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Mathilde von Tabouillot – Ausias March     Zur Biographie


Aus: Damen Almanach von Mathilde von Tabouillot, geb. Giesler, Wesel bei August Prinz, 1842


20141206_ausias

Ausias March


Erster Gesang.

Gen Süden hin! in's Land der Blumenauen –
Gen Süden hin – in's Land voll Sonnenglanz!
Dort unterm Himmel, dem azurnen, blauen,
Dort bei dem silberlichten Wellentanz
Laßt uns der Erde schönstes Eden schauen; –
Aus seinen Hainen brecht das Reis zum Kranz,
Reicht dem ihn, – der, wie himmlisch es geschienen,
Euch schilderte – ich kann ihn nicht verdienen!

Wie strahlt der Schmelz! wie ringt im ew'gen Streite
Des Himmels und der Erde Farbenpracht.
Dann wird der Goldglanz reicher Früchte Beute,
Dann leiht dem Meer die Sonne Strahlenmacht.
Als ob der Himmel eifernd sich bereite
Durchflammt ein Meteor die laue Nacht!
Hoch blüht der Wein auf den besonnten Höhen,
Im Blumenschmucke woll'n sie ewig stehen.

Das schöne Land! nennt es, o tausend Zungen
Bezeichnet es noch einmal mit dem Wort!
Sein stolzer Name – ach! er ist verklungen
Und seine Sprache drängte Blutkrieg fort.
Provence, Provence! in dir hat man gesungen –
O, trag dahin, mein Genius, mich fort!
Dahin, wo Lieb' in allen Blüthen glimmt,
Der Sanger Saiten zur Aubode1 stimmt!

Führ' mich zur Vorzeit, hin nach jenem Lande,
Wo meine Kunst, die fröhliche2, geblüht.
Vom Rhonestrom bis zu des Ebro Strande
Mit Lust und Lied der edle Sänger zieht.
Hier fesseln ihn der Liebe süße Bande,
Um seiner Frauen Gunst er treu sich müht,
Durch Lieder mehr't den Ruhm er seiner Schönen,
Mit Minnesold wird sie dafür ihn krönen.

Recht lustig werden Saiten drob geschlagen,
Wie froh das Spiel durch Thal und Auen schallt!
Und wenn das Frühlicht kaum beginnt zu tagen,
Dann hoch sein purpurrother Helmbusch wallt.
Um seine Dame will den Strauß er wagen,
Schon mancher Lanzstoß durch die Burgen hallt;
Solch Ritterspiel wagt er für Liebesleben,
Nicht blut'ger Mordgier darf er sich ergeben.

In einem Blüthenreiche nur sie schalten,
Erglüht in Lieb', wie helle Flamm' im Ost,
Und froh im Lichtreich des Gesangs sie walten.
Im blanken Helm, mit Schwertern frei von Rost
Geschmückt mit Blumen, die sich kaum entfalten,
So ziehen sie zum fröhlichen Tyost3
So ziehen sie zum Liebeshof' der Frauen,
Auf dess' Gesetz und Spruch sie fest vertrauen.

Denn reine Sitte edle Frauen lehren,
Sie sorgen treu, daß Heiliges gedeiht;
Mild weinen sie dem Mitleid tausend Zähren,
Doch ahnden streng' Unrecht, Treulosigkeit,
Und stolze Männer Frau'n-Gesetze ehren,
Wenn Edelsinn sie ihnen nur gebeut.
Tönt rein des Sängers Lied wie Silberwellen,
Dann pflanzen sie dem Ruhm die Immortellen.

Die Liederstreite wurden mild geschlichtet:
Zum Blumenspiel vereinte sich die Schaar,
Dem Sänger, der das schönste Lied gedichtet,
Dem reichte sie das goldne Veilchen dar!
Wer dann das beste Schäferlied berichtet,
Akacienblüthen flocht sie dem durch's Haar;
Und Jenem, dem ein süßes Lay4 durchglühte
Dem wurde des Jasmines Silberblüthe.

Das ist das Land – das Sand der Blumenauen,
Wo Sänger leben stets in Lieb' und Lust,
Auf Blüthenkronen Perlen niederthauen
Und ew'ger Lenz heischt ew'ge Liebeslust;
In duft'gen Blüthen Vöglein Nestchen bauen,
Nur Lied und Liebe schwellt die kleine Brust.
Aus duft'gen Hainen tönen die Gesänge,
Des Landes Sprache sind die gleichen Klänge.

Ja, Klänge sind's: wie wenn die Schwäne ziehen
Zum Fahre-wohl durch still bewegte Fluth;
So wundersam wie Geister-Melodieen.
Dann wieder, wie wenn frisch in Kampfesgluth
Die Schwerter klirren und die Funken sprühen,
Die Schilde tönen und die Rosse fliehen.
So majestätisch wild sie oft erdröhnte,
Dann leis' und mild ein Klang dazwischen tönte.

O Fanatismus ! konntest du sie schlingen,
Die starren Eisesfesseln um dies Land?
Vermocht'st des Volkes Geist du zu bezwingen?
Die grause Fackel schwangst du in der Hand,
Verheerend Unheil, Schmach dem Land zu bringen,
Entzündest drob in tausend Blüthen Brand –
Hast heil'ge Lieb' um bittern Haß getauscht,
Den hehren Geist in Menschenblut berauscht!

Es klagt und sinnt der Sänger von Narbonne!
Früh ahnet er den Sturz der Poesien;
Er trauert an den Wassern der Garonne,
Mit ihnen will die Schwermuth nicht entflieh'n. –
Sein Harfenspiel, sein Stolz, einst seine Wonne,
An Weiden hängt's – nicht Kranze es umblüh'n.
Beim letzten Klaglied wirft er's in die Wogen,
Erfaßt das Schwert, und ist zum Kampf gezogen.

Die Albigenser Schlacht, wer hört sie nennen
Und seufzet nicht mit mir im Weh vereint:
Ach, daß die blüh'nden Saaten niederbrennen
Als in den Aehren kaum die Frucht erscheint!
Wo Silberwogen blutig roth jetzt rennen,
Da steht die Muse trau'rumhüllt und weint;
Bei Wehmuth – nicht bei Kriegslärm – will sie wohnen,
Beim Frieden nur weilt sie auf gold'nen Thronen.

Der Harfe Gold hat sie mit Flor umwunden,
Die Saiten schlug sie zürnend nun entzwei;
Die Priester haben sich von ihr entbunden,
Es hallt nicht mehr die liebliche Schallmei;
Die Kriegsdromete bringt uns blut'ge Kunden,
Kein Schäferlied ertöne, kein süßes Lay;
Kein Sang hat Reiz – im wild'sten Hasse trunken,
Ist so das Höchste tief hinabgesunken.

Das Idiom des Landes ist verklungen –
Der Dichtkunst Glanz in öde Nacht gehüllt –
Des sonn'gen Landes Geist mit Kält' durchdrungen –
Der Blüthenhain mit Kriegesruf erfüllt! . . .
Und nimmer wieder wird solch Lied gesungen,
Ob einst auch noch die Capitoul'5 sein Schild.
Es wird doch nie bei spätern Festen, Tagen
So harmlos froh ein Lautenspiel geschlagen.

O, tiefer Schmerz! wir mußten es erfahren,
Dem Schönsten sei das Leichentuch gewebt –
Denn als nach hundert grausam blut'gen Jahren
Man Minnehof und Blumenspiel erhebt!
Da einmal einten sich noch edle Schaaren,
Da einmal noch die letzte Flamme strebt –
Denn was verfallen ist den Todesnächten,
Das kämpft umsonst mit des Geschickes Mächten.

So zieht ein Kämpe mächtig durch die Auen,
Ein Sängerheld, der hoch sein Banner trägt.
In seiner Hand die Harfe ist zu schauen –
Doch provençale Töne er nur schlägt.
Sein Name ist mit Sternenschrift im blauen
Azur der Liebe ewig eingeprägt:
Valencias Stolz – Cataloniens Petrarch!
Der letzte Provençal', Ausias March!



Zweiter Gesang.

Der Tag des heil'gen Leidens ist gekommen,
Der stille Tag, der uns Erlösung schenkt.
Valencias Glocken laden ernst die Frommen;
Zum Grab des Herrn die Schritte Jeder lenkt.
In Wehmuth und in Andacht tief erglommen
Ein jedes Herz, das Seiner Schmerzen denkt;
Viel Thränen rinnen hier an heil'ger Stätte,
Und Jeremiä Lied klagt durch die Mette.

Ausias March tritt in die Cathedrale,
Des Glaubens Majestät erhebt sein Herz;
Er kniet voll Andacht in dem Gottes-Saale,
Das schöne Auge hebt er himmelwärts.
Im Mondlicht, das mit blassem, matten Strahle
Roth farb'ge Scheiben bricht, schaut heil'gen Schmerz.
Das Dichterbeten ist ein Glühen – Bluten –
Taucht hinab in heil'ge Glaubens-Fluthen.

Als nun sein Fleh'n mit Innigkeit vollendet,
Die starke Brust voll Wehmuth ihm noch glüht –
Sein Aug' sich einmal noch zum Altar wendet,
Wohin des Lichtes Strahlenkelch ihn zieht.
Da senkt den glühn'den Blick er, wie geblendet
Von hohem Reiz der Donna, die dort kniet. –
O wunderbar, o mächtig süßes Regen! –
Was ist's – was kann die Männerbrust bewegen?

Und sieh'! er kniet noch einmal betend nieder –
Ist's Lieb' zu Gott, die so dich beten lehrt?
Der Orgel Töne klagen in die Lieder
Der frommen Menge, die zu Gott sich kehrt,
Sie hallen all' in deinem Busen wieder:
Was ist's, was doppelt deine Andacht mehrt?
Was macht dich trunken, in dich selbst verloren?
Ist's Liebe, hier im Heiligthum geboren?

Ja, Liebe – heilige nur kann hier keimen –
Ja, Liebe ist's zur schönen Beterin!
O, weck' sie nicht aus ihren frommen Träumen,
Noch kindlich, harmlos ist ihr reiner Sinn –
In diesen Gott geweihten Tempelräumen
Schaut sie nur fromm zur reinsten Jungfrau hin.
Nur einen Blick du willst? – laß ab vom Wähnen! –
Du weißt es nicht! der gibt ihr tausend Thränen.

Du weißt es nicht – du kennest nicht das Trauern
Des Weibes, das der Liebe Gluth beseelt.
Das kurze Sein – es will es überdauern – –
Ein kurzes Sein! wenn es die Gluth verhehlt. –
Kannst du die Seufzer ihrer Brust erlauern,
Das Weh mit Lust, das sie sich selbst gewählt –
Kennst du das Weib mit seinem stillen Sehnen?
Von seinem Schmerze zeugen keine Thränen! –

So ehrt Auflas denn den Gottes-Frieden,
Der hier in Weibes fromme Brust gelegt,
Nicht stört er frevelnd diesen Himmelsfrieden,
Er weiß es, welche Himmelsfrucht er trägt,
Und als die Donna demuthsvoll geschieden
Aus hohem Dom, da senkt er tief bewegt
Das schöne Haupt, läßt es in Träumen wiegen,
Sieht bald sich kämpfen, siegen und erliegen.



Dritter Gesang.

Laßt sehnend uns nun gen Toulouse blicken;
Doch besser: folgt dem üppigen Gestad
Der tändelnden Garonne, dort zu pflücken
Die Blumen, ohne die sich Niemand naht;
Denn viel des Schönen giebt es dort zu schmücken.
Durch reiche Auen windet sich der Pfad;
Der führt uns hin zum glänzendsten der Ziele,
Zum sinn'gen Fest, zum schönen Blumenspiele.

Die Gärten frommer Augustinerinnen
Sind hier zum edlen Wettstreit auserseh'n,
Isaura's6 Säule pranget mitten drinnen,
Ihr Geist muß schützend den Verein umweh'n,
Sie schlingt das Band um Dichters süßes Sinnen,
Erhebt, durch sie beseelt, sein innig Fleh'n,
Durch sie hofft er den Blumenpreis gewinnen,
Durch sie den Lohn für immer treues Minnen.

Sinnreich geschmückt mit blumigen Gewinden
Ist schon ihr Bild erhöht als Königin;
Jungfrau'n voll Anmuth sich zum Kranze sinken,
Sie steh'n wie Genien am Throne hin,
Und Blüthen, duftige, von Nelken, Linden,
Die streuen opfernd sie mit frohem Sinn.
Rosen-Guirlanden schlingen sich als Bänder
Um üpp'ges Haar – um schneeige Gewänder.

Und neben diesen seh'n wir aufgeführet
Den Opferaltar, reich an Farbenpracht,
Und ob auch keine Flamme wird geschüret,
So scheint mir's doch, daß lodernd auf sie facht.
Und Harfen sind die Säulen, die gerühret
Vom Spiel der Weste, geben Töne sacht;
O gold'nes Spiel – o zartes Blumenleben,
Wann wieder wird dein Altar sich erheben?

Und jener Opferflamme heilig Schwellen
Ist nur der tiefen Blumenfarben Glüh'n,
Sie einen sich, als möchten sie zum hellen
Lichtreich des Südens gold'ne Funken sprüh'n.
Und wir, die am Gestad' der Silberwellen
Sah'n Blumen sich entfalten und erblüh'n,
Glaubt ihr, wir nahten uns mit leeren Händen?
Wir pflückten sie zu unfern Opferspenden.

Und nun ein Ruf aus silbernen Trompeten
Erschallt – naht sich die lust'ge Schaar
Der Sänger; und um blanke Helme wehten
Die purpurrothen Büsche wunderbar.
Nun d'rauf, erklingt ein süßer Ton der Flöten
Und Alles reihet sich um den Altar.
Der letzte Laut verhallt nun mild und schweiget,
Als March sich stolz erhebt, doch ernst da s Haupt geneiget.

Von hoher Stirne fluthend niederhangen
Die schwarzen Locken, und er senkt
Die Wimper erdwärts, als durchzuckt ihn Bangen.
Doch da er ihres hohen Ruhms gedenkt,
Da er es fühlt, wer ihm das Lied geschenkt –
Auf knüpft er seinen Mantel da in Spangen.
Die Gluth der Liebe macht ihn so verwegen –
So kühn – tritt selbst den Göttern er entgegen.

Wie das Gedicht, von feinem hohen Sehnen
Ihn wieder neu mit Gluth und Macht ergreift!
Bon feinen Zweifeln spricht es, seinem Wähnen,
Von Balsam, den in Wunden es geträuft;
Von seinem Hoffen, seinen vielen Thränen,
Wie hehre Lieb' an hehrem Tag gereift!
In Liebe hab' er Einer angehangen,
Gewählt, gesiegt, dies Leben zu empfangen.

Und soll ich, was ich hörte, wieder singen,
Soll die Tornada7 melden Eurem Ohr –
Da sinkt mein Muth – solch Lied kann nimmer klingen?
Das brach sich siegend Bahn durch Nacht hervor.
Mir sind sie schlaff, die Saiten, und zerspringen,
Wenn aufwärts streben sie zu ihm empor.
Von seinem Lied, von seinem Liebesleben
Vermag ich leise Kunde nur zu geben.

Gesprochen ist es – Keiner bricht die Stille,
Die wie in Dämm'rung herrscht, wenn's noch nicht tagt.
Wer störet aller Herzen tiefe Fülle? . . .
Erschaut den Fels, der Alle überragt!
Wer ist's, der hier den Spruch zu fällen wagt? –
Erscheine selbst, o Muse! und enthülle
Den hohen Preis, der diesem Lied gebühret,
Des Sängers, der so voll die Saiten rühret.

Und Eine hat Begeist'runq fortgezogen
Sie darf nicht schweigen, denn das Herz ihr bricht;
In ihrem Busen kämpfen brandend Wogen,
Die Wangen glüh'n – das Auge strahlet licht.
Ein sel'ger Traum hat sich in's Herz gelogen – –
Sie selbst ist ja das liebliche Gedicht.
Mit gold'nem Veilchen tritt sie hin zum Sänger,
Die Menge jauchzt und Niemand schweiget länger.



Vierter Gesang.

Glaubt Ihr, die Muse sei hergekommen,
Zu feiern ihres theuren Lieblings Fest?
Saht Ihr das Weib nicht unter jenen Frommen
In Andacht tief, das schöne Aug' genäßt,
Als Liebe war in seiner Brust erglommen,
Die Lieder, Seufzer, Thränen ihm erpreßt?
Ich schwöre Euch! sie hat noch mehr vergossen.
Als Seufzer, Thränen seiner Brust entsprossen.

Theresia de Momboy: – vermählet
Als sie ein Kind, in zarter Jugend schon,
Kaum hatte vierzehn Lenze sie gezählet. –
Nun tiefes Weh' der Kindestreue Lohn,
Nun wußte sie: daß Liebe nicht gewählet,
Daß ach! zertrümmert ihres Glückes Thron.
Und nun gefacht, ein ewig glimmend Feuer
Gestand sie schwach: er sei ihr heilig theuer.

Soll ich von ihren Schmerzen Euch berichten,
Euch sagen, was ihr liebend Herz empfand –
Dir Wahrheit künden Euch aus den Gedichten,
Wodurch er ihr die ew'ge Myrthe wand?
Vom Kampfe zwischen Lieb' und Weibespflichten,
Wie süßes Glück in ew'ger Ferne schwand –
Wie sie den Himmel sah so reich und offen,
Doch ungestillt ihr Sehnen blieb und Hoffen?

Ihm schien der Liebe gold'ne Morgenröthe
Noch ungetrübt. Gewahren könnt' er nicht,
Daß langsam Sterben sie verzehr' und tödte;
Sie war die frohe Kön'gin im Gedicht.
Wenn ihre Gunst er innig sich erflehte,
Dann schien sie mild – doch in dem Auge licht
Schwamm eine schwere Thräne, wie im blauen
Meerwasser Engelsthränen8 sind zu schauen.

So hat er bald sein erstes Werk vollendet;
Das Buch der Liebe9: ewig wird's genannt.
Mit Wahrheit hat er jedes Lied geendet;
Der Troubadoure Streben nennt er Tand;
»Denn wenn auch alle Reden ich verwendet,
Den Reiz zu schildern, der mich halt gebannt –
Wohl Alle, die nicht ihren Werth erkennen,
Sie würden dies der Liebe Thorheit nennen.«

»Wer sieht sie, und stritt ganz in ihr zu lebe«,
Nur einmal gern zu glauben mir gedenkt,
Um hohe Freud' und Frohsinn mir zu geben, –
Dem ist fürwahr ein arm' Gemüt!? geschenkt.
Was ich in ihr gefunden, ist nicht Schimmer,
Doch Worte melden solche Schönheit nimmer!«
Das ist sein eig'nes Lied – und heil'ge Wahrheit
Giebt er uns hier durch seiner Worte Klarheit.

Und ihre Thränen? – wer wird kalt sie schmähen?
Daß sie ihn liebt – ach! dafür kann sie nicht!
Die Thränen, Gott! nur du hast sie gesehen,
Sie mögen Sühnung sein dir beim Gericht;
Einst hörtest du sie schwach am Throne flehen . . . .
In solchem Streit dem Weib 's an Kraft gebricht,
Wohl ist es stark! – was sind ihm alle Schmerzen? –
Nur greift es nicht zu rief an seinem Herzen.

Nun will sie still das Weh' im Busen tragen,
Und sorgsam wähnt sie, daß sie mildern kann
Die Gluth in seiner Brust; will d'rum entsagen
Dem letzten Trost – Sieht ihn als bleichen Mann
Im Morgentraume, höret seine Klagen –
Bald hebt beschwörend er sein Flehen an – –
Sie weint nicht mehr – sie will ja dulden, schweigen . . .
Bald wird ihr Schmerz sich doch zu Grabe neigen!

Der Mond kommt dreimal noch – da muß sie sterben.
Im Osten schimmert leises Morgenroth,
Die bleiche Wange mitleidsvoll zu färben.
Leih' ihr den Schmuck. – Donna Theresa – todt! –
Nun Trauerflore müßt ihr Euch erwerben,
Ein schwarzes Kleid, Tornada, ist dir Roth! –
In's Blüthenhemd hüllt die entseelte Blüthe,
Sie welkte hin, als Sehnsucht sie durchglühte.

Madonna starb! – Was zeugt von Deinem Sehnen
Vom stillen Weh', das Deine Brust zerbrach –
Von Deinen Schmerzen – Deinen stummen Thränen –
Von Deinen Zügen, woraus Duldung sprach? –
Es wollte treulos doch die Welt Dich wähnen . . . .
Der Treue Zeuge war Dein Sterbetag!!
Du lebt'st ihm noch! – Der Dichter hat's empfunden,
Als um sein Haupt die Glorie Du gewunden.

Auf Deinem Grab sang er die Todeslieder.10
Er sang, den Blick voll Thränen himmelwärts:
»Ach, alles mahnt an Dich Verklärte wieder,
Und was ich sehe, mehret meinen Schmerz;
Und auf dies Wehe träufst Du Wollust nieder,
Sonst hätt' gebrochen Trauer längst dies Herz.
Wenn Liebe groß – wer bürgt für ihre Dauer?
Sie endigt selbst nicht mit der Todestrauer.«

»Wenn heilig nicht und groß der Siebe Sinnen
Das Auge dann die Liebende nicht sieht –
Den Arm er ausstreckt, ohn' sie zu gewinnen –
Und nicht ihr Herz an seinem Herzen glüht –
Dann sehn die Sehnsucht fliehend wir verrinnen.
Ich künde Dir: daß heil'ge Lieb' mich zieht.
Nur solche nähr' ich und den frommen Glauben:
Daß selbst der Tod Dich könne mir nicht rauben!«

Ein starker Geist! so nährt er hoch Verlangen.
Doch meldet uns ein tiefes Klaggedicht,
Daß schwerer Trübsinn seinen Geist umfangen.
In der Verirrung Schmerzen fühlt er Bangen:
Ob er dich sehe im Verklärungslicht? –
Und da ihm nun der letzte Trost gebricht,
Da ruft er aus, bei seines Herzens Leide:
»Dein ist auch mein Theil: Wehe oder Freude

»Doch wie das Gold mit unreinen Metallen
– Wenn man aus tiefem Schacht es eben zieht –
Vermengt ist, daß nicht edel ist sein Schallen,
Im Feuer aber jede Schlacke flieht,
Und Gold nur ist geblieben von dem Allen –
Also dein Tod auch läuternd mich durchglüht.
Unedlen Willen endet er im Lieben
Und Tugend nur ist rein zurückgeblieben.«

»So laß mich sterben, Gott! ich sah ja scheiden
Die Freundin. Und nichts weiter ich begeht
Als einen solchen süßen Tod zu leiden –
Den Tod aus Sehnsucht! – lieblich wäre der!
Doch aber ach! wie schlummert dein Erbarmen –
Zerbrich' dies Herz – Erbarmen mit dem Armen!
Madonna todt! doch mein lebend'ges Hoffen
Es ist nicht todt! ob's auch im Blüh'n getroffen.«

Die Myrrhe ist zum Todtenkranz gewunden
Den ew'gen Lorbeer flocht er Mit hinein,
Und beide haben liebend sich verbunden,
Sie kränzen Stirnen licht im Himmelsschein.
Ist auch sein Geist dem Erdenthal entschwunden?
Sein sesselloser Geist, so hehr und rein,
Er lebt ja fort in Lieb'- und Trauer-Lieder!
Starbst du uns auch – dein Geist rauscht singend nieder.


Anmerkungen zum Ausias March.

1 Aubaden, Morgenständchen.
2 Die fröhliche Kunst (el gai saber), so nannten die Troubadours die Dichtkunst.
3 Tyost, Zweikampf.
4 Lay, Liebeslied.
5 Capitoule. So nannten sich die ersten Magistratspersonen der Stadt Toulouse; sie wollten zur Ehre ihres Vaterlandes den Glanz der Dichtkunst, der am erlöschen war, erhalten.
6 Clementia Isaura: (ob man auch in spätern Zeiten ihr den ganzen Ruhm der Stiftung der Blumenspiele beizulegen gesucht hat, so ist ihre Existenz selbst räthselhaft; nach Einigen, ist sie nur ein eingebildetes Wesen). Auf diese wurde jährlich in der Versammlung der Blumenspiele eine Lobrede gehalten; ihre mit Blumen bekränzte Bildsäule zierte diese Feste und offenbar war sie die Seele dieser kleinen Vereine.
7 Die Sammlung der Gedichte von Auslas March zerfallt in drei Abtheilungen, in Werke der Liebe, Werke des Todes und moralische Werke. Sie enthält lauter Lieder, die er Tornada nennt.
8 Erinnerung an eine morgenländische Sage, nach der die Perle aus der Thräne eines Engels entstanden.
9 Obres de amor.
10 Obres de mort.