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11. November 2009

Maria Mnioch – Wechsel und Bestand.     Zur Biographie


aus: Zerstreute Blätter beschrieben von Maria Mnioch geb. Schmidt, Gesammelt und herausgegeben von J. J. Mnioch, Görlitz bei C. G. Anton, 1821, S. 175ff.


20091111_Arnold Böcklin - Isola dei Morti

Arnold Böcklin – Isola dei Morti (1880)


Alles verlässet den Menschen, was er in Jahren der Jugend,
Was er im Alter geliebt, Vater und Mutter und Freund.
Alles gestaltet sich um, Natur verwandelt der Kunstfleiß,
Und die Werke der Kunst trift die Gewalt der Natur! –


Ach so viele meiner Lieben
Leben weit getrennt von mir!
Jene Wünsche, jene Träume,
Die wir leis' uns anvertrauten,
Hat der Himmel sie erfüllt?


Noch verweil ich in der Gegend
Wo als Kinder wir gelebt!
Doch so mancher Ort der Freude,
Manches Plätzchen froher Spiele,
Sieht mich an mit fremden Blick! –


Vieles Alte, Wohlbekannte,
Hat in Neues sich verkehrt.
Sey es schöner, sey es besser!
O, das Alte zu begrüßen
Kam ich, – und erkenn' es nicht! –


Alles verlässet den Menschen, was ihm lieb und vertraut war,
Dem er sagte: du bist fest in mein Daseyn verwebt.
Ja, er verlässet sich äußerlich selbst. Die eilenden Jahre
Wandeln ein blühend Gesicht in ein verblichenes Haupt
Fremde steht er und zweifelt zwischen dem Abbild im Spiegel
Und dem Jugend-Gemäld': Bin ich das? war ich das einst?
Und er suchet sich selbst in den längst vergangenen Zeiten;
Aber es ruhet ihr Bild nirgend, es schwebt in der Luft.
Nur die Todten ruhn! Das Uebrige steht vor dem Auge
Selbst des Gedankens nicht fest, wie es im Leben nicht stand.


Eins nur träget sein Haupt kühn über dem Meer des Wechsels
Und die erhabne Gestalt hebet das sehnende Herz.
Mag sich die Erde verwandeln und alle Gebilde der Erde,
Treib' uns der Schickungen Strom wild in dem Leben umher!
Fest und sicher steht dort der alles-umfangene Himmel, –
Mit der Sonne des Tags, mit den Gestirnen der Nacht.
Diese bleiben uns treu. Sie blicken uns traut in die Wiege.
Strahlen uns freundlich einst auf das Grab! –
Darum vertrauen wir Euch, Ihr hohen unsterblichen Freunde,
Zieht den verlassenen Geist dann an die ewige Brust! –




20091111_Maria Mnioch - Wechsel und Bestand.

20091111_Maria Mnioch - Wechsel und Bestand.

20091111_Maria Mnioch - Wechsel und Bestand.

20091111_Maria Mnioch - Wechsel und Bestand.