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Jeanne Marie von Gayette-Georgens – Der kürzeste Tag.     Zur Biographie


aus: H. Kletke, Deutschlands Dichterinnen, Hermann Holstein, Berlin, Dritte vermehrte Auflage, o. J., S. 337 f.


20100921_Amedeo Modigliani - Nu couché de dos

Amedeo Modigliani – Nu couché de dos


Der kürzeste Tag.

Ihr glaubt das sei der kürz’ste Tag,
Wo mit dem achten Glockenschlag
Die Sonn’ erst an dem Himmel steht
Und, kaum erschienen, wieder geht.


Wo sich der rauhe Winter zeigt,
Und jedes Lied der Sänger schweigt,
Wo stolz im Schmuck von Eiskrystall
Die Bäume stehen überall.


Wo jeder Puls der Schöpfung stockt,
Der Dachs in seinem Baue hockt,
Wo jedes Glied der Kraft erstarrt
Und auf ein neues Leben harrt.


Nein, das ist nicht der kürz’ste Tag,
Den Niemand liebt, noch leiden mag,
Der Trübsinn, Ernst und Stille bringt
Und den die schwarze Nacht verschlingt.


Der kürz’ste Tag ist, daß Ihr's wißt,
Wo man beglückt die Zeit vergißt,
Wo's in dem Herzen grünt und blüht
Und im Genuß die Stunde flieht.





20100921_Jeanne Marie von Gayette-Georgens - Der kürzeste Tag.

20100921_Jeanne Marie von Gayette-Georgens - Der kürzeste Tag.