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Edgar Allan Poe – Annabel Lee.     Zur Biographie


aus: Magazin für die Literatur des Auslandes, redigiert von J. Lehmann, Verlag von Veit & Comp., 52. Band, Juli bis Dezember, Nr. 130, 29. October, Berlin 1857, S. 523.

Übertragen von Luise von Ploennies


20101029_John Bauer - Ännu sitter Tuvstarr kvar och ser ner i vattnet

John Bauer - Ännu sitter Tuvstarr kvar och ser ner i vattnet


Annabel Lee.

Vor manchem, manchem Jahre her
Lebt ein Mägdlein, Annabel Lee,
In einem Königreich am Meer,
Und nichts verlangte sie,
Als lieben und von mir geliebt zu sein,
Nur dies verlangte sie.


Ich war ein Kind, und sie war ein Kind,
So selige gab es nie,
Und unsre Lieb’ war mehr als Lieb’,
Und die Engel beschützten sie;
Sie breiteten die Flügel aus
Ueber mich und Annabel Lee.


Doch einst geschah’s, schon lang, schon lang —
Die Nacht vergeß’ ich nie,
Daß ein kalter Wind löscht’ aus mein Kind,
Mein Licht, meine Annabel Lee.
Da kamen ihre Verwandten herab,
Die Engel, und holten sie,
Da trugen sie in ein dunkles Grab
Am Meer meine Annabel Lee.


Die Engel nicht halb so selig dort,
Beneideten mich und sie,
Ja darum, darum trugen sie fort
Meinen Liebling, Annabel Lee.
Der Engel Neid schuf mir dies Leid,
Der nicht mein Glück verzieh.


Doch unser Lieben ist stark geblieben,
Ist stark, ja stärker als sie.
Nicht soll es den Engeln gelingen, da droben,
Und nicht den Dämonen, von Fluthen umwoben,
Zu trennen, die brennen in ewigem Lieben,
Wie ich und Annabel Lee.


Denn immer, ja immer, erblick’ ich im Schimmer
Des Mondes Annabel Lee,
Und die Sterne sie zeigen in strahlendem Schweigen,
Mir die Augen von Annabel Lee.
Und nächtlich am Strande, den Wogen umschwellen,
Lausch’ ich, am Rande des Grabes, den Wellen,
Und klage und singe wie sie,
Von der schönsten Annabel Lee.





20101028_Edgar Allan Poe - Annabel Lee