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Hanns Heinz Ewers – Orchideen     Zur Biographie


Aus: Hanns Heinz Ewers, Moganni Nameh, Ausgewählte Gedichte, Georg Müller Verlag, München, 1918, S. 13f.


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Lucas Cranach d. Ä.


ORCHIDEEN

Als der Teufel ein Weib ward,
als sich Lilith
die schwarzen Haare zum schweren Knoten schlang,
und das bleiche Haupt
mit Botticellis krausen Gedanken
rings umrahmte,
als sie müde lächelnd
um alle die schmalen Finger
Goldreifen zog mit bunten Steinen,
als sie Villiers las
und Huysmans liebte,
als sie Maeterlinks Schweigen verstand
und die Seele badete
in Gabriel d'Annunzios Farben,
– – lachte sie einmal.

Und wie sie lachte,
sprang ihr die kleine Fürstin der Schlangen
heraus aus dem Mund.
Da schlug die schönste der Teufelinnen
nach der Schlange,
schlug die Königin der Schlangen
mi beringtem Finger.
Dass sie sich wand und zischte,
zischte, zischte,
und Geifer spritzte.
Aber Lilith sammelte die Tropfen
in der schweren Kupfervase,
feuchte Erde,
schwarze, feuchte Erde
streute sie darauf.
Leichthin kosten ihre grossen Hände
rund herum
diese schwere Kupfervase,
leichthin sangen ihre bleichen Lippen
ihren alten Fluch –
Wie ein Kinderreim erklang ihr Fluchen,
weich und müde, müde wie die Küsse,
die vom Munde
ihr die feuchte Erde trank.
Aber Leben hob sich in der Vase
und gelockt von ihren müden Küssen
und gelockt von ihren weichen Klängen
krochen langsam aus der schwarzen Erde
Orchideen –

Wenn die Liebste
vor dem Spiegel ihre bleichen Züge
rings umrahmt mit Botticellis Nattern,
kriechen seitwärts aus der Kupfervase
Orchideen –
Teufelsblumen, die die alte Erde,
die durch Liliths Fluch mit Schlangengeifer
sich vermählt, zum Lichte hat geboren,
Orchideen
– Teufelsblumen.









20140111_Hanns Heinz Ewers – Orchideen

20140111_Hanns Heinz Ewers – Orchideen