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Gottlieb Leon – Salmacis und Hermaphrodit.     Zur Biographie


Aus: Gottlieb Leon, Gedichte, Rudolph Graeffer Verlag, Wien, 1788


20111203_ Bartholomaeus Spranger - Hermaphroditus und die Nymphe Salmacis

Bartholomaeus Spranger – Hermaphroditus und die Nymphe Salmacis


Salmacis und Hermaphrodit.
Nach dem Ovid.
An Johann von Alxinger

Vernimm, o Alxinger, mein vielgeliebter Freund!
Du, den mit mir im schönsten Schwesterbunde
Der Pyeriden Chor so brüderlich vereint,
Von Salmacidens Quell die schlimmberufne Kunde;
Warum, sobald man nur sein weichlich Naß berührt,
Man plötzlich sich entnervt an allen Gliedern spürt:
Zwar kennt man seine Kraft längst schon aus dem Gerüchte,
Von ihrem Ursprung nur weiß man nicht die Geschichte.


In Ida’s Höhlen zog die junge Nymphenschaar
Einst einen Knaben auf, hold, schön und makelbar,
Den Acidalia durch den Merkur gebohren;
Aus dessen Wohlgestalt gleich zu errathen war,
Welch neuer Vogel sich in Cypris Netz verlohren;
Denn in des Knaben Bild sah’n sich so auserkohren
Die Eltern abgeformt bis auf den kleinsten Zug,
Daß er den Namen auch von allen beyden trug.


Um fremde Flüss' und Länder zu besehen,
War er bereits mit fünfzehn Jahren schon
Aus seinen väterlichen Höhen,
Die ihn bisher ernährt, entflohn;
Und weil denn Wißbegier den Jüngling so vergnügte,
Daß er durch sie die Last der Reisen leicht besiegte,
Hatt’ ihn sein Weg, da er ganz Lycien durchspürt.
In’s nachbarliche Land, nach Carien geführt.


Hier sah er einen See, der seine Silberwogen
Bis aus den tiefsten Grund durchsichtig hell ergoß,
Den, wie die Bäche sonst, kein sumpfig Rohr umsproß,
Noch Bins’ und spitzes Ried umzogen.
So rein, so spiegelklar war die krystallne Quelle,
Und ringsherum so frisch die Rasenstelle,
Das ihrer Kräuter lebend Grün
Niemals ein Herbst hier zu entfärben schien.


Geheiligt war der Born; denn dessen Ursprung nannte
Nach einer Nymphe sich, die völlig unbekannt
Der rauhen Jagden, nie den Bogen je gespannt,
Mit ihren Schwestern auch nie in die Wette rannte.
Sie war die Einzige der Nymphen , die sogar
Die rasche Jägerinn Diana selbst nicht kannte,
Und die, der Sage nach, oft ihre Schwesternschaar,
Doch stäts umsonst zur Jagd ermahnte:


»Nimm, Salmacis, doch auch den Bogen in die Hand
Laß um die Schultern dir den bunten Köcher hängen.
Und in den weichen Ruhestand
Sich rauhe Jagdbeschwerden mengen.« —
Doch Salmacis nahm nie den Bogen in die Hand,
Ließ um die Schultern nie den bunten Köcher hängen,
Nie in den weichen Ruhestand
Sich rauhe Jagdbeschwerden mengen.


Denn ihre Lust war nur, bald ihren Lilienleib
Im fliessenden Krystall wollüstig abzuschwemmen,
Bald auch ihr Seidenhaar zum süssen Zeitvertreib
Mit einem Kamm von Buchs zu kämmen;
Und, was ihr nur liebreizend stünd’ und schön,
Mit ihrem Spieqelquell getreu zu Rathe gehn;
Nur helldurchsichtige Gewänder anzulegen,
Und dann auf weichem Gras der süssen Ruh zu pflegen.


Oft las sie Blumen auf, und pflückte sie auch da,
Als sie zum erstenmal den holden Knaben sah,
Ihn zu besitzen strebt’, und schon zu laufen brannte;
Gleichwohl verzog sie noch, und rannte
Nicht stracks zum Jüngling hin, bis sie erst ihr Gewand
Nach strenger Musterung in schönster Ordnung fand,
Und gieng erst dann, als sie in Mienen und Geberden
Auch werth sich hielt, für schön erkannt zu werden.


O Jüngling! spricht sie nun, an Reiz und Schönheit werth,
Daß dich mein Herz als einen Gott verehrt;
Bist du ein Gott, so kannst du nur erkohren
Zum Amor seyn; doch hat ein Weltsohn dich gebohren:
So preis’ ich glücklich den, der, Jüngling, dich gezeugt;
Ja, deinen Brüdern auch, wo du sie nicht verlohren,
Und deinen Schwestern sey das holde Glück geneigt,
Beglückt das Weib sogar, deß Brüste dich gesäugt!


Doch noch weit seliger sey deine Braut gepriesen,
Und wo du keine noch dir, Jüngling, auserwählt:
Sey’s die, so deine Wahl dafür einst würdig hält;
Doch ist dir eine schon als Gattinn anerkiesen:
Dann stille sich die liebende Begier,
Liebreizender! verstohlen nur an dir:
Allein bist du noch frey, bist du noch ganz dein eigen,
Wohlan! so laß zugleich das Brautbett uns besteigen!


Die Nais schwieg, und auf des Knaben Wangen
Sah man ringsum verschämte Rosen prangen;
Ach, der Unschuldige kennt noch die Liebe nicht:
Allein die Scham erhob nur mehr sein Angesicht.
So sieht man an dem Baum besonnte Aepfel glühen,
So glänzt das Elfenbein, mit gleichem Roth bemahlt,
So sieht man Lunen auch sich blaßroth überziehen,
Wenn ihr der Cymbeln Klang umsonst zu Hülfe schallt.1


Als die Najade nun ihn unablässig fleht,
Ein Schwestermäulchen nur ihr mindstens zu gestatten.
Und nun nach seinem Hals, gleich Elfenbein gedreht,
Schon ihre Arme weit sich ausgefaltet hatten:
Hält er von ihr gewandt sein rosiges Gesicht,
Und kehrt sich rasch zurück, indem er also spricht:
Laß mich, Unselige! und willst du mich nicht fliehen,
Nun, so will ich mich dir und diesem Ort entziehen!


Erschrocken sagt sie nun: Wohl! so soll ganz allein
Dir, holder Gast, der Ort hier überlassen seyn
Drauf dreht sie sich, und thut, als wollte sie entweichen;
Doch heftet sie noch im verstellten Fliehn
Den schmachtendfeuchten Blick sanft auf den Jüngling hin,
Gieng, und verbarg sich dann tief in des Hayns Gesträuchen.
Hier hält sie nun, herab auf beyde Knie’ gebeugt,
Ihr Aug’ und Ohr zum lauschen hingeneigt.


Er, als ein Jüngling noch, vergnügt und sorgenfrey,
Der unbelauscht sich glaubt, irrt ohne Furcht und Scheu
Längst an des Quells hellgrünenden Gestaden,
Und fühlt, da er vor ihm in hellem Spiegel rann,
Nun seinen Silbersaum mit leiser Fußspitz’ an;
Allmählich scheinet ihm, in seiner Flut zu baden,
Sein schmeichelnd Wellenlau süßlockend einzuladen,
Und alsobald hatt’ er das Kleid auch abgethan.


Erstaunt steht Salmacis, und inniglich entglühet,
Da sie gewandlos nun des Jünglings Schönheit siehet
Wie Phöbus Flammenbild aus einem Spiegel blitzt,
So flammt ihr Auge schon, von süsser Brunst erhitzt,
Sie kann den Lüsten, die ihr schon die Zunge lähmen,
Durch längeren Verzug kaum noch den Zügel nehmen,
Die Thorinn wünscht sich schon an seinem Busen itzt,
Und weiß die heisse Gier in sich nicht mehr zu zähmen.


Doch jener, baderüstig, schlägt
Die Hände auf die Brust, und wirft sich in die Wellen,
Da er mit jedem Arm sich rudernd fortbewegt,
Sieht man nun auf der spiegelhellen
Seefläche, wie ein Bild aus zartem Elfenbein,
In halbgebrochnem Wiederschein
Den schönen Jugendleib sich mahlen,
Und gleich den Lilien ein reines Glas durchstrahlen.


Errungen ist der Sieg! schrie die Najad’ entbrannt,
Und, o nun ist er mein! da sie all ihr Gewand
Sogleich weit von sich warf, und in die Flut gesprungen.
Sie hält, als er sich sträubt, mit fester Lilienhand
Den Widerstrebenden umschlungen.
Die Räuberinn! nun raubte sie gezwungen
Ihm den versagten Kuß, und da sie ihn umwand,
Berührt sie seinen Leib, trotz seinem Widerstand.


Doch, als er immer noch in ihren Armen ringet,
Und ihr entfliehen will, umschlinget
Sie ihn bald hie bald dort, und hält ihn fest umwebt.
Wie um des Adlers Klau sich eine Schlange, windet,
Die er im Gras erhascht, und Kopf und Fuß ihm bindet,
Indeß er schnell mit ihr sich himmelan erhebt;
Das Epheu sieht man so den hohen Baum umgeben,
Und hoch zugleich mit ihm sich in die Lüfte streben.


So hascht auch seinen grimmen Feind
Der laurende Polyp in tiefverborgnen Flüssen,
Und hält, da er sich ihm schon halb entronnen meint
Zusammen ihn gedrückt mit seinen hundert Füssen.
Doch Atlas Enkel wehrt beherzt und riesenhaft
In ihren Armen sich, und raubt mit aller Kraft
Ihr die gehoffte Lust, nach der schon halb ersticket
Ihr Athem glühend lechzt, ihr Auge funkelnd blicket.


Allein nun ruft die Nymph’, indem sie heißentzückt
Den Jüngling ganz umflicht, und fest an ihn sich drückt:
Boshafter! ringe nur, du sollst dich nicht entringen
O Götter! lasst uns unentzweyt,
Und weder Erdenmacht noch Zeit
Uns jemals auseinander schlingen!
Sobald die Götter nur ihr dringend Flehn gehört,
Ward auch urplötzlich schon der Nymphe Wunsch gewährt.


Denn wie sich beybe nun vermischt umschlungen halten,
Sah man sich beyder Leib in Einen umgestalten.
Wie man ein Zweigenpaar, das eine Rind’ umzieht,
Zugleich in einen Stamm emporgewachsen sieht;
So einigten sie sich, da beyde sich umgaben,
In einen Zwitterling von Mädchen und von Knaben,
Der, weil er zweyerley Gestalt in Eine schließt,
Nun weder Mann noch Weib, doch Eins in beyden ist.


Hermaphrodit, der nun dem hellen Silberreiche,
Den er erst kurz zuvor noch ganz als Mann berührt,
Als Halbmann schon entstieg, und eine sanfte Weiche
In allen seinen Gliedern spürt,
Erhob die Hände nun mit fleh’ndem Ungestümme,
Und rief mit einer schon halb mädchenhaften Stimme:
Ach, Vater! Mutter! seyd dem Sohn, den ihr gezeugt,
Der zweyfach nach euch heißt, durch eure Macht geneigt!


Wer immer nur als Mann in dieses Weihers Wellen
Zu baden kommt, dem gebt auch mein Geschick!
Laßt ihm die Schenkel stracks in Frauenweiche schwellen,
Als Halbmann kehr’ er auch aus dieser Flut zurück!
Die Eltern liessen auch das ungestümme Flehen
Des zwitterichten Sohns nicht ungerührt ergehen,
Und gaben nun dem Quell die unbekannte Macht,
Durch die er weit und breit sich so in Ruf gebracht.



1 Damit die Zauberinnen den Mond durch magische Gesänge nicht herabziehen könnten, was man besonders fürchtete, wenn er roth wurde; so machte man ein Getöse mit Cymbeln und andern musikalischen Instrumenten, daß der Mond die Zauberworte nicht hören sollte, folglich nicht herunter zu steigen gezwungen würde.




20111205_Gottlieb Leon – Salmacis und Hermaphrodit.

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