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Friedrich Lienhard – Das Hindumädchen     Zur Biographie


Aus: Friedrich Lienhard, Gedichte, Verlag von Greiner & Pfeiffer, Stuttgart, 1906, S. 165ff.


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A hindu devotee in Nepal (Author: jmhullot – This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Generic license.
https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/deed.en – http://en.wikipedia.org/wiki/File:HinduDevoteeNepal.jpg) – bearbeitet


Das Hindumädchen

Diese Dichtung, geschrieben 1899, verdankt ihre Entstehung einem Traum.

Durch den Schatten der Bananenwälder
Fliegen große Falter stumm und leuchtend.
Zwischen Faltern tanzen die Moskitos,
Und Libellen flimmern an dem Flußrand,
Wo das Röhricht Wald in Wäldern bildet.
Schwül und feucht und still der Tropenwald! . . .

Durch den Schatten der Bananenwälder
Wandert lässig eine weiße Kuh.
Der sie führt, geht braun und bauernplump
Wippend und verdrossen durch den Hain.
Die darauf sitzt – nein, das Zeltdach schirmt
Eine nicht: es kauern in Ermattung
Dreie auf der starken weißen Kuh:
Eine braune Gattin jenes Führers,
Hinter ihr ein halbgereiftes Mädchen,
Mit des Rehes großen, stummen Augen
Vorweltfremd aus weißem Tuche staunend,
Um den hellbraun-sammetzarten Hals
Die Korallenkette, drauf ein Antlitz –
Ach, der dritte, knabenhafter Jüngling,
Schaut mit sanften Augen nur die Eine,
Die da lächelnd-unbefangen fernhin
In den mittagsstillen Urwald lauscht . . .
Dieser dritte – vor zweitausend Jahren –
Dieser dritte Reiter war ich selbst . . .

Lieblich war ihr Antlitz, und melodisch
Ihres Halses und der Glieder Regung,
Wenn sie langsam, mit den schwarzen Wimpern,
Langsam-hilflos und so innig aufsah,
Wenn sie mit der Hand, der mittagsmüden,
Zierlich rund ihr hellbraun Antlitz wischte,
Lächelnd, schuldlos und so kindlich gut . . .
Hindumädchen, Engel aus dem Weltall,
Hergeflogen in den Tropenwald,
Wie ein Mückchen hangen bleibt im Netz . . .

Diese Süße war der Gattin Schwester,
Und ihr tiefer Name war »das Glück« . . .
Doch ich selbst war jenes Bauern Bruder.
Aus verarmtem Dorfe zogen wir
Mit dem Hunger kämpfend in die Stadt.
Dort am heiligen Ganges wohnte einer,
Der uns beiden dritter Bruder war,
Wohnte reich und finster im Palast.
Laßt uns Obdach bitten von dem Reichen!

              * * *

»Ist mein Nachbarmädchen müde?
Müde von dem tausendfachen
Spiel der Sommerschmetterlinge,
Deren Farben uns umlachen?«

»Nein, du Guter, wie im Traume
Seh' ich so viel Farben fliegen,
Und fast ängstlich seh' ich hochher
Blütendolden uns umwiegen.«

»Sengen dich die kleinen Mücken,
Schwärmend aus dem Waldgesträuche?
Sieh, wie ich mit Palmenblatte
Diese schlimmen Werber scheuche!«

»Nein, mein treubesorgter Bruder,
Schadlos schmieg' ich meine Wange
An den Arm dir, wohlig darf ich
Dein Gewand und dich umfangen.«

»Hast du lieb mich, wie den Bräut'gam
Eine Jungfrau liebt von Herzen?«
»Trauter Bruder – laß uns lieber
Nicht von Braut und Bräut'gam scherzen.«

»Meine Seele könnt' ich geben,
Alle Seligkeit der einen – –«
»Sieh, am Strom dort – sieh, wie weiß dort
Tempelwände stehn und scheinen!«

»Sag' ein Wort mir, sag's nur flüsternd,
Laß mich nicht am Wege sterben!«
Doch aus ihrem Kinderantlitz
Fallen Tränen in mein Werben.

              * * *

Im Palast des finstern Rajah hangen
Hundert Waffen an gezierten Wänden,
Zwischen Götzen hangen hundert Waffen.
Sicher ist der Schutz erhabner Götter,
Aber sichrer noch die hundert Waffen,
Und am sichersten ein scharfes Auge,
Das sich fest verbündet rascher Hand.
Der vergilbte Rajah selber irrt,
Seinen Graubart streichend, ruhelos:
Unterm Flitterkleide trägt der Kranke
Kurzen Dolch, und in den Händen hält er
Goldgeziert den stoßbereiten Säbel,
Der als Stab durch die Gemächer wandert.
Weh, wie flackert ihm das Tigerauge!
Aus den finstren Regionen war
Dieses Mannes Geist zu kurzer Fahrt –
Anderen zur Prüfung – aufgestiegen,
Schleichend als ein Rajah durch die Welt.

Einen nur von allen Menschenbrüdern
Hatte dieser Düstre flammend lieb:
Der geliebte Eine war sein Sohn.
Schlank und hell und schön, gewalt'ger Krieger,
Rasch von mir geliebt, ein edler Hindu,
Der sein Leben hinwuchs wie ein Baum:
Wie ein Baum, der seine Wurzel kraftvoll
In die Erde stemmt, den Tag beachtend,
Dessen Wipfel aber in die Himmel
Stattlich ragt und Weltallsnächte sucht.

Diesen Einen, als der Rajah uns
Auf des Sohnes Bitten zögernd aufnahm,
Diesen einen sah die Vielgeliebte,
Die mich »Bruder«, ach nur Bruder nannte:
Sah ihn an und senkte bang das Haupt.
Und auch er, der Stolze, stand verlegen,
Sah sie an und wandte scheu das Auge,
Sprach zu allen viele gute Reden,
Zu der Süßen sprach er nicht ein Wort.
Nur im Fortgehn noch einmal und wieder
Grüßten schnell sich ihre heißen Blicke . . .

Aber ich, der nur ihr »Bruder« war,
Wissend ging ich nun in meine Kammer –
Und ich weinte, wie ich nie geweint.

              * * *

Mir zur Prüfung kamen wir zum Ganges,
Mir und meiner Schwester nur zur Prüfung.
Heil'ge du, wir haben sie bestanden!
Leidgeprüft darf ich das Schöne künden,
Treu umschwebt von dir und jenem Guten,
Den du auch im Geisterlande liebst.
Nur der Rajah seufzt am Schattenort.

Dieser Trutz'ge, dieser Fluchverfolgte,
Sah mich an, wie ich gebeugt und einsam
Durch sein Haus ging, ich, sein jüngster Bruder.
Und er dachte: »Diesen quält der Neid.«
Und der Kranke hielt sein lauernd Schwert
Doppelt wachsam, um die Ecke hauend,
Eh' er in den Gang den Körper wagte,
Durch die Türen spähend, unterm Diwan
Waffen bergend, seinem Griffe nah:
Denn ihm war geweissagt, daß er traurig
Fallen werde durch ein scharfes Schwert.
Mich, den Träumer, hielt er für den Mörder!
Und um meinetwillen ließ der Arme
Vor sich her die scharfe Klinge wandern!

Jene beiden sprachen nur zwei Tage
Mit der Augen und der Seele Flamme,
Die von dem zu jener und von jener –
Holdes Netz! – zu dem Geliebten ging.
Nur zwei Tage lang, dann lag sie ihm
Bebend, schluchzend, jauchzend in den Armen,
Und im Park der schweren Düfte gingen
Süßen Schalles Küsse durch die Nacht . . .
Weh und Heil mir! Alles Eitle tat ich
Ab in dieser Nacht: – ich hörte alles!
Auf der Matte lag ich, Blätter beißend,
Betend, wie ich nie um Kraft gebetet,
Segen flehend auf die Heißgeliebten . . .

Da – – als er, von seines Mädchens Duft
Wirr durchseligt in der späten Nacht
In das Haus schlich – horch, der schrille Schrei!
Horch, der dumpfe Fall! der starke Ruf
Des verstörten Rajah: »Alle her!
Mörder! Her zu mir! Den Mörder schlug ich!«
Und wir liefen mit den roten Fackeln
Alle hin zu ihm: – da lag sein Sohn.

              * * *

»Willst du, meine kranke Schwester,
Daß ich dir in kalte Quelle
Wieder diese Schale tauche?
Sieh, ich bin dein Pfadgeselle!«

»Laß mich unter diesem Baume,
Auf der Heimkehr laß mich liegen –
Sieh, wie meines Lebens Kräfte –
Wie ein Sommerbach – versiegen« – –

»Nein, o nein! Mein letztes Herzblut
Spend' ich dir! Mich selbst laß gehen,
Mich ins Reich der öden Schatten
Und im Nachtwind dich umwehen!«

»Aus dem Nachtwind hör' ich bitten
Einen, dem ich bin zu eigen – –
Hörst du nicht das feine Singen? –
Und im Waldwind – Hochzeitsreigen« – –

Wo sie starb, wuchs eine Blume:
Langsam bog sich, breiten Blattes,
Unter ihr die Urwaldblume –
Trug den braunen, schönen Kopf . . .

              * * *

Auf dem Heimweg von der Stadt des Rajah,
Der ins eigne scharfe Schwert sich stürzte,
Alle Habe lassend seinem Bruder,
Der die beiden ihren Flammen gab:
Auf dem Heimweg, im erhabnen Urwald,
Zwischen Faltern baut' ich einen Holzstoß.

Lang, sehr lange flossen Opfertränen
Auf die Füße der verhüllten Toten,
Die ich liebte mit der tiefsten Seele,
Ach, und der ich nur ein Bruder war.

Dann, auf heil'ger Lohe, aus dem Urwald
Löste sich ihr Geist ins ew'ge Licht.









20140117_Friedrich Lienhard – Das Hindumädchen

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