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Bellamine Speyer – Was sich der Wald erzählt.     Zur Biographie


aus: Unsere Frauen in einer Auswahl aus ihren Dichtungen, Herausgegeben von Karl Schrattenthal, Verlag Greiner & Pfeiffer, Stuttgart, 1888, S. 15.


20101202_Paul Cézanne - Im Wald

Paul Cézanne – Im Wald


Was sich der Wald erzählt.

Was sich der Wald erzählt? – Ich muß es sagen –
Ich kann das ganz allein nicht länger tragen:
Aus Buchenwipfeln und aus Tannenzweigen,
Die sich so traulich tief herunterneigen,
Da tönt mir zu ein innigliches Grüßen!
Der Fichtenteppich unter meinen Füßen,
Er hebt elastisch auf und nieder sich,
Und grünes Moos ruft: »Wandrer, setze dich!«
Und alles redet dann im weiten Kreise,
In nie gehörter wundersamer Weise.
Die Augenlider werden traumessschwer,
Der Kuckuck ruft mir langes Leben her,
Es schmettern Nachtigallen Lieb und Lust,
Im süßen Herzenslied aus froher Brust,
Und eine Waldestaube ruft: »Willkomm!«
Da wehrt es um mich her so gottesfromm,
Das ist ein Himmelshauch! – und heil'ge Ruh
Schließt mir zum Schlaf die schweren Augen zu,
Als wollte, wie der Wald es deutlich zeigen:
Mein schönstes Reden ist – mein tiefstes Schweigen.






20101202_Bellamine Speyer - Was sich der Wald erzählt.