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John Milton – Erster Gesang. (Das verlorene Paradies)     Zur Biographie


Aus: John Milton, Poetische Werke, Deutsch von Adolf Böttger, Rößling'sche Buchhandlung, Leipzig, 1846


20111215_Milton

John Milton - Kupfer nach der Ausgabe


Zweiter Gesang.

Hoch auf dem Thron von königlichem Prunk,
Der all den Reichthum Indiens und Ormuz’s,
Wie den, wodurch des Ostens reiche Hand
Mit Perl’ und Gold die Fürsten überströmt,
Weit überstrahlte, saß der Satanas.
Durch sein Verdienst zu solcher Höh’ erhoben
Und durch Verzweiflung über alles Maaß
Gestiegen, strebt er höher noch hinaus,
Um unersättlichen, doch eitlen Krieg
Mit Gott zu führen, achtlos des Erfolgs,
Enthüllt er seine stolzen Pläne so:

»Ihr Herrschermächte, Herrn und Himmelsgötter,
Weil keine Tief’ im Abgrund ew’ge Kraft,
Wenn auch gestürzt sie ist, erhalten kann,
Geb’ ich noch nicht den Himmel für verloren.
Von diesem Fall erstehend, wird die Kraft
Die himmlische, weit herrlicher erscheinen,
Und hat den zweiten Fall nicht zu befürchten.
Zwar hat mich Recht und himmlisches Gesetz
Zu eurem Haupt erwählt, dann freie Wahl,
Nebst dem, was ich im Rath und im Gefecht
Mir an Verdienst erwarb; doch der Verlust,
So weit er wiederum ersetzt, hat mir
Den Thron, noch unbeneidet, mehr befestigt,
Den volle Beistimmung mir übergab.
Des Himmels Heil, von Würde stets begleitet,
Mag im Geringern wohl den Neid erregen,
Doch wer beneidet den, deß höchster Stand
Zum Ziel des Donnerers zuerst ihn stellt,
Als euer Bollwerk, und verdammt zur Fülle
Endloser Pein? Wo keine Güter winken
Als Kampfesziel, regt sich kein Streit zur Spaltung;
Denn Keiner wünscht der Hölle Vorzug wohl,
Und Keiner, dessen Qual nur wenig wiegt,
Wird größre noch verlangen. Einigkeit
Und feste Treue, wie sie kaum im Himmel,
Läßt unser altes rechtes Erbe fordern,
Gewisser des Erfolgs, als je das Glück
Uns zuertheilte; was der beste Weg,
Ob offnes Kämpfen, ob verdeckte List,
Erwägen wir: wer Rath weiß, möge sprechen.«

Er schwieg, und ihm zunächst stand Moloch auf,
Ein sceptertragender Fürst, der stärkste Geist,
Der wild im Himmel focht, und wilder jetzt
Noch aus Verzweiflung war; er hielt an Stärke
Dem Ewigen sich gleich und wollte lieber
Nicht sein, als weniger; bei diesem Glauben
Schwand alle Furcht, um Gott, um Höll’ und Aerg’res
Ganz unbekümmert, sprach er diese Worte:

»Mein Rath ist offner Krieg, nicht rühm’ ich mich
Der List, worin ich unerfahren bin;
Laßt dem sie, wem sie nöthig, oder wenn
Sie nöthig, nur nicht jetzt. Soll, während Solche
Nachgrübelnd sitzen, die bewaffnete
Million, die das Signal zum Kampf ersehnt,
Als Flüchtlinge des Himmels müßig schmachten,
Als Wohnsitz diesen dunkeln Pfuhl der Schmach,
Den Kerker seiner Tyrannei, der nur
Durch unsre Zögerung regiert, empfangen?
Nein, laßt uns lieber mit der Hölle Feuer
Und Wuth uns waffnen, um auf einmal all’
Unwiderstehlich zu des Himmels Zinnen
Vorschreitend unsre Marterqual als Waffe
Dem Peiniger entgegen zu verwandeln.
Dann soll auf seines Wurfgeschosses Tosen
Der höllische Donner dröhnen; statt des Blitzes
Nur schwarze Gluth, mit gleicher Wuth geschossen,
Die Engelschaar umlodern und sein Thron
Mit Schwefel sich und fremdem Feuer, erst
Als Folter uns erwählt, umfluthet sehn.
Doch Manchem scheint vielleicht der Weg zu steil
Mit ausgespreizten Schwingen gegen jenen
Gewalt’gern Feind; drum laßt bedenken uns,
Wenn nicht der Trank aus dem Vergessenspfuhl
Sie noch umnebelt, daß wir in die Heimath
In uns gebührender Bewegung steigen,
Zu fallen, wär’ zuwider unserm Wesen.
Wer fühlte jüngst nicht, als der trotz’ge Feind
An des geschlagnen Heeres Nachtrab hing,
Uns in die Tiefe trieb, mit welchem Zwang
Und mühevollem Flug so tief wir sanken?
Aufsteigen ist drum leicht, der Ausgang ist
Gefürchtet; reizten wieder wir den Stärkern,
Kann schlimmre Wege zum Verderben uns
Sein Zorn erwählen, wenn wir in der Hölle
Noch Furcht vor ärgerer Zerstörung kennen.
Was giebt es Schlimmres wohl, als hier zu wohnen,
Fern von der Seligkeit, in grauser Tiefe,
Zu grenzenlosem Weh verdammt zu sein?
Wo unauslöschbar quälend Feuer uns
Ganz ohne Hoffnung eines Endes foltert,
Als seines Zorns Vasallen, wann die Peitsche
Und Folterstund’ uns ruft zur Züchtigung?
Noch mehr zerstört, als jetzo, würden wir
Durchaus vernichtet sein und aufgerieben.
Was fürchten wir, was zaudern wir, den Zorn
In ihm auf’s Aeußerste zu reizen? Wenn
Zur größten Wuth wir ihn entflammen, wird
Er uns zerstören und in Nichts verwandeln,
Ein größer Glück, als ewig elend sein!
Wenn aber unser Wesen göttlich ist,
Nicht lassen kann zu sein, so droht uns auch
Nichts Schlimmres mehr, und die Erfahrung spricht
Für unsrer Kräfte Fülle, seinen Himmel
Zu stören und mit stetem Kampfe seinen
Zwar unersteiglich grausen Thron zu schrecken.
Ist dies nicht Sieg, so ist’s doch mind’stens Rache.«

Er endete mit finstrer Stirn, sein Blick
Verkündet Rache der Verzweiflung, Krieg,
Gefährlich für Geringere, denn Götter.
Drauf regt sich Belial auf der andern Seite,
Mehr zierlich, so wie menschlich an Geberde.
Wohl schönern Geist verlor der Himmel nie,
Er schien gebildet nur für würd’ge Thaten,
Doch Alles war noch falsch und hohl an ihm,
Obwohl ihm Manna von der Zunge floß,
Daß selbst die schlimme Sache besser schien,
Womit der reifste Rath vereitelt ward.
Sein Sinn war niedrig, nur für Laster emsig,
Bei edlern Thaten aber feig und träg’;
Dem Ohre schmeichelt seine Rede wohl,
Und überredend sprach er sanften Tones:

»Ich stimme ganz für offnen Krieg, ihr Herrn,
Denn in dem Hasse steh’ ich Keinem nach,
Wenn nicht der Grund, der angeführet ward,
Um unbedingt den Krieg uns anzurathen,
Mir ihn am meisten wiederrieth’ und schlimme
Vorahnung dem Erfolg zu drohen schien;
Wenn er, der in den Waffen ausgezeichnet,
Dem eignen Rath, so wie dem Krieger selbst
Mißtrauend auf Verzweiflung und Vernichtung
Den Muth begründet, als ob dies der Zweck,
Das ganze Streben grausenvoller Rache.
Doch welche Rache! Sind ja doch die Zinnen
Des Himmels mit Bewaffneten besetzt,
Die jeden Zugang unerreichbar machen.
Oft lagern Legionen an den Rand
Des Abgrunds, mit den dunkeln Schwingen tief
Und weit ins Reich der Nacht hinein zu spähn,
Des Ueberfalles spottend. Könnten wir
Bahn brechen uns zum Himmel mit Gewalt,
Und folgte mit der schrecklichsten Empörung
Die Höll’ uns auf den Fersen, um des Himmels
Licht zu vertilgen, würde dennoch unser
Gewalt’ger Feind unüberwindlich auf
Dem ewig unbefleckten Throne sitzen,
Und der äther’sche Stoff, der Flecken bar,
Vermöchte bald das Unheil auszustoßen,
Vom niedern Feuer glorreich sich zu läutern.
Zurückgeschlagen so, bleibt unsre Hoffnung
Verzweiflung nur; wir müssen den Allmächt’gen
Erbittern und zu höchster Wuth ihn reizen,
Die uns vernichtet und dann unser Nichtsein
Als Heilung bringt; o schreckenvolle Heilung!
Wer würde wohl, wenn er auch voller Qual,
Dies geist’ge Sein verlieren, die Gedanken,
Die durch die Ewigkeiten wandern, nur,
Um zu vergehn, verloren und verschlungen
Vom weiten Schooß der unerschaffnen Nacht,
Bewegungslos und des Gefühls beraubt?
Wer weiß, wenn dies ein Gut auch selber wär’,
Ob der ergrimmte Feind es geben kann,
Und ob er’s jemals will? Ob er es kann,
Ist zweifelhaft; daß er’s nicht will, gewiß.
Wird er, der Weise, seinen Zorn auf einmal
Entzügeln, um aus Unbedacht und Schwäche
Den Feinden ihr Begehren zu erfüllen?
Im Grimm sie zu vernichten, die sein Grimm
Endlosen Strafen aufbewahrt? Was zaudern!
So rufen Jene, die zum Kriege rathen,
Wir sind zu ew’gen Leiden ja bestimmt,
Was wir auch immer thun, was können wir
Noch mehr erdulden und wohl Schlimm’res leiden?
Ist es das Aergste, daß berathend wir
Also im Waffenschmuck hier niedersitzen?
Wie, wenn wir eiligst flohn, verfolgt, getroffen
Vom Himmelsdonner und die Tiefe baten,
Uns zu beschirmen? Dann erscheint die Hölle
Uns Zuflucht für die Wunden. Oder wenn
Gekettet auf dem Feuersee wir lägen?
Dies wär’ ja ärger noch. Wie, wenn der Hauch,
Der dieses grimm’ge Feuer zündete,
Zu siebenfacher Wuth er steigern wollte,
Um in die Flammen uns zu stürzen? Oder
Von oben die beruhigte Rache wieder
Die rothe rechte Hand bewaffnete,
Uns neu zu quälen? Wie, wenn alle Räume
Geöffnet und der Hölle Firmament
In Feuercataracten sich ergösse
Und niederhängende Schrecken unsre Häupter
Mit grausevollem Einsturz einst bedrohten,
Indessen wir vielleicht glorreichen Kampf
Berathen, und ein Feuerstrudel uns
Ergriff und an die Felsen heftete,
Ein Spiel und Raub der wilden Wirbelwinde,
Wenn wir in Ketten für die Ewigkeit
In jenen siedenden Ocean versänken,
Dort unter ew’gem Stöhnen, unerleichtert,
Mitleidlos, unerlöst, Jahrtausendlang
Ganz hoffnungslos zu weilen? Aerger wär’s!
Zum Krieg, zum offnen, zum verborgenen,
Mag ich mit meiner Stimme drum nicht rathen.
Was thäte List und Stärke wider den,
Der Alles ja auf einmal übersieht?
Von Himmelshöhn verlacht er all die eitlen
Empörungen, und macht all’ unsre Pläne
Zu nichte, weil er der Gewalt durch Allmacht
Zu widerstehn vermag. Im Elend leben,
Wie sollten wir’s, ein Volk des Himmels, das
Gedrückt, verstoßen, Qual und Ketten trägt?
Eh’ dies als Aerg’res — ist mein Rath, dieweil
Ein unvermeidlich Schicksal uns bewältigt,
Der Wille des Besiegers und sein Rath.
Und leiden, so wie handeln können wir;
Gerecht ist das Gesetz, das es befiehlt.
Wenn klug wir waren, riethen wir dazu
Schon damals, als wir mit dem mächt’gen Feind
Es wagten, wo der Sieg so ungewiß.
Ha! lachen muß ich, zittern solche, die
Kühn auf die Waffen trotzten, wenn sie fehlen,
Und jenes fürchten, was doch, wie sie wußten,
Erfolgen mußte: Schande, Ketten, Elend
Und Pein, wozu der Sieger sie verdammt.
Dies ist nun unser Loos, und wenn wir’s dulden,
Wird unser höchster Feind vielleicht dereinst
Ablassen von dem Zorn, und so entfernt
Von ihm beleid’gen wir ihn nicht, und er
Begnügt mit der ertheilten Strafe sich.
Dann wird sich mindern auch des Feuers Wuth,
Sobald sein Athem nicht die Flammen facht
Das rein’re Wesen überwindet dann
Den grassen Dampf; vielleicht auch würden wir,
Daran gewöhnt, ihn nicht mehr fühlen, oder
Verändert und mit diesem Ort vertraut,
Die Schmerzen nicht der grimm’gen Hitze fühlen;
Der Schrecken wird uns mild, das Dunkel hell.
Wer weiß, welch eine Hoffnung die beständ’ge
Flucht künft’ger Tage mit sich bringen kann,
Welch einen Wechsel, werth, darauf zu warten,
Da unser jetzig Loos zwar glücklich nicht,
Nur schlimm ist; schlimm jedoch das schlimmste nicht,
Wenn wir uns selbst nicht größres Weh erzeugen.«

Also rieth Belial, gehüllt die Worte
In der Vernunft erborgtes Kleid, zur Ruh’,
Zu freudevoller Trägheit, doch nicht Frieden,
Und nach ihm redete der Mammon so:

»Entweder streiten wir, wenn Krieg das Beste,
Damit den Himmelskönig wir entthronen
Und wiederum verlornes Recht gewinnen.
Ihn zu entthronen können dann wir hoffen,
Sobald das ew’ge Schicksal sich in Zufall
Verwandelt und das Chaos Richter wird.
Das Erstere zu erhoffen, ist zu eitel
So wie das Letztre. Welchen Platz im Himmel
Vermögen zu erringen wir, wenn nicht
Den höchsten Herrn des Himmels wir bezwingen?
Wenn er besänftigt uns auch Gnade böte,
Sobald Gehorsam wir und Treu verhießen,
Mit welcher Stirne beugten wir uns ihm,
Um des Befehls zu lauschen, seinen Thron
Mit Hymnen hoch zu feiern, seiner Gottheit
Gezwung’nes Halleluja singend, während
Als Herr er auf dem Thron beneidet herrschte,
Und sein Altar ambrosisch duftete
Von Blumen, die wir sclavisch opferten?
Dies wär’ im Himmel unser Tagsgeschäft
Und unsre Lust; welch eine Ewigkeit,
Wenn, den wir hassen, wir verehren müßten.
Drum laßt uns nicht den frühern prächtigen
Vasallenstand auf’s Neue jetzt erstreben,
Da wir unmöglich durch Gewalt ihn zwingen,
Und ihn verschmähn, wenn selbst ihn Gnade reicht.
In uns allein sei unsre Seligkeit,
Für uns allein zu leben, sei es auch
In dieser Wüste hier, damit wir frei
Und unabhängig statt des leichtern Jochs
Des Sclavenpomps die schwere Freiheit wählen.
Im schönsten Licht wird unsre Größe glänzen,
Wenn Großes wir aus Kleinem, Nützliches
Aus Schädlichem und Heil aus Unheil schaffen,
Und wo es sei, wenn unter Uebeln wir
Zunehmen und durch Leiden und durch Mühen
Vergnügen aus der Marter ziehen können?
Und graut es uns vor dieser tiefen Welt
Der Finsterniß? Wie oft erwählt der Höchste
In dichten dunkeln Wolken seinen Sitz,
Ganz unbeschadet seines Glorienscheins,
Wann er den Thron mit aller Majestät
Der Finsterniß umzieht, mit Donnerbrüllen,
So daß an Wuth der Himmel gleicht der Hölle!
Wie unser Dunkel er nachahmen kann,
So werden wir’s wohl auch mit seinem Licht!
Auch diese Wüste hat verborgnen Glanz
An Gold und Edelstein, uns fehlt es nicht
An Kunst und an Geschick, vortreffliche
Gebäude zu vollenden, und vermag
Der Himmel mehr? Was unsre Pein jetzt ist,
Wird mit der Zeit zu unserm Element;
Mild wird das Feuer, das uns jetzo quält,
Nach seinem Wesen ändert sich das unsre,
Was auch das Schmerzgefühl entrücken wird.
Kurz Alles mahnt zu friedlichen Gedanken,
Läßt uns erwägen, wie in unserm Jammer
Wir uns am besten helfen, wohl bedenkend,
Was jetzt und wo wir sind; doch ferne sei
Die kriegerische Lust. Dies ist mein Rath.«

Kaum schwieg er, als ein solch Geräusch entstand
In der Versammlung, als ob hohle Felsen
Den Schall von brausenden Winden fangen, so
Die ganze Nacht die See durchwühlt und jetzt
Ermüdete Matrosen heisern Tons
Einschläfern, wann die Barke nach dem Sturm
In felsiger Bai durch Zufall ankerte:
Ein solcher Beifall klang nun allgemein,
Als Mammon schloß, denn es gefiel der Rath
Zum Frieden Allen, welche vor der Hölle
Nicht so erbebten, als vor neuer Schlacht.
So wirkte jene Furcht vor Michaels Schwert
Und seinem Donner noch in ihrem Innern,
So wie der Wunsch, das Höllenreich zu gründen,
Das sich durch Politik im Lauf der Zeit
Wetteifernd mit dem Himmel heben könnte.
Als Beelzebub, der Höchste neben Satan
Die Stimmung sah, erhob er sich mit ernstem
Antlitz, als wie der Pfeiler eines Staats.
Auf seiner Stirn war Ueberlegung tief
Und Sorge fürs Gemeinwohl eingegraben,
Entschlossenheit erglänzte majestätisch
Auf seinem Antlitz, selbst noch im Verfall.
Ein Weiser stand er mit des Atlas Schultern,
Stark das Gewicht des größten Reichs zu tragen.
Sein Blick gebot Gehör und Ruhe rings,
Wie die der Mitternacht und Mittagsluft
Im Sommer, während er die Worte sprach:

»Ihr Herrschermächte, die vom Himmel stammen,
Voll Aetherkraft! Wie, sollten diesen Titel
Wir jetzt verändern und uns Höllenfürsten
Mit einmal nennen, denn des Volkes Stimme
Scheint dies zu wollen, um uns hier ein Reich,
Das mit der Zeit erwachse, zu erbauen.
Es träumt und weiß nicht, daß des Himmels König
Zum Kerker uns nur diesen Raum erwählt,
Als Zuflucht nicht vor seinem mächt’gen Arm,
Wo frei wir von des Himmels Herrschaft leben
Im neuen Bunde gegen seinen Thron:
Nein, daß wir in den strengsten Banden hier
Verbleiben, und, ob ferne selbst von ihm,
Im unvermeidlich harten Joche stehn
Als wohl verwahrte, schwer gefang’ne Schaar.
Denn in der Höh’ und Tiefe wird allein
Er als der erst’ und letzte König herrschen
Und durch Empörung keinen Theil des Reichs
Jemals verlieren, sondern sein Gebiet
Bis in der Hölle tiefen Raum erweiten
Und uns mit einem Eisenscepter hier,
Dem goldnen gleich im Himmel, stets regieren.
Was rathen wir auf Krieg und Frieden noch?
Der Krieg hat unser Schicksal schon bestimmt,
Den unersetzlichsten Verlust gebracht.
Den Frieden hat noch Niemand uns geboten,
Noch suchten wir ihn je, denn nimmer wird
Uns Sclaven andrer Frieden wohl gewährt,
Als Ketten, Geißel und der Willkür Strafe.
Und welchen Frieden gäben wir dafür,
Als Feindschaft nur und Haß nach unsrer Macht,
Nur unbezähmten Widerstand und Rache,
Die, langsam zwar, doch stets auf Pläne sinnt,
Des Sieges Lust dem Sieger zu entziehn,
Daß Ihn am mindesten erfreuen möge,
Was er uns thut, und wir am meisten leiden?
Gelegenheit wird uns dazu nicht fehlen,
Auch brauchen wir nicht mit Gefahr des Kampf’s
Den Himmel anzugreifen, dessen Mauern
Nicht Sturm noch Ueberfall der Tiefe fürchten.
Wie wenn wir einen leichtern Plan erdächten?
Es giebt ja einen Ort, (wenn jenes alte
Weissagende Gerücht im Himmel wahr!)
Die sel’ge Welt des neuerschaffnen Volkes,
Das man die Menschen nennt und das schon jetzt
Geboren wird nach unserm Ebenbild;
Nur nicht wie wir so herrlich und gewaltig,
Doch von dem Herrscher droben mehr begünstigt.
Denn so erklärt’ er Göttern seinen Willen,
Bekräftigt’ ihn mit einem solchen Eide,
Daß rings des Himmels Kreis erschütterte.
Darauf geh unser ganzes Denken jetzt,
Was für Geschöpfe dort wohl wohnen mögen,
Von welchem Stoff und welchen Gaben sie,
Was ihre Macht und ihre Schwäche sei,
Und wie am besten sie zu hintergehn;
Ob mit Gewalt, vielleicht auch wohl mit List.
Obwohl der Himmel uns verschlossen ist,
Der ew’ge Richter in dem Himmel thront
In seiner eignen Stärke, kann doch immer
Uns dieser Ort mehr offen sein, als Grenze
Von seinem Reich, und die Vertheidigung drinn
Den eigenen Bewohnern überlassend.
Hier wird vielleicht ein Vortheil rasch erreicht;
Wenn plötzlich seine ganze Schöpfung wir
Mit Höllenglut verderben oder Alles
Als unser Eigenthum zu nehmen suchen,
Und dann, wie wir vertrieben wurden, auch
Die schwächlichern Bewohner dort verjagen,
Und geht es nicht, sie dort zu unsrer Schaar
Verleiten, daß sie ihren Gott befeinden,
Bis reuig er sein eignes Werk zerstört.
Gemeiner Rache käme dies nicht gleich:
Und seine Lust an unsrer Schande wiche,
Indem wir seines Grolls uns freuen würden,
Wenn die geliebten Seelen zu uns nieder
Gestürzt, ihr schwaches Urbild und ihr Glück
So früh gewelkt, verfluchten. O bedenkt:
Ob dieses des Versuches würdig sei,
Und besser wohl, als in der Finsterniß
Zu sitzen hier, auf eitle Reiche brütend.«

So teuflisch gab Beelzebub den Rath,
Den Satan erst zum Theile vorgeschlagen;
Denn von dem Urquell alles Bösen konnte
Solch eine tiefe Bosheit nur entspringen;
Um bis zur Wurzel das Geschlecht der Menschen
Verderbend, Erd’ und Hölle zu vermischen;
Und dies dem großen Schöpfer nur zum Trotz;
Doch mehrt ihr Trotz nur seine Herrlichkeit.
Der kühne Plan gefiel der Höllen Schaar,
In jedem Auge funkelte die Freude.
Einmüthig stimmten Alle sie dafür,
Worauf er dann auf’s Neue redete:

»Mit Recht entschiedet ihr den langen Streit,
Und habt als Götter eurer Größe nach
Die größte That beschlossen, die dereinst
Zum Trotz dem Schicksal aus der tiefsten Tiefe
Zu unserm alten Sitz uns heben wird.
Vielleicht zu jenen klaren Grenzen auf,
Von wo wir mit den nachbarlichen Waffen
Bequem den Himmel wieder stürmen können;
Und wenigstens in mildrer Zone dann,
Verlassen nicht vom schönen Himmelslicht,
Verweilen, um am Strahl des Orients
Dies Dunkel wegzubaden, wenn die Luft
Uns sanft und lieblich all die Narben dieser
Glutklumpen heilt, indem sie Balsam haucht.
Wer aber soll die neue Welt erspähn,
Und wer genügt, den finstern, bodenlosen
Abgrund gewandten Schritts zu untersuchen,
Und wer soll durch die fühlbar dichte Nacht
Den ungebahnten Weg ergründen, oder
Den luft’gen Flug entfalten, unermüdlich
Die Schwingen über wüste Klüfte tragen,
Eh jenes Eiland er des Glücks erreicht?
Und welche Kunst und Stärke gnügte dann,
Und welche List, um jene scharfen Wachen
Der aufgestellten Engelschaar zu täuschen?
Hier braucht es Vorsicht wie bei unsrer Wahl,
Denn Jener, den wir dorthin ausgesandt,
Trägt das Gewicht der ganzen letzten Hoffnung!« —
Er sprach’s und setzte sich. Erwartung hielt
Erhoben seinen Blick: wer wohl erschien,
Wer loben oder widerrathen würde
Und wagen den gefährlichen Versuch.
Doch Alle saßen stumm, — mit ernstem Sinn
Erwägend die Gefahr; und Jeder las
Bestürzt in seines Nachbars Angesicht
Die eigne Furcht. Und Keiner ward gefunden
Von dieser besten Schaar der Himmelsstürmer,
Der keck sich zu der schreckenvollen Reise
Erbieten wollte, bis der Satan endlich,
Den jetzt ein klarer Glorienschein erhob,
Monarch’schen Ruhm’s und Werthes sich bewußt,
Zu seinen niedrigern Gefährten sprach:

»Nachwuchs des Himmels! Lichtverklärte Throne!
Mit Recht hat tiefes Schweigen uns ergriffen
Und Bangigkeit, obwohl wir unverzagt.
Lang ist der Weg und hart, der aus der Hölle
Zum Lichte führt, und unser Kerker fest,
Dies ungeheure flammende Gewölbe,
Das uns zu schlingen droht, ummauert uns
Neunfach; und Thore brennender Demanten,
Geschlossen drohen starr sie jeden Ausgang.
Käm Einer durch, so fängt ihn gleich die Tiefe
Der wesenlosen Nacht, die öde gähnt;
Und drohet ihm mit dem Verlust des Seyns,
Sobald er den fruchtlosen Schlund erfüllt.
Naht dann er einer unbekannten Welt,
Wo sie auch sei, was bleibt ihm als Gefahren,
Die er nicht kennt und wo er kaum entrinnt?
Doch würd’ ich diesen Thron entweih’n ihr Fürsten,
Die königliche Herrschaft glanzgeschmückt,
Wenn mich ein Plan für’s allgemeine Wohl
Gleich durch den Schein von Wagniß und Gefahr
Vom Unternehmen abzuschrecken wagte!
Warum erhielt ich diese Königswürde,
Und schlage sie nicht aus, wenn ich mich weig’re
Jetzt die Gefahr so wie den Ruhm zu theilen,
Wie’s einem Herrscher ziemt, dem mehr Gefahr
Gebührt, da hoch er über Andre thront.
Geht drum gewalt’ge Mächte, zwar gefallen,
Doch stets des Himmels Schrecken, und bedenkt
Daheim, weil hier doch unsre Heimath ist,
Was wohl am Besten unser Elend lindern
Und uns die Höll’ erträglich machen kann,
Wenn Heilkunst oder Zauberei die Pein
Wird mindern, stillen oder bannen können.
Auch unterlaßt nicht, auf den Feind zu achten,
Der wachsam ist, indeß ich alle Küsten
Der nächtigen Verwüstung rings durchschweife,
Errettung uns zu suchen; denn es soll
Niemand dies Unternehmen mit mir theilen.«

Dies sprechend hob sich der Monarch empor
Und hinderte, daß Jemand ihm erwied’re;
Weil ein’ge Häupter jetzo, da sie wußten
Daß sie nur abgewiesen würden, sich zu dem
Erböten, was sie erst mit Furcht erfüllt,
Und abgewiesen selbst, doch in den Ruf
Als Nebenbuhler kämen, und den Ruhm,
Den er durch hartes Wagniß erndten mußte,
Wohlfeil gewönnen. Doch sie fürchteten,
Wie die Gefahr auch seines Worts Verbot;
Und All’ erhoben sich mit ihm zugleich,
So daß es ringsum rauschte wie der ferne
Hinrollende Donner. Darauf beugten sie
Sich ehrfurchtsvoll vor ihm zur Erde, priesen
Als einen Gott ihn, der dem Höchsten gleich.
Auch rühmten sie als eine Heldenthat,
Daß er zu Aller Heil sein eigenes
Aufopferte; denn die verdammten Geister
Verlieren nimmer gänzlich ihre Tugend,
Auf daß die schlechten Menschen sich nicht rühmen
Der bessern That, wozu sie Ruhmbegier,
Ehrgeiz im Schein des Eifers nur bewogen.
So schlossen sie den zweifelvollen Rath,
Ihr unvergleichlich Haupt mit Jauchzen preisend:
Wie wenn die düstren Wolken von den Gipfeln
Der Berge steigen und der Nordwind schläft,
Das Angesicht des Himmels überwallend,
Und dann ein trübes Element aufs Land
Schnee oder Regenschauer schüttet, und sodann
Der Sonne letzter Strahl zum lieblichen
Lebwohl erglänzt, das Feld sich neu belebt,
So daß die Vögel singen, Herden blöken,
Und Berg und Thal die Freude wiederhallt.
O Schmach der Menschen! Selbst die Teufel hält
Eintracht und Frieden mit einander fest:
Die Menschen nur von den vernunftbegabten
Geschöpfen spalten sich, wie wohl sie unter
Des Himmels Gnade. Gott verkündet Frieden, —
Sie aber hegen Feindschaft, Haß und Kampf,
Und führen Krieg, die Erde graß verwüstend,
Um sich einander zu zerstören; als ob nicht
Der Mensch genug der Höllenfeinde hätte,
Die Tag und Nacht auf sein Verderben lauern,
Was just zur Einigkeit ihn leiten sollte.

So aufgehoben war der Hölle Rath.
In Ordnung kamen nun die hohen Fürsten
Den mächtigen Satan in der Mitte führend,
Der schon allein ein Himmelsstürmer schien,
Und furchtbar war als Herr des Höllenreichs;
Ein Kreis von feurigen Seraphim umschloß
Mit Pomp und nachgeahmtem Himmelsstaat
Ihn rings, in hellen Wappenröcken strahlend;
Dann ward befohlen, daß der Reichsbeschluß
Verkündet werde mit Trompetenschall,
Flugs gegen die vier Winde setzten vier
Der schnellsten Cherubim an ihren Mund
Das klingende Metall, und bliesen drein.
Die Heroldstimmen künden den Beschluß,
Die hohle Tiefe hört sie fern und nah;
Das Höllenheer erwiedert jauchzend ihm
Mit Beifallsschrei’n. Beruhigt und von falscher
Hoffnung ermuntert, theilten sich die Mächte.
Ein Jeglicher nahm seinen eignen Weg,
Wie Neigung oder Wahl ihn irre führte,
Um Ruhe dem unstäten Geist zu suchen,
Daß er die trüben Stunden froh verbringe,
Bis jenes hohe Haupt zurückgekehrt.
Wetteifernd auf der Ebne mit einander,
Versuchten sie im schnellen Laufe sich,
Und schwangen in der Luft sich mit den Flügeln,
Wie im Olympischen Spiel auf Pythons Feld.
Die Andern zähmten ihre Feuerrosse,
Umfuhren mit der Wagen Flug das Ziel,
Und bildeten aus Schaaren Vorderreihn:
Wie wenn zur Warnung stolzer Städte, Krieg
In trüber Luft erscheint und in den Wolken
Zum Kampfe Heere stürzen, rücken vorn
An jeden Flügel luftige Kämpfer an,
Mit eingelegtem Speer bis dichtre Schaaren
Sich bilden, und der Himmel von den Thaten
Von einem Ende bis zum andern glüht.
Ein andrer Theil noch grimmiger gestimmt,
Reißt mit typhonisch ungeheurer Wuth
Die Felsen aus, und fährt auf Wirbelwinden;
Die Hölle faßt dies wilde Toben kaum:
So riß einst der Alcide, sieggekrönt,
Zurückgekehret von Oechalia,
Das Giftgewand mit Schauderqualen fühlend,
Thessaliens Tannen sammt der Wurzel aus,
Und schleuderte den Lichas von dem Gipfel
Des Oeta in Euböa’s fernen See.
Noch Andre, die von sanfterem Gemüth,
Ziehn sich in stilles Thal zurück und singen
Mit Engeltönen zu der Harfe Klang
Die eignen Heldenthaten, ihren Sturz
Durch Kriegesloos, und klagen das Geschick,
Daß freie Tugend der Gewalt erliegt.
Selbstsucht war ihr Gesang, doch Harmonie
(Denn diese kommt ja von Unsterblichen)
Vermochte selbst der Hölle Graus zu bannen,
Und bracht’ Entzücken in der Hörer Schaar.
In lieblichern Gesprächen (es bezaubert
Wohlredenheit den Geist, Gesang
Den Sinn,) saß abgesondert noch ein Theil
Auf einem Hügel in erhabnem Denken,
Sie reden über Vorsehung und Wissen,
Schicksal und Willen und Vorherbestimmung,
Verloren ganz in diesem Labyrinth;
Auch sprechen sie vom Guten und vom Bösen,
Von Glück, von Elend und von Seligkeit,
Von Leidenschaft und Unempfindlichkeit,
Von Ruhm und Schmach, was alles leere Klugheit
Und falsche Weisheit, die auf Zeiten doch
Bezaubernd schnell die Angst und Qual verjagt
Und trügerische Hoffnung noch erregt,
Und mit Geduld das schon versteinte Herz
Sowie mit dreifach hartem Stahl bewaffnet.
Ein andrer Theil durchstreift in dichten Banden
Die weite, düstre Welt, ob sich vielleicht
Ein andrer Strich als bessre Wohnung finde.
Vierfachen Weges geht ihr luftger Zug
Am Strande der vier Höllenströme hin,
Die giftig in das Flammenmeer sich winden:
Der Styx, die Flut des tödtlich bittern Hasses,
Der Acheron, der schwarzen Sorge Strom,
Cocytus, von der Klage so benannt,
Die stets an seiner Reue Wasser tönt,
Und Phlegethon, deß Feuer Wuth entzündet.
Von diesen ferne rollt ein stiller Strom,
Lethe die Quelle der Vergessenheit,
Sein Wasserlabyrinth. Wer daraus trinkt,
Vergißt im Nu sein Wesen, seinen Stand
Und Lust und Leid, Vergnügen so wie Qual.
Jenseit des Stromes liegt ein eisig Land,
Wild, dunkel und von ewgem Sturm gepeitscht,
Mit Wirbelwind und grauser Hagelfluth,
Die auf dem festen Lande nimmer schmilzt,
Nein, sich zu Bergen häuft, und nur wie Trümmer
Uralter Säulen scheint. Rings tiefer Schnee
Und Eis, ein Schlund so wie Serbona’s Sumpf,
Der zwischen Damiat und Casius lag,
Wo ganze Heere drin versunken sind.
Die Luft brennt eisig dort, und arge Kälte
Bewirkt, was sonst nur Feuergluth vermag.
Dahin von Furien mit Harpyenfüßen
Geschleppt, gelangen die Verdammten all’,
Und fühlen wechselweis den bittern Tausch
Der ärgsten Grade, durch den Wechsel nur
Fühlbarer noch; — von Flammenbetten stürzen
Ins Eis sie nieder, daß die Aetherwärme
Erstirbt in ihnen; regungslos zu schmachten,
Und festgebannt und ringsum eingefroren,
Bis man zurück sie in die Flammen stürzt.
Sie schreiten über diesen Lethesund,
Nur ihre Qual vermehrend, hin und wieder,
Bestreben sich im Fluge nach den Strom,
Um mit dem kleinsten Tropfen im Moment
All ihre Pein und Schmerzen zu vergessen.
Doch ob sie nah auch dem Gestade, streitet
Das Schicksal wider sie; Medusa wacht
Mit dem Gorgonenhaupte bei der Fluth:
Das Wasser flieht von selbst vor jeglichem
Lebendigen Wesen, wie dereinst es floh
Den Mund des Tantalus. Bei solchen Streifen
Im wirren Zug verloren, sahen jetzt
Bestürzten Blickes die verwegnen Banden,
Von Schreck und Schauer bleich, ihr jammervolles
Geschick und fanden nirgends eine Rast,
Sie zogen durch manch dunkles, ödes Thal,
Durch manche Jammergegend, über viele
Eisalpen, Gluthenfelsen, Klippen, Höhlen,
Moräste, Strudel, Grüfte, Todesschatten,
Des Todes Welt, die Gott im Fluch erschuf,
Die gut für Böses nur, wo Tod nur lebt
Und alles Leben stirbt, und die Natur
Verkehrtes nur erzeugt, blos ungeheure,
Abscheuliche, ganz namenlose Dinge,
Wie niemals sie die Fabel wohl ersann,
Noch Furcht sie jemals dachte, nur Chimären,
Und scheußliche Gorgonen so wie Hydern.

Satan, der Gegner Gottes und der Menschen,
Erhebt indessen sich auf raschen Flügeln,
Entflammt von hochaufstrebenden Gedanken,
Und sucht einsamen Flugs der Hölle Pforte;
Bald kreuzt er nach der rechten Hand die Küste,
Bald nach der linken, jetzt mit flachen Schwingen
Die Tiefe streifend, schwingt er sich empor,
Hinauf zum hochgethürmten Flammenbogen,
Wie wenn zur See von ferne man entdeckt
Hoch an den Wolken hängend eine Flotte,
Die mit dem Wind der Nacht- und Tagesgleiche
Gesellig von Bengalen segelt, oder
Von Tidor und Ternate, von woher
Kaufleute theure Specereien holen,
Durch Aethiopien zum Cape fahrend
Und nach dem Nordstern Nachts die Richtung lenkend:
Also erschien von fern des Satans Flug.
Endlich erblickt die Grenzen er der Hölle:
Hoch ragen bis ans fürchterliche Dach
Neunfache Pforten, deren drei von Erz,
Von Eisen drei, und drei von Demantfelsen.
Ein furchtbar Wesen saß auf jeder Seite
Der Pforten; eine schien ein reizend Weib
Bis an den Leib, doch endete sie häßlich
In vielen schuppgen weitgewundnen Ringen,
Als eine Schlange mit dem Todesstachel.
Rings um den Leib bellt unaufhörlich laut
Ein Rudel Höllenhunde mit dem Rachen
Des Cerberus und machte wilden Lärm;
Willkürlich konnten sie bei jeder Störung
Sich in den Bauch verbergen, wo sie immer
Fortheulend, wenn auch ungesehen, bellten.
Weit minder Scheußliche wie diese, plagten
Die Scilla, als im Meer sie badete, das von
Trinacriens Gestad Kalabrien scheidet;
Nicht Aergre folgen Nachts der Zauberin,
Wenn auf geheimen Ruf sie durch die Luft
Im Ritte fliegt, gelockt durch Kinderblut
In Lappland mit der Hexen Schaar zu tanzen,
Indeß der Mond vor ihren Sprüchen dunkelt.
Die andre Nachtgestalt, wenn man so nennt,
Was ohne Glieder und Gestalt sich zeigt,
Und wenn man Wesen nennt, was Schatten schien,
Ja oder Beides ganz vereint, erhob
Schwarz wie die Nacht sich, wie zehn Furien grimmig,
Und wie die Hölle furchtbar; in der Hand
Schwang sie das fürchterlichste Wurfgeschoß;
Was etwa einem Haupte gleichen konnte:
Trug etwas einer Königskrone gleich.

Jetzt nahte Satan, und von seinem Sitz
Schritt ihm das Ungeheuer schnell entgegen,
Mit grassem Schritt, von dem die Hölle bebte.
Der unverzagte Feind erstaunte nur
Was dieses sei, doch ferne blieb ihm Furcht,
Nur Gott und dessen Sohn, sonst scheut er kein
Erschaffnes Wesen; und verächtlich sprach er:
»Was bist Du, und woher, verfluchtes Bild,
Daß Du Dich wider mich erhebst und mir,
Wenn grimmig auch und greulich, Deine Stirn,
Die mißgeschaffne, vor den Weg der Pforte
Zu stellen wagst? Ich gehe doch hindurch,
Und ohne Dich zu bitten um Erlaubniß.
Zurück! Sonst magst Du Deine Tollheit fühlen,
Und aus Erfahrung lernen, Höllenbild,
Daß schlechtes Kämpfen ist mit Himmelsgeistern.«
Mit voller Wuth erwiedert das Gespenst:
»Bist Du nicht der Verräther jener Engel,
Der jüngst zuerst den Himmelsfrieden brach
Und Treue, welche nie zuvor gebrochen,
Und der mit stolzen Waffen sich empörend
Der Himmelssöhne dritten Theil bewog
Sich wider den Allmächt’gen zu verschwören,
Für welchen Frevel Du sowohl, wie sie,
Von Gott verstoßen wurden und verdammt,
Die Ewigkeit in Qual und Pein zu leben?
Und Du zählst selbst Dich zu den Himmelsgeistern,
Verdammter Du der Hölle, bietest Trotz,
Hier wo ich König bin, und Dir zum Aerger
Dein Herr und König! Falscher Flüchtling Du,
Zurück zur Qual und eile schnell beflügelt,
Damit ich nicht mit Geißeln von Scorpionen
Dich Zaudernden verfolgen muß, und wenn
Dich dieser Speer berührt, ergreift Dich Angst
Und ungewohntes Weh, wie nie Du fühltest.«

So sprach das Schreckensbild und ward dabei,
So sprechend und so drohend, an Gestalt
Noch zehn Mal greulicher und häßlicher.
Von Zorn entflammt, stand Satan andrerseits,
Doch unerschrocken, wie ein Gluthkomet,
Der längs dem ungeheuren Ophiuchus
Am Himmel flammt; und aus den grassen Haaren
Pest schüttelt so wie Krieg. Ein Jeder zielt
Mit Todesstreichen nach des Andern Haupt.
Sie sinnen nicht auf einen zweiten Schlag,
Verächtlich blicken sie einander an.
Wie wenn zwei schwarze Wolken mit des Himmels
Geschütz beladen, rasselnd rücken über
Das caspische Meer und Stirn an Stirn gekehrt,
Ein Weilchen schweben, bis die Winde blasen,
Worauf in mittler Luft die Schlacht beginnt:
So finster blickten sich die Streiter an,
Daß von dem Groll die Hölle dunkelte.
Gleichartig waren sie, denn Keinem sollte
Ein solcher Feind wohl jemals noch begegnen,
Gewaltge Thaten wären jetzt gediehn,
Wovon die Höll’ erklungen wäre, wenn
Die Schlangenzaub’rin an der Höllenpforte,
Die den verhängnißvollen Schlüssel trug,
Sich nicht erhoben hätte, mit gewalt’gem
Geschrei die beiden Drohenden zu trennen.

»O Vater!« schrie sie, »was beginnt Dein Arm
Jetzt gegen Deinen einz’gen Sohn? Und was
Heißt Dich o Sohn nach Deines Vaters Haupt
Den Pfeil des Todes richten? Weißt Du nicht
Für wen? Für ihn, der droben Deiner lacht,
Indem er Dich zu seinem Schergen wählt,
Und das zu thun, was je sein Zorn befiehlt,
Den er Gerechtigkeit benennt, sein Zorn,
Der einst Euch beide noch vertilgen wird!«
So sprach sie, und es wich die Höllenpest
Bei ihren Worten; Satan aber sagte:
»Dein seltsam Schrei’n, Dein sonderbares Wort
Tritt zwischen uns, daß meine schnelle Hand
Noch zögerte Dir durch die That zu sagen,
Was sie beginnt; bis Du mir erst gekündet,
Was für ein Wesen Deine Doppelform,
Warum Du mir den Namen Vater giebst,
Die wir uns doch zum ersten Mal begegnen,
Und diesem Schemen hier den Namen Sohn?
Dich kenn ich nicht, und sah auch nie bisher
Verfluchtre Wesen wohl als ihn und Dich.«
Die Pförtnerin der Hölle sprach darauf:

»Vergaßest Du mich denn, und schein’ ich jetzt
So häßlich Deinen Augen? die ich doch
Im Himmel einst so hold erschien, als Dich
Im Rath der Seraphim, die sich mit Dir
Kühn gegen Gottes Macht verschworen hatten,
Ein wilder Schmerz so plötzlich überkam,
Dein Auge dunkel nur in Nächten schwamm,
Indeß Dein Haupt die dicksten Flammen schoß,
Bis ich die linke Seit’ eröffnete
Und ich, ganz gleich Dir an Gestalt und Mienen
An Glanze himmlisch schön, aus Deinem Haupt
Ans Licht hervorsprang, daß die ganze Schaar
Des Himmels sich entsetzte, schreckensvoll
Damals den Namen mir der Sünde gab,
Mich für ein unheilvolles Zeichen haltend.
Doch später mehr vertraut, gefiel ich ihnen,
Gewann durch Reiz die ärgsten Feinde selbst,
Vor Allen Dich, Du sahst Dich — ganz in mir,
Und triebst mit mir geheime Liebeslust,
Daß eine Bürde bald mein Leib empfing.
Indeß ward Krieg im Himmel, und die Schlacht
Worin (wie konnt es anders sein?) der Sieg
Dem Allgewalt’gen wurde, trug Verlust
Und Flucht uns ein im weiten Himmelsraum.
Häuptlings hinunter stürzten sie vom Himmel
In diesen tiefen Schlund, und ich zugleich.
Damals kam dieser mächt’ge Schlüssel hier
In meine Hand mit dem Befehl, die Thore
Verschlossen stets zu halten. Niemand kann
Eingeh’n, wenn ich nicht öffne. Brütend saß
Ich hier allein; doch lange saß ich nicht
Als sich mein Leib von Dir befruchtet trug,
Bewegung fühlte, so wie grause Wehen.
Zuletzt brach dies verhaßte Wesen sich,
Du siehst Dein eigen Kind, gewaltsam Bahn,
Daß ich durch Angst und Schmerz zerrissen
Verwandelt ward an meinen untern Gliedern.
Der Feind, den ich geboren, sprang heraus
Und schwang den Pfeil unseliger Zerstörung!
Tod! rief ich aus, und floh — es zitterte
Die Hölle bei dem schaudervollen Namen
Und seufzt aus allen ihren Höhlen, laut
Den Namen Tod im Echo wiederhallend.
Ich floh, doch er verfolgt mich, (wie es schien
Von Wollust mehr, als wie von Wuth entzündet)
Schnellfüßig überholt er seine Mutter
Und in erzwungner gräßlicher Umarmung
Erzeugt er diesen ungeheuren Schwarm,
Die unaufhörlich heulend mich umringen,
Wie Du gesehn, die stündlich stets empfangen
Und stündlich auch gebären, unaufhörlich
Mir Schmerz bereiten, denn wenn sie’s gelüstet,
Kehrt diese Brut in meinen Leib zurück
Und nagt an meinem Eingeweid’ als Speise;
Dann brechen sie von Neuem wieder vor,
Umstürmen mich mit innerlichen Schrecken,
So daß mir weder Rast noch Ruhe bleibt.
Mir gegenüber sitzt der graße Tod,
Mein Sohn und Feind, der jene hetzt, und mich,
Die eigne Mutter längst verschlungen hätte,
Aus Mangel andrer Beute, wüßt’ er nicht,
Daß er mit meinem Ende seines findet.
Er weiß, daß ich für ihn ein bittrer Bissen
Und Gift ihm werde, sei es wann es will,
Denn so sprach das Verhängniß über uns. Darum
Warn’ ich o Vater Dich vor seinem Pfeil,
Und hoffe nicht, daß Du in diesen Waffen,
Wie wohl sie himmlisch, unverwundbar sei’st,
Denn Niemand widersteht der Todesspitze —
Als der allein, der rings das All beherrscht.«

Sie endet, und der schlaue Feind, belehrt,
Ward milder nun und sprach mit glattem Wort:
»O Tochter, Deinen Vater nennst Du mich
Und zeigst mir meinen Sohn, das theure Pfand
Des trauten Umgangs, den mit Dir ich pflog,
Der süßen Wonne, jetzo grausen Wechsels,
Der ungeahnt und unversehns uns traf,
So wisse daß ich nicht als Feind gekommen,
Nein, nur um ihn und Dich, samt jenem Heer
Der Himmelsgeister aus dem finstern Haus
Der Qualen und der Schmerzen zu befrein,
Denn all’ die Geister griffen zur Verfechtung
Des Rechtes zu den Waffen, da sie fielen.
Für sie betrat ich diesen rauhen Grund,
Und für sie Alle duld’ ich die Gefahr,
Und wag allein die bodenlose Tiefe,
Das ungemessne Leere zu beschreiten
Und suche den vorhergesagten Ort,
Der uns durch manche Zeichen als erschaffen
Dort schon verkündet ward, ein Platz der Wonne
In dem Bezirk des Himmels, einem neuen
Geschlecht von Wesen eingeräumt, die uns
Vielleicht ersetzen, wenn auch jene weiter
Vom Himmel fern, damit sich übervölkert
Dereinst kein neuer Aufruhr bilden möge.
Ob dies der Zweck, ob ein geheim’rer sei,
Erforsch’ ich jetzt, und wenn ich es erspäht,
Kehr’ ich zurück und bring Euch an den Ort,
Wo Du so wie der Tod gemächlich wohnst
Und in der weichen, balsamreichen Luft
Still, ungesehen auf und nieder fliegst.
Dort werdet unermeßlich ihr gesättigt,
Und alle Dinge werden Euer Raub.«

Er schwieg, und Beide schienen hoch entzückt;
Der Tod auch grinste furchtbar schauerlich,
Daß er den Hunger einmal stillen würde,
Er pries den Schlund, dem diese gute Stunde
Beschieden sei, nicht minder freute sich
Boshaft die Mutter, die zum Vater sprach:

»Den Schlüssel trag’ ich zu dem Höllengrund
Aus Pflicht und auf Befehl des Himmelsfürsten,
Der mir verbot, die diamantnen Thore
Je zu eröffnen, gegen die Gewalt
Steht rüstig mit dem Pfeile schon der Tod
Furchtlos vor jeder Macht der Lebenden.
Doch brauch’ ich ihm gehorsam wohl zu sein,
Der mich voll Haß in diesen Tartarus
Herunter stieß, verhaßten Dienst zu thun,
Die ich vom Himmel stamme, dorten wohnte,
Und hier in ew’ger Qual und Angst verweile
Vom Grausen meiner eignen Brut umringt,
Die heulend mir am Eingeweide nagt?
Du bist mein Vater, gabst mir ja das Seyn,
Wem soll ich sonst gehorchen, wenn nicht Dir?
Wem folgen? Du wirst in die neue Welt
Des Heiles und des Lichtes bald mich führen,
Zu Göttern, die nach Wunsch in Freuden leben,
Wo ich zu Deiner Rechten üppig herrsche,
Endlos, wie Deiner Tochter es geziemt.«

Drauf nahm sie den verhängnißvollen Schlüssel,
Das Werkzeug unsers Jammers, von der Seite,
Und ihren Schweif bis zu der Pforte rollend
Zog sie das ungeheure Gatter auf,
Das außer ihr die ganze Macht des Styx
Nicht heben konnte. Darauf drehte sie
Den Schlüssel in dem innern Schloß herum
Und schob die Riegel von massivem Eisen
Und festen Felsen, ohne Mühe weg.
Die Höllenthore flogen plötzlich auf
Mit ungestümem Prallen und Geräusch;
In ihren Angeln kracht ein dumpfer Donner,
Daß tief der Hölle Grund erzitterte,
Sie öffnet, doch vermag sie nicht zu schließen.
Weit offen stand das Thor, daß mit den Bannern
Mit ausgedehnten Flügeln wohl ein Heer
Durchziehen konnte, sammt den Pferd’ und Wagen:
So weit geöffnet waren sie und spieen
Gleich einem Ofen Rauch und Flammenglut.
Vor ihre Augen traten nun der Tiefe
Geheimnisse, das dunkle ewige Meer,
Das grenzenlos und ohne Länge, Breite
Und Höh’ und Zeit und Raum sich dehnt, wo Chaos
Und ewige Nacht, Urahnen der Natur
Gesetzlos herrschen, mitten in dem Lärmen
Des Kampfes durch Verwirrung sich erhalten
Dort ringen Hitze, Kälte, Dürr und Nässe
Gewaltig um die Herrschaft, führen
Der ungeborenen Atome Schaar
Zur Schlacht, die schwärmend um das Banner sich
Nach den verschiednen Reih’n und Horden sammeln,
Leicht oder schwer bewaffnet, scharf und sanft,
Schnell oder träge, zahllos wie der Sand
Von Barka oder von Syrene’s Boden,
Der aufgewühlet von der Stürme Kampf
Der Winde leichtre Schwingen schwerer macht.
An wem die meisten der Atome hängen
Herrscht auf Momente dann; das Chaos sitzt
Schiedsrichterlich und wirrt durch die Entscheidung
Nur mehr den Kampf, der ihm die Herrschaft gibt.
Als zweiter an Gewalt, regiert der Zufall.
An diesem wilden Schlunde, — wo Natur
Erschaffen ward, und der vielleicht ihr Grab,
Wo weder See noch Strand, noch Luft und Feuer,
Ja alle nur in ihrem Keim verworren,
Und die gemischt sich stets bekämpfen müssen,
Bis dem allmächtigen Schöpfer einst gefällt,
Mehr Welten aus dem finstern Stoff zu bilden, —
An diesem wilden Schlunde stand der Feind,
Behutsam an dem Höllenrand, und schaute
Hinunter, seine Reise wohl erwägend,
Denn einen weiten Raum mußt’ er durchkreuzen.
Auch traf sein Ohr ein laut erschütterndes
Getös, als wenn Bellona wüthend stürmt,
(Wenn Großes man mit Kleinem darf vergleichen,)
Und alle Kriegsmaschinen gegen große
Hauptstädte, sie von Grund zu schleifen, pflanzt,
Als wenn der Bau des Himmels niederstürzte
Und die empörten Elemente rings
Die Erd’ aus ihrer Axe reißen wollten.
Zuletzt erhebt er seine breiten Flügel
Zum Flug und spornt den Boden, keck getragen
Von Dampfeswolken; manche Meile fährt
Er wie in einem Feuerwagen auf,
Doch bald entschwindet dieser Sitz, er kommt
In unermessne Leere, flatternd wanken
Die Schwingen, und zehntausend Klaftern tief
Stürzt er hinunter, und er sänke noch,
Hätt’ ihn durch Zufall nicht der Gegenstoß
Von einer feuerschwangern Donnerwolke
So viele Meilen just emporgeschleudert.
Als ihre Wuth erschöpft in Sumpfeswüste,
Die weder See noch trocknes Land erschien,
Versank er fast in jener dichten Masse
Halb schreitend und halb fliegend, um zugleich
Die Ruder und die Segel zu gebrauchen.
Wie wenn ein Greif in schnellem Flügellauf
Hoch über Hügel und durch sumpfig Thal
Dem Arimaspen folgt, der seiner Hut
Heimlich vertrautes Gold entwendete:
So wild verfolgt der Satan seinen Weg
Durch Moor und über Berge, Schlucht und Haide,
Mit Haupt und Händen, Flügeln oder Füßen,
Er schwimmt und sinkt, er wadet oder fliegt,
Bis endlich an sein Ohr ein wild Getös
Gemischter Töne wie verworrner Stimmen
Mit Heftigkeit durchs hohle Dunkel dringt.
Dort eilt er hin, um ungeschreckt zu forschen,
Was für ein Geist des allertiefsten Schlundes
In diesem Lärme haus’t, um ihn zu fragen,
Wo er des Dunkels nächste Küste treffe,
Die an das Lichtmeer gränzt. Da plötzlich sieht
Er jenen Thron des Chaos und das Zelt,
Das dunkel über öder Tiefe gähnt.
Bei ihm saß auf dem Thron in schwarzem Kleid
Die Nacht, das älteste von allen Dingen,
Die Theilerin seines Reichs, und dabei standen
Orkus und Hades, und das Schreckensbild
Von Demogorgon. Zufall und Gerücht,
Aufruhr, Verwirrung standen um sie her,
Und Zwietracht mit den tausendfachen Zungen.
Zu ihnen wandt’ sich Satan kecklich so:

»Ihr Mächt’ und Geister dieses tiefen Schlundes,
Chaos und alte Nacht, ich komme nicht,
Als Späher, in der Absicht, eures Reichs
Geheimniß zu ergründen und zu stören,
Nein, nur gezwungen wandl’ ich durch die dunkle
Und wüste Gegend, da mich just mein Weg
Zum Licht hierher führt, wo ihr herrschend thront.
Allein und ohne Führer, halb verloren
Such’ ich den Pfad dahin, wo euer Reich
Ans Licht des Himmels grenzt. Ja giebt es einen
Noch andern Raum, der Euch entrückt, und jüngst
Vom Himmelskönig in Besitz genommen,
So geht mein Weg durch diese Tiefe hin;
Zeigt mir den Weg und wenn ihr dieses thut,
Wird euch kein schlechter Lohn dafür, denn wieder
Einnehmen will ich das verlorne Reich,
Wenn ich die Anmaßung des Herrn vertilgt,
Und in ursprünglich Dunkel wieder führen,
Und was der Reise Ziel, aufs Neu das Banner
Der alten Nacht noch einmal dort errichten.
Euch sei der Vortheil, mein die Rache nur.«

Also sprach Satan, und Erwiderung gab
Ihm der Anarch betreten und nur stammelnd:
»Wohl weiß ich Fremdling wer Du bist, der Engel
Gewalt’ges Haupt, der jüngst dem Himmels König
Sich widersetzt und dann vernichtet ward.
Ich sah und hört es, denn solch zahlreich Heer
Wie Deines, floh nicht schweigend durch die Tiefen,
Mit Sturz auf Sturz, Zerrüttung auf Zerrüttung,
Verwirrung, die sich ärger noch verwirrt,
Da aus den Himmelspforten Millionen
Siegreicher Horden euch verfolgten. Hier
Auf meinen Grenzen halt ich meinen Sitz,
Ob mirs gelingt, das Wenige, was mir blieb,
Zu schirmen, das durch Euern innern Zwist
Stets angegriffen ward, wodurch das Scepter
Der alten Nacht noch mehr geschwächt. Zuerst
Verlor die Höll’ ich, euern Kerker, der
Sich unten weit und breit erstreckt und jüngst
Noch Erd’ und Himmel, eine neue Welt,
Die über meinem Reiche hängt, geschmiedet
An goldne Ketten, an des Himmels Seite,
Wo eure Legionen niederstürzten: —
Geht dort Dein Gang hin, hast Du nicht mehr weit,
Und näher die Gefahr. Beeile Dich;
Verwüstung, Raub und Sturz sind mein Gewinn.«

Er schwieg; und Satan stand nicht Antwort ihm,
Sprang aufwärts, hocherfreut, daß auf einmal
Sein Meer ein Ufer finden sollte, frisch
Und mit erneuter Kraft und Munterkeit
Gleich einer Feuerpyramide nach dem Raum
Und schlägt sich durch der Elemente Kampf,
Die ihn umringten, seinen Weg hindurch;
Gefährlicher und enger war die Bahn,
Als wie die Argo sie bestanden einst,
Da sie durch Felsen fuhr im Bosporus, —
Und wie Ulysses die Charybdis mied
Und auch vorbei der Scilla steuerte:
So mühsam setzt er seine Reise fort
Mit harter Schwierigkeit, doch als er endlich
Hindurch gedrungen, welch ein eigner Wechsel
Erschien auf einmal nach des Menschen Fall:
Denn Tod und Sünde folgten seiner Spur
Mit aller Macht, so war’s des Himmels Wille,
Und bahnten hinter ihm bequemen Weg
Durch jenen finstern Schlund, deß wilder Golf
Geduldig eine Brücke schlagen ließ
Von wunderbarer Länge, die sich stracks
Bis zu dem Außenring der Erde dehnt.
Auf dieser wandeln die gefallnen Geister
Gemächlich hin und her, um bald die Menschen
Zu locken, bald zu strafen, wenn nicht Gott
Und Engel sie besonders gnädig schirmen.
Jedoch zuletzt erscheint der heil’ge Strom
Des Licht’s, und flutet von den Himmelsmauern
Bis in den Busen jener dunkeln Nacht
Mit Dämmerschein; und hier beginnt zuerst
Die fernste Grenze der Natur, — es weicht
Zurück das Chaos, wie ein Feind geschlagen
Aus seinen Schanzen wird; auch das Getöse
Ist minder feindlich hier und minder laut,
Daß Satan mit geringern Mühen auch
Behaglich auf den stillen Wellen schwebt
Bei zweifelhaftem Licht, er fährt mit Lust
Zum Hafen wie ein Schiff, das von dem Sturm
Zerrüttet Tau und Mast verloren hat.
Die ausgespannten Schwingen wiegt er nun
Im leeren Raume, so der Luft vergleichbar:
Um so von fern das Strahlenreich zu schauen,
Das weit sich dehnt, von unbestimmter Form,
Mit Thürmen von Opal und mit lebendigen
Saphiren rings die Zinnen ausgeschmückt,
Einst seine Heimath — und nicht fern davon
An goldner Kette hing die neue Welt,
Ein Stern in kleinster Größe, dicht am Mond.
Boshafter Rache voll eilt er dahin,
Er selbst verflucht, und in verfluchter Stunde.