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John Milton – Allegro und Penseroso.     Zur Biographie


John Milton, Allegro und Penseroso, Übersetzt von O. H. von Gemmingen, In der Schwanischen Buchhandlung, Mannheim, 1782 (Neudruck 1921)


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Ferdinand Kobell - Titlekupfer


MILTONS
ALLEGRO und PENSEROSO.

Mannheim
in der Schwanischen Buchhandlung
MDCCLXXXII


Für
seine Freunde übersezt
von O. H. von Gemmingen



ALLEGRO.

Flieh, ekelhafte Melankolie, des Cerberus und der
schwärzesten Mitternacht Erzeugte, in stygische
Hölen; verlassen mitten unter schröcklichen Schatten,
Geheul und unheiligen Gesichtern. Suche irgend einen
mißgestallteten Winkel, wo brütende Traurigkeit aus-
breitet ihre neidische Schwingen, und der nächtliche
Rabe krächst. Dort wohne ewig, in finsteren cimme-
rischen Wüsten, unter schwarzen Schatten und herab-
drohenden, wie deine verworrene Loken, bewachsenen
Felsen.

Aber komm, du freie und schöne Göttin, im
Himmel gegrüßt als Euphrosyne, und bei Menschen
als herztröstende Freude, welche die liebliche Venus
in einer Geburt mit den zwo übrigen Schwestern
Grazien, dem Epheu gekrönten Bachus gebahr. Oder
vielleicht, (wie Klügere singen) tändelte der muntere
frühlingbringe Zephyr mit Auroren, als er sie einst
beim Blumenbrechen ertapte, und befruchtete sie da
auf Betten von blauen Violen und frisch aufblühenden
im Morgenthau gebadeten Rosen, mit dir, einer
schönen, losen, heiteren und gefälligen Tochter.

Eile dich, Nymphe, und bringe mit dir Artigkeit
und jugendliche Munterkeit, Neckereien und spaßhafte
Betrügereien; das Nicken und Winken, und das lieb-
lich ausgebreitete Lächeln, wie es auf Hebens Wangen
zu hängen, und im niedlichem Grübchen zu wohnen
pflegt; und jugendliche Ausgelassenheit, welche runz-
lichte Sorge verspottet, und das sich in beiden Seiten
haltende Gelächter. Komm, und tripple her mit leich-
tem Fuße, und leite an deiner Rechten mit dir, die
Bergnymphe, die sanfte Freiheit; und wenn ich dich,
wie billig, ehre, Freude, so laß mich zu deinen Ge-
lagen, zu leben mit ihr, zu leben mit dir, in unbe-
scholtenem freiem Vergnügen; zu hören die Lerche,
die, beginnend ihren Flug, durch ihren Gesang ver-
scheucht die dumpfe Nacht, und die von ihrem Wach-
thurn in den Wolken beobachtet den grauenden Tag.
Komm dann der Traurigkeit zum Trotze, und biete
mir einen guten Morgen, durchs Fenster, an meinem
mit Wildrosen oder Weinlaub umflochtenen Geländer,
wenn der Hahn mit seinen kühnen Schrei verdrängt
den letzten Zug der fliehenden Nacht, und voraus-
schreitend, seine Weiber zum Fruchthaufen oder zur
gefüllten Scheune führt; oft lauschend, wie der Hund
und Hornschall, heiter weckend den noch schlummern-
den Morgen, von der Seite des bereiften Hügels durch
den hohen Wald hell wiederhallt. Dann walle ich, nicht
ungesehn, bei Reihen von Ulmenbäumen, und grünen
Angern, gerade gegen des Orients Thor, wo die aus-
gebreitete Sonne ihren prächtigen Lauf beginnt, ge-
kleidet in Flammen und ambernem Licht, die Wolken
mit tausend bunten Farben geschmückt; wann der
Ackersmann nahe bei mir, froh pfeifend der werden-
den Furche folgt, und das Milchmädchen heiter singt,
der Schnitter die Sichel wezt, und jeder Schäfer sein
Mährchen erzählt unterm Hagdorn im Thale. Gleich
dann saugt mein Auge neues Vergnügen ein, wenn es
in der Runde herum abmißt die ganze Landschaft, die
baumreiche Aecker und graulichte Brachfelder, mit
zerstreuten grasenden Heerden. Die Berge, auf deren
dürrem Scheitel einherziehende Wolken oft drückend
ruhen, sammetne Wiesen mit mannigfaltigem Blumen-
schmelz, rieselnde Bäche, und breite flache Flüße.
Thürme und Mauerspitzen sieht es, die hervorragen
aus dem dicht umgebenden buschigten Walde, wo viel-
leicht irgend eine Schöne ruht, der Cynosur1 der
nachbarlichen Augen. Nahe daran raucht zwischen
zwoen bejahrten Eichen eine niedrige Hatte, wo Co-
rydon und Thyrsis zusammensitzend ein Mittagsmahl
gemessen, das von Kräutern und andern Landfrüchten
die niedliche Hand der Phyllis bereitete, die darauf
eilig die Hütte verläßt, um mit Testylis Garben zu
binden, oder, wenn eine frühere Jahreszeit sie leitet,
um gebräuntes Heu in Haufen zu rechen.

Zuweilen werden mich mit sicherer Freude die auf
Höhen liegende Dörfer einladen, wenn der Glocken-
klang und der Kirchweih Freudenton manches Mädchen
und manchen Knaben zum Tanz rufen im scheckigten
Schatten; und Jung und Alt an einem schönen sonnig-
ten Feyertage heraus kommen, um sich zu ergözen
bis zum Abend des lange zaudernden Tages; wo dann
beim gewürzten nußbraunen Bier die Geschichten so
mancher Sage erzählt werden: wie die Hexe Mab die
Kuchen ißt, wie jene gezwickt und diese gezupft
ward, wie dieser vom Irrwisch geleitet wurde und jener
den starken Goblin gesehn, wie er schwizend um
seinen täglichen Hafen Milch zu verdienen, alle Nacht
vor Anbruch des Tages, seinen schattigten Flegel hat
mehr Korn dreschen sehn, als zehn Taglöhner zu Stande
zu bringen vermögen; und wie dann das plumpe Ge-
schöpf sich hinwirft, und der Länge nach am Heerd
ausgestreckt, seine harigte Stärke am Feuer brät, bis
er beim frühen Hahnenschrei seinen vollen Wanst zum
Thor hinaus stürzt.2 — Bis dann die Erzählungen ein
Ende haben, jeder zu Bette schleicht, und die säuselnde
Winde zum Schlaf einlullen. Dann gefällt mir die be-
thürmte Stadt, und das geschäftige Gesumse der Men-
schen, wo gedrängte Versammlungen kühner Edeln und
Baronen in Friedensgewändern, den hohen Triumph
halten mit einer Menge von Damen, deren strahlende
Augen Muth einflösen und zusprechen den Preis des
Witzes und der Waffen, während daß zwei ringen
um die Gunst derjenigen zu gewinnen, um welche alle
buhlen. Oft erscheine dann Hymen, in Saffranfarbe
gekleidet mit helleuchtender Fackel, und Pracht und
Festlichkeit und Freudentaumel, und Maskerade und
Aufzug alter Sitte: solche Darstellungen, wie heitre
Dichter träumen an einem Sommerabend nahe bei einem
von Geistern besuchten Strohme. Gleich darauf gehe
ich wohl zur betretnen Schaubühne, wo man anzieht
Jonsons gelehrten Cothurn, oder der holde Shake-
spear, das Kind der Phantasie, wirbelt seinen eigen-
thümlichen wilden Gesang.
Und auf immer verbergen mich dann für nagendem
Kummer sanfte lydische Töne, verknüpft mit unsterb-
lichen Versen, welche die schmelzende Seele durch-
dringen, in Noten gezogen durch manche Verwiklungen
des verbundenen Gesangs, die mit ungezwungener
Sorgsamkeit und mit verschmizter Unbesonnenheit die
schmelzende Stimme durch Labyrinthe leiten, auf-
lösend alle die Ketten, welche die Seele der Harmonie
binden; daß Orpheus selbst aufhebe sein Haupt vom
goldnen Schlummer auf dem gehäuften elysischen
Blumenbette, und höre solche Töne, mit welchen selbst
Pluto’s Ohr hätte können gewonnen werden, ganz frei
zu lassen die nur halb wieder erlangte Eurydice.

Kannst du, o Freude, mir solche Ergötzungen geben,
dann will ich mit dir mein Leben zubringen.

* * *

1 Cynosur, ein hellschimmernder Stern.
2 Englisches Volksmährchen.

PENSEROSO.

Flieh, eitle trügende Freude, vaterlose Brut der
Thorheit, wie wenig begnügst, füllst du eine
denkende Seele mit all deinem Tand! Wohne in irgend
einem eitlen Gehirn, und beschäftige thörigte Einbil-
dungen mit Flittergestalten, zahllos wie die schwan-
kenden Motten, die den Sonnenstrahl bewohnen; oder
vielmehr, wie die schwebenden Träume der unbestän-
digen Diener von Morpheus Gefolge.

Heil aber dir, Göttin! kluge und heilige; Heil dir,
göttlichste Melancholie, deren heiliges Antliz zu leuch-
tend ist, um erreicht zu werden vom Sinn des mensch-
lichen Gesichts, und so unserm zu schwachen Auge
beschleiert ist, mit schwarz, der Weisheit ernsten
Farbe. Schwarz, wie es der Schwester des Fürsten
Memnons anständig scheinen mögte, oder der zum
Stern gewordnen ethiopischen Königin, welche be-
gehrte ihrer Schönheit Werth höher zu sezen über die
Seenymphen, deren Macht dadurch beleidigt ward.
Aber du stammst von höherer Art; dich zeugte vor
langen Jahren dem einsamen Saturn die goldharigte
Vesta, seine Tochter (in Saturns Reich ward solch eine
Vermischung noch nicht für unrecht gehalten). Oft
begegnete er ihr in schwach schimmernder Laube oder
dem bedeckten Gang eines innersten Hayns des wal-
digten Ida’s, als man Jupitern noch nicht fürchtete.
Komm, nachdenkende Nonne, andächtige und reine,
mäßige, ernste und stille, eingehüllt im schwärzesten
Gewand mit fliegender majestätischer Schleppe, und
einer Stole von Zobel, herabhängend über deine sitt-
same Schultern. Komm, aber behaltend dein gewöhn-
liches Betragen mit ebnen nachdenkenden Schritten,
und Blicken, die sich mit dem Himmel unterhalten,
und einer entzückten in deinen Augen sitzenden Seele:
Dort immer in heiliger Entzückung gehalten, vergiß
dich selbst zum Marmor, bis du mit einem traurigen,
bleiernen, unterwärts gekehrten Blick dich eben so fest
an die Erde heftest: und habe zu Begleitern den stillen
Frieden und Ruhe, sparsame Fasten durch die man oft
mit den Göttern speist; und höre die Musen im Kreise
um Jupiters Altar herum singen; und geselle zu diesen
eingezogene Ungeschäftigkeit, die in gepuzten Gärten
ihre Freude findet. Zuerst aber und vorzüglich bringe
mit den, der dort mit goldnen Schwingen planet, lei-
tend den Feuerwagen, den Cherub Betrachtung; und
leite das stumme Stillschweigen herein, wenn uns
anders Philomele nicht eines Gesangs würdigt in ihrer
sanftesten, traurigsten Klage, besänftigend die drohende
Stirne der Nacht, während daß Cynthia langsam an-
hält ihr Drachenjoch über ihrer gewöhnlichen Eiche.
Sanfter Vogel, der du das Geräusch der Thorheit
fliehst, der musikreichste und der schwermütigste,
dich flehe ich an, oft im Walde zu hören deinen
Abendgesang; oder, vermisse ich dich, so walle ich
ungesehn auf grünen kurz geschornen Wiesen, zu be-
trachten den wandernden Mond, der neben seinem höch-
sten Bogen fährt, und ähnlich einem der sich verirrt
hat auf dem weiten ungebahnten Himmelsweg, oft,
sich gleichsam untertauchend, hinter einer flockigten
Wolke kömmt. Nicht selten auf der Ebne einer kleinen
Anhöhe höre ich von einem entfernten wasserbespülten
Vorgebürge läuten die langsam schwingende Abend-
glocke im dumpfen Tone.

Oder, wenn das Wetter mich zurückhält, dann
steht mir irgend ein stiller entfernter Plaz an, wo an
der übrig gebliebenen glimmenden Asche das Licht die
Finsterniß nachahmt; weit entfernt von allem freudi-
gen Ton, ausser der den Heerd bewohnenden Grille
und dem einschlummernden Rufe des Wächters, wel-
cher die Thüren für nächtlichem Ueberfalle sichert;
oder laß meine Lampe zur mitternächtlichen Stunde
gesehen werden auf einem hohen einsamen Thum, wo
ich möge oft überwachen des Bärs Gestirn mit dem über-
grosen Hermes, oder zu folgen Plato’s Geist, um zu
entdecken, welche Welt oder was für weite Felder auf-
halten die unsterbliche Seele, wenn sie verläßt ihre
Wohnung im fleischernen Behälter; oder auszuspähen
jene Dämons, die man findet im Feuer, Luft, den
Fluthen, oder unter der Erde, deren Einfluß mit Pla-
neten oder Elementen einstimmt. Zuweilen komme die
prächtige Tragödie mit ihrem königlichen schleppen-
den Mantel, vorstellend Thebens oder Pelops Haus,
oder des göttlichen Troja’s Wundergeschichte; oder
was, obschon seltner, in neuern Zeiten geadelt hat die
gekothurnte Bühne.

Aber, o traurige Jungfrau, daß deine Macht reisen
möge den Musäus in seiner Laube, oder gebiete der
Seele des Orpheus zu singen solche Töne, welche die
Saiten so erschüttern, daß sie eiserne Thränen über
Pluto’s Backen herab zwingen, und der Hölle nach-
geben machen, was Liebe begehrt. Oder wecke den-
jenigen wieder auf, der halb ungeendigt ließ die Ge-
schichte des kühnen Cambuscan, des Camball und des
Algarsif, und desjenigen, der Canace zum Weibe
hatte, welche besas den kraftvollen Ring und Glas, und
vom wundervollen kupfernen Pferde, welches der Tar-
tarkönig pflegte zu reiten; oder wenn es irgend sonst
was grosses giebt, das Barden im ernsten und feier-
lichen Ton besungen haben von Turnieren und hängen-
den Trophäen, von Wäldern und fürchterlichen Be-
zauberungen, in welchen mehr Sinn ist, als Menschen-
ohr vernehmen kann.

So soll Nacht oft mich sehen in ihrem bleichen
Schimmer, bis die geselliger bekleidete Aurora er-
scheine, aber nicht geschmückt und geziert, wie sie
gewöhnt war zu jagen mit dem attischen Knaben;
sondern eingewickelt in einer bescheidenen Wolke,
während daß die erschütternde Winde laut pfeifen,
oder eingeführt mit stillem Regen, wenn der Sturm
aufgehört hat zu sausen, sich endigt auf säuselnden
Blättern und mit minutenweise von Dächern fallenden
Tropfen. Und wenn die Sonne hervor zu brechen be-
ginnt mit ihren blendenden Stralen, dann, Göttin bringe
mich zum gebogten Gange eines dämmernden Hayns,
und zu einem vom Sylvan geliebten braunen Schatten
der Fichte, oder der bejahrten zum Denkmal dienen-
den Eiche, wo die rauhe Axt mit ihrem gehobnen
Schlag nie gehört ward zu schrecken die Nymphen und
sie zu verscheuchen vom heiligen gewohnten Plaz.
Dort in einem bedeckten Gebüsche, bei irgend einem
Bache, wo kein ungeweihtes Auge hin zu sehen ver-
mag, verbirg mich für den blendenden Blicken des
Tages, während daß die honigbeladene Biene bei ihrer
blumigten Arbeit sumset, und die murmelnde Gewässer
durch ihr zusammenstimmendes Geräusch locken den
thaubefiederten Schlaf, vor dessen Flügeln sich aus-
breite irgend ein sonderbarer geheimnisvoller Traum
in einem luftigen Strohme lebend dargestellter und auf
meinen Augenliedern sanft liegender Bilder. Und wenn
ich erwache, so möge ich sanfte Musik athmen ober,
neben und unter mir, gesandt von irgend einem men-
schenfreundlichen Geist, oder dem ungesehenen Genius
des Waldes. Aber, daß meine daran gewöhnten Füße
nie fehlen zu wallen in bleichen zur Betrachtung ein-
ladenden Klöstern, und besuchen die hohe gebogte Ge-
wölbe mit starken gehäuften gothischen Pfeilern, und
bei geschichtvollen reich gezierten Fenstern, herein-
werfend ein sparsames feierliches Licht. Dort lasse die
wiederhallende Orgel herabschallen zum vollstimmigen
Chor im hohen Amt oder hell tönendem Choral; auf
daß die Harmonie mich durch mein Ohr auflöse in Ent-
zückung, und den ganzen Himmel vor meine Augen
bringe. Und endlich möge mein ermüdetes Alter fin-
den eine friedvolle Einsiedelei, eine härne Kutte und
bemoste Zelle, wo ich sitzen kann, und genau aus-
spähen jeden Stern, den der Himmel sehen läßt, und
jedes thausaugende Kraut; bis daß alte Erfahrung ge-
lange zu etwas, weissagender Kraft ähnliches.

Solche Vergnügungen gieb mir, o Melancholie! und
mit dir will ich dann leben.

* * *
Man bemerke, daß Milton zu den verschiednen Absichten die nämlichen Bilder, und den nämlichen Gang im Gedicht beybehält.

Otto Heinrich von Gemmingen, der Dichter des »Deut-
sehen Hausvaters«, übersetzte Miltons »Allegro« und
»Penseroso« als Abschiedsgruß für seine Freunde, als er
Mannheim verließ, um nach Wien zu gehen. Ferdinand
Kobell schmückte den Druck mit dem Titelkupfer und
acht Vignetten (vergl. Etienne, Baron de Stengel, Cata-
logue raisonnä des estampes de Ferdinand Kobell, Nurem-
berg 1823, S.59—64). Die Radierungen wurden unter der
Leitung von Professor Fritz Götz in der Leipziger Aka-
demie für Buchgewerbe und Graphik nachgebildet und
von C. G. Naumann in Leipzig im Offset-Verfahren
wiedergegeben. Poeschel & Trepte in Leipzig
besorgten den Neudruck für die Mit-
glieder der Gesellschaft der
Bibliophilen im Jahre
1921