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Amalie von Ende – Sommerfäden     Zur Biographie


aus: Deutsche Dichtung, Herausgegeben von Karl Emil Franzos, Achtzehnter Band, April 1895 bis Oktober 1895, Verlag F. Fontane & Co., Berlin 1895, S. 194ff.


20100817_3_Pierre-Auguste Renoir - Summertime

Pierre-Auguste Renoir – Summertime


Sommerfäden.

Unendlich dehnt sich das Blau
Des Himmels über der Erde,
Wolkenlos, hell und klar.
Ueber der sonnigen Lichtung
Goldigem Grün,
Ueber des Waldes dunklem,
Geheimnisvollem Schatten
Liegt ein bläulicher Schimmer.
Von einem bitzgefällten,
Umgestürzten Baume
Hat sich die Rinde gelöst
Und sie dient mir als Ruhstatt.


Rauh ist das Lager, doch nimmer
Achte ich dessen – ich träume,
Träume, den müden Kopf,
Gelehnt an die Baumruine;
Träume off'nen Ohres,
Und lausche der Vögel Gezwitscher
Und halte Zwiesprach mit ihnen;
Träume off'nen Auges,
Und schaue sinnend in's Weite.


Denn es liegt über allem,
Durchsichtig wie ein Schleier,
Unsichtbar fast, ein etwas,
Wie der Glanz der Thräne
In liebem Auge,
Wenn auf den Lippen ein Lächeln,
Im Herzen unsagbares Weh,
Die Trennungsstunde schlägt:


Es ist des Herbstes Hauch.
Und es schwebt mir entgegen
Ein Silberfaden,
Stofflos, wie ein Gedanke,
Und er schwankt
Weiter auf den leise
Schaukelnden Schwingen des Windes,
Hell schimmernd wie der Strahl
Einer Märchensonne.
Und weiter schwebt er und weiter,
Scheinbar ziellos und doch so sicher
Steuernd durch die laue Herbstluft.
Ein Spinnlein hängt daran,
Unsichtbar klein –
Und doch so ruhig,
So fessellos frei
Segelnd durch die unbegrenzte
Weite Welt –
Ueber sich den blauen, klaren,
Unergründlich tiefen Himmel,
Unter sich die lichte grüne,
Sonnengoldumsponnene Flur!


Schwebt es auf luftigem Hochzeitswagen
Der Liebe entgegen?
Oder trägt es
Sein liebliches Luftschiff
Der Freiheit zu?


Und der aetherfeine,
Der schimmernde Silberfaden
Schwingt sich empor
Zu luftigen Höhen
Und entschwindet
Meinen Blicken,
Meinen sehnsüchtig an ihm hangenden,
Traumverlorenen Blicken. –


Und den müden Kopf
Auf die Hand gestützt,
Lehn' ich an der Baumruine
Und grüble, grüble –
Daß der Mensch muß kleben
An der Erdenscholle
Gefesselt, gefangen,
In Ketten und Banden,
Bis der Tod ihn erlöst
Und die Freiheit ihm giebt –
Die Freiheit des Nichtseins!


Und aus dem Chaos
Dunklen Wähnens,
Aus der erwachenden
Wünsche Wirrsal,
Löst sich ein Sehnen,
Ein namenlos Sehnen
Nach dieser Freiheit! –


Spielend umkost mich
Der neckische Wind
Und weht mir die Haare
In die Stirn –
Und ich sehe
Der Silberfäden
Viele schimmern –
Und meine Seele
Durchschauert ein Frösteln.
Langsamer kreist das Blut
In den fieberglühenden Adern,
Langsamer pocht das Herz
Jüngst noch stürmisch bewegt.
Und auf die heißen Wangen
Legt es sich kühl und lind:
Das war des Herbstes Hauch.





20100817_3_Amalie von Ende - Sommerfäden

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