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Adeline Becker – Mutterliebe.     Zur Biographie


aus: Unsere Frauen in einer Auswahl aus ihren Dichtungen, Herausgegeben von Karl Schrattenthal, Verlag Greiner & Pfeiffer, Stuttgart, 1888, S. 11 ff.


20101201_Lovis Corinth - Mutterliebe

Lovis Corinth – Mutterliebe


Mutterliebe.

Es ward schon oft gesprochen:
»Es bricht der Gram kein Herz,«
Und doch ist eins gebrochen
In namenlosem Schmerz.


Das ruht bei all den Müden
Im kühlen Erdenschoß
Nun aus im stillen Frieden,
Ist aller Leiden los.


Ein Mutterherze war es,
Das unterlag dem Schmerz,
O, etwas Wunderbares
Ist's um ein solches Herz!


Es zog zu Preußens Fahnen
Der tapf're Sohn hinaus,
Beim Abschied ruft voll Ahnen
Die Mutter schmerzlich aus:


»So zieh' denn aus zu streiten,
Dich rufet heil'ge Pflicht,
Gott möge dich geleiten,
Mein Kind, vergiß Ihn nicht!«


Die Abschiedthränen flossen,
Wer nennet ihre Zahl?
Daß ihn ihr Arm umschlossen,
War es zum letztenmal? –


Er küßt ihr Stirn und Wangen,
Er küßt ihr Mund und Hand,
Dann ist er still gegangen,
Sein Aug' voll Thränen stand.


Doch hat's nicht lang gewähret,
Da strahlt sein Angesicht
Und leuchtet wie verkläret,
Indes die Lippe spricht:


»Du liebe, deutsche Erde
Bist meine Mutter nun,
Will deiner würdig werden,
Nicht rasten und nicht ruhn,


Um Schand und Schmach zu rächen,
Womit man dich bedroht,
Sollt' auch darüber brechen
Mein junges Herz im Tod!«


Ahnt er, was kommen werde? ...
Nach wenig Wochen schon –
Da deckt die fremde Erde
Den deutschen Heldensohn.


O welch ein schmerzlich Weinen
Im fernen Elternhaus!
Wie brechen all die Seinen
In laute Klagen aus!


Die Mutter spricht nur stille,
Ob's ihr im Innern tobt:
»Es war so Gottes Wille,
Sein Name sei gelobt!«


O, diese Mutterliebe!
Sie klagt und jammert nicht,
Doch ist ihr Auge trübe,
Und bleich ihr Angesicht.


Ihr tönt aus Freundesmunde
Manch mildes Trosteswort,
Umsonst! – die tiefe Wunde
Sie blutet stille fort.


Nicht lange hat's getragen
Der Trennung bittern Schmerz,
Da hörte auf zu schlagen
Das treue Mutterherz.


Was an der Todespforte
Ihr Mund noch sprach, es sind
Die sel'gen Jubelworte:
»Ich komm', ich komm', mein Kind!«






20101201_Adeline Becker - Mutterliebe.

20101201_Adeline Becker - Mutterliebe.

20101201_Adeline Becker - Mutterliebe.