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13. März 2009

Helene von Engelhardt – Die Stimmen der See     Zur Biographie


aus: Helene von Engelhardt, Normannische Balladen, Verlag der J. B. Metzlerschen Buchhandlung, Stuttgart, 1884, S. 69 ff.


20090313_Odin riding Sleipnir

Odin riding Sleipnir from an eighteenth century Icelandic manuscript.

          Grau verhüllt
An das Gestade, das bebende, lauschende,
Brandet die Fluth, die schäumende, rauschende,
          Wutherfüllt.
Ahnungsschaurig, bald laut, bald leise,
Tönet der Wellen gewaltige Weise:


          Wir kommen
          Geschwommen
In unabsehbar geschlossenen Heeren,
Wir nagen und zehren,
Wir spülen, wir lecken
Mit lüsternen Zungen,
Mit gierigen Lippen,
Am ragenden Bollwerk der Felsen und Klippen.


          Sie trotzen vergebens;
          Mächtig sind sie,
Keck im Bewußtsein vollkräftigen Lebens
Ragten einst And're gewaltiger hie:
Wir strömten heran, die Alles Umschauernden,
Die ewig Wechselnden, die ewig Dauernden,
Brachen zermalmend mit wuchtiger Hand
          Ihren Widerstand.


          Wir spülen,
          Wir wühlen,
     Wir schrumpfen zusammen
Zu Atomen des unermeßlichen Raums,
     Gleich zischenden Schlänglein
Untergrabend die Wurzeln des Weltenbaums,
So schlüpfen wir lauernd in jeglichen Spalt,
Nagen und bohren mit rastlosem Zahn,
Höhlen den Fels, zerbröckend, zerstückelnd,
     Morsch wird der greise Titan,
Zoll um Zoll – wir erkämpfen die Bahn,
Schritt um Schritt – wir machen nicht Halt.
Wie die Jahrtausende nahen und fliehen,
          Wir siegen!


Und wir raffen uns auf zu gewaltiger Wucht!
          Wir rollen,
          Wir grollen,
Zu Hünengestalten emporgeschwollen
Mit tosendem Prall,
Mit zornig donnerndem Wogenschwall
Mit Branden und Dröhnen
Heran an den Fels! –
          Und die Wände verwittern
Wir fühlen ihr Zittern,
Wir hören ihr Stöhnen!


          Umsonst, umsonst!
Der du gehofft in vergangenen Tagen
Ewig gewaltig zu ragen,
Uralter Fels, erfülle dein Loos!
Einst schlägt die Stunde,
Wir reißen dich in den Meeresschooß
Zu den Brüdern auf schweigendem Grunde!
Zu den Hainen und Wäldern, die einst dich verschönt,
Zu den Burgen, die deine Zinnen gekrönt –
Wir verschlangen sie alle mit gierigem Munde.


          Hinab auch mit dir!
          In die lichtlose Nacht,
          Wie Forsetis Quell,
          Wie er selber, der Gott,
Wie die Asen und Wanen,
Die einst gewandelt leuchtende Bahnen,
          Hehr und groß – –
Hinab in den Strudel erbarmungslos!


          Vergessen, verschollen!
Ueber der unermeßlichen Gruft,
Begrabenen Trümmern, Völkern, Göttern,
Durchschmettern Orkanes Fanfaren die Luft,
          Heulen und grollen
Stürme und Strudel den uralten Gang:
Ewig ist nichts als der Untergang!





20090313_Text: Karl Zettel - Illustrationen: Karl Klic - Aus dem alten Hellas

20090313_Text: Karl Zettel - Illustrationen: Karl Klic - Aus dem alten Hellas


20090313_Text: Karl Zettel - Illustrationen: Karl Klic - Aus dem alten Hellas


20090313_Text: Karl Zettel - Illustrationen: Karl Klic - Aus dem alten Hellas


20090313_Text: Karl Zettel - Illustrationen: Karl Klic - Aus dem alten Hellas