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15. Mai 2008

Edgar Allan Poe – Die Glocken.     Zur Biographie


aus: Edgar Allan Poe, Ausgewählte Gedichte, Übertragen von Hedwig Lachmann, Verlag des Bibliographischen Bureaus, Berlin, 1891, S. 24-29



Die Glocken.

I.

Hört die Schlittenglocken, die hellen,
Die fröhlichen, silbernen Schellen!
Wie sie klingen und klingen und klingen
Zu der Rosse feurigen Sprüngen,
Wie es ringsherum blinkt und blitzt,
Wie die Sterne glitzern und flinkern,
Daneben blinzeln und zwinkern
               Halb verschmitzt!
Und im Mondlicht tanzen die Feyn
Einen seltsamen Runenreih'n
Bei den demantbestreuten Erlen
Zu den tönenden Silberperlen.
Und es klingt, klingt, klingt,
Und es dringt, dringt, dringt
Weithin, weit, weit, weit, weit, weit
Das klingende, das singende Geläut.


II.

Hört die Hochzeitsglocken, die weichen,
           Die goldenen, sangesreichen!
           Wie sie wogen und wAllan,
           Wie sie schAllan und hAllan
           In schmelzenden, schönen,
           Verwehenden Tönen
           Durch die schimmernde Nacht,
           Während hoch im Blauen
           Der Mond mit schlauen
           Schalksaugen lacht.
O welch brausende Wogen schwellen
Aus den tönenden, dröhnenden Zellen!
           Hört, wie sie schwellen,
           Wie sie entquellen
           Den erzenen Kehlen,
           Sich wonnig vermählen,
           Anmuthig erzählen
           Von der Liebe, die bleibt,
           Von der Lust, die sie treibt,
           Sich zu schwingen, zu klingen,
Weithin, weit, weit, weit, weit, weit –
Mit tönendem, mit sehnendem Geläut!


III.

Die Sturmglocken hört, aus Erz, aus Erz!
Wie zittert dabei das Menschenherz.
Von eisernen Fäusten gepackt,
Sausen sie aufwärts, scheuen
Wie wilde Rosse und schreien,
Und schreien und schreien und schreien
Einen gellenden Chor
Der Nacht ins Ohr
               Ohne Takt.
Ihr eignes, gespenstisches Grausen
Heulen sie aus und brausen
Im Klageruf an das Feuer,
Das wahnsinn'ge Ungeheuer,
Und wälzen sich höher und höher,
Dem Monde näher und näher,
Vom hölzernen, morschen Gerüste
Treibt sie ein tolles Gelüste,
Sie klirren zusammen und schwirren
In's Blaue und irren und irren,
Und tollen und tollen und tollen,
Und rollen und rollen und rollen
Auf den zuckenden Busen der Nacht
Ein bleiches, starres Entsetzen
Und wecken die Schläfer und hetzen
Sie aus der nächtlichen Ruh.
Die stürzen blindlings hinzu,
Mit stockendem Athem zu lauschen
Dem fluthenden, ebbenden Rauschen
               Der grausen Gefahr,
Aus dem ebbenden, fluthenden Läuten
Den Grimm des Feuers zu deuten,
Mit fliegenden Pulsen zu hören,
Aus der Glocken SchAllan und Gellen,
Aus dem rasselnden, klirrenden Schellen
Das furchtbare WAllan und Gähren
               Der Feuersgefahr –
Und es jammert die zitternde Schaar
In der Not, die so fürchterlich dräut,
Weithin, weit, weit, weit, weit, weit –
Mit gellendem, zerschellendem Geläut.


VI.

Hört den eisernen Glockenklang!
Wie bang, wie bang, ein Trauergesang!
O, wie wir angstvoll schaudern und beben,
Wenn sie des Nachts die Stimmen erheben,
Wie wir den Himmel suchen mit scheuen,
Erschrockenen Blicken, wenn sie so dräuen!
O, wie erschauert unsre Seele,
Wenn sie so hoffnungslos gramvoll tönen,
Wenn jeder Laut ihrer rostigen Kehle
               Ein Stöhnen!
Und im Thurm allein
Jene knöcherne Sippe,
Jene fahlen Gerippe,
Allein, allein,
Es sind nicht Männer, nicht Weiber,
Nicht Tier- und nicht Menschenleiber,
               Es ist Gebein!
Es sind nachtwandelnde Geister
Und ihr König, das ist der Meister,
Und er zieht, und er zieht, und er zieht
Aus den Glocken ein schauerlich Lied,
Und er rollt mit teuflischer Lust
Auf die zuckende Menschenbrust
               Einen Stein.
Und er zieht den ächzenden Strang
Zu einem Triumphgesang,
Und er jubelt und jauchzet wild,
Und sein fröhlicher Busen schwillt,
Und er tanzt zu den Melodei'n
Einen seltsamen Runenreihn
Und schwingt den ächzenden Strang
Zu einem Triumphgesang,
Und er schwingt, und er schwingt, und er schwingt
Auf und ab, auf und ab, auf und ab,
Und er winkt, und er winkt, und er winkt
In das Grab, in das Grab, in das Grab,
Und er tanzt und jubelt und streut,
Weithin, weit, weit, weit, weit, weit –
Das klagende, verzagende Geläut.




The Bells.

I

    Hear the sledges with the bells–
         Silver bells!
What a world of merriment their melody foretells!
    How they tinkle, tinkle, tinkle,
     In the icy air of night!
    While the stars that oversprinkle
    All the heavens, seem to twinkle
     With a crystalline delight;
        Keeping time, time, time,
     In a sort of Runic rhyme,
To the tintinnabulation that so musically wells
     From the bells, bells, bells, bells,
         Bells, bells, bells–
From the jingling and the tinkling of the bells.


II

    Hear the mellow wedding bells,
         Golden bells!
What a world of happiness their harmony foretells!
    Through the balmy air of night
    How they ring out their delight!
     From the molten–golden notes,
         And an in tune,
     What a liquid ditty floats
To the turtle–dove that listens, while she gloats
         On the moon!
    Oh, from out the sounding cells,
What a gush of euphony voluminously wells!
         How it swells!
         How it dwells
     On the Future! how it tells
     Of the rapture that impels
    To the swinging and the ringing
     Of the bells, bells, bells,
    Of the bells, bells, bells, bells,
         Bells, bells, bells–
To the rhyming and the chiming of the bells!


III

    Hear the loud alarum bells–
         Brazen bells!
What a tale of terror, now, their turbulency tells!
    In the startled ear of night
How they scream out their affright!
    Too much horrified to speak,
    They can only shriek, shriek,
         Out of tune,
In a clamorous appealing to the mercy of the fire,
In a mad expostulation with the deaf and frantic fire,
    Leaping higher, higher, higher,
     With a desperate desire,
    And a resolute endeavor,
    Now–now to sit or never,
By the side of the pale–faced moon.
     Oh, the bells, bells, bells!
     What a tale their terror tells
         Of Despair!
How they clang, and clash, and roar!
What a horror they outpour
On the bosom of the palpitating air!
     Yet the ear it fully knows,
         By the twanging,
         And the clanging,
     How the danger ebbs and flows:
     Yet the ear distinctly tells,
         In the jangling,
         And the wrangling,
     How the danger sinks and swells,
By the sinking or the swelling in the anger of the bells–
         Of the bells–
     Of the bells, bells, bells, bells,
         Bells, bells, bells–
In the clamor and the clangor of the bells!


IV

    Hear the tolling of the bells–
         Iron Bells!
What a world of solemn thought their monody compels!
    In the silence of the night,
    How we shiver with affright
At the melancholy menace of their tone!
    For every sound that floats
    From the rust within their throats
         Is a groan.
    And the people–ah, the people–
    They that dwell up in the steeple,
         All Alone
    And who, tolling, tolling, tolling,
     In that muffled monotone,
    Feel a glory in so rolling
     On the human heart a stone–
    They are neither man nor woman–
    They are neither brute nor human–
         They are Ghouls:
     And their king it is who tolls;
     And he rolls, rolls, rolls,
         Rolls
     A paean from the bells!
    And his merry bosom swells
     With the paean of the bells!
    And he dances, and he yells;
    Keeping time, time, time,
    In a sort of Runic rhyme,
     To the paean of the bells–
         Of the bells:
    Keeping time, time, time,
    In a sort of Runic rhyme,
     To the throbbing of the bells–
    Of the bells, bells, bells–
     To the sobbing of the bells;
    Keeping time, time, time,
     As he knells, knells, knells,
    In a happy Runic rhyme,
     To the rolling of the bells–
    Of the bells, bells, bells:
     To the tolling of the bells,
    Of the bells, bells, bells, bells–
     Bells, bells, bells–
To the moaning and the groaning of the bells.





20080515_Edgar Allan Poe - Die Glocken.
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