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Paula Coudenhove – Die Rabenmutter     Zur Biographie


aus: Die Kultur, Zeitschrift für Wissenschaft, Litteratur und Kunst, Herausgegeben von der Österreichischen Leo-Gesellschaft, 1. Jahrgang 1899/1900, Jos. Roth'sche Verlagsbuchhandlung, Wien und Stuttgart, 1900, S. 624 ff.


20100824_Walter Ophey - Kirche mit Sonne

Walter Ophey – Kirche mit Sonne


Die Rabenmutter

Dort, wo dünne Nebelschleier
Auf den grünen Wiesen liegen,
Schleicht im weichen Morgenscheine
Schon ein Weiblein zu den Ziegen.
Bald beginnt die Festtagsfeier.


Arbeit reibt uns auf die Beine!
Frühe muß man Sicheln wetzen,
Um das Gras zum Frühstück zeitig
Bläß' und Schwarzfuß vorzusetzen!
Wie sie meckern im Vereine!


Nun zur Stube. – Ganz unstreitig
Paßt zum Fest das Sonntagsröckchen
Und das Kopftuch nur von Seide,
Auch die Nelke hier zum Stöckchen –
Dann die Schürze kurz und seidig.


Heller Thau glänzt wie Geschmeide
Funkelnd auf der ärmsten Blume;
Dorn und Disteln sind selbst Gäste
In des Schöpfers Heiligthume,
Und das macht der Alten Freude.


Zwanzig Jahre sind verflossen,
Seit er kam, nun unverhohlen
Seiner Mutter zu gestehen,
Daß er keck den Kelch gestohlen.
Armut hatt' ihn längst verdrossen.


Taub blieb er dem bangen Flehen –
Schwankend gieng sie zum Gerichte,
Ihren Liebling anzuklagen,
Daß nicht Gott allein ihn richte.
Heiland! – welches Wiedersehen,


Als in Ketten festgeschlagen
Er durchwankt des Dorfes Gasse
Ihr und Gott so höhnisch fluchte!
In verbrecherischem Hasse
Lachend ihrer leisen Klagen:


»Rabenmutter! Du Verruchte!« –
Also lästernd zog er weiter,
Erst ins Zuchthaus – dann ins Elend,
Haß und Rachsucht als Begeliter
Und ihr Herz sein Herz verbuchte.


Wie das brannte, heiß und quälend
Nachts in ihren Träumen lohte!
betend strebte sie's zu bannen,
Segnend immer, wenn es drohte,
Niemand ihre Qual erzählend.


Als die Jahre träg verrannen,
Wuchs ein Schatz in ihrer Truhe:
Kreuzerweis durch Fleiß und Darben,
Ohne Rast und ohne Ruhe
Ihre Hände ihn gewannen.


Alle kleinen Wünsche starben,
Da sie mühsam näht' und nähte,
Heut' erst regen sie sich wieder:
Jeder, der in Thränen säte,
Erntet lächelnd seine Gaben.


Freude strömt vom Himmel nieder.
Durch die frühlingsfrischen Matten
Zieht ein Wanderbursch mit Singen,
Und in neuer Blätter Schatten
Zwitschern Kinder frohe Lieder:


»Maiglöckchen blüht, es glänzt der Hag,
Rings glitzert es im Thale,
Aus jedem Busch klingt Finkenschlag,
Als fiel zur Welt der Feiertag
Gleich einem Sonnenstrahle!
      Alleluja!«


»Es steigt wie klingendes Geschoß
Die Lerche durch die Äste,
Ist sie des Heilands Fahrtgenoß,
Der siegreich fuhr zum Himmelschloß
An diesem Freudenfeste!
      Alleluja!«


Rabenmutter lauscht dem Klingen,
Seltsam regt sich's im Gemüthe,
Und nun pflückt sie gar ein Veilchen –
Liebte doch ihr Sohn die Blüte!
Nichts kann Mutterlieb' bezwingen.

II.

An der hohen Kirchenpforte
Lehnen kleine Ministranten,
Stolz in ihrem Festtagsstaate,
Grüßen kichernd die bekannten
Mit vergnügtem Schelmenworte.


Zu dem Pfarrer im Ornate
Tritt ein Fremdling. Abgewndet
Scheu die Blicke: »Jüngst gelesen
Hatt' ich, wer den Kelch gespendet.«
»Folgtet Ihr des Schreibers Rathe?«


Frägt der Greis. »Ich bins gewesen,
Der die Liebesthat beschrieben,
Um des Sohnes Herz zu rühren,
Wenn ihm noch ein Herz geblieben.»
»Engel mahnten mich zum Lesen!


Lebt die Mutter?« »Hört Ihr leise
Auf den glatten Marmorsteinen
Nicht den schweren Krückstock klirren?
Gott sie Dank! ihr könnt noch weinen!«
Scheu die Hand reicht er dem Greise.


»Großer Gott! Ihr müßt euch irren', –
S' ist ja nur der Mutter Schatten,
Der dort wankt zum alten Stuhle,
Den vereint wir inne hatten!
Ach mein Geist will sich verwirren!


Immer kniet' ich vor der Schule
Fromm dort an der Mutter Seite,
Ruhig war mein Herz und fröhlich, –
Nun ist's todeswund vom Streite
Und befleckt vom Sündenpfuhle.«


Rabenmütterchen blickt selig
Nach dem Kelch mit leisem Beben.
Bald wird mit des Heilands Blute
Ihn des Priesters Hand erheben,
Englein nahen schon unzählig.


Mit dem allerhöchsten Gute
Tilgen sie der Sünde Flecken;
In dem Weihrauchwolkenschleier
Wähnt sie Flüglein zu entdecken,
Fleht mit kindlich freiem Muthe:


»Liebe Englein! von der Feier
Sollt Ihr meinem Sohn erzählen!
Glüht ein Herz nicht im Pokale?
Schweben dort nicht lichte Seelen? –
Und ich athme rasch und freier!«


Glöckchen klingeln. in dem Strahle
Reiner junger Frühlingssonne
Leuchtet weiß in Priesterhänden
Wundersam das Brot der Wonne,
Seelentrost im Thränenthale!


»Mutter!« – Ihre Blicke wenden
Sich zum Antlitz, dem gebräunten,
»Engelsmutter!« sagt er leise.
Ob sich Englein nicht vereinten,
Ihr so süßes Glück zu spenden?


War das eine Himmelsweise?
Nein. Sie ruht an einem Herzen,
Dessen Schlag ihr Herz erkannte.
»Heller strahlt nun, lichte Kerzen!
Lippen, singt zu Gottes Preise!


Seelen, liebeglühend brennet,
Schwebt, Gedanken, zu den Sternen,
Goldkelch – spende Freudenschimmer!
Siehst du, Kind, die schönen Fernen,
Wo man Liebe nicht verkennet?


Rabenmutter bin ich nimmer,
Gott will Gnade mir erweisen.
Sieh! den Kelch – den wunderbaren,
Engelsmutter darf ich heißen
Und so bleibt es nun für immer!«


Leiser singen Engelsscharen
Und der klare Blick wird trüber.
Mit dem Heiland ist sie selig,
Eh' die Messe noch vorüber,
In dem Himmel aufgefahren.
      Alleluja!





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