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Gertrudis de Avellaneda – Gebet an die Jungfrau     Zur Biographie


Aus: Kavyasamgraha, Erotische und esoterische Lieder, Metrische Übersetzungen aus dem indischenund anderen Sprachen von Johann Jakob Meyer, Lotus Verlag, Leipzig, [1903]


Gebet

Th. Badarzewska – Gebet einer Jungfrau (bearbeitet)

Gebet an die Jungfrau

Du aus Tausenden Erkorne,
Sternbekrönte, Holde, Hehre,
In dem wilden Lebensmeere
Unter Klippen nie Verlorne;
Prangend in der Schönheit Scheine,
Jungfrau reine,
Strahlend in der Tugend Ruhme,
In die Höh’ verpflanzte Blume,
Um zu leuchten dort alleine!

Im Geschlechte voller Mängel
Du die einz’ge sonder Tadel,
Deren Stimme voller Adel
Beugt die Kniee aller Engel,
Die die Sünde Du bezwungen,
Hingerungen
In den Staub des Satans Stirne,
Deren Nam’ des Himmels Firne
Benedeiet, süß durchklungen!

Die als Königin ich grüße
In der heil’gen Stadt dort oben,
Wo das Firmament erhoben
Ward zum Teppich Deiner Füße;
Die Du stehst, o Jungfrau reine,
Wie ich weine,
Allverlassen, weltverloren,
Neige meinem Flehn die Ohren.
Fürstin Du der Lichtgemeine!

Sieh, mein Schiff irrt auf den Wogen,
Wo es wilde Stürme trafen.
Keine Leuchte in dem Hafen
Zündet man, von Lieb’ bewogen.
Und es naht dem lecken Boote
Kein Pilote;
Ohne Kompaß, ohne Segel,
Ohne Steuer, ohne Regel
Folgt es nur des Sturms Gebote.

Du, o Licht in finstern Nächten,
Leuchtturm an des Himmels Strande,
Freude Du für Harmumspannte,
Schirm der Erdenleidgeschwächten,
Mutter süß, ich bin verlassen,
Wollst mich fassen!
Meine Jugend ohne Liebe,
Schwache Blum’ mit schwachem Triebe,
Ist versengt von Glutenmassen

Dürres Feld ist, bittre Klage,
Trockner Bach ohn’ Windesfächeln
Meine Kindheit ohne Lächeln.
Rings kein Halt für alte Tage!
Unerhellt vom Mondenscheine,
Schwarz wie keine,
War die Nacht voll Schmerzverheißung,
Die zur Welt mich warf; Verwaisung
Wiegte in den Schlaf die Kleine.

Ringsum schweift mein Schmerzgedanke:
Keine Heimat, keine Lieben!
Vogel, der vom Nest vertrieben,
Bin ich, ohne Baum die Ranke.
Alles, was mir hat gegeben
Halt im Leben,
Schlug der Blitz seit langen Tagen;
Von dem Sturm umhergeschlagen
Muß als schwaches Rohr ich beben.

Fremd der Welt, kann ich ihr Lachen,
Ihre Freude nicht verstehen;
Und ich kann hinuntersehen
Nicht in dieses Abgrunds Rachen,
In des Schmerzes Schlucht von oben
Überwoben
Oft von duft’ger Blumen Sprossen,
Glutberg, drin der Tod verschlossen,
Und der doch begrünt erhoben.

Wesen gibts im Menschenschwarme,
Denen Gott kein Glück beschieden
Und die Welt nicht Trost und Frieden;
Rätsel finds an Schmerz und Harme,
Wandern hin auf dunklen Gassen,
Weltverlassen,
Fremde Pilger ohne Namen;
Wenn sie auch zu Menschen kamen,
Konnt man doch ihr Loos nicht fassen.

Sag, was wird der ew’ge Willen
Denn mit diesen Seelen machen?
Ist von Gott, vom Höllenrachen
Die Mission, die sie erfüllen?
Wozu wurden sie geboren,
Schmerzverloren,
In dies schöne Land verschlagen.
Das von Lust nur weiß zu sagen,
Sie, die doch zum Leid erkoren?

Ich verehre nur betroffen
Dies Geheimnis unergründlich.
Bete, Mutter, zu Dir stündlich:
Sieh mein Flehen und mein Hoffen!
Auf die Starken, sagt man, leere
Sich zur Ehre
Aus der Herr des Zornes Schale,
Doch mit sanftem Gnadenstrahle
Seh’ den Schwachen an der Hehre.

O ich bin ja nicht die Eiche,
Die da trotzt des Sturmes Rasen,
Die ich schon beim schwachen Blasen
Als ein schwaches Rohr mich neige.
Durch die Welt der ewig Blinden
Geht mit linden,
Leisen Schritten hin mein Leben;
Gotte hab’ ich mich ergeben.
Will nur seine Gnade finden.

Ach, an meiner Hoffnung Baume
Alle Blüten längst verbrannten,
Und des Glückes Träume schwanden
Gleich dem Rauche und dem Schaume.
Herzen, denen dies beschieden,
Flehn hienieden,
Nicht um Freude, flehn alleine
Stets zu Dir, o Jungfrau reine,
Um Gebete und um Frieden.







Gertrudis de Avellaneda – Gebet an die Jungfrau

Gertrudis de Avellaneda – Gebet an die Jungfrau

Gertrudis de Avellaneda – Gebet an die Jungfrau

Gertrudis de Avellaneda – Gebet an die Jungfrau

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