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Anton Wildgans – Mittag

Neue Gedichte

L. Staakmann Verlag, Leipzig, Im Kriegsjahr 1917

Zueignung an die geliebte Landschaft


Ein Prolog


Mönichkirchen, im Mai 1917



Nun steigen wieder die geliebten Hügel

Allmählich auf am Rand des weiten Blaus,

Darüberhingewiegt auf zartem Flügel

Ruht Wolke neben Wolke freundlich aus,

Der Kutscher hält, springt ab, versorgt die Zügel,

Mit trauten Fenstern grüßt das alte Haus,

Gastlich bereit dem eingekehrten Wandrer,

Andacht umfängt mich, und ich bin ein Andrer.


Und alles, was noch gestern mochte quälen

Und nachgewirkt auf einsam-langer Fahrt,

Vermag nicht mehr zu wiegen und zu zählen,

Ist aufgelöst in heitre Gegenwart;

Mag dies Bequeme, jenes Buch auch fehlen,

Mehr, als mir mangelt, bleibt mir hier erspart;

Und leise schon in Klängen und Gestalten

Versucht es sich zu regen und entfalten.


Doch erst ein rascher Gang auf alten Wegen!

Begierig holt der Blick die Bilder ein,

Liebkost die Wiesen, überprüft den Segen

Der Frühlingssaat, ruht auf bemoostem Stein,

Liest aus den Wolken Sonne oder Regen,

Verfolgt den Vogelflug ins Blau hinein

Und deutet das bescheidenste Begebnis,

Denn hier ist alles Zeichen und Erlebnis.


Die Straße jetzt, die Bank, die lieben Mühlen,

In fichtendunkeln Grund hineingebaut,

Treibender Wildbach du, mit deinem kühlen

Kristallgeschäum und Silberschellenlaut,

Du Übermut, du ungestümes Wühlen,

Du Schimmelfohlen, das den Strang zerhaut,

Schäum', springe zu, doch brich mir nicht das alte

Nährmütterliche Rad, das Gott erhalte!


Und nun zur Höhe! In den nadelglatten

Waldboden greift bewehrten Schuhs Gewicht,

Ein Schildhahn knattert auf aus nahem Schatten,

Ein Reh bricht durch, schon wird es birkenlicht,

Nun Krüppelhölzer, Honigduft und Matten,

Aus weichem Grün starrt graues Urgeschicht,

Schneehaldenwind kommt nördlich hergewettert,

Das Land liegt da, der Gipfel ist erklettert.


Da steh' ich, felsverstemmt, und lach' der Stöße

Des Sturmbocks, der mich unentwegt berennt,

Und denk' mir scherzend meine Mannesgröße

Vom Riesenmaß des Berges ungetrennt;

Ich spiele Atlas! Braunen Nackens Blöße

Strafft sich, als würde ihr das Firmament,

Das eherne Gewölb der Myriaden

Von kreisenden Gestirnen aufgeladen.


O, diese Lust der unbedingten Kräfte,

Die jeden Nerv und Muskel hier durchschwingt

Und aus dem Umlauf neubelebter Säfte

Zum Wipfel der Gedanken zeugend dringt!

Da wird zum göttlich spielenden Geschäfte,

Was sonst gehemmter Brust sich schwer entringt:

Wie erdentrückt der Geist sich auch geberde,

Sein Ewiges kommt ewig aus der Erde!


Ja, Erde du, dich hab' ich lang vermieden,

Vom Wahn und Reiz der großen Stadt betört!

Wieviel sie auch dem Lernenden beschieden,

Den Bildenden hat sie zumeist verstört;

Erst schlichter Landschaft gnadenvoller Frieden

Hat seiner Seele Zuruf angehört

Und ihn gelehrt, bekenntnisreiches Stammeln

In klare Formen ordnend einzusammeln.


Nun dunkelt es; schon lösen hin und wieder

Sich Eulen schattenhaft von Baum zu Baum.

Sanft führt der Weg zum Dorf der Menschen nieder,

Schon Turmuhrklang, schon letzter Waldessaum,

Nun Dachgedränge, Gärten, Stimmen, Lieder!

Es trägt mich trunken heimwärts wie im Traum –

Die Kerze brennt, das Auge fühlt nach innen:

Mein Leben liegt vor mir! Ich kann beginnen.



                                                  Stimme zu Gott im Kriege

                                                  Spruch auf den Weg

                                                  Einsamer Abend

                                                  Blick von oben

                                                  Erlauschtes Gespräch

                                                  Dienstbotenurlaub




Stimme zu Gott im Kriege


Laß es genug sein, Herr! Muß es noch sein?! –

Doch alle Himmel bleiben stumm wie Stein.


In Millionen Augen lischt das Licht! –

Doch sind darum die Tage dunkler nicht.


In Millionen Herzen friert das Blut! –

Doch ungezählte sind voll Lebensglut.


Verheert sind viele Städte, Flur und Feld! –

Ein bißchen Erde ist noch nicht die Welt.


Ströme von Tränen quellen bitterschwer! –

Ein bißchen Salz ist lang noch nicht das Meer.


Doch dem Gesetz, dem deinen, spricht es Hohn! –

Was weiß denn solch ein Menschenkind davon ...?



Spruch auf den Weg


Kind, du wirst leben, wenn ich nicht mehr bin!

So hör' mir zu von dieses Lebens Sinn:

Es ist nicht Glück, nicht Schmerz, nicht Ernst, nicht Spiel,

Es ist nicht dies und das und dennoch viel.

Die Brücke ist es zwischen Ruh' und Ruh',

Der Schlagbaum hebt sich hier, dort fällt er zu,

Unter dem Bogen fließt das ewige Sein,

Darin dein Bild nur flüchtiger Widerschein,

Doch nichts ist mehr Entzücken und Erbauen,

Als in den Strom und sich im Strom zu schauen.



Einsamer Abend


Hohes Glück: aus Geisterquelle schlürfen,

Dem gemeinen Tag entsinken dürfen

Und im Erdensinne Schöpfer sein!

Leides Sturm beruhigt sich zum Fächeln,

Zorn wird Duldung, Bitterkeit zu Lächeln,

Und die Dinge lösen sich vom Schein.


Und du siehst wie mit dem Okulare

Unerbittlich das sonst Unsichtbare,

Das die Menschen immer treibt im Kreis;

Deiner Seele wachsen tausend Fühler,

Aber rings im Nahen wird es kühler,

Immer kühler und zuletzt wie Eis.


Wäre manchmal gut, wenn Blumen stünden,

Unter Büchern Blumen, rot wie Sünden,

Da du auswarst, heimlich dir gebracht;

Und die Dornenkrone der Gedanken

Triebe wieder liebe grüne Ranken,

Und ein Mädchen käme in der Nacht ...



Blick von oben


O, wie stillt es die Brust, auf Bergeshöhe zu stehn

Und den Schimmer der Sonne auf den Rücken der Vögel

Und auf den grünen Vließen gedrängter Wipfel zu sehn.


Rote Rehe tiefunten, in schlanken, lautlosen Fluchten,

Scheuen über gräserflimmernde Waldblößen hin.

Unsichtbare Gewässer rauschen empor aus Schluchten.


Silbergesponnen, ein lose hingeworfener Faden,

Haftet, Forste und Felder umschlingend, die Straße am Hang.

Wagen ziehen herauf, mit goldenen Hölzern beladen.


Fernhin und ferner verblassend, ein innig Gefüge von Hügeln

Sinkt, sich verjüngend, dem dunstigen Rande des Himmels zu.

Irgendwo jenseits gleitet es nieder auf blauen Flügeln.


Vom Beginne der Erde, vom Aufgang der Wolken her,

Wächst die Ebene feierlich auf, und die weißen Gehöfte

Stehen in ihr wie Segel auf einem windstillen Meer.



Erlauschtes Gespräch


Sprach das Weib: O, wie wir selig waren

In den wonneüberfüllten Jahren

Unsrer Liebe – jeder Tag ein Lied!

Ja, die Lieder sprangen wie die Quellen,

Nichts geschah, was nicht zu Klanges Wellen

Glücklich dir, dem Glücklichen, geriet.


Aber daß die Brunnen wieder fließen,

Brauchst du neues Suchen und Genießen;

Willst du Künstler bleiben, bleibe jung!

Mir vergönne, daß ich abseits schreite,

Kann allein, doch nie an deiner Seite

Betteln gehen zur Erinnerung. –


Sprach der Mann in klarer Menschengüte:

Warst du mir der Frühling und die Blüte,

Sei willkommen auch zur Reifezeit!

Bin kein andrer worden, bin nicht kälter,

Nur gehaltener, gestillter – älter,

Aber immer neu in Dankbarkeit.


Was ich dir in Liedern einst gestammelt,

Viele kleine Läufte, jetzt gesammelt,

Wogen sie als Strom in meiner Brust;

Freilich, daß dies Strömen sich ergieße,

Außer mir zum Brausen sich entschließe,

Gönn' mir manchmal abseits rasche Lust. –


Ließen jetzt vorüber eins am andern

Blicke schweigend in die Ferne wandern,

Wie man zweifelnd etwas übersinnt;

Dacht' ich mir: Ihr lieben Menschen beide,

Wie doch ewig Abschieds Herzeleide

Mit der selben Worte Spiel beginnt!



Dienstbotenurlaub


Es gibt ihr niemand ein herbes Wort,

Die Arbeit ist auch nicht zu schwer,

Sie ist nur so lang schon vom Hause fort,

Die Stadt ist ja doch nur irgendein Ort,

Und die Mutter, die Heimat ist mehr.


Da plötzlich Freisein, Reisen, allein!

Ans eilende Fenster geruht,

In das Land, in die Welt, in die Sonne hinein!

Es steigen viel Fremde aus und ein

Und grüßen freundlich und reden so fein

Mit dem Fräulein – Die Welt ist so gut!


Und endlich daheim! Das ganze Haus

Gibt Wärme und Zärtlichkeit.

Die Mutter geht oft in die Küche hinaus,

Und der Vater in seinem Sonntagsflaus

Sieht wie ein später Bräutigam aus

Vor froher Verlegenheit.


Und sie bleiben beisammen bis tief in die Nacht

Und wissen einander so viel,

Und morgens, ehe der Gast erwacht,

Hat schon der Vater Feuer gemacht

Und die Mutter das Frühstück zum Bett gebracht,

Heut fordert ja keiner Klingel Geschrill,

Heut darf sie ja liegen, solang sie will,

Und alles um sie ist so sacht.


Und wohlig erwärmt sich der liebe Raum

Vom knisternden Tannenreis,

Und in den dämmernden Morgentraum

Duftet's holdselig wie Weihnachtsbaum,

Und fernher vom Kindheitswolkensaum

Läuten viel Glocken leis.


Und im großen Ornat der Herr Katechet

Scheint milde in ihren Schlaf

Und hält was, wovon ein Leuchten geht,

Ein Weißes, darein geschrieben steht

Mit einem goldenen Alphabet:

Fleißig, ehrlich und brav!


Brav, fleißig und ehrlich, du Zeugnisspruch,

Du, heilig durch uralten Brauch,

In meiner Mutter Dienstbotenbuch

Stehst du geschrieben auch.





Im Anschaun meines Kindes


(1913)




Du Atmendes, zu deinem Schlaf gebeugt

Steh stumm erschüttert ich, der dich gezeugt.

Beklommen tast' ich nach der Freundin Hand,

Aus deren Schoß dein Leib sich feindlich wand.

Du Fleisch gewordnes Fieber unsrer Lust,

Wir haben dich gewollt, du hast gemußt.

Nun bist du, eines Schicksals Anbeginn;

Erschauernd grüble ich nach seinem Sinn.


In deiner Züge Unerschlossenheit

Spür' ich nach Zeichen und nach Ähnlichkeit.

Dies ist von mir, der Freundin jener Zug,

Dies bist schon du, dies noch nicht du genug.

Dies Lächelnde vergleicht Erinnerung

Mit einem Bild der Mutter, als sie jung.

Dies leise Wehe um den kleinen Mund

Ist mir aus meines Vaters Leiden kund.

Dies ist schon Güte, jenes ist noch stumpf,

Dieses schon Wille, dies noch Trieb und dumpf.

Nun zuckst du auf im Schlaf, obwohl kein Ton

Dich schrecken konnte – Liebes, träumst du schon?


Aus vielen Bluten ist dein Blut entkocht,

Aus vielen Flammen ward der zage Docht,

Der trübe noch in deiner Stirne brennt –

Aus Elementen neues Element.

Nicht nur, was wir am eignen Selbst erkannt,

Ist deinem Wesen erblich eingebannt.

Auch die Erträge unsrer Dunkelheit

Sind in dein Klares heimlich eingereiht.

Was wir in uns an Bösem abgebaut,

An Listen und an Lüsten rückgestaut,

Das Meinen, das zum Wollen nicht genug,

Die Laßheit, die sich gern der Tat entschlug,

Der Zwiespalt, dem nur Zufall Lösung fand,

Der unvermochten Rache finstrer Brand

In uns und fernster Ahnen Rätselreihn:

All dies bist du nun oder kannst es sein.


Vielleicht, daß einst es steil und unvermeint

Aufschnellt in deinem Blut als unser Feind

Und uns beschuldigt, daß wir falsch getan

Aus Trägheit, Torheit oder feigem Wahn.

Da wird die Flamme frei, die wir gedämpft,

Zur Schuld die Treue, die wir schwer erkämpft;

Was wir geliebt, dünkt dich nur wert der Lust,

Wo wir geträumt, da bist du streng bewußt,

Wo wir bestraften, tröstest du mit Lohn,

Wo wir geopfert, klirrt vielleicht dein Hohn;

Aus unserm Dach wird Brennholz deinem Herd,

Aus unserm Werkzeug glühst du dir ein Schwert

Und haust in Trümmer wie ein Jahrmarktszelt,

Die wir uns liebend bauten, unsre Welt.


Du Atmendes, zu deinem Schlaf gebeugt

Steh stumm erschüttert ich, der dich gezeugt.

Du Mensch gewordnes Fieber unsrer Lust,

Wir haben dich gewollt, du hast gemußt.

Doch wie, wenn du ein Scherge, einst von uns

Begründung forderst unsres Schöpfertuns

Und uns das Müssen, das man Leben nennt,

Hinschleuderst wie ein listig Dokument,

Worin im Leichtsinn oder sinnberaubt

Wir unterschrieben, was wir nicht geglaubt?

Wie, wenn du uns in deines Wesens Guß

Den Fehler zeigst, der unsre Schuld sein muß,

Und uns aus deiner Not ererbtem Fluch

Beweisest unsrer Herzen Widerspruch,

Daß Lüge war, was uns zusammenzwang,

Nicht zweier Sterne Zueinanderdrang,

Die, lange einsam auf getrennter Wacht,

Zu eins verglühn in heiliger Liebesnacht –!


Eratmend tast' ich nach der Freundin Hand,

Aus deren Schmerz dein Leib sich hold entband.

Du klar gewordne Wirrnis unsrer Lust,

Wir wollten dich und sind nicht schuldbewußt.

Und wirst du doch zum Kreuze, sieh, wir sind

Bereit, daran zu leiden – Schlaf, mein Kind!


Uns Richter magst du werden, bist es schon;

Traumlächle nur, noch ahnst du nichts davon! –

Ein Mittler auch in manchem kleinen Zwist,

Weil, wo wir Zwei sind, du wir Beide bist.

In deinem Lächeln lächeln wir dereinst,

Und unser sind die Tränen, die du weinst.

Auf deinen Füßen gehn wir einst im Wind,

Der unsre Gräber liebkost. – Schlaf, mein Kind! –

In deines Blutes dumpfer Frühlingskraft

Aufsteige wieder ich aus Todes Haft

Und dränge mir an deinen Jünglingsschoß

Die Schlanken, die ich niemals sattgenoß,

Und schenk' der Schmeidigsten ein Angebind,

Ein Atmendes, wie du bist! – Schlaf, mein Kind.



                                                  Gelöbnis des Vaterstadt

                                                  Abschied vom blauen Rauch

                                                  Besinnung

                                                  Herbe Erkenntnis

                                                  Seliger Tag




Gelöbnis des Vaters


Nie will ich mit dem Väterwort dich stören:

Dies brauchst du nicht, weil ich es nicht besaß! –

Was immer meine Zeit auch anders las,

Für deine sollst du keinen Vorwurf hören.


Heilig der Jugend Recht, sich zu empören!

Meist ist von edelstem Geblüt ihr Haß,

Manch richtig Maß in ihrem Übermaß,

Viel guter Sinn in ihrem Selbstbetören.


Oft blieb dem Manne Reu und Leid erspart,

Hielt er der längst verjährten Knabenart,

Die man so gern belächelt, beßre Treue.


Und ganz zuletzt, wenn erst verbraust der Geist

Des Widerspruchs, merkt man ja doch zumeist,

Wie neu das Alte und wie alt das Neue.



Abschied vom blauen Rauch


Heut nachts erwacht' ich jäh, das Herz stand still!

Dann aber hub ein Hämmern an, ein Pochen,

So ungefüg, als würde eingebrochen

Im Purpurschrein des Lebens. – Wie Gott will.


Es meint' der Arzt zu mir: Du rauchst zuviel,

Solch sinnlos Fröhnen bleibt nicht ungerochen! –

Und hat mir lange weise zugesprochen

Von meines Daseins Pflicht und ernstem Ziel.


Du blauer Rauch, berauschendes Umfließen,

Aus dem mir Ahnung und Gedanke quillt,

So muß ich deiner spärlicher genießen


Und ganz entsagen, wenn es einmal gilt. –

Wärst nicht das erste duftende Gebild,

Von dem ich habe Abschied nehmen müssen.



Besinnung


O selig, starker Arme Werk zu tun,

Ein Ding zu formen mit gewandten Händen

Und jeden Tag ein Greifbares vollenden

Und abends müde sein und auszuruhn.


Es kann der Geist im Fertigen von Schuhn

Tiefres Genügen finden und Bewenden

Als in des Denkens höchsten Gegenständen –

O selig, starker Arme Werk zu tun!


Wir andern fügen fiebernd Traum an Traum

Zum Babelturme schwärmender Gedanken,

Im Geist schon ragend an den fernen Saum


Goldener Wolken, und erkennen kaum

Von des Gerüstes allerhöchsten Planken

Die liebe Erde, Menschen, Tier und Baum.



Herbe Erkenntnis


1.


Wie Freunde sich nur allzuleicht entzwei'n

Durch Weiberränkespiel – und tausendfach

Geschieht dies zu der Männer Not und Schmach! –

So leicht der Erde fremd wird Menschensein.


Dir, aufgewachsen zwischen Häuserreihn,

Ist Element nur lästig Ungemach,

Regen und Wind nur Anlaß für ein Dach

Und bloß Beleuchtung Mond und Sonnenschein.


Daß Hagel wüstete in voller Saat,

Daß Frost der Trauben süßes Gut verbrannt,

Weißt du vom Preis, den Wein und Brotfrucht hat,


Und ahnst ihn kaum, der jeden Stock gekannt

Und rauher Hand die Erde aufgepflügt,

Die Erde, die sein Tagwerk oft betrügt.



2.


Und doch ist sie nur sein, die Erde, sein!

Nicht dein, du Buhler, der sie bloß besucht,

Wie man durch Zufall einkehrt, auf der Flucht

Aus lärmenden Getriebes Gier und Pein.


Und was du schwärmend träumst in sie hinein,

Ist eitel Nichts, gemessen an der Wucht,

Die keinen andern Segen kennt als: Frucht!

Und keinen Fluch denn: Mißwuchs, Unkraut, Stein!


Nur jenem frohnt sie, der mit hartem Stoß

Ihr täglich neue Muttermünder schafft

Und sie besamt mit seines Lebens Saft:


Mit Schweiß und Blut! Nur ihn erfreut ihr Schoß!

Für Schwärmers spielerischen Zeitvertreib

Verweigert sie den Ernst gewohnten Leib.



Seliger Tag


Heut ist der Tag vom Lerchentrillern licht.

Es glänzt empor wie silberne Fontänen,

Zerglüht, zersprüht in lauter Freudentränen,

Netzend des Frühlings blühend Angesicht.


Und mir entformt Gedicht sich um Gedicht!

So wollte einst des Jünglings Geber-Sehnen

Mit Gut der Seele Weib und Welt belehnen;

Doch Welt blieb kalt, und auch das Weib kam nicht.


Heut freilich lohnt bisweilen Widerklang

Des Mannes herbgewordenen Gesang,

Und auch aus Frauenblick grüßt manches Glänzen.


Doch ich bin längst mir selber angetraut,

Lausche befreit der Lerchen lichtem Laut

Und bin für jene jenseits aller Grenzen.





Phantastische Nacht


In der Mansarde zu Untertullnerbach 1913


Ein Fragment




Wenn ich, von meinen Geistern überwältigt,

Tiefnachts den Blick ins Licht der Kerze hebe,

Verdichtet sich um mich, vertausendfältigt

Geräusch der Stille sich, daß ich erbebe.

Aus der vertraut-gewöhnlichen Kontur

Entwachsen die entferntern Gegenstände,

Ins Körperlose wandeln sich die Wände,

Unheimlich tickt die kleine Taschenuhr,

Als zöge draußen seiner Schritte Kreis

Einer um mich, der meine Stunde weiß.


Ja, Stunde du, die wie ein Purpurtor

Am Ende dieses grauen Weges kluftet! –

War dies ein Schluchzen? Oder saust mein Ohr? –

Ist dies die Linde draußen, die so duftet?

Oder sind Kränze nahe aufgeschichtet?

Ist diese Kerze, die mich mild belichtet,

Die erste, die schon brennt? Und sind die andern

Noch nicht entzündet oder schon verbrannt?

Pulst noch das Blut in dieser meiner Hand?

Verweil' ich hier noch? Bin ich schon im Wandern?


So atmest du am Rand der Ewigkeit,

Die ihrer Fluten kühle Schauer sendet.

Dann wieder ist's, als stünde rings die Zeit

Um dich in Erz gegossen! Und geblendet

Senkst du den Blick vor so viel Stillestand

Und bist von einem großen Glück versteint;

Oder dich dünkt, daß einer, den du einst gekannt,

Der deine Züge trägt, im letzten Zimmer weint –

Ganz fern im letzten Zimmer, wo vielleicht

Einer vor ihm liegt, den der Tod gebleicht ...


Und bist dir nie so fremd wie in den Stunden,

Da dich das Überirdische berührt.

Da ist ein Irgendwas aus dir entbunden,

Das dich mit Flügelkraft dir selbst entführt.

In Schwere hilflos haftest du am Staube,

Indes dein heiliger Geist, die leichte Taube,

In Unerreichbarkeiten flügge wird.

Du blickst ihm nach und kannst es nicht erfassen,

Daß er, aus deines Alltags Ich entlassen,

Nach eigenen Gesetzen psalmodiert.


Oder bist du's? Ist es dein eigen Planen,

Wenn aus der Wirrnis banger Brust empor

Von niegehörten Klängen dich ein Ahnen

Umwittert und umrauscht wie Geisterchor?

Sind's deine Töne, die zum Lied sich sammeln?

Sinds deine Worte, die wie Fieberstammeln

Von deinen Lippen stürzen in die Hand,

Die zitternd sie mit treuen Federstrichen,

Freilich gedämpft, verschwommen und verblichen,

In die Vergänglichkeit des Stoffes bannt? ...


Und dieses ist der Fluch, der auf uns lastet:

All unser Wirken mündet ins Entfernte.

Zum schweren Säen, nicht zu froher Ernte

Reicht unsre Kraft, wenn sie auch niemals rastet.

Wir setzen an den Weg, der uns bestimmt,

Den Meilenstein mit unsres Namens Kerben;

Doch wenn kein Zweiter unsre Straße nimmt,

So bleiben wir auf ewig ohne Erben,

Und weggewaschen wie ein Kreidestrich

Ist dies unendliche, dies arme Ich.


O dies Vergehen! Loos der Allzuvielen,

Die aus dem ewig-schwangern Schoße wimmeln!

Dumpfes Gelichter, das für Schweiß und Schwielen

Ein Leben fristet! Leben? Ein Verschimmeln

Ist ihnen Dasein, ein Zusammennisten

Von Wust und Unrat für den großen Räumer

Der Weltkloake, die nicht auszumisten!

Nur hie und da darin ein trüber Träumer,

Ein weggeworfnes Stückchen Spiegel, das

Den Himmel spiegelte in seinem Glas.


Nur spiegelte, nicht etwa wiederschuf!

Das Licht in seine Farben zwar zerstreute,

Jedoch kein Herz bestürzte und erfreute –

Ein Gaukler nur, Prophet auf Widerruf,

Dem vor der eignen losen Weisheit graut!

Eben nur Scherbe, blind und abgehaut

Von einem Ganzen! Einst vielleicht geschaffen

Und vorbestimmt zu eines Ewigen Gefäß,

Nun Firlefanz geworden einem Affen,

Daß er darin begrinse sein Gesäß ...


Wer gibt, daß du nicht einer bist von diesen,

Gewähr dir? Was ist schon getan, vollbracht?

Der Zeiten Tor springt auf, und Riesen

Stehn hoh vor dir in Geistesübermacht.

Und hatten auch in ihren fernen Tagen

Mitgeister viele, doch wo sind sie hin?

Kommt erst die große Flut, so leuchten, ragen

Nur mehr die Türm' und Berge drüberhin,

Und alles andre, ob Palast, ob Hütte,

Sank in der Wasser ebnendes Geschütte ...


Am Bahndamm unten läutet ein Signal,

Dreimal drei Schläge! – Wieder tiefe Stille.

Doch nun ein Brausen, und mit einemmal

Um Waldes Biegung nieder in das Tal

Ein Riesenwurm mit greller Feuerbrille!

Aus Eisennüstern Gischt und Purpurstrahl,

Ein jubelnd stürmender Gigantenwille,

Von Raum und Zeit, von Schwere und vom Fall

Die ewigen Gesetze aufzuheben –

Und Menschen lenken ihn! Das ist das Leben!!


Und du, in Daches modrigem Gebälk,

Du Grübler über unverbürgte Dinge,

Wirst unter Büchern und Papieren welk

Und schließest dich aus dem bewegten Ringe,

In dem der Menschen kühnes Wirken kreist!

Sei auf der Hut, daß es von dir nicht heißt:

Er ließ in Angst, den Geist nicht zu verlungern,

Der Sinne frohen Hunger ungespeist

Und so, ein unfruchtbarer Narr, den Geist

An Lebens rings gedecktem Tisch verhungern!




                                                  Vergeblicher Versuch

                                                  HEAUTONTIMOROUMÉNOS

                                                  Klimaterium

                                                  Ein Aas

                                                  Ein Frühlingstag

                                                  Unter der Stadt

                                                  Lied des Schmarotzers




Vergeblicher Besuch


Standst du noch nie vor eines Freundes Tür

Und hattest angeklopft und horchtest bang:

Wird er daheim auch sein? – Und endlich kam

Ein fremdes Antlitz und beschied dich kurz:

Niemand zu Haus! – Da war's wie Bettlerscham,

Was dich verwirrte und wie jäher Sturz

Aus Hoffnungen in hoffnungslosen Gram.


Und wieder auf der Straße: – Alles grau!

Es sieht an dir vorüber feindlich-leer.

Niemand begegnet dir und grüßt dich mehr.

Die dort im Wagen fährt, war jene Frau

Dir nicht Geliebte einst? – Und jener im Gewühl,

Dessen Genick und Rücken du zu kennen meinst,

Ging er mit dir zur Schule nicht manch Jahr? –

Du holst ihn ein – und weißt es nicht genau.

Und gehst und gehst und bist mit einemmal,

Wohin du nicht gewollt, in einer Bar,

In einer schalen Posse oder gar


Bei irgendeinem Weib –

Und starrst entsetzt auf diesen fremden Leib,

Und rufst dich, wie in Traumes Angst und Pein,

Dich selbst wie einen fremden Schläfer an!

Und kommst zu dir und – hast noch nichts getan,

Und rettest in die Nacht dein Einsamsein! ...

Niemand zu Haus! – Dies Wort war schuld daran.



HEAUTONTIMOROUMÉNOS


Nach Baudelaire


Ich will dich schlagen – ohne Haß und Zorn,

Wie ein Schlächter mit gelassener Hand,

Wie Moses den Felsen im Wüstenbrand,

Und will aus deinen Augen den Born


Des Schmerzes peitschen, daß er die Glut

Und Dürre auftrinke, die tief in mir.

Dann wird meine heiße hoffende Gier

Auf deiner Tränen salziger Flut


Hinziehn wie ein Schiff, das zur Ferne trägt,

Und mein Herz wird trunken vom Widerhall

Deines lieben Schluchzens sein wie vom Schall

Einer Trommel, die wild zum Angriff schlägt.


Bin ja in Gottes Symphonie

Sonst nur ein falscher Ton, der kreischt,

Und bin zerfahren und zerfleischt

Von nimmersatter Ironie.


Sie gibt meiner Stimme den häßlichen Laut,

Sie ist in meinem Blut der Fraß,

Ich bin das unselige Spiegelglas,

In dem die Teufelin sich beschaut.


Ich bin die Wunde und der Pfeil,

Der Backenstreich und das Gesicht,

Der Leib und das Rad, auf das man ihn flicht,

Der arme Sünder und das Beil.


Und bin der Vampir, der mein Herz austrinkt,

Einer, den großen Verlaßnen entstammt,

Die Gott zu ewigem Lachen verdammt,

Einer, dem nie mehr ein Lächeln gelingt.



Klimakterium


Nimm Abschied, Weib! Söhne und Töchter wachsen

Heran dir, freien wollende. Jetzt ist

Für Augenspiel und männertolles Girren

Die Zeit nicht mehr. Was nützt es, in die Speichen,

Die unerbittlich-unaufhaltsamen,

Zu greifen, wenn der Schläfen Haar schon graut,

Des Fleisches Formen haltlos überquellen

Und deine Hände, wissend um das Spiel

Verliebter Nächte, welker worden sind

Denn Laub nach Frost? Sei auf der Hut,

Daß nicht Verrat durch sie geschieht daran,

Was du geheim vielleicht noch sinnst im Blut!

Wenn einst vergor, was Blasen heute noch

Längst ungemäßer Wünsche treibt in dir,

Und wenn der Quell, der annoch flutende,

Deines Geschlechtes wird versickert sein,

In deinem Antlitz dann geschrieben stehn

Wird jedem deutbar, ob es Freude war

Oder nur Lust, wes du als Liebe pflagst.

Der Tierheit bar wird dann dein Menschliches

Am Lichte sein. Gewogen und gezählt

Wird es von deinen Kindern werden. So gib acht!

Noch darfst du wählen: Segen oder Fluch!

Zu leicht befunden! wär' ein schlimmer Spruch.



Ein Aas


Nach Baudelaire


Denkst du, Geliebte, noch an jenen Tag?

Ein Sommermorgen war's voll süßem Scheinen;

Da, an der Biegung unsres Pfades, lag

Ein ekles Aas auf hingestreuten Steinen.


Die Beine aufgespreizt wie ein unzüchtig Weib,

Vor Hitze schwelend lag es, giftige Blasen

Ausschwitzend, schamlos seinen Unterleib

Herzeigend, schwanger von verruchten Gasen.


Der Sonne Glut half dieser Fäulnis nach,

Um sie der Mutter Erde garzukochen

Und so zurückzugeben hundertfach,

Was jene einst gefügt zu Fleisch und Knochen.


Der Himmel sah aufbrechen dieses Aas

Wie eine Blume, und so niederträchtig

War der Gestank, daß du beinah ins Gras

Zu sinken drohtest, deiner nicht mehr mächtig.


Fliegen umsummten den verwesten Bauch,

Aus dem es kam in schwarzen Würmerschwaden,

Die, wie ein Brei aus aufgeplatztem Schlauch,

Rannen aus diesem wüsten Klumpen Maden.


Dies alles war ein wogend Auf und Ab,

Ein surrend Hin und Her, ein wimmelnd Eilen.

Der Rumpf, dem irgendwas Bewegung gab,

Schien sich in tausend Leben aufzuteilen.


Und diese Welt gab fremde Melodie

Wie rinnend Wasser oder Windeswehen,

Jener der Weizenkörner ähnelnd, die

Die Bauern in den Schwingen rhythmisch drehen.


Was Form war, schwand, ward, wie auf Leinwand, nur

Ein Abriß, einer Wirklichkeit Vermächtnis,

Langsam vergegenwärtigte Kontur,

Die man zu Ende zieht aus dem Gedächtnis.


Hinter den Felsen eine Hündin maß

Uns ungeduldig mit erbostem Leuchten,

Begierig, fortzusetzen ihren Fraß

An dem Skelett, von dem wir sie verscheuchten.


Und dennoch, Liebste, einmal gleichst auch du

Dem Unrat da und diesem Pestgestanke,

Stern meiner Augen, meine Sonne du,

Engel und leidenschaftlicher Gedanke.


Ja, Herrin aller Reize, einst wird man

Auch dir die letzten Sakramente reichen,

Und, unter Gras und Blütenwirrnis dann,

Wirst du vermodern so wie andre Leichen.


Dann, meine Holde, melde jener Brut,

Die dich verspeist mit brünstigem Genage,

Daß ich dein göttlich Teil, wenn Fleisch und Blut

Auch längst zersetzt sind, heil im Herzen trage!



Ein Frühlingstag


Und wieder rührte sich der Erde Schoß

In Frühlingswehen, und der Föhn war los.

Kam über blaue Berge hergefacht

Und weckte all Gedränge über Nacht.

Aus holperiger Höfe Pflasterritz

Schoß lieben Unkrauts grüner Aberwitz.

Selbst auf berußter Stadtbahnböschung war

Zart hingesprenkelt heller Primeln Schar.

Und als ich früh im Parke mich erging,

Trug jedes Zweiglein ein grüngolden Ding.

Beim Schlehdornstrauch, der blühte, stand ein Greis:

Beim Weiß des Frühlings Alters Silberweiß.

Und Kinder schlenkerten an Mutterhand

Die kurzen, plumpen Beinchen übern Sand.

Und alles, was in lichten Farben kam,

Schien freigeräumt von Sorge, Zwist und Gram.

Fernabgedämpft der Straßen Wirrgedröhn

Half nur, des Parkes Stille zu erhöhn.

Einander haschend hoch im Frühlingswind

Trieb zarter Wölkchen blondes Ingesind.

Da plötzlich, wie ein roher Peitschenknall,

An Weges Biegung Pulverblitz und -schall!

Aus einer schwergefurchten Arbeitshand

Fiel eine Waffe rauchend in den Sand.

Ein grauer Klumpen wie ein Schatten sank

Von einer heiter-übersonnten Bank.

Gebrochne Augen, aufgesprengte Stirn,

Gewühlt in eine Pfütze Blut und Hirn! –

Auf einmal sind die Häuser nahgerückt

Und wie mit irren Augen hergebückt.

Vom Schlachthaus nebenan der Ziegelschlot

Droht wie ein Finger auf zu Gott blutrot.

Von Dunst verschüttet, ist das Sonnenlicht

Jetzt gelb wie Eiter, der aus Schwären bricht.

Und blaugedunsen nieder in den Rauch

Lastet der Himmel wie ein trächtiger Bauch,

Aus dem dereinst, wenn alle Maße voll,

Der Rächer jener niederkommen soll,

Die, so wie wir mit Herz und Wunsch begabt,

An solchem Frühlingstag kein Teil gehabt.



Unter der Stadt


Knapp unter der Stadt, in der die Paläste stehn,

Die Türme der Dome in Wolken greifen,

Wo blühende Zweige in Gärten wehn

Und alle die müßigen Schritte schweifen –

Knapp unter der Stadt, in der die Autos jagen,

Die Frauen Seide und Glitzern tragen,

Wo in den Nächten durch goldene Säle

Auf Wogen von gepudertem Fleisch

Das Sinne verwirrende Gekreisch

Von heiseren Geigen niederprasselt –

Knapp unter der Stadt, da sind die Kanäle!


Da sickern die Abwässer zusammen!

Was lüsterne Gaumen geletzt

Und mit prickelnden Flammen

Die Pulse gehetzt:

Lust, Reiz – geronnen zu Kot;

Was den großen Hunger gestillt

Von Millionen Magen,

Gekaute, verdaute Not:

Brot –

Brei und Jauche jetzt,

Dampfender Gischt, Gestank!


Dort in ewiger Nacht,

Schacht an Schacht,

Bei eklem Fraß und Begatten

Hausen die Ratten!

Dort im Sickern und Stauen

Schleimiger Gemenge

Brüten und brauen

Die Miasmen,

Steigen und drängen

Die bösen, typhösen

Dünste durch Rohre und Schläuche,

Nisten sich in Lungen und Bäuche,

Werden Fieber und werfen nieder

Wehrlose Glieder,

Und aus den Gittern der Kanäle,

Aus Grundwässern und Brunnen,

In die der Abhub gedrungen,

Reckt sich die Seuche! ...


Aber der Strom, der heilige Strom

Nimmt alles auf

In seinen silbernen Lauf!

Kaum daß ein Schauer,

Ein gelblich-grauer,

Über sein ewiges Antlitz geht.

Jenseits der Brücken

Fließt er in rauschender Hehre,

Spiegelnd goldener Wolken Saum,

Zum Meere –

Und alles war Traum.




Lied des Schmarotzers


Bin arm geboren! Was kann ich dafür?

Und habe eines Genießers Nerven!

Taug nicht als Bettler vor fremde Tür,

Laß mir von niemand den Bissen vorwerfen!

Sei, wer da Lust hat, des Glückes Ertrotzer

Im Schweiß seiner Stirne! Beim Element,

Arbeit ist doch nur das Aftertalent

Der Unbegabten! Und ich bin – Schmarotzer!


Das ist kein Gewerbe für einen Tropf!

Da gilt es: Kenntnis der menschlichen Schwächen!

Es kann nur ein universaler Kopf

Mit jedem in seiner Sprache sprechen!

Zum Glück sind die meisten, die was besitzen,

An irgendeinem Punkte faul;

Dort brauch ich die Sporen und jage den Gaul,

Bis seine Flanken Dukaten schwitzen.


Der eine will Freundschaft, ihm spiele ich Treue!

Ein zweiter will Demut, dem komm ich devot!

Mit Alpha schwärm ich für Himmelsbläue,

Mit Beta wälz ich mich wacker im Kot,

Und hält sich Gamma für einen Dichter,

Ich finde seine Verse famos!

Ist keine Lüge so grenzenlos,

Daß sie nicht geglaubt wird von diesem Gelichter!


Dafür nun leb ich im vornehmsten Stile

Ganz wie ein Jobber oder Baron!

Fahre und reite, rauche und spiele,

Zahlen mag es mein Herr Patron!

Möchte er geizen, will er sich spreizen,

Lüft ich die Maske von meinem Haß!

Hei, das wirkt wie ein Aderlaß!

Nichts ist gewagter, als mich zu reizen!


Und so sitz ich am Tische der Prasser,

Gern gesehn und gefürchteter Gast!

Ihre Weine trink ich wie Wasser,

Lang' in die Schüsseln, so tief es mir paßt!

Ihre Kapaunen, Trüffeln und Krebse

Sind meinem Gaumen der Sinn der Welt,

Und wenn mir von einem das Weibchen gefällt,

Ihn mach ich zum Hahnreih und sie mir zur Kebse!


Und das ist recht so, ihr satten Quiriten,

Die ihr den Menschen nach Talern schätzt!

Euch in den Nacken den Parasiten

Hat Gott-Satan als Bremse gesetzt!

Als den Sendvogt derer, die darben,

Als die Schlange ins Paradies,

Als den Rachegeist der Genies,

Die durch euch am Hunger verstarben!





IN MEMORIAM


F. P.


Die Stimme eines Geistes:




Wir waren zwei und gingen durch die Nacht.

Vom Heimlichen der großen Stadt entfacht.

Unnennbares, ein Etwas, nicht geheuer,

Beklemmte uns mit Lust auf Abenteuer.

Weibfremd, verträumt, verseelt, verdacht –

Wir waren zwei und gingen durch die Nacht.


Die Kandelaber an der Straße Rand

Glommen in spätem, halbgelöschtem Brand.

Wind blies, so daß sie blinzten wie die Augen

Tagscheuer Wichte, die nichts Frommes taugen.

Und alles, was dies irre Licht betraf,

Schien aufgeschreckt aus angsttraumschwerem Schlaf

Und Trunkenheit, verwüstet, übernächtig

Und abgefeimten Hinterhalts verdächtig.


Manchmal, wie aufgeschreckter Krähen Flug,

Stießen die Worte auf aus ihm, aus mir;

Jedoch mit schnellerlahmendem Gefieder

Gingen sie bald ins Dunkel wieder nieder.

Ohne uns anzusehen, fühlten wir:

Worte nur Galgenvögel – Lug und Trug!


Da, aus der Seitengasse krummem Schacht,

Raunte es her, was Nacht zum Tage macht,

Gespenstischen Geziefers Katzentritt,

Gekichere, Geflüstere: Komm mit! –

Aufflammte in die Schläfen jähes Rot

Uns beiden, heiser ward das Nein,

Jedoch die Hexen, dieser aufgeschminkte Tod,

Grünlich bespieen vom Laternenschein,

Umgirrten uns mit Worten, so gemein,

So voll Verheißung und Begierigsein,

Daß ich, besinnungslos in Blutes Not,

Hinnahm, ich Hungernder, den Kot für Brot

Und die mir griff, so sich am frechsten bot,

Und Gott verließ! Und Gott ließ mich allein.


Ein Leib ward hurtig nackt. O, welch ein Leib!

Traurig verheert von lieblosem Gebrauch,

Ausströmend Mischgeruch von scharfem Lauch,

Von übler Seife, Alkohol und Rauch

Gewöhnlichsten Tabaks! – War dies das Weib,

Der Knabenträume Port, Gebild aus Hauch,

Das schimmernde, das süß aus Honigkelchen

Aufduftete, wenn Wiesenmittag war?

Wenn aus der Saaten hingewogtem Haar

Wie warmen Brotes hold ein Odem drang

In alle Sinne ein?! War dies der Leib,

Der in den Stunden einsamster Gefahr,

Wenn jeder Hauch verlockender Gesang

Und leise Ladung war, traumwunderbar

Emporgeblüht dem überfüllten Blick?

Und den doch immer Traumesmißgeschick

Schon fast vollendetem Besitz entzog?

War dies das Weib? – Nein, dieses Zerrbild log!

Und dennoch! Abgrund klaffte auf und sog

Das erste Strömen, Stammeln, Schluchzen ein!

Und aus der Wollust allgemeinem Trog

Trank junger Durst der Freude ersten Wein.


Und Tage dann und Wochen, Angst und Scham!

O diese Angst, die all Besinnen nahm

Tags, nachts! – Und immer wieder sich beschauen

Und heilen Anblicks bangem Glück mißtrauen!

Zusammenschrecken, wenn sich ein Gefühl,

Ein ungekanntes, anzeigt; im Gewühl

Von Reue, Furcht, Verzweiflung, knieen, knieen!

Und beten irgendwie, zu irgendwem,

Zum lieben Gott, zum Sohne, zu Marien!

Und dennoch wissen – höhnisches Blasphem! –

Daß keines Himmels Macht und Anathem

Austilgen kann, was durch der Wollust Tür

Sich etwa einschlich, wachsend zum Geschwür.

Und eines Morgens dann – entdecken! Schweiß

In Grauens Wechselsturm strömt Eis und heiß!

Und wanken mehr denn gehn: zum Arzt! Und immer

Noch einer Hoffnung schwindsüchtiger Rest!

Und eine Grinsende weist in das Wartezimmer,

Und da, im Schein von kohlendem Asbest,

Lauter Befallene von gleicher Pest,

Visagen, die es stumpf und tierisch nehmen,

Gesichter, welche wegschaun und sich schämen,

Verwirrt, verstört, verdunsen und verkäst,

Und andre schon gezeichnet und verwest,

Der Venus rote Kronen um die Stirnen:

Kommis, Soldaten, Schüler, Mägde, Dirnen!


Und warten, warten in Folterpein!

Und endlich, endlich der Nächste sein!

Und schamvoll entblößt und zitternd stehn

Und wie ein Gelähmter dem Arzt zusehn

Und forschen in seinem Steingesicht

Und hören, wie er das Wort ausspricht,

Ganz sachlich, gemächlich und ungesinnt,

Das Wort, vor welchem das Blut gerinnt,

Das Wort, das wie Fäulnis den Leib verheert,

Das Fleisch vereitert, die Haut verschwärt,

Das Wort, das die Knochen zernagt und zermürbt,

Den Kuß vergiftet, die Wollust verdirbt,

Das Wort, an welchem das Mark verdorrt,

Gehirne zerbröckeln, das furchtbarste Wort,

An dem der heilige Same stirbt,

Das Wort, so das Herz wie ein Schwert durchbohrt!


Da stürzte um mich wie ein Plundergezelt

In Trümmer zusammen das Wunder der Welt!

Da riß ich mit wahnsinnfiebernder Hand

Das Leben von mir wie ein brennend Gewand,

Auf daß es zerfalle, wie Zunder zerfällt! –


Seither schweb ich, irdischem Fluch enteilt,

Schwebe, in seufzende Lüfte geisterhaft aufgeteilt;

Hörend doch ungehört, sehend doch unerschaut

Walte ich unter den Wesen, allem Elend vertraut;

Bin in den Straßen der Städte, die wie die Bette sind,

Wo gesammelte Gier Welle um Welle rinnt;

Bin auf den flüsternden Bänken der Parke bei Nacht,

Bin in der blassen Knaben selbstgefährlicher Wacht;

Kenne die Wünsche der Mädchen, die spät aus der Arbeit gehen,

Blicke hinter die Masken der Tugend, der Liebesehen;

Weiß um die Orte und Stunden verbotenen Stelldicheins,

Um die Spelunken des Tanzes, der Unzucht, des Weins;

Bin, wo Verzweiflung und Hunger zu tierischem Toben verroht,

Bin, wo der Reichtum sich wälzt in seinem vergoldeten Kot;

Und ich sehe in tausender Lampen vereinigtem Schein,

Mauern durchschauend, die Stadt ein riesiges Lotterbett sein!

Höre es ächzen von all der Gepaarten wütendem Takt,

Höre die Ströme des Samens in brausendem Katarakt!

Leiber taumeln in Leiber, Blut verwirrt sich mit Blut,

Schreiber und Hurentreiber heizen geschäftig die Glut;

Und in den Münzen donnert der Prägstock durch Tag und Nacht,

Daß er die Schläfrigen wecke und peitsche durch Goldes Macht,

Daß sich, was nüchtern, besaufe, Sinn, der noch kühl ist, erhitzt,

Daß sich, wer schüchtern, verkaufe, daß jeder jede besitzt! –

Und ich sehe die Tore der Narrenhäuser aufschnellen!

Krachend zersplittern die Gitter der Tobsuchtszellen!

Hei, wie sie fuchteln und purzeln in ihren Folterjacken!

Sind wohl die Lustigmacher mit Schnurren und Schabernacken!

Schreien wie Papageien, schrillen und brüllen sich heiser,

Hopsen auf vieren als Tiere, stelzen auf zweien als Kaiser!

Kommen auch Weiber mit Blicken, verbuhlten, verdrehten!

Scheinen zu hübscheln, zu äugeln, scheinen zu büßen, zu beten!

Plärren geheiligte Texte nach ruchlosen Dirnenbänkeln,

Bieten dem Himmel sich an mit nackenden Busen und Schenkeln,

Möchten mit ihren ausgemusterten Siebensachen

Wie ein Mannsbild den Herrgott gefügig machen! –

Und ich sehe die Brache der Totenäcker aufbersten!

Grausig erfüllt sich das Wort: Die Letzten werden die Ersten!

Wie die Pilze in Rudeln aufwuchern aus dumpfigem Wuste,

Wimmeln die fahlen Schädel aus Lehmes brüchiger Kruste;

Wimmeln, wachsen und wackeln auf ihren gewirbelten Stengeln

Und die verrenkten Skelette folgen mit Wetzen und Dengeln,

Ordnen sich hurtig und stumm zum knöchernen Bacchuszuge,

Sind die Entfleischten umkreischt von heischender Geier Fluge,

Sind Korybanten, Bacchanten, Mänaden, Heben, Epheben,

Klappergelenke schwenken mit schamlosen Thyrsusstäben!

Und sie schwärmen heran in endloser Heeressäule,

Gierig stürmen die Toten zur Messe lebendiger Fäule;

Und ein Brausen schlägt auf aus Fleisches wogendem Sumpfe,

Aus verkrampfter Umarmung bäumen sich Glieder und Rumpfe;

Jeder will sie berühren die Meister, die Väter, die Ahnen,

Die auf dem Felde der Schande gefallenen Veteranen!

Brüste drängen sich brünstig an eisig starrende Rippen,

Knirschende Kiefer saugen an giftig blühenden Lippen,

Finger, beringte, kraulen die gräßlich durchlöcherten Glatzen,

Nach gefährlichen Reizen tappen gespenstische Tatzen,

Dirnengerippe locken die Tollen und Idioten,

Und ein Sodom hebt an der Lebendigen und der Toten!

Und ein gepusteltes Scheusal von apokalyptischer Größe

Wächst wie ein Turm aus dem Chaos in furchtbar geschändeter Blöße,

Daß sich die Schwangern verschauen am Aussatz des großen Verhurten,

Daß die Kloaken stauen vom Abfall der Frühgeburten! –

Und ich sehe den Herrn die Sonne wie einen Knäuel

In der Faust zerquetschen, daß Nacht sei über dem Greuel!

Sehe entsetzte Engel den Mond und die Sterne auslöschen

Und vor Gottes Antlitz Mauern von Wolken aufböschen.

Aber der Himmel loht Scharlach bis in die äußerste Gründung

Von dem Widerscheine der allgemeinen Entzündung,

Und die Gewässer versiegen, aber Geisire von Eiter

Speien über die Erde, und das Gemetzel tobt weiter.


Und ich – schwebe, irdischem Fluch enteilt,

Schwebe, in seufzende Lüfte geisterhaft aufgeteilt.

Hörend doch ungehört, sehend doch unerschaut

Walte ich unter den Wesen, allem Elend vertraut.

Kinder, Jünglinge, Mädchen, ehmals war ich wie ihr,

Hatte Spieles Gefährten und alles war gut zu mir.

Kam die Mutter mich küssen abends zu früher Ruh,

Fielen mir noch unterm Beten schläfernd die Lider zu.

Jagte auf flimmernden Wiesen huschenden Faltern nach,

Warf mit geglätteten Kieseln nach den Wellchen im Bach,

Und ein Drache aus Zeitung, den mir der Vater gebaut,

Stand wie ein goldener Vogel hoch im Himmel umblaut.

Und ich wuchs in die Sehnsucht, und die Sehnsucht war mild,

Täuschte in zärtliche Träume lieblichstes Mädchenbild.

Wußte schon, was Erröten, Schauern der Liebe heißt,

Fand noch aus allen Nöten freundliche Wege zum Geist.

Sehnsucht ward zum Gedichte, ruhend an reinem Schoß,

Und die kleinen Verzichte machten die Seele groß.

Dann aber kamen die bangen Nächte, da Schlummer verwich,

Nächte, da mich Verlangen quälend mit Tränen beschlich;

Hätte mir damals gegeben eine die süße Arznei,

Wäre vielleicht noch das Leben, wäre nicht alles vorbei!

Frühlingsblumen bemühten sich noch aus geschichtetem Laub,

Obstbäume streuten noch Blüten, schmeichelnder Hauche Raub;

Wolken, durchleuchtete, flögen von Aufgang zu Niedergang,

Weidichte Ströme zögen rauschend uralten Gesang;

Spiegelten Städte und Berge, stürzten von glitzerndem Wehr,

Und der flößende Ferge frachtete Wälder zum Meer;

Fern an kristallener Himmel dünsteumwittertem Kreis,

Hoch auf silbernen Schimmeln funkelten Riesen aus Eis;

Und sein jubelndes Werde riefe der weckende Föhn –

O, wie war doch die Erde, Leben, wie warst du doch schön!

Und, inmitten der Schöpfung, Mensch ich, der Herr der Welt,

Über die Wesen und Dinge gütig als Meister gestellt!

Weitete bis zu den Sternen Erde durch Fühlens Kraft,

Hatte die Zeiten und Fernen um mich als Mantel gerafft!

Ungeborne Geschlechter träumten im Heiligtum

Meiner Lenden von ihrer späten Jahrhunderte Ruhm!

Ihre großen Gedanken sehnten aus dämmerndem Chor

Meines Herzens zum goldenen Maßwerk des Lichtes empor,

Ihre gewaltigen Taten harrten, wie Glocken im Turm,

Im Gestühl meiner Stirne auf den erlösenden Sturm!

Und ich habe gemordet Taten, Gedanken und Traum,

Schwebe, ein Schatten, und klage fruchtlos dem fühllosen Raum:

Wehe dem Sünder am Geiste! Ihn reinigt nicht Reu noch Gebet!

Aber auch wehe dem Frevel, der sich am Fleische vergeht!

Blutes heiliger Hunger verleugnet oder entweiht,

Baut statt Stufen zum Himmel finstere Schächte ins Leid!

Bitter umfaltete Lippen verlernen den schlichten Kuß,

Trieb wird zur Sucht der Gehirne und nur der Reiz mehr Genuß!

Aber der Reiz ist die Hyder, die kein Besinnen erlaubt,

Immer und immer wieder wächst ihr ein lechzendes Haupt!

Die ihr verfallene Stärke faßt nach dem Schwert statt dem Pflug,

Arbeit hat nicht mehr am Werke, Geist nicht am Geist mehr genug;

Mensch sucht nicht mehr den Menschen, immer der Herr nur den Knecht,

Und der Schmachtenden Jammer wird der Gesättigten Recht;

Recht entartet zum Zwitter, Henker halb, Mörder halb,

Und die entgötterte Menschheit rast um das goldene Kalb!

Grausame Lust am Gewinne blutopfert Völker dem Geld –

Aber der Frieden der Sinne wäre der Frieden der Welt!


Finis.




                                                  Sommermittag

                                                  Wandlung

                                                  Helldunkle Stunde

                                                  Stolzer Rat

                                                  Wolken

                                                  Glück des Alleinsseins




Sommermittag


Mein Frühling schwand; so mag der Sommer kommen!

Noch hab' ich leicht des Wegs ein gutes Stück.

Was Jahr und Tag an liebem Trug genommen,

Gab reifende Erkenntnis reich zurück.

War doch, was dämmernd sich und traumverschwommen

Ankündigte, nur selten Wert und Glück.

In klaren Mittags rüstigem Beginnen

Ist höheres Genügen und Gewinnen.


Auch für den Dichter. Seiner Priesterstrenge

Ziemt nicht nur Traumes rätselratend Spiel.

Die Menschheit achtet nicht der eitlen Klänge

Gepflegter Sätze ohne Blut und Ziel.

Sie will, daß einer all ihr Kreuz umschlänge

In Liedes Inbrunst und nicht allzuviel

Vom eignen Weh und Wesen Worte mache,

Sich selbst zu nah und fremd in ihrer Sache.


Nicht, was sich irgendweit in abgelegnen

Bereichen künstelnden Gefühls begibt,

Sich selber will sie im Gedicht begegnen,

Ihr Allgemeines, wie sie ringt und liebt,

Ihr eigen Irren zwischen Fluch und Segnen,

Ihr Gut und Bös, gewogen und gesiebt;

Im Ewigmenschlichen will sie den Meister,

Das Seltsame ist für begrenzte Geister.


So tu dich auf, mein sommerlich Gelände!

So rausche, Mittags feierlich Geläut!

Hell wogen rings der Saaten goldne Brände,

Und sind auch rote Mohne eingestreut,

An Schlaf gemahnend und an Wirkens Ende,

Noch bin, noch wachse ich durch Leid und Freud',

Noch sing' ich gern dem heiteren Gedränge,

Doch auch im Abgrund finde ich Gesänge.



Wandlung


In schwerer Krankheit rief der Herr mich an:

Was war mit dir, eh ich dich so gefunden?

Was wirktest du mit den geliehnen Pfunden?

Gib Rechenschaft, was dir dein Mühn gewann! –


Da wuchs um mich ein großes Schluchzen an

Von blassen Schatten abgeschiedner Stunden,

In denen ich gewollt und nur empfunden

Und nichts von dem Empfundenen getan.


Und plötzlich ward Unendlichkeit der Raum,

Mein Liegen Schweben, und ich sah die Meere,

Die Flüsse frachten, sah mit Korn und Beere,


Mit Früchten trächtig Acker, Kraut und Baum,

Und sah und wachte auf aus solchem Traum

Und hub ein Singen an zu Gottes Ehre.



Helldunkle Stunde


Manchmal befällt mich's, daß ich denken muß,

Ich stürbe bald und ließe ungetan

Mein Werk zurück, zu dem ein strenger Plan

Mich rastlos drängt nach höherem Beschluß.


Nur dies, nicht eitel Haschen nach Genuß

Klammert mich fest an dieses Leben an,

Das, zwischen Nichts und Nichts, ein schwanker Kahn,

Rasch übersetzen darf der Dinge Fluß.


Der ist zu sehr bewegtes Element,

Um, was nicht Licht ist, spiegelnd festzuhalten.

Nur was sich flammenhaft vom Fleische trennt


In schmerzlichem und betendem Gestalten,

Vermag als unser Bildnis fortzuwalten.

Was leuchten soll, muß dulden, daß es brennt.



Stolzer Rat


Tu, was du tuest, für die Ewigkeit

Und immer so, als wenn's dein Letztes wäre!

Leicht löste schon der Tod für dich die Fähre

Vom dunkeln Ufer der Unendlichkeit.


Was wär' dein Werk, wenn es nur für die Zeit,

In der du lebst, und für das bißchen Ehre,

Das es dir bringen mag, geschaffen wäre?

Sein Anteil würde bald Vergessenheit.


Auch müßte dich ein jedes Unverstehen

Wie einen schlechten Mimen gleich verbittern,

Lerntest wie er vor deiner Mitwelt zittern,


Statt ihr als einem Schauspiel zuzusehen,

Das Gott dir gibt, daß du dem Menschengeist

Durch die Jahrhunderte Sein Zeuge seist.



Wolken


Der Zug der Wolken mahnt mich an den Tod.

Sie wandern von den Meeren her in Heeren

Und müssen zu den Meeren wiederkehren –

So kommt und geht der Menschen Aufgebot.


Wolke ist spielend Kind im Morgenrot,

Wird Dunkel, Licht, Erhören und Verwehren,

Ist Schwül und Kühl, Zerstören und Vermehren –

So auch der Mensch: Hold, Unhold, Brot und Not.


Und all dies nur für einen Augenblick,

Solange er, vom süßen Licht beschienen,

Sich rühren, wirken darf, beherrschen, dienen,


Treibend und doch getrieben vom Geschick.

Dann kommt die Nacht, sein Umriß geht verloren,

Und neue Menschen werden neu geboren.



Glück des Alleinseins


Glück des Alleinseins, All- und Einessein!

Wie sehnte sich der Jüngling einst nach Paarung!

Und jetzt der Mann, in tiefster Icherfahrung,

Kennt nur das eine klare Glück: Allein.


Ganz anders wachst du auf, gehst in den Tag,

Wenn des Alleinseins gnadenvolle Stille

Dein erstes Schaun empfängt, kein fremder Wille,

Wenn auch verschwiegen, deinen kreuzen mag.


Du prüfst die Stimme, siehe, und sie klingt,

Horchst auf dein Herz, und brav ist es am Werke,

Der Atem geht, treu blieb des Armes Stärke,

Gehöres Lust, Aug, das zur Sonne dringt.


Du warst gewohnt, dies, weil es immer war,

Kaum zu beachten unter deiner Habe;

Doch nun auf einmal ahnst du: eine Gabe!

Und es ist Glück und mehr denn wunderbar.


Stand nicht der Strauch dort all die Jahre lang

An jenem Weg, den du so oft gegangen,

In andrer Ich, Gesetz und Lust befangen,

Stand er nicht dort in Herbst und Blütendrang?


Und nun urplötzlich wirst du sein gewahr

Und knieest hin und streichelst seine Zweige,

Als ob sich Gott in diesem Busch dir zeige –

Glück des Alleinseins, Gabe wunderbar!


Und er, der schwieg, als du zu ihm geschrien,

Daß dir, auch dir ein Menschenherz gebühre,

Tritt aus dem Busch, auf daß er dich berühre,

Und alle seine Engel sind um ihn.


Und löst von deinen Sinnen alles Band

Und deutet dir die Fülle der Gesichte,

Und seine unvergänglichen Gedichte

Befiehlt er einer armen Menschenhand.





Herbstliche Einkehr


Ein Epilog




Die Ebereschen haben noch die roten

Fruchtbüschel ausgehängt. Erloschen, grau

Und eingefallen, so wie eines Toten

Gesicht, ist schon die Erde, stumm die Au,

Frierend der Wald; auf schwarzen Wolkenbooten

Kommt Sturm gefahren, und der Reif fällt rauh,

Nichts mehr gemahnt in diesen finstern Tagen

An Blütenwirrnis und an Früchtetragen.


Da gilt es wiederum, sein Bündel schnüren

Und heimzukehren in gewohnte Stadt.

Da warten schon die lieben dunkeln Türen,

Die dich entließen, engen Raumes satt.

Die Lampe möchte glühen und verführen

Zu langem Wachen über Blatt um Blatt,

Zu lauschen in das unbedrohte Schweigen,

Aus dem hochquellend die Gedanken steigen.


Da kann es sein in atemleiser Stunde,

Daß aus der Bücher dichtgestellten Reihn

Wie aus dem Purpur heiliger Marterwunde

Mystischer Glanz aufbricht; denn, Schrein an Schrein,

Gibt dieser Bücher ernste Fülle Kunde

Von deiner Seele vielem Einsamsein,

Indessen draußen mit dem Bacchuskranze

Das Leben taumelte von Tanz zu Tanze.


Und wenn du einmal zugriffst, war nicht immer

Der Nachschmack bitter, das Besinnen Frost?

So blühe auf, summender Lampe Schimmer,

Gebinde alter Weisheit, strömet Most!

Duftende Gärung wittre durch das Zimmer:

Geist der Jahrhunderte! – Wer solchen Trost

Genießen darf und ihn zu nützen lernte,

Hat immer Frühling und hat immer Ernte.

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