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Anton Wildgans – Dreißig Gedichte

Neue Gedichte

Reuß & Itta Verlagsanstalt, Konstanz a. B., 1917

Jugendliche und heitere Gedichte


Ueber den Wellen


(1900)


»Neckst du mich, kleiner Schelm,

mit dem Muschelhelm

und dem goldnen Haar,

mit dem Augenpaar,

das so feucht und blau

wie des Meeres Tau,

wenn es leise schäumt

und von Sagen träumt

aus den Zeiten fern und grau ...?«


Well' um Welle blitzt,

und die Wassernixe

bläst die Backen an,

spritzt und spritzt

auf den Wassermann,

was sie kann,

lacht

und dann –

taucht sie unter ...


Aber unten beim grünen Dämmerschein

im funkelnden Perlenkämmerlein

erzähln sie einander: Es war – es war –!

Und kennen einander schon tausend Jahr'

tief unten am Meeresgrund.

Er küßt ihren roten Korallenmund –

Der ist so weich und kühl

wie der Lüfte Spiel

über den Wellen.



Wenn ich der liebe Herrgott wär!


(1903)


Wenn ich der liebe Herrgott wär',

Der über Wolken thront,

Dir gäb ich für dein golden Haar

Den schlanken Silbermond.


Auch legte ich die Sterne dir

Wie Perlen um den Hals,

Und webte dir ein Wunderkleid

Vom Licht des Sonnenstrahls.


Dann schüf' ich ein Korallenschloß,

Von grüner Flut umsäumt,

Die nur, wie schlummernd, hie und dort

An dunkle Ufer schäumt.


Und ganz ein heimlich Heiligtum

Aus kühlem Elfenbein,

Voll großer, blasser Blumen Duft

Und Ampeldämmerschein.


Ein purpurn Kissen träumte da,

Von deiner Pracht betört –

Ein Geigenspiel umschwärmte dich

Verliebt und kaum gehört ...


Und wenn mir dieses Werk gelang,

Dann würd' ich Mensch darum,

Daß du mir eine Nacht nur gäbst

In diesem Heiligtum ...



Kinderaugen


Kinderaugen, wie Seen rein,

Von lenzenden Ufern umschlossen;

Perlen, in die ein flüchtiger Schein

Himmlischen Leuchtens gegossen.


Kinderlippen, wie Blüten hold,

Heimlichem Reifen gesegnet;

Kindertränen, heiliges Gold,

Das auf Blumen regnet.


Kinderfragen, so hell und klug,

Süßer Torheit Geläute;

Nennt mir den Weisen, der weise genug,

Daß er sie alle deute.


Kinderwünsche, wie Segler im Meer

Und Wunder an ihren Borden;

Kinder! ... Wie lange ist das her –

Und was sind wir geworden?!



Die Parabel vom Nein


(Allen Leugnern zum Spott)


Der leere Brunnen sang ein Lied –

Das Lied, das war darnach!

Schalt auf das Wasser, das ihn mied

Und aus den andern brach.


Das lahme Bein, das locker hing,

Dachte von jedem Bein gering,

Das spielend trug und sprang und ging.


War auch ein Herz aus Kieselstein –

Das Herz, das war darnach!

Schalt allen Leuchtens Widerschein,

Der aus den andern brach.


Und leerer Brunnen, lahmes Bein

Und hartes Herz aus Kieselstein,

Die plärrten alle dreie: Nein!



Letzter Wille


(1906)


Und wenn ich kalt bin, gebt mir meinen Frack

Samt weißen Handschuhn und geknüpfter Binde,

Und zieht mir Schuhe an aus blankem Lack,

Daß ich als Mann von Welt und von Geschmack

Den parkettierten Weg zur Hölle finde.


Ich möchte nämlich nicht, daß drüben man

Sich hämisch denkt: Nun kommt er doch als Büßer –!

Was ich getan, hab' ich mir selbst getan,

Und lebte ich als Lüdrian,

So will ich sterben nicht als Spießer.


Ferner verbiete ich, daß man ein Kreuz

In meine Hände lege und sie falte!

Dies wäre eine Fratze meinerseits. –

Ich will ein Mädchenbild von keuschem Reiz,

Daß ich es fest am stummen Herzen halte.


Denn hab' ich auch auf dieser Erde nie

Mit andern mich als Dirnen abgegeben,

Ich bin kein Bankrotteur der Phantasie,

Und irgendwie

Muß es doch anders sein im andern Leben.



Mai


In allen Gärten blüht der Mai,

Die Sonne steht in seinem Solde,

Der Himmel, blau und wolkenfrei,

Ist ganz durchwirkt von ihrem Golde.


Die alten Häuser in der Stadt

Lächeln mit blinkenden Fassaden,

Und seine weiße Plache hat

Der allerkleinste Krämerladen.


Und in den Straßen bunter Schwarm

In leichten lichten Frühlingstrachten,

Die ganze Welt geht Arm in Arm

Und will vor lauter Lust verschmachten.


Die Mädchen tragen frei den Hals

Bis zu den Brüstlein unterm Mieder,

Sogar die Pfützen allenfalls

Spiegeln den blauen Himmel wieder ...


Was tatst denn Du die lange Frist,

Mensch mit den bleichen Wangen,

Der Du verschneit gewesen bist –?

Was tatst Du denn die lange Frist,

Um diesen Frühling zu empfangen?!



Der Eifersüchtige


(Eine ironische Ballade)


Ihre Schritte zu belauern,

Folgte er ihr aus dem Haus.

Enge an den Häusermauern

Schlich er hin und spähte aus,

Und er sah sie im Gewühle

Abendlicher Straßen gehn:

Ganz Versunkenheit und Kühle –

Doch sein Herz, wie eine Mühle,

Ging bald rasch, bald blieb es stehn.


Kaum daß ihn die Füße trugen,

So verwichen war das Blut!

Müde ward er nicht, zu lugen

Immerfort nach ihrem Hut,

Dessen rote Flügel schwebten

Ob der vielen Köpfe hin.

Und ihm war, als bohrten, strebten

Alle Blicke der belebten

Straße schadenfroh in ihn.


Und schon bog sie um die Ecke,

Und sein Schritt ward Flug –

Ha! Nun ging sie zum Verstecke,

Zum Verrate, zum Betrug!

Noch belebte sein Ermatten,

Daß er sie vom neuen sah!

Doch da schwand sie wie ein Schatten

Plötzlich aus dem Blick des Gatten

In ein Haustor. – Sie war da!


Er ihr nach! – Zwei Stiegen gingen

Links und rechts empor vom Flur.

Niemand! – Nur drei Tafeln hingen:

Schneider – Anwalt – Agentur.

Treppe auf und Treppe nieder!

Viele Türen, stumm und zu –

Rätsel! Wie geschloss'ne Lider.

Fremde Namen. Hin und wider

Ein Geräusch. – Dann Grabesruh.


Wieder auf der Straße. – Viele

Fenster bis hinauf zum Dach!

Dunkle – helle: ein Geschiele,

Ein Geblinzel hundertfach.

Stors, getränkt von mattem Flimmer –

Lampendämmer rot wie Wein –

Heimliche, verliebte Schimmer –

Viele Fenster! Viele Zimmer! –

Und in jedem kann es sein!!


Viertelstunde war vergangen:

Ewigkeit an Grimm und Gram!

Als sie gänzlich unbefangen

Wieder aus dem Tore kam.

Lächelnd, wie wenn nichts geschehen,

Trat sie auf ihn zu und bot

Ihm die Hand zum Wiedersehen –

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

– – – – – Er ward rot.



Casanova


(1905)


Die Zeiten, gnädige Frau, sind längst vorüber,

Da Liebe noch des raschen Mutes Lohn!

Beim großen Gott, ich ginge lieber,

Den Degen am Gehenk, im stählernen Plastron,

Und säh' ich wo in einer Abendstunde

Ein Weib von Ihrer Huld und Zier,

Dann wagt ich meinethalb die Todeswunde

Im Waffengang mit ihrem Kavalier,

Und es entschiede sich:

Er oder ich!


Dann hielte eine Gondel wo im Schatten

Und trüge ein verhangenes Gezelt;

Der Schrecken stürbe in Ermatten,

Ein Körper, den die Furcht entseelt,

Zwei Hände lösten mählich sich vom Krampfe,

Belebten sich zu keusch verzagter Gunst –

Das Uebrige vollbrächte meine Kunst

Vom ersten Kusse bis zum letzten Kampfe,

Indes aus fernen Gärten Saiten stöhnten,

Doch nicht so süß wie ihre Seufzer tönten ...


Die Zeiten, gnädige Frau, sind längst vorbei!

Heut lohnt den raschen Mut die Polizei,

Doch nicht so süß wie ehedem die Liebe.

Der Degen mangelt, und Spazierstockhiebe

Verletzen zwar, doch machen sie nicht frei.

Und dann, Ihr kühner Kavalier! O weh!

Pardon, das war vielleicht ein wenig roh!

Ich sah mit ihm Sie gestern im Café:

Hochsommernacht und er – im Paletot ...


Wenn ich bedenk', daß dieser greise Blick

Auf deiner jungen Schönheit ruht,

Daß dies Geripp' dein warmes rotes Blut

Verdammt zu ew'ger Sehnsucht Mißgeschick –

Daß »er« dich sieht, wenn alles schon gesunken,

Und nur die letzte Seide zögernd träumt

Dem Tropfen gleich, der an der Blüte säumt,

Weil er von ihrem Duft nicht satt getrunken –

Wenn ich bedenk', daß »er« dich künstelnd zwingt

Zu sinnberaubten, rauschlosen Geberden,

Statt daß sich jubelnd dir der Schrei entringt:

Jetzt will ich sterben oder Mutter werden! –

Beim großen Gott, dann trag ich's länger nicht

Und werfe ihm den Handschuh ins Gesicht,

Und es entscheide sich:

Er oder ich!


Sie lächeln, gnädige Frau? Mag sein, ich bin ein Schwärmer.

Und doch, ist man bei kluger Nüchternheit

Nicht auch um manches heiße Prickeln ärmer –?

Ich träum' mich gern in eine reich're Zeit,

Da 's mehr Gefahren gab und mehr Courage:

Da forscht' ich, wollt' ich Ihren Gatten schonen,

Durch meinen Mohren, wo Sie wohnen.

Dann schlich' im Zofenkleid mein blonder Page

In Ihr Gemach mit manchem Liebespfand.

Ich selber nahte mich – vielleicht im Dome,

Vielleicht im Karneval, im Maskenstrome –

Und drückte heimlich Ihre süße Hand.

Und endlich dann in Sternensommernächten,

Sie am Balkon, um Ihre lose Flechten

Das Mondlicht silbernd und wie Wellen kühl,

Im Garten ich – mit Schwert und Saitenspiel,

Gleich gern bereit zu singen und zu fechten!

Und dann ein Zögern, Flüstern, Für und Wider –

O edle Scham, du keusche Kupplerin! –

Dann glitte doch die seid'ne Leiter nieder

Und ich – vergesse, wo ich wirklich bin.

Das Leben ist banal und kostet Ueberwindung,

Mein Mohr, mein blonder Page sind dahin –!

Mir bleibt ein Dienstmann und die Postverbindung ...


Drum gnädige Frau: Wenn Sie der Unbekannte

Von gestern abends im Café

Interessiert, beglückt ihn ein Billet:

Adresse: »Casanova«, poste restante. –



Im Park von Fontainebleau


Sie trafen sich im Park von Fontainebleau

An einem veilchenblauen Maientag:

Sie, die Marquise Maud von Monchateau,

Und er, der Chevalier von Cassagnac.

Sie schritten durch das Schloß – und wie ein Tuch

Aus tiefem Purpur, perlenüberstickt,

Erfüllt von feinem, sündhaftem Geruch,

Entfaltete der Chevalier geschickt

Des Ortes heimlichste Vergangenheit,

Indessen sie, mit Augen starr und weit,

Nach jenen lüstereichen Fernen blickt

Voll heißer Sinne und gekrönter Stirnen –

Nach Frankreichs Mächtigen und ihren Dirnen.


Und dann, entlassen aus dem schweren Duft

Der alten Säle und verträumten Räume,

Schreiten sie lässig durch die Frühlingsluft

Auf leisem Kies im Schattenkühl der Bäume.

Der Chevalier ist immer noch entrückt

Und schwärmt von all der Frauen hoher Huld,

Die groß im Lieben, größer in der Schuld,

Mit Geist und Körper Könige entzückt.

Ihm dünkt die tote Zeit ein Paradies –

»Sie sind ein Dichter«, flüstert die Marquise.

Und er danach: »Vielleicht – wenn Dichten heißt,

Dem kleinsten Zauber gern sich hinzugeben –

Wenn Dichten heißt: in sich zu Ende leben

Halbes zu Ganzem, Wirkliches zu Geist –

Wenn es bedeutet: nichts ergreifen dürfen,

In dunklem Schacht nach edlem Golde schürfen,

Das dann durch loser Spieler Hände kreist –

Wenn Dichter ist, wer jedes Ding beseelt

Und doch ein Bettler ist in dieser Welt –

Wenn Dichter ist, wer seiner selbst sich schämt

Und recht gibt, wenn der Pöbel ihn verfehmt –


Ich weiß, man lächelt über unsresgleichen,

Weil wir gezimmert sind aus andrem Holz,

Und unverzeihlich dünkt der Welt der Stolz,

Der unsre Stirnen krönt mit schlichten Zeichen.

Man findet, daß wir uns begnügen sollten

Mit jedem Rest, von anderen benagt;

Denn wer nicht früher zuzugreifen wagt,

Muß essen, was die andern nimmer wollten.

So liebte ich vor langer Zeit ein Weib –

Mein Gott, man war verliebt und jung und dumm

Und sah in jeder Frau ein Heiligtum

Und glaubte mehr zu sein als Zeitvertreib.

Von Versen sprech' ich nicht, die ich ihr schrieb –

Im Gegenteil, die waren sicher schlecht,

Allein, Marquise, das Gefühl war echt,

Und jedes Wort verriet: ich hab' dich lieb –!

Und doch, was denken und was raten Sie,

Daß mein Verhängnis ward bei ihr –?

Nichts, als daß ich ein schlichter Kavalier,

Nicht reich genug und leider nicht – Marquis.«


Der Chevalier verneigt sich – die Marquise steht

Erst etwas blaß und ratlos, aber dann

Sucht sie ein Wort, mit dem sie treffen kann

Und findet es und lächelt bös: »Poet –»


Im Park von Fontainebleau – ein Maientag,

Voll Duft und Summen, Vogelruf und Gold –

Zwei Zäume knirschen, die Kalesche rollt,

Und immer ferner tönt der Hufe Schlag –

Und er, noch immer lehnend am Portal,

Lauscht ihnen nach, doch dann mit einem Mal –


Was weint der Chevalier von Cassagnac –? ...



Polterabend


(1905)


»Zu meinem Polterabend, lieber Freund,

Bin ich so frei, Sie herzlichst einzuladen.

Fürchten Sie nicht, daß man en masse erscheint.

Ich weiß ja den Geschmack von Euer Gnaden.

Ein ganz intimer Kreis von wenigen Leuten,

Die zu den Freunden unsres Hauses zählen.

Darunter Sie, der Sie uns mehr bedeuten:

Als Dichter! – Kurz, da dürfen Sie nicht fehlen.

Mein Bräutigam, der Ihnen nicht bekannt,

Dem ich von Ihnen viel und oft berichtet,

Ein Mann von Gaben, wenn er auch nicht dichtet,

Ist Sie zu kennen äußerst schon gespannt.

Auf keinen Fall ist Förmlichkeit vonnöten.

Sie kommen im Sacco. Wahrscheinlich wird

Im Garten, wenn das Wetter schön, soupiert.

Blumen und Toaste hab' ich mir verbeten.

Und nun adieu! Für heute muß ich schließen.

Am Mittwoch also! Mit den besten Grüßen

Von allen (auch von meinem Bräutigame)

Verbleib' ich Ihre treue ...« Klex und Name.


Du liebe, süßvertraute Mädchenschrift,

Ich forscht in dir, in diesem letzten Brief

Nach Bitterkeit, nach einem Tröpfchen Gift

Und fand ihn doch am Ende nur – naiv.

Ein bißchen Spott – mein Gott, als Troubadour

Und armer Teufel wird man nicht geschont

Und ist ja doch Staffage nur

Im Haus des Glücks, von anderen bewohnt;

Und ist ein Geiger, der den wilden Harm

Aus seiner Seele auf die Saiten weint

Und seiner Liebsten aufzuspielen scheint

Zu Tanz und Lust in eines andern Arm;

Und ist ein Magier, der Herzen reich

Und hoffend macht, das Wunder zu erwarten,

Und dann vor seinem eignen Zaubergarten

Almosen einstreicht einem Bettler gleich

Und sich nicht darf mit jenem andern messen,

Der Liebe gibt und überdies – zu essen.


Der Polterabend kam und war nicht öder,

Als solche Abende gewöhnlich sind.

Die Eltern segnen still ihr Kind,

Dem Bräutigame gratuliert ein jeder.

Dann kommen sie in Stimmung. Ihre Wänste

Sind angemästet, röter die Gesichter.

In feuchten Augen schwimmen irre Lichter,

Des Pommery betörende Gespenste.

Da fällt ein Glas und dort der erste Toast

Von Lippen, die von Wein und Rührung lallen.

Und wie die Kelche aneinander prallen,

Da blöckt die ganze stumpfe Herde »Prost« –

Und dazu ludest du, Suzon, mich ein?

Kennst du denn deinen alten Freund nicht besser?

So zeigt man dem Verurteilten das Messer,

Mit dem man morgen will sein Henker sein.

Ist, glaubst du, meine Phantasie verdorrt,

Daß sie sich nicht in Eckelqualen malt,

Wie morgen deine schimmernde Gestalt

Vor dieses Bockes Nüstern sich entflort?!

Doch da – indes zwei feuchte Lippen saugen

Unschlüssig noch am Rande des Kristalles,

Ein langer Blick aus grünerglühten Augen.

Da jauchzt mein Blut und alles weiß ich, alles!

Und durch vertrauter Gänge Lampenschimmer

Stehl ich mich heimlich in ihr Mädchenzimmer.


Da bist du wieder, lieber Dämmerraum!

In Schatten jede Linie zergangen,

Des Mondes Licht in bleiche Stores verfangen.

Da bist du wieder, längst gelebter Traum

Tastender Liebe zweier Kinderseelen,

Die Schumannliedern und Gedichten lauschten

Von Lenau und Musset und sich berauschten

An Wiesenduft und hellen Vogelkehlen

Und eines Abends dann beim Verselesen

Verwirrt erkannten, süßen Staunens voll,

Daß Klänge, Worte, Düfte nur Symbol

Für ihrer Lippen erstes Glück gewesen.

Und dort, wie einst, im Schatten weiß verhangen,

Ihr Bett, bereit, wie eine weiche Gruft

Des schlanken Leibes letzten keuschen Duft,

Die letzten Mädchenträume zu umfangen.

Da huscht's herein – so wie sie damals kam,

Und alles war wie einst, so daß sie wieder

Mein Haupt in ihre beiden Hände nahm,

Mir leise küssend die geschlossnen Lider –

Nur daß sie jetzt, an meiner Brust geborgen,

Mit einemmal so stumm ward und so schwer,

Und daß ein düstres »Nimmermehr«

Uns beben machte statt des süßen »Morgen«.

Und dann steht sie vor mir, halb Sphinx, halb Kind –

Wie diese rätselgrünen Augen schauen,

Wie hart auf einmal diese steilen Brauen

Und diese Wangen starr wie Alabaster sind!

Und da zum letztenmal im Niederneigen

Mein Mund an diese kühlen Lippen rührt,

Hat sie ein Fremdes mir, ein Traum entführt –

Und diese Lippen sind nicht mehr mein eigen.




Zueignungen



Einer Unbekannten


In diesem großen Traurigsein,

Das Leben heißt,

Kann einer fernen Lampe Schein

Oft wie ein liebes Grüßen sein

Von Geist zu Geist.


Und eines Menschen Angesicht,

Das kaum man kennt,

Kann rührend sein wie ein Gedicht

Und trösten wie ein leises Licht,

Das tief im Dämmer brennt.



Einer Braut


(1906)


Ein heimlich Wunder, über Nacht geschehn ...

Wo schlief es denn, eh' es so jung erwacht?

In dir? – In ihm? O süßes Auferstehn!


Nun ist es da mit sanfter Flammenmacht

Und wandelt dich in einem Augenblick –

Dies Wunder, das geschehen über Nacht.


Und alles, was du bist, ist eitel Glück,

Und alles hat so plötzlich andern Sinn:

Dein Blut und deine Hände und dein Blick,


Und deine Sehnsucht, diese Träumerin.

Die jetzt die trunken weißen Segel hißt

Zu Heim und Herd, zu anderm Sein und Sinn


Und eitel Glück ist alles, was du bist ...



Einer Gesegneten im Advent

(1907)


Ihr jungen Frauen, habet acht,

Maria hat empfangen —!

Und mancher ist’s in dieser Nacht,

Die sie an liebster Brust durchwacht,

Vielleicht wie ihr ergangen.


So haltet eure Seele still

Und hütet die Geberden!

Denn diese Zeit bedeutet viel,

Und jede, die das Wunder will,

Muß wieder Jungfrau werden


Und bannen aus der Seele fern

Unheiliges Begehren.

Zu Bethlehem geht auf ein Stern:

Da kann ein jedes Weib den Herrn,

Den Heiland sich gebären.

Du bist der Garten ...


(1907)


Du bist der Garten, wo meine Hände

Ueber die weißen Wege gehn.

Du bist das Blühen und das Gelände

Der sanften Hügel und blauen Seen.

Denn Deine Augen, sie gleichen diesen,

Und Deine Lenden sind die Wiesen,

Nach denen meine Träume sehn.


Du bist der Garten, wo meine Seele

Ueber die dämmernden Wege geht.

Du bist der Mohnduft für alle Fehle

Und meiner Reue verschwiegenes Beet.

Denn alles, so mir im Suchen begegnet,

Du hast es geheiligt und gesegnet,

Daß es in mir wie ein Bildnis steht.



Heiliger Herbst


Ein Triptychon.

(1908)


So gingen wir selbander Hand in Hand

Den schmalen Weg, den lieben Berg empor,

Und oben winkte Zinne, Turm und Tor,

Umrauscht, umbauscht vor roter Wipfel Brand.


Doch unten lag das herbsterblichene Land:

Die Ebene im zarten Silberflor

Von Blond, das noch nicht alles Gold verlor,

Und, lose drin, des Stromes blaues Band.


Da sah ich selig auf Dein junges Haar

Und fühlte Deiner Hände warmes Leben,

Und wie in ihnen zehnfach Seele war


Von jedes Fingers eigenem Erbeben.

Und Deine Augen sprachen lieb und klar,

Daß alles dies mir zärtlich hingegeben.


*


Und oben hauste frech und froh der Wind,

Zauste das Laub und fegte scharf die Matten.

Wir aber, klug in einer Mauer Schatten,

Streckten ins Gras uns, froh, wie Kinder sind.


Tief unten graut die Stadt! – Von Dünsten blind

Glimmen die Kuppeln, Dächer und die matten

Fenster, indessen aus den nimmersatten

Schloten und Essen brauner Qualm zerrinnt.


Mich lockst du nimmer, kauernder Koloß,

Trügender Tröster rastloser Gehirne!

Was ich von Dir gelitten und genoß,


Bin ich wie eine mürbe Maske los

Und lege dankbar die befreite Stirne

In dieses Kindes mütterlichen Schoß.


*


So lag ich lang, tief atmend das Arom

Des jungen Leibes und dies reiche Schweigen,

Und hörte Deine Seele niedersteigen

Zu Deines Schoßes ahnungsvollem Dom.

So klein bin ich, ein Mensch nur, ein Atom,

Und ausgeschaltet aus dem ewigen Reigen,

Wenn nicht durch Dich, was mir als Tiefstes [eigen,

Einmünden darf in alles Lebens Strom ...


Der Abend kam, wir schritten in das Tal –

Nie war ein Tag so feierlich verklungen.

Wie Glockentöne, ernst und keusch verschlungen,


Sangen die Seelen innigsten Choral.

Da lauschten wir und nahmen tiefbezwungen

Der höchsten Liebe heilig Abendmahl.



Einem, der ein Dichter ist


(1913)


Ich bin ein Kind der Stadt. Von Häuserquadern

Ist mir der Blick in Straßen eingeengt.

Schwer, wie sich Volk des Abends heimwärtsdrängt,

Rinnt mir ein dunkler Blutstrom durch die Adern.


Mit Gott und mit der Welt und mir zu hadern,

Nach Not zu spüren, dies ist mir verhängt,

Doch nicht zu heilen, wo ein Leid bezwängt,

Nein, nur mit Worten dran herumzubadern.


Du aber spendest mit berauschtem Tun

Aus dieser Erde königlicher Fülle.

Da sinkt von uns die graue Bettlerhülle,


Und Flügel wachsen unsern Alltagsschuhn.

Die tragen uns in eine stille Stille,

Wo Lächeln ist und träumerisches Ruhn.



Einem, mit dem ich froh bin


(1913)


Mit dir zu sein, ist gut und ein Vergessen.

Dir bin ich gern der tolle Harlekin.

Denn heimlich weißt du dennoch, wie ich bin:

Manchmal von Gott und oft vom Tier besessen


Du hast das Herz zutiefst mir ausgemessen

Und es geprüft auf seinen Wert und Sinn.

Nun dir dies Haus gefällt, so wohne drin,

So lang es hält, dies schwanke Unterdessen.


Doch einmal wenn ich müd- und armgehetzt

Vom Leben bin, vom Leide dieser Erde,

Komm ich zu dir und ruh' an deinem Herde.


Den hat ein guter Meister dir gesetzt.

Wenn dort die Träne meine Wange netzt,

Vertrau ich wieder, daß mir Frieden werde.



Einem, dem ich nichts verschweige


(1913)


Ich habe manches bittre Lied gesagt,

Doch Bitterstes von allen Bitternissen

Ist, eines Tages, jäh erschreckt, zu wissen,

Daß Gift und Fäulnis an der Freundschaft nagt.


Dem hat die Kraft zum eignen Werk versagt,

Den hat das Leben aus der Form gerissen,

Den hat die Schlange Eifersucht gebissen,

Und jenem hat sein Weib den Freund verklagt.


Nun hassen sie, und ihre Augen weichen

Dem Freundesblick wie scheue Tiere aus.

Und gibst du ihnen ein vertrautes Zeichen


Von ehedem, sie stehen kalt und gleichen

Einst wirtlichem, nun ausgestorbnem Haus,

Wo böse Geister durch die Zimmer schleichen.



Morgen im Schloß


(Gräfin Mathilde Auersperg gewidmet)

(1905)


Und draußen war ein grüner Sommermorgen –

Die greise Gräfin mit dem Silberscheitel,

Die weißen, kühlen Alabasterhände

In ihres Kleides schwarzem Schoß gefaltet,

Saß gegenüber mir beim Tee und sprach ...

Und sprach von milden, blassen, fernen Dingen,

Von Myrtenkränzen, die in Goldhaar welkten,

Von Hörnerjubel längst vergessner Jagden,

Von reicher Feste längst vergilbten Bannern –

Und sprach von Stimmen, die das Leben brach,

Von Lachen, das verklang, und Tränen, längst gestillt,

Und immer war's, als suchten ihre Blicke

Die Dinge rings, die Bilder an der Wand,

Als fragte sie in liebreich leiser Zwiesprach

Die stillen Augen nahgebliebner Toten:

»Nicht wahr, so war's?« – und hörte ihre Antwort.


Und draußen war ein grüner Sommermorgen –

Es huschten frohe Strahlen auf den Tisch

Und ruhten funkelnd auf dem bleichen Silber

Der altverzierten, ehrwürdigen Kannen.

Und draußen, auf dem Marmorflur der Halle,

Wie Morgenglöckchen in den blassen Frieden –

Erklangen plötzlich helle Kinderstimmen ...

Da waren sie auch schon und hatten schnell

Die weißen, kühlen Hände sich erobert:

Der Knabe und das Mädchen, gold und braun.

Wie glühte in der weichen Glieder Rund

Nach reinem Schlaf der ungeduldige Trieb,

Die jungen Kräfte spielend zu verbrauchen ...

Und waren diese Händchen nicht gemacht,

Das Sonnenlicht wie Falter einzufangen,

Und dieser Kinderaugen blaue Brunnen

Nicht übervoll, der Seelen Durst zu stillen –?


Da sind sie längst entschlüpft und ferne schon,

Wie Morgenglöckchen in den blassen Frieden,

Erklingen ihre hellen Kinderstimmen.

Die greise Gräfin mit dem Silberscheitel,

Die weißen, kühlen Alabasterhände

In ihres Kleides schwarzem Schoß gefaltet,

Sann ihnen nach und lächelte und schwieg ...

Und draußen war ein grüner Sommermorgen.



Meinem alten Lehrer


(Professor Dr. Wilhelm Jerusalem gewidmet)

(1914)


Noch fühle ich die kahlgetünchten Wände.

Beklemmung morgendlichen Lampenlichts,

Die Unerbittlichkeit der Gegenstände

Des lieblos abgespulten Unterrichts.

All diese Stunden waren ohne Ende,

Und jenseits ihrer, grauen Angesichts,

Schon lauerten des Lernens stete Sorgen,

Die wachen Nächte und die Angst vor morgen.


Da tratst Du ein mit unbetonten Schritten,

Nicht wie ein Vogt, der einzuschüchtern naht.

Gleich legten sich die wilden Knabensitten,

Die Horde ward zum eingeteilten Staat.

Und Du, der gute Patriarch inmitten

Der lauschend hingebeugten Menschensaat,

Gabst mühelos von Deiner Arbeit Ernten,

So daß auch mühelos wir von Dir lernten.


Ein Lehrer warst Du, nicht ein Ueberwacher,

Und, unbewacht, bezähmte uns die Scham.

Mitschüler warst Du – nicht ein Widersacher –

Der mit uns, an uns zur Erkenntnis kam,

Dem willigzagen Schritt ein Wegemacher,

Ein Sonderer von Menschenwert und Kram.

Vor Deinem Ohr ward jede Phrase nichtig,

Und immer nur die Sache war Dir wichtig.


Dies ist die Zehrung, die Du mitgegeben

Den Schülern auf den vielverzweigten Pfad.

Das bloß Gesagte kann sich überleben,

Fortwirkt und –bildet nur des Lehrers Tat.

Die Deine war: daß Beispiel Du gegeben,

Nicht was nur, wie auch man zu wissen hat.

So ward sonst flüchtig Haftendes beständig

Und bloßer Stoff durch Sittlichkeit lebendig.




Spätere und ernste Gedichte



Träume


(1907)


Deine Launen sollst du hemmen,

Und gebieten deinen Träumen,

Felsen gleich, die Ströme dämmen,

Daß sie früher nicht verschlämmen,

Ehe sie ins Weltmeer schäumen.


Denn es winkt das Ungemessne

Nur dem Treuen seiner Pfade,

Und der ewig Zielvergessne,

Stets von neuer Sucht Besessne

Naht nicht einmal dem Gestade.


Drum gebiete deinen Träumen,

Denn es trachten die verwegnen,

Aus der Bette strengen Räumen

Ueber Damm und Deich zu schäumen.

Werd' ihr Meister, und sie segnen!



Waise


(1908)


Einmal freilich war sein Leben reicher,

Aber dieses rührt nur mehr vom weiten:

Liebe Worte, mütterlicher weicher

Hände sanftes Durch-die-Haare-Gleiten.


Aber später ward es mählich immer

Einsamer und all das einst gehörte

Gute, allen Schimmer

Nahm die Not von seiner dunkeln Fährte.


Seither schlich in seine Augensterne

Dieses Wachsamsein und stete Spähen

Nach dem Feindlichen in seinen Nähen

Und dies ängstlich Suchen in der Ferne.


Bis auch dieses sich zu Ruhe legte

Hinter kalter Maske: Furcht und Leiden.

Bis der Ungeliebte, Unbewegte

Wege wählte, die die Vielen meiden.



Das fremde Glück


(1908)


Von diesen kleinen Dingen leben wir,

Nicht von den großen, die so selten kommen:

Oft war's nur irgendein Reflex, der dir

Von einer Vase funkelnd aufgeglommen,

Oft ferne ein Akkord auf dem Klavier,

Vom Abend auf die Fittiche genommen.


Und neulich trat in meinen stillen Raum

Ein fremdes Glück und lächelte von Wangen

Zwei junger Menschen, die im frühen Traum

Der ersten Liebe hoffend noch befangen –

Und grüßte mich wie einen, den man kaum

Erkennt, weil schwere Zeit an ihm vergangen.


Laß sein, mein Herz, das noch von Jugend wirr

Und trunken ist, sich tätig aufzuschwingen –!

Kommt einst der Tag, an dem du müd und irr

Am eigenen Geschicke und Gelingen,

Vielleicht, daß dann das fremde Glück zu dir

Sich segnend neigt und lächelt deinem Ringen –


Denn später, wenn wir müde, leben wir

Nur mehr von solchen fremden lieben Dingen ...



Sonett


(1912)


Oh selig, starker Arme Werk zu tun,

Ein Ding zu formen mit gewandten Händen

Und jeden Tag ein Greifbares vollenden

Und abends müd zu sein und auszuruhn.


Es kann der Geist im Fertigen von Schuhn

Tiefres Genügen finden und Bewenden

Als in des Denkens höchsten Gegenständen –

Oh selig, starker Arme Werk zu tun.


Wir andern fügen fiebernd Traum an Traum

Zum Babelturme schwärmender Gedanken,

Im Geist schon ragend an den fernen Saum


Goldener Wolken, und erkennen kaum

Von des Gerüstes allerhöchsten Planken

Die liebe Erde, Menschen, Tier und Baum.



Abend über der Stadt


Noch zeichnen sich die Türme in die Schicht

Schwerschwarzen Qualms, in den die Stadt versunken.

Nun schwinden sie, bald ist das letzte Licht

Von all den vielen Augen aufgetrunken.


Hier oben, wo die letzten Häuser sind,

Neigt sich der Tag noch zögernd in die Beete

Dunkelnder Gärten – manchmal harft der Wind

Im Saitenspiel der Telegraphendrähte.


Ein tiefes Brummen kommt von unten her

Wie ein gewaltig-dumpfes Ohrensausen,

Wenn auf den Schienensträngen eiserner

Strombrücken Züge ins Gelände brausen.


Da – eine Kuppel, die in Flammen steht –

Wölbt sich der Mond purpurn aus Häusermassen.

Nun schwebt er auf und steigt wie ein Gebet,

Um hoch im Aether silbern zu verblassen.


Jetzt geben in der Stadt die Glocken Laut

Gleich Hunden, die im Schlaf den Mond anwimmern,

Und wie aus bläulichem Metall gebaut

Glimmern die Dächer – Lichterreihen schimmern.



Die Menschen, die in den Höfen wohnen ...


Die Menschen, die in den Höfen wohnen,

Sind arm und selig in ihrer Weise

Mit karger Luft und dem bißchen Sonne,

Und sie sprechen gedämpft und lachen leise.

In ihren weißen Fenstern stehen

Alltägliche Blumen in braunen Töpfen,

Und hinter den Blumen, mit reichen Zöpfen,

Sitzen die Frauen und Mädchen und nähen,

Lassen von ihren geneigten Köpfen

Nur die schimmernden Kronen sehen.


Aber des Abends, aus ihren Stuben,

Steigen die Mütter zum Brunnen nieder,

Und die blassen Mädchen und Buben

Singen uralte Kinderlieder,

Die die Seele seltsam rühren,

Bis die Mütter das Spiel beenden

Und die Zögernden an den Händen

Zu den Wiegen und Betten führen ...


Die Menschen, die in den Höfen wohnen,

Sind arm und selig in ihrer Weise

Mit karger Luft und dem bißchen Sonne,

Und sie sprechen gedämpft und lachen leise.

Ihre Geschicke sind klein bemessen,

Ranken sich wie stille Reben,

Und es ist, als hätte das Leben

Und als würde der Tod sie vergessen.



Notturno


Neulich sommernachts ging ich nachhaus.

Alle Straßen waren ausgestorben,

Nur die Kittelmänner mit den Stangen

Gingen von Laterne zu Laterne,

Löschten jede zweite Flamme aus.


Wie in einer Halle klang mein Tritt,

Oben standen klar und zart die Sterne.

Hinter Dächern silbern aufgegangen

War der Mond, und sein Reflerbild glitt

Ueber mir vom ein zum andern Fenster

Und hielt Schritt.


An der Ecke, die ich jetzt umbog,

Sprang mir lau und leicht der Wind zur Seite,

Duftete nach kühlem Abendregen,

Dunkeln Beeten, feuchten Gartenwegen,

Staub und Kehricht übers Pflaster treibend

Und ein Zeitungsblatt, das mir zu Füßen flog.


Meines Stockes Spitze setzt' ich drauf,

Bannend so den raschelnden Begleiter.

Stand darauf verwaschen und verdorben,

Daß ein großer König sei gestorben –

Ließ es los, da nahm der Wind es auf

Mit dem andern Mist und trug es weiter.



Ein Feldherr


(Für Conrad von Hoetzendorf im Jahre 1912)


Viele hat Gott zu Dichtern gemacht

Und gibt ihnen kein Lied.

Da wandern sie durch die klingende Nacht

Und schauen die Ströme mit silberner Fracht

Und atmen der Gärten verdunkelte Pracht,

Und Ströme und Gärten und klingende Nacht

Wird ihnen brustzersprengendes Leid –!

Und dies freut Gottes Neid.


Viele hat Gott zu Baumeistern gemacht

Und gibt ihnen keinen Stein.

Da wandern sie durch die hämmernde Nacht

Und tragen dunkelnder Dome Pracht,

Gerüste und Dome und hämmernde Nacht

Im Herzen unter dem Bettlerkleid –!

Und dies freut Gottes Neid.


Und jenen hat Gott zum Feldherrn gemacht

Und gibt ihm keinen Krieg.

Da wandert er durch die donnernde Nacht

Und trägt in seiner Stirne die Schlacht

Und hört schon die Seinen aufrauschen: Sieg!

Da rasen Schwadronen

Aus seinem Traum,


Und die Kanonen

Mähen den Raum,

Bis von blutigen Garben

Dunkelt das Feld –!

Und er ist der Sieger, der Retter, der Held!


Doch wenn er erwacht

Aus Gebrüll und Gehämmer

Geträumter Schlacht,

Steht Gott auf der Wacht

Und weidet die Lämmer

Und weidet sie gut –

Noch ist nicht Zeit

Für ihr springendes Blut.


Nur manchmal zieht Gottes Wille

Jenen aus seiner Nächte

Brustzersprengender Stille

Hervor wie ein Schwert

Und hält

Ihn gegen den Himmel –!

Dann riecht's nach Gewittern

In der Welt,

Und die Völker zittern.



Ein Frühlingstag


(1913)


Und wieder rührte sich der Erde Schoß

In Frühlingswehen und der Föhn war los.

Kam über blaue Berge hergelacht

Und weckte all Gedränge über Nacht.

Aus holperiger Höfe Pflasterritz

Schoß lieben Unkrauts grüner Aberwitz.

Selbst auf berußter Stadtbahnböschung war

Zart hingesprenkelt gelber Primeln Schar.

Und als ich früh im Parke mich erging,

Trug jedes Zweiglein ein grüngolden Ding.

Beim Mandelbaum, der blühte, hielt ein Greis:

Welken beim Blühen und so Weiß bei Weiß.

Und Kinder schlenkerten an Mutterhand

Die kurzen plumpen Beinchen übern Sand.

Und alles, was in lichten Farben kam,

War freigeräumt von Sorge, Zwist und Gram.

Fernabgedämpft der Straßen Wirrgedröhn

Half nur, des Parkes Stille zu erhöhn.

Ein zart Gewölke, hoch im Frühlingswind,

Lächelte nieder wie ein blondes Kind.


Da plötzlich hinter mir ein jäher Schall,

Scharf, doch kaum lauter als ein Peitschenknall.

Aus einer schwergefurchten Arbeitshand

Fiel eine Waffe rauchend in den Sand.

Ein grauer Klumpen wie ein Schatten sank

Von einer sonnenüberblühten Bank.

Gebrochne Augen, aufgesprengte Stirn.

Daneben eine Pfütze Blut und Hirn.

Auf einmal sind die Häuser nahgerückt

Und wie mit irren Augen hergebückt.

Vom Schlachthaus nebenan der Ziegelschlot

Droht wie ein Finger auf zu Gott, blutrot.

Von Dunst verschüttet, ist das Sonnenlicht

Jetzt gelb wie Eiter, der aus Schwären bricht.

Und blaugedunsen nieder in den Rauch

Lastet der Himmel wie ein trächtiger Bauch,

Aus dem dereinst, wenn alle Maße voll,

Der Rächer jener niederkommen soll,

Die, so wie wir mit Herz und Wunsch begabt,

An solchem Frühlingstag kein Teil gehabt.



Armut


(1914)


Die Armen sind geboren wie andre aus Mutterleibern,

Seele, Auge und Blut sind so wie der anderen Menschen,

Sonne und Nächte, Früchte und Frühling gelten auch ihnen,

Und doch ist alles so anders, wenn es den Armen begegnet:

Geborenwerden und Sein und Ernte und Sonnenlicht.


Sie dürfen nur Zeichen tun, als lebten sie, dürfen nicht leben,

Was sie besitzen, wird Not und, wessen sie darben, Verhängnis,

Freude zu Angst und Liebe Gefahr und Elternschaft Hunger,

Seele zu Leid und Wirken zu Schweiß und Auge zum Werkzeug,

Labsal der andern, an ihren Lippen, wird Bitternis.


Sie müssen die Reichen sehen, die sich vor ihnen nicht schämen,

Immer messen ihr Nichts am Ueberflusse der andern,

Immer vergiften sich lassen die Ruh nach dem Sturm des Entsagens,

Während jene die Mittel haben, zu meiden der Armut

Behagenstörende Nähe und grausames Angesicht.


Ach, sie haben ja Geld, die Reichen! Und Geld ist immer Ersparnis

Am Herzen, am Dienen von Mensch zu Mensch, an tätiger Liebe,

Aber der Armen Münze ist immer ihr Selbst, ihre Freiheit,

Ihr Dasein und Tun zu eigenem Zwecke, sie müssen immer

Bezahlen mit Menschenwürdeverlust und Glückverzicht.


Darum leben sie nicht und dürfen nur, als ob sie lebten,

Zeichen tun, und scheinbar ist alles, was sie besitzen.

Wirklich haben sie nichts – nicht Lust, nicht Auge noch Seele,

Haben nicht Sonne, nicht Nächte, haben nicht Früchte und Frühling,

Nicht an Weib und Kindern köstliches Eigentum.


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