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Natalie Woillez – Emma oder Der weibliche Robinson

Roman

Übersetzt von Carl Emil, Verlag von Imle & Krauß, Ludwigsburg, 1836,


Erstes Kapitel.

Wachet, Eltern, mit Sorgfalt über die erste Erziehung eurer Kinder; diese zarten Pflanzen tragen einst Früchte, und diese Früchte werden eure Freude.


Der Aufstand der Neger gegen die Weißen, der im Jahre 1791 in St. Domingo ausbrach, hatte auch Herrn von Surville1 genöthigt, seine schöne Besitzung die er ererbt, und in einem Zeitraume von zehn Jahren zu einer der blühendsten in der Umgegend erhoben hatte, der Wuth seiner zahlreichen Sklaven Preiß zu geben.

Ein Flüchtling vom heimathlichen Boden, die Erinnerung an die blutigen Scenen, deren Zeuge er gewesen war, im gebeugten Herzen, und ohne eine andere Unterstützung als eine gute Erziehung und gründliche Kenntniß des Ackerbaus, kam er nach Frankreich, um die Hülfe einiger alten Freunde seiner Familie anzusprechen, welche ihm auch eine Stelle als Verwalter eines, von seinem Eigenthümer schon lange vernachläßigten, herrschaftlichen Gutes unfern Blois2 verschafften.

Schwerlich hätte Herr von Surville, nach dem Unglück, das ihn betroffen hatte, eine seinem Geschmacke und seinen Gewohnheiten mehr zusagende Lage finden können. Da das ihm übertragene Gut sehr vernachläßigt war, und von seinem Herrn beinahe nie besucht wurde, so blieb ihm freie Hand, jede nützliche Verbesserung zu treffen, so daß er sich bald, in angenehmer Selbsttäuschung, mitten in seine reichen Pflanzungen auf St. Domingo zurückverseht glauben konnte. Ein Neger, mit Namen Dominicho, sein Retter im Augenblicke der Gefahr, der ihm nach Frankreich gefolgt war, erhöhte noch diese Täuschung, indem er keine Mühe sparte, um den weitlaufen Garten des Schlosses, welche seiner Aufsicht anvertraut waren, jenen ähnlich anzupflanzen, welche einst die lachend« Wohnung seines Herrn umgeben hatten.

Dieser heirathete eine junge Waise, welche, wie er, vom heimathlichen Boden vertrieben war, und wenn auch diese Verbindung seine Glücksumstände nicht verbesserte, so verscheuchte sie doch alle traurigen Erinnerungen und machte den lieblichsten Hoffnungen Platz. So erschöpft sich das Leben in Extremen, welche die Zukunft bald in die düstersten Farben, bald im Glanze des schönsten Tages zeigen.

In seinen Mitteln sich für gesichert haltend, und als Gatte des liebenswürdigsten, tugendhaftesten Weibes, vergaß Herr von Surville beinahe, daß ein Unglück ihn bereits betroffen habe, und ein anderes ihn noch treffen könne: ach, es ist so süß, an die Dauer des gegenwärtigen Glücks zu glauben! Doch das seine sollte nur Augenblicke währen. Nach einem Jahre starb seine Frau an der Geburt einer Tochter, die sie kaum noch segnend an ihre Brust drücken konnte, und der unglückliche Vater, gebeugt von der Gewalt dieses neuen Schlages, erkrankte so schwer, daß man beinahe ein ganzes Jahr hindurch das unschuldige Geschöpf von ihm entfernt halten mußte, das dem Gegenstande seiner Zärtlichkeit das Leben gekostet hatte.

So ward Emma, dieß ist der Name, den er seinem Kinde gab, schon von ihrer Geburt an zu jener traurigen Abgeschiedenheit verurtheilt, welche die Vorsehung ihr zum Loos bestimmt hatte, und wenn es wirklich wahr ist, was nur schwer sich bezweifeln läßt, daß die Eindrücke nie verschwinden, welche das Herz in zarter Kindheit empfieng, so mußte ihr Charakter nothwendig jene schwermüthige Färbung annehmen, welche die ersten Tage ihres Lebens bezeichnet.

Um durch ihre Gegenwart ihres Vaters Verzweiflung nicht zu steigern, ward sie von den Aerzten in ein abgelegenes Gartenhaus verbannt, wo Niemand um sie war, als eine Bäuerin und ein armer, häßlicher, grämlicher Neger. Ihre Amme, über welche Dominicho die Aufsicht führte, befriedigte zwar alle ihre Bedürfnisse, aber diese Frau, welche nur der Reiz einer großen Belohnung vermocht hatte, sich ihren eigenen Kindern zu entziehen, reichte ihrem Säuglinge nur ungerne die Brust, die von rechtswegen ihrem Jüngstgebornen gehört hätte. So war ihre Sorgfalt für Emma fern von jener zarten, mütterlichen Bekümmerniß, welche so nothwendig ist, zur glücklichen Entwicklung des Kindes. Keine Liebkosung, kein Lächeln erfreute die arme Kleine; alles um sie her war kalt und traurig; der Tod, der bei ihrer Geburt schon den Vorsitz geführt hatte, schien sie für immer in seine düstern Schatten gehüllt zu haben.

Der gute Schwarze, dessen kummervolles Gesicht und häßliche Züge das Kind anfänglich zum Weinen brachten, wachte nichts desto weniger mit väterlichem Interesse für dasselbe, und war untröstlich, seinem unglücklichen Herrn das einzige Wesen nicht nahe bringen zu dürfen, das ihn noch an das Leben zu ketten vermochte.

»Herr nicht immer so bleiben, schluchzte er oft an Emmas Wiege, nicht möglich seyn, oder Dominicho vor Schmerzen sterben . . . . . Arme Kleine! so sanft, so schön, ihrer Mutter so ähnlich, ein großer Trost für ihn seyn; Kind immer so wohl thun des Vaters Herzen. Ich ihm zeigen, gewiß ihm zeigen, und er mir nachher danken!«

So entwarf Dominicho tausend Pläne, um das liebliche Kind, dem er selbst so sehr zugethan war, ihrem Vater vor Augen zu bringen.

Dennoch giengen auf diese Weise zehn Monate hin, ohne daß er es gewagt hätte, die Vorschriften der Aerzte zu überschreiten, welche jeden Tag das Verbot erneuerten, von ihrem Kranken, dessen Organe durch den ungeheuern Schmerz den er erlitten, auf's Aeußerste angegriffen waren, Alles zu entfernen, was seine Ruhe hätte stören können.

Indessen war Emma, die anfangs sehr schwächlich gewesen war, ein gesundes und blühendes Kind geworden; ihre Kräfte wuchsen zusehends, und ihre Glieder bekamen eine Stärke und Rundung, die sie gewiß auch Dominicho verdankte, der, seit er den Entschluß gefaßt hatte, seinen kleinen Pflegling ihrem Vater zu zeigen, keinen Tag versäumt hatte, ihre Kräfte durch neue Uebungen zu stärken.

Er hatte das Kind auch das Wort Papa aussprechen gelehrt, und wenn es oft mehrmals dasselbe wiederholt hatte, so konnte der gute Alte seinen Kummer vergessen, und mit freudigem Händeklatschen ausrufen: »So recht, lieb Kind; gut Herr doch noch glücklich werden.«

Als er endlich den Augenblick zur Ausführung seines Vorhabens für günstig hielt, so ließ er Emma von ihrer Amme auf's Schönste putzen, einschläfern und vorsichtig in einen Korb legen. So nahm er das Kind, und trug sie auf den Gottesacker, wo, wie er wußte, ihr Vater seit einigen Tagen jeden Morgen hinkam, um an dem Grabe seiner verlorenen Gattin zu weinen.

Dominicho , der vorher gekommen war, setzte das Kind an dem Grabsteine nieder, kniete zu ihm hin und rief mit bewegter Stimme: »Arme Kleine, Mutter dein für immer hier schlafen, aber ihr Geist zu gut Herrn für dich sprechen; er dein hold Lächeln sehen und getröstet seyn.«

Hierauf verbarg er sich hinter dem Monumente, und erwartete mit Ungeduld die Ankunft des Herrn von Surville, der endlich am Eingange des Kirchhofes erschien.

Sein Gang war langsam, wie der eines Mannes, den Krankheit und tiefer Kummer gebeugt haben; seine Wangen blaß und eingefallen, sein Haar vor der Zeit gebleicht; sein ganzes Wesen zeigte deutlich, was er schon gelitten hatte, und was er noch litt, bei'm Anblicke des Grabes, unter dem seine geliebte Gattin schlummerte. Auf die Kniee geworfen, begann er zu beten, da erblickt er ein Kind, schön wie der Tag!

»Himmel!« ruft der unglückliche Gatte. – »Papa!« antwortet das erwachende Kind. Da stürzt auch Dominicho hervor: »klein Töchterlein Euch gehören«, ruft er mit halb erstickter Stimme, zu seines Herrn Füßen hingeworfen, »ich Euch gebracht haben, zum Troste; o, lieb Kind nimmer entfernen!«

Ein krampfhaftes Zittern bemächtigt sich Herrn, von Survilles: dieß Grab, der Engel, der ihm lächelnd die kleinen Händchen entgegenstreckt und des treuen Dieners Worte, dieß Alles stürmt auf seine Seele ein, und doch – ist er weniger unglücklich. Das erste Mal seit seiner Gattin Tod empfindet er eine andere Regung als die des Schmerzes; an den schnellern Schlägen seines Herzens, an seiner Freude bei'm Anblicke des lieblichen Kindes, das so lange von ihm entfernt gewesen war, und das er jetzt mit heißer Zärtlichkeit in seine Arme schließt, fühlt er, daß er Vater ist.

»Kind meiner Louise, ruft er aus, ich bin strafbar gegen dich; von Schmerz übermannt, habe ich dich in der Wiege verstoßen, aber hier, auf dem Grabe deiner Mutter, verspreche ich dir Ersatz für mein Unrecht.«

Sich hierauf an den vor Freude trunkenen Schwarzen wendend, sprach er: »du hast mich, guter Dominicho, mir selber wieder gegeben, ich verdanke dir unendlich viel! Aber verlassen wir diesen Ort, die Luft, die hier weht, taugt nicht für Emma.« Dieß sprechend, nahm er das Kind auf seine Arme, und trug es nach dem Schlosse, das Emma seit ihrer Geburt nicht wieder erblickt hatte.

Nicht beschreiben lassen sich die Gefühle des Herrn von Surville, als die Amme, welche der Schwarze herbestellt hatte, dem Kinde die Brust reichte; er gedachte der zärtlichen Mutter, die es verloren, und dieser Gedanke zerriß ihm das Herz; doch allmählig wichen seine schmerzhaften Empfindungen freudigen Gefühlen, die seine Seele bis jetzt noch nicht gekannt hatte.

Es ist so unendlich beglückend, das unschuldige Wesen, das uns das Leben verdankt, unter unsern Augen wachsen und gedeihen zu sehen! Welches kummervolle Herz schlägt nicht leichter bei seinem ersten Lächeln, bei'm ersten Lallen des geliebten Kindes!

Bald verlor sich jener Anflug von Traurigkeit, die sich in Emma's ganzem Wesen ausgesprochen hatte, und machte einer jugendlichen Heiterkeit Platz, die ihre Züge verschönte und belebte; doch war jetzt schon, mitten durch ihre kindliche Fröhlichkeit, jenes zarte, tiefe Gefühl zu bemerken, welches später den Grundzug ihres Charakters bildete.

Gegen jeden Leidenden übte Emma diese schätzbare Tugend, und ohne uns in die Einzelnheiten ihrer ersten Kindheit einzulassen, bemerken wir bloß, daß ihr Vater, sobald er ihren Verstand sich entwickeln sah, keine Gelegenheit vorbeiließ, sie am den guten Werken Theil nehmen zu lassen, die er trotz seiner beschränkten Lage, dennoch auszuüben die Mittel fand. Während er sie gewöhnte, das Unglück zu bemitleiden, lehrte er sie auch, dasselbe zu unterstützen, indem er sie oft selbst in die Wohnungen der Armuth führte. Zwar erkauften Vater und Tochter stets nur um den Preis eigener Entbehrungen ein Lächeln der Zufriedenheit auf dem Gesichte eines Unglücklichen; aber diese Entbehrungen waren für Beide eine Quelle so reinen Genusses, daß sie sich dafür gerne noch mehrere auferlegt hätten.

So begann Emma's Erziehung mit der Zeit, wo ihr Denkvermögen anfieng, zu erwachen. Ihr Vater, der ganz die richtige Ansicht hatte, suchte sie vor Allem vor den gewöhnlichen Schwächen und Fehltritten der Kindheit zu verwahren, welche so oft auf das reifere Alter mit übergehen, weil sie nicht zeitig genug bekämpft wurden. Nie legte er dem Kinde Zwang an in der natürlichen Aeußerung seiner Gefühle, aber er suchte diese Gefühle durch Beispiel und Weckung des Nachdenkens zu regeln, so daß weder Schmerz, noch Furcht, noch Freude die Oberhand über dieselben erhielt.

Er machte Emma mit dem Nützlichen jedes Gegenstandes, der ihm neu auffiel, durch Versuche bekannt, die er vor ihren Augen damit anstellte, oder, wenn dieß unmöglich war, durch kurze und genaue Erklärungen, welche ihre lebhafte Einbildungskraft mit unglaublicher Leichtigkeit auffaßte, und die sich tief in ihr Gedächtniß einprägten.

So lernte sie schon mit dem zehnten Jahre die Namen aller Pflanzen kennen, die ihr Vater in den weiten Gärten des Schlosses bebauen ließ. Mit Liebe immer noch an seinem Vaterlande hängend, hatte sich Herr von Surville eine Menge dort wachsender Pflanzen zu verschaffen gewußt, und es gewährte ihm großes Vergnügen, die Eigenthümlichkeiten derselben seinem Kinde zu erklären.

Mit dem größten Interesse hörte Emma die-sen Unterricht, der stets unter freiem Himmel gegeben wurde, und welchem der gute Neger gewöhnlich beiwohnte, der immer etwas Merkwürdiges von seiner Heimath, oder von den Ländern, wo er sonst gewesen war, oder über welche er hatte sprechen hören, zu erzählen wußte.

Wenn dieser unterhaltende Unterricht, der nie länger währte, als so lange er Emma Freude zu machen schien, beendigt war, so nahm Herr von Surville eine geographische Karte vor, und zeigte ihr die Orte, über die sie so eben gesprochen hatten, erzählte ihr mit wenigen Worten die Geschichte ihrer Bewohner, und bereitete sie so auf neue Kenntnisse vor, mit welchen er ihren Geist bereichern wollte.

Auf dieselbe Weise leitete der fromme Vater, der jeden Tag aus der Uebung seiner Pflichten den einzigen, wahren Trost des Unglücks und der Trauer schöpfte, den religiösen Unterricht des Kindes ein, und unterließ nie, alle Reichthümer der Natur, die er es bewundern ließ, auf Rechnung der göttlichen Güte zu schreiben.

»Gott, der uns erschaffen hat, theure Emma, sagte er oft, hat alle diese Dinge zu unserem Besten und unserem Vergnügen so gemacht; seine unerschöpfliche Güte hat für unsere geringsten Bedürfnisse gesorgt, und der Mensch, der von seinen unermeßlichen Wohlthaten keinen Gebrauch macht, oder der es unterläßt, ihm dafür zu danken und sich derselben würdig zu zeigen, verdiente, daß er sie ihm entzöge, und ihn zugleich der Vernunft beraubte, mit der er ihn begabt hat.«

So lernte Emma, indem sie den Schöpfer aus seinen erhabenen Werken kennen lernte, zu gleicher Zeit ihm dienen und den Zoll der Liebe und Dankbarkeit entrichten, den wir ihm schuldig sind für all' das Gute, womit er uns überhäuft hat.

»Er hört dich, er sieht dich, er liest in deinem tiefsten Herzen, sprach der gute Vater; trachte, daß deine Handlungen, deine Worte, und Gedanken sich nie vor ihm verbergen dürfen.«

Bei einer solchen Erziehung mußte Emma nothwendig große Fortschritte machen; auch war sie mit zwölf Jahren bereits ein kleines Wunder von Frömmigkeit, von Vernunft, von Sanftmuth und Wissen. Bekannt mit den verschiedenen Erzeugnissen der Erde und beinahe allen zur Erhaltung des Lebens nöthigen Gegenständen, hatte sie gelernt, denselben einen ganz andern Werth beizulegen, als Kinder von ihrem Alter dieß gewöhnlich thun. An Gebet, Nachdenken und Lernen gewöhnt, fand sie ihr größtes Vergnügen darin, und in körperlichen Uebungen, welche ihr ihr Vater und Dominicho schon vom zartesten Alter an gleichsam zum Bedürfnisse gemacht hatte.

Ein Hund, mit Namen Azor, welchen sie von Dominicho erhalten hatte, trug ebenfalls viel zur Entwicklung ihrer körperlichen Kräfte bei. Dieser Hund, von der Neuländer-Race, begleitete sie auf allen ihren Spaziergängen, und zeigte sich so gelehrig, daß sie oft weite Streifereien in die benachbarten Ländereien mit ihm machte und jede Müdigkeit über dem Vergnügen vergaß, welches ihr seine Geschicklichkeit und Folgsamkeit gewährten.

Außerdem hatte ihr Dominicho noch andere Unterhaltungen zu verschaffen gewußt, worunter sich auch ein Bogen mit schönen Pfeilen befand, welchen sie bald mit großer Geschicklichkeit zu gebrauchen wußte. Nicht minderes Vergnügen gewährte ihr ein niedliches Vogelhaus, dessen Bewohner sie mit großer Sorgfalt pflegte, und das ihr mit jedem Tage neue Unterhaltung darbot.

Mit solchen Genüssen wechselten Zeichnen und Musik ab, in welchen beiden Talenten Herr von Surville sich auszeichnete. Von ihm unterrichtet, wußte Emma, von der Natur mit einer starken und wohlklingenden Stimme begabt, bald ihre kleinen Lieder geschmackvoll mit der Guitarre zu begleiten, und nicht weniger die lieblichsten Landschaftsstücke zu zeichnen.

In Näharbeiten machte sie die wenigsten Fortschritte, weil sie hierin Niemand zur Lehrerin haben konnte als eine alte Haushälterin im Schlosse, welche selbst nur geringe Kenntnisse in dieser Kunst besaß; aber Emma fand, je älter sie wurde, so viel Geschmack daran, daß sie es bald auch in dieser Hinsicht andern jungen Mädchen von ihrem Alter gleich that.

Glücklich in den Tugenden und den Fortschritten seiner geliebten Tochter, und zufrieden, daß es ihm bisher gelungen war, ihr Alles zu verschaffen, was ihr nützlich und angenehm seyn konnte, gab sich Herr von Surville nun auch alle Mühe, jenen Anflug von Schwermuth zu besiegen, die sich gewöhnlich in ihrem Wesen ausdrückte, und zeigte ihr deshalb immer ein heiteres und ruhiges Gesicht; aber wie groß auch die innere Befriedigung war, die der sichtbare Erfolg seiner Bemühungen ihm gewährte, so trübte doch eine drückende Sorge, deren Gegenstand hauptsächlich Emma war, seit einiger Zeit seine freudige Zufriedenheit.

Das Landgut nehmlich, dessen Verwalter er war, hatte einen andern Herrn bekommen, und ungeachtet der ängstlichen Gewissenhaftigkeit, mit welcher er stets seinen Pflichten nachgekommen war, ließen ihn verschiedene Umstände dennoch den Verlust dieser Stelle fürchten, deren bescheidenes Einkommen ihm die Erwerbung von Hülfsmitteln für die Zukunft nicht möglich gemacht hatte. Was sollte aus Emma, was aus dem treuen Dominicho und ihm selbst werden, wenn seine Furcht wahr wurde? Dieser Zustand war furchtbar, denn Herr von Surville, damals in seinem vierzigsten Jahre, konnte keine neue Laufbahn mehr einschlagen, und hatte Niemand, der ihm dieselbe hätte eröffnen und ihn darauf unterstützen können.

Nichtsdestoweniger giengen noch achtzehn Monate darüber hin, ehe eine bemerkenswerthe Veränderung in der Verwaltung des Gutes eintrat. Unterdessen hatte Emma zum ersten Male das heilige Abendmahl genossen, und die Empfindsamkeit ihres Gemüthes, ihre Frömmigkeit, Sanftmuth und Verstand nahmen in dem Grade zu, daß ihr Vater, einzig in der Freude lebend, die sie ihm gewährte, seine traurigen Ahnungen darüber vergaß. Doch dieser ruhige Zustand war nicht von Dauer; was er längst gefürchtet hatte, trat ein: man kündigte ihm den Verlust seiner Stelle und zugleich die nahe Ankunft seines Nachfolgers an.

So mußte er den Ort verlassen, wo er in Frieden seine Tage zu beschließen gedacht hatte. Wohin nun sich wenden? was beginnen? fragte sich der unglückliche Vater mit Bitterkeit. Seine geliebte Emma, deren Zukunft ihn beständig beschäftigte, war also jedem gefährlichen Wechsel des Lebens ausgesetzt, ohne daß er ein Mittel gehabt hätte, sie davor zu schützen.

Eines Morgens, als er eben wieder solchen traurigen Ueberlegungen nachhieng, erhielt er einen Brief, der ihn auf das Freudigste überraschte: er war von einem Verwandten, mit welchem er seit seiner Ankunft in Frankreich einen regelmäßigen Briefwechsel unterhalten, von dem er aber schon seit mehreren Jahren keine Antwort mehr bekommen hatte, und dessen Unterstützung er aus diesem Grunde auch nicht ansprechen zu können glaubte. Dieser Verwandte, der eine Niederlassung in der Nähe von Buenos-Ayres hatte, zeigte ihm den Tod seines einzigen Sohnes an, und lud ihn ein, sich ohne Verzug zu ihm zu begeben, um ihn in der Besorgung seiner reichen Besitzung zu unterstützen, zu deren Erben er ihn einsetzen wollte.

Herr von Surville war nicht in der Lage, solche Anerbietungen ausschlagen zu können, sondern betrachtete sie als ein Geschenk der Vorsehung; aber mitten in seiner Freude konnte er sich einer Anwandlung von Furcht nicht erwehren, wenn er an die Gefahren dachte, welchen er seine Emma auf einer langen und beschwerlichen Seereise und durch Verpflanzung in ein fernes Land aussetzte, wo sie, außer ihm, vielleicht nichts fand, das ihrem Geschmacke entsprach.

Genöthigt, zwischen diesen Befürchtungen, und der Hoffnung auf eine reiche Erbschaft zu wählen, hatte er eine Zeit lang die Idee, sie in Frankreich zurückzulassen, und wieder dahin zurückzukehren, sobald ihn die Güte seines Verwandten in die Lage versetzt haben würde, seinem geliebten Kinde hier ein glückliches Loos zu sichern; als aber Emma von diesem Plane, der sie mehrere Jahre von ihrem Vater trennen sollte, hörte, äußerte sie eine so tiefe Trauer darüber, und bat so flehentlich, ihn begleiten zu dürfen, daß er ihren Thränen nicht zu widerstehen vermochte.

Wenige Tage reichten hin, um die Vorbereitungen zur Reise zu treffen. Trotz einer geheimen Abneigung, mit seinem Kinde eine so lange Reise zu unternehmen, fühlte Herr von Surville doch nur zu wohl, daß er nach der Ankunft seines Nachfolgers, die bereits Statt gehabt hatte, nicht länger mehr im Schlosse bleiben könne.

Mit schwerem Herzen bat Emma, am Tage der Abreise, nur um einige Augenblicke, um ihren lieben Vögelein, ihren Blumen, die sie mit freudiger Sorgfalt gepflegt, und den Bäumen Lebewohl zu sagen, in deren Schatten sie so oft geruht hatte.

Lebet wohl! sagte sie leise, mit traurigem Blicke auf ihr schönes Vogelhaus; lebet wohl! ihr lieben, kleinen Geschöpfe, ich seh' euch nimmer wieder, aber oft, oft will ich an euch denken.

Aber ein anderer, weit schmerzlicherer Abschied blieb Emma noch zu nehmen. Herr von Surville führte sie an das Grab ihrer Mutter, welches er gewöhnlich zusammen mit ihr besuchte, und welches beide noch einmal sehen wollten. Lange und unter heißen Thränen betete das liebe Kind, als es aber die heftige Bewegung seines unglücklichen Vaters bemerkte, rief es, um seinen Hals fallend, aus:

»Theurer Vater! wir lassen nur ihre Asche zurück; ihr Geist ist im Himmel, und wo wir auch wohnen, so können wir ja unser Gebet mit dem ihrigen vereinen, und den gütigen Gott verehren, den du mich kennen lehrtest, und der sie nun zu sich gerufen hat, um sie glücklich zu machen. Muth! mein lieber Vater, Du allein bleibst ja Deiner armen Emma noch.«

Mit diesen Worten zog sie ihn von dem Grabe fort, nicht, ohne oft noch darnach umzusehen.

Vor dem Kirchhofe erwartete sie Dominicho mit einem Postwagen, auf welchem der treue Azor bereits Platz genommen hatte, und der alsobald den Weg nach Brest einschlug, wo der Verwandte, zu dem sie wollten, einen Correspodenten hatte, der ihre Ueberfahrt auf dem besten Fahrzeuge besorgen sollte, das die Fahrt nach dem südlichen Amerika machen würde.




Zweites Kapitel.

Die Hoffnung auf Glück hienieden ist ein Trugbild, nur den trifft keine Täuschung, der Trübsal und Leiden erwartet.


Mehr als zwei Monate giengen darüber hin, ehe der Kaufmann, bei dem sie sich einstweilen aufhielten, eine passende Gelegenheit zu ihrer Ueberfahrt fand; aber die rücksichtsvolle Sorgfalt mit welcher sie von Seiten jener Familie behandelt wurden, ließ sie diese Verzögerung gerne ertragen.

Emma besonders befand sich ganz wohl inmitten dieser gastfreundlichen Familie, zu welcher zwei liebenswürdige Kinder gehörten; denn zum erstenmal ward ihr hier das Glück zu Theil, das die Kindheit in jenen heitern, lieblichen Spielen findet, aus welchen jeder Zwang verbannt ist, weil die Unschuld dabei den Vorsitz führt.

Eugenie und Cecilie, so hießen die beiden Kinder, konnten sich nicht satt hören an der Erzählung von Emmas Aufenthalt auf ihrem einsamen Landgute; sie sprach auch mit so rührendem Ausdrucke von ihren Vögeln, ihren Pflanzen und Blumen, von den unterrichtenden Besuchen, die sie mit ihrem Vater in den nahe gelegenen Fabriken gemacht hatte, und hauptsächlich von ihren Spaziergängen mit Azor, der sie immer begleitet hatte, und von dessen Treue und Verstand sie so gerne erzählte, daß kein Zuhörer ohne Theilnahme bleiben konnte.

Dagegen unterhielten sie Eugenie und Cecilie, welche schon einigemal in der Welt gewesen waren, von den Vergnügungen, die sie dort gefunden, und den kleinen Eroberungen, die sie gemacht hatten. Dadurch mischte sich schon ein wenig Eitelkeit in ihre Einfalt, so daß Emma sie nicht immer verstand; doch wurde dieser Fehler, in den die Jugend in der Gesellschaft, wo man ihr schmeichelt, so leicht verfällt, bei diesen beiden Mädchen, durch ein von Natur so gutes Gemüth aufgewogen, daß sich ein so liebevolles, einfaches Kind wie Emma nothwendig an sie anschließen, und mit Vergnügen ihre Erzählungen hören mußte.

Aber diese Freuden sollten mir jenen kurzen Sonnenblicken gleichen, welche zuweilen noch durch die finstern Wolken fallen, im Augenblick, wo der wüthende Sturm losbricht; bald vielleicht ist ihr die Erinnerung daran nur eine Quelle bitterer Empfindungen; denn wer einst glücklich war, fühlt später nur um so schmerzlicher die schwere Hand des Unglücks.

Schon hatte Emma eine harte Trennung empfunden, vom Grabe ihrer Mutter und von der lieben Heimath, und jetzt mußte sie auch ihren jungen Freundinnen Lebewohl sagen, in deren Gesellschaft sie so glücklich war; ihr Schmerz war groß, doch wußte sie ihn männlich zu verbergen, denn noch größer war die Liebe zu ihrem Vater, dessen Loos sie zu theilen entschlossen war, mochte es auch fallen wie es wollte.

Endlich fand sich ein Schiff, das nach dem La Plata Strome segelte, und auf welchem Herr von Surville sich einmiethete. Im Augenblicke der Abreise beschwor der zärtliche Vater, voll banger Ahnung, Emma nochmals, in Frankreich zurückzubleiben, aber ihre Gegengründe malten so lebhaft ihre Anhänglichkeit an ihn, daß er es nicht über sich bringen konnte, ihren Bitten zu widersprechen. Wie konnte er sie auch durch eine Trennung betrüben, an die er selbst nicht ohne Beben denken konnte? Die gemeinsame Abreise ward also beschlossen.

Die beiden Freundinnen begleiteten Emma bis zum Schiffe, und sie hatte die Kraft, ihre Thränen zu verbergen; sie verließ Frankreich ungern, aber sie glaubte eine Pflicht kindlicher Liebe dadurch zu erfüllen, und obgleich sie erst vierzehn Jahre zählte, so wußte sie dieß doch mit aller muthvollen Beherrschung einer edlen, großen Seele zu thun.

Nur in dem Augenblicke, als sie ihre beiden Freundinnen ganz aus dem Gesichte verlor, übermannte sie ihr Gefühl; aber ein einziger Blick auf das bekümmerte Gesicht ihres Vaters, gab ihr sogleich ihre ganze Kraft wieder.

»Lieber Vater, sagte sie, ihre Seufzer zurückdrängend: nicht mehr nach jener Küste dürfen wir die Blicke richten, in Buenos-Ayres wohnt jetzt was wir von der Zukunft hoffen. – Ja, lieb Herr! unterbrach sie Dominicho, der neben ihr auf dem Verdeck saß, jung Herrin Recht haben, Ihr nicht mehr an Kummer denken, dort viel Glück winken; Oheim gewiß zufrieden seyn, wenn er so gut Nichte sehen; Ihr glücklich seyn, und Dominicho auch.«

Mit einem tiefen Seufzer antwortete Herr von Surville, denn sein Herz quälten tausend traurige Vorstellungen; er konnte, nicht ohne Zittern an die vielen Gefahren denken, welchen seine Emma auf dieser langen Seereise, die er allein so wenig gefürchtet hätte, ausgesetzt war. Durch einen unglücklichen Zufall hatte sich der Himmel im Augenblicke der Abfahrt mit düstern Wolken bedeckt, welches die Traurigkeit des unglücklichen Vaters noch vermehrte. Aber aus Scham, vor seiner Tochter eine Niedergeschlagenheit blicken zu lassen, die den Muth schwächen konnte, mit dem sie selbst sich bewaffnet zu haben schien, suchte er ihre Aufmerksamkeit von ihm ab und auf das Schiff zu leiten, das ein Gegenstand lebhafter Neugierde für sie war.

Von dem Tage ihrer Einschiffung an entwarf er einen neuen Beschäftigungsplan für Emma, der sie vor der Langweile einer langen Seereise schützen sollte. Unter dem Gepäcke befand sich auch ihre Guitarre, mit einem reichen Vorrathe von Saiten und Musikstücken; ebenso war sie im Besitze eines vollständigen Zeichenapparats, so wie einer Anzahl guter Bücher und verschiedener kleiner Nähstücke, die ihr viele Unterhaltung boten, in den Augenblicken, welche nicht ihrem Unterrichte gewidmet waren.

Man sieht leicht ein, daß Emma, bei so vielen Mitteln zur Zerstreuung, und ihrem weit über ihr Alter entwickelten Verstande, sich bald an die neue Lebensart gewöhnte, die sie auf dem Schiffe annehmen mußte. Ihr beobachtender Geist wußte diesem einförmigen Leben sogar bald angenehme Seiten abzugewinnen: nichts z. B. freute sie so sehr, als die Schnelligkeit und Genauigkeit, mit welcher die Matrosen jede befohlene Bewegung des Schiffes ausführten; oft aber dachte sie auch über den leidenden Gehorsam dieser Menschen nach, und konnte sich nicht enthalten, ihr Loos zu beklagen.

Eines Morgens, als sie mit ihrem Vater und Dominicho auf das Verdeck gestiegen war, um sich ein wenig im Sonnenscheine zu ergehen, fiel ihr Auge auf einen Gefangenen, den man aus dem untern Räume des Schiffes heraufgeholt hatte, um ihn ein wenig frische Luft einathmen zu lassen. Er war mit dem Körper an einen Mastbaum gebunden; sein entblößtes Haupt hieng auf der Brust, seine glanzlosen Augen und seine starren Glieder, kurz, sein ganzer Zustand zeugten von tiefer Traurigkeit.

»Gott! rief Emma aus, warum bindet man diesen Mann hier fest! komm, lieber Vater, und zerschneide schnell den garstigen Strick, der ihm ja schreckliche Schmerzen machen muß.«

»Wir dürfen uns dieß leider nicht erlauben, liebe Emma, antwortete ihr Herr von Surville; dieser Mensch hat sich ohne Zweifel eines schweren Vergehens schuldig gemacht, und dadurch die Strafe zugezogen, von der ihn bloß der Kapitän des Schiffes befreien kann.«

Emma war darüber höchst, betrübt. Eben trat der Kapitän, dessen ganzes Aeußere von der Güte seines Herzens zeugte, auf das Verdeck, und die Gelegenheit schien ihr günstig, um für den Gefangenen um Gnade zu bitten. Anfangs widerstand der Kapitän, weil der Gefangene einer der gefährlichsten Köpfe unter der ganzen Schiffsmannschaft sey; aber sie bat so rührend, ihre Worte malten so sprechend ihr gefühlvolles Herz und den Kummer, den ihr eine abschlägige Antwort verursacht haben würde, daß der brave Seemann endlich ihren Bitten nachgab, und selbst die Bande des Gefangenen löste, der, sein Glück kaum fassend, zu ihren Füßen fiel und Worte des Dankes stammelte.

Auch Emma, nicht weniger bewegt und glücklich als der Matrose, wußte kaum ihren Dank auszudrücken; aber die Thränen der Freude, die sie weinte, sprachen ihre Gefühle deutlicher aus, als alle Worte dieß vermocht hätten.

Und was mochte der glückliche Vater fühlen, in diesem für Emma so schönen Augenblicke! Mit Vaterstolz drückte er sie an sein Herz und sagte ihr leise: »liebes Kind, du hast deinen Vater unaussprechlich glücklich gemacht!«

Armer Vater! bald vielleicht! . . . . doch wir wollen den Ereignissen nicht vorgreifen; es ist so schön auf Scenen des Glücks zu verweilen, die so seltene und flüchtige Gäste im menschlichen Leben sind.

Der eben erzählte Vorgang hatte den tiefsten Eindruck auf die ganze Schiffsmannschaft und hauptsächlich auf die Reisenden gemacht. Unter Letztern befand sich eine Frau von ungefähr fünfundzwanzig Jahren, Namens Duval, die eine sehr gute Erziehung genossen zu haben schien, und eine Tochter von ungefähr fünf Jahren bei sich hatte, welche Emma mit Heftigkeit um den Hals fiel, als ihr Vater sie kaum aus seinen Armen entlassen hatte.

»Meine Tochter ist mir zuvorgekommen, wandte sich die Dame zu Emma, sie hat sich eine Freiheit erlaubt, die ich mir selber erst erbitten wollte; ich wollte Ihnen meinen Antheil an der Zufriedenheit bezeugen, die sie über Ihre schöne Handlung empfinden müssen.«

Emma antwortete mit eben so viel Anmuth als Bescheidenheit, und ihr Vater, der den Vortheil erkannte, den seine Tochter aus dem Umgang mit dieser Dame ziehen konnte, gab ihr die Erlaubniß, jeden Augenblick bei derselben zuzubringen, den ihre Beschäftigungen ihr übrig ließen.

Unter den Genüssen, welche sich Emma durch ihren glücklichen Charakter und ihren Geschmack für Arbeit und Beobachtung zu schaffen wußte, gewährte es ihr auch viele Freude, die Talente ihres getreuen Azors glänzen zu lassen, der sich auf dem ganzen Schiffe großen Ruhm erworben hatte durch seine seltene Klugheit und die Geschicklichkeit, mit der er Alles, was man über Bord warf, wieder aus dem Meere holte. Die Matrosen betrachteten ihn als einen vorzüglichen Schwimmer, und dieß war genug zu seinem Ruhme; besonders der, welchen Emma befreit hatte, bezeigte diesem Thiere die größte Zuneigung, denn er konnte seiner jungen Befreierin keinen andern Beweis seiner Erkenntlichkeit geben.

Herr von Surville, der an allen Freuden seiner Emma Theil nahm, hatte sich allmählig beinahe ganz über die gefürchteten Gefahren der Seereise beruhigt. Sie hatte auch wirklich nichts von jenen Unbequemlichkeiten empfunden, von welchen in der Regel diejenigen befallen werden, welche nicht daran gewöhnt sind, auf der See zu fahren, ja ihre Kräfte und ihre Gesundheit schienen sogar eher zugenommen zu haben. Mit welch' frohem Gefühle gedachte er bereits der Ankunft bei seinem Verwandten!

Aber die glücklichen Hoffnungen, denen er sich so ganz hingab, wurden bald von tausendmal schrecklichern Besorgnissen verdrängt, als jene waren, die ihn bei'm Anfang der Reise gequält hatten. Nach zweimonatlicher glücklicher Fahrt bedeckte sich der Himmel plötzlich mit finstern Wolken; auf einen dichten Nebel, der länger als acht Tage dauerte, folgte ein furchtbarer Sturm, der unter der ganzen Schiffsmannschaft die größte Bestürzung verbreitete.

Um das Maaß des Unglücks zu füllen, wurde der Kapitän, der bisher eben so große Geschicklichkeit als Kaltblütigkeit gezeigt hatte, von einer schweren Krankheit befallen, die ihn außer Stand setzte, die Bewegungen des Schiffes ferner zu leiten. Die Unordnung erreichte den höchsten Grad; anstatt das Heil des Ganzen im Auge zu behalten, beschäftigte sich Jeder nur mit seiner eigenen Gefahr, und überließ sich einem so blinden Schrecken, daß er darüber alle Kraft und alles Urtheil verlor.

Vom Sturme herumgeschleudert und aus seiner Bahn geworfen, stieß das ohnehin schon alte Schiff an verborgene Klippen, wo es so bedeutenden Schaden nahm, daß der unterste Schiffsraum sich mit Wasser füllte. Es kam nun Alles darauf an, die Pumpen kräftig zu gebrauchen; aber die entmuthigte Schiffsmannschaft war taub gegen die Befehle des Lieutenants, der ihren Eifer wieder anzufachen versuchte.

»Was helfen Pumpen und alle Anstrengung, antworteten die Matrosen, seht Ihr nicht, daß unser Untergang gewiß ist?«

Ungeheure Wogen, die über das Verdeck schlugen, hatten bereits mehrere Menschen und einige kleine Boote mit fortgerissen; gleich drohenden Gebirgen wälzten sie sich mit einer Heftigkeit einher, der keine menschliche Kraft widerstehen konnte. Eisenwerk, Segel, Thauwerk, Alles mußte der Gewalt des Orkans weichen.

Drei Tage und drei Nächte waren bereits in diesem furchtbaren Zustande hingegangen, und der Sturm, weit entfernt sich zu legen, schien eher an Heftigkeit zuzunehmen. Am Morgen des dritten Tages wurde der Befehl gegeben, die Kanonen und die ganze Schiffsladung über Bord zu werfen, als einziges Mittel, das Schiff zu erleichtern und die Bewegungen zu unterstützen, die es noch zu machen versuchte, um den Klippen auszuweichen, die man bei'm Schein des Mondes erblicken konnte.

Der Befehl ward ausgeführt, und mit Schmerz sahen sich die Reisenden in einem Augenblicke ihres ganzen Eigenthums beraubt; doch was war dieser Schmerz gegen die Gefahr, die ihr Leben bedrohte?

Plötzlich jedoch belebte neue Hoffnung den Muth Aller: ein Matrose schrie Land! und dieses Wort, das eine Möglichkeit zur Rettung ausdrückte, gab ihnen die Kraft, noch gegen den Tod anzukämpfen, der sie von allen Seiten umgab.

Herr von Surville, der seit mehreren Tagen die Pumpen nur verlassen hatte, um zuweilen nach seiner Emma zu sehen, überbrachte ihr sogleich diese glückliche Neuigkeit, und eilte alsdann in den untern Schiffsraum zu dem Lieutenant und Dominicho, welche hier beschäftigt waren, die lecken Stellen zu verstopfen. Beruhigt dadurch, legte sich nun das arme Kind, ganz angezogen, neben ihre zwei Unglücksgefährtinnen, die sie keinen Augenblick verlassen hatten, nieder, um ein wenig auszuruhen. Aber kaum ist sie eingeschlummert, als sie sich von ein Paar kräftigen Armen umfaßt und fortgetragen fühlt.

»Fürchtet Euch nicht, tröstete sie der Mann der sie trug, und in dem sie sogleich den Matrosen erkannte, den sie sich so sehr verpflichtet hatte, meine Kamaraden haben sich der einzigen noch übrigen Schaluppe bemächtigt; das Schiff kann jeden Augenblick sinken, aber das Land ist nicht fern und ich will versuchen Euch zu retten.«

Bei diesen Worten nahm Frau Duval ihr Kind in die Arme und stürzte dem Matrosen nach; Azor folgte ihnen.

»Mein Vater! mein Vater!« rief Emma aus allen Kräften!

Der arme Vater! er konnte sie nicht hören; mit Dominicho beschäftigt, das Schiff zu kalfatern, ahnte er nicht den ungeheuern Schmerz, den ein übel berechneter Eifer ihm bereitete.

Indessen schwam die überfüllte Barke auf den Wogen hin, die sie jeden Augenblick zu begraben drohten. Immer noch rief Emma auf's Kläglichste nach ihrem Vater, denn sie konnte Niemanden erblicken als die Dame mit ihrem Kinde, und die Matrosen, die sich der Schaluppe bemächtigt hatten. Vergeblich richtete sich das unglückliche Kind so weit wie möglich empor, und suchte im Leuchten der Blitze das Schiff zu erblicken, welches das Theuerste trug, das sie besaß. »Bückt euch!« schrien auf einmal die Matrosen. In diesem Augenblicke wälzte sich eine ungeheure Woge über die Schaluppe.

Emma , von ihr fortgerissen, stürzte in's Meer, ihr Hund ihr nach. Alle Mühe der Matrosen, sie zu retten, war umsonst; die Gewalt der Wogen riß sie fort, und bald war sie ihnen aus dem Gesichte. Jetzt wäre sie verloren gewesen, wenn nicht das treue Thier, das ihr gefolgt war, seine Kräfte verdoppelt hätte: dieses, ergriff sie bei den Kleidern, zog sie auf die Oberfläche des Wassers herauf und schwam muthig dem nahen Lande zu, das es auch glücklich erreichte.

Emma war nun gerettet, aber Gott! was sollte sie anfangen auf der einsamen Insel, wo ihr von allen Seiten nur, Tod und Verzweiflung drohte?




Drittes Kapitel.

Der plötzliche Uebergang vom tiefsten Elend in einen erträglicheren Zustand macht uns bescheidener in unsern Bedürfnissen; man begnügt sich mit Wenigem, wenn man Alles verloren hatte.


Kaum fähig zu athmen, lag das arme Kind bewegungslos auf den Sand hingestreckt, bis es endlich den Liebkosungen ihres treuen Gefährten gelang, sie aus ihrer Ohnmacht zu erwecken. Gerührt von seiner Anhänglichkeit, richtete sie sich auf, und ließ die Blicke, wechselnd zwischen Furcht und Hoffnung, über die weite Wasserfläche hingleiten.

Ach! sie konnte nichts erblicken. Schiff und Schaluppe waren verschwunden! Sie war allein auf einer öden Insel! Vor ihr dehnte sich das Meer, hinter ihr zog sich eine lange Kette schwarzer Felsen, so weit das Auge reichte, dem Strande entlang.


Robinson

»Allmächtiger Gott! rief sie aus, was soll aus mir werden? Mein Vater! mein guter Vater! mein lieber Dominicho! werde ich euch nie wiedersehen? Muß ich hier sterben, allein, ferne von euch und jeder Hülfe beraubt? Ach! fuhr sie unter heißen Thränen fort, ich habe Niemand mehr als dich, treuer Azor! verlasse mich nicht, sonst stehe ich ja ganz allein auf dieser Welt!«

Von heftigem Froste geschüttelt, weil sie ihre Kleider nicht trocknen konnte, gieng sie an den Felsen hin, um ihre erstarrten Glieder etwas zu erwärmen und zugleich Schutz gegen die Heftigkeit des Windes zu suchen. Allein so kurz auch der Weg war, den sie zurücklegen wollte, so überstieg er doch ihre Kräfte; unfähig, einen Schritt weiter zu machen, sank sie zu Boden. Ein brennender Durst verzehrte sie; »ach! rief sie aus, voll Verzweiflung gen Himmel blickend, nicht einmal einen Tropfen Wasser habe ich, um meine lechzende Zunge zu laben!«

In diesem Augenblicke glaubte sie das Rieseln einer nahen Quelle zu vernehmen, und bald entdeckte sie auch ein kleines Bächlein, das aus der Höhlung eines Felsens hervorsprudelte, und an welchen, Azor bereits seinen Durst stillte. Auch sie that es mit freudiger Hast und fühlte sich gestärkt; ein Strahl von Hoffnung kehrte in ihr Herz zurück. Diese unerwartete Hülfe schien ihr ein Beweis, daß Gott sie nicht verlassen hatte.

Der tiefe Schmerz über den Verlust ihres Vaters und Dominicho's, so wie über ihre verlassene Lage auf diesem öden Eilande hatte sie bisher noch nicht daran denken lassen, dem Himmel für ihre wunderbare Rettung zu danken; aber das unerwartete Auffinden dieser Quelle, im Augenblicke, wo ein brennender Durst sie quälte, führte sie wieder zurück zu den Gefühlen der Dankbarkeit, die sie dem mächtigen Erhalter ihres Lebens schuldig war.

»Herr, sprach sie, auf den Knieen liegend, mit erhobener Stimme: Du hast mich getränkt mitten in der Einöde; Du willst, daß ich lebe; rette auch meinen Vater und Dominicho, und lasse sie nicht auf ewig verloren seyn für die arme Emma

Wie schwer auch das Unglück seyn mag, das den Menschen betroffen hat, so erhebt er doch nie sein Gemüth umsonst zum Allmächtigen, um Kraft und Beistand von ihm zu erstehen; auch Emma fühlte sich gestärkt, nachdem sie mit Inbrunst zum Schöpfer gebetet hatte.

Bald ebnete sich auch der wüthende Ocean, die Wolken zerstreuten sich, und der Himmel in vollem Glanze trat hervor. Belebt von den Strahlen der wiederkehrenden Sonne, und in der Hoffnung, das Schiff vielleicht zu erblicken, das ihren unglücklichen Vater trug, entschloß sie sich, den Felsen zu erklimmen, der ihr als Schutz gegen den Wind gedient hatte. Er erhob sich steil in die Höhe, mit mehreren Absätzen, welche eine Art Treppe bildeten, mit deren Hülfe man seinen Gipfel ersteigen konnte. Emma konnte diesen Vorsatz nicht ohne große Anstrengung ausführen; aber sie sah die Nothwendigkeit ein, in ihrer Lage allen Muth zu entwickeln, mit dem der Himmel sie ausgestattet hatte, und ungeachtet ihrer großen Mattigkeit legte sie die Hälfte des gefährlichen Wegs, mit ziemlicher Leichtigkeit zurück.

Hier fand sie eine ebene Fläche, mit vielen kleinen Höhlen umgeben, aus welchen eine große Menge wilder Tauben und anderer Vögel aufflog, ohne Zweifel überrascht, sich zum erstenmal in ihrer friedlichen Einsamkeit gestört zu sehen. Azor, der seiner Gebieterin gefolgt war und den der Hunger plagte, fraß ohne Umstände die jungen Vögel, die er fand. Emma seufzte zwar bei diesem Anblicke, wenn sie dachte, daß die armen Mütter nun kommen und vergebens ihre Jungen suchen würden; allein auch sie mußte ihren Widerwillen besiegen, um ihren Hunger zu befriedigen. Nachdem sie einige Eyer verzehrt hatte, fühlte sie sich so sehr gestärkt, daß sie mit neuem Muthe den Felsen vollends zu erglimmen suchte, was ihr endlich auch glücklich gelang, unter tausend Dankgebeten zu Gott, der ihr in dieser Wildniß Nahrung gereicht hatte.

Aber bald ergriff sie auf's Neue Verzweiflung, wenn sie den Blick auf die weite Wasserfläche richtete, die in diesem Augenblicke im Glanz der Sonne wiederstrahlte, und nichts fand, das ihr Herz mit Hoffnung hätte füllen können.

Trostlos bei'm Anblick des öden, sandigen Strandes, brach das arme Kind in bittere Thränen aus; doch wie freudig war ihr Erstaunen, als sie sich zufällig nach der entgegengesetzten Seite wendete, und ein großes Thal gewahrte, von Felsen rings umschlossen, und prangend in allem Reichthum einer lachenden, fruchtbaren Natur.

»Gott! rief sie aus, als sie dieses irdische Paradies erblickte, und ich konnte klagen! Zwar war keine Spur von Bevölkerung in dem Thale zu bemerken; aber verglichen mit dem traurigen Aussehen des Strandes, mußte sie der Vorsehung für diese Entdeckung danken, und die Versicherung darin finden, daß der Himmel sie nicht verlassen werde in der Einsamkeit, zu welcher er sie verurtheilt hatte. Unsere Hoffnung richtet sich so gerne auf, wenn das Glück wieder zu lächeln scheint, und so glaubte auch Emma, von diesem Augenblicke an, daß sie ihren Vater einst wiederfinden würde.

»Theurer Vater, sagte sie oft mit tiefer Rührung, wie wenn der unglückliche Vater sie hätte hören können, durch meine Ergebung und mein Gebet will ich verdienen, daß Gott dich meiner Liebe wiederschenkt; Er hat deine Emma gerettet, Er wird dich nicht haben untergehen lassen, denn Er weiß wohl, daß sie nicht leben könnte ohne die Hoffnung, dich einst wieder zu umarmen.«

Durch diese Hoffnung ermuthigt, stieg sie die andere Seite des Felsens hinab, wobei sie sich an den hie und da hervorkeimenden Gewächsen festhielt, und gelangte endlich in das schöne Thal.

Die Sonne war zwar schon im Untergehen aber demungeachtet war die Hitze sehr groß, wodurch Emma auf ihrem ohnehin mühevollen Weg höchst ermüdet wurde. Ihr erstes Bedürfniß war also, sich ein wenig hinzusetzen und auszuruhen; aber der Hunger, der sich, trotz der verzehrten Eyer, bald wieder einstellte, ließ sie nicht lange ruhen.

Sie gieng also an dem Felsen hin, dem entlang ein klares Bächlein sich schlängelte, und wo sie bald eine große Menge der verschiedensten Bäume fand, und unter ihnen einen prächtigen Dattelbaum, mit kerzengeradem Stamme von ungefähr dreißig Fuß Höhe. Emma hatte die Beschreibung dieses schönen Baumes mit ihrem Vater gelesen, und während der letzten Zeit ihres Aufenthalts in Frankreich selbst einen gesehen; sie wußte, daß seine Früchte in den Ländern, wo er Gegenstand einer sorgfältigen Kultur ist, nicht allein zur Nahrung für die Menschen dienen, sondern daß auch die übrigen Theile dieses wunderbaren Gewächses zu verschiedenen andern ökonomischen Zwecken verwendet werden. Die schönen, traubenförmigen Früchte an seiner Krone machten ihr große Lust ihn zu erklimmen; aber obgleich von Natur gewandt und im Ersteigen von Bäumen nicht ungeübt, hinderte sie doch ihre, durch Mangel an Nahrung und durch ihre ausgestandenen Beschwerden hervorgebrachte, außerordentliche Schwäche an jedem Versuche dazu.

Indessen verdoppelte der Anblick der Früchte, welche eine so große Erquickung für sie gewesen wären, ihren Hunger so, daß sie dieselben nicht ansehen konnte, ohne bittere Thränen zu vergießen, und die Noth, die man mit Recht die Mutter der Industrie nennt, gab ihr auch dießmal ein Mittel ein, das sie sogleich ausführte. Sie brach nehmlich Schilfrohr, das am Bache wuchs, flocht es in Form eines Strickes zusammen und machte eine Schlaufe daran, bestieg alsdann den Felsen, gegen welchen hin mehrere Fruchttauben hiengen, und war so glücklich, nach öfterem vergeblichen Versuchen eine derselben zu sich her zu ziehen, und mit der Schürze die Früchte aufzufangen.

Als sie wieder herabgestiegen war, theilte sie ihren Schatz mit ihrem Unglücksgefährten, der, hungrig wie sie, sich in die ungewohnte Nahrung schickte, und sie dafür mit Liebkosungen überhäufte. Zwar hatten die Datteln, die Emma gefunden, nicht den angenehmen Geschmack, den sie erst durch Veredlung gewinnen, aber sey es, daß der Hunger sie weniger wählig machte, oder daß die Datteln unter diesem Himmelsstriche, obgleich unveredelt, von besonders guter Art sind, genug, sie fand die Früchte herrlich, und that, nachdem sie gesättigt war, die übriggebliebenen zum Frühstück auf den andern Tag für sie und ihren getreuen Azor zurück.

Indessen hatte sie ziemliche Zeit zum Einsammeln dieser Früchte gebraucht; die Sonne war beinahe verschwunden, und sie mußte darauf denken, Schutz für die kommende Nacht zu suchen. Trotz alles Muthes, den sie bis jetzt gezeigt hatte, konnte das arme Kind doch nicht ohne Zittern an die Dunkelheit denken, die sie bald umgeben würde, oder an die wilden Thiere, von denen sie schon gehört hatte, und die vielleicht in dieser Einsamkeit wohnen konnten. Ihre Thränen floßen auf's Neue bei diesem schrecklichen Gedanken; aber bald kehrte ihr Muth wieder zurück: das flehende Auge zum Himmel gerichtet, befahl sie sich in den Schutz Gottes, und erhob sich nun gestärkt, um einen bedeckten Ort zu suchen, der ihr als Obdach dienen konnte.

Sie war noch nicht weit im Thale fortgeschritten, so kam sie an einen Baum, dessen Stamm nicht über fünfzehn Fuß hoch war, aber wenigstens vierzig im Umfange maß. Es war der Baobab3.

Seine Krone glich einem ungeheuren Büschel Aeste, von außerordentlicher Größe, deren jeder für einen ziemlich starken Baum angesehen werden konnte. Die äußersten von diesen Aesten bogen sich beinahe bis zur Erde, so daß der ganze Baum ein einziges großes, grünes Gewölbe zu bilden schien.

Emma war zuerst unschlüssig, ob sie ihr Lager unter dem Baum aufschlagen oder ob sie einen von den Aesten erklettern sollte; als sie aber um den Baum herumgieng, fand sie mit angenehmem Erstaunen eine Höhle in dem Stamme, die geräumig genug war, um sich darin niederlegen zu können. In der Ueberzeugung, daß ihr treuer Hund sie bewachen würde, sammelte sie nun trockene Blätter, deren es eine große Menge gab, und machte sich ein weiches Lager daraus, auf dem sie gewiß auf das Angenehmste hätte schlafen können, wenn sie nicht die grausame Trennung von ihrem zärtlich geliebten Vater und ihre schreckliche Einsamkeit zu beweinen gehabt hätte.

Ihr Alle, die ihr die Geschichte der armen Emma leset, und im Schoße eurer Familie aller jener liebenden Sorgfalt genießt, die das Glück des Lebens ausmacht, und eines Ueberflusses vielleicht, der euch noch keine Mühe gekostet hat! Könnt ihr theilnahmlos bleiben bei dem Schicksale des unglücklichen Kindes, das einst geliebt, das einst glücklich war wie ihr, und heute allein, elend in einer, weiten Einsamkeit steht, wo keine freundliche Hand ihre Thränen trocknet, wo sie jeden Tag ihre Bedürfnisse mit harter Arbeit erkaufen muß, wo vielleicht Schmerz und Krankheit sie befallen, ohne daß Trost oder Hülfe ihr Leiden lindern könnte? Seht sie, in der Höhle ihres Baumes, weinend über das Schicksal ihres Vaters und des Schwarzen, die sie Beide so sehr liebten; gewiß! ihre Thränen sind bitter, und doch sagt lange, vielleicht nie mehr eine freundliche Stimme zu ihr: höre auf zu weinen. Schlafe, armes Kind, und finde wenigstens im Traume die Gegenstände deiner zärtlichen Liebe wieder!

Müd von Thränen und Anstrengung schlief sie auch wirklich ein; aber wie schrecklich war, ihr Erwachen, als sie sich am andern Morgen in der Höhle des Baums wieder fand, und ihr alles Unglück einfiel, das ihr den Tag zuvor begegnet war. Zuerst war ihre Erinnerung noch unbestimmt; aber nach und nach fielen ihr die schmerzliche Umarmung ihres Vaters, das Schiff dem sie entrissen, und die drohenden Wogen ein, die sie hatten verschlingen wollen; sie erinnerte sich der Matrosen und ihrer beiden Gefährtinnen; sie glaubte noch die arme Mutter zu erblicken, wie sie in ungeheurer Angst ihr Kind in die Arme schloß; auch für sie hatte Emma noch Thränen; ihr eigenes Unglück hinderte sie nicht, gefühlvoll für das Unglück Anderer zu seyn.

Die Fruchtlosigkeit ihrer gestrigen Nachforschungen ließen ihr keine Hoffnung, daß das Schiff oder die Schaluppe, trotz ihrer Nähe, vielleicht an der Insel gelandet seyn möchten, wohin die Anstrengungen ihres Hundes sie gebracht hatten; doch dachte sie, daß ihr Vater, wenn anders der Himmel ihn erhalten hatte, vielleicht einst wieder kommen und sie hier aufsuchen werde, weshalb sie sich vornahm, ein Zeichen nach der Seite des Strandes zu aufzustecken. Sie verrichtete ihr Gebet, theilte mit Azor die von gestern übrig gebliebenen Datteln, und gieng dann sogleich an die Ausführung ihres Planes.

Bei genauer Durchsuchung der Taschen, die sie seit ihrer Abreise von Frankreich immer bei sich trug, fand sie darin ein Feder und ein gewöhnliches Messer, eine Scheere, einen Fingerhut, ein Büchschen voll Nadeln und einen Bund Schlüssel. Alle diese Gegenstände, mit Ausnahme des letztern, waren für sie wahre Schätze, die sie eben so zweckmäßig zu benützen als sorgsam zu sparen gedachte.

Um ein kenntliches Zeichen aufstecken zu können, nähte sie mit Haaren ihren Namen in ein Tuch, und befestigte dieß mit Pflanzenfasern so fest wie möglich an einen Baumzweig. Hierauf bestieg sie den Felsen wieder, der sie vom Strande trennte und kletterte auf der andern Seite hinab, um hier ihre Flagge aufzustecken. Diese letzte Arbeit machte ihr viele Mühe, denn da sie kein Handwerkszeug hatte, mit dem sie sich helfen konnte, so mußte sie ziemlich lange suchen, bis sie einen Platz fand, wo sich der Zweig haltbar befestigen ließ. Doch gelang es ihr endlich, und da die frische Morgenluft einen größeren Spaziergang zu erlauben schien, so stieg sie mit Azor an das Ufer hinab, um dort Muscheln und dergleichen Schaalthiere zu ihrer Nahrung zu suchen.

In der That fand sie auch eine große Menge Austern von vorzüglichem Geschmack, aber der Anblick des schrecklichen Oceans, der ihr den besten der Väter entrissen hatte, das regelmäßige Anschlagen der Brandung, das allein die furchtbare Stille um sie her unterbrach, verdoppelten den Schmerz des armen Kindes so, daß sie beinahe den Muth zum Essen verlor. Das Thal, so still es auch war, erfüllte sie nie mit so traurigen Gedanken; sie hörte dort den Gesang der Vögel, und sah überall üppigen Wachsthum, der ihr, wenn auch nicht Ueberfluß, so doch wenigstens das Nöthigste zur Fristung ihres Lebens versprach; es war eine ländliche, lachende Natur, die sie umgab, auf der mit jedem Schritte die Güte des Schöpfers sich offenbarte.

Da sie aber dennoch das öde Gestade, an dem sie vielleicht oft ihre Nahrung suchen mußte, näher kennen lernen wollte, so gieng sie ungefähr eine halbe Stunde an demselben hin, ohne daß ihr etwas Neues aufgefallen wäre.

Mit einem Male glaubte sie, in ziemlich weiter Entfernung einen unbeweglichen Gegenstand zu erblicken, dessen gräuliche Farbe auffallend gegen die Weiße des Sandes abstach. Anfangs dachte das furchtsame Kind, dieß möchte irgend ein reißendes, wildes Thier seyn, und wollte bereits zu ihrer Höhle zurückfliehen, als ihr einfiel, daß es vielleicht auch ein Gegenstand aus dem Schiffe seyn könnte, dessen ganze Ladung am gestrigen Morgen über Bord geworfen worden war, und da sie überdieß dem Muthe und der Stärke ihres Hundes vertraute, so entschloß sie sich, darauf los zu gehen, und fand bald, daß der Gegenstand ihres Schreckens nichts anderes war als eine Tonne von mittlerer Größe, welche die Fluth an die Küste geworfen hatte, ohne sie bedeutend zu beschädigen.

Der Anblick dieser Tonne brachte sie auf den Gedanken, ihre Nachforschungen weiter auszudehnen, in der Hoffnung, daß noch andere Gegenstände könnten an das Ufer geschemmt worden seyn, und wirklich fand sie auch eine kleine Kiste, einen Koffer, mit Kupfer beschlagen und mit ihres Vaters Namen, und, was sie mit großer Freude erfüllte, einen Verschlag, in dem sich ihre Guitarre befand, welche ihr Vater vor ihrer Abreise sammt Saiten und den nöthigen Musikstücken auf das Sorgfältigste eingepackt hatte.

»Güter Vater! rief Emma aus, mitten in der Einsamkeit findet dein unglückliches Kind die schätzbaren Gaben deiner Hand; aber ach! dich findet sie nimmer, ihren Führer, die Stütze ihrer Jugend und den Gegenstand ihrer zärtlichsten Liebe!«

Stille floßen ihre Thränen bei'm Anblicke dieses Instrumentes, das ihr Tage des Glücks zurückrief, von denen sie fürchtete, daß sie nie wiederkehren mochten; doch bald faßte sie sich: sie sah ein, daß sie die gefundenen Gegenstände vor der eintretenden Fluth in Sicherheit bringen müsse, und war darauf bedacht, sie an die Seite des Felsens zu schaffen, wo, wie sie wußte, die Wellen nicht hinkamen.

Um mit dem Gegenstande anzufangen, dem sie den meisten Werth beilegte, belud sie ihren gelehrigen Gefährten zuerst mit dem Verschlage, und brachte, ihn in eine der Höhlungen des Felsens, die ihr auch zur Aufnahme ihrer anderen Reichthümer ganz geeignet schien.

Ihre Verlegenheit war groß, wenn sie an das Gewicht aller der Sachen dachte, die sie vom Strande wegbringen sollte; glücklicher Weise kam sie aber auf den Gedanken, das kleine Kistchen mit Hülfe ihres Messers und eines Meisels zu öffnen, der ihr dazu diente, den Deckel aufzubrechen, und war auf das Angenehmste überrascht, verschiedenen Handwerkszeug darin zu finden, darunter mehrere Hämmer, Sägen, eine Hacke, zwei Spaten, Bohrer, Nagel, Stricke, mehrere Knäul Bindfaden und einen eisernen Topf, der zum Kochen von Leim gedient zu haben schien. Obgleich Emma noch nie von solchen Gegenständen Gebrauch gemacht hatte, so sah sie doch wohl ein, daß sie ihr von großem Nutzen seyn könnten.

Sie belud sich nun mit dem nöthigsten Handwerkszeug, gieng damit zu der Tonne zurück, und machte ein Loch hinein, um sich zu überzeugen, ob sie etwas Flüssiges enthalte; da dieß aber nicht der Fall zu seyn schien, so machte sie die Oeffnung größer, weil sie sehen wollte, ob ihr Inhalt verdiente, daß sie ihn mit sich nehme. Man denke sich ihre Freude, als sie eine Daube gesprengt hatte, und ihr begieriges Auge einen herrlichen Vorrath von Schiffszwieback entdeckte, der vom Wasser nicht im geringsten verdorben war.

Mit Thränen im Auge warf sie sich auf die Kniee und gelobte Gott tausendfältigen Dank für diese neue Wohlthat, deren sie eine noch größere durch ihre Ergebung und ihren Muth zu verdienen hoffte. Nachdem sie einen Zwieback gegessen hatte, den sie mit Azor theilte, der seit diesem Morgen nichts zur Nahrung gefunden, als einige Schaalthiere, und sich hinlänglich zu neuen Anstrengungen gestärkt glaubte, breitete sie ihre Schürze auf den Boden aus, legte einen Theil des Schiffszwiebacks darauf, wickelte alles fest zu einem Ballen zusammen, und rollte ihn so nach dem Felsen. Hierauf kehrte sie zu der Kiste zurück, nahm den Handwerkszeug heraus, und belud Azor mehrmals damit, während sie selbst einen, Theil des noch zurückgelassenen Zwiebacks in Sicherheit brachte. Den Rest führte sie mit Hülfe des Kästchens, das ihr als Karren diente, fort.

Den Koffer versuchte Emma nicht zu öffnen, weil sie den Eintritt der Fluth fürchtete; sie wollte ihn vor der Hand bloß an einen sichern Ort bringen, aber obgleich er weder sehr schwer noch sehr groß war, so schien es ihr doch höchst schwierig, ihn so fort zu ziehen, wie sie es mit dem Kistchen gemacht hatte. Doch die Noth drängte, die Fluth kam immer näher, und ein schneller Entschluß mußte gefaßt werden. Sie befestigte also einen Strick an einer der Handhaben des Koffers, spannte ihren Azor daran, half ihm ziehen, und sah zu ihrer großen Freude in Kurzem alle ihre Reichthümer an einem Orte geborgen, wo sie das Wasser nicht erreichen konnte.

Indessen war sie durch die ungewohnte Anstrengung so müde geworden, daß sie an diesem Abend unmöglich mehr in ihr Thal zurückkehren konnte, und auf der andern Seite konnte sie nicht ohne Furcht daran denken, eine ganze Nacht am Strande zuzubringen, wo das Geräusch der Wogen allein ihr schon den größten Schrecken verursachte. Doch entschloß sie sich endlich dazu, weil der Tag schon zu Ende gieng und sie wohl einsah, daß wenn sie noch länger ausruhen wollte, was ihr durchaus notwendig war, es ganz finster werden würde, ehe sie noch den Felsen erstiegen hätte. Sie untersuchte also den Ort wo sie sich befand, mit mehr Aufmerksamkeit als bis jetzt, und fand, daß es eine große Höhle war, deren Wände, obgleich ganz düster, doch durchaus nicht feucht waren; aber eine Fortsetzung im Hintergründe der Höhle, die Emma vorher nicht bemerkt hatte, verursachte ihr den größten Schrecken. Wildaussehende Pflanzen verdeckten zum Theil diese zweite Oeffnung, welche leicht der Aufenthaltsort irgend eines reißenden Thieres seyn konnte. Das arme Kind war in der tödlichsten Angst über diese furchtbare Ungewißheit, aber von Natur muthig und gewohnt, über Alles vernünftig nachzudenken, überzeugte sie sich bald, daß die Gefahr, die sie von dieser zweiten Oeffnung fürchtete, ebensowohl auch von Seiten der ersten kommen konnte, welche gegen den Strand hin sah, deshalb beschloß sie, beide so gut wie möglich mit den gefundenen Gegenständen zu verstopfen, und sich alsdann dem Schutze der Vorsehung anzuvertrauen, die sie auch unter den härtesten Proben nie ganz verlassen hatte.

Sie verstopfte also beide Oeffnungen so, daß nicht leicht irgend ein Thier durch dieselben eindringen konnte, ohne ihren treuen Azor, dessen Furchtlosigkeit sie kannte, zu erwecken, setzte sich zu ihrem Unglücksgefährten auf den Boden, und theilte in der Dunkelheit einige Stücke Zwieback mit ihm, welche das arme Thier gierig verzehrte. Aber kaum hatte sie ein wenig gegessen, so verdoppelte sich ihr Durst, der sie schon seit einigen Stunden gequält hatte, und den sie nicht mehr hatte löschen können, weil ihr die Wegschaffung der Tonne und der übrigen Gegenstände zuviel Zeit wegnahm, so sehr, daß sie ihr trauriges Versteck beinahe wieder geöffnet hätte, um an den Bach zu gehen, wo sie sich mehrmals gelabt hatte. Aber außer der weiten Entfernung davon erschien ihr auch die tiefe Dunkelheit, die auf dem Strande lag, als ein Hinderniß, das sie ohne die größte Unklugheit nicht unbeachtet lassen konnte.

Die Unglückliche ergab sich also mit Geduld in ihr Schicksal; denn obgleich sie eigentlich noch ein Lehrling war in der Schule des Unglücks, so waren doch gleich die ersten Schläge desselben so heftig, daß sie gewissermaßen gegen alle nachfolgenden abgehärtet war, und außerdem war Emma, ungeachtet ihrer großen Jugend, von so wahrer Frömmigkeit durchdrungen, daß sie daraus eine Kraft schöpfte, die ihre Jahre weit überstieg; wenn auch zuweilen die Größe ihres Unglücks ihre Geduld überwog, so führte sie doch ihr Vertrauen auf Gott bald wieder zu ihr zurück, und ihre Seele fand in der Erhebung zu Gott, wenn nicht gerade Ruhe, so doch die Hoffnung auf eine glücklichere Zukunft.

Seht sie im Gebet versunken in ihrer dunkeln Höhle, wo ein Hund ihre einzige Stütze ist; ihre Zunge vom Durste vertrocknet, ihre Glieder zitternd vor Ermattung, und mit ihren Gedanken bei dem besten der Väter, von dem sie auf so grausame Weise getrennt worden war. Aber seht sie; sie betet, sie betet mit heißer Inbrunst, und der Gott der Liebe zu dem sie fleht, sagt ihr, daß er sie nicht verlassen werde. Ihre Thränen fließen jetzt weniger bitter; sie hofft, und wer hoffen kann, für den ist das Unglück nicht ohne Trost.




Viertes Kapitel.

Beten und Arbeit sind zwei unfehlbare Mittel gegen die Uebel des Lebens; durch sie wird es uns schätzbar, und wenn es auch noch so elend wäre.


 

Die Nacht verstrich ohne daß Emma geschlafen hätte: sie hatte heute kein Lager von weichen trockenen Blättern, auf dem sie die müden Glieder ausstrecken konnte.

Endlich brach der Tag an, sie öffnete die Höhle, versah sich mit Mundvorrath, und gieng eilends zur Quelle, um mit ihrem Gefährten zu frühstücken und hernach ihren Reichthum zu ordnen, den sie nur zu kleinen Theilen in das Thal hinabtragen konnte, weil sie jedesmal über den Felsen klettern mußte, der es verschloß.

Ganz mit diesen Schwierigkeiten beschäftigt, bemerkte sie Anfangs nicht, daß ihr Hund fehlte, doch kaum war sie einige Schritte gegangen, als ihr die Abwesenheit desselben sogleich auffiel; da er ungeachtet ihres wiederholten Rufens nicht kam, so kehrte sie endlich in die Höhle zurück; und rief ihm auf's Neue, mit einer Angst, die keine Worte auszudrücken vermögen. Endlich glaubte sie ihn tief im Hintergrunde der Höhle, noch weit hinter der zweiten Oeffnung zu hören: sie näherte sich, rief auf's Neue, und endlich kam er zum Vorschein.

Er sah hastig und freudig aus, hüpfte um sie her und zog sie an den Kleidern nach der hintern Oeffnung, wie wenn er ihr anzeigen wollte, daß er eine glückliche Entdeckung gemacht habe.

Emma kannte zu genau den wunderbaren Instinkt ihres treuen Hundes, um zu zweifeln daß er nicht einen Grund zu seinem Benehmen habe; aber sollte sie sich mit ihm in die Tiefe der Höhle wagen? Doch entschloß sie sich endlich dazu, wälzte die Tonne über welche er weggesprungen war vollends weg, räumte das hindernde Gesträuch mit einem der gestern gefundenen Werkzeuge aus dem Wege, band Azor einen Strick um den Hals, an dem sie ihn hielt, und folgte ihm endlich mit größter Vorsicht.

Der Boden war ziemlich eben und bot keine Hindernisse, nur bemerkte sie, daß die Höhle, die überall ungefähr die gleiche Breite wie am Eingange hatte, mehrere Krümmungen machte.

Endlich, nach Verlauf einer Viertelstunde, sah sie plötzlich das helle Tageslicht wieder vor sich, und im nehmlichen Augenblicke befand sie sich in einer geräumigen Grotte, wo sich das Licht an ungeheuern Felskrystallen in tausend Farben brach. Stumm vor Verwunderung näherte sich Emma einem der Ausgänge der Höhle, und erstaunte noch mehr, als sie das liebliche Thal erkannte, wo sie bereits eine Nacht unter dem Baobab zugebracht, und den Bach, den sie vor wenig Augenblicken noch auf der entgegengesetzten Seite des Felsens gesucht hatte.

Leicht wie das Reh, das den Fluß erblickt, in dem es seinen brennenden Durst kühlen will, sprang sie darauf zu, erquickte sich in den klaren Fluchen, und stattete alsdann ihrem Azor den gebührenden Dank ab, indem sie ihn mit Liebkosungen überhäufte und den mitgebrachten Zwieback mit ihm theilte. Das gute Thier, dem nur die Sprache fehlte, drückte schmeichelnd seinen Kopf an sie, als ob es sagen zu wollen schien: »ich habe das Bächlein gefunden, das uns getränkt, den Baum der uns genährt hat; ich habe an deiner Seite gewacht und dich hieher geführt, wo sich gut wohnen läßt; fürchte nichts, ich will dich auch vertheidigen.«

Emma's Gemüth war so schnell von der Angst vor ihrem unterirdischen Spaziergang zur Freude, sich wieder in dem schönen Thale zu finden, übergegangen, daß sie nicht satt werden konnte es zu betrachten.

Auch die Grotte selbst war ein Gegenstand ihrer größten Bewunderung. Nach gehaltener Mahlzeit betrachtete sie dieselbe näher, und sah bald ein, daß sie für die Zukunft eine herrliche Wohnung für sie geben könne, und daß es ihr leicht fallen werde, ihre Tags zuvor gefundenen Sachen hieher zu bringen. Zwar mußte sie zu diesem Zwecke manche unterirdische Reise machen, aber dieß wog bei weitem die Mühe nicht auf, die sie gehabt hätte, wenn sie dieselben über den Felsen hätte schaffen müssen. Ueberdieß hätten sich manche Gegenstände gar nicht dazu geeignet, wie z. B. die Tonne, das Kistchen und der Koffer, welche alle für die junge Einsiedlerin vom größten Werthe waren. Diese hätte sie müssen am Strande zurücklassen, ohne daß sie ihr hier etwas genützt hätten.

Sie dankte deshalb dem Himmel aus tiefster Seele, daß er sie eine so schätzbare Entdeckung hatte machen lassen, und ermuthigt von dem Gedanken an den göttlichen Schutz, der ihr bei jeder Gelegenheit zu Theil ward, entschloß sie sich, sogleich in die Höhle auf der andern Seite zurückzukehren und von dort so viel ihr möglich wäre, in ihren neuen Zufluchtsort zu schaffen.

Die Vergleichung jener traurigen Höhle mit der lieblichen Grotte im Thale, machte das Glück, sie aufgefunden zu haben, noch schätzbarer; sie beeilte sich, ihre Schätze dahin zu bringen, und war nur noch nicht entschlossen, welchem davon sie den Vorzug geben sollte. Doch nach kurzer Ueberlegung entschied sie sich für den Zwieback. Nachdem sie aus ihrem Unterkleide, das zum Glück von sehr starkem Zeuge war, einen Sack verfertigt hatte, füllte sie ihn damit, lud ihn ihrem Gefährten auf, nahm selbst eine gute Ladung in ihre Schürze, und gieng damit zur Grotte. Diesen Gang wiederholte sie so oft, bis Müdigkeit ihr endlich Ruhe zum Bedürfniß machte.

Der Zwieback, die Tonne und der Verschlag mit ihrer Guitarre waren in der Grotte; Emma war müde geworden und verschob den Transport der übrigen Gegenstände auf den andern Tag. Inzwischen gieng sie zum Dattelbaum, sammelte neue Früchte und verzehrte sie mit Azor, der heute auch ein gut Theil mitgearbeitet hatte, am schattigen Ufer des Bächleins. Mit dieser Mahlzeit verband sie etwas Zwieback, den sie sich vorgenommen hatte in Zukunft sehr zu sparen, um für den Fall der Noth welchen zu haben. Ehe sie jedoch daran denken konnte, sich nach andern Nahrungsmitteln umzusehen, mußte sie zuerst Alles in die Grotte schaffen, was noch auf der andern Seite des Felsens zurück war.

Eine andere Sorge war nicht weniger dringend: da sie nehmlich einmal genöthigt war, ihren Aufenthalt im Thale zu nehmen, und doch immer hoffte, daß ihr Vater oder Dominicho sie suchen und vielleicht einmal hier landen würden, und alsdann leicht das Signal übersehen könnten, das sie zu ihrer Benachrichtigung aufgesteckt hatte, so mußte sie darauf bedacht seyn, ein anderes an seine Stelle zu sehen, an dem sie nicht vorbeigehen könnten, ohne ihr Daseyn auf der Insel zu bemerken.

Einer von den jungen Bäumen, die am Bache wuchsen, konnte diesen Zweck erfüllen, wenn sie ihren Namen in denselben einschnitt, und es ihr gelang, ihn auf die Seite des Strandes zu bringen und dort so zu pflanzen, daß er Wurzeln schlug. Dieser Gedanke gefiel ihr so sehr, daß sie beinahe wieder umgekehrt wäre, um den zur Ausführung desselben nöthigen Handwerkszeug zu holen, wenn nicht der bereits eingebrochene Abend und ihre außerordentliche Müdigkeit sie genöthigt hätten, die Arbeit auf den folgenden Tag zu verschieben. Um früher zur Ruhe zu kommen, gieng sie ohne Aufenthalt zum Baobab zurück, und versank auch, nachdem sie ihr Gebet verrichtet hatte, bald in tiefen Schlaf, während der treue Hund am Fuße des Baumes Wache hielt und ihre Ruhe beschützte, deren sie so sehr bedurfte.

Die aufgehende Sonne fand sie schon nicht mehr auf dem Lager; sie hatte von ihrem Vater geträumt, und war nun in Thränen, als der schöne Traum verflog.

»Ach, rief sie aus, mit dem Ausdruck des tiefsten Schmerzens, ich wäre zu glücklich gewesen! Theurer Vater! darf ich dich nie wiedersehen? Nein! es ist nicht möglich! Gott ist ja selber Vater; er kennt meine Gefühle und wird Mitleid mit mir haben! Ja, fuhr sie fort, die Hände zum Himmel erhoben, ja, gerechter Gott! du wirst Mitleid haben mit der armen Emma; jetzt ist sie verlassen auf dieser öden Insel, wohin dein Wille sie verbannt hat; lasse sie einst ihren Vater, ihren Freund wieder finden, dann wird auch sie noch glücklich seyn!«

Während dieses Gebetes war sie auf die Knie gesunken und in bittere Thränen ausgebrochen. Ihr Hund, der dieß sah, legte sich bei ihr nieder, und sah sie mit dem Ausdrucke unaussprechlicher Theilnahme an. »Armer Azor, sagte sie, unter tausend Liebkosungen, du theilst meinen Kummer; ich liebe dich auch recht herzlich; du hast mich gerettet, was wäre ich seit vier Tagen ohne dich auf dieser einsamen Insel geworden! Vier Tage! gerechter Gott! schon vier Tage, ohne meinen Vater gesehen zu haben! . . . Ich will den Tag aufschreiben, wo ich ihn verloren habe; unglücklicher 5. März des Jahres 1807.

Von Azor begleitet gieng sie nun in die Höhle und holte Handwerkszeug, um ihren Plan von gestern auszuführen, und den Baum auszugraben, den sie auf die andere Seite verpflanzen wollte; da aber ihr Hund, trotz aller Gelehrigkeit und alles Gehorsams doch nicht arbeiten wollte, ohne vorher seinen Hunger gestillt zu haben, so gab sie ihm die Hälfte des Zwiebacks und der Austern, die sie ebenfalls als Frühstück verzehrte, theilte den Handwerkszeug in zwei Ladungen, wovon sie Azor die schwerste zu tragen gab, und folgte ihm selbst mit der andern.

Man behauptet mit Recht, daß Gewohnheit uns mit dem Unangenehmsten und Ungewohntesten befreunde; auch Emma, die den dunkeln Gang zwischen beiden Höhlen das erstemal mit Bangigkeit durchwandert hatte, schritt jetzt nicht nur ohne Furcht, sondern auch beinahe ebenso sicher und rasch darin vorwärts, als wenn er vollkommen beleuchtet gewesen wäre. Sie kam auf diese Weise bald wieder in das Thal zurück, und grub den Baum mit Leichtigkeit aus, weil der Boden wo er stand, durch die Nähe des Baches erweicht war. Hierauf hieb sie die größten Zweige davon ab, um ihn leichter fortbringen zu können, aber jetzt schien ihr noch das Schwerste zu thun übrig: nehmlich ihn an einen Platz zu versetzen, wo er leicht von allen Seiten bemerkt werden konnte, und doch vor den heftigen Winden geschützt war. Nachdem ihr dieß endlich glücklich gelungen war, mußte sie ihn auch begießen, und bediente sich hiezu des eisernen Topfes, den sie gefunden; aber was mußte sie nicht bei dieser Arbeit leiden, die sie während der brennendsten Mittagshitze zu verrichten hatte. Endlich war sie fertig, und befestigte nun das Stück Kupfer daran, das sie von dem Koffer abgelöst hatte, und das ihren Namen als Aufschrift trug, und zweifelte nun nicht mehr, daß ihr Vater, wenn er wieder an diese Küste kommen würde, es sehen werde.

Emma war nach Beendigung dieser Arbeit zu ermüdet, um noch Handwerkszeug oder den Koffer in die Grotte bringen zu können; sie setzte sich also auf denselben nieder um auszuruhen, und über die Mittel ihn zu transportiren oder zu öffnen nachzudenken. Während sie so die verschiedensten Pläne entwarf, erinnerte sie sich auf einmal der Schlüssel, die sie bei sich trug, und wer beschreibt ihre freudige Ueberraschung, als es ihr schon bei'm dritten Versuche gelang, den richtigen zu finden. Sie hob die schwere Decke weg, mit welcher die in den Koffer eingepackten Gegenstände umwickelt waren, die das Meerwasser nicht verdorben hatte, und fand zu ihrer großen Freude ein Stück Leinwand, das für sie von unschätzbarem Werthe war, einen reichen Vorrath von Papier, Federn, Bleistiften und Tinte, und alle Bücher, welche ihr Vater zu ihrem Unterrichte gebraucht hatte, so wie mehrere von ihm ausgewählte Musikstücke.

Emma gerieth in Entzücken bei dem Anblicke aller dieser Sachen: »Vater! theurer Vater!« war Alles, was sie zu stammeln vermochte; aber welche Summe von Gefühlen lag in diesen Worten! Es war keines unter allen den Büchern, die sie in der freudigen Ueberraschung öffnete, das nicht eine Bemerkung von seiner Hand enthalten, oder das sie nicht an einen seiner weisen Rathschläge erinnert hätte; und hier, fern von ihm, an diesem unbewohnten Orte, fand sie die kostbaren Pfänder väterlicher Zärtlichkeit!

Unter den in dem Koffer vorgefundenen Gegenständen befand sich auch ein schönes kleines Kistchen, das ihre Freundinnen dem treuen Dominicho für sie mitgegeben hatten, und das Gürtel, geschmackvolle Bänder und sonstige Schmucksachen enthielt, auf welche die Jugend in der Regel so großen Werth legt; aber ach! der Anblick dieser niedlichen Kleinigkeiten konnte der keine Freude mehr machen, für die sie bestimmt waren. Wer in einer Einöde wohnt, dem erscheint die Eitelkeit, wie am Rande des Grabes, nur als ein leerer Traum, von dem er sich mit Verachtung abwendet. Die Welt zeigt sich ihm in ihrer ganzen Blöße; nur eine Wahrheit gibt es, Sehnsucht nach vergangenem Glück, und Furcht vor der Zukunft; Wenigen ist vergönnt, mit zufriedenem Blicke hinter sich und mit froher Hoffnung vor sich zu schauen.

Bei'm Anblick aller dieser Spielereien, die jetzt so unnütz für sie waren, fühlte unsere junge Einsiedlerin unendliche Trauer. Wie weit lieber wären ihr ein wollener Rock, wenn auch der gröbste, oder ein Paar Schuhe oder einige irdene Töpfe gewesen, die sie namentlich so sehr vermißte. Dennoch hob sie Alles sorgfältig auf, und war sehr äußerst erstaunt, als sie unter den Bändern ein Papier fand, das sie in der ersten Ueberraschnng nicht bemerkt hatte. Es war ein Brief von den zwei liebenswürdigen Schwestern, der, nach einer kurzen Zueignung ihrer kleinen Geschenke, folgendes enthielt:

»Meere werden uns trennen, theure Emma, und vielleicht Jahre darüber hingehen, ehe wir uns wiedersehen; aber in dem fremden Lande das nun deine Heimath werden soll, vergesse nicht, daß in Brest zwei Freundinnen von dir wohnen, die immer deine Entfernung betrauern und nie aufhören werden, zum allmächtigen Gott zu beten, daß er dich ihnen wieder schenke.«

»Ach! seufzte die Unglükliche, euer Gebet wird wohl nie erfüllt. Liebe Cecilie! gute Eugenie! wir sind auf ewig getrennt Ihr werdet leben im Schooße des Vergnügens, geliebt von zärtlichen Eltern, während eure Emma, allein, das Herz voll bitterer Erinnerungen, vielleicht in dieser Einöde stirbt.«

Doch plötzlich hielt sie mit ihren Klagen inne; sie fühlte die Verzweiflung in ihrem Herzen einem Gefühl von Freude weichen, das der Inhalt des Koffers unwillkührlich in ihr erweckte. Beinahe hätte sie gemurrt, in dem Augenblicke gerade, wo die Vorsehung, ihre Sorgfalt für sie so deutlich an den Hag gelegt hatte; sie fiel daher auf die Knie, und betete mit gefalteten Händen: »gütiger Vater im Himmel, verzeihe, wenn ein verlassenes Kind einen Augenblick an deinem göttlichen Schutze verzweifelte; aber dieser Brief und alle die Dinge hier, die mich an ein verlorenes Glück erinnern, zeigten mir plötzlich meine Einsamkeit in zu schrecklichen Farben; habe, Allmächtiger, Mitleid mit meiner Schwäche, und gib mir Muth, ohne Klage mein hartes Schicksal zu tragen.«

Gestärkt durch dieses Gebet und ausgeruht von den Anstrengungen des Morgens, machte sie sich daran, heute noch ihre neu aufgefundenen Reichthümer in die Grotte zu tragen. Das Unterkleid, das sie Tags zuvor in einen Sack umgewandelt hatte, diente auch heute zum Transport der Bücher, des Papiers und der Federn. Auch Azor that das Seinige, und zu Emma's großer Freude war der Koffer Abends ganz geleert.

Da sie nicht vorher ihren neuen Wohnort beziehen wollte, als bis Alles darin in Ordnung gebracht wäre, so gieng sie diesen Abend noch in ihre Höhle im Baobab zurück, verzehrte mit dem größten Appetit das Abendbrod und stand am andern Morgen mit Sonnenaufgang auf, um ihre Anordnungen zu treffen.

Von diesem Tage an zeichnete sie auch alle Gedanken und, Gefühle, die ihr Herz so vielfach bewegten, auf dem gefundenen Papier auf; es wurde dieß bald eine ihrer liebsten Beschäftigungen, und wenn meine jungen Leserinnen Emma's Schicksalen bisher das Interesse geschenkt haben, das sie so sehr verdienen, so werden sie mir Dank wissen, wenn ich ihnen nach und nach, ohne vorherige Einleitung, das wiedererzähle, was sie in den langen Tagen des Unglücks niederschrieb, die sie fern von aller menschlichen Gesellschaft hinbringen mußte.

»Heute, schrieb sie, ist der fünfte Tag daß ich meinen Vater nicht mehr gesehen habe. Theurer Vater! wenn diese Zeilen einst in deine Hände kommen, so wirst du nicht begreifen, was dein Kind Alles gelitten hat, entfernt von dir und dem guten Dominicho. . . . . Ach! wer mir früher gesagt hätte, daß ich ohne euch leben könnte! ich hätte dieß nie für möglich gehalten. . . . . Man kann also doch leben, auch fern von den Gegenstände« seiner Liebe? . . . . Welcher Widerspruch in mir! ich weine, weine um meinen Vater, und doch lebe ich und will leben; ich suche mit Emsigkeit meine Nahrung; ich fürchte den Tod; ich bewundere das schöne Thal, in das die Vorsehung mich geführt hat, und die schöne Sonne, die sich majestätisch am Himmelsgewölbe erhebt. Es ist Gottes Güte, die in diesem Gestirne sich offenbart, und dieß füllt mein ganzes Wesen mit Entzücken; es ist Gottes Güte ohne Zweifel, die den Drang zum Leben in mich legt. Theurer Vater! gewiß will Gott mich dir wieder geben . . . . Wo du auch bist, betest du zu Gott nun deine Emma, auch sie betet um dich, und fleht, daß er uns wieder vereine . . . Wie glücklich wäre ich, wenn du und Dominicho bei mir wären! Dann würde ich nicht mit Sehnsucht an die Welt zurückdenken, die nur im Fluge an mir vorübergeeilt ist; mit dir, mein Vater, wäre ich hier glücklich! Aber jetzt bin ich allein, Verlassen! O dieses Wort ist schrecklich auszusprechen! Armer Azor! du suchst vergebens mich zu trösten! Und doch muß ich an dich denken; du hast mich gerettet und in dieses Thal geführt, wo ich Datteln fand und vielleicht noch Manches zu meiner Nahrung finde. Ja, lieber Azor, ich muß an dich denken; du hast gewiß Hunger . . . . Lebe wohl, guter Vater! lebe wohl! Bald plaudere ich wieder mit dir. Wenn ich von dir schreibe, so glaube ich den Augenblick unserer Wiedervereinigung zu beschleunigen, denn gewiß, lieber Vater, gewiß, wir sehen uns wieder! ohne diese Hoffnung könnte ich nicht leben, und Gott, der sie in mein Herz gepflanzt hat, läßt sie nicht zu Schanden werden.«

In der Freude, einen Theil ihrer Gedanken und Gefühle dem Papier anvertrauen zu können, hatte Emma nicht sogleich bemerkt, daß ihr Hund sich entfernt hatte, und wurde sehr unruhig, als er auf ihren Ruf zum Frühstück nicht kam. Sie gieng daher ein wenig im Thale, das sie noch nicht untersucht hatte, vorwärts, rief ihm wieder, und sah ihn endlich erscheinen, ein junges Seeschwein im Munde, das er eben erwürgt hatte.

Emma kannte dieses Thier nicht, und ihre erste Regung war die des Schreckens; doch bald beruhigte sie sich, da sie bemerkte, daß es ihr nicht schaden könnte, und war darauf bedacht, auch aus diesem neuen Geschenke der Vorsehung Vortheile zu ziehen. Sie sammelte daher eilig dürres Holz, und suchte einen Stein, um damit und mit Hülfe einer ihrer eisernen Gerätschaften Feuer zu schlagen, was ihr auch gelang, indem sie als Zunder ein Stückchen von einem mousselinenen Tuche gebrauchte, das sie um den Hals trug; nicht ohne große Mühe brachte sie endlich ein Feuer zu Stande, an dem sie das Seeschwein fertig machen wollte. Aber das Schwierigste blieb noch zu verrichten: sie mußte das Thier abziehen und ausweiden, und das arme Kind hatte einen solchen Widerwillen gegen dieses Geschäft, daß sie beinahe auf den ganzen Braten verzichtet hätte. Da sie aber bedachte, daß sie sich bei einem längern Aufenthalte auf der Insel doch nicht immer bloß von Früchten würde nähren können, so entschloß sie sich endlich, zitternd am ganzen Körper, dazu, rammte, nachdem sie glücklich damit zu Ende gekommen war, zwei starke Zweige auf jeder Seite des Feuers ein, legte einen andern quer darüber, und hängte daran das Thier mit einem Bindfaden auf, den sie die Vorsicht hatte, von Zeit zu Zeit zu drehen. Ein Dattelblatt, das sie zweifach unter dem Thiere zusammengelegt und dessen Rand durch Steine etwas in die Höhe gerichtet hatte, diente als Bratpfanne, und ein anderes als Schüssel, um den fertigen Braten darauf, zu legen.

Indessen gieng über allen diesen Geschäften so viel Zeit hin, daß Emma genöthigt war einige Datteln zu genießen; sie wollte Azor auch davon geben, aber dieser, von dem Geruch des Bratens angezogen, that der angebotenen Mahlzeit wenig Ehre an, sondern wartete mit Ungeduld auf seinen Theil von dem Leckerbissen, womit er die Küche seiner Herrin bereichert hatte. Am Feuer liegend, folgte er mit den Augen jeder Bewegung des Seeschweins, die es an seinem Bindfaden über dem Feuer machte, und verlangte mit bittendem Blicke, daß Emma es abnehmen möchte.

Endlich war der Braten fertig, und Emma, besorgt für ihren getreuen Freund, theilte ihm ein tüchtiges Stück mit, und aß selbst ohne besondern Widerwillen davon. Zwar fand sie das Fleisch des Seeschweins fett und zart, doch schien es ihr eher einen Fisch, als einen Wildgeschmack zu haben; demungeachtet aber gedachte sie es, wenn Azor ihr noch mehreres brächte, in ihrem eisernen Topfe, den sie sorgfältig gereinigt hatte, zu sieden, um Fleischbrühe zu bekommen, die sie seit ihrem Aufenthalte auf der Insel sehr vermißte.

Auf ihren eigenen Erfindungsgeist beschränkt, um sich die nöthigsten Lebensbedürfnisse zu verschaffen, rief das arme Kind nun Alles zu Hülfe, was sie von ihrem Vater gelernt hatte; so sann sie auf auch Mittel, um sich Salz zu verschaffen, dessen Mangel sie zu fühlen begann. Sie wußte, daß in manchen Gegenden das Salz sich auf der Oberfläche des Bodens ansetzt, und nahm sich deshalb vor, solche Stellen zwischen den Felsen aufzusuchen; inzwischen schien es ihr leicht, sich Meersalz durch Abdampfen von Meerwasser zu verschaffen. Am nehmlichen Tage noch machte sie einen Versuch damit und erhielt auch eine kleine Portion Salz, die sie zwar durch Wiederholung dieses Verfahrens leicht zu vermehren hoffte, was aber dennoch mit unendlicher Mühe für sie verknüpft war, wegen der Entfernung des Meeres und der Schwere des Topfes, den sie zum Ausschöpfen und Verdampfen des Wassers brauchte.

Der ganze Tag gieng über diesem Geschäfte hin, und Emma, die gerne eine Ordnung in ihre verschiedenen Verrichtungen gebracht hätte, bedauerte sehr, daß die Sorge für ihre Nahrung ihr so viel Zeit wegnehme; aber ihre Lage war mit so vielen Schwierigkeiten verbunden, daß sie noch nicht so bald hoffen durfte, sich Arbeiten hinzugeben, die ihrem Geschmacke mehr zugesagt hätten. Sie mußte zuerst darauf denken, einige von den Hülfsquellen um sich zu vereinigen, welche die Insel ihr zu Befriedigung ihrer täglichen Bedürfnisse darbot; aber selbst wenn ihr dieß gelang, was blieb ihr nicht Alles noch zu überwinden? da sie selbst an dem Nothwendigsten Mangel litt, um daraus den gehörigen Nutzen ziehen zu können! Nur allein um sich Feuer zu verschaffen, hatte sie beinahe eine Stunde gebraucht, denn da sie noch nie Feuer geschlagen und nicht einmal Zündholzchen hiezu hatte, so war es ihr nur mit vieler Mühe und durch Aufopferung eines Theils ihres Halstuches gelungen, die trockenen Blätter, welche sie unter das Holz gelegt hatte, in Brand zu setzen. Um diesem Uebelstande für die Zukunft vorzubeugen, und die wenige Leinwand zu sparen, die sie besaß, wollte sie versuchen, Feuer unter der Asche zu erhalten, mochte sie etwas zu kochen haben oder nicht. Der Boden war so reichlich mit trockenen Zweigen bedeckt, daß es ihr, mit ein wenig Muth, leicht wurde, eine beträchtliche Menge davon in eine ihrer Grotte nahe gelegene Höhle zusammen zu tragen, was sie auch noch denselben Abend unternahm, und jeden Tag fortzusetzen beschloß.

Wie quälend auch die Gedanken waren, die das arme Kind, täglich bestürmen mußten, so konnte es doch nicht anders seyn, als daß so harte Arbeiten ihr einen herrlichen Schlaf verschafften, wenn die Dunkelheit sie zwang, davon abzustehen, und sich in die Höhlung ihres Baobab zurückzuziehen. Dagegen war sie auch, wie wir bereits angeführt haben, schon wieder auf den Füßen, wenn der Tag kaum anbrach, und brachte dem Höchsten die Gabe ihrer kindlichen Frömmigkeit dar. Dieß war auch der Augenblick, wo sie in Gedanken bei ihrem Vater war, und ihrer Sehnsucht und den Ausbrüchen ihrer kindlichen Liebe freien Lauf ließ: »Theurer Vater! rief sie oft aus, segne deine Emma, die fern von dir in ihrem einsamen Verbannungsorte weint, wo kein menschliches Wesen wohnt das ihrem Elende Trost brächte. Gewiß betest auch du, daß Gott dich meiner Liebe wieder schenke.«

Ein Strahl rückkehrender Hoffnung war beinahe immer der Erfolg ihrer rührenden Bitten, denn dieses Gefühl, so natürlich jeder menschlichen Brust, erlischt nie in der Seele dessen der beten kann. Von ihr aufgerichtet, trocknete sie ihre Thränen, sah freudig der Zukunft entgegen, von der sie Entschädigung hoffte, und gieng mit neuem Muthe an ihre harte Arbeit.

Auch ihr treuer Gefährte blieb nicht unthätig; denn außer seiner großen Anhänglichkeit an sie und seinem ungewöhnlichen Instinkte schärfte noch ein anderer, nicht minder kräftiger Sporn seinen Eifer, der Hunger nehmlich, den er wenigstens seit mehreren Tagen nur unvollkommen hatte befriedigen können. Er war deshalb auch schon den andern Tag, nachdem er das junge Seeschwein gefangen hatte, sehr aufgelegt, seine Jagd zu erneuern, und wollte eben wieder seinen Weg nach dem Innern des Thales nehmen, als seine Herrin, die heute Austern am Strande fangen, und vollends die noch in der Höhle zurückgelassenen Gegenstände in ihre Grotte bringen wollte, seinem Eifer Einhalt that und ihm befahl ihr zu folgen. Dieser Weisung mußte er gehorchen und den dunkeln Weg einschlagen, den er schon so oft, mit schwerer Bürde beladen, zurückgelegt hatte. Dieß war Azor freilich höchst ungelegen, und er murrte auch darüber leise vor sich hin, doch als gutgezogener Hund widersetzte er sich nicht; als sie aber am Ende des Weges angelangt waren, sprang er, sey es aus übler Laune oder Instinkt, hastig dem Strande zu, so daß ihn Emma wenigstens eine halbe Stunde lang aus dem Gesichte verlor. Als sie ihm endlich gefolgt war, sah sie ihn zu ihrem großen Erstaunen im Kampfe, mit einer Schildkröte von mittlerer Größe, die er auf den Rücken geworfen hatte und mit seinen ungeheuern Zähnen eben vollends tödtete.

Trotz Emma's Widerwillen gegen solche Auftritte konnte sie doch nicht umhin, sich über den glücklichen Fang zu freuen, denn sie hatte von ihrem Vater und auf dem Schiffe gehört, daß das Fleisch der Schildkröten nicht nur ein von den Seefahrern sehr gesuchtes Nahrungsmittel ist, sondern daß auch das das Fleisch umgebende Fett zur Zubereitung aller Arten von Speisen dient, und man ein Oel daraus gewinnen kann, das zu verschiedenen ökonomischen Zwecken verwendet wird4.

Voll Freude über diesen kostbaren Fang, nahm sich die junge Einsiedlerinn vor, ihren Hund nunmehr oft auf die Schildkröten-Jagd auszuschicken, und lud die bereits gefangene Azor auf den Rücken, der, stolz auf seine Beute, freudig nach dem Thale zurückgieng, wo sein Eifer durch ein Stück Seeschweinfleisch belohnt wurde, das er mit einem Schlucke verzehrte.

Emma , machte sich nun sogleich daran die Schildkröte zu zerlegen, wobei sie sich sehr in Acht nahm, die Schale nicht zu verletzen, die ebenso nützlich für sie war als das Fleisch; einen Theil der zerlegten Stücke trug sie in ihre Grotte, legte sie auf Dattelblättern zurecht, und sott das Uebrige in dem eisernen Topfe, bei gelindem Feuer, in der Hoffnung, daß die daraus gewonnene Fleischbrühe leicht die von dem Seeschweine übertreffen werde.

Auch die in der Schildkröte gefundenen Eier waren ein kostbares Hülfsmittel für sie; sie sott eines davon zum Frühstück, und bewahrte die andern an einem sichern Orte auf.

Auf mehrere Tage nun außer Sorgen für ihre und ihres Gefährten Ernährung, dessen Appetit immer gesund war, gieng sie, während ihr Mittagessen kochte, in die Höhle zurück, holte dort die Geräthschaften, an deren Fortschaffung der Transport der Schildkröte sie verhindert hatte, und stellte hernach in der Grotte Alles an seinen gehörigen Platz. Als sie mit dieser Arbeit fertige war, wollte sie auch ihre Schlafstätte darin aufschlagen, aber unglücklicherweise mußten die Thüren und Fenster derselben offen bleiben, und dieß war ein großer Uebelstand, dem sie nicht abzuhelfen wußte.

Wie bereits angeführt, hatte nehmlich die Grotte, außer dem Haupteingang, noch mehrere Oeffnungen nach dem Thale zu, durch welche sie Licht erhielt. Unter diesen war jedoch nur eine einzige groß genug um durchgehen zu können, die andern alle waren nur eine Art Löcher in einer gewissen Höhe, und Dachlucken ähnlich; aber diese Lucken, so nützlich sie bei Tag waren, mußten dennoch während der schlechten Jahreszeit, und bei Nacht, wegen der Nähe des Meeres, sogar im Sommer höchst unangenehm seyn.

Und auf der andern Seite konnte Emma, ungeachtet sie ihre Furcht vor wilden Thieren, weil sie nie ein anderes Geschrei als das der Vögel hörte, und überdieß dem Muthe und der Stärke ihres Hundes vertraute, so ziemlich abgelegt hatte, sich doch eines gewissen Schreckens nicht enthalten, wenn sie daran dachte, ihre Nächte in einer offenen Grotte zubringen- zu müssen. Der Baobab schien ihr sicherer, aber dieser Baum war etwas entfernt, und überdieß kam es ihr angenehmer vor, da wo sie den Tag über wohnte, auch die Nacht zuzubringen. Endlich, nachdem sie Alles hin und her überlegt und abgewogen hatte, kam ihr auf einmal ein lichtvoller Gedanke in den Sinn: sie konnte die Oeffnungen der Grotte, die ihr so viele Unruhe verursachten, verschließen, nur gehörte Muth und Geduld dazu.

Die starken Binsen die am Ufer des Baches wuchsen, und die jungen im Thale zerstreuten Bäume lieferten ihr die Materialien; aus den ersten konnte sie Matten flechten von der Höhe und Weite jeder Oeffnung, was sie bei Dominicho oft gesehen, und sich sehr gut erinnerte wie er es gemacht hatte; aus den letztern konnte sie Rahmen machen, auf denen sie die Matten aufnagelte. Das Leder, mit welchem der Koffer überzogen war, wollte sie als Thürangeln gebrauchen, und unter dem Inhalte des Kistchens hoffte sie schon etwas zu finden, was ihr als Riegel dienen konnte, um ihre Thüren und Fensterläden damit zu verschließen. Aber wie nun Nägel in dem Felsen festmachen? Fürwahr dieß war unmöglich: sie brauchte dazu Handwerkszeug und eine Kraft die sie nicht besaß . . . . Doch, der Stein hatte kleine Höhlungen, in welche man Hölzer schlagen konnte, auf die sie die ledernen Scharniere aufnagelte.

Stolz auf eine so schöne Erfindung, und voll Begierde ihr Talent zu versuchen, schnitt sie sogleich eine Partie Binsen ab, flocht dann mit Hülfe des gefundenen Bindfadens eine Matte, und zweifelte nun nicht mehr an dem Erfolge ihres Unternehmens.

Aber der Tag rückte vor, und der angenehme Duft der aus dem eisernen Topfe aufstieg, schärfte ihren Appetit so sehr, daß sie die Fortsetzung ihrer Arbeit auf den folgenden Tag verschob. Ueberdieß mußte sie sich noch einen Löffel aus Holz fertigen, um ihre Suppe essen zu können; dieß war ein wesentliches Stück in ihrer Haushaltung, das sie nicht entbehren konnte, und obgleich sie nicht hoffen durfte, einen vollkommen schönen zu Stande zu bringen, so mußte er doch wenigstens so seyn, daß sie davon Gebrauch machen konnte. Sie wählte dazu ein Stück zarten Holzes aus, gab ihm ungefähr die Form eines Löffels, warf alsdann ein Stückchen Zwieback in die Schildkrotschale, goß ein wenig Fleischbrühe darauf, und fand, als sie davon kostete, daß sie eine herrliche Suppe hatte. Unglücklicher Weise mußte der arme Azor so lange warten, bis Emma ihre Portion verzehrt hatte, weil bloß ein einziges Gefäß da war, und der Hund mit Recht zuletzt kam. Vor seiner Herrin sitzend folgte er jedem Bissen von der Schale bis zum Munde; doch endlich kam es auch an ihn, und es läßt sich denken, mit welcher Gier er über die kräftige Suppe herfiel, auf die er mit so großer Ungeduld gewartet hatte, und auf das Stück Schildkröte, das er zuletzt noch als Belohnung erhielt.

Emma hatte nun zwar einen Löffel zur Suppe, aber keine Gabel um ihr Fleisch zu essen, deshalb wollte sie ihr Talent noch weiter versuchen und außerdem auch ein kleines Teller verfertigen, statt dessen sie sich bisher einiger Dattelblätter bedient hatte. Ehe sie jedoch daran denken konnte, ihr Besteck zum Essen zu vermehren, mußte sie zuerst ihre Fenster und Thüre fertig machen, sie legte sich also, um desto frühzeitiger zu ihrer schweren Arbeit aufstehen zu können, schon frühe in dem Baobab nieder, den sie erst verlassen wollte, wenn sie die Grotte ganz in wohnlichen Zustand gesetzt hätte.



Fünftes Kapitel.

Thränen sind oft die Mutter der Tugend, und das Unglück eine Stufe mehr auf der Leiter zum Himmel.
Chateaubriand.


Ohne Zweifel haben meine jungen Leserinnen bereits alle Schwierigkeiten überdacht, die sich unserer Emma bei Ausführung ihres Vorhabens entgegenstellten. Sie mußte auch nicht nur eine bedeutende Menge Zweige abschneiden, sondern auch Bäume zu Seiten- Zwischen- und Querstangen fällen, dieselben zuschneiden, um sie auf einander nageln zu können, Matten flechten, Handhaben zu mehreren Stücken des benöthigten Handwerkszeugs verfertigen und endlich Löcher in den Boden graben, in welche die Stangen gestellt werden mußten. Diese Arbeiten konnte sie natürlich nicht alle an einem Tage versehen, denn abgesehen von ihrem Mangel an Uebung hätte sie auch die hiezu nöthigen Kräfte nicht gehabt.

Betrachtet, junge Mädchen, die ihr in Weichlichkeit erzogen seyd, und deren Finger vielleicht über dem Entblättern einer Rose ermüden, betrachtet die unglückliche Emma in ihrer Einsamkeit; zwar war ihre Erziehung zweckmäßiger als die eure, doch hatte sie nie härteres zu ertragen, als was für, ihr Alter und Geschlecht paßte; sie war einst zärtlich geliebt, und umgeben, von glücklichem Wohlstande; jetzt ist sie verlassen; ohne Stütze, ohne Trost muß sie mühsam jeden Tag ihre Nahrung sammeln; die Erde ist ihr Bett, Blätter ihre Decke; von Allem entblößt, kann sie sich nur mit Anstrengung die nöthigsten Bedürfnisse verschaffend!

Wenn ihr alles Ungemach, alle Entbehrungen, die sie ertragen mußte, überdenkt, wenn ihr ihre Ergebung, ihren ganzen Muth zu würdigen wisset, so fühlet euch vom innigsten Danke durchdrungen, wenn ihr euer eigenes Glück betrachtet; segnet euren göttlichen Urheber, und wenn später vielleicht auch euch eines von den Leiden trifft, die das Leben so reichlich in sich schließt, so erinnert, euch an Emma's Ergebung, an ihren Muth im Unglück, und suchet, wie sie, im Gebet und in der Hoffnung auf Gott die Kraft zu Ertragung eurer Leiden zu finden.

Nach einer Woche der härtesten Arbeit waren endlich die Thüre und die Fensterläden an ihrer Stelle, und die junge Einsiedlerin, die sich auch eine schöne Matte geflochten hatte, um ihr Bett von Blättern darauf zu machen, konnte ihre Grotte beziehen, wo auch Azor eine bequemere Zuflucht fand als unter dem Baobab.

Während seine Herrin sich so beschäftigte, war das treue Thier, ebenso verständig als muthvoll, nicht unthätig geblieben: entweder machte es den Lastträger, oder fieng es junge Seeschweine und Schildkröten. So ward auch die Küche reichlich versorgt, und Emma sah auf ihrem Tische oder vielmehr auf dem Rasen, wo sie ihre Mahlzeit verzehrte, einen Ueberfluß, den sie ganz allein ihrem braven Gefährten verdankte, der übrigens, beiläufig gesagt, einen Appetit hatte, zu dessen Befriedigung er mehr brauchte als Emma in mehreren Tagen verzehrte.

Auch ihr Küchengeschirr vermehrte sich unterdessen mit zwei Schildkrotschalen, deren eine sie als Teller brauchte, und die andere Azor überließ, der auf diese Weise nicht mehr auf seine Suppe warten durfte.

Ebenso bewahrte sie die Felle von den Seeschweinen sorgfältig auf; sie sah nehmlich wohl ein, daß, wenn ihre Kleider einmal zerrissen wären, diese Felle ihre einzige Bedeckung seyn würden, und spannte sie deshalb über Baumzweige aus. Das erste, welches sie auf diese Weise getrocknet hatte, kam ihr auch gleich sehr gut zu Statten, um ihre Schuhe damit zu überziehen, welche durch das Meerwasser in den traurigsten Zustand versetzt worden waren.

So vermehrten sich mit jedem Tage die Arbeiten der armen Emma. Schon längst fühlte sie großes Verlangen, sich ein wenig weiter in dem Thale umzusehen, und dabei zugleich für Zeiten der Noth auch noch andere Mittel zu ihrem Unterhalte zu suchen; doch schien es ihr, ehe sie diesen Ausflug unternahm, nöthig, vorher die Datteln zu sammeln, die noch auf dem Baume hiengen, von dem sie ihre erste Nahrung bezogen hatte. Aber dieß war keine geringe Aufgabe; außer, der Mühe, die ihr das Sammeln der Früchte, wozu sie auf die mühsamste Weise den Baum erklettern mußte, verursachte, mußte sie auch Körbe flechten, um die an der Sonne getrockneten Früchte aufzubewahren. Außerdem brauchte sie noch zwei andere Körbe, einen für sich, den andern für Azor, in welchen sie Mundvorrath auf ihre Reise mitnehmen wollte. Die Rippen der Dattelblätter und die Fasern der Fruchtbüschel dienten ihr hiezu als Material.

Um keine Zeit zu verlieren, war sie genöthigt während der drückendsten Mittagshitze zu arbeiten, und es ist wörtlich wahr, wenn ich sage, daß sie sich im Schweiße ihres Angesichtes die ersten Lebensbedürfnisse verschaffen mußte. Doch war es nicht dieß, was ihr Herz mit der größten Bitterkeit erfüllte; immer in Gedanken mit der Trennung von ihrem Vater beschäftigt, dachte sie kaum an ihre übrigen Leiden.

»Werden denn, schrieb sie hierüber in ihrem Tagbuche, meine Tage so hingehen, ohne daß ich dich wiedersehe, theurer Vater! Wie kann ich doch leben in dieser schrecklichen Einsamkeit! Ich begreife mich selber nicht. . . . Ach! ich bin dennoch sehr unglücklich! unglücklich wenn ich deinen lieben, Namen ausspreche, den jeder Augenblick mir in's Gedächtniß ruft; unglücklich wenn ich an deinen Kummer und deine Gefahren denke. . . . Ach geliebter Vater! bist, du vielleicht! . . . . Doch nein, fort mit diesem fürchterlichen Gedanken, er würde mir allen Muth rauben. . . . Gott, der mich erhalten hat unter tausend Gefahren, und mir in meiner Verlassenheit die Kraft zu Arbeiten verleiht, deren Ausführung mir sonst unmöglich geschienen hätte, hat auch dich meiner treuen Zärtlichkeit erhalten« . . . .

»Wann werden wir wieder vereint seyn? wann kann ich dich wieder an mein Herz drücken und dir die Früchte deiner Erziehung zeigen? Ohne deine weisen Lehren, was wäre aus mir geworden in dieser Einöde? Deiner Unterstützung, ja jeder menschlichen Hülfe beraubt, rufe ich mir jetzt alle die nützlichen Dinge in's Gedächtniß zurück, die du mich gelehrt hast. Deiner väterlichen Sorge verdanke ich es, daß ich nicht erlegen bin, zuerst unter der Last der Entbehrungen, und hernach unter den harten Arbeiten, die ich jeden Tag verrichten muß. Ohne das Ungemach zu ahnen, das dein armes Kind betraf, lehrtest du sie das Unglück kennen; du gewöhntest ihren Körper an Strapazen, und was über diesem Allem steht, du machtest sie mit Gott bekannt, lehrtest sie ihn lieben und seiner unendlichen Güte vertrauen, und daraus, theurer Vater, schöpft sie heute alle ihre Kraft und ihren, Muth!: Es ist wahr, ich bin unglücklich, sehr unglücklich, aber ich hoffe noch, und meine Ergebung wird mich des Glücks würdig machen, dich wieder zu finden und dir die mühevollen Arbeiten zu zeigen, deren es bedurfte, um mein trauriges Leben zu fristen« . . . .

»Wie oft sagtest du zu mir: »»Arbeite, Emma, erwerbe dir Fähigkeiten und Kenntnisse; beschäftige dich immer mit nützlichen Dingen, denn wir sind es dem Himmel schuldig, daß wir von den edlen Gaben Gebrauch machen, die er uns verliehen hat.«« Hier kann ich nun nichts mehr lernen, aber ich kann das, was ich weiß, anwenden, um mein grausames Loos zu versüßen; ich kann in meinem Herzen das Andenken an deine weisen Rathschläge erhalten und die Tugenden reifen lassen, die du in dasselbe legtest, und deren edelstes Vorbild ich jeden Augenblick in dir selbst bewunderte.«

Ihr seht, meine freundlichen Leserinnen, daß sich das tugendhafte Kind weder über ihre Entbehrungen noch ihre schweren Arbeiten beklagte; ihr Vater und immer ihr Vater war der ewige Gegenstand ihrer Sehnsucht und Thränen; gewiß handelte sie dadurch nicht gegen die Vorschriften unserer Religion, die, ganz Liebe, weit entfernt unsere Thränen zu verdammen, sie verlohnend zwischen uns und das Unglück stellt.

Nie die Hoffnung verlierend, ihren Vater wiederzufinden, ließ Emma keinen Tag verstreichen, ohne nach dem Baume zu sehen, den sie auf der andern Seite des Felsens in der Nähe des Strandes gepflanzt und an welchen sie das Kupferblech befestigt hatte. Der Gedanke, ihr Vater möchte an der Küste landen und das Signal bemerken, hatte sicher seit längerer Zeit schon nicht wenig zur Verschiebung ihrer kleinen Reise beigetragen. Da sie sich aber doch endlich von der Fruchtlosigkeit ihres Wartens überzeugte, so entschloß sie sich, ohne jedoch die Hoffnung für die Zukunft zu verlieren, zur Ausführung ihres Vorhabens, füllte einen von den Körben mit Mundvorrath, nehmlich mit Zwieback, Eiern und Schildkrötenfleisch, und lud ihn Azor auf; den andern nahm sie an den Arm, um hinein legen zu können, was sie vielleicht unterwegs fand, bedeckte sich mit einem Hute, den sie aus Blättern gemacht hatte und machte sich mit ihrem Gefährten eines Morgens auf den Weg, nicht ohne sich oft vorher nach ihrer Grotte umgesehen zu haben, wo Gewohnheit ihr die Gegenstände lieb gemacht hatte und nicht ohne einen gewissen Grad von Widerwillen, daß sie sich davon entfernen sollte.

Doch dieses Gefühl machte bald einer Bewunderung Platz, die bei dem Anblick der herrlichen Landschaften im Innern des Thales mit jedem Schritte wuchs. Zwar hatte sie dieselben schon von der Höhe des Felsens aus, den sie oft bestieg, bewundert, aber wenn alsdann der Anblick des Ganzen sie überraschte, so war sie jetzt entzückt von den einzelnen Schönheiten desselben, dem Reichthum und der Fruchtbarkeit des Bodens.

Das erste was ihr auffiel, war eine weite Fläche, mit Reis, in dem sich Tausende von Vögeln aufhielten, und mit einer Art von Kartoffeln bewachsen, die vollkommen reif zu seyn schienen. Voll Freude über den Anblick dieser kostbaren Frucht, die sie nicht auf der Insel gesucht hätte, war Emma auf dem Punkte, auf die Weiterreise zu verzichten, und sogleich, mit der Erndte derselben anzufangen, die sie für die Zukunft vor aller Noth schützen konnte; doch Hingerissen von der Schönheit der vor ihr liegenden Landschaft, gieng sie weiter, indem sie sich dem Bache näherte, der das Thal durchschnitt, und sah so nach und nach die wunderbare Banane, und den zierlichen und majestätischen Cdcosbaum, der seine reiche Krone über Wiesen voll der schönsten Blumen ausbreitete; sie sah lachende Hügel, bedeckt mit Reben, Orangen, herrlichen Ananas und Zuckerrohr, unveredelt zwar, aber doch für sie von großem Nutzen, und eine Menge anderer Pflanzen, deren Gebrauch sie nicht kannte.

Staunend über so viele Reichthümer fiel Emma auf die Kniee, um dem Himmel ihren innigsten Dank dafür zu sagen. »Gütiger Gott, betete sie: Dein gnädiger Wille ließ ein armes Kind in ihrer Einsamkeit alle Wohlthaten finden, die Deine unendliche Güte über die Erde ausgegossen hat! Die Hand des Menschen hat hier nichts vervollkommnet, sie hat den Boden nicht bebaut, und doch trägt er Alles im Ueberfluß, und Emma ist es, für die Du diese Wunder gethan hast!«

Die Augen voll Thränen, sah sich das arme Kind mit Gefühlen um, die keine Worte beschreiben können; so fühlbar schien sich ihr die Güte der Vorsehung noch nie geoffenbart zu haben. Man muß die Last des Unglücks getragen haben, um die Gaben des Himmels gebührend schätzen zu können. In der Welt und unter ihren falschen Vergnügungen erzogen, hätte Emma vielleicht nie nach der Quelle aller Wohlthaten geforscht, die dem Menschen auf Erden geboten sind; wie so viele Andere hätten dieselben hingenommen, ohne zu denken, daß sie eines Dankes werth seyen; aber hier, allein, nur in Gegenwart des mächtigen Gottes, den ihr Vater sie hatte kennen gelehrt, die Beute eines bittern Schmerzes und aller Arten von Entbehrungen, wie hätte sie nicht die Wunder anstaunen sollen, die sich ihrem Auge darboten, und ihrem göttlichen Urheber dafür danken?

Lange stand sie so, ohne zu wissen, welchem von diesen Schätzen sie den Vorzug geben sollte. Die Trauben, deren mehrere schon reif waren, trugen endlich den Sieg davon. Nachdem sie einige gegessen hatte, füllte sie einen von ihren Körben damit, und nahm sich vor, die übrigen in Bälde vollends abzulesen. Ihre Absicht war jedoch nicht, sie in ihrem jetzigen Zustande mit sich zu nehmen, weil sie sich sonst durch ihr eigenes Gewicht verdorben hätten, sondern sie wollte sie an den Gesträuchen, deren es eine Menge im Thale gab, aufhängen und an der Sonne trocknen wie die Datteln, und dachte dadurch ein nützliches Nahrungsmittel zu gewinnen, das sie während der Regenzeit benützen wollte, wo sie ihren Unterhalt wahrscheinlich nicht auswärts suchen konnte. Sie wußte zwar nicht, wenn diese eintreten würde, doch hatte sie von ihrem Vater und dem guten Schwarzen gehört, daß man in St. Domingo und vielen andern Gegenden die Jahreszeiten nicht in Sommer und Winter abtheilt wie in Europa, sondern in eine trockene und eine regnichte, und da sie besorgte, daß diese letztere bald auf das schöne Wetter folgen möchte, das sie seit ihrem Aufenthalte auf der Insel bis jetzt gehabt hatte, so wünschte sie, als gute Haushälterin, sich keinem Zufalle in dieser Beziehung auszusetzen, und nahm sich deshalb vor, ihre Thätigkeit zu verdoppeln und nichts unbenutzt zu lassen, was die Vorsehung zu ihrer Verfügung gestellt hatte.

Glücklich über ihre werthvollen Entdeckungen und ziemlich müde von der Reise, denn sie hatte ungefähr 3 Meilen zurückgelegt, kam Emma Abends in ihre Grotte zurück; doch brachte sie schönen Vorrath, darunter eine prächtige Cocosnuß mit, aus deren Schale sie sich ein neues Geräth in ihre Haushaltung zu fertigen dachte und die Zufriedenheit die sie fühlte, ließ sie die gehabte Mühe leicht vergessen.

So vermehrten sich ihre Geschäfte mit jedem Tage, und nie legte sie sich nieder, ohne neue Pläne für den kommenden Tag zu entwerfen. So sehr ihr aber auch ihre Geschäfte am Herzen lagen, so konnte sie sich doch nicht enthalten, zuweilen einen Blick der, Sehnsucht auf ihr Papier, ihre Guitarre und ihre Bücher zu werfen: wie 14.0pt;gerne wäre sie zu ihren lieben Studien zurückgekehrt, und hätte in Ruhe den ganzen Unterricht ihres Vaters wieder durchgegangen? Aber vor Allem mußte sie leben. Hier stellten sich weder die Vergnügungen der Welt noch die Aufdringlichkeit müßiger Leute ihrer Lernbegierde entgegen, sondern die gebieterische Nothwendigkeit war es, die ihr sagte: lasse diese leichten und angenehmen Beschäftigungen, die einst die Freude deines Lebens waren; wozu willst du nachdenken, wozu lesen? lasse die Feder und das Instrument, dessen süßen Tönen dein Herz sich sonst so gern öffnete; verhärte es, dieses Herz, das das Unglück ohnehin schon gebrochen hat, härte es ab gegen Einsamkeit und die Trennung von dem besten der Väter; entsage den Freuden deiner Kindheit; beuge deine zarten Glieder unter den härtesten Arbeiten, denn wenn du einen Tag dieß unterläßt, wenn du dich nicht beeilst, zu erndten was dir dieß verlassene Eiland beut, an das das Unglück dich geworfen hat, so wird Hunger, grausamer Hunger deine Eingeweide zerreißen, du wirst sterben in Mangel und Elend, ohne daß ein menschliches Wesen um dich weinte und deine letzten Seufzer empfienge.

Armes Kind! welchen Muth, welche Fassung und welche Frömmigkeit bedurftest du, um ohne Murren solche Anstrengung und solche Opfer zu ertragen! Aber du betetest unter der Anstrengung die deine Kräfte überstieg, und wenn du, genötigt aufzuhören, dem bittendes Auge zum Himmel erhobst, so schwand deine Müdigkeit, und süße Hoffnung lächelte dir.


Robinson

Am andern Tage gieng sie in die Reiserndte und füllte ihre Tonne ganz damit an; überdieß hatte sie die Freude, herrliche Kartoffeln zu essen, die sie zu Schildkrot- und Seeschwein-Fleisch verzehrte, das ihr Azor beständig lieferte. Den kleinen Vorrath von Zwieback wollte die vorsichtige Haushälterin kluger Weise nicht mehr angreifen, sie schloß ihn daher in die Kiste ein, deren Inhalt sie herausgenommen hatte, und ersetzte diese Speise durch Kartoffeln, die sie entweder in der Asche oder in siedendem Wasser fertig machte, und die auch Azor sehr liebte.

Das Reisfeld war nicht sehr entfernt von Emma's Grotte, deshalb konnte sie diese Frucht leichter heimschaffen als die andern. Aber die Trauben waren eine und eine halbe Meile davon entfernt, und man sieht leicht ein, wie viele Mühe es ihr machte, jedesmal diesen weiten Weg zurückzulegen, die Trauben an Zweigen aufzuhängen, sie in der Sonnenhitze umzuwenden und hernach nach Hause zu bringen. Zu dieser letztern Arbeit war ihr zwar Azor von großem Nutzen, wenn man aber die außerordentliche Hitze und die Entfernung des Ortes bedenkt, so sieht man leicht ein, was die arme Kleine dabei durchzumachen hatte. Während sie ihre Trauben trocknete, war sie so glücklich, sich einen Hut aus Reisstroh zu flechten, der sich zwar in Form und Geflecht mit den zierlichen Hüten, wie sie in Europa verfertigt werden, nicht messen konnte, sie aber doch immer vor den Sonnenstrahlen schützte, die senkrecht auf ihren Scheitel fielen. Durch diesen neuen Erfolg ermuthigt, wollte Emma nun versuchen, sich wie Robinson, mit dessen Schicksal das ihrige leider eine so traurige Ähnlichkeit hatte, einen Sonnenschirm zu fertigen. Reisstroh das sie zurichtete, und Zweige die sie anstatt der Fischbeine brauchte, waren ihr ganzes Material dazu. Aber wer beschreibt ihre Freude, als sie dieses kostbare Stück, schlecht und recht, endlich zu Stande hatte, und nun damit auf ihren Ausflügen der brennendsten Sonne trotzen konnte. Selbst Azor freute sich dieser schönen Erfindung, denn der neue Schirm war breit genug, daß auch er darunter Schutz finden konnte, wenn er neben Emma gieng, und man kann sich leicht einbilden, mit welcher Befriedigung das arme Thier sich diese Erleichterung zu Nutzen machte, besonders wenn er gerade etwas tragen mußte. Endlich waren die Trauben trocken und in der Grotte bei den Datteln untergebracht. Aber noch waren in der Nähe desselben Hügels die Zitronen und das Zuckerrohr zu holen, durch deren Vermischung sie schon einigemal ein herrliches Getränke erhalten hatte, das sie außerordentlich liebte. Auch von diesen beiden Produkten wollte sie eine ziemliche Parthie einheimsen. Mit den Zitronen war dieß leicht, nicht so aber mit dem Safte des Zuckerrohrs, den sie nicht anders erhalten konnte, als wenn sie ihn kochte und in Gefäße goß, die ihr durchaus fehlten. Sie mußte deshalb, um dieser Schwierigkeit abzuhelfen, eine beträchtliche Menge Cocosnüsse sammeln, und sie zu Gefäßen zurichten, was wiederum eine schwere Arbeit war.

Da sie in der Gegend, wo sie ihre verschiedenen Früchte einerntete, keinen Baum finden konnte, der hohl genug gewesen wäre, um ihr des Nachts als Zuflucht zu dienen, und es überhaupt klüger fand, nie zu lange von der dem Strande so nahen Grotte entfernt zu bleiben, so mußte unsere junge Einsiedlerin jeden Abend den Weg zurück machen, den sie Morgens hin gemacht hatte. Auf diesem Gange lud sie sich immer so schwer auf, daß sie beinahe unter ihrer Last erlag, und von Zeit zu Zeit ausruhen mußte um Athem zu schöpfen und den Schweiß abzutrocknen, der ihr vom Gesichte rann.

So mühsam auch diese Verrichtungen waren, so fand sie doch bald ein gewisses Vergnügen daran, das sie für ihre Anstrengung entschädigte: so hatte sie zum Beispiel an dem Tage wo sie sich zum ersten Male ihres Hutes und Sonnenschirmes von Stroh bediente, gewiß eine größere Freude, als ihr die kostbarsten Geschenke hätten machen können. In der Regel legen wir auch auf die Erzeugnisse unseres eigenen Kunstfleißes stets einen größern Werth als auf die eines fremden, und was wir für Geld erkaufen, wiegt nie so viel in unsern Augen als was uns Nachdenken, Arbeit und Sorge gekostet hat.

Getrieben von der gebieterischen Notwendigkeit und ihrem eigenen Eifer sich nützlich zu beschäftigen, wurde Emma mit jedem Tage erfindungsreicher, thätiger und umsichtiger. So gelang es ihr, nachdem Hut und Sonnenschirm, fertig geworden war, sich ein paar recht artige Stiefeln von getrockneten Seeschweinfellen zu fertigen, und aus der Leinwand, die sie im Koffer gefunden hatte, machte sie sich schöne Hemden. Die letztere Arbeit war die am wenigsten schwierigste für sie, denn darin war sie bewandert; und überdieß hatte sie unter den Geschenken ihrer zwei Freundinnen Zwirn gefunden, der sie vollends jeder Schwierigkeit enthob. Eine größere war die Verfertigung von Strümpfen. So sorgfältig sie die ihrigen gewaschen und ausgebessert hatte, so waren sie doch allmählig so abgenützt, daß sie auf dem Punkte waren unbrauchbar zu werden, und ungeachtet der Hitze der Jahreszeit wäre es ihr doch höchst unangenehm gewesen mit nackten Beinen zu gehen, weil in dem Thale so viele Insekten wohnten und besonders das Gebüsch, durch das sie jeden Tag ihr Weg führte, so dornig war, daß es ihr sehr schwer wurde, sich gegen Beides zu schützen.

Doch dafür konnten ein Paar Kamaschen dienen, die sie ebenfalls aus den vorräthigen Fellen machte. Eine Art hanfiger Fasern womit die Cocosnüsse umgeben waren, die beiläufig gesagt, die Freuden ihrer Tafel nicht wenig vermehrten, und ihr herrliche Gefäße in die Haushaltung lieferten, ließen sich als Schnürbänder brauchen, und so konnte sie mit leichter Mühe den hohen Kräutern und Gesträuchen trotzen, und hatte weder ihre Dornen noch den Stich der Insekten zu fürchten.

Auf diese Weise waren alle ihre Augenblicke so ausgefüllt, daß sie nicht einmal einen zum Ausruhen finden konnte. Doch nahm sie sich, nach Beendigung ihrer Erndte und nachdem sie den Saft von den Zuckerrohren auf dem Feuer einkochen lassen und in Cocosschalen abgegossen hatte, vor, in Zukunft ihre Arbeiten so einzutheilen, daß ihr auch noch Zeit zu Befriedigung ihrer Lernbegierde blieb. Sie wollte die Morgenstunden dem Aufsuchen und der Zubereitung ihrer täglichen Nahrung und der Unterhaltung ihrer Kleider, die Mittagsstunden der Verfertigung verschiedener Geräthschaften widmen, und den Rest des Tages mit Zeichnen, Musik, Lesen oder Fortführung ihres Tagbuches hin, bringen.

Mit welch gemischten Gefühlen von Freude und Schmerz nahm sie immer die beiden letztern Beschäftigungen vor!

»Wie lang, lieber Vater, schrieb sie, habe ich nicht mehr mit dir geplaudert! wie lang schon sind wir getrennt, wie lang bin ich auf dieser Insel, wo Niemand meine Seufzer hört?

»Ach! wenn ich dir doch immer schreiben, immer mich mit dir unterhalten könnte! Aber ach! ich mußte so oft schon dieser Freude entsagen und mich Geschäften widmen, die Gott selbst mir aufzulegen schien, indem er mich in diesem einsamen Thale Hülfsquellen entdecken ließ, auf die ich nie zählen konnte.«

»Wie undankbar wäre ich gewesen, hätte ich sie nicht alle benützen wollen! Ich mußte jene schönen Kartoffeln erndten die ich als Brod gebrauche, und den guten Reis den vorher nur die Vögel fraßen, und von dem ich nun so gute Suppe mache; ich mußte die herrlichen Bananen und Cocosnüsse pflücken, die mir so süße Erquickung gewähren, und so schöne Gefäße in meine Küche liefern; ich mußte die Trauben herbsten und den Saft des Zuckerrohrs gewinnen, das deine Güte mich finden ließ. Ich bin jetzt reich, und wenn du guter Vater und Dominicho kämen, ich könnte euch Beide nähren! O wie glücklich wäre ich, wenn ihr auf einmal in dieser Grotte erschienet, die ich mein Haus nenne! wenn ich euch speisen könnte von meinem Tische! . . . . . Guter Gott! O lasse diesen Wunsch in Erfüllung gehen! laß mich meinen Vater wiedersehen an diesem Orte, wo jeden Tag meine Thränen auf's Neue fließen, wann ich an ihn denke! dann will ich ihm zeigen, was ich gethan und gelitten habe um mein Leben zu erhalten.«

»Gewiß, ich bedurfte großer Kraftanstrengung um nicht unter dem Gewichte meiner Leiden zu unterliegen! Allein, ohne meinen Vater, mit meiner Erinnerung, meiner Furcht hier leben! o! gewiß, es ist schrecklich! In den ersten Tagen mangelte mir Alles; heute habe ich Ueberfluß, und wenn ich nie ermüde, so werde ich nie mehr Mangel leiden; aber ach! wie gerne wollte ich Alles entbehren, und nur dich, meinen guten Vater, wiederfinden. Gewiß, es gibt Augenblicke, wo mein Ueberfluß mich unglücklich macht: oft esse ich mit Thränen, weil ich fürchte, daß du, theurer Vater, an dem Nöthigsten Mangel leidest!

Doch, vielleicht ist es Sünde dieß zu fürchten? Gott, der so gütig ist gegen ein armes Kind, das zu seiner Ehre nie etwas thun konnte, wird es gewiß nicht weniger gegen dich seyn, der die Tugend selbst ist! . . .

Ich will diese schrecklichem Gedanken verbannen, will mir all das Gute zurückrufen, mit dem die Vorsehung in meiner Einsamkeit mich überhäuft hat, und dann glauben, daß du lebst und nicht Mangel leidest.

»Gewiß! unter allen Gaben des Himmels ist die größte, daß er mich Geschenke von deiner lieben Hand finden ließ!«

 

»Gestern nahm ich zum erstenmal wieder meine Guitare zur Hand. Worte vermögen nicht zu schildern was in mir vorgieng, als das Echo im Thale die süßen Töne wiedergab, die mich so oft entzückten, wenn deine Hand sie hervorbrachte! meine Finger zitterten, wie Laub vom Abendwind bewegt; Gefühle des Schmerzens durchzuckten mich: ich wollte singen und – konnte nicht. Ich wollte jene Worte voll Gefühl und tiefer, unendlicher Harmonie wiederholen, die ich so oft mit dir zusammen sang, und sie erstarben auf meinen Lippen. Da legte ich meine Guitare bei Seite, schlug die Bücher der heiligen Schrift auf, und siehe, meine Traurigkeit verschwand und mein Muth kehrte wieder.«

 

»Wie Recht hattest du, lieber Vater, als du mir dieses Buch als das erhabenste empfahlst, als das, was Trost und Muth gießt in des Menschen Herz, wenn rings alle Stützen brechen, und das Gebäude eines geträumten Glücks uns unter seinen Trümmern zu begraben droht!

»Ja, jeden Tag will ich in diesem heiligen Buche lesen und trachten, der Segnungen meines Schöpfers und der Liebe meines Vaters würdiger zu werden.«




Sechstes Kapitel.

Lasset, wenn ihr im Elend seyd, nicht Muthlosigkeit euer Herz besiegen, und lasset die Hoffnung nicht fahren; auf die Stürme des Winters folgt des Sommers belebende Wärme, auf die Nacht der Tag und aus Gewitter friedliche Ruhe.


Ein so löblicher Entschluß mußte natürlich von dem günstigsten Erfolge auf das liebenswürdige Kind seyn, das fortan seine Lage nicht nur durch Lernen und Nachdenken, sondern auch durch alle unschuldige Freuden zu versüßen strebte, deren Erreichung in seiner Macht stand. So legte sich Emma, in dankbarer Erinnerung an die vielen Freuden die ihr früher die Pflege ihrer Pflanzen gewährt hatte, vor dem Eingange der Grotte ein Gärtchen an, das jenem nicht unähnlich war das sie in Frankreich besessen, pflanzte die schönsten Blumen aus dem Thale darein und fand mit jedem Tage neue Reize in der Besorgung derselben.

Sie hatte auch große Lust sich ein Vogelkäfig zu erbauen, wie das welches ihr Dominicho im Schlosse gemacht hatte, doch wurde dieser Wunsch noch ein Gegenstand reifen Nachdenkens für sie. Die niedlichen Vögelein die so munter auf den Zweigen herumhüpften, und die sie so gerne besessen hätte, schienen in ihrer Freiheit so glücklich zu seyn, daß es Grausamkeit gewesen wäre sie derselben zu berauben. Und doch setzte sie eben diese Freiheit der Gefahr aus, Geyern und andern Raubvögeln zur Beute zu werden.

»Die kleinen Vögelein, sagte sie zu sich selbst, die ich fangen und zahm machen will, werden sicher vor den häßlichen Raubvögeln seyn die ihnen immer nachstellen, denn ich mache ihnen ein kleines Haus zurecht, wo sie Nahrung im Ueberflusse finden, ich suche ihnen die Körner die sie am liebsten essen, und wenn sie sich alsdann an mich gewöhnt haben, so lasse ich sie frei daß sie ihre Mutter besuchen können.«

»Ihre Mutter! ach! wie glücklich sind sie, daß sie eine haben; ich, ich habe keine mehr! die meinige bezahlte mit ihrem Leben mein trauriges Daseyn, und ich konnte nur ihr Grab sehen. . . . . Gute Mutter! wie lieb hätte ich dich gehabt! wie süß wären mir deine zärtlichen Liebkosungen gewesen!«

Das arme Kind brach in Thränen aus bei diesen Worten und entsagte für den Augenblick ihrem Wunsche sich ein Vogelhaus zu bauen; als sie aber einige Tage darauf im Gebüsche mehrere Nester mit Jungen fand, so konnte sie der Begierde sie mitzunehmen nicht länger widerstehen und erzog sie mit solcher Sorgfalt, daß die meisten davon sich bald ganz an sie gewöhnten und auf ihren Ruf sogleich zu ihr kamen; besonders einer von den jungen Vögeln folgte ihr auf allen Gängen.

Es war ein Dompfaff vom schönsten Gefieder und so beugsamer Kehle, daß er bald nicht nur das Geschrei der meisten Vögel, sondern sogar die Töne der menschlichen Stimme nachahmen konnte, und ganz deutlich »Emma, Azor« und mehrere andere Worte aussprach.

Voll Freude über diesen ersten günstigen Erfolg, suchte die junge Einsiedlerin jetzt auch Papageien-Nester. Dieße Vogelgattung war auf der Insel sehr verbreitet, deshalb wurde es ihr nicht schwer, ein Nest mit Jungen zu finden; aber die Mutter die über dem Neste herumflatterte, schien ihr so zärtlich, so besorgt um sie zu seyn, daß ihr Emma ihre Kinder noch nicht rauben wollte; erst als diese das Nest verließen und die Mutter sich weniger um sie bekümmerte, nahm sie eines davon, das ihr das schönste schien.

In ihrer Grotte machte sie ihm ein kleines Nest von Moos in der Nähe des Dompfaffen zurecht, der sich durch seine liebenswürdigen Eigenschaften bereits alle Vorrechte eines Günstlings verschafft hatte. Die andern Vögel durften, obgleich sie mit der größten Sorgfalt behandelt wurden, doch nicht in der Grotte mit ihr wohnen; Emma hatte ihnen außerhalb derselben, in einer kleinen Felsenhöhle die sie mit einem Gitter von Bachweiden verschloß, eine Art Käfig gemacht, das sie alle Tage öffnete, und wohin sie Abends auf ihren Ruf zurückkehrten, wenn sie ihnen das Futter brachte.

Obgleich sich Azor Anfangs nur schwer an seine neuen Gesellschafter gewöhnte, so lebte er doch bald in ziemlich gutem Einverständnisse mit ihnen, weil seine Herrin sich sehr hütete, ihnen in seiner Gegenwart eine Gunst zu zeigen, auf die er hatte können eifersüchtig seyn. Der gute Azor war ein alter Freund, dessen Empfindlichkeit sie schonen mußte, und sie hätte sich die bittersten Vorwürfe gemacht, ihn absichtlich nur ein einziges Mal zu beleidigen.

So giengen Tage und Monate hin, ohne daß das arme Kind eine Möglichkeit sah, ihren Vater wieder zu finden, und so sehr sie sich Mühe gab, ihre Befürchtungen zu entfernen und Herr zu werden über ihre herzzerreißenden Erinnerungen, so gab es doch Augenblicke, wo sie so lebhaft wieder erwachten, daß es ihr unmöglich war, sich an den Sachen zu ergötzen, die sie zu ihrer Zerstreuung um sich gesammelt hatte. Das was einen großen Schmerz wohl mildern kann, ist noch nicht im Stande seine Keime zu ersticken.

Besonders wenn sie zurücksah auf die lange Reihe von traurigen Tagen, die sie bis jetzt in der Einsamkeit hingebracht hatte, entschwand jede Hoffnung aus ihrem Herzen, die sie bis jetzt noch aufrecht erhalten hatte.

Der Leser erinnert sich ohne Zweifel, daß Emma sogleich nach ihrer Ankunft auf der Insel den 5. März 1807 als den Tag ihres Unglücks in den Baobab eingeschnitten hatte. Seither hatte sie, wenn sie auch noch so sehr beschäftigt war, nie unterlassen, jeden Tag mit einem Striche zu bezeichnen, und so bald es ihr später möglich wurde, einige Regelmäßigkeit in ihre einsame Lebensweise zu bringen, feierte sie auch die Sonntage durch religiöse Uebungen; um dieß thun zu können, bezeichnete sie die Sonntage und Wochen an einem andern Platze mit besondern Strichen.

Bereits hatte sie zwanzig solcher Striche gemacht, und als sie zurückblickte auf die lange Reihe von Wochen die sie fern von ihrem Vater und von Dominicho hingebracht hatte, überließ sie sich unwillkührlich einer finstern Schwermuth, über die sie nicht Herr werden konnte.

Um das Maaß ihres Unglücks zu füllen, erblaßte plötzlich der Glanz der Sonne, die ihr bisher so schön geleuchtet hatte, sie verschwand hinter schwarzen Wolken, die schon seit mehreren Tagen am Horizont sich aufthürmten.

Nach und nach zogen die Wolken sich zusammen, und bildeten über ihrem Haupte ein schweres, finsteres Gewölbe, dessen Anblick sie mit Schrecken erfüllte; die Luft verfinsterte sich, der Gesang der Vögel verstummte; die ganze Natur versank in starres Schweigen, und der Spiegel des Meeres, glatt und unbeweglich, nahm jene falbe Farbe am, die ein Vorbote der furchtbaren Revolutionen zu seyn scheint, die weithin Tod und Verzweiflung verbreiten. Kein Tropfen Regen kühlte die brennende Luft, nicht der leiseste Laut störte die drohende Stille.

Am Eingange der Grotte sitzend, betrachtete die junge Einsiedlerin mit Beben die furchtbare Stille; die unglücklichen Tage fielen ihr wieder ein, die sie selbst zur See erlebt hatte, und diese schreckliche Erinnerung erhöhte noch ihre tiefe Trauer.

Mehrere Stunden schon waren in dieser Todtenstille hingegangen, die Emma kaum mit ihren Seufzern zu unterbrechen wagte, als plötzlich die Wolken sich zu bewegen begannen. Schwere Tropfen zeigten den Ausbruch des Sturmes an. Der Donner erhebt seine mächtige Stimme, Blitze zucken durch die schwarzen Wolkenmassen, eine ungeheure Staubwolke erhebt sich und darauf folgen Ströme von Regen; das Rollen des Donners, das Rauschen und Zischen des Windes, der Bäume und Wogen tönt mit furchtbarer Gewalt im Thale wieder, und die unglückliche Emma ist allein, mitten in diesem schrecklichen Aufruhr der Natur! . . . Sie liegt auf den Knien und betet aus tiefster Seele, aber ein heftiger Stoß der sie beinahe zu Boden wirft, erinnert sie an die Nothwendigkeit schnell vom Felsen zu entfliehen, der jeden Augenblick einzustürzen droht. Die Furcht leiht ihr Flügel, aber wohin soll sie fliehen? Ueberall entwurzelte Bäume, die auf den von allen Seiten in's Thal stürzenden Wogen forttreiben, der Bach zum Strome geworden, der Alles mit sich fortreißt . . . . . wohin sollte das unglückliche Kind sich wenden?

Bei diesem Anblick verlor die Unglückliche jede Ueberlegung, doch der Instinkt der Selbsterhaltung, der uns im Augenblick der höchsten Gefahr selten verläßt, ließ sie glücklicherweise den Blick auf den Baobab richten, den das Wasser noch nicht erreicht hatte, und dessen ungeheurer Stamm unerschüttert stand im Wüthen des Sturmes.

Hier suchte das arme Kind Schutz und sank erschöpft auf dem Lager von Blättern nieder, das sie so oft mit ihren Thränen benetzt hatte.

Heute konnte sie nicht weinen; der Schrecken hatte alle Thätigkeit ihrer Seele gelähmt, und kaum drang das Heulen des Sturmes zu ihren Ohren. Doch bald weckt sie ein neuer Stoß der selbst den Baobab erschüttert, das Leuchten der Blitze und das Winseln des armen Azors, der sich zu ihren Füßen drängt, aus ihrer Betäubung, und statt sich länger ihrem unmäßigen Schrecken hinzugeben, erhebt sie die Gedanken zum Himmel und plötzlich ist alle Furcht verschwunden; sie weiß ja, daß Gott durch einen einzigen Wink dieser Zerstörung Einhalt thun kann, und ein brünstiges Gebet zu ihm gibt ihr wieder Ruhe und Hoffnung.

Von Mattigkeit übermannt und dem Schutze der Vorsehung vertrauend, die schon so wunderbar ihr Leben errettet hatte, schlief sie ein mitten unter dem Brüllen des Donners und dem Wüthen des Sturmes, und als sie am andern Morgen ihr Lager verließ, war Alles zur vorigen Ordnung zurückgekehrt; die Wasser hatten sich verlaufen, das Grün der Blätter war in neuer Frische erstanden, und die Vögel, ihren gestrigen Schrecken vergessend, grüßten mit fröhlichen Gesängen die rückkehrende Sonne, die ihr Strahlenrad am Horizont entfaltete.

Bei dem Anblick der wieder lachenden Natur ergoß sich Emma in tausend Dankgebeten gegen Gott und eilte zu ihrer Grotte, um sich zu überzeugen ob nichts vom Felsen eingestürzt sey und ihre Vorrathe oder was sie sonst ihren Reichthum nannte, zerstört habe. Auch an die Gefahren dachte sie, denen ihre Vögel während des Ungewitters ausgesetzt waren; mehrere derselben lagen todt im Käfig, aber in der Grotte war nichts beschädigt, und zu ihrer großen Freude fand sie ihren Dompfaff und ihren Papagei wieder, die ihr mit hundert Liebkosungen entgegen hüpften.

Auch Azor, der ihren Schrecken getheilt hatte, bezeugte seine Freude über ihre glückliche Rückkehr, und zeigte durch seine possierlichen Sprünge an, daß er sein Frühstück wünsche. Erst nachdem sie die Ungeduld des treuen Thiers, dessen Anhänglichkeit sie mit jedem Tage besser kennen lernte, befriedigt hatte, nahm sie selbst ein wenig Nahrung zu sich, deren sie sehr bedürftig war, und erkletterte alsdann den Felsen, um zu sehen ob der Sturm nicht ein Fahrzeug oder einen armen Schiffbrüchigen an die Küste geworfen habe, dem sie Hülfe bringen könnte; aber, wie gewöhnlich, sah das arme Kind nichts auf dem Gestade und auf der weiten Fläche der Gewässer, als die endlose Oede, deren Anblick sie stets auf's Neue mit Trauer erfüllte.

»Wie todt und schweigend ist Alles! rief sie mit einem tiefen Seufzer aus. Wird kein Ton einer menschlichen Stimme mehr mein Ohr erreichen? Ach! käme er auch aus dem Munde eines Wilden, ich würde ihn mit Vergnügen hören! . . . Eines Wilden sage ich? Gott! nein! erhöre nicht meinen thörichten Wunsch: meine Einsamkeit ist zwar schrecklich, und alle Tage wird sie mir unerträglicher, aber noch schrecklicher wäre es mir, in die Hände jener Menschen zu fallen, die so wild seyn sollen, und bei deren bloßem Anblick ich vor Furcht sterben würde.« . . . .

Nach diesen trüben Ueberlegungen stieg die Unglückliche den Felsen hinab und gieng an ihre gewöhnlichen Arbeiten; aber die gestrigen Gefahren ließen traurige Bilder in ihrem Herzen zurück, die sie nicht daraus vertreiben konnte und die von jenem Augenblicke an ihre gewöhnliche Melancholie um vieles vermehrten.

Der Tag gieng indessen ziemlich ruhig hin, aber am andern Tage fiengen die Regen an; der Sturm war ihr Vorläufer gewesen, und obgleich Emma diese Regenzeit schon längst erwartet hatte, so schien es ihr jetzt dennoch hart, so allein in ihrer Grotte zu bleiben, die keine Sonne mehr beschien und die ihr jetzt nichts war als ein trauriges Gefängniß, wo grausame, herzzerreißende Erinnerungen sie unaufhörlich verfolgten, trotz aller Mühe sich ihrer zu erwehren.

Um die Langeweile auf's Höchste zu steigern, mußte sie die langen Abende in tiefster Finsterniß hinbringen, denn sich Licht zu verschaffen, hatte sie noch kein Mittel gefunden, und Feuer konnte sie unmöglich im Innern der Grotte erhalten, ohne daß sich ein dichter Rauch darin verbreitete, den sie nicht ertragen konnte.

Eines Abends jedoch, als sie, trauriger und entmuthigter wie gewöhnlich ein Feuer unter dem Eingange der Höhle angezündet hatte, bemerkte sie zu ihrer großen Freude, daß der Wind den Rauch abwärts von derselben trieb, und setzte sich an dasselbe um sich durch Lesen zu zerstreuen.

Ehe sie aber ihr Buch öffnete, betrachtete sie mit Neugierde die verschiedenen Farben, in welchen sich die Flamme an den Felswänden brach, und bemerkte mit Erstaunen auf ihrer Oberfläche lange Fäden, die wie schöne, weise Seide aussahen. Sie riß einen von den Fäden ab, die sie wegen der Dunkelheit des Eingangs bisher noch nicht wahrgenommen hatte, brachte ihn in's Feuer, und erkannte ihn für Asbesth, von dem ihr Vater ihr schon Proben gezeigt, und dessen Beschreibung sie gelesen hatte.

Voll Entzücken über diese Entdeckung hüpfte Emma vor Freuden bei dem Gedanken, daß sie nun, da sie Schildkrötenfett besaß, nicht mehr in dieser Dunkelheit leben müßte die ihr so große Langeweile verursachte, und daß dieser kostbare Asbesth, dessen Nähe sie gar nicht geahnt hatte, ihr zur Verfertigung von Dochten von jeder Dicke dienen würde, mit deren Hülfe sie lesen, schreiben oder arbeiten konnte, entweder an Ausbesserung ihrer Kleider oder an Verfertigung von Haus- und Küchengeräthschaften.

Der erste Versuch gelang auch schon gänzlich, und sie war so glücklich in ihrer Grotte Licht zu haben, daß sie nicht müde werden konnte es anzusehen, und ihre Lektüre bis tief in die Nacht verlängerte.

Am andern Morgen wachte sie weniger trau-rig als gewöhnlich auf, betrachtete mit Genugthuung ihre Lampe, die noch brannte, und dachte Azor auf's Neue auf die Schildkrötenjagd zu schicken. Das gute Thier ließ sich nicht lange bitten, denn er war seiner Herrin so eifrig ergeben, daß es nur eines Befehls von ihr bedurfte, um ihn zu Allem zu bewegen.

Auch Emma gieng nun wieder mit neuer Thätigkeit und Freude an ihre täglichen Beschäftigungen. Schon seit längerer Zeit war sie daran sich irdene Gefässe zu machen, denn die Schildkrot- und Cocosnußschaalen reichten nicht für alle Bedürfnisse der Küche hin, aber die Witterung die eingetreten war und ihre in Folge derselben so sehr erhöhte Schwermuth ließen sie die Ausführung dieses nützlichen Geschäftes bisher verschieben. Doch mußte sie sich jedenfalls, ehe sie daran gieng, vorher ein Kleid aus den sorgfältig von ihr gesammelten Fellen machen, denn ihre alte Kleidung war zerlumpt, und sie brauchte nothwendig eine andere, wenn sie während der unaufhörlich aufeinander folgenden Regengüsse die nötige Erde suchen wollte, die sie, wie sie sich erinnerte, ziemlich entfernt am Fuße von Felsen gefunden hatte.

Auch ihre Schuhe waren zerrissen und mußten durch andere ersetzt werden; aber so sehr sie sich Mühe gab, so war es ihr doch nicht möglich, mit dieser Fußbekleidung, die bloß für einen trockenen Boden brauchbar war, auf dem durchnäßten Boden zu gehen.

Aber was war zu machen? baarfuß in der Nässe zu gehen war eine schwere Aufgabe zu der sie sich Anfangs schwer entschloß: man befreundet sich so schwer mit den Forderungen des Unglücks. Doch Emma besaß eine Ergebung und eine Seelenstärke, wie sie in ihren Jahren selten ist; auch dieser neuen Prüfung unterwarf sie sich. Was litt sie Alles, mit nakten Füßen auf einem unebenen, morastigen Boden, wo sie bei jedem Tritte an Wurzeln, spitze Steine oder dornige Pflanzen stieß!

Ihr, die ihr in Reichtum erzogen seyd, deren zärtliche Füße noch nichts berührt haben als weiche Teppiche oder schwellende, grüne Rasen, von der Hand des Gärtners für euch gepflanzt! bedauert ihr nicht die arme Emma, die mit nackten, blutenden Füßen, einsam und durchnäßt von kaltem Regen, von entferntem Orte ein schweres Stück Erde auf dem Kopfe herschleppt, um einige elende Gefäße zu fertigen, von welchen ihr vielleicht mit Verachtung die Blicke abwenden würdet? Wenn, wie ich gerne glaube, die Lage der Unglücklichen euch nicht ungerührt läßt, so mag ihr Beispiel euch wenigstens erinnern, daß auch das lieblichste Loos sich plötzlich in ein Leben voll Mühe, Schmerzen und Elend umwandeln kann, daß auch die höchsten Stände solchem plötzlichen Wechsel nicht entzogen sind, und daß es Weisheit ist sich damit bekannt zu machen, indem man dem Unglücklichen sich nähert und seine Leiden durch Wohlthaten zu lindern strebt, die eine süße Erinnerung sind in den Zeiten des Unglücks.

Doch ich komme auf Emma und ihre irdenen Gefäße zurück. Gewiß legt kein Staatsmann, wenn er das Netz seiner Politik, kein Feldherr wenn er den Plan seiner künftigen Operationen entwirft, mehr Wichtigkeit auf seine Arbeit als Emma auf den Gedanken, wie sie die ihrige ausführen sollte. Den Grundstoff dazu und wie man Töpfe mache, hatte sie oft bei einem Töpfer in der Nähe ihres Schlosses gesehen; aber sehen und thun ist ein großer Unterschied, und überdieß hatte sie weder einen Brennofen noch Bleioxid um ihre Gefäße zu verglasen und wasserdicht zu machen. Doch verlor sie den Muth nicht, sonder formte mehrere Gegenstände aus der gefundenen Erde, trocknete sie in einiger Entfernung vom Feuer, setzte sie hierauf einem lebhaftern Feuer aus, das sie nach und nach verstärkte, und hatte endlich die Freude, ihre Küche mit einer kleinen Schüssel, drei kleinen Pfannen, zwei Krügen, einer Platte und zwei Gefäßen zu Wasser vermehrt zu sehen, die, wann auch nicht vollkommen gut, so doch wenigstens besser gebrannt waren, als sie gehofft hatte.

Dieser erste Versuch, so schwierig und zeitraubend er auch war, ermuthigte sie doch zu neuen Versuchen, denn wenn ihr ein einziges von den Gefäßen zerbrochen wäre, so hätte ihr dieß unendlichen Kummer gemacht, und auf ihre Dauer konnte sie deshalb nicht zählen, weil sie der nöthigen Glasur durchaus entbehrten; sie wollte deshalb lieber ihre Zahl vermehren, um in keine Verlegenheit zu gerathen.

Vollkommene Meisterinn in der Töpferkunst wollte sie ihr Talent nun auch in etwas Anderem versuchen. Lange Zeit schon wünschte sie sich eine Bank und einen Tisch: zu letzterem konnte sie sich der Kiste bedienen in welcher sie ihren Vorrath von Zwieback aufbewahrte, was sie auch in einem Korbe von Weiden thun konnte. In der Kunst des Korbflechtens bewandert, machte sie sich sogleich an's Werk, und nahm alsdann einen Theil der Kiste als Tischplatte, die sie ganz einfach auf vier gleiche Pfähle aufnagelte. Eine Binsenmatte, ebenfalls über vier Pfähle gespannt, diente ihr als Sessel, der zwar ziemlich grob ausfiel, auf dem sie aber doch bequemer sitzen konnte als bisher, und dieß war Alles was sie begehrte.

Während seine Herrin so arbeitete, war Azor nicht unthätig geblieben, und gewiß war noch kein Haushofmeister eifriger für die Befriedigung aller Lüste seiner Herrschaft besorgt gewesen, als er es für die Küche seiner Gebieterin war. Er begnügte sich nicht mehr mit der Schildkröten- und Seeschweinjagd, sondern brachte nun auch wilde Schaafe und andere Thiere mit zur Grotte, deren Namen Emma zwar nicht kannte, deren Fleisch ihr aber oft herrliche Mahlzeiten gab, und deren schöne Pelze sie immer mit äußerster Sorgfalt trocknete.

Auf diese Weise gieng die Regenzeit, die ihr so furchtbar erschienen war, wenn nicht angenehm, so doch wenigstens nicht ohne Nutzen für ihren Haushalt hin, und wie bei einem vernünftigen Wesen die Langweile in der Regel immer einer anhaltenden Beschäftigung weichen muß, so floßen die Tage auch für Emma hin, ohne daß sie dieselben gerade mit zu großer Bitterkeit gezählt, und die schöne Jahreszeit kam wieder, ohne daß sie sich den Verlust eines einzigen Augenblicks vorzuwerfen gehabt hätte.

Im November hellte der Himmel sich auf, und die schöne Sonne, die sie so oft bewundert hatte, erschien in ihrer ganzen Pracht am Horizonte. Da weder Ungewitter noch Sturm der Vorläufer dieser plötzlichen Veränderung war, so konnte sie sich ruhig an den neuen Reichthümern ergötzen, die die Natur vor ihren Augen ausbreitete, und ihre gewöhnlichen Spaziergänge mit ihrem treuen Begleiter wieder unternehmen.

Wenn unvermuthet Jemand auf die Insel gekommen wäre, mit welchem Erstaunen hätte ihn der Anblick des holden zierlichen Kindes erfüllt, in ein Kleid von verschiedenfarbigen Fellen gehüllt, als Kopfbedeckung einen Strohhut, ihre Züge zwar von der Sonne gebräunt, aber zart und von jenem rührenden Ausdrucke, der der Spiegel einer gefühlvollen Seele und einer Charaktergröße ist, die vor nichts sich beugt als vor den heiligen Wundern der Religion.

So war Emma in ihrem 15. Jahre, und ihre Gefühle und Handlungen waren gleichsam nur der Wiederschein ihres schönen Aeußern; Niemand hätte sie gesehen ohne sie zu bewundern, sie zu lieben und sich zur Schwester oder Freundin zu wünschen. Aber ach! alle diese Eigenschaften, die so selten vereint sich finden, waren in einer Einöde begraben und konnten Niemand glücklich machen . . . . Aber wenn dieß auch unmöglich war, so waren sie doch ihr Trost und Hülfe in einer Lage, in der tausend Andere nur den Tod als Rettung gesehen hätten; sie verdienten ihr den Seegen des Himmels, den sie erflehte, und des Herzens Frieden, den nur die wahre Tugend sich erwirbt.

Sie war Herr geworden über alle Schwächen ihres Alters und Geschlechtes. Sie hatte Schmerz, Furcht, Hunger und Durst und alle Hülflosigkeit einer einsamen Lage erduldet; sie fürchtete sich nicht mehr vor Arbeiten, die sie früher nur von gelernten Leuten hatte verrichten sehen. Ihr Fleiß und ihre Geschicklichkeit nahmen mit jedem Tage zu; Ermüdung, Hitze, Regen, Frost und Wind hatten keinen Einfluß mehr auf sie; ein und dasselbe Kleid war ihr gleich zweckmäßig in jeder Jahrszeit. Ihre Kamaschen, Schuhe und Pelze schienen ihr zwar oft ziemlich unbequem, aber wer so vieles ertragen, kümmert sich nicht mehr um so geringe Leiden: mit einem Worte, Unglück und Noth waren für sie eine Schule aus der sie weise Lehren zog; sie wußte, daß man auf Erden viel Bitteres tragen muß, um vom Himmel den Lohn zu erhalten, den er dem muthigen Dulder verspricht. Während der ganzen Zeit, die Emma gezwungener Weise in der Grotte bleiben mußte, hatte sie die Bereicherung ihrer Kenntnisse nicht versäumt; außer ihrem angebornen Geschmack für jedes Studium ließ sie die nie ganz in ihr erloschene Hoffnung ihren Vater wieder zu finden, doppelt wünschen, nichts von dem zu vergessen, was er ihr gelehrt hatte. Wenn sie daher von häuslichen Geschäften nicht zu sehr gedrängt war, so beschäftigte sie sich jeden Tag mit ihrer Muttersprache und lernte ein Stück aus ihrer Litteratur auswendig, das sie immer laut las, um nicht die Reinheit der Aussprache zu verlieren.

Noch auf dem Schiffe hatte sie die Erlernung der spanischen Sprache angefangen; sie setzte sie jetzt ganz nach der Lehrmethode ihres Vaters fort und ihr beharrlicher Fleiß ersetzte den Mangel an Unterricht.

Auch Zeichnen und Musik betrieb sie mit großem Fleiße, und manche junge Leute von ihrem Alter hätten sie um ihre Fortschritte in diesen beiden Künsten, die so unschätzbar sind für den, der seine Zerstreuung nur in sich selbst und nicht im Strudel der Welt sucht, beneiden dürfen.

Manchmal zeichnete sie schöne Parthieen von ihrem lieben Thale, manchmal ließ sie ihre klagenden Gesänge, begleitet von den Tönen der Guitarre, weithin durch dasselbe schallen; die Vögel kamen alsdann herbeigeflogen und wiederholten im Chor ihre Melodieen, und in schönem Wechselgesang gieng ihr so manche frohe Stunde hin.

Doch wenn das arme Kind zuweilen einen trüben Blick der Erinnerung auf die Reihe ihrer einsamen Tage zurückwarf, da verstummte ihr Gesang und die Wolken düsterer Melancholie umschatteten ihr ausdrucksvolles Auge. Die einsame Stille dieses schönen Eilandes, die noch durch nichts schien gestört worden zu seyn als durch ihren und der Vögel Gesang, war so öde und todt, daß ihre Seele sich mit tiefer Trauer füllte.




Siebentes Kapitel.

Die Freude wohlthun zu können, bezahlt hinlänglich jede Wohlthat.


Ein Jahr war so bereits hingegangen, und mehr als je fühlte Emma, die nichts mehr von der Kindheit leichtem Sinn besaß, daß Zerstreuungen zwar wohl im Gedränge der Welt große Schmerzen zu lindern vermögen, nicht so aber in der Stille der Einsamkeit; hier hallt der Tritt der Zeit, weit entfernt, flüchtig vorüber zu gleiten, traurig wie Leichengang im Herzen des Unglücklichen wieder. Jeden Tag zählte Emma, der vorüber gegangen war, und jeden Tag sah sie mit bittern Gefühlen auf den der noch kommen sollte, ehe sie ihren Vater und den Freund ihrer Jugend wiederfände.

Doch ergeben in den Willen des Himmels, murrte sie nicht, sondern verdoppelte nur ihre Thätigkeit, weil sie bemerkt hatte, daß die vermehrten Arbeiten, die sie seit der Rückkehr der schönen Jahrszeit unternommen hatte, viel dazu beitrugen um ihre Traurigkeit zu besiegen. Aus diesem Grunde entschloß sie sich auch, ihre Ausflüge zu verlängern, und einige von den Felsen zu untersuchen, an deren Besteigung sie sich bisher noch nicht gewagt hatte.

Eines Morgens nahm sie einen Bogen und Pfeile, die sie aus langen Dornen von einem der Akazie ähnlichen Baume gemacht hatte, um im Nothfalle Azor beistehen zu können, wenn sie irgend einem reißenden Thiere begegnen sollten, belud sich mit Mundvorrath und schlug den Weg nach den Felsen ein, die sich links von ihrer Grotte hinzogen; diese waren die höchsten, doch hatten sie an manchen Orten ziemlich sanfte Abdachungen und breite Vorsprünge, die eine Art von Stufen bildeten, auf welchen der Fuß festen Tritt fassen konnte. Nachdem sie mit großer Neugierde alle, die Felsen untersucht hatte, wo mit jedem Schritte die Wunder der Natur sich mehrten, erreichte sie endlich den Gipfel derselben, und erkannte, als sie den Blick nach der dem Thale entgegengesetzten Seite wandte, mit neuen Dankgefühlen, daß die Vorsehung sie gerade in den lachendsten und fruchtbarsten Theil der Insel geführt hatte. Wirklich bot sich dem Auge nichts dar als Gesträuch, einige kleine Gehölze durch die ein Fluß hinzog, und Heideland bis zum Strande hin, was der ganzen Gegend einen wilden, traurigen Anstrich gab.

»Großer Gott! rief sie aus, was wäre aus mir geworden, wenn du mich auf dieser einsamen Insel verlassen hättest! Welcher Unterschied zwischen diesem Orte und dem schönen Thale, wo ich mit jedem Tritte neue Reichthümer entdecke, wo der Gesang der Vögel mein Herz erfreut, und dichte, immergrüne Bäume mich in ihren kühlenden Schatten nehmen! Heute fühle ich mehr als je den Werth der Wohlthaten, mit welche du mich m meinem Elende überhäuft hast!«

Während sie so dem Himmel dankte, kam Azor, der sein Bündel einstweilen abgelegt und die Felsen durchsucht hatte, mit großem Gebell, wie wenn er etwas Fremdes bemerkte, auf sie zugesprungen. Erstaunt über sein Bellen und seine ungewöhnlichen Sprünge, folgte Emma den Bewegungen ihres treuen Gefährten und spannte voll Angst den Bogen, weil sie fürchtete, daß der Anblick eines reißenden Thieres ihn so aufgeregt habe. Aber wer malt ihr Erstaunen, als sie in einiger Entfernung eine Frau und ein Kind erblickte, die, als sie sie wiederum sahen, auf die Knie fielen, und sie um Hülfe anriefen.

Beide, mit aufgelösten Haaren, hatten nur Lumpen zu ihrer Bedeckung und waren äußerst abgemagert, die Frau besonders schien so krank und schwach, daß sie vergebens einige Worte an Emma zu richten suchte, die vor Erstaunen ganz unbeweglich stehen geblieben war.

»Habt Erbarmen mit meiner armen Mutter!« schrie endlich das Kind, indem es auf die Frau zeigte. Bei diesen in ihrer Muttersprache gesprochenen Worten hörte Emma nichts mehr als die Stimme ihres Herzens, nahm einen der mit Mundvorrath gefüllten Körbe, gab den andern Azor, den sie endlich zum Schweigen gebracht hatte, und machte sich daran den Felsen hinab zu klettern, obgleich er viel steiler als auf der Seite gegen das Thal zu. Endlich war sie bei den beiden Unglücklichen und erkennt in ihnen ihre Gefährtinnen auf dem Schiffe und der Schaluppe.

Wie! ihr seyd es, Gefährtinnen meines Unglücks! rief Emma aus; theure Frau! liebe Henriette! mit was kann ich euch helfen? . . . .

Liebe Emma! antwortete die Mutter mit kaum vernehmbarer Stimme, mein Kind hungert so sehr!

Hunger hat sie! gutes Kind! Hier, nehme, hier ist Zwieback, Fleisch, Datteln, Trauben! auch Sie, arme Mutter, nehmen auch Sie! Ach! wie glücklich bin ich! . . . .

Das Kind war begierig über die Nahrungsmittel hergefallen, die Emma vor ihren Augen auslegte, aber Frau Düval, obgleich schon beinahe todt, raffte alle Kräfte zusammen, und nahm ihr den größten Theil derselben weg. »Liebes Kind! sagte sie, wenn du dieß alles essen würdest, so müßtest du gewiß sterben, da du schon so lange keine Nahrung mehr gehabt hast.

Emma weinte beim Anblicke so vielen Elends, und nahm aus Azors Korbe einige Kokosnußschalen die mit Zuckerwasser und Schildkrotbrühe gefüllt waren, und gab sie Frau Düval, die kaum einige Tropfen davon genoß, und das übrige ihrem Kinde gab.

»Ich wäre mit einem grausamen Gedanken gestorben, sagte sie zu ihrer Wohlthäterin; ich glaubte mein Kind allein an diesem Wohnorte des Schmerzens zurücklassen zu müssen; allein da mir Gott jetzt, von meinen Thränen gerührt, als rettenden Engel Sie geschickt hat, so ist meine Furcht verschwunden, und mein letzter Seufzer wird weniger bange seyn. . . . .

– Ihr letzter Seufzer! sagen Sie, rief Emma aus; lassen Sie mich hoffen, daß Ihr Kind und ich ein so großes Unglück nicht, erleben. Gott! wenn ich Sie wieder verlieren sollte, da ich Sie kaum erst gefunden habe? Wissen Sie nicht, daß sie mir meinen Vater genommen haben, und daß ich seit länger als einem Jahre allein auf dieser Insel wohne?

– Sie haben doch wenigstens Hülfsquellen entdeckt, die mir gänzlich gemangelt haben und Gott, der Sie aus den Wellen erettete und Ihr Leben erhielt, hatte gewiß seine Absichten mit Ihnen; er wollte Ihnen das arme, kleine Geschöpf anvertrauen, das in wenigen Augenblicken eine Waise seyn wird. . . . Nehmen Sie, liebe Emma, das heilige Pfand, das eine Mutter Ihnen anvertraut; nehmen Sie dieß Kind und führen Sie es dorthin wo Sie bisher gelebt und alle diese Sachen gefunden haben; werden Sie seine Stütze und sein Führer; der Himmel wird Sie dafür segnen und Ihren Vater wieder finden lassen.

– Ich bedarf dieser Hoffnung, unterbrach sie Emma, allein Sie, warum wollen Sie am Leben verzweifeln? In meinem Thale, unfern von hier, habe ich Nahrung für Sie und Ihr Kind, und gerne will ich meine Mühe verdoppeln, damit Sie an nichts Mangel leiden. . . . . Fassen Sie Muth, theure Frau! ich beschwöre Sie darum.

Gute Emma! entgegnete die Unglückliche mit einem tiefen Seufzer, wie gerne möchte ich ihren Wünschen entsprechen, aber Sie sehen, Kummer und Mangel haben mein Leben verzehrt, ich fühl' es, ich stehe an der Grenze desselben; doch reden wir nicht mehr von diesem traurigen Augenblicke, dem ich jetzt mit mehr Ruhe entgegensehe; lassen Sie mich die wenigen Minuten noch benützen um in Ihrem Anblick glücklich zu seyn, der so tröstend für mich ist; erzählen Sie mir, wie Sie dem Abgrund entronnen sind, von dem ich Sie verschlungen glaubte; und wie Sie gelebt haben, seit unserem beiderseitigen Unglück?

Emma erzählte ihr nun umständlich alle ihre Schicksale, und bat, als sie geendet hatte, auch Frau Düval um dieselbe Gefälligkeit. Die arme Frau sammelte alle ihre Kräfte und begann folgendermaßen:

»Sie erinnern sich wohl noch zu genau unserer Angst auf dem Schiffe, während des furchtbaren Sturmes, als daß ich davon erzählen müßte, aber, liebe Emma, Sie wissen nicht, wie ich mit Ihnen in die Schaluppe kam. In einem Anfalle von Verzweiflung stürzte ich Ihnen nach, und diesem verdanke ich alles Unglück, das ich in dieser Einöde mit meinem Kinde durchmachen mußte.

Ich lag, wie Sie wissen, neben Ihnen und Henrietten, als der Matrose in seinem unheilvollen Eifer Sie hinwegtrug; ich hörte wie er zu Ihnen sagte, daß das Schiff sinken werde, und daß nur noch ein einziger Nachen da sey, dessen er und seine Cameraden sich bemächtigt hätten. Da nahm ich mein Kind in die Arme und folgte, nur meiner Furcht Gehör gebend, diesem Menschen, und erhielt von den Matrosen die Erlaubniß in die Schaluppe treten zu dürfen. Sie konnten mich damals nicht hörten; Ihr Geschrei ließ mich die Anwesenheit Ihres Herrn Vaters bemerken, aber die Wogen die über die Schaluppe herschlugen und sie von dem Schiffe forttrieben, verhinderten jeden Versuch ihn noch aufzunehmen. Doch war ich augenblicklich nur mit meinem Kinde beschäftigt und bemerkte selbst nicht sogleich daß eine Woge Sie von meiner Seite gerissen hatte.

»Die Matrosen suchten Sie zwar zu retten, allein Alles war vergeblich; die Strafe für ihren Verrath an dem Kapitän und den Passagieren folgte früher als sie wohl glaubten. Eine Woge, noch furchtbarer als alle andere, traf das schwache Fahrzeug und verschlang es in demselben Augenblicke: wir fielen in's Meer, und eine Welle trug mich und mein Kind, das ich fest in den Armen hielt, ans Ufer.« . . . .

»Den andern Tag fand ich die Leichname meiner unglücklichen Gefährten auf dem Strande, aber ich hatte nicht den Muth, mit dem Meere um ihre traurige Hinterlassenschaft zu kämpfen; die Fluth spühlte sie wieder fort. . . . Ich unterlasse es, Ihnen meine Verzweiflung zu schildern. Ihr eigenes Unglück sagt Ihnen hierüber nur zuviel. Doch nein, meinen Schmerz, meine Angst können Sie nicht errathen: eine Mutter, theure Emma, leidet für zwei Wesen, und die Leiden meines armen Kindes waren so grausam, daß ich nicht begreife, wie ich bisher Zeuge davon seyn konnte ohne zu sterben.

»Diese Küste, wohin das Unglück mich geführt hat, bot mir kein anderes Hülfsmittel als Muscheln, Schildkröteneier und Eicheln, die ich unter diesen Bäumen fand, welche mir zugleich Schatten gaben.« Die Furcht vor reißenden Thieren oder Wilden und mehr noch die große Schwäche, die mir bald jenes Fieber zuzog, das mich seit einem Jahre verzehrt, verhinderten mich weitere Nachforschungen anzustellen und diese Felsen zu erklimmen; ich war sogar nicht im Stande mir nur Feuer zu verschaffen, und als vollends die Regenzeit eintrat, glaubte ich dem Uebermaß meiner Leiden nicht länger widerstehen zu können. Vielleicht fehlte mir die Geduld um vom Himmel Linderung derselben zu verdienen; ich richtete meine Klagen aber nicht meine Gebete an ihn; ach! er erhörte mich nicht und meine Krankheit erreichte einen so hohen Grad, daß ich oft kaum die Kräfte hatte mich zum Strande hinzuschleppen und Nahrung für mein armes Kind zu suchen, oder zum Bache um den Durst zu stillen der meine Eingeweide verbrannte. Seit gestern Morgen, liebe Emma, habe ich nichts mehr zu mir genommen; unter diesen Bäumen hingestreckt, erwartete ich den Tod, als mich plötzlich das Bellen Ihres Hundes aus meiner Betäubung weckte; ohne Zweifel hatte das Gewinsel meines Kindes seine Aufmerksamkeit erregt. Eine neue Gefahr fürchtend, oder vielmehr auf Eingebung des Himmels schleppte ich mich aus dem Gehölze hervor, um zu sehen woher das Bellen komme, und erblickte Sie auf der Spitze dieser Felsen. Die Entfernung, die Veränderung in Ihrer Gestalt und Kleidung hinderten mich, Sie sogleich zu erkennen; aber es war ein menschliches Wesen das ich erblickte, ich zweifelte nicht daß es mir von Gott geschickt sey, und fiel auf die Kniee um seine Hülfe zu erflehen.

»Dieß, liebe Emma, fuhr die arme Mutter mit beinahe erloschener Stimme fort, sind die einzelnen Umstände meines unglücklichen Lebens auf dieser Insel; mehr zu erzählen erlaubt mir meine Schwäche nicht. Jetzt will ich die wenigen Augenblicke die mir übrig sind noch benützen, um Ihnen mein Kind nochmals zu empfehlen. Wenn, wie ich hoffe, Sie einst mit ihr dieses einsame Eiland verlassen, so verlassen Sie nicht dieses unschuldige Geschöpf, als bis Sie es in die Arme seines Vaters geführt haben. Hier ist ein Bild, es ist das meines Mannes; seinen Namen kennen Sie, ich wollte zu ihm nach Buenos-Ayres. Damals hoffte ich noch auf Glück, heute ist für mich Alles vorbei. Sagen Sie ihm, Emma, daß ich starb, mein Kind segnend und mit dem letzten Athemzuge an ihn noch denkend!«

Hier hielt die arme Mutter inne; ihre Kräfte waren durch die Anstrengung bei ihrer Erzählung erschöpft; kalter Schweiß bedeckte ihre Stirne, aber der Genuß von ein wenig Zuckerwasser stärkte sie so weit, daß sie sich in eine Höhle führen lassen konnte, die ihr gewöhnlich zum Aufenthalt diente. Sie wollte ihrer jungen Wohlthäterin dadurch die Sorge ersparen, sie nach ihrem Tode, den sie nahe fühlte, dahin zu tragen, und so schmerzlich ihr auch dieser Gedanke war, so hatte sie doch den edlen Muth, ihn Emma nicht mitzutheilen, die davon keine Ahnung hatte und eilig Moos und trockene Blätter in die Höhle zusammentrug, ein gutes Bett davon zurecht machte, und die Kranke alsdann mit der größten Sorgfalt hinführte.

Während Emma diese Geschäfte verrichtete; unterstützte sie die kleine Henriette auf das Beste. Sie schien ihre Verpflichtung gegen sie zu fühlen und zu ahnen, daß sie bald keine andere Stütze mehr haben werde. Wie gut bist du, sagte sie, daß du mir zu essen gegeben hast; ich hatte so Hunger! und dann hast du meiner Mutter ein gutes Bett gemacht. Wenn ich einmal groß bin, so thue ich dir ein Gleiches. . . . Ist dir wohl, liebe Mutter? Mein Gott! wie bleich du bist! Sey nicht mehr traurig, deine Henriette hat keinen Hunger mehr; aber spreche doch mit mir.« . . . .

Die arme Mutter schwam in Thränen und konnte diesem zärtlichen Zurufe nicht mehr antworten.

Emma sah mit gebrochenem Herzen auf die jammervolle Scene und suchte in ihrem Geiste nach Mitteln, die Lage der Unglücklichen zu erleichtern, deren Leben sie so glücklich gewesen war einige Augenblicke zu verlängern. Neben ihr niedergekniet, suchte sie ihre starren Hände in den ihrigen zu erwärmen und wollte selbst ihr Kleid von Fellen ausziehen um sie damit zu bedecken; aber Frau Düval widersetzte sich diesem, gab ihrer Tochter ein Zeichen sich einige Augenblicke zu entfernen, und sagte dann ganz leise zu Emma: »mir ist wohl, quälen Sie sich nicht um mich; beten Sie nur für eine Unglückliche, die Ihnen in ihrer letzten Stunde einen süßen Trost verdankt. Der Tod hat nichts Schreckliches mehr für mich, denn ich sehe in Ihnen einen Engel, vom Himmel gesendet, der mir ohne Zweifel dadurch einen Beweis seiner Gnade geben wollte. . . . . Hören Sie, fuhr sie mit einem fort, den nichts beschreiben kann, der Tag rückt vor, nachdem Sie einige Augenblicke gebetet haben, bringen Sie nur meine Tochter damit ich sie nochmals umarme; alsdann versprechen Sie mir mit ihr von hier fortzugehen und nicht mehr zurückzukehren: mein Anblick würde nur schmerzhafte Gefühle in euch erregen, die nicht für euer Alter passen. Vermeiden sie solche Eindrücke und erhalten Sie sich meinem Kinde.

»Ich Sie verlassen! unterbrach sie Emma, verlangen Sie dieß nicht von mir; ich will beten für Sie aus ganzer Seele, aber Sie in diesem Zustande verlassen? Nein! gewiß nicht! Und warum an Ihrer Wiedergenesung verzweifeln? Morgen, wenn Sie besser sind, gehe ich m meine Grotte und bereite einen lindernden Trank für Sie; vielleicht bin ich noch so glücklich, Sie und Ihr liebes Kind, dem ich mich unter allen Umständen gänzlich widmen werde, dorthin zu führen.«

Die Sterbende konnte nicht mehr antworten, aber ein sanfter, schmerzvoller Blick sagte Emma, daß sie ihre Bitte erfülle.

Die Nacht die bald einbrach, war ziemlich ruhig. Erst gegen Morgen wich Emma ihrer Mattigkeit, legte sich bei dem Kinde nieder, dem sie ebenfalls ein Bett von neuen Blättern gemacht hatte, und schlief ein.

Als sie erwachte, war Alles vorbei; Frau Duval hatte aufgehört zu leiden, und Henriette hatte keine Mutter mehr.

Emma bemerkte dieß neue Unglück nicht sogleich. In ihrem Alter erkennt man die Zeichen des Todes noch nicht so leicht, ja man glaubt kaum an die Möglichkeit desselben. Doch Frau Duval hatte den ihrigen mit solcher Bestimmtheit vorhergesagt, daß sie sich bald nicht mehr darüber täuschte.

Ein plötzlicher Schrecken bemächtigte sich ihrer bei dem Anblick des Leichnams, dessen Hände sie vor wenigen Augenblicken noch so zärtlich gedrückt hatte. Ihre Kniee zitterten, wankend verließ sie die Höhle und sank an einem Baume nieder. Aber der Gedanke an das noch schlafende Kind weckte sie bald wieder aus ihrer Erstarrung.

»Armes Kind, sagte sie, du hast keine Mutter mehr, und ich habe dich vergessen! Gott im Himmel! gebe mir Muth wieder in die Höhle zurückzukehren, die nun zum Grabe geworden ist!« Endlich fühlte sie sich stark genug, nahm Henrietten in die Arme, legte sie unter den Baum und kniete alsdann am Eingang der Höhle nieder um zu beten, bis das Erwachen des Kindes sie in dieser heiligen Pflicht störte.

Sie untersuchte nun ihren Vorrath an Lebensmitteln und sah mit Vergnügen, daß sie genug übrig hatte, um die sterbliche Hülle der Unglücklichen an diesem Tage noch nicht verlassen zu müssen. Aus Schonung für das Kind ließ sie es auf dem Glauben daß seine Mutter schlafe, und die Kleine die sie mit Schmeicheleien überhäufte, und die glücklich in dem Gedanken war, daß ihre Mutter wieder ruhen könne, blieb gerne unter dem Baume sitzen und spielte mit Azor, während Emma an der Höhle betete.

Als die Nacht einbrach, suchte sie eine Zuflucht unter dem Felsen, aber nie war Emma eine Nacht länger und schrecklicher vorgekommen. Ungeachtet ihrer Ermattung war es ihr unmöglich eine Minute zu schlafen, und sie fühlte sich endlich so angegriffen daß sie wohl einsah, eine Verlängerung dieses Zustandes müsse endlich ihrer eigenen Gesundheit nachtheilig seyn. Sie kniete daher am Morgen früh zum letzten Mal bei der Leiche nieder, verschloß den Eingang mit Gesträuch, nahm die noch schlafende Henriette in die Arme und trug sie am Strande hin, auf welchem Wege sie leichter wieder in ihre Höhle zu gelangen hoffte als über die Felsen.




Achtes Kapitel.

Nichts stimmt zwei Seelen mehr zur Freundschaft als Gleichheit des Geschicks, besonders wenn dieses Geschick kein glückliches ist.


Nur schwer ließen sich die Gefühle beschreiben die Emma's Herz erfüllten, als sie sich so mit dem Kinde entfernte, das die Vorsehung ihr anvertraut hatte. Endlich war sie nicht mehr allein; ein kleines, liebenswürdiges Geschöpf war ihr nun zur Gesellschafterin gegeben; sie hatte wieder ein Wesen, das sie verstand und ihr Antwort gab, das Freud und Leid mit ihr theilte. Aber welch traurige Erinnerung band sich an diesen süßen Genuß! das Bild einer unglücklichen Frau, eines bedauernswerthen Todesfalls, das wohl nie wieder aus ihrem Gedächtnisse verschwand! . . .

Endlich erwachte das unschuldige Geschöpf, das sie in ihren Armen hielt, und fragte nach ihrer Mutter.

»Deine Mutter! erwiederte Emma, sie ist zu Gott gegangen, um ihn zu bitten daß er uns von dieser Insel erlösen möchte. Sie hat mir befohlen dich einstweilen in meine Grotte zu führen und über dich zu wachen; dort wirst du keinen Hunger mehr leiden: ich will für dich sorgen und dich lieben wie meine Schwester.«

In deine Grotte? dahin gehe ich recht gerne, aber wir wollen vorher die Mutter suchen, denn ich will daß sie mitgehe.

Sage nicht ich will, liebe Henriette, denn du forderst etwas Unmögliches: wir Erdenbewohner vermögen nichts ohne den Willen Gottes, der unser Aller guter Vater ist. . . . . Wenn du ihn bittest und dich immer ihm unterwirfst, so wird er dein Gebet erhören und dich und deine Mutter glücklich machen.« ,

Das Kind schwieg einen Augenblick und fragte allsdann: ist denn Mama wieder gesund?

– Ich hoffe daß sie nicht mehr leidet. . . .

– Wann wird sie aber wieder zu uns kommen?

Ueber diese Frage kam Emma in nicht geringe Verlegenheit und wußte sich nicht anders zu helfen als daß sie Henriette zu zerstreuen suchte und auf Azor aufmerksam machte, der, ohne Zweifel aus Freude daß er das sandige Ufer wo er Langweile gehabt hatte, verlassen durfte, vorausgesprungen war und seiner Herrin durch eine Menge lustiger Sprünge die Entdeckung einer Schildkröte anzeigte.

Bald fand sie auch eine auf dem Sande, die er außer Stand gesetzt hatte zu entfliehen. Sie nahm sie mit, nebst mehreren Eiern die sie in der Nähe fand, und die sie in ihrer Grotte sieden wollte; aber der Weg dahin war weiter als sie geglaubt hatte, weil sich die Felsen die sie umgehen mußte, eine ziemliche Strecke am Ufer hinzogen; wegen dem Kinde mußte sie oft Halt machen, und, da sie nichts Anderes bei sich hatte, Austern zu ihrem Frühstücke suchen. Endlich nahm sie sie noch auf den Rücken und trug sie so bis zur Höhle die den Eingang zu dem unterirdischen Gange bildete und gelangte auf diesem Wege in ihre Grotte, in ihr Thal, und zu ihren Vögeln, die sie mit tausend Liebkosungen empfiengen.

Eine tiefe Rührung bemächtigte sich Emma's, als sie das Kind in ihrer Wohnung niedersetzte.

»Sey mir willkommen, sagte sie, du Kostbarstes, was der Himmel mir in meiner traurigen Einsamkeit schenken konnte!«

Das liebliche Kind erwiederte auf's zärtlichste ihre Liebkosungen und sah sich mit Staunen in ihrer neuen Wohnung um. Die Vögel, die sich Emma auf Kopf und Schultern setzten und das niedliche Gärtchen vor der Grotte freuten sie am meisten.

»Wie nennt man das? fragte sie Emma, auf die Blumen deutend.

Blumen, antwortete Emma; hast du denn schon lange keine mehr gesehen?

– Noch nie!

– Doch, gewiß, aber du hast es wahrscheinlich vergessen. Hier kannst du die Blumen, die dir so gefallen, alle Tage sehen, und ich breche dir alle Tage einen Strauß davon, denn ich will dich glücklich und deine Leiden vergessen machen.

– Wie gut du bist! ach! die schönen Blumen und Bäume! Wenn es dir recht ist, so wollen wir setzt die Mutter holen.« Emma that als ob sie nicht gehört hätte, denn es schien ihr grausam, dem armen Kinde so rücksichtslos die Hoffnung, ihre Mutter wiederzusehen, zu rauben; sie hatte gehört daß die Jugend leicht vergißt und hoffte Henrietten durch Zerstreuungen von ihren Gedanken abzubringen.

Sie ließ sie deshalb im Gärtchen bei den Vögeln zurück und gieng einstweilen an die Besorgung ihrer häuslichen Geschäfte und eines Mittagessens für die arme Waise und Azor, der sie schon längst daran gemahnt hatte.

Unglücklicher Weise war das Feuer während ihrer Abwesenheit gänzlich erloschen und es blieb ihr als Zunder nur noch ein sehr kleines Stückchen Mousselin übrig, das sie gerne auf Fälle der dringendsten Roth aufgespart hätte. Sie versuchte also sich durch heftiges Aneinanderreihen von zwei Hölzern Feuer zu verschaffen, auf welche Art, wie sie sich aus Dominicho's Erzählungen noch erinnerte, die Wilden es machen, und war wirklich bald so glücklich, ihren Heerd brennen zusehen, was Henrietten mit neuer Bewunderung erfüllte.

Das arme Kind hatte den Gebrauch des Feuers und der einfachsten Gegenstände vergessen. Als ihr Emma eine Schüssel voll der besten Suppe vorsetzte und einen Löffel in die Hand gab, so wußte sie nicht was sie damit anfangen sollte, bis ihr Emma den Gebrauch davon zeigte. Als sie von der Suppe, deren Genuß sie so lange hatte entbehren müssen, gekostet hatte, und die Schildkröte zerlegen und die herrlichen Kartoffeln und getrockneten Früchte sah, legte sie von jedem Stücke etwas bei Seite und rief voll Freude: »das ist für die Mutter, für die gute Mutter!«

Mann kann sich leicht denken, welchen Eindruck diese so harmlos freudig ausgesprochenen Worte auf Emma machen mußten. Ein Gefühl unaussprechlicher Beklommenheit bemächtigte sich ihrer, wenn sie das arme Kind ansah, aber durchaus entschlossen, es um jeden Preis zu zerstreuen, gieng sie mit ihm nach dem Baobab, für den auch sie stets so große Vorliebe gehabt hatte und sang ihr einige von den rührenden Melodien vor, die ihr selber so oft Trost und Erheiterung gewährt hatten. »Wie schön! wie schön! ach wie gut du bist und wie lieb ich dich habe! rief Henriette aus, als sie die sanften Töne hörte, die in ihrer jungen Brust liebe, heimliche Erinnerungen weckten.«

Emma vergoß Freudenthränen, als sie das liebliche Kind so heiter und glücklich sah. Es ist so schön Andere zu beglücken und sich dafür geliebt zu sehen, und wer wußte mehr als Emma dieses Glück zu würdigen, die so lange empfunden hatte, wie grausam es ist, von jedem menschlichen Wesen getrennt zu seyn.

Zwar konnte das kleine Wesen das die Vorsehung ihr gesendet hatte, um es zu lieben und zu beschützen, nicht allen ihren Gefühlen und noch weniger allen ihren Gedanken folgen, sie blieb allein mit ihren traurigen Erinnerungen und ihre Thränen mußten einsam fließen, aber sie konnte ihre Handlungen, ihre Bewegungen, ihr ganzes Seyn mit einem lebenden Wesen theilen; es war Jemand der ihr Antwort gab, sie mußte sich nicht mehr nur mit sich selbst beschäftigen, sie konnte für fremde Bedürfnisse, für ein fremdes Leben sorgen; mit einem Worte, sie hatte Pflichten, und einem Herzen wie das ihrige mußten solche Pflichten mit jedem Tage theurer und heiliger werden.

So zufrieden Emma in diesem Augenblicke sich fühlte, so schwand doch diese Zufriedenheit wieder, als Henriette schlief, und sie wieder allein, nur umgeben von den düstern Bildern der Vergangenheit, in ihrer Grotte saß.

»Mein geliebter Vater! schrieb sie in ihrem Tagbuche, nachdem sie das beweinenswerthe Ende der Frau Düval erzählt hatte, dieser schreckliche Tod hat Befürchtungen in mir erweckt, die ich vorher nicht kannte. Unwillkührlich zittere ich, wenn ich an dich denke; mir ist, wie wenn eine eisige Hand in mein Herz griffe und es der Hoffnung verschlösse.

»Warum mußte ich auch Zeuge eines so traurigen Ereignisses seyn? die Erinnerung daran erfüllt mich mit tieferem Grauen als das Andenken an den schrecklichen Sturm, der mich in diese Einsamkeit warf, denn sie führt meinem Sinne alle Gefahren und alle Uebel vor, denen du jetzt vielleicht in irgend einer Wildniß unterliegst. . . . . Bewahre mich, Gott, vor solch verzweiflungsvollen Gedankens segne, schütze meinen unglücklichen Vater und schenke ihn meiner Liebe wieder! Ich habe ja bis jetzt meine Einsamkeit und all' das Unglück das meine Jugend traf, nur ertragen, in der Hoffnung, ihn wieder zu finden. Was sollte aus mir werden, wenn diese Hoffnung mich täuschte? woher nähme ich den Muth, auch dann noch fortzuleben?

Emma weinte indem sie diese Worte schrieb, als plötzlich die Kleine erwachte.

»Guten Morgen, liebe Emma, rief sie, willst du mir keinen Kuß geben; aber du weinst ja?

– Das hat nichts zu sagen, dein Anblick gibt mir wieder Trost.

– Die Mutter sagte auch so zu mir und doch wurde sie krank; du mußt nicht mehr weinen, ich bitte dich!

– Liebe Henriette?

– Willst du mir nichts zu essen geben?

– Ja, aber vorher wollen wir beten, nicht wahr?

– Warum denn noch einmal beten? fragte die Kleine, die von ihrer Mutter ohne Zweifel nicht daran gewöhnt worden war, wir haben ja gestern Abend gebetet.

– Man muß alle Tage beten, liebe Henriette, damit Gott uns seine Wohlthaten nicht entziehe. Habe ich dir nicht schon gesagt, daß wir ihm unsere Nahrung und überhaupt alles verdanken was auf Erden ist? Wenn wir aufhörten zu beten, so würde er sich von uns abwenden und uns die Gaben entziehen ohne die wir nicht leben können.

– Es ist also Gott, der diese schöne Blumen und Bäume kommen läßt?

– Gewiß, liebes Kind, die Blumen, Bäume und Früchte, so wie das schlechteste Kraut das in diesem Thale wächst, verdanken ihm ihr Daseyn, und indem wir sie bewundern, dürfen wir nicht vergessen daß er selbst uns geschaffen hat, die wir seine Kinder sind.

Nachdem sie dieß gesagt, fiel Emma auf die Knie und sprach mit lauter Stimme ihr Morgengebet, das Henriette wiederholte.

Es läßt sich nicht beschreiben was die junge Einsiedlerinn empfand, als sie das Kind so beten horte; sie glaubte in diesem Augenblicke, daß wenn Gott sie in ihrer Verbannung eines Blicks der Gnade gewürdigt habe, das Gebet ihrer jetzigen Unglücksgefährtin ihr auch noch eine größere Gnade erflehen werde.

Ihre Traurigkeit verschwand vor diesem Gedanken. Nachdem sie gefrühstückt hatten, gieng sie daran, ihrer kleinen Gefährten ein Kleid aus Häuten zu machen, weil, wie bereits gesagt, das ihrige ganz zerlumpt und voll Schmutz war.

Auch Strümpfe, Schuhe und einen Hut mußte sie haben, was zusammen immer eine Arbeit von mehreren Tagen ausmachte. Aber wie gerne that Emma dieß, mit welcher Freude sah sie endlich Henriette, gekleidet wie sie, auf zwar kunstlose aber passende Weise! Auch das Kind wurde nicht satt ihr schönes Kleid und besonders ihren Hut zu bewundern, um welchen Emma auf geschmackvolle Weise eines von den Bändern schlang, die sie von ihren Brester Freundinnen erhalten hatte.

Bisher hatte die unglückliche Einsiedlerin noch nicht daran gedacht Gebrauch davon zu machen, denn ein kummergebeugtes Herz verachtet den Schmuck und alle die kleinlichen Eitelkeiten der Erde; aber wenn sie dieß bei sich selbst auch that, so wollte sie es doch bei Henrietten nicht thun. Es ist so schön, das Kind zu schmücken das man liebt, und welche Mutter hat nicht schon frohe Augenblicke erlebt, wenn sie ihres Kindes Anmuth bewunderte und es durch ihre Lobsprüche vielleicht sogar zur Eitelkeit verleitete?

Auch Emma fand ihre Pflegtochter hübsch, und voll Freuden über ihre belohnte Mühe konnte sie sich nicht enthalten auszurufen: »wie schön du bist, liebe Henriette

Dieß Wort fiel auf keinen unfruchtbaren Boden: das Kind erröthete vor Freuden, und wußte kaum wie es sich in unschuldiger Gefallsucht geberden sollte, so daß Emma bald ihren Fehler einsah und sich nun alle Mühe gab, das Gefühl der Eitelkeit, das sie selbst erregt hatte, wieder niederzukämpfen.

Emma hatte in ihrer Einsamkeit oft über die Fehler nachgedacht, vor welchen die weisen Lehren ihres Vaters sie bewahrt hatten. Er hatte ihr frühe schon gesagt, daß man nie ungestraft seiner Eigenliebe nachgibt, und daß die geringste Nachgiebigkeit in dieser Hinsicht uns unfehlbar zum Hochmuth führt.

»Dieser Fehler, sagte er oft, wird gewöhnlich am wenigsten und hauptsächlich bei jungen Mädchen bekämpft, und doch ist er gerade derjenige, der ihrer Ruhe am gefährlichsten wird. Er erstickt in ihrer Seele jedes wahre Gefühl, leitet ihr Urtheil und ihren Verstand auf Abwege und macht sie strafbar vor Gott und lächerlich in den Augen der Welt. Vergeblich suchen sie diesen häßlichen Fehler vor ihrer Umgebung zu verbergen; ein Wort, eine Geberde, ein Blick nur verräth ihre schändliche Neigung und woher soll alsdann Freundschaft woher Achtung entstehen, zwei Güter die kein Weib entbehren kann?

»Fliehe, ich beschwöre dich, diesen hassenswerthen Fehler, der für dich eine Quelle der grausamsten Täuschungen seyn würde. Vergiß nie, daß äußere Annehmlichkeiten nichts sind ohne Tugend; eine Krankheit, der geringste Zufall kann sie zerstören, und wie schnell geht die Jugend hin im Drange des Lebens? Sie gleicht der Rose, die am Morgen noch in reizender Frische blüht und am Abend welk und blätterlos steht. Unglücklich, wer diese flüchtige Jugend verliert ohne Eigenschaften und Tugenden zu sammeln, die ihn noch liebenswürdig machen, wenn der Frühlingsreiz verschwunden ist!«

Diese weisen Lehren waren Emma so gegenwärtig geblieben, daß sie dieselben oft noch zu hören glaubte und noch in ihrem einsamen Leben, wo sie von Niemand weder Lob zu hoffen noch Tadel zu fürchten hatte, dachte und handelte sie immer, wie wenn die ganze Welt über ihre geheimsten Regungen zu Gericht gesessen wäre.

Sie nahm sich deshalb vor ihren Fehler wieder gut zu machen und sich in Zukunft jedes Lobes zu enthalten, das Henrietten zu dem häßlichen Fehler hätte verleiten können, gegen welchen man ihr selbst so tiefen Abscheu eingeflößt hatte. Sie entwarf sich einen Plan, nach dem sie ihren Zögling auf eine seinem Alter angemessene Weise erziehen wollte und den sie genau befolgte; namentlich machte sie sich zum Grundsatze, nichts von ihr zu verlangen, in dem sie ihr nicht mit eigenem Beispiele vorangieng.




Neuntes Kapitel.

Die Fehler oder Tugenden eines Kindes sind nichts Anderes all eine Nachahmung der Fehler oder Tugenden, die ihm als Vorbild gezeigt werden.


Drei Monate verfloßen so in gegenseitigem Austausch von Liebe und Sorgfalt zwischen Emma und ihrem Zögling. Henriette, obschon sie nicht begriff, daß sie ihre Mutter für immer verloren hatte, hatte sich doch nach und nach an den Gedanken gewöhnt, daß sie nur einst nach langer Zeit wieder zurückkehren würde, und trug alle ihre Zärtlichkeit auf die über, die jener Stelle so treu ersetzte.

Auch Emma hatte sich wieder von dem harten Schlage erholt, der durch den Tod der Frau Düval sie getroffen hatte. Doch blieb ihr noch immer eine schwere Pflicht zu erfüllen: sie wollte nehmlich noch einmal zur Höhle zurückkehren, welche die irdischen Ueberreste der Unglücklichen verschloß, und ein Kreuz dort aufpflanzen, an dem sie den Ort wieder erkennen könnte, wenn einst der Zufall sie in Stand sehen sollte, ihn dem Vater der jungen Waise zu zeigen. Bisher hatte sie die Furcht, das Kind allein im Thale lassen zu müssen oder das Andenken an ihre Mutter zu schmerzhaft in ihr zu erwecken, davon abgehalten; als sie aber Henriette ruhiger sah und da sie fürchtete, der baldige Eintritt der schlechten Jahrszeit möchte sie an Erfüllung dieser heiligen Pflicht verhindern, so entschloß sie sich endlich sie mitzunehmen. Sie verfertigte also ein Kreuz, packte es eines Morgens mit dem nöthigen Geräthe zusammen, und gieng mit dem Kinde hin nach seiner Mutter Grab.

Emma war ernst und still, wie damals, als sie zum Grabe ihrer eigenen Mutter gieng. Auch du, armes Kind, dachte sie, auch du findest nur eine Hand voll Staub, statt einer zärtlichen, liebevollen Mutter. Welche traurige Aehnlichkeit zwischen deinem Schicksal und dem meinigen! Wie ich, hast du diejenige verloren, die dir das Leben gab und bist fern von einem Vater, den du vielleicht nie mehr siehst. Doch dir bleibt ein Grab, an dem du später weinen kannst – ich habe nicht einmal diesen Trost mehr: jenes, an dem ich so gerne betete, ist weit, weit von hier!

Emma weinte, und das Kind, welches dieß zufällig bemerkte, fragte sie theilnehmend, was ihr fehle und ob sie wegen ihr weine.

– Nein, antwortete sie, liebe Henriette, du hast mich nicht beleidigt, aber unwillkührlich ist mein Herz diesen Morgen traurig.

– Warum hast du auch dieß schwere Ding mitgenommen, das dich nur müde machen muß. Du sagtest, es sey ein Zeichen unserer Religion; aber mußt du es deshalb auch tragen?

– Ich habe es wegen dir mitgenommen, liebes Kind.

– Wegen mir? wie so?

– Ich will dieses Zeichen, das man ein Kreuz nennt, vor der Höhle aufpflanzen, wo deine Mutter so oft geseufzt hat, damit du, wenn du einst größer bist, daran beten und deinen Vater hinführen kannst, wenn der Himmel uns ihn wieder finden läßt.

– Wie gut du bist. Aber höre, vielleicht ist die Mutter wieder gekommen, und wenn sie Hunger hat, nicht wahr, so geben wir ihr zu essen?

– Nein, sie ist nicht da. Erinnerst du dich nicht, daß sie zu Gott gegangen ist, um ihn um seinen Seegen für uns zu bitten? und damit er ihr Gebet erhöre, trage ich dieses Kreuz gerade an den Ort hin, wo sie so viel gelitten hat. Dieß ist zwar kein großes Verdienst, allein Gott weiß wohl, daß ich nicht mehr thun kann, und alles was wir thun, vergilt er uns wieder.

– So gebe mir auch einen Theil von dem Kreuze zu tragen, damit ich auch etwas für ihn und die Mutter thue.

Das natürliche Wesen des Kindes rührte Emma bis zu Thränen; sie gab ihr ein Ende des Kreuzes in die Hand, da sie aber sah daß es zu schwer für sie war, so nahm sie es wieder, und sagte: »du hast nun genug gethan, liebe Henriette, du hast den guten Willen gezeigt, und dieß reicht hin für den der in dein Herz sieht; spare deine Kräfte um mit mir zu beten. Wenn du wüßtest, wie angenehm das Gebet der Kinder ihm ist!«

Henriette schwieg und schritt muthig neben Emma fort, bis sich endlich Beide ermüdet auf den Sand niedersetzten. Azor setzte seinen Korb mit Lebensmitteln, den er nachgetragen hatte, von seiner Herrin nieder, die nun das Frühstück austheilte und selber etwas genoß.

Nachdem dieß geschehen war, nahm sie ihre Last wieder auf und kam endlich bei der verhängnißvollen Höhle an. Mit schwerem Herzen setzte sie das Kreuz nieder und sank auf die Knie um zu beten; allein ein Todengeruch der ihr entgegenwehte, erfüllte sie mit Schauder und bewog sie wieder aufzustehen und das Kind, das neben ihr niedergekniet war, mit sich fort nach einer nahen Baumgruppe zu führen. »Hier, liebe Henriette, sagte sie zu ihr, bleibe und bete für deine Mutter, während ich versuchen will meine Aufgabe zu lösen.« Hierauf gieng sie zur Hohle zurück, ergriff mit zitternder Hand ein Grabscheit und begann ihre schwere Arbeit. Die Todesstille rings um sie her, der verwesende Leichnam, von dem nur einige Baumzweige sie trennten, hatten etwas Furchtbares, das ihre Glieder beben machte und kalten Schweiß auf ihre Stirne trieb. Sie war einer Ohnmacht nahe. Doch endlich war die Grube fertig und das Kreuz stand, auf das sie vorher den Namen und Todestag der armen Mutter geschrieben hatte. Mit aller Inbrunst ihres frommen Herzens betete sie nun für die Seele der Hingeschiedenen und nachdem sie ihr noch ein letztes Lebewohl gesagt hatte, nahm sie ihre junge Gefährtin bei der Hand, und ruhte nicht früher mehr aus als bis sie wieder auf der andern Seite der Felsen waren, wo ihre Gedanken eine weniger traurige Richtung nehmen konnten.

Es war beinahe Nacht, als Emma ihre Grotte wiedersah, und obgleich sehr ermüdet, nicht nur von all' den schmerzhaften Eindrücken die sie empfangen hatte, sondern auch davon daß sie das Kreuz, den Handwerkszeug und das Kind selbst eine Strecke Wegs hatte tragen müssen, wollte sie sich doch nicht eher niederlegen, als bis sie vorher an ihren Vater geschrieben hatte, dessen Andenken in jede Regung ihres Herzens sich mischte.

»Lieber Vater, schrieb sie, deine Emma hatte heute eine sehr traurige Pflicht zu erfüllen: ich mußte der Unglücklichen einen Denkstein setzen, die ich der Gefährtin meiner Einsamkeit so gerne erhalten hätte. Was habe ich nicht gelitten als ich ihre beweinenswerthen Ueberreste wieder sah! ihr Kind war dabei und sein Anblick zerriß mir das Herz. Arme Kleine! du kennst den grausamen Tod noch nicht, der uns die Gegenstände unserer heißesten Liebe auf immer entreißt; aber ich, so jung ich bin, ich kenne ihn schon. . . . später mußt auch du ihn noch kennen lernen; ich muß dir sagen, wie mein Vater zu mir sagte: »siehe, hier ruht deine Mutter« . . . . . Worum soll ich ihr diese traurige Wahrheit verbergen? sie muß die Pflichten der Kindesliebe erfüllen lernen. Ich habe sie heute an ihrer Stelle erfüllt, und mitten in meiner Trauer fand ich einen süßen Trost in meiner Brust.«

Nachdem Emma diese Zeilen geschrieben hatte, legte sie sich nieder und schlief friedlich die Nacht hindurch, bis sie am andern Morgen mit neuer Kraft wieder zu ihrem Tagewerk erwachte.

Als sorgsame Hausfrau hatte sie bereits mit der Reis- und Kartoffelerndte angefangen. Diese beiden Fruchte waren ihr um so nothwendiger, als deren Verbrauch durch Henriettens Gegenwart vermehrt wurde, und der Vorrath an Zwieback aufgezehrt war. Zugleich mußte sie auch auf das Einbringen des Zuckerrohrs, der Cokosnüsse, Trauben, Datteln und Zitronen bedacht seyn. Einige Feigenbäume, die sie gelegentlich entdeckt hatte, lieferten ihr ebenfalls eine angenehme und kräftige Nahrung.

Nachdem alle Früchte getrocknet und eingeheimst waren, salzte Emma auch Fleisch von den verschiedenen Thieren ein, die ihr Azor immer in die Küche lieferte, aber diese Arbeit, so leicht sie ihr auch schien, nahm dennoch beträchtliche Zeit weg, besonders da sie vorher Salz suchen und irdene Gefäße dazu machen mußte, die ihr, weil sie groß seyn mußten, unendliche Mühe verursachten.

Auch mit gespaltenem Holz mußte sie sich versehen, denn die Wolken die seit einiger Zeit am Horizont hinzogen, kündigten die nahe Ankunft der kalten und regnerischen Jahrszeit an. Im Andenken an das fürchterliche Ungewitter, das im vorigen Jahre der Vorläufer davon gewesen war, fühlte sich Emma nicht wenig beängstigt vom Anblick dieser Wolken. Bald fieng auch der Wind mit Macht zu blasen an, der Regen fiel in Strömen und mehrere Donnerschläge ließen sich hören; doch waren alle diese Zufälle, obgleich sie sich mehrere Tage hinter einander wiederholten, dießmal von keinem Erdbeben begleitet, und die jungen Bewohnerinnen des Thals erfuhren keine andere Unannehmlichkeit als die, in ihrer Höhle bleiben zu müssen.

Da Emma endlich sah, daß der Himmel sie nicht neuen Gefahren aussetzen wolle, so wandte sie ihre Zeit dazu an, ihre eigenen Studien fortzusetzen, und dem Unterrichte mit ihrem Zöglinge mehr Regelmäßigkeit zu geben. Sie bemühte sich, alles daraus zu entfernen, was ihn einem so zarten Geschöpfe unangenehm machen konnte, und ihr hauptsächlich eine Idee von der Macht und Güte des höchsten Wesens und von unsern Pflichten gegen dasselbe, gegen unsere Mitmenschen und uns selbst beizubringen.

So lehrte sie Henrietten fromm und Gott unterwürfig werden, indem sie jeden Tag inbrünstig mit ihr betete und mit Geduld und Ergebung alle Unbequemlichkeiten und Mühen ihrer Lage ertrug; sie lehrte ihr Sanftmuth und Theilnahme, indem sie selbst von immer gleicher Laune, großer Bescheidenheit und außerordentlicher Güte war gegen Alles in ihrer Umgebung; sie lehrte ihr endlich Liebe zu Arbeit und Studium, indem sie selbst mit Eifer die schwersten Arbeiten verrichtete, und die wenige übrige Zeit dazu anwendete, ihre Kenntnisse zu erweitern.

Mit ebenso viel Fassungsvermögen als gutem Willen begabt, zeigte Henriette den größten Eifer bei ihrem Unterrichte, und Emma fand kein höheres Vergnügen, als das, den Geist und das Herz des lieblichen Kindes zu bilden.

Aber diese angenehme Beschäftigung, welche die verzweiflungsvolle Eintönigkeit aus ihrem Leben verscheuchte, wurde bald durch ein Ereigniß unterbrochen, das beinahe ein trauriges Ende genommen hatte.

Die schlechte Jahrszeit gieng zu Ende und beiden jungen Einsiedlerinnen, die wegen des unaufhörlichen Regens schon seit längerer Zeit nicht mehr hatten ausgehen können, freuten sich schon voraus, ihre gewöhnlichen Ausflüge im Thale wieder vornehmen zu können, als Henriette auf einmal von einem heftigen Fieber befallen ward.

Man müßte sich in einer Lage wie die Emmas befunden haben, um zu begreifen was sie damals in ihrer grausamen Abgeschiedenheit erduldete.

»Gott im Himmels rief sie verzweiflungsvoll aus, wirst auch du, mein einziger Trost mir noch entrissen: Könnte ich dir doch wenigstens Linderung schaffen! aber dich leiden sehen und kein Mittel dagegen wissen! Ach! gerechter Himmel! habe Mitleid mit diesem Kind und mir! Entreiß mir nicht dieß liebe Geschöpf! jetzt da du mir es gegeben, könnte ich nicht mehr ohne es leben in dieser Einsamkeit!«

Ungeachtet aller Mühe die sie sich gab, machte das Uebel doch immer größere Fortschritte, und nach zwei Tagen kannte Henriette sie nicht mehr und schrie nur noch unaufhörlich: »Mutter! Mutter!«

»Die du rufst, sagte Emma, kann dich nicht mehr hören; mir allein war das schreckliche Loos aufbehalten, dich leiden zu sehen.« Alles versuchend, um ihr Hülfe zu schaffen, bereitete sie ihr einen Trank von Datteln und hüllte sie in die wenige Leinwand die sie noch hatte, um die natürliche Wärme ihrer Haut, die kalt war wie die eines Leichnams, wieder herzustellen.

Endlich, in der dritten Nacht, brach ein Schweiß aus; Henriettens Bewußtseyn kehrte wieder, und ihr erstes Wort war ein Wort der zärtlichsten Liebe gegen ihre Freundinn, die in Tyränen schwam. Als sie aber die Lampe näherte, um ihre liebe Kranke besser betrachten zu können, bemerkte sie mit Schrecken daß ihr Kopf furchtbar erhitzt und ganz mit breiten rothen Platten überdeckt war: die Masern waren ausgebrochen. Emma gerieth bei diesem Anblicke in eine solche Angst, daß sie beinahe auch das Bewußtseyn verloren hätte.

Doch beruhigte sie das heitere, ruhige Lächeln auf Emmas Gesichte ein wenig, und bald bemerkte sie daß keine Gefahr mehr vorhanden war; aber die ausgestandene Angst und öfteres Wachen hatten sie selbst so schwach gemacht, daß auch sie am andern Tage ein äußerst heftiges Fieber und unerträgliche Kopfschmerzen bekam.

Bisher hatte Emma, ungeachtet der harten Prüfungen die sie erstanden, einer so vollkommenen Gesundheit genossen, daß sie durchaus keine Vorstellung von den in der Kindheit und Jugend so gewöhnlichen Krankheiten hatte, und da sich jetzt ihre Leiden mit jedem Augenblicke vergrößerten, so fürchtete sie endlich, sie möchten die Anzeichen ihres nahen Todes seyn.

Die ganze Furchtbarkeit ihrer Lage fiel nun mit Schrecken auf sie. Ihr erster Gedanke war an ihre kleine Gefärthinn, die vielleicht aus Mangel an Hülfe verschmachtete, dann dachte sie doch auch, wie jung sie selbst noch sey um das Leben schon zu verlassen. Dieß Leben war zwar ein kummervolles, aber die Hoffnung auf eine bessere Zukunft war nie ganz in ihr erloschen, und sie hatte noch auf das Glück gezählt, ihren Vater einst wieder zu sehen. Wie sollte sie jetzt auf diese süße Hoffnung verzichten? wie mit 15 Jahren allen Täuschungen entsagen und dem Tod mit Ruhe entgegensehen, da das Alter selbst sich mit Schrecken von ihm abwendet?

Vor der Höhle sitzend, die Hände gefaltet und kaum im Stande ihre Klagen zurück zu halten, sah das arme Kind mit schmerzlichen, muthlosen Blicken um sich.

»Lieber Vater! seufzte sie, werde ich dich also nicht mehr sehen . . . . . Hier sterben, verlassen von der ganzen Welt, ach! es ist ein schrecklicher Gedanke. . . . . Habe ich denn das Leben nur gekannt, um seinen bittersten Kelch zu leeren? Ach! geliebter Vater, wenn ich doch wenigstens in deinen Armen sterben, nur noch einmal dich sehen könnte!«

Emma brach in Thränen aus bei diesen Worten. Doch der Gedanke an Gott gab ihr bald wieder Muth. Weil sie fürchtete, ihr Fieber könnte so heftig werden, daß es ihr unmöglich wäre Henrietten später die gehörige Sorgfalt zu widmen, so schleppte sie sich zweimal zum Bache hin um das nöthige Wasser zu holen, – kochte alsdann eine Schildkrotsuppe, erneuerte den Datteltrank und stellte diese Gegenstände Henrietten an ihr Lager; erst als sie dies alles gethan und auch für ihren treuen Azor gesorgt hatte, legte sie sich nieder, denn länger konnte sie der Krankheit, die durch diese Anstrengungen noch erhöht worden war, nicht widerstehen.

Wer vermöchte zu sagen, was sie Alles litt während der langen Nacht, die auf diesen harten Tag folgte? In schrecklicher Fieberhitze mußte die arme Emma jeden Augenblick aufstehen, um ihren brennenden Durst zu löschen.

Wenn die Leiden, welchen unsere schwache Natur unterworfen ist, in jeder Lage schwer zu ertragen sind, wie furchtbar mußten sie erst Emma erscheinen, in ihrer einsamen, verlassenen Lage, wo ein schwaches, krankes Kind und ein armer Hund, der ihr jetzt nichts helfen konnte, ihre einzigen Gefährten waren!

Um das Maaß ihres Elends zu füllen, mangelte es ihr auch gänzlich an Leinwand, denn den letzten Rest davon hatte sie, wie wir gesehen haben, dem Kinde gegeben, und die edelgesinnte Emma wollte sich lieber auch jetzt diese Entbehrung auferlegen, als sie Henrietten wieder nehmen. Aber man denke sich was sie erduldete, auf einem Lager von Blättern, von Schweiß triefend und als Bedeckung nichts als ein Kleid von Fellen und eine Matte von Stroh.

Am andern Tage brachen die Masern auch an ihr aus, und auf das heftigste Fieber folgte eine ebenso tiefe Erschöpfung, während welcher die arme Henriette, die wieder auf dem Wege zur Besserung war, vor Jammer fast vergieng. Endlich erwachte Emma durch ihre Seufzer und ihr Geschrei aus ihrer Bewußtlosigkeit und hatte ungeachtet ihrer außerordentlichen Schwäche dennoch den Muth aufzustehen und ihr etwas Fleischbrühe zu reichen, die sie ohne ihre Erlaubniß nicht zu genießen gewagt hatte.

»Liebe Emma, bat das Kind, indem es die Schale mit zitternder Hand ergriff, du mußt nicht mehr krank seyn; vorhin hast du gerade so geseufzt und geklagt wie die Mutter, was mich schrecklich ängstigte. . . . . ich rief dir, aber du gabst mir keineAntwort auch Azor war traurig wenn er dich ansah, und er und ich waren sehr unglücklich, daß du nicht mit uns redetest. Nicht wahr, du bist nicht mehr krank?

– Meine Genesung hängt nicht von mir ab, liebe Henriette, du weißt, daß Gott allein unser Herr ist.

– O dann will ich ihn so flehentlich bitten, daß er dich gesund macht!» Als sie dieß sagte, kniete das liebe Kind nieder, und wiederholte mit lauter Stimme und tiefer Andacht alle die Gebete, die sie von Emma gelernt hatte.

Es ligt in der Stimme eines betenden Kindes etwas Liebliches und Sanftes, eine gewisse himmlische Melodie, die Ruhe in die bewegteste Seele gießt. Selten kann auch der roheste Mensch ihr widerstehen; wie sollte Gott es können, der die unendliche Liebe selber ist, die wir nie vergebens anflehen?

Auch Emma, krank, bis zum Tode matt und muthlos konnte diese rührende Stimme, die des Himmels Mitleid für sie erflehte, nicht anhören, ohne ihr ganzes Wesen wohlthuend bewegt zu fühlen, und als die Kleine, nach beendigtem Gebet mit Freudestrahlendem Gesichte sich zu ihr wandte und sagte: »jetzt, liebe Emma, bist du gewiß nicht mehr krank,« kehrte die Hoffnung wieder in ihr Herz und ihre Schmerzen waren weniger heftig. Bald verschwanden sie ganz, denn ihre Phantasie war beruhigt, die Krankheit gieng nun ihren geregelten Gang und nach acht Tagen war sie wieder gesund.

Der erste Gebrauch den Emma von ihrer wiedergekehrten Gesundheit machte, war daß sie Gott dafür dankte, und an ihren Vater schrieb.

»Ich lebe, sagte sie, und ich glaubte sterben zu müssen. Auch die Natur ersteht wieder auf's Neue, die Wasser, die den Boden überschwemmten, sind zurückgetreten, die Wolken sind vom Himmel verschwunden und Bäume und Pflanzen haben sich in glänzendes Grün gekleidet, die Vögel singen und der Schmetterling schwirrt freudig um die neue Blume; Alles lebt und treibt mit neuer Kraft. . . . . Wie schön erscheint mir Alles, und wie selig ist es, zu schwelgen in dieser Herrlichkeit, wenn man sie nie wieder zu sehen glaubte! Muß man denn gefürchtet haben etwas zu verlieren, wenn man seinen Werth soll schätzen lernen? Ich glaube noch nie so sehr wie jetzt empfunden zu haben, was die Vorsehung alles für mich that, daß sie mich gerade in dieß schöne Thal führte, statt in die schreckliche Wüste, die es umschließt. Hätte ich es nicht entdeckt, so wäre es um mich geschehen gewesen und dasselbe Loos wäre mir geworden, wie jener Unglücklichen, die mir ihr Kind als Vermächtniß hinterließ.

»Armes Kind! auch du wärest beinahe gestorben. Wie bedauernswerth wäre ich gewesen, wenn meine Furcht zur Wahrheit geworden wäre! Ich liebe sie jetzt anders als ich sie vorher liebte; ihr Leben ist zum meinigen geworden; wenn ich ihre liebe Stimme höre, so glaube ich die Stimme eines Engels zu vernehmen, der mir des Himmels Seegen verkündet.

»Ach! ich bedarf seiner sehr! Wie sehr hat mir diese neue Probe, der ich mich unterwerfen mußte, die Schwäche meines Geistes gezeigt! Ich glaubte Kraft, ich glaubte Muth zu besitzen, und kaum ward ich krank, so fühlte ich mich schwach wie ein zerknicktes Rohr. Ich glaubte meinen Tod unvermeidlich, und bitterer Schmerz bemächtigte sich meiner Seele. . . . . . Wie klein sind wir vor Gott, wie machtlos alle unsere Führsorge! Wir glauben in die Zukunft sehen zu können, und er allein weiß sie und hält sie in seiner mächtigen Hand.« . . . .

»Jetzt, da ich wieder besser bin, erscheint mir Alles was ich sehe schön, und plötzlich vielleicht hören meine Augen, daran gewöhnt, auf es schön zu finden. . . . . Wenn du bei mir wärst, geliebter Vater, so würde dieser Reitz nie verschwinden; nicht die Welt, nur dich wünsche ich wieder zurück! Wer würde mich so lieben in ihr wie du mich liebtest? Was sie mir auch Freudiges bieten könnte, es gliche nie der Freude, die eines Vaters Liebe schafft. Leider kann ich nicht sprechen von der einer Mutter; aber wie süß muß sie seyn! Weh über das Kind, das Eltern und Geschwister hat, und fremde Genüsse außer dem Kreise derselben sucht! Du hast mir ja gesagt, lieber Vater, daß solche Freuden nie ohne Bitterkeit sind. . . . . Nein, nicht nach ihnen sehne ich mich; welch Glück hätte dem meinigen geglichen, wenn ich mit dir vereint gewesen wäre? Aber ich habe dich verloren und muß in einer Einöde leben!

»Wer könnte ohne den Gedanken an Gott solchem Ungemach widerstehen? Seine Güte hat mich erhalten, er erweckte, er erhielt in meinem Herzen die Hoffnung dich wieder zu finden, und selbst in diesem Augenblicke, wo das Leben mir so süß ist, ist es doch nur dieser Gedanke, der es mir schätzenswerth macht.«




Zehntes Kapitel.

Je mehr man die Tugend übt, desto lieber gewinnt man sie, so wie zwei Freunde einander desto inniger lieben, je näher sie sich kennen.


Wenige Tage reichten hin, um die Gesundheit der beiden Freundinnen, welchen die Besorgniß, die sie gegenseitig füreinander ausgestanden hatten, zu einem neuen Freundschaftsbande geworden war, wieder ganz herzustellen. Mit jedem Augenblicke wuchs ihre Freundschaft, denn mit jedem Augenblicke fühlten sie mehr, wie nothwendig dieses Gefühl für sie war. Henriettens zarte Jugend war freilich ein Grund, daß Emma, deren frühreifer Verstand sich ausschließlich in der Schule des Unglücks gebildet hatte, immer eine gewisse Leere bei ihr fühlte; aber das Vergnügen das sie darin fand, dem Kinde ihre eigenen Meinungen und alle Tugenden einzupflanzen, deren Keim ihr herrlicher Vater in ihr eigenes Herz gelegt hatte, entschädigte sie dafür, daß sie kein Wesen besaß, dem sie alle ihre Gedanken mittheilen konnte.

Henriettens Erziehung war übrigens für Emma ein großes Geschäft, denn in ihrer Einsamkeit mangelten ihr alle Gegenstände zur Vergleichung, wodurch die Einbildungskraft des Kindes so leicht angeregt wird, und die sich in der Welt gleichsam auf jedem Schritte darbieten; sie konnte beinahe bloß durch Beweisgründe und eigenes Beispiel auf den Geist des Kindes wirken, und diese Mittel reichten nicht immer aus; aber da sie stets hoffte, es werde irgend ein glückliches Ereigniß sie früher oder später doch einmal aus ihrer Einsamkeit erlösen, so gedachte sie ihr Werk später noch zu vollenden und begnügte sich einstweilen, in den Verstand ihres jungen Zöglings Keime zu pflanzen, die einst Früchte tragen könnten.

Wonach sie am meisten trachtete, war, ihr als Grundlage jeder Tugend und jedes wahren Erdenglücks die Liebe zu Gott einzuprägen, und diese Liebe lernt sich besser in der Einsamkeit als im Gedränge der Welt: dort trägt Alles das Gepräge des Großen und Erhabenen, die Hand des Menschen hat nichts verschlechtert und wenn sich die einsame Seele zu Gott erhebt, so ist ihre Andacht nicht gestört von der Stimme der Leidenschaft, sondern sie steigt rein und ungetrübt auf zum Throne des Allmächtigen.

Emma fand so viel Trost im Gebet, daß der erste Gebrauch, den sie von ihrer wiederhergestellten Gesundheit machte, war, daß sie unter dem Baobab einen ländlichen Altar errichtete, auf den sie ein Kreuz pflanzte, in welches sie das Bild des Erlösers mit einem Messer eingegraben hatte. Auch ein Bildniß der heiligen Jungfrau formte sie aus Thon und verfertigte niedliche Körbe, um Blumen darin aufstellen zu können, deren ihr ihr Gärtchen und das Wiesenthal genug lieferten.

Mit welchem Entzücken kniete sie vor diesem Altar nieder! und mit welcher Inbrunst brachte sie Gott ihr Opfer dar! Henriette, die sie aus Kräften dabei unterstützt hatte, theilte ihre Zufriedenheit und lernte von ihrer jungen Freundinn den loben und ehren, der sie in der Wüste ernährte.

Bald jedoch mußte sie sich wieder härteren Arbeiten unterziehen. Die Wiederkehr der guten Jahrszeit rief Emma zu Geschäften, die sie im Winter nicht hatte.

Henriette fieng an ihr nützlich zu werden. Sie erreichte jetzt ihr siebentes Jahr und die ausgestandene Krankheit, weit entfernt, der Entwicklung ihrer Kräfte zu schaden, schien dieselbe im Gegentheile eher befördert zu haben und Emma sah mit großem Vergnügen, daß sie bald nicht mehr nöthig haben würde sie wie bisher zu tragen. Aber wenn sie auf der einen Seite Ursache hatte, sich über das Gedeihen ihrer jungen Freundin, die sie in so hohem Grade interessirte, zu freuen, so machte ihr dagegen ihr treuer, alter Gefährte, der sehr leidend war und ihre Arbeiten nicht mehr theilen konnte, viele Sorge.

Eines Abends, als sie, ermüdet von den Geschäften des Tages, am Eingang der Grotte mit dem Kinde zu Abend aß und auf das gute Thier wartete, das, seiner Gewohnheit nach, auf die Jagd gegangen war, sah sie es auf einmal, den Kopf gesenkt und ganz langsam, die Wiese daher hinken.

Sie lief ihm sogleich entgegen und rief mit unbeschreiblicher Angst seinen Namen, aber er antwortete nur durch ein dumpfes Stöhnen. Wie erschrack sie, als sie das arme Thier betrachtete, das mit Blut überdeckt war und regungslos seinen Kopf in ihre Hand legte.

Azor! lieber Azor! wer hat dich so schrecklich zugerichtet? schrie Emma in ihrer Verwirrung, wie wenn er ihr hätte Antwort geben können, und untersuchte mit ängstlicher Sorgfalt die tiefen Wunden mit welchen er bedeckt war. Eine von seinen Hintertatzen war besonders stark zerfleischt, so daß es schien als ob er sich gegen mehrere Feinde zugleich habe vertheidigen müssen.

Emma wollte nun eilig zur Grotte gehen um Wasser und Leinwand zu einem Verbande zu holen, als aber Azor dieß sah, so schleppte er sich ihr nach und warf sich, als er endlich ankam, auf der Matte nieder, die ihm als Bett diente. Sie wusch ihm nun eilig seine Wunden mit frischem Wasser aus und legte ihm einen Verband mit Schildkrötenfett an, das sie schon oft bei sich selbst mit Vortheil augewendet hatte. Azor ließ anfangs alles geduldig mit sich anfangen, als sie aber an die verwundete Tatze kam, so begann er so kläglich zu stöhnen, daß Emma mit ihrer Operation aufhörte. Doch ermuthigt durch den Wunsch, seine Schmerzen zu lindern, machte sie weiter und sah bald mit großer Freude, daß sie schon weit weniger heftig waren, denn er leckte ihr die Hände und sah sie so ausdruckvoll an, als ob er sie dadurch hätte beruhigen wollen.

Henriette , die Azor ebenfalls sehr gerne hatte, hatte geweint als sie seine vielen Wunden erblickte, und sich in der Höhle verborgen während Emma ihn verband; als diese aber fertig war, kam sie wieder hervor und fragte Emma, wie sie dieß habe thun können? »Ich, sagte sie, hatte solche Angst, daß ich nichts als weinen konnte.

– So machen es alle Leute die nicht gehörig nachdenken, erwiederte Emma, der es lieb war eine Gelegenheit zu finden, um sie ein wenig gegen die Unfälle des Lebens zu stählen: sie weinen und erschrecken wenn sie oder Andere leiden, und denken nicht auf Mittel zu helfen; auf diese Weise, liebe Henriette, ist man weder sich noch Andern nützlich. Der wahrhaft Gefühlvolle handelt, er begnügt sich nicht damit das Unglück zu beweinen; welches Opfer es ihn auch kostet, er bringt es und eilt zu Hülfe. Was sollte aus dem Unglücklichen werden, wenn der Anblick seiner Leiden nur Thränen erregte; was wäre zum Beispiel aus Azor geworden, wenn ich wie du entflohen wäre, als ich seine Wunden sah?«

Die Kleine, welche die Wahrheit ihrer Gründe einsah, versprach ihr in Zukunft muthiger zu seyn und Emma entschuldigte ihre Schwäche um so eher, als sie selbst noch nicht ohne Zittern an den Zustand ihres Hundes denken konnte, den sie fortwährend mit der größten Sorgfalt behandelte.

Die Leserinnen wissen, daß dieser Azor für Emma kein gewöhnliches Thier war; von Kindheit auf hatte sie sich an ihn gewöhnt, er war der Gefährte ihrer Spiele gewesen, er hatte sie aus den Wellen errettet und während der zwei Jahre, die sie in dieser Einöde schmachtete, war er ihr einziger Freund, ihre einzige Stütze gewesen. Wie hätte sie solche Dienste vergessen können? aber je mehr sie dieß fühlte, desto schrecklicher war ihr der Gedanke, das treue Thier zu verlieren.

Außerdem beunruhigte sie noch eine andere Sorge, und in ihrer Lage war diese Sorge eine wirkliche Qual. Sie fürchtete nehmlich, Azors Wunden möchten nicht von einem reißenden Thiere herkommen. In der That hatte sie auch während ihres Aufenthalts auf der Insel, außer den vierfüßigen Thieren die ihr Hund in der Regel jagte und einigen Raubvögeln, die sie zwar erschreckten aber ihr durchaus keinen Schaden zufügten, noch kein Thier bemerkt. Sie konnte nicht glauben, daß das eine oder das andere dieser Thiere Azor so zugerichtet haben sollte; aber andere, bösartigere konnten in die Nähe des Thales gekommen seyn, und dieser Gedanke erfüllte sie mit Schrecken, denn sie hatte zu ihrer und ihrer jungen Gefährtinn Vertheidigung nichts als einen Bogen und Pfeile, die sie in der Angst vielleicht nicht einmal handhaben konnte.

Bis jetzt hatte Emma ihre Geschicklichkeit noch gegen kein lebendes Wesen geübt, aber der Gedanke an die Gefahr, die jeden Augenblick ihrer geliebten Henriette drohen konnte, bewog sie, sich wenigstens in Stand zu setzen, daß sie im Nothfalle ihren Widerwillen dagegen überwinden könnte. Sogleich am andern Tage fieng sie an sich wieder im Bogenschießen zu üben und bald erlangte sie eine solche Geschicklichkeit darin, daß sie ihr Ziel nicht mehr verfehlte.

An Vögel war ein solcher Ueberfluß im Thale, daß die junge Einsiedlerin leicht genug davon zu ihrem Unterhalte hätte tödten können; aber wie wir bereits gesagt haben, sträubte sich ihr Herz gegen dieses Mittel. Und doch mußte sie bald darauf bedacht seyn, sich neue Hilfsquellen zu eröffnen, denn Azor erholte sich nur sehr langsam und sie hatte Grund zu glauben, daß er erst nach langer Zeit wieder seine Jagden werde beginnen können. Schon seit vierzehn Tagen war in der Grotte nichts anderes mehr gespeist worden als Austern, Reis, Kartoffeln und einige Ananas, und das arme Thier wollte sich nicht an diese magere Kost gewöhnen. Da Emma noch eine ziemliche Parthie Bindfaden besaß, so dachte sie zwar wohl daran, ein Netz zum Fischen daraus zu machen, allein außerdem daß sie gar nicht wußte wie sie dieß angreifen sollte, wagte sie sich auch nicht mehr so wie früher an den Strand, und noch weniger über die Felsen, die sich an dem Flusse hinzogen, den sie auf der andern Seite des Thals entdeckt hatte, denn dorthin gieng Azor gewöhnlich auf die Jagd und dort war er wahrscheinlich auch mit den Feinden handgemein geworden, die ihn so grausam zugerichtet hatten.

Je mehr Emma an diesen Umstand dachte, desto unerträglicher wurde ihre Unruhe. Zum Unglück waren auch ihre Wintervorräthe beinahe erschöpft, Schildkröteneier fand sie nur wenige und die Reiserndte schien dieses Jahr nicht sehr reichlich ausfallen zu wollen. Auf der andern Seite sah sie daß ihr armer Azor sich durchaus nicht an die Pflanzenkost gewöhnen konnte: er war traurig und magerte zusehends ab. Auch Henriette schien durch die schlechte Nahrung zu leiden, und Emma selbst fühlte keine unbedeutende Abnahme ihrer Kräfte.

Was war zu thun? auf die armen Vögel schießen, die so schön und harmlos waren, und ihr Blut zu vergießen um Fleisch zu erhalten? dieser Gedanke war schrecklich! ihr Herz empörte sich dagegen und doch war es ihr noch viel schrecklicher, das arme Wesen hungern zu lassen, das die Vorsehung ihr zur Versorgung anvertraut hatte. Und auch ihren braven Gefährten, der sie gerettet und ernährt hatte, auch ihn sollte sie verschmachten lassen, ohne einen Versuch zu wagen, seine Gesundheit und seine Kräfte wieder herzustellen? Nein! sie wollte, sie mußte es versuchen, es wäre Sünde gewesen, es nicht zu thun. . . . . .

Dennoch giengen noch mehrere Tage hin, ehe sie sich zu dem Opfer entschließen konnte, das die Notwendigkeit so gebieterisch von ihr forderte. Den Bogen in der Hand und immer den Pfeil auf einen der zahlreichen Vögel gerichtet, die um sie herumflogen, war sie jeden Augenblick im Begriffe auf das Opfer abzudrücken, aber immer hielt sie ein innerer Widerwillen davon zurück; sie hatte nicht den Muth dazu; es überlief sie eiskalt, und doch, wenn sie wieder Henriettens bleiches Gesicht betrachtete oder in die Höhle zurückgieng, die Azor nicht mehr verlassen konnte, und das arme Thier, traurig und schwach, ansah, machte sie sich bittere Vorwürfe und nahm sich vor, ihre Anstrengungen zu verdoppeln, um ihre strafbare Schwäche zu überwinden.

Mitten unter diesen innern Kämpfen, erstieg sie eines Morgens, als die nöthigste Nahrung für den Tag fehlte, einen der benachbarten Felsen, um wilde Taubeneier zu suchen, die sie hier im Ueberflusse gesehen hatte, und um einige Vögel zu schießen, wenn sie den Muth dazu hätte.

Henriette , die sie bei solchen Gängen gewöhnlich begleitete und nicht weniger begierig war Nester zu entdecken als ihre Gefährtin selbst, war ihr vorausgellt um den Gipfel zuerst zu erreichen, als sie auf einmal voll Freude ausrief: »Emma! Emma! schnell, komme, ich habe ein ganz großes gefunden!« Und zur gleicher Zeit zeigte sie ihr einen Vogel, der noch ganz mit Flaum bedeckt war und den sie aus einem großen Neste genommen hatte, das in einer der Felshöhlungen aus grobem Reißig gebaut war.

Emma kam herbei und mußte lachen über die Freude des Kindes, als sie auf einmal auf einem Felsenvorsprunge einen ungeheuern Geier erblickte, der gerade im Begriffe war auf das unvorsichtige Kind herabzustoßen, das ihm seine Jungen geraubt hatte. Schon breitete das wüthende Thier seine ungeheuren Schwingen und sein funkelndes Auge war racheglühend auf das Opfer gerichtet, aber in dem Augenblicke wo er es beinahe erreicht hatte, flog ein Pfeil, von Emma mit geschickter Hand abgeschossen, mitten durch seinen Körper, so daß er zu den Füßen der erschrockenen Henriette fiel, die sich Emma, durch die sie von einem so furchtbaren Feinde befreit worden war, in die Arme stürzte.

Wer vermöchte Alles auszusprechen, was Emma in diesem Augenblicke fühlte und mit welcher Bewegung sie das liebe Kind an ihr Herz drückte! Sie war stolz auf ihren Sieg, als sie den geflügelten Riesen betrachtete, den sie mit so vielem Glück erlegt hatte; da sie aber wohl dachte, daß er nicht der einzige von seiner Art auf diesem Felsen seyn werde und den Zorn dieser grausamen Thiere zu erregen fürchtete, wenn sie ihn mit sich nähme, so entfernte sie sich schnell und stieg mit dem Kinde an den Strand hinab, um einige Nahrung zu suchen, wonach sie Beide gleiches Bedürfniß fühlten.

Dieser Morgen sollte günstig für Emma seyn, denn kaum war sie am Ufer angekommen, als sie auch sogleich eine kleine Schildkröte und mehrere Eier entdeckte, die sie zu Haus zubereitete und wovon Azor den besten Theil bekam.

Durch diese ersten Versuche ein wenig abgehärtet, übte die junge Einsiedlerin an demselben Abende ihre Kunst noch an ein paar großen Vögeln, deren Fleisch ihr vortrefflich schmeckte. So fuhr sie mehrere Tage fort und sah bald zu ihrer großen Freude Henrietten wieder stärker werden und ihren Hund gesund und munter.

Da sie jedoch fürchtete, es möchte ihm noch mehr Uebles zustoßen, so schickte sie ihn nicht mehr auf die Jagd wie früher. »Nun will ich dich ernähren, lieber Azor, sagte sie, indem sie ihn liebkoste, lange genug verdanke ich dir das Leben und ich will dich nun nicht mehr neuen Gefahren aussetzen, denn ich fühle daß es mir zu viel Kummer machen würde, wenn ich dich verlöre.« Azor fügte sich auch ziemlich lange dem Willen seiner Gebieterin, und erst im folgenden Jahre gieng er wieder auf die Seeschweinjagd. Junge Schafe brachte er keine mehr, so daß Emma, die durchaus kein reißendes Thier entdecken konnte, daraus schloß, daß diese Schafe, die sie oft heerdenweise beisammensah, und die sich ohne Zweifel stark genug dazu fühlten, einmal in Masse über den Feind hergefallen seyen, der ihre Jungen raubte und ihn so zugerichtet hätten.

Desto öfter gieng Azor auf die Schildkrötenjagd, und brachte bald so viele davon ein, daß Emma eine ziemliche Parthie einsalzen konnte. Doch mangelten, wie sie voraus befürchtet hatte, der Reis, die Kartoffeln und die übrigen Früchte beinahe gänzlich, so daß sie mit ihrer ganzen kleinen Haushaltung bald genöthigt war, sich beinahe ausschließlich mit Fleischspeisen zu nähren. Henriette litt von dieser Nahrung weit weniger als ihre Freundin, denn sie hatte den Gebrauch des Brodes gänzlich vergessen; aber Emma erinnerte sich noch zu gut daran, um dessen Mangel, dem früher die Zwiebacktonne und später der Reis und die Kartoffeln abgeholfen hatten, nicht schmerzlich zu fühlen. Auch empfand sie, als ihr diese beiden Früchte mitten im Winter ausgiengen, einen solchen Eckel vor ihren andern Nahrungsmitteln, daß sie dieselben nicht ohne Wurzeln genießen konnte, die oft sehr hart und unschmackhaft waren und die sie immer mühsam zwischen den hohen Gesträuchen suchen mußte, was ihr viele Unbequemlichkeiten verursachte.

Es war nun der dritte Winter, den Emma auf der Insel zubrachte, und, weit entfernt, daß die Zeit ihren Schmerz, von ihrem Vater getrennt zu seyn, gemildert hätte, schien er mit jedem Tage nur immer bitterer zu werden, weil ihr ihre Einsamkeit jeden Tag unerträglicher wurde. Drückende Langweile verfolgte sie mitten unter den Beschäftigungen die ihr vormals die meiste Freude machten: oft ließ sie Bücher und Guitarre stehen, und selbst Henriette vermochte nicht immer ihren Trübsinn zu zerstreuen. Ja sie gab sich sogar nur mit Anstrengung den Spielen und der ungekünstelten Heiterkeit des Kindes hin, das sie doch auf das Zärtlichste liebte.

Das Einzige, was der Unglücklichen noch hätte Freude gewähren können, wäre die Fortsetzung ihres Tagbuches gewesen, indem wenigstens ihre Phantasie sie alsdann zu dem geliebten Vater versehte. Aber seit einiger Zeit war ihr auch dieser Genuß versagt, denn sie hatte keinen Tropfen Tinte mehr, und ihre Bleistifte mußte sie zum Unterrichte ihres jungen Zöglings aufsparen, der im Schreiben und Lesen die schönsten Fortschritte machte.

Diese Entbehrung dünkte Emma zu hart, als daß sie nicht, als die schöne Jahrszeit wieder kam, Alles versucht hätte um ihr abzuhelfen. Sie machte keinen einzigen Ausgang, ohne jede unbekannte Pflanze die sie fand einer genauen Prüfung zu unterwerfen, ob sie nicht als Ersatz für die Tinte passe. Ihre ersten Versuche waren nicht glücklich, als sie aber eines Tags am Fuße eines Felsens, um den herum der Boden niedrig und feucht war, ausruhte, glaubte sie unter andern Gesträuchen auch Schöllkraut zu bemerken, das sie in Frankreich oft gesehen hatte und dessen sämmtliche Theile einen gelblichen Saft enthalten, den sie für ihren Zweck tauglich hielt.

Sie sammelte deshalb mehrere solche Pflanzen sammt den Blüthen, kochte sie in einer kleinen Quantität Wasser, dem sie etwas Harz beisetzte, das sie an den nahestehenden Bäumen im Ueberflusse fand und erhielt daraus eine gelbe Flüssigkeit, welche die Tinte ersetzen konnte.

Außer sich vor Freude über ihre glückliche Entdeckung, machte sie sogleich Gebrauch davon, indem sie an den schrieb, der der beständige Gegenstand ihrer Gedanken war.

»Theurer Vater, schrieb sie, Henriette, mein Papagei und mein Dompfaff sprechen gleich oft deinen geliebten Namen aus, denn sie hören beinahe nichts anderes von den Lippen deines armen Kindes. Mit welchem Entzücken spreche auch ich ihn aus, mit welchem Entzücken höre ich ihn! doch was ist dieß gegen das Gefühl, mit dem ich ihn hier niederschreibe? Ach! wie lange war ich dieses einzigen Trostes beraubt! meine Tinte war ausgegangen und erst heute fand ich wieder etwas, mit dem ich sie ersetze.

»Ich habe jetzt ein liebes Wesen, das mir Gesellschaft leistet, und doch fühle ich mich oft muthloser und einsamer als je. Oft glaube ich zwar Gott durch meine Klagen und Thränen zu erzürnen, aber ist es denn Sünde, wenn ich meine jetzige Einsamkeit mit den glücklichen Tagen meiner Kindheit vergleiche?«

»Dürfte ich doch wenigstens hoffen, daß ich einst noch dieses Eiland verlassen und die Bäume meiner Heimath wiedersehen werde, die hier sind schön, aber sie sprechen nicht zu meinem Herzen; unter ihren gewaltigen Aesten denke ich an jene, unter denen ich oft mit meinem Vater saß, und weine. . . . .

Man sieht, daß die arme Emma, wenn sie auch zuweilen Klagen über ihr Unglück entschlüpfen ließ, von ihren religiösen Gefühlen, die gerade, das Unglück selbst noch mehr befestigt hatte, bald wieder zur Ergebung und Hoffnung zurückgeführt wurde.

Namentlich in den herrlichen Büchern der heiligen Schrift fand die Unglückliche immer wieder die nöthige Kraft zu Ertragung ihrer Leiden.

In solchen Augenblicken gewährte ihr auch die Unterhaltung mit ihrer jungen Freundin den meisten Reiz. Als sie einst Beide mit einander die Felsen erkletterten und die arme Emma, nachdem sie vergebens über die weite Wasserfläche hinausgesehen hatte, die Blicke traurig wieder auf ihre öde Insel richtete, mochte Henriette ihre Gedanken errathen, denn sie fiel ihr mit dem Ausrufe um den Hals: »Fasse Muth, liebe Emma, denn wenn du traurig bist, so ist deine Henriette es auch. Aber warum, fuhr sie fort, wollen wir nicht eines Tags versuchen, von hier fort zu kommen, wir würden deinen und meinen Vater finden und alsdann glücklich seyn?

– Ach! ich wollte, was du sagst wäre möglich, antwortete Emma; aber du weißt ja, daß der Ort wo wir sind, mit Wasser umgeben ist und daß wir deshalb, um an einen andern Ort zu gelangen, ein Schiff brauchen, wie jenes auf welchem wir Schiffbruch gelitten haben.

– Du hast mir gesagt, erwiederte das Kind, daß mein Vater in Buenos-Ayres ist; ist es denn weit dorthin?

– Es kann nicht weit seyn, aber ohne Zweifel ist diese Insel mit Klippen umgeben, weil sich ihr kein Schiff nähert.

– Also wird die Mutter nicht mehr kommen? fragte die Kleine mit dem Ausdrucke tiefer Betrübniß.«

Emma zögerte mit der Antwort, da sie aber wohl einsah, daß das Kind früher oder später sein Unglück doch müsse kennen lernen, so suchte sie es ihr begreiflich zu machen, obgleich mit aller Schonung und Vermeidung jedes Wortes, das ihr Gemüth zu grausam erregen konnte. Diese Erklärung, für beide Theile so peinlich, versetzte Henrietten mehrere Tage lang in tiefe Trauer, aber zugleich knüpfte sie die Bande der Freundschaft zwischen ihr und Emma noch enger, denn sie sah darin einen neuen Beweis, wie viel sie ihrer großmüthigen Sorgfalt verdankte, und ihre Dankbarkeit wuchs zu einem solchen Grade, daß sie sich in jeder ihrer unbedeutendsten Handlungen aussprach.

Unterdessen hatten die Feldarbeiten wieder ihren Anfang genommen und sie waren so glücklich dießmal eine so reiche Erndte zu machen, daß sie nicht mehr genöthigt waren, sich die Entbehrungen des vergangenen Winters ferner noch aufzulegen. Emma hatte, wie wir gesehen haben, am meisten davon gelitten, dafür aber freute sie sich jetzt auch am meisten über die Reichthümer, die sie so glücklich war in ihrer Grotte aufzuhäufen.

Auf mehrere Monate für Henriettens, den ihrigen und Azors Unterhalt beruhigt, der mit den Kräften auch seinen Appetit wiedergefunden hatte, sammelte sie auch Holzvorrath, von dem sie einen Theil in der Grotte unterbrachte und sah nun dem Winter mit ziemlicher Ruhe entgegen. Aber ihre Ruhe dauerte nicht lange: ein Gewitter, ebenso heftig wie jenes, das sie im ersten Jahre ihres Aufenthalts auf der Insel so sehr erschreckt hatte, brachte sie in die größte Bestürzung, denn der Donner brach sich so furchtbar im Thale, daß der Boden davon erzitterte.

Henriette hatte zwar, wie ihre Freundin, schon einen solchen Aufruhr der Natur mit angesehen, allein damals war sie noch zu jung, um die Folgen davon zu fürchten. Jetzt zählte sie, acht und ein halbes Jahr, und dachte bereits hinlänglich nach, um zu begreifen, welche Gefahr ihr drohte. Ihre Angst wäre ganz geeignet gewesen, die Emma's noch zu vermehren, wenn sich diese nicht zum Gesetz gemacht hätte, ihrem Zöglinge bei dieser Gelegenheit ein Beispiel von Muth und Festigkeit zu geben.

»Fasse dich, sagte sie zu ihr, deine Furcht hilft zu nichts. Wir müssen unser Vertrauen in den setzen, der uns bisher beschützt hat und von dem du weißt, daß er die Bitten derjenigen, die ihn mit Gefühlen wahrer Liebe anrufen, nie zurückstößt.«

Indem sie so sprach, war die fromme Emma auf die Knie gesunken und betete mit lauter Stimme ein so rührendes Gebet, daß das Kind, indem es ihre Worte nachsprach, sich endlich auch beruhigte; nur wenn der Felsen, der ihnen zur Zuflucht diente, von den Donnerschlägen und Windstößen erzitterte, flüchtete sie sich in die Arme ihrer Freundin, bis der Sturm wieder ausgetobt hatte.

Das Unwetter wüthete den ganzen Tag fort und hierauf folgte ein heftiger Regen. Als endlich die Nacht kam, machten die beiden Mädchen ein Feuer auf und hörten mit beklommenem Herzen dem Toben der Waldströme zu, die von den benachbarten Felsen herabstürzten, denn sie wußten wohl, daß diese Ströme, die das ganze Thal überschwemmten, sie mehrere Tage hindurch zu Gefangenen machten.

Henriette schlief endlich ein. Emma jedoch die immer noch ein Erdbeben fürchtete, hielt für rathsamer aufzubleiben und setzte sich neben ihrer Freundin nieder, als sie plötzlich neue Donnerschläge zu vernehmen glaubte, sie hörte aufmerksamer: ein, zwei, drei Schläge folgten aufeinander ihr Herz schlug ungestüm es war kein Donner den sie hörte, es waren Kanonenschüsse. . . . .

Ein Schiff! ein Schiff! rief sie außer sich. Henriette! steh' auf und folge mir! lege Feuer in einen irdenen Topf, wir gehen an's Ufer!

– An's Ufer? wohin denkst du? bei diesem Unwetter?

– Was thut das? Wir gehen durch den unterirdischen Gang und machen ein Feuer an dem jenseitigen Eingange der Höhle auf! Schnell, schnell! ich beschwöre dich; es sind Nothleidende in der Nähe; man muß Ihnen ein Zeichen geben, daß hier Land ist Großer Gott! wenn vielleicht mein Vater unter ihnen wäre!

Mit diesem Worte belud sich das muthige Mädchen mit einem großen Bündel Holz und eilte durch den Gang davon. Während der Zeit wiederholten sich die Schüsse, so daß sie in der Höhle wiederhallten.

Endlich kam sie auf die andere Seite und machte sogleich ein großes Feuer auf.

Auf dieses Zeichen verdoppelte sich das Schießen und schien immer näher zu kommen. Emma zählte jeden Schuß mit unbeschreiblicher Angst und schürte ihr Feuer so gut wie möglich; aber, vergebliche Mühe, plötzlich wurde Alles still und man hörte nur noch das Brüllen der Wogen.

»Gütiger Gott! rief sie aus, sind sie vielleicht untergegangen! Vater! lieber Vater! warst du auch darunter!«

Die Nacht gieng in dieser schrecklichen Ungewißheit hin und mit dem Strahl des wiederkehrenden Tages erklimmte das arme Kind die höchste Spitze des Felsens. Aber Alles war verschwunden, Schiff und Hoffnung: das Schweigen des Todes breitete sich über die graue, endlose Wasserfläche und wie vernichtet sank Emma zusammen.




Eilftes Kapitel.

Das Glück erscheint uns nie größer all wenn es mitten im Unglück uns überrascht.


Das Andenken an diese schreckliche Nacht hatte sich so tief in Emma's Brust gegraben, daß sie lange Zeit hindurch keinen Schlaf mehr finden konnte: immer glaubte sie den Donner der Kanonen zu hören und zu sehen wie die Unglücklichen, denen sie nicht helfen konnte, gegen die Wellen kämpften.

So trug dieser Vorfall nur dazu bei, ihre Lage tausendmal schmerzhafter zu machen, als sie bisher gewesen war, denn das Schiff, dessen Verlust sie bedauerte, war das erste gewesen, das sich seit vier Jahren dieser Insel genähert hatte, und die Hoffnung ihren Vater wieder zu sehen, erlosch mit jedem Tage mehr in ihrem Herzen.

Demungeachtet wollte sie den Muth noch nicht sinken lassen, und that während des darauf folgenden traurigen Winters und als die schöne Jahrszeit wiederkehrte, was in ihren Kräften stand, um die Langweile zu bemeistern der sie beinahe unterlag. Beten, Arbeit und Lernen, alles mußte dazu beitragen, und wenn nie ein Mensch trauriger war wie sie, so war auch keiner in sein Schicksal ergebener.

Immer voll Eifer für die Ausbildung ihrer Henriette, suchte sie ihre eigenen Talente zu vervollkommnen, um im Stande zu seyn, ihr etwas lehren zu können. Sie gab ihr Unterricht im Schreiben und Zeichnen, in der französischen und spanischen Sprache und auf der Guitarre, welche das Kind leidenschaftlich liebte.

Ungeachtet der harten Arbeiten, die Emma jetzt schon seit so langer Zeit versehen mußte, hatte sie doch nichts an dem Wohlklang ihrer Stimme verloren, und wenn sie Abends, um auszuruhen von den Mühen des Tages, sich in dem kühlen Akaziengebüsche vor der Grotte niedersetzte, so unterließ Henriette nie, ihr die Guitarre zu bringen.

»Spiele ein wenig, und singe dazu, liebe Emma, sagte sie dann, ich höre dir so gerne zu! Die Vögelein kommen, wenn sie deine schöne Stimme hören, und es freut mich so, wenn sie um dich herumflattern!«

Da nahm Emma die Guitarre zur Hand, aber seit langer Zeit schon sang sie nur traurige Lieder, deren Harmonie mit ihrer Seelenstimmung im Einklang war. Doch bemerkte sie bald, daß diese Gesänge einen so schmerzhaften Eindruck auf das Kind machten, daß sie sich mit der Auswahl derselben auf's Aeußerste in Acht nahm.

Seitdem die schöne Jahrszeit wieder gekommen war, mußte sie überhaupt wieder andern Geschäften sich widmen, in welchen sie jedoch von Henriette, die nun das neunte Jahr erreicht hatte, mit Eifer unterstützt wurde.

»Lasse mich mit dir arbeiten, sagte sie, ich bin jetzt auch groß und kann dir manche Mühe ersparen. Wenn du wüßtest, wie glücklich ich bin, wenn ich die Hälfte deiner Arbeit versehen, oder die Hälfte deiner Last tragen kann.« Sie sammelte den Reis und die Kartoffeln ein, kletterte auf die Bäume um Früchte zu brechen, und Nester zu suchen und suchte auch Schildkröteneier, die sie immer mit großer Geschicklichkeit auffand.

Eines Tags, als Emma, noch ermüdet von einem weiten Gange, den sie den Tag zuvor gemacht hatte, in der Akazienlaube ausruhte, halle sie der Kleinen erlaubt, mit Azor nach dem Strande zu gehen. Freudig und in der Absicht, heute allein allen nöthigen Lebensbedarf einzubringen, war sie fortgegangen, und fand auch Eier und Austern in Menge. Da sie sich aber unmerklich weiter entfernt hatte als sie selbst anfänglich gewollt hatte, und die Hitze außerordentlich war, so fühlte sie das Bedürfniß, vor ihrer Rückkehr in die Höhle erst ein wenig auszuruhen und setzte sich in dieser Absicht unter einen Felsenvorsprung, der eine Art Dach bildete und sie vor der Sonne schützte.

Während sie hier mit kindischer Freude ihre Eier und Austern zählte, schlief sie unvermerkt ein, als sie nach Verlauf von ungefähr einer Viertelstunde durch ein heftiges Gebell von Azor aufgeweckt wurde. Man denke sich ihre Ueberraschung oder vielmehr ihren Schreck, als sie nach dem Ufer sah, und eine Barke erblickte, aus der sechs Männer stiegen, worunter zwei Wilde, ganz in Pelze gehüllt und von so riesiger Größe, daß der größte der vier andern ihnen kaum bis zur Schulter reichte.

Ganz in den Hintergrund der kleinen Höhle zurückgezogen, verfolgte das arme Kind in unaussprechlicher Angst jede ihrer Bewegungen. Gerne hätte sie ihre Freundinn davon benachrichtigt, allein die, welche die Ursache ihrer Furcht waren, wandten sich gerade der Höhle zu, welche den Eingang zu dem unterirdischen Gange bildete; die Barke mit noch zwei andern Männern, die sie nicht sogleich bemerkt hatte, folgte ihnen am Strande, so daß ihr kein anderes Mittel blieb, ungesehen in das Thal zu gelangen, als über den Felsen zu klettern, wo er mit Gesträuch am dichtesten bewachsen war.

Indessen war Azor, weit entfernt ihre Furcht zu theilen, auf die Männer zugesprungen und geberdete sich ganz wie außer sich. Gegen zwei von ihnen, die stehen geblieben waren, als sie ihn erblickten, äußerte er namentlich die lebhafteste Freude: er sprang mit Gebell an ihnen hinauf, beleckte sie und legte sich endlich zu ihren Füßen nieder: der eine von ihnen löste ihm nun das Halsband ab, auf welchem Emma's Namen eingegraben war.

»Wäre es möglich, rief der Fremde aus, bist du es, Azor! Aber Emma? wo ist meine Emma? ach! gütiger Gott! täusche nicht die Hoffnung eines unglücklichen Vaters!«

Es war Herr von Surville, den wir leicht wieder erkennen. Auch der gute Dominicho war zugegen. Mit klopfendem Herzen folgten sie Azor, der sie an den Kleidern zerrte, zum Eingang der Höhle, wo sie den Baum erblickten den Emma gepflanzt hatte. »Sie lebt! sie lebt! rief Dominicho voll Jubel aus; gut Herr! schnell mir folgen, Ihre Tochter gewiß wieder finden!«

Mit neuem Muthe folgten sie nun Azor in den unterirdischen Gang und bald erblickten sie die Höhle mit allen Gegenständen die sie in sich schloß und hörten eine melodische Stimme im Thale, von den Tönen einer Guitarre begleitet. »Sie ist's! sie ist's! riefen Herr von Surville und Dominicho zugleich aus, als sie leise durch das kleine Gärtchen eilten, das Emma vor ihrer Höhle angelegt hatte. Auch die beiden Wilden erblickten nun Emma, in ihrer Laube sitzend, und da sie dieselbe für den Schutzgeist des Thales ansahen, so fielen sie auf die Knie nieder, während die Andern starr vor Erstaunen am Ausgange der Höhle stehen blieben.

Emma , ganz vertieft in ihre Lieblings-Romanze, hatte nichts von dem ganzen Vorgange bemerkt, und sang gerade mit rührendem Ausdrucke die Worte:

»Wenn man den Vater von dir erfleht.
So kann deine Güte nicht widersteh'n.«


als sie mit einem Mal die Worte hört: »meine Tochter! meine Emma!, dein Gebet ist erhört.« Zugleich öffnet sich das Gebüsch und ein Mann stürzt in ihre Arme und ein anderer zu ihren Füßen.

»Vater! lieber Vaters wie! ist es nicht Täuschung! seyd ihr es wirklich! ruft sie aus, während ihr Vater sie mit Entzücken betrachtet und seinen Gefährten zuruft: »kommt, kommt Alle! und seht meine Tochter, meine Emma, die ich für immer verloren glaubte! Kommt und preiset mit mir dieses Wunder der Vorsehung!«

Jetzt kam auch Henriette, die bisher von ferne zugesehen hatte, herbeigesprungen. Emma nannte ihrem Vater ihren Namen, aber die arme Kleine war so erschrocken über den Anblick der beiden Riesengestalten, auf deren breiten, bronzefarbigen Gesichtern die wunderlichsten Züge mit Allen möglichen Farben eingegraben waren, daß sie sich weinend hinter Emma verbarg. Diese war zu berauscht von ihrem Glück, als daß sie bisher die beiden Wilden bemerkt hätte, als sie aber nach der Ursache von Henriettens Angst forschte und die fremden Gestalten ansichtig wurde, erschrack auch sie auf's Aeußerste.

»Fürchte nichts, beruhigte sie ihr Vater, diese Männer haben mir und Dominicho das Leben gerettet; sie sind gut und menschenfreundlich; ich habe gegen sie und ihren Stamm Verbindlichkeiten, die nur mit meinem Leben endigen.«

Als sie dieß hörte, wandte sich Emma erst nach den Wilden und betrachtete sie mit Blicken voll Dank und Rührung.

Noch machte sie ihr Vater auf zwei andere Männer aufmerksam. Der Eine, ungefähr 40 Jahre alt, trug die Uniform eines spanischen Marine-Kapitäns und seine bewegten Züge bewiesen hinlänglich den Antheil, den er an dieser Scene nahm; der Andere war ein ehrwürdiger Geistlicher, über dessen edelgeformtes Gesicht Thränen der Rührung rannen.

»Auch diese sind meine Befreier, begann Herr von Surville auf's Neue; ihnen verdanke ich es, daß ich dich wiederfand, als schon alle Hoffnung in meinem Herzen erloschen war. . . . . Ich kann ihnen nie vergelten!«


Robinson

Zählen Sie denn die Freude für nichts, nahm der brave Seemann das Wort, die dieses glückliche Wiederfinden uns selbst verursacht? Der Mensch ist nicht jeden Tag so glücklich, solche freudige Scenen mitanzusehen, und eigentlich sind wir Ihnen Dank schuldig für den schönen Anblick, den wir Ihnen und ihrer liebenswürdigen Tochter verdanken. Ich fühle mich so glückliche Sie auf diese Insel geführt zu haben, daß ich diesen Tag immer als einen, der schönsten meines Lebens betrachten werde.

– Ja, lieber Don Antonio, unterbrach ihn der Geistliche, aber vergessen wir nicht, daß wir Gott die glückliche Eingebung verdanken, die uns hierher führte, und daß unsere Dankbarkeit unserer Freude gleichen muß.,

– »Ich theile Ihre Gefühle, erwiederte Don Antonio, und zu Herr von Surville gewendet: ich denke, wir wollen heute noch nicht von hier fort, denn ohne Zweifel wollen Sie den Ort näher kennen lernen, wo das Glück Sie auf so wunderbare Weise überraschte. Unser Schiff ligt sicher in der kleinen Bucht unfern von hier, ich will bloß einigen Mundvorrath von dort holen lassen.« Zugleich entfernte er sich mit den beiden Wilden, um den Matrosen, die auf der Schaluppe zurückgeblieben waren, Befehle zu ertheilen.

Während ihrer Abwesenheit führte Emma ihren Vater, den Geistlichen, der Schiffsprediger war, Dominicho und Henriette unter den Baobab, wo sie den ländlichen Altar errichtet hatte. »Hier, sagte sie, lieber Vater, habe ich jeden Tag zu Gott gefleht, daß er dich meiner Liebe wieder schenken möchte. Lieber, theurer Vater! segne dein Kind in dieser Stelle, wo es so manche heiße Thräne geweint hat!«

Man kann sich leicht vorstellen, mit welcher Freude der entzückte Vater ihr den Seegen ertheilte, den sie als das höchste Glück ihres Lebens ansah. Auch der ehrwürdige Geistliche vereinigte den seinigen damit und das glückliche Mädchen rief in höchster Wonne aus: »jetzt, guter Gott, was könnte ich setzt noch weiter von dir erbitten, als daß ich immer so großer Wohlthaten würdig seyn möchte!«

»Auch du, guter Dominicho, sagte sie zu dem Schwarzen, der sie schon lange mit thränenden Blicken betrachtet hatte,  auch du fehltest zu Emma's Glück. . . . .

Die Rüttehr Don Antonio's und der beiden Wilden unterbrach diese rührende Scene. Jeder war begierig zu erfahren, wie Emma und ihre junge Gefährtin dem Tod entronnen waren, und wie sie auf diesem, wie es schien, ganz unbevölkerten Eilande gelebt hatten.

Emma beeilte sich daher, die allgemeine Neugierde durch Erzählung alles dessen, was ihr begegnet war, zu befriedigen. Man hatte sich unter dem Baume zurecht gesetzt, der ihr erstes Obdach gewesen war, und unmöglich lassen sich die verschiedenen Gefühle beschreiben, welche die Zuhörer empfanden.

Selbst die beiden Wilden, welche ziemlich gut französisch verstanden, schienen lebhaftes Interesse an ihrer Erzählung zu nehmen. Aber welche Worte vermochten Herrn von Survilles Gefühle zu schildern, als er hörte, was seine Tochter Alles erduldet hatte, während sie von ihm getrennt war, und seine Rührung, als er ihr Tagebuch las.

Endlich giengen sie mit einander nach der Grotte, wohin vom Schiffe Mundvorrath geschafft worden war.

Wie erschien der jungen Einsiedlerin alles so verändert, so weit schöner als vorher, und mit welchem Entzücken erfüllte sie der Ton so vieler menschlichen Stimmen, den sie so lange nicht mehr hatte hören dürfen! An ihren Vater geschmiegt und seinen Worten lauschend, die ihrem Ohre die süßeste Harmonie dünkten, war sie beinahe unfähig ihr Glück zu begreifen.

Als sie in die Grotte zurückgiengen, gewunderte Herr von Surville, mit seinen Gefährten, die Ordnung die überall herrschte; dieser Platz war besonders geeignet, zu zeigen, welche Anstrengung es Emma kostete, um ihre Lage erträglich zu machen, und Jeder fand während des Essens das größte Vergnügen darin, sich der Gefäße und irdenen Teller zu bedienen, mit welchen sie ihren Haushalt so erfinderisch bereichert hatte.

Henriette theilte das Glück ihrer jungen Wohlthäterin in zu vollem Maße, als daß sie ihre Furcht vor den beiden Wilden nicht beherrscht hätte, und sie zeigte sich so liebenswürdig und zuvorkommend gegen Herrn von Surville und die andern Gäste, daß sogleich Alle das lebhafteste Interesse für sie faßten.

Nach beendigtem Essen sang Emma auf Don Antonio's Bitten das Lied das sie selbst gedichtet hatte, und that es mit solchem Ausdrucke, daß kein Auge trocken blieb. Die beiden Wilden besonders waren so entzückt darüber, daß wenig gefehlt hätte, so wären sie wieder auf die Knie gefallen, wie wo sie Emma zum ersten Mal sahen.

Indessen fing der Tag zu sinken an und Antonio machte Anstalt, mit diesen Beiden auf sein Schiff zurückzugehen. Am andern Tag wollten sie sich einschiffen, und, wer sollte es glauben? Emma, die so lange hier unglücklich gewesen war, konnte nicht ohne Wehmuth daran denken, daß sie heute Nacht zum letzten Mal hier schlafe. Auch ein anderer Gedanke beschäftigte sie noch: sie wünschte noch einmal am Grabe der Frau Duval zu beten, und bat ihren Vater und den Geistlichen sie dahin zu begleiten. Dieser Wunsch war so lobenswerth, daß Beide ihn mit Freuden erfüllten, und sogleich mit dem braven Kapitän Rücksprache nahmen, der versprach, sie am andern Tage dort am Strande zu erwarten.

Nachdem er fortgegangen war, giengen der Geistliche und Dominicho nach dem Baobab, wo sie übernachten wollten, und Emma, die bei ihrem Vater geblieben war, drang in ihn, ihr zu erzählen, auf welche Weise er der drohenden Gefahr des Schiffbruchs entronnen sey und welcher glückliche Zufall ihn wieder hieher geführt habe. Aber Herr von Surville fürchtete, die Erzählung dieser Begebnisse möchte sie in diesem Augenblicke noch zu schmerzhaft angreifen, und verschob sie deshalb bis nach der Einschiffung; jetzt drang er darauf, daß sie einige Stunden ruhen möchte, was sie sehr zu bedürfen schien.

Emma gehorchte und legte sich, nachdem sie Gott nochmals ihren Dank dargebracht hatte, neben Henriette nieder; doch konnte sie mehrere Stunden lang nicht einschlafen, weil sie glaubte, etwas von ihrem Glück zu verlieren, wenn sie einen Augenblick ihren Vater nicht betrachtete. Auch dieser schlief nicht, sondern sah die ganze Nacht hindurch sein liebes Kind an.

Endlich brach der Tag an, und die Stunde nahte, wo sie den irdischen Ueberresten der unglücklichen Duval die letzte Ehre erweisen wollten. Emma, die ihre junge Freundin nicht traurig machen wollte, ließ sie unter Dominicho's Obhut schlafend zurück, und gieng mit ihrem Vater und dem Geistlichen nach dem Strande, wo der Kapitän und einige Leute von der Schiffsmannschaft sie bereits erwarteten. Hier angekommen, begaben sie sich sogleich zur Höhle.

Wie beklommen fühlte sie sich, als sie die traurige Stelle wieder betrat. »Arme Frau! sagte sie, hier sind deine Thränen geflossen, hier hast du mir dein Kind übergeben und deinen Geist ausgehaucht, unter Angst und Schmerzen. . . . Warum konnte ich dich nicht retten! jetzt wärest auch du glücklich!«

Da Herr von Surville sah, wie sehr die Erinnerung an diese Begebenheit seine Emma angriff, so bat er, sie, in einiger Entfernung halten zu bleiben und mit ihm zu beten, während der Geistliche, Don Antonio und seine Leute zum Grabe giengen und der Verstorbenen die letzte traurige Ehre erwiesen. Jedes von der Gesellschaft verließ in düsterer Stimmung den öden Strand, und erst als man wieder in dem schönen Thale angekommen war, fiengen die Gesichter an sich aufzuklären.

Eines Glücks gewiß, nach welchem sie sich so lange gesehnt hatte, hätte Emma den Rest des Tages gerne noch auf der Insel zugebracht, da sich aber Don Antonio geäußert hatte, daß er einen längern Aufenthalt in diesen gefährlichen Gewässern, wo jeden Augenblick ein Sturm sie überfallen konnte, fürchte, so grüßte sie zum letzten Mal den Fleck Erde, der sie solange genährt hatte, und folgte mit Henriette ihrem Vater auf das Schiff, das die Richtung nach dem La Plata-Strome nahm.

Der Dompfaff, der Papagei und selbst alle von ihr gefertigten Gegenstände waren ebenfalls eingeschifft worden, und daß Azor auch dabei war, ist wohl überflüssig zu erwähnen. Die Geschichte des treuen Thiers war bereits auf dem Schiffe bekannt. Man wußte daß er der Retter der jungen Einsiedlerin war, die Jedermann bewunderte, und so wurde er mit derselben Freude empfangen wie sie. Endlich wurden die Anker gelichtet und bald verschwanden vor Emma's Augen die schwarzen Felsen, wo sie fünf Jahre früher alle Quellen des Verlassenseyns erduldet hatte.

Nunmehr erzählte ihr auch Herr von Surville seine Schicksale, wenn sie mit dem Kapitän, dem Geistlichen und Dominicho in vertraulichen Augenblicken beisammensaßen.

»Jetzt, liebe Emma, hub er an, da der Himmel mich tausendmal glücklicher gemacht hat, als ich vorher elend war, wäre es mir schwer, dir zu beschreiben, was ich alles litt, seit dem Augenblicke unserer grausamen Trennung; es gibt überdieß Gefühle, die keine Worte schildern, aber wenn du begreifst wie sehr ich dich liebe, so wirst du auch die Verzweiflung begreifen, die sich meiner bemächtigte, als ich dich für immer verloren glaubte. Ich erfuhr das Uebermaß meines Unglücks nicht auf einmal. Als ich in das Zimmer zurückkehrte, wo ich dich eine Stunde vorher bei Frau Duval und der jungen Henriette gelassen hatte, so befiel mich nur eine lebhafte Unruhe, als ich es leer fand, aber in demselben Augenblicke kamen der Lieutenant, der Schiffsarzt, Dominicho und der fremde Passagier, die geholfen hatten das Schiff zu kalfatern, mit dem Ausruf hereingestürzt: sie sind entflohen und haben die einzige Schaluppe, die noch da war, mitgenommen. Wir sind verloren! das letzte Rettungsmittel ist geraubt!

»Wo ist meine Tochter?« fragte ich Dominicho, kaum fähig ein Wort hervorzubringen. Ein tiefer Seufzer war seine einzige Antwort.

»Ich stürzte auf das Verdeck, auch dieses war verlassen. Verzweiflungsvoll sah ich hinaus auf das wüthende Meer; die Barke war schon weit entfernt, doch konnte ich sie noch unterscheiden. . . . Plötzlich schoß ein Blitz herab und beleuchtete sie mit seiner ganzen fürchterlichen Klarheit. Sie sind untergegangen! schrie der Lieutenant: wirklich war die Barke verschwunden. Ich wollte mich in die Wellen stürzen, um dich zu retten oder mit dir zu sterben, aber Dominicho, der dieses verzweifelte Beginnen wahrscheinlich vorausgesehen hatte, riß mich mit Gewalt vom Bord zurück, der Lieutenant, der Wundarzt und der Reisende unterstützten ihn, und unter diesem Kampfe schwanden meine Sinne.«

»Als ich wieder zu mir kam, hatte das Schiff wieder die hohe See gewonnen, der Sturm hatte sich gelegt. Doch was machte mir dieß Alles? Mein Leben hatte seinen Werth verloren; mein Herz war in unendlichem Schmerz gebrochen. Ein hitziges Fieber befiel mich, ich lag bewußtlos da, und der arme Dominicho wachte vier Tage und vier Nächte hindurch an meinem Bette, ohne ein anderes Wort von mir erhalten zu können als deinen geliebten Namen.

»Während dieser Zeit hatten meine Unglücksgefährten auch den Schmerz, unsern braven Capitain zu verlieren, der, ungeachtet seiner schweren Krankheit, doch nie aufgehört hatte, ihnen seine weisen Rathschläge über die Führung des Schiffs mitzutheilen. Alles weitere Manoeuvriren war nun unmöglich geworden, denn abgesehen davon, daß wir der dazu nöthigen Arme entbehrten, war auch unser ganzes Segelwerk durch die Heftigkeit des Sturmes beinahe zerstört worden, und um das Unglück voll zu machen, drang auch das Wasser an immer mehreren Orten herein, so daß sich schwarze Verzweiflung aller Herzen bemächtigte; das meinige allein blieb der Furcht verschlossen. Ich war nicht in der Stimmung, das Gefahrvolle unserer Lage einzusehen, und diese anscheinende Gleichgültigkeit empörte meine Gefährten in so hohem Grade, daß sie mich von der Zeit an bloß als einen ebenso hinderlichen als unnützen Gegenstand betrachteten. Dominicho allem fuhr fort, auf das edelmüthigste für mich zu sorgen.

Indessen trieb das Schiff vier Tage lang, ein Spiel von Wind und Wellen, hin, ohne daß meine Gefährten in dieser Zeit Land gesehen hätten: erst am fünften Tage erblickten sie es wieder. Es war ihnen gelungen ein Floß zusammen zu stückeln, auf welchem sie sich zu retten hofften. Die Strömung trieb uns nach der patagonischen Küste, welche der Lieutenant erkannte, aber diese Küste war so im eigentlichen Sinne mit Klippen bespickt, daß man sich ihr ohne ein geschicktes Manoeuvre unmöglich nähern konnte. Zuleßt noch, am Nachmittag des fünften Tages, fing der Wind, der uns seit zwei Tagen günstig gewesen war, mit solcher Heftigkeit zu blasen an, daß man jede Hoffnung zur Rettung des Schiffes, das jeden Augenblick an Klippen anstieß, aufgeben mußte.

»Da entschloßen sich endlich meine Gefährten, von ihrem Floße Gebrauch zu machen. Wir waren zwar nur ungefähr eine Viertelstunde vom Lande entfernt, aber kaum sah man genug, um zwischen den Klippen hindurch zu kommen. Ein Rest von Menschlichkeit trieb sie, mich aufzufordern, daß ich ihr Loos theilen sollte: der Wundarzt trat an meine Hängmatte, in der ich, ganz angekleidet, ausgestreckt lag, aber ein Blick auf meine entstellten Züge machten ihn wahrscheinlich glauben, daß ich nur noch einige Augenblicke zu leben habe, und er richtete daher seinen Antrag bloß an Dominicho. Dieser nahm ihn unter der Bedingung an, daß er mich mit auf das Floß nehmen dürfe; der Arzt hielt ihm entgegen, daß dieß meinen Tod beschleunigen hieße. »In diesem Falle reist ohne mich«, antwortete mein edler Freund, »ich will meinen Herrn nicht verlassen.« Umsonst drang der Arzt noch weiter in ihn. In diesem Augenblicke riefen ihm seine Gefährten auf's Neue; die Gefahr war dringend; er verließ uns, und ich blieb zurück, unter Gottes und des edelmüthigen Dominicho Schutz.

»Trotz meines bejammernswerthen Zustandes, fuhr Herr von Surville fort, war mir dennoch nichts von dem Vorgefallenen entgangen, und kaum war der Arzt fort, als ich alle Kräfte zusammenraffte und Dominicho bat, den angebotenen Rettungsweg zu ergreifen. Auf das Höchste erfreut, mich wieder sprechen zu hören, eilte er sogleich auf's Verdeck, um das Abstoßen des Floßes, auf den er mich bringen wollte, noch aufzuhalten. Aber es war zu spät, das Floß hatte sich bereits entfernt, und die darauf fuhren, waren taub gegen sein Schreien. . . . . »Herr, sagte er, als er wieder zu mir kam, sie fort seyn, aber ich nicht bedauern; wenn das Schiff sinken, ich wohl wissen wie Euch an's Ufer bringen.

»Diese Worte waren kaum gesprochen, als ein heftiger Windstoß das Schiff auf eine Sandbank warf, wo es in Stücke gieng.

»Hier fehlen mir die Worte, um unsere entsetzliche Lage zu schildern. Das Wasser drang von allen Seiten mit solchem Ungestüm herein, daß Dominicho kaum Zeit fand, mich in die Arme zu nehmen und nach der Seite des Schiffes hinzuschleppen, das noch über dem Wasser war, und wo uns bald völlige Dunkelheit umgab. Festgeklammert so gut es gieng, jeden Augenblick von neuen Fluthen durchnäßt, und zitternd vor Frost und Anstrengung um nicht von den heftigen Windstößen fortgerissen zu werden, konnten wir jede Minute dieser furchtbaren Nacht nach einem andern Leiden zählen.

»Wer sollte es glauben? mitten in diesem schrecklichen Zustande stärkten sich meine Kräfte und in meinem Herzen erwachte die Liebe zum Leben wieder, die noch wenige Stunden zuvor so gänzlich in denselben erloschen zu seyn schien. Wie hätte ich auch das Leben noch verachten können, in dem Augenblicke wo Dominicho so edelmüthig das seinige für mich auf's Spiel setzte? Von ihm unterstützt, kämpfte ich gegen die entfesselten Wogen, und als ich den ersten Schimmer des Tages wieder sah, als ich das Land erblickte, das kaum noch einen Flintenschuß von uns entfernt war, war mein erstes Gefühl ein Gefühl der Freude.

»Dennoch konnten wir erst nach mehreren Stunden mit Schwimmen den Raum zurücklegen, der uns noch vom Lande trennte, und dieser Weg, so kurz er war, hätte meine Kräfte dennoch weit überstiegen, wenn Dominicho mich nicht unterstützt hätte.

»Als wir endlich auf trockenem Boden standen, überzeugte uns ein Blick auf das öde Land um uns her bald von der Furchtbarkeit unserer Lage und schlug unsere Freude bedeutend nieder: es war eine sandige, graslose Wüste, ohne eine Spur menschlicher Bevölkerung.

»Zuerst hatten wir gehofft, unsere Gefährten hier wieder zu finden, die uns Tags zuvor verlassen hatten; aber Dominicho rief umsonst: es kam keiner und tiefe Trauer bemächtigte sich unser; unser Hunger und Durst waren fürchterlich, wir zitterten vor Kälte und doch waren wir genöthigt unsere durchnäßten Kleider wieder anzuziehen, die wir, ehe wir uns in's Meer warfen, in Bündel gebunden und auf die Köpfe genommen hatten.

»Armer Dominicho! rief ich aus, warum bist du nicht gestern den Uebrigen gefolgt? Bei ihnen hättest du in dieser Wüste wenigstens einige Hülfsquellen entdeckt, während du bei mir nur einer Gefahr entronnen bist, um ein Opfer des elendesten Hungertodes zu seyn.

– »Da Gott uns gerettet, antwortete er, er uns jetzt auch nicht verlassen.

»Diese Worte gaben mich mir selber wieder; ich fiel auf die Knie und betete zu Gott um seinen Beistand. Nachdem ich dieß gethan, fühlte ich mich weniger muthlos, und, von Dominicho unterstützt, entfernten wir uns vom Ufer. Bald trafen wir auf Spuren von menschlichen Tritten, die in uns die erloschene Hoffnung weckten, unsere Gefährten wieder zu finden; aber bald erlosch diese Hoffnung auf's Neue, denn eine endlose Fläche trockenen Gesträuches entzog uns die kostbaren Spuren, welche wir mit so großem Eifer verfolgt hatten.

»Erschöpft sank ich nieder und betrachtete traurig, den Theilnehmer meiner Leiden: wir Beide schwiegen, denn der Schmerz ist still, wenn er den höchsten Grad erreicht. »Menschen! Menschen! rief Dominicho auf einmal aus, Muth! gut Herr, wir nicht Hungers sterben!« Und zugleich trat er einer Truppe Reiter entgegen, die gerade aus dem Gesträuch herausgeritten kamen, und die Richtung auf uns nahmen.

»Diese Reiter, sechs an der Zahl, stiegen ab, als sie uns erblickten und riefen, mit freundlichen Geberden, Chaoua! was, wie ich später erfuhr, ein Gruß ist.

»Alle waren sehr groß: der kleinste davon maß 6 Fuß und auch der Umfang ihrer bronzirten Köpfe war sehr bemerkenswerth. Erst ein wenig erschrocken bei dem Anblick dieser Riesen, aber durch ihr offenes und freundliches Benehmen bald wieder ermuthigt, suchte ihnen Dominicho begreiflich zu machen, daß wir ihrer Hülfe bedürften.

»Auch ich schleppte mich, so schnell als es meine Schwäche erlaubte, zu ihnen hin. Sie ersparten mir die Hälfte Wegs, indem sie mir entgegengiengen und beständig ihr Chaoua zuriefen. Als sie bei mir waren, gaben sie mir die Hände und zwei davon, dieselben die mich heute begleiten, trieben die Artigkeit soweit, daß sie mich umarmten; aber Dominicho, der fürchtete, die Wiederholung dieser lebhaften Freudenbezeugungen möchte mir die wenigen noch übrigen Kräfte vollends kosten, machte ihnen durch Zeichen verständlich, daß ich sehr krank sey und nothwendig Nahrung bedürfe. Auf dieses winkten ihm die Beiden, ihnen in ihre Wohnungen zu folgen, hoben mich und Dominicho, so leicht wie eine Feder, jeden auf eines der Pferde und so kamen wir in Kurzem an ihre Hütten, die mit Fellen bedeckt waren und wo wir viele Frauen und Kinder sahen, die um einen großen Heerd herumsaßen, dem auch ich mich näherte um meine Kleider zu trocknen und meine erstarrten Glieder zu wärmen. Meine theilnehmende Gäste beeilten sich nun, mir rohes Fleisch und eine Wurzel zu bringen, die sie Capac nannten und die ihre gewöhnliche Nahrung ausmachte. Ich drückte ihnen meine Erkenntlichkeit dafür aus, so gut es gieng, aber – so groß mein Hunger auch war, so konnte ich mich doch nicht dazu entschließen, von den angebotenen Speisen zu essen, ohne daß sie gekocht waren. Dominicho, der meinen Widerwillen errieth, nahm ohne weiteres eines von den Stücken Fleisch und röstete es auf den glühenden Kohlen. Unsere braven Patagonier sahen ihm zu, ohne ein Zeichen der Verwunderung von sich zu geben: am deutlichsten drückte sich bei ihnen die ungeheure Aufmerksamkeit aus, mit der sie mich betrachteten und ihr Mitleid mit meinem Zustande.

»Die Theilnahme dieser Naturmenschen rührte mich bis zu Thränen. Da sie bemerkten, daß meine Kleider nicht schnell genug trockneten, so machten sie mir ein Zeichen daß ich sie ausziehen sollte, und gaben mir Felle dafür, in die ich mich von Kopf bis zu Fuß einhüllte.

Dieß war mir eine große Erleichterung; aber kaum hatte ich meine Kleidung abgelegt, als sich unsere Wilden sogleich darüber hermachten und sie auf das Sorgfältigste untersuchten; besonders schienen die metallenen Knöpfe, mit welchen sie besetzt waren, ihre Aufmerksamkeit zu reizen, aber wie erstaunten sie erst, als sie meine Repetiruhr ansichtig wurden, die an einer goldenen Kette an meinem Halse hieng. Auch Dominicho hatte eine und diese beiden Gegenstände reizten sie so sehr, daß sie längere Zeit ganz außer sich kamen, wenn sie dieselben erblickten.

»Indessen hatte ich mich wieder erwärmt; ich hatte etwas Nahrung zu mir genommen und war, wenn auch noch nicht ganz gut, so doch wenigstens besser im Stande, meinen zuvorkommenden Gästen zu danken. Dominicho wußte sich ihnen bald auf die erfindungsreichste Weise durch Zeichen verständlich zu machen. Er erzählte ihnen unser Unglück und fragte sie, ob sie nichts von unsern Gefährten gesehen hätten. Ihre verneinende Antwort ließ uns glauben, daß sie einen andern Weg als den nach den Hütten unserer Gäste eingeschlagen hätten und nach dem Innern der Insel gegangen seyen, wahrscheinlich in der Hoffnung dort eher Menschen anzutreffen. Spätere Umstände bewiesen mir in der Folge daß diese Vermuthung gegründet war, denn mehrere Insulaner wollten drei Europäer gesehen haben, wußten jedoch nicht, welche Richtung sie genommen hatten, und ich verließ Patagonien wieder, ohne erfahren zu können, was aus ihnen geworden war.

»Nach Dominichos Zeichen begriffen unsere Wirthe recht wohl, daß das Schiff in der Nähe der Küste untergegangen war und vier davon setzten sich zu Pferd um nachzusehen, ob nicht noch etwas zu retten sey; aber bald kamen sie wieder und meldeten, daß sie nichts als Trümmer gesehen hätten, die nicht mehr zu erreichen waren.

Unterdessen machten sich auch die Kinder, die zuerst ziemlich schüchtern gewesen waren, an meine Kleider und die Knöpfe wurden auf's Neue der Gegenstand einer genauen Untersuchung. Ich löste endlich einige davon ab, und wollte sie ihnen geben, allein ihre Mütter streckten ebenfalls die Hände nach der kostbaren Gabe aus, und so mußte ich ihnen zuletzt alle Preis geben, um ihre Begierde zu befriedigen.

»Dieß Geschenk, so unbedeutend an sich, machte mir die guten Wilden doppelt verbindlich; sie überließen mir und Dominicho eine ihrer Hütten wo ich einige Stunden ziemlich ruhig schlief; als ich aber wieder erwachte, erwachte auch das Andenken an deinen Verlust wieder in mir und mit ihm das Gefühl, daß das Leben mir fortan nur eine Marter seyn werde. Doch verbarg ich meinem edlen Freunde den düstern Kummer, der mich verzehrte, denn er fürchtete nichts mehr, als mich unterliegen zu sehen, und dieß wäre ein schlechter Lohn für seine Treue und Hingebung gewesen.

»Entschlossen, alles zu thun, um ihn nicht allein zu lassen in diesem traurigen Lande, wo die Theilnahme einiger Wilden unsere einzige Stütze war, willigte ich einige Tage darauf ein, unsern Wirthen zu folgen, die im Begriff waren, auf's Neue nach dem Gestade zu ziehen, wo diese Nomaden gewöhnlich den Sommer zubringen.

»In den unermeßlichen Ebenen umherirrend und stets zu Pferd mit Weib und Kindern, verfolgen sie das Wild, von dem diese Ebenen wimmeln; sie nähren sich von rohem Fleisch und Wurzeln, kleiden sich in Felle und wohnen unter Zelten davon, und führen eine große Anzahl Hunde mit sich, die sie zur Jagd gebrauchen.

»Die Patagonier sind im Durchschnitt wohlgebaut und von sehr hohem Wuchse, doch habe ich deren nie gesehen, die mehr als sechs Fuß und zwei bis drei Zoll gemessen hätten. Auch hätte ihr bronzfarbiges Gesicht, wie du es an denen sehen kannst die mich begleiten, weder etwas Hartes noch Unangenehmes, wenn nicht sie selbst es durch Linien entstellten, die sie mit den verschiedensten Farben in demselben ziehen. Ihre Augen sind voll Feuer und die Weiße ihrer Zähne ist bewundernswerth. Ihre langen Haare tragen sie zusammengebunden über dem Wirbel des Kopfes, den sie nie bedecken.

»Obgleich sie ein herumirrendes Leben führen, wie die Tartaren, und rohes Fleisch essen, so ist doch ihr Charakter nicht wild.

»Die Frauen sind nicht so groß als die Männer, aber eben so dick, wenn nicht noch dicker. Wie jene tragen sie ein Kleid von Fellen, das über der Hüfte mit einem Gürtel befestigt ist, und ertragen mit bewundernswürdiger Leichtigkeit die Strapazen der Reise, das Ungestüm der Witterung und die schweren Arbeiten, die sie verrichten müssen.

»Die Religion der Patagonier beschränkt sich darauf, daß sie einen Geist anbeten, den sie Setebos nennen, und für das Haupt von zehn bis zwölf andern Geistern halten.

»Sie lieben Gesang und Tanz, sprechen viel, und ihre Sprache ist nicht unangenehm; aber aller Mühe ungeachtet konnten ich und Dominicho sie nicht verstehen lernen, und ich konnte mich in der Folge einigen derselben bloß dadurch verständlich machen, daß ich ihnen französisch oder spanisch lehrte, je nachdem sie sich für die eine oder die andere Sprache gelehriger zeigten.

»Uebrigens war das umherziehende Leben dieser Wilden meinem Unterrichte wenig günstig, denn wir fanden oft ganze Tage lang keine Gelegenheit, mit ihnen sprechen zu können.

»Da die Jagd für diese Völker eine unerläßliche Beschäftigung ist, so zeigen sie auch dafür einen außerordentlichen Eifer und bewundernswerthe Geschicklichkeit. Ihre Waffen sind bald Bogen und Pfeile, bald zwei runde Steine, an einem Riemen befestigt, den sie beständig am Gürtel tragen. Diese Steine, an den beiden Enden eines ungefähr acht Fuß langen Riemens festgebunden, dienen ihnen als Schleuder, um die Thiere in ihrem Laufe aufzuhalten, und sie werfen dieselben mit solcher Geschicklichkeit, daß sie auf eine Entfernung von fünfzig Schuhen das kleinste Ziel mit beiden Steinen zugleich treffen. Doch wenden sie diese Waffe gewöhnlich nicht auf diese beschriebene Weise an, wenn sie Guanaquas oder Strause jagen; sie werfen ihre Steine so, daß der Riemen sich durch die Schwungkraft der Steine um die Füße dieser Thiere wickelt, wodurch sie in ihrem Laufe aufgehalten und leicht eine Beute des Jägers werden.

»Die Bögen, deren die Patagonier sich bedienen , sind kurz und stark und die Spitzen ihrer Pfeile sind von einer Art Feuerstein, aus welchem sie auch die schneidenden Instrumente fertigen, mit welchem sie das Holz bearbeiten. Da Dominicho sehr gut mit dieser Waffe umzugehen wußte, so war er ihnen von großem Nutzen auf ihren Jagden; aber meine Gesundheit nahm so zusehends ab, daß der arme Junge oft Wochen lang bei mir in irgend einer verlassenen Hütte bleiben mußte, wohin alsdann die guten Wilden, wenn sie ihre Züge beendigt hatten, immer wieder zurückkehrten. Obgleich krank und sehr schwach, mußte ich ihnen doch, so wie die schlechte Jahrszeit wieder eintrat, in's Innere des Landes folgen, und dann vermehrte sich unser Haufen immer mit Einigen, die uns unterwegs begegneten.

»Während meines langen Aufenthaltes unter diesen Wilden hatte ich immer nur Veranlassung, mich über ihre Leutseligkeit zu freuen, aber die Strapazen dieser herumziehenden Lebensweise waren so groß, daß ich zusehends hinwelkte und der arme Dominicho die Hoffnung verlor, mich wieder genesen zu sehen. Er war trostlos, ohne mir seine Befürchtungen mitzutheilen; aber ich las sie in seinem trüben, gedankenvollen Blicke, und so elend und schmerzenvoll mein Daseyn auch war, so wünschte ich es doch für diesen treuen Freund zu erhalten.

»Endlich führte der Himmel, der mir ein Glück bestimmt hatte, tausendmal größer als alles Unglück das ich erduldete, vor einigen Wochen die edlen Freunde zu uns, die du hier vor dir siehst, liebe Emma. Wir waren glücklicher Weise gerade an der Küste, als sie landeten. Dominicho sah sie zuerst und führte sie in die Hütte, wo ich hinschmachtete unter der Last meiner Leiden.

»Die treue Sorgfalt die sie mir widmeten, brachte auch in der That eine so bewunderungswürdige Wirkung hervor, daß ich bald im Stande war, unsern verehrungswürdigen Seelsorger zu unterstützen in seinem Eifer, diese Wilden, deren religiösen Unterricht schon ich begonnen hatte, vollends zu bekehren. Wirklich wurde ihm die Freude, ihnen vor unserer Abreise das Bad der heiligen Taufe geben zu können.

»Der edle Don Antonio, vergessend, daß ich für ihn nichts anderes als ein armer Fremdling war, den sein Mitleid einem beweinenswerthen Zustande entriß, gab mir die nöthigen Mittel an die Hand, um mich denen dankbar zu erweisen, die mich so großmüthig unterstützt hatten.

»Wir gaben den Männern Messer, mehrere Ackergeräthschaften, deren Gebrauch wir ihnen zeigten, Sämereien, die hier unbekannt waren und lebende Thiere, die sie auf dem Schiffe bewundert hatten. Auch ihre Frauen wurden von der Freigebigkeit unserer Befreier nicht vergessen: sie gaben ihnen Glasperlen und kleine Spiegel, worüber sie in das größte Entzücken geriethen.

»Die guten Insulaner weinten vor Schmerz, als sie sich von uns trennten, und zwei von ihnen, die mir besonders zugethan waren, zeigten ein so großes Verlangen uns zu begleiten, daß Antonio ihren Bitten nicht widerstehen konnte und ihnen versprach, daß er sie wieder in ihre Heimath zurückführen, sobald sie sich mit nützlichen Kenntnissen bereichert hätten.

»Du begreifst leicht, liebe Emma, mit welcher Freude ich das traurige Land verließ, wo ich alles Gewicht des größten Elends ertragen hatte. Und doch vergifteten jammervolle Erinnerungen meine Freude; ich war im Begriffe, jene Küsten wieder zu sehen, wo ich dich für immer verloren zu haben glaubte; ich gieng vielleicht sorglosem Wohlstand entgegen, und meine liebe Emma konnte ihn nicht mit mir theilen. Diese bittern Gedanken verfolgten mich, wenn ich ermüdet auf's Lager sank; mit aller Kraft meiner Seele konnte ich sie dennoch nicht verbannen. Je mehr wir uns dem Ziel unserer Reise näherten, desto grauenvoller ward die Leere, die du in meinem Herzen gelassen hattest.

»In dieser Stimmung landete ich auf dem Eilande, wo du seit beinahe fünf Jahren einsam seufztest. Die Nothwendigkeit, frisch Wasser einzunehmen, führte uns hieher. Denke dir meine Gefühle, als der treue Azor, den Dominicho und ich sogleich erkannten, uns plötzlich mit seinen Liebkosungen überhäufte und uns an den Baum führte, an welchem du das Kupferblech befestigt hattest. Gewiß, liebe Emma, man stirbt nicht vor Freude, wie hätte ich sollst leben können, als ich Spuren deines Daseyns fand und zuletzt dich in die Arme schloß.«




Zwölftes Kapitel.

Welches Herz, wenn auch noch so verdorben, hat nicht freudig geschlagen, bei'm Ton der heimathlichen Glocken, der Glocken, die freundlich über seiner Wiege klangen, die der Welt den neuen Bürger anmeldeten und die ersten Schläge seines Herzens hörten, die der ganzen Nachbarschaft die heilige Freude seines Vaters verkündeten, die Schmerzen und das noch unaussprechlichere Entzücken der Mutter! Alles spiegelt sich in den Zauberträumen, in die der heimathlichen Glocken Klang uns wiegt: Religion, Familie, Vaterland, die Wiege und das Grab, Vergangenheit und Zukunft.


Man denkt sich leicht, mit welchem Interesse Emma diese Erzählung anhörte und welche Gefühle von Dank ihr Herz erfüllten, gegen die edlen Freunde, die ihr den Vater erhalten hatten; aber keiner derselben wollte die Aeusserungen ihres Dankes annehmen, denn jeder theilte zu sehr ihr Glück, um dafür belohnt seyn zu wollen.

Es liegt so etwas Entzückendes darin, die anzusehen, die man glücklich gemacht hat, daß der gute Capitain nicht aufhören konnte, Emma und ihren Vater zu betrachten und mit neuen Beweisen seiner Zuneigung zu überhäufen. Seine zuvorkommende Sorge ließ nicht nach während der ganzen Reise: jeder Tag brachte ein neues Fest, zu Emma's und ihrer Gefährtin Freude erfunden.

Sobald sie in die Rhede von Buenos-Ayres eingelaufen waren, wurde jede von ihnen mit allem Nöthigen ausgestattet, um vor dem Ausschiffen auf passende Weise erscheinen zu können, und eine geschmackvolle Kleidung ersetzte das Gewand der Wüste. Henriette war ganz außer sich über diese Umwandlung, aber während sie alle diese Wunder erstaunte, hatten ihre Freunde neue Verluste zu beweinen.

Der Verwandte, zu dem sie wollten, hatte seit vier Jahren schon sein Leben beschlossen und Herr von Surville, der diesen Tod herzlich betrauerte, konnte nicht eher in das hinterlassene Erbe eintreten, als nachdem er Förmlichkeiten erfüllt hatte, die viele Zeit erforderten.

Endlich trat er in den Besitz nicht allein der reichen Ländereien seines Verwandten, sondern auch bedeutender Summen, die klug auf mehreren Banken Europas vertheilt waren, und mit unendlicher Freude überzeugte er sich, daß er mit geringer Schwierigkeit den größten Theil seines Reichthums nach dem schönen Lande schaffen könnte, wo seine Tochter geboren war, und wohin ihn selbst Erinnerungen riefen, die seinem Herzen immer theuer geblieben waren. »Dort, sagte er, wird Emma wahrhaft glücklich werden, aber ich will meinen Plan noch verbergen, bis ich ihn ausführen kann; denn das Glück das man hofft, ist oft viel schöner als das, das man erreicht.«

Emma erfuhr also nichts von den andern Vorkehrungen die ihr Vater traf, ja sie war sogar weit entfernt etwas davon zu ahnden. Sie hatte durch die Trennung von ihrem Vater soviel gelitten, daß sie sich jetzt in seinem Besitze unmöglich anders als glücklich fühlen konnte, mochten sie wohnen wo sie wollten. Doch trugen sie ihre Gedanken immer hin nach den Tagen ihrer Kindheit, und dann stand, wie in ihrer Einsamkeit, das Bild von ihrer Mutter Grab vor ihr, die Bäume unter welchen sie gesessen und die grünen Wiesen auf welchen sie mit Azor sich herumgetrieben hatte, und ein Seufzer stahl sich aus ihrem Busen . . . o Vaterland! dein Name ist kein leerer Klang: Emma fühlte es an den schnellern Schlägen ihres Herzens, als sie an das schöne Frankreich dachte. Aber sie bemühte sich, die geliebte Erinnerung zu verwischen, um nur allein dem Glück leben zu können, das sie wirklich besaß.

Henriette , so lange die Gefährtin ihres Unglücks, theilte nun auch ihr Glück, denn alle Schritte, ihren Vater zu entdecken, waren fruchtlos geblieben; er hatte Buenos-Ayres verlassen ohne eine Spur seines spätern Aufenthalts zu geben und Emma, obgleich das Unglück ihrer Freundin beweinend, konnte sich doch einer geheimen Freude nicht enthalten, daß sie sich jetzt nicht von ihr trennen durfte.

Endlich hatte Herr von Surville seine Geschäfte beendigt. Don Antonio und der Geistliche waren ihrem weitern Berufe gefolgt und seine wilden Freunde waren, beladen mit Geschenken, die sein Andenken gewiß lang unter den guten Insulanern erhielten, nach ihrer Heimath zurückgekehrt.

Ein Schiff gieng unter Seegel, das Emma, mit ihrem Vater, Dominicho und Azor bestieg. Sie wußte jetzt daß sie nach Frankreich giengen und ihr ganzes Wesen strahlte in unaussprechlichem Entzücken.

»Welche Freude! wenn das fremde Ufer so immer weiter sich entfernt! rief sie aus, als das Schiff mit Pfeilschnelle hinschoß; gebe Gott seinen Seegen zu dieser Heimfahrt, die ich wohl sehnlich wünschte, aber nicht zu hoffen wagte.«

Dieß Gebet ward erhört; die Ueberfahrt war die glücklichste, bald sah sie die Küste von Brest wieder, die sie sechs Jahre früher so ungern verlassen hatte.

»Nur Eugenie und Cecilie fehlen noch, rief sie aus, in einigen Augenblicken werden wir auch sie sehen.«

Bald lief das Schiff in den Hafen ein, und Herr von Surville, um ihrer und seiner Ungeduld zu genügen, überließ Dominicho die Sorge für die Ausschiffung seiner Effecten und begab sich mit Emma zu dem Kaufmanne, der sie früher so verbindlich aufgenommen hatte. Emma flog mehr als sie gieng durch die Straßen von Brest, und doch wäre sie jeden Augenblick gerne stille gestanden, denn sie hörte ihre Muttersprache, sie sah wieder Mitbürger, und – hatte in einer Einöde gelebt.

Endlich kamen sie an das Haus des Kaufmanns, aber Thüren und Läden sind verschlossen; Herr von Surville klopft an; eine alte Frau, die alte Dienerin des Hauses öffnet!

»Wo ist eure Herrschaft?

– Meine Herrschaft? Ach! Herr, Ihr wißt es also nicht. . . . Der arme Mann! er konnte seinem Kummer nicht widerstehen; seine Geschäfte giengen mit jedem Tage schlechter er zahlte zwar noch alles vor seinem Tode; aber die armen Fräulein! sie arbeiten jetzt, um ihre Mutter zu ernähren . . . . .

– Wo wohnen sie? rief Emma aus.

– In jenem Hause dort, rechter Hand, bei der Leinwandhändlerin, die sie aus Mitleid in einem Dachstübchen wohnen läßt. . . . .«

Vater und Tochter wollten nicht mehr weiter hören; sie traten in's Haus der Leinwandhändlerin, stiegen die Treppen hinan, bis unter's Dach. Die Thüre des Stübchens stand offen; eine Frau, mit Gramentstellten Zügen liegt auf einem elenden Bette ausgestreckt, an dem zwei schwarz gekleidete Mädchen arbeiten. Beide weinten.

»Liebe Eugenie! liebe Cecilie! eure Freundin, eure Emma will mit euch weinen«, rief sie aus, indem sie den Schwestern, eines nach der andern, um den Hals fiel.«

Es war das erstemal, daß den Unglücklichen der Trost wurde, das Elend in Schutz genommen zu sehen; denn das Unglück hat wenig Freunde, und seit dem Verlust ihres Vermögens war ihnen nur ein kaltes, beleidigendes Mitleid zu Theil geworden.

Am andern Tage war alles um sie her verändert; das Haus der Leinwandhändlerin war zu verkaufen, Herr von Surville kaufte es und setzte die Wittwe mit ihren beiden Töchtern darein. Wie dankte ihm Emma für diese Wohlthat, welches Glück empfand sie, als ihre Freundinnen das garstige Dachstübchen verließen und ein schönes und bequemes Haus bezogen, wo ihre Thätigkeit ihnen ein anständiges Auskommen sicherte!

Es stimmte mit Herrn von Survilles Geschäften überein, daß er sich einige Zeit in Brest aufhielt, und Emma fand zu viel Vergnügen in der Gesellschaft der beiden Schwestern, als daß sie sich über diesen verlängerten Aufenthalt beschwert hätte. Endlich, nach einem Monat, kam Dominicho, der eine Reise gemacht hatte, mit freudigem Gesichte zurück und die Abreise ward auf den folgenden Tag festgesetzt.

Nach ihrem Landgute gieng jetzt die Reise, und Emma's Abschied von ihren Freundinnen war dießmal weit weniger traurig als das erstemal.

Zwischen ihrem Vater und der jungen Waise sitzend, nannte sie ihr mit unaussprechlicher Freude alle Orte, durch die sie fuhren. Es war ihr Vaterland! ihr liebes Vaterland, nach dem sie sich so sehr gesehnt hatte! Wie süß waren nun alle Gedanken, wie schön erschien ihr das Leben.

Am Morgen des zweiten Tages verließ die junge Reisende den Wagen um ein wenig frische Luft zu schöpfen. Sie wußte nicht wo sie waren, aber die Gegend war so schön, so lachend, daß sie nicht müde werden konnte sie zu bewundern. Plötzlich ertönte von weitem der Klang einer Glocke; Emma horchte; ihr Herz schlug ungestüm: »das ist die Glocke von unserem Kirchthurme! rief sie aus, Vater! wie glücklich machst du dein Kind!« Vater und Tochter weinten Thränen der unaussprechlichsten Freude und eilten dem geliebten Dörfchen zu, wohin Dominicho mit Henriette folgte. Bald sahen sie die Kirche und erkannten jede Hütte wieder, in welcher ihre bescheidene Wohlthätigkeit einst Dankesthränen Unglücklicher hatte fließen machen. Sie erblickten den Kirchhof, das Grab, wo eine Mutter, eine theure Gattin ruhte, und diesem Grabe brachten sie die erste Weihe, den ersten Ausdruck aller Gefühle, die ihre Seele bewegten; »meine Mutter! rief Emma aus, hier sind wir wieder! und küßte den Stein, auf den Dominicho einst ihre Wiege gestellt hatte.

»Kommt, kommt, mahnte sie endlich ihr alter Freund, nicht mehr dem Kummer euch überlassen, Gott so gut gegen uns gewesen!

»Wohin führst du uns, fragte ihn Emma, als er dem Schlosse zugieng, weißt du auch, ob man uns einlassen wird?

– Wenn nicht wissen, daß gut aufgenommen werden, antwortete der gute Schwarze, auch nicht dahin führen; mit diesen Worten öffnete er eine kleine Thüre in den Park, wo bereits die Pächterin, bei welcher Emma ihre ersten Tage zugebracht hatte, und viele andere Bewohnerinnen des Dorfes auf sie warteten und sie mit lautem Zuruf bewillkommten.

Emma, obgleich sie ihre Freude theilte, fürchtete dennoch, die Herren des Schlosses möchten darüber aufgebracht werden; aber ihr Vater beruhigte sie: »fürchte nichts, sagte er, es gibt hier keine andere Herren mehr als uns, dieses Gut ist unser; Dominicho und ich, wir wollten dich überraschen, seine Reise während unseres Aufenthalts in Brest hatte keinen andern Zweck.«

Bei diesen Worten fiel Emma ihrem Vater auf's Neue um den Hals. »Fürwahr! rief sie aus, dieß ist zu viel Glück!«

Dieß Glück war wirklich groß; aber wenn Gott belohnt, so thut er es immer mit vollen Händen, und die fromme Emma hatte ihr Glück verdient, durch ihre Geduld und Ergebung im Unglück, und durch die Tugend, die sie im Glück bewies.




Endnoten


1 Surville, sprich Sürwill.

2 Blois, sprich Bloa

3 Dieser Baum, das größte aller bekannten Gewächse, wächst in Afrika und in mehreren Gegenden der Neuen-Welt. Sein Stamm kann einen Umfang von neunzig Fuß erreichen, und er scheint mehrere tausend Jahre zu leben.

4 Das Fleisch der Schildkröten wird von den Seefahrern auch all ein sehr wirksames Mittel gegen den Scorbut gebraucht.