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Margarete Jacob-Steinhauer – Des Seemann’s Braut.     Zur Biographie


Aus: Margarete Jacob-Steinhauer, Herzenstöne, [Voelcker bros., New York], 1900


20140414_tiefe

Iwan Konstantinowitsch Aiwasowski – Seelandschaft im Mondlicht mit Wrack


Des Seemann's Braut.

Die blauen Meereswogen,
Sie winken lockend Dir,
Der schon so oft gezogen
Viel Meilen weit von hier.
Du hast die See geliebet
Mehr stets als Deine Braut,
Die sich so sehr betrübet,
Gar selten Dich geschaut.
Sie ging wohl alle Tage
Hinunter an den Strand;
Zurück sollt' ihre Klage
Dich rufen in das Land.
»Nun endlich bist gekommen
In meine Arme Du,
Der Du das Herz genommen,
Den Frieden und die Ruh.
Nun halt' ich fest Dich immer
Und lass' Dich nimmer fort.
Vertrau' dem Wogenschimmer
Nicht mehr – nur meinem Wort!« –
So bat, ach ohne Ende
Den Seemann seine Braut –
Er küsste ihre Hände,
Doch auf das Meer er schaut'.
»Noch einmal lass mich fahren,
Hinaus ins wilde Meer,
Ich trotze den Gefahren
Und bald zu Dir ich kehr'!«
Was half ihr alles Flehen!
Er gab darauf nicht Acht,
Er konnte von ihr gehen –
Für sie ward's wieder Nacht.
Am anderen Tage schiffte
Nach Indien er sich ein;
Sie flehte alle Lüfte,
Ihm freundlich hold zu sein.
Und Tage, ach, und Wochen
Vergingen ohne Zahl –
Ihr Herze war gebrochen,
Sie merkt' es nicht einmal.
Sie ging nur immer wieder
Hinaus stets an den Strand,
Verwelkt war längst der Flieder,
Der Winter zog in's Land.
Trotz Sturm und bitt'rer Kälte
Ging harrend sie hinaus,
Im Geist sie sich gesellte
Zu ihm in's Wogengraus:
Vielleicht im Augenblicke
Da sie hier unten sass,
Verlor sein Lebensglücke
Im Meer er – kühl und nass.
Vielleicht er eben sandte
Den letzten Gruss ihr zu,
Vielleicht noch einmal nannte
Er sie und ging zur Ruh.
Und heisser dann die Thränen
Ihr flossen in den Schooss –
Ein Warten und ein Sehnen,
Das war ihr Lebensloos.
Und niemals eine Zeile
Gelangte zu ihr hin,
Dass sie die Schmerzen heile
Und tröste ihren Sinn. –
So gingen viele Jahre,
Sie zählte sie wohl noch kaum,
Die Eltern auf der Bahre,
Sie sah nur wie im Traum.
Und stets noch war alleine
Ihr einz'ger Gang zum Strand,
Oft bis zum Mondenscheine
Man dort sie sitzen fand.
Und einstmals übermannte
Der Schlummer sie am Meer,
Ein holder Traum ihr sandte
Des Liebsten Wiederkehr.
Sie öffnet' ihm die Arme
Und drückt' ihn an ihr Herz –
Aus war's mit ihrem Harme
Und ihrem Trennungsschmerz,
Und Seligkeit verklärte
Ihr Antlitz jugendschön –
Wie lange es auch währte,
Es kam – das Wiederseh'n. –
Und so trat sie im Traume
In das gepries'ne Land –
Und hier im Erdenraume –
Man todt sie morgens fand.








20140418_Margarete Jacob-Steinhauer – Des Seemann’s Braut

20140418_Margarete Jacob-Steinhauer – Des Seemann’s Braut

20140418_Margarete Jacob-Steinhauer – Des Seemann’s Braut