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5. August 2009

Robert Müller – An die Jüdin.     Zur Biographie


aus: Die Pforte, Eine Anthologie Wiener Lyrik, Saturn Verlag Hermann Meister, Heidelberg, 1913, S. 58 ff.


20090805_Amadeo Modigliani - Die Jüdin

Amadeo Modigliani – Die Jüdin


In den großen Städten unseres Westen
Zwischen Turm und Netzwerk gotischer Festen
Gehst du, kleines Judenkind,
Und in deinem Blicke sind
Wanderungen deiner Rassen.
Asiens Lieben, Asiens Hassen
Und Arabiens Wirbelwind
Und Ägyptens träges Lassen
Trägst du, wo dein Schicksal rinnt.


Sahst du je mit blauem Blick zum Blauen?
Kannst du Bergen, blonden Gletschern trauen?
Die die Früchte deines Blicks versüßten,
Waren weite sonnvergorene Wüsten.
Chaj, die kräftigen Strahlen seiner Lider
Bogen Samums lang hernieder.
Arbeitsschweiß von morgenländischen Frauen
Nährte seit Geschlechtern deine Brauen.
Und verliebter Makkabäer wilde Herzergüsse
Sprengten, die der Mond gereift, deine spröden Isisküsse.


Denn in deinen kleinen Knochen
Sind Epochen
Aufgehoben,
Und aus Asiens bunten Rassen,
Beduinen und Zirkassen,
Menschheitsstücke eingeschoben.
In der Stirne Truggefüge
Kleopatras süße Züge
Und die rot gefeilten Kerne
Ihrer Nüstern, Mandelsterne.


Strahlen deine Wimpern nicht
Wie der Palme Fächer?
Und der Pfeil der Zunge bricht
Rot aus beinbesetztem Köcher.
Haia, wie die Datteln blühn
Deines Blicks aus Yemens Wiesen
Steif im Braun, und trocken grün
Wie die Steppennächte der Kirgisen.
Jäh und geil und schwarzgestrüppig
Wachsen deine Djungelhaare,
Und zwei Raupen kriechen üppig
Über deinem Augenpaare.
Denn in deinem sinnewilden Weiberblute münden
Asiens alte Liebesquellen aller Klugen Sünden.


Kleine Jüdin, schnelle schwenke
Deine dünnen Fußgelenke.
Tanze Wehmut flacher Sohlen,
Deines Wanderstammes Zeichen,
Dieses Ahnherrn des Spaniolen,
Bruders von Araberscheichen.
Aus dem Reich der Babylonen,
Da die Menschheit jung gewesen,
So im jungen Norden wohnen,
Bringt er alte Menschheitsthesen,
Die sein Schicksal schwer beluden.
Des Maschierens Bastonnade,
Schicksal, aj, des Prügeljuden,
Machte schmächtig deine Mädchenwade,
Brach der Fersen Kraft, der müden.
Wunderschöne Heidentochter wegverbrauchter Ghettojüden.


Darum macht mir, braune Wüstenpflanze,
Sehnsucht deine kranke Wade
Und ich bitte, geh und tanze
Mir den Tanz der Bundeslade!
Unseres Blutes Wandersegen
Kommt dein Wanderfluch entgegen!
Schönes Wunder der Gefahren
Für die starke Seele der Barbaren!
Asiens alte tiefe Sünden,
Des Geschlechts Geheimniskult
Birgst in bunten Kleiderbünden
Du und alle süße Schuld.
Darum, schöne Asiatin, tanze, laß dich bitten,
Du, der Menschheit Prunkgeschöpf lusterprobter Liebessitten.


Und so gehst du hin in diesen Städten
Unseres Westen, Asiens Erbe,
Und es werden oft in unseren Betten
Deine süß verschlungenen Züge herbe.
Deine Augen gehen im Erhitzen,
Wandern weit zu fernen Lüsten,
Lüsten, die wir nicht besitzen
Und in Wüsten lernen müßten.






20090805_Robert Müller – An die Jüdin.

20090805_Robert Müller – An die Jüdin.

20090805_Robert Müller – An die Jüdin.