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7. Februar 2009

Oscar Panizza – Das große Haus.     Zur Biographie


aus: Oscar Panizza, Düstre Lieder, Verlag von Albert Unflad, Leipzig, 1886, S. 3ff.


20090207_Uetersen_Klosterkirche_Uwe Barghaan


Ich kam einst in ein grosses Haus,
Ich schaute;
Viel zogen ein, Niemand heraus,
Mir graute;
Durch Gang und Flur kein lautes Wort,
Ich horchte,
Nur Winken hier und Flüstern dort
Ich horchte;
Und still in jeder Nische leis
Mit Wehen
Knie’n Klosterschwestern kreideweiss
Mit Flehen;
Und quer den Gang kommt Sarg auf Sarg
Gekeuchet
Mit Leichen selig, still und arg
Erbleichet
Durch alle Säle Bett an Bett –
Verderben! –
Mit Menschen ächzend, schmerzgekett’
Die sterben;
Bebrillte Herren gehen herum,
Die winken,
Und zischeln, lachen fein und stumm
Und zwinken;
Ringsum »hä hä« Gehüstet wirr,
Verstecktes,
Und pfiffiges »hi hi« Gegirr,
Gelecktes;
Es weht ein kalter Leichenduft
So eisig,
Aus Ritz’ und Spalt’ dringt Grabesluft
So schweissig;
Da fasst mich Todesangst, fort, fort!
Ich eile,
Und hinter mir der ganzen Hord’
Geheule;
Die Schwestern bleich umringen mich, –
Ich schreie,
»Wir brauchen für den Himmel Dich!« –
In’s Freie!
Ich komme gut zum Haus hinaus,
O Schrecken!
Aus allen Fenstern drängt’s heraus,
Es recken
Vier Körper nackend, brestverschwärt,
Die bäumen,
Mit Mienen dunsig, wuthverzehrt,
Und schäumen,
Es zeigt mit tausend Händen her
Anklagend,
Und Augen rollen wild und schwer,
Wie jagend
Das ganze Haus die Höll’ im Nu
Vereinte, –
Ich aber schloss die Augen zu,
Und weinte.





20090207_Oscar Panizza - Das große Haus.

20090207_Oscar Panizza - Das große Haus.

20090207_Oscar Panizza - Das große Haus.