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Luise Westkirch – Im Teufelsmoor

Erzählung

Luise Westkirch, Im Teufelsmoor, Union Deutsche Verlagsgesellschaft, Stuttgart, Berlin, Leipzig, [o. J.]


Er hatte nicht bestanden vor den Augen seiner Vorgesetzten. In Bederkesa war er ausgebildet worden, jenem Seminar, in dem damals noch den künftigen Volksschullehrern außer den nötigen Kenntnissen auch die für ihren Beruf wünschenswerte leibliche Bedürfnislosigkeit und Virtuosität im Fasten eingeübt wurden. Aber er wollte die tiefe Weisheit solcher Exerzitien nie begreifen, und so oft ein neuer Sparkniff des Ökonomen der Anstalt eine kleine Revolte unter den hungrigen Zöglingen hervorrief, stand er an der Spitze. Der Rektor hatte das Pult des hartnäckigen Revolutionärs durchsuchen lassen und zwischen bösen Aphorismen das halbfertige Manuskript einer Novelle entdeckt, das von inkorrekten Anschauungen strotzte.

So war die vorgesetzte Schulbehörde trotz seines mit Auszeichnung bestandenen Examens schon entschlossen gewesen, von seiner Verwendung im Staatsdienst abzusehen, als ein alter Schulrat für den Verurteilten eintrat, ein milder, und kluger Herr, der es unweise fand, aus Furcht vor Brandschaden die Feuer auf der Erde auszulöschen. Eindämmen, dienstbar machen müsse man das gefährliche Element. Und mit seinem Lächeln wies er auf die frisch gegründete Lehrerstelle in Klinkerberg hin, einer Kolonie im Herzen des Teufelsmoors, einer Wildnis, in deren Geheimnisse zu jener Zeit weder der Pfarrer noch der Gendarm völlig eingedrungen waren.

Noch hatte keine Volkszählung die Kopfzahl des zivilisationsscheuen Gesindels festzustellen vermocht, das außer den fünf Kolonistenfamilien auf der unabsehbaren, mit Heidekraut und wildem Birkenbusch bestandenen Fläche in Torhütten und Erdlöchern hauste, ein Gesindel von Besenbindern, Bettlern und Dieben, die Reste zigeunerhafter Mischrassen, die, vor der vordringenden Kultur flüchtend, sich in diesem ödesten, fast unerforschten Landstrich von ganz Nordwestdeutschland zusammengeballt hatten. Mit den Alten war nichts mehr anzufangen. Als ewig rückfällige Sträflinge bevölkerten die Unbändigsten von ihnen die Gefängnisse Bremens und Verdens; die anderen führten das Leben der Füchse auf der Heide.

Um wenigstens die Jugend germanischer Gesittung zu gewinnen, hatte man das Wagnis beschlossen, in dem verrufenen Klinkerberg eine Schule zu gründen, einklassig und mit einem einzigen Lehrer. Wer berufen wurde, als geistiger Pionier in diesem Urwald von Unwissenheit und vererbten wilden Instinkten Bahn zu brechen, würde zu vorwitziger Kritik schwerlich Muße und Stimmung finden, und die feurigste Tatkraft und der unzähmbarste Auflehnungsdrang mußten sich müd und mürbe stoßen im täglichen Anrennen an die dicken Schädel der Moorbauern, an den stumpfen Trotz der böswilligen Wildlinge. Man konnte einem Tugendhaften die Bearbeitung solch steinigen Ackers kaum zumuten. Mochte also Wildheit an Wildheit sich brechen!

Den Kollegen leuchtete die Verständigkeit des Vorschlags ein. Sie erinnerten sich in jäher Milde, daß die Mutter des Unbotmäßigen die brave Witwe eines allen Autoritäten zeitlebens fromm ergeben gewesenen Volksschullehrer war. Ihr zuliebe sah man von unwiderruflicher Verdammnis ab, und der Sünder wurde zur Läuterung und Besserung in das Fegefeuer von Klinkerberg verwiesen.

Er empfing sein Urteil mit einer Art grimmer Befriedigung. Nur knirschend hatte sein trotziger Nacken das Joch des Lehrerberufs auf sich genommen. Hätte es sich um ihn allein gehandelt, er würde seinen Abschied wie ein Geschenk begrüßt haben. Aber ihm lebte eine Mutter, die er liebte, die ihre kargen Witwengroschen zusammengekratzt hatte, um ihrem Einzigen eine möglichst gelehrte Ausbildung zu teil werden zu lassen, und die auf seine Ernennung zum Lehrer als auf die Erfüllung ihres höchsten Wunsches hoffte. Diese Mutter war krank und würde niemals genesen. Wenn er mit Schimpf vom Seminar gejagt wurde, so betrog er sie um die Freude ihrer letzten Lebensjahre; wenn er nicht Lehrer werden konnte, sich in einen neuen Beruf erst einarbeiten mußte, so nahm er sich die Möglichkeit, sie zu unterstützen, jetzt, da sie der Unterstützung bedurfte. Mochte es also sein um Klinkerberg! Er war noch jung genug, die Wilden für die besseren Menschen zu halten.

An einem der ersten Septembertage brach er nach seinem Bestimmungsort auf. Er hatte den Weg gewählt, der sich über den sandigen Geestrücken durch die Ortschaften Quelkhorn, Wilstedt, Tarmstedt, Heppstedt am Rand des Moors hinzieht. In Ottersberg ließ er die Bahnlinie zurück, aber er hatte das Glück, einen Fischerhuder Bauern zu finden, der freundlich ihn und sein Gepäck in seiner Kalesche bis Quelkhorn mitnahm. Der dortige Lehrer verschaffte ihm am nächsten Morgen Gelegenheit mit einem Mehlwagen bis zur Wilstedter Mühle. Von Wilstedt bis Heppstedt lud ein Torfbauer sein Gepäck auf die Karre, während er selbst auf Schusters Rappen nebenher trabte. Aber in Heppstedt hörte die Landstraße und somit jede Möglichkeit einer Beförderung mittels Achse auf. Nicht einmal einen Burschen mit einer Schiebkarre für seine Bücherkiste konnte er bekommen, weil Burschen und Schiebkarren bei der Kartoffelernte nötig waren. Doch versprach der freundliche Wirt gegen Zusicherung guter Bezahlung, am nächsten Sonntag das mordsschwere Ding herausschaffen zu lassen, wohlverstanden, falls der Herr Lehrer es wirklich bis dahin an einem so faulen Orte aushielte. Er wolle nichts weiter sagen, sein Haus habe ein Strohdach. Er hoffe nur, daß der junge Herr einen guten Revolver in der Tasche mitführe, ihn auch stets geladen und die Patronen trocken halte.

Also ermutigt kehrte Fritz Markwardt, nachdem er sein Mittagsmahl eingenommen hatte, der Landstraße, dem Symbol der Kultur, den Rücken und stieg auf einem holprigen Feldweg zum Moor hinunter, das endlos und düster im Glanz der Mittagsonne vor ihm lag. Bald hörte auch der Feldweg auf. Ein von eingegatterten Wiesen begrenzter Grasstreifen zog sich vor ihm ins Unabsehbare. Räderspuren, in denen schlammiges Wasser stand, bezeichneten ihn als Verkehrsstraße.

Die Sonne brannte, sein Felleisen drückte, unter seinen Schritten quatschte der schwammige Boden. In den Gräben rechts und links stand goldig braunes Wasser zwischen fetten Wucherpflanzen. Ein Modergeruch stieg von ihm auf. Dennoch begann der Wanderer damit zu liebäugeln, rasend vor Durst zwischen dem Himmel von grauglänzendem Stahl und dem vergilbten, fahlen Grün der herbstlichen Wiesen. An einem der Gatter stand ein Mann.

»Bin ich hier auf dem Ochsendamm?« fragte Markwardt.

Der Mann betrachtete ihn. »Se kümmt dr'hen!«1

Dabei schleuderte er einen toten Maulwurf in den Graben.

»Was machen Sie?« rief der junge Lehrer zornig. »Nun kann niemand das Wasser trinken!«

»Nee, drinken kann dat keen',« antwortete der Mann und feuerte eine Ratte dem Maulwurf nach.

Fritz Markwardt wanderte weiter. Die Wiesen, die Gatter, die Gräben hörten auf. Kniehohes Heidekraut breitete sich vor ihm aus. Heidekraut rechts, links, geradeaus, braunrot schimmernd im Purpur seiner schon halbverwelkten Blüten, ein unabsehbarer Teppich, über dem die rasch sinkende Sonne gleich einem Feuerballe hing. Fern am Horizont drehte eine Windmühle ihre Flügel. Zwei waren rot, zwei schwarz, die rote Sonne übergoß sie wie mit Blut. Es schien an ihnen herabzuträufeln auf die Wipfel der stumpfschwarzen Föhren daneben. Und außer diesen spukhaft grellen Flügeln, die sich im Kreis drehten wie die Segel eines verfluchten Schiffes, kein Haus, kein Baum, kein Mensch. Hoch am Himmel krächzende Raben, unter den Füßen die Heidefläche, glatt wie der unbewegte Spiegel des Meeres und ohne anderes Räderspuren in Sumpf und Sand, über denen das hohe Kraut deckend zusammenschlug. Violett färbte sich der Himmelssaum. Zu dem Durst gesellte sich bei dem Wandernden die Furcht, fehlgegangen zu sein, sich zu verirren in der einbrechenden Nacht, eine Furcht, die ihm die kalten Tropfen auf die Stirn trieb. Er ließ das Felleisen zur Erde gleiten und schöpfte Atem. Wohl mochte, wer hinter dem breiten Gürtel dieser Wüste hauste, abgeschlossen von der bewohnten Erde, andere Gesetze gutheißen, von anderen Leidenschaften, Wünschen und Hoffnungen bewegt werden als die übrige Menschheit. Zum ersten Male in dieser schaurigen Abendstunde legte solche Ahnung sich kalt wie Nachtreif auf sein jugendliches Selbstvertrauen. Aber er rüttelte sich gewaltsam auf. Er legte die Hand über die Augen; er spähte über das flache Land. Zur Rechten wurde die Gegend unverkennbar buschiger; ein mauseriger Wald mochte dort seinen Anfang nehmen. Kein Wald! Über den nächsten Baumwipfeln schwebte, den leuchtenden Abendhimmel trübend, ein bläulicher Schleier, Rauch, das sicherste Anzeichen der Nähe menschlicher Wohnungen.

Rascher schritt der Müde aus. Schon lugte durch das Grün der Eichen der Giebel eines Strohdachs, die erste Heimstätte nach einer Wanderung von vier Stunden.

In einem kleinen Busch von Eichen und Edeltannen stand sie an einer fast kreisrunden Grasfläche von etwa einem Kilometer Durchmesser, die ringsum von ähnlichen Büschen eingefaßt war, aus deren jedem die kompaktere Masse eines Gebäudes sich abhob. Es war ein langgestreckter Bau mit tief zur Erde herabgehendem Dach, winzigen Fenstern mit in Blei gefaßten Scheiben und einer Menge Türen. Fritz Markwardt öffnete die ihm zunächst liegende und mußte sich tief bücken, um nicht mit dem Kopf gegen den Türbalken zu stoßen.

Der Rauch, der ihm freundlich den Weg gewiesen hatte, erfüllte den ganzen Innenraum des schornsteinlosen Gebäudes. Durch ihn sah er verschwommen wie Schatten mehrere Personen sich um ein Torffeuer bewegen, das in einem Loch am Boden brannte.

Den Hut abnehmend, grüßte er: »Ich bitte um Entschuldigung, ist dies die Kolonie Klinkerberg?«

Um ihn hatte sich ein Kreis gebildet von kleinen und großen Leuten, aber sie antworteten nicht, sie starrten ihn an. Die Antwort kam aus einer dunklen Ecke, in der seine durch das Feuer geblendeten Augen zunächst nicht unterscheiden konnten.

»Klinkerberg? Frögt he na Klinkerberg? Jo. Dit is Klinkerberg. Un ik büm Vorsteher vun Klinkerberg. To weckeen wuttst denn du, segg?«

»Ich möchte ins Schulhaus. Ich bin der neue Lehrer.«

»Jo, jo, en Schol' hebb wi. En Lehrer krieg' wi. Un dat büst du? Süh, dat's recht. – Mudder, is he woll en strammen Kierl? Wat?«

»Kann 't nich seggen, Vadder.«

»Ein Smachtlappen künn wi nich bruken. Denn harr wi man oll Korsmaker Ehlers behollen künnen. – Wat seggt he? Wat?«

Einer der Schatten hatte sich zum Torffeuer gebeugt und mittels eines Spans ein winziges Öllämpchen angezündet, das an einem der glänzend schwarzen Pferdeköpfe am berußten Herdhimmel hing. Im Dämmerlicht, das es ausstrahlte, unterschied Fritz Markwardt inmitten eines tollmachenden Gewirrs von bemalten Truhen, Spinnrädern, Webstühlen, Viehköpfen, blinkenden Zinnschüsseln und Ackergeräten eine kräftige Frau mit einem strengen Gesicht, dessen Züge so unbeweglich fest standen, als wären sie in eine hölzerne Maske eingeschnitten.

»Bitte, kann ich etwas zu trinken bekommen?« murmelte er. Alles andere war ihm in diesem Augenblick gleichgültig.

»Jo, Melk kannst hebben,« versicherte die Frau, öffnete die Stubentür und kehrte sogleich mit einer braunen Schale voll Milch zurück, die sie samt einer Tasse auf eine der bunten Truhen setzte.

»Un eten kannst ook hier hüüt abend  –« Aus dem Winkel kam ein trockenes Husten; die Frau setzte rasch hinzu: »Morgen büst denn bi'n Buur Clüver. Wie hebb dat utmakt, dat dat ümgeiht, di to beköstigen, wie fief Kolonisten vun Klinkerberg. Dat annre Pack het so sülwst nix to freten.«

»– Denn künn' wi aber ook verlangen sien, dat du en Ooge up use Appelbööme hollst,« knurrte die Stimme aus der Ecke, »dat de Spitzbubenbanne, de schwarten Tatern de nich plünnert! Oll Schandarm Fritzen dogt nix mihr. Drüm hebb wi üm en Scholmeester petischoneert. Dat säbente Gebot, das säbente Gebot; versteihst woll, dat mötst de Bengels in de Knaken 'rinkarwatschen.2 – He, Mudder, wat seggt he? Schüll he dat woll kumpabel sein?«3

»Jo, Vadder, vör'n Scholmeester sieht he jo gans harthaftig ut.«

Verblüfft über die Zumutungen und Urteile, die ihm da in einem Platt, wie er es nie vernommen hatte, um den Kopf wirbelten, richtete Fritz Markwardt seine Augen auf die Ecke, aus der die alte Männerstimme hervorknarrte. Er sah in ein knochiges, hageres Bauerngesicht mit schmalen Lippen und großen Ohren, über die lange weiße, an den Spitzen umgebogener Haare fielen. Beweglich in dem Gesicht schienen nur die Augen, die scharf und blank in tiefen Höhlen lauerten. Der Rock, das Hemd, das Beinkleid und die Strümpfe des Mannes waren blau, in verschiedenen Schattierungen, in verschiedenen Graden der Abnutzung und mit einem leicht dämpfenden Überzug von Ruß und Staub, aber blau war der Anzug von oben bis unten, und in den Händen hielt der Greis ein blaues Strickzeug.

Das Zuschlagen einer Tür lenkte Fritz Markwardts Aufmerksamkeit nach einer anderen Seite. Eine junge Dirne war eingetreten. Sie hatte die blonden Haare glattgekämmt; aus blauem Mieder schauten sehr saubere Hemdärmel. Unwillkürlich stand er auf von der Truhe, auf die er neben seine Milchschale hingesunken war, und verbeugte sich. Wie eine Lichtgestalt erschien ihm das Mädchen in der schauerlichen Höhle; ein junges Gesicht, ein Lächeln. Einen Augenblick standen die beiden einander stumm gegenüber.

»Dat 's de nige Scholmeester, Wischen4,« erklärte die Bäuerin mit ihrer blechernen Stimme.

»Gu'n Dag!« sagte das Mädchen. Sie gab ihm nicht die Hand, aber ihre Augen lachten ihn freundlich an.

»Ich heiße Fritz Markwardt,« sprach er, »und hoffe hier in Klinkenberg eine neue Heimat zu finden.«

Hinter seinem Rücken war ein Scharren und Klappern gewesen. Der Alte in der Ecke stand jetzt aus seinem knarrenden Strohsessel auf und hustete.

»Denn sett di in Gottesnamen 'ran, Scholmeester!«

Sich umwendend, sah Markwardt einen viereckigen Holztisch. Eine dampfende Schüssel und ein Zinnkrug standen darauf. Vor jedem Platz lag ein Löffel. Teller gab's nicht. An das obere Ende setzte sich der Bauer, an seine linke Seite die Bäuerin, neben sie Wischen, die Haustochter, die Mägde, die kleineren Kinder. An des Bauern rechter Seite saßen die Männer, Hannes, der Großknecht, Lorensen, ein Heidhauer, Piter, der Kleinknecht, zu unterst der Schulmeister. Das Jüngste sprach ein kurzes Gebet. Dann fuhr der Bauer mit dem Löffel in die Schüssel, ihm nach gleichzeitig die Bäuerin und der Großknecht, darauf der Heidhauer und Wischen, Kleinknecht und Magd. Es ging erst im Takt, dann außer Takt, rasend schnell. Wer am raschesten löffelte, bekam das meiste. Bei Fritz Markwardt überwand der Hunger den Ekel. Er fuhr wie die anderen in die Buchweizengrutze und bemühte sich, die Mäuler nicht anzusehen, welche die Löffel ableckten. Als die Schüssel ausgekratzt war, schnitt der Großknecht jedem eine Scheibe Brot herunter, und der Bauer schob Markwardt einen gefüllten Becher hin.

»Da, Scholmeester, hest en Kroos Beer5. Nu neih d'r wat 'nen, dat de stahn kannst«.6

Ihm aber drehte sich das Hirn in dem von Sonnenbrand und Rauch schmerzenden Kopf. Er schob das Braunbier zurück.

»Wenn Sie mir das Schulhaus zeigen lassen wollten. Ich möchte mich schlafen legen.«

»Kannst hebben,« sagte der Bauer. »Piter! wies' mal 'n Scholmeester de Schol!«

Der halbwüchsige Knecht lud grinsend Markwardts Felleisen auf die Schulter. Von einem Schrank langte die Bäuerin ein Stümpfchen Talgkerze und reichte es dem Scheidenden. Aber Wischen stand auf der Schwelle und lachte ihn aus großen blauen Augen an.

»Dröm d'r ook wat Fienes, Scholmeester!«

Dann schlug die Tür hinter ihm zu. Frische Nachtluft umwehte ihn. Am schwarzen Himmel glitzerten die Sterne, groß und scharf leuchtend, wie er sie nie gesehen hatte. Aber auf der Erde war's undurchdringlich dunkel. Der Kleinknecht wanderte und wanderte. Wie im Traum stolperte Fritz Markwardt ihm nach.

Da hörte er eine Tür in den Angeln kreischen. Sein Felleisen polterte auf den Boden.

»De Schol,« sagte der Knecht. »Adjüs!«

Fritz Markwardt sah keine Sterne mehr über sich. Er zog sein Feuerzeug aus der Tasche und zündete mechanisch das Talgstümpchen an. Es beleuchtete einen mäßig großen Raum, in dem ein halbes Dutzend Bänke und Tische stand. Auf dem festgestampften Lehmboden lagen zerbrochene Weidenzweige. In einer Ecke befand sich ein vielfach gesprungener eiserner Kochofen, geradeaus eine schwarze Schultafel.

Mit gleichgültigem Blick überflog Fritz Markwardt all dies. Er suchte eine Kammer, ein Bett. Aber die schmale Tür drüben führte in einen stallartigen Ausbau. Das Schulhaus umfaßte nur diesen einen Raum. Da er ratlos die nackten Wände musterte, entdeckte er, daß die schwarze Schultafel eine Handbreit von der Wandfläche abstand; sie hing auf ihrer anderen Seite in Angeln, und als er sie drehte, erkannte er, daß sie ursprünglich gar keine Tafel, sondern die Tür eines der ortsüblichen Wandbetten war, die wie viereckige Käfige in die Hausmauer eingebaut sind. Einiges Bettwerk lag in der Öffnung. Die Überzüge waren nur mäßig sauber, aber der Todmüde prüfte nicht lange. Er warf die Kleider ab, löschte den Lichtstumpf und sank in Schlaf.

Bald wurde er jedoch wieder aufgeweckt dadurch, daß die Haustür sich öffnete und ein zweiter Schlafgast zu ihm in die Koje kletterte, der allen Vorstellungen gegenüber hartnäckig erklärte, das sei seine Schlafstelle und er bleibe da! Andere Leute könnten das halten, wie sie wollten. Also übernachtete Fritz markwardt auf der ausgehängten Türtafel auf dem Erdboden und sammelte genügend Galle in sich zu der Auseinandersetzung, die er am nächsten Morgen mit dem Ortsvorsteher zu haben gedachte.

Wie früh er kam, Vorsteher Henzes Gedanken hatten sich schon mit ihm beschäftigt. Korl, sein Ältester, hatte hinüber müssen zum Kolonisten Clüver mit der Meldung, der neue Schulmeister wäre da. Sie, Henzes, hätten ihn gestern gefüttert, heut müsse der Nachbar ihn nehmen. Aber Clüver, der nicht auf den Kopf gefallen war, wehrte sich, dem Vorsteher den Dritteltag für voll gelten zu lassen. In den Zwist der beiden kam Markwardt.

»Du kümmst mit de Sünn', Scholmeester,« sagte Henze befriedigt. »Dat mag ik lieden. Denn schall Ehlers gliek de Kinners tosamenlüden7  –«

»Herr Vorsteher,« unterbrach ihn Markwardt. »Ich weiß nicht, was Sie sich unter einem Lehrer vorstellen, das Richtige jedenfalls nicht. Von Schule halten kann vorläufig keine Rede sein. Vor allen Dingen fordere ich, daß Sie meine Wohnung von nächtlichen Schlafgästen säubern.«

»Wat seggt he?« fragte Henze.

Clüver sah den Vorsteher an. »Dat ward woll up oll Ehlers gahn.«

Da fuhr auch Henze sich hinters Ohr. »Dat's slimm! Wat fang' wi mit de ollen Kierl an? Scholmeester, so 'n mageres Postür nimmt doch nich veel Platz weg; du büst ook man behende. Geiht dat gor nich, dat ji ji tosamen inrichten deiht?«

An Markwardts Stirn schwollen die Zornadern. Er sagte seine Meinung mit der ganzen Leidenschaftlichkeit seines Temperaments. Es war eine Beleidigung, ihm solchen Stall als Wohnung zuzumuten. Wenn die Gemeinde wirklich zu arm war, ihm ein würdigeres Schulhaus anzubieten, so mußte sie's ihm wenigstens in peinlich sauberem Zustand übergeben und sein Hausrecht schützen. Der Vorsteher brauchte keine Kinder zusammenzurufen! Er würde nicht eine einzige Schulstunde halten, bis seinem Verlangen entsprochen war. Er würde überhaupt nie eine Schulstunde halten, wenn man ihm nicht die Achtung entgegenbrachte, die ihm zukam. Er verlangte sein »Sie« in der Anrede von jedermann, den Vorsteher eingerechnet. Er verlangte das Stück Gartenland und die Naturalabgaben, die zu der Schulstelle gehörten, er wollte nicht bei den Bauern in die Runde essen, es gefiel ihm nicht.

Clüver und Henze hörten ihn schweigend an, der Großknecht ließ den Gaul im Stich, die Magd den Melkkübel, Wischen ihr Butterfaß, die Kinder kamen herbei, den Finger im Mund, mit großen Augen. Eine so lange Rede hatten die Wände des Henzeschen Hauses noch nicht gehört. Ohne einen Bescheid abzuwarten, stürmte Markwardt fort.

»Gott bewohr' mi,« erklärte Henze bewundernd, »dat's en Muulwark8, Clüver, wat?«

»De Scholmeester is got,« versicherte Clüver mit Überzeugung.

»Schol hollen schall he aber doch morgen an Dag,« entschied Henze. »Dat rümmer konkelur'n doh ik en verpurren«9.

Und er schickte die Magd ins Schulhaus, um zu scheuern, und Ehlers mit der Gemeindeglocke durch Klinkerberg, um auszuklingeln, daß morgen, Donnerstag, der neue Lehrer Schule halte und alle Klinkerberger ihre Kinder pünktlich und rein gewaschen um sieben Uhr morgens ins Schulhaus zu schicken hätten.

Fritz Markwardt durchquerte unterdessen das wunderliche Grasrund, um das die Hütten von Klinkerberg im Ring geschart standen wie wilde Pferde zur Abwehr der Wölfe. Er kam auf der anderen Seite an den blanken Kanal, an dem, im Gegensatz zu anderen Moordörfern, in Klinkerberg nur einige Gehöfte lagen, und blind vor Zorn überschritt er die nächste Brücke, nicht sehend, wohin er ging, und nicht die Menschen gewahrend, die ihm verwundert aus dem Dunkel der Haustüren nachschauten.

Also in diese Wüste hatte man ihn verbannt! Zwischen diese Indianer – Indianer ohne die traditionellen Indianertugenden der Gastfreundschaft, der Großmut. Unter diesen entarteten Wilden wagte man seine Kraft, sein Streben zu vergraben, hoffte man, es eingescharrt zu haben für immer! Die Herren irrten sich! Noch fühlte er sich lebendig, er erstand aus dieser Gruft! Er blieb nicht!

Und mitten in seiner Empörung packte ihn etwas wie ein heißes Mitleid mit sich selbst. Das Elternhaus erstand vor seinem Blick. Etwas wie einen Lichtschein breitete es selbst auf die traurige Öde hier. Der fröhliche Vater, die sinnige, still waltende Mutter und die tollende Geschwisterschar! Was für Gestalten voll Lust und Leben, voll raschem Hassen und Lieben zogen an ihm vorüber! Und dann kam der Tag, da all diese Lebensvollen und er mit ihnen traurig die Köpfe hängen ließen wie Rosen im Winterfrost. Er sah eine verdunkelte Kammer, in den Bettchen rechts und links ächzende Kranke. Dann wurden die Kranken still, die Bettchen leer. »Sie sind gesund,« sagte die Mutter. Ein Morgen kam, der erste, da er mühsam, wankend wieder hinaustrat ins Tageslicht, mit sehnsüchtigen Augen den Bruder, die Schwestern suchend, und nichts sah in der leeren Stube als Vater und Mutter in schwarzen Kleidern, den Vater ohne sein sonniges Lächeln, die Mutter mit Augen, die vom Salz der Tränen wund gebrannt waren und bei seinem Anblick mit neuen Tränen sich füllten.

»Wo ist Hans? Wo ist Meta, Anna? Wo die kleine Rosi?«

Der Vater legte ihm schwer die Hand auf die Schulter.

»Du mußt nun gut tun für sie alle zusammen. Deine Geschwister sind bei Gott.«

Er hatte es redlich versucht, aber den Vater zog es seinen Lieben nach. Dann kamen die traurigen Jahre allein mit der Mutter, die blieb, weil er ihrer bedurfte. Das Lachen hatte sie verlernt, aber sie sparte und mühte sich für die Zukunft ihres Einzigen. Eine stolze Zukunft mußte das werden? All das unausgezahlte Glück ihrer anderen Kinder war der liebe Gott dem einzigen ihr übrig Gebliebenen schuldig. Sie wiederholte es täglich, sie glaubte daran. Zuletzt hatte Fritz Markwardt auch daran geglaubt. Und die Zähne zusammenbeißend, hatte er sein Äußerstes getan, um dem Glück, das kommen mußte, die Stätte zu bereiten.

Einmal hatte sein Flügel ihn gestreift. Noch eine Gestalt trat hervor aus dem Dunkel seiner Erinnerungen. Als Knabe hatte er mit ihr gespielt, der kleinen Hausgenossin, des vorgesetzten Rats Tochter. Wenn er in den Ferien vom Seminar heimkam, sah er sie, die fortfuhr seine Mutter zu besuchen. Wenn er mit heißem Kopf über seinen Büchern saß, bis tief in die Nacht, wenn er lernte und studierte schier über seine Kräfte – ihr Bild war voran unter den Bildern, die ihn rastlos vorwärts rissen. Das blasse schöne Gesicht mit den hochmütig geschürzten Lippen, den stumm verheißenden Augen lockte und reizte: »Nun schwing dich auf zu meiner Höhe. Ich bin erreichbar. So erreiche mich!«

Noch sah er sie vor sich stehen wie bei seinem letzten Abschied, damals, als er ins Examen ging. In seiner Mutter Stube war's, im Rahmen der Tür. Leise rauschte ihr dunkles Seidenkleid, der kostbare Pelz war halb von ihren Schultern geglitten, die Hand im feinen Handschuh lustig erhoben.

»Auf Wiedersehen, Herr Markwardt! Vielleicht wartet man  –«

Er wollte sie wiedersehen, als Oberlehrer, Rektor, oder als berühmter Schriftsteller! Eine Stellung oder ein Name! Es sollte ihnen nicht gelingen, ihn zu unterdrücken!

Da fuhr er aus seinem Traum auf, sah sich um. Außer ein paar Torfhaufen fern am Horizont, soweit die Blicke trugen, nur blaß aufblinkende Tümpel, abgeblühtes Heidekraut, weißes Flockengras und Birken, von denen die gelben Blätter in Schauern regneten wie seine goldenen Illusionen. Aber jetzt regte sich's zwischen den dünnen weißen Stämmchen, leise, ohne das fröhliche Zweigknacken und Blätterrauschen der Wälder, fast lautlos wie alles Geschehen in diesem fluchbeladenen Landstrich, aber mit leidenschaftlichen Gebärden.

Ein Knäuel Kinder wälzte sich aus dem Birkenbusch; voran ein großes Mädchen, dessen Anblick Fritz Markwardt seltsam durchschauerte, denn es erschien ihm wie die Verkörperung selbst der Wildnis. Mit scheuen schwarzen Augen, das bräunliche Gesicht umflattert von wirren Haarsträhnen, barfuß, bloßarmig, in zerfetztem Rock und Mieder tauchte es ins Sonnenlicht. In der hochgehobenen linken Hand schwang es einen toten Hasen, die Rechte hatte es abwehrend zurückgestreckt. Ein halb Dutzend Jungen folgte.

Aber jählings stockte die Hetzte; Verfolger und Verfolgte standen verstört beim Anblick des Fremden – nur einen Augenblick, dann fuhr der Trotz mit erneuter Gier auf die Beute. Aber die halbwüchsige Dirne faßte blitzschnell in den Schlitz des Leibchens, riß ein Messer hervor und stach blind zu gegen die nach dem Hasen haschenden Hände. Ein Aufschrei, ein kurzes Zurückweichen. Während die Jungen sich um den Getroffenen drängten, entsprang die Maid, mit weiten Sätzen durch das hohe Kraut streichend und urplötzlich verschwindend, Fritz Markwardt schien's, in die Erde selbst.

Er wandte sich zu den Zurückgebliebenen, vielleicht seinen künftigen Schülern: »Bist du verwundet, mein Jung'? Zeig her! Ist's schlimm?«

Der Bub' schob verstockt die Hand hinter den Rücken. Und da Markwardt ihn am Arm heranziehen wollte, riß er sich los, um sich beißend wie ein junger Fuchs, und rannte querfeldein in den Busch zurück, ihm nach die anderen. Im Augenblick war der ganze Knäuel wie fortgeweht. Melancholisch lag die braune Heide in der Glut der schon hochstehenden Sonne, so öde, als seit Jahren keines Menschen Fuß sie betreten.

Markwardt suchte seinen Weg nach Klinkerberg zurück.

Als er das Schulgebäude erreichte, den Fachwerkschuppen mit vermoostem, schadhaftem Strohdach, den die Gemeinde für ihren Lehrer gut genug befunden hatte, fühlte er seinen Grimm sacht verebben. Draußen vor den Fenstern stand Wischen Henze und schüttete Ströme von Wasser gegen die verstaubten Scheiben, während Lene, die Magd, Haufen von Staubflocken, zerbrochenen Weiden- und Birkenreisern und leeren Flaschen aus der Tür ins Freie beförderte.

Ein dritter stand dabei, ein alter Mann in blauem Kittel, mit einem runden Gesicht und einer Haut wie gegerbtes Leder. Seine Augäpfel hatten eine eigentümliche Art, sich unter den Lidern zu verkriechen und immer gerade an den Stellen zum Vorschein zu kommen, wo man sie zur Zeit nicht erwartete, jeder einzelne unabhängig vom anderen, denn der Mann schielte.

Als er Fritz Markwardt sah, ballte der die Fäuste.

»'t is got, Scholmeester. 't is fihr got. Ik treck' denn ut10. De Klinkerbergers schall 't jo seihn. De schall 't seihn!«

»Was sollen die Klinkerberger sehen?«

»De Klinkerberger schall 't seihn. Ik hebb nix seggt. Jo nich!« Und er wandte sich zur Lene. »Paß up, Deern! dat mi keen' över mien Sluck kümmt. Dat keen' mi mien Sluck utsöppt. Scholmeesters krieg' gor to licht en drögen Hals.«

Und Markwardt einen wütenden Blick zuwerfend, riß er eine Flasche vom Boden auf, drückte sie mißtrauisch an die Brust und stampfte ohne Gruß davon.

»Dat's de oll Scholmeester,« erklärte Wischen.

»Der alte Schullehrer? Ja, haben Sie denn schon vor mir einen Lehrer hier gehabt?

»Woll, oll Ehlers. He harr man blot nich veel Tied to 'r Scholmeesterie, wiel d'r in Klinkerberg ümmer so veel Körf' to flechten sünd. Ehlers makt Körf'.«

»Körbe machte er?!«

»Aber Se brukt nich bang to wesen. In't Scholhuus kümmt Ehlers nu nich wedder. Vadder het em Bescheed seggt. He geiht nu bi de Buren slapen.«

»Ich danke Ihnen, Fräulein Henze. Ich danke Ihnen besonders, daß Sie persönlich sich bemühen, mein Haus in bewohnbaren Zustand zu bringen.«

Sie wurde rot und bückte sich befangen nach Eimer und Bürste.

Die Magd schlug eben die Tür des Schulhauses zu; es war Mittag.

Einträchtig wanderten der Lehrer und Wischen dem Henzeschen Hof zu, Markwardt noch ganz benommen von dem Problem des körbeflechtenden Lehrers. Lene, mit Eimer und Besen bepackt, ging vorauf. Aber Wischen sah Markwardt verstohlen von der Seite an und dachte, daß Schullehrer merkwürdig hübsche Jungen seien. Eine Neugier kam ihr. Sie rollte ihren Schürzenzipfel zusammen und wieder auseinander und kicherte vor sich hin.

»Nun, Fräulein Wischen?«

Ihre Munterkeit steckte an, Markwardt mußte auch lächeln.

»Ik – ik – Nee, ik kann 't nich seggen.«

»Sagen Sie's immerhin!«

Sie nahm einen Anlauf. »Hebbt Se – hebbt Se all en Brut, Herr Markwardt?«

Nun mußte er herzlich lachen. »Nein, Fräulein Wischen, noch hab' ich keine Braut. Wie kommen Sie auf den Gedanken?«

»Wiel Se seggt, dat Se in 'n Dörpe nich eten mögen. Wekeen schall denn för Se köken?«

Ja so, zum Kochen mußte er jemand haben! Da hatte sie recht. Ein stolzes blasses Gesicht tauchte plötzlich vor ihm auf: Karla, vor dem zersprungenen Ofen im verfallenen Schulhaus seine Buchenweizengrütze rührend – ein toller Gedanke! –

»Um niemand Umstände zu verursachen, könnte ich wohl im Wirtshaus essen?« fragte er. »Wie?«

»Wertshuus? Wertshuus is dr' nich up 'n Moor.«

»Kein Wirtshaus?«

»Nee, nee.«

Ja, dann allerdings  –«

Wischen kicherte, daß sie kaum Atem hatte.

»Was freut Sie denn so sehr?«

Sie schüttelte den Kopf. Aber als das Haus dicht vor ihnen lag, legte sie rasch die Hand auf seinen Arm.

»Nu mut Sie doch bi us eten kamen, Herr Markwardt, bet – bet dat Se 'n Fru find't!«

Ihre weißen Zähne blitzten, ihre Augen funkelten ihn an wie ein paar Saphire. –

Am Kessel, der dampfend über der Torfglut hing, waltete die Bäuerin.

Henze wollte dem Schullehrer, der ihm imponiert hatte, gern was Freundliches sagen, ohne doch den Gegenstand ihres Morgenstreites zu berühren, »um den Kerl nicht noch ausverschämter zu machen«. Er räusperte sich. Dann sagte er mit Nachdruck. »Osmer is na Langwedel makt.«

Markwardt konnte sich nicht enthalten zu fragen, ob das etwas Besonders sei, worauf Henze die buschigen Brauen hochzog.

»Den Düwel ook! Dat geiht mit de Isenbahn. Vun Bremen bet Langwedel ümmerlos mit de Isenbahn!«

Es stellte sich heraus, daß von allen, die um den Tisch saßen, noch keiner mit der Eisenbahn gefahren war, überhaupt kein Klinkenberger. Aber Osmer gedachte eine fette Erbschaft zu erheben. Dafür konnte man schon etwas so Unheimliches wie eine Bahnfahrt unternehmen.

»Dat is so,« sagte Henze noch. Und dann sprach niemand mehr ein Wort, weil Essen eine Arbeit ist, eine wichtige und ernsthafte. Nur die Löffel klapperten, und die heisere Schwarzwälderuhr tickte.

Mit dem letzten Bissen im Munde stob die ganze Tafelrunde auseinander.

Markwardt ging hinüber in sein Schulhaus. Der ärgste Schmutz war entfernt, und ein Sonnenstrahl, der durch die kleinen, bleigefaßten Scheiben fiel, vergoldete die Ärmlichkeit. Zwischen den rohen Tischen und Bänken kämpfte der junge Lehrer einen harten Kampf. Alles in ihm empörte sich gegen seine Umgebung. Daß er hätte aufspringen, davonlaufen dürfen aus dem Joch dieses Dienstes! In der ersten besten großen Stadt sich festsetzen, kämpfen in Reih' und Glied mit tausend anderen namenlosen Kämpfern um Stellung, Namen, Reichtum, um die Geliebte seiner Jugend! Seine Sohnespflicht verbot's. Nicht daran denken! Nicht daran denken! –

Er zwang seine Erregung nieder, nahm aus seinem Felleisen Papier und Tinte, um der Mutter, der er seine heiße Sehnsucht opferte, einen recht beruhigenden Brief zu schreiben. Aber als er die ersten Sätze von glücklicher Ankunft, liebenswürdiger Bewillkommnung, von der freundlichen Lage Klinkenbergs zu Papier gebracht hatte, packte ihn der Ekel, daß er aufsprang und den Bogen zerriß. Er konnte so frech nicht lügen, auch nicht aus Schonung. Später würde er schreiben, wenn er etwas Gutes sagen konnte, das kleinste Gute, das keine Lüge war.

Er begann seine neue Heimat darauf hin zu mustern, was geschehen könnte, um ihr einen Anstrich von Wohnlichkeit zu geben. Der Torfstall erwies sich, nachdem Lenens Besen ihn notdürftig gesäubert hatte, als ein Raum, der ebensogut eine kleine Stube abgeben konnte, und Markwardt beschloß, ihn zu seinem Privatzimmer einzurichten und seine Torfvorräte in dem angebauten Ziegenstall unterzubringen. Vor allen Dingen aber mußten im Schul- und Wohnraum Decke und Wände geweißt werden.

Er kehrte zu Henze zurück, fand ihn glücklich im Garten, wo er den Zaun ausbesserte, und trug sein Anliegen vor. Henze schob die Pfeife aus einem Mundwinkel in den anderen, bedachtsam abwägend, was sparsamer sei, sich die Äpfel und Kartoffeln weiter stehlen zu lassen oder die ausschweifenden Wünsche seines Schullehrers zu befriedigen. Er entschied sich für letzteres.

»Wenn Se 't dörchut verlangen sien,« sagte er mit Würde. »Ik doh mien Schülligkeet, Scholmeester. Nu bitt' ik mi aber ut, dat wie ook nich to klagen hebben.« Und er rief dem Großknecht, der auf der Wiese Klee schnitt: »Hannes! Klier11 mal en Scholmeester de Wände an!«

Bedächtig trug Hannes die Sense ins Haus, holte einen Eimer Kalk und einen Besen und tünchte noch am selben Nachmittag das ganze Schulhaus weiß von innen und außen. Markwardt selbst wusch Tische und Bänke und die schwarze Tafel vor seinem Bett ab. Dann war's auch schon Abend und Zeit für ihn, zu Henzes zum Abendessen zu gehen.

Nach der Mahlzeit winkte Henze dem Lehrer, vom Flett (dem Flur) mit in die Stube zu kommen. Das war ein mäßig großer Raum mit zwei Wandbetten, ein paar rundgeschweiften Schränken, einer Bank, einem Tisch, strohgeflochtenen Stühlen und einem eisernen Ofen, um den die Standespersonen sich zusammendrängten. Ein Öllämpchen hing am Deckenbalken. Die Weiber spannen, die Knechte und die jungen Leute strickten. Alles Männliche vom Hirtenbuben aufwärts rauchte. Blauer Qualm erfüllte die Luft. Kaum vermochten Markwardts Augen ihn zu durchdringen, seine Lungen rangen mit dem Ersticken. Und durch die Tür drängten immer mehr Menschen herein, alle in blauen Kitteln, alles »Quälgestalten« mit ausgearbeiteten Gliedern, früh gealterten Gesichtern. Blauer Tabaksrauch, blaue Menschen, und wenn er den Blick zur Erholung abwandte, sah er in Wischens starr auf ihn gerichtete Augen. Die waren blauer als alles andere.

Ihm wurde sonderbar zu Mut. Er fühlte, daß er im nächsten Augenblick etwas ganz Verrücktes tun müsse.

Da flog die Tür auf, weiter als zuvor. Ein kurzer, untersetzter Mann, in drei Mäntel gewickelt, eine Pelzmütze auf dem Kopf und eine Reisetasche in der Hand, drängte sich herein.

Einen Augenblick wurde es ganz still. Dann brach ein Tumult los: »Osmer! – Korl Osmer!«

»Minsch! föhrst du denn nich up de Isenbahn?«

Der Mann warf heftig seine Tasche auf die Erde.

»Eenmal un nich wedder! – Dunnerslag!«

Man brachte ihm einen Stuhl; er erzählte:

Bet Bremen ging dat Ding got. Nu kümm ik na de Statschon. – Un denn pendel' ik up un da, up un dal, ümmerlos. Up eenmol seih ik en Isenbahn inföhren. Aber dat ging d'r sihr unanständig to. De Mischen rut ut 'n Wagen un rin un was en Hopsassa, dat een sien eegen Wort nich hüren däh. Nee, denk' ik, rennt ji man to. Ik bün Buur Osmer. Mi warden de Beamten woll upföddern12 , dat ik mi rinsetten13 doh. Un do stünn ook so 'n Kierl mit 'n rote Mütz, de däh mi ümmer ankieken, un denn genug he de Isenbahn lang un ik denk' in mein Sinn: Nun söcht he mi en Stohl ut. Up eenmol kreeg he so 'n lütt Fläut an 't Muul un fläutet. Un denn fläutet die Isenbahn ook. Un hest nich seihn! Do geiht se hen.

Ik schrei nu los und lang mit den Roten. ›Wat 's dat för 'n Oart?‹ segg ik. ›Ik bün Buur Osmer, un ik wull medeföhrn. Holl up! in dusend Düwels Namen!‹ Do würr de Kierl noch disprat14 und meent: ›Uphollen wör nich, un nu künn ik luren bet Namiddag.‹ ›Nee,‹ segg ik, ›do kennt Se Krol Osmer slecht. Mi kriegt Se nich wedder to seihn bi ehr verflixte isenbahn.‹ Un do bün ik.«

Henze wandte sich zur Seite, um Markwardt gewissermaßen verantwortlich zu machen für das Unrecht, das einem Klinkerberger in der Welt draußen geschehen war. Aber der Lehrer hatte seinen Vorteil ersehen, und während des Ausbruchs der allgemeinen Entrüstung war er ins Freie entsprungen.

Dort stand er, die Fäuste an die Schläfen gepreßt, unter den kaltglitzernden Sternen und sein Herz schrie auf: Wo bist du hingeraten? Hältst du's aus? Kannst du das aushalten? –

Am nächsten Morgen gab Markwardt seine erste Schulstunde.

Es traten etwa dreißig Kinder an, Knaben und Mädchen, in allen Graden ländlicher Sauberkeit und zigeunerhafter Zerlumptheit, von allen Altersstufen. Aber unverkennbar sprangen dem Auge, das in dem Gewimmel die Individuen noch nicht unterschied, zwei scharf getrennte Rassen entgegen, zwei Typen ohne Übergangsstufen: die breitschultrigen, blonden, blauäugigen Friesenkinder mit einem an Roheit streifenden Selbstbewußtsein im wuchtigen Gang, in den vor Kraft schier ungelenken Gliedern, und die schmiegsameren, schwarzäugigen Sprößlinge eines fremden Wanderstammes, der, Gott mochte wissen wann, in dieser Einöde seßhaft geworden war, sehnig und behend, mit den lustig huschenden Bewegungen der Ratten und Mäuse und all der Völker, die, durch Jahrhunderte verfolgt und gehetzt, ein Leben in Unsicherheit führen, ein Dasein, auf die Schlauheit gebaut, nicht auf die Kraft.

Markwardt stellte vor allem die Namen seiner Schüler fest. Auch die Namen waren lehrreich. Osmer, Henze, Clüver, noch ein Meier-Henze und ein Meier-Clüver, damit waren die sächsisch-friesischen Namen erschöpft. Die anderen, obgleich germanisiert, verstümmelt, verrieten fremdländischen Ursprung. Vielen Familien war der Namen auch ganz verloren gegangen. Der Ort mußte ihn ersetzen. Es gab einen Korl vom Kattenbühl, einen Heinrich vom Rabenberg.

Den Jungen, der vor seinen Augen verwundet worden war, erkannte Markwardt wieder in einem Kolonistensohn, Krischan Clüver. Aber vergebens suchte er unter der Schar das messergewandte Mädchen. Sie war wohl nicht mehr schulpflichtig, dachte er.

Er begann nun die Kenntnisse der Schüler zu prüfen. So viel stellte er schon am ersten Tage fest: in der biblischen Geschichte wußten die größeren Friesenkinder einigermaßen Bescheid. Sie konnten auch ein paar kurze Gebete. Und als er anfing, mit weißer Kreide Buchstaben auf die schwarze Betttür zu malen, und nach Namen und Art fragte, bekam er nicht allzu entmutigenden Bescheid. Dagegen entsetzte ihn der Mangel an Anschauungsvermögen bei den Blondköpfen. Als er die Beschreibung einer Fliege forderte, gab der eine ihr vier Beine, der andere acht, ein dritter zwei. Sie hängten ihr vier Flügel an und bestritten dafür, daß sie Augen habe.

Was die Schwarzköpfe von den am Fenster herumsummenden Stubengenossinnen dachten, war nicht so leicht zu ergründen. Sie sahen ihn, wenn er sie aufrief, aus keineswegs dummen Augen an, hielten es aber vorläufig für klüger, ihre Meinung für sich zu behalten.

Ja, es gab zu tun für den Schullehrer in Klinkerberg. Aber als die bunte Schar auseinanderstob, da hob sich Fritz Markwardts Brust zum ersten Male seit seiner Ankunft frei und freudig im Bewußtsein des Könnens, in der Lust des Schaffens. Neuland! und er der erste, der die Pflugschar durchzog! Neuland! und vielleicht so strotzend von Kraft wie der schwarze Boden um ihn, der nach tausendjähriger Brache die Getreidehalme über Mannshöhe emportrieb, schwer von Ähren, wie die Geest sie nicht kennt! – –

Nach dem Nachmittagsunterricht begann er seine Antrittsbesuche. Er fand überall dasselbe: auf dem mit Steinen gepflasterten Flett das schwelende Torffeuer unter rußgeschwärztem Herdhimmel, von dem herab an schön gearbeitetem Haken der wuchtige Kessel hing; auf der einen Seite davon die Tenne mit den Stallungen, auf der anderen die kleinen engen Stuben mit den Wandbetten.

Auch die Menschen schienen auf den ersten Blick dieselben, sehnig, verarbeitet, wortkarg. Ab und zu fand er einen bleichen Mann oder ein fahl aussehendes Weib frostklappernd an der Glut hocken. Die Angehörigen sagten dann, der oder die habe das Fieber, gleichmütig, wie man sagt: es regnet. Einen Arzt zu Rate ziehen? Der Stadtarzt verstand sich nicht auf Moorfieber. Mutter Maresch besprach's, das half manchmal, manchmal half's auch nicht!

Er sprach von Lesefiebeln, Schiefertafeln und Schreibheften, die seine Schüler haben mußten und die er in Bremen für sie bestellen wollte, und begegnete großer Verwunderung darüber, daß das Lernen eine so kostspielige Sache sei. Wozu die Kinder Bücher brauchten, da sie doch einen Lehrer hätten?

Als er die fünf Kolonistenhöfe hinter sich hatte, erkundigte er sich nach den Wohnungen seiner anderen Schüler. Er bekam den Rat, sich keine unnötige Mühe zu machen. Die Gemeinde Klinkerberg erstreckte sich mehr als zwei Stunden im Umkreis, und niemand kenne genau all die Erdlöcher, in denen das Taterngesindel hause. Aber Markwardt bestand in schönem Eifer darauf, die Eltern all seiner Schüler kennen zu lernen, und am Sonnabend nachmittag machte er sich auf den Weg.

Die herbstlichen Blätter des Birkenbusches glänzten wie Gold in der Sonne. Über die verblühte Heide summten schon froststeife Hummeln. Es war etwas Festliches in der klaren Herbstluft, etwas, das Mut einflößte und Resignation zugleich, und Markwardt schritt rüstig aus. Unwillkürlich schlug er die Richtung ein, die er an jenem Morgen in seiner Erbitterung verfolgt hatte. Der Kinderknäuel, dem er damals begegnet war, deutete auf die Nähe menschlicher Wohnungen. Doch fand er zunächst weder Haus noch Menschen. Ein Raubvogel stob lautlos aus dem Busch, das war alles. Dann unterschied er in der Ferne, wo um einen Tümpel ein Streif harten, bitteren Grases sich hinzog, etwas, das sich bewegte. Er ging darauf zu und stand überrascht vor dem wilden Mädchen von jenem Morgen. Sie zerrte an einem Strick eine magere Ziege nach sich über den grünen Plan; ihre schwarzen Haare peitschten in Zotteln ihre nackten Schultern.

»Es ist nicht das erste Mal, daß wir uns sehen, Kind,« sagte er freundlich. »Ich bin Fritz Markwardt, euer neuer Lehrer. Und wie heißest du?«

Sie prüfte ihn mit mißtrauischem Blick, mit einer tiefen Falte zwischen den Brauen wohl eine Minute lang, überlegend, ob sie überhaupt antworten solle. Seine schlanke Gestalt, die keine körperliche Arbeit verdorben hatte, sein zartfarbiges Gesicht im Kranz der goldig blonden Haare, und etwas Sieghaftes im Blick der Augen, in Haltung und Gang verwirrten sie. Er sah anders aus als die Menschen, die sie kannte. Eine Lichtgestalt erschien er ihr auf dem düsteren Grund der Moorlandschaft.

»Trinka röpt se mi« sagte sie langsam.

»Und deine Eltern wohnen in der Nähe?«

»Hebb keen.«

»Keine Eltern? Arme Trinka. So wohnst du bei Verwandten?«

Das Kind schüttelte den Kopf.

»Allein? – Das kann doch kaum sein.«

Sie zerrte die Ziege weiter und antwortete nicht.

Er aber ging neben ihr. Sie interessierte ihn; er wollte sie noch nicht aus den Augen verlieren.

»Du bist nicht zur Schule gekommen, Trinka!«

»Nee.«

»Ich glaube aber doch, daß du noch schulpflichtig bist. Oder hat der Herr Pastor dich schon eingesegnet?«

Sie hatte ein Stengelchen Sauerklee ausgerupft und biß darauf.

»De Pastor weet gar nix vun mi.«

»Weiß nichts von dir? – Gehst du denn nicht zur Kirche?«

»Nee.«

»Mit den anderen Klinkerbergern nach Wilstedt?«

»Ik gah d'r nich hen.«

»So betest du für dich allein?«

»Nee.«

»Ja, sieh! Darum bist du auch so wild, stichst mit Messern nach deinen kleinen Kameraden.«

Sie zuckte die Achseln und warf den Sauerklee von sich.

»Wenn du den Jungen nun schlimm getroffen hättest? Wenn er tot vor dir im Heidekraut gelegen hätte, stell dir's vor! Wär' dir's nicht doch leid um ihn gewesen?«

»Nee.«

Es war nur ein Wort. Aber Markwardt erschrak vor dem Feuer des Hasses, das aus den jungen Augen brach.

»Kind! Kind! Weißt du nicht, daß der Heiland uns befohlen hat, unseren Nächsten zu lieben wie uns selbst? Bist du keine Christin?«

Sie sah ihn finster an. »De Buurs in Klinkerberg, de sünd Christen, wat?«

»Allerdings sind sie Christen.«

»Denn weet ik Bescheed.«

»Wie meinst du?«

»Och! Dat is all dumm Tüg! Vun leiw hebben snakt se, un wat se 'n Minschen to leed dohn künn, doht se!«

»Wie du,« sagte Markwardt mit Nachdruck.

Sie stutzte einen Augenblick. Dann warf sie den Kopf mit der fliegenden Mähne in den Nacken.

»Ik hebb noch nicht seggt, dat ik Krischan Clüver leiw hebb.«

»Trinka,« sagte er sanft, »du bist ein großes Mädchen, aber zu lernen bleibt dir noch viel. Komm Montag zur Schule!«

Sie schüttelte heftig den Kopf, den ganzen Körper schüttelte sie in Abwehr.

»Komm zur Schule, Kind! Sieh, ich bitte dich darum, aber du weißt, daß es deine Schuldigkeit ist  –«

»Nee, nee  –«

»Daß ich dich dazu zwingen kann.« Er faßte ihr linkes Handgelenk.

Da ließ ihre Rechte den Strick der Ziege fahren und griff blitzschnell in den Busen.

»Willst du nach mir auch stechen?« fragte er, ihr fest in die Augen sehend.

Sie wurde rot. Die Hand, die entschlossen emporgefahren war, sank langsam in hilfloser Unschlüssigkeit nieder. Auch die Augen suchten den Boden.

Ein paar Sekunden standen die beiden einander so gegenüber.

»Ich denke, du wirst kommen,« wiederholte Markwardt endlich. »Versprich mir's. Sieh, ich glaube an dein Versprechen.«

In diesem Augenblick beugte sie sich geschmeidig auf seine Hand, die noch immer ihren Arm hielt. Er fühlte ihre scharfen Zähne. Und da er in Verblüffung seinen Griff lockerte, hatte sie sich schon losgerissen und jagte, ihre Ziege zurücklassend, über die Heide.

Markwardt folgte ihr nicht. Nach einigem weiteren Umherirren traf er auf eine Art Hütte, deren mit Heidplaggen (Rasenstücken) bedecktes Dach einfach auf dem Erdboden aufsaß, während der Wohnraum in die Torfschicht selbst eingegraben war. Am glimmenden Feuer auf dem Boden kauerte ein schwarzhaariges junges Weib, den Säugling an der Brust. In einem Winkel spielten zwei größere Kinder mit einer Schlange. Eine verschrumpfte Alte war beschäftigt, einen toten Igel seines Stachelgewandes zu entkleiden, ein Mann band Reiserbesen, und ein Bursche blies, faul hingerekelt, auf einer von ihm selbst zurechtgeschnittenen Flöte.

Markwardt vermochte nicht die Überzeugung zu gewinnen, daß diese Personen seine Höflichkeit und die Absicht seines Besuches zu würdigen verstanden, noch ihm irgendwelchen Dank dafür wußten. Die Gleichgültigkeit, um nicht zu sagen Feindseligkeit der er begegnete, war so groß, daß er vorläufig von weiteren Besuchen bei den Klinkerberger Plebejern Abstand nahm.

Zunächst versuchte er, sich einzurichten. Mit ein paar Stück billigen Hausrats, die er in Bremen erstand, mit seinen Büchern, mit weißen Gardinen an den Fenstern, einem Teppich auf dem Lehmboden und ein paar Bildern an den Wänden wurde der Torfstall ein ganz erträglicher Aufenthalt. Karten und Zeichenvorlagen gaben auch dem Schulraum ein wohnlicheres Aussehen. Er unterrichtete mit Feuer­eifer, mit Verbissenheit, in dem Bestreben, Heimweh, Widerwillen und das heiße Mitleid mit sich selbst zu übertäuben. Aber der Schulbesuch war wechselnd. Als die Kartoffelernte im Gang kam, drei Wochen später als auf der Geest, blieben die meisten Schüler ganz fort. Er konnte sie nicht zwingen, die Eltern standen ihm nicht bei. Von vielen wußte er nicht einmal die Wohnung. Trinka kam nie. Er hegte den Verdacht, daß außer ihr noch einige Klinkerberger vom äußersten Rande der Niederlassung zu Hause blieben.

Eine tägliche Pein war ihm das Rundessen. Doch konnte er's nicht vermeiden. Er hatte niemand, der für ihn kochte, sein Gartenland lag brach, sein Stall stand leer. Es war zudem das einzige Mittel, um die Menschen kennen zu lernen, unter denen er zu leben gezwungen war. Die einzelnen glichen einander wie ihre Törfe, und der ganze Menschenschlag hatte in seiner Einförmigkeit das Unergründliche des Moors, auf dem er hauste.

Langsam fing er doch an, seine Leute näher zu bestimmen. Henze war geizig und stolz, und Osmer war geizig und schlau, Clüver war geizig und brutal und Meier-Clüver war geizig und protzenhaft. Sie aßen alle Tage dasselbe und sprachen auch dasselbe. Und alle hatten die Anschauung, das ein Schullehrer eine Art Büttel sei, hauptsächlich dazu angestellt, um die Äcker und Gärten der staatlich angesiedelten Kolonisten vor den Diebstählen des stammesfremden Gesindels zu schützen, das ungerufen und ungebeten ringsum in Moor und Heide eingenistet saß.

Aber Fritz Markwardt hatte eine demokratische Ader in sich. Ihn interessierte das wunderliche Völkchen, das kam und ging, er wußte nicht woher noch wohin; das lebte, er wußte nicht wie, noch von was; das seine Schulstube füllte und dann auseinander stob, ohne Spur wie Spreu im Wind. Er ging seinen Schülern nach, den blonden wie den schwarzen, studierte sie in ihrem Gebaren außerhalb der Schule und erlebte da manche Überraschung. In den dicken Schädeln wohnte eine Intelligenz, die ihn verblüffte. Korl Henze, der bei seinen zwölf Jahren nicht dazu zu bringen war, ein L und ein B auseinanderzuhalten, unterschied auf dreißig Schritt eine Kreuzotter von einer Ringelnatter. Krischan Clüver, der nicht wußte, wie eine Fliege beschaffen war, kannte alle Gepflogenheiten und Listen der Aale und Hechte im Kanal, seine Schlingen lieferten Schüsseln voll Krammetsvögel. Er hatte selbsterfundene Fallen für Hasen und Birkhühner überall im Moor. Und jedes zehnjährige Bübchen handhabte mit der Gewandheit eines Indianers den schwerfälligen Vorderlader, der zum Schutz von Leib und Eigentum über der Stubentür jedes Hauses hing, als letzte Instanz und äußerstes Rechtsmittel in dieser Wildnis, in der die Rechtsmittel der Zivilisation versagten.

Es war die alte Erfahrung: die Not hatte Schulmeister gespielt. Was sie den Klinkerbergern beigebracht hatte, darin glänzte sie. Mit den gedruckten und geschriebenen Runenfüßen verknüpfte sie kein Lebensinteresse; darum wollten sie ihnen nicht in den Kopf. Und auch wer sich mit solchen Dingen befaßte, blieb ihnen unverständlich, fremd. Markwardt gewann keinen Boden. Besonders die Burschen seines Alters, die Haussöhne, standen ihm in hochmütiger Abwehr gegenüber. Die trauteste Gestalt war und blieb für ihn Wischen Henze. Unter den Dirnen schien sie die anmutigste, sinnigste. Ihre naive Koketterie tat ihm wohl. Er saß gern mit ihr auf der Bank vor ihres Vaters Haus. In die Spinnstuben ging er nicht, er konnte sich an die Luft drin nicht gewöhnen. Er arbeitete, sagte er. Er arbeitete wirklich fieberhaft für sein Mittelschulexamen. Das nächste, das allein mögliche Mittel schien's ihm, sich aus dieser Hölle zu erlösen, sich derjenigen näher zu bringen, die ihn so machtvoll anzog, die er vielleicht nie erreichen würde! Es war doch ein Ziel!

Er schrieb endlich auch einen längeren Brief an seine Mutter.

Er fand die Worte. Ein einsamer Ort, Klinkerberg. Der Vater war ja auch Lehrer in einem einsam gelegenen Dorf gewesen. Das Schulhaus einfach, aber die Leute taten ihr Bestes. Arbeit hatte er genug, dazu war er ja da. Er arbeitete auch für sein Examen. Und dann viel gute, zärtliche Wünsche und herzliche Grüße für das liebe Mütterchen. Auch einen respektvollen Gruß an Fräulein Karla Ramberg – einen Gruß und er arbeite.

Dem Brief war der größte Teil seines Vierteljahrgehaltes beigefügt. Das nächste Mal würde er imstande sein, dem Mütterchen so ziemlich den ganzen zu senden; das war der Segen des Rundessens, man gab nichts aus in Klinkerberg. Die wenigen Jahre, die der hoffnungslos Kranken zu leben blieben, würde sie wenigstens nichts entbehren. Das war auch etwas, ein Preis, wert, darum einen Arm voll Jugendhoffnungen zu begraben und in irgendwelcher Hölle auszuhalten!

Der junge Lehrer trug den Kopf hoch in trotziger Selbstachtung, während er den Brief an seine Mutter auf das nächste Postamt brachte. Es war eine Wanderung von mehreren Stunden. Als er heimkehrte, den Richtweg nehmend über wüstes Brandland, Torfbrüche und durch wilden Birkenbusch, schlug ein gelles Kreischen an sein Ohr, wie der Wutschrei eines Raubvogels. Nur einmal schrillte es auf. Dann wieder die erdrückende Stille der Wüste, nichts Lebendiges auf der Erde noch in der Luft. Das war das unsagbar Unheimliche des Moorcharakters, an das er sich nimmer gewöhnen konnte: bei scheinbarer Sichtigkeit auf Meilen absolute Unerforschlichkeit. Nicht Wald noch Hügel bildeten die Kulissen der Dramen, die sich hier abspielten. Nur der feine Nebel, die Weite, das Schweigen umhüllten sie wie ein Vorhang, und Tragödien gingen zu Ende unter dem unabsehbaren Himmel, auf der glatten, platten Ebene, ohne das ein Menschenauge das Zucken der Opfer sah, ein Menschenohr ihr letztes Röcheln hörte.

Als Markwardt aus dem Birkenbusch trat, den Revolver in der Tasche lockernd, den er, der Rede des Heppstedter Wirts eingedenk, beständig bei sich trug, unterschied er doch im hohen Heidekraut zwei Gestalten, einen bärtigen, schlechtgekleideten Mann mit einem Bündel Reisigbesen auf dem Rücken, der in langen Schritten in der Richtung auf Neu-St. Jürgens von dannen trabte, und etwas wie einen Frosch von Menschengröße, der wunderliche Hüpfbewegungen ausführte, ohne sonderlich vom Fleck zu kommen.

Der Lehrer ging auf die Fabelgestalt zu. Ein Verkrüppelter war's, der an zwei Stöcken mühsam sich vorwärts schwang, denn seine verschrumpften Beine hingen leblos herab. Die Schultern waren hinaufgedrängt. Auf diesen ärmlichen Kindesschultern saß der Kopf eines Mannes, ein von dünnem Bart umrahmtes Gesicht mit regelmäßigen Zügen, die Bitterkeit und Wut jetzt verzerrten. Die hilflosen Füße versuchten zornig, den Boden zu stampfen. Aus den kleinen schwarzen Augen brachen Ströme von Tränen.

»Was hat man Ihnen getan?« fragte Markwardt.

Da wandte das arme Geschöpf den Kopf, versuchte erschrocken einen Fluchtsprung und würde hingestürzt sein, wenn Markwardt es nicht in seinen Armen aufgefangen hätte. Dem Lehrer war eine gute Art eigen, Aufgeregte zufrieden zu sprechen. Aber was er vorbringen mochte, der Krüppel schluchzte nur und stieß tierische Laute aus, wobei eine ungefüge klumpige Zunge sichtbar wurde. Da begriff Markwardt: ein Stummer, ein Blödsinniger vielleicht. Und solch Jammergebild ward groß in dieser Wildnis! – Er verlegte sich aufs Raten, den Zornblicken des Menschen folgend, die sich an den Fliehenden hefteten.

»Der hat Ihnen was getan? Der hat Ihnen was weggenommen?«

Der Mann nickte lebhaft. Blödsinnig war er also nicht; wunderbarerweise bei seiner Stummheit auch nicht taub.

Hundert Schritt weiter ragte eine Erhöhung im Heidekraut. Markwardt kannte nun schon diese in den Boden gewühlten, mit Heidplaggen gedeckten Taternhütten, die aussahen wie kleine Hünengräber. Vorsichtig schleppte er den Unglücklichen dorthin und half ihm die Erdstufen hinunter in den Hüttenraum.

Es war ein Gelaß von äußerster Dürftigkeit. Aber Markwardt gewahrte mit Staunen einen geschnitzten Schemel, ein geschnitztes Wandbrett, ja, die niedrige Holzschranke, die zwei moosgefüllte Lagerstätten auf dem Boden einfaßte, zeigte ein rohes, doch gefälliges Kerbmuster, und auf dem Tisch lag ein Holzlöffel, dessen Stiel deutlich einen Heidelbeerzweig mit Früchten wiedergab.

Mit rauhem Lachen wies der Bucklige auf ein gewöhnliches Klappmesser und dann stolz auf sich selbst und den Löffel. Wollte er sich als Schöpfer des kleinen Kunstwerks bezeichnen? War es ein solches, das der bärtige Mann ihm entrissen hatte?

Ehe Markwardt danach forschen konnte, raschelten schuhlose Füße durch das Kraut, es klang wie Vogelflattern. Dann ein rasches Atemholen.

»Kreih!«

Sich umwendend, sah Markwardt sich zum dritten Male der schwarzen Trinka gegenüber. Sie trug in der Hand ein zusammengeknotetes Tuch, aus dem Kartoffeln, Rüben und Äpfel in buntem Gewirr hervorlugten. Ihre Augen blitzten ihn unter gerunzelten Brauen hervor mißtrauisch und feindselig an. Er jedoch stellte sich, als sähe er sie nicht, und wandte sich wieder zu dem Krüppel.

»Was Sie da gemacht haben, ist hübsch,« sagte er sehr langsam, sehr deutlich, »sehr hübsch! Aber Ihr Messer« – er nahm es vom Tisch und zeigte es ihm, – »taugt nicht viel. Ich will Ihnen ein besseres mitbringen und auch Holz zum Schnitzen. Verstehen Sie?«

Aber er brauchte nicht zu fragen. Die dunklen Mäuseaugen des Elenden strahlten ihn an, er schlug lachend in die Hände. Ja, eine solche Aufregung sprach aus dem armen, verwüsteten Gesicht, daß Fritz Markwardt das Übermaß zu fürchten begann.

»Gut sein,« mahnte er, »geduldig sein! Ich komme wieder. Nein, nicht morgen, auch übermorgen nicht. In vier Tagen.« Er hielt dem Blöden die Finger vor die Augen: »Eins, zwei, drei, vier.« Und dann drückte er ihm die schmalfingerige, bewegliche Hand. »Leben Sie wohl!«

Trinka stand noch immer an der Tür wie ein Bild, ihr Bündel in der Hand. Ohne Gruß und Blick ging Markwardt an ihr vorüber.

Er war aber noch nicht dreißig Schritte gegangen, da hörte er ihre flüchtigen Füße neben sich. Er sah nicht zur Seite, aber sie blieb. Nach einer Weile begann sie zu reden: » – Is dat würklich wohr? Kümmt Se weder to – to em?«

»Sicher, da ich es ihm versprochen habe.« Sie blieb neben ihm, raschelnd hielten ihre nackten Füße mit seinen langen Beinen Schritt.

»He is mien Brö'er,« sagte sie endlich.

»So? Dein Bruder ist außerordentlich geschickt, Trinka.«

»He is en Simpel! en Kröpel!«15 stieß sie heftig hervor. »Kreih heet se 'n16, wiel he nix seggen kann. Se hollen 'n all to 'm Narren! All! All! All! – Un Se – Herr Markwardt – Se ward ok nich wedderkamen!«

Markwardt antwortete nicht.

Wieder eine Weile nichts als das Rascheln des dürren Krautes. Dann: »– Herr Scholmeester Markwardt, sünd Se sihr falsch up mi?«

»Du meinst also, daß ich Grund hätte, dir böse zu sein?«

Jetzt sah sie ihn an. In ihren wilden Augen stand ein demütiges Flehen. »– Wenn Se' t sünd, denn dragen Se dat mien Brö'er nich na!«

»Also deinen Bruder hast du lieb?«

»Jo!«

»Du sorgst für ihn?«

»He het jo süß keen! keen, keen Minschen!« – Ein Birkenzweig lag am Boden. Sie raffte ihn auf und hielt ihn ihm hin. »Da!«

»Was soll ich damit?«

»Wenn Se noch falsch sünd, Herr Markwardt, denn flagen Se mi! Feste! – Aber denn – denn komen Se wedder to mien Brö'er.«

»Warum sollte ich dich schlagen? Deine Unart tut dir Schaden, nicht mir. Zu deinem Bruder aber komm' ich um seinetwillen.«

Vielleicht verstand sie die Rede nicht ganz, aber gut verstand sie, daß er ihr zürnte. Sie sah in Gedanken das freudestrahlende Gesicht des armen Krüppels. Sie rang mit einem großen Entschluß.

»– Schall ik – schall ik to Se to'r Schol kamen, Herr Markwardt?«

»Wenn du zu mir in die Schule kommen willst, wirst du dich sehr ändern müssen, Kind. In meine Schule kommen große Mädchen nicht mit zerrissenen Röcken und ungekämmten Haaren. Sie beißen nicht wie wilde Tiere und stechen nicht mit Messern wie betrunkene Knechte.«

»Dat's denn swar, so'n Schol,« sagte sie niedergeschlagen. Und an sich heruntersehend: »Ik hebb ook keen Schoh.«

»Auf die Schuhe kommt's nicht an, wohl aber auf ehrlichen Willen und ein gesittetes Betragen.« Sie hatte die Spitze des kleinen Fingers in den Mund gesteckt, in tiefes Nachdenken versunken. So blieb sie stehen, während er weiterschritt. Als er sich nach einer Weile umschaute, stand sie noch, ohne sich zu regen.

Bin ich zu schroff gewesen? fragte er sich. Aber mit Nachgiebigkeit zwingt man diesen wilden Trotz nicht. –

Es war heute wieder der Henzesche Tag. Als Markwardt zum Abendbrot in das Haus des Vorstehers trat, fand er den Alten tobend über einen neuen Gartendiebstahl der Tatern, was den Lehrer sogleich an Trinkas straffgefülltes Tuch erinnerte.

»Mi will 't schienen, Scholmeester,« knurrte Henze, »dat Se dat beste Stück bi Ehr Scholmeesterie vergeten hebben. Dat will ik Se denn nu verehren.«

Und steifbeinig holte er aus einer Ecke einen knotigen Knüppel hervor, den er vor Markwardt auf den Tisch warf.

»Bruken Se de! Verstahn Sie mi woll? Himmelkrüzdunnerslag! Dat säbente Gebot! Scholmeester! Dat säbente Gebot! – Up Ehr poor Häuhnersäut17 un ollen gelihrten Kram fläuten wie Klinkerberger! Dorüm hebb wi Se nich vun de Regierung verschrewen!«

Markwardt öffnete die Lippen zu einer scharfen Antwort. Aber Wischen kam ihm zuvor: »Nu gif di tofreden, Vadder. Scholmeesters möt Tied hebben, üm de Bengels to ducken. Du hest dien witte Ossen18 ook nich bi 'n iersten Mol kleen kregen.«

Da brummte der Alte nur noch Unverständliches in sein blaues Halstuch.

Die Mahlzeit verlief schweigsam. Markwardt quoll der Bissen im Munde.

Als er danach vor die Tür trat, folgte ihm Wischen. Da blieb er neben ihr sitzen auf der Bank, welche die anderen der Abendfeuchtigkeit wegen mieden. Ein zwingendes Heimweh nach einem Menschen hielt ihn fest an der Seite der Einzigen, die ihm freundlich begegnete in dem düstern Nebelland.

Die Sonne war am Westhimmel verglommen. Über dem weiten Grasgrund, an dem die Gehöfte lagen, begannen die weißen Dünste zu wogen. Heuschrecken zirpten und die gelben Blätter der Silberpappel zitterten und rauschten.

Da sprangen die Riegel von Markwardts verschlossener Seele. Erregt durch die erlittene Kränkung, durch den Brief an seine Mutter, der alle Erinnerungen und Träume, all seinen wunden Ehrgeiz in ihm aufgewühlt hatte, begann er zu reden von seinem Elternhaus, seiner Mutter, ihren Opfern für ihn, ihrem Siechtum, das ihn an diese Scholle band, ihm verwehrte, sein Glück draußen in der reichen Welt sich zu erringen. Von jener Einsamkeit sprach er, von seiner Verlassenheit, seiner Sehnsucht hinaus. Er vergaß, zu wem er redete. Er erzählte es der herabsinkenden Dämmerung, dem Nebel, der öden Leere. Fast erschrak er, als des Mädchens Stimme neben ihm antwortete.

Ganz leise antwortete sie, ganz langsam: manches Ding sähe schlimm aus und sei's doch nicht. Es wäre auch wohl vor ihm schon jemand an seinem Glück vorübergegangen, weil er's nicht für sein Glück gehalten hätte. Schade bliebe das immer. Wenn Menschen hier sich an ihm ärgerten, so gäb's auch solche, die es gut mit ihm meinten, das müsse er doch empfunden haben. Der Mutter Siechtum, ja, das sei traurig, aber daß sie nicht dem Sohn hier Haus hielte, wäre wohl auch wieder ein Glück, denn was ein junger Bursch brauche, was ihn glücklich machen könne, wäre nicht eine kränkliche alte Mutter, sondern was Junges, Fröhliches, Frisches, so recht was Liebes fürs Herz.

Sie legte ihre Hand auf seinen Arm, teilnahmvoll tröstend. Er sagte nichts, er rührte sich nicht. Da glitt ihre Hand sacht in seine, und er hielt sie fest, diese harte, aber warme Hand. Die Dirne hatte sich ein wenig vorgeneigt. Wieder trug sie das blaue Band um den Hals. Ihr Haar von der Farbe des reifen Weizens schimmerte durch die Dämmerung ihm entgegen. Es war ein heißes Flimmern darüber wie über besonnten Kornfeldern. Die Bläue, die am Himmel erloschen war, strahlte ihn aus ihren Augen an, und noch etwas anderes glimmte in diesen Augen, das mit dem Himmel nichts zu schaffen hatte, etwas Lockendes, Gleißendes. Es war so still ringsum, daß man meinte, den Tau fallen zu hören.

Fritz Markwardt ging ein jähes Erschrecken durchs Herz, ein Erschrecken vor sich selbst. Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei. Die Gefahr der Einsamkeit, seiner Einsamkeit hier, begriff er in dieser Sekunde, die Gefahr aller nach Sonnenschein lechzende Menschen, die ihr Schicksal in eine Eisregion bannt: das erste warme Fleckchen zieht sie allmächtig an, sie sinken drauf herab, sie kleben dran fest. Die Wüste macht Tiere. Sie macht auch Heilige. In seiner Seele war ein starker Schwung aufwärts. Und da er jetzt die Augen gewaltsam emporriß von dem verlockenden Goldglanz, der fast seine Wangen streifte, traf sein Blick gerade in den Strahl des ersten Sternchens, das am grauen Abendhimmel zwinkerte. Mit symbolischer Gewalt, eine feierliche Mahnung, schlug der Anblick ihm in die Seele: Karla! Sie war der Stern, der über seinem dunklen Wege strahlte. Hinauf und nicht hinab! – Er stand auf.

In diesem Augenblick trat ein Mann aus dem Schatten der Bäume, ein Mann mit verblichener Militärmütze und einem Wanderstab. »Gu'n Abend bisamen!« –

Die Sonne war noch nicht im violetten Abenddunst ertrunken gewesen, als Jan Clüver sich dem Rund der Klinkerberger Ansiedlung genähert hatte. Mit einem Gefühl fast übermütiger Freude tat er's. Das hohe Heidekraut und die weißen Büschel des Flockengrases auf den Tümpeln hätte er streicheln mögen. Denn nicht glücklicher hüpft ein Frosch zurück in den heimatlichen Sumpf, als der Moorbauersohn, aus dem Militärdienst entlassen, zurückrannte aus dem bunten Gewirr der Stadt in seine enge Welt, um für den Rest seines Lebens sich zu vergraben zwischen ihren Torfbrüchen, ihren Birkenalleen, ihren braunen Kanälen und den Kornernten von tropischer Üppigkeit, die ihre schwarzen federnden Schollen alljährlich emportrieben.

Als er so mit tiefinnerem Behagen am Bruch hinschlenderte, traf er auf Ehlers, der dort Weiden schnitt. Er grüßte ihn fast liebevoll, wie er die Käfer und Maulwürfe am Wegrand begrüßt hatte, weil sie Klinkerberger waren.

»Süh so! Scheel Ehlers! Un wo geiht di dat noch?«

»Süh so! Jan Clüver! Kümmst ook mal wedder to Huus?«

Ehlers warf sein Bündel mit Weidenzweigen auf den Rücken und schritt neben dem Heimkehrenden hin. Mit seinen unruhigen Augen spähte er prüfend an der großen Gestalt des anderen in die Höhe. Ein Gedanke war ihm gekommen.

»Nix Niges to vertellen, Ehlers?«

»Nix vun Belang, Jan. En nigen Scholmeester hebb wi jo kregen.«

Das interessierte Jan wenig. Was ihn interessierte, danach mochte er geradezu nicht fragen. Er fragte drum herum.

»Bi 'n Vorsteher Henze is dat woll bi 'n Ollen? wat?«

Ehlers klappte die Lider über seine beweglichen Augen. Sein von Bartstoppeln starrendes Gesicht sah undurchdringlich aus.

»De Buur het en nigen Plog (Pflug) jo,« sagte er boshaft.

»Un Mudder Henze?«

»De hat en nige Koh, so 'n swartbunte vun Scharmbeck.«

»Un – un  –«

»Grotknecht Hannes? Jo, de het en slimmen Faut«19.

»Un Wischen?« brach Jan hervor.

»Wischen? De het 'n Scholmeester.«

Jan blieb stehen, sah auf den kleinen Mann herab, der in der Nervosität der Feigheit hastig seine Lider auf und zu klappte, den Wutausbruch scheuend, den er entfesselt hatte, sah auf ihn herab, etwa wie ein Neufundländer auf einen Hirschkäfer, der sein Geweih ausstreckt, um ihn in den Fuß zu kneifen.

»Ehlers, du büst en Schafskopp!«

»Je Jan, ik vertell, wat de Lüe vertellen.«

»De Scholmeester het di ut' n Scholhuus dreven. Nu büst falsch up 'n un mi muttst als 'n Fleigenklatsch bruken  –«

»Nee, Jan  –«

»Wischen Henze un – en Scholmeester! Snack!«

Ungestüm verlängerte er seine Schritte und ließ den Alten hinter sich. Er pfiff laut. Auf seiner Stirn stand eine Falte. Er dachte: »Dat wi 'n Scholmeester hebb, is got. Is sihr got. So 'n Lügenbüdel un Suup-Uhl20 wie oll Ehlers kann nich Schol hollen.«

Dabei ließ er aber die Pferdeköpfe des väterlichen Gehöfts rechts liegen und schritt, links vom Kanal abhaltend, auf Henzes Haus zu.

Und nun stand er vor den beiden. »Gu'n Abend bisamen!«

Wischen sprang auf.

»Jan! Jan Clüver! – Nee! nee, nee! – Dat du ook eenmol wedder na Klinkerberg kümmst! Nee, nee doch!«

Jan sah an ihr und ihrer ausgestreckten Hand vorüber auf den Fremden. »Sie sind wohl der neue Schulmeister?«

Markwardt nannte seinen Namen.

»Komm in 't Huus, Jan,« bat Wischen dazwischen lachend und schreiend. »Komm in 't Huus!«

Er schüttelte den Kopf. »Hüüt nich. Ik seih, de Scholmeester is ook all21 upstannen. Wi hebb een Weg. Ich bring' Sie nach Haus, Herr Markwardt.«

Ohne weiteres schob er seinen Arm in den des Lehrers.

Markwardt, der die Gewitterspannung der Situation begriff, wollte sie nicht durch eine Weigerung erhöhen. Seite an Seite wanderten die beiden schweigend.

Als sie die Mitte der kleinen Grasfläche erreicht hatten, wo fern am Horizont die Wohnungen der Menschen verschwammen, nichts die jungen Männer umgab als der gleichmäßig graue Himmel oben und die gleichmäßig braune Erde unten, blieb der Haussohn stehen. Es war gerade noch hell genug, daß einer die Züge des anderen unterscheiden konnte.

»Schulmeister,« sagte Jan Clüver, »ich bin ein ehrlicher Kerl. Und wie ich Sie so anseh' – glaub' ich, Sie sind's auch.«

»Ich bin immer der Meinung gewesen,« versicherte Markwardt.

»Schulmeister, es könnte sein, daß einer von uns beiden in Klinkerberg zu viel wär'! Sie verstehen mich doch? Ist einer zu viel?«

»Nein,« sagte Fritz Markwardt ruhig.

»Ich meine man. Das Moor ist weit. Und« – er lachte – »auf der Geest sagen sie ja, es schluckt Menschen ein. So viel weiß ich: es hat schon Menschen eingeschluckt, so daß auch nicht ein Rockknopf verraten hat, daß sie mal auf der Welt herumgelaufen sind. Schulmeister, wenn doch einer von uns zweien hier zu viel sein sollte, dann – so wär's besser, Sie gingen.«

»Es wird nicht nötig sein,« erklärte Markwardt.

»Wischen Henze ist ein ansehnliches Mädchen. Wenn Sie sich nich sicher sind, – denn so machen Sie lieber Schluß. Ich rede geradezu.«

»Ihren Drohungen würde ich nicht weichen,« antwortete Markwardt. »Aber meine Wünsche gehen einen anderen Weg.«

Da hielt Jan Clüver dem Schullehrer die Hand hin. Der zögerte.

»Schlagen Sie immer ein, Schulmeister! Ich glaube Ihnen. Wenn ich Ihnen mal nicht mehr glauben könnte, das wär' schlimm. Das wär' schlimm, Schulmeister. Aber ich glaube Ihnen. Und grad heraus, mich freut's, daß ich das kann. Sie werden auch sehen: Freund oder Feind – Jan Clüver is nix halb.« – –

Als Fritz Markwardt am nächsten Morgen Schule hielt, öffnete sich während der ersten Unterrichtsstunde leise, zaghaft die Tür. Trinka trat herein. Sie hatte Gesicht und Hände rein gewaschen, ihre wüste Haarmähne sittsam aufgeflochten, die Löcher ihres Rocks gröblich zusammengezogen. Ihre Füße steckten in den landesüblichen Holzschuhe, die durch hineingesteckten Strohwische paßlich gemacht waren. Scheu setzte sie sich ganz unten auf die letzte Bank.

Um sie nicht zu verscheuchen, tat Fritz Markwardt, als würde er ihres Kommens nicht gewahr. Doch fühlte er, wie fortan, ohne daß er's wollte, jedes seiner Worte eigentlich an sie gerichtet, jede Unterweisung für sie gemeint war. Er konnte nicht unterscheiden, ob sie ihn überhaupt hörte. Sie saß wie eine Holzpuppe starr in Unbehagen oder Furcht. Nur die unruhig wandernden Augen ließen erkennen, daß sie lebte.

Solange der Unterricht dauerte, verhielten die anderen Kinder sich ruhig. Markwardts gelassene Festigkeit hatte den kleinen Wilden schon etwas Disziplin beigebracht. Aber draußen in der Pause brach sogleich ein greulicher Tumult los. Und Markwardt sah seine neue Schülerin stehen wie eine Eule zwischen einer Schar Krähen, mit Wort und Gebärde vergeblich sich wehrend gegen übermächtige Angriffe. Mit strengem Zuruf trat er unter seine Schüler. Das Geschrei verstummte, aber er überzeugte nicht. Die Blonden schlossen sich in eine trotzige Reihe zusammen, und aus ihrem Kern erscholl Krischan Clüvers laut anklagende Stimme: »Herr Markwardt, se hett mien Vadder de Schoh stohlen.«

Markwardt sah Trinka an. »Ist das wahr, Kind?«

Mit verschränkten Armen trotzte sie: »De Schoh sünd miene.«

»Gut,« sagte Markwardt, »wir werden sehen.«

Er nahm Krischan mit in die Schulstube.

»Nun, sag mir, meine Junge, woher weißt du, daß Trinkas Schuhe die deines Vaters sind?«

»Ik kenn' se doch wedder.«

»Du kennst sie? Gut. Woran kennst du sie?«

Der Junge sann nach. – »An 'n eenen is d'r en Stück 'rutsla'n. Dat het dat Perd dahn.«

»Und der andere?«

»De het 'n schwarten Brandfleck. Do is en Stück gläunigen22 Torf upfollen.«

Markwardt ging wieder hinaus. Die Schuhe trugen die Merkzeichen.

»Warum fehlt an deinem linken Schuh ein Splitter?« fragte er.

Trinka schwieg.

»Warum hat dein rechter Schuh einen schwarzen Fleck?«

Keine Antwort.

»Kind, die Schuhe gehören nicht dir. Du hattest auch gestern noch keine. Wie kommst du heute zu Schuhen?«

»Ik hebb se funnen,« sagte das Mädchen.

»Auf Bauer Clüvers Acker, ja. Gleich zieh sie aus! Gib sie Christian zurück!«

Trinka rührte sich nicht. Sie sah Markwardt an. In ihren sprechenden Augen lag ein verzweifeltes Flehen, gemischt mit scheuem Vertrauen. Laß du mich nicht auch im Stich, sagten die Augen, du nicht! – Es schnitt ihm ins Herz. Er konnt's ihr nicht ersparen. »Gehorche!«

Da riß sie die Schuhe ab, schleuderte sie aufschluchzend Christian Clüver vor die Füße, und mit heftiger Gebärde, dem Lehrer und der Schule den Rücken kehrend, rannte sie barfuß mit fliegenden Zöpfen zurück ins wilde Moor.

Fritz Markwardts Gedanken beschäftigten sich doch mit ihr und dem unglücklichen Krüppel, ihrem Bruder. Als am Sonnabend Meier-Clüvers Jürgen mit zwei Hunt Torf auf dem Kanal nach Bremen fuhr, nahm er die Gelegenheit war. Er blieb den Abend und den nächsten Morgen in der Stadt, sprach in Schreinerwerkstätten, bei Drechslern, bei Verkäufern von Spielwaren und Küchengeräten vor, erstand die einfachsten Werkzeuge, ein paar Modelle von Löffeln, Salzfässern, Tiergestalten, auch einen Leitfaden zur Holzschnitzerei und ein wenig Material, ganz zuletzt noch ein Paar kleine Holzschuhe. Müd' und befriedigt langte er am Sonntag abend mit seinem Vorrat wieder in Klinkerberg an.

Er hatte am nächsten Tag bei Clüvers zu essen. Aber den Haussohn traf er nicht. Der war bei Henzes. Als er die Mutter zur Rückkehr des Sohnes beglückwünschte, antwortete sie, während ihre Zähne im Fieber klapperten, wie an jedem dritten Tag: »Jo, dat was Tied. Clüver baut fief Morgen Land mihr. Ik kann d'r nich tegen up23. Dor mutt en jonge Fru in 't Huus.«

Da erkannte Markwardt, daß die Heirat, von der ihm gestern zum ersten Male eine Ahnung aufgegangen war, seit Jahren beschlossene Sache war. Kaum, daß die eigenen Eltern der Existenz des fernen Sohnes erwähnten. Im Haus der Braut war sein Name nicht genannt worden. Wahrlich, man mußte scharf aufmerken in diesem rätselhaften Land, bei dieser schweigsamen, gefährlichen Menschenart, um unter der dicken Deckschicht gleichförmiger Alltäglichkeit den unablässig und wild rinnenden Strom des Lebens wahrzunehmen. Dem Achtlosen konnte es geschehen, daß unversehens der trügerische Boden unter seinen Füßen nachgab und die tückisch lauernden Wasser ihn verschlangen. Er würde die kleine blonde Kokette meiden!

Am Mittwoch nachmittag wanderte Fritz Markwardt wieder hinaus nach Kreihs Torfhütte.

Dort hatten sich dieselben Auftritte abgespielt wie jeden Nachmittag seit drei Tagen. Der Krüppel kauerte auf dem Schemel, die Augen unverwandt auf die Tür geheftet. Wenn Trinka, die unruhig um die Hütte strich, zu ihm hintrat, stieß er seine rauhen Kehllaute aus, schüttelte sein Fäuste, warf Holzstücke und Torf nach ihr im Zorn seiner Enttäuschung. Dann mußte sie ihn ins Freie bringen. Auf dem Dachrand sitzend, stierte er nach der Richtung, in der die verschwimmenden Edeltannen und Eichenkampe am Horizont den Kern der Ansiedlung bezeichneten. Wenn dann die Dämmerung niedersank, knickte er in sich zusammen und schluchzte sich in Schlaf.

Trinka saß neben ihm, drückte seinen abgezehrten Kopf an ihre Brust und flüsterte leise: »Lat sien. He kümmt nich. Keen, keen Minsch kümmt. Aber ik bün d'r. Ik blif d'r. Ik un du, mien Kreih, mien lütt leiw Brö'er«24.

Er stieß sie zurück. Mit der Hand deutete er aufgeregt ins Weite. Ihre Augen folgten der Richtung. Da sah sie aus dem feinen Nebel, der die Ferne verschleierte, einen Menschen tauchen. Ihr scharfes Auge erkannte ihn sofort. Sie glitt neben dem Bruder auf die Knie. Stumm, mit klopfendem Herzen hockte sie an ihn geschmiegt, starrte wie er auf den schwarzen Punkt, den schmalen Strich, ob er größer werde, ob er, sich vergrößernd, nicht abbiege von der Richtung auf die Hütte. Als kein Zweifel mehr blieb, daß er komme, wirklich komme! warf sie in stummer Glückseligkeit die Arme in die Luft und rannte hinter das Haus.

Markwardt fand den Krüppel allein. Er zeigte ihm gleich zwei Modelle, die er von Bremen mitgebracht hatte, einen gewöhnlichen Kochlöffel und ein Salatbesteck mit geschnitzten Stielen. Er nannte den Preis, den ein Holzwarengeschäft ihm versprochen hatte für je ein Dutzend nach den Modellen gut ausgeführter Ware zu zahlen, und versprach, wenn die Arbeit fertig und gelungen wäre, den Verkauf zu vermitteln. Dann gab er Kreih zwei Schnittmesser und einiges Material.

Vor Aufregung zitternd, fuhren die schlankfingerigen Hände Kreihs über die Gegenstände, prüften die Schneide des Messers, die Härte des Holzes. Und dann schlug er die Hände in wilder Freude ineinander und quälte die ungelenke Zunge, um Wort hervorzubringen. Aber sie fand keinen Laut, den Markwardt verstanden hätte. Kreih begriff's und Tränen liefen ihm die Wangen hinunter.

Nun begann Markwardt zu ihm zu sprechen von dem lieben Gott, der auch auf ihn schaue und ihm Freude zudenke. Das hörte Kreih ohne sonderliche Bewegung an. Als aber Markwardt versprach, er werde wiederkommen, neue Arbeit bringen, da schien die ganze Gestalt des Unglücklichen ein Ausdruck der Freude zu durchbeben. Markwardt fragte, ob er lesen könne. Er wolle ihm eine schöne Geschichte bringen. Aber Kreih konnte nicht lesen. Da versprach der Lehrer, er würde ihm das nächste Mal eine erzählen. Und dann ließ er den Beglückten inmitten seiner Modelle und seines Werkzeugs allein.

Doch im Gehen sah er sich um, spähte über die Heide, warf einen Blick um die offenstehende Hüttentür. Gespannt lauschte er, ob nicht das dürre Kraut raschelte unter leisen, eiligen Füßen. Trinka kam nicht. Ihm war's leid. Die so tapfer aushielt neben diesem Stück Elend in Menschengestalt, war's wert, daß man ein bißchen mehr Geduld und Mühe an sie wandte als an die wohlbehüteten Kinder vermögender Eltern, sagte er sich selbst zur Erklärung seines ungewöhnlichen Interesses.

Am nächsten Morgen vor allen anderen trat Trinka in seine Schule.

Er gab ihr die Hand. »Das ist brav, Trinka. Immer mutig! Dann wird noch ein tüchtiger Mensch aus dir.«

Es blieb ihm zweifelhaft, ob sie diese väterliche Ermahnung würdigte. Auch stockte er mitten drin. Die Hand, die er ihr reichte, hatte sie mit beiden Händen erfaßt, drückte sie an ihre Brust, und er meinte, die Leidenschaftlichkeit ihres Wesens förmlich zu fühlen in dem wilden Klopfen ihres Herzens.

»För em,« sagte sie leise und sah ihn an, »för mien Brö'er.«

Eine wundersame Empfindung durchrieselte ihn. Ehe er ein Wort sagen konnte, glitt sie zurück in den fernsten Winkel und saß reglos in ihrer starren Puppenhaftigkeit. Und wieder vermochte er nicht zu unterscheiden, ob sie irgend welchen Anteil am Unterricht nahm, ob hinter diesem unbewegten Gesicht ein Schimmer von Verständnis dämmerte für das, was er vortrug. Nur daß die Enge der Schulstube, daß Spitzen auf einem Fleck der an freie Bewegung Gewöhnten eine Pein war, erkannte er wohl. Sie kam dennoch wieder und wieder. Nach einigen Tagen begann er vorsichtig ihre Kenntnisse zu prüfen und fand seine schlimmsten Vermutungen bestätigt. Von allem, was in der Schule gelernt wird, wußte sie nichts. Sie hatte auch nichts begriffen von dem Lehrstoff, den er in den letzten Tagen behandelt hatte. Sie begriff überhaupt unendlich schwer. Die Buchstaben, gedruckte wie geschriebene, waren ihr noch immer Hieroglyphen und sehr unentzifferbare obendrein. Sie stockte im Vaterunser und verwickelte sich in den zehn Geboten. Das war nicht weiter demütigend in dieser wunderlichen Schule, in der auch die vor der Konfirmation stehenden Schüler nur mühsam durch die großgedruckten Fibeln holperten. Nur für Markwardt, der den Ehrgeiz hatte, in dem eigenartigen Wildfang die Menschenseele zu wecken, war's niederschlagend.

Als er den Krüppel das nächste Mal aufsuchte, kramte der aus seiner Bettspreu und hinter den Torfbrocken, welche die unterirdischen Wände seines Hauses zum Schutz gegen die Erdfeuchtigkeit bekleideten, aus aller Art Verstecken einen ganzen Berg fertiger Schnitzwaren hervor, ein paar mißlungene Versuche, dann aber sehr sauber ausgeführte Arbeit, und zuletzt ein paar Meisterstückchen, auf die er mit Schöpferstolz immer von neuem wies. Alles Brauchbare nahm Markwardt an sich, und damit der Mißtrauische nicht etwa eine Beraubung fürchte, gab er ihm gleich in Münze einen Teil des Preises, den der Kaufmann wahrscheinlich zahlen würde.

Um die Aufregung zu dämpfen deren Übermaß er fürchtete, erzählte er ihm dann auch die versprochene Geschichte, eine Kindergeschichte für die Kleinsten, das Märchen von den sieben Geißlein und dem Wolf. Kreihs kindlich gebliebener Geist empfand darüber eine helle Freude. Er lachte, er klatschte in die Hände, fühlte sich groß im Verstehen. Die Ziege, die Geißlein, der Jäger waren ihm geläufige Begriffe. Seine Phantasie, die stark entwickelt war wie die Phantasie aller Bewohner weiter, einförmiger Landstriche, schwelgte.

Trinka saß dabei, in ihrer stummen Starrheit lauschend, wie in der Schulstube.

Ehe Fritz Markwardt ging, gab er ihr die Holzschuhe, die er für sie aus Bremen mitgebracht hatte. Sie wurde blutrot. »För mi?« stieß sie atemlos hervor. »För mi!«

»Ich gebe sie dir, damit du Freude daran hast, zur Schule zu kommen,« sagte Markwardt, »damit du ordentlich aufpassest und lernst besser als bis jetzt, Trinka.«

Sie betrachtete, betastete die Holzschuhe von allen Seiten, sie schlüpfte hinein, lief darauf hin und her.

»Herr Markwardt!« Sie blieb an der Seite des Heimschreitenden. – »Wat Se mien Brö'er vertellt hebb, dat – dat weet ik. Schall ik Se dat mal upseggen?«

»Ja, versuch's!«

Da begann sie das Märchen zu erzählen; mit seinen eigenen Worten erzählte sie's, fließend, ohne zu stocken.

Markwardt war starr. »Du behältst nichts von all dem, was ich in der Schule versucht habe, dich zu lehren – wie kommt's daß du dies weißt?«

»Jo, dit het em Fröd makt.«

»So? Weil die Geschichte deinem Bruder Freude gemacht hat, darum hast du sie behalten?«

Sie nickte.

»Aber wenn du in der Schule brav lernst, so macht das mir Freude. Möchtest du mir nicht auch Freude machen?«

Sie sah ihn aus großen Augen zweifelnd an. »Dat makt Se Fröd?«

»Gewiß macht mir's Freude, Kind.«

Sie überlegte. Es war ein Schatten auf ihrem Gesicht. Er verlangte immer solch wunderliche schwere Dinge. Und sie schwieg.

Er aber wollte ihre zutrauliche Stimmung nutzen.

»Und da ist noch ein Grund, weshalb ich dir die Schuhe geschenkt habe,« sagte er. »Sie sollen dich beständig daran mahnen, daß du nicht begehrst, was deines Nächsten ist, nicht wegnimmst, was deines Nächsten ist, weder seine Schuhe, noch seine Kartoffeln, Äpfel, Torf, noch irgend etwas, was dein Nächster hat. Ich höre von den Kolonisten viel klagen, daß diese Sachen von ihren Äckern, aus ihren Gärten verschwinden, und fürchte, Trinka, du weißt genau Bescheid darum. Komm, versprich mir, daß das nicht wieder geschehen soll, daß du fortan ein ehrliches Mädchen sein willst!«

Ihr Kopf war immer tiefer auf die Brust gesunken. Sie seufzte schwer. Langsam bückte sie sich, zog die Schuhe aus und bot sie ihm.

»Du willst mir's nicht versprechen? Gibst mir die Schuhe zurück?«

»Dor is nix bi to dohn.«

»Nichts dabei zu tun? Wie, Kind, mußt du stehlen?«

»Kreih will eten. Wi will all eten.«

»Ein großes starkes Mädchen wie du erwirbt seinen Unterhalt durch Arbeit,« sagte Markwardt mit Strenge. »Willst du deinen Eltern in ihrem Grabe Kummer bereiten? Du erinnerst dich deiner Eltern?«

»O, woll! woll!«

»Hast sie lieb gehabt?«

»Jo, Vadder was sihr got. Wi harr ümmers to eten, wenn he to Huus was.«

»Nun, siehst du wohl! – Und was tat dein Vater?«

Sie sah ihn groß an. »Wat schüll he dohn?«

»Ich meine, was für ein Gewerbe betrieb er?« – Er wollte der Zögernden zu Hilfe kommen. »Du sagst, ihr hattet zu essen, wenn er zu Haus war. Nun also, wenn er nicht zu Haus war, wo war er dann?«

»Denn sat he in 'n Gefangenhuus.«

»Wie?!« Es überrieselte Markwardt kühl.

»Jo, Schandarm Fritze het en ümmers gliek wedder hinföhrt. De föhrt alle Lüe na 'n Gefangenhuus, blot de Kolonisten nich. De Kolonisten, de hebb to eten.«

»Und alle, die nicht Kolonisten sind? Alle die anderen Leute hier? Du willst doch nicht sagen, Kind  –«

Sie zuckte die Achseln. »Dor is nix bi to dohn.«

Markwardt wollte aufbrausen in Entrüstung, aber das Wort stockte ihm, als er den braunen Boden ansah, diesen eigensinnigen Boden, der nur Frucht, und zwar hundertfältige Frucht trug am Rand der Kanäle, unter dem Einfluß geschickter Entwässerung und Berieselung, nach kunstgerechtem Abstich der ihn deckenden Torfschicht. Was sollten die Leute, die nicht, vom starken Arm einer hilfreichen Regierung angesiedelt, in der Nähe des Kanals wohnten, denen der teils moorige, teils sandige und überall unfruchtbare Boden um ihre Hütten nicht einmal gesetzlich zugehörte, die kein Recht hatten, Torf darauf zu stechen, und, hätten sie das Recht gehabt, nicht Werkzeuge nicht Ackergerät, nicht Vieh, noch Dünger ihr eigen nannten; was sollten diese Leute in ihrer krassen Unwissenheit anfangen, wenn nicht stehlen, nachdem die in ihre Siedelung eindringende Kultur ihnen auch noch die Jagdgründe weggenommen hatte, deren Ausbeutung sie bis dahin vor dem Hungertod bewahrte?

Hier lag ein Problem, das, nachdem es Fritz Markwardt einmal aufgegangen war, seine feinfühlige Seele bedrückte wie ein persönliches Verschulden. Wie wilde Tiere rauben, wie wilde Tiere totgehetzt werden! Gab es keine Hilfe? Ihm war's als schaute ein ganzer Untergang verurteilter Volksstamm ihn aus Trinkas dunklen Augen um Rettung flehend an.

Er gab ihr die Schuhe zurück. »Von heut ab verdient dein Bruder durch seine Arbeit Geld. Von diesem Geld wird er zu essen haben und du auch. Also trage deine Schuhe, Kind, und denk an meine Worte: du wirst brav sein können, wenn du ernstlich willst.«

Als Markwardt von seinem Besuche bei Trinkas Bruder heimkam, fand er breit an seinem Tische sitzend Jan Clüver. Unverwüstliches, herrisch um sich greifendes Leben sprach aus diesem Glied der siegreichen Rasse. Aus der gebräunten Haut blitzten in herausfordernder Sicherheit die harten, blauen Augen ihr »Ich will« und »Du sollst« der Welt ins Gesicht. Ein Musterbild all der guten und schlimmen Eigenschaften dieser geborenen Kolonistenrasse, der echte Enkel der alten Wikinger, ein Barbar, ohne Furcht und ohne Reue, erschien er dem durch den Gegensatz überraschten Beobachter.

Ein irdener Krug stand vor ihm.

»Markwardt, wenn's Ihnen recht ist, trinken wir ein Glas Bier miteinander. Hab's gleich mitgebracht. Wissen Sie, die Leute hier werden mir manchmal zu dumm. Da is es mir lieb, daß Sie hier sind.«

Den Schullehrer berührte dies Entgegenkommen angenehm nach der stummen Feindseligkeit, welche die Klinkerberger Burschen ihm bis jetzt entgegengetragen hatten. Durch des jungen Clüver Gehirn war draußen in der Welt manch flügelkräftiger Gedanke gezogen, und in wenigen Stunden gewann Markwardt durch diesen Dolmetsch tieferen Einblick in die Denkweise seiner neuen Heimatgenossen als in den vier Wochen seines Hausens unter ihnen zusammengerechnet.

Zu seinen Examenarbeiten kam er an diesem Abend nicht mehr. Und dann kam er an vielen Abenden nicht dazu.

Trinka hatte vor ihren Stammesgenossen mit den von ihrem Bruder erworbenen Münzen geprotzt. Gleich am nächsten Tage kam nach Schluß der Schule ein Schwarzkopf zu Markwardt und bat, er möge ihm doch auch Arbeit zuweisen wie dem Kreih, ihm und seinem großen Bruder. Dem einen folgten mehrere. Wie ein Schwarm hungriger Vögel im Schnee um eine Mahlzeit, so drängten sie sich um den Lehrer. Arbeit begehrten sie, Arbeit, Verdienst, Geld! Es war gesunder Instinkt, war der Trieb zum Leben selbst, der sie nach dem rettenden Zweig haschen ließ, der sich unversehens in das Meer ihres Elends hinabsenkte – der Beweis, daß noch gesunde Kraft in ihnen rang gegen den Untergang.

Markwardt begriff das. Er zersann sich den Kopf. Mit dem Holzschnitzen allein, mit einer einzigen Absatzquelle war's nicht getan. Er ging wieder nach Bremen, er sprach noch in anderen Magazinen vor, er besuchte Mattenflechter und Bürstenbinder, er bemühte sich, einflußreiche Personen für die Bestrebungen seiner Schützlinge zu interessieren, durch sie Verbindungen mit nach dem Ausland exportierenden Händlern anzuknüpfen. Auf seinem Schreibtisch häufte sich eine bunte Korrespondenz. Die meisten, welche Arbeit von ihm verlangten, hatten keine Ahnung, wie solche Arbeit anzufassen sei. Er selbst, der sie lehren sollte, verstand sie nicht, mußte sie erst lernen, von Kreih, von Handwerksmeistern in Bremen, nach Fachschriften. Seine Bücher ruhten im Kasten. Um seine englischen Exerzitien woben die Spinnen ihre schönsten Netze. Das eine von seinen Büchergestellen hatte einem Werktisch weichen müssen. Er schnitzte, er flocht Matten und band Bürsten im Schweiß seines Angesichts. Nach Schluß der Schule hielt er eine Unterichtsstunde im Handwerk. Wer Lust hatte, durfte teilnehmen. Die Schulstube erwies sich bald zu klein. Auch die Erwachsenen kamen, Greise, Männer und Weiber. Seit Trinka in einem neuen sauberen Anzug von dem Erwerb ihres Bruders herumstolzierte, war ein Fieber unter den Klinkerberger Plebejern, als sei ein Goldfeld zwischen ihrem Heidekraut entdeckt worden. Von den Blondköpfen kam niemand. Sie hatten Haus und Hof. Haus und Hof auf dem Moor bieten Arbeit für viele Hände. Zu einem Handwerk blieb ihnen keine Muße.

Ganz ungleich erwies sich der Lernenden Begabung. Ein Talent wie das Kreihs fand sich nicht zum zweiten Male. Die meisten konnten kaum einen rohen Kochlöffel zustande bringen, eine einfache Strohmatte flechten. Markwardt hatte vom Morgen bis zum Abend zu tun.

Inzwischen hatte der niedrige Himmel sich tiefer herabgesenkt, die schwarzen Wolkenschleier, die das Sonnenlicht abschnitten, schleiften hie und da ihre nassen Zipfel über den schweren Moorboden, der wie von unterirdischen Wassern aufquoll. Die vom Fieber Geplagten klagten schlimmer als zuvor. In der Klasse gab es Lücken. Einer nach dem andern ließ den Kopf hängen, blieb weg. Und dann geschah es, daß der Lehrer, der zugleich Küster war, in das eine und das andere Gehöft gerufen wurde. Triefend vom Herbstregen kam ein zerzaustes Weib, ein halbwüchsiges Kind über die Schwelle, mit der steifen Ruhe der Nordländer bestellend: De Herr Scholmeester schüll ook to 'm Singen kamen för us' Lischen, use Jan, us' Marieken. Und nur ein Zucken um die Lippen, nur der heiße Glanz im Auge verriet, was diese Namen den Meldenden bedeuteten.

Kam am bezeichneten Tage Markwardt mit dem Schülerchor, so fanden sie auf einer elenden Diele zwischen brennenden Lichtern einen offenen Sarg, in dem eine junge Knospe, vor der Zeit vom Menschheitsbaum geweht, im Totenmützchen lag, mit gefalteten Händen, die Angehörigen standen herum mit unbeweglichen Holzgesichtern, die Nachbarn in roher Eßlust dem Gebäck zusprechend, das an solchem Tag selbst in der ärmsten Hütte nicht fehlte und auch dem Lehrer und den Chorsängern freigebig geboten wurde.

Darauf wurden ein halb Dutzend Choräle gesungen, der Sarg geschlossen, auf einen Leiterwagen geladen, der damit nach dem stundenweit entlegenen Kirchhof rumpelte, während der Regen wie Peitschenschnüre auf die voranschreitenden Kinder und die nachfolgenden Leidtragenden niederklatschte, die im aufgeweichten Boden mühsam ihre Füße nach sich zogen. Und am nächsten Morgen ließen wieder ein paar junge Menschlein die Köpfe hängen und streckten ihre jungen Glieder auf die Spreu, von der viele nimmer wieder sich erhoben.

Diese Epidemie, welche die Klinkerberger in stumpfen Fatalismus über sich ergehen ließen, versetzte Markwardt in rebellische Auflehnung. »Rufen Sie doch einen Arzt! Holen Sie einen Arzt!« rief er den Eltern seiner kranken Schüler zu.

Die sahen ihn in blöder Verständnislosigkeit an. Einen Arzt? Woher sollten sie einen Arzt nehmen? Es gab keinen auf vier Stunden im Umkreis. Kaum vermochte ein Wagen die aufgeweichten Straßen zu befahren. Zu den abgelegenen Hütten der Klinkerberger Tatern führte überhaupt keine Fahrstraße, nicht einmal ein Pfad. Wer hätte einem Arzt die Mühe und den Zeitverlust eines solchen Krankenbesuchs vergüten sollen? Die Leute dachten auch an keinen, weder Blond- noch Schwarzköpfe. Mutter Maresch »besprach« das Übel, wickelte Baumwolle um die kranken Hälse, und: »De Gott hebben will, de nümmt he sik hen,« sagten die Frauen. Gott nahm viele. Aber Markwardt war der Überzeugung, daß die gänzliche unvernünftige Behandlungsweise ihm noch mehr zuführte, als er eigentlich haben wollte.

In seiner Ruhelosigkeit fuhr er abermals nach Bremen, besuchte einen Arzt, beschrieb ihm das Krankheitsbild, bat um Verhaltungsmaßregeln, um solche Gegenmittel, die unter den obwaltenden Umständen der Hand eines vernünftigen Laien anvertraut werden dürften. Der Arzt, welcher dem Gesindel im Moor zuliebe seine zahlreichen Patienten in der Stadt nicht im Stich lassen konnte und wollte, willfahrte. Und nun ging Markwardt, der seine Schule geschlossen hatte, in die Häuser der Kranken, ordnete an, bettete eigenhändig die Patienten, lüftete die Wohnräume, pinselte, ließ gurgeln, desinfizierte. Manchem Würmchen, besonders unter den Kleinsten, rettete sein Eingreifen das Leben, manchem schuf es ein leichteres Sterben. Wo es weder das eine noch das andere vermochte, gewann es ihm doch das zaudernde Zutrauen der Mütter.

Die Folge war, daß auch Großvater, den das Reißen plagte, und Großmutter, die das Fieber schüttelte, den Pseudoarzt um Hilfe angingen. Die jungen Frauen trugen ihm ihre Säuglinge ins Haus, die an Krämpfen litten, baten um Mittel, ihren Männern das Trinken abzugewöhnen, und brachten auch gleich ihre kranke Ziege mit. Und Markwardt fühlte tief seine Unwissenheit. Er hatte sich einen populär geschriebenen medizinischen Ratgeber angeschafft. Der nahm auf seinem Schreibtisch die Stelle der fremdsprachigen Grammatiken ein. Er studierte darin bis zum Morgengrauen. In der Praxis beschränkte er sich darauf, die üblichen, blind zutappenden Eingriffe in Krankheitszustände zu verhindern, die Heilung selbst dem kräftigen Körper anheimgebend, der diesem fern von der Kultur und ihren Hilfsmitteln hausenden Stamm durch die Natur mittels einer unbarmherzigen Ausmerzung aller schwächlichen Individuen im zartesten Kindesalter seit vielen Generationen angezüchtet war.

Und nicht nur für leibliche Not ward seine Hilfe begehrt: die scheuesten der Schwarzköpfe kamen im Schutz der Dunkelheit in ihren Fetzen und Lumpen in sein Schulhaus, klagten ihm ihr geheimstes Leid, die nagende Sorge, die ehelichen Zerwürfnisse und nahmen, wenn er ihnen seinen Rat gegeben hatte, trotz der ausgezeichneten Gelegenheit weder seine Stiefel noch seine Uhr mit, nur einmal eine kleine Rotwurst, die Wischen Henze ihm verehrt hatte. Die Raubtat mußte aber eine ganz ungewöhnliche Mißbilligung bei Familie und Stamm des Lüsternen gefunden haben, denn die Wurst kam am nächsten Abend auf unerklärliche Weise plötzlich wieder zur Haustür hereingeflogen.

Weniger gut angeschrieben stand Markwardt bei den Blonden, der hochmütigen Aristokratie von Klinkenberg. Zwar teilte er Sorge und Arbeit gleichmäßig unter beide. Doch ist es schon seit des Heilands Zeiten der Gerechten Weise, daß sie die Sündern und Bettlern erwiesene Treue als persönliche Kränkung empfinden. Markwardt ahnte nichts von diesem leise anschwellenden Groll. Während sein Kopf und seine Hände tätig waren vom Morgen bis in die späte Nacht, zog siegreich über Mitleid und Ermüdung eine fröhliche Zufriedenheit in sein Herz. Vom Augenblick ganz in Anspruch genommen, dachte er nicht vorwärts und nicht zurück. Selten mehr fand er Zeit, den reizvollen Frauenkopf in seiner Brieftasche zu betrachten, den er beim Abschied heimlich aus seiner Mutter Album entwendet hatte, ja er scheute sich ein wenig davor. In den hochmütig geistreichen Zügen lag etwas Fremdes, als fragten die vornehm geschwungenen Lippen: Wie komm' ich an diesen Ort? Aber an die Mutter konnte er jetzt schreiben, kurze Briefe, doch häufig. Die Befriedigung, die seine Seele erfüllte, floß darin über, die Befriedigung, helfen zu können. Es störte ihn nicht einmal, daß er nur selten Antwort bekam: die Mutter war ja krank.

Vierzehn Tage vor Weihnachten erlosch die Epidemie in Klinkerberg. Was jetzt von jungen Menschen noch krank um die Torffeuer hockte, ging der Genesung entgegen.

Markwardt, in seinem Verlangen, vor allen Dingen das Gemüt seiner Zöglinge zu bilden, bereitete eine Weihnachtsfeier vor, wie Klinkerberg noch keine gesehen hatte. Er hatte die Schule wieder eröffnet. In den Handwerksstunden mußten die Kinder kleine Gegenstände für ihre Angehörigen anfertigen. Dann wurde eine schlanke Tanne aus dem nächsten Kamp geholt und ausgeschmückt mit Kerzen, Äpfeln und Nüssen. Auch einen Stall aus Torf ließ er aufbauen mit der Krippe, der Mutter, dem Kindlein, den Tieren, den Engeln und dem goldenen Stern, eine Arbeit, bei der die Blonden sich sehr phantasielos und hölzern bewiesen, während den Schwarzen ein künstlerisches Gestaltungsvermögen angeboren schien.

Am Christabend wurden die Lichter angesteckt, der Weihnachtschoral ward gesungen, das Weihnachtsevangelium erzählt. Danach verteilte Markwardt als Weihnachtsgabe Backwerk, das er sich hatte kommen lassen, und es wurden fröhliche Spiele gespielt, Rätselraten und Blindekuh, so daß die Schwarzen wie die Blonden befriedigt und vergnügt wie noch an keinem Weihnachtsabend nach Hause gingen.

Hinter ihnen öffnete Fritz Markwardt Tür und Fenster. Er hatte den Abend bei Henzes sein sollen, aber gebeten, sich sein Abendbrot mit heimnehmen zu dürfen. Nach dem angestrengten Wirken unter Menschen dünkte die Einsamkeit ihm ein Fest; nach atemlosem Lauf ein Stillestehen, nach heißem Ringen eine Umschau nach dem errungenen Preis.

Durch Tür und Fenster herein funkelten majestätisch die winterlichen Sterne. Kein Lämpchen von Menschengnaden ertränkte in seinen kurzen, aufdringlichen Strahlen ihre die Unendlichkeit des Himmels durchbrechende Lichtflut.

Tief atmend versenkte Markwardt seinen Blick in den ungeheuren Christbaum, der mit seinen tausend Kerzenflammen den schwarzen Himmel bedeckte. Heut gönnte er sich's auch, an die eine zu denken, seinen Stern. Ob von ihr eine Kunde steckte in Mütterchens Weihnachtspaket, das seit vorgestern auf seinem Schreibtisch lag? Er hatte sich die Öffnung als Festfreude auf den Heiligen Abend verspart. Und jetzt schloß er Fenster und Türen, zündete die kleine Lampe an und löste den Bindfaden. Drei Paar wollene Socken fielen ihm entgegen, ein Schlips, Backwerk und ein Brief, ein dicker Brief.

Er erbrach ihn freudig, las die ungeschickten Schriftzüge, erstaunt, befremdet, und langsam erlosch der weihnachtliche Glanz auf seinen Zügen. Kein Unglück meldete der Brief. Er war von einem treuen Herzen geschriebenen in der Absicht, Freude zu erwecken. Aber das ist der Fluch der Entfernung, der Entfremdung. Ganz anderes sieht ein Stück Welt, wer darin steht, Leib an Leib sich herumschlägt mit seinem Leid und aufjubelt in seinem Glück, als wer draußen steht und von dort es betrachtet. Markwardt sah die Hunderte, denen seine Arbeit zugute kam, und war zufrieden, daß er für das lebendige warme Leben ein totes Bücherstudium vernachlässigte. Seine Mutter sah ihn, dem seine Arbeit nicht zugute kam, und war nicht zufrieden. Schwach an Geist und Körper, zeitlebens einem übergewaltigen Schicksal gegenübergestellt, fand sie, daß der einzelne genug zu tun habe, um sich selbst über Wasser zu halten, und begriff nicht, wie man daran denken konnte, auch noch für andere etwas zu erstreben, noch weniger, wie das glücken könnte. Was der Sohn ihr frohstolzen Herzens über sein Wirken geschrieben hatte, als Sorge war's in ihr Gemüt gefallen. Nun, am Weihnachtsabend wollte sie sich das Herz leicht sprechen.

»Und, nimm mir's nicht übel, lieber Fritz, was Du erzählst von den armen Leuten, das ist ja recht traurig. Aber der liebe Gott hat sie nun mal in diese Verhältnisse gesetzt, es sind doch auch recht rüde, ungebildete Menschen. Da müßtest Du Dich eigentlich zu gut dafür halten und mit allen Kräften streben, daß Du bald von ihnen weg in eine höhere Stelle aufrückst. Und ich hatte doch bestimmt gehofft, Du würdest übers Jahr Dein Mittelschulexamen machen. Davon schreibst Du gar nicht, das macht mir Kummer, denn das ist doch die Hauptsache.

Karla Ramberg besucht mich dann und wann. Als ich ihr neulich von Dir erzählte, sah sie mich so sonderbar an, Du weißt, wie sie aussehen kann, wenn ihr was nicht paßt. ›Verbauert er?‹ fragte sie. Das Wort ging mir durch und durch. Ich wußte gar nicht, was ich antworten sollte. Da lachte sie. ›Schade! Und ich habe Papa so viel gute Worte um seinetwillen gegeben.‹ ›Ach, Fräulein Karla,‹ bat ich, ›wenn Sie doch was für meinen armen Fritz tun könnten.‹ Aber sie zuckte die Achseln. ›Jeder ist seines Glückes Schmied.‹ Und dann sprach sie von anderen Dingen, von den jungen Leuten, die in ihrem Haus aus und ein gehen. Da ist besonders ein Assessor, wie ich von anderer Seite höre, ein schöner junger Mann, und reich. Lieber Himmel, man kann's ihr ja nicht verdenken. Aber mir ist's wie ein Messer durchs Herz gegangen. Ich konnt's gar nicht mehr hören. Und da fing ich an und lobte ihren Schmuck, eine goldene Nadel, die sie in der Krawatte stecken hatte. Sie zog sie gleich heraus und wies sie mir. ›Glaube, Liebe, Hoffnung, Mama Markwardt,‹ sagte sie und sah mich wieder so besonders an. ›Recht hübsch, nicht wahr? – Aber brauchbar wird das Ding doch nur durch die Spitze daran. Die hält's zusammen, die dringt durch! 's ist bei allen Dingen die Spitze, die durchschlägt. Das können Sie ihm auch schreiben.‹

Das tu' ich denn getreulich, lieber Fritz. Ach, Fritz, ich werd's ja nicht erleben, daß es sich mit Dir zum Besseren wendet. Und ich wag' auch schon gar nichts mehr zu hoffen. Ich weine so viel. Wenn ich denke, wie Onkel Paul immer sagte: ›Aus dem Fritz wird wohl noch mal eine Exzellenz.‹ Nun, Gott besser's! Ich kann Dich ja nicht behüten, mein gutes Kind. Ich muß alle Dinge gehen lassen und kann bloß mich totgrämen.«

Ein langer Krankheitsbericht folgte, Klagen über körperliches Leid, durch die wie ein Kehrreim immer wieder die Angst um des Sohnes Zukunft klang. Ein bitterer, melancholischer Weihnachtsgruß.

Markwardt warf ihn auf den Tisch, zog Karlas Bild aus dem Versteck aus seiner Brust hervor und stellte es in den hellen Lampenschein. Lebendig schien's ihm in der zauberhaften Stille der Christnacht, trat heraus aus dem papiernen Kärtchen im bauschigen Ballkleid, hob die weißen Statuenarme, wandte den perlengeschmückten Hals. Die stolzen Augen blitzten ihn an, die hochmütig geschürzten Lippen redeten: Die Spitze, mein Lieber, die Spitze die durchschlägt! Verstehst du? Schneid'! Schneid', mein Bester! Glaubst du, ich teile? Glaubst du, ich warte? Glaubst du gar, mir imponiert deine Selbstlosigkeit? Ich interessier' mich für deine vertierten Kretins im Moor? Lächerlich! Sieh mich an! Ich bin der Tag, das Glück, der Glanz; sie sind die Nacht, das Elend, die Schuld. Nur für eines hast du Kraft und Zeit auf der Erde. Kann's Tag und Nacht zugleich sein? Entweder, oder! Ich oder jene! – Träumer, wähle!

Und Markwardt lief in dem engen Raum auf und nieder. Nicht Frieden brachte ihm die heilige Nacht. Die Mutter hatte ja recht, die schöne Frau auf dem Bilde hatte recht: die hundert Armen, die klammernd sich an ihm emporarbeiteten, hinderten ihn, selbst aufzusteigen aus dem Sumpf. Er hatte gegeben, dem Drang seines Gemütes, seiner Menschenliebe folgend, gegeben mit vollen Händen und nicht gefragt, was er denn gäbe. Und nun er's besah, war's sein ganzes Selbst, sein Leben mit Liebe und Glück, seine Zukunft mit all ihren ehrgeizigen Hoffnungen. Das alles mußte er drangeben, rückhaltlos, wenn er jene wirklich retten wollte aus ihrer körperlichen und moralischen Verkommenheit. Das war der Preis. Um weniger kaufte er sie nicht frei.

Er bäumte sich auf. Der Preis war zu hoch! Er, der in seinem Hirn eine Flut neuer Gedanken, er, der in seinem Willen Schöpferkraft fühlte, er sollte seine reiche Persönlichkeit hinopfern, seinen brennenden Ehrgeiz, für eine Schar von Dieben und Bettlern in einem verlorenen Weltwinkel? Nimmermehr sollte das geschehen! – Sei's in der Wissenschaft, sei's in der Kunst, an der Spitze war sein Platz! Im Licht! Sie mahnten recht, die zwei.

Da weckte ihn in der Schulstube ein leises Scharren und Rascheln. Er öffnete die Tür. Der Mond war aufgegangen. Durch die kleinen Fenster flutend, mischte sein grünlicher Schein sich mit dem rötlich trüben Schimmer eines Talglichtchens, das auf einem der Schultische brannte. Gegen den lichten Hintergrund der offenen Tür zeichnete eine dunkle Gestalt sich ab.

»Wer ist da?«

Die Gestalt trat in die Helle der miteinander kämpfenden Lichter.

»Trinka?«

»Ik hebb Se blot de Scholstuv en beten blank makt för Wihnacht. Wi harr d'r jo alles in üm un üm smeten25. Un denn ook  –«

»Komm herein ins Warme, Trinka.«

Sie trug Besen und Schaufel aus dem Haus, ließ langsam den aufgenestelten Rock herabgleiten und trat herein. Um das schwarze Zigeunerhaar hatte sie ein rot und gelbes Tuch gebunden, in den Händen trug sie ein geschnitztes Kästchen und einen Strauß frischer Blumen.

Markwardt betrachtete verwundert die hoch aufgeschossene Gestalt, die ruhigen, gehaltenen Bewegungen. Das war kein wildes, ungebärdiges Kind mehr, das war ein Weib. Unter seinen Augen, in wenigen Monaten hatte sich die Wandlung vollzogen, und heute erst ward er ihrer gewahr. Seltsam! War's die innere Aufregung, die ihm die Sinne schärfte?

»För'n Herr Scholmeester,« sagte das Mädchen.

Jetzt erst bemerkte Markwardt das Kästchen in ihrer Hand. Ein kleines Kunstwerk war's. »Hat dein Bruder das gemacht?«

Sie nickte.

»Und ich soll's ihm in Bremen verkaufen?«

»För Se,« sagte Trinka.

»Für mich? – Aber Trinka, das ist ja viel zu viel!« Sie schüttelte den Kopf, die Augen fest auf ihn gerichtet. Sie war immer kurz und herb, verschlossen wie ihre neblige Heimat, und viel rascher zu Taten als zu Worten. Aber als sie jetzt sprach, zitterte eine Empfindung in ihrer Stimme, die Markwardt direkt ans Herz ging: »To veel? – Mien Brö'er was en Plag un en Schimp. Se hebb d'r en Minschen ut makt. Ut em un ut mi. Se – Un wat Se vun mi hebben wutt – um wat et ook is – ik – ik wutt man, et wör veel« – ihre Stimme brach.

Ihn ergriff eine wunderliche Rührung, ein ihm ganz fremdes Gefühl, das ihm einen feuchten Schimmer in die Augen trieb und doch sein Herz – oder war's seine Eitelkeit? Mit einer leidenschaftlichen Freude erfüllte, dazu ein lebhaftes Verlangen, die zuckende braune Hand in seine zu nehmen, die dicken schwarzen Haarsträhne zu streicheln, zwischen denen die wunderbaren Augen zu ihm aufstrahlten.

Um diese gefährliche und einer Schülerin gegenüber durchaus unpassende Regung nicht Herr über sich werden zu lassen, begann er gar verständig zu reden, sagte, wie er sich der Fortschritte Kreihs freue und auch der Wandlung Trinkas, der ungeheuer günstiger Wandlung.

Aber Trinkas Augen waren von seinem Gesicht abgeglitten, als seine Stimme den Zauber brach. Umherirrend hatten sie das Bild unter der Lampe getroffen; daran hafteten sie jetzt. Es schien, als wollten sie sich hineinbohren. Markwardt verlor den Faden.

Sie streckte deutend den Finger aus. »Weck een is dat?«

»Das ist eine Jugendgespielin von mir, Trinka, ein Nachbarkind.«

Es war ihm nicht lieb, daß eines Klinkerbergers Auge auf diesem Antlitz ruhte. Er hätte das Bild gern weggenommen, verborgen, aber er scheute sich.

Trinka sagte kein Wort. Er fand auch keins. Er sah sie an, die seltsam veränderte Trinka, und plötzlich sah er im Geist Karla ihr gegenüberstehen. Die schwarzen und die blauen Augen kreuzten ihre Blicke. Die Verkörperung zweier verschiedener Welten schienen sie ihm – ernst, schwer und dunkel die eine, licht, hell und fröhlich die andere, und sie rangen um seine arme Seele. Das war wie eine Vision, wie ein Alpdrücken. Minuten dauerte das Schweigen. Die beiden wußten's nicht. Es war auch nur ein Schweigen der Lippen. Die Herzen, die Gedanken wechselten Rede und Gegenrede mit atemberaubender Geschwindigkeit, eine trotzige, leidenschaftliche Zwiesprache. Da strich mit schrillem Schrei ein Kauz am hellen Fenster vorüber. Markwardt fand seine Besinnung wieder.

»Und die schönen Blumen da, Trinka? Soll ich die auch haben? Wie?«

Sie warf den Kopf in den Nacken und drückte den Strauß fest an sich.

»Christrosen und Hülsen. Du hast gewiß viel Mühe gehabt, dergleichen jetzt zu finden.«

Sie rührte sich nicht. Sie sah ihn an, nicht in demütiger Ergebenheit wie vorhin, sondern zornig, beinahe feindlich.

»Soll ich ihn nicht haben?« fragte er lächelnd und streckte die Hand aus.

Da riß sie stumm den Strauß in Stücke und ging aus der Tür.

An diesem Abend kam Markwardts Seele nicht zur Ruhe. Und durch den Traum der Nacht im Wandbett hinter der schwarzen Schreibtafel gaukelten der braune und der schwarze Mädchenkopf, suchten ihn hinüber und herüber zu locken.

Aber am Morgen stand sein Entschluß fest: er würde sich loßreißen vom Moor. Sein Platz war in einer anderen Welt. Rücksichtslos wollte er seinen Weg gehen. Das nächste Mittel, fortzukommen, war sein Mittelschulexamen. Also würde er dies Examen machen um jeden Preis. Er schrieb in diesem Sinne an seine Mutter. –

Nach dem Weihnachtskirchgang wurden dem Schullehrer die Geschenke der Gemeindemitglieder überbracht. Trotz ihres geheimen Grolls ließen die Blonden sich nicht lumpen, und seltsam nahmen sich zwischen den Bücherregalen die Speckseiten, Blut- und Leberwürste, die Mustöpfe und Sülzen aus.

Während des Festes ging Markwardt zu niemand. Er arbeitete fieberhaft.

Als er am Tag nach Neujahr die Schule wieder eröffnete, trat Trinka als erste an sein Pult und überreichte ihm schweigend einen Strauß, der noch schöner war als der vom Weihnachtsabend.

»Soll ich ihn diesmal wirklich haben?« fragte er scherzend.

Sie nickte. Ihre Miene blieb stockernsthaft. Trinka lachte nie.

»Ich danke dir.« –

Als der Unterricht zu Ende war, rief er sie zu sich. Er hatte mit seinem Verlangen gekämpft, aber es war stärker als sein Wille.

»Trinka, nun sag mir, warum hast du den andern Strauß, den am Weihnachtsabend, zerrissen?«

Sie strich stumm über ihre Schürze.

»Weißt du, daß das recht häßlich von dir war?«

Keine Antwort.

»Du mußt noch einen Grund dazu gehabt haben. Kannst du ihn mir nicht sagen?«

»Ik was so disprat.«

»Desparat warest du? Warum denn?«

»Wiel dat Se wegmaken dohn.«

Markwardt fühlte, daß er rot wurde. Hexerei, wie dies Kind seinen verborgenen Gedanken las!

»Wie kommst du darauf, daß ich fort will?« fragte er.

»Dat 's doch klor!«

»Wieso denn?«

»Wiel dat fien' Fröl'n up en Bilde nich na' 'n Moore henkümmt.«

»Kind! Kind! Was hast du dir zurecht gedacht!« – In seiner Verlegenheit suchte er nach einer Ableitung. – »Aber nun glaubst du doch nicht mehr, daß ich fort will? Wie?«

»O, woll!«

»So? – Aber  –« er wies auf den Strauß, desparat bist du nicht mehr drüber.«

Sie schwieg. Die schwerfälligen Lippen fanden keinen Ausdruck. Aber die groß aufgeschlagenen Augen sprachen. Qual stand darin und Ergebenheit ohne Maß. Wie lohendes Feuer brannte diese Augen, bis in aufsteigenden Tränen die Glut ertrank. Sie schluchzte nicht. Ganz langsam tropften die Tränen von den langen Wimpern. Sie wischte sie mit dem Handrücken fort und wandte sich stumm zum Ausgang.

Markwardt lächelte nicht mehr. Ihm war's, als hätte er die Seele dieses Kindes nackt gesehen. Die Erinnerung ging ihm nach in einsamen Stunden und des Nachts, wenn er wach lag.

Trinka aber saß am folgenden Tag wieder auf ihrem Platz ganz hinten, die alte Trinka, die mühsam lernte, schwer begriff, der die einfachsten Buchstabenzusammensetzungen nicht eingingen, mit wie hartem Eigensinn ihr brauner Zeigefinger auch die Zeilen entlang fuhr. –

Mit dem Weihnachtsfest hatte der Frost eingesetzt. Frau Holle schüttelte ihre Federn. Weiße Erde, grauer Himmel. Nun begannen die »Butterwochen« auf dem Moor, die Zeit, da das Wintereis die Kanäle wie mit Riegeln verschloß und meterhoher Schnee die Felder deckte. Wie eine zweigliedrig aufmarschierte Kolonne von bis an den Bart im Schnee steckenden Riesen erschienen die langen schnurgeraden Birkenalleen am Kanal. In ihrem weißen Gefängnis saßen die Klinkerberger feiernd, sie, die neun Monate des Jahres hindurch sich achtzehn bis zwanzig Stunden am Tag quälten, sei's mit der Bestellung des tiefen, schweren Bodens, dessen Sumpfigkeit die Anwendung von Zugvieh verbot, sei's mit dem noch mühsameren Torfstechen, bei dem auch Plaudertaschen vor Müdigkeit das Reden verlernten.

Auf jedem Hof war der fette Ochse gekauft. Bald hier, bald dort ward fröhliches Schlachtfest gefeiert. Im Raum hingen die Lendenstücke und die Speckseiten, und jeder Tag brachte zwei Fleischmahlzeiten, während sonst kaum Sonntags ein mageres Stück auf dem Tische erschien.

Die alten Männer spielten Karten, rauchten und tranken. Die Burschen schossen die hungrigen Hasen im Schnee, stellten Füchsen und Dirnen nach. Es hatte jeder von ihnen sein gutes Gewehr irgendwo in Busch und Bruch versteckt und brauchte es frech. Die Bremer Jagdherren kamen bei solcher Witterung nicht ins Revier, ebensowenig der Landgendarm. Der bevorzugte ohnehin die Klinkerberger Wildnis nicht und zeigte auch zu anderen Zeiten wenig Neugier, wenn es irgendwo im wilden Moor knallte. Denn es gingen unheimliche Geschichten um von rätselhaften Kugeln, die aus der blauen Luft oder dem braunen Heidekraut hervor mitten ins Herz getroffen hatten. Und in den Spinnstuben wurde viel erzählt von Menschen, welche die Erde eingeschlungen hatte. Nur eine aus dem Boden aufgereckte Hand, um die das Rabenvolk krächzend flatterte, wies den Nachforschenden ihre Spur. Es war die Zeit der Lustbarkeit und der Messerstiche, der Liebschaften und des grimmen Hasses, die Zeit aller dummen Streiche, die gleich den Kornähren im Moor höher aufschossen als anderswo.

Bis in die Schulstube konnte Markwardt es spüren, daß die Zwangsjacke überharter Arbeit nicht fürder die wilden Instinkte der Blonden bändigte. Was die schwarzen Parias anlangte, für die war der Winter mit seinem Mangel und seiner Kälte nicht gerade die Zeit des Übermuts.

Und Markwardt ging's wunderbar. Wie fest er sich's vorgenommen hatte, nur an sich zu denken, an sein Fortkommen, sein Studium, seine Zukunft, er kam nicht los von der braunen Sippe.

Er hatte gut sich versteifen! Wenn mit einem heulenden Windstoß zugleich ein zerzaustes Weib über seine Schwelle brach und mit der Angst der Mutterliebe ihn bat, mitzukommen, nach einem fiebernden Kinde zu sehen, dann legte er, wenn auch innerlich hadernd, sein Buch zur Seite und ging mit, stundenweit. Und wenn er heimkam, sah er auch nicht zunächst in seine Grammatik, sondern in seinen ärztlichen Ratgeber, zersann sich den Kopf, wie zu helfen sei, und am nächsten Tage ging er wieder hin. Gewiß, die Moorleute hätten einen Arzt haben sollen, aber sie hatten keinen.

An anderen Abenden kamen die Schwarzköpfe an, brachten ihre Produkte, Kochlöffel, Besen, Salzfässer, Matten; Stöße – ganze Berge. Er mußte Stück für Stück auf seine Brauchbarkeit prüfen. Dann sollte er die Sachen unterbringen. Nach Bremen trugen's ein paar kräftige Burschen auf ihrem Rücken durch Wind und Schnee. Aber die Korrespondenz mit den abnehmenden Kaufleuten, Lohnberechnungen, Materialanschaffungen waren Markwardts Teil. Und wie sein Egoismus sich aufbäumen mochte, er konnte es nicht über sich gewinnen, der eben aufkeimenden kraftvollen Industrie dadurch, daß er sich zurückzog, den Todesstoß zu geben. Dem verlorenen Volksstamm, der hier um sein Dasein, um seine Eingliederung in die moderne Kultur rang, die kaum geöffnete Rettungstür wieder zuzuschlagen, wäre ihm wie ein Mord erschienen. Gewiß, die braunen Leute hätte einen Geschäftsführer haben sollen, aber sie hatten keinen.

Sie hätten auch einen Geistlichen haben sollen. Der Wilstedter Pastor, zu dessen Sprengel außer Klinkerberg noch zwölf auf Meilen auseinander gelegene Gemeinden gehörten, konnte nicht Zeit finden, in die Erdlöcher der Vagabunden und Sünder von Klinkerberg zu dringen, und in die Betstunden, die Meier-Clüver auf seinem Hofe hielt, kamen sie nicht. Nun hatte Markwardt bei seinen Besuchen bei Kreih angefangen, dem Krüppel das Evangelium zu erzählen, schlicht und einfach wie einem kleinen Kinde. Nach und nach fand der eine und der andere der scheuen Schwarzköpfe sich wie von ungefähr dazu ein, stand an der Tür oder hockte am Feuer. Und immer mehr kamen, das kleine Haus konnte sie kaum fassen. Bald mußte Markwardt eine feste Stunde ansetzen. Er las dann einen Abschnitt des Neuen Testaments und erklärte ihn, und jedesmal von neuem rührte ihn die heiße Innigkeit, mit der diese Halbwilden die Heilsgeschichte erfaßten, den Gott, der zu den Bettlern und Sündern, den Mühseligen und Ärmsten in erster Linie gesprochen hat. Hier wie überall in dem wunderlichen Lande jungfräulicher Boden. und jedes Samenkorn schoß auf mit der Üppigkeit der Urwaldsvegetation.

Auch auf diese Bibelstunden vermochte Markwardt nicht zu verzichten. Aber zwiespältig ward seine Seele bei diesem Hartbleibenwollen und Nichtkönnen. Seine Nerven litten unter dem gewaltsamen nächtlichen Arbeiten, zu dem er sich zwang, um die Tagesversäumnis nachzuholen. Das Gleichmaß seines Wesens ging verloren. In den Schulstunden tanzte jetzt der Stock, den Henze ihm als vorzüglichstes Erziehungsmittel verehrt hatte, lustig auf dem Rücken der Blonden wie der Schwarzen. Ein wilder Ehrgeiz trieb ihm vorwärts. Er wollte Musterschüler erziehen. Wenn die Schulkommission im Frühjahr die neugegründete Schule revidierte, mußte er Ehre einlegen. Das war der sicherste Weg, fortzukommen aus dieser Wildnis. Und er wollte fort. Er wollte!

Die Reaktion blieb nicht aus. Die Blondköpfe versteiften sich in stumpfem Trotz. Von den Kindern sprang der Funke der Empörung über auf die Eltern. Die Moorleute lieben ihre Kinder mit dem Instinkt der Wilden und der Tiere.

Ehlers aber ging hetzend von Haus zu Haus.

»Mien leiw lütt Jan, wat nu? All wedder en Buckel vull kregen? Ji Kinners künnt mi leed dohn!«

Und zu den Alten sagte er: »Wat will de Kierl man blot? So 'n Bubah! Het he nicht sien Speck to Wihnacht kregen? Stoppt ji em nich jeden fieften Dag den Hals vull met Eten? So wat! – Mi was dat ümmer en Angahn26, wenn ik mal strafen mußt. Aber de Kerl het jo gor keen Insicht.«

An einem Februartag saßen um Henzeschen Ofen die fünf Gestrengen von Klinkerberg: der Vorsteher mit seiner Physiognomie einer geärgerten Eule, der runde Osmer, der immer lachte, auch wenn er Bitterböses sagte, Clas Clüver mit den übermäßig langen Gliedmaßen, die ihm, wenn er ging, das Aussehen von vier herumspazierenden Windmühlenflügeln gaben, Meier-Henze, der Schweigsame, der niemals nüchtern wurde, und Meier-Clüver, der Betstunden in seinem Hause hielt und dem Schulmeister als einem Freigeist mißtraute, weil er nicht daran teilnahm.

Sie hatten Schnapsgläschen vor sich stehen und die Mienen waren sorgenvoll.

»Mien Kinner,« sagte Meier-Henze, der Schweiger, und runzelte die Stirn, »dat sünd mien Kinner.«

Meier-Clüver trank sein Glas leer. »En goten Christen is he nich.«

»Tatern ducken,« lachte Osmer, »Hehehe! De Bande is noch keen Johr so utverschamt west.«

Clas Clüver wischte sich den Mund mit dem Handrücken. »En Kolonistenkind un en Taternkind, dat is för den Dickkopp dat eene wie dat annere. Ik segg, wo blist do de staatliche Ordnung?«

»Geiht nich,« entschied Henze und legte die geballte Faust auf den Tisch, »kann nicht angahn.«

»Geiht nich,« sagten alle fünf. »Wi mutt wedder petitschoneern.«

Am Backofen, unter den Edeltannen, standen derweil die Klinkerberger Burschen um einen stattlichen Habicht, den Meier-Clüvers Sohn, Jürgen, geschossen hatte.

Osmers Menne deutete mit dem Daumen auf die Stube, darin die Beratung der Männer stattfand, und lachte über sein ganzes rundes Apfelgesicht, das Osmergesicht.

»Oha Jung's, hüüt ward 'n Scholmeester wat inbrockt.«

»Behürt em,« erklärte Jürgen Clüver ingrimmig, »dem Taternfründ!«

»Jo, Tatern un Deerns, de hebb et up en afseihn. Uf' Antje sniedet em en Speck fingersdick.«

»Osmers Lieschen het em en wollen Dok för veer Mark to Wihnacht verehrt.«

»Clüvers Leidchen geiht em all lang üm 'n Bort.«

Jürgen Meier-Clüver schüttelte seine gefiederte Beute. »Schall wi us to 'm Narren hollen laten vun so 'n Hungerlieder?«

Die Burschen sahen einander an. »He löpt jo ümmer in Dustern up 'n Moor rümmer  –«

»Bi Nacht sünd alle Katten swart.«

Da tat Jan Clüver den Mund auf. Er saß auf dem Rand des Backofens und baumelte mit den Füßen.

»Ik lied 't nich.«

»Döskopp! Wischen Henze poussiert d'r ook met.«

Clüver sprang auf. »Dat 's nich wohr!«

»Woll!«

»Jung,« sagte Jan langsam, »mak mi nich jalou. Wenn ik jalou ward, denn gift dat en Unglück.«

Er stand groß aufgerichtet und sah sie an, und vor dem grausamen Ausdruck der harten blauen Augen verstummten sie, beugten sie sich. Zwar galten nach den ungeschriebenen Gesetzen der Wildnis Tatern und der Schulmeister für vogelfrei, und es wär' ein feiner Spaß gewesen, den Eindringling, dessen Art sie ärgerte, mal in aller Stille gehörig durchzuprügeln. Aber das Gefühl der Solidarität verbot Kolonistensöhnen, sich dem ausgesprochenen Willen eines Kolonistensohnes entgegenzusetzen. Menne Osmer, der Geschmeidige, begütigte sogar: »Is jo all dumm Tüg, wat de snackt, Jan. Glöv doch so wat nich.«

»Nee,« sagte Jan, »ik glöv 't ook nich.« –

Am Abend wurde die Spinnstube bei Clüvers gehalten. Die Zimmer unter dem morschen Strohdach waren zu klein. Man saß auf dem Flett, vorn am Feuer die fieberkranke Bäuerin, hastig spinnend, trotz ihrer Bresthaftigkeit. Die Glut warf einen rosigen Schein auf ihr ausgedörrtes, ungutes Gesicht, das über dem Wocken weg scharfe Wacht hielt, daß die Knechte nicht ihre blauen Strickzeuge vernachlässigten und die Mägde nicht die Sittsamkeit. Über die spinnenden Bauerntöchter sah sie weg. Das war eine steifnackige Brut, die sich das Liebesspiel mit den Burschen nicht gutwillig beschneiden ließ. Frau Clüver hatte da unliebsame Erfahrungen gemacht, vielleicht würden die ihr Temperament nicht gezügelt haben, aber sie fürchtete ihren Ältesten. Einmal, seit seiner Heimkehr, hatte sie versucht, ihm an die Karre zu fahren; sie gedachte es nicht zum zweiten Male zu versuchen: der Junge war aus gleichem Stoff wie sie, ins Männliche vergröbert.

Die Räder schnurrten, die gedämpften Stimmen murmelten durch den Raum, daß es anzuhören war wie das Gesumme eines schwärmenden Bienenstammes. Nur ab und zu brach das grelle Aufkreischen einer Dirne daraus hervor, wenn der hinter ihrem Schemel sitzende Verehrer ihr gar zu Anzügliches ins Ohr flüsterte. Man mußte sich beeilen mit der schönen Minne: sobald der Tauwind dem Karneval auf dem Moor den Kehraus blies, erstarben auf zehn Monate in schier unüberwindlich harter Arbeit Liebesworte und Liebesgedanken.

Der Wind war heute schon bedenklich nach Süden umgesprungen. Möglich, daß er bald ganz nach Westen umdrehte.

Jan Clüver hockte hinter Wischen auf einer Truhe, schweigsamer als sonst seinen blonden Schnurrbart zwirbelnd. Ein Dorn steckte ihm im Hirn, steckte ihm im Blut, aufreizend, quälend. Er starrte auf den blonden Haarschopf der Dirne, blond wie der Flachs auf dem Rad. Hätte man ihn aus Versehen mit abgesponnen, der Faden würde keinen Unterschied aufgewiesen haben. Ein Ende der blauen Schleife, die das Mädchen um den Hals trug, ragte, von jedem Atemzug leicht bewegt, in das lockige Nackenhaar hinauf. Es erinnerte Jan an die Kornblumen im Weizen. Wenn sie wieder blau zwischen den hohen Halmen schwankten, würde dann Wischen seine Frau sein und der Dorn fort aus seinem Hirn, seinem Blut?

Auch Wischen träumte. Ihr Sinn war beweglicher, nach neuen Dingen lüsterner, als die Moorleute ihn zu haben pflegen. Ihre Wünsche schweiften hinaus über die fünf pferdekopfgekrönten Häuser von Klinkerberg nach Niegesehenem, Aufregendem, dem Wechsel, dem Glück. Anfangs hatte Jan Clüvers Heimkehr ihre Sehnsucht befriedigt. Ihr Herz, das allen hübschen Mannsbildern entgegenschlug, schwoll vor Freude und Stolz über seine Schmuckheit. Wenn Jan sie unter den dunklen Tannen um den Backofen an der Brust wiegte, meinte sie, es könnte nichts Schöneres geben.

Nun war das schon etwas Altes. Sie dachte ohne Begeisterung an ihre Heirat. Der Clüversche Hof war nicht stattlicher als der ihres Vaters. Und ihre Schwiegermutter, wenn das Fieber sie nicht zu schlimm schüttelte, wahrlich eine böse Sieben. Das Fieber schüttelte sie schon zwanzig Jahre und mochte seine Arbeit noch zwanzig Jahre fortsetzen, ohne dem zähen Weibe sonderlich viel anzuhaben. Und Jan? Je nun, der schmuckste Bursch in Klinkerberg, aber doch ein Moorbauer wie die andern!

Wer nannte da eben den Schulmeister? Ja, der war das Neue, das andere und darum Verführerische. Sie hatte ihn bei Jans Heimkehr gern laufen lassen. Denn eine Bauerntochter und ein Schulmeister, du lieber Gott! was Ernstes gab's da nicht! Aber auch er ließ sie laufen, und das war kränkend.

Denn allerdings, etwas Besonderes war an dem Menschen. Wie der verzauberte Prinz im Märchen stand er zwischen den Klinkerbergern mit seiner Rosenblatthaut, mit der von goldigem Haar umflimmerten weißen Stirn, schlank und schmal, gleichsam hinaufstrebend von der Erde zum Himmel, während der Moorleute ausgearbeitete Glieder sich hinunterbogen, dem Boden zu, in dem ihre Hände wühlten, ihre Gedanken wurzelten.

Fritz Markwardt aber wandelte aufrecht zwischen den Bücherschätzen, die seine Stubenwände bedeckten. Seine weißen schlanken Finger blätterten darin. Wenn er eine Frau nahm, so würde sie sich weder vor die Egge spannen noch Kartoffeln aushacken. Im Feiertagskleid saß sie auf einem Schemel ihm zu Füßen, und er las ihr mit seiner leisen Stimme vor, was in den Goldschnittbänden stand.

Wischen Henze würde ein derartiges Leben keine acht Tage ausgehalten haben, aber als Vision kam es für sie direkt hinter ihrer Vorstellung vom Himmel, mit seinem psalmensingenden Engeln.

Und wenn er küßte – anders mußte es sein als Jans derbe Zärtlichkeiten, ganz anderes als die Moorleute küßten, zart und fremdartig, etwa wie der leichte Schwindel, der ihre Sinne angenehm umschleiernd, aus dem Glas Wein aufgestiegen war, an dem sie auf Grete Clüvers Hochzeit mit dem Bauer Jansen in Stellichte genippt hatte. Sie schloß die Lider. Warum hatte er sie nicht geküßt damals auf der Bank? Warum küßte er sie jetzt nicht? –

In diesem Augenblick griff Jan, von seinen Empfindungen überwältigt, mit beiden Händen in ihre Zöpfe.

»Deern! Deern!«

Sie fuhr übellaunig auf und zupfte ihr zerzaustes Haar zurecht.

»Nee, so 'n Tüffel wie du gist dat ook gor nich mihr!«

Er wurde blaß. »Dien Scholmeester is woll fiener?«

Ein Schreck durchfuhr sie. Las der so deutlich ihre Gedanken? Unter den hellen Wimpern hervor traf ihn ein scharfprüfender Blick. Dann lachte sie, daß all ihre Zähne aufblitzten.

»Büst jalou, du, up so 'n Wittsnabel27

Er sagte nichts. Es war der allgemeine Aufbruch. Die Räder wurden gerückt, die Dirnen schlugen die wollenen Tücher um den Kopf, die Burschen griffen nach den Mützen. Hinter der Futterkiste küßten Clüvers Leidchen und Osmers Menne einander rasch noch einmal.

Jan ging neben Wischen. Er trug nicht ihr Spinnrad, das wäre gegen die Manneswürde gewesen, er ging nur neben ihr.

Als sie allein waren unter dem dunklen Himmel, auf der trübseligen, weißen Fläche, über die der Wind in unregelmäßigen Stößen fuhr, der Westwind, der Tauwind, legte er seinen Arm fest um das Mädchen.

»Wat harr de Scholmeester di to vertellen, dat Mal up de Bank, weetst, as ik to Huus kommen däh?«

Sie biß lachend in die Hand, die auf ihrer Schulter lag.

»Dat du 'n Schafskopp büst.«

»Nee, Nee,« sagte er ernst, »du büst verännert. Dat's mi dörch un dörch gahn, wie du hüüt upfohren dähst. Wischen – hest mi noch leiw?«

Zaghaft klang's und traurig. Die Unsicherheit in der harten Stimme hatte etwas Erschütterndes.

Wischen stellte ihr Rad in den Schnee, schlang beide Arme um Jans Hals und küßte ihn.

»Nu büst tofreden, du grote, dumme Jung'?«

Er hielt sie in den Armen wie in Eisenklammern.

»Deern, Deern! Do mi dat nich to leed!« bat er. »Do 't nich! Süh, up di hebb ik mien Sinn sett't mien Glück, mien alles! Du büst miene, miene, miene! Ik lied 't nich, dat du an en andern denkst! Ik lied 't nich! Oder – Wohr di un em!«

»Jan, Jan! Du drückst mi jo dod!«

Mühsam rang sie sich los. Sie standen vor dem Henzeschen Gehöft. »Ik weet gor nich, wat di hüüt infallen deiht, du!« Sie riß lachend an seinem Schnurrbart, sie zupfte an seinen Ohren. »Och du! flap dien Grappen28 ut!«

Und mit einem leichten Schlag mitten in sein Gesicht war sie in eine der vielen Türen ihres Hauses geschlüpft.

Als Wischen in dem Henzeschen Gehöft verschwunden war, beschloß Jan, heim zu wandern. Aber die Füße waren schwer; er kam nicht vorwärts. Und gewaltsam zog ein Lichtschein ihn an, der fernher über den Schnee schimmerte: das helle Fenster des Schulhauses. Es riß ihn dorthin, wie die Motte in die Flamme. Er schlich an die Scheiben und spähte von außen in den Raum, und dann öffnete er mit raschem Entschluß die Tür.

Markwardt sah freundlich von dem Buch auf, in der er las.

»Sieh da, Clüver! Guten Abend.«

Jan betrachtete den Lehrer mit zusammengezogenen Brauen, mit verhaltenem Atem. Nein, es lag keine Befangenheit in dem zarten Gesicht, kein Schuldbewußtsein in den glänzenden Augen, die gerade in die seinigen blickten. Erleichtert redete er: »Die Spinnstube ist aus. Ich hoffe, ich komme Ihnen nich ungelegen.«

»Nein, ich freue mich,« versicherte Markwardt und sprach die Wahrheit: Jan Clüver war der einzige, mit dem er über die Welt draußen reden konnte.

Der Bursch setzte sich. Er stemmte den Ellbogen auf und sah stumm auf seine Stiefel.

»Fehlt Ihnen etwas?« fragte Markwardt betroffen.

»Nee – ja. Das geht ein'n Menschen manchmal kurios. Ich wollte, das fing' nu an un taute. Mich bekömmt das nich, daß es gar un gar keine Arbeit gibt.«

»Das scheint mehr Leuten hier nicht zu bekommen,« meinte Markwardt. »Sehen Sie nur, was ich heut abend auf meinem Pult gefunden habe. Ich wußte gar nicht, daß die Schreibkunst in Klinkerberg so hoch steht.«

Er sagte es heiter und reichte Jan ein Stück angeschmutztes Papier. Es war ein hochdeutsch geschriebener Brief. Jan las:


»Geehrter Herr Lehrer!

Wenn Sie mein Kind nich besser behandeln, muß ich Ihnen durchprügeln. Wenn Sie es dann noch nich duhn, muß ich Ihnen abends auflauern, un Ihnen dodschießen. Den Revolver hat sich mein Mann schon gekauft.

Ich grüße auch schön.

Eine Mudder.«


Jan Clüver faltete das Schreiben langsam zusammen. Er lachte nicht.

»Haben Sie keine Bange, Markwardt,« beruhigte er.

»Hab' ich auch nicht,« versicherte der Lehrer leichtherzig.

Jan betrachtete ihn nachdenklich. Der kannte die Klinkerberger wahrlich nicht! Wie er da vor ihm stand, mit dem rosigen Knabengesicht, mit dem leuchtenden Haar, das sich blond wie die Grannen der Gerste ihm um die Schläfen legte, dachte er: Wär' schad' um ihn gewesen. Laut sagte er: »So was is doch nich in der Ordnung. Die Leute hier verstehen ja nicht, wo Sie hinaus wollen. Ich wohl! Ich hab' auch ein Stück Welt gesehen. Es ist gewiß besser, die Tagediebens bei die Arbeit zu kriegen als ins Zuchthaus; ja, das is besser und da sind Sie auf gutem Weg. Aber so arg hille29 brauchten Sie's mit dem Jungendrillen nich zu haben. Sie könnten sich woll ein büschen Zeit lassen, wie?«

»Hab' ich's zu eilig?« fragte Markwardt ehrlich verwundert. »Meinen Sie das?« Die Briefe seiner Mutter, die stichlichen Grüße der Freundin hatten ihn innerlich in einen solchen Galopp gesetzt, daß ihm alles still zu stehen schien, was nicht jagte.

»Ja, das mein' ich,« antwortete Jan bedächtig. »Un dann mein' ich noch: Sie kennen die Klinkerbergers nich, und die Klinkerbergers kennen Sie nich. Un das is nich gut  –«

Er brach ab. Beide junge Leute hoben die Köpfe. Ein Brausen wälzte sich durch die Lüfte, ein schriller Pfiff, dann ein Aufheulen wie von einem Tier.

»'s ist der Wind,« sagte der Schullehrer.

Jan trat zu dem kleinen Fenster, öffnete den Flügel und schaute hinaus. Die hohe Schneedecke die seit Monaten das Moor bedeckte, hatte ihr blendendes Weiß verloren. Durch die Dunkelheit war's deutlich zu erkennen. Aus dem Westen jagte der Frühjahrswind zerfetztes schwarzes Gewölk, das er übereinanderschob wie Kulissenwände.

Jan Clüver schüttelte den Kopf. »Das is nich gut.«

»Nicht gut? – Seit heut abend taut es. Es will Frühling werden endlich! Endlich Frühling in diesem Sibirien.«

»Ja, ja. Es hat's man zu hille mit dem Frühlingwerden. Das is schlimm. Zu hille is immer schlimm.«

Er sagte nicht völlig heraus, was er fürchtete, nicht, daß er's erlebt hatte, wie die Hammeniederung ein großer See geworden war, in den die gesamten Wassermengen der Schneeschmelze auf dem Moor sich ergossen, während der Nordwest unerbitterlich die Fluten zurück, stromaufwärts peitschte, so daß die Kolonisten am Kanal morgens, aufwachend, ihre Holzschuhe vor dem Bett schwimmend fanden und die Kühe auf der Diele trotz untergeschobener Bretter stundenlang mit dem halben Leib im Wasser stehen mußten und kaum dem Ertrinken entgingen.

Die brausende Unruhe draußen weckte neu die Unruhe in seinem Innern. Er fuhr sich mit der Hand durch das Haar, das seine militärische Straffheit schon verloren hatte.

»Es is so benaut30 da in, Markwardt. Un schlafen, schlafen kann ich noch nich. Wenn's Ihnen nichts verschlägt, könnten wir noch ein bißchen zu Wittkopp gehen.«

»Wer ist Wittkopp?«

»Das wissen Sie nich mal? Wittkopp is der Wirt.«

»Ich denke, es gibt keine Wirtshäuser auf dem Moor?«

»O, woll! bloß nich in der Kolonie. Aber Wittkopp is da, un was die Haussöhne sind, die gehen alle zu Wittkopp.«

Markwardt, den es reizte, eine neue Seite des Klinkerberger Lebens kennen zu lernen, erklärte sich bereit.

»Haben Sie Ihren Revolver?« fragte Jan.

»Ist denn Gefahr?«

Jan zuckte die Achseln. »Es ist Nacht.«

Seite an Seite wateten die jungen Leute schweigend durch den tauenden Schnee. Unter dem sternlosen Himmel, auf der merkmallosen Fläche wies der Moorbauernsohn mit unfehlbarer Sicherheit den Weg. Nach halbstündigem Marsch bog Jan in eine Erdhütte ab, die vor Jahren als Obdach beim Torfstechen gedient hatte und nun verlassen und zerfallend stand. Aus einem Torflager hervor grub er seine Büchse, und weiter ging der anstrengende Marsch gegen den immer wilder brausenden Nordwestwind. Sie hatten jetzt in der Ferne etwas wie eine Erhöhung vor sich, einen kleinen weißen Buckel, der in den schwarzen Himmel einschnitt. Aber kein Lichtschimmer drang daraus hervor. Auf Markwardt lastete diese Nacht ohne Sternen- und Lampenschimmer, ohne Weg- und Richtzeichen. Da sah er zu seiner Rechten ein helles Licht aufflammen. Tröstlich schien ihm dies Merkmal von Menschennähe.

»Clüver, ist das Wittkopps Haus?« Er tat einen Schritt in der Richtung.

»Um Gottes willen!« Jan hielt ihn jäh am Arm fest. Er stand wie angewurzelt. Markwardt hörte, wie er rascher atmete.

»Ist's nicht das Wirtshaus?«

»Das is – wissen Sie, was man hier schwimmendes Land nennt? Sie sagen, ein ganzer Hof wär da versunken mit Äckern und Wald. Und ich weiß, daß Wilm Meier-Henze, des Bauern jüngster Bruder, vor zehn Jahren den Weg hier ging un – nie wiedergekommen is. Aber das is ein Licht.«

»Ein Irrlicht also?«

»Ich weiß nicht, was es is. Kommen Sie!«

Markwardt fühlte festeren Boden unter den Füßen. Sie mußten eine Art Weg erreicht haben. Dicht vor ihnen lag jetzt der weiße Buckel, ein beschneites Hausdach. Noch immer flimmerte kein Lichtschein durch Fenster oder Tor. Drinnen schlug ein Hund an. Jan riß den Türflügel auf. Sie traten auf einen schmalen, mit Backsteinen ausgelegten Flur. Aus der offenen Tür einer niederen Wirtsstube drang mit Wolken von Tabaksqualm Stimmengeschwirr, das dumpfe Klappen der Bierseidel und das Aufschlagen der Kartenspieler auf den Tisch.

Der kleine Raum war überfüllt. Moorleute aus Neu-St. Jürgen, Stellichte, Vieh, Heudorf, aber auch viele Klinkerberger Gesichter. Neben der Bierbank stand der Wirt, ein kümmerliches Männchen mit dünnen, schweigsamen Lippen und den vertrockneten knotigen Fingern der Geizhälse. Ein qualmendes Öllämpchen hing von der Decke herunter. Sein Schein durchbrach nicht die Ritzen der dicken, festschließenden Holzläden. Nur matt beleuchtete es die harten Gesichtszüge der Zecher.

In einer Ecke, allein am Tisch, brütete Meier-Henze tief träumerisch dreinschauend, wie immer, wenn die Dämpfe des Fusels jeden Gedanken aus seinem Hirn vertrieben hatten. Man sagte, er mische sich Scheidewasser in den Schnaps.

Ein paar Bauern erzählten Jagdgeschichten, die Ellbogen auf dem Tisch. Melancholisch lauschten ihre Jagdhunde, die es besser wußten, die langohrigen Köpfe an der Herren Kniee geschmiegt.

Ein paar Burschen lachten über Weibergeschichten. Aber an den meisten Tischen wurde gespielt. Mit Erstaunen sah Markwardt, daß die Leute ganze Haufen von Silber und Nickel vor sich liegen hatten, mehr Geld, als er je in Klinkerberg beisammen gesehen hatte. In der Mitte des Tisches stand jedesmal ein Napf, in dem oft bis zwölf Mark auf einmal lagen: die sogenannte Pinke, mittels der erfinderische Köpfe verstanden haben, Skat in ein wildes Glückspiel zu verwandeln.

»Holla, Jan! Speel maken? – In dissen Oogenblick steiht Jansen up.«

Menne Osmer und Jürger Meier-Clüver riefen es dem Eintretenden entgegen.

»Allemal, Jungs!« Clüver trat heran und warf seinen Lederbeutel auf den Tisch, der hart und schwer aufschlug. »Kommen Sie, Markwardt!«

Die Burschen sahen Jan an, sahen Markwardt an. Es war etwas wie Staunen in ihrem Blick, etwas wie Bedauern. Aber man redet nicht viel auf dem Moor. Weil Clüvers den Lehrer mitbrachte, nahmen sie ihn hin.

»Speelt Se ook?« fragte Menne mischend, während der Wirt zwei Gläser Bier brachte.

»Nein, ich möchte lieber zusehen.«

»Dat's klok.« Er lachte. Es klang nicht sonderlich angenehm. »Hier geiht dat scharp to.«

Die Karten flogen hinüber und herüber. Bedeutende Summen gingen um. Zehn Pfennig der Point und fünfzig Pfennig Spielgeld der Pinke. Wer den Grand gewann, leerte den Napf. Wer ihn verlor, mußte den Inhalt doppelt auszahlen.

Clüver spielte mit rotem Kopf, mit hastigen Bewegungen, er spielte schlecht. Trotzdem gewann er, gewann immerzu. Und je mehr er gewann, desto aufgeregter wurde er, desto hastiger leerte er sein Glas.

Seine Kumpane sahen mit bedeutsamen Blicken auf Markwardt. Der merkte es nicht, ganz hingenommen von dieser neuen Seite des Moorlebens, einer Nachtseite – aber der Erzieher soll die künftigen Gefahren und Versuchungen seiner Zöglinge kennen.

Stunden verrannen. Die Jagdgesellschaft trottete heim. Auch Meier-Henze erhob sich würdevoll und nur ein ganz klein wenig schwankend.

Der Wirt ging mit kleinen Schritten zwischen seinen Gästen hin und her. Einmal nahm er an einem Tisch als dritter die Karten auf. Markwardt sah, daß er unheimlich gewann.

Es wurde immer leerer. Die alte Schwarzwälderuhr im Winkel tickte leise, der struppige Köter des Wirts stöhnte im Schlaf.

Jan Clüver spielte mit heißem Kopf. Vor ihm häufte sich der Berg der Münzen. Ein peinliches Gefühl beschlich Markwardt. Er mahnte zum Aufbruch.

Jan wehrte mit glühenden Augen. »Nicht kalte Füße kriegen! Das Glück muß einer immer mitnehmen. – Hunnert un fief! Dat was Grang, Jungens.«

Unter dem Fluchen der anderen strich er die Pinke ein.

»Dat 's so,« brummte Jürgen Meier-Clüver:

»Kartenspeel got,

Frigen31 Not.«

Er brummte es halblaut. Jan hörte es doch. Er schlug auf den Tisch. »Oho! Wat hest dor seggt?« Trunkenheit und Wut bebten in seiner Stimme.

In diesem Augenblick donnerte eine harte Hand gegen die verriegelte Haustür. Alle sprangen von ihren Sitzen auf.

Mit raschem Griff riß Wittkopp die Büchse vom Haken. Dann trat er zur Tür.

»Weck een is d'r!?«

»Um Gottes willen, Wittkopp! Mak up!«

»Oll Ehlers  –«

Der Wirt setzte die Büchse ab und schob den Riegel zurück.

Sie kamen herein, der Korbmacher, auf ihn gestützt Meier-Henze. Ehlers war naß. Dem Bauern klebten die Kleider am Leib, klebten die Haare am Kopf. Er war barhäuptig, über und über mit Schlamm besudelt. Frostklappernd kauerte er sich auf den Schemel vor dem Ofen, wortlos. Ehlers dagegen redete ohne Unterlaß.

Es war noch gut gegangen. Aber es hätte schlimm werden können, sehr schlimm, wenn nicht der arme Ehlers zur Stelle gewesen wäre. Er war nur ein schwacher Mann, fast ein Krüppel. Aber wenn es ihm auf die Brust schlug, – und das würde es sicher – hatte Wittkopp nicht ein Glas Grog für ihn? aber steif! und ein Wurstbrot? Es durfte auch Braten sein! Lebenretten ist kein Kinderspiel! Denn kurz, er hatte Meier-Henze aus dem Sumpf gezogen, gerade an der schlimmen Stelle, wo Wilm Meier-Henze vor zehn Jahren versunken war und die auch bei starkem Frost nicht fest wurde. Er hatte ihn herausgezogen – und der arme liebe Mann war nicht leicht. Aber wenn die Kolonisten auch auf den armen Korbflechter Ehlers hochmütig herabsahen, Ehlers war treu. Er hatte sich gesagt: Entweder du bringst den Mann aufs Trockene, oder ihr geht beide zu den Kröten! – Der Bauer mochte es ihm nun vergelten, wie es ihm recht schien. Er mochte zu ihm sagen: Ehlers, ich geb' dir die warme Stube in meinem Haus, die du gern haben wolltest, oder: Ehlers, hier hast du hundert Taler – oder er mochte ihn mit Fußtritten von seiner Schwelle jagen, das war die Wahrheit, die nackte Wahrheit: der arme Ehlers hatte ihn herausgezogen. Dem armen Ehlers hatt' er's zu danken, daß er da jetzt so behaglich am Ofen sitzen konnte – denn er saß sehr behaglich, was? Ohne Ehlers wär's »rattekahl« aus mit ihm!

Wittkopp schüttelte dem regungslosen Bauern Grog in den Hals und die Klinkerberger rüttelten ihn.

»Meier-Henze! Meier-Henze, segg ook wat! Is dat würklich wohr? Wörst du nahsten versupen un Ehlers het die ruthahlt?«

Meier-Henze saß stumm, ein Haufe Unglück. Dann und wann schauerte er in sich zusammen. In seinen schwimmenden Trinkeraugen war ein Ausdruck von Entsetzen versteinert geblieben, als sähen sie immerfort und ohne Aufhören das schwarze schleimige Grab tückisch langsam ihn einsaugen.

Jan Clüver war am Tisch sitzen geblieben. Er fuhr sich wieder und wieder mit der Hand über die Stirn, bemüht, des Rausches Herr zu werden, der ihm die Gedanken umnebelte.

Plötzlich unterbrach er Ehlers trocken: »Wat harrst denn du up 'n schwimmenden Land to dohn?«

»Ik? – Ik wull doch ook to Wittkopp.«

Clüver wandte die Augen auf die Schwarzwälderuhr. Sie wies zwei Uhr morgens.

»D'r wören so veel Körf' to maken,« erklärte Ehlers. »De ganse Nacht waas ik to Gang. Un Wittkopp het goten Sluck, fihr goten Sluck. Mien was all' worden32. – Jo  –«

Jan Clüver strich mit raschem Griff seinen Gewinn in die Tasche und stand auf. »Gehn wir, Jung's!«

Er war auf einmal ganz nüchtern geworden, und trotzdem der Ofen in der kleinen Stube noch mit roten Backen glühte, fror ihn. Es gibt Vorstellungen, die kühlen ab wie Eiswasser. Vor Jan Clüvers Augen stand unverrückbar die schlammige, schlecht gefrorene Tiefe mit dem flammenden Irrlicht darüber. Vielleicht hatte das Irrlicht auch geflammt vor zehn Jahren, an dem Abend, als sein guter Kamerad, der achtzehnjährige Wilm Meier-Henze, ein verkauftes Kalb nach Neu-St. Jürgen brachte und nie zurückkehrte. Das war damals gewesen, als Ehlers die große Korblieferung nach Bremen bekam und vier Wochen hintereinander nicht nüchtern wurde.

Er wischte sich mit dem Ärmel die Stirn; der Schweiß perlte drauf.

Jürgen Meier-Clüver und Menne Osmer gingen auf dem schmalen Pfad voran. Schweigsam folgen Jan und der Lehrer.

Aber Markwardt spähte aufmerksam nach der Stelle, wo vorhin das Licht geflammt hatte. »Sehen Sie doch, Clüver, jetzt ist's ganz finster!«

»Pst!«

»Was meinen Sie?«

»Ich meine, es ist nicht gut, zu viel reden,« murmelte Jan. »Das Moor hat manches Mal Appetit auf einen Menschen.«

Kurz vor vier standen sie vor dem Schulhaus.

»Gute Nacht!« sagte Jan, besann sich, blieb stehen und streckte Markwardt die Hand entgegen, zum ersten Male heute. »Gute Nacht, Markwardt! Ich sag' es ist gut, daß Sie nach Klinkerberg gekommen sind. Es ist gut für unsere Kinder. Und Sie müssen dazu tun, daß die Klinkerberger Sie kennen lernen.« Er drückte Markwardts Hand, als wollt' er sie zerquetschen. »Ich mein's gut, Schulmeister. Ich mein's wahrhaftig gut. Un ich  –«

Er brach ab. Mit großen Schritten ging er heim. Es war eine Sache gewesen, in dunkler Sturmnacht allein auf dem Moor mit dem Rivalen! Aber er ließ sich den Kopf nicht warm schwatzen, nur seinen Augen würde er glauben!

In Markwardts Hirn drehten sich noch immer im Wirbel die niedere, qualmige Stube mit den heißen Gesichtern der Spieler, die schmelzende Schneefläche, das rätselhafte Licht über der gefräßigen Tiefe. Geheimnisse, Gefahren überall! Auf Schritt und Tritt lauernd der Tod!

Was für ein Land! Wohl bedurften seine Bewohner, die Blonden wie die Schwarzen, eines Starken, der sie aus dem Sumpf zog, in den sie versanken. Wenn er ginge, würde sein Nachfolger die Kraft haben, den Mut? Würde er die Schwerverständlichen verstehen? In seiner Seminarklasse war keiner gewesen, den er dazu für tauglich hielt, und er ward unruhig. Ein rohes Geschlecht, ja, aber ein kraftvolles Geschlecht, ein Pioniergeschlecht, das die Wildnis zwang, ihm fruchtbar zu werden!

Um seine Gedanken abzuleiten, zog er Karlas Bild hervor. Aber es wirkte in dieser Nacht nur wie ein fernes Echo im Wald, lieblich, doch fremd, verblaßt. Ohren und Hirn waren ihm voll vom Brausen eines gewaltigeren Lebens.

Er schlief diese Nacht nicht. Als er im ersten Morgengrauen übernächtig seine Tür öffnete, sah er am frisch beschneiten Birkengestrüpp drüben zwei miteinander ringen, stumm, wie es der Brauch in diesem Land des Schweigens war, aber heiß, mit Erbitterung. Die eine der Gestalten war ein junger schlanker Mädchenleib und ein Messer blitzte in der Hand dieses Mädchens. Es gab Markwardt jäh einen Stich durchs Herz.

»Trinka!«

Der Bursch ließ ab und stob davon. Die Schultasche mit ihrer Fibel und ihrem Schreibheft schlenkernd, kam Trinka heran mit ihrem unbewegten ernsten Gesicht, in dem die großen Augen wie zwei Lichter brannten.

»Trinka! Kind! Was war das?«

Sie sah stumm zu Boden.

»Was wollte der Mensch von dir?«

»Nu so  –«

»Wie?«

Küssen wull he mi.«

Markwardts Enttäuschung war maßlos. Bis jetzt hatte er trotz allem in Trinka nur das Schulkind gesehen, das freilich über das schulpflichtige Alter hinaus war. Jetzt trat ihm ins Bewußtsein, daß sie überhaupt kein Kind mehr war und welche Wandlung mit ihr vorgegangen in der Zeit, seit er sie zuerst gefragt hatte, ob sie denn keinen Konfirmandenunterricht gehabt habe, und sie gemahnt hatte, das Versäumte nachzuholen.

»Und du?« fragte er streng.

Sie antwortete nicht, sie sah an ihm vorüber, und freilich gehörte die Beantwortung dieser Frage nicht zum Unterricht. Daß es ihm nie eingefallen war! Natürlich würde sie nicht nach allen Männern mit Messern stechen. Die Wahrnehmung empörte ihn. Er fand das Mädchen leichtfertig, charakterlos, frivol. Während des Unterrichts beobachtete er sie scharf in ihrem Winkel der Klasse. Träumte sie von ihrem Abenteuer? Immer wieder rief er sie auf, stellte die strengsten Anforderungen an ihr Können, schalt ohne Geduld und Schonung, bis die hellen Tränen aus ihren Wimpern tropften. War es zu glauben? So eng von Hirn? So schwerfällig zum Begreifen! – und schon so reif! –

Zur selben dämmerigen Morgenstunde striegelte Jan Clüver die braune Stute. Sein halbwüchsiger Bruder Krischan bastelte auf der Diele an einer Schlinge, die er Meister Lampe im Kohlgarten zu legen gedachte. Da wandte sich der große Bruder um.

»Krischan!«

»Hm.«

»Is d'r keen Schol hüüt?«

»Woll.«

»Denn, wat hest hier rümtostahn?«

Krischan schielte nach dem Feuer, an dem sein rheumatischer Vater sich die Glieder rieb, seine fieberklappernde Mutter Kartoffeln schälte. Als heller Jung' wußte er genau, woher der Wind wehte.

»Ik gah d'ir nich hen,« sagte er trotzig. »Ik fläut up 'n Scholmeester. Ik  –«

Er kam nicht weiter, weil er plötzlich seine Schultasche am Arm und die brüderliche Faust am Kragen fühlte und, ohne daß er sich persönlich bemüht hatte, draußen vor der Tür grad auf dem Weg zur Schule stand.

»Allong! Schall ik di Been' maken?«

Der Bauer wandte seinem Ältesten sein knochiges Gesicht zu. »Nee, Jan, dat's so. De Scholmeester dogt nix.«

»Vadder,« antwortete Jan, »ik weet, wat ik segg: de Scholmeester is got. De is sihr got! De is up 't Hoor, wat wi hier bruk. Un wenn man blot – wenn he blot nich – blot nich. Aber denn, jo, denn so  –«

Er verlor den Faden. Er starrte mit finsteren Augen ins Leere.

»Wenn he wat nich?« fragte die Bäuerin neugierig.

Jan rang sich gewaltsam los aus der Hölle quälender Bilder, in die sein eifersüchtiges Empfinden ihn wider seinen Willen von neuem entführt hatte. »Nee, Mudder, de Scholmeester is got.« – –

Frost und Schnee hatten wieder eingesetzt. Osmer und seine Frau fuhren zu Schlitten nach Bremen, um die ausstehende Erbschaft endlich zu heben.

Lieschen und Menne, die erwachsenen Kinder, hatten nur auf diese Abfahrt gewartet. Sie fegten das Flett, bestreuten den Boden mit Tannennadeln, füllten den Kessel mit Wasser für den Grog und schickten den Knecht durch den Ort, um das junge Volk von Klinkerberg auf den Abend zur Dudelmusik zu laden.

Nur an die jungen Leute erging der Ruf. Greise, Verheiratete und Kinder schloß die Sitte aus von dieser urwüchsigen und keineswegs ganz harmlosen Belustigung eines Volksstammes voll unverbrauchter Kraft und gewaltig hervorbrechender Lebensfreude. Die Natur sprach bei diesen Festen, und sie sprach unverblümt. Die jungen Leute, die einer im Arm des andern bis zum ersten Hahnenschrei sich drehten, zierten sich nicht. Lieb' und Haß redeten mit ungebrochener Gewalt. Es gab törichte Küsse und Messerstiche, Ursache zur Reue für lange Jahre, wenn dies harte, mit schier übermenschlicher Kraft gegen eine widerspenstige Natur ringende Geschlecht einem so unfruchtbaren Gefühl wie der Reue einen Platz in seinem Leben eingeräumt hätte.

In allen fünf Bauernhöfen der Kolonie rüstete sich, was jung war, die Herren und die Knechte. Auch Wischen schmückte sich vor ihrem kleinen Spiegelchen. Aber den blonden Zopf in der Hand, versank sie in Träumen.

Warum küßte der Schulmeister sie nicht? Sie hatte ihm seit jenem Spinnstubenabend mehrmals ein schönes Stück Kuchen verehrt und laut dazu geseufzt. Er dankte und aß es auf. Und gestern, als er am Brunnen vorüberkam, hatte sie ihm einen Schneeball mitten ins Gesicht geworfen und ihm zugerufen, daß sie auch in seine Arbeitsstunde kommen werde. Es verlange sie, sich einen Knecht Ruprecht zu schnitzen. Auf die hölzernen Mannsbilder habe sie es einmal abgesehen. Da hatte er ihr höflich versichert, daß er sich freuen würde, sie zu unterweisen.

Warum küßte er sie nicht? Sie langweilte sich in dieser arbeitslosen Zeit. Wenn eine Dirne erst mal verheiratet ist, hört ohnehin das Spaßhaben auf. Über die verlorenen Wochen! – Warum wollte er sie nicht küssen? Auf einmal kam ihr eine Art Antwort: Einfach: er traute sich nicht. Ein Schulmeister und eine Bauerntochter! Ja, das war's er traute sich nicht! Zeigen mußte sie's ihm, daß er durfte!

Hier kam die Magd herein, die blaue Schürze über das frisch gekämmte Haar gebunden, den Rock über die Schultern geschlagen.

»To, Wischen! To! Ik glöv, se sünd all bi 'n Danzen.«

»Wo is Jan?«

»De hahlt 'n Scholmeester.«

»'n Scholmeester?« Wischen stieg auf einmal alles Blut zu Kopf. Sie bückte sich tief über die Truhe und wühlte zwischen ihren Taschentüchern. »Süh, kommt de Schomeester hüüt ook?«

Dann schlidderten die beiden Mädchen, vom Sturm getrieben, auf ihren neuen Holzschuhen den in den Schnee getretenen Weg zu Osmers Hof entlang, mit frohklopfendem Herzen dem kommenden Vergnügen entgegen.

Auf Flett und Tenne stand der Rauch, den kaum die dunkle Glut unter dem weißdampfenden Kessel durchbrach. Wie in Wolken verschwammen die einzelnen Gestalten, Menne Osmer, der, aus dem brodelnden Kessel schöpfend, den Grog mischte, steif für die Burschen, nicht ganz so steif für die aufkreischenden und ihm wehrenden Dirnen, und Henzes Knecht Hannes, das musikalische Genie von Klinkerberg, der mit seiner Ziehharmonika auf einem Schemel auf der großen Truhe thronte, sicher, daß er als Hauptperson nimmer zu kurz kommen könne.

In Wolken stand auch der Schulmeister. Der freundliche Haussohn bewillkommnete ihn. »Dat's recht, Markwardt, dat Se sik ook mal en goten Dag makt.«

Jan Clüver war da und Jürgen Meier-Clüver, Meier-Henzes, des Trinkers, Söhne Wilm und Hemmo. Auch Ehlers hatte sich eingeschlichen, der sich überall einschlich, wo es etwas zu holen gab. Er strahlte. Meier-Henze hatte ihm richtig die Stube eingeräumt, die er für sich begehrte. Er schürte das Feuer und erzählte seine Heldentat, wo einer ihm zuhören wollte.

Aber Hannes zog die Harmonika. Der Tanz begann. Markwardt schaute voll Wißbegier in den tollen Wirbel, der zwischen den geschwärzten Wänden sich drehte, an den Holzsäulen entlang, durch die hindurch die feingehörnten Köpfe der Kühe in stiller Verwunderung blickten.

Kaum erkannte er die Gesichter der Dirnen wieder in ihrer wilden Lustigkeit, der Lustigkeit der Nordländerin, die selten aus ihrer gelassenen Art herausgeht – wenn es aber geschieht, dahinrast wie der Sturm über die flachen Moore und Heiden ihrer Heimat.

Nach einer Weile warf auch er sich in den Strudel. Die Höflichkeit forderte, daß er wenigstens einmal mit jeder Bauerntochter tanzte. Bei Wischen Henze fing er an. Ein seltsamer Tanz, ein langsames Sichdrehen fast auf dem Fleck, dann schneller und schneller, immerfort, immerfort, während die Harmonika mit ihrem harten Takt jeden Laut übertönte und der Rauch Paar von Paar abschnitt, als wäre jedes allein auf der Welt.

Dem Lehrer schwindelte es. Die vorüberfliegenden Holzsäulen, die verschwimmenden, wirbelnden Paare, die grelle Glut unter dem brodelnden Kessel, welche die Schatten der Vorübertanzenden in tollen Verzerrungen an die Wände warf, der automatenhafte Musikant auf seinem Thron und ihm zu Füßen kauernd Ehlers mit den schielenden, spukhaften Augen, dem Grinsen, das sich lauernd in den grauen Bartstoppeln verlor – es waren Bilder, Fratzen aus einer Hölle.

Der Atem wurde ihm knapp. Und nun fing Wischen vor seinem Ohr an zu sprechen.

»Se künn' schön danzen, Scholmeester.«

Da brach mit einem schrillen Wimmerton die Harmonika ab. Die Paare standen.

»Dat was fien,« lobte Wischen.

Er verbeugte sich. »Wohin soll ich Sie führen, Fräulein Henze?«

»Gor nich,« sagte die Dirne. »Wi blif tosam. Dat hürt d'r to«33.

Und nun führte sie ihn. Eine Truhe stand im Winkel neben den Kuhständen. Darauf ließen sie sich nieder. Markwardt sah betäubt um sich. Burschen und Mädchen waren wie in der Versenkung verschwunden. Durch den dicht stehenden Rauch unterschied er nur Hannes auf seiner Truhe und Ehlers, die mitsammen tranken.

Wischen rückte dicht an ihn heran. »Scholmeester, danzen künn' Se fien. Künn' Se nich ook en beten snaken?«

Ihre blauen Augen blitzten ihn herausfordernd an. Es durchrieselte ihn kühl. Er dachte an den Abend, da unter den ersten aufglitzernden Sternen Jan Clüver seine Frage an ihn getan hatte. Die kokette Hexe sollte ihn nicht zum Lügner machen!

Er suchte noch nach Worten. Da redete sie: »Wenn Se nix to vertellen weet, denn will ik Se wat vertellen. Die Lüe hollen hier to Lande nich veel vun Scholmeesters. Aber ik segg: en Scholmeester is nich slechter as en Buur, blot anders. Ik bün nich stolz, Herr Markwardt. Dat mutt Se nich denken. Nee.« Sie rückte ihm noch näher und legte die Hand auf seinen Arm.

»Das ist recht, Fräulein Wischen,« sagte er freundlich, »und Jan Clüver, Ihr Bräutigam, denkt gerade so  –«

Sie warf ihm einen bitterbösen Blick zu und riß die Hand zurück.

»Dat 's lang nich seggt, dat ik Jan Clüver frigen doh, noch lang nich! Ik  –«

»Dunner noch een.« Ehlers stolperte an ihnen vorüber und wäre beinahe gefallen. Mit höhnischer Höflichkeit entschuldigte er sich bei dem Lehrer.

Aber die Musik setzte wieder ein und Wischen tanzte.

Markwardt blieb auf seiner Truhe und starrte verträumt in den tollmachenden Reigen. Er dachte an ein stolzes Mädchen mit hochmütig emporgezogenen Brauen. Er sah sie, wie er sie einst in ihres Vaters Haus gesehen hatte, im raschelnden Seidenkleid unter der elektrischen Lichtkrone, die ihren taghellen Glanz durch den weiten Saal strahlte, während deckenhohe Spiegel die phantastischen Blumenkelche ihrer Flammen einer dem andern zuwarfen. Und immer mehr nahm seine Augenblickliche Umgebung den Charakter eines wüßten Traumes für ihn an. Glitt nicht draußen vor den Scheiben des kleinen Fensters ein Schatten entlang, ein Schatten mit gelbrotem Kopftuch und spukhaft brennenden Augen? Nein, wie käme Trinka in tiefer Nacht hierher? Traumgestalten! Traumspuk!

Wilder wurde indessen die Luft. Menne Osmer fand es possierlich, Ehlers, der immer mehr Grog verlangte, jedes einzelne Glas sich verdienen zu lassen. Erst mußte er ein halbes Talglicht aufessen, dann ein Wasserglas mit seinen Wolfszähnen durchbeißen; er tat's unter dem Jubel der Burschen und Dirnen. Drauf schlug ihm Jürgen Meier-Clüver einen Mehlsack um den Kopf, daß er weißgepudert war bis zum Gürtel. Dafür durfte er dann ein Fünfpfennigstück mit den Lippen vom Boden auflesen. Danach wurde Ehlers so lustig, daß er anfing, Schelmenlieder zu krähen. Eins handelte von einem Mädchen, das zwei Schätze hatte, einen für Sonntags und einen für Werktags, »denn de Moorlüe sünd dumm.« Das sang er recht eigentlich Wischen Henze und dem Lehrer ins Gesicht.

Menne Osmer sah in diesem Augenblick zufällig seinen Freund Jan Clüver an, und er packte Ehlers an der Schulter, rüttelte ihn und sagte, er könne nicht besser singen als eine Kuh. Er solle schon lieber bellen.

Sogleich hockte der Alte sich auf die Knie nieder und begann einen zornigen Hund nachzuahmen. Er kläffte aber immer den Schulmeister an, in allen Tonarten der Erbitterung, zerrte an seinen Beinkleidern, schnappte nach seinen Händen, und wenn Markwardt ausweichen wollte, rutschte der Mann ihm blitzschnell nach.

Burschen und Mädchen wollten sterben vor Lachen. So war's recht! Ein guter Einfall! Ein Kampf zwischen dem alten und dem neuen Schulmeister! Eifrig drängten sie sich um das possierliche Spiel, die Augen funkelnd vor boshafter Lust.

Markwardt sah sich nach Jan Clüver um, seinem einzigen Freund, ob der nicht der Pein ein Ende mache. Aber Jan Clüver zerbiß seinen Schnurrbart und stierte zu Boden.

»Jo, Scholmeester,« sagte Jürgen Meier-Clüver und zwinkerte seinem Freund Wilm Meier-Henze zu, »dat kümmt dervun, dat Se ümmer met Taters tosamstecken deiht. De Hund snüffelt Spitzbuben.«

Klas Meier-Henze griff sogleich den von Jürgen geschleuderten Ball auf.

»Nee, laat 'n Scholmeester tofreden, Jürgen. He weet, wat he deiht. Nich wohr, Scholmeester, dat sünd Ehr' Blutsverwandten, de Taters?«

Wieherndes Gelächter. Gab's etwas Drolligeres? Stockernsthaft, fast respektvoll hatte Klas Meier-Henze seine unverschämte Frage dem blonden Mann ins Gesicht geworfen.

Aber Markwardt hatte nun die Verblüffung über den unerwarteten Angriff überwunden.

»Gewiß, Herr Meier-Henze,« sagte er freundlich. »Fragen Sie nur Ihren Freund Jürgen. Da sein Haus ein besonders christliches ist, muß er längst in der Bibel gelesen haben, daß es lauter Brüder und Schwestern von mir sind.«

Die Dirnen wenigstens fanden das gut gegeben, und Jürgen, der nicht alle Lacher mehr auf seiner Seite sah, begriff, daß man dem spitzfindigen Kerl mit Worten nicht beikommen würde. Er riß die Büchse vom Nagel.

»Paßt mal up, Jungs!«

Dicht vor Markwardts Gesicht krachte der Schuß los, so dicht, daß der Pulverdampf ihm das Kinn schwärzte. Sein Hut lag auf einer Kiste nahe der Tür. Die Kugel durchschlug die Krempe und schleuderte ihn auf den Boden. Jürgen lief hin und hob ihn auf. »Süh mal! Dat was Ehr Hot, Scholmeester. Un ik harr mi einbild't, et wör en Swinegel.« Und dann mit impertinenter Besorgtheit: »Se sünd jo up eenmol ganz wittschen34 in Gesichte. Se künnt woll Pulver nich got röken? Se geiht nich up Jagd? Wat?«

Brutal höhnisch stand er da, das rauchende Gewehr in der einen, des Schullehrers durchlöcherten Hut in der andern Hand. Die kurze Pfeife hing ihm schief in einem Mundwinkel.

Markwardt zog seinen Revolver hervor.

»Nein, auf Jagd geh' ich nicht ohne Jagdschein. Aber zum Spaß schieß' ich auch ganz gern einmal.«

Dabei drückte er ab. Und im selben Augenblick flog der Tonkopf von Jürgens Pfeife in Splittern.

Zurückprallend ließ er das Mundstück fallen.

Aber die anderen klatschten von Vergnügen in die Hände. Zu kraftvoll war der Menschenschlag, als daß nicht rücksichtsloser Mut ihm unter allen Umständen imponiert hätte.

Menne Osmer, der gern Streit vermied, schrie dem Musikanten zu: »Upspeelen!«

Wischen Henze aber stand wie verzückt mit glühendem Gesicht. Die Augen sprangen ihr fast aus dem Kopf.

Jan Clüvers Hände zuckten. Jäh wandte er sich ab, nahm den Vorderlader auf, den Jürgen hatte fallen lassen, ging in den Winkel, wo Pulver und Blei auf dem Butzenvorsprung standen, und lud neu.

»Wat deihst d'r?« fragte Menne Osmer, der ihn beobachtete.

Da lachte Jan kurz und hängte die Flinte an den Haken.

Aber Markwardt ersah die Gelegenheit. Sobald der Tanz begann, ging er über das Flett hinaus.

Aufatmend sog er die scharfe Winterluft ein. Durch die schneebeladenen Zweige der Edeltannen funkelten die Sterne des »Wagens« wie große Feuerflammen am dunkeln Nachthimmel. Tief am Horizont versank der »Orion«.

Er würde auf keiner Klinkerberger Dudelmusik mehr tanzen!

Da legten sich zwei Arme von rückwärts um seinen Hals. Dicht an seinem Ohr flüsterte eine Stimme: »Jo, gah to Huus. He is slimm, wenn he wat in 'n Koppe het. Aber dat schallst noch weten: Du büst de Best, de Harthaftigst, de Eenzigst! – Da!«

Er fühlte einen Kuß auf seinen Lippen, einen Schauer von Küssen. Die Arme lösten sich.

»Nu weetst Bescheed!«

Überraschung hatte ihm Zunge und Glieder gelähmt. Jetzt wandte er sich rasch um. Doch nur einen Schatten sah er verschwimmen im tiefen Hausschatten. Was wollte er auch? Der Dirne sagen, daß er ihr Betragen unpassend, aufdringlich, abscheulich finde? Der Mann in ihm bäumte sich auf und lachte dem Schulmeister ins Gesicht. Genug, daß er diesen Kuß in Nacht und Geheimnis nicht empfangen haben wollte, daß er keine Folgerungen daraus zog. Morgen dachte die wilde Hexe wohl selbst nicht mehr daran.

Über den leise knirschenden Schnee schritt er zum Schulhaus zurück. Es war mit einem Gefühl der Befriedigung, daß er die kleine Lampe auf seinem Schreibtisch anzündete.

Was für ein Land! Würde er je wieder hinaufsteigen aus diesem Abgrund zu den sonnigen Höhen, auf denen die Glücklichen, die Freien der Erde wohnen, diejenigen, die im Licht leben? Zu Karla hinauf? – Karla –

»Hei – ei!« – Der gelle Schrei der Bussarde, mit denen die Tatern einander riefen.

Er riß das Fenster auf. Dicht vor seinem Haus auf dem hellen Schnee sah er wieder zwei Gestalten, ein Mädchen in gelbem Kopftuch und einen Mann, derwohl vom Wildern heimkehren mochte, denn Markwardt meinte etwas wie einen ragenden Büchsenlauf an seiner Schulter zu erkennen, als er jäh um die Hausecke verschwand. Nur einen Augenblick sah er ihn wie einen schwarzen Schattenriß durch die schwarze Nacht gleiten. Das scharfe Profil, die breiten Schultern! – Konnte das Jan Clüver sein? Schämte er sich vor ihm, daß er sich versteckte? –

»Trinka!«

Zorn stieg ihm in die Kehle und ein unerklärlicher, wütender Schmerz.

Sie kam sofort, sie drängte sich in den Rahmen des kleinen Fensters, ihn mit ihrem Oberkörper völlig ausfüllend. Ihr Gesicht erschien im Lampenlicht fahl unter dem grellen Kopftuch, aber die Züge waren ruhig.

»Verlorenes Kind!« herrschte er sie an, »was hast du in später Nacht hier zu suchen in Gesellschaft von Männern? Hast du nicht Mädchenscham? Nicht Gefühl für Sittsamkeit und Ehre? – Ich hab' gut von dir gedacht – trotz allem, hab's gut mit dir vorgehabt! Aber alle meine Hoffnungen machst du zunichte und dein eigenes Leben dazu. Geh, ich hab' kein Vertrauen mehr zu dir!«

Er hatte leidenschaftlich geredet. Jetzt fingen die Worte an, ihm zu fehlen vor diesem unbewegten Gesicht, in dem etwas Pathetisches lag, etwas Tragisches – ja, tragisch, und das war sein Zauber! –

Sie antwortete gar nicht auf seine Vorwürfe.

»Ehr Lamp' schient to wiet, Herr Markwardt,« sagte sie leise. »'t wör got, wenn Se de Finsterklapp tomaken dähn.«

»Den Fensterladen soll ich zumachen? Warum denn?«

»D'r künn en Uhl' in 't Fenster fleigen.«

»Eine Eule ins Fenster fliegen? – Was schwatzest du?«

Sie rührte sich nicht.

»En Uhl' is – der Dod.«

Er fing fast selbst an, es zu glauben, als er in dies farblose Gesicht sah, dessen schwarze Augen nicht ihn anblickten, sondern weit geöffnet über ihn weg auf Unsichtbares, Schreckliches an der Wand gegenüber gerichtet waren.

»Und weiter hast du mir nichts zu sagen? Kein Wort der Rechtfertigung, der Entschuldigung? Es tut dir nicht einmal leid, daß du mir solchen Kummer machst?«

»Och, Herr Markwardt! Ik bün jo so 'n dumme Deern. Dat 's gor nich der Mäuh wart, dat – dat Se  –«

»Wer war der Mann, mit dem du sprachst?«

Sie schwieg.

»Ist er's dem zulieb du gekommen bist?«

»Nee.«

»Aber – einem zulieb bist du gekommen?« Sie sah ihn traurig an. »Jo  –«

»Wer ist's«

Trinka stand, die Ellbogen auf das Fenstersims gestützt, unbeweglich.

»Herr Markwardt,« sagte sie langsam, »dat 's wohr, un dat künn Se glöben: wo de brune Heide steiht, is dat Moor nich slimm, aber do, wo de fienen, witten Blomen wassen un dat gräune Moos, do verslingt et den Minschen.«

Eine Ahnung dämmerte ihm herauf. Sie spielte auf Wischen Henze an und ihre gefährliche Liebe.

»Trinka! Hast du dich heut nacht bei Osmers Hof herumgetrieben? Hast du am Brunnen gestanden unter den Tannen?«

Sie drehte scheu lauschend die Augen, nicht den Kopf, nur die Augen.

»Maken Se Ehr Finsterklapp to, Herr Markwardt, hüüt un ümmers.«

In der nächsten Sekunde war der Fensterrahmen leer.

Markwardt schloß den Laden. Es war ihm merkwürdig kühl geworden, nicht von der Nachtluft. Er wunderte sich nicht einmal, daß dieses Kind ihn mit seiner Furcht vor Eulen angesteckt hatte. Er wußte es längst, jede Silbe, die das wortkarge, verschlossene Geschöpf mit fast widerwilligen Lippen sprach, hatte Bedeutung, schwerwiegenden Sinn.

Und während er sein Lager aufsuchte, dachte er nur an Trinka. Den Blick ihrer großen, traurigen Augen würde er unverlierbar mit hinausnehmen ins Leben. Wenn er sich loßriß von hier, wenn der ganze Aufenthalt in Klinkerberg in seiner Erinnerung versank wie der Traum einer schlimmen Nacht, dies Gesicht würde ihm lebendig bleiben, dies niemals lächelnde, feierliche Gesicht, in dem das Jahrhunderte alte Leid und die verzweifelte Entschlossenheit eines in den Tod gehetzten Stammes verkörpert schienen. –

Am nächsten Morgen strahlte die Sonne klar und hart durch die Lücken schwarzer Schneewolken. Mit den anderen Kindern holperte Trinka durch ihre großgedruckte Fibel. Und als der Lehrer zu Vorstehers zum Essen kam, hantierte Wischen am Waschfaß, als wär' nie die Dudelmusik bei Osmers gewesen. Jan Clüver saß neben dem Vorsteher und sah nicht anders aus den Augen als an anderen Tagen. Markwardt fing an, innerlich seiner nächtlichen Eulenfurcht zu spotten. Auch schlief er gut in der nächsten Nacht, wie wild der Weststurm auch an Tür und Laden rüttelte und in dem brüchigen Strohdach wühlte, der Tauwind, der Frühlingsbringer.

Das nächste graue Morgenlicht wies ein häßliches Bild: so weit das Auge reichte, in der mißfarbenen Schneeschicht Sprünge, Rillen, rieselnde Bäche, die sich kreuzten, zusammenflossen, sich teilten, wie in Angst einen Ausweg suchten, da der hartgefrorene Boden sich weigerte, sie aufzunehmen. Und immer neue heiße Luftwogen blies der Sturm aus vollen Backen daher. Mehr und mehr zerfloß die feste Decke, höher schwollen die irrenden Bäche, stürzten sich hastig auf die nur halbgetaute Eisdecke der Hamme, überquellend über das zu enge Bett. Und wie die Wasser auf der Erde stiegen, dem Himmel entgegen, brachen und rissen die schwarzen Wolkenballen droben, schleuderten dichttropfige Fluten hinunter auf die Flut.

Es war gerade ein Sonnabend, der Tag, da Markwardt sich gewöhnt hatte, in Kreihs Erdhütte den Tatern seine Bibelstunde zu halten. Doch zweifelte er stark, ob gegen Abend das Moor noch gangbar sein würde. Nur mühsam hatte er sich zu Osmers Hof zum Essen hinübergearbeitet.

Nun hielt ihn der Bauer fest, dem in seiner Erbschaftssache noch allerhand Schreibereien und Berechnungen zu erledigen blieben. Markwardt saß in der kleinen Stube am Tisch, der Wind rüttelte an den Scheiben, daß sie klirrten, die Türen klapperten, das Strohdach ächzte und stöhnte. Der Himmel verdunkelte sich bei jeder neue Böe so sehr, daß Markwardt die Buchstaben nicht mehr erkannte, die er schrieb. Ab und zu trat der Bauer an das Fenster, sah auf den schwarzen Himmel, auf die höher und höher steigende Wasserfläche des Kanals, den sonst spiegelglatten Streifen, der heut in strudelnden Wellen sich hob und senkte, und schüttelte den Kopf.

»Mudder, dat ward hüüt slimm!«

Zu dieser unwirtlichen Stunde, da der Abend und die Wolken wetteiferten, Dunkelheit über die Erde zu gießen, trat Jan Clüver aus seines Vaters Haus, sah scharf um sich und schritt quer durch den Kreis, den die Kolonie Klinkerberg bildete, ins wilde Moor hinaus. Er trug Wasserstiefel, die ihm bis zur Hüfte reichten. Die helle Stalljacke hatte er auf die linke Seite gekrempelt, den Filzhut tief ins Gesicht gedrückt.

Als er hinter des Vorstehers Gehöft verschwunden war, kam Trinka aus dem Tannenkamp hervor, in dem Krischan Clüver seinen Dohnenstieg hatte. Ihr buntes Kopftuch war durchweicht, das Wasser troff aus ihren Kleidern. Sie achtete nicht drauf. Die anklatschenden Röcke schürzend, rannte sie durch die aufspritzenden Pfützen geradeaus den Weg zum Schulhaus. Sie pochte, atemlos sich an der Klinke haltend. Keine Antwort. Sie stieß die Tür auf, sie stürzte hinein.

»Herr Markwardt! Herr Markwardt!«

Schulraum, Stube waren leer. Das hatte sie nicht erwartet. Die Arme sanken ihr zitternd herab. War er schon auf dem Weg – dem Weg, den er schwerlich zurückgehen würde? – Nein, seine Bibel lag auf dem Schreibtisch. Er mußte noch nach Haus kommen. Sollte sie warten? Mit dem Fieber in den Adern tatenlos stillsitzen – und der andere wandert unterdessen Schritt um Schritt weiter. Wohin? Das muß sie wissen. Sie darf ihn nicht aus den Augen lassen. Er kann auch zurückkehren. Sobald die Dunkelheit nur völlig hereinbricht, ist Öde und Einsamkeit sogar zwischen den fünf Höfen von Klinkerberg, kann auch hier die rätselhafte Kugel fliegen, die große Streitschlichterin auf dem Moor.

Trinka nimmt die Schulkreide und malt mit ihren ungeschickten Fingern mit großen, weißen Buchstaben auf die schwarze Tafel:

»Nich Komen zu Kreih.
Um Got
Trinka.«

Drei dicke Striche zieht sie unter das Nich, und damit die Inschrift des Lehrers Auge ja nicht entgehe, malt sie noch einen dicken Rahmen darum.

Dann, die nassen Kleider wieder emporraffend, wirft sie sich lautlos und gewandt wie ein Marder auf die spärliche Spur, die Jans Wasserstiefel einigen noch festen Schneestellen eingedrückt haben.

Unterdessen saß Ehlers am Fenster seiner neuen Stube bei Meier-Henze und sah mit schadenfrohem Behagen in das steigende Unwetter, das noch heut einigen Klinkerberger Dickköpfen schlimm zu schaffen machen würde; ihm nicht, denn Meier-Henzes Hof lag nicht am Kanal. Aber man mußte die Augen offen halten. Bei Feuer- und Wassersnot fiel immer was für den armen Mann ab, wenn er's richtig zu drehen verstand! Falls die Häuser geräumt werden mußten, mochte er leicht in Dunkel und Verwirrung beim Bauer Osmer ein paar Bettstücke ergattern – man konnte die Federn ja in einen anderen Überzug stopfen – am Ende gelang es ihm gar, den Silberschatz zu erwischen, von dem die Sage ging, daß Clas Clüver ihn irgendwo unter seinem Hausdach versteckt halte.

Während er so gierig auf das Clüversche Anwesen schielte, das von allen am tiefsten am Kanal lag, sah er den Haussohn in seinem seltsamen Aufzug aus der Tür treten, ins wilde Moor hinausschreiten. Das war auffallend an einem Abend, da wahrscheinlich alle Mann daheim zum Viehbergen nötig wurden. Bei seiner Kenntnis aller Strömungen in Klinkerberg und seiner unfehlbaren Witterung für alles, was faul, krumm und lichtscheu war, begriff Ehlers sofort, daß es keiner Jagd auf Hasen oder Birkhuhn gelte. Eben überlegte er, was für ihn etwa bei diesem Handel herausspringen könnte, als er die schwarze Trinka ins Schulhaus laufen und gleich darauf wieder herausschlüpfen sah.

Nun litt es den Alten nicht mehr in der warmen Stube. Er warf einen Sack über den Kopf und schritt durch den strömenden Regen zur Schule. Er, der alles wußte, was im Ort vorging, wußte, daß Markwardt noch bei Osmer war. Ungeniert sah er sich um, und gleich fiel ihm die Tafel in die Augen mit der großen, eingerahmten Kinderschrift:

»Nich Komen zu Kreih.
Um Got
Trinka.«

Er las die Worte langsam zweimal und nickte. Dann nahm er den Schwamm und wischte vorsichtig das Nich mit den drei Strichen darunter aus. Die Inschrift hieß jetzt:

»Komen zu Kreih.
Um Got
Trinka.«

Sich die gichtischen Hände reibend, schlich er aus dem Haus, erst scheu, vorsichtig sich umsehend, dann ganz gemächlich.

Nur zu, hochnasiger Schulmeister! Warum hast du mich aus Amt und Haus verdrängt? – Nur zu, protziger, raffiger Bauer! Hast den armen Korbmacher gehudelt dein Leben lang! Nun sollst du ihm noch eine gute Leibrente abwerfen.

Er wurde ganz lustig. Auf dem schwimmenden Land hatte er sich neulich durch ein kleines, billiges Feuerchen eine gute Stube auf Lebenszeit erobert, Jan Clüver würde ihm die Lebensmittel zu der Stube liefern, den Schnaps, die Zigarren: und die Einrichtung holte er sich heute nacht, wenn der Kanal übertrat!

Ehlers kam sich ordentlich groß vor, während er auf seinem Stuhl am Fenster saß und auf die Flintenschüsse wartete, die das Übertreten des Kanals ankündigen würden. Die Schnapsflasche stand vor ihm, aber er kämpfte mit sich. Er mußte heut nüchtern bleiben. Nur ein Gläschen, der Nässe wegen. Eins, oder zwei –

Als Fritz Markwardt von Osmer herkam, war er entschlossen, die Bibelstunde ausfallen zu lassen. Er hängte Mantel und Hut zum Trocknen auf, zündete Licht an und langte nach seinen Büchern. Da sah er die große Tafel an und stutzte.

»Komen zu Kreih.
Um Got
Trinka.«

Was war denn mit dem unglücklichen Krüppel? War er krank, verletzt, in Gefahr? Seltsam dringlich, flehend klang der Aufruf. Und er kam von Trinka, Trinka, die niemals unnötige Worte machte, die das Unwetter sah so gut wie er und genau wußte, was auf dem Moor möglich war, was nicht.

Markwardt setzte, nachdem er Trinkas Zeilen auf der Schultafel gelesen hatte, den nassen Hut wieder auf, warf den Mantel mit den vielen Kragen um, den er – wahrlich nicht zum Dienst auf solchen Wegen – sich gekauft hatte, damals, als er, der weitestgreifenden Hoffnungen voll, dicht vor seinem Examen stand. Er nahm den Stock mit der scharfen Zwinge und der festen Krücke, mit dem er die Verläßlichkeit des Bodens prüfen, an dem er sich über Lachen und Bäche schwingen konnte. Die kleine Blendlaterne trug er in der andern Hand, sie sollte ihm den Heimweg beleuchten. In die eine Brusttasche steckte er den Revolver, in die andere das kleine Neue Testament.

So ausgerüstet, schritt er im letzten Tagesschimmer hinaus in den pfeifenden Sturm und den prasselnden Regen.

Birken- und Brombeergestrüpp bezeichnete, schwarz durch die schmelzende Schneedecke starrend, den wohlbekannten Pfad auf der Kante der alten Torfstiche entlang. Jenseits dieser natürlichen Hecke begannen die Wasserlöcher, die Sümpfe.

Als Markwardt die Hütte Kreihs erreichte, war es so dunkel, daß seine Augen kaum den Dachfirst unterschieden. Atemlos, erschöpft stieß er die Tür auf.

Das Torffeuer schwelte unter der Fensterlampe. Am Tisch vor dem Öllämpchen saß der Stumme, eifrig schnitzend, rot vom Fieber des Schaffens.

Aber Trinka, die am Feuer hantiert hatte, stand wie ein Steinbild, blaß, atemlos, mit weit aufgerissenen Augen. Markwardt begrüßte Kreih und wandte sich zu ihr. »Nun, Trinka?«

Sie rührte sich nicht. Sie starrte ihn an.

»Du hast mich gerufen. Da bin ich.«

Da kam Leben in die Dirne. Abwehrend hob sie die Hand.

»Se – Se – ik harr doch schrewen  –«

»Ja, darum komm' ich doch, Kind. Ich wollte die Bibelstunde schon ausfallen lassen. Da fand ich deine Botschaft an der Tafel: ›Kommen zu Kreih. Um Gott – Trinka.‹ Was ist mit Kreih?«

Sie fuhr sich mit beiden Händen nach den Schläfen, in denen sie ein Meer brausen fühlte. Ihre Augen stierten ihn mit so irrem Ausdruck an, daß er anfing, an ihrem Verstand zu zweifeln.

»Kommen zu Kreih! – Ik?! – Dat?«

»Hast du's nicht geschrieben?«

»Nee, dat nich! – Oder doch! – Ik weet nich. – Ik  –«

Ihre Augen fuhren fort, an den Wänden entlang zu irren, als suchten sie einen Ausweg aus einer Falle, einen Ausweg durch zerbrochene Eisenstäbe und über niedergeworfene Mauern; jäh auffahrend, sprang sie zur Fensterklappe, stieß sie zu, schob auch den schweren Riegel vor. Dann lief sie zur Tür hinaus.

Fritz Markwardt ließ sie gewähren. In seinem Herzen war von ihrer letzten Begegnung ein Bodensatz von Verstimmung gegen das Mädchen zurückgeblieben. Möglich, daß ein Zerwürfnis mit ihrem Liebsten sie augenblicklich unzurechnungsfähig machte. Auf alle Fälle war's ein starkes Stück, ihn grundlos herzurufen bei diesem Wetter! Aber der Krüppel sollte es nicht entgelten. Er hängte Mantel und Hut in den Vorraum und wandte sich zu Kreih, dessen Augen ihn in Freude und Dankbarkeit anstrahlten.

Erst ließ er sich seine neuen Arbeiten zeigen, und dann, da er Bitte und Erwartung in den Augen des Unglücklichen las, begann er das Evangelium zu erzählen, das er den Schwarzköpfen heute hatte vortragen wollen.

Er sprach von Christi Kreuzestod, dem freiwilligen Opfertod zur Rettung all seiner Menschenbrüder, aller, auch der Ärmsten und Verlorensten. Selbst dem Räuber und Dieb hatte er sterbend das Paradies verheißen.

Markwardt fühlte, daß er gut sprach. Der Gegenstand riß ihn hin gerade vor diesem elendesten der Menschen. Die durch Tränen glänzenden Augen Kreihs machten ihn beredt. Er unterbrach sich nicht und sah auch nicht zur Seite, als ein leises Knarren der Tür, das Klirren des vorgeschobenen Riegels ihm die Rückkehr Trinkas verriet.

Als er zu Ende war, stand er auf. An der Tür lehnte reglos die Dirne. Von ihrem gelben Kopftuch, aus den vom Sturm gelösten Haaren rieselte das Wasser, ihre Röcke trieften. Markwardt gab Kreih die Hand. »Auf Wiedersehen!«

Im Augenblick stand das Mädchen neben ihm.

»Nich gahn, Herr Markwardt! Noch nich! Dat – dat Wedder is to slimm.«

»Es wird später noch schlimmer sein.«

Sie rang mit einer Aufregung, die ihr die Kehle rauh machte. »Blif hier! Blif, bet dat et wedder Dag ward.«

Er schüttelte den Kopf.

»Ich kann nicht bleiben. Es gehört sich nicht. Du bist nachgerade erwachsen genug, um dir das selbst zu sagen. Wenn ich bliebe, was sollten die Klinkerberger wohl denken von mir und dir?«

»Ik frag' d'ir nix na, wat de Lüte seggt!«

»Auch danach fragst du nichts, was dein künftiger Mann von dir denkt?«

Sie erwiderte kein Wort, sie sah ihn nur an, und vor dem Blick sank all sein eifersüchtiger Verdacht zusammen. Nie hatte grenzenlose Hingebung so unverhüllt, so bedingungslos zu ihm gesprochen. Bei Karla war die Liebe ein pikantes Tändeln, ein geistreiches Necken; bei der Vorsteherstochter flüchtiger Sinnenreiz. Dies Kind bot alles, was es hatte, und bot es ihm. Er war das Götterbild dieses heißen Herzens, sein unbedingter Gebieter. Die Augen sagten es, die reglos zu ihm aufgeschlagen waren, geduldig leidend, daß er aus ihren Tiefen läse, was ihm gefiel.

Und jetzt glitt sie an ihm nieder, preßte die Lippen auf seine Hand.

»Blif!«

Ihre Hände waren kalt wie Eis. Ihre Lippen brannten, sie brannten ihn bis ins Herz. Ein nie gekannter Antrieb packte ihn, dies Kind in seine Arme zu nehmen, die dunklen Augen zu küssen, das Herz, das so wild zu hassen und zu lieben wußte, an dem seinen Klopfen zu fühlen. Mühsam kämpfte ein Rest von Besinnung, von Verantwortlichkeitsgefühl in ihm gegen dies Empfinden. Er war der Lehrer, sie die Schülerin! Er rang mit sich. Ruhig werden! Ruhig! – Aber er fand nicht sogleich Worte. Der Sturm heulte um das niedere Dach. Kreih hatte träumend die Augen geschlossen.

Endlich raffte Markwardt sich auf.

»Du bist toll, Trinka! Ich kann nicht bleiben.«

Sie sprang mit einem Schrei auf ihre Füße. Mit ausgebreiteten Armen wehrte sie ihm den Ausgang.

»Oder hast du mir noch etwas zu sagen?« da du mich gerufen hast?« fragte er.

Sie nickte, auf einmal wieder ganz ruhig.

»Jo. Ik heb – ik wull – Herr Markwardt, will Se mi dat to Leiw dohn um gahn nich weg, bet dat ik torügg kümm?«

»Wenn's nicht zu lange dauert, will ich hier warten, bis du wiederkommst.«

Sie schüttelte den Kopf.

»Nee. Dat duurt un nich mihr lang.«

Aber sie ging noch nicht. Sie stand und sah ihn an. Und wieder hatte er das Gefühl, daß etwas Tragisches in ihrem Gesicht lag.

»Geh gleich,« mahnte er, »damit du um so schneller zurück bist.«

»Jo, dat mutt sien.«

Gleichwohl stand sie noch immer. Ihr Blick überflog die Wände der Hütte, er haftete eine Sekunde auf Kreih. Ein Schatten ging über ihr Gesicht, sie griff nach ihrer Kehle. Aber dann schob sie ruhig den Riegel zurück.

»Dat 's so, Herr Markwardt, de Minschen sünd wie Geldstücke: de een is veel wart un de anner man wenig. Is dat würklich wohr, wat Se hüüt vertellt hebb, dat de Herr Jesus ook mi hürt, wenn ik em bitt'?«

»Gewiß, Trinka, hört dich der Heiland.«

»Denn Seggen Se to dat fien Frölen, dat Frölen up 'n Bilde, de swarte Trinka harr hüüt nacht vör ehr bet't.«

Und nun war sie draußen, er hörte die Tür zuschlagen. Ein heulender Windstoß fegte herein. Der Regen prasselte in erneuter Wut gegen den Fensterladen. Kreih hielt die Augen geschlossen. Auch Markwardt war nicht nach Reden zu Mut. Auf den vorangegangenen Kampf mit dem Unwetter wirkte der Aufenthalt in den feuchtwarmen Raum einlullend auf Leib und Seele.

Er lehnte den Kopf an die Wand, die Lider sanken ihm zu, die Welt seiner Hoffnungen und Wünsche, Karlas Welt, verschwand. Er saß in dem verlorenen Erdwinkel am Torffeuer, nicht einmal seine Sehnsucht schweifte darüber hinaus. Denn neben ihm bewegte sich ein Kind mit feierlichem Gesicht. Er aber küßte die schweigsamen, ungeschickten Lippen, bis die schlafende Seele erwachte, zaghaft die Flügel regte, sich entfaltete zu nie geahnter, berauschender Schönheit, ihn überschüttend mit Glut und Glück. –

Da schrak er auf. Hatte er geschlafen? Geträumt gewiß! In einem Erdloch saß er und ein Taternmädchen narrte ihn.

Er sah auf seine Uhr, es ging auf zehn. Kreih lag mit dem Kopf auf dem Tisch und schlief fest. Und Trinka war noch immer nicht zurückgekehrt!

Markwardt ging in den Vorraum, um Hut und Mantel zu nehmen. Er fand sie nicht. Hatte die Dirne sie versteckt, um ihn mit Gewalt zu halten? Sein Trotz erwachte. Er ließ sich nicht zwingen.

Er nahm Kreihs Mütze; einen Sack, der am Haken hing, schlug er um die Schultern. Er zündete die kleine Blendlaterne an und öffnete die Tür. Dicke Tropfen schlugen ihm ins Gesicht. Ein schrecklicher Weg! Jeder Schritt vorwärts Lebensgefahr. Schmelzender Schnee, rinnende Wasser; rechts und links grundlose Tiefe. Nach fünf Minuten hatte er keinen trockenen Faden mehr am Leib. Er kam doch vorwärts, watend, gleitend, tastend.

Als er etwa eine Stunde gegangen war, schlug durch das Sturmespfeifen der scharfe Knall von Flinteschüssen an sein Ohr. Und wieder eine halbe Stunde später sah er Licht, nicht ein Licht, Lichter, die sich bewegten und mit glutroten Flackerflammen herüberleuchteten. Bald durchbrachen noch andere Laute das Windesbrausen, angstvoller Tiere Gebrüll, langgezogenes Hundegeheul, das Geschwirr von Menschenstimmen, und dazwischen immer wieder der scharfe Flintenknall, welcher jeden zu Hilfe rief, der in den Gehörkreis des Schalles kam.

Markwardt ging an seinem Schulhaus vorüber, das dunkel und friedlich lag, dem Kanal zu, wohin die Fackeln den Weg wiesen, und die Flintenschüsse riefen. Der Kanal war übergetreten. Mit rasender Schnelligkeit stiegen die Wasser. Am schlimmsten war der Clüversche Hof dran. Es genügte nicht mehr, den Boden der Stallungen durch Bretter und Tonnen zu erhöhen, man mußte eilen, das Vieh aus dem strudelnd durch das Haus schießenden Wasser hinaus ins Freie zu retten. Aber es fehlte an hilfreichen Händen. Der Sohn war fern, die Nachbarn hatten mit sich selbst zu schaffen. Nur der Vorsteher mit Hannes war von seinem vor dem Wasser geborgenen Hof gekommen. Es genügte doch nicht. Und die Kinder schrieen, die geretteten Schafe rissen sich los und rannten zurück in den Stall, in die Flut. Die Bäuerin, naß bis auf die Knochen und im Fieber klappernd, rang mit Verwünschungen gegen ihren fehlenden Ältesten die Hände.

Als Markwardt zur Stelle kam, zerrte Hannes gerade die letzte Kuh an der Kette aus dem Haus, die schöne schwarze mit der Blesse. Aber das Wasser ging dem Knecht bis an den Hals, der konnte nicht festen Fuß fassen. Die Kuh geriet ins Treiben und riß ihn mit. Da gelang es Markwardt, mit der Krücke seines Stockes die Kette zu entern. Er zog aus Leibeskräften. Dadurch gewann auch Hannes wieder Halt. Zoll für Zoll rangen sie das Tier der Strömung ab.

Und schon gab's neue Arbeit. Kisten und Truhen kamen geschwommen, Spinnräder, Backtröge, Hühner, Schweine. Und Kinder, Männer, Weiber patschten in der eisigen Flut herum und haschten nach allem, was beim Flackerschein der windgepeitschten Fackeln noch einmal aufleuchtete. Das andere trieb im Dunkel zu Tal, in den Tod.

Plötzlich aber tat Leidchen, die Haustochter, einen gräßlichen Schrei.

Wo war der Bauer?!

Er hatte die Gäule herausgeführt und war wieder hineingegangen, wohl um seinen Geldschatz zu holen, von dem die Sage ging, daß er ihn irgendwo in den Dachsparren versteckt halte. Er war nicht zurückgekehrt. Und nun füllte das Wasser das Haus bis zum Hahnenbalken und das Strohdach schwankte und wogte mit den Wellen.

Wenn Rettung möglich war für etwas Lebendiges in dem stürzenden Gebäude, so hing die Rettung an Sekunden. Dennoch rührte sich keine Hand. Nicht furchtsam, noch wehleidig war der Menschenschlag der Moorleute, die von Kindesbeinen an darauf angewiesen waren, bis zum Äußersten einer für den anderen einzustehen. Aber die glatte, stumm würgende Wasserfläche brach den Mut der nüchternen Gesellen, die nur gewohnt waren, mit dem Möglichen zu rechnen.

Während Krischan um seinen Vater schrie wie ein wildes Tier, nahm Henze die Mütze von seinem sturmverwehten weißen Haar und begann laut ein Sterbegebet zu sagen.

Doch der Schulmeister, der schmächtige Stadtmensch, fuhr ihm in die Rede. »Durch! Durch! Es muß gehen!« Und schon war er im Wasser, eine geringe Hilfe nur, ohne hervorragende Körperkraft, unbekannt mit der Art des Moors. Doch brachte er den Mut mit, vor dem die Unmöglichkeiten zerrinnen.

Krischan hörte auf zu schreien beim Klang dieser Stimme, die trotz seines Widerstrebens in diesen Monaten sich Autorität über seine Seele erzwungen hatte. »Es muß gehen!« Der Schulmeister sagte es, also konnte man's machen. Wenn's einer machen konnte, war er's, der kräftigste, gewandteste Bursch auf dem Moor. Und sobald er ruhig wurde, wußte er auch schon, wie. Er stürzte sich ins Wasser, watete, patschte, schwamm hindurch, erfaßte den Rand des Strohdachs, schwang sich hinauf, erklomm den First, riß mit gewaltiger Kraft die morschen Pferdeköpfe des Giebels rechts und links herunter, das Rauchloch um so viel erweiternd, daß ein Mensch sich hindurchzuzwängen vermochte.

Auf dem Fuß folgte ihm der Lehrer, nicht so behende, strauchelnd, gleitend. Er setzte doch sein Leben ein und folgte. So gab's auch für den Buben kein Zurück.

»Vadder!« schrie er in die schwarze Finsternis der überschwemmten Hille35. Ein Stöhnen antwortete, das Wasser wusch schon durch die Bodenplanken, allerlei treibendes Holzgerät stieß den Suchenden wider die Kniee. Aber die große Truhe, schwer von der Last der getrockneten Obstpelten, stand noch fest und darauf kauerte der alte Clüver, die Kniee hinaufgezogen, hart ans Dach gepreßt, gelähmt vom Grauen der Todesangst und dennoch suchend, noch immer suchend, tastend nach seinem Schatz, der sich nicht greifen ließ. Gewaltsam zerrten, schoben die beiden den unbehilflichen Mann vorwärts zur Öffnung. Zeit war's. Stärker und stärker schwankte das Strohdach.

Aber die draußen waren auch nicht müßig geblieben. Hannes schob einen großen Backtrog als Nachen dem Dachrand zu. Und Henze hielt eine gerettete Waschleine bereit, deren eines Ende er sogleich den Auftauchenden zuschleuderte, damit sie den Alten und sich daran festknüpften, auf daß man sie halten, heranziehen könnte, falls das Strohdach ins Treiben geriet. Sie erreichten das improvisierte Boot; einer nach dem andern kamen sie ans Land.

Und nun gab's nichts mehr zu tun. Durch Türen und Fenster wusch die trübe Flut. Was vom Hausrat gerettet worden war, stand zuhauf im klatschenden Regen. Und hinter dem Lichtkreis der Fackeln lauerten schon schwarze Schatten plünderungsgierig auf die gute Beute. Mensch und Vieh zogen der höhergelegenen Wohnung des Vorstehers zu, um sich für die nächste Zeit dort einzurichten, beim düsteren Flackerschein der Fackeln ein langer, trauriger Zug.

Eben hatten die Frauen den frostklappernden, verstörten Bauer Clüver, in Betten verpackt, an die Feuerstätte geschoben, als sein Sohn Jan wie ein Unsinniger hereinstürzte.

»Vadder! – Vadder!«

Aber zwei Schritte von dem Alten blieb er erstarrt stehen, mit weitaufgerissenen Augen den Lehrer anstarrend.

Mutter Clüver, die bis dahin in ihre Schürze geschluchzt hatte, brach sogleich in einen Strom von Vorwürfen gegen ihren Ältesten aus: »Jo! jo! Magst en Scholmeester woll ankieken. De hat dien Vadder ruthahlt ut'n Water! De het dien lütt Brö'er Krischan bistannen. De het makt, dat wir noch en Vadder hebb. Use Huussohn, nee! De was d'r nich to'r Hand! De geiht leiwer up Jagd! De laat Huus un Hof un Vadder un Mudder versupen!«

»Ik wull na Stellichte. Ik wull Buur Jansen hahlen,« sagte Jan Clüver eintönig, als hätt' er die Worte auswendig gelernt. »Na Stellichte wull ik – un denn – jo, ik wull na Stellichte –«

Seine Lippen zitterten leise und jäh, weil alle ihn anstarrten, wandte er sich ab, warf sich auf eine Truhe, stützte die Ellbogen auf die Kniee und den Kopf in beide Hände. Er sprach an diesem Abend kein Wort mehr und niemand wunderte sich darüber. Es war sein Hof, den die Flut dort unten wegwusch!

Markwardt ging heim ins Schulhaus, nachdem er in Eile ein paar Gläser heißen Grog hinuntergestürzt hatte. Und er wußte nicht einmal, daß er heut in der Gemeinde Bürger geworden war, daß das nächste Herdfeuer im Vorsteherhaus mit der mühsam geschriebenen Petition um seine Abberufung angezündet würde. Er war so erschöpft, daß er sofort in einen traumlosen Schlaf sank.

Aber die rote Wintersonne zwinkerte kaum durch schwarze Wolkenstreifen, als zwei Tatern ans Schulhaus pochten. Sie brachten Markwardts Hut und Mantel. Zaghaft, verstört standen sie auf der Schwelle, drehten ihre Mützen in den Händen und starrten den Boden an.

Und dann kam's heraus. Er fragte es den wortkargen, scheuen Gesellen ab. Wegen der schwarzen Trinka war's. Oder eigentlich wegen des Stummen, der sich wie ein Narr gebärdete. Die Trinka selbst brauchte ja nichts mehr. Man hatte sie aus einem Torfloch gezogen, in des Lehrers Rock und Hut.

»Tot? Ertrunken?!« – Als ein Schrei brach die Frage von Markwardts Lippen.

Tot – ja, sicher! Ertrunken – je nun, vielleicht! Es war nur in dem weiten Mantel Markwardts, den sie getragen hatte, und in der neuen Jacke des Mädchens g'rad über dem Herzen ein kleines Loch mit versengten Rändern. Da mochte wohl eine Kugel durchgegangen sein.

»Ich komme,« sagte Markwardt. Nichts weiter. Er wunderte sich über den Klang seiner Stimme, er wunderte sich, daß die braunen Burschen da lebendig standen und die Sonne freundlich einen neuen Tag beschien. An seine Sonntagskinderlehre dachte er nicht. Es war ihm gleichgültig, was wurde, gleichgültig alles, bis auf das eine.

Er watete durch das klatschende Wasser und wußte es nicht. In seinem Kopf waren seine Gedanken, nur Bilder, eine bunte Folge von Bildern, aber mit zwingender Gewalt reihten sie sich zusammen. Er zog keine Schlüsse. Er sah und wußte: die schneebeladenen Tannen vor Osmers Haus, der todbringende Kuß, der Büchsenlauf an der Schulter des Mannes, die Eule, die ihm ins Fenster fliegen sollte. An jenem Abend war die Kugel geladen worden, die heute in dunkler Nacht seinen Mantel durchbohrt hatte und das Herz des tapferen Kindes darunter! Und dies Kind hatte gewußt, daß sie kam! Wissentlich, absichtlich hatte es mit seiner Brust sie aufgefangen, abgeleitet von ihm!

Er mußte stehen bleiben. Sein Herz ward ihm plötzlich so groß, daß es ihn fast erstickte. – Wissentlich! Absichtlich! – Andere, Klügere hätten wohl ein anderes Rettungsmittel für ihn gesucht, gefunden, einen anderen Ausdruck für ihr Gefühl. Ihr ungelenker Geist fand nur dies: die Kugel schwirrte. So mußte sie ein Ziel haben. So mußte man ihr ein Ziel geben. Menschenbrust für Menschenbrust! Schweigend tat sie's, als etwas Selbstverständliches. Ihre Lippen fanden keine Erklärung.

Da lag Kreihs Hütte. Taternweiber und Burschen füllten sie. Auf dem Boden hingestreckt lag die Tote. Fest klebten die nassen Gewänder an ihren Gliedern, und um die halbgeöffneten Lippen und um die tiefgesenkten Wimpern lag versteint der feierliche Ernst, die Tragik, die den Zauber dieses Gesichts im Leben ausgemacht hatten.

Markwardt stand und schaute. In diesem Augenblick sah er des Kindes Seele, wie Gott sie sah. Und auf einmal wußte er's: er hatte sie auch geliebt. Sie, sie allein! Keine andere!

Er hatte die Liebe gesucht im Glanz und Schimmer, der Throne umgibt. Die Königin trat zu ihm im Bettlerkleid, und er erkannte sie nicht. Aber nun wußte er's: was da im feierlichen Todesschlafe lag, das war sein Glück – war eine Schönheit, derengleichen die Welt nicht zum zweiten Male trug.

Und da geschah etwas, das die Schwarzköpfe in maßloses Staunen versetzte. Der ruhige blonde Lehrer warf sich aufschluchzend vor der Toten auf die Kniee und küßte ihre Hände, ihre Lippen.

Langsam, leise schlichen sie aus der Hütte, halb widerwillig der Majestät des Schmerzes weichend. Markwardt blieb allein mit der Toten. Er wußte nicht wie lange. Er wußte nie, was er ihr gesagt hatte in dieser einzigen Liebesstunde, noch wie er heimgelangte. Er fand sich auf dem Henzeschen Flette wieder, vor dem Vorsteher, den Obdachlosen und der Schar Neugieriger, die sich dort drängten. Man hatte vom Grund des Kanals den alten Ehlers aufgefischt, samt dem blauen Strumpf, randvoll von Silber und Gold, den Clas Clüver betrauerte. In der Verwirrung hatte der Korbmacher ihn entwendet. Aber unbesonnen vor Trunkenheit und Gier, hängte er ihn sich um den Hals. Das war so gut wie ein Stein, er war elend im Wasser ertrunken.

Markwardt trat zu Henze. Er sprach und wunderte sich über den fremden Klang seiner Stimme: »Vorsteher Henze, ich erstatte Anzeige: heute nacht ist meine Schülerin, Trinka Schandor, ermordet worden.«

Der Alte fuhr sich mit der Hand hinters Ohr.

»Gott behüt' uns! Vermord't? Seggt Se vermord't? Trinka? De swarte Trinka? J, so wat! – Scholmeester, hebb Se dat seihn? Ik meen, met Ehr Oogen seihn?«

Hinter dem Vorsteher richtete Jan Clüver sich auf. Den Korb voll Zinngeschirr, den er eben hereintrug, hatte er hingestellt, hingeworfen bei des Schullehrers Worten. Jetzt stand er steif aufgerichtet wie ein Pfahl. Nur die Augen lebten. Über Henzes weißen Kopf weg trafen sich die Blicke der beiden jungen Leute.

»Gott hat's gesehen,« sagte Markwardt feierlich. »Nee, nee, nee,« widersprach Henze, »wenn Se dat nich met Ehr Oogen seihn hebb, Scholmeester, denn will wi so wat nich vörbringen. Wi bruk de Schandarms nich in Klinkerberg. – Vermord't?! – Weck een schüll woll de Deern' vermord't hebben? – Trinka Schandor is dod. Mihr weet ik nich, un Se ook nich!«

»Wie Sie wollen,« sagte Markwardt ruhig. Sein Schmerz war zu tief, um rachsüchtig zu sein.

Da er sich heimwandte, ging Jan Clüver ihm nach. Auf freiem Feld holte er ihn ein.

»Markwardt – die Dirne – die Trinka, die Trinka Schandor – war sie – ich mein', war sie Ihr Schatz?«

»Sie war nicht mein Schatz,« sagte Markwardt, »aber sie war das Liebste, was ich auf der Welt hatte.«

Jan Clüver lockerte das Hemd am Hals. Er keuchte.

»Ich bin so vergessern. Sie haben meinen Vater gerettet, Markwardt. Ich – ich hab' Ihnen noch nicht mal gedankt. Ich tu's jetzt, Markwardt, recht sehr. Un wenn ich Ihnen mal was zu gut tun kann, es sei, was es sei – wirklich, ich  –«

Er stockte. Er hatte Markwardt die Hand entgegengestreckt. Der rührte sich nicht.

Er war stehen geblieben und sah Jan Clüver an, sah ihn an, ohne ein Wort zu sprechen. Er hatte von den Moorleuten nun schon das beredte Schweigen gelernt. Und sein Blick sagte Dinge, auf die es für Jan Clüver keine Antwort gab.

Langsam ließ Jan die ausgestreckte Hand sinken, und schweigend wandte er sich um und schritt seinen Weg zurück. Er war kleiner geworden in diesen Minuten. Der militärisch aufgerichtete Nacken hatte eine Beugung bekommen, die er nie mehr verlieren konnte.

Nur eine Taterndirne! Aber das Liebste auf der Welt für den Mann, der ihm den Vater aus der erstickenden Flut gerettet hatte, als er selbst aus blinder Rachlust fehlte auf dem Platz, auf welchen er gehörte. –

Markwardt kam heim. Auf den Schreibtisch hatte der Postbote ihm einen Brief seiner Mutter gelegt. Mechanisch erbrach er ihn. Sie schrieb von Karla, von den Leuten, mit denen diese verkehrte, den Bällen, die sie besuchte, was sie gesagt hatte: geistreich spielendes Geplauder, – auch wie sie sich der guten Vorsätze Markwardts freue, ihn bald wiederzusehen hoffe –

Markwardt las nicht weiter. Er zog Karlas Bild hervor. Noch einmal betrachtete er das vornehme, spöttische Gesicht. Dann zerriß er die Photographie langsam in kleine Fetzen.

Fortan wohnte in seiner Seele nur die eine, von der es kein anderes Abbild gab auf dieser Erde als das, welches unauslöschlich in seinem Herzen stand.

Er richtete ihr das Begräbnis aus. Und nimmer hat ein Taternkind eine schönere Grabstätte auf dem Wilstedter Kirchhof gehabt. Am nächsten Tag gab er seinen Unterricht in alter Weise. Wenn sein Blick Trinkas leeren Platz traf, zwinkerten seine Augen leise.

Das ging vorüber.

Im Frühjahr starb ihm die Mutter, und er wäre nun frei gewesen, sich in die Wogen der Hauptstadt zu stürzen, wie er's ersehnt hatte, zu ringen um Reichtum und Ruhm. Er blieb. Im Hochsommer forderte der Schulrat, der einst für ihn gesprochen und mit Interesse seine Entwicklung verfolgt hatte, ihn auf, sich um eine bessere Stelle zu bewerben, und er bot ihm hierbei seine Unterstützung an. Markwardt lehnte ab. Er bat, daß man ihn lasse, wo er sei. Seine Grammatiken verstaubten; auf seinem Schreibtisch häuften sich statt der philologischen und pädagogischen Werke Modelle zu Schnitzarbeiten, Fachschriften der verschiedensten Handwerke. Die Tote band ihn an die Scholle. Er konnte nicht fort von ihren Brüdern. Glänzendere Ziele mochte der Ehrgeiz draußen erjagen. Einem ganzen Volksstamm den Weg zur Rettung bahnen, neue Lebensmöglichkeit erschließen, war auch eine Aufgabe, wert, ein Menschenleben dranzusetzen und eines Menschenlebens beste Kraft. Die in den Tod ging, einsam, schweigend, in dunkler Nacht, hatte ihm das Beispiel gegeben, Ehrgeiz und Selbstsucht ausgelöscht in seiner Seele. Großes wollen, Tüchtiges vollbringen – was lag daran, wenn sein Name verwehte in der Öde der Wildnis? –

Und Trinka schlief in ihrem Grab. Kein Gendarm hatte neugierig nach der Ursache ihres Todes geforscht. Kains Fluch aber lastete schwer auf dem Mörder. Rastlos war er von Stund' an. Es litt ihn nicht in des Vaters Haus, nicht auf dem Acker, nicht in der Torfgrube, bei Wischen Henze schon gar nicht. Die Büchse auf der Schulter, streifte er durch das wilde Moor Tag und Nacht, Tag und Nacht. Eines Morgens war er verschwunden. Und ein harter, hochmütiger Bauer verbiß grimmig den wütenden Schmerz, daß sein Ältester übers Meer gezogen war, ein Landstreicher, ein Knecht, er, der Sprößling eines Jahrhunderte alten Bauerngeschlechts. –

Fritz Markwardt ist nicht alt geworden. Früh erlag er dem Klima, den Anstrengungen, der Rauheit der Lebensweise.

Sein Nachfolger fand schon urbaren Boden, eine Schulstelle, nicht viel anders als in anderen Moorgemeinden. Das Geschlecht, welches den größten Teil seines Lebens hinter Gefängnismauern verbrachte und den Rest auf Raubzügen und Diebestaten, ist heute im Aussterben begriffen. In den Erdhütten, die auch schon anfangen, bescheidenen Fachwerkbauten zu weichen, haust jetzt ein Völkchen ehrsamer Besenbinder und Holzschnitzer. Und wo den jungen Leuten die Heimat zu eng, der Verdienst zu gering wird, da wissen sie jetzt, daß die Welt auch noch anderswo ist, und schaffen sich kraftvoll neue Lebensbedingungen auf einer neuen Scholle.

Auf dem Wilstedter Kirchhof neben der schwarzen Trinka liegt, der dem todgeweihten Volksstamm die neue Bahn brach. »Fritz Markwardt,« steht auf dem schlichten Stein, »Schullehrer von Klinkerberg.«

Es ist die einzige Urkunde seines Erdenwallens. Doch hat er nicht umsonst gelebt.



Endnoten

1 »Sie kommen dahin.«
2 in die Knochen hineinprügeln.
3 Sollte er das wohl imstande sein.
4 Luise.
5 Krug Bier.
6 Nun gieß dir was hinein, daß du stehen kannst.
7 die Kinder zusammenläuten.
8 Mundwerk.
9 Das Herumlungern werde ich ihm vereiteln.
10 Ich ziehe also aus.
11 Male.
12 auffordern, einladen.
13 hineinsetzen.
14 unangenehm, heftig.
15 ein Simpel, ein Krüppel.
16 Krähe heißen sie ihn.
17 Hühnerfüße: Kratzfüße, verächtliche Bezeichnung für Schreiberei.
18 deine weißen Ochsen.
19 Fuß.
20 Lügenbeutel und Sauf-Eule.
21 schon.
22 glühender.
23 Ich kann es nicht bewältigen. (Nicht dagegen an.)
24 kleiner, lieber Bruder.
25 um und um geschmissen.
26 Mir war das immer ein Angehen, d. h. es kostete mich Überwindung
27 Geldschnabel.
28 Dumme Ideen. Verschrobenheit (»Schlaf' deine Narrheit aus!«).
29 eilig.
30 drückend, dumpf.
31 Freien.
32 Der meinige war alle geworden (ausgetrunken).
33 Das gehört dazu. (Zum Tanz.)
34 weiß.
35 Bodenraum.