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Jeanne Marie von Gayette-Georgens – Die Entstehung des Tanzes.     Zur Biographie


aus: H. Kletke, Deutschlands Dichterinnen, Hermann Holstein, Berlin, Dritte vermehrte Auflage, o. J., S. 341 ff.


20100928_Paul Barthel - Tanz im Wald

Paul Barthel – Tanz im Wald


Die Entstehung des Tanzes.

Wir Alle hörten oft schon fragen
Bei fröhlich lauten Festgelagen,
Zu welchem Nutz' und welchem Frommen
Der Tanz sei in die Welt gekommen?
Und wer zuerst dies Hüpfen, Schweben,
Dies lust'ge Springen angegeben?


Da hieß es denn: von alten Zeiten
Sei Tanzes Herkunft abzuleiten;
Die Wilden wären schon gesprungen
Und hätten sich den Takt gesungen,
Und so sei nach und nach entstanden
Ein bunter Tanz in allen Landen.


Wie aber sollten just die Wilden
Darauf gekommen sein, zu bilden
Das Jagen und das Cirkeldrehen,
Das Stürmen und das Schnörkelgehen,
Das lust'ge Hüpfen und Ergötzen
Nach rhythmischen Musikgesetzen?


Ich kann Euch bess're Rede stehen,
Ich hab's aus Tradition ersehen,
Viel älter, als ihr glaubet eben,
Ist Tanzes Ursprung, Tanzes Leben;
Noch eh' des Menschen Witz geboren,
Da gab es schon den Tanz der Horen.


Drauf als der Herr ein lautes »Werde!«
Gerufen und die Mutter Erde
Sich aus dem Chaos vorgerungen,
Und in den Aetherraum geschwungen,
Den Rand umspült von Wasserquellen:
Da gab es schon den Tanz der Wellen.


Und als die Thiere nun geschaffen,
Die wilden, großen bis zum Affen,
Die Vögel, Schlangen und Reptilen,
Amphibien, Fische und die vielen
Insekten, die auf Blumen nicken:
Da gab es schon den Tanz der Mücken.


Das war im Lenz, wo Alles blühte,
Im Rosenkelch das Würmchen glühte;
Im Herbst dann, wo zum Gold verblichen
Das Laub, durch das der Nord gestrichen,
Wo kalt der Wind und rauh das Wetter:
Da gab es schon den Tanz der Blätter.


Als drauf zum ersten Mal die Bäche
Erstarrt und stumm die Wellenfläche,
Und als der Winter stieg hernieder,
Ein Aar mit weißem Schneegefieder,
Ein Greis mit hellen Silberlocken:
Da gab es schon den Tanz der Flocken.


Als das die Menschen nun gesehen,
Das Flockentanzen, Blätterwehen,
Das Mückenspielen, Wellenjagen,
Da fingen sie es an zu wagen,
Den Pflanz' und Thieren nachzuahmen:
Und so war's, daß die Tänze kamen.


Der Eine leicht, wie Mückenfliegen,
Der Andre sanft, wie Wellenwiegen,
Der Dritte wild, wie Blätterrauschen,
Der Vierte lind, wie Elfenlauschen,
Der Fünfte schwebend, wie das Neigen
Der Flocken leis' Herniedersteigen.





20100928_Jeanne Marie von Gayette-Georgens - Die Entstehung des Tanzes.

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