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Wang Hi Dschï – Im Orchideenpavillon.     Zur Biographie


aus: Chinesisch-Deutsche Tages- und Jahreszeiten, Lieder und Gesänge, Verdeutscht von Richard Wilhelm, Eugen Dietrichs Verlag, Jena, 1922, S. 19 ff.


20110206_Wang Xizhi by Qian Xuan

Wang Xizhi von Qian Xuan


Im Orchideenpavillon.

Im neunten Jahr der Yunghozeit
Im Anfang war's des letzten Frühlingsmondes,
Da kamen wir zusammen auf dem Kuai-Gi-Berg
Beim Orchideenpavillon im Schauyinkreis,
Um zu begehn den Brauch der Frühlingssühnefeier.
Da waren viele Weise denn beisammen,
Die Jugend und das Alter war erschienen.


Hier ragen hohe Berge, steile Klippen,
Der Wald grünt dicht, und üppig wächst der Bambus,
Und klare Bäche, Sprudelquellen
Durchschlängeln rings das Land mit ihren Krümmen,
Geeignet, um sich Becher schwimmend zuzusenden.
Wir setzten uns an Baches Rande nieder;
Und war auch keine Zither da noch Flöte,
Und nicht der Klang der Saiten, noch des Rohres Töne,
So sangen wir zu jedem Becher Weins,
Und machten dem Gefühl des Herzens Bahn.


An diesem Tage
Da war der Himmel klar und rein die Luft,
Ein milder Wind entsandte sanften Hauch.
Und breitet droben sich das große Himmelszelt,
So wimmelten am Grunde aller Wesen Menge.
So weit das Auge schweifte und der Sinn sich dehnte,
Genug des Schönen gabs zum Schaun und Hören:
Es war ein heiteres Beisammensein.


Die Menschen sind zusammen einen Augenblick.
Der eine greift: in sein Gemüt und redet,
Was ihn darin bewegt.
Ein andrer spricht in Bildern,
In dunklen Gleichnisworten
Von Dingen und Ideen jenseits der Körperwelt.
Doch sind sie auch verschieden in dem, was ihnen wichtig;
Der eine ruhig sinnend und jener rasch entschlossen:
Sie alle freuen doch sich des Zusammenseins,
Und was die Gegenwart gewährt, befriedigt,
Und läßt des Alters Nahn vergessen. –


Und doch wie bald, wenn wir's erreicht, kommt Überdruß,
Und mit den Dingen wechselt das Begehren,
Und Schwermut ist es, die heran sich schleicht.
Was eben uns erfreut: in einem Augenblicke
Ist es verhallt, wie ferner Tritte Spur,
Und lebt nur fort in sehnendem Erinnern.
Und über kurz und lang nach manchem Wechsel
Ist alle Zeit vergangen und dahin.
Der Weise spricht: »Wie ernst ist doch das Leben!«
Wie schneidet dieses Wort ins Herz. –


Wenn man bedenkt,
Warum in alter Zeit die Menschen trauerten,
So ist es stets derselbe Grund.
Nie kann ich ihre Schriften lesen ohne Seufzen,
Und werde nie die stille Trauer los. –
Das aber weiß ich: es sind leere Worte,
Wenn einer Tod und Leben für das gleiche hält,
Und wenn er sagt, es sei nicht mehr noch minder,
Ob kaum geboren man dahingeht oder erst als Greis.


Einst werden nach uns kommen andere Geschlechter,
Die unser so gedenken wohl wie wir der Alten Zeit,
Das macht das Herz mir schwer!
Wenn wir die Menschen der verschiedenen Alter
An unserm Geist vorüberziehen lassen,
Wenn wir bedenken, was sie uns gesagt:
Sie lebten an verschiedner Zeiten Wende
Und jeder handelte auf seine Art;
Doch ein geheimer Schmerz ist ihnen allen eigen,
Darin sind alle gleich. –
So mag auch spät ein Leser dieser Zeilen
Zur Wehmut sich dadurch wohl stimmen lassen. –






20110206_Wang Hi Dschï - Im Orchideenpavillon.

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20110206_Wang Hi Dschï - Im Orchideenpavillon.