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15. August 2009

Helene von Engelhardt – Erste Liebe.     Zur Biographie


aus: Das Baltische Dichterbuch, Eine Auswahl deutscher Dichtungen aus den Baltischen Provinzen Rußlands, Herausgegeben von Jeannot Emil Freiherrn von Grotthuß, Verlag von Franz Kluge, Reval, 21895, S. 207.


20090715_Rembrandt - Junge Frau im Bett (Ausschnitt)

Rembrandt – Junge Frau im Bett (Ausschnitt)


Mit Zaubermacht-Gewalten
Bestrickt sein Antlitz mich fürwahr:
Der Stirne ernste Falten
Und rings das silberweiße Haar;
Ich schau' mit sel'gem Zagen
Sein Auge: blickt es lieb und lind?
Doch scheint es gleich zu sagen:
»Was willst du, thöricht Kind?«


Er hat mich ganz gewonnen,
Der hohe, königliche Greis!
Die Augen lichte Sonnen,
Sie glänzen hell, sie lodern heiß:
Es hat ihr zündend Feuer
Entflammet und versenget mich –
O Gott, wer liebt denn treuer,
Wer inniger, als ich?


Wenn oft mit Wohlgefallen
Sein Blick voll Liebe auf mir ruht –
Er weiß, er fühlt vor Allen,
Wie wohl das meinem Herzen thut!
Er lächelt dann bedächtig, –
Welch' Lächeln ach, um welchen Mund!
Und niedersinken möcht' ich
Und thun mein Lieben kund:


»O heiß mich mit dir gehen,
Als deine Magd – dein Weib – dein Kind!
Laß in dein Aug' mich sehen,
Und würd' ich auch vom Glanze blind!«
Doch eh' ich's noch gesprochen,
Mahnt streng sein Blick: Wohin? Halt ein!
Und mag mein Herz auch pochen,
Dann muß ich stille sein!


Ich darf von ihm nicht schwärmen,
Die Leute lächeln ja alsbald.
»Willst du um ihn dich härmen,
Du junges Blut, da er so alt?«
Und ob er grau von Haaren,
Ich lieb' ja dennoch ihn allein! –
Konnt' er in jungen Jahren
Denn auch noch schöner sein?!





20090815_Helene von Engelhardt – Erste Liebe.