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1. August 2009

Karl Henckell – Die Hyäne.     Zur Biographie


aus: Karl Henckell, Schwingungen, Neue Gedichte mit Buchschmuck von Fidus, Verlag von Bart, Marquardt & Co., Berlin, 1906, S. 41 f.


20090801_Eugène Delacroix - La liberté guidant le peuple

Eugène Delacroix – La liberté guidant le peuple


Über das schneeweisse Leichenfeld
Eine Riesenhyäne heult und bellt.


Bellt und lacht und pfeift vor Entzücken,
Wehrlos Volk zerriss sie zu Stücken.


Pfeift und lacht und heult vor Lust,
Tot biss sie den Säugling an Mutterbrust.


Wühlt und zerrt, sich satt zu weiden,
Wütend in dampfenden Eingeweiden ...


Um das nackte Scheusal wie Furienhaar
Flattern blutige Geisseln. Das Augenpaar


Funkelt feige voll tückischen Feuer –
Eine Krone klebt auf dem schmutzigen Ungeheuer.


                         * * *


Über das schneeweisse Leichenfeld
Millionenmündig Entsetzen gellt.


Gierig das grässliche Ungeheuer
Wittert nach allem, was Menschen teuer.


Schnuppert ringsum, der Atem weht faul,
Nach dem denker schnappt, nach dem Dichter sein Maul.


Wo noch glühende Pulse der Freiheit klopfen,
Saugt es sie aus bis zum letzten Tropfen.


Schlingt – und schielt heuchlerisch himmelwärts –
Der Menschheit furchtbar zuckendes Herz.


Die lechzende Zunge hängt aus dem Rachen,
Die Bestie badet in blutroten Lachen.


                         * * *


Über das schneeweisse Leichenfeld
Ragen Galgen und Kreuz der Welt.





20090801_Karl Henckell – Die Hyäne.

20090801_Karl Henckell – Die Hyäne.