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Reinhold Eichacker – Luzifer!     Zur Biographie


Aus: Nach Sonnenuntergang, Alte und neue Gedichte von Reinhold Eichacker, Hans Sachs Verlag, München - Leipzig, 1912


20111113_ veilchen

Veilchen


Luzifer!

Eine symbolische Liebesdichtung.

Im Tale liegt die Glut der Mittagsstunde
Die Brust der Felder atmet tief und schwer,
Die Wälder stehen träumend in der Runde
Kaum flattert noch ein Vogel müd umher. –
Aus diesem Tale ragt mit tausend Zacken
Ein schroffer Fels stolz in des Äthers Blau
Und trägt auf seinem lastgewohnten Nacken
Des Weltenhimmels weitgewölbten Bau. – –
Hoch auf des Felsen zeitgebleichtem Gipfel
Steht stumm ein Menschenpaar im Purpurkleid,
Tief unten wogt das breite Meer der Wipfel
Und aus den Schluchten steigt die Einsamkeit!
– Ein Adler regt die sturmerprobten Schwingen – –
Da wirft der Mann die Arme hoch empor,
Tief in den Äther scheint sein Ruf zu dringen
Bis er in weiten Fernen sich verlor:
»Jehova, Heil! Ich halte dich umschlungen!
»Ziel meiner Seele, ewig ungekannt!
»Traum meiner Nächte, fieberheiß umrungen!
»Des Weltalls Schlüssel liegt in meiner Hand!
»Bin ich ein Mensch noch, wie ich ragend stehe?!
»Dein Kind, dein Ebenbild, es ward zum – Gott!
»Durch eigne Kraft erklomm ich deine Höhe,
»Nicht länger Spielzeug mehr, des Schicksals Spott!
»Zu meinen Füßen sank des Lebens Schwere,
Frei liegt der Weg zum Land der Ewigkeit!« –
Da jauchzt das Weib: »Du, den als Gott ich ehre,
Führ mich hinauf, ich bin zum Kampf bereit!
»Du hobst uns machtvoll auf des Lebens Höhen,
Geist griff siegreich nach dem Szepter schon,
»Führ uns hinauf! Laß uns das Letzte sehen!«
– »Du großer Gott, so rette deinen Thron!
»Die Herrschaft mir! Schon wanken deine Stufen,
»Das Weltall zittert vor des Menschen Mut!«
Wie Wahnsinn schallt des Mannes Donnerrufen
In die Natur, die ihm zu Füßen ruht – –
Die Nebel steigen staunend aus den Klüften,
Mit Wolkenaugen starrt die Einsamkeit.
Ein Wehen wächst, wie fern aus Totengrüften,
– Kalt, tränenschwer und voller Schaurigkeit!
Mit Fieberhänden schlingt der Mann dem Weibe
Fest um den Gürtel schon der Hoffnung Seil –
»Voran, Genossin! Daß ich Gott dir bleibe!
»Dort liegt der Weg, mir ist er nicht zu steil!
»Verschanze dich nur hinter Wolkenmauern,
»Du alter Gott! Mein Geist lacht deiner Angst!
»Schau her, wenn rings auch tausend Schluchten lauern,
»Ich spotte dein, der du die Welt verlangst!
»So schreite ich dir Schritt für Schritt entgegen!
»Hinauf, mein Weib, dort lacht das letzte Ziel!« – –
Der Nebel ballt sich düster auf den Wegen
Und treibt mit einem Menschenpaar sein Spiel.
Steil in die Höhe wähnt sein Fuß zu klimmen,
Doch führt der Pfad die Irrenden zu Tal,
Aus hundert Klüften warnen dumpfe Stimmen,
Die Wolken zittern in des Blitzes Strahl! –
Da tönt ein Schrei! . . Die Kraft des Weibes schwindet,
Vergebens greift sie nach des Führers Hand . .
Sie wankt . . und fällt . . und nur das Seil verbindet
Sie mit dem Manne an der Felsenwand! –
Der klammert sich mit tödlichem Erschrecken
Fest an den Stein – die Last zieht ihn zu schwer –
Er möchte rettend ihr die Rechte strecken,
Allein sein irrer Blick . . sieht sie nicht mehr!
Er zerrt das Seil mit blutgekrallten Händen
»Jehova, hilf!« Ein Schrei die Luft zerriß,
Voll Menschennot! – – Da schien der Spuk zu enden,
Ein Leuchten tauchte aus der Finsternis.
»Weh mir!« Des stolzen Mannes Lippen beben –
»Wohin verstieg mein Geist im Wahnsinn sich?:
»Du Menschengott! Dein war mein ganzes Leben!
»Und was ich war, das wurde ich durch dich!
So triff den Sünder denn mit deinem Grimme,
»Doch schone sie, der ich ein Führer war!« –
Da tönt von fernher eines Weibes Stimme –
Wie weitverloren, doch so süß und klar:
»Wir fehlten beide in vermeß’nem Bunde,
»Dank, großer Gott, daß ich es büßen muß!
Leb wohl, Geliebter! In der Todesstunde
»Nimm noch des Weibes letzten Liebesgruß!
»Dir bleibt zur Buße noch ein ganzes Leben,
»Wenn du gefehlt, so fehltest du durch mich!
»Der Himmel mög mir seinen Frieden geben!
»Geliebter . . . lebe wohl! . . Ich . . liebe . . dich!« –
– Zwei Schreie schrillen plötzlich in den Lüften –
Zerschnitten hängt das Seil – die Schwere wich –
– Der Mann steht frei – und aus des Felsen Klüften
Tönt noch des Echos Mund: »Ich – liebe – dich! –
Der Mann steht stumm! Mit tränenlosen Blicken
Starrt in den Abgrund er zu seinem Fuß,
Und immer noch tönt von des Felsen Rücken
Zu ihm herauf der Liebsten Todesgruß!
Da bricht ein Stöhnen von des Menschen Lippen,
Auf schreit sein Herz in namenloser Qual –
Sein Arm greift tastend nach des Felsen Klippen
Und Schritt für Schritt – wankt er hinab zu Tal!
–  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –
Der Fels liegt stumm! – Die flüchtigen Jahre ziehen
Darüber hin und grüßen ewiglich – –
Nur wenn der Sonne Strahlen ihn umglühen,
Tönt noch des Felsen Mund: Ich . . liebe . . dich!




20111113_Reinhold Eichacker – Luzifer.

20111113_Reinhold Eichacker – Luzifer.

20111113_Reinhold Eichacker – Luzifer.

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