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Ch. N. Bialik – Im Felde.     Zur Biographie


Aus: Junge Harfen, Eine Sammlung jungjüdischer Gedichte, Herausgegeben von Berthold Feiwel, Jüdischer Verlag, Berlin, o . J. (Die Übertragung dieses Gedichts aus dem Hebräischen besorgte Bernhard Fuchs)


Traum

Der junge Ch. N. Bialik


Im Felde.

Nicht so wie ein fliehend Vöglein jubelnd ausspannt seine Schwingen,
Auch nicht wie ein Löwe ausbricht, zerrend, bis die Ketten springen –
Wie ein Hund vor seinem Peiniger floh ich heut’ aus meinen Wänden
Vor der Arbeit – ist es Arbeit, die man thut mit schlaffen Händen?

Hin aufs Feld! Dort stehen Hütten in des Friedens ewger Weihe,
In den Hütten leben Menschen, gottgeliebte, sorgenfreie,
Sehen ihrer Arbeit Segen, wie er wächst von Tag zu Tage –
Ach, und dort klagt meine Sehnsucht manche wilde Sehnsuchtsklage.

Hin aufs Feld! Die heilgen Stimmen im Getreide will ich hören
Und den Wind, wenn er vorüber huscht, das hohe Rohr zu stören,
Und im Feld das leise Brodeln und im Berg das tiefe Gähren
Und warum die Köpfchen rühren, volle, flaumige, die Aehren.

Ins Getreide will ich schleichen, niederkauern, mich verstecken,
In die gelbe Flut mich tauchen, dass mich ihre Wellen decken.
Drüben schweigt der Wald; mich schauerts, Waldesschweigen zu belauschen
Und die Bäume, wie sie Träume tiefgeheimer Nächte tauschen.

Hin zur Erde will ich fallen, mein Gesicht darin verschmiegen
Und mit einer bittern Frage weinend ihr im Schosse liegen,
»Sag’ mir, liebe Mutter Erde, warum tränkt nicht voller Gnaden
Deine Brust auch meine arme Seele, krank und mühbeladen?«

Keine Antwort – zu des Berges Saum ist Sonnenblut ergossen.
Ich von Wand und Wand der hohen Aehren wonnevoll umschlossen,
Ganz umwallt, umballt von Schatten, die auf mich herniedersinken,
Schreit’ ich, Himmel mir zu Häupten, Korn zur Rechten, Korn zur Linken.

Und am Firmamente oben fliessen Wölkchen, lose, freie,
Ihre feinen Schatten schweben sacht entlang die Aehrenreihe.
Dunkler wird das Gold der Halme. Leiser Wind mit schmeichelglatten
Flügeln wiegt sie, die verträumt sind und umsäumt von Licht und Schatten.

     Auffährt der Wind, und mit einem Male
     Bebt es im ganzen friedlichen Thale.
     Wie Lämmer in Schrecken scheinen die Aehren
     Plötzlich zur Flucht sich zu kehren.

     Vom Berge hinab zu Thale sie fliehen,
     Vom Thale zum Fruchtgefilde zu ziehen,
     Von dort immer weiter und ohne Verweilen,
     Selig verwirrt zu enteilen.

     Was bebt ihr, Goldhalme? Goldhalme, was wollt ihr?
     Wer jagt euch? Wie Wogen des Meeres ja tollt ihr?
     Und sprenkelt die Vögel mit glitzerndem Weben
     Alle, die über euch schweben?

     Dahin, wo im Zuge die Wolken sich spreiten,
     Wo veratmet der Tag und die Schatten entgleiten,
     Dahin, wo die Seelen im Traum hinbegehren,
     Flieht ihr so eilig, ihr Aehren?

Endlich ist der Sturm, der wilde, endlich er vorbeigezogen,
Ruhig liegt das Feld. Doch wehe, andrer Sturm ist aufgeflogen,
Lautlos, stark im Herzen. Kräfte, die in tiefstem Schlaf versunken,
Weckt er auf. Lang hat geglimmt es. Nun zur Flamme wird der Funken.

Vor des Feldes lichter, froher Majestät, ein Bettler steh ich,
Und wie nackt ich bin und elend, erst zu dieser Stunde seh ich.
Meine Hände nicht, ihr Aehren, schufen euch in Müh und Walten,
Meine Kraft ist nicht gesät hier, ich nicht werde Ernte halten.

War es Schweiss von meiner Arbeit, der den schwarzen Boden tränkte?
Mein Gebet, dem sich der Himmel gnädig wies und Regen schenkte?
Ihr gedieht, doch nicht um mein Herz, meine Augen nicht zu rühren –
Ach, so wird nicht meiner Lieder Jubel euch zur Scheune führen.

Dennoch lieb’ ich euch, ihr Felder! Denn ihr lasset mich gemahnen
Ferner Brüder, treuer Bauern in dem Lande meiner Ahnen,
Stehn vielleicht auf Berg und Hügel sie in diesem Augenblicke,
Gegengrüssend meinem Grusse, den ich weinend ihnen schicke?







Ch. N. Bialik – Im Felde

Ch. N. Bialik – Im Felde