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Johanna Wolff – Die Totengräberin

Novelle

Aus: Johanna Wolff, Schwiegermütter, J. G. Cotta'scher Buchh. Nfg., Stuttgart und Berlin, 1918


Sie hieß Dorothea Zinn. Die Leute im Orte nannten sie Grabe-Dore. Sie arbeitete auf den Feldern.

Hochgewachsen war sie, mit großen Händen und Füßen.

Besonders die Hände! Die konnten sich sehn lassen. Und was diese Hände schafften, das konnte sich ebenfalls sehn lassen.

Ihre Arbeit ging meist stückweise in einem Tagewerk von sieben Uhr früh bis sieben Uhr abends.

Grabe-Dore war in dem kleinen uralten Ackerstädtchen, das sich mit seinen Eigenheiten abseits aller modernen Fortschritte erhalten hatte, wohl bekannt. Sie wurde geschätzt und hatte von Jahr zu Jahr dieselbe Kundschaft.

Was sie grub, das schritt sie selber ab mit ihren Füßen, die das Maß abgaben. Das Maß pflegte zu stimmen Abend für Abend, denn Grabe-Dore hatte so ihren eigenen Griff mit ihrem Spaten.

Der Spaten war ihr Eigentum, und mit einem anderen grub sie nicht. Sie hatte ihm durch langen Gebrauch eine Seele gegeben, er war wie lebendig für sie.

Dore und ihr Spaten gehörten zusammen. Selten sah man die Frau ohne dieses Gerät, mit dem sie redlich ihr Brot verdiente vom ersten Vorfrühlingstag an bis tief in den Herbst hinein.

Der Stiel dieses Spatens war ihrer besonderen Größe angepaßt, der Griff vom Zufassen der Hände blank, wie poliert, und die Schneide vom besten Eisen. Grabe-Dore war stolz auf ihren Spaten, sie liebte ihn wie einen Freund.

Sie liebte ihn fast ebenso zärtlich, wie sie Anneke liebte, ihre Tochter, die ihr einziges Kind aus einer glücklichen, leider allzu kurzen Ehe war. Gerade als Dore sich mit ihrem Mann so recht schön zurechtgelebt hatte, war er gestorben. –

Feine Arbeit hatten die großen Hände wohl nie getan. Die Frau war zufrieden, daß sie graben konnte. Erde graben! Das dünkte ihr köstlicher als alles.

Diese geheimnisvolle, dunkle Erde, aus der so viele Wunder stiegen. War das nicht schön, so schweigsam und so friedlich vor sich hin zu schaffen? Immer gleichmäßig, und nachher kam da all die bunte Munterkeit hervor, die so kurzweilig wie nützlich war. Denn noch immer brachte die Erde hervor: Gras und Kraut und fruchtbare Bäume, und viel war da, lieblich anzusehen und gut zu essen. Und wenn diese Beschäftigung auch nicht allzu klug machte, sie machte satt. Das genügte ihr.

Was an Sehnsucht nach Höherem und Feinerem in Grabe-Dore verborgen gewesen sein mochte, hatte sie auf die Tochter übertragen. Mochte ihre Anneke zusehen, wie sie mit den Händen durchkam, die anders waren als die Hände der Mutter. Sie, die Dorothea Zinn hatte ihren Spaten, den umfaßte sie stark und sicher, diesem Werkzeug der kleinen Leute wollte sie treu bleiben ihr Leben lang.

Auch Anneke war hochgewachsen, aber weniger breit in den Schultern; auch bei ihr waren Hände und Füße reichlich groß geraten, nur schmäler, schlanker, – ein Zeichen, daß Anneke für etwas Vornehmes bestimmt war. Und die Mutter dachte beizeiten nach, was sich aus einem Mädchen mit solchen Händen machen ließ.

Nein! Für den Spaten war die Tochter nicht gemeint. Man merkte es gleich. Sie ging respektlos damit um. Als sie ihn einmal nach Hause tragen sollte, hielt sie ihn aus Übermut mit dem Stiel nach unten, und bei dem großen Kehrichthaufen, den die Stadt angefahren, grub sie nach bunten Scherben. Guter Himmel, was für Scharten hatte sie in die blitzblanke Schneide gestoßen!

Für einen Spaten mußte man doch Gefühl haben! Hatte er nicht ein blankes Angesicht?

Für Dore war der Spaten lebendig. Für sie hatte er Gesicht und Ausdruck. Wenn sie ihn nach langer Winterzeit hervorholte, lachte er; er freute sich, wenn sie mit weichem Lappen das alte Fett von ihm abwischte, mit dem sie ihn zur Herbstzeit eingesalbt hatte gegen den Rost.

Noch nie war auf ihren Spaten ein Rostfleck gefallen! Er war an peinlichste Sauberkeit gewöhnt: blank, wie sie ihn weggestellt, holte sie ihn wieder hervor.

Und strahlte er nicht geradezu, wenn draußen die warme Sonne schien? Wenn in der großen weiten Felderstille die Vöglein wieder sangen? Dann biß er wie von selber in die Erde und legte Schollen um, über denen die Lerchen jubelten und die Kiebitze schwer zu Neste strichen.

Der Spaten hatte immer zu tun. Selbst wenn der große Bruder, der schneidige Pflug vorgearbeitet, hatte der Spaten noch viel nachzuschaffen, besonders in bescheidenen Betrieben. Ja, der Spaten war so recht das Werkzeug der kleinen Leute! Man erfand Werkzeuge, die ihn überbieten sollten, doch er blieb einzig in seiner Art, und nichts konnte ihn von seinem Platz verdrängen.

Im Leben kommt alles darauf an, daß man sich versteht. Grabe-Dore und ihr Spaten verstanden einander, da gab's keine Scharten.

Anneke und der Spaten verstanden sich nicht, da setzte es Scharten. Man mußte dem Mädchen das Gerät aus der Hand nehmen und ihm etwas anderes geben, was den langen, schmalen Händen besser lag. Aber was denn?

Die Mutter liebte ihr Kind und merkte auf. Sie wurde gewahr, wie das Kind zu Hause und auf dein Felde stundenlang still sitzen konnte; irgend ein buntes Läppchen in den Fingern, versuchte es sich mit einer langen Nähnadel: Hütchen machte es für sein Püppchen! Sogar den reifenden Mohnköpfen setzte die Anneke Häubchen auf, indem sie Blumenblätter darüber krauste, wie um kleine Gesichter.

War das nicht Bestimmung? Das Feine und das Grobe mußte geschafft werden in der Welt; auch für schmale Hände gab's Arbeit, wie es auch für feine Köpfe was zu denken gab. Anneke war entschieden für das Putzmachen gemeint! Putzmachen war sehr was Feines, und die Tochter der Grabe-Dore ging, diese Kunst zu erlernen, nachdem sie die Schule hinter sich gelassen. –

Nun saß Dorothea Zinn und sann: Anneke hatte etwas gelernt! Ganz allein hatte das Mädchen schon der Nachbarin, der Frau Kruse, einen Hut aufgesteckt, mit dem die Steinbrückersgattin Staat machte! Wie schön hätte die Tochter noch weiter vorankommen können!

Die Beschäftigung lag ihr; ihre schlanken Finger gingen mit Seide, Tüll und Spitzen um. Und die Blumen! Diese herrlichen Blumen! Künstlich waren sie, und doch wie lebendig.

Und nun sollte das alles vorbei sein. Vorbei, weil der Ede Norkus nach Hause gekommen, der die Anneke heiraten wollte.

Ede hatte seine drei Jahre bei den Jägern abgedient und hatte wegen außerordentlich guter Führung den Feldhüterposten erhalten. Man sagte, anfangs sei es beim Militär nicht so gut mit dem Ede gegangen, dann aber sei er Bursche beim Hauptmann geworden, der sehr für den guten Schützen eingenommen gewesen. Der habe etwas aus dem Ede gemacht, weil er ihn scharf gehalten und doch gut mit ihm gewesen sei.

Der Hauptmann sollte ihm auch zu dem Feldhüterposten verholfen haben. Das sagten die Leute, und die mußten es wissen.

Jedenfalls hatte der Ede nun eine gute Stelle, er gehörte beinahe zu den Forstleuten. Er konnte jetzt eine Frau ernähren; das wollte er, und die Frau sollte Anneke sein, die Tochter der Grabe-Dore.

Aber der Mutter war das nicht recht. Sie meinte, ihr Kind hätte noch einen ganz anderen bekommen können oder hätte später in das Putzgeschäft eintreten können. Allein was hilft das Widerstreben einer Mutter, wenn eine Tochter heiraten will?

Das große, hübsche Mädchen mit dem runden Kindergesicht liebte – liebte den Ede Norkus und wollte mit ihm hausen, je eher, desto lieber. Seide, Tüll und Spitzen und die schönen künstlichen Blumen vermochten die Anneke nicht mehr im engen Stadtladen zurückzuhalten. Zu dem Norkus lief sie hinaus ins weite grüne Feld, wo jetzt die Kartoffeln blühten, die Erbsen Schoten ansetzten und der Kohl runde Köpfe bekam. Sie konnte es im Stillsitzen nicht aushalten, sie mußte sich die große Liebe verlaufen, die Liebe zu dem Feldhüter, dessen besondere Art es ihrer Seele und ihrem jungen Leibe angetan hatte.

Die Mutter machte ihrem Kinde Vorhaltungen, sie raunte ihm seltsame Schöpfungsgeheimnisse zu: Da sollten draußen im Felde, wenn der Sonnenschein so verwirrend flimmerte, die Kohlköpfe aufspringen, um kleine nackte Kindlein herauszulassen. »Die hängen sich unnützlich wandernden Jungfern an die Rocksäume und Schürzen,« warnte Grabe-Dore. Und machte ein sehr ernstes Gesicht.

Annekes sanfte braune Augen wurden rund und weit, sie dehnte ihren blühenden Körper ins Weite und seufzte sehnsuchtsvoll: »O wie schön, Mutter! Ich möchte so gern viele, viele kleine nackte Kinder kriegen – neun Stück!«

»Mädchen!« rief Dore entsetzt, »schämst du dich gar nicht? Neun Stück! Aber du weißt nicht, was das für ein schmerzhaftes Geschäft ist – – Putzmachen ist leichter.«

Ob schwer oder leicht, Anneke wollte Kinder haben und zum Norkus gehen in die kleine helle Wohnung, die sie beide vor dem Tore ausgesucht, mit dem Blick auf die Felder. Sie habe das Im-Laden-Sitzen längst satt, erklärte sie. Die Mutter, die sei doch auch gern im Grünen. Die Mutter und der Spaten! Ob sie, die Anneke, es schlechter haben sollte als das eiserne Ding, das kalte und tote? Die Mutter widersprach heftig: der Spaten sei weder kalt noch tot; wenn man ihn nur ordentlich gebrauche, werde er beinahe warm, und Gesicht und Ausdruck habe er auch, sie bleibe dabei, das bekomme jeder richtige Spaten von seinem Eigentümer. – Der Tochter Heirat aber widersprach Grabe-Dore nicht mehr, die durfte mit ihrem Feldhüter hochzeiten. Denn der Sonnenschein flimmerte gar so verwirrend, und die Kohlköpfe wurden in jenem Sommer besonders rund. –

Dorothea Zinn fand sich damit ab, den Ede Norkus Schwiegersohn zu nennen, aber ganz zufrieden schien sie nicht.

Da gab's etwas an ihm, mit dem sie nicht fertigwerden konnte.

»Er ist zu weich geraten,« sagte sie zu sich selber; zu Anneke sagte sie es nicht.

Immer schaute sie den jungen Ehemann an, als müsse sie da etwas ausfindig machen an ihm, als lange es irgendwo nicht zu bei ihm. Hatte sie nicht die schöne Karte gelesen, die der gute Hauptmann seinem Hochzeitsgeschenk beigelegt? »Anneke solle gut aufpassen auf den Ede!« Also aufpassen mußte man!

Der Norkus war so groß wie seine junge Frau, aber nicht so stur im Rücken. Jetzt, wo kein Vorgesetzter hinter ihm stand, ließ er sich gehen, hing mit den Schultern vornüber und litt es, daß seine aufrechte Anneke ihn öfter zurechtpuffte. Er gab leicht nach, allzu leicht sich selber und auch der Eheliebsten, die es bald heraushatte, seine Gutmütigkeit ein bißchen auszunützen. Wie sollte das werden? »Auf das Starke kommt's an im Leben,« sagte Grabe-Dore, »und stark ist der Ede nicht. Da ihm der Herrgott den Rücken nicht gesteift hat, werde ich es tun müssen.« Und sie seufzte, als stände ihr etwas Schlimmes bevor. »Der wird die Schwiegermutter noch sehr nötig haben; ihm, und nicht meinem Kinde werde ich beistehen müssen.« In Dores kurzer Ehe hatte es von vornherein geheißen: der Mann! Und als das Kind gekommen: der Vater! Greulich schien ihr so ein Hausstand, in dem der Ernährer und Versorger »drunter durch« ist.

Ein Mann war etwas sehr Gutes, das wußte Dore, doch es mußte wirklich »ein Mann« sein. –

Nun trug die Tochter schon ein Kind ins Leben und konnte nicht die Zeit erwarten, da sie die Frucht ihres Leibes ans liebe Tageslicht stoßen würde, sich und dem Norkus zur Freude.

Anneke war bei der Mutter zum Besuch, saß da und machte »Häubchen«. Nicht für reifende Mohnköpfe, sondern für ein kleines Menschenkind, das bald als ihr eigen zur Welt kommen sollte.

Da trat Ede in die Stube. Er kam von einem Rundgang durchs Revier und wollte seine Frau abholen. Er sah doch ganz stattlich aus, als er so in der Türfüllung stand, das Gesicht vom frischen Wind gerötet, die hellen Augen, die ein wenig vorstanden, weit und glänzend; er war angeregt von den Eindrücken im Weiten und brachte den Duft der Felder mit. Die gesicherte Flinte stellte er in die Ecke und legte sorgfältig seinen grünen Hut darüber. Dann wischte er sich die Stirn.

»Tag, Mutter! Tag, mein Anneken!« Er küßte zärtlich seine Frau und drückte der Alten die großen Hände.

»Bei dir hat man doch was zu fassen, Mutter,« sagte er lachend zur Grabe-Dore, »solche Hände gibt der Herrgott auch nur denen, die er besonders lieb hat.«

Das Wort gefiel der Schwiegermutter. Er hatte oft so merkwürdige Einfälle, dieser Norkus, er sagte vieles ganz anders als andere Leute.

»Meinst, der Herrgott hat mich lieb?«

»Freilich – sonst hätte er dir nicht solche Tochter gegeben! Na und du weißt doch, daß er dich bald zur Großmutter machen will.« Er sah sie an und lachte.

»Helf' es der Himmel!« sprach Dore leise und schlug fromm das Kreuz über Annekens gesegneten Schoß.

Es ging eine Stille durch die Stube: drei Menschen beteten ein Vaterunser für ein Ungeborenes, das noch im Schöpfungsdunkel schlum­merte.

Dem Werdenden soll eine Glückshaube wachsen, wenn die Blutwellen der Mutter vom Gebet gehoben und gesenkt werden.

Wie sanft und fromm der Ede wieder aussah, als er so in sich gebückt dastand! Gut war er, vielleicht zu gut für einen Feldhüter. Der Posten erforderte manchmal ein hartes Herz und ein verschlossenes Ohr gegen die Bitten der Armen, die sich an fremdem Besitz vergangen. Der Feldhüter aber hatte gleicherweise das Eigentum von reich und arm zu schirmen, seine Gefühle durften nicht auf Nachsicht eingestellt sein. Der Norkus sah jedoch nicht aus, als ob er gegen Felddiebe und Ackerräuber gewalttätig sein könnte.

»Wie ist dir's heute ergangen?« fragte Anneke mit Herzlichkeit und ließ auf der geschlossenen Hand ein Mützchen tanzen. »Wüßte ich nur, ob ich Rosa oder Blau darauf setzen soll,« fügte sie blinzelnd hinzu. »Rate mir, Ede! Blau gilt nämlich für die Jungen, Rosa für die Mädchen – was soll's geben, Mann?« Sie schaute ihm lächelnd ins Gesicht. Ede rieb sich den Kopf. Er wollte es mit keiner Farbe verderben. »Was der Herrgott schickt, soll mir recht sein,« sagte er zögernd und ließ sich wieder vornüber sinken, als hätte er da zu wenig Halt in sich selber. Die Mutter schüttelte den Kopf. Wenn ihre Tochter den nur geradehalten würde!

Die blaue Farbe setzte, sich durch: bei Anneke kam ein Junge an, dessen Schwergewicht beinahe den Weltmeisterpreis erreichte – er wog über dreizehn Pfund! Und ein gutes Jahr darauf war der zweite Junge da, fast ebenso gewichtig. Anneke nährte den ersten und behielt noch vollauf, auch den anderen zu stillen. Als sie den entwöhnt, meldete sich der dritte ins Dasein, und sie wurde nicht verdrießlich. Sie gebar leicht, und mit Freuden legte sie die Kindlein an die Quelle ihrer Brüste, die unerschöpflich schien.

Ihr Jungmädchenwunsch schien sich buchstäblich zu erfüllen: viele kleine nackte Kindlein wollten sich ihr an Schürze und Rockfalten hängen.

Annekes rundes Kindergesicht wurde etwas schärfer, das Kinn trat bestimmter hervor. Dore bemerkte es. Wollte das Leben jetzt das Starke in ihr erschaffen, das sie für solche Jungen nötig hatte? Wenn nur auch der Norkus sein Teil dazu tun würde! Mit Nachdenklichkeit allein ist's auch nicht getan, wenn drei Jungen zu versorgen sind.

»Ich weiß nicht, was du immer an ihm zu nörgeln hast,« sagte Anneke. »Er ist, wie er ist, und mir gerade recht so. Meinst du, er merkt nicht, daß deine Augen ihn immer Spießruten laufen lassen?« Da zog sich die Mutter mit ihrem Urteil zurück, und der Norkus hatte seine Art für sich, ungestört. –

Saß die junge Frau mit einem Bübchen an der Brust nieder, saß auch der Ede dabei und sah zu, andächtig, als bete er. Und das tat er wirklich. Da unten in sich, wo es noch ganz unklar war, empfand er eine beinahe göttliche Verehrung für seine Anneke, die solche Kinder gebar! Und sie aus ihrem Leib ernährte. War sie nicht wie ein Baum des Lebens, mit süßem Saft erfüllend ihre eigene Frucht? Was konnte er Besseres tun als darüber nachsinnen? Er hätte es gern deutlich ausgedrückt, konnte aber nicht.

Als Hochzeitsgeschenk hatten die jungen Leutchen auch einen Versband von Chamisso erhalten. Den las der Ede jetzt und meinte, das passe genau auf ihn und seine Anneke, und – er müsse auch so etwas »machen« können. Er konnte es aber doch nicht. Nur sitzen und in sich hinein sinnen konnte er und allerlei Wunderliches denken, das ihm zugeflogen kam.

Ede sah überhaupt gerne zu, wenn andere werkten. Man konnte ihn, das nicht verdenken: er besorgte ja sein Feldhütergeschäft hauptsächlich mit den Beinen und war dann froh, wenn er sitzen und sich ausruhen konnte.

Als der dritte Junge entwöhnt wurde, meinte Grabe-Dore: »Jetzt könntet ihr mal ein bißchen Pause machen, sonst bekommen wir zuviel des lieben Segens.«

Ede und Anneke schauten sich an, sie verstanden die Mutter wohl, aber sie kehrten sich nicht daran. Als die Zeit erfüllt war, kamen sogar Zwillinge an.

»Schämst du dich nicht,« hätte Dorothea Zinn ihrer Tochter wie damals zurufen mögen – doch sie tat es nicht. Annekes seliges Muttergesicht war zu schön anzusehen! War's nicht Sünde, solchem Lebensdrang entgegenzusein?

»Fünf!« sagte Norkus mit Stolz. »Fünf Jungen, Mutter.«

»Aber das Essen! Und die vielen Füße für Strümpf und Schuh,« hätte sie ihm entgegnen mögen – doch sie schwieg. Sie hatte sich vorgenommen, ihre Zunge zu hüten, und was Dore sich vornahm, das führte sie durch.

Die Wöchnerin merkte die Gedanken der Mutter. »Laß nur,« sagte sie leise bittend, »viel Kinder, viel Vaterunser.« Und sacht fuhr sie fort: »Du kennst das Märchen von den Kohlköpfen, Mutter; ich kenne das Märchen von den Engeln, die in der Frühe von Tür zu Türe wandeln, um jedem Kinde einen Segen in seine Schühchen zu tun.« Sie küßte ihr Kleines.

»Wenn sie aber bei armen Leuten keine Schühchen an der Türe finden?« fragte Dore zurück.

»Dann schütten sie Segen über Schüsseln und Teller, über Becher und Töpfchen, Mutter. Der Ede hat ja sein Brot, und ich kann zuhelfen. Wenn ich aufkomme, stecke ich wieder Hüte auf.«

Da schämte sich die Alte vor der Jungen. Das hätte sie nicht gedacht, daß ihre Anneke so wäre! Ob die Mutterschaft das machte? Als würde sie mit jedem Kinde besser und verständiger, so war die Anneke. – »Ich muß sie gewähren lassen,« sprach Dore wieder zu sich selbst. »Was ihnen der Herrgott zugedacht, das werden sie sich auch nehmen, und ich – ich muß es mir gefallen lassen . . . Aber im Putzgeschäft wäre es für meine Anneke leichter gewesen.«

Sie äugte auch weiter nicht an dem Norkus herum, obwohl sie immer noch das Gefühl hatte, da wäre irgendwo etwas – etwas »Schwächliches« an dem Schwiegersohn. Es ließ sich nicht feststellen, es ließ sie aber auch nicht los.

Und Grabe-Dore tat ihrer Tochter Beistand, wie sie wußte und konnte. Der Spaten stand manchen schönen Tag in der Ecke, und die alten Kunden warteten vergeblich auf die gute Hilfe der großen Hände; denn Dore grub tief und gründlich, wie sich's gehörte, und nicht nur so ein bißchen obenauf fürs Auge. Allein Dore mußte jetzt Kinder hüten und Windeln waschen, bis ihre Anneke es wieder selber tun konnte. »Zieh doch ganz zu uns,« baten die Norkusleute, »wir könnten billiger und besser zusammen wohnen, und die Ernährung wäre auch vorteilhafter.« Allein Dorothea Zinn wollte das nicht. Sie scheute sich davor. Sie wollte ihr bißchen Ruhe für sich haben. Ihr Spaten grub, quäkte aber nicht. Gott im Himmel wußte es, sie wollte eine gute Großmutter sein; aber sich immer mit den Kindern balgen, auch nachts – das wollte sie nicht.

Und dann kam wieder das Böse in ihr hoch: wenn die Norkusleute sich die vielen Kinder anschafften, dann mochten sie auch zusehen, wie sie die neuen Weltbürger hochbrachten . . .

Trotzdem – für jedes Wochenbett der Tochter griff Grabe-Dore den Notgroschen an, den sie für ihre alten Tage zurückgelegt. Wer sie trachtete nachher, den Bestand wiedereinzubringen, und wenn sie's Tag für Tag sich abdarbte, pfennigweise. –

Und Annekes Kinder wuchsen und gediehen, eins wurde immer hübscher und wohlgestalteter als das andere. Sie ließen sich ihr Stückchen Brot gut schmecken und waren leicht durch Mutterhand zu ziehen. Der Norkus brauchte sich selten darein zu mischen. Es lag ihm nicht. Anneke hatte so rechte Mutterart dafür, nicht weichlich, aber auch nicht hart.

Was Mangel war, hatten Eltern und Kinder noch nicht erfahren. Auch bei ihnen wurde das Mehl im Katt nie aufgezehrt, und der Ölkrug gab immer noch etwas her, auf dem Süppchen der Kleinen ein paar blanke Fettaugen schwimmen zu machen. »Fettaugen!« Die kannten und zählten die Buben und zeigten sich das Blanke mit den Fingern.

Nach den Zwillingen schien wirklich eine Pause eingetreten zu sein, und flugs machte Anneke sich an die Beschäftigung, die leichter war, als Kinder zu gebären.

Sie griff wieder zu dem Erlernten und »behaubte« und »behütete« die ganze Nachbarschaft. Manchmal sahen die Erzeugnisse ihrer langen Hände etwas wunderlich aus, aber die kleinen Leute fanden das schön und waren zufrieden damit.

Der Norkus saß bei seiner Anneke, sah zu und war gleichfalls zufrieden. Auch tat er redlich das Seine, damit die Fleißige bei ihren Blumen und Bändern nicht gestört würde. Er richtete den kleinen Otto auf, der gefallen, pustete Karlchen die Stirn, der sich gestoßen, und zog den Ältesten, den Friede, zwischen die Kniee, ihm die Nase zu putzen. Hänschen und Fränzchen, die Zwillinge, saßen noch im Wagen, strampelten sich bloß und ließen die Klapper zu Boden fallen. Er hob geduldig das Spielzeug auf, und wenn die kleinen Schelme ihm ins Gesicht lachten, lachte er zurück und versuchte ihnen die Decke über die runden Beinchen zu ziehen, die immer wieder steil und stramm in die Luft strebten. –

Eines Tages kam der Norkus von seinem Feldgang nach Hause und brachte einen Spaten mit.

Der war nicht so gut gehalten wie der von Grabe-Dore – doch ein Spaten war's, ein Werkzeug des Menschen, das Wertschätzung verdiente.

»Wo hast du ihn her?« fragte die Schwiegermutter, die zum Waschenhelfen gekommen war.

»Abgenommen, gepfändet,« sagte der Mann, und sein Gesicht härtete sich. »Wozu bin ich denn Feldhüter?«

»Abgenommen? Gepfändet? Wem denn? Einem armen Weibsen vielleicht?«

Der Angestellte der städtischen Gerechtigkeit nickte. »Mein Amt und meine Schuldigkeit, Mutter! Hast denn gedacht, daß ich für nichts angestellt bin?«

Das hatte Dore wahrhaftig nicht von ihm erwartet. Das überraschte sie. Einen Spaten – wie konnte man jemandem einen Spaten abnehmen! Aber sie schwieg. Sie zuerst hätte den Norkus gescholten, hätte er anders gehandelt. Aber merkwürdig war's doch. Wie er nun wieder dastand mit den blauen Augen, die etwas vordrängten, sah er aus, als könne er keiner Fliege etwas zuleide tun.

Grabe-Dore kannte solche Feldszenen. Ihr war's, als höre sie das Flehen und Bitten der Armen: »Herr Feldhüter, trautster Herr Feldhüter – geben Sie mir doch den Spaten zurück – den Spaten!« Und weiter bat und wimmerte es: »Ich hab' nur den einen, Herr Feldhüter – er ernährt uns – – mich und das Kind – das Kind, Herr Feldhüter! Das will leben und essen

– immer essen!«

Dore trat etliche Schritte von ihm ab. Sie wollte nach Hause gehen.

Ede ließ sich vornübersinken und brummte: »Feldräuber – elendige!« und dann legte er sich ein bißchen schlafen.

Da drückte sich eine ärmliche Gestalt herum, draußen vor seiner Türe, die leeren Hände gefaltet unter dem dunklen Umschlagetuch, und eine große Sehnsucht stand ihr in den Augen.

Grabe-Dore hatte Gute Nacht gesagt und wollte heimgehen. Sie bemerkte die Gestalt, trat schnell in die Stube zurück, griff leise den Spaten aus der Ecke und schob ihn in die leeren Hände der Fremden.

Wenn das der Norkus getan hätte! Den würde sie einen Schwächling und unzuverlässig gescholten haben, die Dorothea Zinn . . .

Und Ede klagte jetzt öfter über Felddiebstähle und Ackerräubereien.

Und dann eines Tages, da er gegen Abend gar nicht heimkommen wollte, brachten sie ihn bei Dunkelwerden auf einem Ackerwagen nach Hause gefahren. Die ärmliche Gestalt, die sich neulich vor seiner Tür herumgedrückt und den Spaten zurückempfangen hatte – durch Grabe-Dore –, die saß vorn auf dem Sitz und hielt in ihrem Schoß den blutenden Kopf des bewußtlosen Feldhüters, der auch einen bösen Messerstich in die Hüfte abbekommen hatte, von Übeltätern, die entwischt waren.

»Feldräuber – elendige!« stöhnte Ede mit verzerrtem Gesicht, als sie ihn herunterhoben und aus sein Lager betteten.

Sie hatten ihn wirklich arg zugerichtet, die Bösewichter, denen er nachgeschlichen, die fort und fort die Acker seines Reviers bestohlen und die er endlich glaubte ertappt zu haben. Die Beute, die er ihnen abgenommen, lag verstreut und verschüttet auf dem zertretenen Boden. Es mußten ihrer mehrere gewesen sein, und er mußte sich brav gewehrt haben. Daß er noch lebte, war sicher nicht ihre Schuld.

Die arme Taglöhnerin, die ihn gebracht, hatte mit ihrem Spaten unterm Arm eben Feierabend gemacht, da vernahm sie ein Geschrei hinterm Kiefernwäldchen. Als sie hingelaufen, fand sie nur den ächzenden Norkus am Boden liegen, bewußtlos und mit blutendem Gesicht; in der Furche neben ihm lag ein fortgeworfener Knüppel.

Da hatte die brave Frau ganz unverzagt um Hilfe geschrieen und einen daherfahrenden Ackerbauer herzugewinkt, mit dessen Beistand sie den Wunden dahin gebracht, wo sie ihren Spaten zurückempfangen.

Die Stirnverletzung bei Ede schien nicht schlimm zu sein: die Beule schwoll zusehends ab. Der Messerstich in der Hüfte aber machte dem Arzt zu schaffen. Als Norkus genas, mußte er sich damit abfinden, daß er sein Lebtag hinken würde, denn trotz bester Behandlung und Gebrauch mancher Kunstmittel konnte die durchschnittene Sehne nicht wieder elastisch gemacht werden; das rechte Bein ließ sich nur langsam und mit Mühe vorwärts bewegen.

Niedergeschlagen saß der Ede in seinem Stuhl und sah durchs kleine Fenster in die grüne Ferne.

Mit dem Feldhüterposten war's vorbei, das sah er wohl ein. Was aber sollte aus ihm werden? Er hatte doch eine Frau und fünf liebe Kinder! Jungen, die etwas lernen sollten!

Da zogen Tage der Sorge in die helle kleine Wohnung vor dem Mitteltor. Anneke versuchte wenigstens nicht, ihm das Traurige auszureden, denn es war traurig.

Sie regte ohne Unterlaß die fleißigen Hände. Meinte sie, die ganze Nachbarschaft müsse nun beputzt sein, dann kam immer noch ein altes Weiblein, das eine Haube bebändert, oder eine kleine Jungfrau, die ein Hütchen beblumt haben wollte. Und das war ein Glück. Anneke verdiente. Wer würde sie mit ihrem Putzmachen eine siebenköpfige Familie durchbringen können? Der Gehalt des Feldhüters war doch der Grund gewesen, auf dem sie die Heirat gewagt. Auch die Mutter verstand da nicht zu trösten. Schaute die nicht fortwährend auf die Kinder, als wären sie zuviel? Sah sie nicht vorwurfsvoll den Schwiegersohn an und die Tochter, die mit Lust geboren hatte? Sie gab ohne Murren ihre Spargroschen her, doch es war keine Freude dabei. Und dann: was war das unter so viele!

Der Fall mit dem Unglück des Feldhüters hatte Aufsehen erregt. Der Herr Bürgermeister selber kümmerte sich um die Verfolgung der Sünder und gab sich erst zufrieden, nachdem die Sicherheit in den Grenzen seines kleinen Reiches wiederhergestellt war. Man hatte die drei Bösewichter eingefangen und hinter Schloß und Riegel gesetzt.

Und der Herr Bürgermeister kam und teilte das dem Ede mit. Der saß stille in seinem Stuhl und schien die Genugtuung seines hohen Vorgesetzten garnicht teilen zu können. Ede hatte als Feldhüter seine Schuldigkeit getan, – allein was hatte er davon? Und was nützte es ihm, daß die Übeltäter es nun unter Ehrverlust absitzen mußten?

Der Norkus hatte ein lahmes Bein und sollte sein schönes Stückchen Brot verlieren. War das unter den gegebenen Umständen nicht schlimmer als die Ehre verlieren?

Schwer zu sagen für arme Leute, sonderlich, wenn da fünf frische Jungen zu ernähren sind.

Als der Herr Bürgermeister die hochgewachsene Frau und die fünf prächtigen Buben ansah, verstand er den stillen Mann: da mußte Rat geschafft werden.

Der Vater der Stadt war ein guter Mann. Er ging nachdenklich heimwärts. Gerade mußte er am Friedhof vorbei und wurde gewahr, daß das Totengräberhäuschen noch leer stand, weil der Alte, der dieses Amt verwaltet hatte, selber mit Tode abgegangen war; man hatte eine Aushilfe eingestellt bis zur nächsten Stadtsitzung, da sollte eine neue Wahl über die Besetzung dieses Amtes getroffen werden. Dem Herrn Bürgermeister kam eine Erleuchtung: Norkus!

Die Sitzung wurde gehalten, die Wahl bekannt gemacht: Norkus, der frühere Feldhüter, wurde Totengräber. Der hatte für die Sicherheit der ihm anvertrauten Acker und Felder sein Leben eingesetzt, der würde auch die stillen Schläfer in den Häuslein der Tiefe mit Fleiß bewachen.

Der Herr Bürgermeister war dem Ede ein guter Fürsprecher gewesen und hatte die Tapferkeit und Bravheit des geschädigten Mannes besonders hervorgehoben. Da nickten die mehr oder minder alten Herren und waren dafür; wer weiß wie lange, und sie lagen selber dort, wo dieser brave und tapfere Mensch Regiment und Aufsicht führen sollte. So kam der große rotgesiegelte Amtsbrief in die zitternden Hände des Genesenden.

Totengräber! Und mit dem unverkürzten Gehalt eines Feldhüters! Dazu mancherlei Spesen aus der Privat-Grabpflege. Welch ein Glück!

Da faltete Ede die Hände, große warme Tropfen fielen auf das Ratsschreiben. Anneke mußte die Knaben hereinbringen, und alle fünf mußten mit ihren frischen Lippen das große Stadtsiegel küssen: drei Ähren, über denen drei Schwalben schwebten. –

Man bezog das Häuschen am Friedhof. Da ging für die Norkusleute ein schönes Leben an. Blumen und Kinder schienen in der Luft zu gedeihen. Es war, als ob die Toten die Lebendigen wachsen machten, als ob die Blassen, Bleichen, Reglosen rote Wangen hauchten den springenden, singenden, immer beweglichen Gliedern der Norkusfamilie.

Gräber graben konnte der Ede, und die Wege zu den Häuschen der Tiefe waren alle nicht weit entfernt; wenn ihm das Stehen zu viel wurde, setzte er sich eben.

Der Spaten, den er sich gekauft, zerbrach: der hölzerne Stiel lag für sich, und das Eisengesicht lag auch für sich. Es gehört ein gewisser Verstand und Blick dazu, einen Spaten zu kaufen.

»Zieh nun zu uns, Mutter, und gib mir deinen Spaten,« sagte der Schwiegersohn zur Grabe-Dore. Sie tat weder das eine noch das andere, aber sie brachte dem Norkus einen anderen Spaten mit, den sie auch für gutes Geld gekauft hatte, – sie kannte sich darin aus.

»Halte ihn in Ehren,« sagte sie. »Der Stiel ist so gut wie meiner, ohne Ast, und die Schneide ist auch gut, du kannst dich darauf verlassen.« Und das tat der Ede. Er gewann seinen Spaten fast so lieb wie Dorothea Zinn den ihren; mehr konnte man wirklich nicht von ihm verlangen. Und gut hielt er ihn auch.

Ede meinte sogar, der Spaten wisse vorher, wenn es Arbeit gebe; es fehle nur noch, daß er sich von selber in Bewegung setze. Aber dahin hat es noch kein Spaten gebracht.

Norkus liebte auch seinen neuen Posten, er liebte ihn sogar mehr als den früheren. Als Feldhüter hatte er sich die Gedanken vertreten, seine Augen waren ins Weite geflogen; jetzt stellte er sie aufs Begrenzte ein, auf das große Viereck, das nun sein Reich bildete.

Früher hatte Edes Blick an der Oberfläche gehaftet; jetzt stieß er in die Tiefe, in das Verborgene und Geheimnisvolle.

Auch sein Gemüt schien da hinein zu sinken – zu versinken manchmal. Ob die Schwiegermutter doch nicht so Unrecht hatte? »Er sinniert sich rein zuschanden,« dachte sie.

Und Grabe-Dore schaute ihn wieder mit Besorgnis an und suchte nach dem Punkt, an dem er versagen würde. Doch der Ede versagte nicht. Nur noch etwas eigener wurde er, und er faßte jetzt öfter nach der Stirnnarbe, wohin er den Schlag bekommen hatte – den Schlag mit dem Knüppel.

»Hast du Schmerzen?« fragte Anneke liebreich. Er hatte keine Schmerzen, nur einen dumpfen Druck, der jedoch bald vorüberging.

Zum Hutmachen hatte hier auf dem Friedhof die Tochter der Grabe-Dore keine Zeit: sie mußte nach ihren fünf Kindern sehen, und sie mußte auch mit im »Geschäft« tätig sein. Auch für die Toten gab's »Putz« zu machen, Annekes geschickte Hände waren so recht am Platze. Sie lernte Kränze flechten und Sträuße binden und hatte zu schaffen von früh bis spät.

Zum Häuschen des Totengräbers gehörte auch ein hübsches Stück Land, das dahinter lag. Ziemlich verwahrlost war es jetzt, mit Unkraut überstanden. Das wurde bald anders. Nun Ede einmal bei der Erde war, wollte er auch ganz dabei sein, nicht nur den Gottesacker bestellen, der etwas höher lag, sondern auch seinen eigenen kleinen Acker, der tiefer gelegen war.

Als er beim Umgraben war, kam die Schwiegermutter daher, ihren Spaten unter dem Arm. Sie spuckte in die Hände, und dann ging's los.

Dorothea Zinn war noch sehr rüstig, und wenn der Ede auch jünger war, so mußte er doch öfter seine Hüfte schonen, das Bein ausruhen. So wurde die Gleichheit der Kräfte hergestellt, daß keines es dem anderen zuvortun konnte. Als Dore die gegrabenen Stücke abschritt, waren sie ziemlich gleich.

Man hatte dem Norkus erzählt, sein Ackerland sei auch Friedhofsland gewesen, sein Vorgänger habe noch Menschenknochen herausgebuddelt.

Ob das so war oder nicht, es blieb ein gesegnetes Stückchen Erde! Die besten Möhren und Sellerie gediehen dort, der Salat war wie Butter weich, die Erbsen standen dem Ede hoch über den Kopf, und die Rotebeetrüben gingen tief, schwarz-dunkel und süß von Saft; die Kinder aßen sie, wie man Apfel ißt.

Im geschützten Winkel aber gegen das Haus zu, wo von früh an die liebe Sonne den Boden erwärmte, wurden Blumen gezogen. Viele, viele junge Pflänzlinge von Stiefmütterchen und Tausendschön, von Goldlack und Vergißmeinnicht, von Lobelien und Astern. Die waren für die Gräber, die Norkus in »Privatpflege« hatte: das machte sich im Auspflanzen und Kränzebinden fein bezahlt.

Ede ließ es aber nicht bei »dem Bezahlten« bewenden; wo ein Hügel leer stand, pflanzte er etwas darauf, ob ihn jemand dafür ablohnte oder nicht. Sie gehörten ihm alle, die da schliefen, und an allen hatte er sein Recht und seine Pflicht auszuüben. – Solch einen lieben, lustigen Kirchhof gab's ja nicht wieder wie den seinen! Alte verlassene und vergessene Grabstätten blühten wieder, selbst die wenigen scheu umgangenen Hügel an der alten Mauer leuchteten und lachten. Das hatten die Kinder getan! Die hatten den Samen ausgestreut über die Bösen und über die Guten, sie pflanzten ihre Blumen auf Gerechte und Ungerechte.

Und die Erde war überall dieselbe, heilig in ihrem Lebenstrieb; sie machte alles wachsen, und kein Gift stieg aus den Gräbern der Armen, die elend zu Tode gekommen – ob von ihrer eigenen Hand oder von der Hand des Richters. Gleich verschwiegen umfing das große Dunkel die »ehrlich« und die »unehrlich« Genannten.

Auch jetzt faßte der Ede öfter nach seiner Stirn. Immer länger und lieber sah er in die Erde hinein.

Wie vieles ging doch in ihm vor, dem er keine Worte zu geben wußte! Es bedrängte ihn geradezu. Seine Anneke merkte ihm das an. Sie legte Wert darauf, als auf ein Besonderes, das er vor anderen Menschen voraus hatte. »Hätte er mehr Schule gehabt, könnte er's schreiben,« sagte sie zur Mutter. Die aber meinte, aufs Schreiben käme es nicht an; wenn man's nur in sich hätte, irgendwie blühte es dann schon heraus wie Blumen aus dem Erdboden.

»Wer weiß, ob er dann die Stelle haben könnte,« äußerte Dorothea Zinn tiefsinnig. »Nun hat er doch sein Brot. Manche schreiben und sind nicht einmal Totengräber!« Darin hatte sie Recht. –

Wenn der Ede ganz voll war von dem Unausgesprochenen, das ihn erfüllte, dann holte er das alte Gesangbuch hervor oder schlug die Psalmen auf; er las vergessene Bücher: Jung-Stillings »Heimweh« und Burians Pilgerreise. Alles suchte und las er, was über »Tod und Leben« handelte. »Tod und Leben« – ihm kamen die wunderlichsten Gedanken darüber, und er konnte nicht damit fertigwerden.

Er war verwundert, wie viele vor ihm schon darüber nachgedacht hatten. Und wie schön hatten sie es ausgesprochen! Er, der arme Totengräber, hätte auch singen mögen, singen über Tod und Leben wie die Gesangbuchleute. Aussprechen! das war's. Es rang in ihm. Und es sang in ihm. Wer tief, zu tief, als daß es laut werden konnte. Er war und blieb ein armer Erdenkloß, dem der belebende Gotteshauch nicht in die Nase gefahren war.

Dort zwischen den Gräbern spielten seine Kinder; ihre Angesichter hoben sich wie große liebe Blumen zur Sonne auf, ihre Beweglichkeit erfüllte den stillen Raum mit Leben. Was waren sie? Hatte er nicht mitangesehen, wie sie als kleine nackte Menschlein hervorgestoßen wurden aus einer großen Enge und Dunkelheit in die Weite und Helle der Welt? Nun warteten noch tausend Wunder ihrer begehrenden Sehnsucht, und tausend Betätigungen drängten sich dem Geschick ihrer Hände entgegen.

War der Tod vielleicht auch nur eine Geburt? Wurde vielleicht aus großer Leibesenge und zusammengepreßtem Dunkel die kleine Lebendigkeit der Menschenseele hinausgestoßen in die Helle und Weite der Ewigkeit? Den Neugeborenen gab man ein Bad, bevor sie in die Wiege, die Toten wusch man, ehe sie in den Sarg gelegt wurden.

Jene Ebenen des Seins waren dem »Sterbenden« gewiß nicht unbekannter als die Welt dem Kindlein. War jeder Mensch solch ein Muttergeschöpf, das eine wachsende Seele dem Licht entgegentrug? Jeder Hauch und jeder Herzschlag baute vielleicht schon das Kleid, das man tragen sollte – drüben. Weckende, schlagende, treibende Kräfte allüberall, eine gewaltige Werkstatt des lieben Gottes schien ihm die Welt für die großartige Elektrizität »Leben«! Wer Ede konnte es nicht ausdrücken.

Wunder über Wunder der Mensch, der kein Ende nahm. Und keinen Anfang hatte! Wer konnte diesen ungeheuren Aufstieg klarlegen? Lücken klafften, Wunder standen wie Felsen an seinem Wege . . .

Manchmal, wenn sie einen in die Erde legten, meinte Ede, eigentlich müsse doch solche Menschensaat ganz natürlich keimen und aufgehen wie andere Saaten, so eine Art Rie­senähre, mit kleinen nackten Sindlingen besetzt . . .

Seine Anneke verstand ihn, sonst niemand. Und er brauchte auch niemand. Aber Anneke brauchte er. Die hielt das Wunderliche an ihm zusammen.

Die Jahre auf dem Friedhofsposten schienen immer schöner zu werden. Hänschen und Fränzchen, die Zwillinge, waren dem Wagen entwachsen und mußten immer wieder von den Gräbern heruntergescheucht werden, die sie mit Vorliebe überkletterten. Die drei Großen gingen jetzt aufmerkend um die Hügel herum, halfen gießen und wanderten furchtlos ihren Weg zur Schule, ob es hell oder dunkel war.

»Habt ihr nicht einmal einen Geist gesehen?« fragten die Schulkinder und schauerten sich. Aber Otto und Karl und auch der Friede hatten keinen gesehen.

Als sie den Vater nach einem »Geist« fragten, faßte der nach seiner Stirnnarbe. »Geister – das sind wir selber,« sagte er. »Also guckt nur einer den anderen an: – so sehen Geister aus.« Und er stellte Karl dem Friede gegenüber. »Hosen haben sie noch an und ein Wämschen.« Da lachten die beiden und lachten über die Kinder in der Schule, die sich vor »Geistern« schauerten. –

So ungestört wie in der großen Friedhofsruhe hatten die Norkusleute noch nie geschlafen. Es war, als hülfen sie mitschlafen – denen, die da hinuntergebettet wurden in die Häuslein der Tiefe.

Ede wurde immer böse, wenn er hörte, daß »Schlafen« dem Tode verwandt sein sollte. Schlafen war eben Schlafen; für ihn ein Sinn – wie Hören, Sehen und Schmecken. Er glaubte auch, daß wohl ein eigenes Organ dafür im Körper vorhanden sei, das sich von selber ein- und wieder abstellte wie andere Sinnestätigkeiten; man habe es nur nicht entdeckt, meinte er, wie so vieles, vieles noch zu entdecken blieb.

So und noch bunter dachte der Norkus. Aber Norkus war ein wunderlicher Mann und hatte einen Schlag gegen den Kopf bekommen – einen Schlag mit dem Knüppel.

»Es ist merkwürdig, wie der Ede geworden ist, seit er das weghat,« sagte Anneke zur Mutter. »So innerlich, so in sich selbst ist er doch nie gewesen! Wenn's ihm nur nicht zu viel wird damit, – aber er hat einen Kopf zum Denken. Ich wußte gleich, daß er ein Besonderer ist, mein Ede.« Und sie schaute voll Liebe und Bewunderung ihren Mann an und bemerkte nicht, wie er hinkte. Anneke war eine gute Frau.

Grabe-Dore hatte keinen eigentlichen Grund, etwas gegen den Schwiegersohn zu sagen, und Anneke hätte es auch nicht gelitten. Sie hielt ihren Mann für klug und war glücklich mit ihm.

»Ob wohl der Friede das Sinnieren vom Vater geerbt hat? Ist auch so ein Schiffchen, das tiefgehen will,« meinte Anneke wieder. »Es braucht ja nicht jeder einen Schlag mit dem Knüppel zu bekommen; viele erben es einfach, oder sie kriegen es so mit vom Leben.« Dore wiegte den Kopf: »Wenn der Ede dies Inwendige schon früher in sich gehabt hat, kann Friede es von ihm geerbt haben, sonst nicht; der Junge ist ja vor dem Schlag geboren worden.«

Als man den Friede fragte, was er werden wolle, rief er ohne Zögern: »Schuster!« Da war Anneke sicher, das sei die Stimme des Genies bei ihrem Jungen. Schuster! Die hatten es sehr mit dem Innerlichen. Man müsse also den Friede zu seinem »Ziel« gehen lassen. Und sie freute sich.

Grabe-Dore widersprach nicht. Die Tochter trug ja wieder ein Kind ins Dasein. Guter Jesus, wenn's nur nicht wieder Zwillinge gäbe!

Ein kleines Mädchen kam, und Anneke, die gute, fleißige Anneke, gab ihr Leben dafür hin.

Ihr letztes müdes Blicken suchte noch das Neugeborene, mit den langen, schlanken, zitternden Händen, die schon so blaß aussahen, umklammerte sie das Dirnchen. Sie hatte sich so herzlich ein kleines Mädchen gewünscht – und nun mußte sie fort.

Ein Lächeln ganz voll Mutterlust und Seligkeit lag noch auf ihrem Gesicht, als sie verschieden war. Ein Engel hatte die Sorge um die Nachgebliebenen von ihr abgewehrt. Man konnte sie nicht ohne Rührung anschauen, diese Fruchtbare, die so gern Kinder getragen und geboren hatte!

Putzmachen wäre leichter gewesen. –

Der arme Ede konnte es nicht fassen. Er hielt nur immer seinen Kopf in den Händen.

Und dann saß er ganz verstillt und verstummt bei seiner Anneke, die ihm solch gutes Weib gewesen! »Ein freundlich Weib ist nicht zu bezahlen. Ein keusches Weib, das ist viel edler als die köstlichsten Perlen. Sie tut dem Manne Liebes und kein Leides sein Leben lang.« So stand's in der Heiligen Schrift, und das paßte alles auf Anneke, die dahingegangen war; das und noch viel mehr, was ein König in Sprüchen über die Tugenden eines holdseligen Weibes geschrieben hatte.

Ein König war der Ede nicht, und er konnte auch keine Sprüche der Weisheit schreiben. In seinem Herzen stand verzeichnet, was und wie die Anneke geliebt und gelebt hatte bei ihm, mit ihm – und mit den Kindern.

Den Kindern! Wer sollte ihnen Mutter sein? Er war ja viel zu wenig gewohnt, ihnen Vater zu sein. Ihm zitterte das Herz in der Brust: Anneke! Anneke!

Fünf Buben knieten ums Bett.

Die Kleinen taten es den Großen nach – sie hatten von den Großen das Beten gelernt – und fünf Vaterunser stiegen auf zu dem, der niemand verwaist läßt. Aber das Mägdlein in seinem Korbe wimmerte, es suchte nach der Mutterbrust, die warm und voll den Brüdern zugestanden . . . Armes Bärbchen!

Und dann sollte Ede seiner Anneke mit eigenen Händen das Grab graben. Der Platz war schon ausgesucht. Als er mit seinem Spaten zur Stelle gewankt kam, stand auch Grabe-Dore da, hatte, was er vorgezeichnet, bereits abgesteckt, und beide machten nun der Geliebten das letzte Bett. Ohne Wort geschah's, einträchtig, mit gleichem Wurf, denn heute schlugen ihre Herzen gleichen Takt in demselben großen Jammer, dem größten, den sie bisher erfahren. Grabe-Dore war ja, trotz mancher kleiner Eigenheiten, mit ihrer Tochter mehr verwachsen als mit dem Manne, den sie nur kurz gehabt.

Als sie mit Ausheben fertig geworden, reichten sie einander die Hände. Da wollte der Norkus etwas sagen. Seine Lippen bewegten sich, regten sich immerfort; doch kam kein Ton heraus, nur seine Augen, die ein wenig vorstanden, drängten der Mutter entgegen, als wollten sie herausspringen.

»Ich tu's, Ede. Jetzt tu' ich es! So wahr mir der Herrgott beistehen soll in meiner letzten Not. Die Kinder sollen's wissen und erleben, daß sie eine Großmutter haben. Und dir – dir soll's auch nicht schlecht gehen.«

Da wurden Edes Lippen still, und der Blick seiner Augen kam zur Ruhe.

Als man Anneke begrub in den tausend bunten Blumen, die ihr Mann und ihre Kinder gezogen hatten, da faßte der Norkus wieder und wieder zur Stirn: Hörte er nicht singen? Einen großen und mächtigen Gesang, der schwoll daher wie Brausen vieler Wasser: das Lied von »Tod und Leben« war's – sie sangen es alle mit, die gelebt.

Die Grenzen von Himmel und Erde waren ganz erfüllt, nach der Höhe und nach der Tiefe waren sie gedrängt voll lichter, leichter, glänzender Gestalten; die hatten alle ihre Seelen ausgetragen, durchgetragen in einem sterblichen Leibe, dem ewigen Leuchten entgegen.

Ede sah es wohl: Die ums Grab herumstanden, sangen. Richtete sich Anneke nicht in ihrem Sarge auf? Öffnete sie nicht den Mund, um mitzusingen diesen heiligsten, gewaltigsten Gesang, in dem Diesseits und Jenseits in eins zusammenklingt? Die gute, fleißige Anneke, die dem Leben mit Lust Kinder geboren, sie mußte ja mitsingen, denn sie hatte das Lied miterfunden, mit Worten nicht – mitgetan hatte sie! Und darauf kommt's an.

»Anneke!« rief Norkus überlaut – »Anneke!« Er strecke die Arme nach ihr und glitt sachte nieder gegen Grabe-Dore, die ihn an sich hielt, bis der Segen gesprochen worden.

Als Ede zu sich kam, stellte die Schwiegermutter ihre Sachen zurecht, die sie in das Totengräberhäuschen hatte schaffen lassen: sie richtete sich eine Kammer ein.

Dann sah er sie niedersitzen auf dem kleinen Stuhl, auf dem die Hingegangene die Kleinen gestillt hatte. Großmutter buddelte das Bärbchen mit den Händen, die sehr groß und sehr breit waren, – aber sie meinten es gut.

Die fünf Brüder standen herum und sahen zu, aber der Ede schaute weg – er sah in die Tiefe – nach dort, wo die Frau ruhte, die ihm die liebste gewesen; sie hatte Wohlsein geschafft mit ihren Händen, die anders waren als die Hände der Grabe-Dore . . .

Norkus hatte sich immer etwas vornübergehalten; jetzt fiel er förmlich zusammen, er wurde ganz schlapp, seine äußere Erscheinung, auf die er sonst Anneke zuliebe gehalten, sah vernachlässigt aus. Wenn er ging, ging gleichsam jedes Glied für sich, als wäre der ganze Mensch aus dem Gleichgewicht gekommen.

Und das war er auch. Sie fehlte ihm allzusehr, seine Anneke; ihm war, als müsse er ihr nachsinken, tief, ganz tief in die Erde hinein.

Das grämte die Schwiegermutter, die sich um den Hausstand mühte. Sie faßte sich ein Herz und schalt mit ihm: »Sünde tust du, wenn du dich so gehen läßt im Schmerz.«

»Ich lasse mich nicht gehen,« murmelte der Gescholtene, »ich – ich kann nur nicht, Mutter.«

»So bete,« gab sie zurück. »Hab' ich dich nicht beten sehen, als du etwas bekommen hattest? Nämlich Brot – die Stelle hier. Nun bete auch, da dir etwas genommen ist, wie ich tue – ich, die Mutter!«

Ede saß, wie er saß. »Der eine kann's und der andere nicht – ich kann's nicht,« meinte er trübe und schob sich schwer zur Tür hinaus.

Und zum erstenmal fiel es der Dore in die Augen und Ohren, wie der Mann hinkte! Da kam ihr wieder die alte Angst, die alte Sorge um ihn, als könne er auf etwas verfallen, was schlecht und schwach.

Ede hockte auf einem Grabe und sann.

Die Zwillinge spielten wie sonst in seiner Nähe, aber stiller; die Blumen kamen ihm farbloser vor, die Welt, obgleich die Sonne am Himmel stand, schien nicht mehr wie früher zu leuchten. Den Mann fröstelte, er zog sich zusammen. Wie trostlos war ihm zumute! Wie verlassen! Die Kinder – – ja. Doch die Kinder waren nicht Anneke, die so stur im Rücken gewesen.

Er sollte sich aufrecht halten. Aber wie? Wie sollte er das anstellen? Die ihn im Lot gehalten, war dahin. Wahrhaftig am liebsten wäre er seiner Anneke nachgesunken: so müde fühlte er sich, zerbrochen – und die Stirn so dumpf – die Stirne . . .

Da plötzlich ging eine helle Bewegung über sein verzagtes Gesicht: ihm fiel etwas aus seiner Soldatenzeit ein. Da hatte er öfter ein ordentliches Glas Schnaps gegen seine Flauigkeit getrunken, und das hatte ihm gut getan.

Es brannte wie das höllische Feuer, doch es half. Sein Hauptmann hatte ihm das abgewöhnt. Jetzt jetzt wollte er das wieder tun.

Und er tat's wieder. Tat's öfter und gewöhnte sich bald wieder daran, mehr als damals; der Fusel wurde ihm zur Notwendigkeit, – er konnte nicht mehr leben, nicht mehr Luft holen ohne den.

Ganz heimlich, ganz in der Stille wußte er sich das Trostmittel zu verschaffen. Er aß dann einen Mund voll Schnittlauch nach oder eine Zwiebel oder einen Rettich. Und Grabe-Dore roch nicht scharf, nicht so wie Anneke. Die hätte es gleich weggehabt! Auch daß er die Zwillinge mit der leeren Flasche fortschickte, merkte die alte Frau nicht. Dort hinunter um die Ecke hieß er sie gehen, wo das einladende weiße Türschild mit den großen schwarzen Buchstaben zu sehen war. Manchmal sandte er sie auch weiterhin, damit's nicht immer dieselbe Stelle war.

Das ging so eine Zeitlang fort.

Er verbot den Zwillingen, über »die Flasche« zu sprechen. Hänschen und Fränzchen sprachen nicht, aus Furcht vor des Vaters bösen Augen und seiner sonderbaren Art. Neulich, als sie etwas länger fortgeblieben, hatte er sie geschlagen. Die Buben zeigten sich die Flecke, doch zur Großmutter kamen sie nicht damit.

Aber sowie er getrunken, wurde er nett, sang vor sich hin und streichelte sie. Dann schlief er gewöhnlich ein, nachdem er die Flasche wohl versteckt hatte. Dann lag er da und schnarchte.

Und Grabe-Dore hatte soviel im Hause zu tun. Es ging ihr nicht so von Händen wie der Tochter, alles hing ihr schwerer an.

Eines Tages mußte den Vater die Müdigkeit überrascht haben; die halbgeleerte Flasche in den zusammengekrümmten Fingern haltend, unter den weit von sich gestreckten Beinen ein Häuflein ausgegrabener Knochen, lag er da und schlief, schlief den Schlaf des Gerechten und sah aus, als ob er lache.

Da faßten die Buben Mut, gingen dicht an ihn heran und zogen die Flasche fort. Was war darin, daß es ihn so vergnügt machte? Sie beschauten sich die Sache und rochen daran. Da er nicht erwachte, versuchten sie selber den Trank, den sie heimlich herzutragen mußten.

Das Brennen im Magen war allerdings schlimm, es tat weh, allein – wenn der Vater es konnte, mußten sie beide es auch können. Sie nickten einander Mut zu und tranken wieder, tranken, daß ihnen die Augen übergingen . . .

Weil nun der Norkus samt Häuschen und Fränzchen nicht zum Essen erschien, ging Dore aus, nach ihnen zu sehen, und sie fand die Bescherung.

Erst dachte sie, die dreie seien krank, dann bemerkte sie die blauroten Gesichter, sah die Flasche – und wußte Bescheid. Wie ein Blitz ging's vor ihr nieder: Das war's! Das hatte sie geängstet. Zum ersten Male in ihrem Leben wurde ihr bange, trotz der großen Hände, auf deren Zufassen sich Dorothea Zinn so fest verlassen hatte.

Sie schüttelte den Ede. Er stammelte verworrenes Zeug, sie half ihm auf die Beine, er taumelte – er taumelte ins Haus und warf sich mit schmutzigen Schuhen und dem ganzen Zeug auf sein Bett, um weiter zu schnarchen.

Den Zwillingen wurde todelend, sie lagen wie in starkem Fieber. Dore hielt ihnen den Kopf, wickelte sie in nasse kalte Tücher; aber sie kamen immer wieder hoch und riefen nach der Mutter, jämmerlich riefen sie, wie kleine kranke Tiere . . .

Da saß die alte Frau nieder und weinte, weinte so heiß und bitterlich, wie sie nicht getan, da ihre Anneke dahinging – – – Anneke!

Dorothea Zinn faßte einen großen Entschluß.

Sie stand anderen Tags zeitig auf, besorgte das Bärbchen, stellte für die Buben einen Topf mit Essen zurecht und legte ihr gutes Sonntagszeug an. Dann nahm sie ihren Spaten unter den Arm und ging zur Stadt, gradwegs auf das Rathaus zu.

Unterwegs fiel ihr noch dies und jenes ein, was ihr in letzter Zeit unerklärlich geblieben an dem Ede; auf den Gram hatte sie die zunehmenden Wunderlichkeiten verrechnet und sein Wanken und Unsichersein, – nun wußte sie es besser: Ein Säufer war er! Er trank – trank gewohnheitsmäßig. Da würde kein Helfen und kein Retten sein. Er mußte das schon früher gekannt haben.

Nun hatte sie den Schwächling in ihm entdeckt! Daß er aber so schwach sein würde, hatte sie nicht vermutet. Wie gut, daß Friede, der Älteste, schon beim Schuster in der Lehre war, und Otto sollte bald zum Tischler hinkommen. Dann blieben von den Jungen nur das Karlchen und die Zwillinge. Die mußte sie wie ihre Augen hüten! Die Kinder, Annekes Kinder durften nicht verkommen, durften nicht schlecht werden bei dem Mann, den ihre Tochter liebgehabt.

Dore faßte ihren Spaten fester und machte ihrem Herzen Luft in einem Laute, so grimmig, als käme er aus einer Mannskehle hervor.

Und wollte sie jetzt nicht ein Mann sein? Sie begehrte eines Mannes Amt und ging hin, darum zu bitten.

So trat sie in die Amtsstube des Herrn Bürgermeisters.

Sie durfte ihr Anliegen vorbringen und bat schlecht und recht um die Absetzung des Ede Norkus, der ihr Schwiegersohn war und den Schlag mit dem Knüppel bekommen hatte und hinkte.

Sie erzählte, wie sie den Mann betrunken aufgefunden, dazu die Enkel, die gutgearteten Zwillinge.

»Herr,« sagte sie zu dem Vater der Stadt, »er darf fortan kein Geld in die Hände kriegen. Das Geld muß ich verdienen, und ich muß es auch ausgeben.« Und Grabe-Dore stützte sich fest auf ihren Spaten, damit der Bürgermeister sehe, daß es ein zuverlässiger Spaten sei.

Der erste Beamte der Stadt lächelte: »Aber Frauchen, Sie können doch nicht Totengräber sein?«

Ob sie das nicht konnte!

»Ich bin die Grabe-Dore,« sagte sie. »Seht hier den Spaten an: der Spaten und ich, wir gehören zusammen. Und wir sind beide bekannt – und unser Leumund ist gut, Herr.«

Wieder ein Lächeln drüben: »Aber Sie sind doch kein Mann, liebes Frauchen.«

»Das nicht, aber – –«

»Und nicht mehr jung, liebes Frauchen.«

»Das nicht, aber – –«Und nun kam's heraus: Sie war kein »Frauchen«, sie war die Dorothea Zinn, die Grabe-Dore, und: Für einen Totengräber gehörte es sich nicht, jung zu sein, und: Ob Mann oder Weib, das sei denen unten ganz einerlei, und: Wenn eine Mannsperson Frauen in die Erde brächte, könnte eine Frau auch Männer einbuddeln.

Dagegen ließ sich allerdings wenig einwenden.

Und die Kinder müßten versorgt werden! Sechse seien es! Im Armenhause würde es der Stadt auch nicht billiger kommen, fuhr Dore weiter fort.

Dagegen ließ sich erstrecht nichts einwenden.

Ob sie denn für solchen Posten stark genug sei? Der Blick des Bürgermeisters flog prüfend über sie hin. Da stellte Grabe-Dore ihren Spaten hin, trat vor und legte ihre beiden großen Hände auf den Tisch: »Seht diese Hände an, Herr! Gott hat sie geschaffen! Wo wäre ich geblieben, hätte ich nicht diese Hände gehabt! Gegraben vom Morgen bis zum Abend, Herr. Jeden Tag das gleiche Stück. Ich hab's gekonnt, und die Leute waren zufrieden. Auch die Toten werden zufrieden sein. Ich will's gut machen, ich will's mit Liebe machen. Die Lebendigen habe ich mit Liebe nicht verwöhnt, die kriegen das manchmal in die verkehrte Kehle. Aber die Toten! Recht schön glatt nach innen und keinen Zoll zu wenig in die Tiefe.

Das gibt's nicht bei der Grabe-Dore – –«Sie schwieg erschöpft. Und ihre zwei großen Hände lagen auf dem Tisch wie zwei schwere Steine, die schon viele Risse und Schlünde bekommen.

Der Bürgermeister schaute sie sonderbar an: In der Tat, das waren Ausnahmehände! Das war eine Ausnahmefrau! Und das Ganze war ein Ausnahmefall! Dem mußte ausnahmsweise entsprochen werden. Das zu tun getraute sich der Vater der Stadt aus eigener Machtvollkommenheit. Er sprach ihr den Posten auf der Stelle zu, denn er bleibe ja in der Familie.

Dore dankte und nahm ihren Spaten wieder untern Arm. Sie reichte dem Herrn Bürgermeister ihre Hand, er drückte sie herzhaft.

Ob das mit dem Zurückhalten des Geldes sich auch machen würde bei dem Ede, fragte er.

Der Zug um Dores Mund härtete sich: Dafür komme sie sicher auf. Sie ging. Und kam dafür auf.

Aber der Mensch, der Ede, der kam dabei herunter, ganz auf den Hund kam er dabei. Daß er nicht mehr graben durfte, war ihm recht, doch immer fand er eine Gelegenheit, von Vorübergehenden zu borgen, – er stahl sogar.

Hatte Dore einmal vergessen, das bißchen Geld einzuschließen, so stimmte es nicht, und er leugnete auch gar nicht. Mit einem sonderbaren hilflosen Lächeln faßte er nach der Stirnnarbe und ließ die Schmähungen der Schwiegermutter gelassen über sich ergehen.

Von Anfang an habe sie ihm das angesehen, sagte sie. Er habe immer so etwas Weiches an sich gehabt, so etwas Verschwommenes; aber Anneke wollte es nie Wort haben – – Anneke!

Das Lächeln in Edes Gesicht vertiefte sich: »Anneke!« Er sah noch hilfloser aus und betrank sich noch tüchtiger. –

Über die Pfingsttage kam Friede, der Älteste, aus seiner Schusterlehre nach Hause und brachte seine Sparbüchse mit; die Brüder sollten sehen, wie schwer sie schon war. Beim Stiefelaustragen hatten ihm die Kunden etwas in die verpichten Finger gesteckt.

Mit einem Messer holte er für jeden Buben einen Groschen heraus, und abends stellte er die Büchse auf den Kammersims über seinem Bett.

Er schlief und tat plötzlich die Augen auf: Im hellen Mondlicht sah er den Vater die Kammertür öffnen, schleichend, leise, und sich über das Bett neigen mit blänkernden Augen, gierig. – Was wollte er? Nach seinem kleinen Schatze langte er – nach der Sparbüchse.

Friede kniff die Augen zu. Das wollte er nicht sehen. Doch er sah mit allen Sinnen: Es schurrte ein bißchen, klimperte ein Tönchen, und dann war der Mann, der das getan, verschwunden.

Was dem Friede Freude gewesen pfennigweise zusammenzutragen, – fort war's, fort ging's. Und der junge Mensch wußte auch, wohin.

Die verweinten Augen der Großmutter, das scheue Wesen der Zwillinge und vor allem der Vater selber – – dieser liebe gute Vater, der ihnen nie Leids getan . . .

Der Friede stopfte sich die Kissenecke in den Mund, damit er in seinem Jammer nicht wie früher: »Mutter! Mutter!« rufe. Es wollte ihn ersticken.

Die Großmutter hörte sein Stöhnen. Sie kam herein und setzte sich zu ihm auf den Bettrand, denn sie dachte, der Nachtmar habe ihn gedrückt. Da vertraute ihr der Friede an, was sich zugetragen im hellen Mondlicht.

Ein Säufer – – ein Dieb, der Norkus! An seines Kindes Eigentum hatte er sich vergangen, der schlechte Mensch! War das nicht Sünde wider den Heiligen Geist?

Früh am Morgen wollte sich der Sünder, scheu, wie sie ihn jetzt oft gesehen, davondrücken, den gewohnten Weg hinunter.

Da stieg in Grabe-Dore eine Wut auf, eine heiße, gallenbittere Wut. Sie lief gegen ihn an wie eine Kuh, die stoßen will, und gab ihm einen Schubbs. »Fahr hin in Gottes Namen, du! Und brich dir das Genicke dabei!« Mit diesem Morgensegen rannte sie ins Haus, und er hinkte von dannen. – –

Keine zwei Stunden währte es, da brachten sie ihn getragen, auf einer Tragbahre; totenblaß lag der Ede da, bewegungslos, aber mit weitoffenen, vorstehenden Augen.

Verbiestert, wie er jetzt so oft daherhinkte, war er eine Kellerstiege hinuntergestürzt und hatte sich das Rückgrat verletzt. Der Arzt, der ihn bereits angesehen, hatte die Achseln gezuckt: man solle ihn nur nach Hause bringen, er werde bald nachschauen.

Nun lag der Norkus da und drehte den Kopf nach einer und dann nach der anderen Seite; das war das einzige, was er konnte.

Seine Jacke, in der unversehrt die gefüllte Schnapsflasche steckte, lag ihm quer über der Brust – so nah, und doch vermochte er nicht zuzulangen. Arme und Beine waren vom Sturze gelähmt, aber das Herz klopfte weiter.

Grabe-Dore tat stumm im Zimmer herum und sah ihn nicht an.

Seine Augen gingen ihr nach: »Glaubst du, daß dein Fluchen wirklich genützt hat, Mutter?«

»Wie an den heiligen Christus glaube ich daran.«

»Und es ist dir recht, daß es mich getroffen hat?«

»Ist mir recht.«

»Freust dich wohl gar?«

»Wohl – weil es genützt hat.«

»Hm. Du hast mir das nicht verziehen, das mit Friede? Sparbüchse?«

»Nein, ich denke fortwährend daran.«

»Und bist böse. Mutter?«

»Ja, ich bin böse – deinem eigenen Kinde – so etwas – –«

»Ich sage dir, Mutter, du hättest deine Anneke umgebracht – – den Brand, den höllischen Brand hier« – er zeigte mit dem Kinn auf seine Brust – »zu löschen, Mutter!«

»Jesus Christus!« flüsterte Dore und bekreuzigte sich vor ihm. Sie wandte ihm ihr Gesicht zu. Waren das noch seine Augen? Eingesunken, wie aus kleinen Gräbern sahen sie zu ihr herauf, und es standen Dinge darin, Dinge, die ihr niemals nahegetreten.

Was mußte der in sich beherbergt haben! Sie trat näher zu ihm.

»Ich dachte, du mochtest selber nicht mehr leben.«

»Könntest recht gedacht haben.«

»Und du warst schädlich, Ede. Die Kinder, sie würden schlecht werden.«

»Ich sehe das ein, Mutter.«

»Bißchen spät, Ede.«

»Ich konnt' nicht früher.«

»Das sagt jeder. ›Ich kann‹ will keiner sagen. Auf das Starke kommt's an, Ede.«

»Der Durst, Mutter, der verdammte Durst! Das brennt wie das höllische Feuer und will immer wieder gelöscht sein. Wenn man trinkt, brennt's, und wenn man nicht trinkt, brennt's erstrecht – – Denkst du wirklich, daß – daß ich hin bin. Mutter?«

»Freilich denke ich das – – und ich segne dich, Ede. Als du leben und saufen wolltest, habe ich dir geflucht; nun du sterben willst, segne ich dich. Mög' es dir recht schön werden, das schöne ewige Leben.«

»Aber der Durst, Mutter, der verdammte Durst! Wenn's mich überfällt auch dort?«

»Die drüben sind, trinken aus dem kristallenen Strom, Ede.«

»Ist Wasser, Mutter. Gib mir lieber einen Schluck aus der Flasche – die steckt in meinem Rock.« Er machte eine mühsame Bewegung mit dem Kinn.

»Mensch, das tu' ich nicht! Das tu' ich bei Gott nicht.«

»Tu's. Mutter,« bettelte er kindlich. »Anneke hätt's auch getan, die hätte mich nicht durstig abfahren lassen.«

Der helle Angstschweiß stand ihm auf der Stirn. »Durst!« sagte er, »Durst!« Und er wandte gequält den Kopf.

»Dürsten sitzt im Körper, nicht in der Seele,« tönte Grabe-Dores Stimme auf. »Der Körper fällt ab, und das Dürsten fällt ab. Im Grunde magst du gar nicht saufen – auf das ›Mögen‹ kommt's an.«

»Das ist ein Trost, Mutter. Aber dann ist's ja auch einerlei, ob ich noch mal aus der Flasche trinke oder nicht.« Wie ein Zittern lief's durch ihn hin.

»Fürchtest du dich vor dem Tod, Ede?«

»Bewahre! Singen will ich, Mutter.«

»Das Singen wird dir wohl vergehen.« Sie wischte ihm den Schweiß ab.

»Dem Anneken ist's ja auch nicht vergangen. Hast du nicht gehört, wie sie mitgesungen hat? Sie hoben zum letztenmal den Deckel ab – –«

»Mitgesungen? Meine Anneke?«

Seine Augen leuchteten wie aus Tiefen: »Das Lied vom Leben und vom Sterben. Wir sangen alle mit – du auch –«

»Ich habe noch nie den Mund zum Singen aufgetan!«

»Und der Spaten gehört auch dazu. Was einem das Liebste und das Schmerzvollste ist, gehört dazu, – ich weiß, was ich weiß.«

Ein Todeszittern flog durch die langgestreckte Gestalt, und die Augen glänzten noch immer nach der Flasche . . .

Über Grabe-Dore kam ein großes Erbarmen. Sie griff zu, hob ihm den Kopf und ließ ihn trinken, sachte, sacht, damit er noch schlucken könne. Den »höllischen Brand« schien er nicht mehr zu spüren, er war schon über erdliche Grenzen hinaus mit seinem Schmerzgefühl; aber noch sog er, leise, ruckweise, wie ein Kind an der Mutterbrust.

Plötzlich ein Nachlassen: »Feldräuber – elendige!« Und dann mit einem stillen Entzücken: »Anneke – –!«

Es war vorbei mit dem Norkus.

Dore fühlte es über sich hinwehen wie Geisterspruch: »Selig sind die Barmherzigen!« Dies letzte Mal war sie dem Ede wirklich Mutter gewesen, und das wurde ihr zur Gerechtigkeit gerechnet.

Sie begrub ihren Schwiegersohn. Sie war nicht mehr »die Grabe-Dore«, sondern »die Totengräberin«.

Nun hatte sie all die Toten zu betreuen, und sie tat es mit Wucht und mit Schwere.

Ja, mit Schwere drückte sie den Spaten in das Erdreich, schwer stand der Fuß auf dem Blatt. Aber schwer war auch das Schicksal, das zu ihr gehörte. Auch Häuschen und Fränzchen, die Zwillinge, wurden zum Friedhof gebracht: ein großes Sterben in der Gegend raffte die Kleinen dahin, eine Seuche, die von irgendwoher kam und irgendwohin ging.

Als die Dore den sauber abgestrichenen Grabhügel mit ihrem Spaten glattklopfte, stand schweigend der Bürgermeister am Gitter. Sonderbar war sein Blick.

»Ich bin die Totengräberin, Herr,« sagte sie einfach – und sie sah verlegen auf ihren Spaten. »Der hält nicht durch mit mir, schon zu sehr abgeschliffen, und ich muß schon vorsichtig mit ihm umgehen.« Dann wandte sie das Gesicht ab, klopfte weiter, liebevoll, nur ein wenig leiser noch als vorher.

Einige Tage später bekam sie einen neuen Spaten auf Kosten der Stadt; der wurde nicht in der Liste des Friedhofmaterials geführt: der sollte ganz persönliches Eigentum der Totengräberin sein. Den anderen gebrauchte sie nur noch bei feierlichen Gelegenheiten. »Der alte soll mit mir begraben werden, Herr,« hatte sie dem Vater der Stadt ganz ernsthaft erklärt, und er hatte ihr verständnisvoll zugenickt und ihr die Hand drauf gegeben, daß es also geschehen solle.

Bekannte und Unbekannte begrub die Totengräberin ohne Furcht und Ermüden. Und wenn ihre großen Hände auch manchmal zitterten und der Rücken nur mühselig grad aufzubringen war – sie grub und begrub, wo andere versagten.

Eine tiefe, stille Zufriedenheit kam über sie. Sie verwuchs ganz mit dem Friedhof: so wie die Bäume und die Kreuze, so war auch sie ein Teil des schweigenden Gartens . . .

Manchmal, wenn sie bei ihren Gräbern saß, war's ihr, als sähen die etwas hervorquellenden blauen Augen ihres Schwiegersohnes sie freundlich an, und Annekens Gesicht drängte sich neben seins und nickte ihr zu . . .

Und die Dore nickte zurück und sah auf ihre zwei Hände, von denen sie jetzt erst recht verstand, warum Gott sie so mächtig geschaffen. Und sie dachte auch an ihre Enkelkinder. Friede, Otto, Karlchen waren schon junge Männer mit eigenen Wegen. Zwei waren Soldaten. Der Älteste war Schuhmacher geworden, der hatte jetzt sein Jungmeisterstück gemacht: ein Paar schöne deftige Lederschuhe für die Großmutter. Recht hoch um die Knöchel, daß die alte Frau darin Halt haben sollte, denn ihre Füße fingen jetzt an, schwach zu werden.

Das mußte er wohl gesehen haben, der Friede. So weit war's also schon mit ihr. Und die Dore betete jeden Abend: »Nur, daß ich mir selber helfen kann, lieber Gott. Solange ich diese Hände am Leibe habe, diese Arbeitshände, will ich mich selber bedienen können – – lieber Herrgott.«

Der große Vater im Himmel hörte und erhörte ihre Bitten. Er hieß den Tod es kurz machen mit der Dorothea Zinn und sanftmütig, daß sie nicht zuvor zerbrochen würde.

Sie wußte genau, daß ihr Ende nahe, doch ihre Augen schauten hell und unverzagt bis zum Letzten.

Wie sie gelebt, so starb sie hin – mitten in ihrem Tagewerk. Umgesunken an ihrem Spaten fand man sie.

Wenig Tage vorher hatte sie ihr eigenes Grab gegraben: sie hatte gutes Maß genommen, zwei ihrer großen Schritte in die Länge. Denn sie war ein stattlicher Mensch.

Ihren Spaten bekam sie mit in den Sarg. Die Grabe-Dore, die Totengräberin.