ngiyaw-eBooks Home

Margarete Beutler – Der Vorhang     Zur Biographie


aus: Margarete Beutler, Neue Gedichte, Bruno Cassirer Verlag, Berlin, 1908, S. 51 ff.

Die Werke von Margarete Beutler unterliegen noch dem Urheberrecht; für ngiyaw eBooks mit freundlicher Genehmigung der RechteinhaberInnen.


20100908_Harald Reiter - Der Traum der weissen Pferde

Harald Reiter – Der Traum der weissen Pferde (copyrighted)

Harald Reiters Website


Der Vorhang

Der rote Vorhang ward zurückgezogen,
Die dunkle Bühne bleibt für mich allein!
Die tollsten Szenen sind vorbeigeflogen –
Ich habe Männermark genug gesogen –
Nun füllen sich der Chöre weite Bogen,
Und Geister greifen in mein Leben ein:


Ich habe Ahnen, die so adlig sind,
Daß sie die Kronen nicht mehr brauchen,
Vor denen Gold und Erz zu Staub zerrinnt,
Wenn sie in ihres Wesens Tiefe tauchen.
Sie nahen nun und bieten stolz mir dar
Die Fülle ihrer sommerlichen Säfte,
Und aus kristallner Schale, kühl und klar,
Trink ich mir wohl die Edelste der Kräfte ....


Du gib vor Allen, du! Des Ruf mich weckte,
Als ich mit scheuem Mädchenaug' noch sah!
Da noch des Blutes Sinn sich mir versteckte,
War schon dein Held, den kein Philister schreckte,
Dein Gottprophet, der sich zum Himmel reckte,
Wie meine Sehnsucht mir vertraut und nah ..


Im meines Frauenlebens letztem Lenz
Ging ich mit einem fremden dunklen Manne
Endlich hinab ins heilige Florenz
Und fühlte mich in Deines Geistes Banne.
Da stand ich in der Medicäergruft
Am Arme des verworrenen Ästheten,
Und spürte Dich durch dumpfe Grabesluft –
Und riß mich los, um jauchzend anzubeten!


So komm und tränk' mich, daß mich Kraft durchdringe,
Damit ich meiner Pulse Willkür zwinge!


Und du nun, Zweiter in dem Schattenreigen,
Des tiefe Augen so den Meinen gleichen,
Des strenger Mund, gewöhnt an Graun und Schweigen,
Einst Gott befahl, in Tönen sich zu zeigen;
Dir gab mein Allerletztes sich zu eigen,
Als meine Stirn stand im Kainszeichen:


Als ich erlödt war von des Leibes Last,
Dem ersten Kinde, das ich treu getragen,
Ward ich vom Geist der bösen Lust erfaßt
Und in des Taumels schweres Joch geschlagen
Da kam der Tag, der freudig mich befreit,
An dem ich lernte, wiederum zu knieen,
Weltweit gelöst von Fraueneitelkeit,
Im Tempel deiner heiligen Symphonien!


So komm und tränk' mich, daß mich Blut durchdringe,
Und meine volle Seele klinge .. klinge ....


Du Dritte, Stille, Schlichte, tritt nun neben
Die Beiden hin, die mir für ewig gelten!
Gewiß, den schwersten Kranz vom Grund zu heben,
Gelang nicht deinem leisen Blumenleben –
Doch welches Weib hat mehr als du zu geben
In dieser seltsamsten von allen Welten?


Nicht kniiend nah ich dir – nur schwesterlich
Dich grüßend, nehm ich deinen Trunk entgegen,
Denn sieh, aus tieferm Borne schöpfe ich:
Aus Liebesfülle und aus Muttersegen!
Und doch, Annette, gib nur immer, gib,
Daß ich in neuem Rausch mich reicher finde!
Und nimm dafür ein schlicht »ich hab dich lieb«
Von dieses Lebens unruhvollem Kinde.


Tränk' mich, daß deine Herbheit mich durchdringe
Und ich in Reinheit meine Lieder singe ...


Nun will der Gott der Unrast mich nicht lassen,
In meinem Garten wuchern wilde Ranken,
Mein Tag verrieselt unter hartem Hassen
Und Liebestrunkenheiten sonder Massen –
Noch kann ich nicht in güldne Formen fassen
Den Kronenschatz der funklenden Gedanken.


Eins aber weiß ich: Einstens trägt mein Land
Mir üppig Frucht und Ernte vielgestaltig,
Des seid Ihr mir ein stolzes Unterpfand,
Denn Ihr seid in mir, lebend und gewaltig!
Ihr laßt nicht ruhen, was da werden will,
Ihr schützt die Saat, damit kein Frost ihr schadet,
Damit sie wachse, unberührt und still .....
Wie fühl' ich mich so tief, so tief begnadet! –


Ihr tränktet mild die Flur, geliebte Schatten –
Bald reift die Zeit! Bald danken meine Matten





20100908_Margarete Beutler - Der Vorhang

20100908_Margarete Beutler - Der Vorhang

20100908_Margarete Beutler - Der Vorhang

20100908_Margarete Beutler - Der Vorhang