen, die sich in wildem Tumult vorwärts wälzten, von vernichteten Weltteilen, von Hungersnot und unermeßlicher Verwüstung! . . . Dann und wann huschten, trotz seiner Anstrengungen, sie zu unterdrücken, bestimmte persönliche Eindrücke durch das wogende Chaos seiner Gedanken . . . die grauenhaften Überreste des zerschmetterten Prinzen, der chinesische Aeronaut, der mit dem Kopf nach unten dahing, der hinkende, verbundene Vogelgesichtige, der auf seiner jammervollen, hoffnungslosen Flucht davonstolperte . . . Sie sprachen von Brand und Mord, von Grausamkeiten und Scheußlichkeiten, von Dingen, die rassetolle Menschen an Asiaten verübt hatten, vom völligen Einäschern und Vernichten von Städten, Eisenbahnstationen, Brücken . . . von ganzen Bevölkerungen, die ausgewandert waren und sich versteckt hielten . . . »Und alle ihre Schiffe sind im Pazifik,« hörte Bert einen Mann ausrufen. »Seit die ganze Geschichte angefangen hat, haben sie doch sicher nicht weniger als eine Million Menschen an der Pazifikküste gelandet. Sie wollen sich einnisten hier . . . in den Staaten . . . und sie bringen's zuwege . . . lebendig oder tot!«

Langsam, ungeheuerlich und unbesiegbar enthüllte sich vor Berts Geist die Wirklichkeit der unermeßlichen Tragödie der Menschheit, in der sein eigenes Leben dahinflutete; der erschreckende, eine Welt umfassende Charakter der Epoche, die angebrochen, das Bewußtsein, daß es nun mit Sicherheit, Ordnung und Gewohnheit zu Ende war . . . . Die ganze Welt lag im Krieg gegeneinander und konnte nicht mehr zum Frieden zurückfinden, würde vielleicht überhaupt nie wieder zum Frieden kommen .

Er hatte gedacht, die Dinge, die er gesehen hatte, seien etwas Ausnahmsweises, Abschließendes, die Belagerung von New York und die Schlacht auf dem Atlantik seien vereinzelte, epochemachende Ereignisse zwischen langen Jahren der Sicherheit gewesen. Und dabei waren sie nur die ersten Anzeichen einer Weltensintflut. Mit jedem Tag wuchsen Vernichtung, Haß und Verderben, die Kluft zwischen Mensch und Mensch erweiterte sich immer mehr, immer neue Regionen des Zivilisationsgebäudes zerbröckelten und stürzten ein. Unten mehrten sich die Armeen und die Menschen gingen zugrunde; oben kämpften und flohen die Luftschiffe und Aeroplane und säten Vernichtung aus.

Vielleicht kann der großdenkende und weitblickende Leser nur schwer begreifen, wie unglaublich der Zusammenbruch der wissenschaftlichen Zivilisation jenen Menschen erscheinen mußte, die wirklich in der damaligen Zeit lebten, die in eigener Person in jener großen Vernichtung untergingen. Der Fortschritt war scheinbar ganz unbesiegbar über die Erde gezogen, als könne er nie mehr stillstehen. Dreihundert Jahre und noch länger hatte sich in immer stärkerem Maß eine unter dem Zeichen Europas stehende Zivilisation ausgedehnt: die Städte hatten sich gemehrt, die Bevölkerungen hatten zugenommen, die Werte waren gestiegen, neue Länder hatten sich entwickelt; Gedanke, Literatur, Wissenschaft hatten sich uferlos verbreitet. Es schien nur eben ein Teil dieses Fortschritts, daß auch jedes Jahr die Kriegsinstrumente sich mehrten und mächtiger wurden, und daß Armeen und Geschosse alles andere an Wachstum überflügelten . . . .

Dreihundert Jahre der Ausdehnung. Und dann ein rasches und unerwartetes Zusammenziehen, als ob eine Faust sich schlösse. Sie konnten gar nicht begreifen, daß es ein Zusammenziehen war. Sie hielten es für nichts, als einen kleinen Stoß, einen Ruck, ein kleines Hindernis, das die Schnelligkeit der Schwingungen nur um so deutlicher hervorhob. Ein Zusammenbruch, obgleich er rings um sie her stattfand, schien ihnen einfach unglaublich. Dann riß irgendeine stürzende Masse sie zu Boden und die Erde tat sich unter ihnen auf. Und voller Unglauben starben sie . . . .

Die Männer in dem Magazin bildeten eine winzige, vereinzelte Gruppe unter diesem ganzen riesigen Himmelsraum voll Vernichtung. Von einer zur andern Einzelheit wandte sich ihre Aufmerksamkeit. Hauptsächlich beschäftigte sie die Verteidigung gegen etwaige asiatische Soldaten, die umherstreiften, um Petroleum zu fassen oder Waffen und Verkehrsmittel zu zerstören. Überall wurden damals Verschanzungen aufgeworfen, um Tag und Nacht die Eisenbahnen zu verteidigen, in der Hoffnung, daß der Verkehr bald wieder hergestellt sein würde. Der Landkrieg war noch in weiter Ferne. Ein Mann mit einer heiseren Stimme spielte sich als Alleswisser und kluger Kenner auf. Er legte allen mit großer Sicherheit genau die einzelnen Mängel der deutschen Drachenflieger und der asiatischen Aeroplane dar, und welche einzelnen Vorzüge die japanischen Flieger besäßen. Er erging sich in einer romantischen Beschreibung der Butteridgemaschine und fesselte dadurch Berts Aufmerksamkeit. »Die hab' ich gesehen!« sagte Bert, und ein plötzlicher Gedanke ließ ihn verstummen. Der Mann mit der heiseren Stimme redete weiter, ohne ihn zu beachten; er erzählte von der seltsamen Ironie von Butteridge's Tod. Bert hörte ihm fast mit einem Gefühl der Erleichterung zu. Also würde er Butteridge nicht mehr begegnen! Wie es schien, war dieser plötzlich, ganz plötzlich gestorben.

»Und sein Geheimnis, Herr, hat er mit sich ins Grab genommen! Als man kam und nach den einzelnen Teilen sehen wollte, waren sie nicht aufzufinden. Er hatte sie zu gut versteckt.«

»Aber hat er's nicht sagen können?« fragte der Mann im Strohhut. »Ist er so ganz plötzlich gestorben?«

»Schlaganfall, Herr. Wie vom Blitz getroffen, Herr. Wut und ein Schlaganfall. An einem Ort in England . . . Dymchurch heißt er.«

»Stimmt!« sagte Laurier. »Ich weiß, es war eine ganze Spalte darüber im Sonntagsblatt des ›Amerikaner‹. Sie sagten damals, ein deutscher Spion hätte ihm seinen Ballon gestohlen.«

»Jedenfalls, Herr,« sagte der Mann mit der heiseren Stimme, »war jener Schlaganfall in Dymchurch das Allerschlimmste . . . ab–so–lut das Allerschlimmste, das die Welt überhaupt treffen konnte! Denn wäre Mr. Butteridge nicht gestorben . . .«

»Und niemand kennt sein Geheimnis?«

»Keine Menschenseele. Futsch! Es scheint, daß sein Ballon mit sämtlichen Plänen auf dem Meer untergegangen ist. Versunken . . . und sie mit ihm.«

Pause.

»Mit Maschinen, wie er sie gemacht hat, könnten wir die asiatischen Flieger mit mehr als gleichen Kräften bekämpfen. Wir könnten diese roten Schmetterlinge überholen und in den Grund bohren, wo sie auch wären. Aber die Geschichte ist futsch . . . futsch . . . Und wir haben keine Zeit jetzt, sie wieder zu erfinden. Wir müssen kämpfen mit dem, was wir haben . . . und die Chancen sind gegen uns. Das wird uns ja nicht am Kämpfen hindern. Gewiß nicht! Aber wenn man daran denkt . . . .«

Bert zitterte am ganzen Leib. Er räusperte sich heiser.

»Ich . . .« sagte er, »hören Sie mal, ich . . .«

Niemand wandte den Blick nach ihm. Der Mann mit der heiseren Stimme schnitt eine neue Seite des Themas an.

»Ich gebe zu . . .« begann er. Jetzt ward Bert außerordentlich aufgeregt. Er stand auf. Seine Hände machten seltsam krallende Bewegungen.

»Hören Sie doch!« rief er, »Mr. Laurier! Sehen Sie her . . . ich möchte . . . wegen der Butteridgemaschine . . .«

Mr. Laurier, der auf einem Tisch daneben saß, unterbrach mit einer gebieterischen Handbewegung den Vortrag des Heiseren.

»Was sagt er?« fragte er.

Jetzt endlich bemerkte die ganze Gesellschaft, daß mit Bert irgend etwas vorging. Entweder war er am Ersticken oder am Verrücktwerden! Er sprudelte heraus: »Sehen Sie doch her! Hören Sie doch! Warten Sie einen Augenblick!« und knöpfte, zitternd vor Eifer, seinen Rock auf.

Er riß seinen Kragen ab und öffnete Weste und Hemd. Dann tauchte er in sein Inneres, und es schien einen Augenblick, als zerre er seine Leber heraus. Aber während er noch mit seinen Achselknöpfen kämpfte, sahen sie, daß dies flachgequetschte Greuel in Wirklichkeit ein entsetzlich schmutziger Flanellbrustwärmer war. Im nächsten Augenblick stand Bert, in einem Zustand ungewöhnlicher Dekolletiertheit, über den Tisch gebeugt und entfaltete einen Haufen Papiere.

»Da!« stieß er hervor . . . »Da! Das sind die Pläne! Sie wissen . . Mr. Butteridge . . . seine Maschine! Der gestorben ist! Ich war der, der in dem Ballon davonflog!«

Ein paar Augenblicke lang war alles still. Sie starrten von den Papieren auf Berts weißes Gesicht und glühende Augen und wieder auf die Papiere auf dem Tisch. Niemand regte sich. Dann sprach der Mann mit der heiseren Stimme.

»Ironie!« sagte er; eine gewisse Befriedigung klang durch seine Stimme. »Die reine Ironie! Jetzt, wo's zu spät ist, als daß man noch dran denken könnte, sie herzustellen!«


IV

Ohne Zweifel hatten alle mit großer Gier Berts Geschichte noch einmal angehört; aber jetzt zeigte sich Laurier als das, was er war. »Nein, meine Herren!« sagte er und glitt von seinem Tisch herunter.

Er raffte die zerstreuten Butteridgepläne mit einer geschickten Armbewegung an sich, indem er sie sogar vor den erklärenden Fingerspuren des Heiseren rettete, und gab sie Bert zurück. »Stecken Sie sie wieder ein,« sagte er, »an ihren früheren Platz. Wir haben eine Reise vor uns.«

Bert nahm die Papiere.

»Was!« sagte der Mann in dem Strohhut.

»Nun ja . . . wir suchen den Präsidenten der Staaten auf und übergeben ihm diese Pläne. Ich will nicht glauben, daß wir zu spät kommen.«

»Wo ist der Präsident?« fragte Bert in der Pause, die hierauf folgte, ergebungsvoll.

»Logan!« sagte Laurier, diese matte Frage überhörend, »da müssen Sie uns helfen!«

Es schien, als wären nur wenige Minuten verflossen . . . und schon inspizierten Bert und Laurier und der Besitzer des Magazins eine Anzahl von Fahrrädern, die in dem hintern Raum des Magazins untergebracht waren. Bert fand an keinem sonderlichen Gefallen. Sie hatten Holzfelgen, und seine Erfahrungen mit Holzfelgen in einem englischen Klima hatten ihm einen tiefen Haß dagegen eingeflößt. Doch schlug Laurier sowohl diesen als noch einen oder zwei sonstige Einwände gegen einen sofortigen Aufbruch siegreich nieder. »Aber wo ist der Präsident?« wiederholte Bert, während sie hinter Logan standen, der einen schlaffen Reifen aufpumpte.

Laurier sah ihn von oben herab an. »Sie sagen, er sei in der Nachbarschaft von Albany . . . in der Gegend der Berkshire Hügel. Er geht von einem Ort zum andern, um, soweit er das kann, eine Verteidigung des Telegraphs und Telephons zu organisieren. Die asiatische Luftflotte hat versucht, ihn zu verfolgen. Wenn sie glauben, sie hätten den Sitz der Regierung ausfindig gemacht, schleudern sie Bomben. Das ist natürlich unbequem für ihn; aber bisher sind sie ihm noch keine Meile näher gekommen. Die ganze asiatische Luftflotte ist in diesem Augenblick über die östlichen Staaten zerstreut, wo sie Gaswerke und alles, was etwa einem Bau von Luftschiffen oder Truppentransport dienlich und günstig sein könnte, zerstört hat. Unsere Gegenmaßregeln sind äußerst gering. Aber mit diesen Maschinen . . . Herr! Unsere Reise wird zu den historischen Reisen der Welt zählen!«

Er war nah daran, pathetisch zu werden.

»Heut nacht erreichen wir ihn nicht mehr?« fragte Bert.

»Nein!« sagte Laurier. »Ein paar Tage lang müssen wir jedenfalls schon fahren.«

»Und einen Zug oder sonst irgendwas gibt es wohl nicht?«

»Nein! Schon seit drei Tagen ist in Tanvoda jeder Verkehr unterbrochen. Es hat keinen Sinn, zu warten. Wir müssen eben sehen, daß wir so gut als möglich weiterkommen.«

»Und gleich wegfahren?«

»Gleich wegfahren.«

»Aber wie . . . Heut nacht werden wir doch nicht mehr viel ausrichten.«

»Wir können doch ebensogut losfahren, bis wir müde sind, und dann schlafen. Das ist glatter Gewinn! Unser Weg führt nach Osten . . . .«

»Natürlich . . .« begann Bert, dem Erinnerungen an das Morgendämmern auf der Ziegeninsel aufstiegen. Aber er beendete seinen Satz nicht.

Er beschäftigte sich damit, seinen Brustwärmer besser zu verpacken. Denn mehrere der Pläne hingen ihm zur Weste heraus.


V

Eine ganze Woche lang war Berts Leben voll höchst gemischter Empfindungen, unter denen Müdigkeit der Beine entschieden vorherrschte. Fast immer radelte er, radelte . . . vor sich Lauriers unerbittlichen Rücken, radelte durch ein Land, das etwa aussah wie England, nur größer, mit ausgedehnteren Feldern und breiteren Tälern, mit weniger Hecken und lauter Holzhäusern. Er radelte. Laurier fragte sich durch, Laurier entschied über die Wege, die sie einschlugen, Laurier war unschlüssig . . . aber immer der Ausschlaggebende. Einmal schien es, als wären sie in telephonischer Verbindung mit dem Präsidenten. Dann wieder kam irgend etwas dazwischen und sie verloren seine Spur wieder. Aber immer ging es weiter . . . und immerzu radelte Bert. Ein Reifen war schlaff, aber er radelte weiter. Er verspürte Reitweh. Laurier erklärte, das sei höchst gleichgültig. Asiatische Flugschiffe flogen über ihnen weg; die zwei Radler suchten Deckung, bis die Luft wieder rein war. Einmal kam eine rote asiatische Flugmaschine hinter ihnen drein, so dicht, daß sie schon den Kopf des Aeronauten sahen. Eine Meile weit verfolgte er sie. Sie gelangten zu Schauplätzen der Panik . . . sie gelangten zu Schauplätzen der Vernichtung . . . da kämpften die Menschen um ein bißchen Brot . . . dort war der Gang des täglichen Lebens kaum unterbrochen . . . . Einen Tag verbrachten sie in dem verwüsteten und verödeten Albanien. Die Asiaten waren dagewesen und hatten die große Eisenbahnkreuzung eingeäschert. Und sie radelten ostwärts weiter. An Hunderten von im Flug beobachteten Dingen sausten sie vorüber; und immerzu strebte Bert hinter dem unermüdlichen Rücken Lauriers drein . . . .

Vieles erregte Berts Aufmerksamkeit und Verwunderung . . . aber er fuhr vorüber . . . und die unbeantworteten Fragen verblaßten . . . Auf einem Hügel zur Rechten sah er ein großes Gebäude, das in Flammen stand. Und niemand, der sich darum kümmerte . . .

Dann gelangten sie zu einer Eisenbahnbrücke, und gleich darauf auch zu einem Einschienenbahnzug, der auf seinem Geleise feststand. Es war ein Luxuszug . . . der amerikanische Kontinentalexpreßzug . . . . Die Passagiere spielten entweder Karten oder waren mit den Vorbereitungen zu einem Picknick auf der benachbarten grünen Wiese beschäftigt. Seit sechs Tagen saßen sie da fest.

Dann weiter . . irgendwo . . . . hingen sechs Männer, mit dunklen Gesichtern, in einer Reihe, an Bäumen, die den Weg begrenzten. Warum wohl? fragte sich Bert . . .

In einem friedlich aussehenden Dorf, in dem sie haltmachten, um Berts Reifen reparieren zu lassen und sich an Bier und Zwieback zu erlaben, redete ein ungemein schmieriger, kleiner, barfüßiger Junge sie an, der sich folgendermaßen äußerte:

»Einen Chin haben sie gehangen . . . da . . . im Wald . . . .«

»Einen Chinesen gehängt?« fragte Laurier.

»Jawohl! Sie haben ihn erwischt, wie er die Geleise kaputt machen wollte . . . .«

»Oh!«

»Ja – mit Patronen und Pulver! Und dann haben sie ihn gehangen und ihm die Beine gestreckt. Mit allen Chins, die sie finden, machen sie's so. Besinnen sich gar nicht lang! Mit allen Chins, die sie erwischen . . . .«

Weder Bert noch Laurier erwiderten hierauf etwas. Und gleich darnach wurde auch seine Aufmerksamkeit abgelenkt durch das Erscheinen zweier seiner Freunde, die am Ende der Straße auftauchten und unter unheimlichem Geheul watschelte er sofort die Straße hinunter . . . .

Am selben Nachmittag noch überfuhren sie fast einen Mann, der erschossen und schon halb verwest war und gerade vor Albany mitten auf der Straße lag. Jedenfalls hatte er schon ein paar Tage dagelegen . . . .

Hinter Albany stießen sie auf ein Automobil, an dem ein Reifen geplatzt war. Neben dem Sitz des Chauffeurs saß ein junges Weib . . . völlig teilnahmlos. Ein alter Mann lag unter der Maschine und versuchte, sie wieder in Gang zu bringen. Ganz hinten, ein Gewehr über den Knien, dem Automobil den Rücken zuwendend und in den Wald hinausstarrend, hockte ein junger Mensch . . . . Als Bert und Laurier sich näherten, kroch der alte Mann auf allen vieren unter der Maschine hervor und redete die beiden an. Das Automobil hatte plötzlich . . . in der Nacht . . . versagt. Der alte Mann behauptete, er wisse zwar nicht, was ihm eigentlich fehle; jedenfalls würde er schon dahinterkommen. Aber weder er noch sein Schwiegersohn besäßen irgendwelche technische Kenntnisse. Man hatte ihn versichert, daß es ein garantiert unfallsicheres Automobil sei. Hier aufgehalten zu werden, war gefährlich. Schon hatten ihn und seine Gesellschaft Landstreicher angepackt . . . . Man wußte, er führte eine große Summe Geldes mit sich . . . . Und er nannte einen Namen, der groß war in der Welt der Finanz. Ob Laurier und Bert anhalten und ihm helfen würden? Er bat darum . . . erst voller Hoffnung . . . dann fast heftig . . . zuletzt voller Angst, beinah unter Tränen . . . .

»Nein!« sagte der unerschütterliche Laurier. »Wir müssen weiter. Wir haben mehr zu retten als ein Weib! Wir haben Amerika zu retten!«

Das junge Mädchen regte sich nicht . . . .

Einmal kamen sie an einem Verrückten vorüber, der sang . . . .

Und schließlich fanden sie wirklich den Präsidenten . . . in einem kleinen Restaurant . . . in der Umgegend eines Orts, der Pinkerville am Hudson hieß . . . und übergaben ihm die Pläne der Butteridgemaschine.


VI

Und das ganze Zivilisationsgebäude neigte sich vornüber und stürzte zusammen, zerfiel in Trümmer und schmolz dahin in dem feurigen Ofen des Kriegs.

Die Stadien plötzlichen und allgemeinen Zusammenbruchs der finanziellen und wissenschaftlichen Zivilisation, mit denen das zwanzigste Jahrhundert begann, folgten einander unendlich rasch . . . so rasch, daß sie auf den abgekürzten Blättern der Weltgeschichte wie ein einziger großer Sturz erscheinen . . . . Im Anfang erblickt man die Welt fast auf dem höchsten Gipfel des Wohlstands und Gedeihens. Für die Menschen erschien es zugleich auch als höchster Gipfel der Sicherheit. Wer jetzt, als nachdenklicher Beobachter, zurückblickend die geistige Geschichte jener Zeit betrachtet, wer ihre noch vorhandenen Literaturfragmente, ihre Bruchstücke politischer Beredsamkeit, die paar schwachen Stimmen zu Rate zieht, die der Zufall aus Millionen auserlesen hat, zu den kommenden Geschlechtern zu sprechen . . . für den sicherlich muß ganz gewiß das Auffallendste an diesem ganzen Spinngewebe von Weisheit und Irrtum jenes falsche Gefühl der Sicherheit sein . . . . Allen, die in unserem gegenwärtigen geordneten, wissenschaftlichen, absolut sicheren Weltenzustand leben, wird nichts, aber auch nichts so schwankend, so schwindelhaft gefährlich vorkommen, als das Gebäude sozialer Ordnung, mit dem die Menschen zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts sich zufrieden gaben. Uns scheint es, als ob jegliche Einrichtung und Beziehung überhaupt lediglich die Frucht der Gelegenheit und der Tradition, ein bloßer Ausfluß des Zufalls gewesen, als ob jedes ihrer Gesetze bloß für irgendeine vereinzelte Gelegenheit, einen vereinzelten Fall gemacht worden wäre, ohne irgendwelche Rücksicht auf spätere Bedürfnisse, als ob ihre ganzen Sitten unlogisch, ihre Erziehung ziellos und planlos und verderblich gewesen wären. Ihre ganze Methode finanzieller Unternehmung wirkt auf eine geschulte und gutentwickelte Intelligenz wie das denkbar unsinnigste und gefahrvollste Blindekuhspiel. Ihr ganzes, auf einer gänzlich wesenlosen Tradition vom Wert des Goldes beruhendes Geld- und Kreditsystem erscheint wie etwas fast phantastisch Ungewisses. Dazu lebten sie in ungeschickt aufgebauten Städten, fast immer in geradezu gefährlicher Überfülle; ihre Eisenbahnen, ihre Verkehrsstraßen, ihre ganze Bevölkerung verbreitete sich in einer gedankenlosen Wirrnis über die Erde, wie eben Tausende von zusammenhangslosen Interessen sie hervorbringen mußten. Und dennoch dachten sie ganz harmlos, daß es ein völlig sicheres und andauerndes Fortschrittssystem sei, und antworteten jedem Zweifler – auf die drei Jahrhunderte zufälligen und ganz unregelmäßigen Gedeihens pochend: »Es ist ja doch immer noch gut gegangen! Wir werden's schon durchkriegen!«

Wenn wir den Zustand der Menschheit zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts mit dem in seinen früheren Geschichtsperioden vergleichen, werden wir vielleicht auch nach und nach dies blinde Vertrauen einigermaßen verstehen lernen. Es war weniger ein verstandesgemäßes Vertrauen, als einfach die unvermeidliche Folge immerwährenden Wohlergehens. Nach dem Maßstab, den sie anlegten, war auch immer alles erstaunlich gut gegangen. Es ist kaum übertrieben, wenn man sagt, daß – zum erstenmal in der Weltgeschichte – ganze Nationen andauernd mehr als genug zu essen hatten; die Statistik jener Zeit deutet auf eine Verbesserung der hygienischen Verhältnisse, die in allen früheren Jahrhunderten ihresgleichen nicht hat, und gleichzeitig auch auf einen ungeheuren Fortschritt in der Entwicklung der Intelligenz und einen Fortschritt in allen Künsten, die das Leben lebenswert machen. Das Niveau und der Charakter der durchschnittlichen Erziehung hatten sich unendlich gesteigert; es gab beim Anbruch des zwanzigsten Jahrhunderts in Westeuropa oder Amerika bloß noch wenige Menschen, die nicht lesen oder schreiben konnten. Noch nie hatte es solche Massen von Lesern gegeben. Die ausgedehnteste soziale Sicherheit herrschte. Der gewöhnlichste Mann konnte unangefochten drei Viertel der bewohnbaren Erdkugel bereisen, konnte um die ganze Welt reisen, ohne daß es ihn mehr kostete als das jährliche Einkommen eines gewandten Handwerkers. Die Verhältnisse des Römischen Reichs unter den Cäsaren waren kleinbürgerlich und beschränkt im Vergleich mit der Fülle und Bequemlichkeit des Alltagslebens jener Zeit. Und jedes Jahr, jeder Monat brachte eine neue Steigerung menschlicher Errungenschaften, ein neu erschlossenes Land, neue Minen, neue wissenschaftliche Entdeckungen, neue Maschinen!

Dreihundert Jahre lang schien tatsächlich die Bewegung der Welt der Menschheit nichts als eitel Segen zu bringen. Es gab allerdings Männer, die sagten, die moralische Organisation gehe mit dem physischen Fortschritt nicht Hand in Hand; aber nur wenige maßen solchen Äußerungen einen Sinn bei, dessen tiefste Erkenntnis die Grundlage unserer heutigen Sicherheit bildet. Schaffende und erhaltende Kräfte hielten wirklich eine Zeitlang dem boshaften Spiel des Zufalls und der natürlichen Unwissenheit, dem Vorurteil, der blinden Leidenschaft und dem verderblichen Egoismus der Menschheit die Wage.

Das zufällige Übergewicht auf seiten des Fortschritts war viel geringer und von unendlich viel verwickelterer und zerbrechlicherer Art, als die Menschen jener Zeit ahnten; aber das änderte nichts an der Tatsache, daß es ein wirksames Übergewicht war. Daß dies Zeitalter verhältnismäßigen Gedeihens das Zeitalter einer unendlich günstigen, aber vorübergehenden Gelegenheit für die menschliche Rasse war, machten sie sich nicht klar. Sie maßen sich voll Selbstzufriedenheit einen naturnotwendigen Fortschritt bei, für den sie moralisch keineswegs verantwortlich waren. Sie machten sich nicht klar, daß die Sicherheit dieses Fortschritts etwas war, das erst gewonnen werden mußte – oder auch verloren, und daß die Zeit, es zu gewinnen, schon vorüber war. Sie gingen ihren eigenen Angelegenheiten zwar energisch genug nach, aber doch mit einer merkwürdigen Lässigkeit all jenen drohenden Dingen gegenüber. Niemand machte sich Sorge wegen der wirklichen Gefahren für die Menschheit. Sie sahen ihre Heere und Flotten immer größer und unheildrohender werden; manche ihrer Kriegsschiffe kosteten zuletzt so viel, wie der ganze jährliche Aufwand für höhere Ausbildung und Erziehung betrug; sie häuften Geschosse und Zerstörungsmaschinen an; sie ließen ihre nationalen Traditionen und Eifersüchteleien immer höher anwachsen; sie sahen ohne Sorge oder Verständnis mit an, wie, je mehr die Rassen sich einander näherten, desto mehr auch die Rassenfeindschaft sich steigerte; und sie duldeten in ihrer Mitte das Vorhandensein einer übelgesinnten Presse voll schlimmer Gesinnungen, habgierig, gewissenlos, unfähig, Gutes zu tun, und mächtig, Böses anzustiften. Der Staat übte in Wahrheit keinerlei Kontrolle über die Presse aus. Vollkommen sorglos sahen sie diesen Zündfaden, der nur auf einen Funken wartete, vor der Tür ihres Kriegsmagazins liegen. Und dabei war die ganze frühere Weltgeschichte ein einziger großer Bericht vom Zusammenbruch von Zivilisationen, und die Gefahren der Gegenwart lagen vor aller Augen. Man ist heute gar nicht mehr imstande, zu glauben, daß sie sie nicht zu sehen vermochten.

Ob die Menschheit das Unheil dieses Luftkriegs hätte verhüten können? Eine müßige Frage! So müßig, wie die Frage, ob die Menschheit den langsamen Verfall und Zusammenbruch hätte verhüten können, der Assyrien und Babylon in öde Wildnis wandelte, oder das langsame Sinken und Zusammenstürzen, die stufenweise, von Phase zu Phase fortschreitende soziale Auflösung, die das Kapitel der Herrschaft des weströmischen Reiches abschloß! Sie konnte es nicht, eben weil sie das Unheil nicht aufhielt, nicht den Willen hatte, es aufzuhalten! Was die Menschheit alles vollbringen könnte, wenn sie einen andern Willen hätte, ist ein ebenso müßiges wie großartiges Problem. Und diesmal war es kein langsamer Verfall, der über die europäisierte Welt kam; jene anderen Zivilisationen verrotteten und zerbröckelten; die europäisierte Zivilisation flog sozusagen in die Luft. Innerhalb eines Zeitraums von fünf Jahren war sie vollständig zersetzt und vernichtet. Noch bis zum Vorabend des Luftkriegs nichts als ein einziges Bild des Fortschritts, weltenweite Sicherheit, ungeheure Schauplätze großartig organisierter Industrie und wohlgeordneter Bevölkerungen, Riesenstädte, die sich ins Ungeheuerliche dehnten, Meere und Ozeane mit Schiffen übersäet, das Land mit Netzen von Eisenbahnen und Verkehrsstraßen bedeckt. Und dann auf einmal, unerwartet, fegen die deutschen Luftflotten über die Szene, und wir stehen am Anfang des Endes . . . .

Wir haben in dieser Geschichte bereits von dem plötzlichen Angriff der deutschen Luftflotte auf New York und von der wilden, unausbleiblichen Orgie nicht endenwollender Vernichtung gehört, die darauf folgte. Dahinter schwoll, als England, Frankreich, Spanien und Italien sich ins Spiel mischten, schon eine zweite Luftflotte neben ihren Gasometern. Keines dieser Länder hatte sich auf einen Krieg in der Luft in so großartigem Maßstab vorbereitet, wie die Deutschen; aber jedes hatte doch seine Heimlichkeiten, jedes rüstete in irgendeiner Weise, und eine gemeinsame Furcht vor der deutschen Energie und dem gewalttätigen Geist, dessen Verkörperung der Prinz Karl Albert war, hatte diese Mächte schon längst in Voraussicht auf einen derartigen Angriff verbunden. Das ermöglichte denn auch ihre prompte Gegenoperation; und wirklich – sie zögerten keine Sekunde. Die zweite Luftmacht Europas in jener Zeit war Frankreich; die Engländer, die um ihre Herrschaft in Asien zitterten und sich der unendlichen moralischen Wirkung des Luftschiffs auf halb zivilisierte Völker bewußt waren, hatten ihre aeronautischen Parks in Nordindien errichtet und konnten darum in dem europäischen Konflikt nur eine untergeordnete Rolle spielen. Immerhin hatten sie auch in England neun oder zehn große Luftschiffe, zwanzig bis dreißig kleinere und ein Sammelsurium von Versuchsaeroplanen. Ehe noch die Flotte des Prinzen Karl Albert über England weggeflogen war, und während Bert noch Manchester aus der Vogelschau betrachtete, waren die diplomatischen Unterhandlungen im Gang, die zu einem Angriff auf Deutschland führten. Eine sehr verschiedenartige Gesellschaft von lenkbaren Ballons aller Größen und Arten sammelte sich über dem Berner Oberland, verbrannte und vernichtete die fünfundzwanzig schweizerischen Luftschiffe, die in der Alpenschlacht ganz unerwartet dieser Ansammlung die Stirn boten, und teilte sich dann, die Schweizer Täler und Gletscher voll seltsamer Trümmer zurücklassend, in zwei Flotten, die es sich zur Aufgabe machten, Berlin zu bewältigen und den fränkischen Park zu nehmen, ehe noch die zweite Luftflotte möglicherweise gefüllt werden konnte.

Sowohl über Berlin als über Franken richteten die Angreifenden mit ihren modernen Explosivgeschossen großen Schaden an, ehe sie vertrieben wurden. In Franken waren zwölf vollständig und fünf halb gefüllte und bemannte Ungeheuer imstand, dem Angriff zu begegnen, ihn mit Hilfe eines Geschwaders von Hamburger Drachenfliegern zurückzuschlagen, die Feinde zu verfolgen und Berlin zu entsetzen. Bis aufs äußerste strengten die Deutschen sich an, eine neue, übermächtige Luftflotte zuwege zu bringen; und schon griffen ihre Streifkorps London und Paris an, als von Birma und Armenien der erste Bericht von den Vorboten der asiatischen Luftflotten, die erste Meldung von einem neuen Faktor in diesem Konflikt, kamen.

Als dies geschah, wankte schon das ganze Finanzgebäude der Welt. Mit der Vernichtung der amerikanischen Flotte im Nordatlantik und dem verderblichen Zusammenstoß, der der Seemacht Deutschlands in der Nordsee ein Ende machte, mit dem Einäschern und Zertrümmern von Billionen von Pfund repräsentierendem Eigentum in den vier größten Städten der Welt zeigte sich zum erstenmal die ganze hoffnungslose Kostspieligkeit des Kriegs und fuhr wie ein Blitzschlag unter die Menschheit. Der Kredit brach zusammen in einem wilden Wirbel von Verkauf. Überall zeigte sich eine Erscheinung, die sich, in milderer Form, auch schon in früheren Zeiten der Panik gezeigt hatte: der Wunsch, Gold zu erhaschen und aufzuspeichern, ehe die Preise zur tiefsten Tiefe herabsanken. Jetzt verbreitete sich diese Gier wie ein Waldbrand über die ganze Welt. Oben die für alle sichtbaren Konflikte und die Vernichtung. Unten aber gingen Dinge vor sich, die für das unsichere Gebäude von Finanz und Handelswesen, auf das die Menschen so blindlings vertraut hatten, weit unheilvoller und tödlicher waren. Und während droben die Luftschiffe kämpften, schwand drunten der sichtbare Goldvorrat der Welt immer mehr. Eine Epidemie allgemeinen Mißtrauens kam über die ganze Welt. In wenigen Wochen schwand, mit Ausnahme von entwerteten Papieren, das Geld . . . in Gewölbe, in Löcher, in Hausmauern, in viele Millionen heimlicher Verstecke. Es verschwand . . . und Handel und Industrie hörten auf mit seinem Verschwinden . . . . Die ganze finanzielle Welt taumelte und brach zusammen. Es war wie das Wüten einer Pest . . . es war, als schwände das Wasser aus dem Blut eines lebendigen Geschöpfes. Wie ein plötzliches, allgemeines Gerinnen jeden Verkehrs . . .

Und während das Kreditsystem, das die lebendige Festung der wissenschaftlichen Zivilisation gewesen war, wankte und auf die Millionen, die es durch finanzielle Verbindungen zusammengehalten hatte, herabstürzte, während all diese Menschen, verwirrt und hilflos, dies Weltwunder, diesen gänzlich vernichteten Kredit anstarrten, ergossen sich, zahllos, erbarmungslos, die Luftschiffe Asiens über die Himmel, stürzten sich ostwärts . . . nach Amerika . . . und westwärts . . . nach Europa. Und das Blatt der Geschichte füllt sich mit einem langen Crescendo von Kampf. Die Hauptmacht der britisch-indischen Luftflotte ging auf einem Scheiterhaufen flammender Feinde in Birma unter; die Deutschen wurden in der großen Karpathenschlacht in alle Winde verstreut; die große indische Halbinsel war bald von einem Ende zum andern voll von Aufruhr und Bürgerkrieg. Und von Bobi bis Marokko wehten die Banner des »Jehad«. Ein paar Wochen voll Krieg und Vernichtung hindurch schien es, als müsse der ostasiatische Bund die ganze Welt erobern; dann brach auch die »moderne« Marionetten-Zivilisation der Chinesen zusammen. Die friedliche, fruchtbare Bevölkerung Chinas hatte sich in den ersten Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts »verwestlichen« lassen; das heißt, sie hatte mit innerem Groll und Widerstreben sich unter japanischem und europäischem Einfluß in eine gewisse Fügsamkeit gegen sanitäre Maßnahmen, Polizeiordnung, Militärdienst, überhaupt in eine ganze Daseinsweise hineindrillen und -zwängen lassen, gegen welche ihre ganze Tradition sich empörte. Unter dem Zwang des Kriegs gab schließlich sogar ihre Geduld nach: ganz China erhob sich zu einem zusammenhangslosen Aufstand; und die Vernichtung des Regierungssitzes in Peking durch ein paar britische und deutsche Luftschiffe, die in den entscheidenden Kämpfen nicht untergegangen waren, steigerten diesen Aufstand bis zur Unbesiegbarkeit. In Yokohama tauchten Barrikaden auf und die schwarze Flagge und allgemeine soziale Revolution. Und damit ward die ganze Welt zu einem einzigen Wirrsal von Kampf . . . .

Der allgemeine soziale Zusammenbruch war die logische Konsequenz des Weltkriegs. Wo große Bevölkerungen waren, waren auch Massen von Menschen ohne Arbeit, ohne Geld, unfähig, ihren Lebensunterhalt zu erwerben. In jedem Arbeiterviertel der ganzen Welt herrschte schon drei Wochen nach dem Beginn des Kriegs Hungersnot. Nach Verlauf eines Monats gab es überhaupt keine Stadt mehr, in der nicht das gewohnte Gesetz und die sozialen Einrichtungen durch irgendeine Form von Kontrolle verdrängt waren, wie eben die Gelegenheit sie verlangte, in der Feuerwaffen und Militär nicht zur Aufrechterhaltung der Ordnung und zur Verhütung von Gewalttaten gebraucht wurden. Und in den ärmeren Vierteln, in den übervölkerten Distrikten, ja, hier und da auch unter denen, die dereinst wohlhabend gewesen waren, verbreitete sich die Hungersnot.

So entsprang das, was die Geschichtsschreiber die Periode der Notkomitees nannten, aus der beginnenden Periode sozialen Zusammenbruchs. Hierauf folgte eine Periode heftigen und erbitterten Kampfes gegen die Auflösung. Überall herrschte das Bestreben, die Ordnung aufrecht zu erhalten und sich zu wehren. Gleichzeitig veränderte sich auch der Charakter des Kriegs dadurch, daß die riesigen, mit Gas gefüllten Luftschiffe durch Flugmaschinen – als Kriegsinstrumente – ersetzt wurden. Sobald die großen Flottenzusammenstöße vorüber waren, versuchten sich die Asiaten in nächster Nähe der schwachen, exponierten Punkte jener Länder festzusetzen, gegen die sie ankämpften, und bildeten Hauptquartiere, von denen aus sie ihre Flugmaschinen-Streifzüge unternehmen konnten. Eine Zeitlang waren sie hierin auch ganz unbehindert; dann kam, wie es diese Geschichte ja berichtet hat, das Geheimnis der Butteridgemaschine ans Licht, und der Kampf wurde auf beiden Seiten gleich und unentschiedener als je. Denn diese kleinen Flugmaschinen, die für jede größere Expedition oder entscheidende Attacke gänzlich untauglich waren, erwiesen sich als geradezu grauenhaft geeignet für den Guerillakrieg: rasch und billig von Herstellung, leicht von Gebrauch, leicht zu verstecken . . . . Der Plan wurde eiligst in Pinkerville kopiert und gedruckt und über die ganzen Vereinigten Staaten verbreitet; auch nach Europa wurden Abdrücke gesandt und dort reproduziert. Jeder einzelne Mensch, jede Stadt, jede Gemeinde, die nur überhaupt in Betracht kam, ward aufgefordert, sie herzustellen und in Gebrauch zu setzen. In kurzer Zeit wurde sie nicht bloß von Regierungen und Lokalverwaltungen fabriziert, sondern auch von Räuberbanden, von Aufstandskomitees, von Privatpersonen jeder Art. Die eigenartige, soziale, zerstörerische Macht der Butteridgemaschine lag in ihrer unübertrefflichen Einfachheit. Sie war fast so einfach wie ein Motorrad. Die breiteren Umrisse der früheren Kriegsphasen verschwanden, die große Gegnerschaft von Nationen, Reichen und Rassen verlor sich in einer zischenden Masse von Einzelkonflikten. Die Welt ward – – mit einem Schritt – – aus einer Einheit und Einfachheit, die die des Römischen Reichs zu seiner besten Zeit noch übertrafen, zu einem sozialen Mischmasch von Bruchstücken . . . so unentwirrbar, wie die Raubritterperiode des Mittelalters. Nur daß das Ganze diesmal, statt eines langsamen Sinkens durch stufenweise Stadien der Auflösung, ein Sturz war . . . wie der Sturz über einen Felsen. Und daß Männer und Frauen das auch überall begriffen, und sich verzweiflungsvoll anstrengten, sich noch an dem Rand des Felsens festzuklammern.

Eine vierte Phase folgte. Mitten durch den Kampf gegen das Chaos, in den Fußstapfen der Hungersnot, kam jetzt ein anderer alter Feind der Menschheit . . . die Pestilenz . . . der Rote Tod. Aber der Krieg kennt kein Einhalten. Die Flaggen wehen noch immer. Neue Luftflotten entstehen, neue Formen von Luftschiffen. Und unter ihren dahinschwebenden Kämpfen wird die Welt dunkler und dunkler . . . ohne daß die Weltgeschichte sie weiter beachtet. Es liegt nicht in der Absicht dieses Buchs, diese fernere Geschichte zu erzählen, zu berichten, wie der Luftkrieg immer weiterging, einfach weil von allen Behörden und maßgebenden Persönlichkeiten niemand imstande war, ihm entgegenzutreten, zu verhandeln, ihn zu Ende zu bringen, bis schließlich jede organisierte Regierung in der ganzen Welt so zerbrochen und zertrümmert war wie ein Haufen Porzellan, in das man mit einem Stock geschlagen hat. Mit jeder Woche jener furchtbaren Jahre wird die Geschichte verworrener, auseinandergerissener, chaotischer, ungewisser. Nicht ohne große und heldenhafte Gegenwehr ließ die Zivilisation sich überwältigen. Aus dem bitteren sozialen Konflikt erstanden patriatische Verbindungen, Ordensbrüderschaften, Bürgermeister, Fürsten, provisorische Komitees, die versuchten, unten eine Art Ordnung einzuführen und oben den Himmel zu halten . . . . Aber eben diese doppelte Anstrengung war ihr Verderb. Und als endlich eine Erschöpfung der mechanischen Quellen der Zivilisation die Himmel überhaupt völlig von Luftschiffen leert, sieht man unten Anarchie, Hungersnot und Pestilenz triumphieren . . . . Die großen Nationen und Reiche sind zu bloßen Namen im Mund der Leute geworden. Allüberall Ruinen, unbeerdigte Tote, verwitterte, gelbgesichtige Überlebende in tödlicher Apathie. Hier Räuber, dort Bewachungskomitees und da wiederum Guerillabanden, die die Stücke ausgesogenen Landes beherrschen; seltsame Verbindungen und Orden bilden sich und lösen sich wieder auf, religiöse, aus der Verzweiflung geborene Fanatismen glühen aus hungerfunkelnden Augen. Es ist eine allgemeine große Auflösung. All die schöne Ordnung und der Wohlstand der Erde sind zusammengeschrumpft wie eine zerplatzte Luftblase. In fünf kurzen Jahren hatten die Welt und der Schauplatz menschlichen Lebens eine rückschrittliche Verwandlung durchgemacht, so groß, wie jene vom Zeitalter der Antoniusse zum Europa des neunten Jahrhunderts . . . .


VII

Durch das düstere Schauspiel dieses Unheils wandert eine winzige, äußerst unbedeutende Gestalt, für die vielleicht die Leser dieser Geschichte mit der Zeit ein schwaches Interesse gefaßt haben. Von ihr bleibt nur noch eine einzige, wunderbare Tatsache zu berichten. Durch eine verfinsterte, verlorene Welt, durch eine Zivilisation in ihren Todeszuckungen wanderte unser kleiner fahrender Alltagsritter und fand seine Edna! Er fand seine Edna!

Er kam über den Atlantik zurück – teils vermittelst eines Befehls des Präsidenten, teils auch dank seinem eigenen günstigen Stern. Es gelang ihm, an Bord einer englischen Brigg zu kommen, die mit Holz handelte, und die ohne Ladung von Boston aussegelte, augenscheinlich hauptsächlich darum, weil der Kapitän eine Art unbestimmter Vorstellung von »nach Hause« – . . . »nach South Shields-Gehen« hatte . . . . Was Bert vor allem dazu verhalf, daß er mitgenommen wurde, war das seemännische Aussehen seiner Gummistiefel. Sie hatten dann eine lange, abenteuerliche Reise, wurden ein paar Stunden lang von einem asiatischen Kriegsschiff verfolgt (oder glaubten wenigstens, sie würden verfolgt), das aber bald durch einen englischen Kreuzer aufgehalten wurde. Drei Stunden lang kämpften die beiden Schiffe, sich in einem Kreis langsam nach Süden drehend, bis die Dämmerung und das aufsteigende Gewölk eines nahenden Sturms sie verschlangen. Ein paar Tage später verlor Berts Schiff Steuer und Mittelmast in einem Sturm. Die Lebensmittel gingen aus; man nährte sich von Fischen. In der Nähe der Azoren erblickten sie dann seltsame Luftschiffe, die ostwärts flogen; in Teneriffa landeten sie, um neue Vorräte zu fassen und ihr Steuer zu flicken. Sie fanden die Stadt zerstört und im Hafen zwei gesunkene große Linienschiffe mit ihren Toten noch an Bord. Sie fanden auch Konserven und Reparaturwerkzeuge, aber ihre Arbeit war oft ernstlich gestört durch die Feindseligkeit einer Räuberbande in den Ruinen der Stadt, die sie fortwährend bestahl und zu vertreiben suchte.

In Mogador legten sie bei und schickten ein Boot um Wasser an Land und wurden beinah durch die List der Araber gefangen. Und hier kam auch der Rote Tod an Bord und vergiftete ihr Blut, während sie weitersegelten. Zuerst erkrankte der Koch, dann der Steuermann; und bald lagen alle und drei im Vorderkastell waren tot. Das Wetter war gerade ruhig, und sie trieben, hilflos und im Grunde ziemlich gleichgültig gegen ihr Schicksal, nach dem Äquator zurück. Des Kapitäns Arznei für alle war Rum. Neun starben; von den vier Überlebenden verstand keiner etwas von Seefahrt. Als sie sich endlich ein bißchen ermannt hatten und mit einem Segel umzugehen verstanden, fuhren sie . . . den Sternen nach . . . in ungefährer Richtung nordwärts; sie fanden sich schon wieder ohne Lebensmittel, als sie auf ein Petroleummotorschiff von Rio de Janeiro trafen, dem der Rote Tod fast die ganze Besatzung geraubt hatte, und das froh war, neue Leute an Bord zu kriegen. Und so erreichte Bert, nach einem Jahr des Umherirrens, endlich England. Er landete in lichtem Juniwetter und fand, daß der Rote Tod eben seinen verheerenden Siegeszug antrat. Die Bewohner von Cardiff waren in einem Zustand kopfloser Verzweiflung; viele waren ins Gebirge geflohen; und sobald der Dampfer in den Hafen einlief, kam ein improvisiertes, gänzlich ungesetzmäßiges Komitee an Bord, untersuchte das Schiff und legte Beschlag auf seine noch vorhandenen Lebensmittel. Bert zog als Vagabund durch ein Land, das ausgehungert, von der Pest verwüstet, brotlos und bis in die Grundfesten seiner früheren Organisation erschüttert war. Oft war er dem Tod, dem Verhungern nahe; einmal ward er in böse Auftritte verwickelt, die sein Dasein leicht hätten enden können. Aber der Bert Smallways, der da von Cardiff nach London einem ziemlich unsichern »Nach Hause« zuwanderte, der unsicher nach irgend etwas suchte, das keine andere greifbare Form hatte, als die Ednas, war eine ganz andere Persönlichkeit, als der Wüstenderwisch, der vor einem Jahr in Mr. Butteridges Ballon aus England weggefegt ward. Er war braun, hager und zäh, scharfäugig, gegen die Pest gewappnet, und sein Mund, der früher immer halb offen gestanden hatte, schloß sich jetzt mit eiserner Energie. Über seine Stirn lief eine weiße Narbe, die er in einem Gefecht auf der Brigg davongetragen hatte. In Cardiff war ihm ein Bedürfnis nach frischen Kleidern und einer Waffe gekommen, und er hatte sich – mit Hilfe von Mitteln, die ihm noch vor einem Jahr empörend vorgekommen wären – aus dem verlassenen Laden eines Pfandleihers ein Flanellhemd, einen Anzug aus Baumwollsamt und einen Revolver nebst fünfzig Patronen verschafft. Gleichzeitig eignete er sich auch ein Stück Seife an und wusch sich . . . zum erstenmal seit dreizehn Monaten wieder . . . gründlich in einem Fluß vor der Stadt. Die Wachen, die erst jeden Plünderer ohne viel Federlesens erschossen hatten, waren jetzt entweder von der Seuche weggerafft oder – im vergeblichen Versuch, mit ihr Schritt zu halten – zwischen Stadt und Kirchhof beschäftigt. Also führte er drei oder vier Tage lang um die Stadt herum ein Räuberleben, immer so ziemlich am Verhungern, ging dann zurück und schloß sich auf eine Woche dem Lazarettkorps an, um sich wenigstens mit ein paar tüchtigen Mahlzeiten zu stärken, ehe er den Weg nach Osten antrat.

Die Landschaft von England und Wales zeigte zu jener Zeit die seltsamste Mischung von Sicherheit und Wohlstand des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts und einer Art dürerischen Mittelaltertums. Alles, Häuser und Einschienenbahnen, Hecken und elektrische Kabel, Straßen und Pflaster, Telegraphenstangen und Reklameschilder von früher waren zum größten Teil noch unberührt. Bankerott, sozialer Zusammenbruch, Hunger und Pestilenz hatten ihnen nichts anhaben können; nur die großen Zentren, die Hauptadern in diesem Staat, hatte tatsächliche Vernichtung getroffen. Niemand, der unvermittelt in das Land hereingeschneit wäre, würde einen großen Unterschied bemerkt haben. Er würde vielleicht zuerst gesehen haben, daß die Hecken nicht beschnitten waren, daß das Gras an den Wegrainen zu üppig wuchs, daß die Wege auffallend vom Regen ausgewaschen waren, und daß die Villen und Landhäuser häufig leer zu stehen schienen; daß hier ein Telephondraht herabhing und dort ein verlassener Leiterwagen an der Landstraße stand. Aber noch immer hätte die verheißungsvolle Versicherung, daß Wilders Büchsenpfirsiche die besten oder daß Gobbles Würstchen unübertrefflich wären für jeden Frühstückstisch, seinen Appetit reizen können. Dann – plötzlich – setzte das dürerische Element ein: das Gerippe eines Pferdes, oder ein zusammengeballter Haufe Lumpen in einem Graben, aus dem knochige Füße und ein gelbes, schwarzblau geflecktes, häutiges Gesicht oder wenigstens die Reste eines Gesichts, hager und knochig und zerfressen, hervorstarrten. Dann vielleicht ein Acker, der gepflügt, aber nicht gesät, ein Kornfeld, das vom Vieh zertrampelt, ein Zaun, der eingerissen worden war zum Feueranmachen . . . .

Dann – vielleicht – begegnete ihm ein Mann oder ein Weib . . . mit gelbem Gesicht und meist nachlässig gekleidet und bewaffnet . . . . . auf der Suche nach Nahrung. Diese Menschen hatten fast immer die Gesichter und Augen und den Ausdruck von Vagabunden und Verbrechern und trugen sich häufig wie Leute der wohlhabenden Mittelklasse oder der höheren Stände. Viele erkundigten sich voller Eifer nach Nachrichten und gaben dafür willig ihren Beistand, Reste sonderbarer Mahlzeiten, Krusten zähen Brotes. Voller Gier horchten sie auf Berts Geschichte und versuchten, ihn einen oder ein paar Tage bei sich zurückzuhalten. Das völlige Aufhören des Postverkehrs und der Zusammenbruch sämtlicher Zeitungsunternehmungen hatte eine ungeheure, schmerzhafte Lücke im geistigen Leben jener Zeit zurückgelassen. Die Menschen hatten ganz plötzlich die verschiedenen Enden der Erde aus dem Gesicht verloren und mußten sich wieder an das gerüchtweise Verbreiten der Nachrichten, wie zur Zeit des Mittelalters, gewöhnen. In ihren Augen, in ihrem Gebaren, in ihrer Rede lag ein Ausdruck wie von verirrten und verlorenen Seelen.

Während Bert von Dorf zu Dorf, von Distrikt zu Distrikt wanderte und so weit wie möglich die schwärenden Knotenpunkte der Gewalttat und Verzweiflung, die größeren Städte, vermied, fand er in Zuständen und Verhältnissen unermeßliche Unterschiede. In einem Dorf fand er das Herrenhaus niedergebrannt, das Pfarrhaus eingerissen, beides augenscheinlich in einem heftigen sozialen Kampf um irgendwelche gemutmaßten und vielleicht nur eingebildeten Vorräte von Lebensmitteln, überall unbeerdigte Tote und einen Stillstand des ganzen kommunalen Mechanismus. Im nächsten fand er organisatorische Mächte eifrig bei der Arbeit, frisch gemalte Anschlagtafeln zur Warnung für Landstreicher, die Straßen und noch bebauten Felder von Bewaffneten beaufsichtigt, die Seuche streng kontrolliert, sogar eine Krankenpflege eingerichtet und einen sparsam verwalteten Vorrat von Lebensmitteln, Vieh und Schafe wohl bewacht, und eine Gruppe von zwei oder drei Magistratspersonen – der Doktor oder ein paar Landwirte – die den ganzen Ort regierten, genau so, wie bei der selbstherrlichen, bürgerlichen Gemeinde des fünfzehnten Jahrhunderts. Aber ein derartiges Dorf war jederzeit einem Einfall der Asiaten oder Afrikaner oder ähnlicher Luftpiraten ausgesetzt, die Petroleum und Alkohol oder Lebensmittel suchten. Die Aufrechterhaltung der Ordnung kostete eine fast unglaubliche Wachsamkeit und Anspannung aller Kräfte. Grob angestrichene Warnungstafeln, wie »Quarantäne« oder »Fremde werden niedergeschossen!«, oder eine Reihe halbverwester Strauchdiebe, die an den Telephonpfosten am Straßenrand baumelten, bezeichneten die Nähe der verworrenen Probleme irgendeines größeren Zentrums der Bevölkerung und das Vorhandensein verwickelterer Konflikte. In der Umgegend von Oxford waren große Schilder auf den Dächern angebracht, die alle Luftwanderer mit dem einzigen Wort: »Schießwaffen!« bedrohten.

All diesen Gefahren Trotz bietend fuhren ab und zu noch Radfahrer vorüber, und ein- oder zweimal während seiner langen Wanderfahrt sah Bert gewaltige Automobile mit verlarvten und bebrillten Gestalten an sich vorübersausen. Polizei ließ sich nur selten blicken, aber dann und wann kamen Trupps von hageren, zerlumpten Soldaten zu Rad vorbei; und diese Begegnungen mehrten sich, als er Wales verließ und nach England kam. Sie standen unter all dem Zusammenbruch noch immer im Feld. Bert kam der Gedanke, in der Nacht und wenn ihn der Hunger gar zu sehr peinigte, einen Unterschlupf im Armenhaus zu suchen; aber verschiedene dieser Häuser waren geschlossen, andere in zeitweilige Lazarette verwandelt, und eines, zu dem er in der Dämmerung in der Nähe eines Dorfes in Gloucestershire gelangte, stand, mit weitgeöffneten Fenstern und Türen, stumm wie das Grab und war, wie er zu seinem Entsetzen fand, als er durch den übelriechenden Hausflur stolperte, voll von unbeerdigten Toten.

Von Gloucestershire wandte sich Bert nordwärts nach dem englischen aeronautischen Park bei Birmingham, in der Hoffnung, dort eine Anstellung und seinen Lebensunterhalt zu finden; denn die Regierung oder wenigstens das Kriegsministerium existierte noch immer als lebensvolle Tatsache, inmitten allen Umsturzes und sozialen Unheils energisch darauf bedacht, das britische Banner hoch in Lüften zu erhalten und Bürgermeister und Magistrat zu neuen Organisationsversuchen aufzumuntern. Sie hatten dort die besten der überlebenden Handwerker jener Gegend um sich gesammelt, hatten den Park für eine Belagerung verproviantiert und bauten eiligst an einer größeren Art von Butteridgemaschine. Bert konnte nicht ankommen; er besaß keine genügenden Kenntnisse, und er war schon weitergewandert nach Oxford, als der große Kampf stattfand, in welchem diese Werke endgültig zerstört wurden. Etwas, aber nicht viel, sah er von der Schlacht – von einem Ort namens Boar Hill aus. Er sah das asiatische Geschwader von Südwesten über die Hügel herkommen und sah eines seiner Luftschiffe kreisend wieder südwestwärts fliegen, verfolgt von zwei Aeroplanen; es war das Luftschiff, das schließlich wirklich in Edge Hill überholt, zerstört und eingeäschert wurde. Aber den Ausgang der Schlacht als Ganzes erfuhr er nie.

Er kam von Eton über die Themse nach Windsor und wanderte um das südliche London nach Bun Hill; und hier fand er seinen Bruder Tom, der in seinem alten Laden aus sah wie ein finsteres, verbissenes Tier, gerade vom Roten Tod erstanden, und oben, eine Treppe hoch, Jessika, fiebernd und, wie es ihm schien, voller Ingrimm sterbend. Sie sprach im Delirium von den bestellten Waren, die den Kunden gebracht werden müßten, und schalt Tom fortwährend aus, er käme zu spät mit Mr. Thompsons Kartoffeln oder Mr. Hopkins Blumenkohl, trotzdem alles Geschäft schon längst aufgehört und Tom sich eine hausväterliche Geschicklichkeit im Fangen von Ratten und Sperlingen und im Verstecken gewisser Eßvorräte und Zwiebacke aus geplünderten Spezereihandlungen angeeignet hatte.

Tom empfing seinen Bruder mit einer Art zurückhaltender Wärme.

»Herrgott!« sagte er, »bist du's Bert? Ich hab' mir's wohl gedacht, du würdest eines Tags wiederkommen, und freu' mich, dich zu sehen. Aber zu essen kann ich dir nichts anbieten, weil ich selber nichts habe . . . . Wo hast du denn gesteckt all die Zeit?«

Bert beruhigte seinen Bruder durch den Rest einer angebissenen Rübe, und war noch mitten im Zug, ihm in Bruchstücken und mit Randbemerkungen seine Geschichte zu erzählen, als er hinter dem Ladentisch ein vergilbtes und vergessenes, an ihn adressiertes Briefchen bemerkte. »Was ist denn das?« sagte er. Er fand, es war ein ein Jahr altes Billet von Edna. »Sie kam zu uns,« sagte Tom im Ton eines Menschen, der sich eines unwichtigen Geschehnisses entsinnt, »und fragte nach dir und wollte, wir sollten sie aufnehmen. Es war nach der Schlacht und dem Brand von Clapham Rise. Ich war auch dafür, wir sollten sie behalten, aber Jessika wollte nicht; und da hat sie heimlich fünf Schilling von mir gepumpt und ist wieder fortgegangen. Sie wird's dir ja wohl geschrieben haben . . . .«

Das hatte sie, wie Bert fand. Sie war, wie ihr Billet besagte, zu einer Tante und einem Onkel gegangen, die eine Ziegelei in der Nähe von Horsham besaßen. Und dort – endlich – nach einer weiteren vierzehntägigen, abenteuerlichen Reise fand Bert sie.


VIII

Als Bert und Edna einander erblickten, starrten sie sich an und lachten wie närrisch – so verändert waren sie, so zerlumpt und so verwundert. Und dann fingen sie beide an zu weinen.

»Oh, Bertie! Junge!« rief sie. »Bist du da! Bist du da!« Und sie streckte die Arme aus. »Ich hab' es ihm gesagt! Er sagt, er würde mich umbringen, wenn ich ihn nicht heirate.«

Aber sie war nicht verheiratet; und als sie bald darauf wieder fähig war, zu sprechen, erklärte sie Bert die Aufgabe, die seiner wartete. Der kleine Fleck einsamen Ackerlandes war in die Hände einer Bande von wilden Burschen gefallen, deren Rädelsführer Bill Gore hieß. Er hatte als Schlächterbursche angefangen und war dann Ringkämpfer und ein gewerbsmäßiger Raufbold geworden. Die Bande war von einem adligen Herrn der Umgegend, der sich früher als Sportsmann ausgezeichnet hatte, organisiert worden; nach einiger Zeit jedoch war dieser verschwunden, wie, das wußte niemand so recht, und Bill hatte die Führerschaft übernommen und hatte die Grundsätze seines Lehrers mit beträchtlicher Energie weiterentwickelt. Der Verschwundene hatte einen Zug von höherer Philosophie gehabt und sich mit dem Problem der »Rasseveredlung« und der Erzeugung des Übermenschen beschäftigt – was sich in der Praxis darin äußerte, daß vor allem er selbst und in etwas beschränkterem Maße auch seine kleine Bande sehr häufig heiratete. Bill betätigte diese Idee mit einem Enthusiasmus, der sogar seine Popularität bei seinen Jüngern beeinträchtigte. Eines Tages hatte er zufällig Edna getroffen, die ihre Schweine fütterte, und hatte sogleich mit großer Dringlichkeit angefangen, ihr inmitten ihrer Spülichttröge den Hof zu machen. Edna hatte tapfer Widerstand geleistet, aber er zeigte sich sehr energisch und außerordentlich ungeduldig. Er konnte, wie sie sagte, jeden Augenblick kommen. Und sie blickte Bert in die Augen. Sie waren wieder in den barbarischen Zustand zurückversetzt, in dem ein Mann für seine Liebe kämpfen muß.

Leider gerät hier die Wahrheit mit der ritterlichen Tradition in Konflikt. Man würde mit Vergnügen berichten, wie Bert auszog, um seinen Nebenbuhler zu fordern, wie ein Ring gebildet und ein kühner Zweikampf ausgefochten ward, in dem Bert durch ein Wunder von Tapferkeit und Liebe und Glück Sieger blieb. Tatsächlich aber geschah nichts von alledem. Statt dessen lud Bert mit großer Sorgfalt seinen Revolver und saß darauf im guten Zimmer des Landhauses neben der verlassenen Ziegelei, sorgenvoll und bestürzt, horchte auf die Berichte über Bill und Bills Gewohnheiten und dachte nach. Dann verkündete plötzlich Ednas Tante mit aufgeregter Stimme das Nahen dieser Persönlichkeit. Er kam mit zwei andern seiner Bande zur Gartentür herein. Bert stand auf, schob die Frauen beiseite und blickte hinaus. Es waren merkwürdige Gestalten. Sie trugen eine Art Uniform aus roten Golfjacketts und weißen Sweatern, Fußballbeinkleider und Strümpfe und Schuhe; bei der Wahl der Kopfbedeckung hatte anscheinend jeder seiner Phantasie freien Lauf gelassen. Bill trug einen Frauenhut voller Hahnenfedern; alle Hüte hatten wilde, umgeschlugene Cowboykrempen.

Bert seufzte und stand in tiefen Gedanken, und Edna beobachtete ihn neugierig. Die beiden Frauen standen ganz still. Er verließ das Fenster und ging hinaus in den Flur, ziemlich langsam und mit dem bekümmerten Ausdruck eines Mannes, der über eine verwickelte und unsichere Sache nachdenkt. »Edna!« rief er. Als sie kam, öffnete er die Haustür.

Dann fragte er ganz einfach, auf den vordersten der drei deutend: »Ist er das? . . . Sicher?« . . . Und als sie erwiderte, ja, das wäre er, schoß er seinen Nebenbuhler augenblicklich und mit großer Genauigkeit mitten durch die Brust. Darauf schoß er Bills Brautführer, mit sehr viel weniger Präzision, eine Kugel in den Kopf und streifte mit einem Schuß den dritten Mann, der floh. Der dritte Bursche kreischte und rannte, sich duckend, weiter.

Jetzt stand Bert still und überlegte, die Pistole in der Hand, und ohne auf die Frauen hinter ihm zu achten.

Soweit war alles gut gegangen.

Es ward ihm klar, daß man ihn, falls er sich nicht sofort in die Politik stürzte, als Mörder hängen würde. Also ging er, ohne zu den Frauen überhaupt ein Wort zu sprechen, nach dem Dorfwirtshaus hinunter, an dem er vor einer Stunde auf seinem Weg zu Edna vorübergekommen war, trat durch die hintere Tür ein, bot der kleinen Bande von zweideutigen Lümmeln, die im Schenkzimmer tranken und die Ehe im allgemeinen und Bills zarte Gefühle neidvoll und witzig besprachen, die Stirn, wobei er wie zufällig seinen sorgfältig wieder geladenen Revolver in der Hand hielt, und forderte sie auf, einem unter seiner Leitung stehenden »Sicherheitskomitee« – wie er es bedauerlicherweise nannte – beizutreten. »Wir brauchen das hier, und ein paar von uns wollen sich dazu zusammentun.« Er gebärdete sich als ein Mensch, der überall Freunde hatte, wiewohl er tatsächlich auf der weiten Welt keine hatte als Edna und ihre Tante und zwei Cousinen.

Eine hastige, aber respektvolle Erörterung der Situation folgte. Sie hielten ihn für einen Narren, der zufällig in diese Nachbarschaft geraten war, ohne etwas von Bill zu wissen, und sie wollten Zeit gewinnen, bis ihr Führer käme. Bill würde ihn schon abfertigen. Und jemand redete von Bill.

»Bill ist tot,« sagte Bert. »Ich hab' ihn eben erschossen. Mit ihm brauchen wir nicht mehr zu rechnen. Er ist erschossen, und ein rothaariger Kerl, der schielt, ist auch erschossen. Das haben wir alles schon erledigt. Einen Bill gibt's von jetzt ab überhaupt nicht mehr. Er hatte verdrehte Ideen über das Heiraten und so was im Kopf. Grade hinter der Sorte von Burschen sind wir her.«

Das entschied die Versammlung.

Bill wurde ohne Zeremonien begraben, und an seiner Statt regierte das Sicherheitskomitee (denn so ward es auch fernerhin genannt).

Und das ist das Ende der Geschichte, soweit sie Bert Smallways betrifft. Wir lassen ihn bei seiner Edna, wo' er zwischen Lehmboden und Eichendickichten, fern vom Strom der Ereignisse, ein Ansiedler wird. Von dieser Zeit an ward sein Leben eine Reihenfolge von ländlichen Vorfällen, eine Welt voller Schweine und Hühner und alltäglicher Bedürfnisse und kleiner Haushaltungssorgen und Kinder, bis Clapham und Bun Hill und das ganze Leben des wissenschaftlichen Zeitalters für Bert nichts anderes mehr waren als die verblassende Erinnerung an einen Traum. Er erfuhr nie, wie der Krieg in der Luft weiterging oder ob er überhaupt weiterging. Ab und zu kam ein Gerücht von Geschehnissen in der Gegend von London, von Luftschiffen, die kamen und gingen. Ein- oder zweimal fiel ihr Schatten auf ihn während er arbeitete, aber woher sie kamen und wohin sie gingen, wußte er nicht. Sogar sein Wunsch, zu erzählen, erstarb aus Mangel an Nahrung. Zeitweilig kamen Räuber und Diebe, oder unter dem Vieh brachen Seuchen aus, oder das tägliche Brot wurde knapp; einmal machte ein Rudel Wolfshunde die Gegend unsicher, und er half sie töten. Er hatte viele belanglose, zwecklose Abenteuer und überlebte sie alle.

Unheil und Tod kamen ihnen dann und wann nahe und gingen vorüber, und sie liebten und litten und waren glücklich, und sie gebar ihm viele Kinder – elf Kinder nacheinander, von denen nur vier den unvermeidlichen Beschwerden ihres primitiven Lebens erlagen. Sie lebten und gediehen, so wie man das Gedeihen in jenen Tagen verstand. Und sie gingen den Weg alles Fleisches, Jahr um Jahr.



Epilog.

An einem hellen Sommermorgen, genau dreißig Jahre nach dem Aufstieg der ersten deutschen Luftflotte, geschah es, daß ein alter Mann, der eine verlaufene Henne suchte, einen kleinen Jungen durch die Ruinen von Bun Hill und in der Richtung der zerbröckelten Zinnen des Kristallpalastes mitnahm. Es war kein sehr alter Mann; in ein paar Wochen wurde er dreiundsechzig. Aber das fortwährende Bücken über Spaten und Harke, das Schleppen von Dünger und Gemüsen und das jeder Witterung in freier Luft Ausgesetztsein, ohne die Kleider zu wechseln, hatten ihn fast in die Form einer Sichel gebogen. Zudem hatte er fast alle seine Zähne verloren, was seine Verdauung, seinen Teint und seine Laune beeinträchtigt hatte. In Gesicht und Ausdruck glich er ganz merkwürdig dem alten Thomas Smallways, der dereinst Kutscher bei Sir Peter Bone gewesen war; und das war auch vollständig in der Ordnung, denn es war Tom Smallways, der Sohn, der einst den kleinen Grünkramhandel unter der Einschienenbahnbrücke in der Hauptstraße von Bun-Hill innegehabt hatte. Jetzt gab es keine Grünkramläden mehr, und Tom lebte in einer der verödeten Villen dicht neben den brachliegenden Bauplätzen, die dereinst der Schauplatz seiner täglichen Gartenkünste gewesen und auch jetzt noch waren. Er und seine Frau wohnten im ersten Stock; und in den Wohn- und Speiseräumen, deren französische Fenster auf den Rasen hinausgingen, überhaupt im ganzen unteren Stock, hielt Jessika, jetzt eine hagere, runzlige, ziemlich kahlköpfige, aber noch immer höchst energische und tätige Alte, ihre drei Kühe und einen Haufen gackernder Hühner.

Die beiden waren Mitglieder einer kleinen Gemeinde von Herumstreichern und zurückgekehrten Flüchtlingen, vielleicht im ganzen hundertfünfzig Seelen, die sich, nach der Panik und Hungersnot und Pestilenz, die die Folgen des Kriegs waren, in den neuen Verhältnissen niedergelassen hatten. Sie waren nacheinander aus allerlei seltsamen Verstecken und Zufluchtsorten gekommen, hatten sich inmitten der wohlbekannten Häuser angesiedelt und hatten den harten Kampf ums Brot gegen die Natur begonnen, der jetzt das Hauptinteresse ihres Lebens bildete. Sie waren – eben weil dieser Kampf sie so ganz in Anspruch nahm – friedliebende Leute, ganz besonders seitdem Wilkes, der Häuseragent, aufgestachelt durch einen nicht mehr ganz zeitgemäßen Traum von Erwerb, im Teich bei den zerstörten Gaswerken ertränkt worden war, weil er nach Rechtsansprüchen und Kontrakten fragte und überhaupt sich von streitsüchtiger Gesinnung zeigte. (Er war nicht etwa ermordet worden, wohlverstanden, sondern die Leute hatten ein exemplarisches Untertauchen etwa zehn Minuten über die der Gesundheit zuträgliche Grenze ausgedehnt.)

Diese kleine Gemeinde war von ihren früheren Gewohnheiten eines vorstädtischen Parasitentums zurückgekehrt zu einem Leben, wie es zweifellos undenkliche Zeiten hindurch das normale Leben der Menschheit gewesen war – ein Leben primitivster Landwirtschaft, in engster Berührung mit Kühen und Hühnern und kleinen Stücken Ackerland, ein Leben, das den Duft der Kühe aus- und einatmet, und dessen Bedürfnis nach Aufregung durch das Getriebe der Bakterien und Schädlinge befriedigt wird, die ihm entspringen. So war das Leben des europäischen Bauern gewesen, vom Morgendämmer der Geschichte an bis zum Beginn des wissenschaftlichen Zeitalters, so war die große Mehrheit der Menschen in Asien und Afrika zu leben gewöhnt. Eine Zeitlang hatte es geschienen, als sollte Europa, dank seiner Maschinen und wissenschaftlichen Zivilisation, aus dem unaufhörlichen Kreislauf animalischer Karrengaularbeit emporgehoben werden, und als sollte Amerika ihm von Anfang an ganz entgehen. Aber mit dem Zusammensturz des hohen, gefährlichen und großartigen Gebäudes der mechanischen Zivilisation, das wie ein Wunder erstanden war, sank der gemeine Mann zurück zur Erde, zurück zum Dünger . . . .

Die kleinen Gemeinden, in denen noch tausend Erinnerungen eines höheren Lebens spukten, taten sich zusammen, machten sich fast stillschweigend ihre eigenen üblichen Gesetze und ergaben sich der Herrschaft eines Medizinmannes oder eines Priesters. Die Welt entdeckte aufs neue die Religion und das Bedürfnis nach etwas, was ihre vereinzelten Gemeinschaften zusammenhielt. In Bun Hill war dies Amt einem baptistischen Prediger anvertraut. Er lehrte einen einfachen, aber den Bedürfnissen angepaßten Glauben. In seiner Lehre kämpfte ein gutes Prinzip, die Welt genannt, unaufhörlich gegen einen teuflischen weiblichen Einfluß, das Rote Weib, und gegen einen bösen Geist, namens Alkohol, an. Dieser Alkohol war schon längst zu einem rein geistigen, von jeglichem Element materieller Anwendung freien Begriff geworden. Er stand in keinerlei Beziehungen zu den gelegentlichen Funden von Wein und Schnaps in den Kellern irgendeines Londoners, die für Bun Hill die einzigen Festtage bedeuteten. Der Prediger lehrte diesen Glauben an den Sonntagen. Werktags war er ein liebenswürdiger, gutherziger alter Mann, der die sonderbare Gewohnheit hatte, sich täglich die Hände und wenn möglich auch das Gesicht zu waschen und geradezu genial war im Schweinschlachten. Die Sonntagsgottesdienste wurden in der alten Kirche in Beckenham Road abgehalten, und die ganze Umgegend zeigte sich dabei in seltsamen Überbleibseln städtischer Kleidung aus der Zeit der Edwarde. Alle Männer, ohne Ausnahme, trugen Gehröcke, Zylinder und weiße Vorhemden, trotzdem manche keine Schuhe anhatten. Tom zeichnete sich bei solchen Gelegenheiten ganz besonders aus, weil er einen Zylinder mit einer goldenen Tresse und einen grünen Rock und grüne Beinkleider trug, die er an einem Skelett im Keller der Städtischen Distriktsbank gefunden hatte. Die Frauen, auch Jessika, kamen in Jacken und ungeheuren, mit künstlichen Blumen und exotischen Vogelfedern überladenen Hüten – in den Läden nordwärts gab es deren eine ganze Menge – und die Kinder (viele Kinder gab es nicht, weil ein großer Teil der Neugeborenen schon nach wenigen Tagen an irgendeiner unerklärlichen Krankheit starb) trugen ähnliche Kleider, nur eben ihrer Größe angepaßt. Sogar Stringers kleiner vierjähriger Enkel trug einen großen Zylinder.

Das war die Sonntagstracht des Bun Hiller Distrikts – ein merkwürdiger und interessanter Überrest der Tradition und Eleganz des wissenschaftlichen Zeitalters. An Wochentagen hingen merkwürdige schmutzige Fetzen von Baumwollstoff und rotem Flanell, Sackleinwand, Vorhangstoffen und alten Teppichlappen um die Leute herum, die entweder barfuß liefen oder grobe Holzsandalen anhatten. Es waren – das darf der Leser nicht vergessen – lauter Leute, die aus einer Stadtbevölkerung zu diesem Stadium barbarischen Bauerntums zurückgesunken waren und darum die primitiven Hilfsmittel, die dies barbarische Bauerntum besessen hätte, nicht besaßen. In vielen Hinsichten waren sie ganz merkwürdig tiefstehend und unzulänglich. Sie hatten jede Vorstellung von Textilindustrie verloren, sie vermochten sich kaum, auch wenn sie das Material dazu hatten, Kleider anzufertigen, und waren gezwungen, die immer mehr abnehmenden Vorräte in den Ruinen ringsum zu plündern, um sich Kleidung zu verschaffen. All die zivilisierten Gewohnheiten, die sie dereinst gekannt hatten, waren durch das Aufhören der dazu gehörigen Hilfsmittel – des modernen Verkehrs – der Wasserleitungen – der Schiffahrt – der Eisenbahn – nutzlos und wirkungslos geworden. –

Ihre Kochkünste waren mehr als primitiv. Es war ein planloses Durcheinandermengen von Lebensmitteln über Holzfeuern in halbverrosteten Wohnzimmerkaminen; denn die Herde in der Küche verbrauchten zu viel Brennmaterial. Von Backen und Brauen oder Metallarbeiten hatte keiner von ihnen allen auch nur eine Ahnung.

Die Gewohnheit, Sackleinen und ähnliche grobe Stoffe zur Alltagskleidung zu benützen, es mit Bindfaden umzuknüpfen und zum Warmhalten mit Watte und Stroh auszustopfen, gab diesen Menschen ein sonderbar »verpacktes« Aussehen; und da es ein Wochentag war, an dem Tom seinen kleinen Neffen auf der Suche nach seiner Henne mitnahm, waren die beiden auch so gekleidet . . . . . .

»Also jetzt bist du endlich wirklich in Bun Hill, Teddy,« begann der alte Tom, seinen Schritt verlangsamend, sobald sie aus dem Bereich von Jessikas Augen waren. »Du bist der letzte von Berts Jungen, den ich kennen lerne. Watt hab' ich gesehen, den kleinen Bert hab' ich gesehen, Sissie und Mat, Tom, der nach mir heißt, und Peter. Die Leute, mit denen du gekommen bist, haben dich also ordentlich versorgt, was?«

»Es ging so,« sagte Teddy, der ein trockener, kleiner Junge war.

»Haben dich nicht aufgefressen unterwegs, was?«

»Sie waren schon recht,« sagte Teddy. »Und unterwegs, bei Leatherhead, haben wir einen gesehen, der auf einem Rad fuhr.«

»Herrje!« sagte Tom. »Viele solche gibt's heutzutag nimmer! Wohin fuhr er denn?«

»Er sagte, er wolle nach Dorking, wenn der Weg gut wäre. Aber ich glaub' nicht, daß er hingekommen ist. Um Burford 'rum war alles unter Wasser. Wir sind über den Berg gegangen, Onkel . . . die Römerstraße heißen sie's. Da ist's hoch und sicher.«

»Weiß nicht!« sagte der alte Tom. »Aber ein Rad! Weißt du gewiß, daß es ein Rad war? Mit zwei Rädern?«

»Es war eins, ganz gewiß!«

»Herrgott! Ich weiß noch die Zeit, Teddy, als alles voll war von Rädern . . . grade hier, wenn man hier stand – der Weg war so eben wie ein Brett damals – konnte man dreißig oder vierzig oder noch mehr sehen . . . alle auf einmal . . . lauter Räder und Motorräder und Automobile . . . wer weiß, was für komische Dinger . . . .«

»Ach nee!« sagte Teddy.

»Jawohl. Den ganzen Tag lang sind sie vorbeigefahren . . . . Hundert und aberhundert!«

»Aber wohin denn alle?« fragte Teddy.

»Nach Brighton . . . Brighton hast du nie gesehen, wahrscheinlich, es ist drunten an der See . . . großartiger Ort . . . und alle von London . . . oder auch zurück nach London . . . .«

»Warum?«

»Nun . . . so . . .«

»Aber warum?«

»Warum, das weiß der liebe Herrgott, Teddy! Es war eben so. Dann . . . siehst du das große Ding dort . . . wie ein großer, dicker, rostiger Nagel, das höher ist als alle Häuser, und das andere dort drüben . . . und das dort . . . und was dort wie mitten zwischen die Häuser gefallen ist . . . das gehörte zur Einschienenbahn. Die Bahn ging auch nach Brighton, und Tag und Nacht fuhren die Leute darin . . . große Wagen, so groß wie Häuser, alle voller Leute.«

Der kleine Junge betrachtete sich die verrosteten Zeugen, die über den schmalen, schmutzigen Graben voller Kuhfladen ragten, der dereinst eine Straße gewesen war. Er war augenscheinlich geneigt, sich höchst skeptisch zu zeigen. Und dennoch . . . die Ruinen waren da. Er zerbrach sich den Kopf mit Vorstellungen, die über seine Phantasie hinausgingen . . . .

»Wozu sind sie denn gefahren . . . alle?« fragte er.

»Weil sie mußten. Alles war damals unterwegs . . . alles.«

»Ja . . . aber wo kamen sie her?«

»Überall hier herum, Teddy, wohnten Leute . . . in all den Häusern . . . und die ganze Straße entlang immer mehr Häuser . . . und mehr Leute. Du glaubst das nicht, Teddy . . . aber es ist so, so wahr ich lebe! Du kannst den Weg hier immer weiter und weiter gehen, und siehst immer mehr Häuser und Häuser . . . . Sie hören überhaupt nicht auf. Gar nie auf. Und immer größer werden sie.« Seine Stimme ward leiser, als spräche er von geheimnisvollen Dingen. »Das ist London!« sagte er.

»Und das alles ist jetzt leer und verlassen. Kein Mensch kümmert sich darum. Kaum einen einzigen Menschen würde man finden . . . nichts als Hunde und Katzen, die hinter den Ratten her sind . . . bis man an Bromley und Beckenham vorüber ist. Und dann kommen die kentischen Leute mit ihren Schweineherden! (Nette Gesellschaft, das muß man sagen!) Ich sag' dir . . . von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang . . . alles so still wie ein Grab. Ich bin oft dagewesen . . . . . . oft und oft!« Er verstummte.

»Und all die Häuser und Straßen und Wege waren früher voller Menschen . . . vor dem Luftkrieg und der Hungersnot und dem Roten Tod! Immer waren sie voller Menschen, Teddy. Und dann waren sie voll von Leichen. Keine Meile weit konnte man gehen, ohne daß der Gestank einem den Weg versperrte. Das war der Rote Tod . . . alle raffte er sie hin. Katzen und Hunde und Hühner und Ungeziefer packte es. Jedermann und jedes Ding war angesteckt. Bloß ein paar von uns blieben am Leben. Ich hab's überstanden, und deine Tante, wenn sie auch nicht mehr ist, was sie einmal war. Du kannst noch heut die Leichen in den Häusern sehen. Hier, in der Gegend, haben wir alle Häuser abgesucht, und genommen, was wir brauchten, und fast alle von den Leichen begraben. Aber dort – Norwood zu – sind noch Häuser mit den Scheiben in den Fenstern und die Möbel ganz unberührt . . . ganz verstaubt und halb vermodert . . . und die Gebeine von Menschen, manche in ihren Betten, manche sonst irgendwo im Haus . . . grade wie der Rote Tod sie vor fünfundzwanzig Jahren hingemäht hat. Ich bin einmal in einem gewesen . . . ich und Higgins, letztes Jahr . . . und da war ein Zimmer voller Bücher, Teddy . . . du weißt, was ich meine mit Büchern, Teddy?«

»Ich hab' schon welche gesehen. Welche mit Bildern.«

»Na ja, also, überall Bücher, Teddy, Hunderte und Hunderte von Büchern, über Bitten und Verstehen, wie es heißt, ganz ausgetrocknet und voller Moder. Ich war dafür, wir sollten sie einfach lassen . . . ich hab' nie viel vom Lesen gehalten . . . aber der alte Higgins mußte darin herumstöbern. ›Ich glaube, ich könnte noch heut ein jedes von ihnen lesen!‹ sagte er.

›Ach nee!‹ sag' ich.

›Doch!‹ sagt er und lacht und nimmt eins und schlägt es auf. Ich guckte hinein, und denk', Teddy, da war ein buntes Bild, o so wunderschön! Es waren Frauenzimmer drauf und Schlangen in einem Garten. Ich hab' noch nie so was gesehen.

›Das ist grade was für mich,‹ sagt der alte Higgins, ›ausgezeichnet!‹ Und dabei gab er dem Buch einen freundlichen Klaps.«

Der alte Tom Smallways machte eine nachdrückliche Pause.

»Und dann?« sagte Teddy.

»Das ganze Buch zerfiel in Staub. In weißen Staub!« . . . Er verstummte noch nachdrücklicher. »An dem Tag haben wir keins von den Büchern mehr angerührt. Darauf hin.«

Eine lange Weile waren beide still. Dann wiederholte Tom, mit einem Gedanken spielend, der eine unheimliche Anziehungskraft auf ihn ausübte: »Den ganzen Tag liegen sie da . . . stumm wie das Grab.«

Teddy begriff endlich, worauf er hinaus wollte. »Liegen sie nicht auch nachts da?« fragte er.

Der alte Tom schüttelte den Kopf. »Das weiß kein Mensch, Junge! Kein Mensch!«

»Aber was können sie denn sonst machen?«

»Das weiß kein Mensch. Kein Mensch hat es gesehen . . . kein Mensch.« »Kein Mensch?«

»Sie erzählen allerhand,« sagte der alte Tom. »Sie erzählen allerhand . . . . Aber man kann ihnen nicht glauben. Ich geh', wenn's dunkel wird, nach Haus und bleib' zu Haus; also ich kann nichts sagen, nicht? Aber manche denken dies und manche das. Ich hab' gehört, es soll Unglück bringen, wenn man ihnen die Kleider auszieht, ehe die Gebeine weiß sind. Da sind Geschichten . . .«

Der Junge blickte seinen Oheim neugierig an. »Was für Geschichten?« sagte er.

»Geschichten von Mondscheinnächten und Dingen, die herumlaufen . . . . Aber ich glaub' nicht daran. Ich bleib' in meinem Bett. Wenn man erst anfängt, auf Geschichten zu hören . . . großer Got1! Da kriegt man's am hellen Mittag auf freiem Feld mit der Angst!«

Der kleine Junge schaute um sich und seine Fragen verstummten eine Weile.

»Sie erzählen von einem Schweinehirten in Beckenham, der drei Tage und drei Nächte in London verirrt war. Er wollte Whisky holen in Cheapside, und hat in den Ruinen den Weg verloren und lief immer weiter. Drei Tage und drei Nächte lief er herum, und die Straßen veränderten sich immerzu, so daß er nicht nach Hause fand. Wenn ihm nicht ein paar Worte aus der Bibel eingefallen wären, wär' er wahrscheinlich noch da. Den ganzen Tag lief er und die ganze Nacht. Und den ganzen Tag war alles still. So still wie der Tod war's den ganzen Tag, bis die Sonne unterging und es dämmerig wurde. Und da fing es an zu rauschen und zu wispern und zu trappeln wie von eiligen Füßen . . . .«

Er hielt inne.

»Ja!« sagte atemlos der Kleine. Weiter! Und dann?«

»Ein Geräusch von Wagen und Pferden, und von Omnibussen und Trambahnen, und ein Gepfeife, schrille Pfiffe, daß es ihm kalt den Rücken hinunterlief. Und sobald das Gepfeife anfing, sah er auch alles, Leute, die durch die Straßen liefen, Leute in den Häusern und Läden, die arbeiteten, Automobile in den Straßen, eine Art Mondschein in allen Laternen und Fenstern. Ich sag' Leute, Teddy. Aber es waren keine Leute. Es waren die Geister von denen, die umgekommen waren, die Geister von allen denen, die früher die Straßen bevölkert hatten. Und sie gingen an ihm vorüber und durch ihn durch und beachteten ihn überhaupt nicht, wie Nebel oder Dunst gingen sie vorüber, Teddy. Und manche sahen vergnüglich aus, und manche waren grauenhaft, grauenhafter als sich sagen läßt! Und einmal kam er an einen Ort, der Picadilly heißt, und es war ganz taghell vor lauter Lichtern, und die Trottoirs voll von Damen und Herren in kostbaren Kleidern, und auf der Straße lauter Taxameter, einer hinter dem andern. Und während er sie anguckte, wurden sie alle furchtbar im Gesicht . . . ganz furchtbar, Teddy. Ihm kam es auf einmal so vor, als sähen sie ihn, und die Frauen begannen nach ihm zu sehen und zu ihm zu reden – schlimme, schreckliche Dinge. Eine kam ganz nah zu ihm her, Teddy, grade auf ihn zu, und guckte ihm ins Gesicht – ganz von nahem. Und sie hatte überhaupt gar kein Gesicht, nur einen angemalten Totenkopf; alle waren sie angemalte Totenköpfe. Und eine nach der andern drängten sie sich an ihn heran und sagten schreckliche Dinge, und faßten nach ihm und drohten und schmeichelten ihm, daß ihm das Herz fast still stand vor Angst . . . .«

»Ja . . .,« stieß Teddy während einer unerträglichen Pause hervor.

»Und da fielen ihm die Worte aus der Schrift ein und retteten ihm das Leben. ›Der Herr hilft mir!‹ sagte er, ›ich fürchte mich nicht!‹ und gleich darauf hörte er einen Hahn krähen und die Straße war ganz leer. Und darauf half ihm der Herr und führte ihn nach Hause.«

Teddy machte ganz starre Augen.

»Aber wer waren die Leute,« sagte er, »die in all den Häusern lebten? Was waren sie?«

»Feine Leute aus der Stadt, Leute, die Geld hatten – jedenfalls glaubten wir, es sei Geld, bis alles zusammenkrachte, und dann war es augenscheinlich bloß Papier . . . alle möglichen Papiere. Ja – mehr als hunderttausend! Millionen! Ich hab' die Hauptstraße dort so gesehen, daß man wahrhaftig nicht drauf vorwärts kam, in der Zeit, wenn die Leute einkauften . . . so viel Frauen und Leute kauften ein.«

»Aber woher hatten sie zu essen und überhaupt alles?«

»Aus den Läden, so wie ich einen hatte. Ich will dir den Platz zeigen, Teddy, wenn wir heimgehen. Heutzutage haben die Leute keine Vorstellung mehr davon, was ein Laden war – gar keine Vorstellung! Spiegelglasscheiben – das sind lauter böhmische Dörfer für sie. Denk' doch, ich hab' manchmal ganze anderthalb Tonnen Kartoffeln auf einmal gehabt und damit gehandelt! Dir würden die Augen vor Verwunderung aus dem Kopf fallen, wenn du sehen könntest, was ich alles in meinem Laden gehabt habe! Körbe voll Birnen, Kastanien, Äpfel und Birnen und köstliche, große Nüsse!« Seine Stimme wurde ganz lüstern. »Und Bananen und Apfelsinen.«

»Was sind Bananen?« fragte der Junge. »Und Apfelsinen?«

»Früchte waren das. Süße, saftige, köstliche Früchte. Ausländische Früchte. Von Spanien und New York und allerhand Orten kamen sie, in Schiffen und allem möglichen. Aus der ganzen Welt kamen sie zu mir, und ich hab' sie in meinem Laden verkauft, Teddy! Ich, der ich jetzt neben dir geh' in ein paar alten Säcken und nach verlaufenen Hühnern suche! Und früher kamen Leute in meinen Laden, vornehme, schöne Damen, wie du dir's gar nicht träumen kannst, fein angezogen, und sagten: ›Nun, Mr. Smallways, was haben Sie Frisches heut morgen?‹ Und ich sag': ›Ich hab' da eine Sendung recht schöner kanadischer Äpfel!‹ Oder auch ich hatte Kastanien. Verstehst du? Und dann kauften sie. Gleich sagten sie: ›Schicken Sie mir ein paar Pfund.‹ Herrgott! War das ein Leben! Das Geschäft, die Arbeit, all die Dinge, die man sah, Automobile, die vorüberkamen, Wagen, Menschen, Drehorgelmänner, Musikanten. Immer kam irgendwas vorüber – immerzu. Wenn die leeren Häuser alle nicht wären, würd' ich denken, es sei ein Traum gewesen.«

»Aber warum sind alle die Leute gestorben, Onkel?« fragte Teddy.

»Einfach ein großer Krach!« sagte der alte Tom. »Alles ging gut, bis sie damals den Krieg anfingen. Alles lief wie ein Uhrwerk. Jedermann hatte seine Arbeit und war glücklich, und jeder hatte jeden Tag sein gutes, reichliches Essen.« Der Kleine sah ihn ungläubig an. »Wenn einer sonst keins hatte, so bekam er's im Armenhaus, einen guten Napf voll heißer Suppe – Brühe nannten sie es – und Brot – besser als irgendeiner es heutzutag backt. Richtiges weißes Brot, Herrschaftsbrot!«

Teddy staunte, sagte aber nichts. All dies erweckte in ihm innige Begierden, die zu bekämpfen er am geratensten fand.

Eine Zeitlang gab sich der alte Mann dem Vergnügen der Erinnerungen seines Gaumens hin. Seine Lippen bewegten sich. »Salm in Gelee«, flüsterte er, »mit Essig . . . Holländer Käse! Bier! Eine Pfeife Tabak!«

»Aber wie sind die Leute ums Leben gekommen?« fragte gleich darauf wieder Teddy.

»Der Krieg kam. Der Krieg, damit hat alles angefangen. Der Krieg schmetterte und tobte herum, aber wirklich getötet hat er nicht viele Menschen. Aber umgeworfen hat er alles. Nach London kamen sie und haben es angezündet, und alle Schiffe, die sonst in der Themse waren, verbrannt und in den Grund gebohrt – wochenlang konnten wir den Rauch und Dampf sehen, und in den Kristallpalast haben sie eine Bombe geworfen und ihn in die Luft gesprengt, und alle Eisenbahngeleise und alles zerstört. Menschen töteten sie eigentlich nur durch Zufall. Sie töteten mehr sich selber gegenseitig. Einmal war hier in der Nähe eine große Schlacht, Teddy – hoch in der Luft. Große Dinger, größer als fünfzig Häuser, größer als der Kristallpalast – größer als alles, flogen droben in der Luft herum und prügelten sich gegenseitig durch, und die Toten fielen nur so herunter. Fürchterlich! Aber sie töteten weniger die Menschen, als daß sie allem Geschäft ein Ende machten. Es war überhaupt kein Geschäft mehr, Teddy, und nirgends mehr Geld, und nichts zu kaufen, wenn man Geld hatte!«

»Aber wie sind denn die Leute ums Leben gekommen?« sagte in die Pause hinein der kleine Junge.

»Ich erzähl' es dir ja, Teddy,« sagte der alte Mann.

»Also, das nächste, was kam, war das Aufhören jeden Geschäfts. Ganz auf einmal schien es, als gäbe es irgendwie gar kein Geld mehr. Es gab Schecks – das war ein beschriebenes Stück Papier und war grade so gut wie Geld – genau so gut, als bekäme man es von den Kunden, verstehst du? Und auf einmal galten sie nicht mehr. Ich hatte noch drei, und zwei hatte ich als Wechsel weitergegeben. Dann hieß es, Fünfpfundnoten gälten nichts mehr, und dann fiel das, Silber. Gold war überhaupt nicht zu haben – weder für Geld noch für gute Worte. Das hatten alles die Banken in London, und die Banken verkrachten. Alles war bankrott. Alles war arbeitslos. Alles.«

Er hielt inne und blickte seinen Zuhörer an. Das kluge Gesicht des Jungen drückte hoffnungslose Verwirrung aus.

»So fing die Hungersnot an und die Revolution. Streiks kamen und Sozialismus . . . allerlei, bei dem ich nie mitgehalten hab' . . . immer ärger und ärger. Sie bekämpften einander und schossen einander über den Haufen, und plünderten und sengten. Sie stürmten die Banken in London und holten das Gold heraus. Aber sie konnten kein Brot aus dem Gold machen. Und was wir machten? Na ja, wir verhielten uns ganz ruhig. Wir wollten nichts von den andern und die andern wollten nichts von uns. Ein paar alte Kartoffeln hatten wir noch; aber zumeist lebten wir von Ratten. Unser Haus war alt, voller Ratten; und denen schien der Hunger nichts anzuhaben. Wie oft haben wir eine Ratte gefangen! Wie oft! Aber die meisten von denen, die hier wohnten, hatten einen zu feinen Magen für Ratten. Mochten sie nicht so recht. Sie waren an allerhand Leckerbissen gewöhnt, und konnten sich nicht mit der einfachen Kost befreunden. Jedenfalls nicht, bis es zu spät war. Lieber starben sie.

Der Hunger, der war es . . . an dem starben die Menschen. Noch ehe der Rote Tod kam, starben sie wie die Fliegen im Spätsommer. Wie gut ich noch alles weiß! Ich war einer von den ersten, die krank wurden. Ich war ausgegangen, um zu sehen, ob ich nicht eine Katze oder so was erwischen könnte, und ging dann nach meinem kleinen Grundstück, um nachzusehen, ob nicht noch vielleicht ein paar vergessene Rüben da wären; und auf einmal hatte ich ein ganz schreckliches Gefühl. Du hast keine Ahnung von den Schmerzen, Teddy – ganz zusammengezogen hat es mich. Dort an der Ecke lag ich – – und deine Tante kam, um nach mir zu sehen, und schleppte mich heim wie einen Sack.

Ich wär' überhaupt nicht mehr gesund geworden, wenn deine Tante nicht gewesen wäre. ›Tom,‹ sagte sie zu mir, ›du mußt einfach wieder gesund werden!‹ Und ich mußte! Dann wurde sie krank. Krank wurde sie wohl . . . aber das Sterben . . . das liegt deiner Tante nicht. ›Großer Gott!‹ sagte sie. ›Als ob ich einfach davongehen und dich allein hantieren lassen würde!‹ Jawohl, das hat sie gesagt. Die Zunge hat sie auf dem rechten Fleck, deine Tante! Aber ihr Haar hat's mitgenommen – und ich konnte sie bitten, so viel ich wollte – sie mochte die Perücke nicht tragen, die ich ihr gekauft hatte – von der alten Dame im Pfarrhaus . . . .

Also, der Rote Tod, der fegte die Menschen einfach weg, Teddy. Von Begraben war gar keine Rede mehr. Und auch die Hunde und Katzen und Ratten und Pferde nahm er mit. Schließlich war jedes Haus und jeder Garten voll von Leichen. Nach London zu konnte man überhaupt nicht gehen, so rochen sie – und wir mußten aus der Hauptstraße ausziehen in die Villa, in der wir jetzt wohnen. Wasserleitungen und Untergrundtunnels waren auch verseucht. Wo der Rote Tod herkam, das weiß der liebe Gott. Die einen sagen dies, die andern das. Die einen sagten, es käme vom Rattenessen, und die andern sagten, es käme vom Garnichts-Essen. Wieder andere sagten, die Asiaten hätten ihn von Tibet gebracht – wo er überhaupt gar nicht besonders gefährlich wäre. Alles, was ich weiß, ist, daß er nach der Hungersnot kam. Und die Hungersnot kam nach der Panik, und die Panik kam nach dem Krieg.«

Teddy dachte nach. »Was hat den Roten Tod gemacht?« fragte er.

»Ich hab' es dir doch erzählt!«

»Aber warum war denn eine Panik?«

»Es war eben eine.«

»Aber warum haben sie denn Krieg angefangen?«

»Sie konnten nicht anders. Weil sie doch ihre Luftschiffe hatten.«

»Und wie ist der Krieg ausgegangen?«

»Ob er überhaupt aus ist, das weiß der liebe Gott, Junge,« sagte der alte Tom. »Ob er aus ist, das weiß der liebe Gott! Reisende, die hier durchkamen – – erst vorigen Sommer war einer da, der sagte, sie machten noch immer weiter. Sie sagen, droben im Norden machten Haufen von Menschen noch immer weiter, und ebenso in Deutschland und China und Amerika und wer weiß wo. Er sagte, sie hätten noch immer Flugmaschinen und Gas und alles mögliche. Jedenfalls – wir haben seit sieben Jahren nichts mehr gesehen, und in unsere Nähe ist niemand gekommen. Das letzte, was wir gesehen haben, war ein sonderbares, verschrumpftes Luftschiff, das davonflog – dort drüben . . . . Es war ein ziemlich kleines Ding, und hing nach der einen Seite, als ob irgendwas damit los wäre.« Er deutete mit dem Finger und blieb an einer Lücke des Zauns stehen, den Überresten des alten Zauns, von dem aus er in Gesellschaft seines Nachbarn, Mr. Stringers, des Milchmanns, dereinst die Samstagabend-Übungen des südenglischen Luftschifferklubs beobachtet hatte. Vielleicht stiegen nebelhafte Erinnerungen an jenen Nachmittag in ihm auf.

»Dort unten . . . sieh . . . wo alles so ganz merkwürdig rot und hell aussieht . . . das war die Gasanstalt.«

»Was ist Gas?« fragte der Junge.

»Ach! irgendwas Filmiges – Ungreifbares, was man in die Ballons tut, damit sie steigen. Und auch gebrannt hat man es, ehe die Elektrizität kam.«

Der kleine Junge bemühte sich vergeblich, sich auf Grund dieser Einzelheiten eine Vorstellung von Gas zu machen. Darauf kehrten seine Gedanken zu einem früheren Thema zurück.

»Aber warum haben sie nicht aufgehört mit dem Krieg?«

»Aus Eigensinn. Jedem tat er weh . . . aber jeder tat auch den andern weh . . . und alles war voller Stolz und Patriotismus, und so haben sie lieber alles über den Haufen geschmissen. Machten einfach weiter . . . immerzu. Und nachher waren sie verzweifelt und wütend.«

»Aber er hätte aufhören müssen!« sagte der Junge.

»Er hätte gar nicht anfangen müssen!« sagte der alte Tom. »Aber die Menschen waren hochmütig. Die Menschen waren hochmütig und überhebend und vornehmtuerisch. Hatten einfach zu viel zu essen und zu trinken. Nachgeben – – das gab's nicht! Und nach einer Weile verlangte auch niemand mehr, daß der andere nachgeben sollte. Niemand verlangte das mehr . . . .«

Er sog gedankenvoll an seinem welken Zahnfleisch, und sein Blick schweifte über das Tal hin, wo die zerbrochenen Scheiben des Kristallpalastes in der Sonne funkelten. Ein unklares, uferloses Gefühl vergeudeter und unwiderruflich verlorener Möglichkeiten überkam ihn. Und er wiederholte sein endgültiges Urteil über all diese Dinge – eigensinnig, langsam, abschließend – eine Schlußkritik des Ganzen:

»Du kannst sagen, was du willst,« sagte er. »Er hätte gar nie anfangen sollen.«

Er sagte es ganz einfach . . . . Irgendwer hätte irgendwo irgend etwas verhindern müssen. Aber wer oder wie oder warum – das lag alles jenseits seines Horizonts . . . .