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Su Dung Po – Erste Fahrt zur Roten Wand.     Zur Biographie


aus: Chinesisch-Deutsche Tages- und Jahreszeiten, Lieder und Gesänge, Verdeutscht von Richard Wilhelm, Eugen Dietrichs Verlag, Jena, 1922, S. 65.


20110209_Li Di - Pink and White Hibiscus

Li Di – Pink and White Hibiscus


Erste Fahrt zur Roten Wand.

Su Dung Po machte einst im Herbst
Mit einem Freunde eine Kahnfahrt zu der Roten Wand
Leis kam der kühle Wind geflossen
Und kräuselte nur leicht die Wasserwellen.
Da hob er seinen Becher
Und trank dem Freunde zu.
Sie sangen nun zusammen
So manches Lied
Vom Mondenschein und schönen Mädchen. –
Nach einer kleinen Weile kam der Mond
Im Osten hinter fernen Hügeln vor,
Und schwankend grüßt sein Abbild aus dem Wasser.
Am Ufer glänzte weißer Tau,
Und fern am Horizont
Verschwamm des Wassers Schimmer in den Himmel.
Sie ließen nun ihr Schifflein treiben,
Wohin es wollte in der ungeheuren Wasserflut.
Da ward die Seele weit, als schwebte sie
AufWindes Flügeln, unbekümmert, wo das Ziel der Fahrt.
Sie schwang sich auf in selge Höhn,
Als ließe sie die Welt zurück
Und wandle still in selger Geister Mitte.


So tranken sie einander zu
Und freuten sich des Abends.
Am Rand des Schiffs gelehnt,
Schlug Su Dung Po sich selbst den Takt und sang:
                         »Ruder, ach, so rein
                         Tropft von euch der Mondenschein!
                         Fern, fern, ach, mein Herz
                         Sehnend denkt der Liebsten mein!« –


Der Freund zog seine Flöte nun hervor
Und mischte ihre Töne in das Lied.
So schmelzend klang ihr Laut,
So voll von herber Sehnsucht, schluchzend, klagend.
Der Nachhall spann sich weich und lange weiter
Als wie ein feiner seidner Faden.
Aus der Tiefe kamen da die Fische
Und Wassertiere stumm empor
Und sprangen aus der Flut herauf, den fremden Tönen nach.
Und manche Frau im kleinen Schifferkahn
Begann zu schluchzen wie von unnennbarem Weh ergriffen.


Auch Su Dung Po trat eine Träne in das Auge.
Doch faßte er sich bald
Und fragte seinen Freund: »Warum nur?«


Doch jener sprach:
»Ich mußte an den Helden Tsau Mong De gedenken.
Solch eine Nacht wohl war es, als er sang:
                         ›Des Mondes Schein verdrängt die Sterne,
                         Und fern nach Süden fliegt ein Rabe.‹
Dort drüben sieht man Hankou ferne dämmern,
Und hier im Osten liegt Wu Tschang.
Dort drängen sich in fernen Ketten
Die Berge an den Fluß heran.
Hier war's, wo jene Kämpfe stattgefunden,
In denen Tsau Mong De das Ende seiner Macht erlebte.
Wie mächtig war er doch gewesen!
Er hatte siegreich seiner Feinde Stadt genommen
Und war mit stolzer Flotte dann den Strom herabgefahren:
Auf tausend Meilen drängt' sich Schiff an Schiff,
Und seiner Fahnen Menge deckte fast den Himmel zu.
So stand er da und hob den Becher,
Als er im Strom daher fuhr,
Und sang sein Lied mit quergefällter Lanze.
Er war ein Held, der größte seiner Zeit – –
Und heut, wo ist er hin?


Was soll da erst aus unsereinem werden.
Die wir dem Leben fern am Strome fischen oder jagen,
Die mit dem Fisch und Krebs zusammen leben
Und die dem Hirsch und Reh Genossen sind?
So lassen wir das Schifflein auf den Wellen gleiten,
Gleich wie ein dürres Blatt,
Und trinken so einander zu,
Den Eintagsfliegen gleich,
Die einen Augenblick im Lichte
Hier zwischen Erd' und Himmel schweben,
Wie Tropfen im unendlich weiten Meer.
Das macht das Herz mir schwer,
Daß unser Leben nur so kurz ist,
Indes der Strom die Wellen endlos nach dem Meere wälzt. –
Ja könnten wir mit selgen Geistern höher schweben
Und mit dem lichten Mond ein ewig Leben führen!
Doch ach, wir wissen's ja:
Uns ist's versagt. –
So hab' ich denn des Herzens Klage
Den traurigen Winden anvertraut.«


Der andre sprach:
»Verstehst du nicht,
Was uns das Wasser an geheimem Sinn erschließt
Und dort der lichte Mond?
Da fließt es hin und immerfort,
Und doch erschöpft sich's nicht.
Der Mond, er ist bald voll, bald leer,
Und doch wird er nie größer oder kleiner.
Wenn auf den Wandel hin du schaust:
So kann der Himmel selbst und auch die Erde
Nicht einen Augenblick im Sein verharren.
Doch wenn aufs Sein du schaust,
So wirst du finden,
Daß wie die Welt das Ich auch ewig ist.
Was bedarf es da der Schwermut?
Und ferner:
In dieser ganzen Welt
Hat jedes Ding auch seinen Herrn.
Was mir nicht zugehört,
Das nehme ich nicht an,
Und wär' es auch ein Härchen nur.
Allein der reine Hauch auf diesem Strome,
Der lichte Mond in jenen Bergen,
Er wird zum Tone, wenn mein Ohr ihn aufnimmt,
Und wenn mein Aug' ihn trifft,
Wird er zur Lichterscheinung.
Und dies Erleben
Von Aug' und Ohr ist frei und unerschöpflich.
Das ist das ew'ge Vorratshaus von Gottes Welt.
Das bleibt uns beiden zum Genüsse offen.«


Da heiterten des Freundes Mienen sich,
Und lachend spülte er den Becher und goß wieder ein.
So zechten wir noch lange fort,
Bis unser Vorrat aufgezehrt,
Da ließen wir die Teller und die Becher stehn.
Und in dem Schiffe lehnten wir uns aneinander,
Und eh' wir's merkten, ward's im Osten helle. –






20110209_Su Dung Po - Erste Fahrt zur Roten Wand.

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